174 Als im Jahre 1896 das Bürgerliche Gesetzbuch im Reichstag zur Annahme kam, wurden von sozialdemokratischer Seite stark besuchte Franenversammlungen veranstaltet, in denen gegen die Bestimmungen des Gesetzbuchs ­ protestiert wurde, durch welche insbesondere die Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse rechtlich und in sonstiger Linsicht benachteiligt wurden. Gegen die Lex Recke zur Erwürgung des Vereinsrcchts in Preußen, die im Frühjahr 1897 das Licht der Welt erblickte, legten im Mai und Juni jenes Jahres verschiedenartige Versammlungen der Berliner Arbeiter Protest ein. Den Anfang machten am 20. Mai 14 große Volksversammlungen, ­ die von der politischen Partei veranstaltet waren, und an sie schlossen sich in den nun folgenden Wochen weitere Proteswersammlungen, insbesondere ­ am 9. Juni eine Reihe gewerkschaftlicher Massenversammlungen, an, die alle der Abwehr jenes Reaktionsversuches gewidmet waren. Am 21. Februar 1898 protestierten fünf gewerkschaftliche Massenversammlungen ­ in Berlin und ebensolche Versammlungen in Charlottenburg ­ und Schöneberg sowie in den folgenden Tagen Gewerkschaftsversammlungen ­ in Nixdorf und Spandau gegen das fünf Wochen vorher vom „Vorwärts" bekanntgegebene geheime Rundschreiben des Grafen Posadowsky vom 13. Dezember 1896, das von den Behörden und Unternehmern Gutachten darüber einforderte, ob nicht ein erhöhter Schutz gegen „Mißbrauch ­ des Koalitionsrcchts seitens der Arbeiter" notwendig sei. Ein zweites Mal traten 1898 die Berliner Gewerkschaften mit Proteswersammlungen in Aktion, als am 5. September Wilhelm II. in Oeynhausen ein Zuchthausgesetz ­ gegen „Verführung zum Streik, Streikzwang und dergleichen" ankündigte, ­ und als die angekündigte Zuchthausvorlage am 1. Juni 1899 vor den Reichstag gebracht wurde, antwortete am 7. Juni die Berliner Arbeiterschaft in 19 bis zum Erdrücken gefüllten Massenversammlungen mit geharnischtem Protest gegen dieses „Produkt krassesten Klassenvorurteils" und „Attentat auf das Koalitionsrecht". Die überall mit Begeisterung angenommene Resolution, in der der Gesetzentwurf solchermaßen gekennzeichnet ­ wurde, hob noch besonders als Beweis für dessen „Feindseligkeit gegen die berechtigte Selbsthilfe der Arbeiter" den Satz aus seiner Begründung ­ hervor, daß es sich gerade bei den Arbeitswilligen „um ruhige, in die Staatsordnung sich schickende, für den Staat besonders nützliche ­ Elemente handelt, welche in ihren mit den Staatsinteressen zusammenfallenden ­ persönlichen Interessen wirksam zu schützen eine wichtige und dringliche ­ Aufgabe der Staatsgewalt" sei. Auch in diesem Falle folgten die Vororte dem Berliner Beispiel, und ebenso hielten noch die Arbeiter einzelner ­ Berufe besondere Protestversammlungen ab. Nachdem schon gelegentlich einer Vorlage auf Erhöhung der deutschen ­ Kriegsflotte, die im Winter 1897/98 zur Verhandlung und Annahme ­ kam, in Berliner Volksversammlungen Protest erhoben worden war (so unter anderen am 1. Februar 1898), gab die noch keine zwei Jahre später — am 26. Januar 1900 — dem Reichstag unterbreitete neue Flottenvorlage, wonach die Schlachtflotte und der Bestand an großen Auslandsschiffen des Reichs verdoppelt werden sollten, das Signal zu einer besonders eindrucksvollen Gegendemonstration. Am 7. Februar ­ 1900 fanden in Berlin und einigen Vororten — andere Vororte folgten tags darauf und weiterhin — 19 große Volksversammlungen statt.