423 solche Antwort mußte bei den letzteren den Beschluß noch befestigen, die Liberalen ihrem Schicksal zu überlassen. Sie konnten den Drang zur Reform des Wahlrechts bei Leuten unmöglich ernst nehmen, die sich so engherzig auf den Buchstaben eben dieses Wahlrechts steiften. Es fehlte in den Reihen der Liberalen nicht an Leuten, die von der Antwort ihres Wahl ausschusses wenig erbaut waren und bis zum letzten Moment sich bemühten, eine Änderung herbeizuführen — noch am Tage der Abgeordnetenwahl versuchten die Linksfreisinnigen Dr. Allstem und Fabrikbesitzer Stern eine liberale Wahlmännerversammlung, die in der nächsten Nachbarschaft des Wahllokals tagte, in diesem Sinne zu bearbeiten, — aber alle diese Schritte erwiesen sich als vergeblich, und ebenso vergeblich waren Vermittlungs versuche der Professoren Delbrück, Lißt und anderer. Trotz alledem sollte gerade im Kreise Teltow-Bceskow-Charlottenburg das Eingreifen der Sozialdemokratie dem elenden Wahlsystem einen kräftigen Stoß versetzen. Für die Abgeordnetenwahl hatte die Regierung das Lokal „Neue Welt" in der Lasenheide im Hinblick auf dessen großen Saal gewählt, der aber auch nur knapp hinreichte, die 2500 Wahlmänner zu fassen. Der Landrat des Kreises Teltow, von Stubenrauch, amtierte als Wahlkommissar und hatte, um seinen Willen zur Anparteilichkeit zu dokumentieren, auch zwei Sozialdemokraten, die Stadtverordneten Jäger und Wuhky-Rixdorf, ins Wahlbureau berufen. Ein starkes Aufgebot von Schutzleuten umgab das Lokal. Doch ließen die sozialdemokratischen Wahlmänner, die hier, wie in den Berliner Wahlkreisen, die ersten am Platze waren, es nicht zu, daß Polizisten in Aniform im Wahllokale selbst sich aufpflanzten. Schon bei der Prüfung der Wahlmännermandate kam es zu erregten Szenen, die aber noch beschwichtigt werden konnten. Am 1 l 2 l\ Ahr vormittags begann der eigentliche Wahlakt, und mit großem Jubel ward es von seiten der Sozialdemokraten begrüßt, als der erste Wahlmann, der aufgerufen wurde, seine Stimme für die Kandidaten Hirsch und Zubeil abgab. Dann ging der Wahlakt weiter und es zeigte sich bald, daß er viel Zeit in An spruch nehmen sollte. 2600 Wahlmänner nacheinander einzeln aufrufen, warten, bis sie an den Tisch treten und ihre Stimme protokollieren, das ließ sich nicht in ein paar Stunden erledigen, zumal die sozialdemokratischen Wähler gar kein Interesse daran hatten, den Wahlakt zu beschleunigen, wohl aber ein sehr großes Interesse, das Wahlsystem mit seinen An- geheuerlichkeiten unmöglich zu machen. Die meisten hatten sich genügend verproviantiert, um zur Not den ganzen Tag im Wahllokal zubringen zu können, und übereilten sich nicht gerade, wenn der Ruf an sie kam, mit dem Vortreten und Wählen. Nach und nach ward Herr von Stubenrauch, der gewöhnlich sich durch seine kaltblütige Ruhe auszuzeichnen pflegte, nervös und nervöser, und schließlich ging er unter lautem Protest der Sozial demokraten dazu über, zu gleicher Zeit mehrere Wahlmänner aufzurufen und, wenn Wahlmänner nicht schnell genug vortraten, außer der Reihe zu rufen. Das widersprach dem Reglement und veranlaßte, als Einsprachen nichts fruchteten, die sozialdemokratischen Beisitzer, das Wahlbureau zu ver lassen. Aber cs half selbst nicht allzuviel; denn nun ward es im Wahl lokal immer unruhiger, und die sozialdemokratischen Wahlmänner konnte man nicht zwingen, im Sturmschritt an den Wahltisch zu laufen, ganz