68 ihr Vermögen und ihre finanziellen Erträge. Lier stoßen wir denn auch unter beiden Gesichtspunkten auf ein Wachstum, das stärker ist, als das der Bevölkerung. Wie durchgängig in der kapitalistischen Welt, nimmt auch in Berlin die Kollektivform der Änternchmung und der Gesamtbetrag des Kollektivkapitals in schneller Steigerung zu. 1892/93 zählte Berlin 242 nicht physische Zensiten, 1905 war ihre Zahl auf 383, das heißt um über 58 Prozent gestiegen. Die Zahl der nichtphysischen Zensiten in den Vororten Berlins ist dagegen ziemlich gering. Wenn der Aktionär frei ist „wie der Vogel in der Luft", so ist die Aktiengesellschaft in den meisten Fällen an den Ort gebunden und wechselt ihn nur unter dem Druck besonderer Ll instand e. Absolut an den Ort gebunden ist nur wenig noch in unserer Zeit. Wie aus den oben entwickelten Gründen eine Reihe von Fabriken und fabrikähnlichen Anlagen in die nördlichen und östlichen Vororte gewandert sind, so hat Berlin eine Anzahl von Bildungs- und Kunststätten, die ihrer Natur oder Größe nach zur Lauptstadt gehören, an das im Westen gelegene Charlottenburg abgegeben. So vor allem die Technische Lochschule und die Lochschulen für die bildenden Künste und die Musik, sowie die physikalisch technische Neichsanstalt. Charlottenburg beherbergt das Ausstellungsgebäude der Sezession und hat neuerdings auch ein erstes Rechtsinstitut, das preußische Oberverwaltungsgericht, erhalten. Zwei Theater großstädtischen Charakters liegen auf Charlottenburger Gebiet, und ein ebensolches Theater hat neuerdings auch Schöneberg. Im ganzen freilich nimmt jedoch gerade das Theater einen immer größeren Raum in Berlin ein. Jahr für Jahr erstehen hier neue Theater, jedes Genre fast hat mehrere Bühnen, die es kultivieren, und ganz besonders der Nordwcsten Berlins entwickelt sich zu einem großen Theaterzentrum. Neben den Stätten des Dramas in seinen verschiedenen Abtönungen und Formen samt vielen Stätten der Musik pflege breiten sich auch die sogenannten Spezialitäten- und Ausstattungs theater immer mehr aus, sowie die Musikhallen und Kabaretts, wie sich nach französischem Vorbild neuerdings die teuren, aber keineswegs immer künstlerisch höher gearteten Znterhaltungslokale jener Gattung nennen, für die um die Zeit von 1870 der Ausdruck Tingeltangel geschmiedet worden war, und neben der anspruchsvollen neueren Abart bestehen von diesen Lokalen nicht wenige in ihrer ursprünglichen Gestalt auch heute noch. Ähnliches kann von den öffentlichen Tanzlokalen Berlins gesagt werden. Sie erhalten sich in allen möglichen älteren Formen, aber daneben kommt ein neues Genre mit noch größerem Luxus und natürlich auch höheren Preisen auf, ohne darum weniger Markt für Prostitution aller Art zu sein. Der Grundzug der modernen Entwicklung macht sich auch hier geltend: während sich das Durchschnittsniveau in bezug auf Ausstattung hebt, vergrößern sich die Abstände. Manches in den Stätten der Erholung und des Genusses zeigt Spuren eines verbesserten Geschmacks; selbst in den billigeren Lokalen sieht es besser aus als früher, die dumpfen Kellerwirtschaften verschwinden und Luft und Licht kommen mehr zu ihrem Recht. Aber die Verbesserungen in den Wirtschaften, wo der Arbeiter verkehrt, sind winzig im Vergleich zu der Steigerung des Luxus in den Restaurationen und Lotels der oberen Schichten der besitzenden Klassen. Die Zahl und der innere Reichtum dieser Llnternchmungen nimmt unausgesetzt zu.