11 Bedürfnisse und Arbeit. Haupt den Namen Arbeit verdient. Das Charakteristische an der Menschenarbeit ist zu allen Zeiten die Anstrengung, die Mühe: „Du sollst im Schweiße Deines Angesichts arbeiten". Kann man von den Tieren sagen, daß sie im Schweiße ihres Angesichts arbeiten? Dieser Satz scheint nicht nur im über tragenen Sinne ungereimt: er ist es in eigentlichem Sinne. Es scheint nicht, daß ihre Tätigkeit den Charakter einer Auf gabe hat, wie das für den Menschen der Fall ist, sondern die Arbeit scheint eher eine natürliche Funktion zu sein. Der Vogel baut sein Nest, wie er zwitschert, und die Biene bereitet ihren Honig, wie sie summt. Man kann sie sich nicht vor stellen, wie sie jeden Morgen sich zuruft: Auf zur Tagesarbeit! — Die Arbeit scheint für sie eine körperliche Übung, eine Lebensform — dasselbe, was nach dem Bericht der Genesis die Arbeit des Menschen vor dem Sündenfall gewesen sein muß, dort im Garten Eden, wo er nur die Früchte von den Bäumen zu pflücken hatte — als ob die Tiere nicht in den Fall mit eingeschlossen gewesen wären und so das göttliche Vorrecht der fröhlichen Arbeit behalten hätten. Aber es ist für die Söhne Adams verloren gegangen, und nicht mit Unrecht hat man den Menschen definiert als das faule Tier. Und doch sagt der Mensch gern, daß die Tiere Faulpelze sind. Wäre es für die Haustiere wahr, so ist es wohl ent schuldbar, da diese ja nur Sklaven sind und daher nur Sklavenarbeit zu liefern haben. Aber selbst im Hinblick auf diese, welche Ungerechtigkeit, wenn man an die Tätigkeit des Hunds auf der Jagd denkt, wo er den ganzen Tag keuchend umherläuft, um seinem Herrn das Wildpret zuzutragen, oder an den Ochsen am Pflug, das Pferd im Geschirr! Welcher Arbeitgeber wäre nicht glücklich, wenn er heutzutage Lohn arbeiter hätte, die nicht fauler wären als jene treuen Arbeits gefährten? Was die wilden Tiere angeht, so ist es ja richtig: wenn sie ihre, wie ich eben gezeigt, sehr einfachen Bedürfnisse be friedigt haben, so fühlen sie nicht das Bedürfnis, sich weiteren Anstrengungen auszusetzen. Folglich ruhen sie sich aus; das will nicht besagen, daß sie faul sind, das besagt nur, daß sie nur das Notwendige tun. Es bliebe nun noch zu erfahren, warum die Arbeit für den Menschen nicht ebenso heiter und leicht ist wie für das Tier. Warum trägt sie den Charakter eines Fluches? Man kann es sich nur zu leicht erklären, wenn es sich um die Arbeit handelt, unter der das Menschengeschlecht Jahrhunderte lang