66 Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre. teil, wir hören nur Ermutigungen, um die Menschen zum Geldleihen zu veranlassen. Erst letzthin waren die Mauern von Paris mit Anschlägen bedeckt, um die Leute zu veranlassen, dem Staate zu leihen. Man liest: „Bringt Euer Geld her! 6% Zinsen! Fünfzig Prozent sicheren Mehrwert! Es ist patriotische Pflicht". Und nicht nur für Staatsanleihen wird alle Welt gebeten, Geld herzugeben. Unsere Konsumgenossenschaften, doch halb sozialistische Einrichtungen, entleihen auch. Sie tun es auch gerade in diesem Augenblick. Sie versprechen auch allen 6°/», die Geld zu diesem Werk der Gemeinschaftlichkeit, der Brüder lichkeit, beisteuern wollen; es fehlt nur wenig, und man fügt hinzu: zum Werk eines guten Sozialismus. Es hat sich also etwas verändert in der Geschichte des Leihens auf Zins. Und was? Was ist schuld daran, daß diese Frage, deren Geschichte jener lange soeben skizzierte Märtyrer bericht ist, heute eine ausgemachte Sache geworden ist? Zwei Gründe erklären diese Umbildung: ein theoretischer und ein praktischer. Der theoretische Grund ist, daß heutzutage sogar die Sozialisten schließlich begriffen haben, daß das Leihen auf Zins notgedrungen mit dem Privateigentum verknüpft ist, und daß es widersinnig ist, solange das Privateigentum an erkannt ist, anzunehmen, das Ausleihen von Geld könnte um sonst sein. Folglich ergeht sich die Frage nicht mehr auf das Gebiet der Gesetzmäßigkeit des Zinses, sondern sie wird auf dem Gebiet der Gesetzmäßigkeit des Kapitaleigentums gestellt. Die Diskussion hat sich also verschoben. Perschwindet die Frage des Zinses, so bleibt doch die des Kapitals, wir werden sie weiter unten wiederfinden. Aber es gibt auch einen praktischen Grund, der diesen Wechsel erklärt: die Lage der Gläubiger und Schuldner ist nämlich umgekehrt worden. Während der ganzen Vergangen heit war der Gläubiger der Starke, und der Schuldner, das war der Schwache. Der eine war der Reiche, der Mächtige, der Patrizier; der andere war der Bedürftige, der Proletarier, der Elende. Heute ist das nicht mehr so. T8er sind denn heute die größten Schuldner? die größten Geldentlciher? Da sind zunächst die Staaten, dann die Großbanken, die großen Gesell schaften. Und wer sind die Geldgeber? Sie sind es, meine Leser, ich hin es auch; es sind oft ganz kleine Leute, die ein wenig Geld gespart haben und die es nun für Unternehmungen hergeben, deren Namen sie in den Zeitungen gelesen haben.