Kanal, der das Kulturwerk eines direkten Wasserweges zwischen dem Westen und dem Osten Deutschlands verwirklichen sollte, kühlten sie ihr Mütchen. Sie wußten aus Erfahrung, daß ihnen im Staate der Lohenzollern kein ernsthaftes Leid zugefügt werden würde, daß sie als Klasse fester saßen, wie die Minister, die ihr Amt von Königsgnaden aus üben: ein Klassenbewußtsein, das seinen unverhüllten Ausdruck in dem famosen, mit tosendem Beifall aufgenommenen Wort des Lerrn von Diest-Daber gefunden hat: „Die Minister können uns — sonst was!" Es gehörte zu diesen Kriegserklärungen kein besonderer Mut, von allen möglichen Leuten ward auf den Sturz Caprivis hingearbeitet. Namentlich die äußerst rührige Clique um Bismarck tat alles, den Nachfolger des im Sachsenwald Ränke spinnenden emeritierten Reichskanzlers herabzusetzen und zu isolieren. Die Magnaten der Industrie waren höchst unzufrieden, daß der Landelsminister von Berlepsch und der Minister des Innern von Bötticher etwas arbeitersreundliche Sozialreform betrieben; das ihnen von letzterem auf einem Festmahl zugerufene „meine Lerren, wir arbeiten ja nur für Sie" entwaffnete ihren Zorn nicht, sie wollten auch dem Staat gegenüber die „Lerren im Lause" sein. Den Bureaukraten und Groß herren im Osten paßte Caprivis versöhnliche Polenpolitik nicht, sie wollten eine Politik der starken Faust und arbeiteten den Bestrebungen des Ministers, wo sie konnten, nach Kräften entgegen, und den bismarckgläubigen Philistern ward in der Lardenschen „Zukunft" offenbart, daß die polen freundliche Politik der preußischen Regierung in Petersburg sehr ver schnupft» werde und so einen weiteren Beweis für die diplomatische An fähigkeit Caprivis liefere. Andere Elemente der besitzenden Klassen konnten es nicht vertragen, daß die Sozialdemokratie sich leidlich frei bewegen durfte. Das alles waren nun Leute, die in den Regierungsbureaus einflußreiche Verbindungen hatten, und Caprivi fand sich auf Schritt und Tritt von Elementen umgeben, die seiner Politik Steine in den Weg legten. Da brachte eine Amsturzvorlage, für die der preußische Ministerpräsident Eulenburg die Ermordung des Präsidenten der französischen Republik, Sadi Carnot, durch den italienischen Anarchisten Caserio zum Anlaß genommen hatte, sowie der Empfang einer ostpreußischcn Deputation des Bundes der Landwirte durch den Kaiser das Faß zum Überlaufen. Noch am 6. Sep tember 1894 hatte Wilhelm II. auf dem Festmahl der Vertreter der Pro vinz Ostpreußen diesen vorgerechnet, daß in vier Jahren 110 Millionen Mark aus Staatsmitteln für Meliorationen usw. in Ost- und Westpreußen verausgabt worden seien, die Junker ermahnt, die Angunst der Zeit in christlicher Duldung und Loffnung auf bessere Zeit zu ertragen, und eine Opposition preußischer Adliger gegen den König für ein „Anding", für eine Sache erklärt, die „nur dann Berechtigung hat, wenn sie den König an ihrer Spitze weiß". Am 20. Oktober aber empfing Wilhelm die Vertreter der Organisation, die seinem Kanzler die schärffte Opposition machte, und ließ ein paar Loyalitätsbeteuerungen als Beweis gelten, daß seine Worte be herzigt werden würden. Zugleich begrüßte er die Deputation als Anzeichen dafür, daß „die Ostpreußen," wozu er sie aufgefordert, „in erster Linie ihrem Könige in dem Kampfe für Religion, Sitte und Ordnung folgen würden". Das ging auf die Eulenburgische Vorlage, gegen die Caprivi