48 hatte die Regierung etliche Beamte, die mit den „Kanalrebellen" gegangen waren — 2 Regierungspräsidenten und 20 Landräte — zur Disposition gestellt. Da sie es aber nicht wagte, den Landtag auszulosen und einmal gegen ihre, selbst wenn sie trotzen, noch geliebten Junker die Wähler aufzurufen, ­ blieben die um Kanitz und Wangenheim unerschüttert, zumal sie im Ministerium selbst heimliche Verbündete hatten, darunter, wie es hieß, den sich zurückgesetzt fühlenden Miqucl. Anfang 1901 brachte die Regierung den Entwurf wieder ein, diesmal verzuckert durch Bestimmungen über Kanalbauten, Meliorationen, Flußregulierungen und dergleichen für Ostclbien. Aber die Agrarier blieben hartnäckig; ihnen war das Kanalprojekt ein wertvolles Erpressungsmittel, von dem sie nach der Parole Gebrauch zu machen suchten: „Ohne Kanitz keine Kähne!" Ohne erst die Schlußabstimmung ­ abzuwarten, schloß die Regierung die Tagung, ließ aber nun Miguel ziehen, der sich gründlich abgenutzt hatte. Mit ihm gingen der Landelsminister Brefeld und der Landwirtschaftsminister Ernst Lammerstein-Loxten. An die Stelle des letzteren trat der vergnügte Pusar von Podbielski, der bis dahin Reichspostsekretär gewesen war, Finanzminister wurde Herr von Rheinbaben, ein sachkundiger Bureaukrat, aber nicht mehr, Minister des Innern Lans von Lammerstein-Loxten, und das Landelsportefeuille erhielt der nationallibcrale Abgeordnete und Großindustrielle Moller-Brackwede. Die Ernennung des letzteren war ein Kompliment an die Adresse der Industriefeudalität, die Übertragung des Portefeuilles für die Landwirtschaft an Podbielski eine Verbeugung vor den Agrariern, die auch gnädigst entgegengenommen wurde, ohne daß die Lerren an ihrer Taktik ein Deut änderten. Sie schrien, daß der Tarifentwurf der Regierung die berechtigten Forderungen der Landwirtschaft unerfüllt lasse, das heißt, daß die Mindestzölle auf Getreide, Vieh usw. noch viel zu niedrig seien, und setzten sich in Positur, durch kräftige Opposition neue Zugeständnisse zu erpressen. Das war die Situation, welche die sozialdemokratische Reichstagsfraktion vorfand, als sie den Kampf gegen den Zolltarif aufnahm. Eine Zeitlang hatte sie in diesem die freisinnigen Fraktionen zur Seite. Position für Position des Tarifs wurde von den sozialdemokratischen Mitgliedern der Kommission, an die der Entwurf verwiesen war, einer gründlichen Erörterung unterzogen, und da der Tarif 946 Nummern zählte, zogen sich die Verhandlungen ­ so lange hin, daß man sich genötigt sah, die Kommission selbst während der Sommerferien des Jahres 1902 täglich sechs Stunden tagen zu lassen, damit die Sache nur vorwärts kam. Erst am 6. Oktober ging die Kommissionsberatung zu Ende und kam der Tarif im Plenum zur zweiten Lesung, die geschäftsordnungsmäßig ebenfalls eine Spezialberatung ist. Selbstverständlich setzte die Sozialdemokratie hier ihren Kampf fort, wobei zu bemerken ist, daß Gewerbetreibende aller Industriegruppen den Reichstag mit Zuschriften über die ihnen vom Tarif drohenden Schädigungen überschütteten ­ und Anspruch auf Prüfung ihrer Vorhalten hatten. Da vollzog die freisinnige Volkspartei unter Führung Eugen Richters eine Schwenkung. Vor versammeltem Reichstag griff Richter, statt die aus Zentrum, Nationalliberalen, ­ Freikonservativen und einem Teil der Konservativen bestehende Zollmehrheit, die links von ihm sitzenden Zollgegner an, indem er ihnen sinnlose Obstruktion vorwarf, die sich keine Mehrheit gefallen lasse. Dies