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        <title>Der Brotwucher</title>
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            <forname>Siegmund</forname>
            <surname>Kaff</surname>
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        Segen den Sirom!
Slugichriffen in zwölffer Stunde

Heft 1/2
Der Groiwucher
Seine Urjachen und feine Gönner

Cin Beitrag
zur wirffchaftspolitiichen Gefchichte unferer Zeit

Yon
Siegmund Kaff

1925
Wien und Leipzig
Berlag von Mori

Berle

S
        <pb n="6" />
        Gegen den Stirom!
Slugichriffen in zwöllfer Stunde.

Unter diefem Titel werden in zwanglojer Reihenfolge einige zeit:
gemäße Betrachtungen über politijhe und wirtihHaftlide Zeit: und Streit:
jragen erfcheinen.

Waz die Tagesprefie aller Richtungen — {fei e&amp; aus Naummangel,
jet e&amp; au anderen Gründen — oft vermifjen läßt und bei den Fehlen
ziner ernften politijhen Literatur in Öfterreig auch Jonft nicht leicht zu
finden ift, fol hier in einem anderen, natürlich viel zu engen Rahmen
teilweife wenig{ten8 an einigen Beifpielen dargeboten werden: eine völlig
anzenjurierte Überzeugung für unabhängige Geifter!
Aljo fein füßlich bereitete® Lejefutter für die ANzuvielen, die parteiifch-
frifierten Doktrinarismus oder Klatfh in jenjationeller Aufmachung be
vorzugen; Feine fentimentale Courths-Mahlerei in demagogifher Brühe,
Jondern: ungejdminkte Darlegungen von rüdjihHt8lojer
Diffenheit für denkende Nöpje! Für alle, die die wuchernde
Korruption des öffentlichen Leben nicht nur verabjchenen, fondern auch
bekämpfen wollen.

Eine Fülle von Problemen Hat die neue Zeit geboren. Nur einige
wenige alktıtelle, befonder&amp; drängende Fragen können einer Erörterung
Anterzogen werden und Beleuchtung erhalten. Die aber jo dafür um fo
auggiebiger und fchärfer fein, und zwar von einem Standpunkte aus,
der in fein Prokruftesbett einer Sondergilde fihH zwängen läßt. „Wozu
der Sekte prahlerijhe Tracht?“ frägt Schillers Pofja ... Aber nicht bloß
den zunfimäßigen Aufpug wollen die Verfajfer diejer fritifch-polemijchen
Außeinanderjegungen mit den Gößen des Tages von fichH abwerfen,
jondern auch die VBerlogenheit traditioneller Legendenbildung.

Segen den Strom! Das Heißt: Gegen die politijche
Rorruption! lautet die Parole und fie wird befolgt werden, unbe
himmert um alle Berwünjhungen und Bannflüche der Feme, dem Herr-
idenden Terror zum Trog! Denn wir — obgleich ungefjhlißt durch
Immunität, die öffentligen Mandataren und ihHren Schranzen fo fehr
jugutefommt — Fürchten fie nicht, die „giftigen Schmeißfliegen des

sortjeßung 3. Umichiagfeite,
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        Gegen den Sirom!
ugichriffen in zwölffer Stunde

Seit 1/2
Der Lrotwucher
Seine Uriachen und feine Gönner

Ein Beitrag
zur wirfichaftspolitiichen Gejchichte unjerer Zeit

Yon
Siegmund Kaff

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(9025
Wien und Leipzig
Berlag von Mori Perles
Mien I., Seileraafie 4
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        Alle Hecdyte vorbehalten.

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Grüder £\oliue®, 2Dien, II, Stemaaffe 25.
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        SInhalfsverzeichnis,

Seite

Vorwort... . .. „3
Erfie8 Kapitel: Der amtlich beglaubigte Brotwucher. 10
Zweites Kapitel: Bon Zöllen, Steuern und fjonftigen Abgaben. . . 15
Drittes Kapitel: Bom Arbeiter und Konjumentenjhuß ....... 22
Viertes Kapitel: Bom Brotpreis und Bäderprofit. .‚........ 38
ünfte8 Kapitel: Bon den Hammerbrotwerken und ihrem Funktions

Wandel ı + 4 4 2 4 4 4 4 4 KR NEW RR A a KK ea a © + 3]
Sechfte8 Kapitel: Bon der Regierung, den Parteien und anderen an-

genehmen Dingen. 0... 0... 4. . 4 a. u
Schluß: Folgerungen und Forderungen . .
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        <pb n="11" />
        Motto: Greif niemals in ein Wejpenneft; doch
wenn du greifft, dann greife felt.

Dorworfk.
Wie in keiner anderen Erfheinung des WirtfhHaftsSlebenz der Gegen-
wart wird im Brotwucher das Problem der Heutigen Wirt/Haftspolitik
fihtbar. Er ijt aber auch fo recht ein draftifches Mufterbeifpiel dafür, wie
bei uns zu Lande Sozialpolitik getrieben wird. WiewohHl unfer von allen
Seiten bedrängter {Ywacher Staat aus einer Sanierungskrije in die andere
jällt und das Ende der jHweren Erfehlitterungen noch Lange nicht abzı=
jehen ijt; wiewohl die Produktion an Lebensgütern nicht nur in der
Landwirtjhaft, jondern auch im wichtigen Induftriezweigen Hinter dem
Bedarfe zurückbleibt und die gejamte Volkswirt/chaft, eingezwängt zwijchen
den imperialijtijdh gerichteten Nachfolgeftaaten, alfo meift mißgünftigen, fich
abjperrenden Nachbarn, nach Preisabban, vor allem nad Verbilligung
der Lebenzhaltung fHreit, gejchieht dennoch nicht? ErnfthHaftes, um
diejenı dringenden Bedürfnijfe aller RehHnung zu tragen. Man geht wie
die Kaße um den heißen Brei hHerum. Klaffenegoismus, Dilettantismus
und MarktjcHreierei kennzeidhnen unjere Wirtfjhaftspolitik, und zwar nicht
5iloß die der Regierung, Jondern auch jene der Parteien und fpiegeln ih mit
Qarakterijtijdher Schärfe in dem grafjierenden Brotwucher ab. Und gerade
hier triumphiert die Demagogie mit befonderem Zynismus und feiert
Orgien, ohne daß ihr von irgendeiner Seite mit der erforderlichen
Energie entgegengetreten würde. Much die wiffen]hHaftlichen Vertreter
der Nationalökonomie erfajjen ihre zeitgemäße Aufgabe nicht. Längit {don
Hätten fie die fraffen Erfcheinungen der Bolkswirtfchaft von Heute zum
Segenftande ihrer Forjhung madhen müffen, um der im Dunkeln tappen-
den Praxis einen Ausweg aus dem Labyrinth zu zeigen. Der Brotwucher
ift eine der grellften Mißijtände unjerer Wirt/chHaft, den ich vor geraumer
Zeit einem Wiener Univerfitätsprofefjor zur wiffen|dhaftlihen Unter-
Iucung empfohlen habe. € wäre zumindeft eine wertvolle Seminar-
arbeit geworden. AWber unjere Profefjoren find Scholaftifer. Die einen
arübeln über alte Schriften des Marxismus, die anderen über jolcdhe des
Romantismus; die blutende Gegenwart bleibt link liegen, um ihre un-
        <pb n="12" />
        3

Vorwort.

mittelbar drängenden Probleme Fümmert fih die Wifjenihaft nur wenig
oder gar nicht oder nur injoweit, als es ihr paßt. Höchftenz daß die
ftaatsfinanzielle Seite der Sanierung die Federn in Bewegung feßt.
Inzwijdhen aber Höhlt die Lebensmittelteuerung die innere Kauffrajt der
Krone mehr und mehr aus. Deshalb jdheint mir der Brotwucher einer
Beleuchtung wert. Eine langjährige Befchäftigung mit der Brotfrage be-
rechtigt mich wohl dazı, das Wort zu ergreifen. Schon vor mehr als
26 Jahren jHyrieb ich in einer Wiener Zeitfchrift (der von Dr. Comund Wen-
graf herausgegebenen „NMeuen Revue“ vom 15. Mai 1898) über die
Brotteuerung, die der damalige Marktdirekltor der Stadt Wien Kainz
bergeben3 zu mildern fuchte. Die Bäckermeifter liefen Sturm und die
Regierung Jhwieg. Damals fagte ich:

„Diejes Syftem des Fortjreitenz in der Brotfrage ftatt radialer Maßnahmen,
wie etwa die Beijtimmung, daß Brot nur nach Gewicht verkauft werden dürfe, oder
gar die Errichtung einer fommunalen Konkfurrenzbäckerei, weiche fih anlmählih an die
Stelle der mit veralteter, unbehilflicher Technik arbeitenden und ihre Arbeitsfräfte er-
barmungslos ausbeutenden Kieinbetriebe zu jeßen Hätte, diejes KHeinliche, aber echt
öfterreichtfche Syftem kann auf die Dauer nicht befolgt werden, falls man Brotkfrawalle
nach jpanijihem oder italienijhem Mufter vermeiden will. Anftatt dieje einzig wirk
jamen Maßregein (Brotverkauf nach Gewicht, Kommunalifierung der Bäckereien) vorzu-
jchlagen, fuchten die meiften Mitglieder der Approvijionierungskfonferenz, mit Aus-
nahme des Marktdirekltors, die Mufmerkffamfkeit des Publikums auf eine faljdhe Fährte
zu lenfen. Sie meinten, daß an den Hohen Preifen des Gebäcks hei geringem Se-
wichte die Preisfteigerung des Getreides die Schuld trage. Aber die Brotpreife find
bei niederen SGedreidepreijen fajt ebenjo Hoch als zu Zeiten einer Höheren Bewertung
des Getreides, Höchftenz daß fih bei niederen Getreidepreijen mehr Bäcker etablieren,
die dann freilich bei einem Steigen der Getreidepreije in eine fehr fchivierige Lage
fommen oder auch die Zahlung einftelen müffen, fallz fie nicht durch eine fajt frau-
dulos zu nennende Behandlung des Konjums fidh entfhäbdbigen. SGeradezu al8 Hohn
muß e3 empfunden werden, wenn die Gädermeifter die Brotteuerung mit der Begehr-
Tichfeit der Gehilfen motivieren, mährend die Empörung diejer lebteren wegen des an
ihrer Arbeitskraft verübten Raubbaues nahe daran ift, einen SGeneralfıreik hHerbeizu-
führen, ihre phyliiche Degeneration bereitz einen bedenfklidhen Grad erreicht hat.“
Da8 war im Jahre 1898. YWber fchon in den Achtzigerjahren war
die gleihe Klage zu Hören. In dem von Mitgliedern des damaligen
Deutjhen BVereinz in Wien, dem unter anderen Dr. Viktor UNdler an-
gehörte, herausgegebenen „Bolitijgen Wörterbuch für die Deutichen in
Öfterreich“ (1885) ift zu lejen:

„Die Vorgänge, die fid) bei der Dedung des Brotbedarfes in Wien (und in
ähnlicher Weifje auch anderwärts) abjpielen, ftünden, was die Approvifionierung betrifit,
geradezu beijpiello8 da, wenn e8 nicht eine ViehHmarkt- und Fetjchfrage gäbe. Nach
neueren Erhebungen beträgt zum Beilpiel der Geftehungspreis mancher gewöhnlichen
        <pb n="13" />
        &lt; Ni he
El

Sebäcforten ungefähr die Hälfte ihres AWbfjabpreifes, e8 findet ein Schwankensbe8”
Brotpreifes (nad dem Gewichte berechnet) fajt biz zum Doppelten je nach der Kaufı
jtelle ftatt. € entiteht daher naturgemäß die Frage, was muß ein Leichtausbacdfender
Bäder gewinnen, da gewiß auch der jhwerausbadende jein Auskommen findet. Kein
Wunder daher auch, daß das Sinken der Getreidepreije dem Landwirte erheblichen
Verluft, dem Publikum Keinen Nußen bringt und nur die Tajdhen der Zwildhenper-
jonen füllen hilft. Die Wiener Bäder und ihr pubfiziftiidhes Organ Haben fih zwar
in der Ießten Zeit wiederholt genötigt gefehen, die Brotfrage zu behandeln; was aber
auf diefer Seite in Anregung gebracht wurde, betrifft lauter Dinge, die für die Bäcker
jeloft von unzmwmeifelhHaftem großem Vorteile wären, für das Publikum Hingegen nur von
geringem oder jehHr mittelbarem Interefje; fo die Verkürzung der Anteile der Mittels
berjonen, Abftelung des Gebäcsumtaujhes und anderes mehr, Ale diefe Borfhläge
umgehen, wie leicht einzufehen, den Kern der Frage: Die übermäßige Höhe
der Bäderprofite. Daß dem fo jet, it nach dem früher Angeführten nicht zu bes
zweifeln; die gemeine Volfsmeinung hat e8 überdies Jhon längijt bejaht. Die Hieraus
erwachfenden Übeljtände werden noch dadurch verjhärft, daß felbjt bei angemeffenem
Gewinn die Differenz zwijdhen Rohftoff und Brotpreijen wegen des rationellen Be«
triebe8 der Müllerei und des Bädergewerbes zu Hoch ausfallen müßte.“ (Schon Karl
Marz erwähnt in feinem „Kapital“ dieje Kategorien. Die Londoner Bäder warfen
ih gegenfeitig Shmußkfonfurrenz vor. In Wahrheit waren fie alle eine
ander wert — Ehrenmänner, ob fie daz Brot mehr oder weniger untergewichtig
und verfälfcht abgaben, mit mehr oder weniger unbezahlter MehHrarbeit. — S, RK)
„E3 leiden endlich bei dem heutigen Stande der Dinge geradezu die HugienijhHen An-
forderungen, notorijdh ift der erbärmlicdhe Zujtand der Bäcderlokale, notorijh daz Kneten
des Teiges mit den Händen und Füßen ftatt mit einer Anetmafchine und anderes
mehr. Alle8 dies muß eine Änderung erfahren und die Brotfrage muß einer Löjhung
zugeführt merden. € müffen aljo fir die verfchiedenen Brotjorten vernünftige Preife
eingeführt und demnach die Gewinne der Bäcker auf jenes Wiaß reduziert werden,
weldje8 ihren Leiftungen entjpricht. Auf weiche Weife die Brandjhabung des Publikums
gejteuert werden Kfönne, ijft natürlich feine einfache Sache zu fagen; nötig {ft vor
allem, daß fih das allgemeine Intierejfe diejem Gegenftande zuwende,
daz Publikum die Bäder zu kontrollieren anfange und bei jenen Kaufe,
welche verhältnismäßig billigere Ware Kiefern. Daneben ift die Einführung einer Brot:
taye, die Belebung der Konkurrenz durch mit Gemeindemitteln Herzujtellende Brot
jabrifen in Erwägung zu ziehen, Energijhe Mittel find gegenüber der Heutzutage
geradezu dreiften Ausbeutung der Bevölferung durch eine Handvoll Verionen am
Plage.“

FA)

Da3Z Könnte heute gejdhrieben fein, es ifjt mehr al8 eine bloß DHifto-
rifche RNeminiSzenz, an die Sozialpolitifer von damal3 zu erinnern. Denn
die Sozialpolitifer von Heute, weldge den Kofjumentenihuß in Erbpacht
genommen zu haben vorgeben, find |marte SGefjchäftsleute geworden, die
über die Brotjrage ganz anders denken. Sie, die bei jeder Gelegenheit den
Namen Karl Marx in den übervollen Mund nehmen und mit defjen
Nachlaß einen betriebfjamen Handel eröffnet Haben, machen e8&amp; genau [o mie
die Bäckermeifter der Uchtziger- und Neunzigerjahre: fie fuchen die Spuren
        <pb n="14" />
        Vorwort.

zu verwifjhen und uns auf eine faljhe Fährte zu Locken, Weil die bürger-
(ih-fapitaliftijdhen Brotwucherer vor der preisregulierenden Konkurrenz
der Arbeiterbäckereien ficher find,- lenken fie die Wufmerkffamfkeit auf die
agrarifchen und Jonftigen Nußnießer der Brotteuernng. „Haltet den Dieb!“
Mit diefem Trick glauben die Jhlauen Parteibäcdder der Wufmerkjamfkeit
des Bolkes zu entgehen. Die werten SGenofjen und ihre Wffocie3 irren
fich aber: Das Bolk wird fihH auf die Dauer von den foziologijchen Kippern
und Wippern *), die mit beichnittenen Texten und Werten {Hachern, nicht
irreführen Iafjen. Bor 300 Jahren pfiff das Wiener Bolk folgenden
Syottvers:
Wie machenz denn die Bäcen ?

Die Bäcden madhens8 fo:

Sie nehmen um an Kreuzer „Zach“
Und machen draus — an Zwanz’ger-Lab.
Damit ift das Geheimnis des Bäckerprofits entjchleiert. Und nun
wollen wir das verfchleierte Bild von Saig weiter enthHüllen, denn hinter
der Erjcheinung des Brotwucher® jtehen nicht bloß Fragen der Zoll-,
Steuer und Sozialpolitik, der Wucher- und Kartellgejeggebnng, der
Preiskalkulation, der SGefchäftsführung Keiner und großer Bäckereien
jowie der Genoffjenfchaftspolitif, fondern auch die noch viel wicdhtigeren
Krobleme der Demokratie, der Inkompatibilität, der VBerfafjfung. ES if
eine überaus verwickelte Frage, die nur im Zujammenhange mit der
gefamten wirtjchaftlidhen und politijhen Seftaltung des Staates ver:
itanden und beantwortet werden kann. Zum Schluffe nuch eine Bemerkung:

Die nachftehenden Ausführungen jind von der Überzeugung difktiert,
daß in einer Demokratie die fHwierigiten Probleme ohne Gewalttätigfeit
und Hinterlift gelöft werden können und daß der gerade Weg auch in
der Brotfrage der füirzefte tft. Ander3 natürlich in einer Demokratie, in
der die ftaatsgrundgefeßlich gewährleijtete Preß: und Meinungsfreiheit
oloß auf dem Papier fteht und von iInterejfierter Seite vergewaltigt
werden kann: da ift eine Klarftelung wirtfhaftspolttijdher Streitfragen
nicht möglich. Huf die unreife Demokratie Öfterreichs trifft die8 Leider
no zu. Bei ung fennt man vielfadg nur wülteften Parteienzank, der
freilich mit dem byzantinij-eflen Perfonenkultu® forrejpondiert, welcher
fi gleichfalls breit macht. Hieber wird jede Sache verdunkelt und die
jo notwendige Kritik an dem oft zweideutigen Verhalten des einen oder
anderen Führer3, der für die Wartet felbit angefehen werden will, aleich

*) Wu nicht von den Vipern, die inı Kieide der Immunität eHrlidhe Menichen
verdächtigen, weil fie von der demokratiichen Freiheit der Kritik Gebrauch machen.
        <pb n="15" />
        . Borwort.

als Hochverrat („der Staat ift in Gefahr“) denunziert oder verdächtigt.
Die Partei ift aber die SefamthHeit ihrer Angehörigen, welchen daz un-
veräußerlide und durch Keinen Terror eskamotierbare Recht der Kritik
unverfürzt zufteht, daZ ausgelibt werden muß, wenn nicht die oHnedies
höchft feudale Stellung der Mandatare zu einer abfolutijtifchen ausarten
joll. Wo dies der Fall, da verfumpft die Demokratie, was iHre bejten
Vertreter, wie Viktor Adler, der die Selbftkritik als eine LebenSfrage
der Partei lehrte, {tet® zu verhindern beftrebt waren. Nur durch frei:
mütige $ritif ift die Dafeinsberechtignng der Demokratie zu erweijen
und find die Gegner zu überzeugen, daß es innerhalb der echten Demo-
fratie feinen Maulkorbzwang und ebenjowenig eine Möglichkeit gibt, den
Brotforb des Kritiker8 Höher zu Hängen, wa3 freilich im gegebenen
alle jdon deshalb jHwer fallen würde, weil dann unvermeidlicherweife
auf einen Schelm einundeinhHalb gefeßt werden Fönnten. Derlei ijt aljo
jelbit in der fo unjertigen Demokratie Öfterreich3Z nicht gut anzunehmen.
Denn eine Demokratie, die den Gewiffenszwang alz Barteipflicht ftatu-
jerte, würde die VBorausjegungen und Grundlagen ihrer Eriftenz negieren.
Und darum ift e8 nicht bloß das Mecht, fondern auch die Pflicht jedes
Mitgliedes einer demokratijchen Gemeinjdhaft, feiner Auffafjung, gerade
wenn fie von Der offiziell geeichten Meinung abweicht, unverhohlenen
Ausdruck zu geben — nicht um das Prinzip zu verwerfen, fondern
um jeine |dlechte Anwendung durch Mandatare, die ein mittel? Straf
janftionen gejchiüßtes Monopol beanjpruchen und die Sache fompro-
mittieren, an den Pranger zu jtellen.
        <pb n="16" />
        Erftes Napitel.
Der amflig bealaubiate Yrofwucher.
Die Sommermonate 1924, jonft die Zeit einer rücläufigen Preis-
bewegung, zeigten im Jahre 1924 das Bild einer ganz ungewöhnlichen
Preisfteigerung wichtiger Lebensmittel, insbefondere des Brotes. € war
auffällig. Anfang Iuli tauchten Meldungen über fchledhte Ernten in
Kanada, Argentinien und anderen weizenbauenden Ländern und Über
eine Steigerung der Getreide und Mehlpreife dafelbjt auf. Rafjch folgten
die hHeimijhen Mehlnotierungen und eben]jo rajch drei Erhöhungen der
Brotpreije, troßdem — wie ja jedermann wußte — fein einziger Wiener
Broterzeuger Öehl au$ neuer Ernte oder zu den durch Spekulation
to hoch hinaufgewirbelten Preijen bis dahin verarbeitete. Dieje in wenigen
Wochen erfolgte dreimalige Erhöhung der Brotpreije mit den gleichzeitig
fortgefeßten Steigerungen der Fleifjch=, Fett- und SGemüjepreije rief in
der Bevölkerung eine nicht geringe Beunruhigung hervor und merkwürdiger-
weije war e3 diesmal die blirgerlihe TageSpreffe, die fonft entgegen
aller Gewohnheit für eine behördliche Überprüfung der PreisfejtfeBungen
und für Maßnahmen gegen die Teuerung eintrat, wogegen die {ozial-
demokfratijhen Blätter eine zurüdhaltende Stellung gegenüber dem {fo
offenkundigen Brotwucher einnahmen, indem fie entweder ganz |Hwiegen
oder alle Verantwortung auf Börfenipekulationen in außereuropäifchen
Ländern und auf die Untätigkeit der Regierung hoben, Die Erregung
unter der Bevölkerung nahın aber erfichtlich immer mehr zu, von einzelnen
Arbeiter- und Angeftelltengruppen wurden LohHnforderungen geftellt oder
angefündigt. SchließlidH fonnte auch die Regierung diefen Vorgängen
auf die Dauer nicht mit verfhränkten Urmen zujehen und tat, was man
in Fällen, wo man zum Schein etwas Wind machen will, wenn man
jonft nichts zu tun beabfichtigt, gewöhnlich tut: fie berief eine Bejprechung
aus Interefjentenkrveijen unter Zuziehung von Konjumentenvertretern ein.
Das Ergebnis der „Enquete“ war, daß die Kegierung aufgefordert
wurde, die farteNmäßige Fejtjegung der Brotpreije zu verhindern und
eine Überprüfung derfelben vorzunehmen. Gelegentlich diefer Beiprechung
        <pb n="17" />
        Der amtlich beglaubigte Brotwucher,

11

entichlüpfte den dort vertretenen Broterzeugern das offene SGeftändnis,
daß das bis dahin den Behörden für die Brotpreisberehnung vorgelegte
Kalfulationsfhema falfch it, daß darin unrichtige Koftenanfäße enthalten
find, die feinerzeit, alS noch die Brotpreisfeftjegung durch die Landes-
regierung Wien erfolgte, in f{Ylauer Weije verfteckt wurden, damit der
Wiener Magiftrat, der die Brotpreiskalkulationen in den Bäckereien zu
überprüfen Hatte, daran feinen AWnftoß nehme. Schon dieje Urt der
Brotpreisberehnung macht e&amp; offenkundig, daß alle jeit Jahren in Wien
vorgenommenen Brotpreisfeltfegungen auf einer faljhgen Berechnungs-
grundlage durchgeführt worden waren. Bezeichnenderweije wurde diefes
Kalkulations8chema feitenz der Wiener Großbäckereien immer al8 ein
amtlidhe8, vom Wiener Magiftrate angeblich genau Überbrüftes und
genehmigteS hingejtellt. Wenn von irgendeiner Seite die Ungemeffenheit
der Wiener Brofpreije angezweifelt wurde, mußte diejes Schema her-
Halten. Na dem Ergebnis der „Enuquete“ und dem teilweijen Ein-
gejtändnifje der Broterzeuger, daß das bis dahın benüßte Nalkulations-
ichema faljche Anfäße enthalte, jah jich die Megierung veranlaßt, eine
Überprüfung der Brotpreisfeftfeung in einzelnen Wiener Bäckereien durch
die Wirtfchaftspolizei vornehmen zu Iafien. Das Ergebnis der Über-
prüfung in einer Wiener SGroßbäckerei Hat bekanntlich zu der Feftftellung
geführt, daß troß wohlmollendijter Beurteilung aller preiSbeftimmenden
Momente in einer Woche im Auguft ein um mindejten8 270 Kronen
per Kilogramm zu Hoher Preis gefordert wurde, eine Tatjache, die die
Wirklichkeit nur fchwach andentete und auf die Gebarung der Brot-
fabrifen ein grefle®s Licht warf. Anftatt nun mit aller Schärfe des
SejeßeS gegen die Brotwucherer vorzugehen, teilte die Regierung der
Öffentlichkeit mit, daß feitens des Vizekanzler mit dem Generaldirektor
der AUnkerbrotjabrik eine Unterredung ftattgefiunden Habe, in welcher fi
Derjelbe hHerbeiließ, im Hinblick auf den inzwijden eingetretenen Rückgang
der Mehlpreije den Brotpreis um 100 Kronen per Laib, daz ift um
17/, Prozent des bisher geforderten Preijes, zu ermüßigen, dieS, nachdem
vorher der Brotpreis um 10—12 Prozent und darüber hHinaufgetrieben
worden war! Um den Hohn für die fonjumierende Bevölkerung voll
zu machen, wurde noch Hinzugefügt, daß fihH die Gefchäftsführung der
Brotfabrif der Tragweite einer angemeffenen Preisfejtjebung bewußt fei
und das ANgemeininterefje wahrnehmen wolle. Die Verwaltung der
„Qammerbrotwerke“, die durch die Feftftellung der Wirt/chaftspolizei in
der Ankerbrotfabrif mitgetroffen war, Hatte vorher {don wiederholt das
aleiche beteuert und ihr Sprachrohr, die „Arbeiter- Zeitung“ durfte nicht
        <pb n="18" />
        12

Der amtlich beglaubigte Brotmucher.
ohne Grund die Kegierung ob ihres Mißerfolges hHöhnen, die fich nicht
getraue, gegen die Yrotteuerung — von Wucher Hütete die A.-3Z. fich
zu reden — ernftlich einzujchreiten. Die Energie der Regierung ließ
denn audg viel zu wünfchen übrig, felbft wenn man berückfichtigt, daß
fie gegenüber den geriffenen Brotwucherern und ihren einflußreidhen
Hintermännern im Nachteil war. So fehr man die Mühewaltung der
behördlidgen Organe anerkennen muß, war doch offenkundig, daß das
bisherige Ergebnis der amtlichen Preisprüfung weit Hinter der Wirklich:
feit zurückblieb. Un demfelben Tage, an dem die Verhandlung der
Direktoren der Ankerbrotjabrik mit dem Vizekanzler Frank ftattfand
und dieje eine Ermäßigung des Brotpreijes um ganze 100 Kronen für
die Woche zugeftanden, tagte im Parlament der Nationalrat zur Beratung
der Zolltarifvorlage. Dabei gab der Abgeordnete ScHheibein einige
bemerfen$werte Zahlen über die Preisbildung von Getreide, Mehl und
Koggenbrot gegenüber der FriedenZzeit bekannt. Danach betrug der
Mehlpreis für Koggenbrot daz 19.381 fache; dagegen der Preis für
Koggenbrot das 50.238 fache des Friebenspreijes.

Wie ift diefe unerhörte Steigerung des Brotpreifes gegenüber dem
Mehlpreije zu erklären? Wo {tet Hier der Brotwucher? Im nieder-
öjterreichijchen Waldviertel Kojtete das Kilogramm Roggenbrot jhon nach
der erfolgten Preiserhöhung 5500 Kronen; im Marchfeldgebiet 6000
bi$ 6200 Kronen; in Städten der nächften Umgebung Wien® wurden
Brotpreije bi? Höchftenz 7400 Kronen gefordert. Fachleute auf dem
Sebiete des MehlhHandels und der Broterzeugung, die den Bädern naheftehen,
geftanden unter vier Yugen zu, daß der Wiener Brotpreis um wenigftens
600—800 Kronen, wenn nicht mehr, pro Laib zu Hoch angefeßt jei;
daß die immer vorgefchlißte beffere Yualität des Mehles, heziehungS weite
des Brotes keinen Jo übermäßig hohen Preis rechtfertige. Zudem wurde an
dem gleichen Tage, an dem das Zugeftändnis einer Herabjebung des
Brotpreijes um 100 Kronen von der Gnade der Ankerbrotfabrik erreicht
wurde, in mehreren Tagesblättern die Nachricht gebracht, daß ein Wiener
Bäckermeifter gutes, reines Roggenbrot um 6400 Kronen verkauft und
daß von einer anderen Wiener Bäckerei ein gleich gutes Bıot, wie das der
Unferbrotfabrif, ebenfalls um den Preis von 6400 Kronen an Wiener
Spitäler geliefert werde. Nuch der Er{te Wiener (bürgerliche) Konfum-
verein gab das Brot um 400 Kronen billiger ab als die Großbädereien,
was ihm von der „Arbeiter-Zeitung“ den Borwurf der Liebedienerei gegen
die Regierung eintrug! Die (Arbeiter) Konjumgenoffenfhaft Wien, an deren
Spige EIderjhH, Skaret und SGenoffen ftehen, jeßte fich natürlich einem
        <pb n="19" />
        Der amtlich beglaubigte Brotwucher.

18
folgen Borwurfe nicht aus; ihre Mitglieder foNlen nur den Höheren
BrotpreiS, wie die Kartellbrüder ihn fejtfeben, blehen! Alle diefe Tat-
fachen müffen zu denken geben, um jo mehr, wenn man erfährt, daß in
den Preiskalkulationen der Wiener Brotfabrikfen an Koften für die Erzeugung
50 Prozent und mehr verrechnet werden, während die zuleßt genannten
Bäckereien eine wefjentlich geringere Unkoftenbelaftung auzweijen. Dazu
fommen noch andere Momente. E€8 ift zum Beijpiel bekannt, daß die
Wiener Bäcker, darunter auch folcdhe, die vor Kriegsausbruch ihren Mehl-
fieferanten noch ‚{tarf verjguldet waren und bei den MehHlfäufen Häufig
30—60 Tage Ziel nehmen mußten, im VorjahHre größere Mehlkäufe gegen
bar auf Borrat in der Erwartung größerer Preisfteigerungen in den voraus:
gegangenen Wochen getätigt haben. Daß das Bäckergewerbe mehr als je
Morierte, fonnte au aus anderen Anzeichen erfchloffen werden und die all-
gemeine Prosperität kam au den „Hammerbrotwerken“ zugute. Trogdem
wollte die Regierung nicht Ern{t machen, und ziemlich verbreitet war der
Sindruc, daß bei der Brotpreisfeltfegung noch ftärkfere Mächte als die
Direktoren der Ankerbrotfabrik am Werke feien, um eine weitere Senkung
der Brotpreife zu verhindern; ja man wollte fogar wiffen, daß. der günftige
Berlauf der ZoNtarifberatungen im Zollausihuß auf befondere Einfluß»
nahme feiten8 der am Hohen Brotpreife intereffierten Kreife zurüczuführen
jei. Fedenfall8 war e8 fehr merkwürdig, daß die Überprüfung der Preis-
feftfeßungen feitenz der Wirtfhaftspolizei nicht jofort auf die Bäckereien
des Hammerbrotfonzerns auZgedehnt wurde, der nicht weniger al? fechs
yabrifen und 24 Klein- und Mittelbetriebe umfaßt. DYder vielmehr es
war gar nicht merkwürdig. Denn an diejen Bäckereien ift die fozial-
demokratijchen Partei beteiligt und der Generaldirektor diefes Riefen-
unternehmen3 i{t gleichzeitig Präfident eines Wiener Konfumvereinz, der
ebenfall8 eine große Brotbäckerei befigt, ferner Vizepräfident der National-
verlammlung und Vorfigender des ZoNausfhHuffes, in dem die Getreide.
und Mehlzölle beraten wurden. Was Hat e3 für einen Sinn, folche
feine&amp;weg8 gleihagültige Tatfachen zu verfchweigen? Daß fie in einer
Demokratie unerträglich find, wird auch der Blinde erkennen. Denn die
Schwierigkeiten der Regierung bei der Durchjegung der ZoNtarifvorlage
und die Schwierigkeiten einer Unternehmung, deren bewegliche Klagen
über Kapitalsmangel ununterbrodgen im Dhre KHingen, waren zu bekannt,
als Daß nicht der Wunfch fihH aufgedrängt haben müßte, fie, wenn auch
nicht in offiziell-feierlicher, aber doch in wirffamer Form verftändnisvoll-
Jolidarifh zu lindern. Dazu war der 30 fache Bäckereidirektor, Hinter dem
zine {tarfe politijcdhe Partei {teht, ficdherlich ein geeigneter Makler. Man
        <pb n="20" />
        Der amtlich beglaubigte Brotwucher.

weiß, daß der Wiener derlei nicht krumm nimmt; feine Gemütlichkeit
it jo weitherzig, daß er das Verhalten der fozialdemokratijchen Partei
und ihrer Prefje in der Frage der Brotpreife nur ug findet und es
nachlichtsvoll belächelt. Deswegen auch keine Feindjchaft nicht, wenn dieje
Meinung der Wiener hier wiedergegeben und der Nabe die Schelle um-
gehängt wird...

Man lachte deshalb auch verftändnisinnig, alz die Direktoren der
„Hammerbrotwerfe” an den Barteivorftand die „Bitte“ um Unter-
juchung ihrer Kalkulationen durch eine eigene Kommifjion richteten. Das
befte und einfachfte wäre gewefjen, die Direktoren der Anfkerbrotfabrif
hiezu zu beftellen und vice versa Hütten diefe den gleichen Spaß fich
machen und ihre Brüder von den Hammerbrotwerfen um den Liebesdienft
bitten fönnen. Die beiderjeitigen Verwaltungs: und Auffichtsräte unter
Zuziehung ihrer eigenen Buchfachverftändigen wären e$ zufrieden gewefen.

Um aber auf die amtliche (in Wirklichkeit von den Fabriken erftellte)
Kalkulation zurüdzufommen: Sie mußte gewifje Fehlerquellen enthalten,
die derjenige, welcher nicht vom Bäckerfache ijt und den Gejchäftsbetrieb
nicht fennt, fwerlih beurteilen kann. Befißt doch keine einzige Wiener
BroterzeugungsSftätte eine fortlaufende Kalfulationsbuchhaltung, aus
welcher einzig und allein die Richtigkeit und Angemefjenheit der kalfulierten
Brotpreije genau zu erfjehen wäre. Hierin liegt auch die große Fopperei,
die fih die Wiener Bäckereibefißer mit der ganzen Öffentlichkeit erlauben;
weiß doch jeder derjelben, daß felbft der tüchtigite außenftehende Fach-
mann derart aufgeftellte Kalkulationen überhaupt nicht oder nur nach
jehr langer, mühevoller Arbeit einigermaßen auf ihre Richtigkeit hin
überprüfen fann. €$ gibt nur eine Möglichkeit, feftzujtellen, ob Brot
wucher durch ungerechtfertigte Brotpreife vorliegt: die genaue Ermittlung
der erzielten Reingewinne feit der Zeit der Aufhebung der amtlich feft-
gejeßten Brotpreije, ferner der an die Direktoren, Berwaltungsräte und
an jonftige Interefjenten abgeführten Tantiemen und der Koften der
Unterhaltung von Yutos für Privatzwece jowie die Bekanntgabe der
jo errechneten Gewinijtjumme und der in der gleihen Zeit erzeugten
Brotmenge. Erit eine derartige Aufftellung von jeder der in Wien be-
ftegenden Brotbäckereien würde zeigen, daß ab 1923 der Wiener Brot-
Fonjument bei jedem Laib Brot den Broterzeugern einen Ertraprofit von
durchfAnittlich mindeftenz 1000—1200 Kronen zahlen mußte, der kebten
Endes nur um den von der Steuerbehörde erhobenen, mehr oder minder
richtig erfaßten Steuerbetrag gekürzt wurde. Im Übrigen aber: die
Broterzeuger von Heute find die unichuldigiten Lämmlein, die feinem
        <pb n="21" />
        on Zöllen, Steuern und fonftigen Abgaben. 15
Brotfonfjumenten das Brot auch nur um einen Papierheller unndstig
verteuern. Sie wollen doch nur dem durch die Krife notleidenden Arbeiter
zu einem möglichft großen Lohn verhelfen; das ift ihr hHeißeltes Bemühen.
Daß die Erfüllung joldh Löbliher Abficht einen Hohen Brotpreis voraus-
jegt, ift leider nicht zu umgehen. Wer an der guten Abficht zweifelt, ft
zimn Verräter, ein Nenegat, ein Verleumder, denn „Ehrenmänner“ find
aur fie: die Brotverteuerer! Und wie gejagt: „Schuld an alledem ift die
Regierung! Iawohl, die Regierung! Die Regierung! Wers’ nicht glaubt,
;ahlt eine Goldirone. Warum Hat fie un das Schema genommen, mit
dem wir jo Jchön die Maffjen täufchen und dit verdienen konnten? Sie
hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, uns die Mentabilität auch
der JOlecht rentierenden Betriebe zu garantieren!“ Die Regierung! Kann
man einen beffer geeigneten Sündenbock haben? E33 ift populär, e8 ift
bequem und e8 ijt fogar wahr! Die RNegierung ijt fchuld! Warum hat
ie nicht feft zugegriffen und auch diejenigen gepackt, die fie — obgleich
im Höchften Grade mitfhuldig — noch verhöhnten? Sollte fie am Ende
von Ddiefen Spöttern SGegengefälligfeiten erwartet oder vor ihnen fich
gefürchtet Haben? € ift ein merfwürdiges Land, diefes Öfterreich, ein
merfwürdiger Stant, diele Republik; eine merkwürdiae Demokratie
aierzulande.

3Zmweites Kapitel.
Yon Zößen, Steuern und fonfigen Abgaben.
Weldhe3 find nun die Gewichte, die den Brotpreis belaften? Vor
allem natürlich die Agrarzölle, Die Agrarier behaupten, daß fie den
Zoll auf Getreide brauchen, und die Regierung jagt dasfelbe. Auch die
Sozialdemokraten Haben zugegeben, daß die Getreidezölle nicht ganz zu
zntbehren feien, fon desdalb nicht, weil man bei den Verhandlungen
über die HandelSverträge doch etwas in der Hand haben müffe. Nach-
ger, wenn diefe unter Dach, müßten die Getreide und Jonftigen Leben3-
mittelzölle fallen, wenigjtens ermäßigt werden. Sie alle — Regierung,
Mehrheit, ODppofition — Haben zähe ihre Handelspolitijdhen Prinzipien
vertreten; mit euereifer fochten die Agrarier und die Induftriellen. Ihnen
antgegen ftürmten die Sozialdemokraten, allen voran Dr. Otto Bauer,
in Lime an Mut. Allerdings fonnte er mit dem Steinklopferhans
        <pb n="22" />
        .ö

Bon Zöllen, Steuern und fonftigen Abgaben.
jagen: „Mir kann nix g’iheg’n!“ DennohH — fein Elan war groß-
artig. Die Zufchauer Hatten freilich den Eindruck: Er meint’s nicht fo
bö8, denn er i{t ja gar Fein Löwe, nur ein Parlamentarier mit der
Qowenhaut. Aber er fpielte den Löwen famo3! Mit Zettel, dem Weber,
fonnte ex rufen: „Sch will brüllen, daß daz Volk jagen joll: ‚Noch
mal brüllen! Noch mal brülen!‘“ Und: „IH will euch fo janft brüllen
wie ein fäugendes Täubchen, will au brüllen wie ’ne Nachtigall.“ Alfo
Mötete ec donnernd und donnerte flötend, daß der Zolltarifentwurf —
wiewohl „ein ganz elendes und unbrauchbares Machwerk“ — ein nvt-
mwendiges Infirument für die Handel&amp;vertragsverhandlungen fei und daß
e8 nur noch um das allgemeine Niveau des Zolltarifs, das jedenfalls
viel zu hoch, gehe... So glitt unjer Held auf die gleitende Zollikfala
für Getreide hinüber, die das Heinere Übel jein fol, weil — nun, weil
mit den Agrariern dann auch die Konjumenten und mit diefen auch die
Agrarier nur halb zufrieden fein würden, beiden alfo zur Hälfte wenig{ten?
geholfen fei. Bei fteigenden Getreidepreijen brauchen die erfteren 3Zoll-
jhugß und haben die Konjumenten nur den Hohen SGetreidepreis ohne oder
mit mäßigem Boll zu zahlen; bei Jinfenden Preifen allerdings hätten die
Konfumenten feinen Vorteil, weil fie dann den Zoll entrichten müßten,
jogar einen Höheren, als in dem erften Regierungsentwurf vorgefehen
war. Danach war den Agrariern das Rifiko der finkenden SGetreidepreife
erfpart 5 dafür den Konjumenten die Ausficht genommen, 013 den Preis-
fenkungen Nugen zu ziehen. Wie {ih das Syitem in der Praxis aus-
wirfen wird, bleibt abzuwarten. Eine Borausfegung it, daß der „Aus-
gangsprei8“ für Weizen richtig gewählt und daß [ich das Schwanfken der Welt-
marftpreife mechanijch regulieren und nivellieren lafje. Auch fol nicht weiter
bezweifelt werden. ob fih die Anwendung der Bollfäge, die in kurzen
Intervallen nach den von Ernte und Spekulation diktierten Weltmarkt»
preifen verrechnet werden müfjen, tehnifch fo leicht fein wird, ob nicht
bei Feftfebung der DurchieNnittspreife Durchftechereien möglich find und
die Spekulation dann erft recht gefördert wird. Davon abgefehen, fann und
wird e8 natürlid yaffieren, daß Roggen gerade dann, wenn er im reife
fteigt, mit einem höheren Zollfag getroffen wird al8 Weizen, Deffen
reis finkt. Denn zwijhen Weizen und Roggenzoll hat das Genie
unferes Dr. Dtto Bauer eine Bindung erfonnen; der lebtere toll {ich
nach dem Weizenpreis richten. WazZ nüßt eS dem Konjumenten, wenn
diefer fällt, der Koggenpreis aber troß feines Steigenz mit einem Höheren
Bolljag belegt wird? Das Brot befteht zu drei Bierteln aus KRoggen-
mehl. Daz Sunktim zwilchen Weizen» und Roggenzoll bewirkt alfo, daß
        <pb n="23" />
        Bon Zöllen, Steuern und fonftigen Abgaben. 17
Koggen auch dann durch den Zoll vertenert wird, wenn er ohnedies
im Preije geftiegen ift. It das nicht ein Meifterftück? Allzu fcharf
macht jchartig, allzu große Pfijfigkeit überpurzelt fic.

Nun ja, man hat audH ein Getreide: CSinfuhHrmonopol vor-
gefchlagen und i{t niedergeftimmt worden. Alfo find wieder die Agrarier
und ihre bürgerligen Protektoren Jyuld. Wber diejem Projekte wird faum
jemand eine Träne nachweinen, wer fih über das {taat3finanzielle Rıfilo,
die Koftipieligkeit und Unzuverläffigkeit eines folchen Monopols Har ift,
wobei man noch gar nicht glauben muß, daß da die einjt jo berüchtigte
Bentralenwirtichaft in neuerer Form Hinter aufgefrifchter Jirma wieder-
erftehen fönnte. Da daz Getreide-CEinfuhrmonopol nicht zuftande kam,
war um fo mehr auf den verteuernden ZwifdHenhHandel mit Getreide
und Mehl zu achten. Hier liegt befanntlidh eine Hauptquelle des Brot:
wucher3. Selänge es, dieje Berieuerungsquelle zu verfhlütten, dann
würden nicht bloß die Landwirte befjere Getreidepreije erzielen und
fönnten auf die Zölle, von welchen mehr als drei Viertel dem Staate
zufallen, ganz verzidhten; dann erhielten die Konjumenten auch billiges
Brot. AWber der parafitäre Getreide: und Mehlhandel, deffen Spekula-
tionen zeitweilig geradezu ruinds find, ift einflußreicher, al8 man denkt.
Er ift {tramm organifiert und Hat gute Freunde in allen Lagern. Daraus
erflärt e8 fih, daß man nicht daran dachte, ihn einem ftrengen KonzefjionS-
zwang und der jtaatlihen Kontrolle dur PreisprüfungSftellen und Wirt-
fchafts= oder Marktpolizei zu unterwerfen. Wenn man -auf diejem Wege
die unreellen Elemente au3Z einem der wichtigjten HandelSzweige nach und
nach ausmerzte — wäre das nicht auch ein Erfolg? Während der Periode
der ftaatlidhen Bewirtfhaftung war der Zwijchenhandel großenteils {ftill-
gelegt. Dann kamen wieder gute Zeiten, eine üppige Erntezeit brad an
Handel in alen Formen belaftete jhon in der Borkriegszeit den Brotkonfum ;
er wurde förmlich gehätjgdhelt und gedieh dabei wie eine Made im Küfe.
Während der Zeit der ftantlihen Bewirtjdhaftung wurden ihm die Raub-
frallen einigermaßen geftußt:;: aber dieje Periode ging vorbei und bald
waren wieder die griffigen Hände der Getreide- und Mehlagenten zu ver-
püren.

Da3Z Ausgleiten beim SGetreidezoll fjepte fihH dann beim Mehl zoll
fort. Mllerding3 war hier die Politik des Als-Db, das Heißt die Drüde-
bergeret, etwas {Awieriger. Das taktijhe Mandver gelang troßdent. Don
Quirote jattelte notgedrungen feine Rofinante und jprengte gegen die
Windmühlflügel an. Wber vorfichtig. Man durfte, wie gefagt, im Hinblid
auf die Handelsvertragsverhandlungen den Zolltarif nicht obftruieren,

Raff, Geaen den Strom! Heit 1/2
        <pb n="24" />
        kA

Von Zöllen, Steuern und fonftigen Abgaben.
ionnte den eigenen Unterhändlern eine {o wichtige Waffe nicht vorent-
Jalten. Das ftaatzmännifche SGewifjen war erwacht und man begnügte
ich mit einer Herabjegung des Mehlzolles. „Beffjer etwas, al8 nichts”,
mar die Parole, deren Berechtigung gewiß nicht beftritten: werden foll.
Allein gerade in diejem Falle überfchlug fich die parlamentarifche Dialektik.
Denn fo Iniffig e&amp; aud) Heinen mag, daZ Prinzip der ZoNireiheit nicht
zu Tode zu reiten, Hier galt da Hic Rhodus, hic salta. Das Ent:
meder— Yder! In diefer Frage mußte Farbe bekannt, durfte der fo
beredte Mund nicht bloß gefpigt, fjondern mußte gepfiffen werden. War
ie Ablehnung des MehlzolleS theoretifch nicht zu rechtfertigen? Oder
fonnte man fih einen foldhen‘ Prinzipienluxus angeficht® der befonderen
Umftände nicht erlauben und durfte daher kein Prinzipienreiter jein? ...
Seien wir nicht zu neugierig; e&amp; fam zu einem Mehlzoll, der den
Mgrariern die Sorge um Kleie abnimmt und den Mühkenindufiriellen
dauernde Bejchäftigung fidhert. Daß die Sorge um die Kleie überflüjfig
ift, weil der ZoNtarif die zollfreie Einfuhr der Kleie und ein Ausfuhr
verbot für inländijhe Kleie vorfieht, fer nur nebenher erwähnt. Auch
davon, daß die jozialdemokratijhe Partei an Ddiverjen Mühlen mit-
interejfiert ijt (ihre Vertreter fißen in der Mühleninduftrie-N.-®.), fei
fein Mufhebenz3 gemacht. Über fHmackhafter wird dadurch der Mehlzoll
wahrhaftig nicht, und die Spannung von 2 oder felbit nur 1:2 Gold.
ironen zwijdhen Mehl- und Getreidezoll wird den Brotpreis nicht nach
unten abrunden,*jondern bloß den Profit der Ygrarier und Mühlen:
nduftriellen mit ihren Nugnießern aufrunden Helfen.

Doch fehen wir un8 die übrigen Abgaben an, die den Brotpreis
Joch|hrauben. Da it vor allem die WarenumjagHfitewner. Sie fol
für Auslandasmehl ganz, für Inlandamehl teilmeife nachgelaffen, ebenfo
die Fürforgeabgabe aufgehoben werden, foweit die Mehl- und Brot-
rzeugung in Betracht fommen. ZweifelloS drücen diefe Laften überaus
"Hwer auf den Konfum und mit Recht haben die Sozialdemukraten die
Bejeitigung der Warenunfaßfiteuer für Mehl und Brot gefordert. AWber
{ft nicht die Warenumfagfteuer ein Kind der Regierung Nenner? Die
Srfenntnuts, daß diefe Abgabe zu jHhwer ift für die Arbeiter, kommt
demnach einigermaßen jpät. Mehr no! Al8s e8 fihH (1922) um die
Seftjegung der Warenumfagfteuer für Mehl Handelte und die Regierung
Teilerpertijen einberief, um die einzelnen Säge zu beftimmen, Haben die
Vertreter der jozialdemokratijchen Partei nicht den Mund aufgetan. In
der Teilexpertije, wo ter Tariffaß für die Warenumfagfteuer für Mehl
ur Sprache kam, Jchwiegen fie, als ob e8&amp; fo Jelbi{tverftändlich wäre, daß
        <pb n="25" />
        Bon Zöllen, Steuern und fonftigen Aogaden. 19

1

die Mühlen zum Nachteil des Koniums eine Begünftigung- erhalten.
Und e8 waren doch „Konjumentenvertreter“ !*) Warum beflifjen fie fich
einer fo refervierten Haltung, die fogar von der jeBigen abfticht? Die
Bergeßlichkeit und Kritiklofigkeit der Mafjjen ermöglichen eben eine der-
artige — fagen wir: großmütig-vornehnıe — Vertretung der Kon-
fumentenintereffen, und der „Vertrauensmänner“ ift man ja fiher. Bon
diejer Seite Kommt Keine Kritik und wenn, findet man Mittel und Wege,
um fie zu unterdrücen. Als unter der Regierung Renner der erfte
Entwurf zur Warenumfaßfteuer daz Licht der Öffentlichkeit erblidte,
erlaubte fih ein fozialdemokratijhes Blatt, welches die Intereffen der
Konfumenten wahrzunehmen Hatte, folgende Kritik:

„Der arme Schluder von Verbraucher joll nun die fargen Bifjen, die er fich
feiften fan, auf dem ganzen Wege vom Dorf bis in jeine Küche Hinein verfieuern.
Betrachten wir daz Brot: Auf das Getreide, welches der Bauer liefert, wird die
Umjagfteuer dem SGetreidehHändler, von diefem dem Müler, vom Müller dem Mehl-
händler und Bäcker, durch Iegtere dem Konfumenten aufgerechnet, wobei an andere
3Zwijdhenhände (Agenten, Makler, Kommifjionäre zc.) nicht gedacht ift. Daz Getreide,
beziehungsmeije Mehl erfährt aljo eine Verteuerung, die alle fozialpolitijdhen Grenzen
meitaus überfteigt. Beim Endprodukt, dem Brot, beträgt die Umfaßfteuer dann
nicht nıehr 1*/, Prozent, jondern 8—10 Prozent der Geldjumme, die für die ent-
jprechende Mehljumme geleiftet murde. So wirkt die Umfaßftener wie das bekannte
Schneeballen]yjtem. Sie vergrößert fi in geometrifjher Progreffion; e3 ift eine
au8geiprochene Progreffionfteuer . . . Zu all den indirekten Abgaben, gegen die die
Sozialdemokratie feit Laffalles Zeiten mit Feuereifer gefämpft Hat, kommt jeßt noch,
gleichjam als Krönung des Gebäudes, die Umjaßfteuer.

€ ijt ein tragijdhes Verhängnis für die jozialdemokratijdhe Partei, daß fie zu
ziner Beit zur Herrichaft gelanat, wo der Sozialismus infolge des Zujtandes der
Wirtichaft nicht nur nicht verwirklicht werden kann, fondern wo er auch die elemen-
laren Forderungen feines Programms wenigjtenz bis auf weitere8 preisgeben muß,
um nur überhaupt den Menjchen die Frijtung des Lebens zu ermöglidhen ....
Sollte nicht bloß der Weg zur Hölle mit guten VBorfäßen gepflaftert fein, fondern
auch der Weg zum Sozialismn8? ... Verheißen murde doch die Befeitigung der
indirekten Abgaben und der Effekt ift deren Erhöhung .... Die Genoffen]chaften
merden gut tun, fih die Kegierungsvorlage genau anzujehen, wenn auch Sozialiften
bafür mitverantmwortlich find .... Die Umfagfteuer ift ein Fauftjchlag gegen die
Intereffen der Konfumbereine, ein Hohn auf jede joziale Idee, in der Finanzpolitik
eine Diskrebitierung der Demokratie, eine Schädigung des Konjums ... *“

Cine {olde Sprache in einem jozialiftijhen Blatte gegen die Bonzen,
die nur byzantinijdge Beweihräucherung aewohnt waren, fang wirklich
*) AI ih dies in dem Verbandsorgan der Konfjumvereine feinerzeit Feftftellte,
reagierten die Genofjen nicht mit einem Wort. Dafür rächten fie fich bei einer [päteren
Selegenheit, die ihnen geeigneter [dhien, mit Zenfur und Verunglimpfungen jowie mit
ber Bedrohung meiner Eriftenz.
        <pb n="26" />
        Bon Zöllen, Steuern und fonftigen Wogaben.

unerhört. Das war ja Hochverrat an dem Prefjtige der Parteipolitiker !
Wie? Ein fozialiftifjcher Schriftfteller wagte e8&amp;, an Der Kegierungs-
‚ätigfeit fozialdemokratifjcher Exzellenzen Kritik zu üben? Cr nahm fi
jeraus, das Konfumentenintereffe zu vertreten und die den MacdhthHabern
chuldige Ehrfurcht (S 65 des St®.) zu verlegen? Die Parteifeme
betrachtete e&amp; als ein Majeftätzverbrechen, weldes mit unnachfichtlicher
Strenge (nämlich mit Maßregelung, Schlägen auf den Magen 20.) ge-
ahndet werden mußte. *) Und Heute? Heute Ihimpfen diejelben geftrengen
Herren auf die Warenumfagfteuer, deren Kritik durch jenen Preßfünder
nie einft fo verfnupft hatte. Man ficht: mit dem Brotpreisproblem
ind au demokratijche Probleme verflochten. Ohne demofratiidhe Kon-
rolle und Preßfreiheit kein billiges Brot.

Was von der Warenumfagfteuer gilt, trifft auch auf andere Konjum-
ıbgaben zu. Nicht wenige derfelben find fon unter der RKegierung
Nenner erhöht worden, wie überhaupt die Woneigung der Sozialdemo-
fratie gegen die indirekte Befteuerung in der Praxis nadhgelaffen hat.
Dagegen wäre im allgemeinen nicht einzuwenden, wenn fie fich Hierbei
:iner loyalen Yufrichtigleit befleißen würde und beftrebt wäre, eine ge-
mwifje Konfequenz zu befolgen. Bon zwei Dingen eines: Entweder die
indirekten Abgaben find nicht zu entbehren, dann müfjen fie nicht nur
im einem erträglidhen Verhältnis zu den direkten Steuern, jondern auch
mit der Lohnpolitik in Einklang ftehen; oder die indirekten Wogaben
änd zu verwerfen, dann müflfen fie wentiaftens dort, wo fie Sen Konfum

jo

*) Auch in einer anderen Steuerfrage 3z0g ih mir die Parteizenfur auf den
Hals: Gelegentlich einer Polemik gegen die famofje Bankenumfagfteuer, die die Konfum-
jereine arg zu belaften drohte. Eine befonder3 Fomijche Perjon, die ihre Unzwläng-
‚ichfeit al3Z Mandatar durch betriebjame Sjdhaftelhuberei zu verbergen pflegte, denun-
‚terte mich und ein naiver Jüngling, der diejer Dulzinea Ritterdienjte Ieiften zu follen
zlaubte, griff mich im Organ der Wiener Arbeiterfammer mit der jtumpfen Waffe
einer Unerfahrenheit an, weil ih die bekannte Tatjache KFonftatiert Hatte, daß die
Sozialdemokratie der indirekten Beftenerung nicht mehr jo ablehnend gegenüber ftehe
mie einft. Der arrogante Ton, den der junge Mann gegen mich anfchlug, bekam ihr
aber übel, denn ich Fonnte iYn an der Hand eines im „Betriebarat” erjchienenen Auf»
iage3 von Dr. Ellenbogen glatt widerlegen. Dabei verfuchte das offizielle Yrgan
der Arbeiterkammer (Herr Dr. Palla) die Aufnahme meiner Erwiderung 3zU ver»
weigern — mundtotmadhen mollte man mich, was man fozialdemokratijhe Mei-
nungsfreiheit nennt! — und unierfhlug fogar einen Sag in meiner Richtigftelung,
mo ih die Nachläffigfeit der Jozialdemokrattjidhen Steuerpolitiker gegenüber den Konfum-
vereinen in Sachen der Bankumfagiteuer fejtgenagelt Hatte, Ia, e8 ft eine feltjame
Demokratie, deren wir ung erfreuen. Man Könnte fie einen lucus a non lucendo
Nennen.
        <pb n="27" />
        Bon Zöllen, Steuern und fonftigen Abgaben. 21

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an {(Owerften belaften, unbedingt und mit aller Snergie bekämpft wer-
sent. Auf alle Fälle aber ift den Mafjen reiner Wein einzufchenten.
Das nicht? weniger als anmutige Verftelenfpiel, welches innerhalb
den parlamentarijden Kuliffen und auch Jonft mit dem gläubigen Volke
getrieben wird, taugt nicht in eine Demokratie, weil fie das Vertrauen
untergräbt. *)

Wer erinnert fih nicht der gewaltigen Teuerungsdemonftrationen
der Wiener Arbeiter in der Borkriegszeit, da e8 um verhältnismäßig
weniger gefährlidge Belaftungen der LebenshHaltung ging, gar nicht zu
ceden von den glorreichen Feldzügen der englijdhen Arbeiter in der eriten
Hälfte des vorigen Fahrhundert8? ÜWber fo fiht nun einmal unjfere
Demokratie von Heute aus: Sie behandelt eine Frage, die — wie die
Zebenämittelzölle — die LebenzZerhaltung der Mafjen tief berührt, bloß
al8 eine parlamentarifche Angelegenheit, als eine Sache des partei:
politijden KuhhHandel8 und verlegt das Schwergewicht des Kampfes aus-
ichließlih in die rhetorijche Sphäre der Paragraphenfabrik, wozu Das
9vhe Haus mit feiner Inflation politijder Nullen eine gute Gelegenheit
bietet... Was da zwijhen den Kuliffen gefhoben wird, Hat mit einem
geiftigen NMingen verdammt wenig zu tun und fieht dem von Karl Marz
verfpotteten parlamentarijgen KretinismuS verzweifelt äHnlic. Daß fih
die Demokratie damit ein Armutszeugnis ausftellt, Jqdeint ihr nicht be-
mußt zu fein. Und doch ijft e&amp; Jo: die Geheimtuerei befagt nämlich
nicht? anderes, al8 daß die Demokratie an die Einficht der Majfjen,
das Heißt an fih felbjt nicht recht glaubt. Der Ansichluß der Deffent-
lichfeit jowie der Mitarbeit und Kontrolle der Wähler ift ein Beweis,
daß fie dieje nicht für reif Hält, ihre Politik zu verfiehen; daß fie
jürchtet, die Mafjen Könnten den Glauben an die demokratijche Methode
verlieren, wenn fie fehen würden, daß Theorie und Praris oft weiter
ıl8 man erwartet auseinanderflaffen.

Allerdings: Die Sozialdemokratie i{t feit je eine Partei für den
Schuß des AYrbeiters alz Vroduzenten; feine Konfumenteninterefien
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*) Selbft „bürgerlide“ Wirtjchaftspolitifer Haben die Kunft, mit der den dar-
enden Mafjen unter viel Theaterdonner blauer Dunfjt vorgemacht wurde, bewundert.
Nur einer Hat das als ftarfen Tabak empfunden, der „Hefterr. Volkswirt“ (Nr. 50
vom 12. September 1924). Er mofierte fi darüber zu Unrecht, was auch der Um-
itand bewie8, daß ihm fein Wort der Erwiderung zuteil wurde. Schweigen war da
ireilich der Tapferkeit befferer Teil, wie ja überhaupt Schweigen Sold ijt, wenn man
nicht gerade auf einen Kritiker {tößt, den man — weil ihm Keine Prejje zur Ver-
Mtauna ftebt — von vornherein totichweigen oder gefahrlos vermöbeln laffen kann.
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        22

Vom Arbeiter- und Konjumentenfhuß.
fommen für fie in zweiter Linie. Diefe AWuffaffung, die marriftifch-
vevolutionär erjcheint, während die andere als reformiftijch abgetan wird,
äußert fih in verjchiedener Beziehung. Das gilt vor allem auch fozial:
oolitifch.
Drittes Kapitel.
Hom Arbeiter- und Konfumenten(huß.
Im Hinblic auf die fozialpolitijden Erforderniffe muß fidh der
Brotpreis etwas Höher ftellen, wogegen vom Konfumentenftandpunkt
nicht? einzuwenden ift. Immmerhin bedarf die Frage nach dem Ein:
jlufje des jozialpolitijdhen Faktors auf die Produktion einer Erörterung
Borweg wird als bekannt vorausgefegt, daß in den hHandmwerk3mäßig
betriebenen Bäckereien der VorkriegSzeit greulidge Zuftände Herrichten,
deren gefundheitsjhädlige Wirkung durch die damal® Übliche Nacht:
arbeit wefjentlid) verfchärft wurde. Die Forderung der Bäckergehilfen
nach einem Verbote der Nachtarbeit war nur zu fehr begründet und
von allen jozialpolitijgo einfidtigen Menjdhen gebilligt. und unter{tüßt
worden. Doch erft der Umfturz jollte die Erfüllung diejer Forderung
bringen, gegen die fich die Kleinbetriebe lange gefträubt Hatten. Als
das Nachtbadverbot am 3. April 1919 in Kraft trat, waren jedoch die
Berhältniffe im Bäckergewerbe zum Teil andere geworden. Mittlerweile
hatte fi nämlich das Großkapital der Broterzeugung bemächtigt und
einige Fabrifen Hergeftellt, die nur al8 Kontinuierliche Betriebe rentieren
fonnten und nun durch das Verbot empfindlich getroffen wurden. Solange
lie durch die billige Mehlverforgung, die die ftaatlihHe BewirtfhHaftung
zjewährte, fich jHadlos Halten konnten, war der Ausfall zu ertragen. Das
erforderlidge Yuantum Brot wurde troßdem erzeugt, weil die Zahl der
Rleinbetriebe, die inzwijden eine Wbnahme erfahren, wieder zugenommen
hatte. Der Kleinbetrieb konnte das Nachtbackverbot leichter umgehen; er
erwies fich plößglich anpaffungs- und LeiftungSfähiger al? die Großbetriebe.
Dieje halfen fih, fo gut fie Fonnten. Eine bejondere Vereinbarung mit der
gewerffdaftliden Organijation der Bäckergehilfen erlaubte ihnen wie den
übrigen Bäckereien einen früheren Beginn der vorbereitenden Arbeiten.
Den Kleinbäckern, die ja auch früher nicht die ganze Nacht gebraucht
Hatten, genügt diefe zeitliche Borverlegung des Erzeugungsprozeffe® ; troß
aller Kontrolle ann nicht genau und nicht überall gleichzeitig feftgeftellt
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        Bom Arbeiter und Konjumentenfhuß. 23

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werden, wann die Gewerbeinhaber mit ihren Angehörigen und SGehHilfen
mit der Arbeit beginnen, ob fie zur bedungenen Zeit oder etwa3 früher
anfangen. Davon abgefehen: Durch die von den Sehilfen gebilligte
Vorverlegung der Arbeit war das Nachtbackverbot und daZ Achtftunden-
prinzip durchbrochen; allein wir leben im gemütlichen Öfterreih und
da die Gehilfenorganijation, daZ Heißt der Papit die Zuftimmung ge:
geben hatte, brauchten die Organe der Regierung nicht päpftliher zu
jein. Daz Nachtbackverbot und der WchHtjtundentag waren ja im Prin-
zipe unverfehHtt und fo brauchte fih niemand aufzuregen.

Ale waren e8 zufrieden: die Klein- und die Großbäckereien, die
Sehilfen. Die SGroßunternehmungen leiden trogdem fehr unter dem
Ausfall der dritten Schicht; fie verlieren nicht bloß ein Drittel der einftigen
Produktion, die nur teilweife durch teuere Invefjtitionen hHereingebracht
werden Kann, jondern büßen au Jonft an Leiftungsfähigtkeit ein. Ihr
Hauptvorteil war der ununterbrochene AWrbeitsprozeß mit feiner Höchit
öfonomifchen Wärmewirtihaft; fie waren ausgefprochen Kontinuierliche
Betriebe. DazZ ift feit 1919 nicht mehr der Fall. Die Unter-
brechung der Tätigkeit muß naturgemäß den Nugen ihre majdhinellen
Apparates wefentlidh verringern und die technijche Überlegenheit foldher
Betriebe unter Umftänden ganz aufheben. Die Folge i{t nicht bloß ein
Produktionsausfall, jondern auch eine Berteuerung der Kegie und jomit
auch) der Produktion. Schon Karl Mary weift darauf hin, daß e$
nicht gleichgültig ift, ob e8 fihH um die Unterbrehung von Betrieben
handle, deren Mechanismus glei dem menfchlidhen ohne Schaden abge-
ftellt werden fönne oder um folche, bei denen dies nicht zutrifft. Bon
diefem Standpunkte, der einer rationellen und verluftlojen Wirtjhaft
Rechnung trägt, wird man den Yrotfabriken den Charakter unbedingt
Fontinuierlidher Betriebe nicht abfprechen können, zumal auch) andere,
wie Marmelade-, Teigwarenfabrifen, Mühlen 2C0., al folche gelten und
e$ Nachtbetriebe gibt, deren GejundhHeitsgefahren entfchieden größer find
(Beitungsdruckereien, Hlüttenwerke, Berkehrsunternehmungen) als die der
Brotfabrifen. Daß dieje von dem Nachtbackverbot fdwerer getroffen
werden als die Hausbäckereien, wird auch von legteren zugegeben. Die
Handwerfsmeifter wollen denn auch von einer Wufgebung des Nacht-
bacfverbotes nichts wiffen, felbjt wenn fie ihnen geftattet wird; denn
heute find fie durch die ftrifte Einhaltung des Verbote8 feitenz der
Brotfabrifen begünftigt und deshalb treten die Kleinmeifter, die fonft
fozialpolitijh ganz ander8 gerichtet find, für das Verbot ein. Die
Wahrheit ijt eben, daß das Nachtbackverbot mehr als Konkurrenzmittel
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        Vom Arbeiter- und Konfumentenjdhuß.
der Kleinen gegen die Großen, al3 Schuß des KleingewerbeS, denn als
Schuß der menfchlihgen Arbeitskraft wirkt. Die Großbetriebe Können
'hre foft{pieligen Spezialanlagen und Einrichtungen nicht ausnligen (und
nicht rajd genug amortifieren), demgemäß auch nicht ihre Leiftungs-
rähigfeit, und da fie ihre Spefen auf eine relativ geringere Erzeugungsmenge
aufteilen müffen, find die Badwaren der Fabriken im Preije verhältnis-
näßig Höher als jene der billig arbeitenden Kleinbetriebe. Dies ift in
:zinem Grade der Fall, daß fogar die größere Kapitalskraft und der
zünftigere Mehleinkauf der Fabrifen Hierdurch Kompenfiert werden.
Much fonft Haben fich die VBerhältnifje zu Ungunften der Großbetriebe
verfjchoben. Generatorengazöfen und andere Einrichtungen find Heute
nicht mehr jo rentabel wie vor dem Erlaß des NMachtbackverbots. Ein
großer Teil (etwa ein Drittel) der Heizkraft geht ungenüßt verloren,
re Einteilung und Verwendung der Arbeitskräfte ift erjdwert und ver-
feuert *), e3 werden mehr Erjaß- und Aushilfsarbeiter gebraucht ufw.
Ulle diefe Umftände Iafjen die Wiedereinführung der dritten Schicht
vom Standpunkte einer rationellen Produktion und einer Verbilligung
de8 Brote8 als begründet erjcheinen, weshalb denn auch die reichs-
beutjchen Genofjen- und SGewerkjchafter fich diefen Standpunkt zu eigen
zemacht haben. **)

Wie ftellt jih nun die fozialdemokratifjhe Partei zu diefer Sach-
(age? Da fie politijch und wirtjhafjtlih von den Gewerffjchaften abhängt,
verhält fie fih ob des Verlangens nad Wiedereinführung der Nacht-
hit ablehnend. Und doch ijt fie als Befigerin von Brotfabriken (in
Wien und Umgebung allein 30 Betriebe, dann Fabriken in Linz,
Salzburg, Innsbruck) an der Sache ftark intereffiert. Man verfteht, daß
ie dadurch in eine Zwitterftellung gedrängt ift, die ihr Borficht ge-
dietet. Über von einem Berantwortungsbewußtfein zeigt e&amp; gerade nicht,
menn man — tapfer fhweigt. Sie felbjt Hat fichH ja in diefe Zwitter-
itellung begeben, indem fie alle, auch ganz disparate Funktionen der
Sejamtbewegung in fi vereinigen und Konzentrieren ließ, und nun
‘ällt es ihr freilich fHwer, einerjeitz Produzenten-, anderjeits Konfu-
menteninterefjjen oder gar joldhe der Gefamtwirtichaft zu vertreten. Das
‘ft aber auf die Dauer eine unmdaliche Stellung. Wiederum zeiat fich

*) Näheres darüber im „DVejterr. Volkswirt” vom 9. ANugnit 1924.
+; Anders bei uns in Öfterreich. Hier wurde jede Äußerung der Konfumvereine
ınd ihrer Prefje unterdrüdt. Die Öfterreichifchen Arbeiter durften die Meinung der
Deutihen nicht erfahren. Dieje find nicht radikal, nicht revolutionär, nicht marzriftifch
jenug, und wer ihnen recht gibt, dent ergeht e8 übel! „Willft dur nicht mein Bruder fein ?“
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        Vom Arbeiter- und Konjumentenjdhuß. 25

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an Ddiejem Beijpiele, daß Politik und SGejchäft nicht zujammentaugen,
aß man nicht beides zugleich jein kann: Unternehmer und Partei-
yolitifer, Katholif und Proteftant, Hammer und Amboß, Regierung und
Oppofition, Berwaltung und Kontrolle. Die Tatjache, daß die Brot-
fabrifen Kontinuierlide Betriebe find, deren Arbeitzprozeß nicht ohne
großen Schaden für den Konfum wie überhaupt für die WirthHaft, zu
ner doch auch die Arbeiter gehören, unterbrodhen werden kann, ift nun
einmal gegeben. Die Partei weiß das und niemand wäre angenehmer
berührt, wenn das Nachtbackverbot aufgehoben würde, al fie. Allein
die Gewerkichafter tun ihr diefen Gefallen nicht; denn obgleich die Mafije
der Arbeiter unter dem Überteuerten Brotpreis leidet, fteht dazZ Preftige
der Führer, das imperialiftijhe Prinzip aller Machthaber: „Niemals
feinen Sertum eingeftehen!“ den Parteipolitifern höher al? alles andere.
Allerdings: Selbfit wenn man fih zu einem Verzicht auf die jJozial-
volitijch überfhäßte Errungenfchaft, die dem mindejtens eben]o wichtigen
Ronjum- und LohHninterefje der Arbeiter entgegenfteht, ent/dließen follte,
fann die NMachtarbeit in den SGroßbäckereien — und nur um Ddieje Han-
delt e8 fih — durch Lohn- und andere Forderungen entwertet und
der Vorteil der vermehrten Produktion Hierdurch wieder teilweije para-
(yfiert werden. Al3 im vorigen Jahrhundert die Majcdhine auffam und
Taufende und Abertaufende Arbeiter überflüffig machte, Haben fidh diefje
gegen die teuflijdgen Erfindungen der Technik aufgelehnt und die Fabriken
demoliert. Heute werden andere Methoden angewendet, um majdhinelle
Anlagen, auch wenn fie für die fie bedienenden Arbeiter ganz unjhHädlich
and für die Mafien nüglihH find, zu entwerten: man verhindert ihre
cationelle Ausnügung. Daß hierdurch der Konfum getroffen wird?
Macht nichts. Zwar Magen die Gewerfjchaften mit Recht gleicher:
maßen über die fort{chreitende Verteuerung der LebenShaltung wie
über die tehnijhe Rückftändigkeit der Betriebe, deren Anlagen vielfach
al3.veraltet und vernachläffigt hHingeftellt werden, aber die Haltıng der
Sewerfjchaften in der Frage des NMachtbadverbotes, daZ gegen ihren
Willen nicht aufgehoben werden kann, begünftigt die Handwerksbetriebe :
die Brotfabrifen müfjen fihH auf zwei Tagijchichten bejhränkfen. Das
„Prinzip“ will e&amp; {o und — „die Kaße, die Kaß’ ift gerettet“.

Die für die Brotfabriken beftehende Unmöglichkeit, ihre Kapazität
av auszunüßgen, Hat alfo noch eine andere öfonomijche Folge: daß der
Rleinbetrieb neu belebt wird und florieren muß. Eine technijdh vervoll-
fommnete Induftrie, die auf den Vorteil der verbefferten Technik ver-
sichten muß, verliert alen Sinn und {fpeziell in der Brotfabrikfation
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Vom Arbeiter- und Konfumentenfhuß.
ift durch das Nachtbackverbot das Ofenfyftem mitjamt der ganzen
Arbeitzorganifation derart alteriert, daß nunmehr eine Koftfpielige Um-
itellung notwendig wird. Wenn die Feuerung, die auf Erzeugung einer
fontinuierlihen Hige eingeftellt ift, ihren Zweck nicht erfüllen kann, wozu
die teuren Invejtitionen? DazZ machen fi die Kleingewerbetreibenden
zunuße und treten daher mit Feuereifer für den Schuß der Yäcker, für
a8 NMachtbackverbot, das Heißt für ihr Sonderintereffe ein. Darin drückt
jich ein fosialpolitiidher Funktiongwandel des Nachtbackverbote3 aus. Was
den einen ihre Eule, ijt den anderen ihHre Nachtigall. So wird alles in
diejer Scheindemokratie, wo auch der Ehrlidhe nicht {prechen kann, ohne
verdächtigt zu werden, wenn feine Anfiht den Machthabern nicht in den
Rram paßt, auf den Kopf geftellt. Es ift eine verkehrte Welt; eine
total verrückte, aus den Fugen der Vernunft geratene Welt, in der
Dilettanten und Marktichreier daz große Wort führen. E83 ijt aber nicht
nur fo, daß in diefer aus ihrem Gleichgewicht gebrachten Welt alle
geraden SGedanfen fchief gebogen werden, daß die Logik felbft bei den
zinfachften Dingen zum Teufel geht und Vernunft zum Unfinn —
Unfinn fgeinbar Vernunft wird. E83 ift nicht nur eine geiftige Korruption,
jondern vor allem au eine moralijche Depravation, die fih darin
ausdrückt, daß in der Demokratie Heuchelei in Keinen wie in großen
Dingen Trumpf ift, wenn Preitige und Profit auf dem Spiele ftehen.*)
Denn daß für das Nachtbadkverbot Heute nicht mehr die Begründung
gefunden werden kanın, wie feinerzeit, da die Hyaienijhen Bedingungen
der Broterzeugung aller Befjchreidbung jpotteten und der Handwerksmäßige
Rieinbetrieb vorherrichte, Kann wohl von jedem Unbefangenen zugegeben
werden, Wenn foviel andere, weniger wichtige NMachtarbeit zugelafjen
Ditd, warum nicht auch das Brotbaden? Ift etwa eine Zeitung am

*) Daraus erkfärt fich die vermehrte Gemwalttätigkeit, womit verhindert wird,
daß über gewiffe Dinge gejprodhen werde. Diejenigen, die daz Amt der VBolfsvertretung
zgepachtet und monopolifiert Haben, verjdhreien e8 al8 Hochverrat an iIrer Souveränität,
wenn ihnen jemand feine eigene Meinung entgegenfebt. Der Wähler Hat nichts zu
seden; ihm gebührt Diät, den SGemählten die Diäten. AZ ih darauf verwies, daß in
der deutjchen Arbeiterfhaft die Frage des NMachtbadverbotes offen debattiert werde, fuhr
mir die gewerkjchaftlide Fauft an die Kehle. Ih ward befhimpjt, verfemt, man
bedrohte mid an der Eriftenz und was dergleichen Methoden einer demagogijchen
Mafia mehr find. Hierzulande Haben eben die Bonzen und ihHre Schergen keine anderen
Argumente als die des Terrors. Man nennt das demokratijde Meinungs« und Preß-
ireiheit. Indes find Tatfachen ftärker als alle Gemwaltmittel, die in den Händen der
neuen Abjolutiften ebenjo verjagen müffen, wie dies vordem in den Händen der alten
ber Sall war.
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Bom Arbeiter und Konjumentenfhuß-

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Morgen dringender al3 Brot? Diefe „geiftige“ Nahrung des Lefepibels
von heute wäre, erft am Wbend genoffen, auch noch nicht altdbaden —
genug? Oder glaubt man, das Verbot der NMachtarbeit fei für Schrift-
feger und Buchdrucker weniger zu rechtfertigen vor Karl Marzenz Seift?
3 ijft doch ernfilih nicht zu beftreiten, daß die Unterbrechung des Back-
prozeffes eine Höchft verluftreihe und üÜberflüfflige Berfhwendung von
Beit und Heizkraft zur Folge hat, die bei hygienijdh einwandfreien Groß-
bädereien, welche die Nachtjhicht mit frijden Arbeitskräften befegen
und den vollen Schuß der menfchlidhen AWrbeitskraft gewährleiften Können,
ohne jeden Schaden für die Gejundheit der Bäcker zu vermeiden wäre.
Und wenn Sozialpolitik vhne Schaden für die Volksfraft und mit Nußen
für die Gefamtwirtfchaft möglihH — warum fie um des bloßen Scheines
willen ablednen? Die deutjdhen SGewerk- und Senojfenjhafter tun dies
nicht; find fie deshalb Dummköpfe und Verräter?

Aber das ift eS$ ja gerade und das muß feftgehalten werden: der
Schein ifjt für die Erhaltung des Preftige der Politiker unentbehrlich,
da die Maffen nun einmal den Schein für das Wefjen der Sache nehmen.
Der Undverftand der Mafjen — wer wollte ihn leugnen, diefen Unhold ?
Über er ijft nur zu oft auch der Träger der Führermacht, die Yuelle ihrer
Pfründen, der Bater ihres Übermutes. € ficht fie deshalb nicht weiter
an, daß der Scheinvorteil einiger Taufend Bäckergehilfen Hundert-
taufenden Proletariern unNNGtigerweije daS Brot verteuert Die gewerfk-
jqaftlidhe Tradition und die Schablone will e&amp; einmal jo: Man jHraubt
gleich den Unternehmern und Händlern die Produktionskoften Hinauf
und wenn dann die Preife fteigen, wird die LohHnquote erhöht. Da man
jedoch inftinktiv ahnt, daß fihH aus der Schüiffel nicht mehr Herausholen
läßt, alg darinnen ift, fo jchHreit man nach Konfumenten|Huß,
was fidher auch nicht zu verachten ift. Wie foll nun der befhaffen fein?
Man fucht die Preisbildung zu beeinfluffen. Cine hwere Sache! Eine
Sijyphusabeit! Wer für wirtfdhaftspolitijdhe Zanberkünftler ift daZ eine
S$einigkeit. Nach ihrer Maxime genügt e8, den Brotprei zu maximieren.
Die Regierung joll partout eine Brottage, einen Höcdhftpreiz für Brot
defretieren! Natürlich: Die Regierung abfolut, wenn fie unferen (der
Bäder) Willen tut! Da3Z ift ihrer Weisheit zwar nicht einziger, aber
ber am Häufigften gehörte Schluß. Denn — felber und mit eigener
Verantwortung möchten fie die Preije für fih nicht kalkulieren. Sie
wifjen au8 ihrer Praxis, wie leicht man das Publikum übers lange Ohr
hauen kann, und das ift e&amp; ja auch, wa? fie wollen; nur jollen andere
nen das DVdium übernehmen, damit fie ihre Händchen in Unfchuld
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Bom Arbeiter- und Konfumentenfhuß.
vajchen Fönnen. Eine Zeitlang Hat denn auch die Regierung diejes un-
gopuläre Anıt den Herren vom Brotwucher abgenommen. Endlich kam
ie darauf, daß fie damit dem Brotwucher nur ein legitimes Mänteldhen
verlieh und für andere die Kaftanien auZ dem Feuer Holte. Sie Hatte
ich überzeugt, daß fie von den ebenfo geriffenen als ffrupellojen Brot-
&gt;rzeugern irregeführt, getäujcht, belogen und betrogen worden war. Der
jürgerliche Nußen von 1/2 Prozent des jeweils Kalkulierten Brotpreifes,
mit dem {ih die Brotfabrikfanten und Bückermeifter anfjcheinend zufrieden
zaben, war in Wirklichkeit ein Vielfaches diefes Sayes. Die Herren
hatten e3 die längfte Zeit verftanden, den behHördlidhen Überprüfjern der
vorgelegten Preiskalfulation gründlih die Augen auszuwijdhen, indem
jie alle Kalkulationspoiten nach oben fo ausgiebig abrundeten, biz ein
jeder einzelne von ihnen ungefähr fo ausfah, wie ein dider, runder Bäcker-
meifter, was fage ich, wie ein Aktionär oder Generaldirektor einer Aktien-
zefelljhaft. Nicht nur bei den Arbeitslöhnen — da3 Hatten fchon die
Bäcergehilfen einmal feftgenagelt — wurde gefdwindelt, indem mehr
Arbeitskräfte mit Höheren Löhnen, als fie in Wirklichkeit bezogen, auf
»ine viel zu Meine Produktionsmenge aufgeteilt wurde; au und vor
ılem natürlich beim Mehl, das den Hauptpoften auzmachte; bei der
Zachregie, den Betriebskoften 210. wiederholte fihH dasfelbe Kunftitück.
Die feinfte Kalkılationspoft mußte herhalten, um den Iatenten Profit
der Broterzeuger zu verfteden. So fhwoll der befcheidene bürgerliche
Nußben Höchjt unbejcheiden an. Der Gewinn ward üÜbervalorifiert, und
die erft in der Borkriegszeit im Heftigiten Konkurrenzfamp} miteinander
jtanden, jebßt waren fie ein Herz und eine Seele! Der unwiderftehliche
Drang nach Profit Hatte fie geeint. Dieje unnatürliche Solidarität machte
die Regierung ftußig und eines Jhönen Tage3 kehnte fie die Mitwirkung
an der Bewucherung des Volkes und die Verantwortung für unkontrol-
lierbare Berechnungen ab.

DochH da kam fie fhdn an! Die Herren Broterzeuger fArien, daß
ie ohne Mithilfe der Hohen Regierung nicht richtig kalkulieren Könnten
and daß fie Richtlinien brauchen, um dem Preistreibereigejeß zu ent-
gehen. Mit anderen Worten, die Herren machten daz SGeftändnis, daß
je falfh zu Kalkulieren fürchten... €3 war ein veritables Armuts-
zeugni8, das fich da die Herren felbjt ausftellten; aber die KMegierung
üieß fih nicht erweidhen und nicht einjhüchtern. E€$ war das weniger
zin Zeichen ihrer Stärke, al8 ihrer Schwäche. Denn fie lehnte die Zu-
‚mutung der Broterzeuger ab, mußte fie ablehnen, weil fie beim beften
Willen feine Berantwortuna für die Kalkulation der Bäcker, die fie mit
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        Bom Arbeiter und Konfumentenjhuß. 29

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idrer Autorität decken follte, übernehmen konnte. Wohl Hatten ihre Sach-
perftändigen die Unverläßlichteit, um nicht zu Jagen: den Schwindel der
von den Broterzeugern vorgelegten Kalkulation ziemlich Mar gemacht;
aber vollitändig konnten fie ihn nicht aufdeden; der über die Buch-
führung der Bäcker gebreitete Schleier war zu dicht und die Ge[häft2-
geheimni{fe mehr oder weniger undurchjichtig. Der eine Bäcker behauptete,
au® 100 kg Brotmehl 110 Laibe, der andere 112 zu erzengen; ein
dritter weniger, ein vierter noch mehr. Diejfen genügen 92 dg für den
Qaib, jener brachte fehon mit 86. dg einen Laib zuftande. DazZ hing ja
auch von den Mehlkäufen, der Provenienz und Yualität des Roh
produktes und anderen Momenten ab. Eine gemeinjame Formel, eine
Schablone für alle aufzufjtellen, war {hier unmöglich; wollte man feinem
Unrecht tun, dann Hätte man bei jedem ein Probebacken vornehmen
müffen, um die für den fpeziellen Betrieb normalen Produktionskoften
feftzuftellen. Darum’ mußte die Regierung die Verantwortung für die
Brotpreiserftelung ablehnen. Bon ihrem Standpunkt tat fie MNug daran,
dies um fo mehr, al8 fie fich einer Einheit3front der Broterzeuger gegen-
über jah. Auch. die angebliG nicht nach Profit Hafhenden Bäckereien
der Konjumbvereine ließen fie, da fie unter dem Diktat und Terror der
Brotwucherer {tanden, in Stich. Auf wen alfo hätte fidh die Keaterung
fügen jollen und Können?

Angefichts der Haltung der Regierung jHäumten die Broterzeuger
vor Wut. Wie? Man drängte fie unter daZ fchwebende Schwert des
Damokles? Unter das Preistreibereigejeg ? Den natürlichen Ausweg aus
der unerquicligen Situation: ehrlig zu Kalkulieren, verfhmähten die
ehrjamen Meijter und ihre KompagnonZ. Denn das hHieße ja auf den
Überprofit verzichten oder das NRifiko der Behandlung nach dem Preis-
treibereigefjeße auf fich zu nehmen; aljo drohten fie mit Betriebszeinftellung
und riefen unentwegt nach amtlig beglaubigten Kalkulationsbehelien,
nad) einem Marximaltarif, nach einem Höchftpreis.

Dabei war e8 nun das Charakteriftijche, daß die privilegierten
Konfumentenretter am autejten danach fAOrien. Zwar Hatte Dr. Ditv
Bauer in feiner 1910 erfchienenen Schrift „Die Teuerung“ vor dem
unzulänglidgen Balliativmitteldhen gewarnt; ebenjo Dr. Karl Renner
{in der „Volkstribüne“ vom 10. Jänner 1915). Sie legten dar, daß die
TFeftjeBung von Höchftpreifen für den Detailverfchleiß ein Selbftbetrug
ijt. Das hielt aber eine demagogijche Konfumentenvertretung — wer
fennt nicht die liebliHe Dauame, die oft auch irgendein Mandat (neben
einigen Berwaltunasrataitellen und anderen Böftchen) al Teigenblatt
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Vom Arbeiter» und Konjumenten[huß.
ihrer berufsmäßigen Unwifjenheit bekleidet und in allen Winkeln herum-
iAnattert — nicht ab, immer wieder Höchfjtpreije zu verlangen. Waz
die Sejchäftsleute nicht leiften konnten oder nicht wollten, follten die
Behörden und Konjumenten verftehen. E€3 jei auch einfacher, meinte die
juperffuge Dame Demagogie, die ihre Zunge für ein Sanglion ihres SGehirnes
Hält, defjen Fappernder Leerlauf aller Welt mitunter auch zur Belufti-
zung gereicht, wenn fjtatt der Konfumenten, die die Taufende von Ge-
“HäftSlenten ja nicht überwachen könnten, eine gemifchte Kommijfion die
Kalkulation Kfontrolliere und die Preife überprüfe. Das heißt: die Kon-
Iumenten, welde zu den Lebensmittelwucherern fein Vertrauen Haben
önnten, jolten den Advokaten diejer Gefjchäftsleute trauen, die mehr
oder weniger geneigt wären, ihnen die Mauer zu machen; in unNjerem
alle irgendeinem Getreideagenten, Mehlhändler, Bäder, Saftwirt,
Seldher und ähnlichen Wohltätern der Menjchheit, dazwifchen eingefprengt
zinige al® „Konjumentenvertreter“ verkfleidete Drahtpuppen. Sachkundige,
unabhängige, ehrliche Vertreter der Konfumenten wurden nicht geduldet
and unter irgendeinem Vorwand ferngehalten. So folte der Konjumenten-
ihuß ausjehen, mit dem fih die Brotwucherer aller wirtfHaftspolitijchen
Bekenntnifje gern abgefunden Hätten und den die Demagogie befür»
mortete. Das Vertrauen der p. t. Broterzeuger Hätten dieje Konfumenten-
vertreter Haben müffen; dann, ja dann wären alle BrotwuchHerer mit
der Regierung zufrieden gewejen. Die Regierung erfüllte nun zwar nicht
die Wünfche der Produzenten, aber fie traf auch keine wirkfjamen Maß-
nahmen für die Konjumenten. Mit deren Interejfjen fpielten alle ein
aljhes Spiel, und jo hatten die Broterzeuger nach wie vor eine glän-
ende Koniunktur.

Und was dazZ Srotesfe ijt: Gerade diejenigen, die fihH einft als
die Preisregulatoren aufgebläht hatten, gerade fie waren e3, die hinter
dem Kulifjen die Preistreiber aneiferten. Natürlich wurden dieje Schie-
dungen unter einer Wolfe von verlogenen Redensarten und einem Plag-
regen von Verdrehungen zu verbergen gefucht; aber alle Welt merkte
beutlich die Wblicht und den Zweck des SGejchimpfes auf die Regierung:
28 follte die Aufmerkjamkeit der ohnedies vorfichtig KLontingentierten
Öffentlichkeit abgelenkt, den Mafjen fremdes Verjchulden als Bligableiter
ir die Brotwucherer plaufibel gemacht werden. So Hoffte man die
zigene Schande verfteden zu können. In der Zeit der Inflation, da auch
an die Demokratie viel Charakternullen fih 'anhängten, {dien dies mög-
(id und gefahrlos zu fein. Man war feit je gewohnt, auf dem geduldigen
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Bom Arbeiter und Konfjumenten]huß.

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Bolte „Klavier fpielen“ zu können — warum follte man e8&amp; nicht auch
jeßt tun? Wer hatte den Mut, dagegen aufzubegehren?

So war denn alle&amp; ganz nah Wunfch der Broterzeuger gekommen.
Niemand kümmerte fich um ihr Tun, Troßg Preistreibereigejeg, Wirt-
ichaftspolizei, Preisprüfungsftelle bewegten fich die Brotpreife Konftant auf-
märts, Ya die Broterzeuger Hatten e8 verjtanden, für ihre Berehnungen
ine Art behördliher Sanktion in Form ftiller Duldung zu erhalten.
Rurz e&amp; war eine wunderbare Situation, die ein tüichtiger Gefchäfts-
mann, dem e8 nicht bloß um das eigene, Jondern auch um_das gPacmeine
Wohl zu tun war, nicht ungenüßt laffen durfte. Uljo fruktifijte. .e man
ie und die Dummheit der Menfchen. Warum auch nicht? Taten e3 denn
nicht alle? Ale im Namen der guten Sache, im Interefje des Volkes?
Die ökonomiichen Gejege zwingen un dazu, verficherten die einen; der
Rapitalismu? läßt ung keinen anderen Ausweg, beteuerten die anderen.
Tatjadhe war, daß die goldenen Zeiten der Kriegsgewinne, da fie alle
— alle! — an dem wehrlofen Staate fich bereichert, daz Volf$vermögen
zeplündert und die Mafjjen gebrandjhagt Hatten, daß dieje goldenen
Beiten au nach dem Kriege und nach Aufhebung der Zwangswirtfchaft
anbielten. Al3 dann im Frühjahr 1922 der freie Wirtjchaft&amp;verkehr
pfaßgriff, fOhienen fih die Berhältnifie erft- recht zugunften der Brot-
erzeuger zu geftalten. Ende April wurde die Yrotkarte befeitigt, in der
Broterzeugung begann der unbejHränkte Wettbewerb, vielmehr er fvllte
beginnen. Brotgewicht und „preis konnten je nach der Leiftungsfähigkeit
des Bäcker8 variieren, ohne daß die Regierung ein Kecht gehabt Hätte,
diefelben zu diktieren. Um Preizexzeffe hintanzuhalten, {tand ihr das
Breistreibereigefeß zu Gebote. AWber gerade daS paßte den Bäckern nicht;
fie hätten fih in der neuen Freiheit unbehaglich gefühlt, wenn nicht der
ziferne Reifen, den die Zwangswirtjdhaft um fie gejpannt Hatte, auch
nach ihrer Aufhebung wirkfjam geblieben wäre. €8 war eine ganz loje,
iormiloje, aber doch lebendige Yrganifation, die den Zuftand, weldhen
Brotrayonierung und Höüchftpreis herbeigeführt Hatten und den die Bäcker
zu bverewigen beftrebt waren. Der gefidherte Kundenfiock konnte ja fonft
verloren gehen, die Konkurrenz der Brotfabritfen untereinander mit vers
jtärfter Kraft wieder aufleben. Daz mußte bis auf weiteres verhindert
merden! € war doch gar zu bequem, die Verantwortung für die Yrot-
teuerung der Regierung zuzuichieben; daran Hatten die großen Fabriken
mie die KMeinbetriebe ein großes Interefje. Sie alle fühten fich gegen«
über den Konfumenten folidarijh. Darum Ioderte fihH da Band der
Siniakeit, welches die Awangswirtichaft um fie gelungen, auch nicht
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        32

. "Bom Arbeiter« und Konjumentenjhuß.
in der Zeit des freien WirtfchaftSverkehreS, im Gegenteil. Arm in Arm
und Hand in Hand gingen fie alle vor; fogar die Hammerbrotwerfke
ipielten Bogelftraußpolitik und fhlofjen fidh heimlich verfjhämt an. Ihre
Leiter bildeten fihH ein, daß man e8 nicht bemerken werde und daß auch
die Arbeiter blind feien und mit Wohlwollen oder aus Parteidisziplin
ihre Preispolitik hinnehmen müfjen. Die Brotfabrifen bildeten einen
Verband, der wie ein Kartell fungierte. Diefes beftimmte allwödhentlich
den Preis, den die KMeinbäcker und auch die Hammerbrotwerke gern
afzeptierten. OD, fie taten c8 — wie denn nicht? — mur im Intereffe
der Aıfditer und wollen fogar ein: oder da3 anderemal in befonders
frafjen Fällen den profitgierigen Brotkapitaliften zugeredet Haben, das
Brot etwas billiger zu geben; denn die Hammerbrotwerke find nun ein-
mal al8 ein gemeinnüßigeS Unternehmen, weldjez das Dekforum zu
wahren hat, gehalten, dieje Gemeinnüßigkeit wenigjtenZ von Zeit zu Zeit
zu marfieren. Zwar Hätten fie den Konfumenten weit mehr nügen
fönnen, wenn fie die übrigen Broterzeuger ganz unter fih gelafjen und fich
au nit indirekt mit ihnen verftändigt Hätten; wenn ie fih die felb-
ftändige Preisbeftimmung nicht nur theoretij vorbehalten, Jondern
praktijgH im Sinne ihres gemeinnlgigen Zwedes durchgeführt Hätten,
wenn die Hammerbrotwerle im eigenen Wirkungsfreije, ganz ohne Rüc-
jicht auf die Kalkulation des Fabhrifenkartells einen niedrigeren Preis feft
gejeßt Hätten. Das Hätte aber -nicht nur die brüderlidge Solidarität mit
den privaten Broterzeugern geftört, fondern Hätte dieje vielleicht gar zu
niedrigerer Preiserftellung provoziert, und da3 mußte im allgemeinen
wie im Befonderen Interejfje der Brotwucherer unter allen Umftänden
vermieden werden! So Konnten fi aljo die Broterzeuger aufeinander
verlaffen; fie garantierten fich gegenfeitig nicht bloß einen von der Res
gierung lange Zeit geduldeten Höchftpreis, jondern einen jehr Hohen
Überpreis. Die Hammerbrotwerfe waren ficher, nicht von der Ankerbrot-
jabrif und den übrigen Bäckern unterboten zu werden, umgekehrt er-
freuten fig — eine Hand wäfcht die andere — Ddiefe der Sicherheit,
nicht von den Hammerbrotwerfen Fonkurrenziert und von der Arbeiter-
prefie nicht gefholten zu werden. €3 war ein profitables Gegenfeitigkeits-
verhältnis. Ging der Preis in die Höhe — nun, dann war dies eben
Schuld der Getreidejpekulanten, der Mühleninduftrielen, der Bäcker
gehilfen, vor allem ver „Seipel-Sanierung“ und Regierung, Diefe hätte
die Höchftpreisfeftfegung durch die Fabriken fanktionieren follen. Preis
prüfung? Preistreibereigefeß ? Das mar gut genug, der Maffe die Augen
auszuwiichen.
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Vom Brotpreis und Bäderprofit.

38
Wenn aber weder Wobau der Zölle und Steuern genügt, um
den Brotpreis zu ermäßigen, und wenn das Nachtbadverbot, da e$
jelbftredend nicht gegen den Willen der Arbeiter aufgehoben werden
fann, die Produktion der dritten Arbeitz[chicht vereitelt, was bleibt dann
noch zur Herabjebung des Brotpreijes anderes übrig als die Verminderung
des MBäckerprofits ?

Biertes Kapitel.
Zom Brofpreis und Yäckerprofik.
Nach einer alten, jahrzehntelang erprobten Srundregel hHandwerks-
näßiger Bäckerkalkulation Jo der Brotpreiz gleich fein dem Preifje des
in gleiger Gewichtzmenge Hierzu verwendeten Mehles. In Prag, in
der ganzen Tjchehoflowakei ift die Fejtjegung der Brotpreife nach diefer
Borfchrift behördlich geregelt. In allen größeren Haupt» und Landesftädten
Italiens, Frankreichs und Deutfhlands und anderen ftimmen die Brot-
preife nach diefem Schlüffel überein. Nur Wien bildet Hier eine unrühm-
liche Nusnahme. Nach diejer Kalkulationsregel und unter Berückfihtigung
des Wiener Mijchungsverhältnifjes von 75 Prozent KRoggen= und
25 Prozent Weizenbrotmehle Hatte gemäß den börfenmäßigen Preis-
notierungen zu Anfang Dezember 1924 ein Normallaib gutes Wiener
Schwarzbrot im Gewichte von 126 kg bei Verwendung von Primas
Roggenmehl zum Preife von 6600— 6700 Kronen und einem Weizen:
5rotmehl von 5700—5900 Kronen, Höchftenz 8100—8200 Kronen
foften dürfen. Der Brotpreis der Wiener Bäcker beträgt aber tatjächlich
3700 Kronen per Normallaib. Die Bäckermeifter Haben jene alte Kalkulations-
arundlage zur Erftellung des Brotpreijes abgelehnt, und als fie von der
Regierung vorgefhlagen wurde, jOrien fie Zeter und Mordio,
Yrohten mit der Einftellung der Broterzeungung und waren jelbjt mit einem
5—10prozentigen Zujchlag nicht zufrieden. Tatjächlich wird aber von
Rreßburg, MiftelbachH und anderen Orten von Nieder- jowie aus Yber-
öfterreich gute&amp; und reines Kornbrot im gut ausgebacenem Zuftande im
Sewichte von 21/, kg, aljo doppelt jo {Hıver als der Wiener Normallaib
iranfo Wien geftellt um 2000 — 2500 Kronen billiger angeboten und teilweife
au an große Konfjumanftalten, wie die Lebensmittelmagazine der Bundes-
bahnen, Kranfenhäufer und foziale Fürforgeanftalten geliefert. Der
Brotwucher in Wien fteht in ganz Mitteleuropa einzig da. Iede Lohn-

Raff, Gegen den Strom! Geft 1/2.
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        Bom Brotpreiz und Bäderprofit.
erhühung, jede neue Teuerungszulage für Arbeiter und Angeftellte, jede
Erhöhung der Arbeitslojenunterftügung zerrinnt in Micht3, wenn die
Bäcker und Brotfabrilen Ihon vorweg einen Übergewinn von 800 bis
1000 Kronen per Laib Brot einhHeben, fi damit bereichern oder neue
yabriken und Bäckereien ankaufen, erweitern jowie ihre Verkaufsftellen
auf das Iuyuriöfelte ausftatten und die Brotpreife Monat für Monat
ins Ungemejfene fteigern.

Wa die Broterzeuger ermuntert Hat, den weit über daz Vorkrieags-
niveax hinau3 valorifierten Preis ihrer Produkte fejtzuhalten, war nicht
bloß ihre Profitgier, auch die Indolenz der Bevölkerung und die
Schwäche der Regierung, ferner die Verftändnislofigkeit der Induftriellen
und deren Arbeiter, welde an einer Fräftigen Herabfeßung des Brot:
preijes das denkbar ftärkfte Interefje Hätten; nicht zuleßt die Schwierig:
feit, den Brotwucher ziffernmäßig nachzuweijen. Die Bäckermeifter, die
zumeift überhaupt keine Bücher führen, wifjen ebenfo wie die Fabrikanten,
die über den notwendigen Apparat verfügen, daß e3 für einen Außen-
ftehenden überaus fjhwer ift, in das Dunkel ihrer gefchäftlidhen Kalkulation,
jo einfach fie auch auszufehen fcOheint, einzudringen, und da fie überdies
durch die bis vor Kırzenr geduldete Mayimierung des Brotpreifes in
harmonijcher Solidarität Kartelliert und dadurch von der Konkurrenzierung
und dem gegenfeitigen Abtreiben der Kunden gefidhert waren, jo Haben
fie den Vorteil der Preiskonvention, die fie gegen „Schhmußkonkurrenz“
und Verrat der Sefchäftsgeheimniffe fo trefflig {Hübte, Jhüäben gelernt.
Erjt das Eingreifen der Wirt/haftspolizer Hat den Schleier, der Über
den Kalkulationzmethoden der Bäcker gebreitet war, einigermaßen gelüftet.
Durch die Aktion der Behörde erfuhr man, daß außer denı einbekannten
Reingewinn von 1/, Prozent per Laib recht anfehHnlidhe Gewinftquoten
da und dort verftekt werden, daß kaum einer der wichtigen Poften, aus
weldjen fih der Brotpreis zujammenfeßt, ohne mehr oder weniger be:
trächtlide Zujäge geblieben ijft. Diefe ANufplufterung mag zum gefamten
Habitus des Berufes gehören; vom Standpunkt einer reellen Kalkulation
ft fie natürlich nidht zu begründen. Denn diefe eigenartige Inflation ift
e8, welche den Preis des Produktes fo aufgetrieben Hat, wie das kein
noch jo gutes Backpulver zuwege brächte,

Die Sache fängt glei bei der Eindedung mit Getreide, beziehungs-
weije Mehl an. SGewiß werden nicht immer günftige Einkäufe getätigt,
aber die Regel ift es doch, und da, wo mit dem Büäckereibetrieb eine
Mühle verbunden ift, ergibt fi nicht nur die Gelegenheit zu vor-
teilhaften Langfriftigen AWbfjhlüffen, Jondern auch zu Schiebungen aller
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        Bom Brotpreis und Bäcerprofit, 35

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Art, Befonders für Kapitalsfräftige Fabrikanten ermöglicht dieS eine
(ufrative Kalkulation, die fihH dann beim eigentlichen Backprozeß fortjebt.
Hier öffnet fih eine Hauptquelle des verfchleierten Gewinnes, die für
den Laien nicht ohne weiteres erkennbar, dafür um fo fleißiger von dem
geriebenen Brotinduftriellen und ihren Direktoren auZgenüßt wird. Das
heim Brotbacen verwendete Mehl hat nämlig die Eigenjhaft, beim
Anrühren des Teige8 ganz beträchtliche Wafjfermengen in ih aufzunehmen
oder zu binden. Diefe Wajjermenge jchwanfkt je nad Provenienz und Qualität
des verwendeten Mehles. Die Wiener Mehlmijchung für Schwarzbrot
beträgt in der Regel Drei Teile Koggenmehl und einen Teil fogenanntes
Weizenbrotmehl (75:25). Ein jolches Mehlgemiih von trodenen Mehl-
jorten GHergeftellt Hat einen natürlichen Feuchtigkeitzgehalt von durch-
jhnittlih 12 Prozent und nimmt auf je 100 kg Mijchmehl 62 bis
70 kg Wajfer beim Anrühren des Teiges auf. Die Wiener Bäcker und
Brotfabrifen rechnen aber bei allen ihren Kalfulationen nur mit einer
Wafjeraufnahme von 60 kg auf 100 kg Brotmijhmehl. Einen derart
geringen Wafjerzujaßg nehmen nur ganz fchlechte oder feuchte Mehle,
die bereits bis zu 23 Prozent TVeuchtigkeitsgehalt Haben, auf. Ie befjer
die Yualität des BrotmehleS ift, defto größer kann der Wafjerzujaß
jein, defto geringer ijt aber auch das zu einem Laib Brot benötigte
HZuantum Mehl, fo daß alfo das teurere, beziehungSweife befjere Mehl
fig reichlich rentiert. Daraus erklärt e&amp; ji, daß — obgleich das Yrot-
gewicht Heute mit 1°26 kg für den Qaib normiert ift, Hierzu nicht
92 dkg, fondern nur 86 dkg und weniger Mehl benötigt werden, und
daß demnach der Profit der Bäcker aus diefer UYutelle einer irreführenden
Kalkulation am diekjten fließt. Das wußten fon die ehrfamben Meifter
der Bäckerzunft in früheren Jahrhunderten. Diefjen würdigen Vorfahren
unjerer Broterzeuger eifert die lebende Generation der Bäckermeifter
eifrig nach und nicht nur fie; noch energijcher tun dies die p. t. PriVi-
fegierten Brotfabrikanten, ob fie nun mit dem Bundes- oder mit einem
Rarteimappen al? Schugmarke geziert find. ES find die umgefehrten
Erijpinufje. Während der Heilige Crijpin Leder ftahl, um daraus den
Armen Schuhe zu machen, {Huipfen fie den Armen ein biz zwei oder
auch mehr Dekagramm Mehl, wa3 je nachdem 600—1800 Kronen her
Laib ausmacht (und in Wien werden täglich !/, Million Laibe fonfjumiert),
um fich zu bereichern. Wer das bezweifelt — beftreiten werden e&amp; NuUr
die „Intereffenten“ — der muß fich die Mühe nehmen, die Preisbildung
im einzelnen zu erforfchen. Er wird {ih überzeugen: Wo immer € unter
iraendeinem nlaufiblen — eventuell auch nicht plaufiblen — Vorwande
        <pb n="42" />
        36

Bom Brotpreis und Bäderprofit.
angängig, werden wie beim Mehl hei den diverjen Roh- und Hilfsftoffen
jowie bei den Materialien Rifikozu/dläge aufdividiert, ein Vorgang, der
— wenn man nicht wüßte, daß er einen Mißbrauch darftellt — der
SefhHäftZtüchtigkeit der Broterzeuger ein ganz eigenartige Zeugni3 aus-
itellt. Soviel Kümmel, Salz 2. als dem Konfumenten in der Brot
falfulation der redlichen Broterzeuger aufgerechnet werden, kann er gar
nicht verzehren; foviel Kohle und Holz Können gar nicht verbraucht,
joviel Reparaturen und jonftige Sachzuwendungen gar nicht in Frage
"ommen, als da in dem von den Broterzeugern benüßten Kalkulations-
ihema, welches fie irgendwelden von ihnen übers Ohr gehauenen Be-
Jörden abgelıftet haben, aufjcheinen. Das ft nicht der Bedarf für je
100 Qaib Brot, jondern mindeftenz für 120 Laibe, Selbft wenn man
zugibt, daß Heute Getreide=- und MehHleinkäuje Kfojtjpieliger und riskanter
jich abwideln, dürften foldhe Aufjchläge nicht erfolgen, weil fonft eine
Apotheferrehnung darau3Z wird, deren Methode jihH fchließlichH auch
andere SGefchäftsleute mit demjelben Rechte bedienen könnten. Daß man
Bilanzen frifiert, ift ein im Kommerzleden allgemein gelübter Brauch.
Neu erfheint diefes „Korrigieren des Slüds“ bei der Aufftelung von
Ralfulationsgrundlagen, die für das unentbehrlichtte Bollsnahrungsmittel
in Verwendung kommen fjollen.

Da3Z muntere Biffern]piel muß aber noch genauer röntgenijiert
werden. In ihrer Kalkulation gehen die Brotfabrikanten und ihre Affiliierten,
die Bäckermeifter, weldhe nach ihrem eigenen Geftändniz zu einer felb-
jtändigen Preiskalkulation nicht fähig find, bei ihren Beredhnungen nicht
von 100 kg Brotmehl, fondern von 100 Laib Brot aus. Damit ift
zum nicht geringen Teil der Profit bereitz vorweggenommen. Denn Brot
it ja fon das Fertigprodukt, weldhes man aus einer ziemlich fYwanken-
den Mijdung von Mehl und Waffer erhält. Eine richtige Kalkulation
muß beim Halbfabrikat, dem Brotmehl, beginnen, jener Mijchung, aus
der das gewöhnliche Wiener Hausbrot hHergeftellt wird. Auf diefe Mijchung,
deziehungSweije das Verhältnis zwijchen Koggen- und Weizenmehl und
deren Qualität und Ausmahlung fowie Wafjeraufnahme fommt e8, wie
gejagt, bei der Beurteilung der Sache vor allem an. Wir fegen nun
einen mittelgroßen mit Mafchinen arbeitenden, einen fogenannten Mufter-
betrieb voraus, der — wenngleich ohne eigene Mühle und demgemäß
ohne den Gewinn aus der Getreidevermahlung und dem Kleinverjchleiß
— mit dem in der Borkriegazeit üblichen Nukben geführt wird und eine
ardnungsmäßig eingerichtete Buchhaltung hat, die fonft bei den Klein-
betrieben ganz fehlt und bei dem mittelaroßen oft auch in einem frag:
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Bom Brotpreis und Bäderprofit.

37
mentari[den Zufjtande fihH befindet. Wir jeßen ferner voraus, daß ein
Brobebacken unter Kontrolle ftatigefunden und eine volfommen richtige
Berehnung ermöglicht hat, die auf anderem Wege nicht zu erzielen ift.
Hierbei ergibt fich, daß bei einer Mijdhung von 85 kg Roggenmehl und
15kg Weizenmehl, zujammen aljo 100 kg Brotmehl, mindeftens 116 Laib
Brot im Totalgewichte von 1468 kg ausgebaden werden. Die Recdnung
itellt fich dann, wie folgt: Moggenmehl 85 kg a 5450 K per Kilogramm
%ofteten laut Börjennotierung vom 5. September 1924 463.250 K; die
15 kg Weizenmehl &amp; 5200 K erforderten 78.000 K. Dazu kommen
2 kg Salz zu je 4300 K; 0:12 kg Kümmel zu 40.000 K das kg. Der
Arbeitslohn ftellt fich auf 43.270 K, und zwar unter Zugrundelegung
ve8 damalz Höchjten Wochenlohnes von 510.000 K verdient ein Arbeiter,
Ser in einer Schicht (8 Arbeitsftunden) bis 228 Laibe, in 6 Arbeitstagen
aljo 1368 QLaibe herftellt, obigen Betrag. Nebenbei bemerkt: Der Nus-
fall der Nachtichicht, weldher fichH bejonders am SamStag {ühlbar macht,
erfordert in größeren Bädereien am legten Wochentage die vorübergehende
Einftellung von Hilfakräften, um daz für Sonntag, beziehungSweife
Montag erforderlihe Brotquantum zu fichern, woraus fich auch der Höhere
Arbeitalohn auf den Laib Brot gerechnet, erflärt. Dazu die Gehalte
der übrigen Angeftellten (Büroperjonal, Gejdhäftsführung) im Ausmaß
von 1690 K für 116 Laibe. Die fozialen Laften beziffern fih für
116 QLaibe mit 4330 K. Zur Beheizung eines BackofenS mit einem
Faffungsraum von 200 Laiben find durchehnittlih 261/, kg Steinkohlen
nötig, für 116 Laibe aljo 16 kg; infolge des Umftandes, daß der Dfen,
welcher in der Nacht auskühlt, immer wieder frijhH angeheizt werden
muß, erhöht fiH das Kohlenquantum auf zirka 23 kg, fomit die Koften
auf 18.800 K. Sasverbrauch, Kraft: und Lichtftrom berechnet unjer
Sewähramann mit 960, 2400 und 760 K, den Wafferkonjum mit 60 K;
die Zufuhrfpejen mit; 16.240 K, den Rabatt für Wiederverkäufer
(400 K pro Laib) mit 46.400 K. Berückfichtigt man noch: Reparaturen,
Amortifationen, Berzinjung des Betriebskapitals, Schhwund, aus welchen
Boften ftille Rejerven gleichfalls gefpeift werden, und fonftige Risken und
jeben wir für diefe Aufwendungen eine erfahrungsmäßig fejtgeftellte Luote
von 13:7 Prozent ein; billigen wir jerner dem Unternehmer, die laut
Ralfulations-Schema mit einem Reingewinn von !/, Prozent fig zu
degnügen vortänfchten, einen joldjen von 3 Prozent zu, Jo ftellt fich der
RXaib Brot in der angegebenen Zeit auf hHöchftenz 7000 K.
(Die vorftehenden und folgenden Ziffern {ind nach Überprüfung
achverftändigen einem folden mittleren Bädereibetriebe entnommen.)

durch einen Buche
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        BL

Bom Brotpreis und Bäckerprofit.
Selbitfojtenberedhnung
ir 116 Qaib Brot aus 85 kg Ia-Roggenmehl und 15 kg
Börjennotierung am 5. September 1924.

Meizenmehl nach der

A
35 kg RNoggenmehl 00 ä&amp; 5450 K

15 „ Weizenbrotmehl &amp; 5200 K

2°5 „ Salz ä 4300 K

312 „ Kümmel ä 40.000 K .

Arbeitslohn für einen Arbeiter, der in achtftüändiger Arbeitsjdhicht
298 Qaib Brot zu erzeugen Hat und 510.000 K Wochenlohn erhält

yavon find an Krankenkafie, Mrbeitslojenunterftügung, Arbeits-
nachweis und Kinderzulage rund 10% . . 4

an Unfallverfiherung » . .0. 0.000000 000454

BacofenhHeizung zirka 23 kg ä 810 . .

Yasverbraug . .

RAraftfirom . .

Zichtfiram . .

Wafferverbrauch

. 463.250
78.000
10.750

4 800

43.270

4.330
1.240
18.800
960
2.400
760

60

356.800

15.480

292,986

7,000 000
6,000.000
5,000 000
1,000.000 3}.
2,000.000 K
1,200.000 K
25 Arbeitstage a 100.000 Laib macht für 116 Laib Brot 36,400.000K= 1.690
Zyfuhripefen für 116 Laib Brotmehl 26. . . . . . 16.240
Kabatt für Wiederverkäufer . . . .. +4 + 4 + 46.400
42 °/, Reparaturen (28 °/,)*) .. . +. 30.1380
L°8 %/, Amortijation (16%) . . 0.0.0004 04 04 12 900
4°3 °/, Generalregien und allgemeine Spejen (2°5 °/). . 30.850
1:4 °/, Wäjde und Kleidung (1°2°%) .... 10.600
2 9% Manko und Ausjhußrifilo . . . .. 0.0.0000 0 00 14'300 98.780
Summa . . 791.780
9:6 % Binfenaufmand für BetriebSkapital . . . . 4.750
116 Laib Brot Koften . . 0.000040 04 AH He HH + + 796.480
oder 1 Laib Brot koftet 6900 K ohne bürgerlichen Nugen.
In der Nr. 8 der Mitteilungen der Prager Handels= und Ger
merbefammer vom 31. Auguft 1924 findet fih eine auZgezeihnete
Ralfulation des Brotpreijes, €E3 ift ein AuZzug aus dem Gutachten eines
Facdmannes8, das in einer Beratung, an der fih Vertreter der Bücker,
Ronjumenten und Arbeiter beteiligten, einmütig al3 genau und gründlich
anerfannt wurde und alz Grundlage für die Überprüfung der Srtlichen

*) Die in NMammer beigefügten Prozentjäge find die wirklih errechneten Regien
in rozenten. Für unferen Zwed murden durchwegs Höhere Ziffern in AUnfchlag gebracht.
        <pb n="45" />
        Bom Brotpreis und Bäckerprofit. 39
Ralkulationen durch die politijdhen BezirkSbehörden dient. "Der Fach:
mann gelangt zu folgendem Refümee: „Nach den vorgenommenen Vers
iuchen bewegt fich die Backausgiebigkeit, daZ Heißt das Verhältnis zwifchen
Brot und Mehl um 140 Prozent herum. Eine Erhöhung diejer Er.
giebigfeit ift namentlid durch Beimijhung von Weizenmehl zum Roggen-
mehl möglich. Wird Weizenhintermehl beigemengt, {ft die Erhöhung
nicht bedeutend. Wird aber Weizenvordermehl (Nr. 1) zugejeßt, para-
{yfiert wieder der (Höhere) Mehlpreis vollftändig die größere Crgiebig»-
feit. Der Heutige Brotpreis entfpricht dem Börjenpreis von Mehl
“Roggengleidhmehl); e3 ift daher Heute einzig berechtigt, daß 1 kg Brot
‘Rornbrot) für I kg Mehl verkauft werde, worin bereits ein fünf
prozentiger bürgerlidger Gewinn einbezogen ift. In dem Falle,
daß die Erzeugung noch mit der Erzeugung von Luzusgebäck kombiniert
mird, muß der Preis höher, das Heißt der Gewinn Höher fein.“

Unfere Regierung bot den Bädern diefe Kalkulationsformel mit
einem Aufichlag von weiteren 5 Prozent an. Die Herren Haben aber
dieje Formel abgelehnt, ihnen genügt alfo ein bürgerlicher Nußen von
LO Prozent nicht. Wir aber jagen: Wer mit diejer Hormel: Mehl-
prei8 gleich Brotpreis nicht auzkommt, der verrät damit eine ungezligelte
Profitgier oder aber fein Unvermögen, eine Bäckerei Sfonomi[dh-rationell
‚u führen. Auf alle Fälle ift ein Nußen von 3 Prozent, wie gezeigt,
reichlich hoch.

Allein wir wollen in unferer Konjumentennoblefje — leben und. leben
fafjen! — den p. t. Aktionären der Brotfabrifen nach reichligen Ab-
iOreibungen, Riskenzujchlägen 2Cc. einen noch Höheren Profit zubilligen
und die GefteHungsSIoften mit 7500 K pro Laib annehmen, wiewohl
28 mehr al? fraglich ift, ob gerade bei Brot ein jo ftark valorifierter
Gewinn gerechtfertigt werden kann. Denn die Tatjache, daß das Wiener
Brot vorher Jhon Jeit Jahr und Tag beträchtlich überteuert ft, darf nicht
vergefjen werden und e&amp; wäre längft am Plabe gewejen, die Kriegsver-
diener, die das Doppelte und Dreifache von dem, was anderen Vebens-
mittelhändlern eine Verurteilung nach dem Preistreibereigejeß zugezogen,
zinfaden und gleichfalls der Preistreiberei fhuldig find, verurteilen zu
(afjen, wenn — nicht der Grundfag gelten würde, daß man Bloß die
Heinen Diebe einfperrt ... . Sie wollen unZ jogar einreden, daß aus
100 kg Brotmehl HöchHjten8 112 Laibe Hergeftellt werden Können. Im
Militärbäückereien it daZ niedrigfte Waffer-Mijdhungsverhältnis 100 : 65,
mas die Herftellung eines Brotes von gutem Gefjdmack und hohem Nähr-
wert ermöalicht. AlMerdinaZ it in einer Militärbäckerei jedes Iapita-
        <pb n="46" />
        10

Xom Brotipreis und Bäderprofit.
[iftijdhe Interefje ausgefchaltet. Dafür haben wir aber auch in unferer
Berenung nur einen dreiprozentigen Reingewinn anaenommen, während
er in Wirklichkeit weit Höher ift.

Durch die bis vor kurzem Hblihe Marimierung des Brotpreifes, für
deren Beibehaltung sans gene gerade die Kriegsverdiener {ih einjebten,
war den Broterzeugern die Mühe der Kalkulation abgenommen. Sie
brauchten auf die alten Säge immer nur die neuen Prozente aufzutürmen
und die „Kalkulation nad oben“ war fertig. So wurden fie ihre
Verantwortung und die auf Lohn und einen {tabilen Brotverbrauch an-
gewiejenen Konjumenten ihre „ftabilifierten“ Kronen 108. Die Bäcker:
meifter fonnten fich hierbei auf die von ihnen einft- fo angefeindeten
Brotinduftriellen völlig verlaffen. Sie waren (und find auch Heute) mit
ihren intimen Feinden ein Herz und eine Seele. Die alteingebürgerte
Kalkulationsmaxime, wonach der Preis des Brote dem Werte der gleichen
Sewichtsmenge des Hierzu verwendeten MehleS gleichzufeßen fei, ift längft
aufgegeben worden, denn in die Spannung zwijden Brot und Mehl-
preis haben fidh Kegien, Spefen, Zu- und Auffhläge aller Art in einer
Höhe eingeniftet, die vordem unbekannt war und auch jeßt nicht völlig
glaubhaft erfcheint,

Dieje Erjdheinung datiert nicht erft feit dem Kriege, fie war fhon
in der FriedensSzeit zu beobachten, wenn auch nicht in diejer Deutlich-
feit. Niemals folgten die Brotpreije rajch und unmittelbar den Sen-
fungen der Getreide», beziehungsweije Mehlpreife. Wber in der Nach:
friegSzeit gejdhah das Fallen der Brotpreije noch widerwilliger. Ia es
zeigte fih, daß, wenn fon nicht die Spannung zwijdhen Getreide,
Mehl und Brot, fo die zwijdhen Brotmehl und Brot immer größer
wurde, eine Tatjache, von der fich jeder überzeugen kann, der die Statiftik
der SGetreide-, Mehl- und Brotpreife zur Hand nimmt, und die nur
daraus zu erflären ift, daß vor allem die Yuote des bürgerlichen Nubenz,
die auf da Brot nebft den Lodn- und Sachregien daraufgefchlagen
wurde, undverhältnismäßig anjhwoll. In der Nationalverjammlung hat
der Minijter für Landwirtihaft am 12. Iuni 1923 das Ergebnis von
Erhebungen mitgeteilt, die folgendes befagen :

„Nach den amtlidhHen Notierungen der Wiener Börje Koftete am 1. Dezember 1922
inländijder Roggen 3625 K per kg, am 1, Juni 1923 Koftete der Roggen 3400 K,
alfo eine Berbilligung von 225 K per kg. Am 1. Degember 1922 Koftete der Laib
Brot 6900 K, am 1. Juni 1923 Koftete er 6780 K, fo daß da3Z Brot um 120 K
billiger geworden ift. Am 1. Februar 1923 Koftete der Roggen 3950 K, am 1. Juni
1923 3400 K, daher ijt der Moggen um 550 K per kg im Preife gefunken. Das
Brot fofltete am 1. Februar 1923 6750 K und am 1. Suni 1923 6780 K; das
        <pb n="47" />
        Bon Brotpreis und Bäcerprofit. 41
Rilogramm Roggen ift um 550 K billiger, das Brot ift aber in der gleichen Zeit um
30 K teurer geworden. Um 1. April 1923 Koftete der Roggen 3700 K, Wenn ih als
Stichtag den 1. Juni annehme, wo der Roggen 3400 K Koftete, fo bedeutet das gegen»
über dem 1. April 1928 eine Verbilligung von 300 K. Um 1. April Koftete das Brot
56380 K, am 1. Juni 6780 K, fo daß der Moggen um 300 K billiger, daß Brot
jebodh um 150 K teurer geworden ift. SZeßt win Ih nodh einen Vergleich ziehen zwijchen
den Prozentanteilen von Mehl und SGeftehungspreifen an dem Vrotpreife heute und im
Jahre 1914. Wenn id den Roggenmehlpreis mit 14.400 öfterreichtfhen Kronen valo-
rifiere nnd mir vor Augen Halte, daß aus 90 dg Mehl ein Laib Brot im Gewichte
von 1260 g erzeugt wird, und feftftelle, daß das Mehl zur Erzeugung eines Laibes
Brot in diejem Gewichte im Jahre 1914, valorifiert, 4212 Heutige K Koftete, Iomme
9 zu folgendem Schluffe: Jm SIahre 1914 murden bei der Erzeugung eines Laibes
Brot im bezeichneten Gewichte 781 Prozent an Mehl aufgewendet. Die SGeftehungs-
fojten Jamt dem Nugen des Erzeugers außerhalb des Mehle8 waren 219 Prozent, Am
1. Juni 1928 fofteten 90 dg Roggenmehl 4410 K. Die Aufmendung war bei einem
Laib Brot an Mehl 65 Prozent und an anderen GSeftehHungskoften 35 Prozent. Auf
diejen Gebiete {ft alfo eine Verfchiebung eingetreten. Die Verihiebung kann ja ver-
Iiedene Urfachen Haben. Zunächft einmal in der Broterzeugung an und für fih. Es
wird behauptet, daß zur Erzeugung von 100 Laib Brot durchinittlih 32 kg Kohle
otwendig find. In der Vorkriegszeit wurde für 100 Latd Brot bedeutend weniger
Rohle aufgewendet, weil die Kapazität des Unternehmens — fei e8 ein Bädermeifter
oder ein Großbetrieb — bedeutend beffer ausgenüßt wurde.”
Der Abg. Elderfch verfuchte, einen Teil diefer Angaben zu wider-
legen, indem er für 1914 einen Mehlanteil von 63:6 Prozent des Brot-
preifes, für Juni 1923 einen foldjen von 65 Prozent berechnete, wonach
li die Regien von 36:4 auf 35 Prozent vermindert hätten. Auf den
Rernpunit der Frage, ob nämlich auch der VBäckerprofit eine Senkung
erfahren habe, ging er vorfichtshalber nicht ein. Erwmägt man, daß gemäß
der von den Broterzeugern vorgelegten Preiskalkulation vom 8. Mai
1922 der Mehlanteil 72 Prozent, im November 1922 67:8 Prozent,
;m März 1924 60 Prozent, im Iuli 1924 57:5 Prozent betrug, dann
jieht man, daß e3 neben dem ausjchlaggebenden Mehlpreis noch andere
aktoren gibt, die den Brotpreis hHinaufregulieren. Eine weitere Unter-
inchung zeigt, daß nicht jo fehr die Lohn- und Sachregien, al8 vielmehr
der „bürgerlidhe“ Gewinn der Brotfabrikanten und Bäcker diefes Wunder
sollbringt.

Wie jehr in der leßten Zeit der Brotpreis vor dem Mehlpreis
KReißan® genommen hat, wird aus nachftehender Aufftellung erfichtlich.
So jwierig e8 ift, das fjtatiftijche Ziffernbild zu deuten, fo unzweifel-
Jaft geht daraus Hervor, daß fih der Brotpreis nur zögernd, wenn
überhaupt, der Bewegung der Getreidepreife anpaßt, wenn fie nad unten
ührt. Ganz anders, wenn diefe fih aufwärts bewegen: dann fchnellen
        <pb n="48" />
        Bom Brotpreis und Bäcerprofit.
die Brotpreije mit einer bewunderungswürdigen Präzifion hinauf. Bloß
in den legten Monaten Hat der Druck, unter dem die Broterzeuger durch
Breffe und Regierung gehalten wurden, hiervon abgehalten. Und noch
mehr! Auch die Spannung zwiichen Getreide- und Brotpreis Hat fich
zeitweilig {tarf vergrößert. Obgleich die MehlauZbeute infolge verbefjerter
Technik reichlicher geworden, muß der Konfument für die Umwandlung
von Getreide in Brot mehr al? früher bezahlen. Hierbei fpringt es in die
Augen, daß die Steigerung vornehmlich auf das lebte Stadium ent-
jällt, den daz Kohmaterial zu durchlaufen Hat, ehe e&amp; als Brot an den
Ronfumenten gelangt. SGetreide- und MehlhHandel madhen natürlich gleich»
falls ihren Schab. Allein felbit dann, wenn die Spannung zwijchen
Getreide und Mehlpreijen die Tendenz verrät, geringer zu werden, hat
der Konfument wenig oder nicht davon. Unter diefem Sefichtswinkel
betrachtet, fällt die Brotteuerung um jo jHwerer in3 Gewicht. Eine ein-
gehende Analyje der Preisbewegungen in dem legten Jahrzehnt würde
die befremdende Tatjache, daß die Spannung zwijchen Rohprodukft und
Backware gerade in der Nachkriegszeit fprunghaft größer geworden ift,
noch deutlicher machen. Das Halbjabrikat ifjt daran nur teilweife bes
keiligt; da auch die übrigen Materialkoften und Spefen nicht volfionmmen
zur Erfärung der vergrößerten Spannung hinreidhen, kann e&amp; nur der
Bäckerprofit jein. Er ift e&amp;, der der Brotteuerung den Stempel aufs
drückt und die Frage aufroNlt, ob die Brotverjorgung in den Händen
ijt, in welchen fie jeder wirt]aftlich einficghtige Menfch wünjhen muß.
&amp;8 wäre töricht, von den privaten Broterzeugern Mößigung zu ver-
langen, wenn feine foziale Macht fie dazu nötigt und die Konkurrenz
cationell betriebener Gemeinjchaftzbäckereien fehlt. Sind foldhe nicht vor-
Janden? Und wenn: Warum verjagen fjie? Das ift die Frage. Doch
betrachten wir vorerft noch die Zahlen der nebenftehenden Tabelle.
Das Bild verdeutlicht ein Vergleich mit der Vorkrieg3zeit: Im
eriten Halbjahr 1914 Koftete 1 kg Weizen 0:246 K, Roggen 0:197 K,
Koggenmehl 0:24 K, gemijchtes Brot 032 K; die Spannung zwijchen
Roggenmehl und Brot betrug 8 h. Im Oktober 1922 waren Die bezüglichen
Bahlen: Weizen 4290, Roggen 3525, RKoggenmehl 4987, Brot 5048,
die Spannung 61. Die übrigen Kalkulationspoften haben eine geringere
(wie Kohle) oder gar keine Steigerung erfahren (wie Löhne); e8 it der
Bäckerprofit, der übervalorifiert wurde.
Bedarf e&amp; noch weiterer Iluftrationsfakten, Indizien und Kom»
mentare? In dem Zeitraum von 2 Jahren (Oktober 1922 bis Mitte
September 1924) hat fih die Spannung zwilhen Mehlpreis und Brot-
        <pb n="49" />
        om GErotpreis und Bäderprofit.
Getreide und Mehlpreife per kg. — Brotpreis yer 1:26 kg.
(Monatsdurchichnitt in Kronen.)

Quellen:
Statijt. Nachrichten.
Rursblatt der
Sruchtbörie

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1923 *
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Öftober . . .
November . .
Dezember .

050[5100|1050|/3850 Seil es0l 52885 5670| 1881°5
‘15015050/ 900/380015250]1450! 5210°— 5700 1540 —
4200/4900| 7001375015150|1400| 5087:5 3650} 1562-5
1900/4850| 95013600/5000/1400| 4962-5 3630| 16675
3900/5100/1200/352514975|1450/ 5006°25 $880l 1873-75
3750/4800| L05013000'4500/1500| 4575:— 3780! 2205-—
3700/4650/ 950/2575/4200|1625| 4312:5 ‘6410’ 2097-5
3050/4300/1250/2100 3496 |1396| 3697:— 5930| 2233:—
130014250/ 950/2600/3750/1150| 3875:— 5820| 1945: —
3400/4400 ‚000/2700/3829/1129| 3975-75 16350! 2374:25
3225/4250 025/260014150|1550| 4175'— [6400 2295°—
96014150 3901274014325 11185| 4281-25 I6550' 9968:75

79
T
7€
74

73
68
67
52
66
63
65

64

3250/42201 370/280014550/1750| 44675 6700| 22325 666
3275/4270 19512925/4586|1561| 4567'— 7150| 2543:— 63
300/4150| 350/2975/4550|1575] 14450'— 7100| 2650:— 62°6'
*300/4150| 350/3100/4650/1550| 4525'— 7100| 2575°'— 637
4004050 550/3275/4710|1435! 4545°— |7100| 2555'— 64
1125/3960/ 835 /3025|4525/1500} 438375 se 271675 62
1175|4250/1075|2800/4975|2175! 4793-75 "7100| 2306°25 67
3950/515011200/3600/5511|1911| 5420:— 7800} 2380'— 69:5
3900. 5250/1350/3700/5692/1992| 55815 7900| 23285 ' 70
0 4350/6480 2180) 6285°— 7900) 1615'— 795
14450/5760/1310/4350/6550/2200| 68352 5 8700| 23475 73
1812 BnsolaGes 4400l6720 u. 6527°5 3700| 21725 | 75

preis von 1:2 Prozent auf 435 Prozent erhöht, die Spannung zwijchen
Brotfruchtpreis und Brotpreis von 33'5 Prozent auf 451 Prozent.
Der KoggenpreiS ftieg um etwa 9 Prozent, der Brotpreis dagegen um
35 Prozent. Kommt dies daher, daß die Regien im gleichen Ausmaß
jtiegen oder daß die Gewinnftquote einen unerhörten und ungualifizier-
baren Aufitieg nahın? Wie immer man die Sache anfieht: Die Brot-
preigfteigerung ift ein Standal, der zum Himmel Ichreit.
        <pb n="50" />
        Bom Brotpreis und Bäderprofit.
In diefer Beziehung {teht Wien einzig da. Denn ein Rundbliek auf
andere Städte zeigt, daß dafelbft die Broterzeuger {ih doch nicht fo
übernommen Haben, wenngleich auch fie reichlich verdienen. So betrug
der Brotpreis in Linz Ende Juli 1924 6600 K bei einem Koggenmehl-
prei8 von 4500 bi8 4600 K für Nr. 2; 4700 bis 4800 K für Nr. 1
und 5200 K für Nr. O und einem Weizenmehlpreis von 6000 bis
6400 K, Sn Innsbruck Mitte Uuguft 1924: Brotpreis 6400 K, Land-
Brot 5800 K bei einem KRoggenmehlpreis von 5900 und 6300 K,
Weizenbrotmehlpreis von 5900 K. In Brünn wurden (Anfang Auguft
1924) Qaibe im Gewichte von 1400, 2800 und 4200 g verkauft. Dort
gilt noch der Grundfag, daß der Brotpreis der gleiche ift wie der Preis des
Brotmehles von demijelben Gewicht, weldheS in 68 prozentiger Ausmah-
fung 220 K&amp; und mehr Koftet. In Prag ftellte fih im April 1924 ein Laib
Scywarzbrot zu 980 g auf 2:40 K&amp; bei einem Mehlpreis von 220 KE für
L kg. Das ergibt bei einer Umrednung auf Wiener Bafis einen um 930 K
höheren Preis in Wien als in Prag, obzwar dafelbft das Mehl um 345 K
teurer ift. Auch in Prag behält das vorhin erwähnte Verhältnis zwijchen
Brot: und Mehlpreis im großen und ganzen Geltung. In München ftellte
fich Mitte Juli 1924 der Preis für 500 g Hausbrot auf 0°18 (Gold) Mark,
YKtoggenmehl auf 23:50 Mark, die Fracht auf 4:38 Mark, Weizenmehl
auf 34°50 Mark, in Berlin Ende Iuli 1924 auf 28 (Gold) Pfennige für
L kg Noggenbrot bei einem Roggenmehlpreis (gute DurchiHnittsqualität)
von 24 Mark für 100 kg im Großhandel und auf 63 Pfennige für
Lkg Weizenbrot bei einem Weizenmehlpreis von 30 Mark für 100 kg
befter Yualität. Die Glorie des Wiener Brotpreijes überftrahlt dem-
nach turmhoch andere Großfjtädte. Nimmt man den Übergewinn nur
mit 1000 K pro Laib an, fo ergibt dies bei 100.000 Laib täglich
100,000.000 K, bei 500,000 Zaib Tagesproduktion 500,000.000 K,
bei einer JahHresproduktion 150.000,000.000 K, Der Tribut, den die
Wiener in ihrer Sndolenz an die Broterzeuger entrichten, weift alfo
wahrhaft aufreizende Dimenfionen auf. Im Verein mit der unverant-
wortlidgen Schlaffheit der Regierung und bei dem Fehlen einer wirkjam
preisregulierenden: Konkurrenz find die Krieg&amp;verdiener in der bequemen
Lage, auch in der Nachkrieg&amp;zeit Kriegsgewinne zu erzielen. Quousque
tandem? Wie lange noch fol der Abhröcklungsprozeß der Kauffraft
der Krone durch die Koalierten Bäcker fortgefegt und ihre Gönner be-
günftigt werden? Hat die Regierung fein Interefje daran, der Sabotie-
rung der öfterreichifchen Währung Einhalt zu tun? Soll der Inder noch
weiterhin iteigen? Will fie wie bisher den Velz wafchen, ohne ihn naß
        <pb n="51" />
        Rom Brotpreis und VBäderprofit.

AT

u machen? Etwa mit „Richtlinien“ oder mit ähnlidhem Mumpig dem
Brotwucher einen Schußbrief ausftelen? Will fie die volle Auswirkung
des Getreide- und Mehlzolles abwarten, um dann erft mit halben Mitteln
zaghaft die überbalorifierten Gewinne der Broterzeuger ein wenig zu
itugen? Oder Haben dieje einen fittligen Anjpruch auf eine Übervalori-
fierung des Profits, wie fie fonft in keinem Gewerbe vorfommen, weil
der Staat an diefem erhöhten Profit durch Höhere Steuereinnahmen
beteiligt ift. Oder aber will fihH die Regierung von den Brotfabrikanten,
deren Preispolitik jehr zweck und zielbewußt ift, etwa gar zu einer Auf-
debung des Nacgıbackverbotes drängen Iajjen, um den Profitjägern, die
felbft nicht auf ihren Übergewinn verzichten wollen, Gelegenheit zu bieten,
iore Hände in Unjhuld zu wajgen? Von der Beantwortung bdiefer
ragen hängt mehr ab, als fich die Negierung in ihrer Schulweisheit
und die Broterzeuger in ihrem Übermut träumen affen.

Der übermäßig Hohe Brotpreis, der für die Großitadt Wien ebenfo
Harafkteriftijch ft wie die Tuberkuloje („Wiener Krankheit“), die nach
einem ärztlichen AusfpruchH nur dem billigen Brote weicht, it vor allem
aus dem übervalorifierten Bäcerprofit zu erklären. Nicht umfonft begehrten
bie Broterzeuger aller politijhen Glaubensbefenntnifje von der Regierung
bie Wiederherftellung eine® amtlidH genehmigten Kalkulationsjchemas.
Hinter diejem Paravent ließ fichH die Beute, der übervalorifierte Brot-
preis, ungejehen verbergen. Wir haben Ihon erzählt, woher das treff-
liche Profitinfirument |tammt. Daz von der Landesbhehörde jeinerzeit im
Sahre 1922 zur Kenntnis genommene Kalkulationsichema, auf das fi
die Broterzeuger fo gern beriefen, wurde einfeitig von den Brotfabri-
Fanten aufgeftellt, ohne daß die Behörde vorher eine genaue Überprüfung
burdgeführt Hätte, wozu fie freilich mangels an Mitteln und geeigneten
Kräften gar nicht befähigt war. Diefes ganz einfeitig und bewußt falich
aufgebaute Schema wurde insbefondere im Sommer 1924 dazu benüßt,
um die vorgenommenen Preiserhöhungen plaufibel zu machen und den
mirkflidhen Heingewinn zu verfchleiern. ES hätte daher nicht erft der legten
Preiserhöhung im Anguft 1924 bedurft, um einen beträchtlichen Übergewinn
der Broterzeuger feftzuftellen.

Wenn nun fjhon die unvolljtändige Überprüfung des Brotpreiies
von 8000 K einen Übergewinn von 271 K ergab, dann ift es Har, daß
diefer Betrag keineswegs die wirkliche Übertenerung des Brotes aus
drückt. Zu diejer Überzeugung muß jeder objektive Beurteiler der Tat-
jachen gelangen, die für die Kalkulation des Brotpreijes in Betracht
fommen. Ausfchlaggebend für den lebteren find die Getreide: und Mehl-
        <pb n="52" />
        Bom Brotpreis und Bäckerprofit.
reife, danach kommen die Koften der Arbeitskraft, die Transport- und
Berteilungsipefen, die Kohle jowie andere Sachregien. Bon allen diefen
Ralkulations-CElementen unterliegen die Getreide und Mehlpreije den
itärfften Schwankungen. Während nun die SGroßhHandelSpreije für die
Brotfrüchte in der erften Hälfte 1924 bis Ende Iuli um etwa 15 bis
20 Prozent, die Arbeitslöhne um zirka 25 Prozent ftiegen, die Kohlen-
preije nur wenig fidh veränderten, erfuhr der YBrotprei jelb{t eine Stei-
gerung von mindejtenz 25—30 Prozent. Schon in früheren Jahren Haben
die Preiskurven für Brot, beziehungsweije für Getreide und Mehl fich
nicht weniger al8 parallel entwidelt; in der Kritifjgen Periode des
Jahres 1924 entfernen fie fih immer mehr voneinander. € ift nicht
anzunehmen, daß die übrigen Sachregien an diefer Steigerung jo wefjentlich
beteiligt find, mwenigitens ijt dies von keiner Seite, auch nicht von feiten
der Brotfabrikanten, behauptet worden. Vielmehr drängt fich der Schluß
auf, daß der unverhältnismäßige Reingeminn die außerordentlide Stei-
gerung des Brotpreije8 Hervorgerufen Hat und die angeblich hohen Her-
itelungsfoften dafür nur als Deckung dienten. Angeficht? diejes Sadh-
verhalte3, defjen Feftjtellung dem eingeweihten Fadhmanne feine befonderen
Schwierigkeiten macht, Fanız man fidh nicht des Eindrucke8 erwehren, daß
Die im Verband der Brotfabrifen organifierten Induftriellen in der von
der Regierung begangenen Unterlafjung einer gewiffenhaften Überprüfung
des Kalkulationsidhemaz eine Ertra-Konjunktur erblickten, die fie um fo
eher ausnügen fonnten, al3 auch fonft jede Kontrolle fehlte und die bis-
herige Anwendung des Preistreibereigefeges fie der Befürchtung, daß ein
Eingriff in ihre SGebarung zu gewärtigen wäre, enthob.

Unausweichlich wird diefer Schluß, wenn man das KRefultat der
von der WirtjhHaftapolizei in der zweiten AugufihHälite 1924 durchgeführten
Revifion inz Auge faßt. Bedenkt man, daß dieje Revijion durchaus
aicht alle Elemente der Kalkulation erfaßte und lediglich auf Grund der
von den beteiligten Unternehmern felbft gelieferten, diefen alfo gewiß
nit ungünftigen Angaben erfolgte, fo wird e3 ZU SGewißheit, daß eine
ganz unverhältnismäßige Überteuerung des Brotes vorliegt, für die auch
ohne Bezugnahme auf daz Preistreibereigefeß der Ausdruck „Wucher“
berechtigt erfheint. Diejer Über-Balkorifierung des in der Borkriegszeit
übligen Nubenz Haben fihH zum Teil audy jene Broterzeuger JQuldig
gemacht, die außerhalb des erwähnten Verbandes Itehen. Sie fällt um
jo mehr jdhwerer ins Gewicht, als bei den Kleinmeiftern der Nachteil des
geringen Umjages durch den Vorteil der niedrigen Kegien und andere
Ymitände weitaus kompenfiert wird, worauf auch die Zunahme der Klein»
        <pb n="53" />
        Vom Brotpreis und Bäckerprofit. 47
bädereien in den legten Sahren Hindeutet, und als die zutage tretende
Inveljtitionstätigkeit der großen Fabriken gleichfalls ein beredte3 Zeugnis
mür eine außerordentlidhe Rentabilität der Großbädereien ablegt.

Eine unwiderleglidhe Bekräftigung der vorftehend dargelegten Auf-
fafjung ergibt fih ferner au dem Umftande, daß nach Aufhebung der
amtlichen Marimierung des Brotpreijes, die die Kartellierung der Brot-
erzeuger geradezu legitimierte, jedenfalls erleichterte, bei einzelnen Betrieben
jofort eine Ermäßigung des Brotpreifes zu verzeichnen war und daß die
Bäckerei de Erften Wiener Konjumvereine3, der fihH der Preis-
verabredung der Brotfabrikanten überhaupt nicht angefchloffen hatte, von
jeher das Brot billiger lieferte — im wohltuenden Segenfage zu den
Arbeiterbäckereien, die die Preispolitik der Ankerbrotwerke gejdhämig, aber
ganz zielbewußt mitmachten.

Das Teilergebnis der Wirtfchaftspolizet, weldes deren RKevifion bei
der AUnkerbrotfabrif zutage förderte, war nur eine Stichprobe, aber
eine jolche, die die bedenkliche Überfhreitung der im Frieden üblichen
Sewinftquote auch bei anderen SGroß=- und Kleinbäckereien deutlich machte.
Nicht 1/, Prozent vom Brotpreis betrug der Gewinn, fondern das Zehn-
und Mehrfache. Übrigenz ergibt au das Halbe Prozent {hon bei
100.000 Laibe die runde Summme von 1:2 Milliarden im Jahr;
dazu der von der WirtjchHaftspolkizei mit mindeftenz 271 K errechnete
Übergewinn macht bei der einen Fabrik jährlich einen neuen Nußen von
10—12 Milliarden, felbjt nach Wbzug der überaus Hohen Steuern, die
aus diefem Übergewinne wieder dem State zufließen, au3 der Erzeugung
von Schwarz-, beziehungSweife gemifchtem Brot aus, jo dak der Gewinn
aus dem VBerfchleiß anderer Back und Mehlprodukte gar nicht erft Heran-
gezogen werden muß. UM diefe Erwägungen führen zwangsläufig zu der
Solgerung : der Brotpreis von S000K ift um — gering geredhnet — 10 Pro-
zent überteuert und involviert eine von keinem Gefichtspunkte au8 zu
rechtfertigende Schädigung der gefamten Bolfzwirtfhaft, welche an der
Stabilifierung au der inneren Kaufkraft der Krone interefliert ift, eine
Überteuerung, die fih rächen mußte nicht bloß an den Konfumenten,
Jondern auch an den Produzenten.

Naive Menjcdhen werden vielleicht fragen, wo blieb angeficht? diefer
Überbvalorifierung unfere hodwohlweije VBolksvertretung? Sie ging achtlos
daran vorüber. Nur der Abgeordnete Scheibein (Innsbruck) hat einmal
(gelegentlich der ZoNldebatte vom 3. September) die Sachlage mit einigen
Zahlen iuftriert. Er fprad von einer 17—20 taufendfachen Erhöhung
des Ladenyreifes, die offenbar für Tirol aqalt, wofelbit die Koalition der
        <pb n="54" />
        .

Vom Brotpreis und Bäderprofit.
Sroß- und KMeinbäcer gleihfall8 in Erjdeinung getreten it. Sonft blieb
alle8 ftumm. Die Herren VolkSvertreter Haben Wichtigeres zu tun. Die
Broterzeuger durften triumphieren, fie erfreuten fih des mächtigen Schußes
aller Parteien. Warum follten fie da ihre Preispolitik, die ihnen die
privilegierten Kriegsgewinne garantierte, nicht fortfegen? Vorteil treibt’8
Handwerk. Auch als die Regierung endlich mit JYwachen Händen eingriff, zeigte
jich die Solidarität der Broterzeuger mit ihren unterjhiedlihen Hinter
männern. Nicht daz Brotkartell, fondern defjen Auflöfung, die allerdings
unvoNlftändig blieb, wurde angegriffen. Und doch hätte die Sprengung
diejer bösartigiten Koalition, die je im Bäckergewerbe exiftierte, längft
zrfolgen fönnen und folen; denn um die wucherifche‘ Übertenerung zu
erfennen, würde e8 genügt Haben, die Malkulationsgrundlagen der für
den militärifjchen Bedarf arbeitenden Bäckerei der Bundesarmee zu
requirieren. Der ganze Schwindel des WuchHerjhemas, diejer veritablen
Sjelsbrüce für die Brotlieferanten, wäre dann plaftijh Herausgeftellt
gewejen und alle Welt Hätte gewußt, wie [Frupellos die Preiskalkulation
jür Brot auf Grund jenes SchemaZ fich geftaltete und welche Gefahr
die dadurch bewerkftelligte Preisdiktatur für die Wirtihaft des Einzelnen
mie der SGefamtheit einihloß.

Nichts dergleichen ijt jedoch gefhehHen. Man beichränkte fich auf die
Überprüfung des Brotpreijes für einen kurzen Beitraum und ließ die
vorangegangenen Verteuerungen außer Betracht, ohne auf den Kern des
Broblem3 einzugehHan und e8 in feiner Vokftändigkeit zu erfajjen *). Die
Broterzeuger Hatten eS infolge des angeblich amtlich gebilligten Kalkulation3-
ichema® bequem; fie brauchten auf die alten, übermäßig Hohen Säge nur
zinige Prozente aufzubauen, die an fih nicht einmal befonders hoch fein
mußten. Der Effekt blieb für unfjere Wohltäter ja doch nicht aus, weil
jie ja jchom vorfichtshalber früher fleißig vorgebaut hatten. Sede Heinfte
Steigerung der SGetreide- und Mehlpreije, der Kohle und der Löhne
wurde fruktifiziert, oft esfomptiert; der Meingewinn erfuhr auch dann feine
Schünälerung, wenn die Mehlpreije fielen; im Gegenteil: er {Qnellte
immer wieder in die Höhe. So kommt es, daß wir in Wien einen um
nicht weniger als 10—15 Prozent Höheren Brotpreis Haben, al in
der Sachlage begründet ijt und die Rentabilität der allermeiften Betriebe
erfordert. Trogdem fcheut die Regierung vor einem tatfräftigen Bremfen
der Rreistreiberei in der Heute ganz entgleiften Brotverforgung Wiens
*) Was freilih nur durch eine gründliche Enquete, die alle MehHl- und Brot-
mucherer mitjamt ihrem bunten Schwarm von Agenten und Nugnießern auf die Un-
Hagebank gedrückt hätte, möglich gewefen wäre.
        <pb n="55" />
        49
zurüd, Die Gründe für ihre JHwächlige Haltung Haben wir bereits
angedeutet. Der politifjch brenzlide Charakter des Problems, das ganz
unnatlirliche Allianzen gezeitigt Hat, verjtärkte die mandhefterliche Ab-
neigung der Regierung gegen einen wirkjamen Eingriff. Allerdings ift
die außerordentlidHe Schwierigkeit zu berückfichtigen, die darin befteht,
den änßerft verfhlagenen Intereffenten auf ihre verfhmigten Praktiken
und Schlige zu kommen. Der Mangel eine8 geeigneten AWpparatZ zur
vollen rückfihtslofen Aufdeckung all der Kniffe in der Preiskalkulation
und nicht zuleBt das Fehlen eines preisregulierenden Faktor8 lajfen die
Ausfichten auf eine baldige durchgreifende Befferung gering erjHeinen.
Um jo fühner find daher die Broterzeuger. Auch wenn fie nicht unmittel-
bar mit dem Mehlfak zu manipulieren Haben, Heiden fie fich weiß wie
unfuldige Lämmer, AWber fie haben dieje Verkleidung eigentlich gar nicht
nötig und dürfen ihHre Kapitaliftijdhe Woljsnatur austoben lafjen. Sie
fönnen e® fich leiften, heute viel mehr al3 einft. Wie denn nicht? Ihre
Berechnungen find ebenfo jhwer zu analyfieren wie ihre MehHlmijchungen ;
wer fann ihnen etwa beweijen? Sie zahlen zwar nicht auf jeden Laib
„darauf“ — vom Profit raucht der Schlot jeder Dampfhäckerei — aber
(jo behaupten die Schäcker) diejer Profit betrage nur !/, Prozent vom
Brotpreis. Daß dieje Fatierung um ein Vielfaches Hinter der Wirklich-
feit zurücbleibt, daß in fajt allen übrigen Poften, aus welchen {ich der
Brotpreis zujammenjeßt, unter dem Titel von SiherheitSkoeffizienten
und Rifikoprämien noch bedeutende SGewinfiquoten verborgen find —
von den ftillen Referven und Konjunkturaufidhlägen gar nicht zu reden
— ift eine trog aller Berdunkklungsverfuche erwiefene Tatjache, die ernft-
haft gar nicht mehr geleugnet werden kanır. Im Sinne des liberalen
Wirtichaftsprinzipzs vom freien Spiel der Kräfte Hat die Brotproduktion
jeit je fontrollo3 arbeiten fönnen.

Das Neue an der Methode i{jt jedoch das Begehren der Unter-
nehmer, daß der Staat fie darin auch noch aktiv unterftüßen, daß er
ihnen eine Garantie für ihren Übergewinn oder doch einen Schubichild
beiftellen jo, der die Unternehmungen vor Störungen ihrer Kalkulations-
praxis fichert und fie gegen Vorwürfe und Verfolgung deckt. Davon
fann jedoch nach den Erfahrungen der jüngften Vergangenheit keine Rede
jein. Weder ein neues Kalkulationsjhema noch Richtlinien lafjen fich bei
der Labilität der Produktionsbedingungen im Bäckergewerbe aufftellen,
ohne das Konfumentenintereffe zu {Häbigen, wobei die Undurchdringlich-
feit der Kalkulationsgeheimniffe gar nicht erft in Betracht gezogen werden
Sol. Ebenfowenig aber ift angefiht? der drohenden Gefahr weiterer

Raff, Gegen den Strom! Helt 1/3.

Bom Brotpreis und Bäderprofit.
        <pb n="56" />
        50

Vom Brotpreis und Bäderprofit.
Steigerungen des Brotpreijes die AufrechterhHaltung de3 laissez faire
laissez passer angängig, weil dies mit der Preisgebung der Konfumenten-
interefjen und mit einer Waffenftredung des Staates vor den Inhabern
wichtiger wirtichaftlidger Madtpofitionen gleidhbedeutend wäre. Darum
ijt die ftaatlihe Preisprüfung verbunden mit einem Preisgerichtshot
Heute notwendiger als jemals und die dauernde Kontrolle der Wirtfchaft
begleitet von einer jelbftändigen, nad allen Seiten unabhängigen Kon-
Jumentenvertretung, deren Mitglieder nicht die DrahHtpuppen einiger
Haifenre find, ein Gebot der Staatsraifon. Gewiß kann der Staat nicht
hinter jeden Gewerbeinhaber ein Wacdhorgan ftellen; ‚aber eine fachliche
Kontrolle, unter{tüßt von wirklidgen Konfumentenvertreten *), wäre ohne
große Koften hHerzuftelen. Die Anfäge hierzu find in der Wirt]haft8-
pofizet und in der PreisprüfungsSftelle vorhanden; e3 gilt, fie auszubauen.
Wenn der Staat zur Sicherung feiner fiskalijhen Intereffen in Brauhäufern 2C.
yinanzwachbeamte ftändig unterhalten Fonnte, dann muß e&amp; wohl auch
möglich fein, zum Schußge des Konlums foldde Einrichtungen zu
treffen.

€ war bezeidhnend, daß die gejamte (auch die Arbeiter-) Prefje von
allen möglichen Urjacdhen, die zur Berteuerung des Brotes beitragen, {prach ;
nur von einer naheliegenden, wichtigen Urjache nicht: vom Bäderprofit.
Diejem wich jie in weitem Bogen au und {pottete über die Regierung,
die fih nicht getraute, das Preistreibereigejeg anzuwenden. Und doch
wußte jeder, daß gerade die Profitfucht der Koalierten Broterzeuger an
der Teuerung die Hauptfchuld Hatte; eine Profitjucht, die fihH mangels
eine preisregulierenden Faktors zigello8 austoben Konnte. Wo waren
da die gemeinnüßigen Bäckereien? Die Arbeiter- und Konfumvereins:
bädereien, die {tädtifche Bäckerei **), deren preisregulierende Tätigkeit ung
jo oft und fo feierlid) verheißgen ward? Alle dieje Verfprehungen
olieben unerfüllt, und übrig blieb der magere Troft auf Befeitigqung

*) Konjumentenvertretern, die — das kann nicht oft ganug wiederholt werden!
— Jelbftverftändlih in jeder Beziehung parteipolitijdh und Fommerziel unabhängig fein
müfjen, alfjo audg nicht al8 Strohmänner von YOrganijationen, die an der Brotver-
teueruhng ein Interejje Haben, delegiert werden dürften.

**) Sm März 1918 Hatte die an der Vonwiler-Mübhle beteiligte Gemeinde auch
Einfluß auf die Kronenbrotwerke (M. Hafner) gewonnen. Ihre Wbficht war, durch die
Ausgeftaltung diejer Fabrik den Bejdhluß vom Dezember 1916, wonach ein ftädtijcher
Betrieb mit einer Lagesleiftung von 200.000 Laiben errichtei werden follte, auf diejem
Wege zu realifieren. € Fam nicht dazu. Hingegen erwarb die Gemeinde Aktien der
Ynferbrot-SKabrik.
        <pb n="57" />
        Von den Hammekbrotwerfen und ihrem Funfkftionswandel. 51
oder Ermäßigung der agrarifdhen, fiskalijhen und jozialpolitifjchen Laften.
€ mußte demnach um jo energifcher beim Bäckerprofit angefegt werden.
Und gerade das gefhahH nicht! Die Regierung heute fich offenbar, die
Broterzeuger, die eine gar mächtige Sippe bildeten, ernitlih anzufafjen.

Fünftes Kapitel.
Don den Hammerbrofwerken und ihrem Funktions-
wandel.
€ gibt natürlich eine gewifje fbießbürgerlidhe Ein-
telung, die verlangen würde, alle diejfe Fragen Hier nicht
nen aufzurühren, Gras wachfen zu Iafijen über das, was
gemwejen ift. Und in der Tat, ernfihaft Gejchichte treiben,
Jeißt immer, an alten Wunden rühren. Dabei gibt es aller:
dings aud) eine andere Urt von Gejchichte, die jogenannte
Lejebuchgejchichte, die Sie alle aus der Schulzeit kennen, wo
on jebem Habsburger erzählt murde, welche Tugenden er
hatte. Und natlirlich maren die Habsburger alle voll von
Eugenden und feiner Hatte ein Lafter. Wir ftehen auf
bem Standpunkt, daß wir feine Lefebuchgejhichte der
Arbeiterbewegung münfchen, fondern daß unjere Sejchichte
im Sinne der Wahrheit betrieben werden joll, das Heißt,
daß die Gejchichte unjerer Arbeiterbewegung nicht nur eine
Seichichte von Fortfchritten ift, fondern audH mandmal eine
Sejchichte von Verirrungen. Wir mürden ung jelbft aufs
tieffte {haden, wenn mir nur eine idealifierte Gejchichte im
Sinne des Lejebuches konfirnieren wollten und zu erzählen
verfuchten, daß jeit dem Beginne unjerer ganzen Bewegung
fein Genoffe jemals einen Fehler gemacht Hat, fondern alle
0 weife und gut waren, wie eS jonft nur die Habsburger
geiveien find.
” Dr. Frig Adler
(auf dem Salzburger Barteitag im November 1924)
Gemeinnügige Brotfabrifen (auch foldhe mit Mühlen und anderen
Nebenbetrieben) gibt e3 feit langem.

Um den weiten Weg vom Produzenten zum Konfumenten abzufürzen,
da heißt den überflüjfigen Zwifdhenhandel zurücdzudrängen, der befonders
bei un8 in Öfterreich Hypertrophijd entwidelt ift, find beiderjeits, fowohl
dei den Erzenuagern wie bei den Berbrauchern Wirtihaftsoraanijationen not-
        <pb n="58" />
        592 Bon den Hammerbrotverfen und ihrem Funktionswandel.
mendig. Die Landwirte haben denn auch jolche mit Unterftüßung der
Regierungen in reichem Maße gejhaffen; viel fpäter find die Konjumenten
gefolgt. Unter diefen bilden die Arbeiter die große Malie jener Ver-
braucher, die an wirtfhaftlihen Ajfoziationen vor allem intereffiert ft.
Aug die öfterreichijchen Arbeiter fuchten fig frühzeitig daz Prinzip der
genoffenfaftlih organifierten Selbfthilfe zunuße zu machen, wurden aber
von Mary und Laffalke und ihren Apofteln ab- und dem politifchen
Klaffenkampfe zugedrängt. Der Gedanke der Staatshilfe fiegte; das Heißt
man Hoffte, einmal im Befike der Stant8gewalt, den Kapitalismu® ver-=
nichten und den Sozialismus aufrichten zu fönnen. Jahrzehntelang Hatte
jo die Sozialdemokratie die Konfumbvereine ignoriert und mißachtet. Selb{t
die großen Leiftungen der englifhen Genofjenfchafter führten feinen Um-
IOwung herbei; nad wie vor wurden die Konjumbereine offiziell als wert-
Iofe Spielereien reformiftijcher Politiker angejehen. Wber fiehe da: die
SenoffenfHhaftsbewegung faßte doch Wurzel in der Arbeiterfhaft und in
allen Staaten, wo Konfuntvereine zu einiger Bedeutung qgelanaten,
Morierten fie und auch deren Bäckereien.

Die Sfterreichijche Sozialdemokratie hatte die Längite Zeit von
den Konfjumvereinen nichts. wijjen wollen, biz Dr. Viktor Adler
eine Tages die belgijdhen Konjumvereine entdeckte. Sie waren reine
Partei-Inftitute, die die politijhe Aktion finanzierten und der Partei
einen Teil der Mittel für ihre politijhe Propaganda beiftellten. Nun
begann man fih auch bei ung für die Konjumvereine zu intereflieren.
Solange einzelne SGenofjen fi in ihnen betätigten, erfuhren fie feitens
der Partei keine Förderung. Im Gegenteil. Man lehnte jede Unterftüßung
ab, weil dieje SGenofjenjchafter für die Konjumvereine um ihrer jelbft
willen eintraten und die genofjenfHaftlidhen Ideale zwar Hand in Hand
mit der politijden Organijation, aber nicht im Dienjte der Partei ver-
wirffihen wollten. Erft als {ih Leute fanden, die aus den Konjum-
vereinen BarteigeJhäfte machten, wandte fih die Gnadenjonne der Partei
iOnen zu. Alsbald konnte die fozialdemokratifjhe Partei die gering gejhägten
Konfumvereine unter ihr Diktat ftellten und-ihHnen den wichtigiten Zweig
der genoffenfhHaftlichen SEigenproduktion großenteil®8 wegnehmen; foweit
Konfumvereinzbäcereien noch beftehen, werden fie genötigt, Die von
anderen als genoffen]chaftlidhen Gefichtspunkten diktierte Brotpreispolitif
der Partei mitzumachen; jenen, die {ich weigern, dies zu tun, wird
„Schmußfonkurrenz“ vorgeworfen oder fie werden auf andere Weife
mürbe und parteipolitijden MachthHabern willig gemacht. Das befagt
genug: e&amp; muß aber noch mehr darüber gefaat werden. Denn es gibt
        <pb n="59" />
        Bon den Hammerbrotwerfen und ihrem Funktionsmandel. 53
vorderhand nichts Befferes, was den Konjumverein als Preisregulator
zrjeben fönnte. Wer alfo diefe Waffe der Konfumenten abftumpft,
der macht fig an dem Brotwucher mitfchuldig. Daß die Broterzeuger
das Volk jo bewuchern Können, ift nur möglich, weil e&amp; an einem
breisregulierenden Faktor fehlt. Agrarier, SGetreide« und Mehlhändler
— fie alle treiben den Brotpreis Hinauf, gewiß — nit zuleßt
aber, fondern vor allem auch die Bäcker. Deshalb find diejenigen,
die e&amp; durch ihren Dilettantismus und Dünkel, ihre Unfähigkeit und
Sewifjenlojigfeit verhindern, daß die Konjumgenoffen|dhaftliche Brot-
erzeugung ungeftört durch parteipolitifjche AWbfichten ihre fegenSreiche
Wirkung ausüben kann, für den heutigen Zuftand der Dinge mitverant-
wortlich, und zwar in einem viel Höheren Grade, als fie wahr Haben
wollen. Dieje abjonderlichfte Seite unferer Brotverforgung muß daher
genauer betrachtet werden.

Die Entwicklung der Senoffenfchaften ging für die Bedürfuiffe der
Partei zulangjam vor fidh. So entjdhloß man fich, die Sache ganz in die
eigene Hand zu nehmen. Da die bloße Verteilung von Bedarfaartikeln und
auch der Einkauf im Großen zwar Sewinn abwerfen, diejer aber nicht fo
leigt für Parteizwede areifbar gemacht werden kann, entfchloß man
Jich, zur Eigenproduktion Kberzugehen, zumal ja nach der marziftijchen
Lehre der Mehrwert in der Sphäre der Warenerzeugung entjteht. Natlir-
lid mußte e&amp; ein Mafjenartifel jein, den jeder täglich braucht. Das war
das Brot. Um Brot ließ fi gut verdienen; daS lehrte die Erfahrung,
das zeigten die Tatjachen ringsum. Die Brotverforgung Wiens erfolgte
größtenteil® durch rückjtändige Kleinmeijter, deren Handwerk im all-
gemeinen noch einen goldenen Boden Hatte, und durch ein paar Fabriken,
die viel fettere Profite einhHeimften. Daz war der Anreiz zur Gründung
der Hammerbrot werke. Was Iag dabei näher, als die anfcheinend günftige
Konjunktur für Parteizwecke zu benüßen und fie mit der Oloriole der
fozialen WohHltätigkeit zu umgeben? An dem Erfolge konnte e&amp; ja nicht
jehlen. Auf die Parteigenofjen durfte man fi verlaffen und Hoffen, daß
fie das billige und gute Parteibrot kanjen würden, daS gegen die kapi-
taliftijige Konkurrenz, das Wucherkartell, gebaden werden fjollte. Damit
ichien der Wbiag agefichert. ES fchien aber nur fo!
In Wirklichkeit war dieS eine Rechnung ohne den Wirt. Der Abjaß
war durchaus nicht gefichert und der genofjenjhaftlide SGrundjag,
daß der Abjag vorausgehend organifiert werden müffe, wurde in jeiner
arundlegenden Wichtiakeit unterichäßt. Sehr zu Unrecht! Die Unter:
        <pb n="60" />
        54 Bon den Hammerbrotwerfen und ihrem Funktionswandel. ;
Idäßung rächte fih fAwer, um fo fdhwerer, al? man auch f{päter troß
aller Enttäujdgungen nicht begreifen wollte, daß eine Produktion für den
offenen Markt, wie man es eigentlich vorhatte und tatfächlich durchführte,
nichts weniger als jozialijtijdh ift und daß alles moralifche Kapital der
Partei nicht ausreichen werde, um das wirklidhe Kapital zu erfeßen. In dem
unlogiiden Glauben, daß erfteres genüge, Hatte man fich an eine privat-
fapitaliitiidhe Bank gewendet. Es fHlug zwar aller Vernunft und den
Srundjägen ins Geficht, ohne Eigenkapital einen großen Fabrikzbetrieb
beginnen zu wollen, und jeder andere, der derlei gewagt Hätte, würde
den BannfluchH der Parteivertretung auf fih gezogen Haben. Wber wenn
zwei dasjelbe tun, ift e&amp; bekanntlich nicht dasfelbe, Grundjäße? Das ift
doch nur etwas für die Menge, zu ihrer Erbauung, zur Agitation. In
der Praxis macht man fih — der Zweck Heiligt die Mittel — für jede
Sache fpezifildge Srundjäge zurecht, wie man fie eben braucht. Die
genofjenfchaftlich gebildeten und erfahrenen Leiter von Konfumvereins-
bäcfereien wurden von den großzügigen Theoretifern über die Achjel
angejehen ind verlacht. Das waren doch verfimpelte Leute! Und für-
wahr: War e8 nicht dumm, Iahr für Iahr in emfiger Arbeit Stein
um Stein aufzubauen, wenn man die Entwiclung abkürzen Konnte? Ein
impojantes Großunternehmen mit dem gehörigen Gefchrei in die Welt
gefeßt, das Konnte nicht mißglücen. Man Hatte die Kundjhaft oder
glaubte fie wenigjtens zu Haben, den mächtigen Einfluß der Partei, was
den Viut Dbefeuerte, kurz und gut, e&amp; mußte doch gelingen. Die
Kleinarbeit der proletarijhen Dummköpfe ward erjeßt durch prabhle-
tijdge Reklame und Hochitapelei, Erfahrung durch akademijchen Dünkel,
der feinen Widerfpruch zuließ und jeden verdächtigte, der anderer
Meinung war. Zwar erregten die durch und durch unreellen Gründungen
— „entHufiaftijche Experimente“ nanıte fie befchöünigend der Nachfolger
des Crperimentators und Erbe des ingeniöjen Faijeur®s — bei den ein:
jagen Bertrauensmännern, deren gejunder HauSverftand und ehrliches
Denken derlei Potemkiaden innerlih ablehnte, Bedenken; aber man ging
über fie zur Tagesordnung über. Zwar enthielt die Gejchichte der
Senoffenhaftsbewegung Lehren genug, die Joule unjinnige Berfuche, die
Ernte vor der Saat vorwegzünehmen, widerrieten; allein man kannte. die
Sejdhichte nicht und wenn auch, glaubte man fie ignorieren zu können.
Die Akademiker verftanden das befjfer als die dummen Proletarier, die
einfältig genug waren, zu meinen, daß man nur auf geradem Wege zu
raldhen Erfolgen gelangen fönne. Und dann: e&amp; war ja gar feine genoffens
ichaftliche, fondern eine rein Kavitaliitiicdhe Gründung, die andere Methoden
        <pb n="61" />
        Bon den Hammerbrotwerken und ihrem FJunktionswandel. 55
verlangte; Methoden allerdings, weldgen der Schwindelgeruch Übler
Bourgeois-Methoden anhaftete . .
AÄußerft Harakteriftifch ift in diejer Beziehung der Brief, welchen
der im Auftrage der Partei Handelnde Gründer Dr. Benno Karpeles
an bdie Länderbank jchrieb. Diejes Dokument {ftellte gleidjam das
wirtfhaftzpolitifcdhe Slaubensbekenntnis des Verfaljer3 dar, der fi für
einen SGenofjenfchafter hielt und von vielen und in weiten Parteikreifen
au dafür gehalten wurde — eine Einbildung, die durch das Bantk-
Memorandum auf das hündigfte widerlegt wird. Denn diejes Schriftftüc
[ieß erfennen, daß der Verfaffer und die Partei die Vorausfjeßungen
einer für den Maffenkonjum beftimmten Produktion völlig verkannten
und von einer genofjenjchaftlidhen Auffafjung der Dinge weit entfernt
waren. Daß die Parteivertretung diefe grundfaljhe‘ Theorie fih zu eigen
machte und mit deren „SGeifte“ die gejamte Bewegung vergiftete, war für
leßtere von verhängnisvoller Bedeutung. Wenn es in der Folge in der
wirt/haftligen Organijation der Arbeiter zu jHweren Krijen kam, dann
trägt hierfür die BParteivertretung eine Verantwortung, die ihr nur
deshalb nicht voll zum Bewußtjein gebracht wurde, weil mit der ver-
fogenen Bhraje von der Einigkeit der Partei, die nur das Feigenblatt
für die Machthaber darftellte, jeder Widerjpruch im Keime erftict wurde.
Vor der Mafje war man ficher; deren Unverftand und Indolenz er-
probten fich auch hier. Die nicht zur Demokratie, fondern zum Perjonenkultus
erzogenen Vertrauensmänner aber bildeten die Stüken des Syftem3 und
garantierten deffen ungeftörte Fortdauer.

Das Projekt, welches in dem Memorandum entwickelt wurde, war
an fih jhon phantaftijh genug und für jeden gerade denfenden und
au) nur einigermaßen erfahrenen Menjchen faufmännifch eine Torheit,
fozialpolitijh und genoffenjdhaftlidh eine Unredlichkeit. €3 war naiv
und Hirnrijjig zugleich. Kritiklos Hatte e&amp; die Parteienvertretung Üüber-
nommen, vorfichtshalber jedoch der Parteibffentlichteit vorenthalten.
So befchaffen war eben diefe Demokratie, daß fie die größten Unter-
neHmungen gleichjam Hinter dem Rücken der Maijje realifieren und in
die Wirklichkeit jAmuggeln wollte, wa fie nicht Hinderte, von einem
„Werk der Wiener Arbeiter“ zu prechen. BegreiflihH war diefe Vorficht,
denn der Plan bedeutete nicht®$ weniger als die NuZlieferung des
Konfums der Arbeiter an daz Bankfapital! C€3 war jeden-
falls eine ganz eigenartige Methode, die Maffen vom Drude des Ka-
pitaligmu8 zu befreien. Der Kleinhandel, der Zwifjhenhandel follte
        <pb n="62" />
        56 Bon den Hammerbrotwerken und ihrem Funktionswandel.
auSgefchaltet werden, und zwar mit Hilfe des SGroßkapitals. Das war
wenig{tenz die Theorie, in der Praxis kam € ander8.

Die neue Theorie — mit Rejpekt zu vermelden — {tellte eine Mi-
{hung dar von Kapitalismus und Sozialismus. Man nahnı die Ingredienzien
von beiden: Knofel ift gut, Schokolade ift gut, wie gut muß erii
Knofel mit Schokolade jein. Man kann doch keine joziale Infel im
fapitaliftijdgen Meere der VBolkswirtfhaft bilden, muß fih vielmehr
„anpafjen“ und fo ift es dann nicht zu vermeiden, daß die bürgerlich-
fapitaliftijdge Moral auf einen abfärbt und übergeht, daß rechte Hand
und Iinfe Hand Leicht verwechfelt werden fönnen. CE war ein gar
nicht dekadenter Moralismus, der da praktiziert wurde. Friedrich
Niebfche lehrte, wie man mit dem Hammer  philofjophiert; unfere
Lhilofophen zeigten, wie man mit dem Hammer Gefchäfte macht. Und
was für SGe{chäfte!

Die Bolihewiki in Rußland find, al8 fie nicht mehr weiter konnten,
zu privatfapitaliftijden Methoden zurückgekehrt. In Öfterreich machte
man das verfteckt, „backjchierlidher“. Hier wurde die Sache mit aufjtro:
marziftijden SGuirlanden umgeben, „Wir Konnten nicht Erbjen von
Linjen unterfheiden“, rühmte fich einft einer diefer Vertreter der neuen
dfonomifchen Politik, der Ndp (NMepperei?), wie gemäß der beliebten
modernen Mode- der Ausdruck abgekürzt wurde. In Wirklichkeit war
dies nur eine diplomatijhHe UmfoHreibung dafür, daß der Laufendfafja
nicht Mein und Dein unterfheiden fonnte. Das war nämlich das Charak-
teriftijhe diefer nepperhaften „Gemeinwirtjchaft“, wie man fie verftehen
und verftanden wifjen wollte, daß fie ji nicht bloß der technijhen Mittel
und Methoden des Kapitalismus bediente, jondern fih völlig defien
Geift, und zwar den von der bösartigjten Sorte zu eigen machte.
Aus NichtzZ hat Gott die Welt erjdhaffen und was der liebe Herrgott
zuwege brachte, trifft au ein irbijdjer Herrgott. Wenngleidh [ich
Schulden nicht jozialifieren Iaffen, fo kann man fie doch machen. So
wurde entgegen allen Grundfägen kaufmännifher Vernunft und Neellität
— ganz zu fchweigen von genoffenjchaftlichen Prinzipien — eine Brot-
Jabrif und eine Mühle erbaut. E83 fehlte zwar an Erfahrung und an
gefihertem Wofaß, aber was machte da? Daz Gründungskapital wurde
gepumpt und das BetriebSkapital — desgleihen. CE3 ging in einem
Aufwajdhen. Borgte e&amp; nicht eine Bank oder jonft ein Wucherer, {0
— ber Getreide- und Mehflieferant und jHließlihH der Wechjelnehmer.
Piiffig muß man fein! Will der Getreideagent oder Mühlenvertreter
ein SGejichäft machen, dann muß er eben Kredit aewähren, nicht mur
        <pb n="63" />
        Bon den Hammerbrotwerfen und ihrem Fuuktionswandel. 57
Waren», au Wechjelkredit. Was man auschalten oder doch einfhHränfken
wollte, den parajitären Zwifchenhandel, er wurde nun erft recht Herbei-
gezogen. Daß man dabei über3 Ohr gehauen und geprellt wurde, war
ireilig) fatal. Eine gute Spekulation — wenn fie nicht gerade fehl-
Hlug — fonnte ja den Verluft wieder Hereinbringen.

Hätte jemals jemand an eine derartige Finanzierung von Unter:
nehmungen, die für die Arbeiterfhaft beftimmt waren, denken und fich
dabei noch als Sozialift oder Genoffenjhafter aufipielen wollen, man
hätte ihn ausgelacht oder gar in den NMarrenturm geftedt, wenn man ihn
nicht al Hochverräter an der Zukunft des Proletariat3, als VBerderber
des Sozialismus mit Schimpf und Schande auZgefchloffen Hätte. Später
allerdings mußte [o mandher Konfumvereinsleiter, der fih bei den lokalen
Macdhthabern der Partei wegen einer ftreng genojfenjchaftliden Me-
thode und feiner Abneigung gegen büirgerlih-Lapitalijtijhe SGe[häfts-
praftifen mißliebig gemacht Hatte, nach vorausgegangenem Hochnotpein-
lidgem Hals- und Scherbengerichtsverfahren, weiches die Partei-Inftanzen
durchführten, feine Stellung geächtet verlafjen. Ein derartiges Sefchiet
traf aber nur fimple Proletarier, die ehrlidhh geblieben‘ waren und
die Nachäffung jener Praktiken entweder abgelehnt oder fie vhne Erfolg
betrieben Hatten. Denjenigen, die fih auf die neue Wirt/hHaftSpolitik
zinftellten (die „Nepperei“), war Straffofigkeit vorbehalten. Anftatt die
Majien zur wirtjdhaftlidhen Selb{thilfe zu erziehen, fie zu lehren, wie
man die eigene Kraft gebraucht und den Konfum für fich felbft orga-
nifiert, wurde das Finanzkapital darauf aufmerfjam gemacht, daß es
im Lebensmittelhandel eine neue Profithance durch Bewucherung der
Heinen HauSHaltungen Habe. Daß diefe hierdurch vom Regen in die
Traufe fonmmen mußten, fiel den neuen WirtfhHaftsreformern und Ihren
Sönnern nicht ein. Die Idee war ebenjo „genial“ wie fimpel. Man
falfulierte: Da erfahrungsgemäß die Großbäcer mit einem Reingewinn
von 5 Prozent vom Verkaufspreije arbeiten, würde fih bei einem UWb-
jaße von 20.000 Laib Brot &amp; 44 h und 100.000 Stück Weißgebäck
ä 2h täglig ein Profit von 194.000 K ergeben. IähHrlihH alfo über
60 Milivnen. Das mußte freilich alle Ungläubigen verftummen machen,
allen Zweifel jhwinden kafjen. Man Hoffte, e&amp; auf eine Tagesleiftung
von 50.000 Laib zu bringen und nannte als hierzu erforderliches
Sründungsfapital 700.000 K. € war eine fchöne, {Hillernde Seifen-
blaje, die jedoch nicht den Beifall der öfterreichifhen Bankokratie fand.
Darauf kam e&amp; den Projektefjhmieden offenbar nicht an; ihnen ge»
nügte, daß die Sozialdemokratie in das Kind ihrer Laune verliebt war
        <pb n="64" />
        58 Bon den Hammerbrotwerken und ihrem Funktionswandel.
oder doch fchien. Robert Owen, Marz, Engels, Laffalle, Fou-
vier, fie ale mußten verblaffen vor dem Glanze des neuen Meffias,
gar nit zu reden von den redlihen Pionieren von Kochdales, von
Banfillart Neale oder gar den dämlihen Deutjhen wie Heinrich
Kaufmann und anderen. Das waren doch nur Kinder, Zwerge gegen-
über dem Seiftesriefen, der in Schwechat feine Fabrik auftürmte. Schwechat,
das ift ein Meiner Ort in der Nähe von Wien. Auch in der Wahl diefer
Betriebzftätte offenbarte fi die Originalität der neuen kaufmännijchen
Miethode; fie erwies Jih als verhängnisvoller Fehlgriff. Natürlich wurde
der Genieftreich, die Erzeugungsftätte für Brot und Gebäck in einer
großen Entjernung vom Hauptabjakgebiete zu errichten, parteioffizibs
bejhönigt. So begreiflich dies ift, fo beweift e&amp; doch nur die Schäd-
Aichfeit der Parteipolitik, die fih in Unternehmungen jtürzte, weldhe den
genoffen]chaftlidhen Organifationen vorbehalten find und in allen Län-
dern -— Belgien ausgenommen — nur von eigenen Affoziationen ges
führt werden, weil nur folche die zweckentiprechenden Vorausjebungen
hierfür bieten. ES ift einmal jo: Parteipolitik {hließt ftrenge Wahrheit
und rücficht3loje demokratijhe Kontrolle aus. Wenn das Preijtigebedürfnis
der Führer mit dem Vorteil der Mafjen verwechfelt wird und nur das
zu gejchehen Hat, beziehungSweije zu unterlafjen ift, was das Vertrauen
der leßteren erhöhen, beziehungsweife beeinträchtigen Könnte, ohne Rück
fight darauf, ob die Führung das Vertrauen verdient oder nicht, dann
ift e® unmöglich, das Intereffe der SGefamtheit, der Genoffen wahr:
zunehmen und wird die Demokratie zur Farce, Das aber trifft Hier
zu: Erefutive und Kontrolle find in einer Hand vereinigt, -felbft dort,
wo das Dekorum durch eine fcheinbare Trennung der SGewalten ge-
mwahrt wird. Wie in der T{chehoflowakei eine Pjeudodemokratie Hinter
einem Jormenjpiel von Scheinberatungen und mechanijhen AYbftimmungen
verfteckt wird, Deren Drahtzieher jchon vorher ein auf Tag und
Stunde abgezirkeltes Programm ausgearbeitet Haben („Arbeiter- Zeitung“
vom 22. November 1924), fo wird auch innerhalb der öfterreichiichen
Sozialdemokratie die Fiktion einer Demokratie mit all den Mitteln
einer raffinierten Bühnenkunft aufrechterhalten. Allein felbft die befte
Kegie vermag die „Pätka“ (jo Heißt in Prag der RMegierungsklüngel,
der alles verantwortungS[os dirigiert) nicht ganz zu verjchleiern und
von den meiften Parteiführern gilt da3 biffige, aber wahre Wigwort
NieHihesS, das in der Sammlung „Menfchliches, ANzumenjhliches“ zu
lejfen ift: „alt jeder Politiker hat unter gewiffen Umftänden einmal
einen ehrlidhen Mann fo nötia, daß er aleich einem heißhunarigaen Wolie
        <pb n="65" />
        Bon den Hammerbrotmerfen und ihrem Funktionswandel. 59
im einen Schafitall bricht, nicht aber, um dann den geraubten Widder
zu freffen, jondern um fih Hinter feinem wolligen Rücken zu ver-
teten. *)

So ging man bei der Schaffung der „Hammerbrotwerke“ vor, deren
Sründungsgejchichte nicht wejentlich verjdhieden ift von jenen Oründungen,
die dazZ Iahr 1873 fo berüchtigt gemacht Haben. Denn ganz im Gegen-
jage zu der genofjenfhaftlichen Borgangsweije, die ale Eigenproduktion
drganij und planmäßig erftehen läßt, wurde hier ein Unternehmen
zrößten Stil? durch ein Diktat der Partei, das Heißt einiger weniger
Uhrer, vom grünen Tifjde auS, ohne jede Vorbereitung, ohne aus-
reichende Sachfenntnis, ohne Eigenkapital, lediglich auf das Renommee
der Partei hin, inz8 Leben gerufen. So wie diefes Unternehmen anfing,
jat wohl nirgends in der Welt ein Unternehmen begonnen, wenigjtens
feines, welche3 für Arbeiter errichtet wurde. Die Konfumvereine haben
ch auf ihren Verbandstagen gegen foldhe Teichtfertige, materiell und
geiftig unfundierte Gründungen wiederholt ausgejprochen und fie waren
auch ftet® gegen eine allzu große Verquidung von Partei und SGenoffen-
iOaften; jedenfalls dagegen, daß erftere Funktionen der leßteren über-
nehme. Die Gründung der „Hammerbrotwerfe“ war aber nicht bloß
ohne Seld — was an fihH Jhon ein Blödfinn und Verbrechen ift —,
jondern au ohne den Willen der Konfumvereine und nicht nur ohne
die Genoffenfchafter, jondern auch ohne die Arbeiter, für die das Unter-
nehmen doch berechnet war, vor fich gegangen. Wber da bewahrheitete
li der Sag von Karl Marz, daß die Befreiung des Proletariats nur
von diejem felbft bewerfftelligt werden könne. Tatfächlich zeigte fih, daß
alle in der Folge an die Mafjjen gerichteten Appelle zur Mitarbeit ver:
jpätet famen; die Arbeiter, auch die organifierten, taten nicht ir dem
Umfange mit, wie dies von den Gründern der Hammerbrotwerke er-
martet worden war. Der Grund für Ddieje teilweije Pafjfivität lag außer
im den jHon angeführten Umftänden nicht zulegt darin, daß fie durch
die Art der Gründung zwar überrumpelt, aber nicht genügend aufge-
Härt und noch weniger gewonnen worden waren. In einem großen Teile
der Arbeiterfchaft und gerade in dem, auf den e&amp; ankam, Hatte die
Fründung fogar Verwirrung hervorgerufen. Jahre hindurch Hatte man
hnen von dem Wefjfen und den Vorteilen der Konfumvereine erzählt,
die durch Sigenproduktion den Bedarf der Mitalieder am zwecdmäßigften
*) Aug die Firma  „Hammerbrotwerke“ ließ zwei willfährige Proletarier mit-
ignieren, Hinter deren Rücken fihH der eigentlidhe „Macher“ gejhämig verbarg. Nicht
jer einzige all diejer. Art.
        <pb n="66" />
        0 Bon den Hammerbrotwerken und ihrem Funktionswandel,
ju befriedigen in der Lage feien. Ein großer Konfumverein in Wien,
der Erfte n.:ö. Arbeiterfonjumverein, Hatte feit Jahren eine leiftungs-
jähige Bäckerei, die an die Mitglieder vortreffliches und billiges Brot
‘teferte, wobei der Verein trogdem noch gut verdiente. Durch die CErrich-
tung der „Hammerbrotwerke“ ward die Entwicklung diefer Bäckeret und
der ganzen Senoffjenfchaft, ja aller Konfumvereine Ofterreih3 fOwer
geichädigt. Denn was in Wien geichehen war, wiederholte fihH auch in
anderen Städten: die Partei, die einft das SGenofjenjchaft?wejen fehr
von oben herab behandelt Hatte, errichtete nun da und dort (in Linz,
Innsbruck, St. Pölten, Salzburg, Wiener-Neuftadt) Bäckereien, wober
mitunter die Gewerfichaften und Konjumvereine einen Teil des Kapitals
veiftelten. Daß diefe Bäckereien die Rechtsformen kapitalijtijdher SGefjell»
ichaften Haben, hat nicht nur die Bedeutung, daß ihHnen die Demokratie
und genofjenfhaftlide SGrundfäge jehr gleidhgültig find, vielmehr drückt
lich darin auch das kapitaliftijhe Wirtfhaft3prinzip der Produktion für den
offenen Markt, der Konkurrenz mit den privaten Betrieben, der indirekten Bes
teuerung der Mafjen für parteipolitifhe Zwede au. Natürlidh werden
diefe al8 gemeinnüßige Zwecke ausgegeben, aber da3 ift nur die Konje-
Juenz der belgijhen Methode, die die Partei al8 einen Staat für fich
anfieht, der feinen Apparat auf gleigem Wege zu erhalten beftrebt ift,
wie der wirkliche Staat: auf dem fiskalijhen. Demgemäß gewinnt die
Rreisbildung der Parteibäckereien eine verzweifelte Ähnlichkeit mit der
tapitaliftijchen; der Parteifiskus ähnelt fih mehr und mehr dem {taat-
‚ichen Steuerfiskus an.

€ Tiegt auf der Hand, daß eine derartige SGejtaltung für die ge-
noffenfehaftlidHe Entwicklung nicht gleichgültig fein konnte. Einige Funk-
ionäre des Srften n.-d. Arbeiterfonjumvereins, der durch die „Hammer-
drotwerke“ in erfter Linie betroffen war, weil fie die Arbeiter den SGreißlern
zutrieben, die fich des Hammerbrot3 als eines Lockmittel® bedienten, haben
lich denn auch dagegen aufgelehnt, Die Partei ahndete die AufleHnung
mit der jhimpflidhen Kaffierung diefer alten Genoffen *). Ähnlich erging
:8 anderen Senofjenjchaftern, welche die neue Öfonomifjche Richtung aus
moralijchen und KFaufmännijchen Gründen ablehnten und die Belaftung
der Bartei mit faufmännifchen und Finanzaefchäften al Kommerzialifierung

*) Siebei- verrichtete Dr. Karl Renner die erforderliden Schergenbienfte. E3
gefchah in Formen, die fogar diejem von Strupel wenig beichwerten Menfjchen einige
Schamröte auf die Wangen trieb; feinen ÄNuglein entrollten jogar einige Tränlein, die
er fih verjhämt megwijdhte. Aber die Shmadh der Iuftifikation — denn e&amp; war nicht3
ınderes, mas ehrlichen Broletariern aqeidhah — Konnte er damit nicht tilgen.
        <pb n="67" />
        Bon den Hammerbrotwerfen und ihrem Funktionswandel. 61
and Korruption verwarfen. Allein die Hammerbrotpolitik war nun ein-
mal Trumpf und obgleich fie mit Genoffendhaftlichkeit, mit organifierter
Bedarfadeckung und Preisregulierung wenig oder nichts zu tun
hatte, feßte fie fich felbjt gegen den Willen erfahrener Genofjen in der
Senoffenihaftsbewegung durch. Dadurch verlor diefe zu einem erheblichen
Teile ihren alten eigentlidhen Charakter, wie er Jonfjt überall zur Aus-
prägung gelangte. Bejhönigt wurde und wird dieje Wendung mit den
angeblich „bejonderen“ Verhältniffen des Landes, ein Schwindel-
argument, auf das fidH auch die Genoffenfchafter anderer Länder berufen
fönnten, weil HließlihH überall „befondere“ VBerhältniffe Herrihen; ein
Argument, das gar nicht ernft zu nehmen ift und nur verhüllen fol,
daß in der Hfterreihifjhen Arbeiterbewegung bürgerlich-Fapitaliftijche
Motive, imperaliftifjge Machtbeftrebungen und Sondergelüfte entjcheidend
geworden waren. Un Stelle der Wirtjhaftsaffogiationen, die nach dem
Prinzip der Selbfthilfe verwaltet wurden, traten Parteigefchäfte, an
welchen fich die Mafjjen lediglich durch die Parteigefinnung gebunden
jühlen, nicht aber weiter intereffiert jein Jollten. Parteigejhäfte, das
Heißt Gefchäfte, die die Partei durch Beauftragte führen ließ, ohne die
Vorteile demokratijdher Verwaltungsfontrolle, die vielmehr als äftig
empfunden und immer mehr befeitigt oder unwirkfjam gemacht wurde; Se-
Ichäfte ohne eine die Kaufkraft des LohneS berücfightigende Preisbildung,
da e8&amp; ja doch nur Produzenten-, SGewerkichaftspolitik zu machen galt.
Die trat inZbefondere in der Broterzeugung zutage. Von einer der
Gefamtwirtichaft zugute kommenden Preisregelung konnte deshalb nicht
mehr die Rede fein; die Parteihäckereien follten nicht fo fjehr wirtfhaft-
(ihen, al vielmehr anderen Zwecken dienen: parteipolitijhen, fozial-
politijdgen und politijhen. Selbftverftändlih belaften dieje Zwede die
Unternehmungen überaus fhwer, fo daß fie die Konkurrenz mit den
Privatbetrieben nicht überall erfolgreich beftehen können. In Wien, be:
ziehungSweife Schwechat gingen die Dinge noch aus anderen Gründen
fchief und {cqhiefer. Was Wunder, daß man, um den Mißerfolg zu
fajchieren, zu allerlei Notlügen Zuflucht nahm? SIit fhon im ge»
wöhnlichen‘ SGejhHäftsleben die Lüge ein allgemein angewendetes Hilfs-
mittel, wie denn, erft im politijhen Leben. Wenn nun gar Politik und
Sejchäft Fombiniert find, verfjhwindet jede Scham und die Verlogenheit
überfteigt alle Schranken, wird zur Parteipflicht, die Verzweiflung
peitjcht die leßten Energien auf, die dann mit Zynismus fi austoben.
Mllein im Fahre 1914 war der Stand der Dinge trog aller Anftren-
gungen ein verzweifelter geworden. Vergebenz Hatte man bie legten
        <pb n="68" />
        32 Bon den Hammerbrotwerken und ihrem Funktionsmanbdel.
Neffourcen bei Gewerkjhaften und Konfumvereinen in Anfpruch ge-
aommen und Ddiefe felbft gefährdet. Much der Kreditverband öfter.
reichijcher Arbeiterorganijationen Hatte fid in den Dienft der Hammer-
brotwerfe geftellt und ihnen Schwimmgürtel zugeworfen. ANein fie drohten
trogdem zu finfen. Das Unheil kam immer näher. „Da kann ma halt
nix madjen.“ Jeder Widerfpruch der wenigen Genofjen, die den. Mırt
aufbrachten, dem Hafardfpiel fihH entgegenzultemmen, wurde niederge-
‘nüppelt. Vergebens waren alle Lijten und Kniffe der bürgerlich-Laufs
nännifchen Technik angewendet worden, um der kritijhHen Situation Herr
ju werden. €3 ging nicht mehr. Das Va banque war zu Ende, der Status
zridae erreicht.

Nur eine jeder Verantwortung bare SGejhäftsführung Hatte e&amp; zu-
mege gebracht, daß die politijdh und gewerkichaftlihH organifierten Arbeiter
ich a8 Konjumenten fo desintereffiert zeigten. Wohl Hatte man an fie
mmer wieder appelliert und Vorwürfe erhoben, um joldem vorzubeugen,
allein man Datte e8 unterlafjen, die Senoffen genoffenfhaftlih zu er-
ztehen, weil man in dem Wahne befangen war, daß e8 genüge, fie für
politijde und Lohnkämpfe zu drillen und mit Hurrajatrivtismus zu
tränfen. Daß die wirtfchaftliche Selbfthilfe eine befondere Organijation
de3 Konjums jowie der Aufbringung des MBetriebskapitals und eine
mirklidge Erziehung zur Demokratie erfordere, Kfonnten die Politiker
m ihrer dünkelhaften Überhebung über die Senoffenjchafter, welche aus
Erfahrung wußten, daß e8 nicht auf fMingende Phrajen felbftgefälliger
Agitationsrhetorifer, fondern auf reelle Leiftungen anfommt, nicht be-
greifen. Ihre Unwifjenheit in wirtfhaftlichen Dingen rächte fihH nun
and nicht wenige ihrer befannteften Funktionäre ftanden in Gefahr, die
Konjequenzen tragen zu müffen. € war zu verftehen, daß man felbft
in Diefer bis zum Äußerften gefpannten Situation noch zögerte, den
Ronkurz anzumelden; aber wie fielen eben diejelben Würdenträger der
Partei, um die Aufmerkfamkeit von ihrem eigenen Tun abzulenken, über
jeden armen Schächer her, der fidH auch nur die Heinfte VBerfehlung
jatte zujdulden kommen Iaffen, wenn der arme Teufel ein Gejchäfts-
ührer oder Lagerhalter in einem Heinen Konjumverein war, gur nicht
u reden von der pharijäerhHaften Entrüftung, womit bürgerlige Speku-
lanten oder gar politijdhe Gegner in jolden Fällen traktiert wurden.
Und doch hing e&amp; nur an einem Haare, daß einige der Unfehlbaren,
die fpäter in8 Hohe Haus delegiert wurden, dem grauen Haufe ent-
gingen .... Mber wehe denjenigen, die diejen merkwürdigen „Ver-
trauensmännern“ die Gefolgichaft verfagten und fih weigerten, eine
        <pb n="69" />
        Bon den Hammerbrotwerfen und ihrem Funktionswandel, 63
Mitverantwortung zu übernehmen; fie bekamen die TjhHeka zu jpüren.
Im Frühjahr 1914 waren jene Ehrenmänner freilich fehr Kein ge-
worden; da3 Unheil fchien diesmal unabwendbar, wenn nicht ein Aufall,
zin Wunder zu Hilfe kam.

Der Dumme hat’z Glück. Der Weltkrieg brach au8 und in feinem
Pulvergeftankf verjdhwand auch die mifduftende Sejchichte — vorläufig.
Dan wußte fiH Zwiebacklieferungen für die Armee zu verfchaffen *)
und avancierte fo zum Range der fonft nicht genug beichimpften Kriegs-
gewinner. Und das Gejchäft ging glänzend, e&amp; rentierte fih famo3.
Wohl ftiegen im fogenannten Leinweber-Prozeß, in weldhem Militär:
verpflegabeamte wegen ihres bedenklihen Verhaltens gegenüber dem Ärar
verurteilt wurden, auch einige übelriehende Blajen aus dem fumpfigen
VBerhältniffe der Hammerbrotwerke zu den militärijhen Organen empor
und auch jonft kamen unjaubere Gejchichten‘ an den Tag, die ein grellez
Sicht auf die gejhäftliden Gewohnheiten der HYammerbrotwerke warfen,
allein die allgemeine Erregung über die lange Dauer des Krieges und
jeine Greuel ließ derlei Schmugaffären rafch vergeffen. Zudem war es
ja fein SGeheimni8 geblieben, daß die Hammerbrotwerkfe feit ihrer SGe-
burt uuter joweren Verlegenheiten litten und jo ging man über die
fommerziellen Manipulationen der Hammerbrotwerke wie über die anderer
Unternehmungen zur Tagesordnung über. Von diefer Toleranz der
Öffentlichkeit profitierten ja alle Kriegsgewinner, warum nicht auch. die
GHammerbrotwerfe? Die Schalantermoral der Wiener, vermengt mit
zinem fräftigen Schuß Tarnopoler Moral fand e&amp; nicht befonder8 aufs
jalend, wenn der Staat übers Dhr gehauen wurde. Verdienen! Ver
dienen! Verdienen! Das war die Parole, die Debvije, die Maxime, das
Feldgefhrei. Warum denn nicht? Eine Jolche Riejenkonjunktur wie
zin Weltkrieg kehrt nicht bald wieder und die Hätte man ungenüßt vor-
übergehen Iaffen jollen? Mit fozialpolitijdhen Sittenfprüchlein macht
man eine banferotte Unternehmung nicht flott, aljo macht man fich
nach fapitaliftijher Methode ichäbigfter Art um das „Gemeinmobhl“
verbient.
Wohl mandem redlidhen Senoffenjhafter nicht nur, auch vielen
alten Barteigenofjfen und jedem ehrliden Menfchen ftieg der Ekel in die
$ehle, wenn er dem Treiben zujah; denn wenn auch darüber der dichtefte
Schleier der Seheimdivylomatie aebreitet war, es fiderte aenuqg Durch,

*) Um bdiefes Gejchäft den Senofjen iHmadhaft zu machen, wurde ein Zwang
ber Heeresverwaltung erdichtet.
        <pb n="70" />
        54 Von den Hanımerbrotwerken und ihrem Funktionswandel.
um die Männer, die — natlirliH um der guten Sache willen,
wie denn nicht?. — für das Intereffe der Partei fih „opferten“, für
immer zu fompromittieren und als zum Betrieb gemeinnüßiger Wirt-
jQaften untauglid erfheinen zu laffen. Einftweilen aber Jhwamm Haus
im SGlüd und das war fein Dummfopf wie jener Märchen-Hans, fon:
dern ein mit allen Salben gejmierter, geriebener und geriffener Junge,
dem vor nicht3 graufte,. Zwar gaben die Geldverlegenheiten anfangs
noch zu fOaffen, aber man fchaffte e&amp; und richtete fih’3. Die eine
Zeitlang erwogene und offiziell Kühn geleugnete Abfiht des Verkaufes
der Hammerbrotwerke wurde wieder aufgegeben und bloß die Mühle
verpachtet. Denn einige Senoffen, welchen das SGewifjen JAlug, waren
nicht mit Unrecht der Meinung, daß die Noftoßung der Hammerbrot:
werfe mit ihrer unglücjeligen, verpfulchten Betriebsanlage für die Partei
da befte wäre und die Kriegszeit bot Hiezw eine gute Gelegenheit.
Waren doch die Zwiebadlieferungen für die Armee mangel3 ausreichen-
den BetriebSfapital® aufangs nur fchwer zu bewerkfftelligen gewefen, jo daß
man Öfter$ zu verzweifelten Modalitäten greifen mußte, um fie fort-
jeben zu fönnen. Zwar befjerte fih dies in der Folge, da die üppigen
Gewinne immer reichliher floffen, allein die vollftändige Loslöfung der
Partei von dem Unternehmen, dag doch nur Verlegenheiten bereitet
hatte und die Partei immer mehr zu Forrumpieren drohte, erfchien als
praftifabler Auzweg, den zu betreten das Interefje der Partei (aber
auch der Senofjenfhaft3bewegung, die auf gefährliche Bahnen gedrängt
worden) in hohem Maße gebot. Inzwijchen Hatten aber die Leiter der
Hammerbrotwerke an den Kriegsgewinnen Sejhmacd gefunden und wie
der Tiger, der Blut geleckt, ließen fie fihH von dem fetten SGejchäft
nicht mehr wegbringen. €3 ifjt bekannt, daß nicht zulegt diejes BVBer-
halten der führenden Funktionäre den SGenofjen Dr. Fri Adler in
heftigen Konflikt mit der Partei brachte und daß er anläßlich feines
ProzefjeS in feinen Ausfjagen beim Verhör vor der Polizei wie in feiner
Verteidigungsrede vor Gericht hierüber die fchwerften AUnklagen gegen
den Parteivorftand erhob, aus welchen jeine Verachtung der Gammer-
brotgefchäfte, die jener nicht aufaeben wollte, mit beißender Schärfe
hervorging.

Über die berühmten BZwiebacklieferungen wurde natürlich ebenjowenig
Rechnung gelegt wie über andere Gefchäfte und Transaktionen. Bis Ende
1916 Hatte man nach einer undementierten Meldung dem Ärar für
20 Millionen Kronen Zwieback geliefert. Daz Gefchäft rentierte glänzend
und als es {chließlihH zum Bedauern der Kriegsgewinner zu Ende ging,
        <pb n="71" />
        Bon den Hammerbrotmwerken und ihrem Funktionsmandel. 65
hatte man einen Schab gemacht, von dem man fich nie hätte
träumen lafjen. So Hatte der blutige Bölfermord der Partei nicht nur
politifch, fondern auch finanziell einen unerhHörten Dienft erwiefjen. Da
die Geheimdemokratie eine Rechnungslegung perhorreszierte, erfuhren
nur die zum allerengiten Klüngel gehörigen Vertrauten das Srgebniz.
Sin angeblich gemeinnügiges Unternehmen, ohne öffentliche Rednungs-
fegung, ohne demokratijhe Kontrolle ift an fih jHon eine Merkwürdigkeit ;
hier fteigerte fie fih zur Abfurdität, wenn man bedenkt, um welche Summen
e3 fich handelte. Dieje Abjurdität war jogar dem damaligen Obmanne
des Bentralverbandes der Konfumvereine zu arg. Dr. Renner machte
den Verfuch, die Hammerbrotwerke, die der Arbeiterjhaft keinen Nugen
brachten, vielmehr (wie jchon erwähnt, litt ingbejondere die Senofjenfchaft?-
Sewegung unter den Gefchäftzpraktiken der Werke) nur Schaden {tifteten,
den Konjfumvereinen anzuhängen und jo dem ungejunden Verhältnifje ein
Ende zu bereiten. Er ftieß jedoch weder bei dem Bentralverbande, der
auf das faule Gejhäft gern verzichtete, noch bei der Partei auf Gegen-
liebe. Lebtere Hatte ihre urjprüngliche Abfiht, die Hammerbrotwerke zu
verkaufen (1916), fallen gelafjen; {ie wollte fie behalten, da doch der
Krieg noch längere Zeit fortzuwüten jhien und die ftaatliche Bewirt-
jchaftung, die jo viele Chancen bot, andauerte, Die Schädigung der Ge-
noffenjdhaften ließ die Partei gleidhgültig; fie erblicte in den Hammer-
brotwerfen ein Machtinftrument und eine Finanzquelle, die fie für fi
zu fruftifizieren gedachte, obgleich ihr für rationelle Führung der Sefchäfte
wichtige Borausjegungen fehlten und das Syftem allen demokratijdhen wie
genoffenjchaftlidhen Grundjägen Hohu jprach.”)

Al3 die fozialdemokratifjhe Partei die Verwaltung der Gemeinde
Wien übernahm, Hätten die GHammerbrotwerke Ausficht gehabt, kommu-
nalifiert zu werden. ANein man überlegte e8 fich, diejes Unternehmen,
dem das private Leihkapital vorfichtig ablehHnend gegenüberftand, abzu-
föjen. Dh das Verlangen nach Berftadtlidhung im Interefje der Konfu-
menten läge, i{ft zumindejt zweifelhaft. Bom Konjumgenofjenfchaftlichen
Standpunkte find derlei Experimente nicht zu empfehlen; fie find etwas
gar zu — „entHufiaftijh“, wie man die verunglücten Gründungen aben-
zeuernder Araonauten bezeichnet hat, die fih einbildeten, mit Kapita-

*) €3 Hat vielleicht auch ein perjönlihes Moment mitgejpielt: Man wollte den
Senoffen{dhaften, beziehungsweife dem Berbandsobmann Dr. Renner nicht eine {o große
Machtbefugnis einräumen, wie fie durch Übergabe der Hammerbrotmerke erwachjen wäre,
während das beftehende Syjtem der Partei uneingefjhränkten Einfluß auf die Konfum-
vereine vermittelte.

Raii, Genen den Strom! Heft 1/2.
        <pb n="72" />
        56 Bon den Hammerbrotwerken und ihrem Funktionswandel.
liftijdgen Kniffen über den nicht zugefrorenen Bodenfee tanzen und von
Utopia das goldene Vließ holen zu Können. Die Folge war, daß die-
jemigen, die auSzogen, den Drachen Kapitalismus zu töten, mit ihm
zine A. S. bildeten, die aber, wie fih Herausftellte, nur eine G. m. b. H.
war, das heißt eine SGejellichaft mit jehr befchränkter Haftung.

Da man vor Kritik und entjchiedenem Widerjpruch in den eigenen
Reihen fiher war, ging die Kontrolloje Wirtfchaft ungehemmt weiter. Im
Sahre 1917 fhritt man jogar zu neuen Inveftitionen, die anZ den
laufenden Einnahmen leicht gedeckt wurden. Anfangs hHegte man die vers
rückte Wbjicht, den Schwechater Betrieb auszugeftalten, befann fich jedoch
glüclidherweife eine&amp; befjeren und kaufte eine in Yloridador] gelegene, gılt
eingerichtete Fabrik, welche einer ungarijchen Sejellichaft gehörte, die fie
trog ihrer Rentabilität Cosichlug und deren Ware großen AWbjag
hatte.*) Gleichzeitig pachtete man eine Unzahl Wiener Kleinbäckereien, die
jpäter mit anderen Käuflihh erworben wurden und deren Erträgnifje im
Verein mit jenen der Jloridsdorfer Fabrik den Hammerhrotwerken zugute
famen. Auf diefe Weije wurde der tehnifch und organifjatorijch fehlerhafte Be-
trieb in Schwechat über Wafjer gehalten.**) Allein die gewaltige Ausdehnung
der Produktion, die fi feit der Einftellung der Kriegslieferungen und dem
Nobau der zentralen LebenzSmittelbewirtihaftung durch den Staat nicht mehr
auf defjen Kredit {tüßen Konnte, ließ nunmehr den Mangel an eigenen
Mitteln um fo empfindlicher verjpliren. Die großen Kriegagewinne waren
verpulvert durch die neuen Erwerbungen und umfangreichen Inveftitionen,
die Übrigen? zum Teil au aus der Sachdemobilifierung beftritten
worden waren; alsbald befand man jih wieder dort, wo man einft
gehalten Hatte; nicht weit von dem Stande der Dinge im Frühjahr1914.
Auf den Schwechater-Unternehmen afteten große (anfangs von der
Zivnostenzfa, dann von hHoländijhen Verficherungs-Sejelljchaften auf-
genommene) Hypothefarkredite : ***) außer dielen Hauptaläubigern waren

*) 3m Sahre 1915 wurde bei einem Umjage von 13 Millionen Kronen eine
Dividende von 74 K ausgejhüttet. Der verhältnismäßig beicheidene Reingewinn von
194.619 K murbde dem Umftande zugefchrieben, daß die Gefelljhaft nur im geringen
Maße an Heereslieferungen beteiligt war und fihH in der Hauptfache auf die Erzeugung
bon Brot zu dem amtlich fejtgefeßten Preije bejchränkte.

**) Die Schwarzbrotbäderei mird dafelbft vorausfichtlidh ganz eingeftellt werden ;
ob die teure Majdhinenanlage eine andere Lohnende Verwendung erhalten kann, {od
bier nicht unterfucht werden.

*s*) Die Tichechen Hatten 2 Millionen, die ihnen alsbald folgenden Holländer
3 Millionen grundbücherlidh eingetragen. Offiziell werden 1!/, Millionen angegeben.
Ob inzwilchen eine Abzahlung ftattgefunden hat, ift unbekannt.
        <pb n="73" />
        Von den Hammerbrotwerten und ihrem Funktionswandel. 67
noch andere Gläubiger vorhanden. Diele, in8bejondere die Holländer,
drängten jeBt nach Abjdhluß des Krieges, da der Zujammenbruch den
Berluft der Darlehen befürchten ließ. Die Abtragung der hHolländijdhen
Schuld war infolge der beftehenden Devijenvorfhriften jchwer durchzu-
führen, allein man machte auch Keine ernfthaften Anftrengungen und 309
e8&amp; vor, die Mittel, über die man verfügte, obgleich fie zur Abtragung
der Schuld im Anfange, da die Holländifche Währung noch erfhwinglich
war, au8gereicht Hätten, anderen Zwecken zuzuführen. Auch als die Hol-
{änder ihre Forderungen auf 550.000 hHolländifche Sulden hHerabfekten,
erHärte fi die Verwaltung der Hammerbrotwerke außerftande, diejen Betrag
aufzubringen oder ficherzuftellen, was 1922 zugetroffen Haben kann, nicht
aber im Sahre 1918, wo der Kriegsgewinn noch zUr Verfügung und die
öfterreichiJche Krone, wenn auch nicht mehr intakt, aber höherwertig war
al8 1922.

Neuerding3 vffenbarte fich die Grundfjaßkofigkeit der „verantwort-
lichen“ Berfonen. Man trat mit einem Großichieber in Berbindung, der
der Partei naheftand. Was niemand für möglich gehalten hätte, das
gejah! Das Unglaubliche, hier ward es Ereignis; das UnbejHreibliche,
hier ward e$ getan! Allerdings, wer fich der Charakteriftitf, wie jie den
in Betracht fommenden‘ Perfonen Dr. Frif Adler in feinem berühmten
Prozeß Hatte zuteil werden laffen, erinnerte, den überrajdhte e&amp; weiter
nicht; fonnte €3 nicht überrafchen. Nur die naiven und gleidhgültigen
Senofjen, die freilich die ungeheure Mehrheit bildeten, glaubten die Be-
gründung diejes Schrittes, der mit einer Zwangslage motiviert wurde;
jie zu widerlegen, Iohnt nicht der‘ Mübe. Cbhenjowenig braucht mit
einem Worte die Berichterftattung über die Errichtung der neuen Aktien-
gejelljdaft Harakterifiert zu werden. Man verleugnete ih zwar „Unter
den Linden“, aber zu Haufe, in der Dunkellammer, traf man [ih um 10
fiherer; da verftand man fig auch gleich. „Sage mir, mit wem du um-
gehit, und ich jage dir, wer du bift.“ Daß Herr Kommerzialrat Bofel
jein Aktienpakfet der Partei jpäter wieder zurückgeben wollte, [läßt natür-
lich die beiderfeitige Seelenverwandtjehaft unberührt. Au daz Motiv
intereffiert un3 nicht weiter. €$ bleibe dahingeftellt, ob nachträglich ein
Haar in der Suppe gefunden wurde oder ob andere Momente im Spiele
waren. Dag Bankhaus Bojel Hat ja auch mandherfei Erfahrungen Hinter
fich und e&amp; mag Heute vielleicht mehr als vordem auf folide Sef{häfte
Gewicht Legen. Die Rentabilität der Hammerbrotwerke ift ihm offenbar
zu brenzlig und die ganze Verbindung nicht mehr wünjchenswert.

&amp; liegt auf der Hand und jeder wird es verftehen, daß diefe Ent
        <pb n="74" />
        68S Bon den Hammerbrotwerfen und ihrem Funktionswandel.
micdlung der Hammerbrotwerke, welchen ungefähr ‚ein Drittel der Brot:
erzeugung Wien zufällt, mit der SGejtaltung der Preije auf dem Wiener
Brotmarkte innig verflochten i{t. Der Zujammenhang wird ohne weitere?
far, wenn man fich erinnert, mit weldgem Verfprechen diejes Unter:
nehmen insg Leben gerufen wurde. Die Prätenfion war, als Preis-
regulator für die Brotpreisbildung zu wirken, und nad ihrem Umfang
hätten e&amp; die Werke bei umfichtiger, gewifjenhafter, rationeller SGefchäfts-
Mihrung auch fein fönnen, wenn — nidt Dilettantismus und SGrößen-
wahn die Anlage technifh verfehlt und alle Erfahrungen, die gerade auf
diejem Gebiete der Eigenproduktion vorlagen, in den Wind gefchlagen
hätten. € ijft eine fromme Legende, daß das Werk von wegen der höfen
COriftlichfozialen unbedingt in Schwechat errichtet werden mußte, viel-
mehr waren auch in Wien Baugründe vorhanden und angeboten worden.
Aber die in Schwechat gelegenen Gründe waren von einer Induftrie-
gefellihaft billiger erfältlidh und deshalb wählte man fie — trog der
erponierten Lage — nicht bedenkend, daß die Höheren FuhHripejen den
Betrieb dauernd belaften mußten, während die Grundftückjpekulation, zu
deren Vornahme die Feindjchaft der Wiener Chriftlichtozialen eine ge:
eignete Deckung abgab, unfruchtbar blieb. Bei den SGefhäftsführern der
Gammerbrotwerkfe {pielte Faufmännijdhe Kaifon eine untergeordnete Rolle,
während parteipolitijde SGefichtspunfte überwogen. Als man endlich,
nach dem Kriege noch deutlicher als früher, einzujehen begann, weldhen
Bock man gejhofjen, war e8 zu jpät. Der Ausfall der dritten Arbeits:
19icht infolge des Machtbackverbotes gab der jhwachen Rentabilität ein:
geftandenermaßen den RKejt. Mehr als die Hälfte der Badkdjen wurde
jtilgefegt und zur Erzeugung von Feinbäcderei und Dauerware über-
gegangen. Ob dieje Spekulation fich rentieren wird, {teht dahin; manche,
denen ein fachfundiges Urteil zuzutrauen ift, bezweifeln e8. Sicher ift,
daß die Schwar,brotbäckerei auch im Falle tes fontinuierlidhen Betriebe?
ig nicht halten kann und daß im Hinblid darauf die Zahl der Wiener
Betriebe fortgefeßt vermehrt wurde,*) Der einft fo gejhmähte Kleinbetrieb
murde aljo gefördert, außerdem auf den Gründen des ehemaligen Militär
vergpflegsmagazins ein nener @roßbetrieb etabliert, ein draftijher Beweis
jür den prinzipienlojen wirtjchaftspolitijchen Ziczackfurs, den man zur
Sozialifierung der Broterzeugung Wiens einfjhlug. € ift Mar, daß alle
dieje Experimente viel Kapital erfurderten. Man hatte nicht genug Be-
*) €3 gibt jeßt deren 30, darunter 6 Grokbetriebe (ein ganz neuer auf dem
Areale des eHemaligen Militärverpflegs-Magazinz in der OYberen Donauftraße), in
Schwechat (1), Wien (3), St. Pölten und Wr.-Neuftadt.
        <pb n="75" />
        Bon den Hammerbrotwerfen und ihrem Funktionsmandel. 69
triebamittel fir dag Laufende SGejchäft, woher aljo die Kapitalien für
yie neıten Inbeftitionen nehmen? Leihkapital war teuer und wenn auch
a3 Bankhaus Bofel entgegenfam — die Anfprüche der Hammerbrot-
verfe-A.-G. waren unerfättlich. Anftatt die ganze Kraft auf die SZefti-
zung und Verbefjerung des einen Unternehmens zu fonzentrieren, frönte
man dem Bedürfnis nach Expanfion, gab man fih ungezügelt dem Wahn
hin, daß e8 durch eine extenfive Gefhäftspolitik gelingen werde, aus der
Zchlamaftik Herauszufommen. Ernten, bevor man gründlidh geadert und
gefät hat, das kann aber auch größeren GeichäftagenieS nicht gelingen,
al da am Ruder find.

Diefer Komplex von Umftänden im Bujammenhalte mit den früheren
Darlegungen gaben die Erklärung für die unerhörte Tatfache, daß die
Hammerbrotwerfe wie Feine andere Brotfabrik an der
HohHhHaltung der Preije intereffiert find und daher ftatt preis-
regulierend — preistreibend wirken, Nur weil Die privaten Bäckereien
der Hammerbrotwerke ficher waren, fonnten fie fih die Übervalorifierung
»e8 einft üblidgen Gewinnes leiften; fonnten fie fih erlauben, dem
Wiener Konjum Höhere Brotpreije zu diftieren, als in der Sachlage
begründet waren. Darum der Anfturm gegen die Regierung, al8 dieje mit
den Preisverabredungen und dem Kakkulationsjhema aufräumte; darum
die au von den Hammerbrotwerken unterftüßte Forderung nach neuen
Richtlinien und einem Höchftpreis. Solange dieje Behelfe zur ungeftörten
Bewucherung der Konfumenten vorhanden waren, ging das Verftecken-
ipiel leicht und ungezwungen vonftatten. Man fonnte fig auf die
Kegierung, auf die behördliche Genehmigung berufen und. im Übrigen
die Landwirte, die Spefulation auf den Getreidemärkten, den Steuer-
A8fus befchuldigen. Mit dem Wegfall jener Verfchleierungen trat der
5i8her. verhüllte Profitharafter der Wiener Broterzeuger, vor allem der
Hammerbrotwerfe, greifbar zutage. Das Verfteckenfpiel war aus und
übrig blieb die Blamage. WaZ bisher auch der feinfte Arbeiterlonfum-
verein, der eine eigene Bäckerei Hatte, was fimple Proletärier, genoffen-
ihaftlih gefhult, überall zuwege gebracht: den Mitgliedern des Konfum-
veteinZ ein billiges Brot zu verjhaffen, das Haben die graduierten
Sroßbäcder von Schwechat nicht zujtande gebracht. MAber fie und ihre
Hintermänner maßen fih an, die Senofjenihaftsbewegung zu führen und
ihre neue fommerzielle Grundjäge zu oltroyieren — SGrundjäge, die, wie
der Augenfchein lehrt, alles andere denn reell und vernünftig find; denen
:8 die Wiener Arbeiterfhaft zu verdanken Hat, daß je das Brot jo
teuer bezahlen muß.
        <pb n="76" />
        70 Bon den Hammerbrotwerken und ihHvem Zunktionswandel.
Natürlich Haben die Hammerbrotwerfke mit Hilfe ihrer freiwilligen
und unfreiwilligen Agenten alles Möglide aufgeboten, um den
wahren Sachverhalt zu verhüllen. Sie werden e&amp; au in Zukunft
tun nach dem jefuitifjchen Grundfjage: Si kecisti, nega. Wenn du was
angeftellt Haft, ftreite e&amp; ab. Allein keine noch jo fJophyftifjd abgefaßten
Kommuniques — Kreuzelinjerate würde fie die „Arbeiter-Zeitung“
nennen, wenn fie in bürgerliden Blättern erfdhienen wären — und keine
phrajengejdwollenen Salbadereien der gewifjen Konfumentenretter *)
fönnen über die Schande hinwegtäujdhen, daß die Hammerbhrotwerke hinter
den Kuliffen dazı beitragen, die Regierung zu bewegen, daß fie
einen Brotpreis zur Kenntnis nehme, der nach dem fHlechteft rentierenden
Betriebe Falkuliert ift und jpeziell der Rentabilität der Schhwecdhater Fabrik
ent/priht. Ob folde Schiebung notwendig war? E88 find nur zwei
Dinge möglich: Entweder können die Hammerbrotwerke ihren Hohen
Preis rechtfertigen, danın brauchen fie feinen amtlich genehmigten Höchit-
preis, fein Kalkulationsjhdema, Feine Kichtlinien; dann brauchen
jie au nicht das Preistreibereigefeß zu fürchten. Oder
fie fönnen ihren Brotpreis nicht rechtfertigen, dann allerdings ...
benötigen fie anfcheinend eine Sicherung gegen den Strafrichter. Weil
dem fo war, follte eine Kommijjion die Kalkulationsgrundlagen Der
Hammerbrotwerke revidieren. Jedermann lachte über dieje Farce einer partei-
mäßigen Revifion, die fih auf das Schwechater Werk befchränkte, wiewoh!
im ganzen 30 Bäckereien zum Hammerbrotfonzern gehören, darunter auch
Fabriken, zwijchen welchen die Geftehungskoften des Brotes um zirka
2000 Kronen differieren. Daß unter den Bäckereien des Konzerns die
Schwecdhater Fabrik weitaus am teuerften produziert, ijt eben daz Trau-
rige. Und weil hier die Ge/häftsführung auf normalem Wege keinen Sewinn
aus dem Unternehmen hHerausmünzen kann, jollen die Abnehmer des guten
Hammerbrotes jo gut fein und einen übervalorifierten Brotpreis für die
Erzeugnifje aller Bäckereien zahlen. Und nicht bloß jür fie, für die Be-
triebe Des Hammerbrotfonzerns, jondern auch für das Brot der Kon fu m:
genojfjen]haft Wien, der die gleide Preispolitit aufoktroyiert
wurde — ein Diktat, das durch nicht3 zu rechtfertigen und ein Skandal
jür fi ift. Das jo Fünftlich vertenerte Brot zu kaufen, foll aber Partei-
pflicht fein, Joll von der Barteidifziplin geradezu gefordert werden! Die
Käufermoral joll darin beftehHen, unbejehen jeden Preis, au Überpreife,
zu bezahlen; die Verkäufermoral — ja. Bauer, dazZ ift wa anderes.
*) (&amp; wird fi noch die Gelegenheit ergeben, die Maske diefer Lomijchen Konfumenten-
bertreter ein wenig zu lüften.
        <pb n="77" />
        Bon der Regierung, den Parteien und anderen angenehmen Dingen. 71
So haben fih alfo die Dinge auf dem Wiener Brotmarkte geftaltet ;
der Anteil der Hammerbrotwerfe daran ift nicht zu unterfchäßen. Die
von ihnen praktizierte Methode verdient patentiert zu werden. Ieder
Sozialift aber wird fragen: Wo bleibt die Bekämpfung des Kapitalis-
mu3? Wo die Befchneidung der Profitrate zugunften der Arbeiter alE
LoHnempfänger und Opfer der fapitaliftijdggen Ausbeutung, wenn
jedem Arbeiter al8 Familienvater und Konfumenten, jeder Arbeiterfrau
beim Kauf eine? Laibes Brot 800—1200 Kronen Überprofit abge-
nommen wird? Sft das nicht Ausbeutung fchlimmfter Art? Die-
jenigen aber, die durch ihr unverantwortliches, jeder Demokratie, jeder
Kaifon Hohnjprechendes SGebahren bewirkt haben, daß die Hammerbrot-
werfe einen {olchen Funktionswandel herbeiführen, daz Heißt als Preis:
regulator total verfagen mußten, Haben jhwere Schuld auf fih geladen.
von der fie fein Gepolter und kein Terror freimadhen fann.

Sechites Kapitel:
on der Regierung, den Yarkeien und anderen
angenehmen Dingen.
8 rächte fich, daß die Regierung den Kampf gegen den Brot-
wucher mit fo mattem Herzen ‚aufgenommen Hatte, Sinerfeitz — ander-
jeits war die Parole. Den Pelz wollte man wajdhen, ohne ihn naß zu
machen. Der Kampf gegen den Brotwucher ift denn auch fo ausgegangen
wie da8 bekanıte Hornberger Schießen. Mit halben Mitteln zum halben
Biel zu ftreben, ift nicht nur die Art des vormärzlichen Öfterreich gewefen,
jondern ift au die Methode des republikanifchen Öfterreich. Wie ift das
gefommen ?

Die Brotfabrikanten und ihre Alliierten, die mit ihnen verbündeten
Kleinmeifter, erhöhten kurz hintereinander dreimal den Brotpreis mit dem
Hinweis auf den Pejfimismus der Getreidefpekulanten, die den Setreide-
preis auf den Weltmärkten zum Steigen gebracht und auch den Mehl-
preis Hinaufreguliert haben. Die Öffentlichkeit griff die ebenfo voreilige als
übermäßige Preiserhöhung der Bäcker, von weldjen fig nicht wenige
durch große Schlüfje Längft gefichert Hatten, auf und, ohne daß fie fi in
das Broblem allzir tief verfenft Hätte, Fam fie zu dem Ergebnis, daß man
e8 da mit einer volf3wirtichaitlih gefährlichen Eriheinung zu tun habe.
        <pb n="78" />
        12 Bon der Regierung, den Parteien und anderen angenehmen Dingen.
Aug die Preife anderer wichtiger Lebenzmittel ftrebten in die Höhe, mit-
gerifjen von dem Elan des Brotpreijes, der fiürmijch voranging. Man
ıhnte: die gärende Unzufriedenheit der Mafjjen — Beamten wie Arbeiter
— muß früher oder fpäter zum Ausbruch kommen, der Cisftoß der Er-
eignifje — Forderung einer befferen Bejoldungsreform für die Bundes-
angeftellten, Lohn- und SGehaltsbewegungen der in der Privatwirtjchaft
Tätigen — Ionnte nicht ausbleiben, wenn der Inder feine fteigende
Tendenz beibehält, die Kaufkraft des Geldes abhröckelt, die Stabilifierung
der Krone von innen her gehemmt oder gar fabotiert wird, die Produk-
tionsfoften eine Berteuerung erfahren, die den immer {HYwieriger werdenden
Konkurrenzlampf der Induftrie und den Export unmöglich machte. Was
aber erlebten wir? Obgleich diefe Entwicklung der Dinge als eine tri-
viale Selbitverftändlichkeit leicht vorauszufehen war; obgleich der Vize-
fanzler Frank in der ZoNldebatte für den Fall, al die Zölle auf Lebens-
mittel zum Borwande weiterer ungerechtfertigter PreisZiteigerungen gemacht
werden follten, eine Kräftige Intervention der Regierung anfündigt, fommt
dennoch in der Brotfrage der alte, plumpe, mandchefterlidhe Pferdejuß
der Regierung. immer deutlicher zum Vorfchein. Zwar: {fol das un-
zulängliche, veraltete Preistreibereigejfeg novelliert werden; allein das
Berhalten der Regierung gegenüber den Bädern und Brotfabriken läßt
befürchten, daß man e$ bei der drohenden Gebärde belaffen will. Gewiß
möchte die Regierung gern einen Erfolg; der Erfolg fol jedoch nichts
foften — denn niemand will „Dpfer“ bringen und einer {hiebt es auf
den anderen. Die Verbraucher aber, die der Regierung die Kaftanien
au$ dem Feuer Holen jollen, rühren {ih nicht! Wer find die „Vers
braucher“ ? Soweit fie nicht zugleich Unternehmer, Dienfigeber, Arbeit:
geber jind, die die Koften leicht überwälzen Können, find es Gehalt-
und Lohnempfänger, die übrigens als Gewerkjchafter felbft auch mehr
oder minder Produzenteninterefjen Haben oder doch verfechten; oder
Beamte der öffentlichen Ämter, Penfioniften und Kleinrentner. Alle dieje
Sejellichaft3fchicdhten ftehen ohne eine Vertretung ihrer fpezififhen Kon-
'uminterefjen da.*) Daß die NMationalverfammlung Hierzu nur bedingt
geeignet ijt, ann Heute ein jeder mit Händen greifen. Sie kommt zu-
nächft nur als Arena für die großen Wugeinanderfegungen zwifhen den
Rlaffen, al? Kampfplas zur CEnticheidung über die yrinzivielen KLultur-
*) Was fih offiziell als „Konjumentenvertretung“ ausgibt und aufipielt, ift eine
‘olde Armfeligkeit, daß man am beften von ihr nicht fpricht. Ihre G’idhaftelhuberei
kann über ihren inneren Unwert nicht Hinwegtäufchen; e3 ift eine Schein-Vertretung,
bie. unter dem Diktat von VBarteidolititern fteht.
        <pb n="79" />
        Bon der Regierung, den Parteien und anderen angenehmen Dingen. 73
politiihen Gegenfäße, alz Tribüne für rhetorijhe Wortgefechte. bei poli-
tijchen und wirtichaftlichen Interefjenkonflikten in Betracht. Auch wenn
ihre Zufammenjeßung ein höheres geiftigeS und moralijches Niveau ver-
bürgen würde, Könnte ihre Kontrolle über die Staats- und Volkswirt-
ichaft nicht mehr bewirken, al8 das Weichenftellwert eines Bahnhofes
zur Vermeidung von Zufammenftößen. Die eigentlide Arbeit muß außer-
Halb des Parlament3, in feinen Dependancen: den Gemeinden, den
Handels und Gewerbe:, den LandwirtjhaftS- und Arbeiterfammern
geleijtet werden. Alle diefe‘ Einrichtungen befaffen fih jedoch nur mit
Fragen der Finanz-, Handel8= und Gewerbe, der Agrar. und Sozial-
politit; fie fHüben die Interefjen der betreffenden Gruppen, joweit {ie
al8 Produzenten in Frage kommen, ohne befondere Kückficht auf die
Gefamtwirtfchaft, deren Gedeihen nicht allein von der Rentabilität der
einzelnen Erwerbazweige, fondern auch von deren rationelem' Zujammen-
wirfen unter Bedachtnahme auf die ANgemeinheit bedingt wird. CE ge-
nügt nicht, daß Induftrie, Handel und Landwirtfhaft ihre Interefjen
gegeneinander abgrenzen und ihHre Kräfte gegenfeitig ausbalancieren; daß
Kapital und Arbeit fich untereinander Hinfichtlich des Anteil8 am Arbeits-
ertrag verftändigen. Erft in der Sphäre des Konjums zeigt € fig, ob
die‘ fih Freuzenden Elemente der Wirtjhaft eine mittlere Linie und die
SGegenfäße eine Synthefe gefunden Haben, Leider betreiben die Maljen
der Arbeiter und Angeftellten zwar eine intenfive Lohn- und Sozial-
politif, aber feine ebenjo intenjive Konfjumentenpolitif, obgleich Leßtere
gegenüber der erfteren praktifh ins Gewicht fällt. „Bedauerliherweije
haben die Machthaber noch nicht erkannt, daß e3 vor allem au ein
Staatsinterefje ift, die Konjumentenpolitik neben der Produzentenpolitif
fräftig zu Wort fommen zu laffen, und daß fo wenig auf dem Gebiete
der Produktion der abgelebte MancHefterftandpunkt fich aufrechterhalten 1äßt
— ebenjo wenig dies auf dem Gebiete des Konjums möglich ift. Der Krieg
Yatte feinerzeit mit der mandhefterlidhen Auffafjung in feiner Art aufs
geräumt; Dabei verfiel er in das Extrem eine8 bureaukratifhen „Sozialis=
mus“. Seither hat fidh manches geändert und nunmehr glaubt man in
zin anderes, in das entgegengejeßte Extrem verfallen zu jollen. Sin Über:
bleibfel aus jener Krieg3- und Nachkriegsperiode it noch übrig: der
Mieterfhug ; der fhwächlidge Konjumentenjhuß ezijtiert nur mehr auf dem
Rapier. ES find die leßten leider jchon fjehr brüchig gewordenen Stüßgen
der Lebenzhaltung von Millionen. Sie find nun, wie man weiß, dem
Tode geweiht. Wie man aber nach ihrem Wegfall über die Lücke Hinweg-
fommen. wird, das weiß Heute niemand. Die Volksvertretung weiß e&amp; jeden-
        <pb n="80" />
        4 Bon der Regierung, den Parteien und anderen angenehmen Dingen,
fall nicht; fie Hat die Schädigung der VolkSwirt)chaft, die Aushöhlung
der Kaufkraft der Krone die längfte Zeit geduldet, anfcheinend überhaupt
nicht bemerkt. Daz Preistreibereigefeß war jo gut wie außer Kraft ge-
jeßt; zwar erfolgte hin und wieder eine Verurteilung der Meinen Schä-
Her — wie Gepäckträger, Sauerkrauthändler, Wirte, SGreißler —, die
großen Wucherer gingen und gehen ftraffrei aus. Niemand kümmert fich
darum und die Negierung fagt fihH offenbar: Was mich nicht brennt,
brauch’ ich nicht zu blafen. Ein verhängnisvoller Irrtum! Denn wenn erft
einmal das Feuer das Regierungsdbach ergrifjen hat, ijt es längft zu
ipät. Die entbehrenden Majjen Heljen fih vorläufig ander3; die immer
drohende Streifgefahr gibt eine Borftellung von dem, was noch kommen
fann. Bis die darbenden Arbeiter die Bäckerläden {türmen — worauf
wie e&amp; jcheint die Herren in der Herrengafje warten — Hat es vielleicht
10ch einige Zeit. ANber nennt man jo etwa3 regieren ?

Da das Preistreibereigefeß nicht zulegt durch die Sanftmut der
Regierung Schlace geworden i{t, fol die allzu Irafe Brandihaßung der
fonfumierenden Bevölkerung mittels eines neuen SefjfegeS verhindert
werden. Nach den bisherigen Erfahrungen darf man billig bezweifeln,
ob e3 der Regierung damit ernft ift. Wir wollen gar nicht erft an den
Kranz-Prozeß und ähnlidge Vorkommnifje erinnern. Der befte Be-
weis dafür, mit welcher Larheit die immerhin noch geltenden VorjcHhriften
gegen Preistreiberei gehandhabt werden, {ft ja der Brotwucher, an dem
nicht nur mit dem Bundeswappen ausgezeichnete Induftrielle, fondern
aud) andere mächtige einflußreihe Gruppen intereffiert find. Kein zurech-
mnungSfähiger Men]cdh, der fichH einige Unbefangenheit bewahrt Hat und
mit offenen Augen die Dinge betrachtet, zweifelt daran, daß in Wien
— und auch in anderen Städten — sans gene Brotwucher getrieben
wird; daß das Einkommen der Wiener Bäcker und Brotjabrikanten (noch
dazu in der Zeit einer allgemeinen Erwerbskrije) wefjentlich Höher als das
anderer Berufsfchichten ift; daß verhältnismäßig nirgend3 fo gut ver-
dient wird als in der Brotproduktion; daß eine ftrafbare Übervorteilung
des Volles durch die Groß- und Keinbäcker vorliegt; ‚daß die hHoch-
gehenden Tenuerungswellen vom Brotwucher aufgepeitfcht werden und daß
ein Reipen des Dammes, wenn es in abfehbarer Zeit zur vollen Aus-
mirfung der Lebensmittelzölle kommt, mit NMaturnotwendigfeit eintreten
muß. Dennoch unterläßt die Regierung jeden energifidhen Schritt gegen
diejenigen, die die zollpolitijdhen Folgen Heute fchon eSkomptieren. Sie
ichredt vor einer gründlichen Unterfuchung der Brotfrage zurück, weil
daran außer den Bäckern. auch die Mühlen, der Mebhlbandel und —
        <pb n="81" />
        Bon der Regierung, den Parteien und anderen angenehmen Dingen. 75
mächtige Parteien intereffiert find. Sie zögert auch fonft: Kein Kartell-,
fein Infompatibilitätsgejeß, welches das wirt]chaftlidhe Feld von madht-
dungrigen Parteipolitifern und deren jfrupellojen Handlangern reinigt;
fein oberfter Wirtjchaftsrat, der die verjchiedenen Produzentengruppen
zur Ausbalancierung der ökonomijchen Kräfte und Intereffen vereinigt;
feine wirkli unabhängige Interefjenvertretung des Konjums, die dem
Übergewicht der Produzenten und Händler ein wirkjames Gegengewicht
oieten mürde. Unter Joldhen Umftänden muß der Weizen der Broterzeuger
blühen, Die ehrlichen unter ihnen geftehen e&amp; denn auch ziemlich ungeniert
mit einem Auguren-Lächeln ein, daß fie niemal8 noch eine jo Üppige
Konjunktur zu genießen in der Lage waren wie in den leßten Jahren,
insbejondere feitdem es ihnen gelungen ijt, der RMegierung zur Sicherung
de8 Überprofitz vor dem vertrakten Preistreibereigefeß die Zuftimmung
zu einem „SKalkulationsfchema“ abzuliften, weldes den in jenem etwas
bfolet gewordenen SGejeße enthaltenen Konfumentenfichuß zu paralyfieren
beftimmt war.

Daß daz Bäckergewerbe Heute ungeachtet aller Schwierigkeiten
zußerordentlidh floriert, geht freilich nicht aus den offiziellen Bilanzen
der Brotfabrifen hervor; fie geben nämlich ein ungenaue3 Bild, da fie
jür die Steuerorgane berechnet find. Die richtigen Bilanzen find unde-
fannt und werden beffer geheim gehalten; wohl aber verrät Die rührige
Inveftitionstätigleit, verraten die Kapitalserhöhungen, die pausbäckig
Kundung ihrer Sejchäfte, die Frapfenartig aufgehen, ohne daß eine extra-
feine Preßhefe dabei im Spiele wäre, eine hohe Rentabilität. Auch die
Rieinbädereien vermehrten fich in den legten Jahren fruchtbar und Holten
die im Kriege erlittene Schrumpfung teilweije wieder ein. Kein Wunder!
Die Spannung zwijdgen Mehl- und Brotpreis ift größer denn je; der
Anteil des Mehlpreijes am Brotpreis trog zeitweiliger Erhöhung der
Wehlpreife ift geringer geworden. Wenn fchon in der VorkriegZzeit die
Preiskurven für Brotgetreide und Brot nicht durchwegs parallel ver-
‚tiefen, 0 zeigt fi in der Periode, da die Preisverabredungen der
Brotfabrifanten und Bäder unter dem wohlwollenden Protektorate der
Parteien ftattfanden, eine noch eiligere Flucht der einen Kurve von der
anderen. Erft als in den Sommermonaten 1924 das Spiel befondersz
necijch wurde, erregte dies die Aufmerkjamkeit der Öffentlichkeit und die
Kegierung bejann fi darauf, daß fie ja gerade durch die feit 1922
verbotene Koalierung und doch geduldete Marimierung des Brotpreijes
dem Wucher eine Dedung verfhafft Hatte, wie fie fi die vereinigten
Brotwucherer nicht behaglidher wünfcdhen konnten. Wie zum Hohn gingen
        <pb n="82" />
        16 Folgerungen und Forderungen.
diefelben, nachdem fie Hinter dem Vuich ertappt und verwarnt worden,
jojort mit einer neuen Brotpreiserhöhung vor, gleihfam um zu beweifen,
daß auch ohne Maxyimalpreis die ftrafloje ShHröpfung des Konjums eine
Leichtigkeit fjei und daß fie auf eine Übervalorifierung des Brotpreijes
ein unantaftbares Recht Haben, auch wenn fein behördlih anerkanntes
Ralkulationsfichema ihnen die Wattform dafür abaibt.

Schluß.
Zolgerungen und Forderungen.
MÄber wie ift unz denn? Wir leben doch im Zeitalter der Demokratie
and haben e8&amp; gar Herrlich weit gebracht? Ja — politifh; wirtichaftlich
liegen die Dinge freilich anders: wir nähern uns — nicht einmal Langjauı,
jedenfalls jidher — einem Brotpreis von 10.000 K, wa® wohl weniger
erfreulich ift.

„Ach, du willft die Demokratie JHmähen,“ fhnaubt mir ein ent:
rüfteter Marat mit Heiferer Stimme entgegen und er {Hüttelt die Fauft
zegen mich. „Du Verräter, dır Volksfeind .... Weißt du nicht, daß der
Krieg an allem jhuld ift? Der Krieg, die Sanierung, die Regierung,
die Agrarier, die Mühleninduftriellen, die Getreidehändler, die Speku-
lanten, die Börfenjobber, mit einem Worte: die gottverdammten „Bourgevis”,
die ihren „Kapitalismus“ nicht aufgeben wollen!“

„Semach, mein heijerer Marat! Bevor du mich, den „VBolksfeind“,
durch deine kompakte Majorität fteinigen, beflegeln und mit Unrat be-
werfen läßt, nimm zur Kenntnis: Ich bin der legte, der dem Kapitalis-
mu8 die Stange halten möchte. SGewiß, da3Z privat-Kapitaliftijche Syftem
mit jeiner Manchefterei it jhädlih, aber warum Habt ihr es dann
zur Grundlage eurer Brotproduktion gemacht? Ih wiederhole mit
St. Suft: ‚Das Brot ift das Recht des Volkes!‘ Und nicht nur das
gute, auch da? billige Hammerbrot! . .. Sollte das wirklich unmöglich fein ?*

Und wenn e8 euch unmöglich ijt, warum hindert ihr die Konfum-
vereine, billiges Brot zu erzeugen und jHiebt die Schuld auf andere
Leute? Laßt do das Brotbaden, wovon ihr offenbar wicht? verfteht,
und bleibt bei der Politik, die ja gleichfalls ihren Mann nährt... .*)
;*) Das mag fie auch. Denn: Man fol dem Dchjen, der da drifcht, nicht das Maul
verbinden. Aber „dreihen“ muß er! Selbitverftändlih kein leere8 Stroh!
        <pb n="83" />
        &gt;
| 5 Bit) olhak
Folgerungen und Forderungen. A
Zo ijt e8 nämlich. Feder diejer Bolksfreunde und Konfumentenvertrefes. | Fin
ichreit wie befeffen: „Haltet den Dieb!“ Und fie haben alle regt! ...

3 ijt ein weiter Weg vom Kornfeld in den Bäckerladen, der noch
dazu fünftlig verlängert wird. Da kann e8 denn nicht wundernehmen,
baß von der Brotfrucht mehr und mehr verloren geht. Der Liebhaber
diefes „Schwunds“ gibt e&amp; nicht wenige und ehe das Brot in die Hand
de8 Konjumenten gelangt, ift es winzig Hein geworden. Und nun glauben
die p. t. Brotlieferanten und ihHre Gönner und Nußnießer, daß fie aucH
die Konfumenten Klein Iriegen werden, da ja die privilegierten unD
patentierten Konfumentenretter mit ihnen an einem Strange ziehen und
‘Hnen die Mauer machen und Schüßenhilje leiften ... Und ihre Hoff-
nung ift nicht ganz unbegründet, denn die Brotwucherer Haben gar große
Macht; fie verfügen über die Preffe und Kontingentieren die öffentliche
Meinung, jo daß €8 faft unmöglich ift, auch nur ein Zipfelchen des
Schleier8, der über die Profitgeheimnifje der Brotiwucherer gebreitet ift,
zu füften. Die Geheimdiplomatie ift eben noch nicht überall abgefchafft
und die Geheimdemokratie Inüppelt denjenigen prompt nieder, der es
wagt, indiskret zu Jein und fie zu fompromittieren. Wie jagt Shakefpeare?
„Wahrheit ijt ein Hund, der Hinausgeprägelt wird und ins Loch muß,
mährend Schoßhündden Lüge am Kamin fiH wärmen und ftinken darf.“

Unter dem Titel der Parteidifziplin wird von dem braven Partei-
mann unbegrenzte® Bertrauen und Verzicht auf jede Meinungsäußerung
gefordert, die keine Beweihräucherung der Inftanzen ijt. Ein gewöhn-
licher Genofje braucht keine eigene Meinung zu haben; die wird ihm
von den Inftanzen vorgejchrieben und damit bafta! Freie Meinungs-
äußerung — wohin fäme man da? Sie ift Hochverrat, weil der Gegner
fie ausfchlachtet. Darum Vertufjhung um jeden Preis, was freilich einem
Freibrief für Willkür und Unfähigkeit gleidhkommt. Der Abjolutismus
in demokratijger Hülle ijt im Zeitalter der Betriebzräte aber eben jo
unerträglich wie irgendein anderer.

Ich habe e8 Ichon gejagt: Mit dem Volk wird Berfteden gefpielt
von allen Karteien, die an der Verjchleierung der Tatjachen interejfiert
ind, und das Bolt weiß nicht, wie fehr e® bei diejem politijhen Ber-
itecenfpiel gefoppt wird. Ja, ein politijhes Verftedenfpiel ift die Brot:
frage geworden und es ift nicht ungefährlich, in die diverfen Wefjpen-
nefter zu {techen, in die Mefter der Parteienküngel, wo die Raubd- und
Schlupfwejpen zu Haufe find. Trogdem muß der Griff gewagt werden.
Uuf der einen (parteipolitiigen) Seite die Agrarier und ihre Vertreter,
auf der anderen Seite die Brotbäder und deren Beichüßer als Kon-

Ra
*

nn
Fa
        <pb n="84" />
        to
3

Folgerungen und Forderungen.
jumentenretter, e&amp; i{t zum Totlachen! Mögen mich die Interefjenten des
Brotwucher3 und ihre Schukgtruppe noch jo wütend anfallen — die Wahr-
Jeit muß einmal Anz Licht und wäre fie Hundertmal ein Skandal! Die
3ziftigen Stacheln der Wejpen werden die Wahrheit nicht treffen und
ihren Trägern felbft gefährlich werden. Man kann die Wahrheit ftechen,
ıber nicht erftechen! Und die Wahrheit ift, daß die Brotfrage ein
Bolitifum geworden. Wo aber die Politik im Spiele, da ift die Lüge
obenauf! NMirgends — nicht einmal im Handel oder vor Gericht —
mird joviel gelogen, wie in der Politif. Darum fonnten wir die Politik
nicht Links Liegen Iafjen und mußten die Sache vhne Parteibrille be-
tracdhten. Führt man die Brotjrage aus der Politik heraus und entführt
man fie dem Intrigenfpiel der Parteien, dann merkt man, daß bei aller
Segenjäglichfeit der Interefjen die Brotwucherer in Stadt und Land
einig find in dem Beftreben, an dem Produkt von der Saat des Samen»
:orn8 biz zur Ausgabe des Brotes den Konjumenten übers — ach
allzu fange — Ohr zu hauen und zu jchröpfen. Das anerkannt wirk
jamjfte Mittel zur Verbilligung des Brotes war daher jeit je, den Weg
vom Getreidender bis zum Brotladen abzufürzen und die zahlreichen
3wi|dhenglieder, die al? parafitäre Nugnießer auf den Getreide- und
Mehliäcen jowie auf den Brotlaiben reiten, auSzumerzen. Die An-
näherung der Produzenten und Konjumenten ijt auch in Öfterreich vers
‘ucht worden und hat einigen patentierten Konjumentenvertretern wohl-
dotierte Verwaltungsratsfiellen in Handels und ähnlichen „gemein-
nüßigen“ Aktiengefelljdhaften eingetragen. Das ift aber auch alles. Für
ie Roniumenten fam nicht8 heraus al® fortaeijeßte Brotverteuerung.

Und unjere BolfSvertretung? Bon ihr fprechen, ijt Verlegenbheit.
Rarl Marr hat umfonft — oder nicht umfonft? — von „parlamenta-
:ijcem Kretinismu8“ gejprochen. Waz würde er Heute fagen? .. .
Die waderen Volfsboten mögen doch ja nicht glauben, daß fie etwas
:ürs Volk leijten, wenn fie ihre durh Koterien vorgenommene Wahl
vom Volke fich beftätigen Iaffen und dadurch immun und verantwortungs-
[03 werden. Sie ahıren nicht, daß das Vertrauen zu diefem Karla:
nNentarismus und zu diejer Demokratie in weiten Kreijen des Volkes
zrfchüttert und im Schwinden begriffen ift, und bilden ih gar noch ein,
daß — weil die Herren Nationalräte mit fih jelbit zufrieden find
        <pb n="85" />
        Folgerungen und Forderungen.
— 8 auch die Wähler jein müffen ,.... Doch das i{t ein Kapitel
für fich.*)

79

Was ijt zu tun?

Wenn dem immer Ddreifter fihH gehabenden Brotwucher ein fefter
Damm entgegengefegt werden fol, dann genügt e&amp; durchaus nicht, den
Dehlzo aufzuheben, Frachttarife, Steuern und Abgaben zu ermäßigen;
dann muß au dem Überprofit der Bäcker zu Leibe gegangen werden.
Dier liegt „der Hafe im Pfeffer“, liegt der „Hund begraben“ ; ‚da |prudelt
eine Hauptquelle der Brotteuerung. Hic Rhodus, hic salta! Auf, ihr
volitijgen Torreadors und padet den: 5 Stier“ bei den Hörnern, ‚wo
immer er zu finden ijt! Ich meine, daß dem Wucher mit der Schärfe
de Sefeges zu Leibe gegangen und daß wieder ein preisregulierender
‚yaftor in der Broterzeugung wirkfjam werden muß. Die Brotverforgung
darf nicht länger Spielball von Spekulanten fein, die, geftüßt auf Geld-
“act und Immunität, den Bäckerprofit übervalorifieren. Die Konfumvereine
müfjen wieder zu Inftrumenten der Berbilligung der Lebensmittel, zur
Bejeitigung des Überprofitz in Produktion und Handel, die Herftellung
des wichtigjten Mahrungsmittel8 muß entpolitifiert werden durch ein
Kartell- und Inkompatibilitätsgejeg. Die politijdhen Schufter mögen bei
‘rem parlamentarifjchen Stiefel bleiben! Wenn die Konfumvereine aus der
Umflammerung der Parteipolitiker befreit jein werden, dann können fie wie
im Deutjchland, der Schweiz und andermärtSZ ein billiges Brot erzeugen;
dann wird die Genoffen|haftsbewegung eine Bolfsbewegung werden, in
der Parteipolitik Privatfache ift und wo fie nichts zu fuchen hat. Gewiß
wird und jo fie vor allem der Arbeiterklafje, der Klafje der Lohn- und
Sehaltsempjänger dienen und mit der jozialdemokratijdhen Partei in Wirt-
Ihaftsfragen Hand in Hand gehen. Das fjolM aber nicht unter dem Drucke
der Barteidiktatur, fondern in vollfter Freiheit gejhehen. Neutralität heißt
nicht wirtfchaftspolitijche Indifferenz, Jondern Unparteilichtfeit, Unabhängig:
feit; Ablehnung der Unterordnung unter eine Partei, aljo un einge-
‘Oränfte Autonomie. Die Genofjenidhaftsbewegung gedeiht nur in der
‚Sreiheit; wo Partei i{t, Herricht Zwang; wo Zwang, gibt es Keine
Demokratie. Die Politiker haben zu Kontrollieren, zu Kritifieren, zu
opponieren, zu balancieren; aber nicht zu produzieren, nicht zu
*) Die Krije des Parlamentarismus und der Demokratie, deren Schwächen 3. B.
durch Schaffung eines vom Zufall der Wahl teilweije unabhängigen Wirtfhajtsrates
behoben werden Könnten, joll in einer eigenen Schrift dargelegt werden.
        <pb n="86" />
        30

Folgerungen und Forderungen.
bilanzierenundnidhtzu diktieren. Hans Sachs war ein Schuh-
macher und Poet dazu: Wenn aber ein politiicher Schufter Stiefel
macht, dann find Hühneraugen unvermeidlich.

Im Ernft gefprohen: Ein Inkompatibilitätsgefeß tut not,
tut dringend not. Ein Gejeß, weldes Ämter- und Pfründenkummulierung
inner- und außerhalb der Partei verbietet und fo die Korruption verhindert,
die in Staat und SGefellichaft eingerifjen i{t und heimlich wuchert. Ein
Infompatibilitätagejeß, weldes die Anhäufung wirtidhaftliher Macht in
ziner Hand, in der Hand eines Einzelnen oder einer Partei mit ihren
Drahtziehern und Drahtpuppen verbietet. Was wir ferner brauchen, wenn
nicht die Demokratie depraviert, Forrumpiert und diskreditiert werden
joll, das ift ein Gefeg gegen den MizbrauchH wirtfhHaftlidher
VMadhtftellungen, der in der Bewucherung der Konjumenten zum
Ausdruck kommt, Der parteipolitijhe und wirtfhaftlidhe Imperialismus
muß endlich befeitigt werden im Staate wie in der Arbeiterbewegung

überall! Solange diejfer Imperialismus befteht, kann die demokra-
tijdge Kontrolle nicht funktionieren, herricht Verantwortungslofigkeit und
fontrolloje Wirtfchaft, ein Zuftand der freilidh unfjeren Parteiimperialiften
behagen mag, weil fie dann jeden Wiederjpruch erfticken, jede Oppofition
niedernüppeln, jeden felbftändig Denkenden mundtot madhen Können.
Der Arzt, der Iurift, der Schriftfteller, kIırz der geiftige Urbeiter ale
Stimmenlieferer und als Lohnjklave einer Dligarchie, das i{t das Ideal,
mweldjes Hinter der heißen Umwmwerbung der Intellektuellen durch die
Parteien fteckt. Darum brauchen wir die Unabhängigkeit der Wirtjchaft
von der verlogenen Parteipolitit, weil wir billiges Brot brauchen.
Biliges Brot — das ift ohne wirklidge Demokratie, ohne demokratijch
fontrollierte Wirtjchaft, ohne die Ausjchalkltung verantwortungslojer Partei:
volitifer aus dem Interefjenkreije der Produktion und des HandelS nicht
möglig. Demokratie, Freiheit, VBerantwortlichfeit, Inkompatibilität,
Trennung von Legislative, Cyekutive und Kontrolle in Stadt, Land
und Gemeinde — billiges Brot: fie Hängen inniger zufammen
als eure Schulweisheit fich träumen läßt. Wer daher den Brotwucher
ernftlich befämpfen will, der muß alfo auch den Kampf aufnehmen
gegen Pieudo-, Witer-, Geheim- und Schein-, gegen Maul- und Maultorb-
demofratie, die — je tiefer fie felber finft — uns den Brotforb um fo
höher hängen möchte. Allerdings, e&amp; i{t eine „ftiere“ Demokratie.

Der „Stier“ muß darum bei den Hörnern gepadt werden.
        <pb n="87" />
        Marktes" und laden mit NiecH|He, der unfjere „Pappenheimer“ voraus-
ahnte, über die traurigen Poffenreißer des politijhen Zirkus und ihre
Dandlanger in der Manege, die ihnen die Pappendedel-Sewichte „ftemmen“
helfen... Ihr Totjhweigen, wie ihr Aufkreijchen ob der empfangenen
Diebe wird die bejte Reklame für unfjere Unklagen fein.

VBorläufig find folgende Themen zur Behandlung in Auzjicht
genommen.

1./2. Heft: Der Brotwucher und jeine Gönner. (Doppelheft).

3. Verfjchleudertes Bolksvermögen oder: „Ehrlich währt
am Längften.“

4. Senvjfenfjchaftliches Falijhmünzertum oder was
Parteipolitif aus den Konfumvereinen machte.

5. Die Tragik des Sozialismus,

6. Die Krife de8 Parlamentarismus und der Demo-
fratie.

7. Bom Schein und Wefen der Parteien.

8. Der „fjhöne Karl“ oder B{yhHiatrierung der Dem
agogie.

Die einzelnen Hefte werden mit Ausnahme des erften Doppelheftes
in der Regel 2—3 Bogen ftark fein und bei Bezug von mindefjtens
50 Stüd dur Genojjenjdajten oder Vereine oder bei Woraus-
geftellura zu ermäßigtem Preife abgegeben.

Seder, der c&amp; mit dem armen deutjhHhen Volke,
da3 nach politijher und wirtjhaftlidher Konfolidierung
ringt, ehrlid meint, wird dieje Schriften, in melden das
Saule und Falfde in Politik und WirtjchHaft aufgezeigt
werden joll, lefen und verbreiten. Denn ein Neinigungsprozeß
de3 Öffentlichen Lebens tut vor allem not! Wer ihn zu fördern geneigt
jt und die fo notwendige demokratifdhe Kontrolle organifieren
will, fchlieBe fich ung an und fende feine Mdreffe an
W. U. Wilhelm
Senoffen{haft&amp;-Revifor
[X., Qulfanbinafie Nr. 138.

Wien, Ende Dezember 1924.

Dr. Richard Beer Iofef Benifch Siegmund Kaf]
Rechtsanwalt. rivatbeamter. Schriftfteller.
        <pb n="88" />
        Berlag von Morik Berles, Wien I.

Der Abbau des Mietengejeßes
von Ingenieur Ludwig Sommerlatte.
Breis Schilling 1.02.

Wohnungsanforderung
herausgegeben und erläutert von Dr. Heinrich Kiwe.
Mit einem Anhana :
Das Mietengejek
und die Berordnung des Bürgermeifters von Wien
als Qandeshaupimann vom Dezember 1922 betreffend
die Wohnungsanforderung. Samt Ergänzungs-
tafel (Entjheidungen der Oberlandesgerichte).
VBreis Schillina 5.20

“n11}
Sejeß gegen den unlauferen Wetf-
bewerD nebit den einichlägigen älteren Borfchriften.
Mit ausführlichen Erläuterungen aus den Materialien
und der Rechtjprechung von Dr. Xeo Geller. (Sifer-
reichiiche Gejeke. Einzelausgabe. Heft 115.)

VBreis Schilling 1,84

IN
Die Wiener Gemeindeahbgaben
fjamt Durdhführungsbeftimmungen von Dr. Friß
Mayer, Landesregierungsrat.

Preis Schilling 4.90
Preife jamt Warenumfjakfitieuer
3u beziehen durch alle Buchhandlungen
EEE EEE hehe
Brüder Bolline?. Wien, II. Steinaafie 25
        <pb n="89" />
        <pb n="90" />
        <pb n="91" />
        <pb n="92" />
        z1x

07581114
        <pb n="93" />
        tr

,

BP
u

on den Hammerbrotwerken und ihrem Funktionzwandel. 55
tethoden allerdings, welchen der Schwindelgeruh Übler
»thoden anhaftete . . -

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3
C
A

Harafkteriftifch ijft in diefer Beziehung der Brief, welchen
ge der Partei Handelnde Gründer Dr. Benno Karpeles
jerbant jchrieb. Diefes Dokument ftellte gleichjam das
tifje Glaubensbekenntnis des Berfafjer8 dar, der fiH für
ıfchafter hielt und von vielen und in weiten Parteikreijen
Halten wurde — eine Einbildung, die durch daz Banfk-
auf das bündigfte widerlegt wird. Denn diejes ScHriftftüc
daß der Verfaffer und die Partei die Borausjebungen
Maffenfonfjum beftimmten Produktion völlig verkannten
tr genofjen]haftligen Auffaffung der Dinge weit entfernt
ie Parteivertretung diefe grundfalihe Zheorie fih zu eigen
t deren „SGeifte“ die gefamte Bewegung vergiftete, war für
;rhängnis&amp;voller Bedeutung. Wenn e8 in der Folge in der

Organifation der Arbeiter zu fchweren Krijen kam, dann
die Parteivertretung eine Verantwortung, die ihr nur
voll zum Bewußtjein gebracht wurde, weil mit der ver-
e von der Einigleit der Partei, die nur das Feigenblatt
haber darftellte, jeder Widerfpruch im Keime erftict wurde.
%e war man fidher; deren Unverftand und Indolenz er-
d hier. Die nicht zur Demokratie, jondern zum Perfonenkultus
trauen&amp;männer aber bildeten die Stügen des Syftem3 und
effen unaeftörte Fortdauer.
jeft, welches in dem Memorandum entwicelt wurde, war
phantaftijg genug und für jeden gerade denfenden und
jermaßen erfahrenen Menjchen kaufmännifch eine Torheit,
und genoffenjhaftlich eine Unredlichkeit. €3 war naiv
zugleich. Kritikllos hatte e3 die Parteienvertretung Küber-
icht@Halber jedoch der Parteiöffentlichkeit vorenthalten.
war eben dieje Demokratie, daß fie die größten Unter-
eichjam Binter dem Rücken der Mafjje realifieren und in
t jOmuggeln wollte, waz jie nicht Hinderte, von einem
jener Arbeiter“ zu jprechen. Begreifli war diefe VBorficht,

bedeutete nicht weniger alg die NuZlieferung des
er Arbeiter an daz Bankkapital! C€3 war jeden:

eigenartige Methode, die Maljfen vom Drude des Ka-

beireien. Der Kleinhandel, der Zwiflchenhandel fjollte
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