- 163 - erhielt der Antrag, daß der „Vorwärts" ausschließlich Organ der Berliner Organisationen sein sollte, keine Mehrheit. Aber in den Reihen der Funktionäre ­ der Berliner Organisationen war die Mehrheit doch für diese Anträge. ­ Anders im übrigen Deutschland. In Jena blieben die bezeichneten Wünsche der Berliner samt und sonders unerfüllt. Durchgängig stimmte die Mehrheit des Kongresses den betreffenden Vorschlägen des Entwurfs zu. In einem Teil der Berliner Versammlungen, die sich mit dem Parteitag ­ befaßten, ward auf eine Polemik Bezug genommen, die gerade um jene Zeit zwischen der Redaktion des „Vorwärts" auf der einen Seite und den Redaktionen der „Neuen Zeit" und der „Leipziger Volkszeitung" auf der anderen Seite spielte. Gegensätze zwischen den bezeichneten Redaktionen bestanden schon lange und sie wurden vielfach so aufgefaßt, als ob die Redaktion des „Vorwärts" bezw. deren Mehrheit, „revisionistisch" gesinnt sei, während die anderen beiden Redaktionen als marxistisch bekannt waren, und diese Gegensätze galten in vieler Augen als gleichbedeutend mit gemäßigt ­ und radikal. Der Verfasser hält im konkreten Fall diese Gegenüberstellung ­ für irrig, aber da sie nun einmal in Berlin vorherrschend geworden ­ war und die Mehrheit der leitenden Parteimitglieder Berlins auf der als marxistisch-radikal bezeichneten Seite standen, ward es begreiflicherweise ­ von ihnen sehr unangenehm empfunden, daß im Berliner Organ das umgekehrte Verhältnis obwalten sollte. Nicht zum wenigsten um dieses Amstandes willen war man neuerdings wieder aus den Gedanken zurückgekommen, ­ vom Parteitag für die Berliner die volle Verfügung über den „Vorwärts" zu fordern. Das wurde nun abgelehnt, aber in der Besetzung der Redaktion trat nach Jena doch eine Änderung ein. Die damit verbundenen Vorgänge spielten während der letzten Monate des Jahres 1905 und wurden damals in sensationeller Form vor die Öffentlichkeit gebracht. Schon in Jena hatte August Bebel am ersten Vcrhandlungstag namens des Parteivorstandcs erklärt (ProtokollS. 187/188), daß dieser bereit sei, mit den Berliner Parteigenossen zu beraten, wie dem auch von ihm für unhaltbar erkannten Zustand hinsichtlich der Redaktion des „Vorwärts" am besten abzuhelfen sei. In dieser stünden Mehrheit und Minderheit sich sehr gereizt gegenüber, und da die Berliner Genossen zur Redaktionsminderheit das größere Vertrauen hätten, müßte gesucht Werden, das Mehrheitsverhältnis zu ändern. In der Tat standen sechs Mitglieder der Redaktion, nämlich P. Büttner, Kurt Eisner, Georg Gradnauer, Jul. Kaliski, Wilhelm Schröder und Leinrich Wetzker auf ziemlich gespanntem Fuß zu den anderen vier Redakteuren: Leinrich Cunow, Paul John, Karl Leid und Leinrich Ströbel. Vor allem hatten sich die Beziehungen ­ der vier politischen Redakteure Eisner und Gradnauer einerseits ­ und Cunow und Ströbel andererseits so zugespitzt, daß ein gut kollegialisches Zusammenarbeiten kaum noch möglich erschien. Irgendwie mußte hier Abhilfe getroffen werden. Als der Parteitag vorüber war, fanden zu diesem Behufe zunächst Beratungen zwischen dem Partcivorstand und den leitenden Komitees der Berliner Parteiorganisation statt. Am zweiten Oktober 1905 fand eine gemeinsame Sitzung statt, zu der die letzteren — die Preßkommission, die Vertrauensleute, die Vorsitzenden der acht Wahlvereine, die Agitattonsn-