397 Verein, von dem dies zutreffe, könne die Aushebung der polizeilichen Anordnung ­ für seine Aufführungen beanspruchen. Damit war der Weg angezeigt, ­ auf dem man sich die Polizei möglicherweise doch vom Halse halten konnte, zumal der Köllerkurs sein Ende erreicht hatte. Änd so ward, als im Laufe des Zahres 1897 das Verlangen nach Wiederbelebung der „Volksbühne" sich immer lebhafter geltend machte, ein neues Statut ausgearbeitet, ­ das den Charakter des geschlossenen Vereins in aller Schärfe zum Ausdruck brachte. Der Kerbst 1897 sah die „Freie Volksbühne" wieder am Leben und Wirken. Nur kurze Zeit, und auch der alte Mitgliederstand ­ war wieder erreicht und bald überschritten. Ein fast ununterbrochenes ­ Steigen kennzeichnet auch die Entwicklung des neuen Vereins. Ende 1905 war seine Mitgliederzahl 11000. Prinzipiell war in der Verfassung des Vereins nichts geändert. Ein Vorstand mit einem Ausschuß zur Seite leiten ihn, die Generalversammlung, die sie wählt, ist auch heute die entscheidende Instanz. Vorsitzender des Vereins wurde Conrad Schmidt, während Mehring in den Ausschuß gewählt wurde, jedoch infolge eines Konflikts persönlicher Natur nach Jahresfrist aus ihm ausschied. Im Lest 44 des 14. Jahrgangs der „Neuen Zeit" übte er an der neuen Leitung scharfe Kritik, auf die Conrad Schmidt im Lest 48 des gleichen Jahrganges geantwortet hat. Die Kontroverse drehte sich im wesentlichen darum, inwiefern die „Freie Volksbühne" auch demjenigen Teil ihres alten Programms treu geblieben sei, gemäß dem sie bedeutenden dramatischen Schöpfungen der Gegenwart, denen sich um ihres kritischeil Inhalts willen die öffentlich subventionierten und die der Spekulation dienenden Theater spröde oder absolut ablehnend gegenüberstellen, eine Stätte darbieten sollte. Nun gibt es aber für die Trefflichkeit eines Bühnenwerks keinen unbedingt objektiven Maßstab, jedes Werturteil schließt subjektive Momente ein. Die geübteste Einzelpersönlichkeit ist so wenig vor Mißgriffen geschützt, wie ein Ausschuß von Personen mit ungleichmäßiger Ausbildung. Eine Versuchsbühne für dramatische Anfänger, ein Abladeplatz für mangelhafte dramatische Produkte, bei denen die Tendenz die Unvollkommenheiten decken soll, sollte die „Freie Volksbühne" ­ nicht sein, sie sollte Gutes bieten, und da vieles geschrieben wird, was der Grenze des Guten nahekommt, ohne sie zu erreichen, aber nur wenig, was sie erreicht, ist es nicht lediglich vom Willen und Können der Leitung abhängig, wieviel neues sie zur Aufführung bringt. Indes konnte Schmidt nachweisen, daß unter der neuen Leitung verhältnismäßig mehr neue und sozialkritische Dramen zur Aufführung gebracht worden waren, als in gleicher Zeitspanne unter der früheren Leitung. Dem Bestreben, dem neuen Guten die Bahn zu brechen, ist die „Freie Volksbühne" treu geblieben, die Liste besserer Schöpfungen, denen sie zuerst den Bühnenwcg geöffnet hat, ist eine sehr große. Aber in der Verwirklichung ­ dieses Strebens wurden ihr viele Schwierigkeiten in den Weg gelegt, sowohl von den Direktionen der bürgerlichen Theater, wie von den Schriftstellern selbst. Von den ersteren stoßen sich viele daran, Stücke als Neuheiten zu erwerben, die schon auf der „Freien Volksbühne" gespielt wurden, und von den letzteren gehen daher diejenigen, die schon einen gewissen ­ Namen haben, mit ihren Neuschöpfungen an der „Freien Volksbühne" ­ vorbei. Auf die Neuheitenjagd kann sich diese nicht verlegen.