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        <title>Anfangsgründe der Volkswirtschaftslehre</title>
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            <forname>Charles</forname>
            <surname>Gide</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>1030856788</idno>
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  <text>
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        <pb n="1" />
        DES
IN8TITLTT3
FOtlt
WELTWIRTSCHAFT
BIBLIOTHEK
I  LS3LL
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        <pb n="2" />
        iyalberßadt
H.  Meyer  s  Buchdruckerei
Abteilung  Verlag
1925
        <pb n="3" />
        Ghmles  ffliDf
Professor  am  College  Se  (France
IKonorarprosessor  an  Ser  Pariser  lkechtssakultät
Überseht  von
        <pb n="4" />
        V

Alle  Rechte  vorbehalten.
A,

Druck  von  H.  Meyer's  Buchdruckerei,  Halberstadt.
        <pb n="5" />
        Vorwort.

Mit  diesem  Büchlein  haben  wir  nicht  die  Absicht,  einen
Abriß  der  Wirtschaftswissenschaft  zu  geben,  noch  weniger  ein
Wiederholungsbuch  für  Studenten  —  wir  wenden  uns  vielmehr ­
  an  diejenigen,  die  niemals  Volkswirtschaft  studiert
haben  und  möchten  in  ihnen  nur  den  Wunsch  rege  machen,  sie
kennen  zu  lernen.
Man  wird  demnach  hier  fast  keine  Begriffsbestimmung
finden,  keine  Erörterungen  oder  Darlegung  der  die  Gegenwart ­
  bewegenden  Fragen,  sondern  nur  einige  Bemerkungen
über  den  Ursprung  und  die  Entwicklung  der  soziologischen
Grundbegriffe  —  höchstens  etwa  ein  Dutzend,  die  das  Gewebe
der  Volkswirtschaft  bilden  —  und  wir  wollen  zeigen,  wie  sie
sich  allmählich  im  Geiste  der  Menschen  geformt  und  in  den
Einrichtungen  verwirklicht  haben.

Charles  Gide.
        <pb n="6" />
        Inhalt.
Seite

Inhaltsangabe  5
Kapitel  I.  Bedürfnisse  und  Arbeit.
Die  Ursprünge  der  Wirtschaftsbegriffe  bei  Kindern  und  Tieren  7
Die  ersten  Bedürfnisse:  die  ersten  Arbeiten.  —  Die  Arbeit
ohne  Mühe  8
Das  erste  Kapital:  die  Aneignung.  —  Das  Sparen.  —  Die
Werkzeuge.,—  Die  Erfindung  des  Feuers  13
Kapitel  II.  Tausch  und  Wert.
Wie  der  Tausch  entstanden  ist:  der  Diebstahl.  —  Schwierigkeiten ­
  der  ersten  Tauschgeschäfte.  —  Umstände,  die  sie
erleichtern.  —  Das  Geschenk  auf  Gegenseitigkeit  ...  19
Der  Wert:  seine  Bedeutung  25
Ursprung  des  Handels:  Ursprung  der  Handwerke.  —  Auftreten ­
  der  Händler  27
Kapitel  III.  Das  Geld.
Schwierigkeiten  des  Tauschhandels:  das  Königtum  des
Goldes.  —  Auflösung  des  Tauschhandels  in  Kauf  und
Verkauf  30
Magische  Gewalt  des  Geldes:  Anhäufer  von  Werten:  der
Schatz.  —  Befreiung  von  Arbeit.  —  Werkzeug  der  Gerechtigkeit. ­
  —  Der  gerechte  Preis  33
Was  macht  den  Vertrauens  wert  des  Geldes?  39
Kapitel  IV.  Eigentum  und  Erblichkeit.
Entwicklung  des  Eigentums.  Seine  fortschreitende  Ausdehnung. ­
  Die  ersten  Eigentumsgegenstände:  Eigentum
des  Hauses,  des  Landes.  Der  Großbesitz:  sein  Ursprung.
Die  Eroberung.  —  Das  nicht  materielle  Eigentum:  das
,  Wertpapier  in  der  Brieftasche;  das  Scheckbuch  ...  43
Die  Uebertragung  des  Eigentums:  die  Erblichkeit.  —  Das
mit  dem  Eigentümer  begrabene  Eigentum.  —  Das  Recht
zu  testieren.  —  Die  Familienerbfolge  49
Die  Sozialisierung  des  Eigentums:  Sozial  in  seiner  Entstehung, ­
  sozial  in  seinen  Endzielen.  —  Die  Pflichten  des
Eigentümers.  —  Die  Enteignung.  —  Die  Beschränkung
des  Eigentumsrechtes.  —  Das  Eigentum  ein  öffentliches ­
  Amt  52
        <pb n="7" />
        Sehe
Kapitel  V.  Pacht  und  Leihen  auf  Zins.
Der  Pachtvertrag:  seine  gegenseitigen  Vorteile.  —  Die  Landfrage. ­
  —  Warum  heutzutage  beruhigt?  57
Das  Leihen  auf  Zins:  seine  wechselseitigen  Vorteile.  —
Warum  jedoch  mehr  gescholten  als  der  Pachtvertrag?
—  Warum  eine  so  tragische  Geschichte?  —  Warum  ist
die  Lage  des  Leihers  und  Entleihers  heute  umgekehrt?  61
Die  Hausmiete  67
■  Der  Rentner  und  seine  glänzende  Vergangenheit;  seine
traurige  Zukunft  68
Kapitel  VI.  Lohn  und  Gewinn.
Das  Produktivmachen.  —  Die  notwendige  Zusammenarbeit
von  Kapital  und  Arbeit:  die  Sklaverei,  die  Leibeigenschaft;
die  Ursprünge  des  Lohuwesens.  —  Ob  der  Kapitalist
dem  Arbeiter  zu  leben  gibt.  —  Die  Lohnerhöhungen  .  70
Der  Gewinn:  Definition;  Erklärung.  —  Rolle  des  Glückszufalls ­
  beim  Gewinn.  —  Von  der  Ungleichheit  der
Glückszufälle  76
Die  Großindustrie:  die  Trusts.  —  Tie  Ansammler  von
Reichtümern  78
Die  Sozialisierung  der  Industrie  81
Kapitel  VII.  Wettbewerb  und  Zusammenarbeit.
Wie  es  in  der  Welt  nach  Ansicht  der  Volkswirtschaftler  zugeht ­
  :  der  Eigennutz;  das  Gesetz  von  Angebot  und  Nachfrage. ­
  —  Der  gleichmachende  und  den  Verbraucher
schützende  Wettbewerb.  —  Ehre  dem  Eigennutz!  ...  82
Doch  Illusionen  über  die  Wohltaten  des  Wettbewerbs:  seine
Sünden.  —  Die  beiden  Bedeutungen  des  Worts  Wettbewerb: ­
  Freiheit  der  Arbeit  oder  Kampf  ums  Dasein.  —
Wie  er  das  Bestreben  hat,  sich  selbst  zu  unterdrücken  .  85
Notwendigkeit,  an  eine  andere  Kraft  zum  Schutze  des  sozialen
Interesses  zu  appellieren:  Die  Tiergesellschaften.  —  Die
freie  Genossenschaft  in  dreifacher  Gestalt  89
        <pb n="8" />
        l)  Das  Büchlein  ist  großen  Teils  während  des  Weltlriegs  entstanden.

Kapitel  I.

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o&amp;gt;  //

Bedürfnisse  und  Arbeit.
In  der  neuen  Generation,  mag  sie  nun  aus  dem  Kriege
heimkehren  oder  noch  nicht  in  den  Krieg  gezogen  fein 1 ),  spürt
man  einen  großen  Durst  nach  Belehrung,  wenigstens  in  praktischen ­
  Fragen;  denn  was  die  allgemeine  Bildung  und  theoretische ­
  Fragen  anlangt,  so  ließe  sich  bedauerlicherweise  eher  eine
gewisse  Gleichgültigkeit  feststellen.
Wie  der  Titel  schon  besagt,  erhebt  dieses  Büchlein  nur
den  Anspruch,  einige  volkswirtschaftliche  Grundbegriffe  zu
geben.  Es  scheint,  als  ob  sie  für  die  Wirtschaftswissenschaft  ^
leichter  als  für  irgendeine  andere  Wissenschaft  zu  erwerben
sind,  weil  die  wirtschaftlichen  Tatsachen  uns  am  nächsten  berühren ­
  und  in  unser  alltägliches  Leben  verwebt  sind.
Und  doch  ist  dies  nicht  der  Fall.  Die  wirtschaftlichen  Tatsachen ­
  sind  durch  die  Entwicklung  so  mannigfach  geworden,
daß  sie  heutzutage  ein  Knäuel  bilden,  dessen  Fadenende  nur
äußerst  schwer  zu  entwirren  ist.  Deswegen  ist  der  beste  Weg
der,  zum  ersten  Ursprung  der  wirtschaftlichen  Begriffe  zurückzugehn. ­

Man  pflegt  zur  Erläuterung  der  volkswirtschaftlichen  Begriffe ­
  die  Geschichte  von  Robinson  heranzuziehn.  Und  wenn
auch  gewisse  Volkswirtschaftler  oder  andere  Leute  sich  über
die  sogenannten  Robinsonaden  lustig  machen,  so  soll  man
diese  Robinsonaden  doch  gewiß  nicht  verachten,  wenn  es
sich  darum  handelt,  die  besondere  Wirkung  irgendeiner
Ursache  zu  entdecken.  Es  ist  das  eine  Art  Ersatz  für  das
Experiment,  das  so  bewundernswerte  Ergebnisse  in  den
physikalischen  oder  naturwissenschaftlichen  Fächern  gezeitigt
hat,  das  aber  in  den  Gesellschaftswissenschaften  nicht  möglich
ist.  So  machen  wir  hier  ein  Experiment,  zwar  nicht  in  Wirk-
        <pb n="9" />
        8  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
lichkeit,  sondern  in  unserer  Phantasie.  Wir  nehmen  einen
Menschen,  wir  setzen  ihn  allein  auf  eine  Insel,  und  wir  verfolgen, ­
  wie  er  sich  verhalten  wird.
Aber  wenn  wir  zum  Urbeginn  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen ­
  zurückgehn  sollen,  so  wird  uns  die  Robinsoninsel
nur  wenig  lehren;  denn  Robinson  war  durchaus  nicht  ein
Urmensch.  Er  brachte  ja  auf  seine  Insel  alle  seine  erworbenen
Kenntnisse  mit,  wahre  geistige  Güter,  und  selbst  viele  materielle
Güter,  die  er  aus  dem  Schiffbruch  gerettet  hatte.
Vielleicht  könnten  uns  die  Kinder  —  die  kleinen  Kinder  —
besser  belehren.  Die  Kinderpsychologie  könnte  von  größtem
Nutzen  sein  zur  Erklärung  gewisser  wirtschaftlicher  Erscheinungen, ­
  und  meiner  Meinung  nach  hat  man  mit  Unrecht  ihr
Studium  unter  diesem  Gesichtspunkt  vernachlässigt.  Nichtsdestoweniger ­
  lebt  auch  das  kleine  Kind  unter  ebenso  künstlichen ­
  Bedingungen,  wenn  auch  in  umgekehrtem  Sinne  wie
Robinson.  Denn  man  kann  sagen,  es  ist  ein  Schmarotzer,  ein
allerliebster,  wenn  man  will,  aber  immerhin  befindet  es  sich
in  der  Lage,  die  dieses  Wort  besagt.  Es  empfängt  alles  und
gibt  nichts  dafür  zurück,  außer  seinem  Lachen  und  seinen
Küssen,  was  in  der  Wirtschaftsordnung  unzureichend  ist.
Sehen  wir  uns  anderswo  um:  da  sind  die  Tiere.  Bei
ihnen  werden  wir  die  ersten  Keime  der  Wirtschaftserscheinungen ­
  finden,  ja  sogar  die  wirtschaftlichen  Gesetze,  die  die
Menschen  leiten.  Denn  die  Volkswirtschaft  hat  ihre  Wurzeln
in  der  Biologie:  sie  ist  ein  Kapitel  der  Naturgeschichte,  der
Geschickte  des  §snu8  homo.
Tue  Bedürfnisse.  Bei  allen  Tieren  finden  wir  Bedürfnisse: ­
  das  ist  nun  für  uns  der  Ausgangspunkt  der  ganzen
Volkswirtschaft.  Bei  den  Tieren  sind  diese  Bedürfnisse  nicht
sehr  zahlreich;  sie  beschränken  sich  sogar  auf  bloß  zwei:  das
Nahrungsbedürfnis,  das  fast  den  einzigen  Platz  in  ihrem
Leben  einnimmt,  und  ferner  —  das  wollen  wir  nicht  vergessen ­
  —  das  Wohnbedürfnis.  Christus  hat  selbst  gesagt:  „Die
Füchse  haben  Gruben  und  die  Vögel  des  Himmels  Nester".
Es  gibt  in  der  Tat  kein  Tier,  das  nicht  eine  Wohnung  hätte,
mag  sie  auch  noch  so  bescheiden  sein,  aber  eine  Wohnung,  die
seinen  Bedürfnissen  entspricht.
Und  tun  wir  nur  nicht  zu  stolz;  dieselben  Bedürfnisse
nehmen  den  größten  Platz  im  Leben  des  Menschen  ein.  Wenn
man  die  Budgets  der  Arbeiterfamilien  vornimmt,  wird  man
feststellen,  daß  die  Ernährung  ungefähr  zwei  Drittel  des  Haushalts ­
  darstellt  —  zwischen  60  und  65%,  je  nachdem  es  sich  um
        <pb n="10" />
        Bedürfnisse  und  Arbeit.

S

eine  mehr  oder  weniger  reiche  Familie  handelt.  Die  Wohnung
beanspruchte  letzthin  15  bis  16%  (und  wieviel  mehr  demnächst!) ­
  vom  Budget  der  Arbeiterfamilie,  so  daß  beides  zusammen ­
  80%,  vielleicht  bald  90"/«  vom  Haushalt  der  Arbeiterklassen ­
  darstellen.  Was  bleibt  ihnen  für  alle  anderen  Bedürfnisse, ­
  die  den  Menschen  über  das  Tier  erheben?
Natürlich  besteht  bei  den  Tieren  das  Kleidungsbedürfnis
nicht.  Sie  haben  damit  nichts  zu  tun,  da  ja  die  Natur  dafür
gesorgt  und  sie  prächtig  gekleidet  hat,  sogar  so  prächtig,  daß
wir  Menschen  (und  besonders  die  Damen)  von  den  hinterlassenen ­
  Kleidern  der  Tierwelt  leben,  von  ihrem  Fell,  ihrer
Wolle,  ihrem  Pelzwerk,  ihren  Federn  und  ihren  alten  Zähnen
(die  wir  Elfenbein  nennen),  kurz  von  allem,  was  sie  bei  Lebzeiten ­
  getragen  haben.
Trotzdem  scheint  es  bei  näherem  Zusehn,  als  ob  schon  bei
den  Tieren  gewisse  ästhetische  Bedürfnisse  vorhanden  sind;
denn  es  gibt  gewisse  Gattungen,  die  an  den  glänzenden  Gegenständen ­
  Gefallen  finden.  In  Asien  kommt  ein  Rebhuhn  vor,
das  sich  Wohnungsschmuck  herstellt,  indem  es  an  den  in  seiner
Umgebung  stehenden  Bäumen  alle  Glasscherben  aufhängt,
die  es  finden  kann.  Und  was  bemerkenswert  ist:  das  Bedürfnis
nach  Schmuck,  das,  wie  man  denken  möchte,  doch  erst  auf  der
letzten  Stufe  der  Entwicklung  kommen  müßte,  tritt  in  der
Geschichte  der  Menschheit  sogleich  nach  der  Nahrung  und
Wohnung  auf,  aber  vor  der  Kleidung;  denn  bei  den  Wilden
sorgt  man  erst  für  den  Schmuck,  ehe  man  an  Kleidung  denkt,
und  man  kann  sogar  sagen:  sie  kleiden  sich  nur,  um  „sich  schön
zu  machen".
Das  sind  die  Bedürfnisse  der  Tiere:  obgleich  sie  genügen
ihr  Leben  auszufüllen,  sind  sie  sehr  beschränkt.  Muß  man
daraus  eine  Lehre  für  uns  ziehen  und  sagen,  die  Menschen
müßten  auch  ihre  Bedürfnisse  auf  ein  Mindestmaß  beschränken?
Das  ist  ein  Gegenstand  der  Überlegung,  der  die  Grenzen  dieses
Büchleins  bei  weitem  überschreiten  würde.  Begnügen  wir
uns  damit,  vor  einem  Mißverständnis  zu  warnen.  Gewiß  ist
„das  einfache  Leben"  nicht  nur  ein  sittliches  Ideal,  es  ist  auch
ganz  besonders  in  der  Gegenwart,  eine  gebieterische  wirtschaftliche ­
  Pflicht.  Doch  hüte  man  sich,  in  dieser  Empfehlung  des
einfachen  Lebens  einen  Rat  zu  sehn,  zum  tierischen  Leben
zurückzukehren  und  unsere  Bedürfnisse  auf  Nahrung  und
Wohnung  zu  beschränken.  Einfach  leben  bedeutet  nicht,  uns
unser  Lebelang  mit  unserem  Tisch  und  unserer  Wohnung  zu
beschäftigen.  Es  bedeutet  im  Gegenteil,  jene  tierischen  Bedürs-
        <pb n="11" />
        10  Anfaiigsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
nisse,  insbesondere  das  der  Nahrung,  auf  ein  Mindestmaß
einzuschränken,  und  sie  durch  Bedürfnisse  höheren  Ranges,
geistige  und  sittliche,  zu  ersetzen,  die  weder  große  Ausgaben
noch  großen  Luxus  erfordern,  die  aber  das  Leben  besser  ausfüllen ­
  können.  Einfaches  Leben  besagt  nicht  Unterdrückung
des  Luxus;  es  bedeutet  den  materiellen  durch  geistigen  Luxus
ersetzen,  und  das  steht  in  keiner  Beziehung  zur  Wirtschaft
der  Tiere.
Die  Arbeit.  Jetzt  wollen  wir  sehn,  wie  die  Tiere  ihre
Bedürfnisse  befriedigen.  Geschieht  es  durch  Arbeit?  Nicht
bei  allen:  denn  man  kann  das  von  den  Pflanzenfressern  nicht
behaupten:  Abgrasen  ist  keine  Arbeit.  Doch  kann  man  wohl
behaupten,  daß  diejenigen,  die  von  Körnern,  Beeren  oder
Wurzeln  leben  und  die  überall  ein  wenig  herumschnüffeln
müssen,  um  sich  eine  einträgliche  Ernte  zu  verschaffen,  eine
Arbeit  leisten.  Jedenfalls  muß  man  es  von  den  Fleischfressern
sagen:  sie  arbeiten  im  strengen  Sinne  des  Wortes.  Ihr
ganzes  Leben  ist  mit  Jagd  oder  Fischfang  ausgefüllt  —  das
sind  sehr  wohl  Arbeiten,  und  sogar  Arbeiten,  die  gewaltige
körperliche  Anstrengungen  erfordern.  Und  das  Menschengeschlecht ­
  hat  Jahrtausende  lang  kaum  andere  Arbeit  geleistet
als  diese  drei:  Sammeln,  Jagd  und  Fischfang.
Gehen  wir  von  der  Nahrung  zur  Wohnung  über,  so
finden  wir,  daß  dies  Bedürfnis  bei  den  Tieren  nicht  nur
Arbeiten  erfordert,  sondern  wirkliche  Geschicklichkeiten  in
wunderbarer  Mannigfaltigkeit.  Schon  der  Vogel  ist  in  dieser
Hinsicht  viel  fortgeschrittener  als  die  Säugetiere.  Man  weiß,
mit  welcher  Kunst  und  Liebe  er  sein  Nest  baut,  und  wie  verschiedenartig ­
  die  Vogelnester  sind.  Es  gibt  sogar  Vögel,  wie
z.  B.  die  Goldamsel,  die  ihre  Nester  herstellen,  indem  sie
Blätter  zusammennähen.
Aber  besonders  in  der  Wunderwelt  der  Insekten  staunen
wir  über  die  verschiedenartigsten  Fertigkeiten:  die  einen  sind
Wühltiere,  andere  bearbeiten  Holz,  andere  die  Erde,  wieder
andere  Steine;  es  gibt  auch  welche,  die  Totengräber  sind,
nämlich  die  Aaskäfer.  Eine  Bienenart  tapeziert  ihr  Nest  mit
Blütenblättern  aus.  Es  gibt  kaum  einen  Unterschied  zwischen
den  Fertigkeiten  der  Tiere  und  denen  der  Menschen,  außer
daß  dort  jede  Art  nur  ein  Handwerk  ausübt,  während  das
Menschengeschlecht  sie  allesamt  vereinigt.
Indessen  _  scheint  es  doch,  daß  zwischen  der  Tier-  und
Menschenarbeit  ein  anderer  Unterschied  besteht,  und  zwar  ein
so  wesentlicher,  daß  man  sich  fragen  darf,  ob  die  erste  über-
        <pb n="12" />
        11

Bedürfnisse  und  Arbeit.

Haupt  den  Namen  Arbeit  verdient.  Das  Charakteristische  an
der  Menschenarbeit  ist  zu  allen  Zeiten  die  Anstrengung,  die
Mühe:  „Du  sollst  im  Schweiße  Deines  Angesichts  arbeiten".
Kann  man  von  den  Tieren  sagen,  daß  sie  im  Schweiße  ihres
Angesichts  arbeiten?  Dieser  Satz  scheint  nicht  nur  im  übertragenen ­
  Sinne  ungereimt:  er  ist  es  in  eigentlichem  Sinne.
Es  scheint  nicht,  daß  ihre  Tätigkeit  den  Charakter  einer  Aufgabe ­
  hat,  wie  das  für  den  Menschen  der  Fall  ist,  sondern  die
Arbeit  scheint  eher  eine  natürliche  Funktion  zu  sein.  Der
Vogel  baut  sein  Nest,  wie  er  zwitschert,  und  die  Biene  bereitet
ihren  Honig,  wie  sie  summt.  Man  kann  sie  sich  nicht  vorstellen, ­
  wie  sie  jeden  Morgen  sich  zuruft:  Auf  zur  Tagesarbeit!
—  Die  Arbeit  scheint  für  sie  eine  körperliche  Übung,  eine
Lebensform  —  dasselbe,  was  nach  dem  Bericht  der  Genesis
die  Arbeit  des  Menschen  vor  dem  Sündenfall  gewesen  sein
muß,  dort  im  Garten  Eden,  wo  er  nur  die  Früchte  von  den
Bäumen  zu  pflücken  hatte  —  als  ob  die  Tiere  nicht  in
den  Fall  mit  eingeschlossen  gewesen  wären  und  so  das  göttliche
Vorrecht  der  fröhlichen  Arbeit  behalten  hätten.  Aber  es  ist
für  die  Söhne  Adams  verloren  gegangen,  und  nicht  mit
Unrecht  hat  man  den  Menschen  definiert  als  das  faule  Tier.
Und  doch  sagt  der  Mensch  gern,  daß  die  Tiere  Faulpelze
sind.  Wäre  es  für  die  Haustiere  wahr,  so  ist  es  wohl  entschuldbar, ­
  da  diese  ja  nur  Sklaven  sind  und  daher  nur
Sklavenarbeit  zu  liefern  haben.  Aber  selbst  im  Hinblick  auf
diese,  welche  Ungerechtigkeit,  wenn  man  an  die  Tätigkeit  des
Hunds  auf  der  Jagd  denkt,  wo  er  den  ganzen  Tag  keuchend
umherläuft,  um  seinem  Herrn  das  Wildpret  zuzutragen,  oder
an  den  Ochsen  am  Pflug,  das  Pferd  im  Geschirr!  Welcher
Arbeitgeber  wäre  nicht  glücklich,  wenn  er  heutzutage  Lohnarbeiter ­
  hätte,  die  nicht  fauler  wären  als  jene  treuen  Arbeitsgefährten? ­

Was  die  wilden  Tiere  angeht,  so  ist  es  ja  richtig:  wenn
sie  ihre,  wie  ich  eben  gezeigt,  sehr  einfachen  Bedürfnisse  befriedigt ­
  haben,  so  fühlen  sie  nicht  das  Bedürfnis,  sich  weiteren
Anstrengungen  auszusetzen.  Folglich  ruhen  sie  sich  aus;  das
will  nicht  besagen,  daß  sie  faul  sind,  das  besagt  nur,  daß  sie  nur
das  Notwendige  tun.
Es  bliebe  nun  noch  zu  erfahren,  warum  die  Arbeit  für
den  Menschen  nicht  ebenso  heiter  und  leicht  ist  wie  für  das
Tier.  Warum  trägt  sie  den  Charakter  eines  Fluches?  Man
kann  es  sich  nur  zu  leicht  erklären,  wenn  es  sich  um  die  Arbeit
handelt,  unter  der  das  Menschengeschlecht  Jahrhunderte  lang
        <pb n="13" />
        12  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
geseufzt  hat  —  Arbeit  des  Sklaven,  Arbeit  des  Leibeigenen  —
und  selbst  in  neuerer  Zeit  und  bis  vor  kurzem,  die  Arbeit  des
Lohnangestellten.
Aber  das  Problem  wird  verwickelt  dadurch,  daß  es  ebenso
mit  der  freien  Arbeit  steht.  Der  Beweis  ist  die  Einrichtung
der  Sklaverei  an  sich.  Es  ist  klar,  daß  die  Alten,  die  die
Sklaverei  aufgebracht  haben,  freie  Menschen  waren,  und
wenn  sie  auf  den  Gedanken  verfallen  sind,  andere  für  sich
arbeiten  zu  lassen,  so  geschah  das,  weil  sie  selbst  Widerwillen
gegen  die  freie  Arbeit  empfanden.
Sie  wollten  sich  der  Frohnarbeit  entziehn,  ebenso  wie  vor
einem  halben  Jahrhundert,  bei  der  militärischen  Aushebung,
die  reichen  Leute  sich  Stellvertreter  bezahlten,  die  den  Militärdienst ­
  an  ihrer  Statt  ableisteten.
Man  hat  sich  gefragt,  ob  man  nicht  die  Arbeit  des  Menschen ­
  zu  einer  Art  normaler  Betätigung  machen  könnte,  zu
einer  Freude.  Sully-Prudhomme  hat  gesagt:
Wenn  ich  Gott  wäre,
Würden  die  schönen  Früchte  ohne  Schale  reifen.
Die  Arbeit  würde  nur  noch  ein  Spiel  sein,
Und  wir  würden  nur  noch  tätig  sein,  um  unsere
Kräfte  zu  spüren  —
Wenn  ich  Gott  wäre.
Nun,  wenn  ich  Gott  wäre,  würde  ich  mich  zweimal  bedenken, ­
  ehe  ich  diesen  Wunsch  des  Dichters  befriedigen  würde.
Ich  _  wäre  nicht  sicher,  daß  ich  der  Menschheit  einen  Dienst
erwiese,  wenn  ich  aus  der  Arbeit  „ein  Spiel"  machte,  und
sogar  nicht,  wenn  ich  sie  zu  einer  einfachen  natürlichen
Funktion  machte,  wie  die  der  Tiere.
Beachten  wir  in  der  Tat,  daß  diese  Idee  der  Pein,  des
Zwanges,  die  mit  der  Arbeit  verbunden  ist,  die  Quelle  der
Kultur  selbst  gewesen  ist.  Sie  ist  das  Gesetz  der  Welt  gewesen,
denn  dank  dieser  Idee,  gerade  weil  er  nicht  zu  arbeiten  liebt,
sucht  der  Mensch  mit  allen  Mitteln  —  Ausnutzung  der  Naturgesetze, ­
  Maschinen,  Zusammenschluß,  Arbeitsteilung  —  seine
Pein  zu  verringern  (das  nennt  man  das  Gesetz  der  geringsten
Kraftanstrengung,  oder  in  gelehrteren  Ausdrücken,  das  hedonistische ­
  Prinzip,  welches  die  Grundlage  der  ganzen  Volkswirtschaft ­
  bildet).  Wie  man  es  sehr  gut  ausgedrückt  hat,  der  Mensch
arbeitet  wunderbar,  um  sich  von  der  Arbeit  zu  drücken  —
gerade  wie  man  gehört  hat,  daß  man  den  Weltkrieg
geführt  habe,  um  keinen  weiteren  Krieg  führen  zu
müssen  —  aber  der  Mensch  scheint  dabei  keinen  besseren  Erfolg
        <pb n="14" />
        Bedürfnisse  und  Arbeit.

13

gehabt  zu  haben.  Er  spielt,  so  scheint  es,  die  Rolle  des  Genarrten, ­
  indem  er  sich  Herkulesarbeiten  auflädt,  um  seine
Aufgabe  zu  vermindern.  Aber  diese  Rolle  des  Genarrten,
welche  die  Natur  ihn  spielen  läßt,  ist  ein  Segen.  Glückliche
Täuschung  über  das  Ziel,  das  vor  ihm  flieht,  und  das  mit  dem
Tage  stehen  bleiben  würde,  an  dem  die  Arbeit  nur  noch  das
Summen  der  Biene  oder  das  Zwitschern  des  Vogels  sein
würde,  oder  nur  das,  was  ein  von  mir  sehr  geschätzter
Sozialist,  Fourier,  unter  der  Bezeichnung  „anziehende  Arbeit"
verwirklichen  wollte.
Wir  wollen  also  nicht  bedauern,  daß  die  Arbeit  für  die
Menschen  etwas  anderes  ist  als  für  die  Tiere,  daß  sie  aufgehört
hat,  eine  einfache  natürliche  Funktion  zu  sein;  wir  wollen  auch
nicht  wünschen,  daß  sie  eine  Art  Sport  wird;  denn  dann  würde
sie  unproduktiv  sein.  Wir  wollen  ihr  vielmehr  mit  Teilnahme
auf  jenem  langen  und  mühevollen  Aufstieg  folgen,  wo  sie  sich
bei  jeder  Etappe  veredelt:  zunächst  kennt  sie  als  einzigen
Beweggrund  die  Peitsche,  dann  den  Zwang,  schon  unter  einer
gemilderten  Form,  der  aber  nichtsdestoweniger  die  Notwendigkeit, ­
  das  tägliche  Brot  zu  verdienen,  bedeutet;  dann  den
Eigennutz,  der  einen  immer  größeren  Anteil  an  den  Früchten
der  Arbeit  für  sich  beansprucht.  Und  wenn  dann  die  Arbeit
sich  endlich  zur  Würde  des  Dienstes  an  der  Allgemeinheit
emporhebt,  dann  wird  sie  keinen  andern  Beweggrund  mehr
zulassen  als  das  öffentliche  Wohl  und  die  Pflicht  der
Solidarität.
übrigens  scheint  diese  Entwicklung  der  Arbeit,  die  zu
einem  Dienst  an  der  Gesellschaft  geworden  ist,  schon  in  gewissen
Tiergemeinschaften  verwirklicht  zu  sein:  mit  Gewißheit  kann
man  von  der  Biene  behaupten,  daß  sie  nicht  für  sich,  sondern
für  den  Stock  arbeitet,  und  daß  sie  sich  zweifellos  dessen
bewußt  ist.
Das  Kapital.  Soviel  über  den  Ursprung  der  Arbeit,  aber
nun  zu  einem  anderen  Begriff,  der  schon  bei  den  Tieren  erscheint, ­
  nämlich  zu  dem  des  Eigentums.  Eigentum  ist  hierfür
ein  zu  anspruchsvolles  Wort;  denn  es  hat  durch  vielhundertjährige ­
  Entwicklung  einen  ganz  bestimmten  Sinn;  wir  wollen  lieber
Aneignung  sagen,  das  soll  heißen  jene  Neigung  des  Lebewesens, ­
  in  der  Außenwelt  gewisse  Dinge  zu  sehn,  die  seinen
Bedürfnissen  zu  entsprechen  scheinen,  die  bei  ihm  das  Begehren
hervorrufen,  und  die  es  sich  dann  anzueignen  sucht,  „zu  seinem
eigenen  zu  machen"  im  tieferen  Sinne  des  Wortes.  Nun  ist
        <pb n="15" />
        14  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
die  erste  Tätigkeit  der  Aneignung,  um  eine  Sache  zu  der  seinen
zu  machen,  die,  sie  in  sich  aufzunehmen,  sie  zu  verzehren.
Man  braucht  nur  auf  die  kleinen  Kinder  zu  achten.  Wie
sie  in  ihren  Fäustchen  den  Gegenstand,  den  man  ihnen  gibt,  festhalten, ­
  und  wie  sie  schreien  oder  weinen,  wenn  man  ihn  ihnen
abnehmen  will.  Sie  besitzen  den  Instinkt  der  Aneignung  im
höchsten  Grade.  Wie  bringen  sie  ihn  zum  Ausdruck?  Indem
sie  den  Gegenstand  an  den  Mund  führen,  um  ihn  hinunterzuschlucken, ­
  weil  es  kein  besseres  Mittel  gibt,  sich  einen  Gegenstand ­
  anzueignen  als  ihn  in  sich  aufzunehmen,  ihn  in  den
Körper  einzuverleiben.  Das  tun  die  Tiere  auch.  Sie  kennen
auch  die  Aneignung  unter  dieser  Gestalt  des  sofortigen  Verzehrens.

Folgendes  sagt  ein  englischer  Naturforscher,  Thompson
Selton,  in  einem  Aufsatz  des  Century  Magazine,  vom
Februar  1908,  über  die  Sitten  der  Tiere:
„Eines  Tages  vergnügte  ich  mich  damit,  Eichkätzchen
Nüsse  hinzuwerfen;  die  Nuß  fiel  zu  Boden,  sie  gehörte  noch
niemand.  Da  stürzten  sich  alle  Eichkätzchen  auf  einmal  über
sie  her.  Aber  das  erste,  das  sie  mit  seinen  Zähnen  faßte  und
so  davon  Besitz  ergriffen  hatte,  wurde  als  rechtmäßiger  Eigentümer ­
  angesehn.  Nach  einigen  Sekunden  konnte  sein  Recht
nicht  mehr  in  Frage  stehn".
Hier  erscheint  die  Aneignung  nur  in  Gestalt  des  Verbrauchs. ­
  Aber  es  geht  noch  einen  Grad  weiter.  Es  ist  möglich,
daß  das  Tier  nicht  sofort  den  Gegenstand  verzehrt  und  ihn
beiseite  legt.  Es  gibt  Tiere,  die  das  tun,  besonders  das  Eichkätzchen, ­
  ebenso  der  Hund.  In  diesem  Augenblick,  wo  es  sich
um  den  Gegenstand  handelt,  der  nicht  sofort  verzehrt  werden
kann,  beginnt  der  wirkliche  Besitz,  in  jenem  Sinne,  daß  er  sich
auf  ein  Objekt  erstreckt,  welches  vom  Subjekt  getrennt  ist  und
sich  in  einer  mehr  oder  weniger  bedeutenden  Entfernung  von
ihm  befindet.
Hören  wir  unsern  englischen  Naturforscher  weiter:
„Wenn  es  (das  Eichkätzchen)  Hunger  hatte,  fraß  es  sogleich
die  Nuß;  wenn  es  kein  Bedürfnis  nach  Nahrung  empfand,
drehte  es  sie  drei  oder  viermal  im  Mäulchen  herum  und  versteckte ­
  sie  dann  in  seinem  Lager  für  Wintervorräte".
Und  warum  drehte  es  sie  drei  oder  vier  Mal  im  Mäulchen
herum?  Gerade  wie  das  kleine  Kind,  von  dem  ich  soeben
gesprochen  habe,  das  sofort  den  Gegenstand  zum  Munde  führt,
weil  es  ihn  herunterschlucken  möchte.  Indessen  ist  das  Eichkätzchen ­
  klüger  als  das  Kindchen.  Es  weiß  genau,  daß  es  seine
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        iw‘"fflfwnwnT

Bedürfnisse  und  Arbeit.  15
Nuß  nicht  herunterschlucken  kann,  ohne  sie  aufzuknacken.  Nun
steckt  es  sie  ins  Mäulchen,  „damit  sie  seinen  Geruch  annimmt
und  so  leicht  von  den  anderen  und  von  ihm  selbst  zu  erkennen
ist,  wenn  sie  in  einem  Versteck  verborgen  ist,  wo  es  sie  wiederfinden ­
  wird".  Es  setzt  sein  Eigentumssiegel  darauf  durch  eine
Geste,  die  eine  Besitzergreifung  bedeutet  (inanolpsttio
werden  spättzr  die  römischen  Rechtsgelehrten  sagen).
Demnach  beginnt  die  Aneignung  in  dem  Augenblick,  wo
sie  sich  vom  eigentlichen  Verbrauch  loslöst,  um  sich  in  der
Gestalt  der  Ersparnis,  der  Vorratswirtschaft  fortzusetzen.
Aber  das  Eigentum  setzt  sich  bei  den  Tieren  auch  noch
unter  einer  andern,  und  zwar  recht  menschlichen,  Form  durch
—  das  ist  der  Diebstahl.  Die  Tiere  bestehlen  sich  oft  gegenseitig: ­
  die  Raubmöwen,  die  den  von  einem  andern  gefangenen
Fisch  stehlen  und  die  sich  so  als  Sonderart  von  Schmarotzern
erweisen;  und  in  der  Jnsektenwelt  die  Hornisse.  Es  ist  das
Gefühl  des  sehr  ausgeprägten  Eigentums.  Man  kennt  das
berühmte  Wort  Proud'hons:  „Eigentum  ist  Diebstahl".
Uber  die  Formel  läßt  sich  sicher  streiten,  aber  sie  wird  indiskutabel, ­
  wenn  man  sie  umkehrt  und  sagt:  Diebstahl  ist  Eigentum. ­
  Es  ist  in  der  Tat  klar,  daß  es  keine  Diebe  gäbe,  wenn
es  keine  Eigentümer  gäbe.  Die  Tiere  nun  haben  vollkommen
das  Gefühl,  daß  der  von  ihnen  gestohlene  Gegenstand  das
Eigentum  eines  andern  ist.
Die  Tiere  haben  nicht  nur  das  Gefühl  für  die  individuelle
Aneignung  der  Verbrauchsgegenstände.  Sie  haben  es  auch
für  die  Wohnung:  die  Biene  verteidigt  ihren  Stock,  der  Vogel
sein  Nest,  wie  der  Hund  sein  Lager,  gar  nicht  zu  reden  von  der
Art,  wie  er  das  Eigentum  seines  Herrn  verteidigt.
Sie  haben  auch  den  Begriff  des  Kollektiveigentums.
Bekannt  ist  die  Geschichte  von  den  Konstantinopeler  Hunden,
welche  die  Jungtürken  auf  eine  Insel  verbannt  haben,  um  sie
dort  Hungers  sterben  zu  lassen  —  übrigens  eine  der  gemeinsten
Handlungen,  die  sie  begangen  haben.  Diese  Hunde  hatten
ihre  besonderen  Stadtviertel,  und  es  war  dem  Bewohner  des
einen  Viertels  verwehrt,  in  ein  anderes  zu  kommen.  Wenn
er  sich  dorthin  wagte,  so  heftete  sich  die  ganze  Meute  dem  Eindringling ­
  an  die  Fersen  und  verfolgte  ihn  bis  zur  Grenze,  wo
sie  dann  anhielt,  in  der  Erkenntnis,  daß  da,  wenn  auch  unsichtbar, ­
  die  Schranke  ihres  Gebiets  war.
Bei  uns,  bei  den  Menschen,  nimmt  das  Eigentum  im  allgemeinen ­
  die  Gestalt  des  Kapitals  an.  Findet  sich  dieser
Begriff  des  Kapitals  bei  den  Tieren  wieder?  Ja  und  nein.
        <pb n="17" />
        16  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
Ja,  wenn  man  sich  an  das  Kapital  in  seiner  einfachsten  Gestalt
hält,  welches  Rücklage  an  Lebensmitteln  bedeutet,  die  zum
Verbrauch  nach  Ablauf  einer  gewissen  Zeit  bestimmt  ist.  .  .
Das  Eichhörnchen  hat  Verstecke,  in  die  es  seine  Nüsse  bringt.
Es  wendet  sogar  den  Grundsatz  an,  den  die  Familienväter  bei
uns  haben,  die  Kapitalisten,  nämlich,  nicht  „alle  seine  Eier  in
denselben  Korb  zu  legen",  das  heißt,  nicht  alle  Werte  in  dasselbe ­
  Unternehmen  hineinzustecken;  das  Eichkätzchen  hat
mehrere  Verstecke,  damit  ihm,  wenn  eines  verloren  ist,  noch
andere  bleiben.  Darin  liegt  ein  erstaunlich  ausgesprochenes
Gefühl  der  Vorsorge.  Muß  man  von  dem  Bienenstock  sprechen
und  den  Honigvorräten,  die  dort  angehäuft  sind?  oder  von  den
Speichern  der  Ameise?  Man  sprach  soeben  von  den  faulen
Tieren;  die  Meinung  Salomons  ist  das  nicht,  der  in  den
Sprüchen  sagt:  „Fauler,  geh  zur  Ameise  und  sie  wird  Dich
belehren".
Was  aber  das  Kapital  charakterisiert,  ist,  daß  der  gesparte
Reichtum  zum  Zweck  hat,  der  Produktion  eines  neuen  Reichtums ­
  zu  dienen.
Kehren  wir  einen  Augenblick  zu  Robinson  zurück.  Wenn
Robinson  seine  Vorkehrungen  ganz  wie  das  Eichhörnchen  oder
die  Bienen  oder  die  Ameise  traf,  so  geschah  das  nicht  nur  in
der  Absicht,  seine  Vorräte  im  Winter  zu  verzehren  und  sie  für
die  schlechten  Tage  aufzusparen,  sondern  vor  allem,  damit  er
imstande  war,  in  Muße  Instrumente  herzustellen,  zum  Beispiel
sein  Boot  zu  bauen.  Während  er  dies  Boot  baute,  konnte  er
nicht  auf  die  Jagd  gehn,  und  folglich  hätte  er  es  nicht  bauen
können,  wenn  er  nicht  Vorräte  gehabt  hätte,  die  ihn  von  seiner
täglichen  Arbeit  entlasteten.  Deshalb  waren  Robinsons  Vorräte ­
  wirklich  ein  Kapital,  das  heißt  ein  Produktionswerkzeug.
Nun  scheint  das  aber  für  die  Tiere  nicht  der  Fall  zu  sein:
jene  Vorräte  des  Eichhörnchens,  der  Biene  oder  sogar  der
Ameise  scheinen  nur  eine  Aufspeicherung  zu  bedeuten,  das
heißt,  ein  Schatz,  der  aufgespart  ist,  einzig  und  allein,  um  aufgezehrt ­
  zu  werden.
Es  gibt  auch  eine  andere  Auffassung  vom  Kapital:  das
„stehende  Kapital",  wie  man  es  in  der  Volkswirtschaft  nennt
(im  Gegensatz  zum  „umlaufenden  Kapital",  von  dem  wir  soeben
gesprochen  haben),  das  sind  die  Instrumente,  Maschinen,  die
Kunstwerke.  Finden  wir  sie  bei  den  Tieren?  Man  sagt  im
allgemeinen:  nein.  Man  definiert  sogar  den  Menschen  als
den  „Hersteller  von  Werkzeugen"  (tool-maker).  Es  ist  ja
wahr,  das  Tier  hat  keine  Werkzeuge  hergestellt,  aber  vielleicht
        <pb n="18" />
        Bedürfnisse  und  Arbeit.

17

aus  demselben  Grunde,  den  ich  soeben  bei  Gelegenheit  der
Kleidung  anführte:  weil  es  ihrer  nämlich  nicht  bedarf.  In
der  Tat  ist  es  von  der  Natur  für  die  einzige  Tätigkeit,  der  es
sich  widmet,  die  Jagd,  prächtig  mit  Waffen  ausgestattet,  sowohl
die  Säugetiere  und  Vögel,  wie  das  zahllose  Geschlecht  der
Insekten.'  Und  was  die  Herstellung  der  Wohnung  betrifft,  so
hat  zwar  die  Natur  den  Säugetieren  nur  die  Nägel  der  Wühltiere ­
  und  den  Vögeln  einen  ziemlich  ungeeigneten  Schnabel
verliehen,  aber  dafür  den  Insekten  sehr  komplizierte  Werkzeuge, ­
  die  sogar  den  Menschen  übertreffen.  Es  gibt  keinen
Bohrer,  keine  Säge,  keine  Spritze,  keinen  Stichel,  keine  Nadel,
die  man  nicht  in  jener  erschrecklichen  Welt  fände  und  die  nicht
bei  einer  Menge  von  Arbeiten  verwendet  würde.  Zu  welchem
Zweck  sollen  sie  sich  darauf  verlegen,  Besseres  zu  finden?  Und
doch  ist  es  nicht  vollständig  genau,  wenn  man  behauptet,  es
gäbe  keine  Tiere,  die  Werkzeuge  herstellen  können:  viele  von
ihnen  müssen  Fallen  fabrizieren,  um  das  Wildbret  zu  fangen.
Muß  man  noch  vom  Netz  der  Spinne  sprechen?  Das  ist  kein
Kleid  und  keine  Wohnung,  das  ist  eine  Falle  wie  das  Netz  des
Jägers  oder  Fischers.  Es  gibt  auch  andere:  zum  Beispiel  die
Grube  des  Ameisenlöwen,  eine  Falle,  in  die  er  das  Wildbret,
das  in  seine  Nähe  kommt,  hineinfallen  läßt,  indem  er  ihm
Sand  in  die  Augen  streut.
Wenn  man  also  eine  Grenzlinie  zwischen  der  Tier-  und
Menschenwelt  ziehen  will,  so  darf  man  sie  nicht  in  der  Herstellung ­
  der  Handwerkszeuge  suchen,  da  die  Tiere  diese  ja  in
einem  gewissen  Grade  kennen,  sondern  man  müßte  sie  in  der
Erfindung  des  Feuers  suchen.
Es  ist  seltsam,  daß  die  Tiere  niemals  das  Feuer  erfunden
haben,  umsomehr,  als  sie  es  sehr  lieben.  Man  braucht  nur
zu  sehn,  wie  ein  Hund  oder  eine  Katze  sich  am  Kamin  des
Salons  oder  am  Rauchfang  in  der  Küche  behaglich  streckt  und
wie  die  wilden  Tiere,  wenn  die  Karawanen  durch  die  Wüste
oder  den  Wald  ziehen,  sich  um  den  Feuerschein  scharen,  der
sie  anzieht  und  doch  schreckt.  Aber  weder  unter  denen,  die
sich  am  Kamin  wärmen,  noch  unter  denen,  in  deren  Augen  sich
zugleich  mit  den  Lichtern  des  offenen  Feuers  alle  Schrecken
des  Unbekannten  spiegeln,  hat  es  einen  Prometheus  gegeben.
Man  sagt  oft,  kein  Rauch  ohne  Feuer  —  man  kann  noch  eher
sagen,  daß  es  niemals  Feuer  ohne  den  Menschen  gegeben  hat.
An  dem  Tage,  an  dem  man  irgendwo  in  Afrika  einen  Kreis
wn  Affen  um  ein  Feuer  sitzend  findet,  das  sie  selbst  angezündet
jaben,  an  dem  Tage  wird  der  Mensch  in  ihnen  seine  Brüder
Gide,  Anfangsgrunde  der  Volkswirtschaftslehre.  2
        <pb n="19" />
        18  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
begrüßen  können,  aber  bis  dahin  wird  das  erste  Feuer,  das
den  Händen  des  Prometheus  entsprungen  ist,  über  der  ganzen
menschlichen  Rasse  leuchten  wie  jenes  Strahlenbüschel,  das  die
orientalischen  Legenden  den  Genien  auf  die  Stirne  setzen.
Nun  muß  ich  Abschied  von  denen  nehmen,  die  uns  bis
jetzt  als  Lehrer  in  den  Grundbegriffen  der  Volkswirtschaft
gedient  haben.  Mit  ihnen  geht  die  Einführung  in  die  Volkswirtschaft ­
  nicht  weiter.  Wir  lassen  sie  am  Wege  stehn.  Das
Menschengeschlecht  wird  reich  werden,  aber  sie  werden  arme
Teufel  bleiben.
        <pb n="20" />
        Kapitel  II.

Tausch  und  Wert.
Wir  stehen  erst  an  der  Schwelle  zur  Volkswirtschaft;  denn
die  eigentliche  Volkswirtschaft  beginnt  erst,  wenn  der  Mensch
in  der  Gesellschaft  lebt.
Die  politische  Ökonomie^)  ist  nicht,  wie  das  Wort  schon
besagt,  die  Wissenschaft  vom  Einzelwesen,  es  ist  eine  Gesellschaftswissenschaft. ­
  Das  Wort  „politische  Ökonomie"  ist  etymologisch ­
  von  drei  griechischen  Wörtern  abzuleiten,  die  besagen:
die  Stadt,  das  Haus,  das  Gesetz.  Die  Stadt  war  für  die
Griechen  dasselbe  wie  die  Nation,  so  daß  die  wörtliche  Übersetzung ­
  sein  würde:  die  Gesetze  des  nationalen  Haushalts.
Wie  der  Tausch  zustande  kommt.  Zur  Bildung  wirtschaftlicher ­
  Beziehungen  genügt  es  indes,  daß  zwei  Personen
vorhanden  sind.  Mit  dem  Tage,  wo  Freitag  Robinson  auf
seiner  Insel  aufsucht,  von  dem  Tage  ab,  wird  bekanntlich  der
Roman  interessanter,  weil  er  sich  mehr  dem  Leben  nähert.
Weshalb?  Weil  zwischen  zweien  sich  jene  erste  Handlung
vollziehen  kann,  welche  die  große  Tatsache  der  Wirtschaftswissenschaft ­
  darstellt,  welche  nach  einigen  Schriftstellern  sic  gar
ganz  und  gar  schafft:  der  Tausch.
Könnte  jedoch  der  Tausch  nicht  für  das  Einzelwesen
existieren?  Kann  man  nicht  sagen,  daß  für  den  Menschen,
sogar  wenn  er  allein  steht,  jede  Erzeugung,  in  einem  gewissen
Sinne  einen  Tausch  darstellt,  da  wir  unsere  Mühe  und  unsere
Zeit  durch  unsere  Arbeit  gegen  ein  erwartetes,  in  Rechnung
gestelltes  Ergebnis  eintauschen?  In  allen  Ländern  gibt  es
Legenden,  die  die  Geschichte  von  dem  Menschen  erzählen,  der
seine  Seele  dem  Teufe!  verkauft  hat;  es  ist  eine  Art  Tausch,
wenn  man  es  so  nehmen  will.
I)  An  dieser  Übersetzung  wird  statt  des  hier  vom  Verfasser  erliiuterten  Fremdworts ­
  der  deutsche  Begriff  „Volkswirtschaft"  angewandt.  Der  Übersetzer.

2*
        <pb n="21" />
        20  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
Aber  das  ist  nur  eine  Spitzfindigkeit  des  Denkens,  durch
die  wir  nachträglich  sozusagen  zur  Erklärung  in  unser  Inneres
das  der  Außenwelt  entlehnte  Bild  der  Erscheinungen
projizieren.
Kommen  wir  also  auf  den  wirtschaftlichen  Tausch  zurück.
Dieser  beginnt  wirklich  erst,  wenn  es  sich  um  einen  angeeigneten ­
  Gegenstand  handelt.  Der  erste  „Reichtum"  —  geben  wir
ihm  seinen  wahren  Namen  —■  erscheint  zum  ersten  Male,  ob
es  sich  nun  um  den  Honig  im  Stock  oder  um  die  vom  Eichkätzchen ­
  aufgesparten  Nüsse  handelt,  erst,  wenn  er  sich  von
der  Person  loslöst  und  ein  für  einen  andern  anzueignendes
Gut  bildet.  Und  alsbald  werden  diese  Güter  ein  Gegenstand
des  Neides  für  alle  diejenigen,  die  sie  nicht  haben,  seien  es
Menschen  oder  Tiere.
Aber  wie  werden  diese  Wesen,  die  sich  jenes  Gut  anzueignen ­
  wünschen,  in  seinen  Besitz  gelangen?  Sie  werden  es
stehlen.  Der  Diebstahl  ist  die  erste  wirtschaftliche  Handlung
und  der  Beweis  dafür  ist,  daß  der  Tausch  bei  den  Tieren
unbekannt  ist,  während  der  Diebstahl  von  ihnen  geübt  wird,
wie  wir  schon  gesagt  haben.  Ich  spreche  nicht  bloß  von  dem
durch  die  Haustiere  gegen  ihren  Herrn  begangenen  Diebstahl,
sondern  von  dem  Diebstahl,  den  sie  unter  sich,  unter  Kameraden, ­
  in  allen  Tiergattungen  verüben,  und  der  äußerst  häufig
vorkommt.  Die  armseligen  Schätze  der  Tiere,  der  vom  Hund
in  seiner  Hütte  versteckte  Knochen,  der  im  Stocke  aufgespeicherte
Honig,  all  das  bildet  den  Gegenstand  der  Begierde  der  anderen
Tiere,  und  um  ihn  sich  anzueignen,  kennen  sie  nur  ein  Mittel,
und  zwar  das  einfachste.
Ich  brauche  nicht  zu  sagen,  daß  es  beim  Menschengeschlecht
ebenso  ist,  daß  es  genau  so  angefangen  hat,  daß  bei  den  Menschen ­
  der  Diebstahl  längst  vor  dem  Tausch  geherrscht  hat,  und
daß  es  in  den  menschlichen  Gemeinschaften  Plünderer  und
Seeräuber  lange  vor  Kaufleuten  gegeben  hat.  Und  selbst  alZ
diese  auf  dem  Schauplatz  der  Wirtschaft  erschienen  sind,  war
es  oft  schwer,  sie  von  ihren  Vorgängern  zu  unterscheiden.  Der
Diebstahl  ist  schon  eine  Form  der  Aneignung  (oder  der  Enteignung, ­
  wenn  man  will),  der  bei  den  Tieren  angeboren,
triebhaft  ist,  wie  ich  soeben  gezeigt  habe,  während  der  Tausch
hingegen  keineswegs  eine  triebhafte  Handlung  darstellt.  Er
ist  eine  überlegte  Handlung,  die  nicht  im  Bereich  einer  primitiven ­
  Intelligenz  liegt.  Und  dies  ist  der  Grund:  der  Tausch
setzt  zuvor  eine  freiwillige  Güterabgabe  voraus.  Derjenige,
der  tauschen  will,  muß  sich  seines  Eigentums  begeben,  um  es
        <pb n="22" />
        21

Tausch  und  Wert.

&amp;gt;)  Siehe  Anmerkung  Seite  7.

einem  andern  abzutreten.  Nun  ist  diese  Entäußerung  ein
Opfer,  das  der  Natur  widerstrebt.  Man  braucht  nur  zu
beobachten,  ob  ein  kleines  Kind  sich  dessen,  was  man  ihm  gibt,
freiwillig  entäußert.  Man  sagt  ihm  vergebens:  „Gib  es  mir,
ich  werde  Dir  was  anderes  geben",  —  es  will  nichts  hören,
und  selbst  wenn  es  schließlich  den  Gegenstand  losläßt,  verlangt
es  ihn  sofort  wieder  zurück.
Und  man  kann  diese  Abneigung  gegen  das  Hergeben  begreifen, ­
  wenn  man  auf  die  Urzeiten  zurückgeht  und  daran
denkt,  mit  welcher  Arbeit  und  Mühe  der  Urmensch  den  besessenen ­
  Gegenstand  erzeugen  mußte.  Es  ist  Fleisch  von  seinem
Fleische!  Wenn  man  von  ihm  verlangt,  daß  er  die  Sache
herausgeben  soll,  ist  seine  erste  Bewegung  die  des  Sträubens.
Um  diesen  Seelenzustand  zu  begreifen,  muß  man  ihn  am
anderen  Ende  der  sozialen  Entwicklung  sehn,  nicht  bei  dem
Wilden,  sondern  bei  dem  Künstler.  Man  erzählt  von  dem
italienischen  Künstler  Benvenuto  Cellini,  daß  er  so  eifersüchtig
auf  seine  mit  Liebe  ausgemeißelten  Werke,  Becher  oder  Degenknaus, ­
  war,  daß  er  manchmal  mit  dem  Dolch  auf  denjenigen
losging,  dem  er  eines  von  ihnen  verkauft  hatte,  um  den
Gegenstand  wieder  in  seine  Hand  zu  bekommen.
Schließlich  gibt  es  viele  Gegenstände,  die  wir  nicht  verkaufen ­
  möchten,  selbst  nicht  um  guten  Preis,  wie  geliebte
Bücher  oder  Möbel.
Ohne  Zweifel  sagt  man  zum  Urmenschen:  „Ihr  beraubt
Euch  nur,  um  besseres  zu  bekommen".  Aber  dieses  Bessere,
das  man  ihm  zum  Tausch  vorschlägt,  ist  das  Unbekannte.  Er
kennt,  was  er  besitzt  und  dessen  er  sich  entledigen  soll,  und
'  weiß  noch  nicht,  was  er  erwerben  wird.  Er  ist  also  gezwungen,
eine  innere  Erwägung  anzustellen,  auf  die  eine  Wagschale  das
Opfer  zu  legen,  das  er  bringen  soll,  und  in  die  andere  Schale
den  Genuß,  den  er  erwartet.  Grausame  und  beängstigende
Wahl!  Ebenso  beängstigend  wie  die  des  Schiffbrüchigen,  der
sich  an  eine  Planke  klammert  und  dem  man  zuruft,  er  soll  sie
loslassen  und  das  Ankertau  ergreifen,  und  der  oft  lieber
untergeht,  als  daß  er  das  Brett  losläßt.  Eine  Alternative,
die  sich  bei  allen  Formen  und  Graden  des  Tauschs  findet,  von
den  einfachsten  bis  zu  den  höchsten,  bis  zu  dem  Grade,  der  im
Augenblick  Italien  zwingt,  Dalmatien  abzutreten,  um  Fiume
zu  bekommen').
Man  kann  sogar  sagen,  daß  der  Tausch  —  unter  der  von
uns  soeben  beschriebenen  rohen  Form  des  Tauschhandels  —
        <pb n="23" />
        22  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
erst  unter  ganz  besonderen  und  ausnahmsweisen  Bedingungen ­
  entstehen  konnte:  z.  B.  wenn  der  zum  Tausch  angebotene ­
  Gegenstand  in  der  Seele  dessen,  der  ihn  nicht  besaß,
ein  ganz  neues  Bedürfnis  geweckt  hat,  ein  wegen  seiner  Neuheit ­
  unwiderstehliches  Bedürfnis;  wie  wenn  man  einem
Wilden,  der  niemals  etwas  anderes  als  einen  Bogen  und
Pfeile  besaß,  eine  Flinte  angeboten  hat,  oder  manchmal  auch
ein  Kinderspielzeug,  eine  Spieldose,  eine  Flasche  Schnaps.
Solche  Wunderdinge  können  den  afrikanischen  Schwarzen  bestimmen, ­
  Gott  weiß  was  abzugeben,  um  sie  zu  erhalten.
Noch  ein  anderer  Umstand  kann  den  Tausch  ermöglichen,
wenn  nämlich  der  Gegenstand,  um  dessen  Abtretung  man  den
Besitzer  bittet,  für  ihn  überflüssig  ist,  was  der  Fall  ist,  wenn
er  ihn  doppelt  oder  dreifach  besitzt.  Ich  sagte  von  den  Kindern,
daß  sie  nicht  gern  tauschen  oder  abgeben,  aber  der  Schüler,
dessen  junge  Seele  schon  durch  die  Berührung  mit  seinen  Kameraden ­
  gereift  ist,  und  in  der  sich  schon  das  Interesse  Und
die  Begierde  eingenistet  haben,  der  lernt  Briefmarken  austauschen. ­
  Der  Briefmarkenhandel  ist  ein  typisches  Beispiel,
weil  eine  Briefmarkendoublette  keinen  Wert  hat,  außer  daß
sie  gerade  als  Tauschobjekt  dient.  Ein  Wilder  in  seiner  Sphäre
wird  ebenso  verfahren.  Wenn  er  etwas  doppelt  hat,  wird  er
unter  diesen  Bedingungen  einwilligen  können.  Aber  einem
Wilden  passiert  es  nicht  oft,  daß  er  etwas  doppelt  hat.  Er
ist  zu  arm,  um  Überfluß  zu  besitzen;  wie  könnte  er  zum  Tauschen ­
  geneigt  sein?
Richten  wir  unsere  Aufmerksamkeit  auf  diese  große  Tatsache, ­
  der  wir  soeben  nebenbei  begegnet  sind:  sie  ist  eins  der
größten  Gesetze  der  Volkswirtschaft,  das  Gesetz  der  Beschränkung ­
  der  Bedürfnisse.
In  der  Tat  ist  jedes  Bedürfnis  des  Menschen  insofern
beschränkt,  als  es  erlischt,  sobald  es  mit  einem  einzigen  Gegeüstand
  oder  mit  einer  Anzahl  Gegenständen  befriedigt  ist,  und
umso  schneller,  je  einfacher  und  primitiver  das  Bedürfnis  ist.
Der  Durst  wird  mit  einem  Glas  Wasser  gestillt,  und  würde
man  hundert  Glas  anbieten,  so  würden  sie  dem,  dessen  Durst
schon  gestillt  ist,  kein  Vergnügen  bereiten.  Mit  dem  täglichen
Brot  ist  es  ungefähr  ebenso.
Ganz  besonders  bei  den  Wilden  sind  die  Bedürfnisse  einfach, ­
  so  daß  die  Grenze  der  Sättigung  sehr  schnell  erreicht  ist;
wenn  sie  haben,  was  sie  brauchen,  so  haben  sie  kein  weiteres
Bedürfnis.
        <pb n="24" />
        23

Tausch  und  Wert.

In  dem  Maße  zwar,  wie  die  Bedürfnisse  verfeinerten
Grades  sind,  dehnt  sich  auch  ihre  Grenze  aus,  sie
dehnt  sich  fast  ins  Unendliche.  Man  kann  nicht  sagen,  wieviel
Kleinodien  oder  Spitzen  nötig  sind,  damit  eine  Frau  zum
Sättigungspunkt  gelangt.  Doch  das  Gesetz  bleibt  giltig.
Ein  anderer  Fall,  in  welchem  Tausch  leicht  ist,  selbst  beim
primitiven  Menschen  —  und  gerade  bei  ihm,  ist  der,  wenn
der  Nutzen  des  besessenen  Eigentums  nicht  unmittelbar  ist,
sondern  erst  zu  einem  mehr  oder  weniger  entfernten  Zeitpunkt
verwirklicht  werden  kann.  Dann  bewirkt  die  Kurzsichtigkeit
des  primitiven  Menschen,  daß  er  den  Gegenstand  als  für  den
Augenblick  unnütz  ansieht.  Es  kommt  häufig  vor,  daß  die  Eingeborenen ­
  von  Algier,  Marokko  oder  des  Orients  fast  für  ein
Nichts  das  Getreide  herausgeben,  das  sie  für  die  Aussaat  aufsparen ­
  müßten.  Sobald  dies  erst  für  das  nächste  Jahr  war,
dachten  sie,  der  Gegenstand  habe  keinen  großen  Nutzen  für  sie.
Man  berichtet  sogar,  daß  bei  gewissen  wilden  Stämmen  an
den  Usern  des  Amazoneustroms  die  Kurzsichtigkeit  derart  ist,
daß  man  leicht  die  Hängematte,  in  der  sie  schlafen  wollen,
erwerben  kann,  wenn  man  sie  früh  morgens  darum  bittet,  weil
der  kommende  Abend  für  sie  so  weit  entfernt  liegt  wie  für  uns
2000  Jahre;  wenn  man  aber  wartet,  bis  sie  müde  sind,  werden
sie  sich  gegen  einen  Verkauf  sträuben.
Endlich  müssen  wir  noch  eine  andere  Vorbedingung  bemerken, ­
  die  geeignet  ist,  den  Tausch  zu  erleichtern,  nämlich
die,  daß  der  Besitzer  des  Gegenstands  einem  gewissen  Motiv
von  Freigebigkeit,  von  Altruismus  gehorcht.  Nun  ist  dies  ein
Gefühl,  das  durchaus  nicht  etwa  das  Vorrecht  der  Zivilisierten
/  '  bildet  -—  weit  gefehlt.  Zu  allen  Zeiten  hat  es  in  jeder  menschlichen ­
  Seele  einen  Kain  und  einen  Abel  gegeben,  die  beiein-,
  ander  wohnen,  und  Abel  wird  nicht  immer  von  Kain  getötet,
|  wenn  er  auch  im  allgemeinen  schlummert.  Das  erklärt  jene
paradoxe  Feststellung,  daß  in  der  Wirtschaftsentwicklung  das
Schenken  deni  Tauschen  vorangegangen  zu  sein  scheint  —  mit
anderen  Worten:  der  Mensch  hat  sich  leichter  dazu  entschlossen,
das  Eigentum  umsonst  herzugeben  als  unter  einer  lästigen
Bedingung.
Ich  behauptete  soeben,  daß  der  Diebstahl  dem  Tausch
vorangegangen  sei,  dasselbe  können  wir  auch  vom  Schenken
behaupten,  und  das  bringt  die  menschliche  Natur  wieder  zu
Ehren.  Vielleicht  trifft  das  sogar  von  den  Tieren  zu.  Ich
weiß  nicht,  ob  man  ihnen  nicht  das  Ehrenzeugnis  ausstellen
könnte,  daß  sie  das  Schenken  kennen,  wenigstens  in  ihren  Fa-
        <pb n="25" />
        24  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
milienbeziehungen.  Es  genügt,  die  Freigebigkeit  einer  Henne
gegen  ihre  Küchlein  zu  beobachten,  wenn  sie  ein  Korn  gesunden ­
  hat.
Das  Geschenk  wird  ein  neuer  Weg  zum  Tausch  sein.  Es
wird  in  gerader  Linie  zu  ihm  hinführen,  wenn  wir  annehmen,
daß  das  Geschenk  gegenseitig  wird;  denn  worin  unterscheidet
sich  ein  wechselseitiges  Geschenk  vom  Tausch?  In  nichts,  als
in  der  Absicht.  Nun  findet  sich  das  Gegengeschenk  sehr  häufig
in  der  primitiven  Kultur,  es  ist  sogar  die  Regel:  man  braucht
nur  die  Berichte  sämtlicher  Afrikaforscher  zu  lesen.  Was
machen  sie?  Wenn  sie  zu  einem  Stamm  kommen,  so  schickt
ihnen  der  Häuptling  nach  den  Gesetzen  der  Höflichkeit  und
Gastfreundschaft  aller  wilden  Völker,  je  nach  seinem  Reichtum,
einen  Ochsen  oder  Hühner.  Aber  er  erwartet  ein  Gegengeschenk. ­
  Und  ebenso  wie  bei  den  offiziellen  Besuchen  fünf
Minuten,  nachdem  der  fremde  Fürst  seinen  Besuch  gemacht
hat,  der  Präsident  diesen  Besuch  erwidert,  ebenso  erfordert  die
Etikette  des  schwarzen  Duodezfürsten  die  gleiche  Erwiderung.
Deshalb  versäumt  kein  Forscher,  in  seinem  Gepäck  alle  Arten
Gegenstände  mit  sich  zu  führen,  die  als  Zahlungsmittel  oder
Geschenk  —  das  bleibt  sich  gleich  —  dienen  sollen.
Aber  man  braucht  gar  nicht  so  weit  zu  gehn.
In  gewissen,  etwas  abseits  liegenden  europäischen  Ländern, ­
  wo  es  keine  Gasthöfe  gibt,  herrscht  dieses  System  des
Gegengeschenks.  Ich  selbst  habe  vor  vielen  Jahren,  als  ich  in
Spanien  reiste,  in  Aragonien  die  Erfahrung  gemacht.  Es
war  in  einem  kleinen  Dorfe,  wo  es  keinen  Gasthof  gab;  es  ist
dort  Sitte  zum  Geistlichen  zu  gehn.  Er  gibt  einem  Logis,  er
beherbergt  einen  umsonst,  um  Gotteswillen,  selbstredend,  aber
es  wäre  äußerst  unschicklich,  wenn  man  ihm  am  andern  Tage
bei  der  Abreise  nicht  wenigstens  den  Gegenwert  des  Empfangenen ­
  erstattete.
Im  römischen  Recht  wird  der  Tausch  so  definiert:  „Ich
gebe,  damit  Du  gibst"  (äv  ut  des),  Gabe  für  Gabe.  Das
ist  eine  Art  Zeugnis  für  die  Entwicklung,  die  wir  aufgezeigt
haben.
übrigens  spricht  der  Schüler  unbewußt  dasselbe  aus,
wenn  er  zu  seinem  Kameraden  sagt:  „Gib  mir,  was  Du  hast;
ich  gebe  Dir,  was  ich  habe".
Und  ist  es  nicht  ein  tröstlicher  Gedanke,  daß  der  Tausch
auch  aus  dem  Geschenk  entstanden  ist  und  nicht  nur  aus  dem
Diebstahl,  wie  wir  soeben  gezeigt  hatten.  Zwar  wenn  der
        <pb n="26" />
        25

Tausch  und  Wert.

Tausch  vom  Gegengeschenk  herkommt,  entartet  er  manchmal
letzten  Endes  zum  gegenseitigen  Diebstahl,  aber  das  ist  etwas
anderes:  wir  werden  das  weiterhin  finden.
Der  Augenblick,  in  dem  der  eigentliche  Tausch  in  die
Erscheinung  getreten  ist,  ist  wirklich  ein  feierlicher  Augenblick
in  der  Kulturgeschichte.
Der  Wert.  Denn  folgendes  wird  sich  vollziehn:  Jedes
von  einem  Menschen  erworbene  Besitztum  —  sagen  wir  jeder
Reichtum,  da  er  auch  in  noch  so  geringer  Gestalt  Anspruch  auf
diesen  Namen  hat  •—  jeder  Reichtum  also  wird  nunmehr  einen
zwiefachen  Charakter  annehmen.  .
Er  wird  in  erster  Linie  bleiben,  was  er  anfangs  gewesen
ist,  ein  Mittel  zum  Genuß,  zur  Bedürfnisbefriedigung,  wie  es
das  lateinische  Wort  bona  (Güter)  so  gut  ausdrückt,  oder  wie
die  Engländer  sagen  goods  (was  gut  ist).
Aber  außerdem  wird  er  einen  neuen  Charakter  annehmen:
er  wird  ein  Werkzeug  zum  Erwerb  werden,  das  seinem  Besitzer ­
  erlaubt,  sich  im  Wege  des  Tauschs  zu  verschaffen,  was
er  wünscht:  seien  es  nun  andere  Güter,  sei  es  gar  die  Arbeit
seinesgleichen,  die  Dienste  derjenigen,  die  nicht  das  betreffende
Gut  besitzen.
Und  der  zweite  Charakter  zeigt  das  Bestreben,  das  Übergewicht ­
  über  den  ersten  mit  steigender  Kultur  zu  gewinnen.
Um  ein  Beispiel  anzuführen:  man  braucht  sich  in  einer
primitiven  Gesellschaft  nur  das  hauptsächlichste  Gut  vorzustellen, ­
  das  Getreide.  Der  Mensch,  der  seinen  Speicher  damit
angefüllt  hat,  kann  diesen  Reichtum  unter  dem  doppelten
Gesichtspunkt  ansehn,  den  ich  soeben  dargelegt  habe.  Er  kann
sich  wie  der  Reiche  im  Evangelium  sagen:  „Seele,  du  hast
reichen  Vorrat  auf  viele  Jahre;  habe  gute  Ruhe,  iß  und  trink,
und  laß  dir's  wohl  sein".
Aber  er  kann  sich  auch  sagen:  „Dies  Getreide  will  ich  dazu
verwenden,  um  andere  für  mich  arbeiten  zu  lassen.  Diejenigen, ­
  welche  kein  Brot  haben,  werden  nur  zu  glücklich  sein,
meines  zu  nehmen  und  mir  dafür  ihre  Arbeit  liefern.  Sie
werden  für  mich  arbeiten,  sie  werden  meine  Diener  sein".
Es  ist  also  eine  Macht,  die  der  Reichtum  dem  Tausch  verdankt. ­
  Und  diese  Macht  ist  durch  ein  Wort  gekennzeichnet,
das  wichtigste  in  der  ganzen  Volkswirtschaft:  das  Wort  Wert.
Man  wendet  sogar  manchmal  dieses  Wort  Wert  in  dem
ersten  Sinne  an,  den  ich  soeben  dem  Wort  Gut  gegeben  habe,
aber  das  ist  ein  wirtschaftlicher  Irrtum  —  ich  möchte  fast
sagen,  ein  Fehler  der  Muttersprache.  Wenn  die  Volkswirt-
        <pb n="27" />
        26  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
schaftler  es  gebrauchen  mit  Bezug  auf  die  Genußgüter,  so
verbessern  sie  sich  lieber  und  sagen  „Gebrauchswert";  aber  wenn
man  sagt  „Tauschwert"  oder  einfach  „Wert",  so  läßt  sich  das
nur  auf  den  zweiten  Sinn  des  Wortes  Gut  anwenden,  und
darin  liegt  ein  wesentlicher  Unterschied.  Es  gibt  Güter,  die
vollkommen  den  Namen  Güter  in  dem  Sinne  verdienen,  daß
sie  für  ihren  Besitzer  einen  unendlichen  Nutzen  haben,  die  aber
anderseits  keinen  Tauschwert  haben.  Für  den  Kurzsichtigen
hat  sein  Augenglas  einen  Nutzen  allererster  Ordnung;  indes
ist  sein  Tauschwert  gleich  null;  denn  selbst  wenn  man  zugibt,
daß  er  es  für  ben  Einkaufspreis  wiederverkaufen  könnte  —■
was  wenig  wahrscheinlich  ist  —  so  ist  es  doch  auf  alle  Fälle
ein  Preis,  der  durchaus  nicht  den  durch  den  etwaigen  Verkauf
erlittenen  Schaden  ausgleichen  wird.  Welchen  Nutzen  hat
nicht  ein  Holzbein  für  einen  Amputierten,  und  doch  was  wird
sein  Tauschwert  sein?
Dies  Wort  „Wert"  ist  also  ein  so  vieldeutiges  Wort,  daß
die  Volkswirtschaftler  seit  Jahrhunderten,  seit  Aristoteles
daran  herumgrübeln,  ohne  daß  sie  es  bis  jetzt  gut  erklären
konnten,  oder  wenigstens  ohne  daß  sie  eine  sie  befriedigende
Erklärung  hätten  geben  können.  Ich  erhebe  also  nicht  den
Anspruch  darauf,  den  esoterischen  Sinn  des  Wertes  auseinanderzusetzen, ­
  sondern  den  gemeinhin  verstandenen,  den
landläufigen.  Nun  kann  man  ihn  in  einem  Wort  zusammenfassen: ­
  es  ist  die  Kaufkraft,  was  darauf  hinausläuft,  daß
das,  was  den  Wert  ausmacht,  viel  weniger  der  Wunsch  dessen
ist,  der  ihn  besitzt,  als  der  Wunsch  derer,  die  ihn  nicht  besitzen,
die  ihn  begehren,  die  ihn  erwerben  möchten,  und  die  geneigt
sind,  alles  mögliche  für  seinen  Besitz  herzugeben.  In  diesem
Falle  hat  der  Gegenstand,  den  ich  besitze,  einen  großen  Wert;
dieser  läßt  sich  an  der  Stärke  des  Wunsches  des  andern  messen;
er  erlaubt,  auf  die  anderen  einen  Druck  auszuüben,  der  im
Verhältnis  zur  Stärke  dieses  Wunsches  steht,  und  er  erlaubt
gleichzeitig  von  ihm  alles  mögliche  zu  verlangen,  damit  er  den
von  mir  besessenen  Wert  erwerben  kann.  Reicht  man  einem
Hund  ein  Stück  Zucker  und  sagt  man  ihm  „Mach  schön",  so
macht  er  alle  möglichen  Kunststücke,  um  es  zu  bekommen.  Der
Wert  hat  dieselbe  Wirkung  auf  die  Menschen.  Es  ist  also  der
Wunsch  des  andern,  der  den  Wert  bildet.
Es  liegt  also  eine  Art  unsittliche  Wurzel  im  wirtschaftlichen ­
  Wert.  Denn  wenn  der  wirtschaftliche  Wert  das  ist,  was
uns  erlaubt,  eine  Herrschaft  über  einen  andern  auszuüben
dadurch  daß  man  auf  das  durch  diesen  Wert  bei  ihm  erweckte
        <pb n="28" />
        Tausch  und  Wert.

27

Begehren  spekuliert,  wie  verschiedener  erscheint  er  von  dem,
was  man  die  sittlichen  Werte  nennt!  Man  darf  sich  nicht
durch  den  Gleichklang  desselben  Wortes  täuschen  lassen:  die
sittlichen  Werte  haben  das  Herrliche  an  sich,  daß  sie  sich  allen
ohne  Entgelt  mitteilen  können  und  daß  alle  sie  genießen
können,  ohne  daß  der,  der  sie  besitzt,  ihrer  beraubt  würde.
Der  Handel.  Der  Tausch  in  Form  des  Tauschhandels
bleibt  so  lange  ein  Ausnahmefall,  wie  keine  anderen  Umstände
vorhanden  sind,  die  sein  Tätigkeitsfeld  zu  erweitern  streben.
Damit  der  Tauschhandel  des  Wilden  sich  in  jene  regelmäßige
Tauschbewegung  verwandelt,  die  man  Handel  nennt,  muß
man  durch  eine  Reihe  Etappen  durchgehn,  die  ich  sehr  schnell
aufzählen  will.
Ganz  zuerst  muß,  damit  der  Austausch  allgemein  wird,
jenes  Widerstreben  gegen  die  Entäußerung  vom  Besitzgegenstand, ­
  von  dem  ich  eben  gesprochen  habe,  verschwinden.  Wie
wird  das  vor  sich  gehn?  Dieser  Widerstand  wird  mit  dem
Tage  verschwinden,  an  dem  gewisse  Gegenstände  nicht  mehr  in
der  Absicht  erzeugt  werden,  sie  zur  Befriedigung  der  Bedürfnisse ­
  des  Erzeugers  zu  behalten,  sondern  ganz  im  Gegenteil, ­
  in  der  Absicht,  sie  auf  dem  Wege  der  Weitergabe
loszuwerden.  Nun  heißt  dieser  Zustand,  wo  der
Mensch  nicht  mehr  arbeitet,  um  seine  eigenen  Bedürfnisse  zu
befriedigen  sondern  im  Hinblick  auf  die  Bedürfnisse  anderer  —
Gewerbe,  oder  wenn  man  will,  Beruf.  Wenn  man
ein  Kind,  das  noch  nichts  von  der  Welt  weiß,  in  einen  Bäckeroder ­
  Schusterladen  führt,  wird  es  ausrufen:  „Was  kann  der
Mensch  mit  all  diesen  Broten  oder  all  diesem  Schuhzeug
machen?  wenn  er  einige  hätte,  würde  er  doch  genug  haben".
Dann  muß  man  ihm  auseinandersetzen,  daß  der  Bäcker  diese
Brote  nicht  backt,  um  sie  zu  essen,  und  der  Schuster  das  Schuhzeug ­
  nicht  herstellt,  Um  es  selbst  anzuziehn.  Er  macht  sie,  um
sie  auszutauschen  und  dadurch  die  von  ihm  benötigten  Besitztümer ­
  zu  erwerben.  Das  Handwerk  ist  ein  Umweg.  Anstatt
wie  der  Naturmensch,  der  für  seine  eigenen  Bedürfnisse
arbeitet,  für  sein  Brot,  seine  Kleidung  zu  arbeiten,  sagt  sich  der
Kulturmensch:  „Ich  will  für  Bedürfnisse  produzieren,  die  mich
gar  nicht  interessieren,  die  mir  aber  das  Mittel  bieten  werden,
meine  eigenen  Bedürfnisse  auf  eine-  vorteilhaftere  Weise  zu
befriedigen,  als  wenn  ich  versuchen  würde,  sie  direkt  zu  befriedigen". ­
  Das  nennt  man,  ein  Handwerk  ergreifen,  oder
einen  Beruf,  oder  wenn  es  ein  schöner  Beruf  ist,  eine
Laufbahn.
        <pb n="29" />
        28  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
Das  nennt  man  auch  Arbeitsteilung,  und  es  ist  eines
der  wichtigsten  Gesetze  der  Wirtschaftswissenschaft,  das  sogar
—  ganz  wie  „das  Gesetz  von  der  geringsten  Kraftanstrengung",
von  dem  es  übrigens  nur  eine  logische  Folge  ist  —  über  das
Gebiet  der  Volkswirtschaft  hinausgeht,  um  als  Basis  der  Soziologie ­
  zu  dienen.
Der  Tausch  nimmt  erst  dann  eine  große  Ausdehnung  an,
wenn  das  Handwerk  sich  gebildet  hat;  erst  dann  schließt  jene
Entäußerung,  von  der  soeben  die  Rede  war,  keinerlei  Entbehrung ­
  in  sich,  da  ja  ganz  im  Gegenteil  diese  Erzeugnisse
nur  zum  Verkauf  hergestellt  wurden.  Wir  sprachen  von  jenen
Künstlern,  die  ein  Herzzerreißen  empfinden,  wenn  sie  sich  von
ihrem  Werk  loslösen,  um  es  zu  verkaufen,  und  von  jenem
Benvenuto  Cellini,  der  bisweilen  auf  seine  Kunden  mit  dem
Dolch  losging,  um  das,  was  er  ihnen  verkauft  hatte,  ihnen
wieder  abzunehmen.  Aber  man  wird  keinen  Schuster  finden,
der  so  töricht  ist,  zu  weinen,  wenn  ein  Kunde  ihm  seine  Schuhe
abkauft,  und  noch  weniger  wird  er  hinter  ihm  herlaufen,  um
sie  ihm  wieder  abzunehmen.
Die  Handwerke  haben  sich  nach  und  nach  ausgebildet.
Sie  haben  sich  von  dem  ursprünglichen  Kern  losgelöst,  von
dem,  was  wir  die  Hauswirtschaft  nennen,  d.  h.  von  jener
Wirtschaftsform,  bei  der  der  Mensch  oder  wenigstens  die
menschliche  Familie  alles  für  ihre  Bedürfnisse  Notwendige
erzeugte.
Man  braucht  nicht  in  die  vorgeschichtlichen  Zeiten  zurückzugehn, ­
  um  den  Ursprung  der  Handwerke  zu  sehn.  Ich  selbst
habe  mehrere  Gewerbe  entstehn  sehn.  In  dem  Städtchen,  in
dem  ich  meine  Kindheit  zubrachte,  sah  ich  im  mütterlichen
Hause  Obstkonserven  herstellen  —  das  war  ein  wichtiger
Jahrestag  in  meinem  Leben  —  und  auch  die  Wurstherstellung
und  die  Wäscherei;  und  auf  dem  Bauerngut  habe  ich  Brot
bereiten  sehn.
Aber  was  ist  gekommen?  Die  Herstellung  der  Fruchtkonserven, ­
  die  Wäscherei,  die  Brotbereitung,  die  Wurstwarenbereitung ­
  sind  aus  dem  Haus  und  dem  Bauernhof  ausgewandert ­
  und  haben  in  der  Straße  einen  Laden  für  das
Publikum  aufgemacht,  das  heißt,  sie  haben  unabhängige  Gewerbe ­
  gebildet.  Wenn  man  noch  weiter  zurückgeht,  aber  gar
nicht  „bis  zu  der  Zeit,  da  die  Königin  Bertha  spann",  hätte
man  im  Hause  spinnen  sehn  können;  jetzt  ist  die  Spinnerei
nicht  nur  ein  Handwerk,  sondern  sogar  eine  der  größten
Jndustrieen  der  Welt  geworden.
        <pb n="30" />
        Tausch  und  Wert.

29

Und  so  hat  allmählich  der  Haushalt,  die  primitive  Familie,
statt  für  ihre  eigenen  Bedürfnisse  zu  arbeiten,  mit  ansehn
müssen,  wie  Jndnstrieen,  Handwerke  ausgewandert  sind,  sich
von  ihr  losgelöst  haben,  welche  alle  im  Hinblick  auf  den  Tausch
produzierten.  Und  doch  ist  noch  etwas  anderes  vonnöten  gewesen, ­
  damit  der  Austausch  die  uns  bekannte  gewaltige  Entwicklung ­
  hat  nehmen  können.  Diese  Handwerke  mußten  durch
eine  andere  Klasse  ergänzt  werden,  die  noch  mehr  für  den
Austausch  spezialisiert  ist  und  die  man  die  Händler  nennt;
sie  haben  in  der  Kulturgeschichte  eine  Rolle  allerersten  Ranges
gespielt:  jene  Kaufleute  von  Tyrus  und  Sidon,  die  Händler
von  Karthago,  und  später  die  Heldengeschlechter  der  holländischen ­
  und  englischen  Kaufleute,  die  die  Welt  bevölkert,
zivilisiert,  kolonisiert,  kultiviert,  bereichert  und  auch  —  verdorben ­
  haben.
Der  Kaufmann  ist  ursprünglich  in  der  sehr  einfachen
Gestalt,  die  wir  in  gewissen  Dörfern  gesehn  haben  und  die  man
dort  noch  heute  sehn  kann,  aufgetreten:  der  des  Hausierers,
des  Hausierers,  der  seinen  Packen  auf  dem  Rücken  trägt  oder
sein  Wägelchen  von  Gehöft  zu  Gehöft,  von  Dorf  zu  Dorf  fährt,
seine  Ware  auspackt  und  die  jungen  Mädchen  und  Männer  in
Versuchung  führt.  Und  es  hat  Etappen  gekostet,  der  Weg  von
dem  fahrenden  Händler  zum  großen  Warenhaus,  oder  noch
besser  zu  jenen  amerikanischen  Häusern,  die  weder  Laden  noch
Waren  haben,  sondern  wo  alle  Einkäufe  nur  brieflich  erfolgen.
Aber  das  sind  nur  Geschäftsleute  (buslness  men),  während
die  ersten  Händler  Heroen  waren.
        <pb n="31" />
        Kapitel  III.
Das  Geld.

Wenn  der  Tausch  uns  schon  einen  tüchtigen  Vorsprung
vor  den  Tieren  verschafft,  so  ist  doch  der  Tausch  in  natura,
von  Ware  gegen  Ware,  der  Tauschhandel,  ein  sehr  unbequemes
Verfahren,  weil  es  sehr  selten  vorkommt,  daß  die  Bedürfnisse
zweier  Tauschenden  genau  zusammentreffen;  mit  anderen
Worten,  daß  der  Gegenstand,  dessen  ich  mich  entledigen  will,
gerade  für  den  Menschen  paßt,  der  gerade  das  besitzt,  was  ich
erwerben  möchte.
Der  Tauschhandel.  Hier  ein  Beispiel  ans  einem  Reisebericht ­
  eines  Leutnants  aus  Kamerun:  „Ich  brauchte  ein  Boot,
aber  sein  Besitzer  wollte  in  Elfenbein  bezahlt  werden,  und  ich
hatte  keins.  Ich  suchte  jemand,  der  mir  Elfenbein  abgeben
konnte.  Man  nennt  mir  Mohammed  Jbn  Selib,  der  welches
hatte,  es  mir  aber  nur  gegen  Stoff  abgeben  wollte.  Nun  hatte
ich  keinen  Stoff,  war  also  nicht  weiter  gekommen.  Da  machte
ich  mich  auf  die  Suche  nach  einem,  der  gerade  diesen  Stoff
hatte,  und  ich  fand  Jbn  Guerib,  der  welchen  hatte,  und  der
bereit  war,  ihn  mir  gegen  Rollen  Kupferdraht  abzutreten,  mit
dem  ich  reichlich  versehn  war.  Das  war  meine  Rettung!  In
der  Tat  gab  ich  den  Kupferdraht  an  Jbn  Guerib,  der  mir
dafür  den  Stoff  gab.  Ich  gab  den  Stoff  an  Jbn  Selib,  der
mir  Elfenbein  gab.  Ich  gab  das  Elfenbein  dem  Mann  mit
dem  Boot.  Und  ich  bekam  das  Boot!"
Wenn  es  solche  Schwierigkeiten  mit  dem  Austausch  der
materiellen  Erzeugnisse  hat,  der  Waren,  wie  muß  es  erst  mit
den  geistigen  Produkten  sein,  den  Arbeitsleistungen?  Wenn
ich  um  Brot  oder  Schuhzeug  zu  bekommen,  Unterrichtsstunden
in  Volkswirtschaftslehre  anbieten  müßte,  könnte  ich  weit
laufen,  bis  ich  einen  fände,  der  aus  diesen  Handel  einginge.
Was  wäre  also  nötig  zur  Lösung  dieser  Schwierigkeit?
Man  müßte  eine  für  jedermann  passende  Ware  ausfindig
        <pb n="32" />
        Das  Geld.

31

machen,  also  nicht  eine,  die  einem  besonderen,  individuellen
Bedürfnisse  entspräche,  sondern  eine  Ware,  die  einem  allgemeinen ­
  Bedürfnis  genügte.  Gibt  es  solche  Waren?  Ja.  Es
gibt  solche  überall,  sogar  in  den  primitiven  Gesellschaften  (man
kann  behaupten,  besonders  in  diesen),  zum  Beispiel,  gewisse
Nahrungsmittel:  so  wurden  in  Japan,  wo  jedermann,  ob  arm,
ob  reich,  von  Reis  lebt,  bis  zur  Revolution  von  1868  alle
Dinge,  Waren,  Beamtengehälter,  in  Reis  gewertet.  In
anderen  Ländern  —  dem  Gebiet  der  Hudsonbai  z.  B.  —
dienten  lange  Zeit  Pelze  als  Mittelglied,  weil  in  diesem  Polarlande ­
  jedermann  welche  trägt.  In  den  antiken  Gesellschaftsordnungen, ­
  die  noch  im  Stadium  des  Hirtenlebens  standen,
diente  das  Vieh  als  Tauschmittel,  der  Ochse  oder  der  Hammel.
Und  ohne  daß  wir  so  weit  zurückzugehn  brauchen  —  haben  wir
nicht  in  unseren  Tagen  in  Paris  die  Briefmarke  als  Ersatz  für
das  ausgegangene  Kleingeld  erlebt?  Niemand  machte
Schwierigkeiten  sie  anzunehmen,  weil  alle  Welt  Briefmarken
benötigt.
Aber  nicht  nur  die  Waren  des  allgemeinen  Verbrauchs
können  als  Tanschmittel  dienen,  auch  die  Seltenheiten  können
es,  wenn  sie  einem  sehr  lebhaften  Begehren  entgegenkommen,
und  wäre  es  auch  nur  dem  Begehren  einer  kleinen  Anzahl
Menschen,  z.  B.  die  Edelsteine,  die  Edelmetalle  —  übrigens
galten  sie  einst  alle  für  edel,  weil  sie  alle  selten  waren;  in  der
Ilias  sehen  wir,  wie  Achill  für  die  Spiele  beim  Tode  des
Patroclus  als  Siegespreis  —  einen  Eisenblock  aussetzte!
Unter  allen  Metallen  hat  zu  allen  Zeiten  eines  besonders
die  Freude  der  Menschen  ausgemacht  und  ihr  Begehren  geweckt: ­
  das  Gold.  Gold  ist  nicht  nur  das  schönste  Metall,
sondern  auch  das  vor  allen  anderen  den  Menschen  bekannte.
Warum?  Weil  die  Natur  es  nicht-oxydierend  geschaffen
hat,  das  heißt,  es  bleibt  unveränderlich,  und  man  findet  es  in
reinem  Zustand,  was  bei  keinem  anderen  Metall  der  Fall  ist,
selbst  nicht  beim  Silber.  Ein  wahrhaft  königliches  Metall
durch  seinen  Glanz,  seine  herrliche  Farbe,  und  —  das  will  ich
auch  noch  hinzufügen  —  seine  Nutzlosigkeit,  und  dies  in  dem
Sinne,  daß  es  nur  dem  Luxus  dienen  kann,  nicht  den  Bedürfnissen ­
  der  Industrie.  Es  kann  weder  als  Waffe  noch  als  Werkzeug ­
  dienen;  man  kann  daraus  kein  Schwert  und  keine  Pflugschar ­
  schmieden.  Es  schien  wirklich  vorbestimmt  für  die  Rolle,
als  Geld  zu  dienen  und  dadurch  zum  Zeichen  des  Reichtums
zu  werden.
        <pb n="33" />
        32  Aiifangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
Der  Verkauf.  Sehen  wir  zu,  welche  Wandlungen  die
Verwendung  einer  Zwischenware  in  den  Austausch  hineinbringen ­
  kann.  Wer  den  Gegenstand,  den  er  besitzt,  umtauschen
will,  der  wird  nun  nicht  mehr  wie  jener  afrikanische  Reisende,
dessen  Abenteuer  ich  eben  erzählt  habe,  sich  auf  die  Suche  nach
jemand  begeben,  der  ihm  das,  was  er  wünscht,  ablassen  kann,
sondern  er  wird  einfach  jemand  suchen,  der  diese  Zwischenware
besitzt  —  und  das  wird  nicht  schwer  sein  —  und  dann  wird  er
sein  Besitztum  gegen  diese  Ware,  das  Gold,  umtauschen:
das  heißt  dann  der  Verkauf.
Wenn  er  nun  im  Austausch  für  die  abgetretene  Ware
jene  Zwischenware,  das  Gold,  bekommen  hat,  wird  er  sich  nach
dem  von  ihm  gesuchten  Gegenstand  umsetzn  und  ihn  gegen
das  erhaltene  Gold  eintauschen:  das  heißt  dann  der  Kauf.
So  ist  durch  Verwendung  jener  Zwischenware  der  Tauschhandel ­
  in  zwei  aufeinanderfolgende,  aber  zusammengehörige
Handlungen  zerlegt,  den  Verkauf  und  den  Kauf.
Indes  bleibt  noch  eine  praktische  Schwierigkeit  zu  überwinden: ­
  selbst  mit  dem  Geld  in  der  Hand  ist  es  nicht  immer
leicht  zu  kaufen,  d.  h.  das,  was  man  sucht  bei  jemand  zu  finden,
der  bereit  ist  es  abzugeben,  und  es  ist  noch  weniger  leicht  zu
verkaufen,  d.  h.  jemand  zu  finden,  der  bereit  ist  uns  Geld  zu
geben  im  Austausch  gegen  unser  Besitztum.
Um  als  Beispiel  einen  uns  geläufigen  Gegenstand  zu
nehmen,  die  Bücher  —  es  würde  nicht  genügen,  eine  wohl
gespickte  Börse  zu  haben,  um  uns  das  von  uns  gewünschte
Buch  zu  verschaffen,  wenn  es  zu  dem  Zweck  keine  Buchhändler
gäbe.  Und  umgekehrt  wissen  diejenigen,  welche  Bücher  loswerden ­
  wollen,  daß  das  nicht  leicht  ist,  selbst  wenn  es  sich  um
seltene.  Bücher  handeln  sollte  und  sie  selbst  sie  teuer  bezahlen
müßten,  falls  die  Lage  umgekehrt  sein  sollte.
Damit  also  der  Austausch  leicht  sei,  genügt  es  nicht,  daß  eine
Zwischenware  erfunden  ist,  es  muß  auch  eine  gesellschaftliche
Klasse  geschaffen  sein,  welche  die  Aufgabe  für  die  Gesellschaft
hat,  die  Gegenstände  zu  sammeln—so  kann  man  etwa  sagen—
die  ihre  Besitzer  im  Überfluß  haben  und  deren  sie  sich  entledigen
wollen,  um  sie  dann  an  diejenigen  abzugeben,  welche  diese
Gegenstände  brauchen  werden.  Diese  Leute  haben  wir  schon
im  vorigen  Kapitel  getroffen:  das  sind  die  Kaufleute.  In  dem
eben  angeführten  Beispiel,  bei  den  Büchern,  sucht  man  einen
Buchhändler  oder  Antiquar  auf,  d.  h.  einen  Mann,  der  gerade
mit  alten  Büchern  handelt,  der  sie  denen  abkauft,  welche  sie
loswerden  wollen.  »
        <pb n="34" />
        Das  Geld.

33

So  kommen  wir  also  durch  viele  Verwicklungen  zur  Vereinfachung. ­
  So  ist  es  übrigens  oft  bei  den  sozialen  Wirtschaftsproblemen. ­
  Man  muß  sehr  komplizierte  Apparate  haben,  um
eine  einfache  Arbeit  zu  bekommen.
Das  Geld.  Wir  haben  schon  wiederholt  das  Wort  Geld
ausgesprochen,  einen  der  wichtigsten  Begriffe  der  Volkswirtschaft. ­

Es  steckt  im  Gelde  etwas  Geheimnisvolles,  Magisches.
Ich  erinnere  mich  sehr  deutlich,  daß  dieses  Mysterium  des
Geldes  in  meiner  Gymnasialzeit  zuerst  meine  Aufmerksamkeit
auf  die  Volkswirtschaft  gelenkt  hat,  und  ich  sehe  noch  die  Stelle
vor  mir,  wo  dieser  Gedanke  mir  gekommen  ist.
Da  ich  als  Kind  ganz  erfüllt  war  von  den  Märchen  und
die  Geschichte  Aladins  und  der  Wunderlampe  auswendig
kannte,  jener  Lampe,  die  man  nur  zu  reiben  brauchte,  um  alle
Reichtümer  zu  bekommen,  sagte  ich  mir:  aber  mit  Geld  kann
man  alles,  was  die  Lampe  gab,  bekommen:  üppige  Mahlzeiten,
Edelsteine,  Königspalast,  schwarze  oder  weiße  Sklaven  —  soviel ­
  man  will  —  und  selbst  die  Hand  der  Prinzessinnen.
Das  Kind  weiß  bald,  daß  man  mit  „ein  paar  Pfennigen"
sich  das,  was  man  wünscht,  verschafft.  Vom  Standpunkt  der
Kinderpsychologie  würde  es  interessant  sein,  das  Alter  zu  bestimmen, ­
  in  welchem  das  Kind  nicht  mehr  bloß  sich  an  einem
Geschenk  in  natura,  einer  Arche  Noah  oder  einer  Puppe  erfreut, ­
  sondern  die  gleiche  oder  gar  eine  größere  Freude
empfindet,  wenn  es  ein  Silber-  oder  Goldstück  bekommt,  heutzutage ­
  eine  Banknote  —  und  zu  sich  selbst  sagt:  „Damit  kannst
Du  dir  kaufen,  woran  Du  Lust  hast".
Die  Wilden  haben  auch  nicht  sogleich  dieses  Gefühl.  Es
gibt  Stämme,  bei  denen  das  Angebot  von  Geld,  sogar  von
Gold,  gar  nichts  bedeuten  würde,  und  bei  denen  man  Gegenstände ­
  iu  natura  geben  muß.  So  ist  es  in  diesem  Augenblick
bei  den  russischen  Bauern:  sie  geben  ihre  Bodenerzeugnisse
nur  gegen  Fertigwaren  her  und  lehnen  das  Geld  ab;  in  der
Tat  ist  das  Geld,  das  man  ihnen  anbietet,  nicht  verführerisch.
Wie  kann  man  diese  Macht  des  Geldes  erklären?
Der  erste  Grund  ist,  wie  ich  soeben  gesagt  habe,  daß  es
das  allgemeine  Werkzeug  des  Tausches  ist,  das  besagt  mit
andern  Worten:  derjenige,  der  das  Geld  hat,  weiß,  daß  er  im
Austausch  alles,  was  er  begehrt,  haben  kann,  wenn  er  sich
«nicht  gerade  in  der  Wüste  oder  in  irgendeinem  „kleinen  Nesm
Gide,  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.  3
        <pb n="35" />
        34  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

befindet.  Kein  Berufskaufmann  wird  sich  weigern,  ihm  den
Gegenstand  seines  Begehrens  gegen  sein  Geld  abzugeben,  vorausgesetzt, ­
  daß  er  die  genügende  Menge  Geldes  besitzt.
Darin  liegt  die  Überlegenheit  des  Geldes  über  jeden
andern  Gegenstand,  selbst  den  kostbarsten.  Der,  welcher  große
Reichtümer  besitzt,  eine  Gemäldesammlung,  Edelsteine,  Kunstgegenstände, ­
  kann  sie  als  Tauschwerkzeuge  nur  benutzen,  wenn
er  sie  vorher  durch  den  Verkauf  in  Geld  umwandelt,  wenn  er
sie  „realisiert"  wie  man  zu  sagen  pflegt  —  ein  seltsamer  Ausdruck, ­
  der  bedeutet,  daß  als  Wert  das  Geld  die  einzige  Realität
ist.  In  der  Tat,  wer  Geld  hat,  benötigt  nicht  dieser  Vorarbeit.
Er  hat  den  unmittelbaren  Genuß,  anstatt  manchmal  gezwungen ­
  zu  sein,  eine  gewisse  Zeit  zu  warten,  bis  er  realisieren
kann.  Er  wird  sofort  bedient.  Er  weiß,  daß  dieses  Gut,  das
er  in  Geldform  besitzt,  immer  Käufer  finden  wird,  und  das
ist  der  einzige  Besitz,  von  dem  man  dies  behaupten  kann.
Wir  haben  zehn  Jahre  lang  in  unseren  südfranzösischen
Departements  die  Weinbauern  beobachtet,  die  ihre  Keller  voll
wertlosen  Weines  hatten,  weil  sie  ihn  nicht  verkaufen  konnten,
d.  h.  ihn  in  Geld  umsetzen  konnten.
Nicht  nur  findet  das  bare  Geld  immer  Abnehmer,  sondern
es  bildet  den  Gegenstand  lebhaften  Begehrens  bei  jedermann.
Folglich  gibt  es  seinem  Besitzer  nicht  nur  das,  was  ich  soeben
die  Kaufkraft  nannte,  im  wirtschaftlichen  Sinne  des  Wortes,
sondern  auch  eine  Herrschermacht.  Nicht  umsonst  wendet  man
in  den  Geschäftsbriefen  die  Formeln  an:  „Erteilen  Sie  Ihre
Aufträge"  und  „Wir  erwarten  Ihre  Ordres"  oder  „ganz  zu
Ihren  Diensten".  Das  sind  nicht  nur  Anstandsformeln;  sie
sind  der  wahre  Ausdruck  der  Stellung,  die  der  Besitz  des  Geldes
gibt,  nicht  bloß  um  Waren  zu  bestellen,  sondern  auch  um
Arbeit  anzuordnen.  Man  kann  sich  so  Dienstleistungen  jeder
Art  verschaffen,  nicht  nur  ehrenhafte  Dienstleistungen,  sondern
sogar  entehrende.
Das  ist  nicht  der  einzige  Grund  für  das,  was  ich  soeben
die  magische  Macht,  die  Talisman-Rolle,  des  Geldes  nannte.
Es  gibt  noch  einen  andern:  das  Geld  speichert  den  Wert  auf
wie  die  elektrischen  Akkumulatoren,  die  die  elektrische  Kraft
je  nach  Bedarf  hergeben.  In  einer  elektrischen  Taschenlampe
befindet  sich  ein  kleiner  Akkumulator,  und  man  braucht  nur
auf  einen  Knopf  zu  drücken,  um  das  Licht  zu  bekommen.
Ebenso  ist  es  mit  dem  Geld.  Es  stellt  eine  Macht  dar,  deren
sich  der  Eigentümer  bedienen  kann,  wenn  er  will.  Sehen  wir
den  Bauern,  der  vom  Markt  zurückkommt,  wo  er  seine  Butter?
        <pb n="36" />
        3*

Das  Geld.  35

seine  Eier  oder  seinen  Wein  verkauft  hat;  als  Gegenwert  hat
er  einen  Beutel  Geld  oder  ein  Bündel  Papierscheine  bekommen. ­
  Er  kann  das  Geld  sogleich  verwenden,  d.  h.  es  ausgeben, ­
  wie  man  zu  sagen  pflegt,  und  dafür  diejenigen  Sachen
kaufen,  die  er  für  seinen  Verbrauch  benötigt.  Aber  er  kann
die  Summe  auch  aufheben,  sie  „sparen",  sie  in  den  sagenhaften
Wollstrumpf  des  französischen  Bauern  von  einst  stecken  oder
in  die  Brieftasche  des  Bauern  von  heute  und  es  dort  belassen.
In  zehn  Jahren,  in  zwanzig  Jahren,  und  sogar  nach  seinem
Tode,  wird  sich  dieser  Wert  für  seine  Erben  nicht  verändert
haben.  Sic  werden  ihn  sofort  hervorholen,  wie  man  durch
Druck  auf  die  elektrische  Lampe  das  Licht  herausspringen  läßt.
Sie  werden  das  vom  Vater  oder  Großvater  angesammelte
Geld  genießen.  Und  wenn  der  Bauer  es  aus  Furcht  vor
Krieg  oder  Revolution  in  die  Erde  eingegraben  hat,  wird  man
vielleicht  nach  hundert  oder  tausend  Jahren  den  Schatz  finden
—  denn  das  wird  man  einen  Schatz  nennen  —  und  der  glückliche ­
  Entdecker  wird  über  den  ganzen  verschlafenen  Schatz  verfügen, ­
  der  unter  seinen  Händen  erwachen  wird,  wie  Dornröschen ­
  in  den  Armen  des  Prinzen.
Vielleicht  kann  man  hier  noch  einwenden,  daß  dies  nicht
eine  Sondereigenschaft  des  Geldes  ist,  und  daß  der,  welcher
heutzutage  eine  neue  Venus  von  Milo  oder  gar  nur  einen  der
beiden  Arme  zu  der  Bildsäule  im  Louvre  auffinden  würde  —
mit  seinem  Schatz  reich  werden  könnte?  Vielleicht  ja,  weil
Marmor  und  Bronze  das  schöne  Vorrecht  der  Unsterblichkeit
teilen.  Aber  es  gibt  nicht  viele  Güter,  von  denen  man  dasselbe ­
  behaupten  könnte.  Wenn  der  erwähnte  Bauer  sein
Getreide  als  Schatz  hätte  aufheben  wollen,  das  immerhin  eine
der  am  wenigsten  verderblichen  Waren  darstellt,  so  würde  er
nach  einigen  Jahren  nichts  mehr  besitzen;  denn  seine  Ernte
würde  verloren,  angenagt,  auf  eine  oder  die  andere  Art  vernichtet ­
  sein.
Und  doch  muß  man  die  Behauptung,  daß  Gold  oder
Silber  seinen  Wert  ungeschmälert  durch  Generationen  erhält,
einschränken:  nur  das  Material  selbst  trotzt  der  Zeit,  nicht  aber
der  Wert.  Wenn  der  zur  Zeit  der  Kreuzzüge  vergrabene
Schatz  eines  Tages  wieder  zum  Vorschein  kommt,  wird  er
nicht  denselben  Wert  haben,  den  er  für  den  besaß,  welcher  ihn
in  der  Erde  verborgen  hatte,  das  besagt,  er  wird  nicht  mehr
dieselbe  Kaufkraft  besitzen  —  er  wird  vielleicht  °/«  dieser  Kraft
verloren  haben  —  und  man  beachte,  daß  ich  hier  nur  vom
Goldfranken  spreche;  ganz  etwas  anderes  würde  es  sein,  wenn
        <pb n="37" />
        36  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

ich  von  dem  gegenwärtigen  Papierfranken  spräche!  Das  )
Metallgeld,  selbst  das  Gold,  ist  wie  jene  Parfümflaschen,  in
denen  im  Lauf  der  Jahre  ein  Teil  ihres  Duftes  verloren  geht,
wenn  sie  auch  noch  so  gut  verschlossen  sein  mögen.  Auch  das
Geld  läßt  einen  Teil  seines  Wertes  verflüchtigen,  doch  behält
es  davon  trotz  allem  mehr  als  irgendeine  beliebige  sonstige
Ware.
Nun  aber  noch  ein  anderes  Vorrecht  des  Geldes.
Weil  sein  Besitzer  sich  alles,  was  er  wünscht,  verschaffen  kann,
ist  er  davon  befreit,  zur  Erzeugung  seiner  Bedürfnisse  zu  arbeiten. ­
  Jeder  Mensch  in  dieser  Welt  schien  dem  Gesetz  der  ...
Arbeit  unterworfen  zu  sein:  „Im  Schweiße  Deines  Angesichts
sollst  Du  arbeiten"  —  wer  aber  jene  Ware  besitzt,  ist  von  dem
Gesetz  ausgenommen.  Ist  das  nicht  ein  Vorrecht,  genau  wie
das,  welches  einst  den  Edelleuten  die  Steuerfreiheit  zubilligte?
In  seinem  so  schönen  Buche:  „Die  wirtschaftlichen  Harmonien" ­
  (Les  Harmonies  Economiques),  worin  er  vom
moralischen  Gesichtspunkte  alle  wirtschaftlichen  Erscheinungen
zu  rechtfertigen  sucht,  bemerkt  der  Volkswirt  Bastiat,  einer
der  Meister  der  klassischen  optimistischen  Schule,  die  Tatsache,
daß  das  Geld  seinen  Besitzer  vom  Arbeiten  befreit;  aber  er  ist
gar  nicht  darüber  empört;  denn,  behauptet  er,  das  Geld  selbst
stellt  vollendete  Arbeit  dar.  Man  braucht  sich  nur  an  den  eben
erläuterten  Mechanismus  des  Kaufs  und  Verkaufs  zu  halten,
und  man  wird  sehn,  daß  die  Menschen  sich  das  Geld  nur
durch  den  Verkauf  beschaffen:  was  aber  können  sie  anderes
verkaufen  als  die  Erzeugnisse  ihrer  Arbeit  oder  ihrer  Dienstleistungen? ­
  Theoretisch  stimmt  das.  Bastiat  fügt  noch  hinzu:
Man  muß  sich  vorstellen,  daß  jedes  Geldstück  folgende  Inschrift
trüge:  Gutschein  für  die  und  die  vollendete  Arbeit,  den  und
den  erwiesenen  Dienst,  berechtigt  seinen  Besitzer  zum  Anspruch
auf  entsprechenden  Gegenwert".  Der  gegen  dieses  Geld  erworbene ­
  Wert  würde  also  nur  eine  Art  Einlösung  darstellen.
Und  selbst  wenn  nian  sich  an  das  Beispiel  von  dem  aufgefundenen ­
  Schatz  hält,  kann  man  behaupten,  daß  jedes  der
einzelnen  Geldstücke  die  Arbeit  irgendeines  Vorfahren  dargestellt ­
  hat?  i
,  Ja,  doch  beweist  nichts,  daß  jene  Geldstücke  nicht  demjenigen, ­
  der  sie  verdient  hatte,  gestohlen  waren,  und  daß  sie
nicht  von  irgendeinem  großen  Herrn  dort  deponiert  worden
sind,  der  sie  von  seinen  Leibeigenen  erpreßt  hatte.  Nur  hat
der  Besitz  des  Geldes  jenen  Vorteil,  daß  er  von  jeder  Unter ­
        <pb n="38" />
        Das  Geld.

37

suchung  über  die  Gesetzmäßigkeit  seiner  Herkunft  befreit  oder
über  die  Echtheit  der  auf  ihm  eingravierten  Bescheinigung,
die  nur  Bastiat  lesen  konnte.  Geld  riecht  nicht,  wie  ein
römischer  Kaiser  sagte,  was  bedeutet,  es  ist  gut,  woher  es
auch  kommen  mag.
Aber  ließe  sich  selbst  beweisen,  daß  jedes  Geldstück  eine
frühere  Arbeit  darstellt,  ist  es  nicht  ein  ganz  außergewöhnliches
Vorrecht,  daß  diese  tote  Arbeit  genügt,  seinen  Besitzer  von
gegenwärtiger  Arbeit  zu  befreien?  Ich  erinnere  mich,  daß
man,  als  ich  im  Gymnasium  war,  ein  System  in  Gebrauch  hatte,
das  heutzutage  glücklicherweise  nicht  mehr  in  Übung  ist:  man
gab  dem  guten  Schüler  „Befreiungen",  demjenigen  nämlich,  der
seine  schriftlichen  Arbeiten  gut  gemacht  hatte,  gab  man  einen
Gutschein  über  100,  200,  1000  Zeilen;  wenn  er  nun  bestraft
wurde,  brauchte  er  nur  den  Gutschein  im  entsprechenden  Werte
vorzuweisen,  und  war  dann  von  seiner  Strafarbeit  befreit.
War  das  nicht  genau  das,  was  das  Geld  in  der  optimistischen
Definition  Bastiats  bedeutet:  eine  Befreiung  von  Aufgaben,
Strafarbeit,  von  jeder  Frohn?  Wenn  ich  auch  oft  meinen
Nutzen  aus  diesem  Erziehungssystem  gezogen  hatte,  so  sah  ich
doch  nicht  ohne  einige  Gewissensbisse  auf  meine  zur  Arbeit
verurteilten  Kameraden,  die  weniger  reich  an  „Befreiungen"
waren.  Und  kann  sich  derselbe  Skrupel  nicht  mit  Bezug  aus
das  Geld  einstellen?
Lassen  wir  also  jede  Neigung,  das  Geld  zu  etwas  moralischem ­
  zu  machen,  beiseite;  sie  hat  nicht  mehr  Berechtigung,
als  die  umgekehrte  einiger  Moralisten  oder  Sozialisten,  die
im  Gelde  ein  Werkzeug  der  Ausbeutung  und  der  Verdammnis
sehn,  die  dreißig  Silberlinge,  für  die  der  Mensch  seine  Seele
dem  Satan  verkauft  hat.  Wenn  jedes  Goldstück  seine  Geschichte
erzählen  könnte,  würde  diese  sicher  nicht  immer  erbaulich  sein.
Dasselbe  Stück,  das  zur  Entlohnung  der  Arbeit  des  Tagelöhners ­
  gedient  hat  oder  als  Sparpfennig  der  Familienmutter, ­
  wird  morgen  in  die  Hände  eines  Wucherers  übergehn
—  aber  wie  ist  es  dafür  verantwortlich  zu  machen?
Das  Geld  ist  eins  der  wunderbarsten  Werkzeuge,  das
der  Mensch  erfunden  hat,  genau  wie  das  Alphabet  oder  das
Dezimalsystem,  und  es  kann  wie  diese  unterschiedslos  zum
Guten  oder  Bösen  dienen,  ein  Werkzeug,  im  selben  Sinne  wie
die  Werkzeuge  des  Messens,  das  Meter,  die  Gewichte,  die  Hohlmaße. ­
  Jede  Ware  wird  an  der  Geldmenge  gemessen,  gegen
die  sie  ausgetauscht  wird.  Diese  doppelte  Kontrolle,  dies
        <pb n="39" />
        38  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

doppelte  Messen,  wodurch  jede  Ware  hindurchgeht,  ist,  wie  man
sehr  wohl  weiß,  der  Preis.  Der  Preis  der  Dinge  ist  genau  !
das  Maß  ihres  Wertes  in  Geld.
Da  haben  wir  also  den  Begriff  des  Maßes  in  den  wirtschaftlichen ­
  Beziehungen.  Und  die  Einführung  des  Maßbegrifses
  in  eine  Wissenschaft  besagt  in  der  Tat  nicht  wenig.  Die
Volkswirtschaftslehre  ist  erst  eine  Wissenschaft  geworden  und
konnte  es  erst  werden  mit  dem  Tage,  wo  sie  in  dem  Gelde  ein
Maßinstrument  gefunden  hat,  das  ihr  gestattet,  jeden  Wert
auf  einen  quantitativen  Begriff  zurückzuführen.
Gold  und  Silber  lassen  sich  sehr  genau  wiegen.  Lange  ...
§ eit  hindurch  ist  das  Geld  bei  den  Tauschgeschäften  in  dieser
orm  ausgetreten,  nämlich  in  Gestalt  einer  gewissen  Menge,
sei  es  nun  eines  Silberbarrens  oder  des  Goldstaubs,  den
man  wog.  Noch  vor  nicht  langer  Zeit  trugen  alle  Kaufleute
in  China  eine  Wage,  und  bei  jedem  Kauf  oder  Verkauf  bedienten ­
  sie  sich  der  Wage,  nicht  etwa,  wie  heutzutage  der
Fleischer  oder  Krämer,  um  die  Ware  zu  wiegen,  sondern  um
das  Geld  zu  wiegen.  Es  war  ein  genialer  Gedanke,  im  voraus
gewogene  Barren  zu  verwenden,  von  einem  genau  bestimmten
und  bekannten  Gewicht,  und  sie  mit  einem  Siegel  zu  versehn,
das  die  Genauigkeit  des  Gewichts  garantieren  sollte.  Man
weiß  nicht  genau,  wer  zuerst  Geld  geprägt  hat,  aber  man
weiß,  daß  cs  in  Kleinasien  geschah,  ganz  nahe  bei  jenem
Phönizien,  das  uns  das  Alphabet  geschenkt  hat.
In  jenem  Augenblick  erst  beginnt  das  Zeitalter  des  eigentlichen ­
  Geldes,  wie  wir  es  kennen,  der  geschlagenen  Münze.
Alles,  was  man  Münzeinheiten  nennt,  der  Frank,  das  Pfund,
die  Mark,  die  Krone,  der  Dollar,  der  Gulden,  sind  kleine
Stücke  von  einem  gesetzlich  festgelegten  Gewicht:  der  Frank
z.  B.  ist  ein  Stück  von  fünf  Gramm  Silber  mit  einer  gewissen
Legierung  von  Kupfer.  Der  Staat  setzt  seine  Unterschrift  in
Gestalt  eines  Herrschcrbildes  oder  einer  konventionellen  Abbildung ­
  darauf,  um  zu  bezeugen,  daß  das  Stück  das  angegebene ­
  Gewicht  richtig  wiegt.  Und  diejenigen,  die  diese  Unterschrift ­
  nachmachen,  die  Falschmünzer,  werden  mit  schwersten
Strafen  belegt.  Im  Mittelalter  wurden  sie  in  einen  Bottich
mit  siedendem  81  geworfen.  Diese  schrecklichen  Strafen  rechtfertigten
  sich  mit  der  Notwendigkeit,  der  Öffentlichkeit  volles
Vertrauen  zu  jener  Unterschrift  des  Staates  auf  dem  Geldstück
zu  geben.
Erst  seit  Auftreten  der  Münze  hat  man  den  Wert  jeder
Ware  und  auch  den  Wert  jeder  Dienstleistung  messen  können.
        <pb n="40" />
        Das  Geld.

39

Wenn  wir  in  der  Bibel  lesen,  daß  Abraham  oder  Hiob  sehr
reich  waren,  daß  sie  große  Schafherden  und  sehr  viele  Knechte
hatten,  so  sagt  uns  das  nicht  viel  über  ihr  Vermögen.  Während ­
  wir  hingegen  heutzutage  auf  den  Pfennig  genau  wissen,
welches  das  Vermögen  eines  x-beliebigen  Mitbürgers  ist.  Der
Fiskus  weiß  es  auch,  und  das  ist  sehr  gut  für  ihn;  denn  was
würde  er  tun,  wenn  er  nicht  ein  Präzisionsinstrument  besäße,
mit  dem  er  die  Einkommensteuern  berechnen  kann?  Und  nicht
nur  für  den  Fiskus  ist  diese  Messung  unentbehrlich;  sie  ist  es
auch  für  jeden  „Geschäftsmann".  Was  tut  der  Kaufmann?
Er  berechnet  nach  seinem  Buche  den  Einkaufspreis  seiner
Ware,  dann  den  Verkaufspreis:  er  berechnet  den  Unterschied
zwischen  diesen  beiden  Zahlen  —  und  der  Unterschied  bildet
seinen  Nutzen  oder  Gewinn.
Ohne  das  Geld  ist  die  Ermittlung  des  richtigen  Preises
unmöglich,  und  ich  verstehe  richtigen  Preis  nicht  nur  im
arithmetischen  Sinne,  wie  wenn  man  sagt:  die  Rechnung  ist
richtig  —  ich  verstehe  es  im  moralischen  Sinn.  In  den  afrikanischen ­
  Ländern,  wo  dieses  genaue  Geldmaß  noch  nicht  existiert,
wo  man  noch  beim  Tauschhandelssystem  ist,  kann  der  Handel
nur  vor  sich  gehn,  indem  man  gewaltige  Unterschiede  zwischen
dem  Einkaufs-  und  Verkaufspreis  macht,  d.  h.,  indem  man  die
Waren  drei  oder  viermal  über  ihren  Wert  verkauft.  Und
wenn  die  Schwarzen  Opfer  der  schamlosesten  Ausbeutung
lind,  so  ist  daran  teilweise  der  Mangel  an  Geld  schuld,  das
die  Festsetzung  eines  richtigen  Preises  gestatten  würde.  Pie
Einführung  des  Geldes  bedeutet  für  sie  eine  Befreiung.
Das  Papiergeld.  Was  macht  den  Wert  des  Geldes?  Ich
habe  soeben  auseinandergesetzt,  aus  welchen  Gründen  das
Goldgeld  den  anderen  Gütern  überlegen  ist  —  weil  es  erlaubt,
alles,  was  man  sich  wünscht,  zu  erwerben,  weil  es  erlaubt,
die  Arbeit  anderer  zu  beherrschen  und  weil  es  von  persönlicher
Arbeit  befreit,  weil  es  gestattet,  ins  Unendliche  den  Wert  aufzuspeichern ­
  —  das  versteht  sich!  Aber  warum  besitzt  es  alle
diese  Eigenschaften?
Ich  habe  gesagt,  daß  Gold  und  sogar  Silber  als  Geld
ausgewählt  worden  seien,  weil  sie  schön  waren  und  zu  allen
Zeiten  den  Gegenstand  menschlicher  Wünsche  gebildet  hatten,
sowohl  als  Schmuck  für  die  Frauen  wie  als  Kronen  für  die
Könige.  Es  ist  noch  ebenso  in  jenen  orientalischen  Ländern,  in
denen  das  Gold-  oder  Silberstück  zugleich  als  Tausch-  und
Schmuckmittel  dient,  und  wo  die  Mitgift  der  Mädchen  aus
        <pb n="41" />
        40  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

Zechinen  besteht,  die  an  ihren  Gürtel  oder  ihr  Kleid  angenäht ­
  sind.
Aber  wir  sind  über  diese  Zeit  hinaus.  Wenn  bei  uns  das
Gold  nur  zur  Herstellung  von  Halsschmuck,  Ringen,  Armbändern, ­
  Uhrgehäusen  dienen  müßte  und  das  Silber  zur  Herstellung ­
  von  Tischgerät  und  Bestecken,  so  würde  das  nicht  genügen, ­
  um  den  Wert  jenes  gewaltigen  Gebäudes  von  etwa
Hundert  Milliarden  zu  stützen,  das  heute  den  Geldvorrat  der
Kulturvölker  darstellt.  Es  muß  für  diesen  Wert  noch  eine
andere  Stütze.  vorhanden  sein.  Welche  ist  das  nun?  Die
einzige  Erklärung,  die  man  in  den  meisten  volkswirtschaftlichen
Schriften  findet,  ist,  daß  das  Geld  auch  eine  Ware  ist,  und  als
wahren  Wert  den  Handelswert  des  Barrens  hat,  aus  dem  es
besteht:  warum  ist  das  20-Franken-Goldstück  zwanzig  Franken
wert?,  man  antwortet:  weil  man  es  nur  zu  einem  Goldschmied
zu  bringen  braucht,  und  es  bringt  einem  20  Franken  ein.
Und  man  kann  es  sogar  einschmelzen  lassen  oder  die  Inschrift
mit  Hammerschlägen  vernichten,  deswegen  wird  es  nicht  einen
Sou  an  Wert  verlieren  —  was  beweist,  daß  dieser  Wert  unabhängig ­
  von  seinem  Geldwert  ist.  Das  Siegel  des  Staates
und  die  darauf  eingravierte  Schrift  sind  wie  das  Ekikett  auf
der  Ware:  Es  gibt  den  Wert  an,  aber  schafft  ihn  nicht.
Wie  soll  man  sich  aber  nun  Mr  Wert  der  Banknote  erklären? ­
  Er  beruht  nicht  in  dem  inneren  Wert  des  Papiers,
wenn  es  auch  sehr  schönes,  teueres  Papier  sein  mag.  Es  kommt
daher,  antwortet  man,  weil  dieses  Papier  nur  das  Zeichen  für
eine  Gold-  oder  Silbersumme  darstellt,  die  der  auf  ihm--angegebenen ­
  gleich  ist,  und  gegen  die  man  je  nach  Wunsch  des
Besitzers  es  umtauschen  kann.  In  normalen  Zeiten,  richtig!
Aber  die  Banknoten  sind  nicht  mehr  einlösbar.  Die  Bangue
de  France  wäre  in  gehöriger  Verlegenheit,  wenn  sie  die
38  Milliarden  im  Umlauf  befindlichen  Noten  einlösen  müßte;
denn  sie  hat  in  ihrer  Kasse  nur  ungefähr  sechs  Milliarden  Gold
oder  Silber.  Was  den  Staat  anlangt,  den  gewisse  Leute  ganz
zu  unrecht  zur  Einlösung  der  Banknoten  verpflichtet  glauben,
so  würde  er  ebenfalls  außerstande  sein,  da  er  bis  jetzt  der  Bank
die  27  Milliarden  nicht  hat  zurückzahlen  können,  die  er  von
ihr  entliehen  hat.  Man  darf  also  nicht  sagen,  daß  die  Banknote ­
  gegen  Gold  eintauschbar  ist,  also  auch  nicht,  daß  man
dadurch  ihren  Wert  erklären  kann.  Und  selbst  in  normalen
Zeiten  ist  die  Erklärung  unzureichend;  denn  wenn  wir  eine
Banknote  erhalten,  denken  wir  schwerlich  daran,  auf  die
Bangue  de  France  zu  gehn,  um  die  Note  gegen  Gold  oder
        <pb n="42" />
        Das  Geld.

41

Silber  einzutauschen.  Man  nimmt  die  Banknote  nicht,  um
sie  sich  umwechseln  zu  lassen,  sondern  um  sie  auszugeben,  und
weil  man  das  feste  Vertrauen  hat  —  das  durch  die  tägliche
Erfahrung  gerechtfertigt  und  übrigens  durch  das  Gesetz  sanktioniert ­
  wird  —  daß  bei  einem  beliebigen  Einkauf  oder  bei
Bezahlung  einer  Schuld  der  Kaufmann  oder  der  Gläubiger
diese  100-Franknote  als  Gegenwert  für  100  Frank  annehmen ­
  wird.
Und  selbst  wenn  es  sich  um  Metallgeld  handelt,  so  ist
niemand  auf  den  Gedanken  gekommen,  sich  beim  Empfang
eines  Gold-  oder  Silberstücks  zu  sagen:  „Ich  will  es  beim
Goldschmied  verkaufen".  Man  nimmt  das  Gold-  oder  Silberstück, ­
  weil  man  weiß,  daß  jedermann  es  in  gleicher  Weise  zum
selben  Wert  annehmen  wird.  Dies  läuft  darauf  hinaus,  daß
das,  was  den  Wert  eines  Geldstücks  ausmacht,  das  einmütige
Vertrauen  ist,  daß  jeder  dieses  Geld  annehmen  wird*).
Der  Wert  des  Geldes  beruht  also  auf  einer  wechselseitigen ­
  Übereinkunft  aller  Inhaber,  daß  jeder  es  annehmen
wird  —  handelt  es  sich  nun  um  das  Geld  eines  einzelnen
Landes,  die  Banknote,  dann  beruht  es  auf  der  Übereinkunft  in
ein  und  demselben  Lande,  oder  ein  internationales  Geld  wie
das  Gold,  dann  beruht  es  auf  dem  Einvernehmen  der  ganzen
Welt.
Ebenso  wie  man  beim  Kartenspielen  statt  des  Geldes  oft
weiße,  grüne  oder  rote  Spielmarken  benutzt,  die  einen.verabredeten ­
  Wert  besitzen  und  die  am  Schluß  des  Spiels  als
Geld  ohne  Rücksicht  auf  ihren  inneren  Wert  angenommen
werden  —  ebenso  macht  man  es  mit  den  Münzen,  nur  mit
dem  Unterschied,  daß  jene  Marken  aus  Gold  oder  Silber  ihren
Wert  auf  die  Übereinkunft  von  mehreren  hundert  Millionen
Menschen  gründen  statt  auf  die  Abrede  von  vier  Teilnehmern
einer  Whist-  oder  Bridgepartie.
Dieser  konventionelle  Charakter  des  Wertes  liegt  übrigens
allen  Reichtümern  zu  gründe:  wenn  eine  Frau  ein  Perlenhalsband ­
  mit  100  000  Frank  bezahlt,  tut  sie  es,  weil  sie  glaubt,
daß  das  Halsband  sie  schön  machen  wird  —  und  wenn  ein

i)  Wenn  es  wahr  ist,  baß  der  Goldbarren,  der  das  20-Frankstück  bildet,  aus  dem
Markt  20  Franken  wert  ist,  so  rührt  das  nicht  etwa  daher,  weil  das  Gold  zur  Herstellung ­
  von  Kleinodien  dient,  sondern  weil  es  hauptsächlich  zur  Herstellung  von  Geld
dient.  Die  Hauptgoldkäufer  sind  nicht  die  Goldschmiede,  sondern  die  Münzstätten.  Es  ist
also  eine  Schlußfolgerung  im  Kreise,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  ein  circulus  vitiosus.
Wenn  es  wahr  wäre,  daß  der  Wert  des  Geldes  nur  den  Handelswert  des  Metalls  zur
Grundlage  habe,  so  würde  es  nur  wenig  bedeuten.  Um  sich  davon  zu  überzeugen,
braucht  man  sich  nur  zu  fragen,  was  vom  Wert  dieser  Geldstücke  übrig  bliebe  an  dem
Tage,  Ivo  sie  außer  Kurs  gesetzt  würden.
        <pb n="43" />
        42

Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

Neureicher  ein  Schloß  kauft,  geschieht  es,  weil  er  glaubt,  es
wird  ihn  glücklich  machen.  Es  ist  möglich,  daß  sie  sich  beide
irren;  aber  was  tut  das?  Immerhin  wenn  es  sich  um  die
Reichtümer  in  natura  handelt,  ist  diese  Glaubenshandlung
hinter  den  wirklichen  und  natürlichen  Eigenschaften  dieser
Güter  verborgen,  hinter  der  Schönheit  der  Perlen,  der  Annehmlichkeit ­
  und  Behaglichkeit  des  Schlosses,  während  hingegen ­
  bei  Gold-  oder  Silbergeld  oder  bei  einer  schmutzigen
Banknote,  jeder  Irrtum  ausgeschlossen  ist:  im  Stoffe  selbst,
der  als  Unterlage  ihres  Wertes  dient,  ist  gar  kein  oder  ein  nur
sehr  geringer  wirklicher  Nutzen.  Ihr  Wert  hat  keine  andere
Grundlage  als  der  ihnen  von  all  und  jedem  zugeschriebene
Kredit.
Das  läuft  darauf  hinaus,  daß  letzten  Endes  der  Wert
des  Geldes,  wie  der  Soziologe  Gabriel  Tarde  es  ausdrückte,
auf  dem  Glauben  beruht.  Es  ist  eine  einfache  Handlung
gegenseitigen  Glaubens,  bei  der  jeder  an  den  Wert  einer  Sache
glaubt,  weil  der  andere  daran  glaubt;  und  diese  Vertrauenshandlungen ­
  stützen  sich  gegenseitig  wie  die  Pfeiler  einer  Kathedrale. ­
  Aber  wenn  die  Pfeiler  nachgeben,  stürzt  alles  zusammen. ­
  Das  sehen  wir  in  diesem  Augenblick  in  einem
großen  Teil  von  Europa.
        <pb n="44" />
        Kapitel  IV.

Eigentum  und  Erblichkeit.
Man  hört  oft  sagen,  daß  das  Eigentum  die  Grundlage
der  gesellschaftlichen  Ordnung  ist.  Es  ist  jedenfalls  eine  der
größten  Einrichtungen  nicht  nur  der  Volkswirtschaft,  sondern
der  Kultur.  Wir  haben  nicht  die  Absicht,  in  diesem  kleinen
Kapitel  einen  Rundgang  durch  diese  zu  machen,  ich  werde  mich
nur  darauf  beschränken,  zu  zeigen,  wie  lange  es  gedauert  hat,
bis  diese  „Grundlage  der  Kultur"  sich  herausgebildet  hat,
und  wie  sie  im  Begriff  ist,  sich  umzubilden,  oder  genauer
gesagt,  sich  zu  verbilden.
Entwicklung  des  Eigentums.  Wir  haben  schon  die  Aneignung ­
  in  ihrer  einfachsten  Form  beobachtet,  nämlich  die
durch  das  körperliche  Bedürfnis  der  Ernährung  bedingte  Aneignung: ­
  die  Einverleibung  dessen,  was  man  ißt,  was  man
verschlingt,  oder  wenigstens  dessen,  was  man  zum  Munde
führt  —  wie  bei  den  Kindern  oder  Eichkätzchen,  von  denen  ich
erzählt  habe.  Das  war  die  unbestreitbarste  Besitzergreifung,
sie  fällt  zusammen  mit  dem  Verzehren.
Aber  das  Gefühl  der  Aneignung  dehnt  sich  schnell  auf
alle  Gegenstände  aus,  die  die  Hand  ergreifen  und  berühren
kann.  Alle  Rechtsstudenten  wissen,  daß  im  römischen  Recht
die  eigentliche  Form  der  Besitzergreifung  „mancipatio“
hieß,  welches  von  zwei  lateinischen  Worten  herkommt,
die  bedeuten:  mit  der  Hand  ergreifen.  Also  ursprünglich ­
  waren  nur  die  Gegenstände,  die  man  ergreifen
und  handhaben  konnte,  als  aneigenbare  Gegenstände  angesehn.
  Und  so  ist  es  ganz  natürlich  mit  denjenigen  Dingen,
die  aus  der  Hand  des  Menschen  in  Gestalt  von  Erzeugnissen
seiner  Arbeit  hervorgehn.  Das  sind  zunächst  die  ersten  Werkzeuge ­
  und  die  ersten  Waffen:  der  geschnittene  oder  geglättete
        <pb n="45" />
        44  Aiifangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
Stein,  Kleidung  oder  Schmuck.  Später  wurden  es  die  Haustiere. ­
  Von  den  Haustieren  geht  die  Besitzergreifung  über  zu
den  Sklaven.  Sogar  die  Frauen  haben  zu  den  ersten  Eigentumsgegenständen ­
  gehört.  Anfangs  war  das  Haus  auch  ein
beweglicher  Gegenstand:  es  war  das  Zelt  der  Nomadenvölker.
In  ihren  einfachen  ersten  Stadien  unterschieden  sich  das
Schutzdach,  die  Hütte,  das  Zelt  kaum  von  der  Kleidung:  was
ist  für  die  Schnecke  ihr  Haus?  Soll  man  sagen,  es  ist  ihr  Kleid
oder  ihr  Haus?  Für  den  Wilden  ist  auch  das  Schutzdach  an
die  Person  geknüpft:  deshalb  ist  es  Eigentumsgegcnstand
geworden.  Die  Tiere  selbst  haben  sehr  wohl  das  Gefühl
des  Eigentums  bezüglich  ihres  Lagers  oder  ihres  Nests.
Doch  hier  ändert  das  Eigentum  etwas  seinen  Charakter:
anstatt  ausschließlich  individuell  zu  sein  wie  der  Bogen
und  die  Pfeile,  oder  der  Schmuck  —  wird  es  Familieneigentum. ­
  Das  Haus  ist  nicht  nur  Eigentum  des  Mannes,
sondern  auch,  und  vor  allem,  der  Frau  und  der  Kinder.  Wie
sollte  das  Vogelnest  nicht  ein  Eigentumsgegenstand  sein?  Es
ist  das  heiligste  aller  Eigentümer,  und  in  der  ganzen  Vogelwelt
ist  keiner  verächtlicher  als  der,  welcher  das  Nest  anderer  stiehlt,
und  das  ist  der  Kuckuck.
Und  nicht  nur  der  Gegenstand  des  Eigentums  wechselt,
auch  seine  Grundlage.  Wenn  es  sich  um  persönliches  Eigentum ­
  handelte,  so  war  es  die  Arbeit  oder  Besetzung,  die  es
schuf.  Aber  was  das  Eigentum  des  Hauses  schafft,  das  ist  die
Berührung  der  Geschlechter  und  die  Erziehung  der  Kinder.
Mit  einem  Wort  gesagt,  die  Liebe  schafft,  was  man  mit  einem  so
schönen  Wort  —  viel  schöner  als  das  englische  hörne  —  als
den  Herd  bezeichnet.
Aber  gehn  wir  einen  Schritt  weiter.  Vom  ersten  Tage
an,  wo  dieses  Haus  nicht  mehr  das  Zelt  des  Nomaden  oder
die  Grotte  des  Höhlenmenschen  ist,  sondern  wo  es  das  eigentliche ­
  Haus  im  wahren  Sinne  geworden  ist,  der  Herd,  wie  wir
es  eben  nannten,  das  heißt,  eine  feste  Wohnung  —  von  jenem
Augenblick  an  ist  das  Haus  vom  Eigentumsbegriff  umstrahlt
wie  der  wirkliche  Herd  vom  Licht.  Es  umschließt  alles,  was
nahe  liegt,  den  kleinen  Garten,  das  Gebiet,  was  zur  Ernährung ­
  der  Familie  dient.  Die  erste  Form  des  unbeweglichen
Eigentums  erscheint  so  einfach  als  Anhang  zum  Hause.
t  Bei  den  Römern  —  man  muß  immer  zu  ihnen  zurückgreifen, ­
  wenn  man  den  Ursprung  und  die  Geschichte  des
Grundeigentums  studiert  —  gab  es  bis  zu  den  punischen
Kriegen,  das  heißt  200  Jahre  vor  Chr.,  kein  anderes  Grund-
        <pb n="46" />
        Eigentum  und  Erblichkeit.

45

eigentum  als  ein  kleines  Landstück  um  das  Haus  herum,  das
man  juger  nannte,  und  das  nicht  größer  als  ein  Viertel
Hektar  war.
Aber  das  Eigentum  hat  sich  nicht  auf  diese  engen  Grenzen
beschränkt,  die  die  Hand  berühren  oder  der  Blick  umfassen
kann.  In  dem  Maße,  wie  der  Pflug  den  Boden  urbar  machte,
ist  das  Eigentum  dem  Pfluge  gefolgt  bis  zum  Ende  der  Furche,
und  dort  hat  es  den  geheiligten  Grenzstein  hingesetzt,  den  ein
Gott  behütet,  der  Gott  Terminus.
Aber  wird  es  diesen  Grenzstein,  den  es  selbst  hingesetzt
hat,  achten?  Nein,  unersättlich,  wird  das  Eigentum  sich  endlos ­
  ausdehnen,  indem  es  das  freie  Land  in  sich  aufnimmt,
bis  es  das  Land  ganz  bedeckt  hat.  Es  wird  „Großbcsitz"  werden,
nicht  nur  eine  wirtschaftliche,  sondern  eine  politische  Einrichtung, ­
  die  das  Feudalsystem  und  den  Adel  schassen  wird.
Aber  mit  welchem  Recht?  Denn  wo  es  sich  um  das  bewegliche
Eigentum  oder  sogar  um  das  kleine  Grundeigentum  handelte  —
sei  es  nun  um  jene  beweglichen  Dinge,  die  der  Mensch  in  seine
Hand  nahm,  sei  es  um  das  von  ihm  bewohnte  Haus,  in  dem
er  seinen  Herd  gründete  und  seine  häuslichen  Götter  unterbrachte, ­
  sei  es  um  den  Flecken  Erde,  den  er  mit  seiner  Pflugschar ­
  bearbeitete  —  da  sah  man  noch  eine  materielle  Besitzergreifung, ­
  aber  in  dem  Maße,  wie  sich  das  Eigentum  ausdehnt
und  die  Erde  umfaßt,  worauf  stützt  es  sich?  Nicht  mehr
auf  tatsächliche  Inbesitznahme  kann  sich  das  Eigentum
an  gewaltigen  Domänen  gründen,  wie  denen  Englands,
Rußlands,  Italiens,  Amerikas,  die  Tausende  Hektar  umfassen, ­
  auch  nicht  mehr  auf  die  Arbeit  ihrer  Besitzer;  denn  diese
großen  Ländereien  sind  ihrer  Zeit  nur  durch  die  Arbeit  der
Sklaven,  der  Leibeigenen  oder  der  Pächter  angebaut  worden.
Welches  sind  also  die  ursprünglichen  Rechte  auf  den  Großgrundbesitz? ­
  Es  ist  die  Eroberung.  Die  Geschichte  kann  keinen
Zweifel  über  diesen  Punkt  bestehn  lassen.  Die  ersten  großen
Domänen  schuf  die  Eroberung,  zunächst  die  mit  den  Waffen,
später  die  durch  Enteignung  der  ursprünglichen  Besitzer,  und
zwar  vermittelst  von  Gesetzen,  welche  die  Erobererklasse  selbst
geschaffen  hat.  Die  Römer  gaben  sich  in  diesem  Punkte  keinen
Illusionen  hin.  Das  Eigentum  am  Boden,  das  sie  als  das
achtenswerteste  ansahn,  war  das  durch  den  Krieg  geschaffene:
Das  Wort  „quiritisches  Eigentum",  das  bei  den  Römern  das
Eigentum  schlechthin  bezeichnet,  das  typische  Eigentum,  das
Eigentum  von  Rechtswegen,  das  ist  das  Wort,  welches  den
Mann  mit  der  Soldatenpike  bezeichnete.  Es  war  das  durch  das
        <pb n="47" />
        46  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
Eisen  geschaffene  Eigentum,  nicht  durch  das  Eisen  der  Pflugschar, ­
  sondern  das  Eisen  der  Lanze,  sub  hasta 1 ).
Dieselbe  Art  der  Erwerbung  des  Eigentums  hat  sich  durch
die  Jahrhunderte  fortgesetzt.  Wenn  wir  z.  B.  ein  Land  wie
England  nehmen,  so  sehen  wir  noch  jene  beiden  aufeinanderfolgenden ­
  Handlungen,  von  denen  ich  soeben  gesprochen  habe,
bei  der  Bildung  des  Eigentums  der  englischen  Landlords.
Zuerst  die  normannische  Eroberung,  wo  nach  der  Eroberung
Englands  das  englische  Land  in  eine  Reihe  von  Domänen
aufgeteilt  wurde,  die  in  dem  berühmten  Domesday  Book
eingetragen  wurden  —  das  ist  das  amtliche  Register  über
die  Aufteilung  des  englischen  Landgebiets  unter  die  Eroberer.
Dann  viel  später  haben  sich  diese  ersten  Besitzungen  des  Adels
vergrößert,  indem  sie  einfach  in  ihr  Gebiet  die  kleinen  Besitzungen ­
  der  einstigen  Besitzer  hineinzogen,  die  der  ersten
Teilung  bei  der  Eroberung  entgangen  waren.
Später  kam  Irland  an  die  Reihe,  und  man  weiß,
welches  die  politischen  Folgen  dieser  Enteignung  gewesen
sind.  Ein  irischer  Prediger  erzählte  einmal  vor  einer
ländlichen  Zuhörerschaft,  die  darüber  vor  Behagen  jubelte,
obgleich  die  Sinn-Feiner  noch  nicht  erfunden  waren,
folgende  Geschichte:  „Kürzlich  war  ich  aus  das  Land
eines  Eigentümers  gekommen,  der  mir  sagte:  Gehn  Sie
weg,  dies  Land  gehört  mir.  —  Ich  sagte  zu  ihm:  Warum?
von  wem  haben  Sie  es?  —  Er  antwortete  mir:  von
meinem  Vater.  —  Und  von  wem  hatte  es  Ihr  Vater?  —  Von
meinen:  Großvater.  —■  Und  Ihr  Großvater?  —  Da  sagte  er
ungeduldig:  Er  hatte  es  bekommen,  weil  er  sich  um  seinen
Besitz  schlug.  ■—  Bravo!,  sagte  ich  zu  ihm,  Rock  aus!  Wir
wollen  uns  auch  schlagen,  um  zu  sehn,  wer  es  bekommen  soll".
Wir  haben  die  britischen  Inseln  nur  als  Beispiel  angeführt, ­
  aber  die  Geschichte  ist  überall  die  gleiche  gewesen,  sogar
in  Amerika.  Wenn  man  die  Pioniere  als  die  typischen  Vertreter ­
  des  heiligsten  Eigentums  anführt,  nämlich  die  Leute,
die  das  amerikanische  Land  mit  der  Hacke  des  Holzhauers
und  der  Pflugschar  erobert  haben,  so  vergißt  man,  daß  sie  zunächst ­
  dieses  Land  genommen  haben,  indem  sie  die  Rothäute
enteigneten.  Ebenso  ist  es  in  allen  Kolonieen,  und  man  darf
nicht  vergessen,  daß  alle  unsere  alten  europäischen  Länder  zu
*).Quirites,  eigentlich  der  Ritter,  ist  das  Wort,  welches  den  römischen  Vollbürger,
den  Abkömmling^  der  jQuiritengcschlechter  bezeichnet.  Verkäufe  von  öffentlichem  Gut,
welches  nur  Quiriten  erwerben  konnten,  geschahen  unter  zwei  gekreuzten  Lanzen,  lateinisch
«8ub  hasta",  daher  noch  der  Ausdruck  der  Juristen  für  versteigern  „subhastieren".
Der  Übersetzer.
        <pb n="48" />
        47

Eigentum  und  Erblichkeit.

irgendeiner  Zeit  einmal  Kolonien  gewesen  sind  —  Gallien
war  eine  römische  Kolonie,  dann  eine  fränkische  —  und  dieselbe ­
  Geschichte  hat  zehnmal  von  vorn  angefangen.
Dieser  Ursprung  des  Grundeigentums  belastet  nicht  die
gegenwärtigen  Besitzer,  denn  er  ist  seit  langem  wieder  verdeckt ­
  und  geläutert  durch  eine  Reihe  von  Besitzübertragungen, ­
  Käufen,  Erbschaften,  jedoch  unter  der  Überschrift
„Eigentumstitel",  wie  man  es  im  Rechtswesen  nennt,  und
vor  allem  unter  dem  Titel,  der  „Verjährung"  heißt;  aber
wenn  man  weit  genug  zurückgeht,  steht  die  Eroberung  nichtsdestoweniger ­
  am  Anfang  des  ganzen  Grundeigentums.
Könnte  man  irgendwo  in  der  Welt,  sogar  in  Frankreich,
wo  vielleicht  mehr  als  in  allen  anderen  Ländern  das  Grundeigentum ­
  das  am  besten  gesicherte  ist,  ein  Stück  Land  finden,
das  vom  ersten  Tag,  an  dem  der  Mensch  seinen  Fuß  hingesetzt ­
  und  es  urbar  gemacht  hat,  in  dieser  Gestalt  in  den
Händen  des  Bearbeiters  und  seiner  Erben  als  treuer  Genosse
der  Arbeit  des  Mannes  geblieben  wäre,  so  würde  das  eine
Kuriosität  darstellen,  die  man  mit  einer  Inschrift  versehn
unter  Glas  setzen  müßte,  denn  das  wäre  das  seltenste  geschichtliche ­
  Denkmal.
Aber  das  Eigentum  hat  sich  nicht  auf  die  Eroberung  des
Landes  beschränkt.  Es  soll  noch  einen  Sprung  weiter  machen:
es  soll  das  immaterielle  Eigentum  werden,  sehr  verschieden
von  dem  soeben  besprochenen  Ureigentum,  von  jenen  Produkten, ­
  die  mit  Händen  zu  fassen  sind.  Es  wird  das  werden,
was  man  „beweglichen  Wert"  nennt.
Es  bildet  heutzutage  das  Vermögen  der  meisten  unter
uns.  Ohne  Zweifel  gibt  es  heute  noch  einige  Leute,  die  Besitzer ­
  von  Häusern,  Ländereien,  Grundstücken  sind.  Aber  die
meisten  von  denen,  die  die  sogenannte  bürgerliche  oder
Kapitalistenklasse  bilden,  haben  ihr  Eigentum  in  „der  Brieftasche", ­
  wie  man  zu  sagen  pflegt,  das  heißt  in  Gestalt  von
bunten  Papierstücken,  die  mit  Zahlen  und  Bildern  bedeckt
sind.  Die  einen  stellen  einen  Besitzanteil  an  den  Bergwerken
von  Anzin  dar  oder  an  den  Eisenbahnen  der  Gesellschaft  Paris-Lyon-Marseille,
  oder  am  Suezkanal,  oder  an  entfernten  Bergwerken, ­
  wie  denen  von  Transvaal  oder  Rio-Tinto.  Haben
die  Eigentümer  diese  Bergwerke  oder  Kanäle  gesehn?  Niemals-Wissen
  Sie  auch  nur,  wo  sie  sich  befinden?  Nicht  alle.  Und
diese  Besitztitel  sind  nicht  einmal  auf  ihren  Namen  ausgestellt.
Sie  gehören  dem  Inhaber,  wie  man  sagt.  Sie  sind  namenlos.
        <pb n="49" />
        48  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

Es  sind  einfache  Ziffern,  die  sie  in  Gewahrsam  halten.  Und
wenn  ich  sage,  sie  sind  in  ihrer  Brieftasche,  so  übertreibe  ich
noch.  Nur  die  Kleinbürger  behalten  ihre  Anteile  bei  sich  zu
Hause.  Die  Reichen  deponieren  sie  bei  ihrem  Bankier.  Dieser
gibt  ihnen  dann  ganz  einfach  eine  Quittung  über  jene  Anteilscheine ­
  nebst  einem  Scheckbuch,  in  das  sie  die  Summe,  die  sie
etwa  für  einen  Einkauf  oder  eine  Zahlung  benötigen,  eintragen. ­
  Das  Scheckheft,  das  ist  das  Eigentum  von  heutzutage,
der  Großbesitz  der  Reichen.
Die  ersten  individuellen  Besitztümer  waren  gleichsam  an
die  Person  geheftet,  Arten  von  Organen,  die  seine  Persönlichkeit ­
  außen  umschlossen  —  wie  das  Haus  die  Schnecke.  Hier
sehen  wir  eine  Form  des  Eigentums,  die  sich  des  Körpers
entledigt  hat,  die  so  ist  wie  das,  was  die  Spiritisten  „den
Astralleib"  nennen,  von  dem  sie  glauben,  daß  er  um  den
wirklichen  Leib  herum  existiere.
Diese  Entwicklung  im  Eigentumsobjekt  ist  in  packender
Weise  von  Jaurös  ins  Licht  gerückt  worden  in  seinen  „Sozialistischen ­
  Studien"  (Ltuckss  Loeiuiistes).
„Das  Besitztum  des  Landmanns,  sagt  er,  ist  ein  Stück
seines  Lebens.  Es  hat  seine  Wiege  getragen:  es  ist
dem  Friedhof  benachbart,  auf  dem  seine  Vorfahren  schlafen,
auf  dem  er  selbst  schlafen  wird:  und  von  dem  Feigenbaum ­
  aus,  der  seine  Tür  beschattet,  bemerkt  er  die  Zypresse,
die  seinen  letzten  Schlummer  schützen  wird.  Sein  Eigentum ­
  ist  ein  Bruchstück  des  unmittelbaren  engeren  Vaterlands, ­
  des  örtlichen  Vaterlands,  ein  Ausschnitt  des  großen
Vaterlands  ....  Früher  griffen  die  Menschen  nur  zu
den  Zeitungen,  um  sich  über  das  zu  unterrichten,  was  nicht  ihr
eigenes  Leben  war.  Sie  kauften  die  Zeitung  nicht,  um  zu
erfahren,  welches  ihr  Vermögen  war  und  welches  ihre  Einnahmen ­
  sein  würden.  Jetzt  gibt  es  kaum  einen  bürgerlichen
Besitzer,  der  nicht  Finanzblätter  lesen  müßte,  um  zu  erfahren,
wie  es  mit  seinem  eigenen  Vermögen  steht.  Das  Eigentum
ist  dem  Besitzer  so  fremd  geworden,  daß  der  Besitzer  erst  durch
die  Zeitung  Nachrichten  über  seinen  Besitz  erhält".
Das  ist  vollkommen  richtig.  Man  beobachte  die  Käufer
einer  Abendzeitung:  fangen  sie  nicht  mit  der  letzten  Seite  an
und  sehen  den  Börsenbericht  nach,  den  Kurszettel?  Sie  sehn
nach,  wieviel  ihre  Aktien  wert  sind,  ihre  Rentenbriefe,  ihre
Obligationen,  und  die  Zeitung  belehrt  sie  darüber,  ob  sie  an
dem  Tage  reicher  oder  ärmer  geworden  sind,  und  um  wieviel.
        <pb n="50" />
        49

Eigentum  und  Erblichkeit.

Läuft  nun  aber  das  Eigentum  in  dieser  Gestalt  nicht
Gefahr,  sich  zu  verflüchtigen?  Ich  meine  nicht  in  dem  Sinne,
daß  es  mehr  Gefahren  ausgesetzt  fein  sollte  als  das  Eigentum
unter  materieller  Gestalt.  Nein,  im  Gegenteil:  es  wird
weniger  leicht  gestohlen  oder  verloren  als  das  Geld,  das  der
Landmann  in  seinem  Schrank  verschließt,  denn  der  Bankier
hat  es  in  seiner  Hut,  und  er  verwahrt  es  gut.  Aber  es  ist
insofern  unsicherer,  als  am  Tage  einer  Revolution  nur  ein
Hauch  über  alle  diese  Papierfetzen  zu  wehen  braucht,  um  sie  in
die  Lust  zu  blasen.
Nicht  nur  hinsichtlich  seines  Gegenstandes  hat  sich  das
Eigentum  im  Verlauf  der  Jahrhunderte  entwickelt,  auch  hinsichtlich ­
  des  Rechts.
Welches  sind  in  großen  Zügen  die  charakteristischen
Seiten  des  Eigentums?  —  denn  bis  jetzt  haben  wir  seine
Geschichte  erzählt,  aber  keine  Definition  des  Eigentums
gegeben.  Was  nennt  man  also  Privateigentum,  persönliches ­
  Eigentum?  Es  ist  das  Recht,  eine  Sache  für  sich
zu  besitzen,  das  heißt,  unter  Ausschluß  jeder  andern  Person.
Ursprünglich  war  das  Eigentum  nur  das  Recht,  eine  Sache
im  Hinblick  auf  die  Befriedigung  seiner  Bedürfnisse  zu  gebrauchen, ­
  aber  schloß  das  Eigentum  jenes  Attribut  ein,  das
untrennbar  von  ihm  scheint,  nämlich  das  Recht,  seinen  Besitz
gegen  den  eines  andern  einzutauschen?  Nein,  zweifellos  nein;
denn  wir  haben  schon  gesehn,  daß  der  Tausch  eine  Handlung
darstellt,  die  schon  eine  moralische  Anstrengung  und  ziemlich
verwickelte  wirtschaftliche  Bedingungen  voraussetzt.  Als  ich
vom  Tausch  sprach,  habe  ich  die  Aufmerksamkeit  auf  jenen
Widerwillen  gelenkt,  den  der  Mensch  empfinden  mußte,
sich  der  Gegenstände  seines  Besitzes  zu  entledigen,  um  sie
einem  andern  abzutreten.  Dieser  Widerwille  ist  natürlich  mit
dem  Tage  geschwunden,  an  dem  die  Erzeugnisse  ausdrücklich
für  den  Verkauf  hergestellt  wurden,  das  heißt,  mit  dem  Tage,
an  dem  sie  durch  die  Arbeitsteilung  sogenannte  Waren  geworden ­
  sind.  Aber  das  Haus  und  das  Land  waren  keine
Waren.  Sie  waren  mehr  ein  individuelles  Eigentum,  sie
waren  der  Familienbesitz.  Und  sie  waren  noch  mehr,  sie  waren
das  durch  die  dort  begrabenen  Toten  geheiligte  Eigentum,  geheiligt ­
  durch  die  Hausgötter,  welche  die  Ahnen  waren,  denen
man  jeden  Morgen  die  Öl-  und  Weinspende  darbrachte.  Und
heutzutage  noch  thront  in  den  Religionen  des  Orients  und
Chinas  das  Ahnenbild  im  Saale,  als  eine  Gottheit,  die  das
Haus  beschützt.  So  gehörte  das  Eigentum  den  Toten  wie  den
Gide,  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.  4
        <pb n="51" />
        50  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

Lebenden,  und  es  gehörte  auch  denen,  die  nach  den  Lebenden
kommen  sollten;  sie  hatten  ein  Recht  darauf.  Heilige  Dinge
gehören  nicht  zum  Handel.
Die  Erblichkeit.  Indes  hat  sich  das  Individualrecht  an
der  Sache  allmählich  aus  dem  kollektiven  Miteigentumsrecht
loslösen  können,  selbst  das  Recht  auf  das  Land,  und  die  Geschichte ­
  des  römischen  Rechts  bietet  dafür  das  bemerkenswerteste ­
  Beispiel.  Es  hat  festeren  Boden  gewonnen  durch
das  Recht  zu  verkaufen,  zu  vermieten,  zu  leihen  (siehe  das
nächste  Kapitel).
Wenn  aber  das  Eigentumsrecht  sich  so  immer  mehr  absolut ­
  auf  dem  Haupt  des  Einzelnen  vereinigt,  was  wird  aus
ihm  an  dem  Tage  werden,  wo  diese  Einzelperson  nach  dem
Naturrecht  sterben  wird,  und  wo  so  das  Eigentumsrecht  keine
Stütze  mehr  hat?  In  der  Tat  ein  kritischer  Augenblick!  Was
wird  man  tun?
Wenn  es  sich  um  Eigentum  in  der  ursprünglichen
Form  handelt,  entscheidet  man,  daß  das  Eigentum  dem
Eigentümer  folgt.  Ins  Grab  die  Werkzeuge,  deren  sich  der
Mensch  bedient  hat!  die  Juwelen,  mit  denen  sich  die  Frau
schmückte!  ins  Grab  der  treue  Hund,  mit  dem  der  Herr  auf
die  Jagd  ging,  das  Pferd,  das  ihn  beim  Wettrennen  oder  im
Kampfe  getragen  hat!  ins  Grab  seine  Sklaven  und  auch  seine
Frauen!  Noch  heute  sind  davon  einige  Überreste  geblieben.
Man  legt  häufig  noch  die  Kleinodien  mit  in  den  Sarg,  und  bei
den  Beerdigungen  oer  Feldherren  wird  hinter  dem  Sarge
ihr  Streitroß  an  der  Hand  geführt.  Zwar  tötet  man  es  nicht
mehr,  aber  der  Brauch  erinnert  an  die  Zeit,  wo  es  dem  Herrn
in  den  Tod  folgte.  Was  die  Frauen  angeht,  so  weiß  man,
daß  vor  noch  nicht  gar  zu  langer  Zeit  —  bis  in  die  Mitte  des
vorigen  Jahrhunderts,  bis  zu  dem  Tage,  an  dem  die  Engländer ­
  jenen  grausamen  Brauch  beseitigt  haben  —  die  Hindufrauen ­
  auf  dem  Scheiterhaufen  mit  der  Leiche  ihres  Gatten
verbrannt  wurden.
Aber  beachten  wir,  daß  man  darin  nicht  eine  Vernichtung,
sondern  im  Gegenteil  eine  Ausdehnung,  eine  Verlängerung
des  Eigentumsrechts  auf  ein  künftiges  Leben  zu  sehn  hat.
Damit  der  Tote  am  andern  Ufer  des  Grabes  seine  Waffen,
Werkzeuge,  Sklaven  und  Frauen  wiederfindet,  begräbt  man
sie  mit  ihm.
Glücklicher  Aberglaube  übrigens  —  für  uns!  Denn  ihm
verdanken  wir  die  Erhaltung  so  vieler  Gegenstände,  die  uns
besser  über  die  antiken  Kulturen  unterrichtet  haben  als  es
        <pb n="52" />
        51

Eigentum  und  Erblichkeit.

Bücher  könnten,  Kostbarkeiten,  die  sich  in  den  ägyptischen,
etruskischen,  griechischen  und  gallo-römischen  Gräbern  gefunden
haben  und  die  jetzt  unsere  Museen  füllen.
Indes  konnte  man  das  Haus  und  die  Ländereien  nicht
im  Grab  einschließen.  Was  sollte  man  damit  tun?
Nun,  diese  Güter  werden  in  das  Kollektiveigentum  zurückkehren, ­
  aus  dem  sie  zeitweise  herausgetreten  waren,  entweder
in  das  der  Familie  oder  in  das  des  Stammes.
In  einem  bis  vor  kurzem  unkultivierten,  jetzt  durch  die
Protestantischen  Missionare  zivilisiertem  Lande,  im  Lande  der
Bassutos  in  Südafrika,  haben  beim  Tode  eines  Eingeborenen
die  Erben  das  Recht,  nicht  nur  die  bewegliche  Habe  mit  sich
fortzunehmen,  sondern  außerdem  alles,  was  sich  von  dem
Haus  lostrennen  läßt  und  was  für  sie  von  großem  Werte  ist,
die  Türen,  die  Fenster,  die  Balken  der  Decke,  die  Ziegeln,
aber  das  Haus  —  wenigstens  was  davon  übrig  bleibt  —  fällt
an  den  Stamm  zurück.

Bei  den  Römern  —  darauf  kommen  wir  noch  zurück  —
hat  das  Eigentum  an  Haus  und  Land  lange  Zeit  hindurch
das  Eigentum  der  Familie  gebildet.  Ohne  Zweifel  hatte  das
Familienhaupt,  der  pater  kainilias,  unumschränkte  Gewalt
über  alle  diese  Güter,  wie  übrigens  auch  über  seine  Kinder
und  seine  Frau,  gerade  weil  er  die  Familie  repräsentierte,
wie  der  König  den  Staat  repräsentiert.  Aber  wenn  er  starb,
gingen  die  Güter  in  die  Hände  der  anderen  Familienmitglieder ­
  über,  selbst  dann,  wenn  sie  es  nicht  gewünscht  haben
sollten  (üereäos  nsoossarii,  Zwangserben).
Indessen  hat  sich  das  Jndividualeigentum  nicht  darauf
beschränkt,  nur  lebenslängliches  Eigentum  zu  bleiben:  es  hat
sich  fortsetzen  wollen  und  hat  ein  Haupt,  eine  Person  gesucht,
an  die  es  bei  jedem  Sterbefall  gelangen  könnte.  Es  hat  diese
Person  ganz  natürlich  zuerst  im  Sohne  gefunden  oder  einem
nahen  Verwandten  des  Verstorbenen  —  nicht  mehr  in  der
Gestalt  des  kollektiven  Familieneigentums,  wie  dem  des
antiken  Stammes  oder  noch  heutzutage  der  serbischen
Lnäinssa,  sondern  in  Gestalt  des  individuellen  Eigentums,
das  heißt  mit  Teilung  der  Güter  unter  die  überlebenden.
Aber  später  wurde  das  Eigentumsrecht  vorzugsweise  auf  denjenigen ­
  übertragen,  den  der  Verstorbene  bestimmt  hatte:  So
überlebte  dieser  sich  selbst  durch  eine  letzte  Willenshandlung.
Das  Recht  zu  testieren,  d.  h.  zu  bestimmen,  was  aus  dem
Eigentum  nach  dem  Tode  werden  soll,  ist  das  bedeutendste
4*
        <pb n="53" />
        52  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

Recht,  das  man  einer  Einzelpersönlichkeit  zuerkennen  kann,  ist
folglich  die  Heiligung  des  individuellen  Eigentums  in  unumschränkter ­
  Gestalt:  man  kann  nicht  weiter  gehn.
Doch  hat  die  Erbschaft  auf  Grund  eines  Testaments  die
sogenannte  Jntestatserbschaft  nicht  aufgehoben.  Der  Gesetzgeber ­
  ist  sogar  im  allgemeinen  eher  darauf  bedacht  gewesen,
die  Jntestaterbfolge,  d.  h.  das  Familieneigentum,  gegen  die
Allmacht  des  individuellen  Eigentums  in  der  Gestalt  der
Testierfreiheit  zu  schützen.  So  ist  in  Frankreich  das  Recht
eines  Menschen,  frei  über  seine  Güter  nach  seinem  Tode
zu  verfügen,  nicht  unumschränkt  anerkannt;  denn  der  :
Familienvater  kann  nur  bis  zu  einem  gewissen  Grade  über
seine  Güter  verfügen  —  den  sogenannten  „verfügbaren  Teil"—
aber  er  kann  seine  Kinder  nicht  völlig  berauben.  Doch  verliert ­
  die  Jntestaterbfolge  mehr  und  mehr  an  Boden,  und
während  früher  die  entferntesten  Verwandten,  die  Vettern
im  12.  Grade,  daran  teilhatten,  verengt  sich  jetzt  der  Kreis
mehr  und  mehr,  und  ein  neueres  Gesetz  hat  die  Erbfolge  auf
die  nächsten  Anverwandten  beschränkt.
Nur  wird  die  Erbfolge  keineswegs  zugunsten  der  Testierfreiheit ­
  mehr  und  mehr  eingeschränkt,  sondern  zugunsten  des
Staates,  der  die  Stelle  der  ausgeschlossenen  Erben  einnehmen ­
  will.
Und  hier  stehn  wir  nun  einem  Richtungswechsel  bei  fortschreitender ­
  Entwicklung  gegenüber:  nachdem  das  Eigentum  \
lange  in  der  Richtung  auf  die  Individualisierung  hin  gegangen ­
  ist,  strebt  es  jetzt  danach,  wieder  sozial  zu  werden  und
in  gewissem  Sinne  zu  seinen  Ursprüngen  zurückzukehren  —
eine  Entwicklung  im  Kreise,  von  der  die  Geschichte  uns  manche
merkwürdige  Beispiele  bietet.
Sozialisierung  des  Eigentums.  Man  muß  anerkennen,
daß  jedes  Eigentum  in  gewissem  Maße  das  Ergebnis  einer
Kollektivarbeit  darstellt.  Es  ist  mit  jedem  Eigentum  wie  mit
dem  edelsten  Eigentum,  nämlich  dem  des  Schriftstellers  an
seinem  Buche.  Niemand  wird  bestreiten  wollen,  wieviel  individuelle ­
  Schöpferarbeit  z.  B.  in  einem  Werk  wie  Polyeucte  oder
dem  Cid  steckt,  und  doch,  wenn  man  an  alles  denkt,  was
Corneille  bei  Abfassung  der  beiden  Werke  aus  der  Geschichte
und  sogar  aus  anderen  Schriftstellern  genommen  hat,  wird
man  zu  gleicher  Zeit  zugestehn  müssen,  daß  dieses  Eigentum
in  weitem  Maße  kollektiven  Ursprungs  ist.  Nun  ist  es  ebenso
mit  dem  Handwerker,  der  Holzschuhe  herstellt,  oder  mit  dem
        <pb n="54" />
        53

Eigentum  und  Erblichkeit.

«.  Korbmacher,  der  seine  Binsenfasern  flicht:  niemand,  denkt
gewiß  daran,  ihm  sein  Eigentumsrecht  an  dem  zu  bestreiten,
was  er  seiner  Hände  Arbeit  nennt,  und  doch  verdankt  er  das
Eigentum  an  diesen  einfachen  Dingen  allen  seinen  Vorgängern, ­
  allen  denen,  die  ihn  sein  Handwerk  gelehrt  haben,
allen  von  Geschlecht  zu  Geschlecht  übermittelten  Überlieferungen, ­
  gar  nicht  von  denen  zu  sprechen,  die  ihm  seine  Holzschuhe ­
  oder  Körbe  abkaufen  werden  und  ohne  deren  Nachfrage ­
  diese  Waren  überhaupt  nichts  wert  sein  würden,  trotz
aller  Arbeit,  die  sie  ihn  kosteten.
Ebenso  wie  nun  alles  Eigentum  mehr  oder  weniger  durch
die  Arbeit  aller  geschaffen  ist,  ebenso  mutz  es  im  Interesse  aller
verwertet  werden  —  abgesehn  von  dem  Anteil,  der  durch  den
Erzeuger  selbst  für  seine  eigenen  Bedürfnisse  verbraucht  wird,
aber  das  ist  nur  ein  ganz  geringer  Teil  des  allgemeinen
Reichtums.
Demnach  erscheint  uns  also  das  persönliche  Eigentum
sozusagen  wie  ein  Augenblick  der  Individualisierung  zwischen
zwei  Zuständen  des  Kollektiveigentums,  dem  bei  seinem  Ursprung ­
  und  dem  bei  seinem  Ende.
Es  ist  der  Baumstamm,  dessen  Wurzeln  in  die  Erde
reichen  und  dessen  Zweige  sich  in  den  Himmel  erstrecken.  Der
Baumstamm  ist  wichtig,  und  es  wäre  unklug,  ihn  abzuhauen.
Doch  geben  sogar  diejenigen,  welche  nicht  Sozialisten
sind,  zu,  daß  das  Eigentum  immer  mehr  vergesellschaftet
werden  muß,  was  besagen  will,  daß  es  unter  dem  Gesichtspunkt
des  gesellschaftlichen  Nutzens  betrachtet  werden  muß.  Man
befaßt  sich  also  kaum  noch  damit,  seinen  Ursprung  zu  prüfen,
oder  zu  untersuchen,  ob  es  als  Grundlage  die  Arbeit,  die  Eroberung, ­
  die  Besitzergreifung,  die  Verjährung  oder  das  natürliche ­
  Recht  hat,  sondern  vielmehr,  welche  Dienste  es  geleistet
hat,  und  welche  es  der  Volkswirtschaft  noch  leisten  kann.
Welches  sind  die  praktischen  Folgen,  die  sich  aus  diesem
Gesichtspunkt  ergeben  werden?  Hier  ganz  in  Kürze  einige
der  Folgen.
Ganz  zu  oberst:  da  das  Eigentum  zur  Grundlage  den
gesellschaftlichen  Nutzen  hat,  muß  es  sich  nützlich  erweisen,  und
der  Eigentümer,  der  aus  seinem  Eigentum  nicht  die  ihm  innewohnenden ­
  Vorteile  zieht,  hat  kein  Recht  mehr  darauf,  als
Eigentümer  seine  Funktionen  auszuüben.  Zum  Beispiel  ist
jedes  Stück  Land  dazu  da,  um  angebaut  zu  werden,  und  ein
Eigentümer  hat  nicht  das  Recht,  es  brach  liegen  zu  lassen.
Doch  war  dies  bis  zum  Kriege  gestattet,  weil  man  in  allen
        <pb n="55" />
        54  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

Ländern  das  Eigentumsrecht  in  seiner  römischen  Gestalt,  so
wie  wir  es  in  einem  früheren  Abschnitt  dargelegt  haben,
achtete,  das  „gniritairo^-Eigentum,  das  unumschränkte  Reckft,
zu  gebrauchen,  zu  genießen  und  zu  mißbrauchen.  Folglich
gab  man  zu,  daß  ein  Eigentümer  die  Freiheit  besitze,  sein  Land
brach  liegen  zu  lassen  oder  —  wie  das  wiederholt  in  England
vorgekommen  ist  —  ganze  Dörfer  von  Landleuten  zu  vertreiben ­
  und  aus  den  unermeßlichen  Domänen  Jagdgebiete  zu
machen,  um  dort  auf  den  Fasan  oder  den  Auerhahn  zu
schießen.  Heute  gibt  man  das  schwerlich  zu,  seitdem  der  Krieg
in  dieser  Hinsicht  —  wie  auf  vielen  anderen  Gebieten  —
merkwürdig  beredte  Lehren  uns  erteilt  hat.
In  Frankreich  hat  die  Regierung  während  des  Krieges
verordnet,  daß  jeder  Eigentümer  verpflichtet  sein  solle,
sein  Land  anzubauen,  und  daß  es  vom  Nachbarn  oder
in  Ermangelung  eines  Nachbarn  von  der  Gemeinde  angebaut ­
  werden  solle,  falls  er  es  brach  liegen  lasse.  Das
ist  eine  bemerkenswerte  Erläuterung  für  diese  neue  Auffassung ­
  vom  Eigentum.  Zwar  ist  das  Gesetz  nicht  überall
zur  Anwendung  gekommen,  doch  war  es  immerhin  in
gewissen  Gegenden  der  Fall.  Und  selbst  Gesellschaften  sind
gegründet  worden  zu  dem  Zwecke,  die  von  ihrem  Besitzer
verlassenen  Ländereien  anzubauen.
Übrigens  findet  sich  der  unumschränkte  Charakter  des
Eigentums  nicht  bei  denjenigen  Völkern,  die  auf  einer
anderen  Kultur  als  der  römischen  fußen.  Die  muselmanische ­
  Gesetzgebung  erkennt  das  unumschränkte  Grundeigentumsrecht ­
  nur  an  dem  Lande  an,  das  der  Eigentümer ­
  angebaut  oder  bewässert  hat,  und  um  das  schöne
Wort  des  Koran  zu  gebrauchen,  „zum  Leben  gebracht"
hat.  Und  wenn  auch  leider  alle  Länder,  die  unter
die  Herrschaft  der  Muselmanen  geraten  sind,  so  wenig  wie
möglich  zum  Leben  gebracht  worden  sind,  so  bleibt  der  Grundsatz ­
  deshalb  nicht  weniger  bewundernswürdig  und  dem  des
römischen  Eigentumsrechts  überlegen.  Selbst  in  Frankreich
gibt  es  viele  Zeichen  dieser  neuen  Auffassung.  In  den  Gegenden, ­
  in  denen  es  sumpfige  Landstrecken  zu  entwässern  gilt,
oder  trockene  Ländereien  zu  berieseln,  oder  Strecken,  die  derartig ­
  in  kleine  Parzellen  aufgeteilt  sind,  daß  der  Anbau  fast
unmöglich  ist  —  in  solchen  Gegenden  hat  man  das  Recht
„Zwangsgenossenschaften"  (sMäleuts  obUZutoirss)  zu  errichten, ­
  d.  h.  Genossenschaften  von  Eigentümern,  die  das  Recht
haben,  die  Widerspenstigen  zu  zwingen,  ihrerseits  ihren  Anteil
        <pb n="56" />
        55

Eigentum  und  Erblichkeit.

an  den  Kosten  der  Entwässerung,  Berieselung  oder  Neuabgrenzung ­
  ihrer  Ländereien  zu'  tragen.  Das  ist  ein  Eingriff  in
)as  Privateigentum,  der  aber  im  allgemeinen  Interesse  geordert ­
  wird,  eine  zwangsweise  Solidarität.  Der  Eigentümer
chreit:  „Ich  bin  doch  wohl  Herr  darüber,  mein  Land  nicht
zu  bewässern  oder  meine  Sümpfe  nicht  auszutrocknen!",
aber  man  erwidert  ihm:  „Nein,  Du  bist  nicht  Herr  darüber,
ob  Du  es  nicht  tun  willst;  Du  bist  verpflichtet,  dieses  Land  zum
Besten  aller  auszunutzen".  Der  Eigentümer  kann  nicht
egoistisch  sagen:  „mein  Land",  sondern  „unser  Land".
Da  ist  auch  noch  das  Enteignungsgesetz  „im  Interesse  der
öffentlichen  Wohlfahrt"  —  das  ist  der  amtliche  Ausdruck,
und  er  ist  sehr  treffend.  Aber  dies  Gesetz  wurde  nur
in  seltenen  Fällen  angewandt,  und  mit  einem  Überfluß
von  Kautelen  zum  Schutz  der  Eigentümerinteressen,  so  daß
es  nichts  Schöneres  für  einen  Eigentümer  gab  als  die  Enteignung, ­
  so  daß  schon  genügte,  wenn  ein  Land  oder  ein  Haus
von  der  Enteignung  „bedroht"  war  —  und  es  erzielte  sofort
einen  gewaltigen  Mehrwert.
Nun  hat  sich  diese  Enteignung  im  Interesse  des  öffentlichen ­
  Wohles  im  größten  Maßstab  soeben  in  den  meisten
jungen  Republiken  ausgebreitet,  die  letzthin  auf  den  Trümmern
des  russischen  Reiches  entstanden  sind,  und  sogar  in  mehreren
alten  Nachbarländern,  wie  in  Griechenland  und  Rumänien.
Man  hat  die  teilweise  Enteignung  alles  Großgrundbesitzes
verfügt.  In  allen  diesen  Ländern  hat  man  seit  zwei  oder  drei
Jahren  Gesetze  herausgebracht,  die  alle  Güter  von  einer  über
ein  gewisses  Maß  hinausgehenden  Ausdehnung  enteignen  —
das  Maß  ist  je  nach  den  Ländern  verschieden.
Wohlgemerkt,  handelt  es  sich  hier  nicht  etwa  darum,  das
Kollektiveigentum  an  Stelle  des  Privateigentums  zu  setzen,
da  man  gerade  im  Gegenteil  die  Schaffung  und  Vermehrung
einer  Klasse  von  Kleinbesitzern  fördern  will.  Aber  diese  Enteignung ­
  hat  nichtsdestoweniger  einen  sozialistischen  Zug,  insofern ­
  als  sie  die  Tendenz  zeigt,  das  gutsherrliche  und  Renteneigentum ­
  zu  beseitigen  und  an  seine  Stelle  ein  Eigentum  zu
setzen,  das  auf  der  Arbeit  beruht  und  das  man  dem  sozialen
Interesse  entsprechender  hält.
Was  soll  man  übrigens  zu  den  Steuern  sagen,  besonders
bei  der  furchtbaren  Ausdehnung,  die  sie  seit  dem  Kriege  in  fast
allen  Ländern  genommen  haben  —  sind  sie  nicht  eine  Art
Enteignung  der  Einkommen?  Wenn  man  z.  B.  in  England,
in  Deutschland,  in  den  Vereinigten  Staaten  —  und  morgen
        <pb n="57" />
        56  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

auch  bei  uns  —  sieht,  wie  die  großen  Vermögen  dem  Staat  die
Hälfte  (und  in  den  Vereinigten  Staaten  die  sehr  großen  Einkommen ­
  sogar  72"/-&amp;gt;)  ihrer  Ergebnisse  abgeben,  muß  man  da
nicht  sagen,  daß  sie  eine  Enteignung  um  die  Hälfte  oder  drei
Viertel  erfahren  —  und  das  ohne  Entschädigung!  Bei  der
Kapitalsteuer,  die  man  vorbereitet,  wird  die  Enteignung  noch
sichtbarer  in  die  Erscheinung  treten.
Wieviel  andere  Beispiele  dieser  Beschlagnahme  des
Privateigentums  durch  den  Staat,  im  Namen  des  öffentlichen
Interesses,  könnte  man  nicht  anführen!  Zum  Beispiel  verbietet ­
  man  heute  den  Kapitalisten,  ihre  Kapitalien  ins  Ausland
zu  verbringen,  sei  es  nun  in  Gold  oder  in  Silber.  An  jeder
Grenze  stehen  Zollbeamte,  die  verbieten,  mehr  als  5000  Franken
in  Banknoten  mitzunehmen,  und  gar  nichts  in  Gold  und
Wertpapieren.  Es  ist  ein  hochgradiger  Angriff  auf  das
Privateigentum,  denn  das  Merkmal  des  Privateigentums  ist
das  Recht  des  Eigentümers,  es  mitzunehmen.  Und  hier  will
man  nun  die  auf  den  Inhaber  lautenden  Papiere  abschaffen
und  sie  durch  auf  den  Namen  lautende  ersetzen,  damit  diese
nicht  spurlos  verschwinden  können.  Ferner  verbietet  seit
kurzem  das  Gesetz  die  Ausführung  von  Kunstgegenständen.
Der  Eigentümer  einer  prächtigen  Gemäldegalerie  kann  sie
nicht  mehr  an  den  Ausländer  verkaufen,  und  sie  verliert  dadurch ­
  einen  großen  Teil  ihres  Marktwerts.
Ich  will  die  Frage  nicht  erörtern,  ob  diese  Maßnahmen
das  Richtige  treffen;  wir  wollen  sie  nur  zur  Erläuterung  jener
neuen  Auffassung  vom  Eigentum  benutzen,  die  aus  dem  Eigentümer ­
  einen  einfachen  Verwalter  seines  Besitzes  für  Rechnung
der  Nation  macht,  vor  der  er  verantwortlich  dafür  ist.
Das  besagt,  daß  das  Eigentum  von  nun  an  „ein  öffentliches ­
  Amt"  ist.
        <pb n="58" />
        Kapitel  V.

Pacht  und  Leihen  auf  Zins.
Pacht.  Der  Verkauf,  die  Schenkung,  die  Verschreibung
(oder,  wie  die  Rechtsgelehrten  sagen,  die  /Güterübertragung
zwischen  Lebenden  oder  durch  den  Tod)  sind  nicht  die  einzigen
Wege  eines  Eigentümers,  über  seine  Habe  zu  verfügen.  Es
ist  möglich,  daß  er  sich  von  seinem  Besitz  nicht  endgiltig
trennen  will.
Nehmen  wir  an,  er  besitze  ein  Stück  Land:  es  ist  denkbar,
daß  er  es  aus  verschiedenen  Gründen  behalten  will  —  weil  es
ein  Familienerbstück  ist,  das  er  seinen  Kindern  hinterlassen  soll,
weil  dieses  Gut  seinen  Vorfahren  den  Namen  gegeben  hat,
weil  es  ihm  im  gegenwärtigen  Augenblick  zu  seiner  Wahl  als
Abgeordneter  verhilft  —  daß  er  aber  trotz  alledem  das  Land
nicht  selbst  ausnutzen  kann.  In  diesem  Falle  leiht  er  sein  Land
an  einen  Ackerbauern  aus,  er  gibt  es  ihm  in  Pacht,  das  heißt,
er  tritt  einem  andern  für  einen  gewissen  Zeitraum  sein  Recht
ab,  die  Sache  zu  benutzen  und  zu  genießen,  mit  der  Auflage  an
den  Pächter,  dem  Eigentümer  einen  bestimmten  Teil  der  Erzeugnisse ­
  oder  ihren  Gegenwert  in  Geld  abzuliefern.  Die
erste  dieser  beiden  Arten  ist  die  Halbscheidpacht
(rnötazm§e),  die  zweite  der  Pachtvertrag  (bail  ä  ferme)  im
eigentlichen  Sinne.  Beide  Arten  sind  sehr  hohen  Datums.
Dieselben  Umstände  können  offenbar  auch  bei  dem  Eigentümer ­
  von  Kapitalien,  sei  es  nun  in  natura  oder  in  Geld,
sich  einstellen;  er  hat  vielleicht  nicht  die  Möglichkeit  oder  die
Absicht,  sie  sofort  für  seinen  eigenen  Bedarf  zu  benutzen  —  in
diesem  Falle  leiht  er  sie  denen,  die  sie  wünschen  —  sie  werden
natürlich  nicht  fehlen  —  und  zwar  ebenfalls  mit  der  Auflage,
ihm  einen  Mietspreis  zu  zahlen,  das  sind  die  Zinsen.
Diese  Art  der  Verwendung  seines  Besitzes  scheint  auf  den
ersten  Blick  nur  Vorteile  für  jedermann  zu  bieten.
        <pb n="59" />
        58  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

Zunächst  für  den  Eigentümer;  denn  das  Stück  Land  kann
er  möglicherweise  nicht  selbst  ausnutzen,  vielleicht  weil  er  nicht
am  Orte  wohnt,  vielleicht  weil  er  nicht  die  nötigen  Geldmittel
oder  technischen  Kenntnisse  besitzt,  vielleicht  weil  der  Eigentümer ­
  eine  verheiratete  Frau  ist,  die  andere  Pflichten  hat,
oder  ein  minderjähriges  Kind,  ein  Kranker,  oder  was  man
eine  juristische  Person  nennt,  das  heißt,  eine  religiöse,  philanthropische ­
  oder  wissenschaftliche  Anstalt.
Es  ist  nicht  nur  ein  Vorteil  für  den  Eigentümer,  es  ist
auch  ein  solcher  für  die  Allgemeinheit;  denn  wenn  es  nicht
diese  Art  der  Ausnutzung  des  Eigentums  gäbe,  würde  der
Besitz  brach  liegen  bleiben.
Vorteile  auch  von  der  andern  Seite  für  den  Pächter:  besonders, ­
  weil  er  vielleicht  aus  Geldmangel  das  Eigentum  nicht
kaufen  könnte;  und  selbst  wenn  er  über  ein  kleines  Vermögen
verfügt,  ist  es  für  ihn  besser  es  zur  Ausnutzung  des  Landes  zu
behalten;  denn  wenn  er  es  ganz  und  gar  für  den  Kauf  des
Landes  ausgibt,  was  kann  er  dann  mit  dem  Lande  machen,
und  wie  kann  er  es  anbauen?
In  England  —  wo  seit  einigen  Jahren  die  Regierung,
die  Städte  oder  die  örtlichen  Behörden  im  Interesse  des
Anbaus  gezwungen  sind,  den  ländlichen  Arbeitern  auf  ihren
Wunsch  Landparzellen  zur  Verfügung  zu  stellen,  was  man  in
England  „ullotmenks"  nennt  —  in  England  stellt  man  ihnen
zwei  Wege  zur  Wahl:  entweder  sie  erwerben  es  als  volles
Eigentum,  oder  sie  nehmen  es  auf  langfristigen  Pachtvertrag;
die  meisten  bevorzugen  das  zweite  System.  Warum?  Weil
ein  Bauer,  der  ein  ganz  kleines  Kapital  von  beispielsweise
10  000  Franken  besitzt,  sofort  einsieht,  daß  er  dieses  Kapital
besser  zum  Ankauf  von  Ochsen,  Pferden  und  landwirtschaftlichen ­
  Geräten  behält,  als  daß  er  es  für  das  eitle  Vergnügen
opfert,  voller  Eigentümer  zu  heißen,  ohne  die  Mittel,  daraus
ein  Einkommen  zu  erzielen.
Der  Pachtvertrag  stellt  sich  somit  als  ein  sehr  vorteilhafter
Weg  dar  für  alle,  die  nicht  die  Mittel  zum  vollen  Ankauf  eines
Gutes  haben,  die  aber  doch,  dank  diesem  System,  ein  Gut  ausnutzen ­
  und  fruchtbar  machen  können  zum  Vorteil  des  ganzen
Landes.
Wie  man  also  auf  den  ersten  Blick  diesen  Pachtvertrag
ansehn  mag,  man  sieht  darin  nur  Vorteile  für  beide  Parteien
und  für  die  ganze  Gesellschaft.  Gleichzeitig  scheint  ein  solcher
Vertrag  vollkommen  dem  Gerechtigkeitsgefühl  zu  entsprechen;
        <pb n="60" />
        59

Pacht  und  Leihen  auf  Zins.

denn  wäre  es  nicht  ungerecht,  wenn  der  Pächter  umsonst  aus
des  andern  Land  Nutzen  ziehen  sollte  •—  wenigstens  wenn  man
die  Rechtmäßigkeit  des  Eigentums  zugibt?
Und  doch  hat  diese  Einrichtung  der  Pacht  den  Sozialismus ­
  in  seiner  früheren  Form  erzeugt,  jener  Form,  die  man  die
„Landfrage"  genannt  hat  und  die  in  der  Geschichte  Roms  eine
so  bedeutende  Rolle  gespielt  hat,  wie  übrigens  auch  in  der  Geschichte ­
  aller  Völker  bis  in  die  neueste  Zeit.
Warum?  Zunächst,  weil  diese  Trennung  von  Eigentum
und  Anbau  dem  Eigentumsrecht  die  Unterlage  genommen  hat,
auf  der  es  beruhte:  die  Arbeit.  Ohne  Zweifel,  sogar  wenn  der
Eigentümer  selbst  sein  Land  anbaut,  steckt  in  dem  Erzeugnis,
in  dem  Ertrag  an  Getreide  oder  Wein,  ein  Teil,  der  als  einzige
Quelle  nicht  die  Arbeit  des  Menschen  hat,  sondern  der,  wenn
nicht  der  Mitarbeit  der  Natur,  wenigstens  doch  der  ungleichen
Fruchtbarkeit  der  Ländereien  zu  verdanken  ist:  das  ist,  was  die
Volkswirtschaftler  die  „Grundrente"  nennen,  die  für  sie
eit  länger  als  einem  Jahrhundert  ein  unerschöpflicher  Gegentand
  des  Nachdenkens  und  der  Erörterungen  bildet.  Aber
wenn  auch  diese  „unverdiente"  Ernte,  wie  die  Engländer
sagen,  sich  der  wissenschaftlichen  Analyse  enthüllt,  so  unterscheidet ­
  sie  sich  doch  durch  kein  äußeres  Zeichen  von  dem
Arbeitserzeugnis,  wenn  der  Eigentümer  zugleich  der  Anbauer
ist.  Dahingegen  springt  sie  jedem  aufs  krasseste  ins  Auge,
sobald  das  Land  verpachtet  ist.  Und  im  selben  Augenblick
sieht  man  die  Klassenscheidung  hervortreten:  auf  der  einen
Seite  diejenigen,  welche  das  Land  bearbeiten,  ohne  seine
Früchte  zu  ernten,  auf  der  andern  diejenigen,  welche  die
Früchte  einheimsen  ohne  Arbeit  —  eine  Scheidung,  die  nicht
nur  wirtschaftlich  ist,  sondern  die  auch  politisch  geworden  ist,
indem  die  besitzende  Klasse  die  regierende,  gesetzgebende,
lehrende  geworden  ist  durch  die  bloße  Tatsache  der  Muße,  die
ihr  die  Rente  verschafft;  indem  die  erste  arm,  unwissend  und
abhängig  bleibt,  einfach  auf  Grund  der  Tatsache  der  täglichen
Arbeit,  der  sie  unterworfen  ist.
Doch  haben  sich  diese  unheilvollen  Folgen  nicht  sofort  und
auch  nicht  für  alle  Länder  fühlbar  gemacht.  Solange  es  in
einem  Lande  zur  Genüge  Boden  gibt,  „freies"  Land,  wie  z.  B.
in  einem  neuen  Erdteil,  in  Amerika,  oder  in  den  Kolonien,
solange  hat  in  der  Tat  der  Pachtvertrag  nur  die  eben  angesührten
  Vorteile.  Aber  allmählich  bleiben  durch  die  Wirkung
der  geschichtlichen  Ursachen  der  Eroberung,  oder  durch  die  zum
Vorteil  der  besitzenden  Klasse  gemachten  Gesetze,  oder  auch
        <pb n="61" />
        ■60  Aiifangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
durch  den  aus  dem  Anwachsen  der  Bevölkerung  sich  ergebenden
Druck  keine  verfügbaren  Ländereien  mehr  übrig  außer  den
von  den  Grundbesitzern  mit  Beschlag  belegten,  und  unter
diesen  Umständen  wird  das  Grundeigentum  ein  Monopol.
Seine  Besitzer  können  den  Preis  festsetzen,  wie  sie  wollen,  und
die  Ackerbau  treibende  Bevölkerung,  die  nur  mit  ihrer  Erlaubnis ­
  Zugang  zum  Lande  haben  kann,  muß  den  geforderten
Preis  zahlen.  Der  Pachtpreis  kann  sich  dann  in  einem  Ausmaß ­
  erhöhen,  daß  fast  das  ganze  Erzeugnis  des  Landes  und
der  Arbeit  des  Pächters  von  dem  Eigentümer  in  der  Form  des
Pachtgeldes  vorweggenommen  ist  und  daß  dem  Bauern  kaum
das  zum  Leben  Nötige  bleibt.
Um  das  berühmteste  Beispiel  zu  nehmen  ---  da  ist  Irland,
wo  die  Großgrundbesitzer,  die  luncklorcks,  die  seit  der  Eroberung ­
  zur  Zeit  Cromwell's  sich  dort  niedergelassen  haben,
alle  Ländereien  in  Besitz  genommen  hatten,  und  das  Volk
konnte  dort  nur  zu  völlig  vernichtenden  Preisen  Pachtland
finden.  Diese  Lage  ist  sicherlich  die  Ursache  des  schrecklichen
irischen  Problems  gewesen,  das  England  nicht  lösen  kann.
Doch  ist  die  Pachtfrage  schließlich  gelöst  worden  durch  den
Rückkauf  der  Ländereien  von  seiten  der  Pächter  mit  Hilfe  von
Geldmitteln,  die  ihnen  die  Regierung  vorschoß  —  aber  das
Unglück  war  geschehn.
Doch  hat  die  Agrarfrage  heutzutage  viel  von  ihrer
Schärfe  in  den  sogenannten  demokratischen  Ländern,  und  vor
allem  in  Frankreich,  verloren.  Weshalb?  Weil  es  nicht  mehr
ein  Ansichreißen  von  Land  im  eigentlichen  Wortsinne  gibt.
Durch  das  Gesetz  über  die  gleichmäßige  Teilung  bei  der  Erbschaft, ­
  durch  die  Erleichterungen  bei  Veräußerung  des  Landes,
wie  auch  und  ganz  besonders  infolge  der  geringen  Dichte  der
französischen  Bevölkerung  und  infolge  der  ländlichen  Abwanderung, ­
  ist  genug  verfügbares  Land  vorhanden,  wenn  auch
nicht  für  jedermann,  so  doch  wenigstens  für  die,  welche  Land
wünschen;  und  das  sind  heutzutage  nicht  soviele  wie  einstmals.
Unter  diesen  Umständen  genießen  die  Eigentümer  des
Landes,  die  es  verpachten  wollen,  kein  Monopol,  weder  ein
tatsächliches  noch  ein  rechtliches,  und  sie  sind  nicht  in  der  Lage,
den  Pächtern  das  Gesetz  vorzuschreiben  —  manchmal  schreiben
die  Pächter  es  ihnen  vor.  Deshalb  artet  auch  in  Frankreich
im  allgemeinen  die  Pacht  nicht  in  Ausbeutung  aus.
Nicht  ebenso  war  es  in  den  Ländern  Osteuropas,  wo  es
große  Besitzungen  gab,  wo  das  Land  noch  den  Gegenstand
eines  Monopols  bildet,  und  wo  folglich  der  Pächter  in  einem
        <pb n="62" />
        61

Pacht  und  Leihen  auf  Zins.

gewissen  Maße  ausgebeutet  wird.  Aber  gerade,  um  das  Land
verfügbar  zu  machen  und  dadurch  das  Monopol  der  Grundeigentümer ­
  zu  beseitigen,  beschränken  Gesetze,  die  vor  zwei  oder
drei  Jahren  geschaffen  sind,  das  Höchstmaß  der  Ländereien,  die
der  Eigentümer  besitzen  darf:  alles,  was  diese  Grenze  überschreitet, ­
  wird  gegen  Entschädigung  enteignet  und  den  Bauern,
die  nicht  Eigentümer  sind,  zum  Kauf  oder  zur  Pacht  angeboten.
Unter  diesen  Verhältnissen  kann  man  die  tragische  Geschichte
der  Pacht  als  abgeschlossen  ansetzn,  aber  nicht  die  des  Grundeigentums; ­
  das  ist  etwas  anderes.
Leihen  auf  Zins.  Gehen  wir  zu  der  zweiten  Art  des  Vermietens
  über,  die  sich  nicht  auf  das  Land,  sondern  auf  das  Geld
erstreckt,  und  die  im  besonderen  den  Namen  Leihen  führt.
Hier  ist  wieder  auf  den  ersten  Blick  das  Geldleihen  eine
Art,  über  das  Geld  zu  verfügen,  die  jedermann  nur  Vorteile
bringt.
Zahlreich  die  Personen,  die  Kapitalien  besitzen,  ohne  aus
hundert  Gründen  sie  persönlich  als  industrielle  Unternehmer
oder  Kaufleute  ausnutzen  zu  können.  Was  können  sie  besseres
tun  als  diese  Kapitalien  einem  zu  leihen,  der  sie  seinerseits
ausnutzen  will,  und  zwar  nicht  bloß  in  seinem  eigenen
Interesse,  sondern  zu  jedermanns  Nutzen?  Was  gibt  es  auch
Vorteilhafteres  für  einen,  der  kein  Geld  hat  oder  nicht  Zeit
hat,  ein  Kapital  durch  Sparen  zu  schaffen  —  denn  um  ein
großes  Kapital  durch  Sparen  anzuhäufen,  braucht  man  ein
ganzes  Menschenleben  und  sogar  mehrere  —  was  also  gibt  es
vorteilhafteres  als  dies  Kapital  zur  sofortigen  Ausnutzung  fix
und  fertig  vorzufinden,  mit  Hilfe  einer  kleinen  Entschädigung,
die  er  Jahr  für  Jahr  zu  zahlen  hat  und  die  man  Zins  nennt?
Mit  einem  Wort:  das  Ausleihen  auf  Zinsen  ist  ein  Mittel,
Kapitalien  allen  denen  zur  Verfügung  zu  stellen,  die  keine
haben,  und  zwar  auf  Grund  einer  Entschädigung,  die  im  allgemeinen ­
  niedriger  ist  als  die  Summe  von  Opfern,  die  der  Entleiher ­
  auf  sich  nehmen  müßte,  um  selbst  dies  ihm  fehlende
Kapital  zu  schaffen.
Weder  unter  dem  Gesichtspunkt  der  beiderseitigen  Vorteile ­
  noch  unter  dem  der  Gerechtigkeit  gibt  es  also  auf  den
ersten  Blick  etwas,  das  bei  dem  Verleihen  auf  Zins  Anstoß
erregen  könnte.  Aber  auch  hier  wieder  und  noch  viel  mehr  als
im  vorigen  Fall  werden  wir  sehn,  wie  eine  an  sich  einfache  und
gute  Einrichtung  sich  allmählich  so  wandeln  kann,  daß  sie  unausdenkbare ­
  Störungen  in  der  Gesellschaft  verursacht.
        <pb n="63" />
        62  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
Stellt  man  sich  nicht  auf  den  Standpunkt  der  Nützlichkeit,
sondern  auf  den  der  Gerechtigkeit,  so  ist  das  Ausleihen  auf
Zinsen  ganz  und  gar  vernünftig,  und  das  unentgeltliche  Ausleihen ­
  erscheint  als  eine  widersinnige  Idee,  wenn  man  es  nicht
zu  einem  Wohltätigkeitsakt  machen  will  wie  bei  gewissen  Hilsswerken.
  Es  erscheint  sogar  so  gesetzmäßig  und  gerecht,  daß
man  sich  zunächst  fragt,  wie  man  das  hat  bestreiten  können.  .  .
Und  doch  ist  es  unaufhörlich  bestritten  worden  durch  die  Jahrhunderte ­
  hindurch.  Warum?  Weil  man  sagte,  es  ist  nicht
dasselbe,  Geld  zu  verleihen  oder  ein  Stück  Land  zu  verleihen.
Es  sind  da  drei  wesentliche  Unterschiede:
1.  Das  Land  bringt  Früchte  hervor;  es  ist  also  ziemlich
natürlich,  daß  derjenige,  der  es  pachtet  und  sich  an  diesen
Früchten  bereichern  wird,  einen  Teil  davon  dem  Eigentümer ­
  wiedererstattet,  und  zwar  in  natura  oder  in  Geldeswert. ­
  Zudem  ist  das  sichtbar,  während  man  bei  einem  Sack
Geld  oder  einem  Bündel  Banknoten  zunächst  nicht  sieht,  daß
dieser  Sack  Früchte  trägt.  Eine  Kuh  produziert  Milch  und
Kälber,  eine  Henne  legt  Eier,  ein  Stück  Land  trägt  Ernten;
aber  ein  Beutel  Geld  nichts.  Und  doch  besagt  das  griechische
Wort  für  „Zins"  (tolws)  Gebären.  Deshalb  erhob  der  große
griechische  Philosoph  Aristoteles  Einspruch:  „nein",  sagte  er,
„das  Geld  bringt  keine  Jungen  hervor!"
Er  hatte  recht,  wenn  der  Sack  Geld  in  einem  sichern  Koffer
aufbewahrt  werden  müßte;  es  ist  offenbar,  daß  man  nach
Verlauf  eines  Jahrs  in  dem  Geldsack  keinen  Pfennig  mehr
finden  würde.  Aber  dem  ist  nicht  mehr  so,  wenn  der  Sack  Geld
durch  den  Austausch  in  fruchtbringendes  Kapital  verwandelt
wird;  nun  hindert  aber  nichts,  mit  dem  Sack  Geld  eine  Kuh
zu  kaufen,  die  ihrerseits  jungen  wird.
2.  Das  Land  gibt  einen  sichtbaren  Ertrag,  den  man  der
Menge  nach  abschätzen  kann.  Wenn  ein  Eigentümer  sein  Land
auf  Pacht  hergibt,  "weiß  man  ungefähr,  was  es  bringen  wird
an  Hektolitern  Wein  oder  Getreide,  an  Säcken  Kartoffeln  oder
Körben  Obst.  Da  man  weiß,  was  das  Einkommen  aus  dem
Lande  ist,  kann  man  also  mehr  oder  weniger  genau  abschätzen,
ob  der  Anteil,  der  dem  Eigentümer  zukommen  wird,  gerecht
oder  übertrieben  sein  wird,  besonders  wenn  dieser  Anteil
ln  natura  geliefert  wird.
Wenn  aber  das  Ausleihen  in  Gestalt  von  Geld  stattfindet,
haben  wir  keine  Norm,  die  uns  gestatten  dürfte,  abzumessen,
welches  (wie  man  sagt)  „der  Zinsfuß  sein  muß",  das  bedeutet
das  Verhältnis  der  jährlich  zu  zahlenden  Summe  zum
        <pb n="64" />
        63

Pacht  und  Leihen  auf  Zins.

Kapital.  Wird  es  ein  Zwanzigstel  sein,  was  5"/°  ausmacht,
oder  ein  fünfundzwanzigstel,  was  4°/»  macht,  oder  ein  dreiunddreißigstel,
  was  3%  bedeutet?  Wie  soll  man  das  wissen?
Zugegeben,  daß  das  Geld  auf  produktive  Art  verwendet
worden  ist,  so  ist  es  doch  weit  entfernt,  vielleicht  am  Ende  der
Welt,  und  vielleicht  auch  indem  es  ununterbrochen  die  Verwendung ­
  wechselte.  Also  was  bestimmt  diesen  Zinfuß?  Einzig ­
  das  Gesetz  von  Angebot  und  Nachfrage,  das  heißt,  der  Zins
wird  zügellos  steigen  können  in  allen  Fällen,  wo  das  Geld
selten  sein  und  die  Geldsucher  zahlreich  sein  werden  —  und
dies  ist  mehr  oder  weniger  in  allen  Ländern  der  Fall.
Unter  diesen  Verhältnissen  kann  man  den  Zinsfuß  phantastische ­
  Verhältnisse  annehmen  sehn.  Im  Altertum,  in  Rom
z.  B.  wo  das  Geld  selten  war,  war  es  üblich,  1%  Zinsen  vom
Kapital  monatlich  zu  nehmen,  was  12°/°  aufs  Jahr  ausmacht.
Ebenso  ist  es  heute  in  Algier  mit  dem  Ausleihen  an  die  Eingeborenen, ­
  und  im  allgemeinen  in  den  neugcbildeten  Ländern;
in  Polen,  auf  dem  Balkan  hat  man  tatsächlich  für  kurzfristige
Anleihen  1  °/°  täglich  zahlen  sehn,  was  365  °/°  am  Ende  des
Jahres  ausmacht.
So  hat  das  Geld  jenen  entehrenden  Namen  „Wucher"
angenommen.  Man  bemerke,  daß  das  Wort  „Wucher"
(usure)  in  seiner  ursprünglichen  Bedeutung  nichts  Herabsetzendes ­
  hatte,  es  kommt  her  vom  lateinischen  usuru,  was
ursprünglich  nur  den  Nutzen  aus  einer  Sache  bedeutet.  Der
Bcdeutungswechsel  in  diesem  Wort,  seine  etymologische  Entwicklung, ­
  zeigt  uns  klar,  welches  auch  die  Entwicklung  des
Leihens  selbst,  des  Benutzens  zum  Zwecke  der  Ausbeutung,
gewesen  ist.  Deswegen  mußte  der  Gesetzgeber  sich  einmengen,
um  den  Wucher  zurückzudrängen,  indem  er  einen  Höchstsatz
für  den  Zinsfuß  festlegte,  wie  wir  während  des  Krieges  einen
Höchstpreis  für  Lebensmittel  erlebt  haben.  Aber  dieser  gesetzliche ­
  Zinsfuß  beruhte  keineswegs  auf  einer  wissenschaftlichen ­
  Unterlage.
3.  Der  am  meisten  charakteristische  Unterschied  ist  der,
daß  beim  Pacht-  oder  Mietsvertrag  das  Gut  in  den  Händen
des  Pächters  oder  Mieters  geblieben  ist.  Wenn  also  der  Vertrag ­
  abläuft,  so  ist  das  schlimmste,  was  dem  Pächter  oder
Mieter  zustoßen  kann,  daß  er  hinausgesetzt  wird,  aber  es  ist
klar,  daß  er  keine  Schwierigkeiten  haben  wird,  das  Land  oder
Haus  zurückzugeben.  Es  steht  da,  unversehrt;  der  Eigentümer ­
  nimmt  es  wieder,  und  das  ist  alles.  Wenn  es  sich  aber
um  geliehenes  Geld  handelt,  so  ist  das  ganz  etwas  anderes.
        <pb n="65" />
        64  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre
Der  Sack  Geld  oder  das  Bündel  Banknoten  bleibt  nicht  in  den
Händen  des  Entleihers.  Kein  Mensch  auf  der  Welt  ist  jemals
so  närrisch  gewesen,  Geld  zu  entleihen  und  es  nicht  anzurühren. ­
  'Wenn  man  Geld  entlehnt,  geschieht  es,  entweder  um
es  unproduktiv  auszugeben,  um  es  sozusagen  aufzuessen
wie  es  die  Söhne  reicher  Familien  tun,  oder  wie  es  in  einem  !
viel  größeren  Maßstabe  der  Staat  besorgt  —  oder  um  es  auf
produktive  Weise  auszugeben,  indem  man  einige  gewinnbringende ­
  Unternehmungen  gründet.  Aber  im  einen  wie  im  j
anderen  Falle  wird  das  geliehene  Geld  immer  ausgegeben!
sein.  Wenn  daher  der  Verfallstag  kommt,  wird  kein  einziges  j
von  den  geliehenen  Geldstücken  noch  in  den  Händen  des  Ent-  ;
leihers  sein.  Also  wird  er  nur  in  dem  Falle  wieder  zurückzahlen ­
  können,  wenn  er  eine  der  empfangenen  gleiche  Summe
neu  geschaffen  hat.  Nun  ist  das  aber  nicht  immer  leicht  und
tvird  nicht  immer  verwirklicht.  Und  wenn  es  dem  Entleiher
nicht  gelungen  ist,  den  empfangenen  Wert  wieder  zum  Leben  zu  !
erwecken,  was  geschieht?  Er  wird,  was  man  einen  zahlungsunfähigen ­
  Schuldner  nennt;  wenn  er  Kaufmann  ist,  macht  er
bankrott.  Er  ist  als  Kaufmann  entehrt,  oder  wenigstens  er!
verliert  jede  Art  Kredit  und  seine  Stellung.  Und  das  ist  noch
wenig  verglichen  mit  dem  Schicksal  des  zahlungsunfähigen
Schuldners  in  alter  Zeit!  Es  ist  ein  entsetzliches  Drama,  das
Drama  der  Schuldner^  die  am  Fälligkeitstag  nicht  haben  j
zahlen  können.  Die  Geschichte  aller  Völker  ist  erfüllt  von  j
diesem  Schauspiel.
Shakespeare  hat  es  dargestellt  in  der  Shylock-Tragödie,
„Der  Kaufmann  von  Venedig",  der  bei  Fälligkeit  aus  l
Mangel  an  Geld  mit  einem  Pfund  seines  Fleisches  zahlen!
sollte.  Diese  gräßliche  Zahlungsweise  ist  nicht  einzig  und
allein  ein  Phantasiegebilde  des  Dichters.  Wir  finden  in  einem  &amp;gt;
Gesetzestext,  dem  berühmtesten  aller  menschlichen  Gesetze  nach  !
dem  Zehngebot  des  Moses,  im  Zwölftafelgesetz,  einen  Artikel,  !
der  bestimmt,  daß  der  Schuldner,  der  bei  Fälligkeit  nicht  zahlen
kann,  in  gleiche  Stücke  nach  der  Anzahl  der  Gläubiger  zerteilt  ;
werden  soll.  Viele  Rechtsgclehrte  glauben,  daß  diese  Drohung  j
nicht  verwirklicht  worden  ist.  Aber  es  steht  fest,  daß  der
Schuldner  in  die  Sklaverei  verkauft  wurde,  wenn  er  nicht  in  z
Stücke  gehauen  wurde.  Das  war  ein  allgemein  gültiges  Gesetz.
In  allen  Ländern  des  Altertums  wurde  der  Schuldner  in  die
Sklaverei  verkauft  und  mußte  für  den  Gläubiger  bis  zum
Erlöschen  der  Schuld  frohnen.  Die  Untergeschosse  der  Patrizierhäuser ­
  in  Rom,  die  man  sr^ustula,  Arbeitsräume,
        <pb n="66" />
        65

Pacht  und  Leihen  auf  Zins.

nannte,  waren  voll  zahlungsunfähiger  Schuldner,  die  für  den
Herrn  arbeiteten,  bis  sie  den  Betrag  ihrer  Schulden  bezahlen
konnten;  sie  kamen  nie  damit  zu  Ende.  Sogar  später,  nach
Abschaffung  dieser  Sitten,  war  das  Leben  für  die  zahlungsunfähigen ­
  Schuldner  sehr  hart.
Wer  „Klein  Dorrit"  von  Dickens  gelesen  hat,  weiß,  daß
es  die  Geschichte  eines  armen,  zahlungsunfähigen  Schuldners
ist,  der  sein  ganzes  Leben,  oder  wenigstens  dreißig  Jahre
seines  Lebens,  wegen  Schulden  im  Gefängnis  verbracht  hat;
dort  schloß  man  die  zahlungsunfähigen  Schuldner  ein,  bis  sie
ein  Mittel  zur  Bezahlung  gefunden  hatten;  und  da  man  im
allgemeinen  nicht  gerade  im  Gefängnis  Mittel  zum  Geldverdienen ­
  findet,  so  blieben  viele  von  ihnen  ihr  ganzes  Leben
dort  und  starben  dort  sogar.  Nun  ist  die  Einsperrung  wegen
Schulden,  die  sogenannte  Schuldhaft,  erst  in  jüngster  Zeit
abgekommen.  In  Frankreich  wurde  sie  z.  B.  erst  1867  abgeschafft. ­

Wenn  man  an  die  Millionen  Leute  denkt,  die  in  allen
Ländern  ihre  Schulden  nicht  haben  bezahlen  können  und  all
das  erlitten  haben,  von  dem  wir  eben  nur  eine  so  schwache
Vorstellung  gegeben  haben,  so  begreift  man  den  Wutschrei,  der
durch  die  Jahrtausende  erklungen  ist;  man  begreift  auch  nicht
nur  die  Anklagen  der  Schuldner  gegen  die  Gläubiger,  sondern
auch  die  Proteste  der  Größten  in  der  Welt,  von  Gesetzgebern
wie  Moses,  der  in  seinen  Gesetzen  den  Israeliten  gesagt  hat:
„Du  darfst  dem  Fremdling  auf  Zins  leihen,  aber  niemals
Deinem  Bruder".  Man  begreift  Denker  wie  Aristoteles,  dessen
ironisches  Wort  wir  soeben  angeführt  haben;  ja  selbst  so
harte  Römer  wie  den  alten  Cato,  der  gesagt  hat:  „Was  ist  auf
Zins  leihen?  Dasselbe  wie  Meuchelmord".  Ferner  versteht
man  die  ganze  katholische  Kirche,  die  durch  den  Mund  ihrer
Kirchenväter  wie  durch  Dekrete  der  Konzilien  dagegen  eiferte.
Doch  können  wir  hier  glückerlicherweise  feststellen,  daß
diese  Frage  viel  von  ihrer  Schärfe  verloren  hat,  genau  wie
die  Pachtfrage.  Nachdem  sie  Jahrtausende  mit  Lärm  erfüllt
hat,  ist  jetzt  Stille  eingetreten.
Zwar  schrieb  1849,  vor  mehr  als  siebzig  Jahren,  noch
Bastiat  folgende  Worte:  „Der  menschliche  Gefst  kann  sich,
außer  mit  den  religiösen  Fragen,  mit  keiner  ernsteren  befassen
als  der  der  Rechtmäßigkeit  des  Zinsennehmens".  Aber  heutzutage ­
  erregt  das  Zinsproblem  die  öffentliche  Meinung  noch
weniger  als  das  religiöse.  Man  versteht  nicht  nur  die  Bannflüche ­
  gegen  das  Zinscnnehmen  nicht  inehr,  sondern  im  Gegen-Gide,
  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.  5
        <pb n="67" />
        66  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

teil,  wir  hören  nur  Ermutigungen,  um  die  Menschen  zum
Geldleihen  zu  veranlassen.  Erst  letzthin  waren  die  Mauern
von  Paris  mit  Anschlägen  bedeckt,  um  die  Leute  zu  veranlassen,
dem  Staate  zu  leihen.  Man  liest:  „Bringt  Euer  Geld  her!
6%  Zinsen!  Fünfzig  Prozent  sicheren  Mehrwert!  Es  ist
patriotische  Pflicht".
Und  nicht  nur  für  Staatsanleihen  wird  alle  Welt  gebeten,
Geld  herzugeben.  Unsere  Konsumgenossenschaften,  doch  halb
sozialistische  Einrichtungen,  entleihen  auch.  Sie  tun  es  auch
gerade  in  diesem  Augenblick.  Sie  versprechen  auch  allen  6°/»,
die  Geld  zu  diesem  Werk  der  Gemeinschaftlichkeit,  der  Brüderlichkeit, ­
  beisteuern  wollen;  es  fehlt  nur  wenig,  und  man  fügt
hinzu:  zum  Werk  eines  guten  Sozialismus.
Es  hat  sich  also  etwas  verändert  in  der  Geschichte  des
Leihens  auf  Zins.  Und  was?  Was  ist  schuld  daran,  daß  diese
Frage,  deren  Geschichte  jener  lange  soeben  skizzierte  Märtyrerbericht ­
  ist,  heute  eine  ausgemachte  Sache  geworden  ist?
Zwei  Gründe  erklären  diese  Umbildung:  ein  theoretischer
und  ein  praktischer.
Der  theoretische  Grund  ist,  daß  heutzutage  sogar  die
Sozialisten  schließlich  begriffen  haben,  daß  das  Leihen  auf
Zins  notgedrungen  mit  dem  Privateigentum  verknüpft  ist,
und  daß  es  widersinnig  ist,  solange  das  Privateigentum  anerkannt ­
  ist,  anzunehmen,  das  Ausleihen  von  Geld  könnte  umsonst ­
  sein.  Folglich  ergeht  sich  die  Frage  nicht  mehr  auf  das
Gebiet  der  Gesetzmäßigkeit  des  Zinses,  sondern  sie  wird  auf
dem  Gebiet  der  Gesetzmäßigkeit  des  Kapitaleigentums  gestellt.
Die  Diskussion  hat  sich  also  verschoben.  Perschwindet  die
Frage  des  Zinses,  so  bleibt  doch  die  des  Kapitals,  wir  werden
sie  weiter  unten  wiederfinden.
Aber  es  gibt  auch  einen  praktischen  Grund,  der  diesen
Wechsel  erklärt:  die  Lage  der  Gläubiger  und  Schuldner  ist
nämlich  umgekehrt  worden.  Während  der  ganzen  Vergangenheit ­
  war  der  Gläubiger  der  Starke,  und  der  Schuldner,  das
war  der  Schwache.  Der  eine  war  der  Reiche,  der  Mächtige,
der  Patrizier;  der  andere  war  der  Bedürftige,  der  Proletarier,
der  Elende.  Heute  ist  das  nicht  mehr  so.  T8er  sind  denn  heute
die  größten  Schuldner?  die  größten  Geldentlciher?  Da  sind
zunächst  die  Staaten,  dann  die  Großbanken,  die  großen  Gesellschaften. ­
  Und  wer  sind  die  Geldgeber?  Sie  sind  es,  meine  Leser,
ich  hin  es  auch;  es  sind  oft  ganz  kleine  Leute,  die  ein  wenig
Geld  gespart  haben  und  die  es  nun  für  Unternehmungen
hergeben,  deren  Namen  sie  in  den  Zeitungen  gelesen  haben.
        <pb n="68" />
        67

Pacht  und  Leihen  auf  Zins.

Warum  sollen  wir  uns  heute  über  das  Schicksal  der  Geldentleiher ­
  aufregen?  Sollten  wir  einen  Feldzug  unternehmen,
wie  etwa  die  Kirchenväter,  wie  Proudhon,  und  die  Unentgeltlichkeit ­
  des  Kredits  fordern  zum  Nutzen  der  Banque  de  France?
oder  der  Suezkanalgesellschaft?  oder  der  Royal  Dutch?
Allenfalls  könnte  man  von  uns,  wo  es  sich  um  den  Staat
handelt,  unentgeltliches  Geldleihen  verlangen,  weil  so  viele
andere  während  des  Kriegs  ihr  Blut  und  ihr  Leben  unentgeltlich ­
  hergegeben  haben  —  das  ließe  sich  noch  halten,  wenngleich ­
  man  es  übrigens  für  klüger  hält,  es  nicht  zu  wagen.
Aber  wenn  man  von  uns  verlangte,  umsonst  an  Eisenbahn- ­
  oder  Bergwerksgesellschaften,  an  Judustriegesellschaften,
zu  leihen  bloß  zu  dem  Zwecke,  ihnen  die  Verteilung  größerer
Dividenden  zu  ermöglichen  oder  den  Kurs  ihrer  Aktien  an  der
Börse  höher  zu  bringen,  so  wäre  das  im  höchsten  Grade
komisch.
Das  ist  ein  treffendes  Beispiel  für  die  Art  und  Weise,  in
der  sich  die  wirtschaftlichen  Probleme  im  Verlauf  der  Geschichte
entwickeln.
Die  Miete.  Wenn  nun  auch  die  Frage  der  Pacht  und  die
des  Zinsnehmens  erledigt  sind,  so  bleibt  doch  eine  dritte  Frage,
die  ganz  nahe  mit  ihnen  verwandt  ist,  und  die  doch  dringender
als  je  geworden  ist:  die  der  Hausmiete.
Hier  hat  man  umgekehrt  ein  seltsames  Beispiel  für  eine
Frage,  die  einst  nicht  vorhanden  war  und  die  sich  heutzutage
mit  furchtbarem  Ernst  aufdrängt.  Infolge  des  Entstehens
großer  städtischer  Mittelpunkte  sind  die  Häuser  ein  Monopol
geworden,  während  die  Kapitalien  es  nicht  mehr  sind.  Und
für  sie  wird  folglich,  wie  einst  für  das  Geld,  die  Hausmiete
„wucherisch",  so  daß  man  sich  fragt,  ob  man  nicht  auf  sie  das
Gesetz  des  Höchstpreises  anwenden  muß,  das  man  soeben  für
das  Mieten  des  Geldes  abgeschafft  hat.
Aber  eine  solche  Maßnahme  würde  nicht  wirksamer  sein,
als  die  Gesetze  gegen  den  Wucher  waren.  Im  Gegenteil:  sie
würde  das  Übel  verschlimmern,  indem  sie  die  Lust  zum  Bau
;  der  Mietshäuser,  der  „Zinshäuser",  wie  man  sagt,  den  Leuten
nehmen  würde.  Es  würde  alle  Nichthausbesitzer  in  die  unangenehme ­
  Notwendigkeit  versetzen,  sich  für  sich  ein  Haus  bauen
zu  lassen,  wenn  sie  wohnen  wollen,  und  das  würde  noch  eine
schwerere  Belastung  sein.
Ich  sehe  nur  zwei  Lösungen  für  die  Mietsfragen.  Die
erste  ist  eine  Bevölkerungsverminderung,  wenigstens  in  den
        <pb n="69" />
        68  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

Städten  —  was  kaum  vorauszusehn  ist,  wenigstens  nicht  in
Frankreich.  In  diesem  Falle  nämlich  würde  das  Gesetz  von
Angebot  und  Nachfrage  statthaben  und  eine  Senkung  der
Mietspreise  verursachen.  Die  zweite  Lösung  ist:  die  Industrie
müßte  Bauweisen  erfinden,  die  gänzlich  von  den  bis  jetzt
üblichen  verschieden  sind,  das  heißt,  sie  müßte  Mittel  zum
Bauen  nach  dem  Normungsverfahren  finden,  wie  bei  Fahrrädern ­
  oder  Uhren.  Und  trotz  alledem  ist  es  wahrscheinlich,
daß  in  Zukunft  nicht  nur  ein  Siebentel  unseres  Haushalts,  was
als  das  Normalverhältnis  angesehn  wurde,  sondern  ein  Viertel
oder  ein  Drittel  für  die  Wohnung  wird  aufgewandt  werden  h,
müssen.
Der  Rentner.  Das  doppelte  Attribut  des  Eigentumsrechts, ­
  das  wir  soeben  untersucht  haben,  die  Pacht  und  das
Leihen,  hat  eine  Folge  von  unberechenbarer  Tragweite:  es
erlaubt  nämlich  dem  Eigentümer,  vom  Einkommen  seiner
Ländereien  oder  Kapitalien  ohne  Arbeit  zu  leben,  als  sogenannter ­
  Rentner.  Nun  aber,  Rentner,  Müßiggänger,  Schmarotzer ­
  —  zwischen  diesen  drei  Bezeichnungen  ist  der  Übergang
leicht,  und  man  kann  sich  vorstellen,  wie  die  Sozialisten  nicht
verfehlt  haben,  diese  Folge  des  Eigentumsrechts  als  Grund
für  seine  Verdammung  anzusprechen.
Der  Rentner  kann  zu  seiner  Verteidigung  sagen,  daß  es
in  allen  Gesellschaften  immer  unentbehrlich  war,  eine  gewisse
Anzahl  Leute  zu  haben,  die  über  hinreichende  freie  Zeit  verfügten ­
  —  gerade  damit  sie  durch  ihre  Lage  frei  waren  von  der
Sorge  um  das  tägliche  Brot  und  ungehindert  sich  dem  selbstlosen ­
  Denken  und  den  nicht  Gewinn  bringenden  Arbeiten
widmen  konnten:  Pflege  der  Wissenschaften  und  Künste,  Philosophie, ­
  Ausübung  der  Liebestätigkeit,  hohe  Regierungsämter, ­
  die  bis  in  die  jüngste  Zeit  hinein  unbesoldet  waren.
Man  darf  sich  fragen,  ob  die  Kulturen,  die  wir  überkommen ­
  haben,  und  ihre  ganze  Blüte,  die  uns  geistig  zu
dem  gemacht  hat,  was  wir  sind,  die  Kultur  Griechenlands
oder  Roms,  oder  noch  näher  zu  unserer  Zeit  eine  Aristokratie
wie  die  englische  und  das  von  ihr  geschaffene  Weltreich,  hätten
jemals  in  die  Erscheinung  treten  können,  wenn  nicht  eine  mit
diesem  herrlichen  Vorrecht  der  Muße  ausgestattete  Menschenklasse ­
  existiert  hätte.
Nicht  als  ob  die  großen  Männer  ausschließlich  oder  auch
nur  hauptsächlich  aus  der  Klasse  der  Rentner  hervorgegangen
wären,  dies  Wort  selbst  im  weiteren  Sinne  von  Edelleuten  und
        <pb n="70" />
        69

Pacht  und  Leihen  aus  Zins.

Bürgern  genommen.  Aber  doch  haben  sie  in  diesen  sozialen
«schichten  am  häufigsten  Beschützer  oder  Abnehmer,  wenn  auch
nur  Leser  gefunden.
Es  ist  richtig:  wenn  dem  so  war,  so  ist  es  so  gekommen,
weil  Gelehrsamkeit  und  Muße  das  Vorrecht  einer  kleinen
Zahl  waren.  In  dem  Maße,  wie  diese  Güter  alle  in  weiterem
Umfang  zugänglich  werden,  verringert  sich  die  soziale  Bedeutung ­
  des  Rentners  und  wird  allmählich  zum  Schmarotzertum. ­
  Von  nun  an  ist  sie  zum  Verschwinden  verurteilt.
In  der  Nachkriegsgesellschaft  wird  jedermann  mehr  oder
weniger  Rentner  sein  —  man  denke  an  die  tausend  Milliarden
Rente,  die  die  Staaten  schon  ausgegeben  haben  oder  auflegen
werden!  —  aber  es  wird  keinen  mehr  geben  oder  nur  sehr
wenige,  die  von  ihren  Renten  werden  leben  können.
        <pb n="71" />
        Kapitel  VI.

Lohn  und  Gewinn.
Wir  haben  schon  gesehn,  wie  der  Eigentümer  seinen  Besitz
auf  drei  verschiedene  Arten  benutzen  kann:  ihn  zur  Befriedigung ­
  seiner  Bedürfnisse  verwenden,  das  heißt  ihn  aufzehren,
ihn  einem  andern  durch  Schenkung,  Legat  oder  Verkauf  übertragen, ­
  nur  die  Nutznießung  zeitweise  abtreten,  nämlich  vermieten ­
  oder  leihen."  Es  bleibt  eine  letzte  Berwendungsart,
in  ihren  Folgen  die  wichtigste  von  allen,  doch  hat  sie  seltsamerweise ­
  in  der  volkswirtschaftlichen  Begriffsbestimmung  keinen
besonderen  Namen  bekommen:  es  ist  die,  den  Besitz  Werte
schaffen  zu  lassen.
Es  bedeutet,  den  Besitz  anzuwenden,  um  neue  Güter
hervorzubringen  und  ihn  fruchtbringend  zu  machen:  den
kleinen  Hausgarten  nicht  nur  zum  Riechen  an  den  Rosen  und
zur  Siesta  zu  benutzen,  sondern  ihn  in  einen  Gemüse-  oder
Obstgarten  zu  verwandeln,  sich  des  Robinsonschisfs  zu  bedienen, ­
  nicht  um  auf  dem  Meer  spazieren  zu  fahren  oder  eine
günstige  Gelegenheit  zum  Entweichen  von  der  Insel  abzuwarten, ­
  sondern  um  zu  fischen  und  jeden  Tag  Fische  heimzubringen; ­
  und  es  handelt  sich  um  den  Reichtum  in  seiner
banalen  Gestalt,  um  das  Geld,  um  die  Frage,  wie  es  anzuwenden ­
  ist,  nicht  indem  man  es  ausgibt,  indem  man  es  „aufißt", ­
  wie  man  gemeinhin  sagt,  sondern  indem  man  es  in  ein
produktives  Unternehmen  steckt.
Nun  heißt  ein  beliebiges  Gut,  das  zur  Erzeugung  weiterer ­
  Reichtümer  verwandt  wird,  ein  Kapital.  Im  allgemeinen
kann  das  Kapital  nur  insofern  weitere  Güter  erzeugen,  als  es
durch  die  Arbeit  befruchtet  wird.
Doch  gibt  es  einige  Fälle,  wo  ein  Kapital  bloß  durch  die
Mitwirkung  der  Natur  produktiv  sein  kann,  wie  z.  B.  das
zum  Brüten  hingelegte  Ei,  das  die  Hühnchen  hervorbringen
        <pb n="72" />
        71

Lohn  und  Gewinn.

soll,  statt  daß  man  es  in  Omelette  verwandelt,  oder  das  im
Keller  zwanzig  Jahre  aufbewahrte  Faß  Sprit,  den  die  Zeit  zur
Reife  bringen  und  in  Kognak  verwandeln  soll.  Und  selbst
wenn  man  nur  auf  den  Nutzen  oder  die  Qualität  sieht,  kann
man  sagen,  daß  bei  allen  Erzeugnissen  die  Rolle  der  Natur
unmeßbar  ist.  Aber  wenn  man  nur  auf  den  Wert  sieht,  auf
den  Preis,  so  verschwindet  die  Mitwirkung  der  Natur  hinter
der  der  Arbeit.
Solange  diese  Ausnutzung  durch  die  persönliche  Arbeit
des  Eigentümers  vor  sich  geht,  sei  es  nun,  daß  er  als  Landmann ­
  sein  Land  anbaut,  oder  als  Fischer  sein  Boot  benutzt,  —
solange  gibt  es  kaum  Sozialisten,  die  gegen  derartige  Verwendung ­
  des  Besitzes  protestiert  hätten.  Nur  geschieht  Folgendes: ­
  Sobald  das  Besitztum  eine  gewisse  Ausdehnung  erreicht ­
  hat,  die  über  die  Grenzen  hinausgeht,  in  denen  die
persönliche  Arbeit  nutzbringend  sich  ausüben  läßt,  muß  der
Eigentümer  die  Arbeit  anderer  zu  Hilfe  nehmen.  Ist  der
Garten  zu  groß  zur  Bearbeitung  durch  einen  einzigen  Menschen, ­
  so  muß  der  Eigentümer  wohl  einen  Arbeiter  zu  Hilfe
nehmen.  Wenn  das  Boot  Robinsons  zu  groß  ist,  als  daß  er
es  allein  führen  kann,  wird  er  sich  von  Freitag  helfen  lassen,
und  während  er  das  Ruder  führt,  wird  der  andere  das  Netz
auswerfen.
So  arbeitskräftig  auch  ein  Einzelmensch  sein  mag,  er
kann  durch  seine  persönliche  Arbeit  ein  beliebiges  Gut  nicht
über  gewisse  Grenzen  hinaus  ausnutzen,  und  diese  Grenzen
sind  sehr  eng  gesteckt.  Wenn  man  einem  von  uns  eine  Million
verspräche,  unter  der  Bedingung,  daß  wir  sie  einzig  und  allein
durch  unsere  eigene  Arbeit  ausnutzen  sollten  und  ohne  Zuhilfenahme ­
  eines  andern,  so  müßten  wir  die  Million  einfach  zurückweisen, ­
  denn  es  wäre  gänzlich  unmöglich;  die  Million  ausgeben, ­
  ja!  obgleich  man  auch  dazu  eine  gewisse  Anstrengung
nötig  hätte,  aber  sie  produktiv  nutzbar  machen,  nein!  Der
Eigentümer  des  Kapitals  muß  also  jemand  zur  Hilfe  hinzuziehn,
  einen  Arbeiter,  wie  man  sagt,  und  natürlich  wird  dieser
jemand  seine  Arbeit  nicht  umsonst  hergeben.  Der  Eigentümer
wird  ihm  eine  Entschädigung  zahlen  müssen,  die  ein  Anteil
am  Erzeugnis  der  Erde  oder  an  dem  Fischfang  sein  wird,
oder  —  was  noch  bequemer  für  den  Arbeiter  ist,  —  er  bezahlt
ihm  jm  voraus  den  Gegenwert  in  Geld.  Diese  Bezahlung,
die  nichts  anderes  darstellt  als  den  Mietspreis  für  die  Arbeitsleistung, ­
  wie  der  Zins  der  Mietspreis  für  das  Kapital  ist,
        <pb n="73" />
        72  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

heißt  Lohn,  und  wer  ihn  erhält,  heißt  Lohnarbeiter.  Der
Zahlende,  der  Eigentümer,  heißt  in  dieser  neuen  Rolle  „Arbeitgeber". ­

Der  Arbeitslohn.  Nun  birgt  diese  Verwendung  des
Kapitals,  die  Arbeitsmiete  heißt,  furchtbare  Folgen  in  sich,
viel  mehr  als  irgendeine  andere  der  schon  dargelegten  Verwendungsweisen. ­
  Sie  erscheint  durchaus,  ganz  wie  die  vorher
genannten,  für  beide  Parteien  sehr  vorteilhaft.  Zunächst  für
den  Eigentümer;  denn  sie  erlaubt  ihm,  ein  Gut  auszunutzen,
das  er  sonst  in  die  Hand  eines  andern  durch  Veräußerung
oder  leihweise  hätte  übergeben  müssen,  indem  er  gewissermaßen
seinen  Abschied  genommen  hätte.  Es  ist  für  den  vorteilhaft,
dessen  Dienste  er  fordert,  für  den  Lohnarbeiter,  denn  dieser
findet  in  dem  Tage-  oder  Wochenlohn  ein  festes  Einkommen,
ohne  daß  er  die  Initiative  des  Schaffens  zu  ergreifen  braucht,
ohne  daß  er  die  Mühe  des  Leitens  oder  die  mit  jedem  Unternehmen ­
  verbundenen  Sorgen  auf  sich  zu  nehmen  hat.
Wie  kommt  es  nun  aber,  daß  eine  scheinbar  so  unschuldige,
sogar  ursprünglich  so  brüderliche  Verwendungsart  den  Sozialismus ­
  erzeugt  hat,  den  Klassenkampf,  die  soziale  Revolution
und  so  die  Pandorabüchse  allen  sozialen  Geißeln  geöffnet  hat?
Zum  dritten  Mal  sehen  wir  eine  wirtschaftliche  Institution,
die  in  ihren  Ursprüngen  wie  eine  wohltätige  aussieht,  zu  einem
Gährungsstoff  der  Zwietracht  in  der  Gesellschaft  werden.  Man
sollte  wahrhaftig  meinen,  es  sei  irgend  ein  Teufelsgeist,  der
darauf  aus  ist,  wie  im  Paradies  diese  Fragen  in  Giftfrüchte
zu  verwandeln  gleich  denen,  die  auf  dem  Baume  der  Erkenntnis ­
  wuchsen.
Die  Erklärung  dafür  ist,  daß  der  Arbeitsvertrag  zwischen
einem  Kapitalisten  und  einem  Arbeiter  niemals  in  der  idyllischen ­
  Gestalt  wechselseitiger  Hilfe  verwirklicht  worden  ist.
Wie  ist  es  in  der  Tat  gewesen?  Vor  Bildung  des  Privateigentums, ­
  solange  die  Menschen  unter  dem  System  der  Hauswirtschaft ­
  gelebt  haben,  von  der  ich  schon  gesprochen  habe,
z.  B.  in  der  patriarchalischen  Familie,  vor  dieser  Zeit  existierte
das  Lohnwesen  noch  nicht;  es  war  nicht  nötig,  denn  das
Familienhaupt  ließ  sein  Land  und  seine  Herden  durch  die
Arbeit  der  Seinen  Nutz  und  Frucht  bringen.  Zunächst  durch
die  seiner  Frau,  die  zwar  nicht  seine  erste  Lohnarbeiterin,  doch
aber  seine  erste  Arbeiterin  gewesen  ist,  dann  durch  seine
Kinder.  Aber  mit  dem  Tage,  an  dem  diese  Familienwirtschaft
verschwand  und  durch  die  Arbeitsteilung  und  das  Privat ­
        <pb n="74" />
        73

Lohn  und  Gewinn.

eigentum  ersetzt  wurde,  mit  dem  Tage  mußte  der  Eigentümer
jemanden  suchen,  der  für  ihn  arbeiten  wollte;  und  er  hat  ihn
nicht  leicht  gefunden;  denn  in  den  Anfängen  einer  Gesellschaft,
da,  wo  es  verfügbares  Land  für  jeden,  der  es  haben  will,  gibt,
da,  wo  die  Kapitalien  noch  wenig  Wert  besitzen,  und  wo  jeder
beliebige  Arbeiter  sich  sein  Netz,  seinen  Bogen  oder  gar  den
Holzpflug  selbst  machen  kann,  der  ihm  die  Produktion  aus
eigene  Rechnung  ermöglicht  —  in  einer  solchen  Gesellschaft  hat
niemand  Lust,  sich  in  den  Dienst  eines  andern  zu  begeben.
Übrigens  braucht  man  gar  nicht  zu  den  Anfängen  der
menschlichen  Gesellschaft  zurückzugehn:  wenn  man  sich  in  neu
erschlossene  Länder  versetzt,  in  Kolonien,  auch  da  ist  die  Frage
der  Beschaffung  der  Arbeitshände  sehr  drückend  für  die  Kolonisten, ­
  zum  Beispiel  augenblicklich  in  Tunis.  Was  haben  in
dieser  Lage  die  primitiven  Eigentümer  getan,  um  sich  die
Arbeit  anderer  zu  verschaffen?  Sie  haben  die  Sklaverei  erfunden. ­
  Sie  haben  sich  durch  Eroberung  die  zur  Bebauung
ihres  Landes  erforderlichen  Arme  beschafft.  Es  ist  das  ein
bedeutsames  Ereignis  in  der  Geschichte  der  Menschheit.  Und
es  hat  sich  aus  denselben  Ursachen  in  den  Kolonien  wiederholt.
Als  in  Amerika  die  Eigentümer  in  den  Bereinigten  Staaten
ihre  Ländereien  anbauen  wollten,  suchten  sie  sich  Sklaven  in
Afrika;  das  war  die  zweite  Phase  der  Sklaverei,  die  schwarze
Sklaverei.  Und  sogar  nach  Abschaffung  der  Sklaverei  in  den
Kolonieen  ist  diese  in  manchen  Kolonieen  durch  Einstellung  der
Kulis  ersetzt  worden,  und  das  ist  die  gelbe  Sklaverei.  Aber
wir  wollen  dieses  Wiederaufleben  der  Sklaverei  im  Kolonialsystem ­
  beiseite  lassen  und  zu  dem  Augenblick  zurückkehren,  in
dem  sich  die  antike  Sklaverei  zugleich  mit  dem  römischen  Weltreich ­
  auflöste.  Wird  der  Arbeiter  dann  frei  werden?  Noch
nicht  auf  dem  Lande,  wo  er  noch  unter  dem  Joche  der  Leibeigenschaft ­
  bleiben  wird,  die  nur  eine  gemilderte  Sklaverei
darstellt.  Aber  in  den  Städten  wird  er  eine  verhältnismäßig
glückliche,  aber  kurze  Zeitspanne  durchleben,  ein  lichtvolles
Zwischenspiel  sozusagen  in  der  Geschichte  der  Arbeit,  obgleich
man  immer  von  der  Finsternis  des  Mittelalters  spricht  —  es
ist  die  Zeit  des  „Handwerkers",  der  sein  Handwerkszeug
selbst  besitzt  und  nicht  nötig  hat,  Lohnarbeiter  in  seinen  Dienst
zu  nehmen  oder  es  gar  selbst  zu  werden.
Aber  diese  Periode  hat  nicht  lange  gedauert  —  etwa  fünf
bis  sechs  Jahrhunderte  —  weil  einerseits  die  befreiten  oder
in  die  Städte  geflohenen  Leibeigenen  ein  neues  Proletariat
bildeten,  und  weil  anderseits  die  zur  Produktion  erforderlichen
        <pb n="75" />
        74  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

Kapitalien  solchen  Umfang  annahmen,  daß  sie  denen,  welche
noch  nicht  ein  Vermögen  gemacht  hatten,  unzugänglich
wurden.  So  ist  der  Besitz  des  Kapitals  in  gewissem  Grade
ein  Monopol  für  die  Besitzenden  geworden,  und  diese  haben
ihre  Bedingungen  diktieren  können.  Was  kann  in  der  Tat
ein  Proletarier  machen  —  so  nennt  man  die,  welche  nichts
als  ihre  Arme  besitzen  —  wenn  er  arbeiten  will  und  hat  nicht
eines  jener  Produktionswerkzeuge,  Land  oder  Kapital?  Was
kann  der  tun,  der  heutzutage  keine  Arbeit  findet?  Mit  der
Angelschnur  fischen?  Da  gehört  noch  ein  Angelstock  zu,  der
schon  ein  erstes  Kapital  bedeutet.  Maiglöckchen  zum  Verkauf
pflücken?  oder  am  Bahnhof  die  Reisenden  erwarten,  um  ihnen
das  Gepäck  zu  schleppen?  oder  die  Wagen  vor  dem  Theater
abwarten,  um  die  Wagenschläge  aufzumachen?  Das  ist  kein
Arbeiten  mehr,  das  ist  Bettelei.  Der  Kapitalist  allein  kann
demnach  Arbeit  geben.
Erwäge  man  das  Eigenartige  des  Wortes  „Arbeit  geben"?
Man  beachte,  daß  das  die  so  oft  gehörte,  von  soviel  Elenden
ausgesprochene  Formel  ist:  „Ich  will  kein  Almosen;  geben  Sie
mir  Arbeit!"  Also  ist  die  Arbeit,  die  dem  Anschein  nach  nicht
nur  eine  Möglichkeit,  sondern  eine  Pflicht  für  jeden  Menschen
darstellt,  der  Erlaubnis  eines  andern  unterworfen.  Man  kann
nur  unter  der  Bedingung  arbeiten,  daß  man  einen  Eigentümer ­
  oder  Kapitalisten  findet,  der  die  Mittel  dazu  liefert,
wenn  der  Arbeiter  nicht  arbeitslos  sein  soll.
Solange  jedoch  das  Unternehmen  bescheidene  Verhältnisse
bewahrt  hat,  solange  —  wie  eben  bemerkt  —  der  Proletarier
die  Hoffnung,  die  Aussicht  haben  konnte,  selbst  Kapitalist,
Chef,  zu  werden  —  und  dies  war  in  jener  ganzen  Periode  des
Mittelalters  der  Fall,  wo  fast  alle  Arbeiter  zunächst  als  Lehrlinge, ­
  dann  als  Gesellen,  dann  als  Meister  arbeiteten  und  wo
die  heutigen  Klassenunterschiede  nur  Gradunterschiede  waren,
da  man  ja  sich  zu  einem  höheren  Grade  hinaufarbeiten  konnte
—  in  diesen  Verhältnissen  war  die  Lage  annehmbar.  Daher
hat  das  freche  Wort  „Arbeit  geben"  jahrhundertelang  niemand
verletzt,  auch  die  Arbeiter  nicht.  Sie  nahmen  es  als  den
Ausdruck  einer  Wahrheit  hin;  wer  Arbeit  gab,  war  der
„Meister",  ein  Name,  der  heute  noch  auf  dem  Lande  üblich
ist  und  der  ohne  Groll  ausgesprochen  wird.  Der  Meister  ist
zu  gleicher  Zeit  der  Wohltäter,  da  er  die  Möglichkeit  zur
Arbeit,  zum  Lebensunterhalt  verschafft^  Die  höchste  Form
der  Hilfe,  die  der  Reiche  dem  Armen  gewähren  kann,  die
Hilfe,  die  Volkswirtschaftler  und  Moralisten  dem  Reichen
        <pb n="76" />
        75

Lohn  und  Gewinn.

empfehlen,  ist  das  nicht  die  Arbeit  —  und  wieviel  wertvoller
ist  sie  als  das  Almosen?
Ja,  nur  ist  eine  Stunde  gekommen,  eine  tragische  Stunde,
wo  im  Geist  der  Massen  ein  Verdacht  erwacht  ist.  Und  dieser
Verdacht  hat  sich  in  folgende  Gestalt  umgesetzt:  gibt  uns  wirklich ­
  der  Eigentümer  zu  leben?  oder  geben  wir  nicht  ihm  zu
leben?  Und  sollte  er  dann  nicht,  statt  Wohltäter,  ein  Ausbeuter ­
  sein?  Und  an  dem  Tage,  wo  dieser  Gedanke  in  das
Hirn  der  Massen  gelangte,  war  der  Sozialismus  geboren.
Wenn  tatsächlich  der  Kapitalist  sagen  kann,  daß  er  dem
Arbeiter  Arbeit  gibt,  kann  dann  dieser  umgekehrt  nicht  antworten, ­
  daß  er  dem  Kapitalisten  das  Erzeugnis  seiner  Arbeit
gibt,  und  daß  ihm  nur  ein  Teil,  vielleicht  der  geringste  Teil,
unter  dem  Namen  Lohn  wieder  ausgezahlt  wird?  Zwar  ist  das
dem  Entlohnten  gezahlte  Geld  von  dem  schon  vorhandenen
Kapital  gezahlt,  das  das  Geld  vorschießt,  aber  es  ist  das  nur
eine  Vorwegnähme  vom  Endergebnis,  und  als  Preis  für  einen
Verzicht  auf  jedes  Anrecht  an  dem  künftigen  Produkt  seiner
Arbeit  erhält  der  Arbeiter  seinen  Lohn.  Ohne  Zweifel  ist  das
ein  Vorteil,  da  er  bares  Geld  erhält  und  keine  Mittel  zum
Warten  besitzt,  aber  augenscheinlich  befindet  er  sich  gerade  dadurch ­
  in  einer  mißlichen  Lage,  wenn  er  wissen  will,  was  ihm
zukommen  muß.  Er  weiß  nicht,  welches  der  Wert  dieses  Produkts ­
  sein  wird,  besonders  dann  nicht,  wo  es  sich  um  Kollektivarbeit ­
  handelt,  bei  der  niemand  seinen  Anteil  erkennen  könnte.
In  der  Tat  ist  bekanntlich  der  Mietspreis  der  Arbeit,  der  den
Lohn  darstellt,  nicht  der  Gegenstand  eines  Feilschens;  es  ist
ein  fester  Preis  wie  in  den  Warenhäusern,  nur  mit  dem  Unterschied, ­
  daß  der  Kunde  in  den  Warenhäusern  immer  die  Möglichkeit ­
  hat,  nicht  zu  kaufen,  wenn  er  den  Preis  zu  hoch  findet,
während  der  Arbeiter  nicht  immer  die  Wahl  hat,  nicht  zu  verkaufen, ­
  selbst  wenn  er  den  Preis  zu  niedrig  findet.  Erst  seit
Gründung  der  Syndikate  hat  man  den  Lohn  erörtern  können.
Man  hat  daher  auch  in  der  Geschichte  den  Arbeitslohn
auf  einen  unglaublich  niedrigen  Satz  fallen  sehn,  auf  jenes
Minimalniveau,  unter  dem  der  Arbeiter  sich  nicht  mehr
nähren  und  leben  könnte  und  die  menschliche  Arbeitskraft
verschwinden  würde.  Und  noch  vor  kurzem,  bis  zum  Kriege,  war
das  der  Fall  in  den  Jndustrieen,  in  denen  der  Arbeiter  nicht
um  Lohn  feilschen  konnte,  besonders  bei  den  Heimarbeiterinnen. ­

Diese  Situation  hat  sich  glücklicherweise  verschoben,  nicht
allein  weil  die  gewerkschaftliche  Organisation  und  die
        <pb n="77" />
        76  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

drohenden  Streiks  mächtig  auf  das  Lohnniveau  eingewirkt
haben  —  wie  man  sich  auch  dazu  stellen  mag  —  sondern  auch,
und  das  darf  man  erfreulicherweise  feststellen,  weil  man  in  den
großen  Industrieländern  gelernt  hat,  daß  man  mit  schlecht
bezahlten  Arbeitern  keinen  großen  Ertrag  erzielen  kann,  und
daß  der  der  Arbeit  in  Gestalt  von  Lohn  zugestandene  Anteil
am  Rohprodukt  sich  mehr  und  mehr  erhöhen  könne,  ohne  daß
übrigens  der  vom  Besitzer  als  Gewinn  veranschlagte  Anteil
sich  minderte;  ganz  im  Gegenteil  hielt  er  sich  sozusagen  an  der
Menge  der  Erzeugnisse  schadlos.
Der  Gewinn.  Wenn  es  leicht  ist,  den  Lohn  zu  erklären,
so  ist  es  anderseits  etwas  schwieriger,  dasselbe  für  den  Gewinn
zu  tun.  Was  ist  in  der  Tat  der  Gewinn?  Der  kleinste  Krämer
wird  einem  antworten:  „der  Überschuß  vom  Verkaufspreis
über  dem  Einkaufspreis".  Trotz  dieser  öffensichtlichen
Einfachheit  ist  aber  die  genaue  Definition  des  Gewinnes  eines
der  schwierigsten  Probleme  der  Wirtschaftswissenschaft.  Um
ihn  zu  rechtfertigen,  sagen  die  Volkswirtschaftler,  er  sei  zugleich
die  Belohnung  für  die  leitende  Arbeit,  der  Zins  für  das  investierte ­
  Kapital,  die  Sicherheitsprämie  gegen  die  Gefahren
des  Verlusts.  Aber  wir  behaupten,  daß  keines  dieser  drei
Elemente  den  Gewinn  bildet,  da  sie  in  einer  guten  Rechnungsführung ­
  alle  drei  im  Gestehungspreis  stecken  müssen.  Ist  das
nicht  bei  allen  Aktiengesellschaften  der  Fall?  Rechnet  man
nicht  zu  den  Unkosten:  1.  das  Gehalt  des  Direktors;  2.  die
Kapitalszinsen  (nicht  nur  die  der  Schuldverschreibungen,
sondern  auch  die  der  Aktien);  3.  die  Rücklage  für  den  Reservefonds, ­
  der  Risiken  vorbeugen  soll?  Sicherlich!  Und  nun  die
Dividende,  die  erst  nach  Deckung  all  dieser  Unkosten  verteilt
wird  —  was  ist  die  nun?  Sie  ist  der  Gewinn  im  reinen
Zustand,  ganz  unabhängig  von  den  eben  aufgeführten  sogenannten ­
  Faktoren,  und  wenn  sie  zufällig  ausbleibt,  wird  man
gewiß  mit  Recht  sagen,  daß  das  Unternehmen  keinen  Gewinn
abgeworfen  hat,  und  man  wird  das  betreffende  Jahr  mit  einem
schwarzen  Kreuz  anzeichnen.
Läßt  sich  aber  nun  der  Gewinn  nicht  mit  einem  der  drei
Posten  —  Leitung,  Zinsen,  Risiken  —  erklären,  wie  dann
sonst?  Wie  entsteht  er?  Die  einen,  die  Sozialisten  sagen:
Der  Gewinn  ist  ganz  einfach  vom  Arbeitsprodukt  des  Arbeiters
vorweggenommen,  von  dem  Lohnempfänger,  dem  der  Inhaber
nicht  seinen  gerechten  Lohn  gezahlt  hat;  die  anderen,  die  Anhänger ­
  der  Kooperation,  behaupten:  der  Gewinn  wird  auf
        <pb n="78" />
        77

Lohn  und  Gewinn.

Kosten  der  Verbraucher  vorweggenommen,  die  man  das  Erzeugnis ­
  über  den  rechtmäßigen  Preis  hinaus  bezahlen  läßt.
Und  andere,  nachsichtigere,  sagen:  Der  Gewinn  ist  das  Ergebnis ­
  glücklicher  Umstände,  welche  es  dem  Produzenten  oder
Händler  ermöglicht  haben,  unter  besseren  Bedingungen  als
sein  Konkurrent  zu  fabrizieren  oder  zu  verkaufen,  ungefähr
wie  es  der  Fall  ist  bei  dem  Eigentümer  eines  fruchtbareren
Landes  oder  eines  besser  gelegenen  Hauses.  Der  Gewinn,  das
ist  der  Glückszufall,  von  dem  armen  Straßenhändler,  der
Zeitungen  bei  einem  Unglücksfall  verkauft,  bis  zu  der  Bergwerksgesellschaft, ­
  wenn  man  eine  Metallader  entdeckt.  Shakespeare ­
  sagt:
Der  Strom  der  menschlichen  Geschäfte  wechselt:
Nimmt  man  die  Flut  wahr,  führet  sie  zum  Glück.
Kein  Volkswirtschaftler  hat  den  Gewinn  so  gut  definiert.  Es
ist  richtig,  man  muß  immerhin  noch  verstehn,  die  Flut  zu  benutzen: ­
  das  ist  nicht  jedermann  gegeben.
Aber  welche  dieser  drei  Erklärungen  man  auch  vorziehen
mag,  man  sieht,  daß  bei  keiner  der  Gewinn,  die  Dividende,  als
Frucht  einer  eigentlichen  Arbeit  erscheint;  er  ist,  wie  die  Engländer ­
  sagen,  ein  unverdienter  Mehrwert  (unoarnock
inorement).  Das  soll  durchaus  nicht  sagen,  daß  man  ihn
als  Diebstahl  ansehn  muß;  eine  gute  Gelegenheit  ausnutzen
ist  nicht  stehlen.  Das  Leben  würde  etwas  langweilig  werden,
wenn  jeder  gute  Glücksfall  —  und  sogar  ein  schlechter  —
daraus  entfernt  wäre.
Aber  wenn  man  auch  dem  Zufall  einen  Platz  im  Leben
einräumt,  müßte  er  immerhin  für  alle  gleich  sein.  Wenn  die
Menschen  nicht  das  Recht  haben,  gleiche  Anteile  zu  fordern,  so
haben  sie  doch  das  Recht,  gleiche  Chancen  zu  beanspruchen,  daß
nämlich  jeder  im  Leben  durch  Arbeit,  Ersparnisse,  Unternehmungslust, ­
  Klugheit  die  Möglichkeit  des  Aufstiegs  zu  den
höchsten  Gipfeln  haben  soll,  wie  zum  Beispiel  im  politischen
Leben.  Wenigstens  einmal  im  Leben  die  Chance  zu  haben,  das
beanspruchen  die  Amerikaner  für  jedes  Einzelwesen.  In
einem  amerikanischen  Buch  habe  ich  die  rührende  Tatsache  gelesen, ­
  daß  auf  einem  neu  besäten  Rasen  in  einem  New  Dorker
Park  eine  Tafel  mit  der  Inschrift  befestigt  war:  „Gebt  dem
Gras  eine  Chance!"  (Give  the  grass  a  chanee),  das
heißt,  tretet  nicht  darauf!
Es  ist  eine  eigenartige  Sache  um  die  öffentliche  Meinung,
daß  sie  so  schwer  die  Ungleichheit  hinnimmt,  selbst  wo  sie  ehren-
        <pb n="79" />
        78  Anfaiigsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
hafte  Ursachen  hat,  wie  das  väterliche  Erbe  oder  sogar  ein  in
der  Industrie  erworbenes  Vermögen,  doch  anderseits  mit
Wohlwollen  es  ansieht,  wenn  ein  einzelner  das  große  Los  in
der  Lotterie  gewinnt.  Wenn  man  in  den  Zeitungen  berichtet,
daß  der  und  der  ein  großes  Los  gewonnen  hat,  und  wäre  es
auch  wie  in  einer  Lotterie  letzthin  in  Spanien,  ein  Los  von
sieben  Millionen,  so  erhebt  niemand  dagegen  Einspruch.  Weil
bei  dem  großen  Lose  jeder  sich  sagt:  „ich  hätte  es  auch  gewinnen
können".  Und  das  entspricht  hinreichend  der  einfältigen  Gerechtigkeitsidee, ­
  die  die  öffentliche  Meinung  sich  macht:  der
Gleichheit.  Aber  da  hinkt  es  gerade!  Die  Glücksfälle  sind
nicht  für  alle  gleich.  Diese  Welt  ist  nicht  ganz  genau  eine
Lotterie,  sondern  vielmehr  ein  Rennfeld,  auf  dem  man  die
„Tips"  zum  Spielen  haben  muß.  Und  nur  die  Reichen,  oder
wenigstens  die  gut  unterrichteten  Leute,  welchck  die  Handelszeitungen ­
  lesen,  die  in  den  politischen  Kreisen  leben,  welche  die
Vorzimmer  der  Minister  besuchen,  die  Beziehungen  zu  den
Banken  haben,  wissen  ungefähr,  welches  die  Gewinnnummern
sein  werden,  und  können  sicher  spielen.  Die  Werte,  die  man
um  hunderte  von  Franken  zwischen  zwei  Kurszetteln  der  Börse
steigen  sieht,  sind  nicht  echte  Lotterielose,  denn  nur  die  Gerissenen ­
  gewinnen  sie.  Wir  haben  in  letzter  Zeit  beobachtet,
wie  z.  B.  das  eine  oder  andere  Petroleumpapier  in  einigen
Monaten  um  das  zweifache  oder  dreifache  gestiegen  ist.  Aber
glaubt  man,  daß  der  brave  Mann,  der  etwas  Geld  gespart  hat,
darüber  zu  rechter  Zeit  unterrichtet  sein  wird?  Und  wüßte  er
es  übrigens,  würde  er  sich  nicht  daran  wagen.  Um  diese
Risiken  einzugehn,  muß  man  schon  viel  Geld  besitzen.
Aber  fahren  wir  fort  mit  unserer  Geschichte;  denn  der
Unternehmervertrag  und  der  Lohn  haben  ihre  Entwicklung
fortgesetzt.  Sie  sind  weit  über  die  Periode  der  kleinen  Einzelunternehmung
  und  über  die  Zeit  des  samilienhaften  Zunftwesens ­
  des  Mittelalters  hinausgekommen.  Und  dann  hat  sich
der  Kapitalist  gezwungen  gesehn,  seine  Zuflucht  zu  nehmen
nicht  nur  zur  Arbeit  einzelner  Menschen,  sondern  zu  der  von
Hunderten  und  Tausenden,  um  große  Besitzungen  und  große
Kapitalien  arbeiten  zu  lassen.  Jeden  Tag  hat  man  gewaltige
Unternehmungen  emporsteigen  sehn  und  sieht  sie  noch,  die
Tausende  von  Menschen  beschäftigen:  15  000  wie  die  Fabriken
Renault  in  Paris,  100  000  wie  die  Kruppwerke,  170  000  Angestellte, ­
  wie  die  P.-L.-M.-Gesellschast.
Aber  dabei  bleibt  das  Unternehmertum  nicht  stehn.  Es
geht  noch  weiter.  Es  bleibt  nicht  nur  bei  einem  Einzelunter ­
        <pb n="80" />
        79

Lohn  und  Gewinn.
nehmen,  zahlreiche  Unternehmungen  schließen  sich  ihrerseits
zu  größeren  Verbänden  zusammen  und  führen  nun  den  seit
kurzem  so  berühmten  Namen  Trusts.  Es  sind  wahre  industrielle ­
  Armeen,  die  sich  aus  Armeekorps  zusammensetzen,  an
deren  Spitze  sich  Generalfeldmarschälle  befinden;  diese  hinwiederum ­
  befassen  sich  nicht  mehr  mit  der  technischen  Leitung
des  Unternehmens,  sondern  überlassen  diese  Sorge  Unterführern, ­
  während  sie  sich  selbst  ausschließlich  mit  der  finanziellen ­
  Leitung  abgeben.  Es  sind  das  die  Präsidenten  der
Großen  Verwaltungsräte,  die  oft  Vorsitzende  von  zehn,  zwanzig ­
  Aufsichtsräten  zugleich  sind,  die  die  ganze  Industrie  eines
Landes  beherrschen.  Man  sieht  dann  jene  Kolossalgestalten
auftreten,  welche  die  Amerikaner  mit  einem  so  richtigen
Namen  Jndustriekönige  nennen;  den  Petroleumkönig,  den
Stahlkönig,  den  Eisenbahnkönig.  Der  Hauptmann  im  Evangelium ­
  sagte:  „Herr,  bin  ich  doch  ein  Mensch  in  untergeordneter ­
  Stellung,  aber  unter  mir  habe  ich  Soldaten,  und  ich
sage  zu  diesem:  gehe  hin,  so  geht  er,  zu  einem  andern:  komme,
so  kommt  er".  Heutzutage  gebieten  die  kapitalistischen  Hauptleute ­
  Tausenden,  und  wenn  sie  sagen:  „gehe",  so  geht  man,  und
wenn  sie  sagen:  „komme",  so  kommt  man.
Es  ist  leicht  verständlich,  daß  in  den  Händen  dieser
Männer  sich  gewaltige  Gewinne  anhäufen,  wie  alle  Wassertropfen, ­
  die  sich  in  ein  und  demselben  Bett  vereinigen  und
die  großen  Ströme  bilden.  Diese  unerhörten  Vermögen  entstehen ­
  bis  in  die  jüngste  Zeit  hinein;  sie  belaufen  sich  auf  hunderte ­
  von  Millionen  Einkommen  und  auf  Milliarden  Kapital
(wenigstens  in  Amerika).  Es  ist  klar,  daß  persönliche  Arbeit,
eine  selbst  mehrere  Menschenleben  hindurch  geübte  Sparsamkeit, ­
  solche  Vermögen  nicht  schaffen  könnte.  Diese  Industriemammute
  scheinen  eine  typische  Schöpfung  des  kapitalistischen
Zeitalters  darzustellen  wie  die  Ungeheuer  der  vorweltlichen
Fauna  im  heißen  Schlamm  der  ersten  Erdzeitalter.
Und  doch  sind  sie  nicht  Ungeheuer  oder  Wucherer  im  landläufigen ­
  Sinne,  sondern  im  streng  wissenschaftlichen  Sinne  „Ansammler" ­
  von  Reichtümern.  Wenn  sie  das  Vermögen  konzentrieren, ­
  geschieht  es,  um  es  zu  verteilen.  Diese  Besitzer  des
großen  Reichtums  sind  nur  die  Verteiler.  Man  hat  die
Reichen  mit  den  öffentlichen  Springbrunnen  verglichen,  die
das  Wasser  aufnehmen,  um  es  nach  außen  zu  spenden.  Man
könnte  sie  mit  größerem  Rechte  mit  jenen  hohen  Berggipfeln
vergleichen,  auf  denen  sich  die  Schneemassen  im  Verlauf  der
Jahreszeiten  konzentrieren  und  ansammeln  und  sie  nicht  für
        <pb n="81" />
        80  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

sich  behalten,  sondern  in  die  niedriger  gelegenen  Gebiete  abströmen ­
  lassen,  sei  es  nun  in  Gestalt  der  weißen  Kohle,  um
Dynamos  in  Drehung  zu  versetzen,  die  Städte  zu  erleuchten,
oder  um  die  Ländereien  zu  bewässern  und  die  Ernten  zum
Wachsen  zu  bringen.  Wenn  der  Reichtum  tatsächlich  bis  zu
jenem  höchsten  Grad  angewachsen  ist,  so  verwenden  ihn  seine
Besitzer  selten  zu  denselben  gewöhnlichen  Zwecken  wie  die
kleinen  Reichen  oder  die  Neureichen.  Selten  widmen  sie  ihre
gewaltigen  Vermögen  persönlichen  Vergnügungen.  Ihretwegen ­
  häufen  sie  die  Reichtümer  nicht  auf,  diese  Milliarden,
auch  nicht  für  ihre  Söhne;  denn  sehr  oft  enterben  sie  diese.
Carnegie  sagte,  es  sei  eine  Schande  für  einen  reichen  Mann,
etwas  nach  seinem  Tode  zu  hinterlassen.  Und  nicht  nur  den
industriellen  Unternehmungen  widmen  sie  ihre  Kapitalien,
auch  philantropischen  und  wissenschaftlichen  Werken.  Hunderte ­
  von  Millionen  sind  von  einem  Rockfeller  oder  einem
Carnegie  zur  Gründung  von  Bibliotheken,  Laboratorien,
Friedensinstituten  wie  demPalast  des  internationalen  Gerichtshofs ­
  im  Haag  (dem  leider  leerenst),  von  Anstalten  zur  Bekämpfung ­
  der  Tuberkulose  gegeben  worden!  Und  es  ist  noch
die  Frage,  ob  unter  einem  sozialistischen  oder  dem  von  uns
geträumten  kooperativen  System  es  möglich  sein  wird,  diese
„Ansammler"  von  Reichtümern  zu  ersetzen.  Wäre  der  Kapitalismus ­
  nur  eine  rein  parasitäre  Einrichtung  gewesen,  so
wäre  er  schon  hinweggefegt.  Wenn  er  sich  gehalten  hat,  so
nur,  weil  er  gewisse  Dienste  geleistet  hat.  Und  diese  Dienste
sind  nichts  Geringes;  er  hat  die  gegenwärtige  wirtschaftliche
Welt  geschaffen,  mit  allen  ihren  Fehlern,  das  gebe  ich  zu,  mit
all  ihren  Mißbräuchen,  aber  immerhin  hat  er  der  Welt  den
Überfluß  an  Waren  und  den  billigen  Markt  gegeben.  Wir
merken  es  erst,  wenn  wir  das  verloren  haben!  übrigens  darf
man  nicht  glauben,  daß  die  Sozialisten  die  letzten  in  der  Bewunderung ­
  der  Leistungen  des  Kapitalismus  für  die  Wirtschaftsordnung ­
  sind.  Ich  meine  wenigstens,  die  gut  unterrichteten. ­
  Zunächst  wissen  sie  sehr  wohl,  daß  ohne  den  Kapitalismus ­
  der  Sozialismus  nicht  entstanden  wäre.  Dieser  ist  ein
Abkömmling  von  jenem,  Karl  Marx  von  Ricardo,  und  das
würde  ihm  allein  von  ihrer  Seite  eine  gewisse  Dankbarkeit
sichern.  Daher  wollen  sie  auch  gar  nicht  das  kapitalistische  Gebäude ­
  umstürzen,  sondern  sich  nur  darin  unter  Ausschluß  der
Kapitalisten  festsetzen.

*)  Siehe  Anmerkung  Seite  7.
        <pb n="82" />
        -

4

.

Lohn  und  Gewinn.

81

Das  Wort  von  der  „Sozialisierten  Industrie",  das  von
dem  französischen  Gewerkschaftsbund  (Oonkederation  Generale
du  Travail)  geprägt  und  so  häufig  in  letzter  Zeit  wiederholt
wurde,  hat  keine  andere  Bedeutung.  Man  wird  die  Trusts
beibehalten  und  sie  sogar  verallgemeinern  mit  allen  Eigenschaften ­
  der  modernsten  Industrialisierung  —  Maschinen,
Normung,  Integrierung,  Konzentrierung,  Lokalisierung  usw.
Nur  würden  in  den  neuen  Aufsichtsräten  die  kapitalistischen
Aktionäre  durch  Arbeiter-  und  Verbraucher-Vertreter  ersetzt
werden,  wobei  man  unter  den  zweiten  diejenigen  versteht,  für
deren  Bedürfnisse  das  Unternehmen  arbeitet,  die  „Nutznießer",
die  ein  Interesse  daran  haben,  nicht  daß  das  Unternehmen
Gewinn  bringt,  sondern  daß  es  so  wirtschaftlich  wie  möglich
produziert.

Olde,  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.
        <pb n="83" />
        Kapitel  VH.

Wettbewerb  und  Zusammenarbeit.
Die  wirtschaftliche  Welt,  so  wie  sie  sich  uns  darstellt  mit
den  von  uns  vorgeführten  wesentlichen  Charakterzügen,  mit
dem  Eigennutz  als  Beweggrund  und  dem  Gewinn  als  Ziel
—  mit  der  Trennung  zwischen  Eigentum  und  Arbeit,  die  von
der  Erblichkeit,  dem  Zinsleihen  und  der  Rente  herrührt  —  mit
der  durch  das  Lohnwesen  geschaffenen  Trennung  zwischen
Kapitalisten  und  Proletariern  —  diese  Welt  scheint  der  Verwirklichung ­
  sozialer  Gerechtigkeit  und  des  sozialen  Friedens
kaum  günstig  zu  sein.
Und  doch  geht  diese  Welt  schlecht  und  recht  weiter,
und  die  Volkswirtschaftler,  wenigstens  die  der  liberalen
Schule,  haben  sich  bemüht  zu  beweisen,  daß  sie  besser  im  Gang
sei  als  es  den  Anschein  hat,  weil  sie  von  gewissen  Gesetzen
regiert  wird,  die  sie  Naturgesetze  nennen,  und  die  letzten  Endes
das  allgemeine  Wohl  zu  sichern  bestimmt  seien.
Die  optimistische  Auffassung  der  Wirtschaftsordnung,  soweit ­
  man  in  wenigen  Zeilen  ein  und  ein  halbes  Jahrhundert
Geschichte  und  Hunderte  von  Bänden  Theorie  zusammenfassen
kann,  ist  die  folgende:
1.  Der  Mensch  wird  vom  Eigennutz  geleitet,  der  ihn
dazu  treibt,  bei  allen  Handlungen  des  Wirtschaftslebens  den
höchsten  Gewinn  zu  suchen,  und  dieser  Eigennutz  bildet  die
durch  nichts  zu  ersetzende  Triebfeder  seines  Handelns.
2.  Aber  die  individuelle  Verfolgung  des  Nutzens  steht
keineswegs  im  Gegensatz  zu  dem  allgemeinen  Interesse:  im
Gegenteil,  denn  es  spornt  jeden  Erzeuger  an,  das  am  besten
Verkäufliche  zu  produzieren.  Was  wird  nun  nach  dem  Gesetz
von  Angebot  und  Nachfrage  zum  höchsten  Preis  verkauft,
an  Waren  oder  Diensten?  Doch  wohl  das,  was  am  meisten
verlangt  wird,  was  im  wirtschaftlichen  Sinne  des  Wortes  das
        <pb n="84" />
        83

Wettbewerb  und  Zusammenarbeit.

Nützlichste  und  Erwünschteste  ist?  Dank  dem  Begehren  nach
Gewinn  werden  also  die  dringendsten  Bedürfnisse  gerade  am
ehesten  befriedigt.
3.  Zwar  könnten  dieser  Eigennutz  und  dieses  Streben
nach  Gewinn  als  Erfolg  die  Übertreibung  der  Gewinne  und
die  Ausbeutung  des  Verbrauchers  haben,  wenn  der  Produzent
oder  Händler  allein  in  der  Welt  wäre,  anders  ausgedrückt,
wenn  er  ein  Monopol  (mono8  heißt  allein)  hätte,  aber  diese
Gefahr  wird  unter  dem  System  des  freien  Wettbewerbs
unterdrückt.  Wenn  der  Wettbewerb  wirklich  frei  ist,  so  befindet
sich  jeder  Erzeuger  oder  Händler  auf  dem  Markt  anderen
Produzenten  gegenüber,  die  nicht  weniger  als  er  zu  verkaufen
wünschen  und  die  einander  überbieten,  die  Käufer  anzulocken.
Dieses  Überangebot  hat  notwendigerweise  den  Erfolg,  die
Preise  zu  drücken  und  den  Gewinn  durch  einen  Druck  einzuschränken, ­
  der  so  lange  anhält,  bis  die  Verkaufspreise  auf  die
Höhe  des  Gestehungspreises  herabgedrückt  sind,  in  welchem
Falle  der^  Gewinn  aus  Null  heruntergeht  •—  was  daraus
hinausläuft,  daß  der  Wert  jedes  Erzeugnisses  das  Streben  hat,
sich  nach  der  Arbeits-  und  Unkostenmenge  zu  regulieren  —  und
das  ist  gerade  das  Ideal  von  Gerechtigkeit,  das  der  Sozialist
und  der  Anhänger  der  Kooperation  durch  viel  verwickeltere
und  unwirksamere  Systeme  zu  verwirklichen  trachtet.
So  werden  also  dank  dem  Wettbewerb  die  persönlichen
Interessen  gegenseitig  in  Schach  gehalten,  die  Preise  werden
auf  eine  gerechte  Höhe  gebracht  und  die  Gewinne  auf  einen
Minimalsatz:  Wohlfeilheit  und  Gerechtigkeit  sind  mit  einem
Male  verwirklicht,  und  das  „jeder  für  sich"  wandelt  sich  wohl
oder  übel  in  ein  „jeder  für  alle"  um.
Unbestreitbar  steckt  in  diesem  Bilde,  das  man  in  mehr
oder  weniger  rosigen  Farben  in  fast  allen  Werken  der  klassischen ­
  Nationalökonomie^)  findet,  ein  Körnchen  Wahrheit,  und
une  sollten  in  der  Tat  jene  menschlichen  Gesellschaften  mit  ihren
kaum  veränderlichen  Charakteren  bestehen  können,  wenn  es
nicht  eine  natürliche  Ordnung  gäbe,  die  ihr  Geschick  leitet?
Aber  es  liegt  augenscheinlich  auch  ein  Teil  Illusion  darin;
denn  die  Unzufriedenheit  der  Massen  wächst  unaufhörlich  und
bedroht  in  diesem  Augenblick  Europa  mit  einer  Revolution.
Wir  wollen  daher  herauslösen,  was  man  von  der  gegen-&amp;gt;)
  Hier  seien  nur  ausgeführt:  Die  wirtschaftlichen  Harmoniern  (LesHarnonles
Econom'iques)  von  Bastiat;  Die  Naturgesetze  der  Volkswirtschaft  (Uns  Lois
naturelles  de  l’Economie  Politique)  von  Molinari  —  und  »»lerer  Zeit
näher:  Die  Sittlichkeit  des  Wettbewerbs  (l.a  Morale  de  la  Concurrence)  von
UveS  Guyot.

6*
        <pb n="85" />
        84  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

wärtigen  Wirtschaftsordnung  beibehalten  und  was  man  abschaffen ­
  muß.
Zunächst  wollen  wir  uns  vor  der  Lächerlichkeit  hüten,  das
persönliche  Interesse  zu  verachten,  es  unter  dem  Namen  Egoismus ­
  zu  brandmarken  und  zu  glauben,  man  würde  leicht  jene
Antriebe  der  menschlichen  Tätigkeit  durch  irgend  eine  andere
Triebfeder  ersetzen.  Es  ist  natürlich  an  sich  selbst  zu  denken.
Selbst  das  Evangelium  sagt  uns  nicht  das  Gegenteil,  da  es
sich  auf  die  Lehre  beschränkt:  „Liebe  Deinen  Nächsten  wie  Dich
selbst".  Anstatt  es  Egoismus  zu  nennen,  kann  man  auch  wie
die  Engländer  ihm  einen  schöneren  Namen  geben,  „Selbsthilfe" ­
  (self-help).  Persönliche  Anstrengung  ist  untrennbar  vom
persönlichen  Interesse.  Sich  selbst  Helsen,  diesen  Egoismus  darf
man  nicht  verachten.  Ein  deutscher  Satiriker,  Heinrich  Heine,
schreibt  in  einer  reizenden  Stelle,  wo  er  von  seinen  Freunden
spricht:  „Sie  überhäuften  mich  mit  Aufmerksamkeiten  und  versprachen ­
  mir,  sie  würden  mich  protegieren,  aber  bei  all  ihrer
Protektion  wäre  ich  Hungers  gestorben,  hätte  sich  nicht  ein
wackerer  Mann  um  mich  gekümmert.  Ach,  der  wackere  Mann!
er  hat  mir  zu  essen  gegeben,  wofür  ich  ihm  immer  Dank  wissen
werde;  wie  schade,  daß  ich  ihn  nicht  umarmen  konnte!  Aber
ich  konnte  es  nicht,  weil  dieser  wackere  Mann  —  ich  selbst  war".
Die  Sozialisten  selbst  wollen  nicht,  wie  man  doch  annehmen
sollte,  den  Eigennutz  durch  das  soziale  Interesse  ersetzen;  sie
wollen  nur  verhindern,  daß  die  Interessen  der  Masse  denen
einer  kleinen  Zahl  geopfert  werden,  und  sie  glauben,  daß  das
Privateigentum  gerade  den  Erfolg  hat,  die  Entwicklung  der
Persönlichkeiten  zu  hindern  —  wenigstens  wenn  das  Eigentum
auf  dem  Kapital  beruht  und  durch  das  Lohnwesen  gestützt
wird  —  so  fordern  sie  denn  seine  Abschaffung  oder  die  sogenannte ­
  Sozialisierung.
Aber  dies  zugegeben,  darf  man  doch  nicht  daraus
schließen,  daß  das  Eigeninteresse  unweigerlich  die  Verfolgung
des  Gewinnes  in  sich  schließt,  oder  daß  das  Verschwinden  des
Gewinns  notwendigerweise  das  Aufhören  jeder  Tätigkeit  oder
Initiative  nach  sich  ziehen  müsse.  Der  Gewinn  ist  in  der  Tat
in  dem  Sinne,  wie  wir  ihn  definiert  haben,  nicht  der  Lohn
für  wirkliche  Arbeiten,  sondern  nur  der  des  „geschickten  Handelns", ­
  oder  noch  weniger,  das  Ergebnis  glücklicher  Umstände.
Das  würde  nun  aber  eine  sehr  niedrige  Einschätzung  der
menschlichen  Arbeit  bedeuten,  wenn  man  als  Grundsatz  aufstellen ­
  wollte,  daß  sie  keinen  andern  Beweggrund  als  den
Köder  eines  großen  Loses  haben  könnte.
        <pb n="86" />
        Wettbewerb  und  Zusammenarbeit.  85

Es  wäre  ein  noch  größerer  Irrtum,  als  Grundsatz
aufzustellen,  daß  der  Wunsch  nach  Gewinn  notwendigerweise
mit  dem  allgemeinen  Interesse  zusammentrifft,  und  zwar  weil
das  Gesetz  von  Angebot  und  Nachfrage  denen  die  größten
Gewinne  "sichert,  die  am  besten  den  Bedürfnissen  des  Verbrauchers ­
  dienen.  Nein,  die  höchsten  Preise  —  und  folglich
diejenigen,  die  die  höchsten  Gewinne  verschaffen  —  sind  nicht
notwendigerweise  diejenigen,  die  den  dringendsten  Bedürfnissen ­
  entsprechen;  es  sind  diejenigen,  welche  die  Wünsche  oder
Launen  einer  kleinen  Anzahl  Bevorzugter  befriedigen,  die
zahlen  können,  ohne  zu  rechnen.  Das  Gesetz  von  Angebot
und  Nachfrage  ist  zweifellos  unbestreitbar,  und  es  wird  sich
nicht  mehr  als  der  Eigennutz  beseitigen  lassen,  wenn  es  auch
heutzutage  durch  die  neue  Richtung  der  Volkswirtschaftler
sehr  in  Mißkredit  geraten  ist,  aber  es  schließt  keine  moralische
Wertung  noch  eine  Zweckbedeutung  in  sich  ein.
Und  was  die  wohltätige  Leistung  des  Gewinns  anlangt,
wieviel  wesentliche,  ursprüngliche  Bedürfnisse,  die  der  Wunsch
nach  Gewinn  eher  zu  befriedigen  hindert!  Soll  ich  ein  ganz
aktuelles  Beispiel  geben?  Welches  ist  das  allgemeinste  Bedürfnis ­
  in  diesem  Augenblick?  Das  der  Wohnung:  eins  der
dringendsten  Bedürfnisse  —  nicht  nur  vom  Standpunkt  des
Privatmanns  aus,  weil  es  für  einen  Familienvater  kein
schlimmeres  Leid  gibt,  besonders  wenn  er  viel  Kinder  hat,
keine  Wohnung  zu  finden  oder  sie  nur  unter  vernichtenden
Bedingungen  zu  finden  —  sondern  auch  unter  dem  sozialen
Gesichtspunkt,  weil  die  Ansammlung  in  schmutzigen  Wohnungen ­
  eine  ständige  Ansteckungsgefahr  für  die  ganze  menschliche ­
  Gesellschaft  bildet.
Schon  vor  dem  Kriege  hatte  man  für  dieses  Bedürfnis
nicht  hinreichend  gesorgt;  heutzutage  geschieht  überhaupt
nichts  mehr.  Eine  zahlreiche  Familie  findet  keine  geeignete
Wohnung  mehr.  Darin  liegt  ein  so  tragisches  Unglück,  daß
es  fast  eine  Revolution  rechtfertigt.
Was  hat  nun  der  Eigennutz  und  der  Wettbewerb  zur
Lösung  dieses  Problems  getan?  Warum  haben  die  Unternehmer ­
  nicht  Wohnungen  in  genügender  Zahl  erbaut,  während ­
  sic  hingegen  alle  Luxusprodukte  im  Überfluß  auf  den
Markt  brachten?  Weil  die  Unternehmer  in  der  Erbauung
der  Häuser,  und  besonders  der  billigen  Häuser,  nicht  hinreichenden ­
  Gewinn  gefunden  haben.  Das  ist  so  wahr,  daß
schon  vor  dem  Kriege  in  allen  Ländern  die  Staaten  oder
philanthropischen  oder  kooperativen  Gesellschaften  die  Er-
        <pb n="87" />
        86  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

bauung  von  Häusern  auf  sich  nahmen,  aber  ihre  schwachen
Bemühungen  haben  nicht  hindern  können,  daß  dieses  öffentliche ­
  Bedürfnis  unbefriedigt  blieb.  Wieviel  weniger  noch  im
Augenblick!  (Siehe  oben  S.  67).
Wieviel  andere  Beispiele  könnte  man  beibringen!  In
einer  kürzlich  erschienenen  Zeitung  berichtete  man,  daß  auf  der
Corniche,  das  ganze  Mittelmeer  entlang,  man  alle  Olbäume
ausgerissen  hatte,  um  sie  durch  Mimosen-,  Rosen-  oder  Nelkenpflanzungen ­
  zu  ersetzen,  weil  die  Blumen  größeren  Nutzen
als  das  Ol  abwarfen.  Man  bedauert  das  heute  übrigens,
weil  seit  dem  Kriege  und  bei  der  allgemeinen  Hungersnot
das  Ol  mehr  im  Preise  gestiegen  ist  als  die  Blumen;  aber  es
ist  zu  spät:  der  Olbaum  wächst  nicht  so  schnell  wie  ein  Rosenstrauch. ­

Soll  man  von  so  vielen  schädlichen  Jndustrieen  sprechen,
die  nur  durch  den  Wunsch  nach  Gewinn  erhalten  werden,
ohne  daß  man  sich  im  geringsten  um  die  wirklichen  Bedürfnisse ­
  des  Publikums  kümmert,  wie  z.  B.  die  Alkohol-Erzeugung
oder  die  Schmutzliteratur?  Die  Bolkswirtschaftler  werden
ebenso  wie  die  Unternehmer  dieser  traurigen  Gewerbe  sagen,
es  sei  nicht  ihre  Schuld,  sie  seien  keine  Morallehrer,  und  man
müsse  sich  an  das  Publikum  halten,  das  ihre  Erzeugnisse  verlange. ­
  Gewiß,  man  kann  nicht  leugnen,  daß  der  Verbraucher
einen  Teil  der  Verantwortung  trägt,  und  wir  wollen  ja  gerade
den  Verbraucher  erziehn;  doch  muß  man  zugeben,  daß  die
Erzeuger,  angestachelt  durch  den  Reiz  des  Gewinns,  dem
Verbraucher  gegenüber  die  Rolle  des  Versuchers  gespielt  haben,
die  Rolle  des  Satan.  Sie  haben  der  Eva  und  auch  dem  Adam
den  Apfel  gereicht.  Was  hat  jenes  wunderbare  Lügenunternehmen ­
  geschaffen,  das  in  Gestalt  von  Reklame,  öffentlicher
Ankündigung  und  Anschlagszetteln  unter  Aufwand  von
Milliarden,  (man  spricht  von  einer  Milliarde  Dollar  jährlich  in
den  Vereinigten  Staaten)  kein  anderes  Ziel  verfolgt,  als  dem
Verbraucher  künstliche  Bedürfnisse  einzureden?  Es  ist  die  Sucht
nach  Gewinn.  Der  nationale  und  internationale  Markt  ist
überschwemmt  mit  Erzeugnissen,  die  nicht  nur  unnütz,  sondern
sogar  schädlich  sind  und  die  die  Industrie  zum  Schaden  der  Befriedigung ­
  wesentlicher  Bedürfnisse  der  Menschen  angesammelt ­
  hat.
Und  selbst  wenn  die  Unternehmer  für  unsere  normalen
Bedürfnisse  sorgen,  wird  auch  da  noch  ihr  Werk  unaufhörlich
durch  die  Gier  nach  Gewinn  verderbt.  Um  schneller  zu  verdienen, ­
  hat  jeder  Kaufmann  nur  folgende  Auswahl:  entweder
        <pb n="88" />
        Wettbewerb  und  Zusammenarbeit.  ’8T
bett  Preis  bet  Waren  zu  erhöhen  ober  an  bet  Qualität  zu
sparen,  inbem  er  Rohstoffe  von  geringerer  Qualität  beMtzch
und  inbem  er  auf  bie  abschüssige  Bahn  bet  Lebensnttttelfälschung
  sich  begibt.
Was  bas  Gesetz  bes  Wettbewerbes  anlangt,  welches
bie  Volkswirtschaftler  gern  —  wie  bie  Juristen,  wenn
sie  von  bet  Verjährung  sprechen  —  als  ben  „Beschützer  bes
Menschengeschlechts"  bezeichnen  möchten,  so  müßte  man  sich
über  bie  Bedeutung  bieses  Wortes  verstänbigen;  benn  es  hat
zwei  streng  verschiebene  Bebeutungen.
Soweit  ni  au  unter  freiem  Wettbewerb  die  Freiheit  ber
Arbeit,  bie  Freiheit  bes  Austauschs  und  ber  Beförderung,
die  offene  Tür,  die  sperrangelweit  offene,  zwischen  allen  Ländern ­
  versteht  —  in  diesem  Sinne  sind  bie  dem  Wettbewerb
zugeschriebenen  Wohltaten  nicht  übertrieben;  in  diesem  Falle
ist  es  richtig,  daß  er  der  Beschützer  der  Verbraucherinteressen
ist,  und  daß  diese  es  grausam  empfinden  werden,  wenn  er
einmal  aussetzt,  wie  das  seit  dem  Kriege  der  Fall  war.
Aber  der  Wettbewerb  im  gewöhnlicheren  Sinne  des  Wortes
(noch  besser  durch  das  englische  Wort  competition  gekennzeichnet) ­
  ist  der  Krieg  aus  wirtschaftlichem  Gebiet,  der  Kampf
ums  Dasein  (struggle  for  life);  was  diesen  anlangt,  so
haben  wir  keinen  vernünftigen  Grund,  ihn  in  einer  normalen
Gesellschaft  beizubehalten,  und  wir  hoffen  ihn  bald  durch  sein
Gegenteil,  die  Zusammenarbeit,  ersetzt  zu  sehn.  In  dieser
Gestalt  schafft  der  Wettbewerb  nur  eine  Vergeudung  von
Kräften  und  Gütern,  und  wenn  der  Verbraucher  auch  manchmal ­
  von  den  Schlägen,  die  sich  die  Konkurrenten  versetzen,
Nutzen  ziehen  mag,  so  ist  das  doch  eben  nur  gelegentlich  und
zeitweise  der  Fall.  Er  kann  in  der  Tat  kaum  einer  der  beiden
folgenden  Eventualitäten  entgehn:
Entweder  werden  sich  die  Konkurrenten,  kampfesmüde,
auf  seine  Kosten  versöhnen,  das  heißt,  einen  Bund
schließen.  Dieser  Bund,  der  Trust  oder  Kartell
heißt  —  oder  der  selbst  ohne  diese  großklingenden  Namen
ganz  einfach  in  dem  stillschweigenden  Einverständnis  aller
Händler  ein  und  derselben  Stadt,  der  Fleischer,  Bäcker,
Krämer,  Ärzte  usw.  besteht,  daß  sie  nämlich  zum  selben  Preis
verkaufen  sollen  —  dieser  Bund  wird  immer  häufiger:  er  wird
sogar  das  allgemeine  Gesetz  des  Handels.  Ein  Kaufmann,  der
zu  einem  niedrigeren  Preise  als  seine  Konkurrenten  verkaufen
würde,  würde  disqualifiziert  werden,  selbst  wenn  er  nicht
        <pb n="89" />
        88  Alifangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

formell  wie  in  den  Kartellen  durch  eine  schriftliche  Verpflichtung ­
  und  durch  Sicherheitsleistung  gebunden  wäre.
Oder  der  Kampf  wird  sich  ohne  Verständigung  und  ohne
Erbarmen  fortsetzen:  in  diesem  Falle  wird  der  Wettbewerb
auf  Vernichtung  und  Beseitigung  der  Kleinen  durch  die
Großen  hinauslaufen,  oder  auch  durch  einen  einzigen,  der
dick  und  fett  werden  wird  wie  die  Ratte  im  Käfig,  die  alle
anderen  aufgefressen  hat.  Der  Wettbewerb  erscheint  hier
nicht  mehr  in  der  wohlwollenden  Gestalt,  die  das  französische
Sprichwort  ausdrückt:  „Jeder  für  sich,  und  Gott  für  alle"„
sondern  in  jener  Gestalt,  die  die  Amerikaner  durch  dieselbe
Redensart,  nur  umgekehrt  aussprechen:  „Jeder  für  sich,  und
den  letzten  hole  der  Teufel'").
Nun  ist  aber  in  einem  wie  im  andern  Fall,  und  wie  auch
die  Wahl  sein  mag,  offensichtlich  der  Wettbewerb  verschwunden,
und  damit  ist  auch  mit  einem  und  demselben  Schlag  der  Schutz
dahin,  den  der  Verbraucher  von  dem  Wettbewerb  erwarten
durfte.  Und  dieser  Zustand  hat  das  Bestreben,  sich  zu  verallgemeinern. ­

Es  ist  auch  nicht  mehr  wahr,  daß  dieser  Wettbewerb  der
Erzeuger  Überfluß  schafft;  denn  häufig  beschränken  die  Abreden ­
  zwischen  Erzeugern,  und  noch  mehr  die  Monopole,
systematisch  die  Produktion,  um  die  Preise  zu  steigern  oder
wenigstens  ihr  Sinken  zu  verhindern.
-Ohne  das  persönliche  Interesse  unterdrücken  zu  wollen,
muß  man  also  nachforschen,  ob  es  nicht  in  den  menschlichen
Gesellschaften  eine  verborgene  Kraft  geben  könnte,  die  den
Eigennutz  hindern  würde,  das  öffentliche  Interesse  zu  schädigen ­
  und  ihn  doch  nicht  seiner  Vorzüge  beraubte.
Nun,  diese  Kraft  ist  vorhanden:  sic  ist  nicht  von  gestern,
sie  hat  zu  allen  Zeiten  existiert.  Man  kann  sogar  behaupten,
daß  sic  in  der  Lcbewelt  vorhanden  war,  ehe  das  Individuum
selbst  in  die  Erscheinung  getreten  ist:  es  ist  die  Zusammenarbeit, ­
  das  Gemeinschaftsgefühl,  die  gegenseitige  Hilfe.  Gehen
wir  hier  zu  unserem  Ausgangspunkt  zurück,  wo  ich  das  Gemeinsame
  in  der  menschlichen  und  tierischen  Wirtschaft  gesucht
habe.  Dort  haben  wir  den  Anfang  aller  großen  Wirtschaftsbegriffe ­
  gefunden,  aber  es  waren  nur  die  der  individualistischen
Wirtschaft;  nun  kann  man  aber  auch  dort  den  Begriff  einer
sozialistischen  Wirtschaft  finden,  und  zwar  in  Gestalt  der  Genossenschaft. ­
  Jedermann  weiß,  daß  gewisse  Tierarten  uns

i)  Every  man  for  himself  and  lct  the  devil  take  the  hindermost.
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        Wettbewerb  und  Zusammenarbeit.  89

wunderbare  Muster  davon  bieten.  Ich  will  nicht  bloß  von
den  Bienen  und  Ameisen  sprechen,  die  ein  ewiger  Gegenstand
des  Nachdenkens  bleiben  werden;  aber  es  gibt  auch  eine  Unzahl
anderer,  welche  den  Gegenstand  biologischer  Studien  bilden,
besonders  in  der  Meeresfauna.  Denn  hier  liegt  ein  Geheimnis ­
  vor,  daß  nämlich  die  Genossenschaft  sich  .  fast  ausschließlich ­
  bei  den  niederen  Arten  findet,  oder  wenigstens  bei
den  von  uns  so  genannten.  Sowie  man  zu  den  höheren
Gattungen  emporsteigt,  die  sich  mehr  und  mehr  der  menschlichen ­
  Art  nähern,  verschwindet  die  Genossenschaft.  Und  doch
ist  jedes  Tier  mit  den  Seinen  gesellig.  Wer  weiß,  ob  nicht  die
Genossenschaft  ebenso  gut  bei  den  Säugetieren  und  anderen
Tiergattungen  vor  dem  Auftreten  des  Menschen  vorhanden
gewesen  ist,  und  ob  sie  nicht  gerade  infolge  seines  Erscheinens
verschwunden  sind.  Vielleicht  könnte  man  es  durch  folgende
Tatsache  erklären:  diese  Tierarten,  uns  näher  verwandt,  sind
einst  Gegenstand  eines  brudermordenden  Wettbewerbs  gewesen, ­
  sind  niedergemetzelt,  zu  Sklaven  gemacht  oder  zerstreut
worden  und  sind  dann  zum  Individualismus  zurückgekehrt,
wie  die  Stämme  der  Rothäute  oder  Kanaken  oder  wie  die
der  Biber,  welche  fast  gänzlich  untergegangen  sind.
In  allen  Fällen  bieten  uns  die  Tiergesellschaften,  die
noch  bestehn,  ein  bewundernswertes  Beispiel  für  das  „Jeder
für  alle",  von  dem  ich  soeben  gesprochen  habe.  Oder
wo  ist  es  besser  verwirklicht  als  im  Bienenstocks  Man
kann  sagen,  es  ist  dort  ein  wenig  zu  weit  getrieben
und  hat  das  vernünftige  Maß  überschritten;  nicht  nur  lebt
der  Stock  für  die  Biene,  sondern  sie  scheint  auch  als
Daseinsgrund  nur  den  Stock  zu  haben.  Wir  möchten
keinen  menschlichen  Bienenstock,  wo  der  Mensch  nur  für  den
^tock  lebte.  Im  Gegenteil  soll  die  Gesellschaft  ein  Mittel  zur
Menschenbildung  sein,  zur  Schaffung  von  Persönlichkeiten,
die  starker  und  reicher  in  jeglichem  Sinne  dieses  Wortes  sein
sollen  wirtschaftlich  und  sittlich.  Ohne  Zweifel  werden  sie
durch  dre.  Gesellschaft  mehr  und  mehr  voneinander  abhängig,
aber  Abhängigkeit  bedeutet  nicht  Verarmung,  wenn  sie  wechsel-&amp;gt;eitlg
  ist  und  ein  jeder  dazu  berufen  ist,  vom  andern  soviel
und  mehr  zu  empfangen,  als  er  ihm  gibt.  Vielleicht  weil  im
Stock  die  Biene  vollständig  dem  Stock  geopfert  wird,  vielleicht
gerade  deshalb  hat  der  Stock  niemals  Fortschritte  gemacht  und
ist,  seit  wir  ihn  kennen,  unveränderlich  geblieben.
Volk,  Gemeinde  sind  auch  Gesellschaften,  natürliche  dazu
und  in  dem  Sinne  zwangsweise,  daß  sie  aus  einer  einfachen
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        90  Anfangsgründe  der  Volkswirtschaftslehre.

Tatsache  hervorgehn,  nämlich  dem  gemeinsamen  Wohnsitz  an
ein  und  demselben  Orte,  wie  die  Tiergesellschaften,  die  keine
andere  Art  Gesellschaft  zu  kennen  scheinen.  Aber  bei  den
Menschen  gibt  es  auch  die  Genossenschaften,  die  aus  freier  Wahl
hervorgehn  und  nur  die  freiwilligen  zusammenschließen.  Nichtsdestoweniger ­
  sind  auch  sie  die  Vertreter  und  Organe  von  Interessen, ­
  die  den  Einzelinteressen  übergeordnet  sind.  Ohne  Zweifel
kommt  es  auch  bei  ihnen,  wie  bei  den  industriellen  Verbänden
oder  den  Arbeiterverbänden  vor,  daß  sie  an  Stelle  der  Einzelinteressen
  Berufs-  oder  gar  Klasseninteressen  setzen,  und  in
diesem  Falle  befinden  sie  sich  im  Konflikt  mit  dem  öffentlichen
Interesse.  Wir  wollen  gar  nicht  von  den  Gesellschaften  reden,
deren  Tätigkeitsfeld  außerhalb  der  Volkswirtschaft  liegt  —  die
sich  mit  Wohltätigkeit,Wissenschaft,  Künsten,  Religion,  mit  jeder
uninteressierter  Tätigkeit  befassen,  die  in  der  Rechtssprachc  den
"schönen  Namen  „Gesellschaften  ohne  gewinnbringendes  Ziel"
tragen  —  wir  wollen  uns  nur  an  die  drei  großen  Gesellschaftstypen ­
  in  der  Wirtschaftsordnung  halten,  nämlich  die  Gewerkschaft, ­
  die  Genossenschaft  und  die  Gesellschaft  auf  Gegenseitigkeit,
und  wir  bemerken,  daß  jede  von  ihnen  das  Ziel  hat,  gegen  den
oder  jenen.  Mißbrauch  anzukämpfen,  den  die  Ausdehnung  des
Eigennutzes  erzeugt,  und  daß  sie  dadurch  zum  Organ  des
sozialen  Interesses  wird,  genau  so  wie  der  Staat  und  im  allgemeinen ­
  mit  größerer  Wirksamkeit.
Die  Genossenschaft,  in  Gestalt  der  Konsum-,  Kreditoder ­
  Baugenossenschaft,  will  nicht  das  Interesse  abschaffen,
sondern  den  Wucher,  nicht  die  gerechte  Belohnung  der
leitenden  Arbeit,  sondern  den  Gewinn,  insoweit  dieser  nur
das  Ergebnis  eines  Monopols  oder  des  Glückszufalls  ist,  und
dadurch  erstrebt  sie,  das  Schmarotzertum  zu  beseitigen  und  den
gerechten  Preis  zu  verwirklichen.
Der  gewerkschaftliche  Verband  strebt  nach  Abschaffung  des
Lohnsystems,  worunter  er  das  System  versteht,  welches  die
Arbeit  unter  die  Herrschaft  des  Kapitals  stellt,  um  daraus  ein
einfaches  Produktionswerkzeug  zu  machen  ohne  direkte  Teilnahme ­
  an  der  Leitung  der  Unternehmungen,  in  deren  Dienst
die  Arbeit  steht,  und  ohne  Anteil  an  ihren  Früchten.
Die  Gesellschaft  auf  Gegenseitigkeit,  bescheidener  in  ihren
Zielen,  sucht  nur  die  Härten  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung ­
  abzuschwächen  für  diejenigen,  die  nicht  das  Glück
gehabt  haben,  bei  ihrer  Geburt  ein  Kapital  vorzufinden,  oder
die  es  nicht  verdienen  konnten;  sie  bietet  ihnen  nun  statt  dessen
die  Garantie  einer  Kollektivversicherung.
        <pb n="92" />
        91

Wettbewerb  und  Zusammenarbeit.

-)  Siehe  unser  Buch:  Die  Einrichtungen  sozialen  Fortschritts  (Les  Institutions

Das  Erwachen,  die  wachsende  Entwicklung  dieses  sozialen
Gewissens  neben  dem  persönlichen  Egoismus,  den  es  allmählich
zu  beherrschen  lernt,  ist  eines  der  schönen  Schauspiele  der  Geschichte. ­
  Es  offenbart  sich  nicht  nur  in  dem  Dazwischentreten
des  Staates,  der  dem  Eigennutz  Halt!  zuruft,  wenn  der  Egoismus ­
  es  wagt,  das  allgemeine  Interesse  zu  schädigen,  und  dessen
vielseitiges  Borgehn  in  betreff  de^  Privateigentums  wir  schon
angeführt  haben;  nein,  dies  soziale  Gewissen  offenbart  sich
auch  in  allen  privaten  Bemühungen,  die  zugunsten  des  allgemeinen ­
  Wohles  organisiert  werden.
Wollten  wir  aber  die  Eigenschaften  und  das  Wirken  dieser
Einrichtungen  darlegen,  so  würden  wir  das  Gebiet  der  eigentlichen ­
  Volkswirtschaft  verlassen  und  in  das  der  Sozialpolitik
übergehn,  die  zum  Ziel  hat,  gegen  das  Verhängnis  der  Naturgesetze ­
  anzukämpfen:  das  ist  ein  anderer  Tatsachenbereich').
Wir  wollen  also  hier  halt  machen.
        <pb n="93" />
        Von  Charles  Gide
erscheinen  im  gleichen  Verlage  in  deutscher  Übersetzung
Grundbegriffe
der  Volkswirtschaftslehre
(Principes  cl'economie  politique)
deutsch  von  Dr.  Jeannette  Cassau.

Das  genossenschaftliche  System  der
Volkswirtschaft  (Der  Kooperatismus)
(Pu  Kooperation)
deutsch  von  Douwe  Remmerssen
eingeleitet  von  Prof.  Dr.  V.  Totomianz.
        <pb n="94" />
        ;Ol

epläp

Lohn  und  Gewinn.

m  ersetzt  wurde,  mit  dem  Tage  mußte  der  Eigentümer
m  suchen,  der  für  ihn  arbeiten  wollte;  und  er  hat  ihn
icht  gefunden;  denn  in  den  Anfängen  einer  Gesellschaft,
es  verfügbares  Land  für  jeden,  der  es  haben  will,  gibt,
die  Kapitalien  noch  wenig  Wert  besitzen,  und  wo  jeder
e  Arbeiter  sich  sein  Netz,  seinen  Bogen  oder  gar  den
,ug  selbst  machen  kann,  der  ihm  die  Produktion  auf
Rechnung  ermöglicht  —  in  einer  solchen  Gesellschaft  hat
d  Lust,  sich  in  den  Dienst  eines  andern  zu  begeben,
pigens  braucht  man  gar  nicht  zu  den  Anfängen  der
ichen  Gesellschaft  zurückzugehn:  wenn  man  sich  in  neu
ene  Länder  versetzt,  in  Kolonien,  auch  da  ist  die  Frage
chaffung  der  Arbeitshände  sehr  drückend  für  die  Kolo-|um
  Beispiel  augenblicklich  in  Tunis.  Was  haben  in
Zage  die  primitiven  Eigentümer  getan,  um  sich  die
anderer  zu  verschaffen?  Sie  haben  die  Sklaverei  er-Sie
  haben  sich  durch  Eroberung  die  zur  Bebauung
andes  erforderlichen  Arme  beschafft.  Es  ist  das  ein
imes  Ereignis  in  der  Geschichte  der  Menschheit.  Und
ich  aus  denselben  Ursachen  in  den  Kolonien  wiederholt.
Amerika  die  Eigentümer  in  den  Vereinigten  Staaten
ndereien  anbauen  wollten,  suchten  sie  sich  Sklaven  in
das  war  die  zweite  Phase  der  Sklaverei,  die  schwarze
ei.  Und  sogar  nach  Abschaffung  der  Sklaverei  in  den
en  ist  diese  in  manchen  Kolonieen  durch  Einstellung  der
^  csetzt  worden,  und  das  ist  die  gelbe  Sklaverei.  Aber
len  dieses  Wiederaufleben  der  Sklaverei  im  Kolonial-«eiseite
  lassen  und  zu  dem  Augenblick  zurückkehren,  in
die  antike  Sklaverei  zugleich  mit  dem  römischen  Weltflöste.
  Wird  der  Arbeiter  dann  frei  werden?  Noch
f  dem  Lande,  wo  er  noch  unter  dem  Joche  der  Leibtft
  bleiben  wird,  die  nur  eine  gemilderte  Sklaverei
.  Aber  in  den  Städten  wird  er  eine  verhältnismäßig
e,  aber  kurze  Zeitspanne  durchleben,  ein  lichtvolles
«spiel  sozusagen  in  der  Geschichte  der  Arbeit,  obgleich
wer  von  der  Finsternis  des  Mittelalters  spricht  —  es
Zeit  des  „Handwerkers",  der  sein  Handwerkszeug
sitzt  und  nicht  nötig  hat,  Lohnarbeiter  in  seinen  Dienst
len  oder  es  gar  selbst  zu  werden.
;r  diese  Periode  hat  nicht  lange  gedauert  —  etwa  fünf
&amp;gt;  Jahrhunderte  —  weil  einerseits  die  befreiten  oder
Städte  geflohenen  Leibeigenen  ein  neues  Proletariat
und  weil  anderseits  die  zur  Produktion  erforderlichen
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
