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        <title>Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre</title>
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            <forname>Charles</forname>
            <surname>Gide</surname>
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        </author>
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            <idno>1030856788</idno>
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        ﻿DES

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WELTWIRTSCHAFT

BIBLIOTHEK

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        <pb n="2" />
        ﻿iyalberßadt

H. Meyer s Buchdruckerei

Abteilung Verlag
1925
        <pb n="3" />
        ﻿Ghmles ffliDf

Professor am College Se (France
IKonorarprosessor an Ser Pariser lkechtssakultät

Überseht von
        <pb n="4" />
        ﻿V

Alle Rechte vorbehalten.

A,

Druck von H. Meyer's Buchdruckerei, Halberstadt.
        <pb n="5" />
        ﻿Vorwort.

Mit diesem Büchlein haben wir nicht die Absicht, einen
Abriß der Wirtschaftswissenschaft zu geben, noch weniger ein
Wiederholungsbuch für Studenten — wir wenden uns viel-
mehr an diejenigen, die niemals Volkswirtschaft studiert
haben und möchten in ihnen nur den Wunsch rege machen, sie
kennen zu lernen.

Man wird demnach hier fast keine Begriffsbestimmung
finden, keine Erörterungen oder Darlegung der die Gegen-
wart bewegenden Fragen, sondern nur einige Bemerkungen
über den Ursprung und die Entwicklung der soziologischen
Grundbegriffe — höchstens etwa ein Dutzend, die das Gewebe
der Volkswirtschaft bilden — und wir wollen zeigen, wie sie
sich allmählich im Geiste der Menschen geformt und in den
Einrichtungen verwirklicht haben.

Charles Gide.
        <pb n="6" />
        ﻿Inhalt.

Seite

Inhaltsangabe...................................................  5

Kapitel I. Bedürfnisse und Arbeit.

Die Ursprünge der Wirtschaftsbegriffe bei Kindern und Tieren 7
Die ersten Bedürfnisse: die ersten Arbeiten. — Die Arbeit

ohne Mühe ............................................ 8

Das erste Kapital: die Aneignung. — Das Sparen. — Die
Werkzeuge.,— Die Erfindung des Feuers.................13

Kapitel II. Tausch und Wert.

Wie der Tausch entstanden ist: der Diebstahl. — Schwierig-
keiten der ersten Tauschgeschäfte. — Umstände, die sie
erleichtern. — Das Geschenk auf Gegenseitigkeit ...	19

Der Wert: seine Bedeutung....................................25

Ursprung des Handels: Ursprung der Handwerke. — Auf-
treten der Händler...........................................27

Kapitel III. Das Geld.

Schwierigkeiten des Tauschhandels: das Königtum des
Goldes. — Auflösung des Tauschhandels in Kauf und

Verkauf...................................................30

Magische Gewalt des Geldes: Anhäufer von Werten: der
Schatz. — Befreiung von Arbeit. — Werkzeug der Ge-
rechtigkeit. — Der gerechte Preis.....................33

Was macht den Vertrauens wert des Geldes?....................39

Kapitel IV. Eigentum und Erblichkeit.

Entwicklung des Eigentums. Seine fortschreitende Aus-
dehnung. Die ersten Eigentumsgegenstände: Eigentum
des Hauses, des Landes. Der Großbesitz: sein Ursprung.

Die Eroberung. — Das nicht materielle Eigentum: das
, Wertpapier in der Brieftasche; das Scheckbuch ...	43

Die Uebertragung des Eigentums: die Erblichkeit. — Das
mit dem Eigentümer begrabene Eigentum. — Das Recht

zu testieren. — Die Familienerbfolge..................49

Die Sozialisierung des Eigentums: Sozial in seiner Ent-
stehung, sozial in seinen Endzielen. — Die Pflichten des
Eigentümers. — Die Enteignung. — Die Beschränkung
des Eigentumsrechtes. — Das Eigentum ein öffent-
liches Amt...............................................52
        <pb n="7" />
        ﻿Sehe

Kapitel V. Pacht und Leihen auf Zins.

Der Pachtvertrag: seine gegenseitigen Vorteile. — Die Land-
frage. — Warum heutzutage beruhigt?........................57

Das Leihen auf Zins: seine wechselseitigen Vorteile. —
Warum jedoch mehr gescholten als der Pachtvertrag?

— Warum eine so tragische Geschichte? — Warum ist
die Lage des Leihers und Entleihers heute umgekehrt? 61

Die Hausmiete............................................67

■ Der Rentner und seine glänzende Vergangenheit; seine

traurige Zukunft......................................68

Kapitel VI. Lohn und Gewinn.

Das Produktivmachen. — Die notwendige Zusammenarbeit
von Kapital und Arbeit: die Sklaverei, die Leibeigenschaft;
die Ursprünge des Lohuwesens. — Ob der Kapitalist
dem Arbeiter zu leben gibt. — Die Lohnerhöhungen .	70

Der Gewinn: Definition; Erklärung. — Rolle des Glücks-
zufalls beim Gewinn. — Von der Ungleichheit der

Glückszufälle.........................................76

Die Großindustrie: die Trusts. — Tie Ansammler von

Reichtümern...........................................78

Die Sozialisierung der Industrie.........................81

Kapitel VII. Wettbewerb und Zusammenarbeit.

Wie es in der Welt nach Ansicht der Volkswirtschaftler zu-
geht : der Eigennutz; das Gesetz von Angebot und Nach-
frage. — Der gleichmachende und den Verbraucher
schützende Wettbewerb. — Ehre dem	Eigennutz!	...	82

Doch Illusionen über die Wohltaten des Wettbewerbs: seine
Sünden. — Die beiden Bedeutungen des Worts Wett-
bewerb: Freiheit der Arbeit oder Kampf ums Dasein. —

Wie er das Bestreben hat, sich selbst	zu unterdrücken	.	85

Notwendigkeit, an eine andere Kraft zum Schutze des sozialen
Interesses zu appellieren: Die Tiergesellschaften. — Die
freie Genossenschaft in dreifacher Gestalt...............89
        <pb n="8" />
        ﻿Kapitel I.

'\c.rh aft'



i/JG

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o&gt; //

Bedürfnisse und Arbeit.

In der neuen Generation, mag sie nun aus dem Kriege
heimkehren oder noch nicht in den Krieg gezogen fein1), spürt
man einen großen Durst nach Belehrung, wenigstens in prak-
tischen Fragen; denn was die allgemeine Bildung und theore-
tische Fragen anlangt, so ließe sich bedauerlicherweise eher eine
gewisse Gleichgültigkeit feststellen.

Wie der Titel schon besagt, erhebt dieses Büchlein nur
den Anspruch, einige volkswirtschaftliche Grundbegriffe zu
geben. Es scheint, als ob sie für die Wirtschaftswissenschaft ^
leichter als für irgendeine andere Wissenschaft zu erwerben
sind, weil die wirtschaftlichen Tatsachen uns am nächsten be-
rühren und in unser alltägliches Leben verwebt sind.

Und doch ist dies nicht der Fall. Die wirtschaftlichen Tat-
sachen sind durch die Entwicklung so mannigfach geworden,
daß sie heutzutage ein Knäuel bilden, dessen Fadenende nur
äußerst schwer zu entwirren ist. Deswegen ist der beste Weg
der, zum ersten Ursprung der wirtschaftlichen Begriffe zurück-
zugehn.

Man pflegt zur Erläuterung der volkswirtschaftlichen Be-
griffe die Geschichte von Robinson heranzuziehn. Und wenn
auch gewisse Volkswirtschaftler oder andere Leute sich über
die sogenannten Robinsonaden lustig machen, so soll man
diese Robinsonaden doch gewiß nicht verachten, wenn es
sich darum handelt, die besondere Wirkung irgendeiner
Ursache zu entdecken. Es ist das eine Art Ersatz für das
Experiment, das so bewundernswerte Ergebnisse in den
physikalischen oder naturwissenschaftlichen Fächern gezeitigt
hat, das aber in den Gesellschaftswissenschaften nicht möglich
ist. So machen wir hier ein Experiment, zwar nicht in Wirk-

l) Das Büchlein ist großen Teils während des Weltlriegs entstanden.
        <pb n="9" />
        ﻿8	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

lichkeit, sondern in unserer Phantasie. Wir nehmen einen
Menschen, wir setzen ihn allein auf eine Insel, und wir ver-
folgen, wie er sich verhalten wird.

Aber wenn wir zum Urbeginn der wirtschaftlichen Er-
scheinungen zurückgehn sollen, so wird uns die Robinsoninsel
nur wenig lehren; denn Robinson war durchaus nicht ein
Urmensch. Er brachte ja auf seine Insel alle seine erworbenen
Kenntnisse mit, wahre geistige Güter, und selbst viele materielle
Güter, die er aus dem Schiffbruch gerettet hatte.

Vielleicht könnten uns die Kinder — die kleinen Kinder —
besser belehren. Die Kinderpsychologie könnte von größtem
Nutzen sein zur Erklärung gewisser wirtschaftlicher Erschei-
nungen, und meiner Meinung nach hat man mit Unrecht ihr
Studium unter diesem Gesichtspunkt vernachlässigt. Nichts-
destoweniger lebt auch das kleine Kind unter ebenso künst-
lichen Bedingungen, wenn auch in umgekehrtem Sinne wie
Robinson. Denn man kann sagen, es ist ein Schmarotzer, ein
allerliebster, wenn man will, aber immerhin befindet es sich
in der Lage, die dieses Wort besagt. Es empfängt alles und
gibt nichts dafür zurück, außer seinem Lachen und seinen
Küssen, was in der Wirtschaftsordnung unzureichend ist.

Sehen wir uns anderswo um: da sind die Tiere. Bei
ihnen werden wir die ersten Keime der Wirtschaftserschei-
nungen finden, ja sogar die wirtschaftlichen Gesetze, die die
Menschen leiten. Denn die Volkswirtschaft hat ihre Wurzeln
in der Biologie: sie ist ein Kapitel der Naturgeschichte, der
Geschickte des §snu8 homo.

Tue Bedürfnisse. Bei allen Tieren finden wir Bedürf-
nisse: das ist nun für uns der Ausgangspunkt der ganzen
Volkswirtschaft. Bei den Tieren sind diese Bedürfnisse nicht
sehr zahlreich; sie beschränken sich sogar auf bloß zwei: das
Nahrungsbedürfnis, das fast den einzigen Platz in ihrem
Leben einnimmt, und ferner — das wollen wir nicht ver-
gessen — das Wohnbedürfnis. Christus hat selbst gesagt: „Die
Füchse haben Gruben und die Vögel des Himmels Nester".
Es gibt in der Tat kein Tier, das nicht eine Wohnung hätte,
mag sie auch noch so bescheiden sein, aber eine Wohnung, die
seinen Bedürfnissen entspricht.

Und tun wir nur nicht zu stolz; dieselben Bedürfnisse
nehmen den größten Platz im Leben des Menschen ein. Wenn
man die Budgets der Arbeiterfamilien vornimmt, wird man
feststellen, daß die Ernährung ungefähr zwei Drittel des Haus-
halts darstellt — zwischen 60 und 65%, je nachdem es sich um
        <pb n="10" />
        ﻿Bedürfnisse und Arbeit.

S

eine mehr oder weniger reiche Familie handelt. Die Wohnung
beanspruchte letzthin 15 bis 16% (und wieviel mehr dem-
nächst!) vom Budget der Arbeiterfamilie, so daß beides zu-
sammen 80%, vielleicht bald 90"/« vom Haushalt der Arbeiter-
klassen darstellen. Was bleibt ihnen für alle anderen Be-
dürfnisse, die den Menschen über das Tier erheben?

Natürlich besteht bei den Tieren das Kleidungsbedürfnis
nicht. Sie haben damit nichts zu tun, da ja die Natur dafür
gesorgt und sie prächtig gekleidet hat, sogar so prächtig, daß
wir Menschen (und besonders die Damen) von den hinter-
lassenen Kleidern der Tierwelt leben, von ihrem Fell, ihrer
Wolle, ihrem Pelzwerk, ihren Federn und ihren alten Zähnen
(die wir Elfenbein nennen), kurz von allem, was sie bei Leb-
zeiten getragen haben.

Trotzdem scheint es bei näherem Zusehn, als ob schon bei
den Tieren gewisse ästhetische Bedürfnisse vorhanden sind;
denn es gibt gewisse Gattungen, die an den glänzenden Gegen-
ständen Gefallen finden. In Asien kommt ein Rebhuhn vor,
das sich Wohnungsschmuck herstellt, indem es an den in seiner
Umgebung stehenden Bäumen alle Glasscherben aufhängt,
die es finden kann. Und was bemerkenswert ist: das Bedürfnis
nach Schmuck, das, wie man denken möchte, doch erst auf der
letzten Stufe der Entwicklung kommen müßte, tritt in der
Geschichte der Menschheit sogleich nach der Nahrung und
Wohnung auf, aber vor der Kleidung; denn bei den Wilden
sorgt man erst für den Schmuck, ehe man an Kleidung denkt,
und man kann sogar sagen: sie kleiden sich nur, um „sich schön
zu machen".

Das sind die Bedürfnisse der Tiere: obgleich sie genügen
ihr Leben auszufüllen, sind sie sehr beschränkt. Muß man
daraus eine Lehre für uns ziehen und sagen, die Menschen
müßten auch ihre Bedürfnisse auf ein Mindestmaß beschränken?
Das ist ein Gegenstand der Überlegung, der die Grenzen dieses
Büchleins bei weitem überschreiten würde. Begnügen wir
uns damit, vor einem Mißverständnis zu warnen. Gewiß ist
„das einfache Leben" nicht nur ein sittliches Ideal, es ist auch
ganz besonders in der Gegenwart, eine gebieterische wirtschaft-
liche Pflicht. Doch hüte man sich, in dieser Empfehlung des
einfachen Lebens einen Rat zu sehn, zum tierischen Leben
zurückzukehren und unsere Bedürfnisse auf Nahrung und
Wohnung zu beschränken. Einfach leben bedeutet nicht, uns
unser Lebelang mit unserem Tisch und unserer Wohnung zu
beschäftigen. Es bedeutet im Gegenteil, jene tierischen Bedürs-
        <pb n="11" />
        ﻿10	Anfaiigsgründe der Volkswirtschaftslehre.

nisse, insbesondere das der Nahrung, auf ein Mindestmaß
einzuschränken, und sie durch Bedürfnisse höheren Ranges,
geistige und sittliche, zu ersetzen, die weder große Ausgaben
noch großen Luxus erfordern, die aber das Leben besser aus-
füllen können. Einfaches Leben besagt nicht Unterdrückung
des Luxus; es bedeutet den materiellen durch geistigen Luxus
ersetzen, und das steht in keiner Beziehung zur Wirtschaft
der Tiere.

Die Arbeit. Jetzt wollen wir sehn, wie die Tiere ihre
Bedürfnisse befriedigen. Geschieht es durch Arbeit? Nicht
bei allen: denn man kann das von den Pflanzenfressern nicht
behaupten: Abgrasen ist keine Arbeit. Doch kann man wohl
behaupten, daß diejenigen, die von Körnern, Beeren oder
Wurzeln leben und die überall ein wenig herumschnüffeln
müssen, um sich eine einträgliche Ernte zu verschaffen, eine
Arbeit leisten. Jedenfalls muß man es von den Fleischfressern
sagen: sie arbeiten im strengen Sinne des Wortes. Ihr
ganzes Leben ist mit Jagd oder Fischfang ausgefüllt — das
sind sehr wohl Arbeiten, und sogar Arbeiten, die gewaltige
körperliche Anstrengungen erfordern. Und das Menschen-
geschlecht hat Jahrtausende lang kaum andere Arbeit geleistet
als diese drei: Sammeln, Jagd und Fischfang.

Gehen wir von der Nahrung zur Wohnung über, so
finden wir, daß dies Bedürfnis bei den Tieren nicht nur
Arbeiten erfordert, sondern wirkliche Geschicklichkeiten in
wunderbarer Mannigfaltigkeit. Schon der Vogel ist in dieser
Hinsicht viel fortgeschrittener als die Säugetiere. Man weiß,
mit welcher Kunst und Liebe er sein Nest baut, und wie ver-
schiedenartig die Vogelnester sind. Es gibt sogar Vögel, wie
z. B. die Goldamsel, die ihre Nester herstellen, indem sie
Blätter zusammennähen.

Aber besonders in der Wunderwelt der Insekten staunen
wir über die verschiedenartigsten Fertigkeiten: die einen sind
Wühltiere, andere bearbeiten Holz, andere die Erde, wieder
andere Steine; es gibt auch welche, die Totengräber sind,
nämlich die Aaskäfer. Eine Bienenart tapeziert ihr Nest mit
Blütenblättern aus. Es gibt kaum einen Unterschied zwischen
den Fertigkeiten der Tiere und denen der Menschen, außer
daß dort jede Art nur ein Handwerk ausübt, während das
Menschengeschlecht sie allesamt vereinigt.

Indessen _ scheint es doch, daß zwischen der Tier- und
Menschenarbeit ein anderer Unterschied besteht, und zwar ein
so wesentlicher, daß man sich fragen darf, ob die erste über-
        <pb n="12" />
        ﻿11

Bedürfnisse und Arbeit.

Haupt den Namen Arbeit verdient. Das Charakteristische an
der Menschenarbeit ist zu allen Zeiten die Anstrengung, die
Mühe: „Du sollst im Schweiße Deines Angesichts arbeiten".
Kann man von den Tieren sagen, daß sie im Schweiße ihres
Angesichts arbeiten? Dieser Satz scheint nicht nur im über-
tragenen Sinne ungereimt: er ist es in eigentlichem Sinne.
Es scheint nicht, daß ihre Tätigkeit den Charakter einer Auf-
gabe hat, wie das für den Menschen der Fall ist, sondern die
Arbeit scheint eher eine natürliche Funktion zu sein. Der
Vogel baut sein Nest, wie er zwitschert, und die Biene bereitet
ihren Honig, wie sie summt. Man kann sie sich nicht vor-
stellen, wie sie jeden Morgen sich zuruft: Auf zur Tagesarbeit!
— Die Arbeit scheint für sie eine körperliche Übung, eine
Lebensform — dasselbe, was nach dem Bericht der Genesis
die Arbeit des Menschen vor dem Sündenfall gewesen sein
muß, dort im Garten Eden, wo er nur die Früchte von den
Bäumen zu pflücken hatte — als ob die Tiere nicht in
den Fall mit eingeschlossen gewesen wären und so das göttliche
Vorrecht der fröhlichen Arbeit behalten hätten. Aber es ist
für die Söhne Adams verloren gegangen, und nicht mit
Unrecht hat man den Menschen definiert als das faule Tier.

Und doch sagt der Mensch gern, daß die Tiere Faulpelze
sind. Wäre es für die Haustiere wahr, so ist es wohl ent-
schuldbar, da diese ja nur Sklaven sind und daher nur
Sklavenarbeit zu liefern haben. Aber selbst im Hinblick auf
diese, welche Ungerechtigkeit, wenn man an die Tätigkeit des
Hunds auf der Jagd denkt, wo er den ganzen Tag keuchend
umherläuft, um seinem Herrn das Wildpret zuzutragen, oder
an den Ochsen am Pflug, das Pferd im Geschirr! Welcher
Arbeitgeber wäre nicht glücklich, wenn er heutzutage Lohn-
arbeiter hätte, die nicht fauler wären als jene treuen Arbeits-
gefährten?

Was die wilden Tiere angeht, so ist es ja richtig: wenn
sie ihre, wie ich eben gezeigt, sehr einfachen Bedürfnisse be-
friedigt haben, so fühlen sie nicht das Bedürfnis, sich weiteren
Anstrengungen auszusetzen. Folglich ruhen sie sich aus; das
will nicht besagen, daß sie faul sind, das besagt nur, daß sie nur
das Notwendige tun.

Es bliebe nun noch zu erfahren, warum die Arbeit für
den Menschen nicht ebenso heiter und leicht ist wie für das
Tier. Warum trägt sie den Charakter eines Fluches? Man
kann es sich nur zu leicht erklären, wenn es sich um die Arbeit
handelt, unter der das Menschengeschlecht Jahrhunderte lang
        <pb n="13" />
        ﻿12	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

geseufzt hat — Arbeit des Sklaven, Arbeit des Leibeigenen —
und selbst in neuerer Zeit und bis vor kurzem, die Arbeit des
Lohnangestellten.

Aber das Problem wird verwickelt dadurch, daß es ebenso
mit der freien Arbeit steht. Der Beweis ist die Einrichtung
der Sklaverei an sich. Es ist klar, daß die Alten, die die
Sklaverei aufgebracht haben, freie Menschen waren, und
wenn sie auf den Gedanken verfallen sind, andere für sich
arbeiten zu lassen, so geschah das, weil sie selbst Widerwillen
gegen die freie Arbeit empfanden.

Sie wollten sich der Frohnarbeit entziehn, ebenso wie vor
einem halben Jahrhundert, bei der militärischen Aushebung,
die reichen Leute sich Stellvertreter bezahlten, die den Militär-
dienst an ihrer Statt ableisteten.

Man hat sich gefragt, ob man nicht die Arbeit des Men-
schen zu einer Art normaler Betätigung machen könnte, zu
einer Freude. Sully-Prudhomme hat gesagt:

Wenn ich Gott wäre,

Würden die schönen Früchte ohne Schale reifen.

Die Arbeit würde nur noch ein Spiel sein,

Und wir würden nur noch tätig sein, um unsere
Kräfte zu spüren —

Wenn ich Gott wäre.

Nun, wenn ich Gott wäre, würde ich mich zweimal be-
denken, ehe ich diesen Wunsch des Dichters befriedigen würde.
Ich _ wäre nicht sicher, daß ich der Menschheit einen Dienst
erwiese, wenn ich aus der Arbeit „ein Spiel" machte, und
sogar nicht, wenn ich sie zu einer einfachen natürlichen
Funktion machte, wie die der Tiere.

Beachten wir in der Tat, daß diese Idee der Pein, des
Zwanges, die mit der Arbeit verbunden ist, die Quelle der
Kultur selbst gewesen ist. Sie ist das Gesetz der Welt gewesen,
denn dank dieser Idee, gerade weil er nicht zu arbeiten liebt,
sucht der Mensch mit allen Mitteln — Ausnutzung der Natur-
gesetze, Maschinen, Zusammenschluß, Arbeitsteilung — seine
Pein zu verringern (das nennt man das Gesetz der geringsten
Kraftanstrengung, oder in gelehrteren Ausdrücken, das hedo-
nistische Prinzip, welches die Grundlage der ganzen Volkswirt-
schaft bildet). Wie man es sehr gut ausgedrückt hat, der Mensch
arbeitet wunderbar, um sich von der Arbeit zu drücken —
gerade wie man gehört hat, daß man den Weltkrieg
geführt habe, um keinen weiteren Krieg führen zu
müssen — aber der Mensch scheint dabei keinen besseren Erfolg
        <pb n="14" />
        ﻿Bedürfnisse und Arbeit.

13

gehabt zu haben. Er spielt, so scheint es, die Rolle des Ge-
narrten, indem er sich Herkulesarbeiten auflädt, um seine
Aufgabe zu vermindern. Aber diese Rolle des Genarrten,
welche die Natur ihn spielen läßt, ist ein Segen. Glückliche
Täuschung über das Ziel, das vor ihm flieht, und das mit dem
Tage stehen bleiben würde, an dem die Arbeit nur noch das
Summen der Biene oder das Zwitschern des Vogels sein
würde, oder nur das, was ein von mir sehr geschätzter
Sozialist, Fourier, unter der Bezeichnung „anziehende Arbeit"
verwirklichen wollte.

Wir wollen also nicht bedauern, daß die Arbeit für die
Menschen etwas anderes ist als für die Tiere, daß sie aufgehört
hat, eine einfache natürliche Funktion zu sein; wir wollen auch
nicht wünschen, daß sie eine Art Sport wird; denn dann würde
sie unproduktiv sein. Wir wollen ihr vielmehr mit Teilnahme
auf jenem langen und mühevollen Aufstieg folgen, wo sie sich
bei jeder Etappe veredelt: zunächst kennt sie als einzigen
Beweggrund die Peitsche, dann den Zwang, schon unter einer
gemilderten Form, der aber nichtsdestoweniger die Notwen-
digkeit, das tägliche Brot zu verdienen, bedeutet; dann den
Eigennutz, der einen immer größeren Anteil an den Früchten
der Arbeit für sich beansprucht. Und wenn dann die Arbeit
sich endlich zur Würde des Dienstes an der Allgemeinheit
emporhebt, dann wird sie keinen andern Beweggrund mehr
zulassen als das öffentliche Wohl und die Pflicht der
Solidarität.

übrigens scheint diese Entwicklung der Arbeit, die zu
einem Dienst an der Gesellschaft geworden ist, schon in gewissen
Tiergemeinschaften verwirklicht zu sein: mit Gewißheit kann
man von der Biene behaupten, daß sie nicht für sich, sondern
für den Stock arbeitet, und daß sie sich zweifellos dessen
bewußt ist.

Das Kapital. Soviel über den Ursprung der Arbeit, aber
nun zu einem anderen Begriff, der schon bei den Tieren er-
scheint, nämlich zu dem des Eigentums. Eigentum ist hierfür
ein zu anspruchsvolles Wort; denn es hat durch vielhundertjäh-
rige Entwicklung einen ganz bestimmten Sinn; wir wollen lieber
Aneignung sagen, das soll heißen jene Neigung des Lebe-
wesens, in der Außenwelt gewisse Dinge zu sehn, die seinen
Bedürfnissen zu entsprechen scheinen, die bei ihm das Begehren
hervorrufen, und die es sich dann anzueignen sucht, „zu seinem
eigenen zu machen" im tieferen Sinne des Wortes. Nun ist
        <pb n="15" />
        ﻿14	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

die erste Tätigkeit der Aneignung, um eine Sache zu der seinen
zu machen, die, sie in sich aufzunehmen, sie zu verzehren.

Man braucht nur auf die kleinen Kinder zu achten. Wie
sie in ihren Fäustchen den Gegenstand, den man ihnen gibt, fest-
halten, und wie sie schreien oder weinen, wenn man ihn ihnen
abnehmen will. Sie besitzen den Instinkt der Aneignung im
höchsten Grade. Wie bringen sie ihn zum Ausdruck? Indem
sie den Gegenstand an den Mund führen, um ihn hinunterzu-
schlucken, weil es kein besseres Mittel gibt, sich einen Gegen-
stand anzueignen als ihn in sich aufzunehmen, ihn in den
Körper einzuverleiben. Das tun die Tiere auch. Sie kennen
auch die Aneignung unter dieser Gestalt des sofortigen Ver-
zehrens.

Folgendes sagt ein englischer Naturforscher, Thompson
Selton, in einem Aufsatz des Century Magazine, vom
Februar 1908, über die Sitten der Tiere:

„Eines Tages vergnügte ich mich damit, Eichkätzchen
Nüsse hinzuwerfen; die Nuß fiel zu Boden, sie gehörte noch
niemand. Da stürzten sich alle Eichkätzchen auf einmal über
sie her. Aber das erste, das sie mit seinen Zähnen faßte und
so davon Besitz ergriffen hatte, wurde als rechtmäßiger Eigen-
tümer angesehn. Nach einigen Sekunden konnte sein Recht
nicht mehr in Frage stehn".

Hier erscheint die Aneignung nur in Gestalt des Ver-
brauchs. Aber es geht noch einen Grad weiter. Es ist möglich,
daß das Tier nicht sofort den Gegenstand verzehrt und ihn
beiseite legt. Es gibt Tiere, die das tun, besonders das Eich-
kätzchen, ebenso der Hund. In diesem Augenblick, wo es sich
um den Gegenstand handelt, der nicht sofort verzehrt werden
kann, beginnt der wirkliche Besitz, in jenem Sinne, daß er sich
auf ein Objekt erstreckt, welches vom Subjekt getrennt ist und
sich in einer mehr oder weniger bedeutenden Entfernung von
ihm befindet.

Hören wir unsern englischen Naturforscher weiter:

„Wenn es (das Eichkätzchen) Hunger hatte, fraß es sogleich
die Nuß; wenn es kein Bedürfnis nach Nahrung empfand,
drehte es sie drei oder viermal im Mäulchen herum und ver-
steckte sie dann in seinem Lager für Wintervorräte".

Und warum drehte es sie drei oder vier Mal im Mäulchen
herum? Gerade wie das kleine Kind, von dem ich soeben
gesprochen habe, das sofort den Gegenstand zum Munde führt,
weil es ihn herunterschlucken möchte. Indessen ist das Eich-
kätzchen klüger als das Kindchen. Es weiß genau, daß es seine
        <pb n="16" />
        ﻿iw‘"fflfwnwnT

Bedürfnisse und Arbeit.	15

Nuß nicht herunterschlucken kann, ohne sie aufzuknacken. Nun
steckt es sie ins Mäulchen, „damit sie seinen Geruch annimmt
und so leicht von den anderen und von ihm selbst zu erkennen
ist, wenn sie in einem Versteck verborgen ist, wo es sie wieder-
finden wird". Es setzt sein Eigentumssiegel darauf durch eine
Geste, die eine Besitzergreifung bedeutet (inanolpsttio
werden spättzr die römischen Rechtsgelehrten sagen).

Demnach beginnt die Aneignung in dem Augenblick, wo
sie sich vom eigentlichen Verbrauch loslöst, um sich in der
Gestalt der Ersparnis, der Vorratswirtschaft fortzusetzen.

Aber das Eigentum setzt sich bei den Tieren auch noch
unter einer andern, und zwar recht menschlichen, Form durch
— das ist der Diebstahl. Die Tiere bestehlen sich oft gegen-
seitig: die Raubmöwen, die den von einem andern gefangenen
Fisch stehlen und die sich so als Sonderart von Schmarotzern
erweisen; und in der Jnsektenwelt die Hornisse. Es ist das
Gefühl des sehr ausgeprägten Eigentums. Man kennt das
berühmte Wort Proud'hons: „Eigentum ist Diebstahl".
Uber die Formel läßt sich sicher streiten, aber sie wird indis-
kutabel, wenn man sie umkehrt und sagt: Diebstahl ist Eigen-
tum. Es ist in der Tat klar, daß es keine Diebe gäbe, wenn
es keine Eigentümer gäbe. Die Tiere nun haben vollkommen
das Gefühl, daß der von ihnen gestohlene Gegenstand das
Eigentum eines andern ist.

Die Tiere haben nicht nur das Gefühl für die individuelle
Aneignung der Verbrauchsgegenstände. Sie haben es auch
für die Wohnung: die Biene verteidigt ihren Stock, der Vogel
sein Nest, wie der Hund sein Lager, gar nicht zu reden von der
Art, wie er das Eigentum seines Herrn verteidigt.

Sie haben auch den Begriff des Kollektiveigentums.
Bekannt ist die Geschichte von den Konstantinopeler Hunden,
welche die Jungtürken auf eine Insel verbannt haben, um sie
dort Hungers sterben zu lassen — übrigens eine der gemeinsten
Handlungen, die sie begangen haben. Diese Hunde hatten
ihre besonderen Stadtviertel, und es war dem Bewohner des
einen Viertels verwehrt, in ein anderes zu kommen. Wenn
er sich dorthin wagte, so heftete sich die ganze Meute dem Ein-
dringling an die Fersen und verfolgte ihn bis zur Grenze, wo
sie dann anhielt, in der Erkenntnis, daß da, wenn auch unsicht-
bar, die Schranke ihres Gebiets war.

Bei uns, bei den Menschen, nimmt das Eigentum im all-
gemeinen die Gestalt des Kapitals an. Findet sich dieser
Begriff des Kapitals bei den Tieren wieder? Ja und nein.
        <pb n="17" />
        ﻿16	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Ja, wenn man sich an das Kapital in seiner einfachsten Gestalt
hält, welches Rücklage an Lebensmitteln bedeutet, die zum
Verbrauch nach Ablauf einer gewissen Zeit bestimmt ist. . .
Das Eichhörnchen hat Verstecke, in die es seine Nüsse bringt.
Es wendet sogar den Grundsatz an, den die Familienväter bei
uns haben, die Kapitalisten, nämlich, nicht „alle seine Eier in
denselben Korb zu legen", das heißt, nicht alle Werte in das-
selbe Unternehmen hineinzustecken; das Eichkätzchen hat
mehrere Verstecke, damit ihm, wenn eines verloren ist, noch
andere bleiben. Darin liegt ein erstaunlich ausgesprochenes
Gefühl der Vorsorge. Muß man von dem Bienenstock sprechen
und den Honigvorräten, die dort angehäuft sind? oder von den
Speichern der Ameise? Man sprach soeben von den faulen
Tieren; die Meinung Salomons ist das nicht, der in den
Sprüchen sagt: „Fauler, geh zur Ameise und sie wird Dich
belehren".

Was aber das Kapital charakterisiert, ist, daß der gesparte
Reichtum zum Zweck hat, der Produktion eines neuen Reich-
tums zu dienen.

Kehren wir einen Augenblick zu Robinson zurück. Wenn
Robinson seine Vorkehrungen ganz wie das Eichhörnchen oder
die Bienen oder die Ameise traf, so geschah das nicht nur in
der Absicht, seine Vorräte im Winter zu verzehren und sie für
die schlechten Tage aufzusparen, sondern vor allem, damit er
imstande war, in Muße Instrumente herzustellen, zum Beispiel
sein Boot zu bauen. Während er dies Boot baute, konnte er
nicht auf die Jagd gehn, und folglich hätte er es nicht bauen
können, wenn er nicht Vorräte gehabt hätte, die ihn von seiner
täglichen Arbeit entlasteten. Deshalb waren Robinsons Vor-
räte wirklich ein Kapital, das heißt ein Produktionswerkzeug.

Nun scheint das aber für die Tiere nicht der Fall zu sein:
jene Vorräte des Eichhörnchens, der Biene oder sogar der
Ameise scheinen nur eine Aufspeicherung zu bedeuten, das
heißt, ein Schatz, der aufgespart ist, einzig und allein, um auf-
gezehrt zu werden.

Es gibt auch eine andere Auffassung vom Kapital: das
„stehende Kapital", wie man es in der Volkswirtschaft nennt
(im Gegensatz zum „umlaufenden Kapital", von dem wir soeben
gesprochen haben), das sind die Instrumente, Maschinen, die
Kunstwerke. Finden wir sie bei den Tieren? Man sagt im
allgemeinen: nein. Man definiert sogar den Menschen als
den „Hersteller von Werkzeugen" (tool-maker). Es ist ja
wahr, das Tier hat keine Werkzeuge hergestellt, aber vielleicht
        <pb n="18" />
        ﻿Bedürfnisse und Arbeit.

17

aus demselben Grunde, den ich soeben bei Gelegenheit der
Kleidung anführte: weil es ihrer nämlich nicht bedarf. In
der Tat ist es von der Natur für die einzige Tätigkeit, der es
sich widmet, die Jagd, prächtig mit Waffen ausgestattet, sowohl
die Säugetiere und Vögel, wie das zahllose Geschlecht der
Insekten.' Und was die Herstellung der Wohnung betrifft, so
hat zwar die Natur den Säugetieren nur die Nägel der Wühl-
tiere und den Vögeln einen ziemlich ungeeigneten Schnabel
verliehen, aber dafür den Insekten sehr komplizierte Werk-
zeuge, die sogar den Menschen übertreffen. Es gibt keinen
Bohrer, keine Säge, keine Spritze, keinen Stichel, keine Nadel,
die man nicht in jener erschrecklichen Welt fände und die nicht
bei einer Menge von Arbeiten verwendet würde. Zu welchem
Zweck sollen sie sich darauf verlegen, Besseres zu finden? Und
doch ist es nicht vollständig genau, wenn man behauptet, es
gäbe keine Tiere, die Werkzeuge herstellen können: viele von
ihnen müssen Fallen fabrizieren, um das Wildbret zu fangen.
Muß man noch vom Netz der Spinne sprechen? Das ist kein
Kleid und keine Wohnung, das ist eine Falle wie das Netz des
Jägers oder Fischers. Es gibt auch andere: zum Beispiel die
Grube des Ameisenlöwen, eine Falle, in die er das Wildbret,
das in seine Nähe kommt, hineinfallen läßt, indem er ihm
Sand in die Augen streut.

Wenn man also eine Grenzlinie zwischen der Tier- und
Menschenwelt ziehen will, so darf man sie nicht in der Her-
stellung der Handwerkszeuge suchen, da die Tiere diese ja in
einem gewissen Grade kennen, sondern man müßte sie in der
Erfindung des Feuers suchen.

Es ist seltsam, daß die Tiere niemals das Feuer erfunden
haben, umsomehr, als sie es sehr lieben. Man braucht nur
zu sehn, wie ein Hund oder eine Katze sich am Kamin des
Salons oder am Rauchfang in der Küche behaglich streckt und
wie die wilden Tiere, wenn die Karawanen durch die Wüste
oder den Wald ziehen, sich um den Feuerschein scharen, der
sie anzieht und doch schreckt. Aber weder unter denen, die
sich am Kamin wärmen, noch unter denen, in deren Augen sich
zugleich mit den Lichtern des offenen Feuers alle Schrecken
des Unbekannten spiegeln, hat es einen Prometheus gegeben.
Man sagt oft, kein Rauch ohne Feuer — man kann noch eher
sagen, daß es niemals Feuer ohne den Menschen gegeben hat.
An dem Tage, an dem man irgendwo in Afrika einen Kreis
wn Affen um ein Feuer sitzend findet, das sie selbst angezündet
jaben, an dem Tage wird der Mensch in ihnen seine Brüder

Gide, Anfangsgrunde der Volkswirtschaftslehre.	2
        <pb n="19" />
        ﻿18	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

begrüßen können, aber bis dahin wird das erste Feuer, das
den Händen des Prometheus entsprungen ist, über der ganzen
menschlichen Rasse leuchten wie jenes Strahlenbüschel, das die
orientalischen Legenden den Genien auf die Stirne setzen.

Nun muß ich Abschied von denen nehmen, die uns bis
jetzt als Lehrer in den Grundbegriffen der Volkswirtschaft
gedient haben. Mit ihnen geht die Einführung in die Volks-
wirtschaft nicht weiter. Wir lassen sie am Wege stehn. Das
Menschengeschlecht wird reich werden, aber sie werden arme
Teufel bleiben.
        <pb n="20" />
        ﻿Kapitel II.

Tausch und Wert.

Wir stehen erst an der Schwelle zur Volkswirtschaft; denn
die eigentliche Volkswirtschaft beginnt erst, wenn der Mensch
in der Gesellschaft lebt.

Die politische Ökonomie^) ist nicht, wie das Wort schon
besagt, die Wissenschaft vom Einzelwesen, es ist eine Gesell-
schaftswissenschaft. Das Wort „politische Ökonomie" ist etymo-
logisch von drei griechischen Wörtern abzuleiten, die besagen:
die Stadt, das Haus, das Gesetz. Die Stadt war für die
Griechen dasselbe wie die Nation, so daß die wörtliche Über-
setzung sein würde: die Gesetze des nationalen Haushalts.

Wie der Tausch zustande kommt. Zur Bildung wirt-
schaftlicher Beziehungen genügt es indes, daß zwei Personen
vorhanden sind. Mit dem Tage, wo Freitag Robinson auf
seiner Insel aufsucht, von dem Tage ab, wird bekanntlich der
Roman interessanter, weil er sich mehr dem Leben nähert.

Weshalb? Weil zwischen zweien sich jene erste Handlung
vollziehen kann, welche die große Tatsache der Wirtschafts-
wissenschaft darstellt, welche nach einigen Schriftstellern sic gar
ganz und gar schafft: der Tausch.

Könnte jedoch der Tausch nicht für das Einzelwesen
existieren? Kann man nicht sagen, daß für den Menschen,
sogar wenn er allein steht, jede Erzeugung, in einem gewissen
Sinne einen Tausch darstellt, da wir unsere Mühe und unsere
Zeit durch unsere Arbeit gegen ein erwartetes, in Rechnung
gestelltes Ergebnis eintauschen? In allen Ländern gibt es
Legenden, die die Geschichte von dem Menschen erzählen, der
seine Seele dem Teufe! verkauft hat; es ist eine Art Tausch,
wenn man es so nehmen will.

I) An dieser Übersetzung wird statt des hier vom Verfasser erliiuterten Fremd-
worts der deutsche Begriff „Volkswirtschaft" angewandt. Der Übersetzer.

2*
        <pb n="21" />
        ﻿20	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Aber das ist nur eine Spitzfindigkeit des Denkens, durch
die wir nachträglich sozusagen zur Erklärung in unser Inneres
das der Außenwelt entlehnte Bild der Erscheinungen
projizieren.

Kommen wir also auf den wirtschaftlichen Tausch zurück.
Dieser beginnt wirklich erst, wenn es sich um einen angeeig-
neten Gegenstand handelt. Der erste „Reichtum" — geben wir
ihm seinen wahren Namen —■ erscheint zum ersten Male, ob
es sich nun um den Honig im Stock oder um die vom Eich-
kätzchen aufgesparten Nüsse handelt, erst, wenn er sich von
der Person loslöst und ein für einen andern anzueignendes
Gut bildet. Und alsbald werden diese Güter ein Gegenstand
des Neides für alle diejenigen, die sie nicht haben, seien es
Menschen oder Tiere.

Aber wie werden diese Wesen, die sich jenes Gut anzu-
eignen wünschen, in seinen Besitz gelangen? Sie werden es
stehlen. Der Diebstahl ist die erste wirtschaftliche Handlung
und der Beweis dafür ist, daß der Tausch bei den Tieren
unbekannt ist, während der Diebstahl von ihnen geübt wird,
wie wir schon gesagt haben. Ich spreche nicht bloß von dem
durch die Haustiere gegen ihren Herrn begangenen Diebstahl,
sondern von dem Diebstahl, den sie unter sich, unter Kame-
raden, in allen Tiergattungen verüben, und der äußerst häufig
vorkommt. Die armseligen Schätze der Tiere, der vom Hund
in seiner Hütte versteckte Knochen, der im Stocke aufgespeicherte
Honig, all das bildet den Gegenstand der Begierde der anderen
Tiere, und um ihn sich anzueignen, kennen sie nur ein Mittel,
und zwar das einfachste.

Ich brauche nicht zu sagen, daß es beim Menschengeschlecht
ebenso ist, daß es genau so angefangen hat, daß bei den Men-
schen der Diebstahl längst vor dem Tausch geherrscht hat, und
daß es in den menschlichen Gemeinschaften Plünderer und
Seeräuber lange vor Kaufleuten gegeben hat. Und selbst alZ
diese auf dem Schauplatz der Wirtschaft erschienen sind, war
es oft schwer, sie von ihren Vorgängern zu unterscheiden. Der
Diebstahl ist schon eine Form der Aneignung (oder der Ent-
eignung, wenn man will), der bei den Tieren angeboren,
triebhaft ist, wie ich soeben gezeigt habe, während der Tausch
hingegen keineswegs eine triebhafte Handlung darstellt. Er
ist eine überlegte Handlung, die nicht im Bereich einer primi-
tiven Intelligenz liegt. Und dies ist der Grund: der Tausch
setzt zuvor eine freiwillige Güterabgabe voraus. Derjenige,
der tauschen will, muß sich seines Eigentums begeben, um es
        <pb n="22" />
        ﻿21

Tausch und Wert.

einem andern abzutreten. Nun ist diese Entäußerung ein
Opfer, das der Natur widerstrebt. Man braucht nur zu
beobachten, ob ein kleines Kind sich dessen, was man ihm gibt,
freiwillig entäußert. Man sagt ihm vergebens: „Gib es mir,
ich werde Dir was anderes geben", — es will nichts hören,
und selbst wenn es schließlich den Gegenstand losläßt, verlangt
es ihn sofort wieder zurück.

Und man kann diese Abneigung gegen das Hergeben be-
greifen, wenn man auf die Urzeiten zurückgeht und daran
denkt, mit welcher Arbeit und Mühe der Urmensch den be-
sessenen Gegenstand erzeugen mußte. Es ist Fleisch von seinem
Fleische! Wenn man von ihm verlangt, daß er die Sache
herausgeben soll, ist seine erste Bewegung die des Sträubens.

Um diesen Seelenzustand zu begreifen, muß man ihn am
anderen Ende der sozialen Entwicklung sehn, nicht bei dem
Wilden, sondern bei dem Künstler. Man erzählt von dem
italienischen Künstler Benvenuto Cellini, daß er so eifersüchtig
auf seine mit Liebe ausgemeißelten Werke, Becher oder Degen-
knaus, war, daß er manchmal mit dem Dolch auf denjenigen
losging, dem er eines von ihnen verkauft hatte, um den
Gegenstand wieder in seine Hand zu bekommen.

Schließlich gibt es viele Gegenstände, die wir nicht ver-
kaufen möchten, selbst nicht um guten Preis, wie geliebte
Bücher oder Möbel.

Ohne Zweifel sagt man zum Urmenschen: „Ihr beraubt
Euch nur, um besseres zu bekommen". Aber dieses Bessere,
das man ihm zum Tausch vorschlägt, ist das Unbekannte. Er
kennt, was er besitzt und dessen er sich entledigen soll, und
' weiß noch nicht, was er erwerben wird. Er ist also gezwungen,
eine innere Erwägung anzustellen, auf die eine Wagschale das
Opfer zu legen, das er bringen soll, und in die andere Schale
den Genuß, den er erwartet. Grausame und beängstigende
Wahl! Ebenso beängstigend wie die des Schiffbrüchigen, der
sich an eine Planke klammert und dem man zuruft, er soll sie
loslassen und das Ankertau ergreifen, und der oft lieber
untergeht, als daß er das Brett losläßt. Eine Alternative,
die sich bei allen Formen und Graden des Tauschs findet, von
den einfachsten bis zu den höchsten, bis zu dem Grade, der im
Augenblick Italien zwingt, Dalmatien abzutreten, um Fiume
zu bekommen').

Man kann sogar sagen, daß der Tausch — unter der von
uns soeben beschriebenen rohen Form des Tauschhandels —

&gt;) Siehe Anmerkung Seite 7.
        <pb n="23" />
        ﻿22	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

erst unter ganz besonderen und ausnahmsweisen Bedin-
gungen entstehen konnte: z. B. wenn der zum Tausch ange-
botene Gegenstand in der Seele dessen, der ihn nicht besaß,
ein ganz neues Bedürfnis geweckt hat, ein wegen seiner Neu-
heit unwiderstehliches Bedürfnis; wie wenn man einem
Wilden, der niemals etwas anderes als einen Bogen und
Pfeile besaß, eine Flinte angeboten hat, oder manchmal auch
ein Kinderspielzeug, eine Spieldose, eine Flasche Schnaps.
Solche Wunderdinge können den afrikanischen Schwarzen be-
stimmen, Gott weiß was abzugeben, um sie zu erhalten.

Noch ein anderer Umstand kann den Tausch ermöglichen,
wenn nämlich der Gegenstand, um dessen Abtretung man den
Besitzer bittet, für ihn überflüssig ist, was der Fall ist, wenn
er ihn doppelt oder dreifach besitzt. Ich sagte von den Kindern,
daß sie nicht gern tauschen oder abgeben, aber der Schüler,
dessen junge Seele schon durch die Berührung mit seinen Ka-
meraden gereift ist, und in der sich schon das Interesse Und
die Begierde eingenistet haben, der lernt Briefmarken aus-
tauschen. Der Briefmarkenhandel ist ein typisches Beispiel,
weil eine Briefmarkendoublette keinen Wert hat, außer daß
sie gerade als Tauschobjekt dient. Ein Wilder in seiner Sphäre
wird ebenso verfahren. Wenn er etwas doppelt hat, wird er
unter diesen Bedingungen einwilligen können. Aber einem
Wilden passiert es nicht oft, daß er etwas doppelt hat. Er
ist zu arm, um Überfluß zu besitzen; wie könnte er zum Tau-
schen geneigt sein?

Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf diese große Tat-
sache, der wir soeben nebenbei begegnet sind: sie ist eins der
größten Gesetze der Volkswirtschaft, das Gesetz der Beschrän-
kung der Bedürfnisse.

In der Tat ist jedes Bedürfnis des Menschen insofern
beschränkt, als es erlischt, sobald es mit einem einzigen Gegeü-
stand oder mit einer Anzahl Gegenständen befriedigt ist, und
umso schneller, je einfacher und primitiver das Bedürfnis ist.
Der Durst wird mit einem Glas Wasser gestillt, und würde
man hundert Glas anbieten, so würden sie dem, dessen Durst
schon gestillt ist, kein Vergnügen bereiten. Mit dem täglichen
Brot ist es ungefähr ebenso.

Ganz besonders bei den Wilden sind die Bedürfnisse ein-
fach, so daß die Grenze der Sättigung sehr schnell erreicht ist;
wenn sie haben, was sie brauchen, so haben sie kein weiteres
Bedürfnis.
        <pb n="24" />
        ﻿23

Tausch und Wert.

In dem Maße zwar, wie die Bedürfnisse verfeinerten
Grades sind, dehnt sich auch ihre Grenze aus, sie
dehnt sich fast ins Unendliche. Man kann nicht sagen, wieviel
Kleinodien oder Spitzen nötig sind, damit eine Frau zum
Sättigungspunkt gelangt. Doch das Gesetz bleibt giltig.

Ein anderer Fall, in welchem Tausch leicht ist, selbst beim
primitiven Menschen — und gerade bei ihm, ist der, wenn
der Nutzen des besessenen Eigentums nicht unmittelbar ist,
sondern erst zu einem mehr oder weniger entfernten Zeitpunkt
verwirklicht werden kann. Dann bewirkt die Kurzsichtigkeit
des primitiven Menschen, daß er den Gegenstand als für den
Augenblick unnütz ansieht. Es kommt häufig vor, daß die Ein-
geborenen von Algier, Marokko oder des Orients fast für ein
Nichts das Getreide herausgeben, das sie für die Aussaat auf-
sparen müßten. Sobald dies erst für das nächste Jahr war,
dachten sie, der Gegenstand habe keinen großen Nutzen für sie.
Man berichtet sogar, daß bei gewissen wilden Stämmen an
den Usern des Amazoneustroms die Kurzsichtigkeit derart ist,
daß man leicht die Hängematte, in der sie schlafen wollen,
erwerben kann, wenn man sie früh morgens darum bittet, weil
der kommende Abend für sie so weit entfernt liegt wie für uns
2000 Jahre; wenn man aber wartet, bis sie müde sind, werden
sie sich gegen einen Verkauf sträuben.

Endlich müssen wir noch eine andere Vorbedingung be-
merken, die geeignet ist, den Tausch zu erleichtern, nämlich
die, daß der Besitzer des Gegenstands einem gewissen Motiv
von Freigebigkeit, von Altruismus gehorcht. Nun ist dies ein
Gefühl, das durchaus nicht etwa das Vorrecht der Zivilisierten
/ '	bildet -— weit gefehlt. Zu allen Zeiten hat es in jeder mensch-

lichen Seele einen Kain und einen Abel gegeben, die beiein-
,	ander wohnen, und Abel wird nicht immer von Kain getötet,

|	wenn er auch im allgemeinen schlummert. Das erklärt jene

paradoxe Feststellung, daß in der Wirtschaftsentwicklung das
Schenken deni Tauschen vorangegangen zu sein scheint — mit
anderen Worten: der Mensch hat sich leichter dazu entschlossen,
das Eigentum umsonst herzugeben als unter einer lästigen
Bedingung.

Ich behauptete soeben, daß der Diebstahl dem Tausch
vorangegangen sei, dasselbe können wir auch vom Schenken
behaupten, und das bringt die menschliche Natur wieder zu
Ehren. Vielleicht trifft das sogar von den Tieren zu. Ich
weiß nicht, ob man ihnen nicht das Ehrenzeugnis ausstellen
könnte, daß sie das Schenken kennen, wenigstens in ihren Fa-
        <pb n="25" />
        ﻿24	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

milienbeziehungen. Es genügt, die Freigebigkeit einer Henne
gegen ihre Küchlein zu beobachten, wenn sie ein Korn ge-
sunden hat.

Das Geschenk wird ein neuer Weg zum Tausch sein. Es
wird in gerader Linie zu ihm hinführen, wenn wir annehmen,
daß das Geschenk gegenseitig wird; denn worin unterscheidet
sich ein wechselseitiges Geschenk vom Tausch? In nichts, als
in der Absicht. Nun findet sich das Gegengeschenk sehr häufig
in der primitiven Kultur, es ist sogar die Regel: man braucht
nur die Berichte sämtlicher Afrikaforscher zu lesen. Was
machen sie? Wenn sie zu einem Stamm kommen, so schickt
ihnen der Häuptling nach den Gesetzen der Höflichkeit und
Gastfreundschaft aller wilden Völker, je nach seinem Reichtum,
einen Ochsen oder Hühner. Aber er erwartet ein Gegen-
geschenk. Und ebenso wie bei den offiziellen Besuchen fünf
Minuten, nachdem der fremde Fürst seinen Besuch gemacht
hat, der Präsident diesen Besuch erwidert, ebenso erfordert die
Etikette des schwarzen Duodezfürsten die gleiche Erwiderung.
Deshalb versäumt kein Forscher, in seinem Gepäck alle Arten
Gegenstände mit sich zu führen, die als Zahlungsmittel oder
Geschenk — das bleibt sich gleich — dienen sollen.

Aber man braucht gar nicht so weit zu gehn.

In gewissen, etwas abseits liegenden europäischen Län-
dern, wo es keine Gasthöfe gibt, herrscht dieses System des
Gegengeschenks. Ich selbst habe vor vielen Jahren, als ich in
Spanien reiste, in Aragonien die Erfahrung gemacht. Es
war in einem kleinen Dorfe, wo es keinen Gasthof gab; es ist
dort Sitte zum Geistlichen zu gehn. Er gibt einem Logis, er
beherbergt einen umsonst, um Gotteswillen, selbstredend, aber
es wäre äußerst unschicklich, wenn man ihm am andern Tage
bei der Abreise nicht wenigstens den Gegenwert des Empfan-
genen erstattete.

Im römischen Recht wird der Tausch so definiert: „Ich
gebe, damit Du gibst" (äv ut des), Gabe für Gabe. Das
ist eine Art Zeugnis für die Entwicklung, die wir aufgezeigt
haben.

übrigens spricht der Schüler unbewußt dasselbe aus,
wenn er zu seinem Kameraden sagt: „Gib mir, was Du hast;
ich gebe Dir, was ich habe".

Und ist es nicht ein tröstlicher Gedanke, daß der Tausch
auch aus dem Geschenk entstanden ist und nicht nur aus dem
Diebstahl, wie wir soeben gezeigt hatten. Zwar wenn der
        <pb n="26" />
        ﻿25

Tausch und Wert.

Tausch vom Gegengeschenk herkommt, entartet er manchmal
letzten Endes zum gegenseitigen Diebstahl, aber das ist etwas
anderes: wir werden das weiterhin finden.

Der Augenblick, in dem der eigentliche Tausch in die
Erscheinung getreten ist, ist wirklich ein feierlicher Augenblick
in der Kulturgeschichte.

Der Wert. Denn folgendes wird sich vollziehn: Jedes
von einem Menschen erworbene Besitztum — sagen wir jeder
Reichtum, da er auch in noch so geringer Gestalt Anspruch auf
diesen Namen hat •— jeder Reichtum also wird nunmehr einen
zwiefachen Charakter annehmen.	.

Er wird in erster Linie bleiben, was er anfangs gewesen
ist, ein Mittel zum Genuß, zur Bedürfnisbefriedigung, wie es
das lateinische Wort bona (Güter) so gut ausdrückt, oder wie
die Engländer sagen goods (was gut ist).

Aber außerdem wird er einen neuen Charakter annehmen:
er wird ein Werkzeug zum Erwerb werden, das seinem Be-
sitzer erlaubt, sich im Wege des Tauschs zu verschaffen, was
er wünscht: seien es nun andere Güter, sei es gar die Arbeit
seinesgleichen, die Dienste derjenigen, die nicht das betreffende
Gut besitzen.

Und der zweite Charakter zeigt das Bestreben, das Über-
gewicht über den ersten mit steigender Kultur zu gewinnen.

Um ein Beispiel anzuführen: man braucht sich in einer
primitiven Gesellschaft nur das hauptsächlichste Gut vorzu-
stellen, das Getreide. Der Mensch, der seinen Speicher damit
angefüllt hat, kann diesen Reichtum unter dem doppelten
Gesichtspunkt ansehn, den ich soeben dargelegt habe. Er kann
sich wie der Reiche im Evangelium sagen: „Seele, du hast
reichen Vorrat auf viele Jahre; habe gute Ruhe, iß und trink,
und laß dir's wohl sein".

Aber er kann sich auch sagen: „Dies Getreide will ich dazu
verwenden, um andere für mich arbeiten zu lassen. Die-
jenigen, welche kein Brot haben, werden nur zu glücklich sein,
meines zu nehmen und mir dafür ihre Arbeit liefern. Sie
werden für mich arbeiten, sie werden meine Diener sein".

Es ist also eine Macht, die der Reichtum dem Tausch ver-
dankt. Und diese Macht ist durch ein Wort gekennzeichnet,
das wichtigste in der ganzen Volkswirtschaft: das Wort Wert.

Man wendet sogar manchmal dieses Wort Wert in dem
ersten Sinne an, den ich soeben dem Wort Gut gegeben habe,
aber das ist ein wirtschaftlicher Irrtum — ich möchte fast
sagen, ein Fehler der Muttersprache. Wenn die Volkswirt-
        <pb n="27" />
        ﻿26	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

schaftler es gebrauchen mit Bezug auf die Genußgüter, so
verbessern sie sich lieber und sagen „Gebrauchswert"; aber wenn
man sagt „Tauschwert" oder einfach „Wert", so läßt sich das
nur auf den zweiten Sinn des Wortes Gut anwenden, und
darin liegt ein wesentlicher Unterschied. Es gibt Güter, die
vollkommen den Namen Güter in dem Sinne verdienen, daß
sie für ihren Besitzer einen unendlichen Nutzen haben, die aber
anderseits keinen Tauschwert haben. Für den Kurzsichtigen
hat sein Augenglas einen Nutzen allererster Ordnung; indes
ist sein Tauschwert gleich null; denn selbst wenn man zugibt,
daß er es für ben Einkaufspreis wiederverkaufen könnte —■
was wenig wahrscheinlich ist — so ist es doch auf alle Fälle
ein Preis, der durchaus nicht den durch den etwaigen Verkauf
erlittenen Schaden ausgleichen wird. Welchen Nutzen hat
nicht ein Holzbein für einen Amputierten, und doch was wird
sein Tauschwert sein?

Dies Wort „Wert" ist also ein so vieldeutiges Wort, daß
die Volkswirtschaftler seit Jahrhunderten, seit Aristoteles
daran herumgrübeln, ohne daß sie es bis jetzt gut erklären
konnten, oder wenigstens ohne daß sie eine sie befriedigende
Erklärung hätten geben können. Ich erhebe also nicht den
Anspruch darauf, den esoterischen Sinn des Wertes ausein-
anderzusetzen, sondern den gemeinhin verstandenen, den
landläufigen. Nun kann man ihn in einem Wort zusammen-
fassen: es ist die Kaufkraft, was darauf hinausläuft, daß
das, was den Wert ausmacht, viel weniger der Wunsch dessen
ist, der ihn besitzt, als der Wunsch derer, die ihn nicht besitzen,
die ihn begehren, die ihn erwerben möchten, und die geneigt
sind, alles mögliche für seinen Besitz herzugeben. In diesem
Falle hat der Gegenstand, den ich besitze, einen großen Wert;
dieser läßt sich an der Stärke des Wunsches des andern messen;
er erlaubt, auf die anderen einen Druck auszuüben, der im
Verhältnis zur Stärke dieses Wunsches steht, und er erlaubt
gleichzeitig von ihm alles mögliche zu verlangen, damit er den
von mir besessenen Wert erwerben kann. Reicht man einem
Hund ein Stück Zucker und sagt man ihm „Mach schön", so
macht er alle möglichen Kunststücke, um es zu bekommen. Der
Wert hat dieselbe Wirkung auf die Menschen. Es ist also der
Wunsch des andern, der den Wert bildet.

Es liegt also eine Art unsittliche Wurzel im wirtschaft-
lichen Wert. Denn wenn der wirtschaftliche Wert das ist, was
uns erlaubt, eine Herrschaft über einen andern auszuüben
dadurch daß man auf das durch diesen Wert bei ihm erweckte
        <pb n="28" />
        ﻿Tausch und Wert.

27

Begehren spekuliert, wie verschiedener erscheint er von dem,
was man die sittlichen Werte nennt! Man darf sich nicht
durch den Gleichklang desselben Wortes täuschen lassen: die
sittlichen Werte haben das Herrliche an sich, daß sie sich allen
ohne Entgelt mitteilen können und daß alle sie genießen
können, ohne daß der, der sie besitzt, ihrer beraubt würde.

Der Handel. Der Tausch in Form des Tauschhandels
bleibt so lange ein Ausnahmefall, wie keine anderen Umstände
vorhanden sind, die sein Tätigkeitsfeld zu erweitern streben.
Damit der Tauschhandel des Wilden sich in jene regelmäßige
Tauschbewegung verwandelt, die man Handel nennt, muß
man durch eine Reihe Etappen durchgehn, die ich sehr schnell
aufzählen will.

Ganz zuerst muß, damit der Austausch allgemein wird,
jenes Widerstreben gegen die Entäußerung vom Besitzgegen-
stand, von dem ich eben gesprochen habe, verschwinden. Wie
wird das vor sich gehn? Dieser Widerstand wird mit dem
Tage verschwinden, an dem gewisse Gegenstände nicht mehr in
der Absicht erzeugt werden, sie zur Befriedigung der Bedürf-
nisse des Erzeugers zu behalten, sondern ganz im Gegen-
teil, in der Absicht, sie auf dem Wege der Weitergabe
loszuwerden. Nun heißt dieser Zustand, wo der
Mensch nicht mehr arbeitet, um seine eigenen Bedürfnisse zu
befriedigen sondern im Hinblick auf die Bedürfnisse anderer —
Gewerbe, oder wenn man will, Beruf. Wenn man
ein Kind, das noch nichts von der Welt weiß, in einen Bäcker-
oder Schusterladen führt, wird es ausrufen: „Was kann der
Mensch mit all diesen Broten oder all diesem Schuhzeug
machen? wenn er einige hätte, würde er doch genug haben".
Dann muß man ihm auseinandersetzen, daß der Bäcker diese
Brote nicht backt, um sie zu essen, und der Schuster das Schuh-
zeug nicht herstellt, Um es selbst anzuziehn. Er macht sie, um
sie auszutauschen und dadurch die von ihm benötigten Besitz-
tümer zu erwerben. Das Handwerk ist ein Umweg. Anstatt
wie der Naturmensch, der für seine eigenen Bedürfnisse
arbeitet, für sein Brot, seine Kleidung zu arbeiten, sagt sich der
Kulturmensch: „Ich will für Bedürfnisse produzieren, die mich
gar nicht interessieren, die mir aber das Mittel bieten werden,
meine eigenen Bedürfnisse auf eine- vorteilhaftere Weise zu
befriedigen, als wenn ich versuchen würde, sie direkt zu be-
friedigen". Das nennt man, ein Handwerk ergreifen, oder
einen Beruf, oder wenn es ein schöner Beruf ist, eine
Laufbahn.
        <pb n="29" />
        ﻿28	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Das nennt man auch Arbeitsteilung, und es ist eines
der wichtigsten Gesetze der Wirtschaftswissenschaft, das sogar
— ganz wie „das Gesetz von der geringsten Kraftanstrengung",
von dem es übrigens nur eine logische Folge ist — über das
Gebiet der Volkswirtschaft hinausgeht, um als Basis der So-
ziologie zu dienen.

Der Tausch nimmt erst dann eine große Ausdehnung an,
wenn das Handwerk sich gebildet hat; erst dann schließt jene
Entäußerung, von der soeben die Rede war, keinerlei Ent-
behrung in sich, da ja ganz im Gegenteil diese Erzeugnisse
nur zum Verkauf hergestellt wurden. Wir sprachen von jenen
Künstlern, die ein Herzzerreißen empfinden, wenn sie sich von
ihrem Werk loslösen, um es zu verkaufen, und von jenem
Benvenuto Cellini, der bisweilen auf seine Kunden mit dem
Dolch losging, um das, was er ihnen verkauft hatte, ihnen
wieder abzunehmen. Aber man wird keinen Schuster finden,
der so töricht ist, zu weinen, wenn ein Kunde ihm seine Schuhe
abkauft, und noch weniger wird er hinter ihm herlaufen, um
sie ihm wieder abzunehmen.

Die Handwerke haben sich nach und nach ausgebildet.
Sie haben sich von dem ursprünglichen Kern losgelöst, von
dem, was wir die Hauswirtschaft nennen, d. h. von jener
Wirtschaftsform, bei der der Mensch oder wenigstens die
menschliche Familie alles für ihre Bedürfnisse Notwendige
erzeugte.

Man braucht nicht in die vorgeschichtlichen Zeiten zurück-
zugehn, um den Ursprung der Handwerke zu sehn. Ich selbst
habe mehrere Gewerbe entstehn sehn. In dem Städtchen, in
dem ich meine Kindheit zubrachte, sah ich im mütterlichen
Hause Obstkonserven herstellen — das war ein wichtiger
Jahrestag in meinem Leben — und auch die Wurstherstellung
und die Wäscherei; und auf dem Bauerngut habe ich Brot
bereiten sehn.

Aber was ist gekommen? Die Herstellung der Frucht-
konserven, die Wäscherei, die Brotbereitung, die Wurstwaren-
bereitung sind aus dem Haus und dem Bauernhof ausge-
wandert und haben in der Straße einen Laden für das
Publikum aufgemacht, das heißt, sie haben unabhängige Ge-
werbe gebildet. Wenn man noch weiter zurückgeht, aber gar
nicht „bis zu der Zeit, da die Königin Bertha spann", hätte
man im Hause spinnen sehn können; jetzt ist die Spinnerei
nicht nur ein Handwerk, sondern sogar eine der größten
Jndustrieen der Welt geworden.
        <pb n="30" />
        ﻿Tausch und Wert.

29

Und so hat allmählich der Haushalt, die primitive Familie,
statt für ihre eigenen Bedürfnisse zu arbeiten, mit ansehn
müssen, wie Jndnstrieen, Handwerke ausgewandert sind, sich
von ihr losgelöst haben, welche alle im Hinblick auf den Tausch
produzierten. Und doch ist noch etwas anderes vonnöten ge-
wesen, damit der Austausch die uns bekannte gewaltige Ent-
wicklung hat nehmen können. Diese Handwerke mußten durch
eine andere Klasse ergänzt werden, die noch mehr für den
Austausch spezialisiert ist und die man die Händler nennt;
sie haben in der Kulturgeschichte eine Rolle allerersten Ranges
gespielt: jene Kaufleute von Tyrus und Sidon, die Händler
von Karthago, und später die Heldengeschlechter der holländi-
schen und englischen Kaufleute, die die Welt bevölkert,
zivilisiert, kolonisiert, kultiviert, bereichert und auch — ver-
dorben haben.

Der Kaufmann ist ursprünglich in der sehr einfachen
Gestalt, die wir in gewissen Dörfern gesehn haben und die man
dort noch heute sehn kann, aufgetreten: der des Hausierers,
des Hausierers, der seinen Packen auf dem Rücken trägt oder
sein Wägelchen von Gehöft zu Gehöft, von Dorf zu Dorf fährt,
seine Ware auspackt und die jungen Mädchen und Männer in
Versuchung führt. Und es hat Etappen gekostet, der Weg von
dem fahrenden Händler zum großen Warenhaus, oder noch
besser zu jenen amerikanischen Häusern, die weder Laden noch
Waren haben, sondern wo alle Einkäufe nur brieflich erfolgen.
Aber das sind nur Geschäftsleute (buslness men), während
die ersten Händler Heroen waren.
        <pb n="31" />
        ﻿Kapitel III.

Das Geld.

Wenn der Tausch uns schon einen tüchtigen Vorsprung
vor den Tieren verschafft, so ist doch der Tausch in natura,
von Ware gegen Ware, der Tauschhandel, ein sehr unbequemes
Verfahren, weil es sehr selten vorkommt, daß die Bedürfnisse
zweier Tauschenden genau zusammentreffen; mit anderen
Worten, daß der Gegenstand, dessen ich mich entledigen will,
gerade für den Menschen paßt, der gerade das besitzt, was ich
erwerben möchte.

Der Tauschhandel. Hier ein Beispiel ans einem Reise-
bericht eines Leutnants aus Kamerun: „Ich brauchte ein Boot,
aber sein Besitzer wollte in Elfenbein bezahlt werden, und ich
hatte keins. Ich suchte jemand, der mir Elfenbein abgeben
konnte. Man nennt mir Mohammed Jbn Selib, der welches
hatte, es mir aber nur gegen Stoff abgeben wollte. Nun hatte
ich keinen Stoff, war also nicht weiter gekommen. Da machte
ich mich auf die Suche nach einem, der gerade diesen Stoff
hatte, und ich fand Jbn Guerib, der welchen hatte, und der
bereit war, ihn mir gegen Rollen Kupferdraht abzutreten, mit
dem ich reichlich versehn war. Das war meine Rettung! In
der Tat gab ich den Kupferdraht an Jbn Guerib, der mir
dafür den Stoff gab. Ich gab den Stoff an Jbn Selib, der
mir Elfenbein gab. Ich gab das Elfenbein dem Mann mit
dem Boot. Und ich bekam das Boot!"

Wenn es solche Schwierigkeiten mit dem Austausch der
materiellen Erzeugnisse hat, der Waren, wie muß es erst mit
den geistigen Produkten sein, den Arbeitsleistungen? Wenn
ich um Brot oder Schuhzeug zu bekommen, Unterrichtsstunden
in Volkswirtschaftslehre anbieten müßte, könnte ich weit
laufen, bis ich einen fände, der aus diesen Handel einginge.

Was wäre also nötig zur Lösung dieser Schwierigkeit?
Man müßte eine für jedermann passende Ware ausfindig
        <pb n="32" />
        ﻿Das Geld.

31

machen, also nicht eine, die einem besonderen, individuellen
Bedürfnisse entspräche, sondern eine Ware, die einem allge-
meinen Bedürfnis genügte. Gibt es solche Waren? Ja. Es
gibt solche überall, sogar in den primitiven Gesellschaften (man
kann behaupten, besonders in diesen), zum Beispiel, gewisse
Nahrungsmittel: so wurden in Japan, wo jedermann, ob arm,
ob reich, von Reis lebt, bis zur Revolution von 1868 alle
Dinge, Waren, Beamtengehälter, in Reis gewertet. In
anderen Ländern — dem Gebiet der Hudsonbai z. B. —
dienten lange Zeit Pelze als Mittelglied, weil in diesem Polar-
lande jedermann welche trägt. In den antiken Gesellschafts-
ordnungen, die noch im Stadium des Hirtenlebens standen,
diente das Vieh als Tauschmittel, der Ochse oder der Hammel.
Und ohne daß wir so weit zurückzugehn brauchen — haben wir
nicht in unseren Tagen in Paris die Briefmarke als Ersatz für
das ausgegangene Kleingeld erlebt? Niemand machte
Schwierigkeiten sie anzunehmen, weil alle Welt Briefmarken
benötigt.

Aber nicht nur die Waren des allgemeinen Verbrauchs
können als Tanschmittel dienen, auch die Seltenheiten können
es, wenn sie einem sehr lebhaften Begehren entgegenkommen,
und wäre es auch nur dem Begehren einer kleinen Anzahl
Menschen, z. B. die Edelsteine, die Edelmetalle — übrigens
galten sie einst alle für edel, weil sie alle selten waren; in der
Ilias sehen wir, wie Achill für die Spiele beim Tode des
Patroclus als Siegespreis — einen Eisenblock aussetzte!

Unter allen Metallen hat zu allen Zeiten eines besonders
die Freude der Menschen ausgemacht und ihr Begehren ge-
weckt: das Gold. Gold ist nicht nur das schönste Metall,
sondern auch das vor allen anderen den Menschen bekannte.
Warum? Weil die Natur es nicht-oxydierend geschaffen
hat, das heißt, es bleibt unveränderlich, und man findet es in
reinem Zustand, was bei keinem anderen Metall der Fall ist,
selbst nicht beim Silber. Ein wahrhaft königliches Metall
durch seinen Glanz, seine herrliche Farbe, und — das will ich
auch noch hinzufügen — seine Nutzlosigkeit, und dies in dem
Sinne, daß es nur dem Luxus dienen kann, nicht den Bedürf-
nissen der Industrie. Es kann weder als Waffe noch als Werk-
zeug dienen; man kann daraus kein Schwert und keine Pflug-
schar schmieden. Es schien wirklich vorbestimmt für die Rolle,
als Geld zu dienen und dadurch zum Zeichen des Reichtums
zu werden.
        <pb n="33" />
        ﻿32	Aiifangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Der Verkauf. Sehen wir zu, welche Wandlungen die
Verwendung einer Zwischenware in den Austausch hinein-
bringen kann. Wer den Gegenstand, den er besitzt, umtauschen
will, der wird nun nicht mehr wie jener afrikanische Reisende,
dessen Abenteuer ich eben erzählt habe, sich auf die Suche nach
jemand begeben, der ihm das, was er wünscht, ablassen kann,
sondern er wird einfach jemand suchen, der diese Zwischenware
besitzt — und das wird nicht schwer sein — und dann wird er
sein Besitztum gegen diese Ware, das Gold, umtauschen:
das heißt dann der Verkauf.

Wenn er nun im Austausch für die abgetretene Ware
jene Zwischenware, das Gold, bekommen hat, wird er sich nach
dem von ihm gesuchten Gegenstand umsetzn und ihn gegen
das erhaltene Gold eintauschen: das heißt dann der Kauf.

So ist durch Verwendung jener Zwischenware der Tausch-
handel in zwei aufeinanderfolgende, aber zusammengehörige
Handlungen zerlegt, den Verkauf und den Kauf.

Indes bleibt noch eine praktische Schwierigkeit zu über-
winden: selbst mit dem Geld in der Hand ist es nicht immer
leicht zu kaufen, d. h. das, was man sucht bei jemand zu finden,
der bereit ist es abzugeben, und es ist noch weniger leicht zu
verkaufen, d. h. jemand zu finden, der bereit ist uns Geld zu
geben im Austausch gegen unser Besitztum.

Um als Beispiel einen uns geläufigen Gegenstand zu
nehmen, die Bücher — es würde nicht genügen, eine wohl
gespickte Börse zu haben, um uns das von uns gewünschte
Buch zu verschaffen, wenn es zu dem Zweck keine Buchhändler
gäbe. Und umgekehrt wissen diejenigen, welche Bücher los-
werden wollen, daß das nicht leicht ist, selbst wenn es sich um
seltene. Bücher handeln sollte und sie selbst sie teuer bezahlen
müßten, falls die Lage umgekehrt sein sollte.

Damit also der Austausch leicht sei, genügt es nicht, daß eine
Zwischenware erfunden ist, es muß auch eine gesellschaftliche
Klasse geschaffen sein, welche die Aufgabe für die Gesellschaft
hat, die Gegenstände zu sammeln—so kann man etwa sagen—
die ihre Besitzer im Überfluß haben und deren sie sich entledigen
wollen, um sie dann an diejenigen abzugeben, welche diese
Gegenstände brauchen werden. Diese Leute haben wir schon
im vorigen Kapitel getroffen: das sind die Kaufleute. In dem
eben angeführten Beispiel, bei den Büchern, sucht man einen
Buchhändler oder Antiquar auf, d. h. einen Mann, der gerade
mit alten Büchern handelt, der sie denen abkauft, welche sie
loswerden wollen.	»
        <pb n="34" />
        ﻿Das Geld.

33

So kommen wir also durch viele Verwicklungen zur Ver-
einfachung. So ist es übrigens oft bei den sozialen Wirtschafts-
problemen. Man muß sehr komplizierte Apparate haben, um
eine einfache Arbeit zu bekommen.

Das Geld. Wir haben schon wiederholt das Wort Geld
ausgesprochen, einen der wichtigsten Begriffe der Volks-
wirtschaft.

Es steckt im Gelde etwas Geheimnisvolles, Magisches.
Ich erinnere mich sehr deutlich, daß dieses Mysterium des
Geldes in meiner Gymnasialzeit zuerst meine Aufmerksamkeit
auf die Volkswirtschaft gelenkt hat, und ich sehe noch die Stelle
vor mir, wo dieser Gedanke mir gekommen ist.

Da ich als Kind ganz erfüllt war von den Märchen und
die Geschichte Aladins und der Wunderlampe auswendig
kannte, jener Lampe, die man nur zu reiben brauchte, um alle
Reichtümer zu bekommen, sagte ich mir: aber mit Geld kann
man alles, was die Lampe gab, bekommen: üppige Mahlzeiten,
Edelsteine, Königspalast, schwarze oder weiße Sklaven — so-
viel man will — und selbst die Hand der Prinzessinnen.

Das Kind weiß bald, daß man mit „ein paar Pfennigen"
sich das, was man wünscht, verschafft. Vom Standpunkt der
Kinderpsychologie würde es interessant sein, das Alter zu be-
stimmen, in welchem das Kind nicht mehr bloß sich an einem
Geschenk in natura, einer Arche Noah oder einer Puppe er-
freut, sondern die gleiche oder gar eine größere Freude
empfindet, wenn es ein Silber- oder Goldstück bekommt, heut-
zutage eine Banknote — und zu sich selbst sagt: „Damit kannst
Du dir kaufen, woran Du Lust hast".

Die Wilden haben auch nicht sogleich dieses Gefühl. Es
gibt Stämme, bei denen das Angebot von Geld, sogar von
Gold, gar nichts bedeuten würde, und bei denen man Gegen-
stände iu natura geben muß. So ist es in diesem Augenblick
bei den russischen Bauern: sie geben ihre Bodenerzeugnisse
nur gegen Fertigwaren her und lehnen das Geld ab; in der
Tat ist das Geld, das man ihnen anbietet, nicht verführerisch.

Wie kann man diese Macht des Geldes erklären?

Der erste Grund ist, wie ich soeben gesagt habe, daß es
das allgemeine Werkzeug des Tausches ist, das besagt mit
andern Worten: derjenige, der das Geld hat, weiß, daß er im
Austausch alles, was er begehrt, haben kann, wenn er sich
«nicht gerade in der Wüste oder in irgendeinem „kleinen Nesm

Gide, Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.	3
        <pb n="35" />
        ﻿34	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

befindet. Kein Berufskaufmann wird sich weigern, ihm den
Gegenstand seines Begehrens gegen sein Geld abzugeben, vor-
ausgesetzt, daß er die genügende Menge Geldes besitzt.

Darin liegt die Überlegenheit des Geldes über jeden
andern Gegenstand, selbst den kostbarsten. Der, welcher große
Reichtümer besitzt, eine Gemäldesammlung, Edelsteine, Kunst-
gegenstände, kann sie als Tauschwerkzeuge nur benutzen, wenn
er sie vorher durch den Verkauf in Geld umwandelt, wenn er
sie „realisiert" wie man zu sagen pflegt — ein seltsamer Aus-
druck, der bedeutet, daß als Wert das Geld die einzige Realität
ist. In der Tat, wer Geld hat, benötigt nicht dieser Vorarbeit.
Er hat den unmittelbaren Genuß, anstatt manchmal ge-
zwungen zu sein, eine gewisse Zeit zu warten, bis er realisieren
kann. Er wird sofort bedient. Er weiß, daß dieses Gut, das
er in Geldform besitzt, immer Käufer finden wird, und das
ist der einzige Besitz, von dem man dies behaupten kann.

Wir haben zehn Jahre lang in unseren südfranzösischen
Departements die Weinbauern beobachtet, die ihre Keller voll
wertlosen Weines hatten, weil sie ihn nicht verkaufen konnten,
d. h. ihn in Geld umsetzen konnten.

Nicht nur findet das bare Geld immer Abnehmer, sondern
es bildet den Gegenstand lebhaften Begehrens bei jedermann.
Folglich gibt es seinem Besitzer nicht nur das, was ich soeben
die Kaufkraft nannte, im wirtschaftlichen Sinne des Wortes,
sondern auch eine Herrschermacht. Nicht umsonst wendet man
in den Geschäftsbriefen die Formeln an: „Erteilen Sie Ihre
Aufträge" und „Wir erwarten Ihre Ordres" oder „ganz zu
Ihren Diensten". Das sind nicht nur Anstandsformeln; sie
sind der wahre Ausdruck der Stellung, die der Besitz des Geldes
gibt, nicht bloß um Waren zu bestellen, sondern auch um
Arbeit anzuordnen. Man kann sich so Dienstleistungen jeder
Art verschaffen, nicht nur ehrenhafte Dienstleistungen, sondern
sogar entehrende.

Das ist nicht der einzige Grund für das, was ich soeben
die magische Macht, die Talisman-Rolle, des Geldes nannte.
Es gibt noch einen andern: das Geld speichert den Wert auf
wie die elektrischen Akkumulatoren, die die elektrische Kraft
je nach Bedarf hergeben. In einer elektrischen Taschenlampe
befindet sich ein kleiner Akkumulator, und man braucht nur
auf einen Knopf zu drücken, um das Licht zu bekommen.
Ebenso ist es mit dem Geld. Es stellt eine Macht dar, deren
sich der Eigentümer bedienen kann, wenn er will. Sehen wir
den Bauern, der vom Markt zurückkommt, wo er seine Butter?
        <pb n="36" />
        ﻿Das Geld.	35

seine Eier oder seinen Wein verkauft hat; als Gegenwert hat
er einen Beutel Geld oder ein Bündel Papierscheine be-
kommen. Er kann das Geld sogleich verwenden, d. h. es aus-
geben, wie man zu sagen pflegt, und dafür diejenigen Sachen
kaufen, die er für seinen Verbrauch benötigt. Aber er kann
die Summe auch aufheben, sie „sparen", sie in den sagenhaften
Wollstrumpf des französischen Bauern von einst stecken oder
in die Brieftasche des Bauern von heute und es dort belassen.
In zehn Jahren, in zwanzig Jahren, und sogar nach seinem
Tode, wird sich dieser Wert für seine Erben nicht verändert
haben. Sic werden ihn sofort hervorholen, wie man durch
Druck auf die elektrische Lampe das Licht herausspringen läßt.
Sie werden das vom Vater oder Großvater angesammelte
Geld genießen. Und wenn der Bauer es aus Furcht vor
Krieg oder Revolution in die Erde eingegraben hat, wird man
vielleicht nach hundert oder tausend Jahren den Schatz finden
— denn das wird man einen Schatz nennen — und der glück-
liche Entdecker wird über den ganzen verschlafenen Schatz ver-
fügen, der unter seinen Händen erwachen wird, wie Dorn-
röschen in den Armen des Prinzen.

Vielleicht kann man hier noch einwenden, daß dies nicht
eine Sondereigenschaft des Geldes ist, und daß der, welcher
heutzutage eine neue Venus von Milo oder gar nur einen der
beiden Arme zu der Bildsäule im Louvre auffinden würde —
mit seinem Schatz reich werden könnte? Vielleicht ja, weil
Marmor und Bronze das schöne Vorrecht der Unsterblichkeit
teilen. Aber es gibt nicht viele Güter, von denen man das-
selbe behaupten könnte. Wenn der erwähnte Bauer sein
Getreide als Schatz hätte aufheben wollen, das immerhin eine
der am wenigsten verderblichen Waren darstellt, so würde er
nach einigen Jahren nichts mehr besitzen; denn seine Ernte
würde verloren, angenagt, auf eine oder die andere Art ver-
nichtet sein.

Und doch muß man die Behauptung, daß Gold oder
Silber seinen Wert ungeschmälert durch Generationen erhält,
einschränken: nur das Material selbst trotzt der Zeit, nicht aber
der Wert. Wenn der zur Zeit der Kreuzzüge vergrabene
Schatz eines Tages wieder zum Vorschein kommt, wird er
nicht denselben Wert haben, den er für den besaß, welcher ihn
in der Erde verborgen hatte, das besagt, er wird nicht mehr
dieselbe Kaufkraft besitzen — er wird vielleicht °/« dieser Kraft
verloren haben — und man beachte, daß ich hier nur vom
Goldfranken spreche; ganz etwas anderes würde es sein, wenn

3*
        <pb n="37" />
        ﻿36	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

ich von dem gegenwärtigen Papierfranken spräche! Das )
Metallgeld, selbst das Gold, ist wie jene Parfümflaschen, in
denen im Lauf der Jahre ein Teil ihres Duftes verloren geht,
wenn sie auch noch so gut verschlossen sein mögen. Auch das
Geld läßt einen Teil seines Wertes verflüchtigen, doch behält
es davon trotz allem mehr als irgendeine beliebige sonstige
Ware.

Nun aber noch ein anderes Vorrecht des Geldes.

Weil sein Besitzer sich alles, was er wünscht, verschaffen kann,
ist er davon befreit, zur Erzeugung seiner Bedürfnisse zu ar-
beiten. Jeder Mensch in dieser Welt schien dem Gesetz der ...
Arbeit unterworfen zu sein: „Im Schweiße Deines Angesichts
sollst Du arbeiten" — wer aber jene Ware besitzt, ist von dem
Gesetz ausgenommen. Ist das nicht ein Vorrecht, genau wie
das, welches einst den Edelleuten die Steuerfreiheit zubilligte?

In seinem so schönen Buche: „Die wirtschaftlichen Har-
monien" (Les Harmonies Economiques), worin er vom
moralischen Gesichtspunkte alle wirtschaftlichen Erscheinungen
zu rechtfertigen sucht, bemerkt der Volkswirt Bastiat, einer
der Meister der klassischen optimistischen Schule, die Tatsache,
daß das Geld seinen Besitzer vom Arbeiten befreit; aber er ist
gar nicht darüber empört; denn, behauptet er, das Geld selbst
stellt vollendete Arbeit dar. Man braucht sich nur an den eben
erläuterten Mechanismus des Kaufs und Verkaufs zu halten,
und man wird sehn, daß die Menschen sich das Geld nur
durch den Verkauf beschaffen: was aber können sie anderes
verkaufen als die Erzeugnisse ihrer Arbeit oder ihrer Dienst-
leistungen? Theoretisch stimmt das. Bastiat fügt noch hinzu:

Man muß sich vorstellen, daß jedes Geldstück folgende Inschrift
trüge: Gutschein für die und die vollendete Arbeit, den und
den erwiesenen Dienst, berechtigt seinen Besitzer zum Anspruch
auf entsprechenden Gegenwert". Der gegen dieses Geld er-
worbene Wert würde also nur eine Art Einlösung darstellen.

Und selbst wenn nian sich an das Beispiel von dem auf-
gefundenen Schatz hält, kann man behaupten, daß jedes der
einzelnen Geldstücke die Arbeit irgendeines Vorfahren dar-
gestellt hat?	i

, Ja, doch beweist nichts, daß jene Geldstücke nicht dem-
jenigen, der sie verdient hatte, gestohlen waren, und daß sie
nicht von irgendeinem großen Herrn dort deponiert worden
sind, der sie von seinen Leibeigenen erpreßt hatte. Nur hat
der Besitz des Geldes jenen Vorteil, daß er von jeder Unter-
        <pb n="38" />
        ﻿Das Geld.

37

suchung über die Gesetzmäßigkeit seiner Herkunft befreit oder
über die Echtheit der auf ihm eingravierten Bescheinigung,
die nur Bastiat lesen konnte. Geld riecht nicht, wie ein
römischer Kaiser sagte, was bedeutet, es ist gut, woher es
auch kommen mag.

Aber ließe sich selbst beweisen, daß jedes Geldstück eine
frühere Arbeit darstellt, ist es nicht ein ganz außergewöhnliches
Vorrecht, daß diese tote Arbeit genügt, seinen Besitzer von
gegenwärtiger Arbeit zu befreien? Ich erinnere mich, daß
man, als ich im Gymnasium war, ein System in Gebrauch hatte,
das heutzutage glücklicherweise nicht mehr in Übung ist: man
gab dem guten Schüler „Befreiungen", demjenigen nämlich, der
seine schriftlichen Arbeiten gut gemacht hatte, gab man einen
Gutschein über 100, 200, 1000 Zeilen; wenn er nun bestraft
wurde, brauchte er nur den Gutschein im entsprechenden Werte
vorzuweisen, und war dann von seiner Strafarbeit befreit.
War das nicht genau das, was das Geld in der optimistischen
Definition Bastiats bedeutet: eine Befreiung von Aufgaben,
Strafarbeit, von jeder Frohn? Wenn ich auch oft meinen
Nutzen aus diesem Erziehungssystem gezogen hatte, so sah ich
doch nicht ohne einige Gewissensbisse auf meine zur Arbeit
verurteilten Kameraden, die weniger reich an „Befreiungen"
waren. Und kann sich derselbe Skrupel nicht mit Bezug aus
das Geld einstellen?

Lassen wir also jede Neigung, das Geld zu etwas mora-
lischem zu machen, beiseite; sie hat nicht mehr Berechtigung,
als die umgekehrte einiger Moralisten oder Sozialisten, die
im Gelde ein Werkzeug der Ausbeutung und der Verdammnis
sehn, die dreißig Silberlinge, für die der Mensch seine Seele
dem Satan verkauft hat. Wenn jedes Goldstück seine Geschichte
erzählen könnte, würde diese sicher nicht immer erbaulich sein.
Dasselbe Stück, das zur Entlohnung der Arbeit des Tage-
löhners gedient hat oder als Sparpfennig der Familien-
mutter, wird morgen in die Hände eines Wucherers übergehn
— aber wie ist es dafür verantwortlich zu machen?

Das Geld ist eins der wunderbarsten Werkzeuge, das
der Mensch erfunden hat, genau wie das Alphabet oder das
Dezimalsystem, und es kann wie diese unterschiedslos zum
Guten oder Bösen dienen, ein Werkzeug, im selben Sinne wie
die Werkzeuge des Messens, das Meter, die Gewichte, die Hohl-
maße. Jede Ware wird an der Geldmenge gemessen, gegen
die sie ausgetauscht wird. Diese doppelte Kontrolle, dies
        <pb n="39" />
        ﻿38	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

doppelte Messen, wodurch jede Ware hindurchgeht, ist, wie man
sehr wohl weiß, der Preis. Der Preis der Dinge ist genau !
das Maß ihres Wertes in Geld.

Da haben wir also den Begriff des Maßes in den wirt-
schaftlichen Beziehungen. Und die Einführung des Maßbe-
grifses in eine Wissenschaft besagt in der Tat nicht wenig. Die
Volkswirtschaftslehre ist erst eine Wissenschaft geworden und
konnte es erst werden mit dem Tage, wo sie in dem Gelde ein
Maßinstrument gefunden hat, das ihr gestattet, jeden Wert
auf einen quantitativen Begriff zurückzuführen.

Gold und Silber lassen sich sehr genau wiegen. Lange ...

§eit hindurch ist das Geld bei den Tauschgeschäften in dieser
orm ausgetreten, nämlich in Gestalt einer gewissen Menge,
sei es nun eines Silberbarrens oder des Goldstaubs, den
man wog. Noch vor nicht langer Zeit trugen alle Kaufleute
in China eine Wage, und bei jedem Kauf oder Verkauf be-
dienten sie sich der Wage, nicht etwa, wie heutzutage der
Fleischer oder Krämer, um die Ware zu wiegen, sondern um
das Geld zu wiegen. Es war ein genialer Gedanke, im voraus
gewogene Barren zu verwenden, von einem genau bestimmten
und bekannten Gewicht, und sie mit einem Siegel zu versehn,
das die Genauigkeit des Gewichts garantieren sollte. Man
weiß nicht genau, wer zuerst Geld geprägt hat, aber man
weiß, daß cs in Kleinasien geschah, ganz nahe bei jenem
Phönizien, das uns das Alphabet geschenkt hat.

In jenem Augenblick erst beginnt das Zeitalter des eigent-
lichen Geldes, wie wir es kennen, der geschlagenen Münze.
Alles, was man Münzeinheiten nennt, der Frank, das Pfund,
die Mark, die Krone, der Dollar, der Gulden, sind kleine
Stücke von einem gesetzlich festgelegten Gewicht: der Frank
z. B. ist ein Stück von fünf Gramm Silber mit einer gewissen
Legierung von Kupfer. Der Staat setzt seine Unterschrift in
Gestalt eines Herrschcrbildes oder einer konventionellen Ab-
bildung darauf, um zu bezeugen, daß das Stück das ange-
gebene Gewicht richtig wiegt. Und diejenigen, die diese Unter-
schrift nachmachen, die Falschmünzer, werden mit schwersten
Strafen belegt. Im Mittelalter wurden sie in einen Bottich
mit siedendem 81 geworfen. Diese schrecklichen Strafen recht-
fertigten sich mit der Notwendigkeit, der Öffentlichkeit volles
Vertrauen zu jener Unterschrift des Staates auf dem Geldstück
zu geben.

Erst seit Auftreten der Münze hat man den Wert jeder
Ware und auch den Wert jeder Dienstleistung messen können.
        <pb n="40" />
        ﻿Das Geld.

39

Wenn wir in der Bibel lesen, daß Abraham oder Hiob sehr
reich waren, daß sie große Schafherden und sehr viele Knechte
hatten, so sagt uns das nicht viel über ihr Vermögen. Wäh-
rend wir hingegen heutzutage auf den Pfennig genau wissen,
welches das Vermögen eines x-beliebigen Mitbürgers ist. Der
Fiskus weiß es auch, und das ist sehr gut für ihn; denn was
würde er tun, wenn er nicht ein Präzisionsinstrument besäße,
mit dem er die Einkommensteuern berechnen kann? Und nicht
nur für den Fiskus ist diese Messung unentbehrlich; sie ist es
auch für jeden „Geschäftsmann". Was tut der Kaufmann?
Er berechnet nach seinem Buche den Einkaufspreis seiner
Ware, dann den Verkaufspreis: er berechnet den Unterschied
zwischen diesen beiden Zahlen — und der Unterschied bildet
seinen Nutzen oder Gewinn.

Ohne das Geld ist die Ermittlung des richtigen Preises
unmöglich, und ich verstehe richtigen Preis nicht nur im
arithmetischen Sinne, wie wenn man sagt: die Rechnung ist
richtig — ich verstehe es im moralischen Sinn. In den afrika-
nischen Ländern, wo dieses genaue Geldmaß noch nicht existiert,
wo man noch beim Tauschhandelssystem ist, kann der Handel
nur vor sich gehn, indem man gewaltige Unterschiede zwischen
dem Einkaufs- und Verkaufspreis macht, d. h., indem man die
Waren drei oder viermal über ihren Wert verkauft. Und
wenn die Schwarzen Opfer der schamlosesten Ausbeutung
lind, so ist daran teilweise der Mangel an Geld schuld, das
die Festsetzung eines richtigen Preises gestatten würde. Pie
Einführung des Geldes bedeutet für sie eine Befreiung.

Das Papiergeld. Was macht den Wert des Geldes? Ich
habe soeben auseinandergesetzt, aus welchen Gründen das
Goldgeld den anderen Gütern überlegen ist — weil es erlaubt,
alles, was man sich wünscht, zu erwerben, weil es erlaubt,
die Arbeit anderer zu beherrschen und weil es von persönlicher
Arbeit befreit, weil es gestattet, ins Unendliche den Wert auf-
zuspeichern — das versteht sich! Aber warum besitzt es alle
diese Eigenschaften?

Ich habe gesagt, daß Gold und sogar Silber als Geld
ausgewählt worden seien, weil sie schön waren und zu allen
Zeiten den Gegenstand menschlicher Wünsche gebildet hatten,
sowohl als Schmuck für die Frauen wie als Kronen für die
Könige. Es ist noch ebenso in jenen orientalischen Ländern, in
denen das Gold- oder Silberstück zugleich als Tausch- und
Schmuckmittel dient, und wo die Mitgift der Mädchen aus
        <pb n="41" />
        ﻿40	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Zechinen besteht, die an ihren Gürtel oder ihr Kleid an-
genäht sind.

Aber wir sind über diese Zeit hinaus. Wenn bei uns das
Gold nur zur Herstellung von Halsschmuck, Ringen, Arm-
bändern, Uhrgehäusen dienen müßte und das Silber zur Her-
stellung von Tischgerät und Bestecken, so würde das nicht ge-
nügen, um den Wert jenes gewaltigen Gebäudes von etwa
Hundert Milliarden zu stützen, das heute den Geldvorrat der
Kulturvölker darstellt. Es muß für diesen Wert noch eine
andere Stütze. vorhanden sein. Welche ist das nun? Die
einzige Erklärung, die man in den meisten volkswirtschaftlichen
Schriften findet, ist, daß das Geld auch eine Ware ist, und als
wahren Wert den Handelswert des Barrens hat, aus dem es
besteht: warum ist das 20-Franken-Goldstück zwanzig Franken
wert?, man antwortet: weil man es nur zu einem Goldschmied
zu bringen braucht, und es bringt einem 20 Franken ein.
Und man kann es sogar einschmelzen lassen oder die Inschrift
mit Hammerschlägen vernichten, deswegen wird es nicht einen
Sou an Wert verlieren — was beweist, daß dieser Wert unab-
hängig von seinem Geldwert ist. Das Siegel des Staates
und die darauf eingravierte Schrift sind wie das Ekikett auf
der Ware: Es gibt den Wert an, aber schafft ihn nicht.

Wie soll man sich aber nun Mr Wert der Banknote er-
klären? Er beruht nicht in dem inneren Wert des Papiers,
wenn es auch sehr schönes, teueres Papier sein mag. Es kommt
daher, antwortet man, weil dieses Papier nur das Zeichen für
eine Gold- oder Silbersumme darstellt, die der auf ihm--an-
gegebenen gleich ist, und gegen die man je nach Wunsch des
Besitzers es umtauschen kann. In normalen Zeiten, richtig!
Aber die Banknoten sind nicht mehr einlösbar. Die Bangue
de France wäre in gehöriger Verlegenheit, wenn sie die
38 Milliarden im Umlauf befindlichen Noten einlösen müßte;
denn sie hat in ihrer Kasse nur ungefähr sechs Milliarden Gold
oder Silber. Was den Staat anlangt, den gewisse Leute ganz
zu unrecht zur Einlösung der Banknoten verpflichtet glauben,
so würde er ebenfalls außerstande sein, da er bis jetzt der Bank
die 27 Milliarden nicht hat zurückzahlen können, die er von
ihr entliehen hat. Man darf also nicht sagen, daß die Bank-
note gegen Gold eintauschbar ist, also auch nicht, daß man
dadurch ihren Wert erklären kann. Und selbst in normalen
Zeiten ist die Erklärung unzureichend; denn wenn wir eine
Banknote erhalten, denken wir schwerlich daran, auf die
Bangue de France zu gehn, um die Note gegen Gold oder
        <pb n="42" />
        ﻿Das Geld.

41

Silber einzutauschen. Man nimmt die Banknote nicht, um
sie sich umwechseln zu lassen, sondern um sie auszugeben, und
weil man das feste Vertrauen hat — das durch die tägliche
Erfahrung gerechtfertigt und übrigens durch das Gesetz sank-
tioniert wird — daß bei einem beliebigen Einkauf oder bei
Bezahlung einer Schuld der Kaufmann oder der Gläubiger
diese 100-Franknote als Gegenwert für 100 Frank an-
nehmen wird.

Und selbst wenn es sich um Metallgeld handelt, so ist
niemand auf den Gedanken gekommen, sich beim Empfang
eines Gold- oder Silberstücks zu sagen: „Ich will es beim
Goldschmied verkaufen". Man nimmt das Gold- oder Silber-
stück, weil man weiß, daß jedermann es in gleicher Weise zum
selben Wert annehmen wird. Dies läuft darauf hinaus, daß
das, was den Wert eines Geldstücks ausmacht, das einmütige
Vertrauen ist, daß jeder dieses Geld annehmen wird*).

Der Wert des Geldes beruht also auf einer wechsel-
seitigen Übereinkunft aller Inhaber, daß jeder es annehmen
wird — handelt es sich nun um das Geld eines einzelnen
Landes, die Banknote, dann beruht es auf der Übereinkunft in
ein und demselben Lande, oder ein internationales Geld wie
das Gold, dann beruht es auf dem Einvernehmen der ganzen
Welt.

Ebenso wie man beim Kartenspielen statt des Geldes oft
weiße, grüne oder rote Spielmarken benutzt, die einen.ver-
abredeten Wert besitzen und die am Schluß des Spiels als
Geld ohne Rücksicht auf ihren inneren Wert angenommen
werden — ebenso macht man es mit den Münzen, nur mit
dem Unterschied, daß jene Marken aus Gold oder Silber ihren
Wert auf die Übereinkunft von mehreren hundert Millionen
Menschen gründen statt auf die Abrede von vier Teilnehmern
einer Whist- oder Bridgepartie.

Dieser konventionelle Charakter des Wertes liegt übrigens
allen Reichtümern zu gründe: wenn eine Frau ein Perlen-
halsband mit 100 000 Frank bezahlt, tut sie es, weil sie glaubt,
daß das Halsband sie schön machen wird — und wenn ein

i) Wenn es wahr ist, baß der Goldbarren, der das 20-Frankstück bildet, aus dem
Markt 20 Franken wert ist, so rührt das nicht etwa daher, weil das Gold zur Her-
stellung von Kleinodien dient, sondern weil es hauptsächlich zur Herstellung von Geld
dient. Die Hauptgoldkäufer sind nicht die Goldschmiede, sondern die Münzstätten. Es ist
also eine Schlußfolgerung im Kreise, wie man zu sagen pflegt, ein circulus vitiosus.
Wenn es wahr wäre, daß der Wert des Geldes nur den Handelswert des Metalls zur
Grundlage habe, so würde es nur wenig bedeuten. Um sich davon zu überzeugen,
braucht man sich nur zu fragen, was vom Wert dieser Geldstücke übrig bliebe an dem
Tage, Ivo sie außer Kurs gesetzt würden.
        <pb n="43" />
        ﻿42

Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Neureicher ein Schloß kauft, geschieht es, weil er glaubt, es
wird ihn glücklich machen. Es ist möglich, daß sie sich beide
irren; aber was tut das? Immerhin wenn es sich um die
Reichtümer in natura handelt, ist diese Glaubenshandlung
hinter den wirklichen und natürlichen Eigenschaften dieser
Güter verborgen, hinter der Schönheit der Perlen, der An-
nehmlichkeit und Behaglichkeit des Schlosses, während hin-
gegen bei Gold- oder Silbergeld oder bei einer schmutzigen
Banknote, jeder Irrtum ausgeschlossen ist: im Stoffe selbst,
der als Unterlage ihres Wertes dient, ist gar kein oder ein nur
sehr geringer wirklicher Nutzen. Ihr Wert hat keine andere
Grundlage als der ihnen von all und jedem zugeschriebene
Kredit.

Das läuft darauf hinaus, daß letzten Endes der Wert
des Geldes, wie der Soziologe Gabriel Tarde es ausdrückte,
auf dem Glauben beruht. Es ist eine einfache Handlung
gegenseitigen Glaubens, bei der jeder an den Wert einer Sache
glaubt, weil der andere daran glaubt; und diese Vertrauens-
handlungen stützen sich gegenseitig wie die Pfeiler einer Kathe-
drale. Aber wenn die Pfeiler nachgeben, stürzt alles zu-
sammen. Das sehen wir in diesem Augenblick in einem
großen Teil von Europa.
        <pb n="44" />
        ﻿Kapitel IV.

Eigentum und Erblichkeit.

Man hört oft sagen, daß das Eigentum die Grundlage
der gesellschaftlichen Ordnung ist. Es ist jedenfalls eine der
größten Einrichtungen nicht nur der Volkswirtschaft, sondern
der Kultur. Wir haben nicht die Absicht, in diesem kleinen
Kapitel einen Rundgang durch diese zu machen, ich werde mich
nur darauf beschränken, zu zeigen, wie lange es gedauert hat,
bis diese „Grundlage der Kultur" sich herausgebildet hat,
und wie sie im Begriff ist, sich umzubilden, oder genauer
gesagt, sich zu verbilden.

Entwicklung des Eigentums. Wir haben schon die An-
eignung in ihrer einfachsten Form beobachtet, nämlich die
durch das körperliche Bedürfnis der Ernährung bedingte An-
eignung: die Einverleibung dessen, was man ißt, was man
verschlingt, oder wenigstens dessen, was man zum Munde
führt — wie bei den Kindern oder Eichkätzchen, von denen ich
erzählt habe. Das war die unbestreitbarste Besitzergreifung,
sie fällt zusammen mit dem Verzehren.

Aber das Gefühl der Aneignung dehnt sich schnell auf
alle Gegenstände aus, die die Hand ergreifen und berühren
kann. Alle Rechtsstudenten wissen, daß im römischen Recht
die eigentliche Form der Besitzergreifung „mancipatio“
hieß, welches von zwei lateinischen Worten herkommt,
die bedeuten: mit der Hand ergreifen. Also ursprüng-
lich waren nur die Gegenstände, die man ergreifen
und handhaben konnte, als aneigenbare Gegenstände an-
gesehn. Und so ist es ganz natürlich mit denjenigen Dingen,
die aus der Hand des Menschen in Gestalt von Erzeugnissen
seiner Arbeit hervorgehn. Das sind zunächst die ersten Werk-
zeuge und die ersten Waffen: der geschnittene oder geglättete
        <pb n="45" />
        ﻿44	Aiifangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Stein, Kleidung oder Schmuck. Später wurden es die Haus-
tiere. Von den Haustieren geht die Besitzergreifung über zu
den Sklaven. Sogar die Frauen haben zu den ersten Eigen-
tumsgegenständen gehört. Anfangs war das Haus auch ein
beweglicher Gegenstand: es war das Zelt der Nomadenvölker.
In ihren einfachen ersten Stadien unterschieden sich das
Schutzdach, die Hütte, das Zelt kaum von der Kleidung: was
ist für die Schnecke ihr Haus? Soll man sagen, es ist ihr Kleid
oder ihr Haus? Für den Wilden ist auch das Schutzdach an
die Person geknüpft: deshalb ist es Eigentumsgegcnstand
geworden. Die Tiere selbst haben sehr wohl das Gefühl
des Eigentums bezüglich ihres Lagers oder ihres Nests.
Doch hier ändert das Eigentum etwas seinen Charakter:
anstatt ausschließlich individuell zu sein wie der Bogen
und die Pfeile, oder der Schmuck — wird es Familien-
eigentum. Das Haus ist nicht nur Eigentum des Mannes,
sondern auch, und vor allem, der Frau und der Kinder. Wie
sollte das Vogelnest nicht ein Eigentumsgegenstand sein? Es
ist das heiligste aller Eigentümer, und in der ganzen Vogelwelt
ist keiner verächtlicher als der, welcher das Nest anderer stiehlt,
und das ist der Kuckuck.

Und nicht nur der Gegenstand des Eigentums wechselt,
auch seine Grundlage. Wenn es sich um persönliches Eigen-
tum handelte, so war es die Arbeit oder Besetzung, die es
schuf. Aber was das Eigentum des Hauses schafft, das ist die
Berührung der Geschlechter und die Erziehung der Kinder.
Mit einem Wort gesagt, die Liebe schafft, was man mit einem so
schönen Wort — viel schöner als das englische hörne — als
den Herd bezeichnet.

Aber gehn wir einen Schritt weiter. Vom ersten Tage
an, wo dieses Haus nicht mehr das Zelt des Nomaden oder
die Grotte des Höhlenmenschen ist, sondern wo es das eigent-
liche Haus im wahren Sinne geworden ist, der Herd, wie wir
es eben nannten, das heißt, eine feste Wohnung — von jenem
Augenblick an ist das Haus vom Eigentumsbegriff umstrahlt
wie der wirkliche Herd vom Licht. Es umschließt alles, was
nahe liegt, den kleinen Garten, das Gebiet, was zur Ernäh-
rung der Familie dient. Die erste Form des unbeweglichen
Eigentums erscheint so einfach als Anhang zum Hause.

t Bei den Römern — man muß immer zu ihnen zurück-
greifen, wenn man den Ursprung und die Geschichte des
Grundeigentums studiert — gab es bis zu den punischen
Kriegen, das heißt 200 Jahre vor Chr., kein anderes Grund-
        <pb n="46" />
        ﻿Eigentum und Erblichkeit.

45

eigentum als ein kleines Landstück um das Haus herum, das
man juger nannte, und das nicht größer als ein Viertel
Hektar war.

Aber das Eigentum hat sich nicht auf diese engen Grenzen
beschränkt, die die Hand berühren oder der Blick umfassen
kann. In dem Maße, wie der Pflug den Boden urbar machte,
ist das Eigentum dem Pfluge gefolgt bis zum Ende der Furche,
und dort hat es den geheiligten Grenzstein hingesetzt, den ein
Gott behütet, der Gott Terminus.

Aber wird es diesen Grenzstein, den es selbst hingesetzt
hat, achten? Nein, unersättlich, wird das Eigentum sich end-
los ausdehnen, indem es das freie Land in sich aufnimmt,
bis es das Land ganz bedeckt hat. Es wird „Großbcsitz" werden,
nicht nur eine wirtschaftliche, sondern eine politische Ein-
richtung, die das Feudalsystem und den Adel schassen wird.
Aber mit welchem Recht? Denn wo es sich um das bewegliche
Eigentum oder sogar um das kleine Grundeigentum handelte —
sei es nun um jene beweglichen Dinge, die der Mensch in seine
Hand nahm, sei es um das von ihm bewohnte Haus, in dem
er seinen Herd gründete und seine häuslichen Götter unter-
brachte, sei es um den Flecken Erde, den er mit seiner Pflug-
schar bearbeitete — da sah man noch eine materielle Besitzer-
greifung, aber in dem Maße, wie sich das Eigentum ausdehnt
und die Erde umfaßt, worauf stützt es sich? Nicht mehr
auf tatsächliche Inbesitznahme kann sich das Eigentum
an gewaltigen Domänen gründen, wie denen Englands,
Rußlands, Italiens, Amerikas, die Tausende Hektar um-
fassen, auch nicht mehr auf die Arbeit ihrer Besitzer; denn diese
großen Ländereien sind ihrer Zeit nur durch die Arbeit der
Sklaven, der Leibeigenen oder der Pächter angebaut worden.
Welches sind also die ursprünglichen Rechte auf den Groß-
grundbesitz? Es ist die Eroberung. Die Geschichte kann keinen
Zweifel über diesen Punkt bestehn lassen. Die ersten großen
Domänen schuf die Eroberung, zunächst die mit den Waffen,
später die durch Enteignung der ursprünglichen Besitzer, und
zwar vermittelst von Gesetzen, welche die Erobererklasse selbst
geschaffen hat. Die Römer gaben sich in diesem Punkte keinen
Illusionen hin. Das Eigentum am Boden, das sie als das
achtenswerteste ansahn, war das durch den Krieg geschaffene:
Das Wort „quiritisches Eigentum", das bei den Römern das
Eigentum schlechthin bezeichnet, das typische Eigentum, das
Eigentum von Rechtswegen, das ist das Wort, welches den
Mann mit der Soldatenpike bezeichnete. Es war das durch das
        <pb n="47" />
        ﻿46	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Eisen geschaffene Eigentum, nicht durch das Eisen der Pflug-
schar, sondern das Eisen der Lanze, sub hasta1).

Dieselbe Art der Erwerbung des Eigentums hat sich durch
die Jahrhunderte fortgesetzt. Wenn wir z. B. ein Land wie
England nehmen, so sehen wir noch jene beiden aufeinander-
folgenden Handlungen, von denen ich soeben gesprochen habe,
bei der Bildung des Eigentums der englischen Landlords.
Zuerst die normannische Eroberung, wo nach der Eroberung
Englands das englische Land in eine Reihe von Domänen
aufgeteilt wurde, die in dem berühmten Domesday Book
eingetragen wurden — das ist das amtliche Register über
die Aufteilung des englischen Landgebiets unter die Eroberer.
Dann viel später haben sich diese ersten Besitzungen des Adels
vergrößert, indem sie einfach in ihr Gebiet die kleinen Be-
sitzungen der einstigen Besitzer hineinzogen, die der ersten
Teilung bei der Eroberung entgangen waren.

Später kam Irland an die Reihe, und man weiß,
welches die politischen Folgen dieser Enteignung gewesen
sind. Ein irischer Prediger erzählte einmal vor einer
ländlichen Zuhörerschaft, die darüber vor Behagen jubelte,
obgleich die Sinn-Feiner noch nicht erfunden waren,
folgende Geschichte: „Kürzlich war ich aus das Land
eines Eigentümers gekommen, der mir sagte: Gehn Sie
weg, dies Land gehört mir. — Ich sagte zu ihm: Warum?
von wem haben Sie es? — Er antwortete mir: von
meinem Vater. — Und von wem hatte es Ihr Vater? — Von
meinen: Großvater. —■ Und Ihr Großvater? — Da sagte er
ungeduldig: Er hatte es bekommen, weil er sich um seinen
Besitz schlug. ■— Bravo!, sagte ich zu ihm, Rock aus! Wir
wollen uns auch schlagen, um zu sehn, wer es bekommen soll".

Wir haben die britischen Inseln nur als Beispiel ange-
führt, aber die Geschichte ist überall die gleiche gewesen, sogar
in Amerika. Wenn man die Pioniere als die typischen Ver-
treter des heiligsten Eigentums anführt, nämlich die Leute,
die das amerikanische Land mit der Hacke des Holzhauers
und der Pflugschar erobert haben, so vergißt man, daß sie zu-
nächst dieses Land genommen haben, indem sie die Rothäute
enteigneten. Ebenso ist es in allen Kolonieen, und man darf
nicht vergessen, daß alle unsere alten europäischen Länder zu

*).Quirites, eigentlich der Ritter, ist das Wort, welches den römischen Vollbürger,
den Abkömmling^ der jQuiritengcschlechter bezeichnet. Verkäufe von öffentlichem Gut,
welches nur Quiriten erwerben konnten, geschahen unter zwei gekreuzten Lanzen, lateinisch
«8ub hasta", daher noch der Ausdruck der Juristen für versteigern „subhastieren".

Der Übersetzer.
        <pb n="48" />
        ﻿47

Eigentum und Erblichkeit.

irgendeiner Zeit einmal Kolonien gewesen sind — Gallien
war eine römische Kolonie, dann eine fränkische — und die-
selbe Geschichte hat zehnmal von vorn angefangen.

Dieser Ursprung des Grundeigentums belastet nicht die
gegenwärtigen Besitzer, denn er ist seit langem wieder ver-
deckt und geläutert durch eine Reihe von Besitzübertra-
gungen, Käufen, Erbschaften, jedoch unter der Überschrift
„Eigentumstitel", wie man es im Rechtswesen nennt, und
vor allem unter dem Titel, der „Verjährung" heißt; aber
wenn man weit genug zurückgeht, steht die Eroberung nichts-
destoweniger am Anfang des ganzen Grundeigentums.

Könnte man irgendwo in der Welt, sogar in Frankreich,
wo vielleicht mehr als in allen anderen Ländern das Grund-
eigentum das am besten gesicherte ist, ein Stück Land finden,
das vom ersten Tag, an dem der Mensch seinen Fuß hin-
gesetzt und es urbar gemacht hat, in dieser Gestalt in den
Händen des Bearbeiters und seiner Erben als treuer Genosse
der Arbeit des Mannes geblieben wäre, so würde das eine
Kuriosität darstellen, die man mit einer Inschrift versehn
unter Glas setzen müßte, denn das wäre das seltenste ge-
schichtliche Denkmal.

Aber das Eigentum hat sich nicht auf die Eroberung des
Landes beschränkt. Es soll noch einen Sprung weiter machen:
es soll das immaterielle Eigentum werden, sehr verschieden
von dem soeben besprochenen Ureigentum, von jenen Pro-
dukten, die mit Händen zu fassen sind. Es wird das werden,
was man „beweglichen Wert" nennt.

Es bildet heutzutage das Vermögen der meisten unter
uns. Ohne Zweifel gibt es heute noch einige Leute, die Be-
sitzer von Häusern, Ländereien, Grundstücken sind. Aber die
meisten von denen, die die sogenannte bürgerliche oder
Kapitalistenklasse bilden, haben ihr Eigentum in „der Brief-
tasche", wie man zu sagen pflegt, das heißt in Gestalt von
bunten Papierstücken, die mit Zahlen und Bildern bedeckt
sind. Die einen stellen einen Besitzanteil an den Bergwerken
von Anzin dar oder an den Eisenbahnen der Gesellschaft Paris-
Lyon-Marseille, oder am Suezkanal, oder an entfernten Berg-
werken, wie denen von Transvaal oder Rio-Tinto. Haben
die Eigentümer diese Bergwerke oder Kanäle gesehn? Niemals-
Wissen Sie auch nur, wo sie sich befinden? Nicht alle. Und
diese Besitztitel sind nicht einmal auf ihren Namen ausgestellt.
Sie gehören dem Inhaber, wie man sagt. Sie sind namenlos.
        <pb n="49" />
        ﻿48	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Es sind einfache Ziffern, die sie in Gewahrsam halten. Und
wenn ich sage, sie sind in ihrer Brieftasche, so übertreibe ich
noch. Nur die Kleinbürger behalten ihre Anteile bei sich zu
Hause. Die Reichen deponieren sie bei ihrem Bankier. Dieser
gibt ihnen dann ganz einfach eine Quittung über jene Anteil-
scheine nebst einem Scheckbuch, in das sie die Summe, die sie
etwa für einen Einkauf oder eine Zahlung benötigen, ein-
tragen. Das Scheckheft, das ist das Eigentum von heutzutage,
der Großbesitz der Reichen.

Die ersten individuellen Besitztümer waren gleichsam an
die Person geheftet, Arten von Organen, die seine Persönlich-
keit außen umschlossen — wie das Haus die Schnecke. Hier
sehen wir eine Form des Eigentums, die sich des Körpers
entledigt hat, die so ist wie das, was die Spiritisten „den
Astralleib" nennen, von dem sie glauben, daß er um den
wirklichen Leib herum existiere.

Diese Entwicklung im Eigentumsobjekt ist in packender
Weise von Jaurös ins Licht gerückt worden in seinen „Sozia-
listischen Studien" (Ltuckss Loeiuiistes).

„Das Besitztum des Landmanns, sagt er, ist ein Stück
seines Lebens. Es hat seine Wiege getragen: es ist
dem Friedhof benachbart, auf dem seine Vorfahren schlafen,
auf dem er selbst schlafen wird: und von dem Feigen-
baum aus, der seine Tür beschattet, bemerkt er die Zypresse,
die seinen letzten Schlummer schützen wird. Sein Eigen-
tum ist ein Bruchstück des unmittelbaren engeren Vater-
lands, des örtlichen Vaterlands, ein Ausschnitt des großen
Vaterlands .... Früher griffen die Menschen nur zu
den Zeitungen, um sich über das zu unterrichten, was nicht ihr
eigenes Leben war. Sie kauften die Zeitung nicht, um zu
erfahren, welches ihr Vermögen war und welches ihre Ein-
nahmen sein würden. Jetzt gibt es kaum einen bürgerlichen
Besitzer, der nicht Finanzblätter lesen müßte, um zu erfahren,
wie es mit seinem eigenen Vermögen steht. Das Eigentum
ist dem Besitzer so fremd geworden, daß der Besitzer erst durch
die Zeitung Nachrichten über seinen Besitz erhält".

Das ist vollkommen richtig. Man beobachte die Käufer
einer Abendzeitung: fangen sie nicht mit der letzten Seite an
und sehen den Börsenbericht nach, den Kurszettel? Sie sehn
nach, wieviel ihre Aktien wert sind, ihre Rentenbriefe, ihre
Obligationen, und die Zeitung belehrt sie darüber, ob sie an
dem Tage reicher oder ärmer geworden sind, und um wieviel.
        <pb n="50" />
        ﻿49

Eigentum und Erblichkeit.

Läuft nun aber das Eigentum in dieser Gestalt nicht
Gefahr, sich zu verflüchtigen? Ich meine nicht in dem Sinne,
daß es mehr Gefahren ausgesetzt fein sollte als das Eigentum
unter materieller Gestalt. Nein, im Gegenteil: es wird
weniger leicht gestohlen oder verloren als das Geld, das der
Landmann in seinem Schrank verschließt, denn der Bankier
hat es in seiner Hut, und er verwahrt es gut. Aber es ist
insofern unsicherer, als am Tage einer Revolution nur ein
Hauch über alle diese Papierfetzen zu wehen braucht, um sie in
die Lust zu blasen.

Nicht nur hinsichtlich seines Gegenstandes hat sich das
Eigentum im Verlauf der Jahrhunderte entwickelt, auch hin-
sichtlich des Rechts.

Welches sind in großen Zügen die charakteristischen
Seiten des Eigentums? — denn bis jetzt haben wir seine
Geschichte erzählt, aber keine Definition des Eigentums
gegeben. Was nennt man also Privateigentum, per-
sönliches Eigentum? Es ist das Recht, eine Sache für sich
zu besitzen, das heißt, unter Ausschluß jeder andern Person.
Ursprünglich war das Eigentum nur das Recht, eine Sache
im Hinblick auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse zu ge-
brauchen, aber schloß das Eigentum jenes Attribut ein, das
untrennbar von ihm scheint, nämlich das Recht, seinen Besitz
gegen den eines andern einzutauschen? Nein, zweifellos nein;
denn wir haben schon gesehn, daß der Tausch eine Handlung
darstellt, die schon eine moralische Anstrengung und ziemlich
verwickelte wirtschaftliche Bedingungen voraussetzt. Als ich
vom Tausch sprach, habe ich die Aufmerksamkeit auf jenen
Widerwillen gelenkt, den der Mensch empfinden mußte,
sich der Gegenstände seines Besitzes zu entledigen, um sie
einem andern abzutreten. Dieser Widerwille ist natürlich mit
dem Tage geschwunden, an dem die Erzeugnisse ausdrücklich
für den Verkauf hergestellt wurden, das heißt, mit dem Tage,
an dem sie durch die Arbeitsteilung sogenannte Waren ge-
worden sind. Aber das Haus und das Land waren keine
Waren. Sie waren mehr ein individuelles Eigentum, sie
waren der Familienbesitz. Und sie waren noch mehr, sie waren
das durch die dort begrabenen Toten geheiligte Eigentum, ge-
heiligt durch die Hausgötter, welche die Ahnen waren, denen
man jeden Morgen die Öl- und Weinspende darbrachte. Und
heutzutage noch thront in den Religionen des Orients und
Chinas das Ahnenbild im Saale, als eine Gottheit, die das
Haus beschützt. So gehörte das Eigentum den Toten wie den

Gide, Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.	4
        <pb n="51" />
        ﻿50	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Lebenden, und es gehörte auch denen, die nach den Lebenden
kommen sollten; sie hatten ein Recht darauf. Heilige Dinge
gehören nicht zum Handel.

Die Erblichkeit. Indes hat sich das Individualrecht an
der Sache allmählich aus dem kollektiven Miteigentumsrecht
loslösen können, selbst das Recht auf das Land, und die Ge-
schichte des römischen Rechts bietet dafür das bemerkens-
werteste Beispiel. Es hat festeren Boden gewonnen durch
das Recht zu verkaufen, zu vermieten, zu leihen (siehe das
nächste Kapitel).

Wenn aber das Eigentumsrecht sich so immer mehr ab-
solut auf dem Haupt des Einzelnen vereinigt, was wird aus
ihm an dem Tage werden, wo diese Einzelperson nach dem
Naturrecht sterben wird, und wo so das Eigentumsrecht keine
Stütze mehr hat? In der Tat ein kritischer Augenblick! Was
wird man tun?

Wenn es sich um Eigentum in der ursprünglichen
Form handelt, entscheidet man, daß das Eigentum dem
Eigentümer folgt. Ins Grab die Werkzeuge, deren sich der
Mensch bedient hat! die Juwelen, mit denen sich die Frau
schmückte! ins Grab der treue Hund, mit dem der Herr auf
die Jagd ging, das Pferd, das ihn beim Wettrennen oder im
Kampfe getragen hat! ins Grab seine Sklaven und auch seine
Frauen! Noch heute sind davon einige Überreste geblieben.
Man legt häufig noch die Kleinodien mit in den Sarg, und bei
den Beerdigungen oer Feldherren wird hinter dem Sarge
ihr Streitroß an der Hand geführt. Zwar tötet man es nicht
mehr, aber der Brauch erinnert an die Zeit, wo es dem Herrn
in den Tod folgte. Was die Frauen angeht, so weiß man,
daß vor noch nicht gar zu langer Zeit — bis in die Mitte des
vorigen Jahrhunderts, bis zu dem Tage, an dem die Eng-
länder jenen grausamen Brauch beseitigt haben — die Hindu-
frauen auf dem Scheiterhaufen mit der Leiche ihres Gatten
verbrannt wurden.

Aber beachten wir, daß man darin nicht eine Vernichtung,
sondern im Gegenteil eine Ausdehnung, eine Verlängerung
des Eigentumsrechts auf ein künftiges Leben zu sehn hat.
Damit der Tote am andern Ufer des Grabes seine Waffen,
Werkzeuge, Sklaven und Frauen wiederfindet, begräbt man
sie mit ihm.

Glücklicher Aberglaube übrigens — für uns! Denn ihm
verdanken wir die Erhaltung so vieler Gegenstände, die uns
besser über die antiken Kulturen unterrichtet haben als es
        <pb n="52" />
        ﻿51

Eigentum und Erblichkeit.

Bücher könnten, Kostbarkeiten, die sich in den ägyptischen,
etruskischen, griechischen und gallo-römischen Gräbern gefunden
haben und die jetzt unsere Museen füllen.

Indes konnte man das Haus und die Ländereien nicht
im Grab einschließen. Was sollte man damit tun?

Nun, diese Güter werden in das Kollektiveigentum zurück-
kehren, aus dem sie zeitweise herausgetreten waren, entweder
in das der Familie oder in das des Stammes.

In einem bis vor kurzem unkultivierten, jetzt durch die
Protestantischen Missionare zivilisiertem Lande, im Lande der
Bassutos in Südafrika, haben beim Tode eines Eingeborenen
die Erben das Recht, nicht nur die bewegliche Habe mit sich
fortzunehmen, sondern außerdem alles, was sich von dem
Haus lostrennen läßt und was für sie von großem Werte ist,
die Türen, die Fenster, die Balken der Decke, die Ziegeln,
aber das Haus — wenigstens was davon übrig bleibt — fällt
an den Stamm zurück.

Bei den Römern — darauf kommen wir noch zurück —
hat das Eigentum an Haus und Land lange Zeit hindurch
das Eigentum der Familie gebildet. Ohne Zweifel hatte das
Familienhaupt, der pater kainilias, unumschränkte Gewalt
über alle diese Güter, wie übrigens auch über seine Kinder
und seine Frau, gerade weil er die Familie repräsentierte,
wie der König den Staat repräsentiert. Aber wenn er starb,
gingen die Güter in die Hände der anderen Familien-
mitglieder über, selbst dann, wenn sie es nicht gewünscht haben
sollten (üereäos nsoossarii, Zwangserben).

Indessen hat sich das Jndividualeigentum nicht darauf
beschränkt, nur lebenslängliches Eigentum zu bleiben: es hat
sich fortsetzen wollen und hat ein Haupt, eine Person gesucht,
an die es bei jedem Sterbefall gelangen könnte. Es hat diese
Person ganz natürlich zuerst im Sohne gefunden oder einem
nahen Verwandten des Verstorbenen — nicht mehr in der
Gestalt des kollektiven Familieneigentums, wie dem des
antiken Stammes oder noch heutzutage der serbischen
Lnäinssa, sondern in Gestalt des individuellen Eigentums,
das heißt mit Teilung der Güter unter die überlebenden.
Aber später wurde das Eigentumsrecht vorzugsweise auf den-
jenigen übertragen, den der Verstorbene bestimmt hatte: So
überlebte dieser sich selbst durch eine letzte Willenshandlung.
Das Recht zu testieren, d. h. zu bestimmen, was aus dem
Eigentum nach dem Tode werden soll, ist das bedeutendste

4*
        <pb n="53" />
        ﻿52	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Recht, das man einer Einzelpersönlichkeit zuerkennen kann, ist
folglich die Heiligung des individuellen Eigentums in unum-
schränkter Gestalt: man kann nicht weiter gehn.

Doch hat die Erbschaft auf Grund eines Testaments die
sogenannte Jntestatserbschaft nicht aufgehoben. Der Gesetz-
geber ist sogar im allgemeinen eher darauf bedacht gewesen,
die Jntestaterbfolge, d. h. das Familieneigentum, gegen die
Allmacht des individuellen Eigentums in der Gestalt der
Testierfreiheit zu schützen. So ist in Frankreich das Recht
eines Menschen, frei über seine Güter nach seinem Tode
zu verfügen, nicht unumschränkt anerkannt; denn der :
Familienvater kann nur bis zu einem gewissen Grade über
seine Güter verfügen — den sogenannten „verfügbaren Teil"—
aber er kann seine Kinder nicht völlig berauben. Doch ver-
liert die Jntestaterbfolge mehr und mehr an Boden, und
während früher die entferntesten Verwandten, die Vettern
im 12. Grade, daran teilhatten, verengt sich jetzt der Kreis
mehr und mehr, und ein neueres Gesetz hat die Erbfolge auf
die nächsten Anverwandten beschränkt.

Nur wird die Erbfolge keineswegs zugunsten der Testier-
freiheit mehr und mehr eingeschränkt, sondern zugunsten des
Staates, der die Stelle der ausgeschlossenen Erben ein-
nehmen will.

Und hier stehn wir nun einem Richtungswechsel bei fort-
schreitender Entwicklung gegenüber: nachdem das Eigentum \
lange in der Richtung auf die Individualisierung hin ge-
gangen ist, strebt es jetzt danach, wieder sozial zu werden und
in gewissem Sinne zu seinen Ursprüngen zurückzukehren —
eine Entwicklung im Kreise, von der die Geschichte uns manche
merkwürdige Beispiele bietet.

Sozialisierung des Eigentums. Man muß anerkennen,
daß jedes Eigentum in gewissem Maße das Ergebnis einer
Kollektivarbeit darstellt. Es ist mit jedem Eigentum wie mit
dem edelsten Eigentum, nämlich dem des Schriftstellers an
seinem Buche. Niemand wird bestreiten wollen, wieviel indivi-
duelle Schöpferarbeit z. B. in einem Werk wie Polyeucte oder
dem Cid steckt, und doch, wenn man an alles denkt, was
Corneille bei Abfassung der beiden Werke aus der Geschichte
und sogar aus anderen Schriftstellern genommen hat, wird
man zu gleicher Zeit zugestehn müssen, daß dieses Eigentum
in weitem Maße kollektiven Ursprungs ist. Nun ist es ebenso
mit dem Handwerker, der Holzschuhe herstellt, oder mit dem
        <pb n="54" />
        ﻿53

Eigentum und Erblichkeit.

«. Korbmacher, der seine Binsenfasern flicht: niemand, denkt
gewiß daran, ihm sein Eigentumsrecht an dem zu bestreiten,
was er seiner Hände Arbeit nennt, und doch verdankt er das
Eigentum an diesen einfachen Dingen allen seinen Vor-
gängern, allen denen, die ihn sein Handwerk gelehrt haben,
allen von Geschlecht zu Geschlecht übermittelten Überliefe-
rungen, gar nicht von denen zu sprechen, die ihm seine Holz-
schuhe oder Körbe abkaufen werden und ohne deren Nach-
frage diese Waren überhaupt nichts wert sein würden, trotz
aller Arbeit, die sie ihn kosteten.

Ebenso wie nun alles Eigentum mehr oder weniger durch
die Arbeit aller geschaffen ist, ebenso mutz es im Interesse aller
verwertet werden — abgesehn von dem Anteil, der durch den
Erzeuger selbst für seine eigenen Bedürfnisse verbraucht wird,
aber das ist nur ein ganz geringer Teil des allgemeinen
Reichtums.

Demnach erscheint uns also das persönliche Eigentum
sozusagen wie ein Augenblick der Individualisierung zwischen
zwei Zuständen des Kollektiveigentums, dem bei seinem Ur-
sprung und dem bei seinem Ende.

Es ist der Baumstamm, dessen Wurzeln in die Erde
reichen und dessen Zweige sich in den Himmel erstrecken. Der
Baumstamm ist wichtig, und es wäre unklug, ihn abzuhauen.

Doch geben sogar diejenigen, welche nicht Sozialisten
sind, zu, daß das Eigentum immer mehr vergesellschaftet
werden muß, was besagen will, daß es unter dem Gesichtspunkt
des gesellschaftlichen Nutzens betrachtet werden muß. Man
befaßt sich also kaum noch damit, seinen Ursprung zu prüfen,
oder zu untersuchen, ob es als Grundlage die Arbeit, die Er-
oberung, die Besitzergreifung, die Verjährung oder das natür-
liche Recht hat, sondern vielmehr, welche Dienste es geleistet
hat, und welche es der Volkswirtschaft noch leisten kann.

Welches sind die praktischen Folgen, die sich aus diesem
Gesichtspunkt ergeben werden? Hier ganz in Kürze einige
der Folgen.

Ganz zu oberst: da das Eigentum zur Grundlage den
gesellschaftlichen Nutzen hat, muß es sich nützlich erweisen, und
der Eigentümer, der aus seinem Eigentum nicht die ihm inne-
wohnenden Vorteile zieht, hat kein Recht mehr darauf, als
Eigentümer seine Funktionen auszuüben. Zum Beispiel ist
jedes Stück Land dazu da, um angebaut zu werden, und ein
Eigentümer hat nicht das Recht, es brach liegen zu lassen.
Doch war dies bis zum Kriege gestattet, weil man in allen
        <pb n="55" />
        ﻿54	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Ländern das Eigentumsrecht in seiner römischen Gestalt, so
wie wir es in einem früheren Abschnitt dargelegt haben,
achtete, das „gniritairo^-Eigentum, das unumschränkte Reckft,
zu gebrauchen, zu genießen und zu mißbrauchen. Folglich
gab man zu, daß ein Eigentümer die Freiheit besitze, sein Land
brach liegen zu lassen oder — wie das wiederholt in England
vorgekommen ist — ganze Dörfer von Landleuten zu ver-
treiben und aus den unermeßlichen Domänen Jagdgebiete zu
machen, um dort auf den Fasan oder den Auerhahn zu
schießen. Heute gibt man das schwerlich zu, seitdem der Krieg
in dieser Hinsicht — wie auf vielen anderen Gebieten —
merkwürdig beredte Lehren uns erteilt hat.

In Frankreich hat die Regierung während des Krieges
verordnet, daß jeder Eigentümer verpflichtet sein solle,
sein Land anzubauen, und daß es vom Nachbarn oder
in Ermangelung eines Nachbarn von der Gemeinde ange-
baut werden solle, falls er es brach liegen lasse. Das
ist eine bemerkenswerte Erläuterung für diese neue Auf-
fassung vom Eigentum. Zwar ist das Gesetz nicht überall
zur Anwendung gekommen, doch war es immerhin in
gewissen Gegenden der Fall. Und selbst Gesellschaften sind
gegründet worden zu dem Zwecke, die von ihrem Besitzer
verlassenen Ländereien anzubauen.

Übrigens findet sich der unumschränkte Charakter des
Eigentums nicht bei denjenigen Völkern, die auf einer
anderen Kultur als der römischen fußen. Die musel-
manische Gesetzgebung erkennt das unumschränkte Grund-
eigentumsrecht nur an dem Lande an, das der Eigen-
tümer angebaut oder bewässert hat, und um das schöne
Wort des Koran zu gebrauchen, „zum Leben gebracht"
hat. Und wenn auch leider alle Länder, die unter
die Herrschaft der Muselmanen geraten sind, so wenig wie
möglich zum Leben gebracht worden sind, so bleibt der Grund-
satz deshalb nicht weniger bewundernswürdig und dem des
römischen Eigentumsrechts überlegen. Selbst in Frankreich
gibt es viele Zeichen dieser neuen Auffassung. In den Ge-
genden, in denen es sumpfige Landstrecken zu entwässern gilt,
oder trockene Ländereien zu berieseln, oder Strecken, die der-
artig in kleine Parzellen aufgeteilt sind, daß der Anbau fast
unmöglich ist — in solchen Gegenden hat man das Recht
„Zwangsgenossenschaften" (sMäleuts obUZutoirss) zu er-
richten, d. h. Genossenschaften von Eigentümern, die das Recht
haben, die Widerspenstigen zu zwingen, ihrerseits ihren Anteil
        <pb n="56" />
        ﻿55

Eigentum und Erblichkeit.

an den Kosten der Entwässerung, Berieselung oder Neuab-
grenzung ihrer Ländereien zu' tragen. Das ist ein Eingriff in
)as Privateigentum, der aber im allgemeinen Interesse ge-
ordert wird, eine zwangsweise Solidarität. Der Eigentümer
chreit: „Ich bin doch wohl Herr darüber, mein Land nicht
zu bewässern oder meine Sümpfe nicht auszutrocknen!",
aber man erwidert ihm: „Nein, Du bist nicht Herr darüber,
ob Du es nicht tun willst; Du bist verpflichtet, dieses Land zum
Besten aller auszunutzen". Der Eigentümer kann nicht
egoistisch sagen: „mein Land", sondern „unser Land".

Da ist auch noch das Enteignungsgesetz „im Interesse der
öffentlichen Wohlfahrt" — das ist der amtliche Ausdruck,
und er ist sehr treffend. Aber dies Gesetz wurde nur
in seltenen Fällen angewandt, und mit einem Überfluß
von Kautelen zum Schutz der Eigentümerinteressen, so daß
es nichts Schöneres für einen Eigentümer gab als die Ent-
eignung, so daß schon genügte, wenn ein Land oder ein Haus
von der Enteignung „bedroht" war — und es erzielte sofort
einen gewaltigen Mehrwert.

Nun hat sich diese Enteignung im Interesse des öffent-
lichen Wohles im größten Maßstab soeben in den meisten
jungen Republiken ausgebreitet, die letzthin auf den Trümmern
des russischen Reiches entstanden sind, und sogar in mehreren
alten Nachbarländern, wie in Griechenland und Rumänien.
Man hat die teilweise Enteignung alles Großgrundbesitzes
verfügt. In allen diesen Ländern hat man seit zwei oder drei
Jahren Gesetze herausgebracht, die alle Güter von einer über
ein gewisses Maß hinausgehenden Ausdehnung enteignen —
das Maß ist je nach den Ländern verschieden.

Wohlgemerkt, handelt es sich hier nicht etwa darum, das
Kollektiveigentum an Stelle des Privateigentums zu setzen,
da man gerade im Gegenteil die Schaffung und Vermehrung
einer Klasse von Kleinbesitzern fördern will. Aber diese Ent-
eignung hat nichtsdestoweniger einen sozialistischen Zug, inso-
fern als sie die Tendenz zeigt, das gutsherrliche und Renten-
eigentum zu beseitigen und an seine Stelle ein Eigentum zu
setzen, das auf der Arbeit beruht und das man dem sozialen
Interesse entsprechender hält.

Was soll man übrigens zu den Steuern sagen, besonders
bei der furchtbaren Ausdehnung, die sie seit dem Kriege in fast
allen Ländern genommen haben — sind sie nicht eine Art
Enteignung der Einkommen? Wenn man z. B. in England,
in Deutschland, in den Vereinigten Staaten — und morgen
        <pb n="57" />
        ﻿56	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

auch bei uns — sieht, wie die großen Vermögen dem Staat die
Hälfte (und in den Vereinigten Staaten die sehr großen Ein-
kommen sogar 72"/-&gt;) ihrer Ergebnisse abgeben, muß man da
nicht sagen, daß sie eine Enteignung um die Hälfte oder drei
Viertel erfahren — und das ohne Entschädigung! Bei der
Kapitalsteuer, die man vorbereitet, wird die Enteignung noch
sichtbarer in die Erscheinung treten.

Wieviel andere Beispiele dieser Beschlagnahme des
Privateigentums durch den Staat, im Namen des öffentlichen
Interesses, könnte man nicht anführen! Zum Beispiel ver-
bietet man heute den Kapitalisten, ihre Kapitalien ins Ausland
zu verbringen, sei es nun in Gold oder in Silber. An jeder
Grenze stehen Zollbeamte, die verbieten, mehr als 5000 Franken
in Banknoten mitzunehmen, und gar nichts in Gold und
Wertpapieren. Es ist ein hochgradiger Angriff auf das
Privateigentum, denn das Merkmal des Privateigentums ist
das Recht des Eigentümers, es mitzunehmen. Und hier will
man nun die auf den Inhaber lautenden Papiere abschaffen
und sie durch auf den Namen lautende ersetzen, damit diese
nicht spurlos verschwinden können. Ferner verbietet seit
kurzem das Gesetz die Ausführung von Kunstgegenständen.
Der Eigentümer einer prächtigen Gemäldegalerie kann sie
nicht mehr an den Ausländer verkaufen, und sie verliert da-
durch einen großen Teil ihres Marktwerts.

Ich will die Frage nicht erörtern, ob diese Maßnahmen
das Richtige treffen; wir wollen sie nur zur Erläuterung jener
neuen Auffassung vom Eigentum benutzen, die aus dem Eigen-
tümer einen einfachen Verwalter seines Besitzes für Rechnung
der Nation macht, vor der er verantwortlich dafür ist.

Das besagt, daß das Eigentum von nun an „ein öffent-
liches Amt" ist.
        <pb n="58" />
        ﻿Kapitel V.

Pacht und Leihen auf Zins.

Pacht. Der Verkauf, die Schenkung, die Verschreibung
(oder, wie die Rechtsgelehrten sagen, die /Güterübertragung
zwischen Lebenden oder durch den Tod) sind nicht die einzigen
Wege eines Eigentümers, über seine Habe zu verfügen. Es
ist möglich, daß er sich von seinem Besitz nicht endgiltig
trennen will.

Nehmen wir an, er besitze ein Stück Land: es ist denkbar,
daß er es aus verschiedenen Gründen behalten will — weil es
ein Familienerbstück ist, das er seinen Kindern hinterlassen soll,
weil dieses Gut seinen Vorfahren den Namen gegeben hat,
weil es ihm im gegenwärtigen Augenblick zu seiner Wahl als
Abgeordneter verhilft — daß er aber trotz alledem das Land
nicht selbst ausnutzen kann. In diesem Falle leiht er sein Land
an einen Ackerbauern aus, er gibt es ihm in Pacht, das heißt,
er tritt einem andern für einen gewissen Zeitraum sein Recht
ab, die Sache zu benutzen und zu genießen, mit der Auflage an
den Pächter, dem Eigentümer einen bestimmten Teil der Er-
zeugnisse oder ihren Gegenwert in Geld abzuliefern. Die
erste dieser beiden Arten ist die Halbscheidpacht
(rnötazm§e), die zweite der Pachtvertrag (bail ä ferme) im
eigentlichen Sinne. Beide Arten sind sehr hohen Datums.

Dieselben Umstände können offenbar auch bei dem Eigen-
tümer von Kapitalien, sei es nun in natura oder in Geld,
sich einstellen; er hat vielleicht nicht die Möglichkeit oder die
Absicht, sie sofort für seinen eigenen Bedarf zu benutzen — in
diesem Falle leiht er sie denen, die sie wünschen — sie werden
natürlich nicht fehlen — und zwar ebenfalls mit der Auflage,
ihm einen Mietspreis zu zahlen, das sind die Zinsen.

Diese Art der Verwendung seines Besitzes scheint auf den
ersten Blick nur Vorteile für jedermann zu bieten.
        <pb n="59" />
        ﻿58	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Zunächst für den Eigentümer; denn das Stück Land kann
er möglicherweise nicht selbst ausnutzen, vielleicht weil er nicht
am Orte wohnt, vielleicht weil er nicht die nötigen Geldmittel
oder technischen Kenntnisse besitzt, vielleicht weil der Eigen-
tümer eine verheiratete Frau ist, die andere Pflichten hat,
oder ein minderjähriges Kind, ein Kranker, oder was man
eine juristische Person nennt, das heißt, eine religiöse, philan-
thropische oder wissenschaftliche Anstalt.

Es ist nicht nur ein Vorteil für den Eigentümer, es ist
auch ein solcher für die Allgemeinheit; denn wenn es nicht
diese Art der Ausnutzung des Eigentums gäbe, würde der
Besitz brach liegen bleiben.

Vorteile auch von der andern Seite für den Pächter: be-
sonders, weil er vielleicht aus Geldmangel das Eigentum nicht
kaufen könnte; und selbst wenn er über ein kleines Vermögen
verfügt, ist es für ihn besser es zur Ausnutzung des Landes zu
behalten; denn wenn er es ganz und gar für den Kauf des
Landes ausgibt, was kann er dann mit dem Lande machen,
und wie kann er es anbauen?

In England — wo seit einigen Jahren die Regierung,
die Städte oder die örtlichen Behörden im Interesse des
Anbaus gezwungen sind, den ländlichen Arbeitern auf ihren
Wunsch Landparzellen zur Verfügung zu stellen, was man in
England „ullotmenks" nennt — in England stellt man ihnen
zwei Wege zur Wahl: entweder sie erwerben es als volles
Eigentum, oder sie nehmen es auf langfristigen Pachtvertrag;
die meisten bevorzugen das zweite System. Warum? Weil
ein Bauer, der ein ganz kleines Kapital von beispielsweise
10 000 Franken besitzt, sofort einsieht, daß er dieses Kapital
besser zum Ankauf von Ochsen, Pferden und landwirtschaft-
lichen Geräten behält, als daß er es für das eitle Vergnügen
opfert, voller Eigentümer zu heißen, ohne die Mittel, daraus
ein Einkommen zu erzielen.

Der Pachtvertrag stellt sich somit als ein sehr vorteilhafter
Weg dar für alle, die nicht die Mittel zum vollen Ankauf eines
Gutes haben, die aber doch, dank diesem System, ein Gut aus-
nutzen und fruchtbar machen können zum Vorteil des ganzen
Landes.

Wie man also auf den ersten Blick diesen Pachtvertrag
ansehn mag, man sieht darin nur Vorteile für beide Parteien
und für die ganze Gesellschaft. Gleichzeitig scheint ein solcher
Vertrag vollkommen dem Gerechtigkeitsgefühl zu entsprechen;
        <pb n="60" />
        ﻿59

Pacht und Leihen auf Zins.

denn wäre es nicht ungerecht, wenn der Pächter umsonst aus
des andern Land Nutzen ziehen sollte •— wenigstens wenn man
die Rechtmäßigkeit des Eigentums zugibt?

Und doch hat diese Einrichtung der Pacht den Sozialis-
mus in seiner früheren Form erzeugt, jener Form, die man die
„Landfrage" genannt hat und die in der Geschichte Roms eine
so bedeutende Rolle gespielt hat, wie übrigens auch in der Ge-
schichte aller Völker bis in die neueste Zeit.

Warum? Zunächst, weil diese Trennung von Eigentum
und Anbau dem Eigentumsrecht die Unterlage genommen hat,
auf der es beruhte: die Arbeit. Ohne Zweifel, sogar wenn der
Eigentümer selbst sein Land anbaut, steckt in dem Erzeugnis,
in dem Ertrag an Getreide oder Wein, ein Teil, der als einzige
Quelle nicht die Arbeit des Menschen hat, sondern der, wenn
nicht der Mitarbeit der Natur, wenigstens doch der ungleichen
Fruchtbarkeit der Ländereien zu verdanken ist: das ist, was die
Volkswirtschaftler die „Grundrente" nennen, die für sie
eit länger als einem Jahrhundert ein unerschöpflicher Gegen-
tand des Nachdenkens und der Erörterungen bildet. Aber
wenn auch diese „unverdiente" Ernte, wie die Engländer
sagen, sich der wissenschaftlichen Analyse enthüllt, so unter-
scheidet sie sich doch durch kein äußeres Zeichen von dem
Arbeitserzeugnis, wenn der Eigentümer zugleich der Anbauer
ist. Dahingegen springt sie jedem aufs krasseste ins Auge,
sobald das Land verpachtet ist. Und im selben Augenblick
sieht man die Klassenscheidung hervortreten: auf der einen
Seite diejenigen, welche das Land bearbeiten, ohne seine
Früchte zu ernten, auf der andern diejenigen, welche die
Früchte einheimsen ohne Arbeit — eine Scheidung, die nicht
nur wirtschaftlich ist, sondern die auch politisch geworden ist,
indem die besitzende Klasse die regierende, gesetzgebende,
lehrende geworden ist durch die bloße Tatsache der Muße, die
ihr die Rente verschafft; indem die erste arm, unwissend und
abhängig bleibt, einfach auf Grund der Tatsache der täglichen
Arbeit, der sie unterworfen ist.

Doch haben sich diese unheilvollen Folgen nicht sofort und
auch nicht für alle Länder fühlbar gemacht. Solange es in
einem Lande zur Genüge Boden gibt, „freies" Land, wie z. B.
in einem neuen Erdteil, in Amerika, oder in den Kolonien,
solange hat in der Tat der Pachtvertrag nur die eben ange-
sührten Vorteile. Aber allmählich bleiben durch die Wirkung
der geschichtlichen Ursachen der Eroberung, oder durch die zum
Vorteil der besitzenden Klasse gemachten Gesetze, oder auch
        <pb n="61" />
        ﻿■60	Aiifangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

durch den aus dem Anwachsen der Bevölkerung sich ergebenden
Druck keine verfügbaren Ländereien mehr übrig außer den
von den Grundbesitzern mit Beschlag belegten, und unter
diesen Umständen wird das Grundeigentum ein Monopol.
Seine Besitzer können den Preis festsetzen, wie sie wollen, und
die Ackerbau treibende Bevölkerung, die nur mit ihrer Erlaub-
nis Zugang zum Lande haben kann, muß den geforderten
Preis zahlen. Der Pachtpreis kann sich dann in einem Aus-
maß erhöhen, daß fast das ganze Erzeugnis des Landes und
der Arbeit des Pächters von dem Eigentümer in der Form des
Pachtgeldes vorweggenommen ist und daß dem Bauern kaum
das zum Leben Nötige bleibt.

Um das berühmteste Beispiel zu nehmen --- da ist Irland,
wo die Großgrundbesitzer, die luncklorcks, die seit der Er-
oberung zur Zeit Cromwell's sich dort niedergelassen haben,
alle Ländereien in Besitz genommen hatten, und das Volk
konnte dort nur zu völlig vernichtenden Preisen Pachtland
finden. Diese Lage ist sicherlich die Ursache des schrecklichen
irischen Problems gewesen, das England nicht lösen kann.
Doch ist die Pachtfrage schließlich gelöst worden durch den
Rückkauf der Ländereien von seiten der Pächter mit Hilfe von
Geldmitteln, die ihnen die Regierung vorschoß — aber das
Unglück war geschehn.

Doch hat die Agrarfrage heutzutage viel von ihrer
Schärfe in den sogenannten demokratischen Ländern, und vor
allem in Frankreich, verloren. Weshalb? Weil es nicht mehr
ein Ansichreißen von Land im eigentlichen Wortsinne gibt.
Durch das Gesetz über die gleichmäßige Teilung bei der Erb-
schaft, durch die Erleichterungen bei Veräußerung des Landes,
wie auch und ganz besonders infolge der geringen Dichte der
französischen Bevölkerung und infolge der ländlichen Abwan-
derung, ist genug verfügbares Land vorhanden, wenn auch
nicht für jedermann, so doch wenigstens für die, welche Land
wünschen; und das sind heutzutage nicht soviele wie einstmals.

Unter diesen Umständen genießen die Eigentümer des
Landes, die es verpachten wollen, kein Monopol, weder ein
tatsächliches noch ein rechtliches, und sie sind nicht in der Lage,
den Pächtern das Gesetz vorzuschreiben — manchmal schreiben
die Pächter es ihnen vor. Deshalb artet auch in Frankreich
im allgemeinen die Pacht nicht in Ausbeutung aus.

Nicht ebenso war es in den Ländern Osteuropas, wo es
große Besitzungen gab, wo das Land noch den Gegenstand
eines Monopols bildet, und wo folglich der Pächter in einem
        <pb n="62" />
        ﻿61

Pacht und Leihen auf Zins.

gewissen Maße ausgebeutet wird. Aber gerade, um das Land
verfügbar zu machen und dadurch das Monopol der Grund-
eigentümer zu beseitigen, beschränken Gesetze, die vor zwei oder
drei Jahren geschaffen sind, das Höchstmaß der Ländereien, die
der Eigentümer besitzen darf: alles, was diese Grenze über-
schreitet, wird gegen Entschädigung enteignet und den Bauern,
die nicht Eigentümer sind, zum Kauf oder zur Pacht angeboten.
Unter diesen Verhältnissen kann man die tragische Geschichte
der Pacht als abgeschlossen ansetzn, aber nicht die des Grund-
eigentums; das ist etwas anderes.

Leihen auf Zins. Gehen wir zu der zweiten Art des Ver-
mietens über, die sich nicht auf das Land, sondern auf das Geld
erstreckt, und die im besonderen den Namen Leihen führt.

Hier ist wieder auf den ersten Blick das Geldleihen eine
Art, über das Geld zu verfügen, die jedermann nur Vorteile
bringt.

Zahlreich die Personen, die Kapitalien besitzen, ohne aus
hundert Gründen sie persönlich als industrielle Unternehmer
oder Kaufleute ausnutzen zu können. Was können sie besseres
tun als diese Kapitalien einem zu leihen, der sie seinerseits
ausnutzen will, und zwar nicht bloß in seinem eigenen
Interesse, sondern zu jedermanns Nutzen? Was gibt es auch
Vorteilhafteres für einen, der kein Geld hat oder nicht Zeit
hat, ein Kapital durch Sparen zu schaffen — denn um ein
großes Kapital durch Sparen anzuhäufen, braucht man ein
ganzes Menschenleben und sogar mehrere — was also gibt es
vorteilhafteres als dies Kapital zur sofortigen Ausnutzung fix
und fertig vorzufinden, mit Hilfe einer kleinen Entschädigung,
die er Jahr für Jahr zu zahlen hat und die man Zins nennt?

Mit einem Wort: das Ausleihen auf Zinsen ist ein Mittel,
Kapitalien allen denen zur Verfügung zu stellen, die keine
haben, und zwar auf Grund einer Entschädigung, die im allge-
meinen niedriger ist als die Summe von Opfern, die der Ent-
leiher auf sich nehmen müßte, um selbst dies ihm fehlende
Kapital zu schaffen.

Weder unter dem Gesichtspunkt der beiderseitigen Vor-
teile noch unter dem der Gerechtigkeit gibt es also auf den
ersten Blick etwas, das bei dem Verleihen auf Zins Anstoß
erregen könnte. Aber auch hier wieder und noch viel mehr als
im vorigen Fall werden wir sehn, wie eine an sich einfache und
gute Einrichtung sich allmählich so wandeln kann, daß sie un-
ausdenkbare Störungen in der Gesellschaft verursacht.
        <pb n="63" />
        ﻿62	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Stellt man sich nicht auf den Standpunkt der Nützlichkeit,
sondern auf den der Gerechtigkeit, so ist das Ausleihen auf
Zinsen ganz und gar vernünftig, und das unentgeltliche Aus-
leihen erscheint als eine widersinnige Idee, wenn man es nicht
zu einem Wohltätigkeitsakt machen will wie bei gewissen Hilss-
werken. Es erscheint sogar so gesetzmäßig und gerecht, daß
man sich zunächst fragt, wie man das hat bestreiten können. . .
Und doch ist es unaufhörlich bestritten worden durch die Jahr-
hunderte hindurch. Warum? Weil man sagte, es ist nicht
dasselbe, Geld zu verleihen oder ein Stück Land zu verleihen.
Es sind da drei wesentliche Unterschiede:

1.	Das Land bringt Früchte hervor; es ist also ziemlich
natürlich, daß derjenige, der es pachtet und sich an diesen
Früchten bereichern wird, einen Teil davon dem Eigen-
tümer wiedererstattet, und zwar in natura oder in Geldes-
wert. Zudem ist das sichtbar, während man bei einem Sack
Geld oder einem Bündel Banknoten zunächst nicht sieht, daß
dieser Sack Früchte trägt. Eine Kuh produziert Milch und
Kälber, eine Henne legt Eier, ein Stück Land trägt Ernten;
aber ein Beutel Geld nichts. Und doch besagt das griechische
Wort für „Zins" (tolws) Gebären. Deshalb erhob der große
griechische Philosoph Aristoteles Einspruch: „nein", sagte er,
„das Geld bringt keine Jungen hervor!"

Er hatte recht, wenn der Sack Geld in einem sichern Koffer
aufbewahrt werden müßte; es ist offenbar, daß man nach
Verlauf eines Jahrs in dem Geldsack keinen Pfennig mehr
finden würde. Aber dem ist nicht mehr so, wenn der Sack Geld
durch den Austausch in fruchtbringendes Kapital verwandelt
wird; nun hindert aber nichts, mit dem Sack Geld eine Kuh
zu kaufen, die ihrerseits jungen wird.

2.	Das Land gibt einen sichtbaren Ertrag, den man der
Menge nach abschätzen kann. Wenn ein Eigentümer sein Land
auf Pacht hergibt, "weiß man ungefähr, was es bringen wird
an Hektolitern Wein oder Getreide, an Säcken Kartoffeln oder
Körben Obst. Da man weiß, was das Einkommen aus dem
Lande ist, kann man also mehr oder weniger genau abschätzen,
ob der Anteil, der dem Eigentümer zukommen wird, gerecht
oder übertrieben sein wird, besonders wenn dieser Anteil
ln natura geliefert wird.

Wenn aber das Ausleihen in Gestalt von Geld stattfindet,
haben wir keine Norm, die uns gestatten dürfte, abzumessen,
welches (wie man sagt) „der Zinsfuß sein muß", das bedeutet
das Verhältnis der jährlich zu zahlenden Summe zum
        <pb n="64" />
        ﻿63

Pacht und Leihen auf Zins.

Kapital. Wird es ein Zwanzigstel sein, was 5"/° ausmacht,
oder ein fünfundzwanzigstel, was 4°/» macht, oder ein drei-
unddreißigstel, was 3% bedeutet? Wie soll man das wissen?
Zugegeben, daß das Geld auf produktive Art verwendet
worden ist, so ist es doch weit entfernt, vielleicht am Ende der
Welt, und vielleicht auch indem es ununterbrochen die Ver-
wendung wechselte. Also was bestimmt diesen Zinfuß? Ein-
zig das Gesetz von Angebot und Nachfrage, das heißt, der Zins
wird zügellos steigen können in allen Fällen, wo das Geld
selten sein und die Geldsucher zahlreich sein werden — und
dies ist mehr oder weniger in allen Ländern der Fall.

Unter diesen Verhältnissen kann man den Zinsfuß phan-
tastische Verhältnisse annehmen sehn. Im Altertum, in Rom
z. B. wo das Geld selten war, war es üblich, 1% Zinsen vom
Kapital monatlich zu nehmen, was 12°/° aufs Jahr ausmacht.
Ebenso ist es heute in Algier mit dem Ausleihen an die Ein-
geborenen, und im allgemeinen in den neugcbildeten Ländern;
in Polen, auf dem Balkan hat man tatsächlich für kurzfristige
Anleihen 1 °/° täglich zahlen sehn, was 365 °/° am Ende des
Jahres ausmacht.

So hat das Geld jenen entehrenden Namen „Wucher"
angenommen. Man bemerke, daß das Wort „Wucher"
(usure) in seiner ursprünglichen Bedeutung nichts Herab-
setzendes hatte, es kommt her vom lateinischen usuru, was
ursprünglich nur den Nutzen aus einer Sache bedeutet. Der
Bcdeutungswechsel in diesem Wort, seine etymologische Ent-
wicklung, zeigt uns klar, welches auch die Entwicklung des
Leihens selbst, des Benutzens zum Zwecke der Ausbeutung,
gewesen ist. Deswegen mußte der Gesetzgeber sich einmengen,
um den Wucher zurückzudrängen, indem er einen Höchstsatz
für den Zinsfuß festlegte, wie wir während des Krieges einen
Höchstpreis für Lebensmittel erlebt haben. Aber dieser ge-
setzliche Zinsfuß beruhte keineswegs auf einer wissenschaft-
lichen Unterlage.

3.	Der am meisten charakteristische Unterschied ist der,
daß beim Pacht- oder Mietsvertrag das Gut in den Händen
des Pächters oder Mieters geblieben ist. Wenn also der Ver-
trag abläuft, so ist das schlimmste, was dem Pächter oder
Mieter zustoßen kann, daß er hinausgesetzt wird, aber es ist
klar, daß er keine Schwierigkeiten haben wird, das Land oder
Haus zurückzugeben. Es steht da, unversehrt; der Eigen-
tümer nimmt es wieder, und das ist alles. Wenn es sich aber
um geliehenes Geld handelt, so ist das ganz etwas anderes.
        <pb n="65" />
        ﻿64	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre

Der Sack Geld oder das Bündel Banknoten bleibt nicht in den
Händen des Entleihers. Kein Mensch auf der Welt ist jemals
so närrisch gewesen, Geld zu entleihen und es nicht anzu-
rühren. 'Wenn man Geld entlehnt, geschieht es, entweder um
es unproduktiv auszugeben, um es sozusagen aufzuessen
wie es die Söhne reicher Familien tun, oder wie es in einem !
viel größeren Maßstabe der Staat besorgt — oder um es auf
produktive Weise auszugeben, indem man einige gewinn-
bringende Unternehmungen gründet. Aber im einen wie im j
anderen Falle wird das geliehene Geld immer ausgegeben!
sein. Wenn daher der Verfallstag kommt, wird kein einziges j
von den geliehenen Geldstücken noch in den Händen des Ent- ;
leihers sein. Also wird er nur in dem Falle wieder zurück-
zahlen können, wenn er eine der empfangenen gleiche Summe
neu geschaffen hat. Nun ist das aber nicht immer leicht und
tvird nicht immer verwirklicht. Und wenn es dem Entleiher
nicht gelungen ist, den empfangenen Wert wieder zum Leben zu !
erwecken, was geschieht? Er wird, was man einen zahlungs-
unfähigen Schuldner nennt; wenn er Kaufmann ist, macht er
bankrott. Er ist als Kaufmann entehrt, oder wenigstens er!
verliert jede Art Kredit und seine Stellung. Und das ist noch
wenig verglichen mit dem Schicksal des zahlungsunfähigen
Schuldners in alter Zeit! Es ist ein entsetzliches Drama, das
Drama der Schuldner^ die am Fälligkeitstag nicht haben j
zahlen können. Die Geschichte aller Völker ist erfüllt von j
diesem Schauspiel.

Shakespeare hat es dargestellt in der Shylock-Tragödie,
„Der Kaufmann von Venedig", der bei Fälligkeit aus l
Mangel an Geld mit einem Pfund seines Fleisches zahlen!
sollte. Diese gräßliche Zahlungsweise ist nicht einzig und
allein ein Phantasiegebilde des Dichters. Wir finden in einem &gt;
Gesetzestext, dem berühmtesten aller menschlichen Gesetze nach !
dem Zehngebot des Moses, im Zwölftafelgesetz, einen Artikel, !
der bestimmt, daß der Schuldner, der bei Fälligkeit nicht zahlen
kann, in gleiche Stücke nach der Anzahl der Gläubiger zerteilt ;
werden soll. Viele Rechtsgclehrte glauben, daß diese Drohung j
nicht verwirklicht worden ist. Aber es steht fest, daß der
Schuldner in die Sklaverei verkauft wurde, wenn er nicht in z
Stücke gehauen wurde. Das war ein allgemein gültiges Gesetz.
In allen Ländern des Altertums wurde der Schuldner in die
Sklaverei verkauft und mußte für den Gläubiger bis zum
Erlöschen der Schuld frohnen. Die Untergeschosse der Pa-
trizierhäuser in Rom, die man sr^ustula, Arbeitsräume,
        <pb n="66" />
        ﻿65

Pacht und Leihen auf Zins.

nannte, waren voll zahlungsunfähiger Schuldner, die für den
Herrn arbeiteten, bis sie den Betrag ihrer Schulden bezahlen
konnten; sie kamen nie damit zu Ende. Sogar später, nach
Abschaffung dieser Sitten, war das Leben für die zahlungs-
unfähigen Schuldner sehr hart.

Wer „Klein Dorrit" von Dickens gelesen hat, weiß, daß
es die Geschichte eines armen, zahlungsunfähigen Schuldners
ist, der sein ganzes Leben, oder wenigstens dreißig Jahre
seines Lebens, wegen Schulden im Gefängnis verbracht hat;
dort schloß man die zahlungsunfähigen Schuldner ein, bis sie
ein Mittel zur Bezahlung gefunden hatten; und da man im
allgemeinen nicht gerade im Gefängnis Mittel zum Geldver-
dienen findet, so blieben viele von ihnen ihr ganzes Leben
dort und starben dort sogar. Nun ist die Einsperrung wegen
Schulden, die sogenannte Schuldhaft, erst in jüngster Zeit
abgekommen. In Frankreich wurde sie z. B. erst 1867 ab-
geschafft.

Wenn man an die Millionen Leute denkt, die in allen
Ländern ihre Schulden nicht haben bezahlen können und all
das erlitten haben, von dem wir eben nur eine so schwache
Vorstellung gegeben haben, so begreift man den Wutschrei, der
durch die Jahrtausende erklungen ist; man begreift auch nicht
nur die Anklagen der Schuldner gegen die Gläubiger, sondern
auch die Proteste der Größten in der Welt, von Gesetzgebern
wie Moses, der in seinen Gesetzen den Israeliten gesagt hat:
„Du darfst dem Fremdling auf Zins leihen, aber niemals
Deinem Bruder". Man begreift Denker wie Aristoteles, dessen
ironisches Wort wir soeben angeführt haben; ja selbst so
harte Römer wie den alten Cato, der gesagt hat: „Was ist auf
Zins leihen? Dasselbe wie Meuchelmord". Ferner versteht
man die ganze katholische Kirche, die durch den Mund ihrer
Kirchenväter wie durch Dekrete der Konzilien dagegen eiferte.

Doch können wir hier glückerlicherweise feststellen, daß
diese Frage viel von ihrer Schärfe verloren hat, genau wie
die Pachtfrage. Nachdem sie Jahrtausende mit Lärm erfüllt
hat, ist jetzt Stille eingetreten.

Zwar schrieb 1849, vor mehr als siebzig Jahren, noch
Bastiat folgende Worte: „Der menschliche Gefst kann sich,
außer mit den religiösen Fragen, mit keiner ernsteren befassen
als der der Rechtmäßigkeit des Zinsennehmens". Aber heut-
zutage erregt das Zinsproblem die öffentliche Meinung noch
weniger als das religiöse. Man versteht nicht nur die Bann-
flüche gegen das Zinscnnehmen nicht inehr, sondern im Gegen-

Gide, Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.	5
        <pb n="67" />
        ﻿66	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

teil, wir hören nur Ermutigungen, um die Menschen zum
Geldleihen zu veranlassen. Erst letzthin waren die Mauern
von Paris mit Anschlägen bedeckt, um die Leute zu veranlassen,
dem Staate zu leihen. Man liest: „Bringt Euer Geld her!
6% Zinsen! Fünfzig Prozent sicheren Mehrwert! Es ist
patriotische Pflicht".

Und nicht nur für Staatsanleihen wird alle Welt gebeten,
Geld herzugeben. Unsere Konsumgenossenschaften, doch halb
sozialistische Einrichtungen, entleihen auch. Sie tun es auch
gerade in diesem Augenblick. Sie versprechen auch allen 6°/»,
die Geld zu diesem Werk der Gemeinschaftlichkeit, der Brüder-
lichkeit, beisteuern wollen; es fehlt nur wenig, und man fügt
hinzu: zum Werk eines guten Sozialismus.

Es hat sich also etwas verändert in der Geschichte des
Leihens auf Zins. Und was? Was ist schuld daran, daß diese
Frage, deren Geschichte jener lange soeben skizzierte Märtyrer-
bericht ist, heute eine ausgemachte Sache geworden ist?

Zwei Gründe erklären diese Umbildung: ein theoretischer
und ein praktischer.

Der theoretische Grund ist, daß heutzutage sogar die
Sozialisten schließlich begriffen haben, daß das Leihen auf
Zins notgedrungen mit dem Privateigentum verknüpft ist,
und daß es widersinnig ist, solange das Privateigentum an-
erkannt ist, anzunehmen, das Ausleihen von Geld könnte um-
sonst sein. Folglich ergeht sich die Frage nicht mehr auf das
Gebiet der Gesetzmäßigkeit des Zinses, sondern sie wird auf
dem Gebiet der Gesetzmäßigkeit des Kapitaleigentums gestellt.
Die Diskussion hat sich also verschoben. Perschwindet die
Frage des Zinses, so bleibt doch die des Kapitals, wir werden
sie weiter unten wiederfinden.

Aber es gibt auch einen praktischen Grund, der diesen
Wechsel erklärt: die Lage der Gläubiger und Schuldner ist
nämlich umgekehrt worden. Während der ganzen Vergangen-
heit war der Gläubiger der Starke, und der Schuldner, das
war der Schwache. Der eine war der Reiche, der Mächtige,
der Patrizier; der andere war der Bedürftige, der Proletarier,
der Elende. Heute ist das nicht mehr so. T8er sind denn heute
die größten Schuldner? die größten Geldentlciher? Da sind
zunächst die Staaten, dann die Großbanken, die großen Gesell-
schaften. Und wer sind die Geldgeber? Sie sind es, meine Leser,
ich hin es auch; es sind oft ganz kleine Leute, die ein wenig
Geld gespart haben und die es nun für Unternehmungen
hergeben, deren Namen sie in den Zeitungen gelesen haben.
        <pb n="68" />
        ﻿67

Pacht und Leihen auf Zins.

Warum sollen wir uns heute über das Schicksal der Geld-
entleiher aufregen? Sollten wir einen Feldzug unternehmen,
wie etwa die Kirchenväter, wie Proudhon, und die Unentgelt-
lichkeit des Kredits fordern zum Nutzen der Banque de France?
oder der Suezkanalgesellschaft? oder der Royal Dutch?

Allenfalls könnte man von uns, wo es sich um den Staat
handelt, unentgeltliches Geldleihen verlangen, weil so viele
andere während des Kriegs ihr Blut und ihr Leben unent-
geltlich hergegeben haben — das ließe sich noch halten, wenn-
gleich man es übrigens für klüger hält, es nicht zu wagen.

Aber wenn man von uns verlangte, umsonst an Eisen-
bahn- oder Bergwerksgesellschaften, an Judustriegesellschaften,
zu leihen bloß zu dem Zwecke, ihnen die Verteilung größerer
Dividenden zu ermöglichen oder den Kurs ihrer Aktien an der
Börse höher zu bringen, so wäre das im höchsten Grade
komisch.

Das ist ein treffendes Beispiel für die Art und Weise, in
der sich die wirtschaftlichen Probleme im Verlauf der Geschichte
entwickeln.

Die Miete. Wenn nun auch die Frage der Pacht und die
des Zinsnehmens erledigt sind, so bleibt doch eine dritte Frage,
die ganz nahe mit ihnen verwandt ist, und die doch dringender
als je geworden ist: die der Hausmiete.

Hier hat man umgekehrt ein seltsames Beispiel für eine
Frage, die einst nicht vorhanden war und die sich heutzutage
mit furchtbarem Ernst aufdrängt. Infolge des Entstehens
großer städtischer Mittelpunkte sind die Häuser ein Monopol
geworden, während die Kapitalien es nicht mehr sind. Und
für sie wird folglich, wie einst für das Geld, die Hausmiete
„wucherisch", so daß man sich fragt, ob man nicht auf sie das
Gesetz des Höchstpreises anwenden muß, das man soeben für
das Mieten des Geldes abgeschafft hat.

Aber eine solche Maßnahme würde nicht wirksamer sein,
als die Gesetze gegen den Wucher waren. Im Gegenteil: sie
würde das Übel verschlimmern, indem sie die Lust zum Bau
; der Mietshäuser, der „Zinshäuser", wie man sagt, den Leuten
nehmen würde. Es würde alle Nichthausbesitzer in die un-
angenehme Notwendigkeit versetzen, sich für sich ein Haus bauen
zu lassen, wenn sie wohnen wollen, und das würde noch eine
schwerere Belastung sein.

Ich sehe nur zwei Lösungen für die Mietsfragen. Die
erste ist eine Bevölkerungsverminderung, wenigstens in den
        <pb n="69" />
        ﻿68	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Städten — was kaum vorauszusehn ist, wenigstens nicht in
Frankreich. In diesem Falle nämlich würde das Gesetz von
Angebot und Nachfrage statthaben und eine Senkung der
Mietspreise verursachen. Die zweite Lösung ist: die Industrie
müßte Bauweisen erfinden, die gänzlich von den bis jetzt
üblichen verschieden sind, das heißt, sie müßte Mittel zum
Bauen nach dem Normungsverfahren finden, wie bei Fahr-
rädern oder Uhren. Und trotz alledem ist es wahrscheinlich,
daß in Zukunft nicht nur ein Siebentel unseres Haushalts, was
als das Normalverhältnis angesehn wurde, sondern ein Viertel
oder ein Drittel für die Wohnung wird aufgewandt werden h,
müssen.

Der Rentner. Das doppelte Attribut des Eigentums-
rechts, das wir soeben untersucht haben, die Pacht und das
Leihen, hat eine Folge von unberechenbarer Tragweite: es
erlaubt nämlich dem Eigentümer, vom Einkommen seiner
Ländereien oder Kapitalien ohne Arbeit zu leben, als soge-
nannter Rentner. Nun aber, Rentner, Müßiggänger, Schma-
rotzer — zwischen diesen drei Bezeichnungen ist der Übergang
leicht, und man kann sich vorstellen, wie die Sozialisten nicht
verfehlt haben, diese Folge des Eigentumsrechts als Grund
für seine Verdammung anzusprechen.

Der Rentner kann zu seiner Verteidigung sagen, daß es
in allen Gesellschaften immer unentbehrlich war, eine gewisse
Anzahl Leute zu haben, die über hinreichende freie Zeit ver-
fügten — gerade damit sie durch ihre Lage frei waren von der
Sorge um das tägliche Brot und ungehindert sich dem selbst-
losen Denken und den nicht Gewinn bringenden Arbeiten
widmen konnten: Pflege der Wissenschaften und Künste, Phi-
losophie, Ausübung der Liebestätigkeit, hohe Regierungs-
ämter, die bis in die jüngste Zeit hinein unbesoldet waren.

Man darf sich fragen, ob die Kulturen, die wir über-
kommen haben, und ihre ganze Blüte, die uns geistig zu
dem gemacht hat, was wir sind, die Kultur Griechenlands
oder Roms, oder noch näher zu unserer Zeit eine Aristokratie
wie die englische und das von ihr geschaffene Weltreich, hätten
jemals in die Erscheinung treten können, wenn nicht eine mit
diesem herrlichen Vorrecht der Muße ausgestattete Menschen-
klasse existiert hätte.

Nicht als ob die großen Männer ausschließlich oder auch
nur hauptsächlich aus der Klasse der Rentner hervorgegangen
wären, dies Wort selbst im weiteren Sinne von Edelleuten und
        <pb n="70" />
        ﻿69

Pacht und Leihen aus Zins.

Bürgern genommen. Aber doch haben sie in diesen sozialen
«schichten am häufigsten Beschützer oder Abnehmer, wenn auch
nur Leser gefunden.

Es ist richtig: wenn dem so war, so ist es so gekommen,
weil Gelehrsamkeit und Muße das Vorrecht einer kleinen
Zahl waren. In dem Maße, wie diese Güter alle in weiterem
Umfang zugänglich werden, verringert sich die soziale Be-
deutung des Rentners und wird allmählich zum Schmarotzer-
tum. Von nun an ist sie zum Verschwinden verurteilt.

In der Nachkriegsgesellschaft wird jedermann mehr oder
weniger Rentner sein — man denke an die tausend Milliarden
Rente, die die Staaten schon ausgegeben haben oder auflegen
werden! — aber es wird keinen mehr geben oder nur sehr
wenige, die von ihren Renten werden leben können.
        <pb n="71" />
        ﻿Kapitel VI.

Lohn und Gewinn.

Wir haben schon gesehn, wie der Eigentümer seinen Besitz
auf drei verschiedene Arten benutzen kann: ihn zur Befriedi-
gung seiner Bedürfnisse verwenden, das heißt ihn aufzehren,
ihn einem andern durch Schenkung, Legat oder Verkauf über-
tragen, nur die Nutznießung zeitweise abtreten, nämlich ver-
mieten oder leihen." Es bleibt eine letzte Berwendungsart,
in ihren Folgen die wichtigste von allen, doch hat sie seltsamer-
weise in der volkswirtschaftlichen Begriffsbestimmung keinen
besonderen Namen bekommen: es ist die, den Besitz Werte
schaffen zu lassen.

Es bedeutet, den Besitz anzuwenden, um neue Güter
hervorzubringen und ihn fruchtbringend zu machen: den
kleinen Hausgarten nicht nur zum Riechen an den Rosen und
zur Siesta zu benutzen, sondern ihn in einen Gemüse- oder
Obstgarten zu verwandeln, sich des Robinsonschisfs zu be-
dienen, nicht um auf dem Meer spazieren zu fahren oder eine
günstige Gelegenheit zum Entweichen von der Insel abzu-
warten, sondern um zu fischen und jeden Tag Fische heim-
zubringen; und es handelt sich um den Reichtum in seiner
banalen Gestalt, um das Geld, um die Frage, wie es anzu-
wenden ist, nicht indem man es ausgibt, indem man es „auf-
ißt", wie man gemeinhin sagt, sondern indem man es in ein
produktives Unternehmen steckt.

Nun heißt ein beliebiges Gut, das zur Erzeugung wei-
terer Reichtümer verwandt wird, ein Kapital. Im allgemeinen
kann das Kapital nur insofern weitere Güter erzeugen, als es
durch die Arbeit befruchtet wird.

Doch gibt es einige Fälle, wo ein Kapital bloß durch die
Mitwirkung der Natur produktiv sein kann, wie z. B. das
zum Brüten hingelegte Ei, das die Hühnchen hervorbringen
        <pb n="72" />
        ﻿71

Lohn und Gewinn.

soll, statt daß man es in Omelette verwandelt, oder das im
Keller zwanzig Jahre aufbewahrte Faß Sprit, den die Zeit zur
Reife bringen und in Kognak verwandeln soll. Und selbst
wenn man nur auf den Nutzen oder die Qualität sieht, kann
man sagen, daß bei allen Erzeugnissen die Rolle der Natur
unmeßbar ist. Aber wenn man nur auf den Wert sieht, auf
den Preis, so verschwindet die Mitwirkung der Natur hinter
der der Arbeit.

Solange diese Ausnutzung durch die persönliche Arbeit
des Eigentümers vor sich geht, sei es nun, daß er als Land-
mann sein Land anbaut, oder als Fischer sein Boot benutzt, —
solange gibt es kaum Sozialisten, die gegen derartige Ver-
wendung des Besitzes protestiert hätten. Nur geschieht Fol-
gendes: Sobald das Besitztum eine gewisse Ausdehnung er-
reicht hat, die über die Grenzen hinausgeht, in denen die
persönliche Arbeit nutzbringend sich ausüben läßt, muß der
Eigentümer die Arbeit anderer zu Hilfe nehmen. Ist der
Garten zu groß zur Bearbeitung durch einen einzigen Men-
schen, so muß der Eigentümer wohl einen Arbeiter zu Hilfe
nehmen. Wenn das Boot Robinsons zu groß ist, als daß er
es allein führen kann, wird er sich von Freitag helfen lassen,
und während er das Ruder führt, wird der andere das Netz
auswerfen.

So arbeitskräftig auch ein Einzelmensch sein mag, er
kann durch seine persönliche Arbeit ein beliebiges Gut nicht
über gewisse Grenzen hinaus ausnutzen, und diese Grenzen
sind sehr eng gesteckt. Wenn man einem von uns eine Million
verspräche, unter der Bedingung, daß wir sie einzig und allein
durch unsere eigene Arbeit ausnutzen sollten und ohne Zuhilfe-
nahme eines andern, so müßten wir die Million einfach zurück-
weisen, denn es wäre gänzlich unmöglich; die Million aus-
geben, ja! obgleich man auch dazu eine gewisse Anstrengung
nötig hätte, aber sie produktiv nutzbar machen, nein! Der
Eigentümer des Kapitals muß also jemand zur Hilfe hinzu-
ziehn, einen Arbeiter, wie man sagt, und natürlich wird dieser
jemand seine Arbeit nicht umsonst hergeben. Der Eigentümer
wird ihm eine Entschädigung zahlen müssen, die ein Anteil
am Erzeugnis der Erde oder an dem Fischfang sein wird,
oder — was noch bequemer für den Arbeiter ist, — er bezahlt
ihm jm voraus den Gegenwert in Geld. Diese Bezahlung,
die nichts anderes darstellt als den Mietspreis für die Arbeits-
leistung, wie der Zins der Mietspreis für das Kapital ist,
        <pb n="73" />
        ﻿72	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

heißt Lohn, und wer ihn erhält, heißt Lohnarbeiter. Der
Zahlende, der Eigentümer, heißt in dieser neuen Rolle „Arbeit-
geber".

Der Arbeitslohn. Nun birgt diese Verwendung des
Kapitals, die Arbeitsmiete heißt, furchtbare Folgen in sich,
viel mehr als irgendeine andere der schon dargelegten Ver-
wendungsweisen. Sie erscheint durchaus, ganz wie die vorher
genannten, für beide Parteien sehr vorteilhaft. Zunächst für
den Eigentümer; denn sie erlaubt ihm, ein Gut auszunutzen,
das er sonst in die Hand eines andern durch Veräußerung
oder leihweise hätte übergeben müssen, indem er gewissermaßen
seinen Abschied genommen hätte. Es ist für den vorteilhaft,
dessen Dienste er fordert, für den Lohnarbeiter, denn dieser
findet in dem Tage- oder Wochenlohn ein festes Einkommen,
ohne daß er die Initiative des Schaffens zu ergreifen braucht,
ohne daß er die Mühe des Leitens oder die mit jedem Unter-
nehmen verbundenen Sorgen auf sich zu nehmen hat.

Wie kommt es nun aber, daß eine scheinbar so unschuldige,
sogar ursprünglich so brüderliche Verwendungsart den Sozi-
alismus erzeugt hat, den Klassenkampf, die soziale Revolution
und so die Pandorabüchse allen sozialen Geißeln geöffnet hat?
Zum dritten Mal sehen wir eine wirtschaftliche Institution,
die in ihren Ursprüngen wie eine wohltätige aussieht, zu einem
Gährungsstoff der Zwietracht in der Gesellschaft werden. Man
sollte wahrhaftig meinen, es sei irgend ein Teufelsgeist, der
darauf aus ist, wie im Paradies diese Fragen in Giftfrüchte
zu verwandeln gleich denen, die auf dem Baume der Erkennt-
nis wuchsen.

Die Erklärung dafür ist, daß der Arbeitsvertrag zwischen
einem Kapitalisten und einem Arbeiter niemals in der idyl-
lischen Gestalt wechselseitiger Hilfe verwirklicht worden ist.

Wie ist es in der Tat gewesen? Vor Bildung des Privat-
eigentums, solange die Menschen unter dem System der Haus-
wirtschaft gelebt haben, von der ich schon gesprochen habe,
z. B. in der patriarchalischen Familie, vor dieser Zeit existierte
das Lohnwesen noch nicht; es war nicht nötig, denn das
Familienhaupt ließ sein Land und seine Herden durch die
Arbeit der Seinen Nutz und Frucht bringen. Zunächst durch
die seiner Frau, die zwar nicht seine erste Lohnarbeiterin, doch
aber seine erste Arbeiterin gewesen ist, dann durch seine
Kinder. Aber mit dem Tage, an dem diese Familienwirtschaft
verschwand und durch die Arbeitsteilung und das Privat-
        <pb n="74" />
        ﻿73

Lohn und Gewinn.

eigentum ersetzt wurde, mit dem Tage mußte der Eigentümer
jemanden suchen, der für ihn arbeiten wollte; und er hat ihn
nicht leicht gefunden; denn in den Anfängen einer Gesellschaft,
da, wo es verfügbares Land für jeden, der es haben will, gibt,
da, wo die Kapitalien noch wenig Wert besitzen, und wo jeder
beliebige Arbeiter sich sein Netz, seinen Bogen oder gar den
Holzpflug selbst machen kann, der ihm die Produktion aus
eigene Rechnung ermöglicht — in einer solchen Gesellschaft hat
niemand Lust, sich in den Dienst eines andern zu begeben.

Übrigens braucht man gar nicht zu den Anfängen der
menschlichen Gesellschaft zurückzugehn: wenn man sich in neu
erschlossene Länder versetzt, in Kolonien, auch da ist die Frage
der Beschaffung der Arbeitshände sehr drückend für die Kolo-
nisten, zum Beispiel augenblicklich in Tunis. Was haben in
dieser Lage die primitiven Eigentümer getan, um sich die
Arbeit anderer zu verschaffen? Sie haben die Sklaverei er-
funden. Sie haben sich durch Eroberung die zur Bebauung
ihres Landes erforderlichen Arme beschafft. Es ist das ein
bedeutsames Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Und
es hat sich aus denselben Ursachen in den Kolonien wiederholt.
Als in Amerika die Eigentümer in den Bereinigten Staaten
ihre Ländereien anbauen wollten, suchten sie sich Sklaven in
Afrika; das war die zweite Phase der Sklaverei, die schwarze
Sklaverei. Und sogar nach Abschaffung der Sklaverei in den
Kolonieen ist diese in manchen Kolonieen durch Einstellung der
Kulis ersetzt worden, und das ist die gelbe Sklaverei. Aber
wir wollen dieses Wiederaufleben der Sklaverei im Kolonial-
system beiseite lassen und zu dem Augenblick zurückkehren, in
dem sich die antike Sklaverei zugleich mit dem römischen Welt-
reich auflöste. Wird der Arbeiter dann frei werden? Noch
nicht auf dem Lande, wo er noch unter dem Joche der Leib-
eigenschaft bleiben wird, die nur eine gemilderte Sklaverei
darstellt. Aber in den Städten wird er eine verhältnismäßig
glückliche, aber kurze Zeitspanne durchleben, ein lichtvolles
Zwischenspiel sozusagen in der Geschichte der Arbeit, obgleich
man immer von der Finsternis des Mittelalters spricht — es
ist die Zeit des „Handwerkers", der sein Handwerkszeug
selbst besitzt und nicht nötig hat, Lohnarbeiter in seinen Dienst
zu nehmen oder es gar selbst zu werden.

Aber diese Periode hat nicht lange gedauert — etwa fünf
bis sechs Jahrhunderte — weil einerseits die befreiten oder
in die Städte geflohenen Leibeigenen ein neues Proletariat
bildeten, und weil anderseits die zur Produktion erforderlichen
        <pb n="75" />
        ﻿74	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Kapitalien solchen Umfang annahmen, daß sie denen, welche
noch nicht ein Vermögen gemacht hatten, unzugänglich
wurden. So ist der Besitz des Kapitals in gewissem Grade
ein Monopol für die Besitzenden geworden, und diese haben
ihre Bedingungen diktieren können. Was kann in der Tat
ein Proletarier machen — so nennt man die, welche nichts
als ihre Arme besitzen — wenn er arbeiten will und hat nicht
eines jener Produktionswerkzeuge, Land oder Kapital? Was
kann der tun, der heutzutage keine Arbeit findet? Mit der
Angelschnur fischen? Da gehört noch ein Angelstock zu, der
schon ein erstes Kapital bedeutet. Maiglöckchen zum Verkauf
pflücken? oder am Bahnhof die Reisenden erwarten, um ihnen
das Gepäck zu schleppen? oder die Wagen vor dem Theater
abwarten, um die Wagenschläge aufzumachen? Das ist kein
Arbeiten mehr, das ist Bettelei. Der Kapitalist allein kann
demnach Arbeit geben.

Erwäge man das Eigenartige des Wortes „Arbeit geben"?
Man beachte, daß das die so oft gehörte, von soviel Elenden
ausgesprochene Formel ist: „Ich will kein Almosen; geben Sie
mir Arbeit!" Also ist die Arbeit, die dem Anschein nach nicht
nur eine Möglichkeit, sondern eine Pflicht für jeden Menschen
darstellt, der Erlaubnis eines andern unterworfen. Man kann
nur unter der Bedingung arbeiten, daß man einen Eigen-
tümer oder Kapitalisten findet, der die Mittel dazu liefert,
wenn der Arbeiter nicht arbeitslos sein soll.

Solange jedoch das Unternehmen bescheidene Verhältnisse
bewahrt hat, solange — wie eben bemerkt — der Proletarier
die Hoffnung, die Aussicht haben konnte, selbst Kapitalist,
Chef, zu werden — und dies war in jener ganzen Periode des
Mittelalters der Fall, wo fast alle Arbeiter zunächst als Lehr-
linge, dann als Gesellen, dann als Meister arbeiteten und wo
die heutigen Klassenunterschiede nur Gradunterschiede waren,
da man ja sich zu einem höheren Grade hinaufarbeiten konnte
— in diesen Verhältnissen war die Lage annehmbar. Daher
hat das freche Wort „Arbeit geben" jahrhundertelang niemand
verletzt, auch die Arbeiter nicht. Sie nahmen es als den
Ausdruck einer Wahrheit hin; wer Arbeit gab, war der
„Meister", ein Name, der heute noch auf dem Lande üblich
ist und der ohne Groll ausgesprochen wird. Der Meister ist
zu gleicher Zeit der Wohltäter, da er die Möglichkeit zur
Arbeit, zum Lebensunterhalt verschafft^ Die höchste Form
der Hilfe, die der Reiche dem Armen gewähren kann, die
Hilfe, die Volkswirtschaftler und Moralisten dem Reichen
        <pb n="76" />
        ﻿75

Lohn und Gewinn.

empfehlen, ist das nicht die Arbeit — und wieviel wertvoller
ist sie als das Almosen?

Ja, nur ist eine Stunde gekommen, eine tragische Stunde,
wo im Geist der Massen ein Verdacht erwacht ist. Und dieser
Verdacht hat sich in folgende Gestalt umgesetzt: gibt uns wirk-
lich der Eigentümer zu leben? oder geben wir nicht ihm zu
leben? Und sollte er dann nicht, statt Wohltäter, ein Aus-
beuter sein? Und an dem Tage, wo dieser Gedanke in das
Hirn der Massen gelangte, war der Sozialismus geboren.

Wenn tatsächlich der Kapitalist sagen kann, daß er dem
Arbeiter Arbeit gibt, kann dann dieser umgekehrt nicht ant-
worten, daß er dem Kapitalisten das Erzeugnis seiner Arbeit
gibt, und daß ihm nur ein Teil, vielleicht der geringste Teil,
unter dem Namen Lohn wieder ausgezahlt wird? Zwar ist das
dem Entlohnten gezahlte Geld von dem schon vorhandenen
Kapital gezahlt, das das Geld vorschießt, aber es ist das nur
eine Vorwegnähme vom Endergebnis, und als Preis für einen
Verzicht auf jedes Anrecht an dem künftigen Produkt seiner
Arbeit erhält der Arbeiter seinen Lohn. Ohne Zweifel ist das
ein Vorteil, da er bares Geld erhält und keine Mittel zum
Warten besitzt, aber augenscheinlich befindet er sich gerade da-
durch in einer mißlichen Lage, wenn er wissen will, was ihm
zukommen muß. Er weiß nicht, welches der Wert dieses Pro-
dukts sein wird, besonders dann nicht, wo es sich um Kollektiv-
arbeit handelt, bei der niemand seinen Anteil erkennen könnte.
In der Tat ist bekanntlich der Mietspreis der Arbeit, der den
Lohn darstellt, nicht der Gegenstand eines Feilschens; es ist
ein fester Preis wie in den Warenhäusern, nur mit dem Unter-
schied, daß der Kunde in den Warenhäusern immer die Mög-
lichkeit hat, nicht zu kaufen, wenn er den Preis zu hoch findet,
während der Arbeiter nicht immer die Wahl hat, nicht zu ver-
kaufen, selbst wenn er den Preis zu niedrig findet. Erst seit
Gründung der Syndikate hat man den Lohn erörtern können.

Man hat daher auch in der Geschichte den Arbeitslohn
auf einen unglaublich niedrigen Satz fallen sehn, auf jenes
Minimalniveau, unter dem der Arbeiter sich nicht mehr
nähren und leben könnte und die menschliche Arbeitskraft
verschwinden würde. Und noch vor kurzem, bis zum Kriege, war
das der Fall in den Jndustrieen, in denen der Arbeiter nicht
um Lohn feilschen konnte, besonders bei den Heimarbeite-
rinnen.

Diese Situation hat sich glücklicherweise verschoben, nicht
allein weil die gewerkschaftliche Organisation und die
        <pb n="77" />
        ﻿76	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

drohenden Streiks mächtig auf das Lohnniveau eingewirkt
haben — wie man sich auch dazu stellen mag — sondern auch,
und das darf man erfreulicherweise feststellen, weil man in den
großen Industrieländern gelernt hat, daß man mit schlecht
bezahlten Arbeitern keinen großen Ertrag erzielen kann, und
daß der der Arbeit in Gestalt von Lohn zugestandene Anteil
am Rohprodukt sich mehr und mehr erhöhen könne, ohne daß
übrigens der vom Besitzer als Gewinn veranschlagte Anteil
sich minderte; ganz im Gegenteil hielt er sich sozusagen an der
Menge der Erzeugnisse schadlos.

Der Gewinn. Wenn es leicht ist, den Lohn zu erklären,
so ist es anderseits etwas schwieriger, dasselbe für den Gewinn
zu tun. Was ist in der Tat der Gewinn? Der kleinste Krämer
wird einem antworten: „der Überschuß vom Verkaufspreis
über dem Einkaufspreis". Trotz dieser öffensichtlichen
Einfachheit ist aber die genaue Definition des Gewinnes eines
der schwierigsten Probleme der Wirtschaftswissenschaft. Um
ihn zu rechtfertigen, sagen die Volkswirtschaftler, er sei zugleich
die Belohnung für die leitende Arbeit, der Zins für das in-
vestierte Kapital, die Sicherheitsprämie gegen die Gefahren
des Verlusts. Aber wir behaupten, daß keines dieser drei
Elemente den Gewinn bildet, da sie in einer guten Rechnungs-
führung alle drei im Gestehungspreis stecken müssen. Ist das
nicht bei allen Aktiengesellschaften der Fall? Rechnet man
nicht zu den Unkosten: 1. das Gehalt des Direktors; 2. die
Kapitalszinsen (nicht nur die der Schuldverschreibungen,
sondern auch die der Aktien); 3. die Rücklage für den Reserve-
fonds, der Risiken vorbeugen soll? Sicherlich! Und nun die
Dividende, die erst nach Deckung all dieser Unkosten verteilt
wird — was ist die nun? Sie ist der Gewinn im reinen
Zustand, ganz unabhängig von den eben aufgeführten soge-
nannten Faktoren, und wenn sie zufällig ausbleibt, wird man
gewiß mit Recht sagen, daß das Unternehmen keinen Gewinn
abgeworfen hat, und man wird das betreffende Jahr mit einem
schwarzen Kreuz anzeichnen.

Läßt sich aber nun der Gewinn nicht mit einem der drei
Posten — Leitung, Zinsen, Risiken — erklären, wie dann
sonst? Wie entsteht er? Die einen, die Sozialisten sagen:
Der Gewinn ist ganz einfach vom Arbeitsprodukt des Arbeiters
vorweggenommen, von dem Lohnempfänger, dem der Inhaber
nicht seinen gerechten Lohn gezahlt hat; die anderen, die An-
hänger der Kooperation, behaupten: der Gewinn wird auf
        <pb n="78" />
        ﻿77

Lohn und Gewinn.

Kosten der Verbraucher vorweggenommen, die man das Er-
zeugnis über den rechtmäßigen Preis hinaus bezahlen läßt.
Und andere, nachsichtigere, sagen: Der Gewinn ist das Ergeb-
nis glücklicher Umstände, welche es dem Produzenten oder
Händler ermöglicht haben, unter besseren Bedingungen als
sein Konkurrent zu fabrizieren oder zu verkaufen, ungefähr
wie es der Fall ist bei dem Eigentümer eines fruchtbareren
Landes oder eines besser gelegenen Hauses. Der Gewinn, das
ist der Glückszufall, von dem armen Straßenhändler, der
Zeitungen bei einem Unglücksfall verkauft, bis zu der Berg-
werksgesellschaft, wenn man eine Metallader entdeckt. Shake-
speare sagt:

Der Strom der menschlichen Geschäfte wechselt:

Nimmt man die Flut wahr, führet sie zum Glück.

Kein Volkswirtschaftler hat den Gewinn so gut definiert. Es
ist richtig, man muß immerhin noch verstehn, die Flut zu be-
nutzen: das ist nicht jedermann gegeben.

Aber welche dieser drei Erklärungen man auch vorziehen
mag, man sieht, daß bei keiner der Gewinn, die Dividende, als
Frucht einer eigentlichen Arbeit erscheint; er ist, wie die Eng-
länder sagen, ein unverdienter Mehrwert (unoarnock
inorement). Das soll durchaus nicht sagen, daß man ihn
als Diebstahl ansehn muß; eine gute Gelegenheit ausnutzen
ist nicht stehlen. Das Leben würde etwas langweilig werden,
wenn jeder gute Glücksfall — und sogar ein schlechter —
daraus entfernt wäre.

Aber wenn man auch dem Zufall einen Platz im Leben
einräumt, müßte er immerhin für alle gleich sein. Wenn die
Menschen nicht das Recht haben, gleiche Anteile zu fordern, so
haben sie doch das Recht, gleiche Chancen zu beanspruchen, daß
nämlich jeder im Leben durch Arbeit, Ersparnisse, Unter-
nehmungslust, Klugheit die Möglichkeit des Aufstiegs zu den
höchsten Gipfeln haben soll, wie zum Beispiel im politischen
Leben. Wenigstens einmal im Leben die Chance zu haben, das
beanspruchen die Amerikaner für jedes Einzelwesen. In
einem amerikanischen Buch habe ich die rührende Tatsache ge-
lesen, daß auf einem neu besäten Rasen in einem New Dorker
Park eine Tafel mit der Inschrift befestigt war: „Gebt dem
Gras eine Chance!" (Give the grass a chanee), das
heißt, tretet nicht darauf!

Es ist eine eigenartige Sache um die öffentliche Meinung,
daß sie so schwer die Ungleichheit hinnimmt, selbst wo sie ehren-
        <pb n="79" />
        ﻿78	Anfaiigsgründe der Volkswirtschaftslehre.

hafte Ursachen hat, wie das väterliche Erbe oder sogar ein in
der Industrie erworbenes Vermögen, doch anderseits mit
Wohlwollen es ansieht, wenn ein einzelner das große Los in
der Lotterie gewinnt. Wenn man in den Zeitungen berichtet,
daß der und der ein großes Los gewonnen hat, und wäre es
auch wie in einer Lotterie letzthin in Spanien, ein Los von
sieben Millionen, so erhebt niemand dagegen Einspruch. Weil
bei dem großen Lose jeder sich sagt: „ich hätte es auch gewinnen
können". Und das entspricht hinreichend der einfältigen Ge-
rechtigkeitsidee, die die öffentliche Meinung sich macht: der
Gleichheit. Aber da hinkt es gerade! Die Glücksfälle sind
nicht für alle gleich. Diese Welt ist nicht ganz genau eine
Lotterie, sondern vielmehr ein Rennfeld, auf dem man die
„Tips" zum Spielen haben muß. Und nur die Reichen, oder
wenigstens die gut unterrichteten Leute, welchck die Handels-
zeitungen lesen, die in den politischen Kreisen leben, welche die
Vorzimmer der Minister besuchen, die Beziehungen zu den
Banken haben, wissen ungefähr, welches die Gewinnnummern
sein werden, und können sicher spielen. Die Werte, die man
um hunderte von Franken zwischen zwei Kurszetteln der Börse
steigen sieht, sind nicht echte Lotterielose, denn nur die Ge-
rissenen gewinnen sie. Wir haben in letzter Zeit beobachtet,
wie z. B. das eine oder andere Petroleumpapier in einigen
Monaten um das zweifache oder dreifache gestiegen ist. Aber
glaubt man, daß der brave Mann, der etwas Geld gespart hat,
darüber zu rechter Zeit unterrichtet sein wird? Und wüßte er
es übrigens, würde er sich nicht daran wagen. Um diese
Risiken einzugehn, muß man schon viel Geld besitzen.

Aber fahren wir fort mit unserer Geschichte; denn der
Unternehmervertrag und der Lohn haben ihre Entwicklung
fortgesetzt. Sie sind weit über die Periode der kleinen Einzel-
unternehmung und über die Zeit des samilienhaften Zunft-
wesens des Mittelalters hinausgekommen. Und dann hat sich
der Kapitalist gezwungen gesehn, seine Zuflucht zu nehmen
nicht nur zur Arbeit einzelner Menschen, sondern zu der von
Hunderten und Tausenden, um große Besitzungen und große
Kapitalien arbeiten zu lassen. Jeden Tag hat man gewaltige
Unternehmungen emporsteigen sehn und sieht sie noch, die
Tausende von Menschen beschäftigen: 15 000 wie die Fabriken
Renault in Paris, 100 000 wie die Kruppwerke, 170 000 An-
gestellte, wie die P.-L.-M.-Gesellschast.

Aber dabei bleibt das Unternehmertum nicht stehn. Es
geht noch weiter. Es bleibt nicht nur bei einem Einzelunter-
        <pb n="80" />
        ﻿79

Lohn und Gewinn.

nehmen, zahlreiche Unternehmungen schließen sich ihrerseits
zu größeren Verbänden zusammen und führen nun den seit
kurzem so berühmten Namen Trusts. Es sind wahre indu-
strielle Armeen, die sich aus Armeekorps zusammensetzen, an
deren Spitze sich Generalfeldmarschälle befinden; diese hin-
wiederum befassen sich nicht mehr mit der technischen Leitung
des Unternehmens, sondern überlassen diese Sorge Unter-
führern, während sie sich selbst ausschließlich mit der finan-
ziellen Leitung abgeben. Es sind das die Präsidenten der
Großen Verwaltungsräte, die oft Vorsitzende von zehn, zwan-
zig Aufsichtsräten zugleich sind, die die ganze Industrie eines
Landes beherrschen. Man sieht dann jene Kolossalgestalten
auftreten, welche die Amerikaner mit einem so richtigen
Namen Jndustriekönige nennen; den Petroleumkönig, den
Stahlkönig, den Eisenbahnkönig. Der Hauptmann im Evan-
gelium sagte: „Herr, bin ich doch ein Mensch in unterge-
ordneter Stellung, aber unter mir habe ich Soldaten, und ich
sage zu diesem: gehe hin, so geht er, zu einem andern: komme,
so kommt er". Heutzutage gebieten die kapitalistischen Haupt-
leute Tausenden, und wenn sie sagen: „gehe", so geht man, und
wenn sie sagen: „komme", so kommt man.

Es ist leicht verständlich, daß in den Händen dieser
Männer sich gewaltige Gewinne anhäufen, wie alle Wasser-
tropfen, die sich in ein und demselben Bett vereinigen und
die großen Ströme bilden. Diese unerhörten Vermögen ent-
stehen bis in die jüngste Zeit hinein; sie belaufen sich auf hun-
derte von Millionen Einkommen und auf Milliarden Kapital
(wenigstens in Amerika). Es ist klar, daß persönliche Arbeit,
eine selbst mehrere Menschenleben hindurch geübte Sparsam-
keit, solche Vermögen nicht schaffen könnte. Diese Industrie-
mammute scheinen eine typische Schöpfung des kapitalistischen
Zeitalters darzustellen wie die Ungeheuer der vorweltlichen
Fauna im heißen Schlamm der ersten Erdzeitalter.

Und doch sind sie nicht Ungeheuer oder Wucherer im land-
läufigen Sinne, sondern im streng wissenschaftlichen Sinne „An-
sammler" von Reichtümern. Wenn sie das Vermögen konzen-
trieren, geschieht es, um es zu verteilen. Diese Besitzer des
großen Reichtums sind nur die Verteiler. Man hat die
Reichen mit den öffentlichen Springbrunnen verglichen, die
das Wasser aufnehmen, um es nach außen zu spenden. Man
könnte sie mit größerem Rechte mit jenen hohen Berggipfeln
vergleichen, auf denen sich die Schneemassen im Verlauf der
Jahreszeiten konzentrieren und ansammeln und sie nicht für
        <pb n="81" />
        ﻿80	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

sich behalten, sondern in die niedriger gelegenen Gebiete ab-
strömen lassen, sei es nun in Gestalt der weißen Kohle, um
Dynamos in Drehung zu versetzen, die Städte zu erleuchten,
oder um die Ländereien zu bewässern und die Ernten zum
Wachsen zu bringen. Wenn der Reichtum tatsächlich bis zu
jenem höchsten Grad angewachsen ist, so verwenden ihn seine
Besitzer selten zu denselben gewöhnlichen Zwecken wie die
kleinen Reichen oder die Neureichen. Selten widmen sie ihre
gewaltigen Vermögen persönlichen Vergnügungen. Ihret-
wegen häufen sie die Reichtümer nicht auf, diese Milliarden,
auch nicht für ihre Söhne; denn sehr oft enterben sie diese.
Carnegie sagte, es sei eine Schande für einen reichen Mann,
etwas nach seinem Tode zu hinterlassen. Und nicht nur den
industriellen Unternehmungen widmen sie ihre Kapitalien,
auch philantropischen und wissenschaftlichen Werken. Hun-
derte von Millionen sind von einem Rockfeller oder einem
Carnegie zur Gründung von Bibliotheken, Laboratorien,
Friedensinstituten wie demPalast des internationalen Gerichts-
hofs im Haag (dem leider leerenst), von Anstalten zur Be-
kämpfung der Tuberkulose gegeben worden! Und es ist noch
die Frage, ob unter einem sozialistischen oder dem von uns
geträumten kooperativen System es möglich sein wird, diese
„Ansammler" von Reichtümern zu ersetzen. Wäre der Kapi-
talismus nur eine rein parasitäre Einrichtung gewesen, so
wäre er schon hinweggefegt. Wenn er sich gehalten hat, so
nur, weil er gewisse Dienste geleistet hat. Und diese Dienste
sind nichts Geringes; er hat die gegenwärtige wirtschaftliche
Welt geschaffen, mit allen ihren Fehlern, das gebe ich zu, mit
all ihren Mißbräuchen, aber immerhin hat er der Welt den
Überfluß an Waren und den billigen Markt gegeben. Wir
merken es erst, wenn wir das verloren haben! übrigens darf
man nicht glauben, daß die Sozialisten die letzten in der Be-
wunderung der Leistungen des Kapitalismus für die Wirt-
schaftsordnung sind. Ich meine wenigstens, die gut unterrich-
teten. Zunächst wissen sie sehr wohl, daß ohne den Kapitalis-
mus der Sozialismus nicht entstanden wäre. Dieser ist ein
Abkömmling von jenem, Karl Marx von Ricardo, und das
würde ihm allein von ihrer Seite eine gewisse Dankbarkeit
sichern. Daher wollen sie auch gar nicht das kapitalistische Ge-
bäude umstürzen, sondern sich nur darin unter Ausschluß der
Kapitalisten festsetzen.

*) Siehe Anmerkung Seite 7.
        <pb n="82" />
        ﻿-

4



Lohn und Gewinn.

81

Das Wort von der „Sozialisierten Industrie", das von
dem französischen Gewerkschaftsbund (Oonkederation Generale
du Travail) geprägt und so häufig in letzter Zeit wiederholt
wurde, hat keine andere Bedeutung. Man wird die Trusts
beibehalten und sie sogar verallgemeinern mit allen Eigen-
schaften der modernsten Industrialisierung — Maschinen,
Normung, Integrierung, Konzentrierung, Lokalisierung usw.
Nur würden in den neuen Aufsichtsräten die kapitalistischen
Aktionäre durch Arbeiter- und Verbraucher-Vertreter ersetzt
werden, wobei man unter den zweiten diejenigen versteht, für
deren Bedürfnisse das Unternehmen arbeitet, die „Nutznießer",
die ein Interesse daran haben, nicht daß das Unternehmen
Gewinn bringt, sondern daß es so wirtschaftlich wie möglich
produziert.

.



Olde, Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.
        <pb n="83" />
        ﻿Kapitel VH.

Wettbewerb und Zusammenarbeit.

Die wirtschaftliche Welt, so wie sie sich uns darstellt mit
den von uns vorgeführten wesentlichen Charakterzügen, mit
dem Eigennutz als Beweggrund und dem Gewinn als Ziel
— mit der Trennung zwischen Eigentum und Arbeit, die von
der Erblichkeit, dem Zinsleihen und der Rente herrührt — mit
der durch das Lohnwesen geschaffenen Trennung zwischen
Kapitalisten und Proletariern — diese Welt scheint der Ver-
wirklichung sozialer Gerechtigkeit und des sozialen Friedens
kaum günstig zu sein.

Und doch geht diese Welt schlecht und recht weiter,
und die Volkswirtschaftler, wenigstens die der liberalen
Schule, haben sich bemüht zu beweisen, daß sie besser im Gang
sei als es den Anschein hat, weil sie von gewissen Gesetzen
regiert wird, die sie Naturgesetze nennen, und die letzten Endes
das allgemeine Wohl zu sichern bestimmt seien.

Die optimistische Auffassung der Wirtschaftsordnung, so-
weit man in wenigen Zeilen ein und ein halbes Jahrhundert
Geschichte und Hunderte von Bänden Theorie zusammenfassen
kann, ist die folgende:

1.	Der Mensch wird vom Eigennutz geleitet, der ihn
dazu treibt, bei allen Handlungen des Wirtschaftslebens den
höchsten Gewinn zu suchen, und dieser Eigennutz bildet die
durch nichts zu ersetzende Triebfeder seines Handelns.

2.	Aber die individuelle Verfolgung des Nutzens steht
keineswegs im Gegensatz zu dem allgemeinen Interesse: im
Gegenteil, denn es spornt jeden Erzeuger an, das am besten
Verkäufliche zu produzieren. Was wird nun nach dem Gesetz
von Angebot und Nachfrage zum höchsten Preis verkauft,
an Waren oder Diensten? Doch wohl das, was am meisten
verlangt wird, was im wirtschaftlichen Sinne des Wortes das
        <pb n="84" />
        ﻿83

Wettbewerb und Zusammenarbeit.

Nützlichste und Erwünschteste ist? Dank dem Begehren nach
Gewinn werden also die dringendsten Bedürfnisse gerade am
ehesten befriedigt.

3.	Zwar könnten dieser Eigennutz und dieses Streben
nach Gewinn als Erfolg die Übertreibung der Gewinne und
die Ausbeutung des Verbrauchers haben, wenn der Produzent
oder Händler allein in der Welt wäre, anders ausgedrückt,
wenn er ein Monopol (mono8 heißt allein) hätte, aber diese
Gefahr wird unter dem System des freien Wettbewerbs
unterdrückt. Wenn der Wettbewerb wirklich frei ist, so befindet
sich jeder Erzeuger oder Händler auf dem Markt anderen
Produzenten gegenüber, die nicht weniger als er zu verkaufen
wünschen und die einander überbieten, die Käufer anzulocken.
Dieses Überangebot hat notwendigerweise den Erfolg, die
Preise zu drücken und den Gewinn durch einen Druck einzu-
schränken, der so lange anhält, bis die Verkaufspreise auf die
Höhe des Gestehungspreises herabgedrückt sind, in welchem
Falle der^ Gewinn aus Null heruntergeht •— was daraus
hinausläuft, daß der Wert jedes Erzeugnisses das Streben hat,
sich nach der Arbeits- und Unkostenmenge zu regulieren — und
das ist gerade das Ideal von Gerechtigkeit, das der Sozialist
und der Anhänger der Kooperation durch viel verwickeltere
und unwirksamere Systeme zu verwirklichen trachtet.

So werden also dank dem Wettbewerb die persönlichen
Interessen gegenseitig in Schach gehalten, die Preise werden
auf eine gerechte Höhe gebracht und die Gewinne auf einen
Minimalsatz: Wohlfeilheit und Gerechtigkeit sind mit einem
Male verwirklicht, und das „jeder für sich" wandelt sich wohl
oder übel in ein „jeder für alle" um.

Unbestreitbar steckt in diesem Bilde, das man in mehr
oder weniger rosigen Farben in fast allen Werken der klassi-
schen Nationalökonomie^) findet, ein Körnchen Wahrheit, und
une sollten in der Tat jene menschlichen Gesellschaften mit ihren
kaum veränderlichen Charakteren bestehen können, wenn es
nicht eine natürliche Ordnung gäbe, die ihr Geschick leitet?
Aber es liegt augenscheinlich auch ein Teil Illusion darin;
denn die Unzufriedenheit der Massen wächst unaufhörlich und
bedroht in diesem Augenblick Europa mit einer Revolution.
Wir wollen daher herauslösen, was man von der gegen-

&gt;) Hier seien nur ausgeführt: Die wirtschaftlichen Harmoniern (LesHarnonles
Econom'iques) von Bastiat; Die Naturgesetze der Volkswirtschaft (Uns Lois
naturelles de l’Economie Politique) von Molinari — und »»lerer Zeit
näher: Die Sittlichkeit des Wettbewerbs (l.a Morale de la Concurrence) von
UveS Guyot.

6*
        <pb n="85" />
        ﻿84	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

wärtigen Wirtschaftsordnung beibehalten und was man ab-
schaffen muß.

Zunächst wollen wir uns vor der Lächerlichkeit hüten, das
persönliche Interesse zu verachten, es unter dem Namen Egois-
mus zu brandmarken und zu glauben, man würde leicht jene
Antriebe der menschlichen Tätigkeit durch irgend eine andere
Triebfeder ersetzen. Es ist natürlich an sich selbst zu denken.
Selbst das Evangelium sagt uns nicht das Gegenteil, da es
sich auf die Lehre beschränkt: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich
selbst". Anstatt es Egoismus zu nennen, kann man auch wie
die Engländer ihm einen schöneren Namen geben, „Selbst-
hilfe" (self-help). Persönliche Anstrengung ist untrennbar vom
persönlichen Interesse. Sich selbst Helsen, diesen Egoismus darf
man nicht verachten. Ein deutscher Satiriker, Heinrich Heine,
schreibt in einer reizenden Stelle, wo er von seinen Freunden
spricht: „Sie überhäuften mich mit Aufmerksamkeiten und ver-
sprachen mir, sie würden mich protegieren, aber bei all ihrer
Protektion wäre ich Hungers gestorben, hätte sich nicht ein
wackerer Mann um mich gekümmert. Ach, der wackere Mann!
er hat mir zu essen gegeben, wofür ich ihm immer Dank wissen
werde; wie schade, daß ich ihn nicht umarmen konnte! Aber
ich konnte es nicht, weil dieser wackere Mann — ich selbst war".

Die Sozialisten selbst wollen nicht, wie man doch annehmen
sollte, den Eigennutz durch das soziale Interesse ersetzen; sie
wollen nur verhindern, daß die Interessen der Masse denen
einer kleinen Zahl geopfert werden, und sie glauben, daß das
Privateigentum gerade den Erfolg hat, die Entwicklung der
Persönlichkeiten zu hindern — wenigstens wenn das Eigentum
auf dem Kapital beruht und durch das Lohnwesen gestützt
wird — so fordern sie denn seine Abschaffung oder die soge-
nannte Sozialisierung.

Aber dies zugegeben, darf man doch nicht daraus
schließen, daß das Eigeninteresse unweigerlich die Verfolgung
des Gewinnes in sich schließt, oder daß das Verschwinden des
Gewinns notwendigerweise das Aufhören jeder Tätigkeit oder
Initiative nach sich ziehen müsse. Der Gewinn ist in der Tat
in dem Sinne, wie wir ihn definiert haben, nicht der Lohn
für wirkliche Arbeiten, sondern nur der des „geschickten Han-
delns", oder noch weniger, das Ergebnis glücklicher Umstände.
Das würde nun aber eine sehr niedrige Einschätzung der
menschlichen Arbeit bedeuten, wenn man als Grundsatz auf-
stellen wollte, daß sie keinen andern Beweggrund als den
Köder eines großen Loses haben könnte.
        <pb n="86" />
        ﻿Wettbewerb und Zusammenarbeit.	85

Es wäre ein noch größerer Irrtum, als Grundsatz
aufzustellen, daß der Wunsch nach Gewinn notwendigerweise
mit dem allgemeinen Interesse zusammentrifft, und zwar weil
das Gesetz von Angebot und Nachfrage denen die größten
Gewinne "sichert, die am besten den Bedürfnissen des Ver-
brauchers dienen. Nein, die höchsten Preise — und folglich
diejenigen, die die höchsten Gewinne verschaffen — sind nicht
notwendigerweise diejenigen, die den dringendsten Bedürf-
nissen entsprechen; es sind diejenigen, welche die Wünsche oder
Launen einer kleinen Anzahl Bevorzugter befriedigen, die
zahlen können, ohne zu rechnen. Das Gesetz von Angebot
und Nachfrage ist zweifellos unbestreitbar, und es wird sich
nicht mehr als der Eigennutz beseitigen lassen, wenn es auch
heutzutage durch die neue Richtung der Volkswirtschaftler
sehr in Mißkredit geraten ist, aber es schließt keine moralische
Wertung noch eine Zweckbedeutung in sich ein.

Und was die wohltätige Leistung des Gewinns anlangt,
wieviel wesentliche, ursprüngliche Bedürfnisse, die der Wunsch
nach Gewinn eher zu befriedigen hindert! Soll ich ein ganz
aktuelles Beispiel geben? Welches ist das allgemeinste Be-
dürfnis in diesem Augenblick? Das der Wohnung: eins der
dringendsten Bedürfnisse — nicht nur vom Standpunkt des
Privatmanns aus, weil es für einen Familienvater kein
schlimmeres Leid gibt, besonders wenn er viel Kinder hat,
keine Wohnung zu finden oder sie nur unter vernichtenden
Bedingungen zu finden — sondern auch unter dem sozialen
Gesichtspunkt, weil die Ansammlung in schmutzigen Woh-
nungen eine ständige Ansteckungsgefahr für die ganze mensch-
liche Gesellschaft bildet.

Schon vor dem Kriege hatte man für dieses Bedürfnis
nicht hinreichend gesorgt; heutzutage geschieht überhaupt
nichts mehr. Eine zahlreiche Familie findet keine geeignete
Wohnung mehr. Darin liegt ein so tragisches Unglück, daß
es fast eine Revolution rechtfertigt.

Was hat nun der Eigennutz und der Wettbewerb zur
Lösung dieses Problems getan? Warum haben die Unter-
nehmer nicht Wohnungen in genügender Zahl erbaut, wäh-
rend sic hingegen alle Luxusprodukte im Überfluß auf den
Markt brachten? Weil die Unternehmer in der Erbauung
der Häuser, und besonders der billigen Häuser, nicht hin-
reichenden Gewinn gefunden haben. Das ist so wahr, daß
schon vor dem Kriege in allen Ländern die Staaten oder
philanthropischen oder kooperativen Gesellschaften die Er-
        <pb n="87" />
        ﻿86	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

bauung von Häusern auf sich nahmen, aber ihre schwachen
Bemühungen haben nicht hindern können, daß dieses öffent-
liche Bedürfnis unbefriedigt blieb. Wieviel weniger noch im
Augenblick! (Siehe oben S. 67).

Wieviel andere Beispiele könnte man beibringen! In
einer kürzlich erschienenen Zeitung berichtete man, daß auf der
Corniche, das ganze Mittelmeer entlang, man alle Olbäume
ausgerissen hatte, um sie durch Mimosen-, Rosen- oder Nelken-
pflanzungen zu ersetzen, weil die Blumen größeren Nutzen
als das Ol abwarfen. Man bedauert das heute übrigens,
weil seit dem Kriege und bei der allgemeinen Hungersnot
das Ol mehr im Preise gestiegen ist als die Blumen; aber es
ist zu spät: der Olbaum wächst nicht so schnell wie ein Rosen-
strauch.

Soll man von so vielen schädlichen Jndustrieen sprechen,
die nur durch den Wunsch nach Gewinn erhalten werden,
ohne daß man sich im geringsten um die wirklichen Bedürf-
nisse des Publikums kümmert, wie z. B. die Alkohol-Erzeugung
oder die Schmutzliteratur? Die Bolkswirtschaftler werden
ebenso wie die Unternehmer dieser traurigen Gewerbe sagen,
es sei nicht ihre Schuld, sie seien keine Morallehrer, und man
müsse sich an das Publikum halten, das ihre Erzeugnisse ver-
lange. Gewiß, man kann nicht leugnen, daß der Verbraucher
einen Teil der Verantwortung trägt, und wir wollen ja gerade
den Verbraucher erziehn; doch muß man zugeben, daß die
Erzeuger, angestachelt durch den Reiz des Gewinns, dem
Verbraucher gegenüber die Rolle des Versuchers gespielt haben,
die Rolle des Satan. Sie haben der Eva und auch dem Adam
den Apfel gereicht. Was hat jenes wunderbare Lügenunter-
nehmen geschaffen, das in Gestalt von Reklame, öffentlicher
Ankündigung und Anschlagszetteln unter Aufwand von
Milliarden, (man spricht von einer Milliarde Dollar jährlich in
den Vereinigten Staaten) kein anderes Ziel verfolgt, als dem
Verbraucher künstliche Bedürfnisse einzureden? Es ist die Sucht
nach Gewinn. Der nationale und internationale Markt ist
überschwemmt mit Erzeugnissen, die nicht nur unnütz, sondern
sogar schädlich sind und die die Industrie zum Schaden der Be-
friedigung wesentlicher Bedürfnisse der Menschen ange-
sammelt hat.

Und selbst wenn die Unternehmer für unsere normalen
Bedürfnisse sorgen, wird auch da noch ihr Werk unaufhörlich
durch die Gier nach Gewinn verderbt. Um schneller zu ver-
dienen, hat jeder Kaufmann nur folgende Auswahl: entweder
        <pb n="88" />
        ﻿Wettbewerb und Zusammenarbeit.	’8T

bett Preis bet Waren zu erhöhen ober an bet Qualität zu
sparen, inbem er Rohstoffe von geringerer Qualität beMtzch
und inbem er auf bie abschüssige Bahn bet Lebensnttttel-
fälschung sich begibt.

Was bas Gesetz bes Wettbewerbes anlangt, welches
bie Volkswirtschaftler gern — wie bie Juristen, wenn
sie von bet Verjährung sprechen — als ben „Beschützer bes
Menschengeschlechts" bezeichnen möchten, so müßte man sich
über bie Bedeutung bieses Wortes verstänbigen; benn es hat
zwei streng verschiebene Bebeutungen.

Soweit ni au unter freiem Wettbewerb die Freiheit ber
Arbeit, bie Freiheit bes Austauschs und ber Beförderung,
die offene Tür, die sperrangelweit offene, zwischen allen Län-
dern versteht — in diesem Sinne sind bie dem Wettbewerb
zugeschriebenen Wohltaten nicht übertrieben; in diesem Falle
ist es richtig, daß er der Beschützer der Verbraucherinteressen
ist, und daß diese es grausam empfinden werden, wenn er
einmal aussetzt, wie das seit dem Kriege der Fall war.

Aber der Wettbewerb im gewöhnlicheren Sinne des Wortes
(noch besser durch das englische Wort competition gekenn-
zeichnet) ist der Krieg aus wirtschaftlichem Gebiet, der Kampf
ums Dasein (struggle for life); was diesen anlangt, so
haben wir keinen vernünftigen Grund, ihn in einer normalen
Gesellschaft beizubehalten, und wir hoffen ihn bald durch sein
Gegenteil, die Zusammenarbeit, ersetzt zu sehn. In dieser
Gestalt schafft der Wettbewerb nur eine Vergeudung von
Kräften und Gütern, und wenn der Verbraucher auch manch-
mal von den Schlägen, die sich die Konkurrenten versetzen,
Nutzen ziehen mag, so ist das doch eben nur gelegentlich und
zeitweise der Fall. Er kann in der Tat kaum einer der beiden
folgenden Eventualitäten entgehn:

Entweder werden sich die Konkurrenten, kampfesmüde,
auf seine Kosten versöhnen, das heißt, einen Bund
schließen. Dieser Bund, der Trust oder Kartell
heißt — oder der selbst ohne diese großklingenden Namen
ganz einfach in dem stillschweigenden Einverständnis aller
Händler ein und derselben Stadt, der Fleischer, Bäcker,
Krämer, Ärzte usw. besteht, daß sie nämlich zum selben Preis
verkaufen sollen — dieser Bund wird immer häufiger: er wird
sogar das allgemeine Gesetz des Handels. Ein Kaufmann, der
zu einem niedrigeren Preise als seine Konkurrenten verkaufen
würde, würde disqualifiziert werden, selbst wenn er nicht
        <pb n="89" />
        ﻿88	Alifangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

formell wie in den Kartellen durch eine schriftliche Verpflich-
tung und durch Sicherheitsleistung gebunden wäre.

Oder der Kampf wird sich ohne Verständigung und ohne
Erbarmen fortsetzen: in diesem Falle wird der Wettbewerb
auf Vernichtung und Beseitigung der Kleinen durch die
Großen hinauslaufen, oder auch durch einen einzigen, der
dick und fett werden wird wie die Ratte im Käfig, die alle
anderen aufgefressen hat. Der Wettbewerb erscheint hier
nicht mehr in der wohlwollenden Gestalt, die das französische
Sprichwort ausdrückt: „Jeder für sich, und Gott für alle"„
sondern in jener Gestalt, die die Amerikaner durch dieselbe
Redensart, nur umgekehrt aussprechen: „Jeder für sich, und
den letzten hole der Teufel'").

Nun ist aber in einem wie im andern Fall, und wie auch
die Wahl sein mag, offensichtlich der Wettbewerb verschwunden,
und damit ist auch mit einem und demselben Schlag der Schutz
dahin, den der Verbraucher von dem Wettbewerb erwarten
durfte. Und dieser Zustand hat das Bestreben, sich zu ver-
allgemeinern.

Es ist auch nicht mehr wahr, daß dieser Wettbewerb der
Erzeuger Überfluß schafft; denn häufig beschränken die Ab-
reden zwischen Erzeugern, und noch mehr die Monopole,
systematisch die Produktion, um die Preise zu steigern oder
wenigstens ihr Sinken zu verhindern.

-Ohne das persönliche Interesse unterdrücken zu wollen,
muß man also nachforschen, ob es nicht in den menschlichen
Gesellschaften eine verborgene Kraft geben könnte, die den
Eigennutz hindern würde, das öffentliche Interesse zu schä-
digen und ihn doch nicht seiner Vorzüge beraubte.

Nun, diese Kraft ist vorhanden: sic ist nicht von gestern,
sie hat zu allen Zeiten existiert. Man kann sogar behaupten,
daß sic in der Lcbewelt vorhanden war, ehe das Individuum
selbst in die Erscheinung getreten ist: es ist die Zusammen-
arbeit, das Gemeinschaftsgefühl, die gegenseitige Hilfe. Gehen
wir hier zu unserem Ausgangspunkt zurück, wo ich das Ge-
meinsame in der menschlichen und tierischen Wirtschaft gesucht
habe. Dort haben wir den Anfang aller großen Wirtschafts-
begriffe gefunden, aber es waren nur die der individualistischen
Wirtschaft; nun kann man aber auch dort den Begriff einer
sozialistischen Wirtschaft finden, und zwar in Gestalt der Ge-
nossenschaft. Jedermann weiß, daß gewisse Tierarten uns

i) Every man for himself and lct the devil take the hindermost.
        <pb n="90" />
        ﻿Wettbewerb und Zusammenarbeit.	89

wunderbare Muster davon bieten. Ich will nicht bloß von
den Bienen und Ameisen sprechen, die ein ewiger Gegenstand
des Nachdenkens bleiben werden; aber es gibt auch eine Unzahl
anderer, welche den Gegenstand biologischer Studien bilden,
besonders in der Meeresfauna. Denn hier liegt ein Ge-
heimnis vor, daß nämlich die Genossenschaft sich . fast aus-
schließlich bei den niederen Arten findet, oder wenigstens bei
den von uns so genannten. Sowie man zu den höheren
Gattungen emporsteigt, die sich mehr und mehr der mensch-
lichen Art nähern, verschwindet die Genossenschaft. Und doch
ist jedes Tier mit den Seinen gesellig. Wer weiß, ob nicht die
Genossenschaft ebenso gut bei den Säugetieren und anderen
Tiergattungen vor dem Auftreten des Menschen vorhanden
gewesen ist, und ob sie nicht gerade infolge seines Erscheinens
verschwunden sind. Vielleicht könnte man es durch folgende
Tatsache erklären: diese Tierarten, uns näher verwandt, sind
einst Gegenstand eines brudermordenden Wettbewerbs ge-
wesen, sind niedergemetzelt, zu Sklaven gemacht oder zerstreut
worden und sind dann zum Individualismus zurückgekehrt,
wie die Stämme der Rothäute oder Kanaken oder wie die
der Biber, welche fast gänzlich untergegangen sind.

In allen Fällen bieten uns die Tiergesellschaften, die
noch bestehn, ein bewundernswertes Beispiel für das „Jeder
für alle", von dem ich soeben gesprochen habe. Oder
wo ist es besser verwirklicht als im Bienenstocks Man
kann sagen, es ist dort ein wenig zu weit getrieben
und hat das vernünftige Maß überschritten; nicht nur lebt
der Stock für die Biene, sondern sie scheint auch als
Daseinsgrund nur den Stock zu haben. Wir möchten
keinen menschlichen Bienenstock, wo der Mensch nur für den
^tock lebte. Im Gegenteil soll die Gesellschaft ein Mittel zur
Menschenbildung sein, zur Schaffung von Persönlichkeiten,
die starker und reicher in jeglichem Sinne dieses Wortes sein
sollen wirtschaftlich und sittlich. Ohne Zweifel werden sie
durch dre. Gesellschaft mehr und mehr voneinander abhängig,
aber Abhängigkeit bedeutet nicht Verarmung, wenn sie wechsel-
&gt;eitlg ist und ein jeder dazu berufen ist, vom andern soviel
und mehr zu empfangen, als er ihm gibt. Vielleicht weil im
Stock die Biene vollständig dem Stock geopfert wird, vielleicht
gerade deshalb hat der Stock niemals Fortschritte gemacht und
ist, seit wir ihn kennen, unveränderlich geblieben.

Volk, Gemeinde sind auch Gesellschaften, natürliche dazu
und in dem Sinne zwangsweise, daß sie aus einer einfachen
        <pb n="91" />
        ﻿90	Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre.

Tatsache hervorgehn, nämlich dem gemeinsamen Wohnsitz an
ein und demselben Orte, wie die Tiergesellschaften, die keine
andere Art Gesellschaft zu kennen scheinen. Aber bei den
Menschen gibt es auch die Genossenschaften, die aus freier Wahl
hervorgehn und nur die freiwilligen zusammenschließen. Nichts-
destoweniger sind auch sie die Vertreter und Organe von Inter-
essen, die den Einzelinteressen übergeordnet sind. Ohne Zweifel
kommt es auch bei ihnen, wie bei den industriellen Verbänden
oder den Arbeiterverbänden vor, daß sie an Stelle der Einzel-
interessen Berufs- oder gar Klasseninteressen setzen, und in
diesem Falle befinden sie sich im Konflikt mit dem öffentlichen
Interesse. Wir wollen gar nicht von den Gesellschaften reden,
deren Tätigkeitsfeld außerhalb der Volkswirtschaft liegt — die
sich mit Wohltätigkeit,Wissenschaft, Künsten, Religion, mit jeder
uninteressierter Tätigkeit befassen, die in der Rechtssprachc den
"schönen Namen „Gesellschaften ohne gewinnbringendes Ziel"
tragen — wir wollen uns nur an die drei großen Gesellschafts-
typen in der Wirtschaftsordnung halten, nämlich die Gewerk-
schaft, die Genossenschaft und die Gesellschaft auf Gegenseitigkeit,
und wir bemerken, daß jede von ihnen das Ziel hat, gegen den
oder jenen. Mißbrauch anzukämpfen, den die Ausdehnung des
Eigennutzes erzeugt, und daß sie dadurch zum Organ des
sozialen Interesses wird, genau so wie der Staat und im all-
gemeinen mit größerer Wirksamkeit.

Die Genossenschaft, in Gestalt der Konsum-, Kredit-
oder Baugenossenschaft, will nicht das Interesse abschaffen,
sondern den Wucher, nicht die gerechte Belohnung der
leitenden Arbeit, sondern den Gewinn, insoweit dieser nur
das Ergebnis eines Monopols oder des Glückszufalls ist, und
dadurch erstrebt sie, das Schmarotzertum zu beseitigen und den
gerechten Preis zu verwirklichen.

Der gewerkschaftliche Verband strebt nach Abschaffung des
Lohnsystems, worunter er das System versteht, welches die
Arbeit unter die Herrschaft des Kapitals stellt, um daraus ein
einfaches Produktionswerkzeug zu machen ohne direkte Teil-
nahme an der Leitung der Unternehmungen, in deren Dienst
die Arbeit steht, und ohne Anteil an ihren Früchten.

Die Gesellschaft auf Gegenseitigkeit, bescheidener in ihren
Zielen, sucht nur die Härten der gegenwärtigen Wirtschafts-
ordnung abzuschwächen für diejenigen, die nicht das Glück
gehabt haben, bei ihrer Geburt ein Kapital vorzufinden, oder
die es nicht verdienen konnten; sie bietet ihnen nun statt dessen
die Garantie einer Kollektivversicherung.
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        ﻿91

Wettbewerb und Zusammenarbeit.

Das Erwachen, die wachsende Entwicklung dieses sozialen
Gewissens neben dem persönlichen Egoismus, den es allmählich
zu beherrschen lernt, ist eines der schönen Schauspiele der Ge-
schichte. Es offenbart sich nicht nur in dem Dazwischentreten
des Staates, der dem Eigennutz Halt! zuruft, wenn der Egois-
mus es wagt, das allgemeine Interesse zu schädigen, und dessen
vielseitiges Borgehn in betreff de^ Privateigentums wir schon
angeführt haben; nein, dies soziale Gewissen offenbart sich
auch in allen privaten Bemühungen, die zugunsten des allge-
meinen Wohles organisiert werden.

Wollten wir aber die Eigenschaften und das Wirken dieser
Einrichtungen darlegen, so würden wir das Gebiet der eigent-
lichen Volkswirtschaft verlassen und in das der Sozialpolitik
übergehn, die zum Ziel hat, gegen das Verhängnis der Natur-
gesetze anzukämpfen: das ist ein anderer Tatsachenbereich').
Wir wollen also hier halt machen.

-) Siehe unser Buch: Die Einrichtungen sozialen Fortschritts (Les Institutions
        <pb n="93" />
        ﻿Von Charles Gide

erscheinen im gleichen Verlage in deutscher Übersetzung

Grundbegriffe
der Volkswirtschaftslehre

(Principes cl'economie politique)
deutsch von Dr. Jeannette Cassau.

Das genossenschaftliche System der
Volkswirtschaft (Der Kooperatismus)

(Pu Kooperation)
deutsch von Douwe Remmerssen
eingeleitet von Prof. Dr. V. Totomianz.
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        ﻿;Ol

epläp

Lohn und Gewinn.

m ersetzt wurde, mit dem Tage mußte der Eigentümer
m suchen, der für ihn arbeiten wollte; und er hat ihn
icht gefunden; denn in den Anfängen einer Gesellschaft,
es verfügbares Land für jeden, der es haben will, gibt,
die Kapitalien noch wenig Wert besitzen, und wo jeder
e Arbeiter sich sein Netz, seinen Bogen oder gar den
,ug selbst machen kann, der ihm die Produktion auf
Rechnung ermöglicht — in einer solchen Gesellschaft hat
d Lust, sich in den Dienst eines andern zu begeben,
pigens braucht man gar nicht zu den Anfängen der
ichen Gesellschaft zurückzugehn: wenn man sich in neu
ene Länder versetzt, in Kolonien, auch da ist die Frage
chaffung der Arbeitshände sehr drückend für die Kolo-
|um Beispiel augenblicklich in Tunis. Was haben in
Zage die primitiven Eigentümer getan, um sich die
anderer zu verschaffen? Sie haben die Sklaverei er-
Sie haben sich durch Eroberung die zur Bebauung
andes erforderlichen Arme beschafft. Es ist das ein
imes Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Und
ich aus denselben Ursachen in den Kolonien wiederholt.
Amerika die Eigentümer in den Vereinigten Staaten
ndereien anbauen wollten, suchten sie sich Sklaven in
das war die zweite Phase der Sklaverei, die schwarze
ei. Und sogar nach Abschaffung der Sklaverei in den
en ist diese in manchen Kolonieen durch Einstellung der
^ csetzt worden, und das ist die gelbe Sklaverei. Aber
len dieses Wiederaufleben der Sklaverei im Kolonial-
«eiseite lassen und zu dem Augenblick zurückkehren, in
die antike Sklaverei zugleich mit dem römischen Welt-
flöste. Wird der Arbeiter dann frei werden? Noch
f dem Lande, wo er noch unter dem Joche der Leib-
tft bleiben wird, die nur eine gemilderte Sklaverei
. Aber in den Städten wird er eine verhältnismäßig
e, aber kurze Zeitspanne durchleben, ein lichtvolles
«spiel sozusagen in der Geschichte der Arbeit, obgleich
wer von der Finsternis des Mittelalters spricht — es
Zeit des „Handwerkers", der sein Handwerkszeug
sitzt und nicht nötig hat, Lohnarbeiter in seinen Dienst
len oder es gar selbst zu werden.

;r diese Periode hat nicht lange gedauert — etwa fünf
&gt; Jahrhunderte — weil einerseits die befreiten oder
Städte geflohenen Leibeigenen ein neues Proletariat
und weil anderseits die zur Produktion erforderlichen
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