Bedürfnisse und Arbeit. S eine mehr oder weniger reiche Familie handelt. Die Wohnung beanspruchte letzthin 15 bis 16% (und wieviel mehr dem nächst!) vom Budget der Arbeiterfamilie, so daß beides zu sammen 80%, vielleicht bald 90"/« vom Haushalt der Arbeiter klassen darstellen. Was bleibt ihnen für alle anderen Be dürfnisse, die den Menschen über das Tier erheben? Natürlich besteht bei den Tieren das Kleidungsbedürfnis nicht. Sie haben damit nichts zu tun, da ja die Natur dafür gesorgt und sie prächtig gekleidet hat, sogar so prächtig, daß wir Menschen (und besonders die Damen) von den hinter lassenen Kleidern der Tierwelt leben, von ihrem Fell, ihrer Wolle, ihrem Pelzwerk, ihren Federn und ihren alten Zähnen (die wir Elfenbein nennen), kurz von allem, was sie bei Leb zeiten getragen haben. Trotzdem scheint es bei näherem Zusehn, als ob schon bei den Tieren gewisse ästhetische Bedürfnisse vorhanden sind; denn es gibt gewisse Gattungen, die an den glänzenden Gegen ständen Gefallen finden. In Asien kommt ein Rebhuhn vor, das sich Wohnungsschmuck herstellt, indem es an den in seiner Umgebung stehenden Bäumen alle Glasscherben aufhängt, die es finden kann. Und was bemerkenswert ist: das Bedürfnis nach Schmuck, das, wie man denken möchte, doch erst auf der letzten Stufe der Entwicklung kommen müßte, tritt in der Geschichte der Menschheit sogleich nach der Nahrung und Wohnung auf, aber vor der Kleidung; denn bei den Wilden sorgt man erst für den Schmuck, ehe man an Kleidung denkt, und man kann sogar sagen: sie kleiden sich nur, um „sich schön zu machen". Das sind die Bedürfnisse der Tiere: obgleich sie genügen ihr Leben auszufüllen, sind sie sehr beschränkt. Muß man daraus eine Lehre für uns ziehen und sagen, die Menschen müßten auch ihre Bedürfnisse auf ein Mindestmaß beschränken? Das ist ein Gegenstand der Überlegung, der die Grenzen dieses Büchleins bei weitem überschreiten würde. Begnügen wir uns damit, vor einem Mißverständnis zu warnen. Gewiß ist „das einfache Leben" nicht nur ein sittliches Ideal, es ist auch ganz besonders in der Gegenwart, eine gebieterische wirtschaft liche Pflicht. Doch hüte man sich, in dieser Empfehlung des einfachen Lebens einen Rat zu sehn, zum tierischen Leben zurückzukehren und unsere Bedürfnisse auf Nahrung und Wohnung zu beschränken. Einfach leben bedeutet nicht, uns unser Lebelang mit unserem Tisch und unserer Wohnung zu beschäftigen. Es bedeutet im Gegenteil, jene tierischen Bedürs-