Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1890, die zugleich in ziemlich weitem Maße Berufszählung war, wurden in der Stadt Berlin als Gewerb- tätige in abhängiger Stellung (Angestellte, Gehilfen, Gesellen, Arbeiter, Lehr linge) 282627, als selbständige Gewerbetreibende ohne Arbeiter 110389 Personen gezählt, zusammen 396656 Personen. Auf Grund des Kranken versicherungsgesetzes waren dagegen Anfang 1891 371919 Personen in den Krankenkassen Berlins versichert, also kaum 25 000 Personen weniger. Da damals schon ein nennenswerter Bruchteil der in Berlin beschäftigten Arbeiter in den Vororten wohnte, hätte man eher das umgekehrte Verhältnis erwartet. Indes sind hier in der Zahl der Berufstätigen die Angestellten in Pandel und Gewerbe einbegriffen, von denen ein großer Prozentsatz nicht versicherungs pflichtig ist, und ebenso werden von den Gewerbetreibenden ohne Gehilfen stets eine sehr große Zahl von der Versicherung nicht erfaßt. So war es möglich, daß Berlin weniger Versicherte als abhängige Berufstätige hatte. Trotzdem nun beide Umstände noch 1905 fortbestanden, ist die Zahl der nach dem Krankenversicherungsgesetz Versicherten mittlerweile bis auf 737 500 angewachsen. Das sagte nicht, daß Berlin in dem Maße proletarischer geworden sei, wie es nach dieser Gegenüberstellung erscheinen würde. Diese Folgerung ist nicht aus ihr zu ziehen. Wohl aber geht aus ihr hervor, in wie hohem Maße die Industrialisierung und Ausdehnung des Geschäftslebens gerade in der Stadt Berlin in den dazwischenliegenden Jahren zugenommen hat. Zwar wachsen auch in den Vororten, die eigene Orts- usw.Krankenkassen haben, die Zahlen der dortVersicherten, aber sie halten mit den Versicherungszahlen des eigentlichen Berlin keinen Vergleich aus. Das „kleine" Berlin ist das umfassende geschäststätige Zentrum des ganzen Komplexes, der sich Groß-Berlin nennt. Pier, in Berlin selbst, laufen die Pauptadern des Geschäftslebens des größeren Berlin zusammen, hier sind die Masse der Fabriken und Werkstätten, der Magazine und Läden, der Schreib- und Arbeitsstuben des Weltstadt-Polypen. And wenn die des Morgens unausgesetzt in Berlin einfahrenden vielen Vorortzügc und Straßen bahnen mit ihrer Fülle von Fahrgästen es auf das greifbarste veranschaulichen, welche Armeen von in Berlin Arbeitenden draußen in den Vororten wohnen, so hat ihrerseits die Gewerbezählung vom 12. Juni 1907 für unsre Epoche eine Vermehrung der gewerblich abhängigen Bevölkerung der Haupt stadt nachgewiesen, welche die ihrer Gesamtbevölkerung beträchtlich über steigt. Mit andern Worten, daß Berlin am Ende der uns beschäftigenden Periode noch weit mehr „Proletarierstadt" geworden ist, als es zu Anfang derselben war. Aber das heißt natürlich nicht, daß es in dieser Zeit etwa im Ver hältnis ärmer geworden sei als zu Anfang. Im Gegenteil. Wer die Steuerlisten für Berlin durchgeht, wird vielmehr finden, daß die Zahl der Zensiten mit höherem als proletarischem Einkommen sich zwischen 1890 und 1905 im Verhältnis weit stärker vermehrt hat als die Gesamtbevölkerung. Wir müssen hier, um vergleichsfähige Zahlen zu gewinnen, von der Steuer veranlagung für das Jahr 1892/93 ausgehen, der ersten Veranlagung nach dem Einkommensteuergesetz vom 24. Juni 1891. Vom Jahr der ersten Veranlagung — Anfang 1892 — an bis zum Anfang 1905 hat sich die Bevölkerung Berlins von 1 606 617 auf 1 988 809, d. h. um 23,8 vom Hundert, vermehrt. In der gleichen Zeit stieg die Zahl der mit mehr als