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        <title>Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905</title>
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            <surname>Bernstein</surname>
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        ﻿
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        ﻿EDUARD/BERNSTEIN

Hie

Berliner Arbeiterbewegung

von 1890 bis 1905

ILLUSTRIERT MIT BILDERN UND
DOKUMENTEN AUS DER ZEIT

J • H• W• DIETZ NACHFOLGER

BERLIN 1924
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        ﻿
        <pb n="6" />
        ﻿Inhalts-Verzeichnis

Sette

Erstes Kapitel: Die Entwicklung der inneren Politik Deutschlands seit 1890	1

Zweites Kapitel: Die soziale Entwicklung Berlins von 1890 bis 1905 ....	57

Drittes Kapitel: Die Parteiorganisationen unter dem gemeinen Recht ...	73

Viertes Kapitel: Bemerkenswerte Konferenzen und beratende Versamm-
lungen der Sozialdemokratie Berlins............................ 118

Fünftes Kapitel: Die bedeutsamsten Demonstrationsversammlungen der

Berliner Arbeiterschaft....................................... 170

Sechstes Kapitel: Die Wahlen zum Deutschen Reichstag in Berlin und den

Vororten....................................................... 194

Siebentes Kapitel: Die Vertretung der Sozialdemokratie Groß-Berlins in

den Kommunalverwaltungen....................................... 213

Achtes Kapitel: Die Sozialdemokratie in den Gewerbegerichten und den

Kaufmannsgerichten Groß-Berlins................................ 241

Neuntes Kapitel: Die Gewerkschaftsbewegung Berlins.................. 259

Zehntes Kapitel: Die bedeutsamsten gewerkschaftlichen Kämpfe Berlins . . 287

Elftes Kapitel: Der große Bierboykott von 1894 .................... 324

Zwölftes Kapitel: Die gewerkschaftliche Bewegung der Äandlungsgehilsen

Berlins........................................................ 355

Dreizehntes Kapitel: Die sozialdemokratische Frauenbewegung Berlins . . 369
Vierzehntes Kapitel: Die Berliner Sanitäts-Kommission und der Boykott

der Charitä.......................................;........... 383

Fünfzehntes Kapitel: Die Schöpfungen der Berliner Sozialdemokratie für

Bildung und Kunst.............................................. 390

Sechzehntes Kapitel: Die Entwicklung der sozialdemokratischen Presie

Berlins......................................................   401

Siebzehntes Kapitel: Die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus ... 412

Achtzehntes Kapitel: Die Entwicklung der Maifeier in Berlin......... 425

Neunzehntes Kapitel: Die Opfer und die Bilanz des Kampfes........... 431
        <pb n="7" />
        ﻿Erstes Kapitel

DieEnLwicklungderinnerenPoliLikDeutschlands

seit 1890.

1.	Der Anfang der Ära Caprivi.

Epoche, die mit dem Ableben des Sozialistengesetzes für die deutsche
/ Sozialdemokratie anhub, zeichnete sich zunächst durch eine merkbare
Ansicherheit und Anbeständigkeit in der Politik der Regierung aus.
Der General v. Caprivi, dem Wilhelm II. nach der Entlassung Bismarcks das
Amt des Reichskanzlers und preußischen Ministerpräsidenten übertragen hatte,
arbeitete sich überraschend schnell in die ihm obliegenden Aufgaben ein und
erwarb sich dabei durch die Einfachheit und Gradheit seines Wesens viele Sym-
pathien, die durch die niedrigen Angriffe, mit denen die Presse der Bismarck-
brüderschaft den Zorn über die Entfernung ihres Leros vom Amt an ihm
ausließ, nur gesteigert werden konnten. Auch der Landelsminister v. Berlepsch
erwarb sich in reformfreundlichen Kreisen durch verschiedene Maßnahmen
Anerkennung. In den Anfang der neunziger Jahre entfällt der Abschluß
einer Reihe von Handelsverträgen, durch welche die hohen Getreidezölle —
Weizen und Roggen von 5,00 auf 3,50 Mk. pro Doppelzentner — sowie eine
Anzahl anderer Zölle ermäßigt wurden und der Außenhandel Deutschlands
eine große Steigerung erfuhr. In Preußen führte 1891 der zum Finanz-
minister ernannte Miguel eine Steuerreform durch, welche die direkte Ein-
kommensteuer dadurch etwas verbesserte, daß die Besteuerung der Einkommen
bis zu 9OO Mark aufgehoben, ein schärferes Einschätzungsverfahren mit
bedingter Verpflichtung zur Selbsteinschätzung festgesetzt und die Steuersätze
besser abgestuft und für die höheren Einkommen heraufgesetzt wurden —
allerdings mit dem noch mäßigen Satz von 4 Proz. als Löchststeuer. 1893
ward außerdem als Ergänzungssteuer eine Steuer von 1/2 vom Tausend im
Jahre auf Vermögen von über 20 000 Mk. eingeführt, mit Ausnahme-
bestimmungen für Leute, deren Jahreseinkommen 6000 Mk. nicht übersteigt.
Ein anderes Werk dieser Steuerreform war die Äberweisung der Erund-
und Gebäudesteuer sowie der Gewerbesteuer an die Kommunalverbände.
Im Militärwesen wurde — allerdings erst nach der Reichstagsauflösung
von 1893 — die zweijährige Dienstzeit für die Fußtruppen durchgeführt.

Das waren alles Maßnahmen, die zwar nur mäßigen Fortschritt, aber
doch Fortschritt bedeuteten. Wenn sie die sozialistische Arbeiterschaft in ihrer
schroff oppositionellen Haltung nicht erschüttern konnten, so war dafür nicht
nur der grundsätzliche Gegensatz gegen das kapitalistische Wirtschaftssystem
maßgebend. Wohl führte die sozialdemokratische Presse Männern wie
        <pb n="8" />
        ﻿2

Caprivi, Berlepsch, Boetticher usw. gegenüber eine andere Sprache als
gegenüber den Bismarck, Puttkamer, Eulenburg und Genossen, aber das
galt lediglich den Personen, von denen man wußte, daß jeder Tag ihre
Entlassung bringen konnte. Denn gleichzeitig wußte man auch und konnte
es aus Regierungserklärungen immer wieder aufs neue bestätigt erhalten,
daß die Reformen, soweit sie nicht aus rein technischen Gründen nbtig geworden
waren, nicht als Anfänge einer großen und systematischen politischen und
wirtschaftlichen Reforinpolitik, sondern bloß zu dem Zweck ins Werk gesetzt
wurden, der Sozialdemokratie möglichst Abbruch zu tun. Von einer Erweiterung
der Volksrechte war nicht die Rede, die kleinen Verbesserungen sollten im
Verein mit der Arbeiterversicherung das Wunder tun, in einer Zeit ununter-
brochenen Wachstums der Arbeiterklasse diese von der Partei ihrer Klasse
abwendig zu machen. Als wenn es nie einen Dichter gegeben hätte, der
eine geschichtliche Wahrheit in die eindrucksvollen Verse niedergelegt hätte:

„Noch ist kein Fürst so hoch gefürstet,
So hoch gestellt kein ird'scher Mann,
Daß, wenn die Welt nach Freiheit dürstet,
Er sie mit Freiheit tränken kann.

Daß er allein in seinen Länden
Die Schale alles Rechtes hält,
Davon den Völkern auszuspenden,
Soviel, sowenig ihm gefällt."

Das genau Entgegengesetzte bekamen die Arbeiter vom Träger der
Krone zu hören. Schon in der Ansprache an die Deputation der westfälischen
Bergleute vom 16. Mai 1889 hatte es nach offizieller Darstellung geheißen:

„Sollten aber Ausschreitungen gegen die öffentliche Ordnung und
Ruhe vorkommen, sollte sich der Zusammenhang der Bewegung mit
sozialdemokratischen Kreisen Herausstellen, so würde ich nicht imstande
sein, eure Wünsche mit Meinem königlichen Wohlwollen zu erwägen.
Denn für Mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mit
Reichs- und Vaterlandsfeind. Merke Ich daher, daß sich sozial-
demokratische Tendenzen in die Bewegung mischen und zu ungesetzlichem
Widerstande anreizen, so würde Ich mit unnachsichtlicher Strenge ein-
schreiten und die volle Gewalt, die Mir zusteht — und die ist
eine große — zur Anwendung bringen."

Solche Betonungen des persönlichen Regiments und der Feindschaft
gegen die Sozialdemokratie wiederholten sich in wechselnden Formen immer
von neuem, ergänzt durch Berufungen aus die Macht des Kaisers und
Königs über die Armee und mittels der Armee über die Nation. „Der Soldat
und die Armee, nicht Parlamentsmajoritäten und -Beschlüsse haben das
Deutsche Reich zusammengeschmiedet," hieß es in einer Ansprache vom

18.	April 1891, und „Mein Vertrauen beruht auf der Armee." Sieben
Monat später, am 23. November 1891, erfolgte die Rekrutenvereidigung
in Potsdam, bei der, nach der „Neißer Zeitung", der Kaiser den Rekruten
der Potsdamer Garderegimenter im Anschluß an deren Ableistung des
Fahneneides zurief:

„Ihr habt Mir Treue geschworen, das — Kinder Meiner Garde —
heißt, ihr seid jetzt Meine Soldaten, ihr habt euch Mir mit Leib und
Seele ergeben; es gibt für euch nur einen Feind und der ist Mein
Feind. Bei den jetzigen sozialistischen Amtrieben kann es vorkommen,
daß Ich euch befehle, eure eignen Verwandten, Brüder, ja Eltern nieder-
zuschießen — was ja Gott verhüten möge —, aber auch dann müßt
ihr Meine Befehle ohne Murren befolgen."
        <pb n="9" />
        ﻿-- 88« ----

Szene

aus dem geistigen Kampf gegen die Sozialdenivkralie.

I. Der Kampf mit geistigen Waffen gegen die Sozialdemokratie nach dem
Fall des Sozialistengesetzes

Sinnbildliche Darstellung aus dem »Wahren Ialob«
        <pb n="10" />
        ﻿4

Einige Blätter haben den Wortlaut der Rede etwas anders gegeben,
aber der Sinn	ist überall der gleiche,	überall	kehrt die Betonung der

Pflicht wieder,	gegebenenfalls	auf die	eigenen	Angehörigen zu schießen

oder zu stechen, und eine amtliche Abstreitung oder Berichtigung der Rede
ist nicht erfolgt.	Zudem sprach	die Rede	ja auch	nur aus, was der Sache

nach allerdings	im Fahneneid	eingeschlossen ist	und der ganzen Stellung

des Leeres im Milirärstaat entspricht. Man redet nur meist nicht gern davon.
Wenn Wilhelm II. es doch tat, so mußte man daraus folgern, daß sein
Geist sich mit dem Gedanken an solche Möglichkeiten trug, die sich die
Phantasie dann sehr verschieden ausmalen konnte. Dann erfolgte wieder,
am 24. Februar 1892, die Rede auf dem Brandenburgischen Provinzial-
landtage, worin es hieß, daß die „Nörgler" das beste tun würden, wenn
sie „den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schüttelten und sich unseren
elenden und jammervollen Zuständen auf das schleunigste entzögen". Muß
man auch bei geschichtlicher Wertung all dieser Reden sich vor Augen
halten, daß sie zum Teil mehr momentane Ausschweifungen eines noch
unausgereiften Geistes waren, als sie eine beharrlich festgehaltene Politik
zur Grundlage hatten, so war die unmittelbare Wirkung, sobald sie bekannt
wurden, doch eine andere. So konnte nur ein Monarch sprechen, der eine
Auffassung von seiner Stellung im Staate hatte, die mit dem Grund-
satz des Selbstbestimmungsrechtes der Völker im entschiedensten Widerspruch
stand. Für die Sozialdemokratie ein Anlaß, ihrerseits nun um so stärker
jenen Grundsatz zu betonen und allen Arbeiterfreundlichkeit zur Schau
tragenden Maßnahmen der Regierung ein gesteigertes Mißtrauen ent-
gegenzusetzen.

Es war um diese Zeit, daß Georg von Vollmar durch einen Vortrag,
den er am 1. Juni 1891 in einer Parteiversammlung der Sozialdemokraten
Münchens hielt, einen kleinen Sturm in der Partei entfesselte. Der Vortrag
behandelte das Thema „Die nächsten Aufgaben der Sozialdemokratie",
und Vollmar entwickelte darin, daß trotz allen Schwankens der Regierung
eine Abwendung von der Bismarckschen Politik deutlich zu erkennen sei.
Die nunmehr wieder auf den allgemeinen Rechtsboden gestellte Sozial-
demokratie müsse diese Politik auf die Probe stellen. Ohne die allgemeinen Ziele
der Partei aus dem Auge zu lassen und unter Festhaltung ihrer Grundsätze
empfehle es sich daher, die Kraft zunächst auf den Kampf für die Fortführung
des Arbeiterschuhes, insbesondere für den Normalarbeitstag, Sicherstellung
des Koalitionsrechtes der Arbeiter, strenge Unparteilichkeit der Behörden
bei Lohnkämpfen der Arbeiter, Schaffung eines freien Vereinsrechtes mit
der Gewährung von Korporationsrechten an die Arbeiter, Gesetzgebung
gegen die preissteigernden Syndikate und Beseitigung der Lebensmittelzölle zu
konzentrieren. Genügten einst Leidenschaft und unbeugsamer Trotz für den
Kampf, so handle es sich jetzt vor allem um Besonnenheit, kluges Abwägen
und zähe 2lusdauer. „Dem guten Willen die offene Land, dem schlechten
die Faust." Zm Vorbeigehen flocht Vollmar einige kritische Bemerkungen
gegen übertriebene Angriffe auf den Dreibund ein, der als Mittel, den
Frieden zu erhalten, etwas „verhältnismäßig Nützliches" sei. Das waren
nun alles Dinge, über die man ohne sonderliche Aufregung hätte diskutieren
können, wenn nicht die bürgerliche Presse die Rede mit großem Lärm
begrüßt und Vollmar laut als den Mann gepriesen hätte, der die Sozial-
        <pb n="11" />
        ﻿5

dcmokratie von ihrem unfruchtbaren
Rcvolutionarismus zurückbringen
werde. Wie auch bei anderen
Gelegenheiten, erzielte diese Presse
mit ihren Iubelartikeln genau das
Gegenteil von dem, was sie an-
kündigte. In der Partei wurde man
nun erst auch außerhalb Münchens
auf Vollmars Rede aufmerksam
und las viel mehr aus ihr heraus,
als Vollmar mit ihr beabsichtigt
hatte. Den oppositionellen Ele-
menten in Berlin und an anderen
Plätzen Norddeutschlands erschien
sie als der handgreiflichste Beweis
von der opportunistischen Ver-
sumpfung der Partei und wurde
denn auch von ihnen in diesem
eoinne gegen die Parteileitung im
allgemeinen ausgenutzt; die führen-
den Vertreter dieser aber, vor allem
Bebel, Liebknecht und Singer, er-
blickten jedoch selbst in Vollmars
Ausführungen die Preisgabe von
wichtigen Kampfprinzipien der
Partei. Das Zentralorgan sowie
eine Anzahl von Provinzblättern
nahmen mehr oder weniger scharf
gegen Vollinar Stellung, und auf
dem zweiten Kongreß, den die Partei
nach Erlöschen des Sozialisten-
gesetzes abhielt, kam es über die

Vollmarsche Rede — oder vielmehr die Vollmarschen Reden, denn Vollmar
hatte auf die Angriffe, die die vorerwähnte Rede erfahren hatte, am
6. Juli des gleichen Jahres in einer zweiten Versammlung in München
geantwortet und beide Reden im Druck erscheinen lassen — zu lebhaften
Auseinandersetzungen.

2. Caprivis Gesicht
beim Bekanntwerden der Berliner
Reichstags - Wahlergebnisse 1893
Karrikalur aus den „Berliner Lustigen Blättern-

2,	Die ersten Parteitage der deutschen Sozialdemokratie unter
dem gemeinen Recht.

Bevor wir in der Schilderung des allgemeinen Ganges der deutschen
Politik fortfahren, folge hier ein kurzer Überblick über die wichtigsten Vor-
gänge auf den Parteitagen der deutschen Sozialdemokratie in der zu
betrachtenden Zeitspanne.

Der erste Kongreß der Partei nach Ablauf des Sozialistengesetzes
hatte vom 12. bis 18. Oktober 1890 in Halle a. S. stattgefunden und
hauptsächlich die Organisationsfrage geregelt. Nach dem beschlossenen
Organisationsstatut wurde die Zugehörigkeit zur Partei von Anerkennung
        <pb n="12" />
        ﻿6

der Grundsätze des Parteiprogramms und Anterstützung der Partei abhängig
gemacht, ohne daß für letzteres ein bestimmter Beitrag vorgeschrieben wurde.
Den Parteigenossen in den einzelnen Wahlkreisen wurde aufgetragen, Ver-
trauensmänner zu ernennen, die Zahl und der Wahlmodus aber ihrem
Ermessen anheimgestellt. Die Parteileitung wurde aus zwei Vorsitzenden
(August Bebel und Paul Singer), zwei Schriftführern (Ignaz Auer und
Richard Fischer), einem Kassierer (Albin Gerisch) und sieben Kontrolleuren
zusammengesetzt, zum offiziellen Parteiorgan ward das „Berliner Volksblatt"
bestimmt, das vom 1. Januar 1891 an den Titel „Vorwärts" erhielt. Von
weiteren Angelegenheiten, die den Kongreß beschäftigten, sind die Aus-
einandersetzungen mit den Vertretern der als Bewegung der „Jungen"
bekannt gewordenen Opposition zu erwähnen, die aber hier noch zu keiner
entscheidenden Beschlußfassung führten. Doch zeigte sich schon, daß die
große Mehrheit der Partei der Opposition feindlich gegenüberstand. Einige
Anklagen mehr persönlicher Natur, die Wilhelm Werner, der meistgenannte
Wortführer der Opposition in Berlin, gegen die Neichstagsfraktion der
Partei und deren Mitglied Karl Grillenberger vorgebracht hatte, wurden
von einer vom Kongreß eingesetzten Antersuchungskommission einstimmig für
unbegründet erklärt, und der Kongreß schloß sich dem Arteil der Kommission
mit allen gegen 24 Stimmen an. Eine Resolution, die entgegen dem
Tadel der Opposition das Verhalten der Reichstagsfraktion guthieß, wurde
sogar gegen den einzigen Werner, der sich der Abstimmung enthielt, ein-
stimmig angenommen.

Der zweite Kongreß der Partei brachte nun in der Frage der Oppo-
sition die Entscheidung. Er tagte vom 14. bis 20. Oktober 1891 in Erfurt
und hatte als wichtigste Gegenstände die Frage der Taktik und die Frage
des Parteiprogramms auf der Tagesordnung. In letzterer Linsicht wurde
mit wenigen Abänderungen der von der Redaktion der „Neuen Zeit"
(Karl Kautsky, zum Teil unter Mitwirkung von Ed. Bernstein) aus-
gearbeitete Entwurf einstimmig angenommen, in bezug auf die Frage der
Taktik fand eine von Bebel beantragte Resolution einstimmige Annahme,
die in den Sähen gipfelte, daß die Eroberung der politischen Macht das
Hauptziel der Partei sei, aber nicht das Werk eines Augenblicks oder
Frucht momentan gelungener Überrumpelung der Gegner sein, sondern
nur durch zähe und ausdauernde Arbeit und geschickte Benutzung aller
Mittel und Wege der Propaganda erreicht werden könne; daß kein Grund
vorliege, die bisherige Taktik der Partei zu ändern, und daß die Partei
von ihren Vertretern verlange, fest und entschieden im Sinne des Partei-
programms zu handeln und, ohne auf die Erlangung von Konzessionen
seitens der herrschenden Klassen zu verzichten, immer das ganze und letzte
Ziel der Partei im Auge zu haben.

Nach der Absicht des Antragstellers richtete sich die Resolution gleich-
zeitig gegen den Radikalismus der Opposition wie gegen den Geist der
Vollmarschen Reden. Nachdem Vollmar dargelegt hatte, daß er einen
Unterschied zwischen den Sätzen der Resolution und seinen Ausführungen
nicht finden, dieser vielmehr durchaus zustimmen köime, wurde ein Zusah
beantragt, der direkt eine Ablehnung der von Vollmar entwickelten Taktik
aussprach; er ward indes nach Beendigung der sehr eingehenden Debatte
zurückgezogen. Die Auseinandersetzung mit der Opposition hatte die
        <pb n="13" />
        ﻿7

Wirkung, daß fünf ihr an-
gehörende Delegierte, nämlich
Albert Auerbach, Max Baetge,

Adolph Schultze, Wilh. Werner
und Karl Wildberger es ab-
lehnten, einer vom Kongreß zur
Untersuchung ihrer Anklagen ein-
gesetzten Kommission Rede und
Antwort zu stehen, vielmehr frei-
willig auf die Zugehörigkeit zur
Partei verzichteten. Indes er-
klärte der Kongreß auf Antrag
der Kommission noch ausdrück-
lich mit allen gegen elf Stimmen
Werner und Wildberger, und
ebenso R. Baginski und Otto
Lamprecht, falls sie an ihrer An-
griffsweise festhielten, nicht mehr
als Parteigenossen anzuerkennen.

Maßgebend war dafür, daß die
Genannten nach Ansicht der Kom-
mission und des Kongresses wieder-
holt verdächtigende Angriffe aus-
gestreut hatten, ohne Beweise für
sie zu erbringen, noch sie, wo die Unbegründetheit fessstand, zurückzuziehen.
Damit war die Frage der Opposition der „Jungen", soweit die Partei-
kongresse in Betracht kamen, erledigt. Über die Bewegung selbst wird in
einem besonderen Kapitel berichtet. Lier sei nur noch erwähnt, daß der
vorerwähnte Ausschluß im Jahre 1902 vom Münchener Parteitag wieder
aufgehoben wurde.

Von Bedeutung für Berlin war der Beschluß des Erfurter Kon-
gresses, der den Berliner Genossen das Recht einräumt, durch eine von
ihnen zu ernennende Kommission von neun Mitgliedern in Gemeinschaft
mit dem Parteivorstand die Kontrolle des lokalen Teils des „Vorwärts"
zu übernehmen.

Der dritte Parteitag, den die Partei unter den» gemeinen Recht ab-
hielt, fand in Berlin statt. Er tagte hier vom 14. bis 21. Noveinber 1892
in den Konkordia-Festsälen, deren würdige Ausstattung die Berliner
Genossen sich zur besonderen Aufgabe gemacht hatten. Seine bemerkens-
wertesten Beschlüsse sind eine Resolution gegen den Staatssozialismus,
die diesen für konservativ, die Sozialdemokratie aber für in ihrem Wesen
revolutionär und daher mit dem Staatssozialismus in unversöhnlichem
Gegensatz stehend erklärte, sowie eine Resolution über die Genossen-
schaften, den Boykott und die gewerkschaftliche Kontrollmarke,
die, ohne diese Mittel des Arbeiterkampfes zu verwerfen, doch vor über-
triebenen Erwartungen hinsichtlich ihrer Wirkungskraft und namentlich vor
der Auffassung warnte, mittels der Kontrollschutzmarke die gewerkschaftliche
Organisationsarbeit überflüssig zu machen. Bezüglich des Boykotts erklärte
die Resolution sich gegen jeden Versuch, durch dieses Mittel die persön-
        <pb n="14" />
        ﻿I

Kr. 1.

Erscheint tSstuch nutzer MsntagL
Abonnements-Preis sür Berlin:
Vierteljährlich 3,30 Mark, monat».
lich i,io Mark, wöchentlich 28 Pfg.
fretin'SHauS. Einzelne Nummer
K Pfg. Sonntags -Nunnner mit
teilt „Sonntags - Blatt" io Psg^
Post-Abonnementt 3.8^Mark pro
Quartal. Nnter Kreuzband: Für
Deutschland u.Oestecretch-Ungar».
2 Mark, für da§ übrige Ausland
8 Mark pro Monat. Eingetragen
In der Post-ZeituNgS-Preisliste
für 1891 unter Nr. S4«s.

cK2D&gt;&gt;25cx&gt;s

S.Inhrg.

JnfettionS-Gebühr betrügt lür die
fünfgespaltene Pelitzeile oder deren
Raum 40'Pfg., für Vereins- und
VerfammlungS - Anzeigen so Pfg.
Zusernte für die nächste Nummer
müssen bis 4 Nbr Nachmittags in
&gt;er Erpeditio» abgegeben werden.
Die Expedition ist an Wochentagen
bis t Uhr Mittags und von s bis
1 Uhr Nachmittags, au Sonn- und
Festlagen bi» s Uhr Vormittags
geöffnet,

Lwnkprschevr A«rS,Nv. SL0S.

Berliner VelksUatt

Zsntralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Redaktion: Muth-Straße 2.	^ Donnerstag» den 1. Januar 1891. n ßrpeditio«: ZLeuch - Straße 3,

Freih eit

5reiheit! Freiheit!

Du Wunderxort, du WiMderwort!

Du Inbegriff der herrlichsten der Lieder,

Wie klingst du in des Menschen Seele wieder l
Ein Wunderwort, ein Wunderhort,

Der alles Schönste in sich birgt.

Der alles Schönste aus sich wirkt!

Freiheit! sie wird nicht ohne Mühe dein ;

Will wie ein schönes Weib errangen sein.

Zum Urue« Jahre 1891.

Nur kämpfend dringst du vor
Zu ihrem köstliche» Eeiniß,

Nur wenn du sagst: Ich. peiß, ich muß
Und kann nicht anders!

Du bist nicht frei, wenn du das Schlechte willst.

Du bist nicht frei, wenn du erwählst.

Was dir bequeme Freude» schafft.

Ein Sklave bist-du deiner Leidenschaft.

Doch führt der Weg-zur Schönheit auch durch. Noth,
Droht er im Katupfe 'ftlbst den Tod, —

Doch im erkennst und weißt, du mußt,

Und vorwärts gehst du mit jauchzender Lust,
Bleibst deinem Ziel vollendet treu,

Dana bist du frei!

Die Schönheit ist des Werdens Ende,

Die Schönheit ist des Werdens Ziel,

Vollendetes Gezwnngensein,

Den Weg zu wandeln vollbewußt
Rach diesem Ziel ist Freiheit!

Freiheit!	Leopold Jacob?.

3um Menen Fstze!

Die Jahreswende bietet, nach allgemeiner .und sehr
natürlicher Sitte, den Anlaß zu einem Rückblick in die
Vergangenheit und zu einem Vorblick in die Zukunft —
wir lassen, die Ereignisse Und Vorgänge des dem Abschluß
zueilenden Jahres noch einmal vou-uns vorübergehe«, und
schaue« dann dem kommende« -Jahr froh ins Angesicht.

Für uns Sozialdemokraten ist die politische Inventur-
Aufnahme diesmal eine besonders erfreuliche Beschäftigung:
wir haben auf eine Reihe großer Erfolge zurückzuschallen.

Als einer unserer Abgeordneten an, Schluß des
vorigen Jahres im Reichstag erklärte: .Wir haben das
Sozialistengesetz besiegt — die nächste Wahl wird «ine
Million — anderthalb Millionen Stimm en
für uns ergeben", da glaubten selbst viele Parteigenossen,
die Prophezeiung sei zu kühn.

Und der 20. Februar 1890 hat sie im vollsten
Umfange wahr gemacht.

Der 20. Februar 1890 ist ein weltgeschichtliches
Dalnni — er bedeutet den endgiltigen Sieg der sozial-
demolratischen Idee und Weltanschauung über die mecha-
nische Gewalt — feie Bankrotterklärung des Sozialisten-
gesetzes, seiner Urheber und des Systems, dem es ent-
flossen.

Um die Tragweite und Bedeutung des Tags voll
zu begreifen, müssen wir uns ins Gedächtniß zurückrufen,
daß heule vor 12 Monaten Fürst Bismarck noch „fest
im Sattel saß", daß 16 Tage vor dem Wahltag die
„Kaiserlichen Erlaffe" veröffentlicht wurden, die aus ben

Feuilleton.

Nachdruck vrrborm.j	- - .	£

Der Mama.

Roman von Arne Garborg.

I.

Frau Holmsens Antlitz zog sich in die Länge. „Ver-
stehen Sie das, Fra» Mühlberg?" sagte sie. Auch Frau
Mühlberg schien etwas verdutzt

„Wahrhaftig, ich kenne mich uiiht ans in all dieser
Weitschweifigkeit," erividerte sie; „ich denke, wir uersliche»
es noch einmal,"

Sie nahuien das schwierige Dokument wieder vor und
rersnihten es noch einmal. Frau Holniseu hatte Kopf-
schmerze», daher mußte Frau Mühlberg die Vorleserin
mache»; wenn mail es recht bedachte, war diese vielleicht
auch die Runenknudigere von beide». Tenn rund und dick
und solide, wie fie da saß, schien sie eine Frau, die ein Stück
in der Welt herumgekommen.

Zum Glück hielt Fanny sich ruhig; sie saß auf ihrem
Liiblmgsplatz am großen Nähtische neben Mamas Stuhl und
arbeitete an einem Kleide für ihre Rosalie.

Frau Mühlberg begann:

„Die geschiedene Gattin des Exam. juria Andr. Holmsen
hgt sich an den Unterzeichneten mit dem Ersuchen ge-
wendet, bei dem Amtmann daraus hin anzutragen,
daß ihrem vorgenannten Manne durch obrigkeitliche Reso-
lution auferlegt werde. Beider gemeinsaniem Kinde Fanny,
sur deren Alter ein Zeugniß des Pastors beiliegt, «inen
jährlichen Sustentationsbeitrag auszusetzen. Dieies Kind
sollte nämlich der Vater insolge des der Auflösung der Ehe

ersten Blich einen „Neuen 'Kurs" der Sozialreforin zu ver-
heißen schienen, und ,die.ganz geeignet waren, eine nicht
durchaus zielbewußte.„Partei in-.Verwikrnug zu bringen.
Wir hatten alle Parteien gegen uns und mußten Front
machen gegen alle und — unser Kurs blieb immer der
alte — vorwärts, vorwärts zum Sieg!

-- Dev 2.0,iFebruar sprengte die Koalition der Mok-
Uoiisparteien, genannt Kartell, zerbrach das Sozialisten-
gesetz und warf das 'Postament um, auf welchem der
größte der Demagogen des Kapitalismus — Fürst Bis-
marck sein Ich aufgepflanzt und eine Fainilieiidynaslie,
mit erblichem Hausmeierthum zu begründen versucht halte.

Am 18. März — für Gewalthaber ein„ominöses
Düimu — wurde das Urtheil des. 20. Februar an dem
Urheber des Sozialistengesetzes und der Millionärzüchtungs-
Polstik vollstreckt: er kvikrde lebendig begraben.
Die Nemesis hatte ihn ereilt, und was sie. noch übrig ließ
an' Sympathie für den Gefallenen,' das zerstörte dieser
selbst in wahnsinniger Verblendung. Nie hat falsche, mit
allen Listen, Kniffen und Künsten zu ungeheuerlichen
Dimensionen aufgeblähte Größe ein jäheres und schmähe
sicheres Ende genommen.

Und dem Schöpfer mußte sein Werk folgen. Nach-
dem das Fiasko der internationalen Ar
b eit e rsch utz-K onferenz aller Welt klar geworden
war, und nachdem die deutsche Sozialdemokratie noch, gemäß
dem Beschluß desJNternationalenArbeiterkongresses zuParis,
trotz aller Hindernisse von oben, trotz des verzweifetten
Widerstandes der Unternehmersippe den ersten Mai
auch für Deutschland zum Festtag der Arbeit er-

zii Grunde liegenden Vertrages, dessen Abschrift mitsolgt,
ebenso gut wie die übrigen Kinder versorgen; allein da er
keinen Schritt gethan hat, dieser Pflicht nachzukommen, weiß
sich die Mutter, welche hier in dürjtigen Umständen lebt
keinen anderen Ausweg, als um eine amtliche Resolution in
Betreff des jährlichen Beitrages anzusuchen.

Wenngleich er es als zweifelhaft betrachtet, daß die
Sache durchführbar sei, hat der Gefertigte es dennoch Frau
Holmsen nicht abschlagen wollen, dem Herrn Anitmami
dieses Ansuche» zuzustellen, wobei noch bemerkt wird, daß
besagter Herr Holmsen sich z. Z. in Christiania") ans-
halten soll.

Stadtvogtei zu Kristiansborg, den 14. Dez. 1664.

D. Broch.

An den

Herrn Amtmann im Oberlands-Amte,"

„Wird dom Herrn Stiftsamtmann in Christiania zur
Verfügung gestellt.

Oberlands-Amt, 19. Dezbr. 1864.

I» Abwesenheit des Amtmanns:
Hj. Aye.

„Wird ’ samt den Beilagen an de» Stadivogt von
Chriftiailia zu vorbereitender Behandlung geschickt
Stift von Christiania, 80. Januar 1866.

Im Auftrag: Joh. Knap."

„Wird dem Stadtdiener Engh zu der gewöhnlichen Be-
handlung übergeben.

Unterv. v. Chr., 9. Febr. 1865.

Für den Unteroogt: Edv. Olafse»."

I") Die ungleichmäßige Schreibung von Christiania, Kristiania.
Kristiansborg ist zu charatteristisch sur das Schwanken der
Bureaukratie zwischen Altem und Neuem, um nicht getreu bei-
behalten zu werden.	Anm. d. Ueb.

hoben hatte,, an dem die Arbeiter aller Länder den
internationalen Proletarierbinid feiern —
wurde am 1. Oktober das Sozialistengesetz sang- und
klanglos — nicht begrabe», das wäre zu viel Ehre ge-
wesen, nein verscharrst bei Seite geschafft, wie irgend ein
Ding, das. Ekel einflößt. —

M« Sozialdemokratie hielt am 1. Oktober Rückschau'
und Heerschau — und am Jahrestag der Entdeckung von
Amerika — 12. Oktober — träfen die Erwählten der
deutschen Arbeiterklasse zum Ko-ngreß in Halle zu-
sammen, der am 18. Oktober, dem Jahrestag der Völker-
schlacht von Leipzig, seine Aufgabe: die Reorganisasion der
Partei vollendete.

Die wunderbare Einkracht, die aus dem Halleschen
Kongreß waltete, zerstörte die thörichten Hoffnungen unserer
Feinde auf selbstmörderischen Bruderzwist der deutschen
Sozialdemokratie — dennoch wurde das alberne Lügen-
märchen von „Spaltungen" von 'der gegnerischen Presse
gedankenlos weiterverbreitet. Unsere Femde nennen das
„geistigen Kamps".	»

Cs ist zwar eine alte und gute Ersahrungsregel, daß
man den Feind nicht verachten soll; es ist aber wirklich
schwer, unsere Feinde nicht zu verachten. Haben sie
jenials den Versuch gemacht, unsere Ziele vorurtheilslos
ins Auge zu fassen, mit unserem Programm sich bekannt
zu machen? Haben sie jemals die allgemeinen Verhält-
nisse und die Fragen, um welche der politische Partei-
kainpf sich drehst zu erforschen getrachtet? Haben sie
jenials Ernst, Würde, Muth in dem Kampfe mit uns ge-

„Wird dem Herrn Uniervogt mit dem Bemerken zu-
gestellt, daß der Betreffende d. Z. sich in Kristiansborg
aushäli.

' Christiania, 6 März 1865.

Ehr. Engh."

„Wird dem Stiftsamt. von Christiania mit ehrerbietiger
Hinweisung aus Vorstehendes zurückgeschickt.

Uiitervogteiamt von Christiania, den 8. März 1865.

P. Rawm,.
provisorischer Leiter."

„Wird dem löblichen Oberlands-Amte zurückgestellt.

Stfftsauit von Christiania, den II, März 1865.

Im Auftrag: Joh. Knap."

„Wird an den Herrn Stadtvogt in Kristiansborg mit
dem Ansuchen geschickt, über den Vater des Kindes die üb-
lichen Aukkläruuge» zu geben.

Oberlands-Amt, de» 15. März 1865.

Krohn."

„Andreas Holmsen ist 89 Jahre alt, nicht beim Militär,
arbeitsfähig, doch- augenblicklich ohne festen Erwerb.

Ich kann nicht umhin, beizufügen, daß mir berichtet
wurde, er wünsche ailSzuivandern. Die Beilage» folgen.
Etablvogtei zu Kristiansborg, den 21. März 1865.

D. Broch."

An den

Herrn Amtmann des Oberlaiides-Dmtes."

„Wird dem Herrn Stadwogt in Kristiansborg mit
dem Anstichen zurückgestellt, Frau Holmsen bekannt zu geben,
daß das Amt nach erfolgter Einsichtnahme in den beigelegten
Kontrakt nicht findest daß es Mittel giebt, ihren geschiedenen
Gatten z» irgend einem Beitrag zur Erhaltung ihres Kindes
zu verpflichte»,

Oberlands-Amt, den 26. März 1885.

Krohn."

4. Titelseite der ersten Nummer des in den „Vorwärts" umgewandelten „Berliner Vottsblatt". 1. Januar 1891
        <pb n="15" />
        ﻿10

liche Überzeugung oder die politische Gesinnung strafen zu wollen, oder die
äußere Bekundung einer politischen Meinung oder deren Betätigung zu
erzwingen. Ferner beschloß der Kongreß eine den Antisemitismus
scharf verurteilende Resolution, eine Resolution zur Krisenfrage, sowie
mit 236 gegen 5 Stimmen eine Resolution, die, unter Hinweis auf den
herrschenden großen Geschäftsdruck, die Proklamierung der allgemeinen
Arbeitsruhe für den 1. Mai 1893 für undurchführbar erklärte und dafür
empfahl, die Feier am Abend des ersten Mai abzuhalten.

Zn der Debatte über den Boykott und die gewerkschaftliche Kontrollmarke
kam es zu Auseinandersetzungen zwischen dem Referenten, Zgnaz Auer, und
dem Vorsitzenden der Generalkommission der Gewerkschaften, Karl Legien,
die gegensätzliche Auffassungen vermuten ließen. Diese Auseinandersetzungen
wurden nach dem Kongreß brieflich und auch in der Presse fortgesetzt und
nahmen einen sehr gereizten Charakter an. Demgemäß ward die Frage
des Verhältnisses der Parteigenossen zu den Gewerkschaften auf die Tages-
ordnung des nun folgenden Parteitages gestellt, der vom 22. bis

28.	Oktober 1893 in Köln a. Rh. Sitzung hielt. Nach Referaten von
Auer und Legien und einer sehr lebhaften Debatte, in der die Geister hart
aneinander gerieten, ward eine Resolution, die es für die Pflicht jedes
Genossen erklärte, sich, sofern nicht zwingende Gründe ihn hindern, der
Gewerkschaft seines Berufes anzuschließen, mit 169 gegen 29 Stimmen
abgelehnt, und darauf die Resolution des Referenten angenommen, die es für
Pflicht der Genossen erklärte, „unermüdlich für die Erkenntnis der Bedeutung
der gewerkschaftlichen Organisationen zu wirken und mit aller Entschiedenheit
für deren Stärkung einzutreten". Bezüglich der Maifeier nahm der
Kongreß, gemäß den inzwischen auf dem Internationalen Arbeiterkongreß
von Zürich in dieser Sache gefaßten Beschlüssen, eine von Liebknecht vor-
gelegte Resolution an, die erklärte, daß die Partei die allgemeine Arbeits-
ruhe als würdige Feier des ersten Mai erstrebt, bei der gegebenen Wirt-
schaftslage aber nur denjenigen Arbeitern und Organisationen die Arbeits-
ruhe empfehle, die dazu ohne Schädigung der Arbeiterinteressen imstande
seien. Der Kongreß wiederholte nach einem eingehenden Referat Bebels,
das später erweitert als Broschüre herausgegeben wurde, eine schon vom
Berliner Kongreß angenommene Resolution gegen den Antisemitismus,
und erklärte sich, entgegen einer von Ed. Bernstein in der „Neuen Zeit"
entwickelten Anregung, einstimmig gegen jede Beteiligung an den Landtags-
wahlen in Preußen unter dem Dreiklassenwahlsystem. Dagegen fand ein
Antrag Annahme, ein Wochenblatt der Partei herauszugeben. Dieses
Blatt trat am 1. Februar 1894 unter dem Titel „Der Sozialdemokrat"
in Berlin ins Leben, fand indes nicht die genügende Verbreitung, und so
wurde, laut Beschluß des Breslauer Parteitages (1895), sein Erscheinen
mit Ende November 1895 wieder eingestellt.

Über die nun folgenden Kongresse mögen summarische Zusammen-
fassungen Bericht geben.

Frankfurt a. Main (21. bis 27. Oktober 1894). Debatte über Budget-
bewilligungen im bayerischen und anderen süddeutschen Landtagen. Eine
Resolution, die den Abgeordneten der Partei in den Landtagen die Ver-
weigerung der Budgets zur Pflicht macht, wird mit 164 gegen 64 Stimmen
abgelehnt, nachdem ihr mit 131 gegen 103 Stimmen ein Amendement (Stadt-
        <pb n="16" />
        ﻿11

Illustrirter Siegesbericht

Per „Freisinnigen Zeiwng" über den Kampf Mischen Eugen Richter und Wilhelm Liebknecht.

5. Karikatur auf Eugen Richters Abfertigung durch Liebknecht
Aus dem .Wahren Jakob"

Hagen) angefügt war. das die Bewilligung nur verbieten wollte, soweit sie
„eine Anerkennung der Berechtigung des bestehenden Klassenstaates oder
ein Vertrauensvotum für die Regierung enthält". Da dies Amendement
die Resolution unklar machte, stimmten nun ihre Verfasser selbst gegen sie.
Beschlossen wird eine von Schoenlank und Vollmar beantragte Resolution,
die ein Agrarprogramm der Partei und die Einsetzung eines Agrar-
ausschusses zur Ausarbeitung eines solchen Programms verlangt, und es
wird ein aus 15 Genossen bestehender Ausschuß mit dem Mandat gewählt,
dem nächsten Kongreß Bericht zu erstatten. Zur Frage der Trusts,
Ringe und Kartelle wird eine vom Referenten Schippe! beantragte
Resolution angenommen, die als Gegenmittel gegen die ausbeuterischen und
Llnterdrückungstendenzen dieser kapitalistischen Verbindungen weitgehenden
Arbeiterschutz, volle Koalitionsfteiheit der Arbeiter und Demokratisierung
der Reichs-, Staats- und Gemeindeverwaltungen verlangt. In der Mai-
feierfrage wird der Kölner Beschluß wiederholt.

Breslau (6. bis 12. Oktober 1895). Mit Bezug auf den vom Agrar-
ausschuß ausgearbeiteten Entwurf eines Agrarprogramms nimmt der
Parteitag nach mehrtägiger, eingehender Debatte, die sich zeitweise sehr
erregt gestaltet, mit großer Mehrheit (158 gegen 63 Stimmen) eine von
Kautsky beantragte Resolution an, den Entwurf zu verwerfen und den
Parteivorstand zu beauftragen, unter Berücksichtigung der Anregungen der
Agrarkommission eine Anzahl geeigneter Genossen mit der Abfassung
agrarpolitischer Abhandlungen der Sozialdemokratie zu betrauen. In Sachen
        <pb n="17" />
        ﻿— 12 —

des Schwiharbeitsystems und der Hausindustrie wird eine vom
Referenten Tiiniu beantragte Resolution angenommen, die Ausdehnung
des Arbeiterschutzes auf die Lausindustrie, Kontrollierung dieser durch
Aufsichtsbeamte, die mindestens zur Hälfte aus Arbeitern bestehen müssen,
verlangt und die Genossen auffordert, den Kampf für Beseitigung dcs
Zwischenmeistersystems und für Errichtung von Bctriebswerkstätten nach
Kräften zu unterstützen.

Gotha (I I. bis 16. Oktober 1896). Der Parteitag nimmt Resolutionen
an in bezug auf den Arbeitcrschutz und die Frauenagitation, wieder-
holt die Maifeierresolution der früheren Kongresse mit der etwas
verschärften Wendung „der Parteitag macht es den Arbeitern und Arbeiter-
organisationen zur Pflicht, . . . überall da, wo die Möglichkeit zur
Arbeitsruhe vorhanden ist, die Arbeit am 1. Mai ruhen zu lassen",
und bestätigt die Maßnahmen, welche die Reichstagsfraktion aus Anlaß
der behördlichen Schließung der für einen Verein erklärten Parteileitung —
der „Köller-Kurs" (siehe weiter unten) — getroffen hatte: Einsetzung eines
geschäftsführenden Ausschusses in Hamburg und Übernahme der
politischen Leitung der Partei durch die Reichstagsfraktion, bis die Rechts-
frage durch das Reichsgericht entschieden sei.

Hamburg (3. bis 9. Oktober 1897). Die Maifeier-Resolution von
Gotha wird erneuert, den Beschlüssen eines in Zürich abgehaltenen inter-
nationalen Arbeiterschutzkongresses wird zugestimmt, die Resolution
des Kölner Parteitags betreffs der Wahlenthaltung bei den preußischen
Landtags wählen wird nach eingehender Debatte mit 160 gegen 50 Stimmen
aufgehoben und mit 145 gegen 64 Stimmen eine von Bebel vorgeschlagene
und vom Kongreß amendierte Resolution angenommen, welche die Be-
teiligung an den nächsten preußischen Landtagswahlen überall
dort für geboten erklärt, wo die Verhältnisse eine solche den Parteigenossen
ermöglichen, Kompromisse und Bündnisse mit anderen Parteien jedoch für
unstatthaft erklärt.

Stuttgart (3. bis 8. Oktober 1898). Die wichtigsten der von diesem Partei-
tag beschlossenen Resolutionen betreffen die Abrüstungsfrage (Kritik des
Abrüstungsvorschlags des Zaren Nikolaus II.), das Koalitionsrccht
(Antwort auf die Tischrede Wilhelms II. in Öynhausen, die Zuchthausstrafe
für die Anreizung von Streiks in Aussicht stellte), die Landtagswahl-
bcteiligung in Preußen (Freigabe der Entscheidung über Eintritt in
den Wahlkampf an die Genossen in den einzelnen Wahlkreisen und Fest-
setzung der Bedingungen für die Unterstützung von Nichtsozialisten in Stich-
wahlen), den Bergarbeiterfchutz (Annahme einer von Hermann Sachse
begründeten Resolution zugunsten eines durchgreifenden Bergarbeiterschutzes),
die Attentate und die Repressionspolitik (Verwerfung der Attentate
auf hochgestellte Personen und Verurteilung der Ausnutzung von Attentaten
zu politischen ünterdrückungsmaßrcgeln), sowie die Zoll- und Landels-
politik (entschiedene Ablehnung der Schutzzöllnerei und Aufforderung, bei
Handelsverträgen im Sinne der Verkehrsfreiheit zu kämpfen). Zu diesem
letzteren Punkte waren zwei Resolutionen beantragt — die eine vom
Referenten Schippe!, die andere von K. Kautsky —, die zwar aus die
gleichen Forderungen hinausliefen, aber in der Tonart und zum Teil auch
in der Begründung von einander abwichen, und obwohl Schippe! schließlich
        <pb n="18" />
        ﻿13

seine Resolution zugunsten der von Kautsky eingebrachten zurückzog, nachdem
diese auf Vorschlag von Bebel an einer Stelle eine weniger unbedingte
Formulierung erhalten hatte, war der Eindruck der Debatte doch der, daß
über die verhandelte Frage noch erhebliche Meinungsverschiedenheiten
bestanden. Zu lebhaften Erörterungen gab auf dem Kongreß auch eine
Rede Veranlassung, in der nach Auffassung von verschiedenen Genossen
der inzwischen in den Reichstag gewählte Genosse Wolfgang Leine die
Bewilligung von Kanonen für Volksrechte in Aussicht gestellt haben
sollte. Auch Artikel von Eduard Bernstein, worin dieser sich über die
Wahrscheinlichkeit einer katastrophalen Entwickelung und die Bedeutung des
Endziels der Partei für die Taktik geäußert hatte, sowie eine Zuschrift
des Genannten an den Kongreß ließen starke Meinungsverschiedenheiten
zutage treten.

Hannover (9. bis 14. Oktober 1899). Neben einer Resolution, die
die Aufforderung zum Kampf wider die noch nicht erledigte Zuchthaus-
vorlage der Regierung wiederholt, sind die Lauptresolutionen des Partei-
tages eine von Bebel beantragte und in sechsstündiger Rede begründete
längere Resolution über die Grundanschauungen der Partei und eine
von Geyer begründete Resolution über die Stellung der Partei zum
Militarismus. Zu ersterer hatte das im Frühjahr 1899 erschienene
Buch Eduard Bernsteins: „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die
Aufgaben der Sozialdemokratie" Anlaß gegeben, und die nach drcieinhalb-
tägiger, teilweise sehr scharfer Debatte beschlossene Resolution erklärt, daß
die bisherige Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft der Partei keine
Veranlassung gebe, ihre Grundanschauungen über diese aufzugeben oder
zu ändern, und kein Grund für sie vorliege, ihr Programm, ihre Taktik,
oder ihren Namen zu ändern. Zur erneuten Erörterung der Frage des
Militarismus hatte ein Aufsah Nlar Schippels: „V9ar Friedrich Engels
milizgläubig" Anlaß gegeben. Hier erhielt die Diskussion einen noch
gereizteren Charakter, und neben der Lauptresolution, welche rein sachlich
das Festhalten am Kainpf wider den Militarismus betont, ward noch eine
Resolution angenommen, welche erklärt, daß die Ausführungen Schippels
über die Militärfrage im Widerspruch mit den Grundsätzen der Sozial-
demokratie ständen. Aus dem Vvrstandsbericht an den Kongreß verdient
hervorgehoben zu werden, daß die Partei im Februar und März 1899
in fünf Wochen über 88 000 Mk. zugunsten der Angehörigen von
neun in Löbtau in Sachsen wegen eines unbedeutenden Krawalles zu
57 Jahren Zuchthaus und 4 Jahren Gefängnis verurteilten Arbeitern
gesammelt hatte. Das Löbtauer Arteil hatte die sozialistische Arbeiterschaft
Deutschlands mit Recht im höchsten Grade erregt.

Mainz (17. bis 21. September 1900). Die Teilnahme Deutschlands an
der internationalen Aktion zur Niederwerfung des Boxeraufstandes in China
gab den Anlaß, die Frage der Weltpolitik auf die Tagesordnung des Kon-
gresses zu setzen. Eine von Paul Singer eingebrachte und begründete Reso-
lution, welche die kapitalistische und militaristische Welt- und Kolonialpolitik
verurteilt, wird einstimmig angenommen, und ebenso findet eine Resolution
gegen Englands Krieg wider die Transvaalburen Annahme. Annahme
findet auch eine von R. Calwer beantragte und begründete Resolution
über die Verkehrs- und Handelspolitik der Sozialdemokratie,
        <pb n="19" />
        ﻿14

6 und 7. Verstorbene Redakteure des „Vorwärts"

doch findet ein Teil der Begründungsrede Calwers, worin dieser sich für
Kündigung des Meistbegünstigungsvertrags mit den Vereinigten Staaten
ausspricht, der dem Abschluß günstiger Landclsverträge im Wege stehe,
starken Widerspruch und hat eine Amcndierung der Resolution zur Folge.
Weiter beschließt der Kongreß, da das Verbot der Verbindung von poli-
tischen Vereinen durch Reichsgeseh vom Dezember 1899 in Wegfall ge-
kommen war, ein von I. Auer begründetes neues Organisations-
statut der Partei und beschließt auf Antrag Bebel, daß in denjenigen
deutschen Staaten, wo das Dreiklassenwahlsystem bestehe, die Genossen
bei den nächsten Wahlen mit eigenen Wahlmännern in die Wahl-
agitation einzutreten hätten. Dem Parteitag war eine erste Konferenz
sozialdemokratischer Frauen Deutschlands vorausgegangen, die ein
Organisationsstatut für die sozialdemokratischen Frauen Deutsch-
lands schuf.

Lübeck (22. bis 28. September 1901). Es wird beschlossen: eine von
Südekum beantragte und begründete Resolution zur Wohnungsfrage,
eine Resoluüon Bebels gegen den bekannt gewordenen Zolltarif-Entwurf
der Reichsregierung, eine Resolution Bebel, welche den Vertretern der
Partei in den gesetzgebenden Körpern der Einzelstaaten die Ablehnung
der Gesamtbudgets überall dort zur Pflicht macht, wo nicht besondere
Ausnahmeverhältnisse zur Zustimmung zwingen, eine Resoluüon Fischer
und eine Resolution Bernstein über das Recht der Parteimitgliedschaften,
gewerkschaftlichen Disziplinbruch und Sonderbündelei durch Aus-
schluß zu beantworten (Angelegenheit der Akkordmaurer in Lam bürg).
Ein Vortrag, den Ed. Bernstein im Sozialwissenschaftlichen Studcnten-
verein zu Berlin über die Frage gehalten hatte, ob wissenschaftlicher So-
zialismus möglich sei, gab zu einer längeren Debatte Anlaß und endete mit
Annahme einer Resolution Bebel, die erklärt, daß Bernstein durch ein-
seitige Kritik der Partei sich in eine zweideutige Position gebracht und die
Mißstimmung eines großen Teils der Genossen erregt habe, der Parteitag
        <pb n="20" />
        ﻿15

8 und 9. Verstorbene Redakteure des „Vorwärts"

erwarte, „daß Bernstein sich dieser Erkenntnis nicht verschließen und danach
handeln werde".

München (14. bis 20. September 1902). Wichtigste Beschlüsse: Eine
von Molkenbuhr begründete Resolution betreffs Ausdehnung, Ausbau und
Vereinheitlichung der Arbeiterversicherung, eine Resolution, welche die
Sondcrorganisation der Polnischen Sozialistischen Partei in Deutsch-
land sür ungerechtsertigt erklärt, sowie eine Resolution, die den sozialistischen
Frauen das Recht auf eigene Vertrauenspersonen zuspricht. Dem Partei-
vorstand wird ein eingehendes Referat Lindemanns über Kommunalpolitik
zur Verwendung, ein Referat Bebels über die für 1903 bevor-
stehende Reichstagswahl zur Herausgabe als Broschüre überwiesen.
Die Mitarbeiterschaft hervorragender Parteivertreter an den „Sozialistischen
Monatsheften" bildet den Gegenstand einer lebhaften Debatte, ohne zu einer
Beschlußfassung zu führen.

Dresden (13. bis 20. September 1903). Nach langen und erregten
Debatten wird eine Resolution angenommen, welche für die Mitarbeit
von Sozialisten an bürgerlichen Blättern gewisse Regeln aufstellt,
und ebenso eine Resolution gegen revisionistische Bestrebungen,
welche die auf dem Klassenkampf beruhende Taktik der Partei in eine
Politik der bloßen Reformierung der bürgerlichen Gesellschaft
abändern wollen. Zur ersteren Resolution hatte die Mitarbeiterschaft von
Georg Bernhard, Lily Braun und noch einigen Parteigenossen an
der Lardenschen „Zukunft" und eine Polemik der Genannten mit Franz
Mehring, zur letzteren eine Anregung Ed. Bernsteins Anlaß gegeben,
die Reichstagsfraktion der Sozialdemokratie solle ihren Anspruch auf den
ihr nach ihrer Stärke gebührenden Vizepräsidentenposten geltend machen
und den Gegnern die Ablehnung nicht durch Verweigerung von Repräsenta-
tionspflichten erleichtern. Die Frage war durch den großen Wahlsieg der
Sozialdemokratie vom 16. Juni 1903 und die ihm vorhergegangenen Kämpfe
im Reichstag — die Obstruktion der Sozialdemokratie gegen die Durch-
        <pb n="21" />
        ﻿16





10. Ignaz Auer zur Zeit seiner
Tätigkeit am „Vorwärts"

peitschung des neuen Zolltarifs und der.
Umsturz der Geschäftsordnung
des Reichstags von seiten der kon-
servativ - klerikalen Reichstagsmehrhei
— aktuell geworden. Für die von ihr
geübte Obstruktion sprach der Kon-
greß der sozialdemokratischen Fraktior
in einer besonderen Resolution Dan!
und Anerkennung aus.

Bremen (18. bis 24. September
1904). Der Kongreß setzt eine Kom-
mission zur Revision des Organi-
sationsstatuts der Partei ein, be
schließt eine von Lindemann be
antragte Resolution überK o m m u n a l
Politik, ein von Bebel beantragter
Tadels votum gegenMaxSchippe.
wegen der Art der Behandlung der
Frage der Lebensmittelzölle in
Wort und Schrift, ferner eine Reso-
lution, die Kampf gegen den Alko
Holismus verlangt, eine Resolution für Befreiung der Volksschul
aus ihrer Stellung als Magd der herrschenden Klassen, und beauftragt di -
Reichstagsfraktion, Anträge auf Beseitigung der Ausnahmegesetz
gegen Landarbeiter und auf Schaffung eines Fremdenrechts ein
zubringen.

Jena (17. bis 23. September 1905). Der Kongreß beschließt ein
neues Organisationsstatut, das die sozialdemokratischen Vereine
der Reichstagswahlkreise zur Grundlage der Parteiorganisation nimmt
und nur, wo keine solche Organisation möglich ist, sowie für Frauen das
System der Vertrauenspersonen aufrecht erhält. Er nimmt in einer von
Bebel begründeten Resolution nach eingehender Debatte zum politischen
Massenstreik bejahend Stellung, drückt den Sozialisten und Arbeiter i
im Kampf für die Revolution in Rußland seine Sympathie aus.
Er beauftragt die Reichstagsfraktion, Gesetzentwürfe für Pandelshilfs-
arbeiter, für Änderung des Militärstrafgesetzes, für Demokrati-
sierung Elsaß-Lothringens, für Trennung von Staat und Kirche
einzubringen, sowie fortan, statt für paritätische Arbeitskammern, für Arbeiter-
kammern einzutreten, und bekräftigt, nach lebhafter Debatte, die von Kon-
greß zu Kongreß erneute Resolution, welche zur Feier des ersten Mci
durch Arbeitsruhe auffordert. Ein Teil der Redner hatte dafür ge-
sprochen, die Frage einer Abänderung der Maifeier in Erwägung z i
ziehen, weil die Arbeitsruhe den Gewerkschaften zwecklose Opfer aufhals.
Ein Pressestreit zwischen der Redaktion der „Neuen Zeit" und d r
Redaktion des „Vorwärts" wird durch eine Resolution erledigt, die an-
erkennt, daß der Streit sich um sachliche Fragen drehte, aber den Ton, in
dem er geführt wurde, mißbilligt, und die Parteischriftsteller auffordei,
ihre Tätigkeit in erster Linie der Austlärung der Genossen und der B .•
kämpfung der Gegner zu widmen.
        <pb n="22" />
        ﻿
        <pb n="23" />
        ﻿Dem Jenaer Parteitag der deut-
schen Sozialdemokratie war der erste
Parteitag der sozialdemokra-
tischen Partei Preußens voraus-
gegangen, der vom 28. bis 31. De-
zember 1904 in Berlin tagte und von
148 Delegierten besucht war. Dieser
Parteitag faßte nach Referaten von
Lugo Leimann, Art. Stadt-
hagen, Leo Arons und Georg
Ledebour Beschlüsse über einen
Wohnungsgesetz-Entwurs der
Regierung und einen Gesetzentwurf
dieser gegen kontraktbrüchige Ar-
beiter, über ein Schulgesetz-
Programm, sowie über die Frage
des Kampfes für das gleiche
Wahlrecht in Preußen. Die
Parteivertretung von Groß-Berlin
wurde beauftragt, spätestens 1906
einen zweiten preußischen Parteitag
einzuberufen und diesem Vorschlage
für eine Landesorganisation dcrSozial-
demokratie Preußens zu unterbreiten.

3.	Die letzten Jahre der Ära Caprivi.

Wir kehren nunmehr zur Schilderung des allgemeinen Ganges der
Politik im Reich und in Preußen zurück.

Am 6. Mai 1893 lehnte der Deutsche Reichstag mit 210 gegen 162
Stimmen eine Militärvorlage der Regierung ab, die für die Einführung
der zweijährigen Dienstzeit eine Erhöhung der Friedenspräsenzstärke um
nahezu 100 000 Mann verlangte, sowie einen Vermittelungsantrag des
Zentrumsabgeordneten von Lucne, der die Erhöhung auf 70 000 Mann
gebracht hätte, worauf die Regierung den Reichstag auflöste und auf
den 15. Juni 1893 Neuwahlen ausschrieb. In dem nun sich abspielenden
Wahlkamps wurden von Seiten der Gegner der Sozialdemokratie die
Broschüren Eugen Richters, worin dieser den Sozialismus als unmöglich
hinzustellen suchte, in vielen Lunderttausenden verteilt, während von sozial-
demokratischer Seite, neben anderen Agitationsschriften, das Stenogramm über
Reichstagsverhandlungen vom Januar und Februar 1893 über den Zu-
kunftsstaat der Sozialdemokratie, bei denen diese und die gegnerischen
Parteien ihre Lauptredner ins Feld geschickt hatten, in hunderttausend
Exemplaren verbreitet wurde. Das Resultat war, daß die Sozialdemokratie
ihre Stimmen von 1 427 000 auf 1 787 000 vermehrte und 44 Vertreter
in den Reichstag entsandte, während sic 1890 nur 35 Abgeordnete durch-
gebracht hatte. In Berlin eroberte die Sozialdemokratie zum vierten und
sechsten noch den zweiten, dritten und fünften Wahlkreis und vermehrte
ihre Stimmen von 126 000 auf 151 000. Sonst aber ergaben die
Wahlen eine für die Leeresvorlagen der Regierung günstigere Zusammen-
        <pb n="24" />
        ﻿19

13. Karl Kautsky	14. Paul Singer

Deutsche Mitarbeiter des „Vorwärts"

sehnng des Reichstags. Die Freikonservativen, Nationalliberalen und
Antisemiten kamen um zusammen 30 Äl!andate verstärkt in den Reichstag
zurück, die Zentrumspartei verlor 10, die Freisinnspartei 29 Mandate. Die
letztere hatte sich noch vor der Wahl in eine der Militärvorlage
feindliche Mehrheit irnd eine zum Nachgeben in der Militärfrage
geneigte Minderheit — Bamberger, Barth, Rickert, Schräder usw. —
gespalten. Die Mehrheit nahm unter Führung Eugen Richters den
Namen Freisinnige Volkspartei an, die Minderheit nannte sich
Freisinnige Vereinigung. Keine der beiden Gruppen vermochte in der
Lauptwahl einen Abgeordneten aus eigner Kraft durchzubringen, erst
in der Stichwahl erlangte die Freisinnige Volkspartei — damals die
Wafserstiefler genannt — 24, die als Partei der Wadelstrümpfler bezeichnete
Freisinnige Vereinigung 13 Mandate. Der auf den 16. Juli 1893 ein-
berufene neue Reichstag bewilligte nun die nach den Vorschlägen des Lerrn
von Luene umgestaltete Militärvorlage und wurde schon am 15. Juli in
die Ferien geschickt, damit er in der Wintersession 1893/94 die durch die
Leeresvermehrung nötig gewordenen neuen Einnahmequellen bewillige. In
diesem Punkt stieß die Regierung aber auf einen etwas kräftigeren Wider-
stand. Das von Miquel ausgearbeitete Steuerprogramm wollte den Tabak
in Gestalt einer Fabrikatsteucr jährlich 45 Millionen „bluten" lassen, eine
Weinsteuer sollte 17 Millionen ergeben, teils neue und teils erhöhte
Stempelabgaben sollten 35 Millionen einbringen. Jedoch wurden nach
langem Verhandeln nur eine Börsensteuer und später noch einige der

2*
        <pb n="25" />
        ﻿20 -

Stempelabgaben bewilligt, dagegen
mußten die Vorlagen betreffs Tabak
und Wein zurückgezogen werden.
Lim die gleiche Zeit erwuchs der
Regierung des Perm von Caprivi
ein gefährlicher Gegner in dem im
Februar 1893 gegründeten Bund
der Landwirte, der sich die poli-
tische Vertretung der Interessen des
ländlichen Grundbesitzes zur Aufgabe
gemacht und schon auf die Wahlen
vom Juni 1893 seinen Einfluß geltend
gemacht hatte.

Nachdem die Mißernten von
1890/91 überwunden waren, hatte der
Fall der Getreidepreise auf dem
Weltmarkt von neuem eingesetzt, und
1893/94 erreichten die Preise von
Weizen und Roggen einen Stand,
wie sie ihn tiefer seit vielen Jahr-
zehnten nicht gehabt hatten. Weizen
fiel bis auf 135, Roggen bis auf
118 Mark die Tonne. Schon ehe
es dahin kam, schrieen die Agrarier
nach Abhülfe und setzten dem Ab-
schluß der Handelsverträge mit Ru-
mänien, Serbien und Spanien, über die es am 15. Dezember 1893 zur ent-
scheidenden Abstimmung kam, sowie namentlich dem am 16. März 1894
zur Abstimmung gelangenden Handelsvertrag mit Rußland den heftigsten
Widerstand entgegen. Nur dadurch, daß die sozialdemokratischen Ab-
geordneten für die Verträge stimmten, konnten diese eine, ohnehin nur
sehr knappe Mehrheit erlangen. Llm die Agrarier zu versöhnen, gewährte
man ihnen — Gesetz vom 14. April 1894 — die Aufhebung des In-
ditätsnachweises bei der Getreideausfuhr, eine Maßregel, dank
deren der Vertragszoll für Getreide, der sich immer noch auf 3,50 Mark
für den Doppelzentner belief, im Preis des heimischen Marktes gegenüber
dem Weltmarktpreis zum vollen Ausdruck gebracht ward. Aber dieses
„kleine Mittel" genügte den Agrariern nicht, und ebensowenig waren sie
mit der Zusage zufrieden, ihnen in der Gestalt von Landwirtschafts-
kammern eine besondere Interessenvertretung einzurichten, was für Preußen
durch Gesetz vom 30. Juni 1894 auch besorgt wurde. Die ein halbes
Jahr nach den Reichstagswahlen von 1893 erfolgten Abgeordnetenwahlen
hatten im preußischen Landtag die Zahl der konservativen Abgeordneten
auf 209 erhöht, die der Freisinnigen bis auf 20 vermindert. Konser-
vative und Zentrum hatten hier schon Anfang 1892 durch ihre Packung
in der Schulfrage Caprivi veranlaßt, sein Amt als preußischer Minister-
präsident niederzulegen, worauf der den Junkern viel genehmere Graf Eulen-
burg diesen Posten erhielt. Mit der Junkerkammer als Deckung führten
nun die Agrarier eine immer herausforderndere Sprache gegen Caprivi und
        <pb n="26" />
        ﻿21

16. Keir Äardie (London)	17. Jules Guesde (Paris)

15 bis 17. Ausländische Mitarbeiter des „Vorwärts"

seine Leute. Der Reichskanzler „ohne Ar und Kalm", d. h. der nicht am
Boden- und Getreidcpreis mitinteressierte Staatsmann, sollte vor ihnen zu
Kreuze kriechen oder er werde beseitigt werden. Schon auf der General-
versammlung des Bundes der Landwirte vom 17. Februar 1894 wurden
Drohungen aller Art in der unverblümtesten Weise kundgegeben. Dann
wurde im Reichstag von den Konservativen der berühmte Antrag Kanitz
eingebracht, wonach das Reich das Getreidehandelsmonopol einführen, d. h.
als einziger Abnehmer den Landwirten das Getreide zu festen Mindest-
preisen abkaufen sollte, um es dann durch seine Agenturen dem Publikum
wieder zu verkaufen. Als Verkaufspreis sollte der Durchschnittspreis der
Periode von 1855 bis 1894 gelten, lvas für Weizen 215 Mark, fiir Roggen
165 Mark pro Doppelzentner ergeben hätte. Sowohl die Reichsrcgierung
wie die Rcichstagsmehrheit fanden den junkerlichen Agrarsozialismus un-
genießbar und ließen den Antrag, der am 13. April 1894 zur Verhandlung
kam, glatt abfallen, auch die Sozialdemokraten stimmten mit der ablehnenden
Mehrheit. Aber die Agrarier waren nicht so leicht kleinzukriegen. „Wir
müssen unter die Sozialdemokraten gehen und der Regierung Opposition
machen", hatte schon Ende 1892 einer der ihren, der Rittergutspächtcr
Ruprecht auf Ransen, proklamiert, und „wir müssen aufhören zu klagen,
wir müssen schreien und schreien, daß es bis an die Stufen des Thrones
dringt". Anker die Sozialdemokraten gingen sie nun freilich nicht, aber
Opposition machten sie, daß es nur so eine Art hatte, ^mentuch an
der Wilhelm II. am Kerzen liegenden Vorlage über den Rhein--kveier-
        <pb n="27" />
        ﻿Kanal, der das Kulturwerk eines direkten Wasserweges zwischen dem
Westen und dem Osten Deutschlands verwirklichen sollte, kühlten sie
ihr Mütchen. Sie wußten aus Erfahrung, daß ihnen im Staate der
Lohenzollern kein ernsthaftes Leid zugefügt werden würde, daß sie als
Klasse fester saßen, wie die Minister, die ihr Amt von Königsgnaden aus-
üben: ein Klassenbewußtsein, das seinen unverhüllten Ausdruck in dem
famosen, mit tosendem Beifall aufgenommenen Wort des Lerrn von
Diest-Daber gefunden hat: „Die Minister können uns — sonst was!"

Es gehörte zu diesen Kriegserklärungen kein besonderer Mut, von allen
möglichen Leuten ward auf den Sturz Caprivis hingearbeitet. Namentlich
die äußerst rührige Clique um Bismarck tat alles, den Nachfolger des im
Sachsenwald Ränke spinnenden emeritierten Reichskanzlers herabzusetzen
und zu isolieren. Die Magnaten der Industrie waren höchst unzufrieden,
daß der Landelsminister von Berlepsch und der Minister des Innern von
Bötticher etwas arbeitersreundliche Sozialreform betrieben; das ihnen von
letzterem auf einem Festmahl zugerufene „meine Lerren, wir arbeiten ja
nur für Sie" entwaffnete ihren Zorn nicht, sie wollten auch dem Staat
gegenüber die „Lerren im Lause" sein. Den Bureaukraten und Groß-
herren im Osten paßte Caprivis versöhnliche Polenpolitik nicht, sie wollten
eine Politik der starken Faust und arbeiteten den Bestrebungen des
Ministers, wo sie konnten, nach Kräften entgegen, und den bismarckgläubigen
Philistern ward in der Lardenschen „Zukunft" offenbart, daß die polen-
freundliche Politik der preußischen Regierung in Petersburg sehr ver-
schnupft» werde und so einen weiteren Beweis für die diplomatische An-
fähigkeit Caprivis liefere. Andere Elemente der besitzenden Klassen konnten
es nicht vertragen, daß die Sozialdemokratie sich leidlich frei bewegen
durfte. Das alles waren nun Leute, die in den Regierungsbureaus
einflußreiche Verbindungen hatten, und Caprivi fand sich auf Schritt
und Tritt von Elementen umgeben, die seiner Politik Steine in den
Weg legten.

Da brachte eine Amsturzvorlage, für die der preußische Ministerpräsident
Eulenburg die Ermordung des Präsidenten der französischen Republik, Sadi
Carnot, durch den italienischen Anarchisten Caserio zum Anlaß genommen
hatte, sowie der Empfang einer ostpreußischcn Deputation des Bundes der
Landwirte durch den Kaiser das Faß zum Überlaufen. Noch am 6. Sep-
tember 1894 hatte Wilhelm II. auf dem Festmahl der Vertreter der Pro-
vinz Ostpreußen diesen vorgerechnet, daß in vier Jahren 110 Millionen
Mark aus Staatsmitteln für Meliorationen usw. in Ost- und Westpreußen
verausgabt worden seien, die Junker ermahnt, die Angunst der Zeit in
christlicher Duldung und Loffnung auf bessere Zeit zu ertragen, und eine
Opposition preußischer Adliger gegen den König für ein „Anding", für
eine Sache erklärt, die „nur dann Berechtigung hat, wenn sie den König
an ihrer Spitze weiß". Am 20. Oktober aber empfing Wilhelm die Vertreter
der Organisation, die seinem Kanzler die schärffte Opposition machte, und ließ
ein paar Loyalitätsbeteuerungen als Beweis gelten, daß seine Worte be-
herzigt werden würden. Zugleich begrüßte er die Deputation als Anzeichen
dafür, daß „die Ostpreußen," wozu er sie aufgefordert, „in erster Linie
ihrem Könige in dem Kampfe für Religion, Sitte und Ordnung folgen
würden". Das ging auf die Eulenburgische Vorlage, gegen die Caprivi
        <pb n="28" />
        ﻿23

sich anfangs ablehnend verhalten und dann etliche Abmilderungen im
Bundesrat durchgesetzt hatte. Der alte Militär merkte, was die Glocke
geschlagen hatte, und reichte seine Entlassung ein, die ihm auch unverzüglich
bewilligt wurde. Die Ära Caprivi hatte ihr Ende gefunden.

4.	Unter der Schaukelpolitik des Chlodwig Hohenlohe.

Caprivi war den Gegenminen der Eulenburg und Miquel erlegen,
aber die Sieger sollten mit leeren Länden ausgehen. Als Eulenburg, wie
die Form dies vorschrieb, gleichzeitig mit Caprivi um seine Entlassung ein-
kam, nahm Wilhelm II. auch sie an, und statt Miquels, in dem manche
schon den Nachfolger Caprivis erblickt hatten und der sich auch mit
den Agrariern gut zu stellen verstand, ward der fünfundsiebzigjährige
Fürst Chlodwig Lohenlohe-Schillingsfürst Reichskanzler. Der
kluge Aristokrat, der bis dahin Statthalter von Elsaß - Lothringen gewesen
war, bedang sich indes aus, Reichskanzler und preußischer Minister-
präsident in einer Person zu sein. So war er wenigstens nach einer
Seite hin vor Gegenminen gesichert. Im übrigen zeichnete sich seine
Amtsführung durch die Tendenz aus, möglichst nach keiner Seite hin
anzustoßen und die Stürmer und Dränger durch Hinhalten wenigstens zeit-
weise unschädlich zu machen. Die Agrarier erhielten zwar ihre wieder-
holt beantragte Verstaatlichung des Getreidehandels nicht, auch auf die
verlangte Einführung der Doppelwährung — die verkappte Silberwährung —
mußten sie verzichten, dafür aber ward ihnen ein Börsengesetz zuteil, das
die Effektenbörse und noch mehr die Produktenbörse verkrüppelte, zu-
gleich jedoch Mitursache wurde, daß der Bankdiskont sich in Deutschland in
der Regel merkbar höher stellte als in England und Frankreich und die Groß-
banken in fabelhaft raschem Wachstum auf Kosten der kleinen und mittleren
Bankiers an Ausdehnung und Macht zunahmen. Des weiteren erhielten
sie neue Geschenke auf dem Gebiete der Branntwein- und Zuckersteuer-
gesehgebung, Slaatshilfe in Gestalt der Zentralgenossenschafts-
kasse für den Personalkredit und von staatlich subventionierten Korn-
(Lager-)Läusern, sowie ein Fleischbeschau-und Seuchengesetz, das
faktisch einem Schutzzoll auf Vieh- und Viehprodukte gleichkam, über-
flüssig zu sagen, daß sie mit diesen Zuwendungen durchaus nicht zufrieden
waren, sondern munter weiter „schrieen".

Den Großen der Jndusttie, die gleichfalls nicht locker ließen, wurde im
Juni 1896 der ihnen verhaßte Lerr von Berlepsch geopfert, der unter
andcrm das Verbrechen begangen hatte, im Februar 1896 den Streik der
Arbeiter der Wäsche- und Kleiderkonfektion in Berlin für gerechtfertigt zu
erklären, und in einer Verordnung über Bäckereien eine Mindestruhe für
Bäckergesellen vorzuschreiben; er ward durch den farblosen Brefeld ersetzt,
der es indes den Lerren auch nicht recht machen konnte. Noch schlimmer sollte
es ihnen mit dem Grafen von Posadowsky-Wehner ergehen, der ein Jahr
später anstelle des Lerrn von Bötticher Staatssekretär des Innern wurde.
Man könnte sagen, daß ein Minister, der es nur einigermaßen mit seinem
Amt ernst nimmt, für die kapitalistischen Scharfmacher verloren ist, sobald
er sich genauer mit den Verhältnissen der Industrie und der Lage der
Arbeiter bekannt gemacht hat. Der Anfang des Grafen von Pos« ow y
schien allerdings den Erwartungen der Scharfmacher zu entsprechen.
        <pb n="29" />
        ﻿WscheMM der ZoMlümsklatischeil Partei DkiiWaOs.

Erscheint feHtit Domiodrnd uitb koJtl fHr SU Mono!« Frbrnor »US Wirr dirritt durch dir Erprditlou nnlri Arrnsdand d-iogrn für So« JnlonB I Work, fl'c Bus JuoloitS 1,20 Work,
Ziir §irlin nrhmrn fäimnIUche Zrttnngo-Spediiiore UUO Oie Grprdilion Akonnrmrnts fum preise voll 40 pfg. pro Mono! frei ins Dono eolgezen. Dom I. April od drirögl das Aiionornirnt

durch die Poll oder in Zrriin durch dir Zrilnngs Kprditrnrr pro RnoNoi 1,2«, uuier Krrnjdood 1.80 Work.

JWh

1. Jahrg.

Redsktilln und Expedition: Berlin SW. 19, Vrulh-Stratze 2.

3. Februar 1894.

Zur Einführung. — Der 18. Januar. — BuS Sachsen.
— Der bayerische Landtag. — Der Bericht deö rheinischen
KomitöS. — Die Petition der Bergleute in Sachsen.

Zriminaldircktor Dambach. — Ein christlich-sozialer
Dichter. — 8luö der englischen Landagitatiou. — Die
Ritter der Arbeit.

Partcinachrichten. Politisches. — Gewerkschaftliches.
Kastenwesen. — Vom Lande. — Vermischtes.

Jur Beachtung.

Wir bitten, die Zeit bis zum Erscheinen der nächsten
Nummer zur eifrige« Werbung von Abonnenten zu
benutzen.

Die nächste Nummer wird Sonnabend, den
10. Februar, früh in den Händen aller Abouneittcn
und Kolporteure i» Deutschland fein.

Die Expedition des „Tozialdemokrat".

Zur Einführung.

Zweimal bereits hat die deutsche Arbeiterbewegung über
Zcutralorgaue nüt dem Namen „Der Sozialdemokrat" ver-
fügt. und mit der Gründung und Entwicklung beider sind
inhaltreiche Abschnitte unserer Partcigeschichte ans das Engste
verknüpft.

Dex	voax \\o&amp;\ ^a§&gt; Bkcckt c\\\tv

Vc\\Xä ’\xv XXjxnX mxCö r5_o.Vt\\. x\\\\&lt;\,t\\ Q;o\\o.Vt&gt;c-c\\x&gt;■

(ratie Jj)ie XassalleaiKr d. 0of statten nah v. Schweitzer
zeichneten im Xejembcr 1864 die erste Nummer, und in
ihrem Prograrnmartikel nchnren mit die erste Stelle politische
Forderungen ein, die heute längst zur Wirklichkeit gswordcn
find. „Wir wollen — heisst cs da — nicht ein ohnmächtiges
und zerrissenes Vaterland, machtlos nach außen und voll
Willkür im Innern — das ganze, gewaltige Deutschland
wollen wir . . . eine wirkliche Volksvertretung, d. h. eine
solche, welche der Stimme des Arbeiters das gleiche Gewicht
giebt, wie der des Kapitalisten. So erstreben wir als
nächstes Hauptziel der Arbeiterbewegung das allgemeine,
gleiche und direkte Wahlrecht." — Nach dem Eingehen des
„Sozialdemokrat" im April 1871 leitete dann Hasenclever
mnr. Juli ab den „Neuen Sozialdemokrat" im Sinne der
Lassallcaner, bis dann der Gothaer Kongreß im Jahre 1876
als cinriaes Zentralorgan den „Vorwärts" in Leipzig pro-
klamirte, in dessen Redaktion Hasenclever eintrat.

Frei von. inneren Gegensätzen, unter dem Ansporn
des allgemeinen Wahlrechtes und der errungenen politischen
und wirthschaftlichcn Freiheiten nimmt die Partei einen
ungeahnten Aufschwung, bis die Schreckensherrschaft der
Periode des Ausnahniezustandes alles zerschlägt und zer-
trümmert, was irgend an Organisationen und Organen der
deutschen Arbeiter vorhanden war. Erst im September 1879
bringt es die Partei wieder zu einem Zentralorgan — selbst
diese Bezeichnung vereitelten später die Gerichte! — und
wieder war eS ein „Sozialdemokrat". Die größte, helden-
hafteste Zeit des großen heroischen Emanzipationskampfcs
des deutschen Proletariats spiegelt sich in diesem Blatte
getreulich wieder, das — nothgedrungen auf frembem Boden,
erst in der Schweiz, dann in England erscheinend — bis
zum letzten Augenblicke in unvergeßlicher Weise [eine Aus-
gabe erfüllt hat: „rnckhalts- und rücksichtslos für die
Prinzipien der Sozialdemokratie und deren Verbreitung im
Volke" und „gegen die thörichte und verderbliche Revo-
lntions- und Putfchmacherei" einzutreten. Mit dem Falle
des Ausnahmezustandes hat dann das Blatt die Waffen
wieder zurückgegeben in die Hände der heimischen Genossen.

Heute haben wir in Deutschland ein täglich erscheinendes
Zentralorgay, den „Vorwärts" — eine wissenschaftliche
Revue, die „Neue Zeit" — und daneben eine so ausge-
breitete und entwickelte Lokalpresse, daß von dein Bedürf-
nisse eines neuen Zcntralorgans in dem alten, alles um-
fassenden Sinne des Wortes nicht die Rede sein kann.
Wenn trotzdcnl ans den Parteitagen immer wieder ein
Zentral-Wochenblatt verlangt und schließlich auch mit über-
großer Mehrheit beschlössen worden ist. so waren dabei
unseres Erachtens verschiedene Wünsche maßgebend.

Einmal der, eine Uebersicht über die vielvcrzweigie
Parteibewegung und die wichtigsten Parteiknud-
gcbunacu und -Meinungsäußerungen in, In- und
Auslande zu gewinnen — gedrängter wie in einer großen
Tageszeitung, und umfassender wie in einem Theil der
letalen Presse. Je vielseitiger und reicher unser Partei-
lcben wird, desto größer wird die Nothwendigkeit werden,

alle wichtigen Thatsachen,. Urtheile und Anregungen an
einer Stelle zu sammeln, an der sie nicht unter dem MltagS-
stoffe verschwinden, wie bei einem Tageblatte, das so viele
andere Aufgaben noch zu erfüllen hat.

Weiter ist immer stärker das Bedürfniß hervorgetreten,
für alle deutschen Genossen ein gemeinsames Organ der
Diskussion zu besitzen. Mit ihrer stetigen Macht-
erweiterung wächst für die Sozialdemokratie auch das Maß
der politischen Verantwortlichkeit. Sie wird immer mehr
mitbestimmend in Fragen, die sie sonst als gleichgültig-
nebensächlich behandeln konnte, weil deren Entscheidung
einzig und allein bei den bürgerlichen Parteien lag. Sie
wird immer enger und unlösbarer verwebt mit allen
Strömungen des öffentlichen Lebens. Ihre im Programme
niedergelegten einheitlichen Grundanschammgen hat sie auf
immer mannichfaltigere Verhältnisse anzuwenden, ihre
Taktik stetig sich ändernden Umständen von Neuem an-
zupassen. So wird eine freie, allseitige Diskussion für
unsere Partei immer mehr zu einem Lebenselement, um ihr
die geistige Beweglichkeit zu erhalten, um in allen neu-
auftauchenden Fragen die richtigen Entscheidungen vorzu-
bereiten und bis zu allgemeiner Zustimmung zu verbreiten.

Wenn wir uns vorzugsweise dieser Seite des publizistischen
Wirkens zuzuwenden gedenken, so ist damit zugleich gesagt,
daß mir in erster Linie ein Organ der praktische«
Agitation sein wollen. Was unsere Parteiorganisationen
und Gewerkschaften, unsere Vertretungen im Reiche, den
Einzelstaaten und Gemeinden beschäftigt, was als Waffe
zum Angriff und zur Abwehr in den täglichen politischen und
wirthschaftlichen Kämpfen dienen kann, was unsere eigene
Sräxbr u\vb Schwäche rmd die untere* ©t^ner ausmacht.

i \wvCi Yoc&amp;	\x\A%x;	r&gt;&lt;?,*\.oAn\vc. V&gt;x\X\\\\\wt —

das soff mS vorzugsweise beschäftigen. Dazu gehört, daß
mir den Qnteiefscnfon stiften rnn erhol b der bürger.
lichcn Kreise — der Agrarbewegung, dein Anti
semitismtts, der .Handwerkeragitation — ein beson-
deres Augenmerk zu widmen haben.

Das sonst übliche Feuilleton novellistischer Art denken
wir regelmäßig zu ersetzen durch Darstellungen aus der Ge-
schichte früherer Emanzipationskäulpfe. durch biographische
Skizzen, durch Schilderungen aus dem Arbeiterleben, durch
eine Geißelung der von unseren Gegnern im „geistigen Kampfe
gegen die Sozialdemokratie" verübten Lächerlichkeiten. Wir
hoffen, daß so neben dem Verlangen nach Orientirung und
'Aufklärung auch das nach Unterhaltung seine Befriedigung
finden werde — besonders auch bei den weiblichen Ar-
beitern, deren Besreiungsslreben wir ebenfalls nach Mög-
lichkeit zu fördern suchen werden.

Wie weit eS uns gelingen wird, diese Ziele zu er-
reichen, hängt wesentlich von der Unterstützung unserer
Parteigenossen im Inland und Ausland ab. Ein
Blatt wie das unsrige beruht in seinem Leben und Einfluß
ganz und gar auf der regen Verbindung mit den Partei-
freunden an allen Orten. Wir hegen keinen Zweifel, daß
sie alles thun werden, was in ihren Kräften steht, um das
Blatt zu dem zu machen, was es nach den Hoffnungen des
Kölner Kongresses sein sollte.

Wir selber versprechen, all' unser Können in den Dienst
der Partei zu stellen.

Und damit Glück auf!

Auf eine treue Waffenbrüderschaft!

Es lebe die Sozialdemokratie!

Redaktion niiti ßp&amp;tfiöii des „SoMtinskrat".

Der 19. Januar.

Ster ist wahrhaftig Jemand. der Piügel
WtbUJit har . . . man weih blos nlchr. wer.

Pickwick'- Dtencr.

Der 18. Januar war diesmal ein merkwürdiger Tag.
Nicht, weil er für Herrscherhäuser seine besondere
dynastische Bedeutung- hat — obwohl cs unter Umständen
auch für das Volk wichtig werden mag. daß „unliebsame
Zwischenfälle" auf] leicht erregbare Monarchen sicherlich
einen doppelt tiefen Eindruck machen, wenn sic gerade ans
den Tag stolzester Erinnerungen fallen.

Auch das ist am Ende nicht weiter bemcrkenswerth,
daß just um diesen Tag herum alle ehemals „reichstreuen"
Blätter der Provinz ihre Leser mit anarchistischen Grnsel-
nachrichten einseiften — sodaß man unwillkürlich zu der
Frage gedrängt wurde: Sollten hier ct&gt;va die armen Angst-
philister allerorts nach einem gemeinsamen Plane über den
Löffel barbiert werden? Wozu und woher dieses eifrige
Zusammentragen von Zündstoff zu einem großen Scheiter-
haufen der Freiheit der Arbeiter?

Und woher daS seltsame Zusammentreffen, daß gerade
am 16. Januar in dem Kernlande der Sozialdemokratie und
der Sozialistenfurcht die Erste Kammer sich mit dem be-
rüchtigten „Nothruf" der sächsischen Gemeindevorstände gegen
die Arbeiterpartei beschäftigte? Was man ein paar Jahre
lang nur im Stillen zu wünschen wagte, das rief man
an diesem Tage zum ersten Male wieder in alle Himmels-
richtungen hinaus: Ausnahmegesetze gegen die Sozialdemo-
kratie! Ausnahmegesetze durch das Reich! Die Kammer-
herren sind dem Bismarck'schen Rathe gefolgt: Schreien Sie!
Schreien Sie!

Und fast wird man an ein anderes Bismarck'sches Stich-
wort erinnert, wenn man die Berliner Vorgänge vom 18. d.M.
ins Auge saßt. Richt vom Schreien handelt dieser Rath,
sondern vom Aderlässen. Man rufe einen Aufruhr hervor
und werfe dann den Pöbel nieder — .nach diesem Rezept
sollte JuleS Favre vor zwanzig Jahren mit dem Pariser
Proletariat fertig werden. . . .

Wiederholen wir kurz die Ereignisse!

Es ist eine Thatsache, daß die ArbeiMosenversammlüng
unter hervorragender Mitwirkung eines Polizeiagcnten genau
auf den preußischen Krönungstag einberufen wurde.

Es ist eine Thatsache, daß außer der gesummten Polizei
in Berlin auch Militärs davon unterrichtet waren, daß an
dem Tage „etwas passiren" würde.

Es ist eine Thatsache, daß der Einbcrnfer wie der in
Aussicht genommene Redner in der großen Arbcitslosenvcr-
sammluug nicht erschienen (ein in Arbciterkreiscn nie da-
gewesener Fall!); fraglich ist nur, ob beide direkt oder in-
direkt, durch einfache Zurückweisung an der Thür oder durch
drohende Verhaftung, seitens der Polizei daran verhindert
‘„vooxbew

1 Es ist weitn von keiner Seite bestritten, daß die Ver-
sammlung, auch nachdem sie in so unerhörter Weise „nach
Hause geschickt" worden war, eine musterhafte Ruhe bewahrte.

Es ist endlich unumstößlich bewiesen, daß an diesem
Tage in den Säbeln und den Gummischläuchcn der UuU
sormirten und Geheimen ein unheimliches Leben erwachte —
obwohl thatsächlich von der Polizei bisher auch noch nicht
ein Fall bekannt gegeben werden konnte, wo irgend ein
Arbeiter durch seinen Widerstand einen Angriff heraus-
gefordert hätte. Die Behörden „nntcrsnchen" noch, aber sie
werden nichts finden.

Und wenn wir endlich dem Metalldreher Brandt glauben
dürfen, so warnte der Polizcikommissar Römer schon lange
vor der Versammlung: „Brandt! Brandt! Gehen Sie nicht
in die Versammlung! Es giebt Leichen! ..."

Am Krönungstage die Straßenschlacht! In der Stunde,
wo die Kassandrarufe aus der sächsischen Ständekammer das
Ohr des Spießbürgers erreichten, auch die prompte Bestätigung
der prophetischen Worte durch den Berliner Draht, an dem
Herr Neuß sitzt, der gewöhnt ist, andere an das Messer zu
liefern, und der dafür in Kissingen dem Grafen Herbert
Bismarck die Ehre seiner Nachbarschaft erweisen durfte . . .
Wahrlich, entweder hat der Zufall an diesem Tage in seltsam
ingrimmiger Laune mit dem Leben und Glücke von Tausen-
den und Millionen gespielt — oder das Spiel war folge-
richtig angelegt. Und wenn es nicht so, wie cs berechnet
war, zu Ende ging, dann scheiterte es nwf an dem für alle
Gescllschaftsrettcr unzugänglichen und darum unberechenbaren
Faktor: an der organisirten Arbeiterschaft Berlins.
Man mag sie mit Spitzeln durchsetzen, so viel man
will — die Masse ist an diesen Drähten doch nicht mehr
zu bewegen. Massenaktionen entwachsen, bei freier Dis-
kussion in Presse und Versammlungen und bei freier poli-
tischer Bewegung überhaupt, dieser Beeinflussung von außen
ganz von selbst. Nur die Klubs und Konventikel werden
diesem Einfluß immer und immer wieder verfallen.

So herrscht denn nicht blos Rathlosigkeit, sondern
Heulen und Zähneklappern in den Kreisen derer, die nach
ihrer Meinung über „die besseren Revolver" verfügen. Daß
nach der Annäherung des Fürsten Bisnmrck an den Kaiser,
die zufällig gerade um diese Zeit von Friedrichsruhe aus
erfolgt sein muß. ein Adjutant und eine Flasche alten
Meines mit einer Bcsuchseinladung nach dem Sachsenwälde
gingen . . . wir glauben, man hatte eine andere Mission
für den Vater des Sozialistengesetzes in Aussicht -- in
Sachsen sowohl, wo die Bismarckschwärmerci wie die Sozial-
demokratie zu Hanse ist. wie auch in Berlin, wo die vcr-
'stimmten Anhänger des allen Kurses geradezu auf eine Des-
organisation in der Regierung hinarbeiten. Es sind wahr-
haftig nicht blos die Landräthe in den Provinzen, die
frondircn.

Ob die Berliner Polizei allen fremden Einflüssen un-
zugänglich ist? Sie untersucht im Augenblicke noch: sie
weiß nicht, wie c8 kam; sic weiß nur, daß sie noch nie in
eine so peinliche Lage gegenüber der gesammten Bürger-

18. Titelseite der ersten Nummer des Berliner „Sozialdemokrat"
        <pb n="30" />
        ﻿26

Noch zur Zeit der Amtierung Böttichers kam im Reichstag die von
Eulenburg ausgearbeitete Am stürz vorläge in der von Caprivi gemilderten
Form zur Verhandlung. Aber nicht Bötticher verfocht sie vom Regierungs-
lisch, sondern der Iustizminister von Schönstedt, der Polizeiminister von
Köller und — bezeichnenderweise — am lebhaftesten der Kriegsminister,
Lerr Bronsart von Schellendorf. Während der Reichskanzler zur Ver-
teidigung des reaktionären Machwerks nur zweimal kurz das Wort nahm,
ließ der Vertreter der Bajonette sich nicht weniger als neunmal vernehmen.
Den Geist des Entwurfs, den von sozialdemokratischer Seite Auer, Bebel,
Frohme und Singer wirksam zerzausten, kann man daraus ersehen, daß
er dem Paragraph 130 des Strafgesetzbuchs einen Zusatz geben wollte,
wonach „beschimpfende Angriffe" auf die Religion, die Ehe, die Familie
und das Eigentum mit bis zu zwei Jahren Gefängnis zu bestrafen
sein sollten. So die schon gemilderte Vorlage, womit zur Genüge angezeigt
ist, wie der ursprüngliche Text beschaffen war. Die Vorlage fiel, weil die
Nationalliberalen sich die Kulturkämpferei gegen die katholische Kirche nicht
unbequem machen lassen wollten, das Zentrum aber auf Bestimmungen zum
Schutz der Kirche bestand. Als es in der zweiten Lesung zur Abstimmung
kam, konnte nicht ein einziger Paragraph eine Mehrheit finden, und es
blieb von der Vorlage nichts übrig, als die Überschrift und die leer
gelassene Schlußphrase. Dafür veranlaßte Lerr von Köller das Berliner
Polizeipräsidium, den Vorstand der Sozialdemokratischen Partei für einen
politischen Verein zu erklären, und ihn, die sechs sozialdemokratischen
Wahlvereine von Berlin, sowie die Preßkommission, die Agitations-
kommission und die Lokalkommission samt dem, was man den „Verein
öffentlicher Vertrauensmänner der Sozialdemokratie" zu nennen beliebte,
polizeilich zu schließen, weil sie gegen die Paragraphen 8 und 16 des
preußischen Vereinsgesehes verstoßen hätten. Der Erlaß trug das Datum
des 29. November 1895. Er war die Abschiedsgabe des Äerrn von Köller,
der am 8. Dezember 1895 aus dem Amt schied und durch den Regierungs-
präsidenten von der Recke ersetzt wurde, eine keineswegs bessere Nummer.

Die Gerichte, vor die der Polizeierlaß kam, stimmten dessen Auslegungen
nur zum Teil zu und verurteilten nur einen Teil der „Leiter" der ge-
gcschlossenen „Vereine". Die Sozialdemokratie aber betrieb nun als Antwort
im Reichstag die Schaffung eines Reichsvereinsgesetzes und erreichte es auch,
daß aufGrund ihres Antrags ein Kommissionsentwurf desReichstags zustande-
kam, der trotz großer Mängel doch immerhin erträgliche Zustände geschaffen
hätte. Aus dem Entwurf wurde jedoch nichts, er schmolz zu einem „Not-
gesetz" zusammen, das vom Reichstag am 17. Juni 1896 gegen die
Stimmen der Konservativen angenommen wurde und dessen einziger Artikel
lautete: „Inländische Vereine jeder Art dürfen mit einander in Verbindung
treten. Entgegenstehende landesgesetzliche Bestimmungen sind aufgehoben."
Es gelang, der Reichsregierung das Versprechen abzudrängen, wenigstens
dieses Stückchen Vereinsrecht in dieRcichsgesetze aufzunehmen, doch dauerte es
noch über drei Jahre, bis der Zusage die Ausführung folgte. Am 13. Dezember
1899 ward das Notvereinsgesetz amtlich verkündet, nachdem sich inzwischen
gezeigt hatte, daß die Sozialdemokratie auch ohne es auskam.

Einen Druck auf seine Annahme hatte die sozialdemokratische Reichs-
tagsfraktion bei den Verhandlungen über das Bürgerliche Gesetzbuch
        <pb n="31" />
        ﻿27

ausgeübt, dessen Entwurf im
Januar 1896 zum zweiten
Mal an den Reichstag ge-
langt war und nun endlich
Gesetz werden sollte. Die
sozialdemokratische Fraktion
tat ihr bestes, in das Bürger-
liche Gesetzbuch und das mit
ihm verbundene Einfüh-
rungsgesetz soviel Schutz
der ärmeren Volksklassen
und speziellderArbeiterklasse
hineinzubringen, als nur
möglich. Da für die An-
nahme des ganzen Gesetzes
unter Umständen es auf jede
Stimme ankam, fanden sie
soweit Entgegenkommen, daß
verschiedene arbeiterfeindliche
Bestimmungen aus dem Ent-
wurf entfernt wurden und in
bezug auf andere Fragen —
wie eben in bezug auf dasVer-
einsrecht — Abhilfe durch
besondere Gesetze zugesichert
wurde. Die Bemühungen,
durch das Bürgerliche Gesetzbuch eine Beseitigung der halbfeudalen Gesinde-
ordnung Preußens und anderer Staaten zu erlangen, scheiterte am Versagen der
Freisinnigen. Wohl nahm auf Antrag der Sozialdemokratie der Reichstag
am 11. Dezember 1896 fast einstimmig eine Resolution zugunsten baldtun-
lichster einheitlicher Gestaltung des Arbeitsvertrags im Deutschen Reich
an, aber, wie so manches andere „bald", hat sich auch dieses noch nicht
„tun" lassen.

Das Bürgerliche Gesetzbuch ward am 1. Juli 1896 vom Reichstag
mit 222 gegen 48 Stimmen angenommen. Die Sozialdemokraten stimmten
mit Nein. Sie verkannten nicht, daß in der Vereinheitlichung des bürger-
lichen — man sollte eigentlich sagen, des sozialen — Rechts ein großer
Fortschritt lag, der auch für die Arbeiterklasse von Bedeutung war. Aber
das Gesetzbuch läßt soviel Anrecht gewordenes Recht absterbender, über-
flüssig oder schädlich gewordener Klassen stehen und verstößt gegen so viele An-
sprüche der arbeitenden Volksklassen, der Frauen und insbesondere der besitz-
losen Frauen, daß die Vertreter der Partei der Arbeiter nicht die Verant-
wortung für diese und andere Angerechtigkeiten auf sich nehmen mochten,
die in der Zustimmung zu dem Gesetz lag.	,	, .

Die Ära Lohenlohe läutete für das Deutsche Reich den Eintritt m
die sogenannte Weltpolitik und in Verbindung damit die gestrigere
Pflege des Marinismus oder Flottenchauvinismus ein. Anter Eaprivl
hatte dieser verhältnismäßig stille Tage gehabt. 1890/91 bette, sich
Flottenetat — fortdauernde und einmalige Ausgaben zusammen	T

Äugen auf!

Die Volksfeinde gehen um. Mit Lügen, Verleumdungen. Der»
dächtigungen aller Art geht eine Garde Hausiren. die für die „Zucht-
hansoarlage" eintritt.

Von wem ist diese Lügen-Garde bezahlt?

Von den Junkern und Junkergrnossen, von der Unternehmecklasse,
von den Kapitalisten jeder Art. Weshalb werden die gelben Hefte und
die numerirten Flugblätter mit schwerem Geld von der Unternehmer-
klasse hergestellt und bezahlt? Weil die Unternehmrrklasse Stimmung
für die Entrechtung und Verknechtung der arbeitsthätigen Bevölkerung»
im Interesse der Großgrundbesitzer, Schlotbarone. Börsenleute. kurz der
Kapitalisten jeder Art machen will.

Die kapitalistischen Unternehmer sind die wahren {Imßntrgler.
Sie wollen allen Arbeitenden das Uerfammlnugsrecht. daS ■
Neveinsrecht, das Wahlrecht rauben. Sie streben einen gemeine
gefährlichen Zukunftsstaat an.

In diesem junkerlichen Zukunft-staat soll der tu ehrlicher Acbekt
sich Abrackernde, ohne jegliches Recht sein und Sklave, Arbeitsvieh
des „gnädigen Herrn" Krautjunker oder Schlotbarons werden. Der
Arbeiter — ob er geistig oder körperlich arbeitet, ist gleich — soll im
Zukunftsstaat der konservativen, freikonservativen und nationalliberalen
Kapitalisten schlimmer daran sein wie ein Packesel. Keinerlei Recht,
nur die Pflicht, sich zu Gunsten des Kapitalisten abzurackern, soll
er nach dem Wunsch der Unternehmerklasse haben.

19. Erste Seite eines Flugblattes gegen die
Zuchthausvorlage
        <pb n="32" />
        ﻿28

71,8 Millionen Mark, für 1894/95 waren 78,5 Millionen angesetzt.
Caprivi wie auch der damalige Staatssekretär des Marineamts Lollmann
hatten wiederholt der Ansicht Ausdruck gegeben, daß Deutschlands Küsten
hinlänglich geschützt seien und ein Bedürfnis, im Flottenbau mit irgend
einer auswärtigen Großmacht in Konkurrenz zu treten, nicht bestehe. Das
sollte nun indes anders werden. Jetzt agitierten die Kolonialchauvinisten
und Englandfresser — was in Deutschland so ziemlich auf das gleiche
hinausläuft —, mit aller Macht für den Bau von mehr Kriegsschiffen,
und von oben ward dieser Agitation jeder mögliche Vorschub geleistet.
Wilhelm II. hielt den Führern der regierungsfähigen Parteien, zu denen
jetzt das Zentrum gehörte, Vorträge über die Notwendigkeit, die Flotte
auf einen bedeutend höheren Stand zu bringen, ließ in der Wandelhalle
des Reichstags bildliche Darstellungen der Flottenverhältnisse der Äaupt-
länder ausstellen und nahm verschiedene Gelegenheiten wahr, in Ansprachen
bei Festakten und dergleichen seinem Verlangen nach mehr Kriegsschiffen
Ausdruck zu geben. Die Agitation steigerte sich, als 1895 das Glückwunsch-
telegramm des Kaisers an den Präsidenten Krüger wegen der Nieder-
schlagung des Iamesonschen Einbruchs in den Transvaal die Beziehungen
zwischen England und Deutschland erheblich verschlechtert hatte. Der
Reichstag, dessen Mehrheit angesichts der Finanzlage des Reichs keine
große Neigung hatte, auf einen uferlosen Flottenplan sich einzulassen,
wurde eine zeitlang vom Staatssekretär des Äußeren, Freiherrn von Marschall,
und dem Marinesekretär Lollmann abwechselnd mit Beteuerungen über-
schüttet, daß die Regierung durchaus nicht die Flotte übermäßig vermehren
wolle. So ließ man sich zu allerhand kostspieligen Bewilligungen herum-
bekommen, bis im Frühjahr 1897 eine Denkschrift Lollmanns, laut der außer
dem Geld für schon bewilligte Schiffe in den nächsten vier Zähren für Schiffs-
bauten eine viertel Milliarde an Kosten nötig werden würde, dem Zentrums-
führer Dr. Lieber den Schmerzensruf entlockte, er fühle sich als „blamierter
Europäer". Äollmann aber, dem der Reichstag von seinem Schiffsprogramm
für 1897/98 einige Schiffe strich, ging, um dem Kontreadmiral Tirpitz
Platz zu machen, von dem schon im Sommer 1896 das Gerücht umlief,
daß er dem Kaiser einen noch kostspieligeren Flottenplan unterbreitet habe.
Auch Freiherr von Marschall, der letzte hervorragende Mitarbeiter Caprivis,
schied aus seinem Amt und wurde durch den Freiherrn Bernhard von
Bülow, bis dahin Botschafter in Rom, ersetzt, der einen den Flotten-
schwärmern angenehmeren Ton auf der Ministerbank anzuschlagen wußte.
Die Reichstagsmehrheit ihrerseits, der der Kaiser im Frühjahr 1895,
als sie sich weigerte, ein Glückwunschtelegramm an Bismarck zu dessen
80. Geburtstag abzusenden, in einem Telegramm an eben diesen Bismarck
seine „tiefste Entrüstung" kundgegeben hatte, bekam nun in einem Tele-
gramm des Kaisers an den Prinzen Heinrich, das, wie jenes erste, als-
bald veröffentlicht wurde, ein Wort zu hören, von „vaterlandslosen Ge-
sellen, die die Beschaffung der für das Deutsche Reich notwendigen Kriegs-
schiffe zu hintertteiben wissen". Etliche Wochen später gebrauchte der
Kaiser auf einem Festmahl bei einer Denkmalsenthüllung in Köln das Wort
„Der Dreizack (des Meergottes) gehört in unsere Faust". Noch im
gleichen Zahr ward ein Kriegsschiff nach Haiti entsandt, um Sühne für
das verletzte Recht eines Deutschen einzuholen. Dann aber gab die Er-
        <pb n="33" />
        ﻿29. Titelbild einer von der Buchhandlung Vorwärts herausgegebenen

Maifestnummer
        <pb n="34" />
        ﻿

- 30 —

mordung von zwei katholischen deutschen Missionären in Tsing-tau Veran-
lassung, durch das in Ostasien stationierte Geschwader dieKafenstadt Kiautschau
an der gleichnamigen Bucht besetzen zu lassen und behufs verstärkter Demon-
stration unter dem Kommando des Prinzen Heinrich eine zweite Flotten-
division dorthin zu entsenden. In die Abschiedsrcde an seinen Bruder
flocht der Kaiser die später viel zitierten Worte ein:

„Sollte es aber ja irgendeiner unternehmen, uns an unserm guten
Rechte zu kränken oder schädigen zu wollen, dann fahre darein mit der
gepanzerten Faust! und, so Gott will, flicht Dir den Lorbeer um Deine
junge Stirn, den niemand im ganzen Reiche Dir neiden wird."

Zum „Dreinfahren" kam es jedoch nicht. Die durch den japanischen
Krieg erschöpfte chinesische Regierung ließ sich auch ohne das bewegen,
Deutschland die Bucht von Kiautschau mit etwa 540 Quadratkilometer Land-
gebiet auf 99 Jahre zu verpachten und ihm außerdem auf der Kalbinfel Schan-
tung und deren Hinterland gewisse Rechte einzuräumen. Gegen eine friedliche,
.auf Freundschaftsbeziehungen gestützte Pachtung hätte sich unter den da-
maligen Verhältnissen, wo Rußland China vom Norden her immer stärker
bedrängte, wenig einwenden lassen, als Einleitung zur Teilnahme an einer
Aufteilung Chinas war sie unter allen Umständen zu verwerfen, da voraus-
zusehen war, daß sie alsdann Deutschland in unabsehbare Konflikte hinein-
ziehen mußte. So war es, zumal die auswärtige Politik Deutschlands von
einer Persönlichkeit bestimmt ward, die niemand verantwortlich war, ganz
selbstverständlich, daß die Sozialdemokratie ihre Zustimmung zu dem Pacht-
vertrag versagte. Tatsächlich wurde denn auch die Pachtung von einem
großen Teil des chinesischen Volkes als das Gegenteil eines freundschaft-
lichen Aktes betrachtet und trug mit zur Entfachung jener nationalen
Erhebung vom Frühjahr 1900 bei, die als „Boxeraufstand" bekannt
geworden ist und in deren Verlauf der deutsche Gesandte von Ketteler von
einem Soldaten erschossen wurde, als er sich, entgegen dem Rat seiner
Kollegen, in dem erregten Peking auf der Straße sehen ließ. Es erfolgte
von seiten Deutschlands die Waldersee-Expedition, der es im Verein mit
den Expeditionstruppen der anderen Mächte ein leichtes war, die Auf-
ständischen niederzuschlagen, deren Kosten aber — ganz abgesehen von den
Verlusten an Menschenleben — weit höher waren, als der Teil der China
auferlegten Kriegsentschädigung, der auf Deutschland entfiel.

Die Worte, die Wilhelm II. den ausfahrenden Offizieren und Truppen
auf den Weg gab, gingen noch weit über den Satz von der gepanzerten
Faust hinaus. In der Ansprache an die aus Bremerhaven verschifften
Truppen hieß es am 27. Juli 1900:

„Ihr wißt es wohl, ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen,
tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind. Kommt ihr an ihn, fo
wißt: Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht.
Führt eure Waffen fo, daß auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr
es wagt, eirxen Deutschen scheel anzusehen. Wahret Manneszucht."

Eine offizielle Lesart gab die Worte des Kaisers später fo wieder:
„Pardon wird euch nicht gegeben." Ob das dem Tatbestand oder einem
nachträglichen Wunsche entspricht, kann dahingestellt bleiben. Aber ver-
standen wurden die Worte so, wie sie oben stehen, und es ist genug bekannt
        <pb n="35" />
        ﻿31

geworden, was befürchten
läßt, daß sie auch von vielen
Soldaten in diesem Sinne
befolgt wurden.

Die Expedition nach
Kiautschau hatte die Wir-
kung, daß der Flotten-
chauvinismus ungemein zu-
nahm. Für die Flotte er-
wärmte man sich nun auch
im Zentrum immer mehr,
waren es doch katholische
Missionare gewesen, für die
in China Sühne genommen
worden war. Ein katholi-
scher Prälat, der Bischof
Anzer, hatte für die Pach-
tung von Kiautschau in
Regierungskreisen Stim-
mung gemacht, und so
mochten seine Glaubens-
genossen nicht mehr abseits
stehen, wenn es sich um Ver-
stärkung der Flotte handelte.
Ebenso trat die junge und
sehr rührige Gemeinde der
Nationalsozialen, die
sich im Kerbst 1899 von
den Evangelisch-Sozialen
getrennt hatten, für Ver-
mehrung der Flotte ein. Es
Angehörige der sogenannten
Liebermann von Sonnenberg
ihnen hinweg in der

DER SOZIALISTISCHE

AKADEMIKER

I Jahrg.

Berlin, x. Janüar 1895

No. 3

Redaktion: J. Sassenbach, N., Invalidenstr. 145.

Was wir wollen.

Als sich zu Anfang dieses Jahrhunderts nach langer Zeit der
Unterdrückung in der .grossen Masse des deutschen Volkes wieder einmal
der Gedanke und der Wunsch nach der vollen Freiheit der Person regte,
waren die deutsche Studentenschaft und die deutschen Akademiker die
wirksamsten Vorkämpfer dieser Bewegung. Die Intelligenz fonnulirte
die Postulate der Demokratie, sie propagirte sie durch Wort und That.
Die deutsche Studentenschaft trieb Politik und trieb freiheitliche Politik.

Seitdem ist ein halbes Jahrhundert verflossen. Die Bestrebungen
der damaligen Opposition haben sich — wenn auch nur sehr zum Theil
— erfüllt. Zwar ist die Demokratie, welche .den derzeitigen Freiheits-
kämpfern als das Endziel ihres Strebens. vorschwebte, nicht erreicht;
nur die Mitbestimmung über das eigene Schicksal neben dem Willen
des Herrschers bat sich das Volk erkämpft, und die in Gestalt einer
Konstitution, welche nnr allzudeutlich in der Beschränktheit des Wahl-
rechts, der Press- und der Versammlungsfreiheit die Eierschalen des
Absolutismus mit sich trägt. Doch vielleicht war es gerade dies, was
die Opposition auch gegen diese Staatsform in selbstbewussterer Form
ins Leben rief. Denn die volle Freiheit Adler war in dieser Verfassung
nicht zu finden, und das erkannte man, auch in weiteren Kreisen, bald,
sie war überhaupt durch die „politische" Freiheit allein nicht zu erreichen.
Erfahrung und Ueberlegung zeigten denen, die die Freiheit als ein lust-
loses Schemen auszugeben nicht inr Stande waren, dass die wahre
Freiheit nicht in der offiziellen Gleichheit vor dem Gesetze, sondern
auf der gleichen Macht, der gleichen wirthschastlicben Mächt beruht.
Diese aber kann, das würde jener gleichfalls klar, nur in einer Sozialist!*
sehen Gesellschaft erreicht werden; die politische Freiheit kann nnr'ein
Mittel sein, um jene zu erringen, und.sich selbst durch diese zu erhalten.
Im Bewusstsein dieser doppelten Forderung bezeichnen sich daher die
heutigen Vertreter des altvererbten Freiheitsideales als die Partei des
demokratischen Sozialismus.

21. Titelseite der ersten Nummer des
„Sozialistischen Akademiker"

waren das Geistliche, Lehrer und sonstige
freien Berufe, die meist bei Stöcker oder
angefangen, aber sich immer mehr von
Richtung zu einem liberalen Sozialismus hin
entwickelt hatten und nur noch in den Fragen der Weltpolitik und was
damit zusammenhing nationalistischen Ideen huldigten. Die Naumann,
Gerlach, Göhre (der bis 1900 zu ihnen gehörte), Maurenbrecher und
Genossen gaben sich der Vorstellung hin, durch ihr sozialpolitisch radikales
Programm der Sozialdemokratie bei der Arbeiterschaft Boden abgraben
und eine nationalsozialistische Arbeiterpartei gründen zu können, und wenn
ihnen das auch nicht gelang, wenn sie dadurch, daß sie der Sozialdemokratie
als Konkurrenzpartei gegenübertraten, bei der sozialdemokratischen Arbeiter-
schaft vielmehr das Gegenteil von dem bewirkten, was sie zu erzielen
strebten, so verfügten sie doch über genug rednerisch und schriftstellerisch
begabte Persönlichkeiten, um in der Welt der Akademiker Anhang zu
gewinnen.	.	. „

Mittlerweile hatte in Preußen im Mai 1897 der Minister von -.e
Recke ein Vereinsgesetz ausgearbeitet, das die Sozialdemokratte aus
neue unter das Henkerbeil gestellt hätte. Er verlangte für die p
        <pb n="36" />
        ﻿32

nicht weniger als das Recht, Vereine oder Versammlungen, deren „Zweck
oder Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderläuft oder die öffentliche Sicher-
heit, insbesondere die Sicherheit des Staates oder den öffentlichen
Frieden gefährdet", aufzulösen, bezw. zu schließen. Mit diesen Kautschuk-
bestimmungen hätte es ganz von dem guten Willen der Regierung ab-
gehangen, jeder Oppositionspartei, ob bürgerlich oder sozialistisch, das
Wirken in geregelten Vereinen unmöglich zu machen, zumal Beschwerden
nicht vor den ordentlichen Gerichten, sondern im Verwaltungsstreit-
verfahren ihre Erledigung finden sollten. Daß dieses ungeheuerliche Gesetz
noch nicht ein Jahr später im preußischen Landtag hatte eingebracht werden
können, nachdem im deutschen Reichstag der Reichskanzler die Freigabe
der Verbindung politischer Vereine für das ganze Reich in Aussicht gestellt
hatte, und daß dieses Gesetz, welches die Freigabe der Verbindung politischer
Vereine zum blutigsten Lohn geinacht hätte, sehr nahe daran war, im
Landtag angenommen zu werden —seine Ablehnung kam schließlich mit
nur vier Stimmen Mehrheit zustande! — dieser Vorgang war es, der in
der Stellung der Sozialdemokratie zur Frage der preußischen Landtags-
wahlen eine vollständige Amwälzung zustande brachte. Run erkannte ein
großer Teil ihrer führenden Vorkämpfer, Auer und Bebel voran, daß die
bis dahin gepflegte Enthaltungspolitik nicht mehr fortgesetzt werden dürfe,
sondern daß man, statt in Presse und Versammlungen zu protestieren, dem
Landtag direkt zu Leibe gehen müsse, und es kamen nach lebhaften Debatten
in Presse, Versammlungen und Komitees die bezüglichen weiter oben ver-
zeichneten Beschlüsse der Kongresse von Lamburg und Stuttgart zustande,
welche die Beteiligung der Sozialdemokratie an den Landtagswahlen in
Preußen zur Folge hatten.

Im Spätherbst 1897 legte Lerr Tirpitz seinen Flottenplan dem Reichs-
tag vor. Danach sollten nicht weniger als 7 neue Linien- (Schlacht-)
Schiffe, 2 große und 7 kleine Kreuzer zu den schon bewilligten Schiffsbauten
hinzukommen, neben allerhand Ersatzbauten und Verstärkungen des Torpedo-
bootbestandes, dazu sollte das Friedenspersonal der Flotte um nahezu die
Lälste, nämlich von 18 138 auf 26 637 Mann, erhöht werden. Für die
Fertigstellung der Bauten waren 7 Jahre vorgesehen. Das alles wurde vom
Reichstag bewilligt; mit Ausnahme der Bayern und eines halben Dutzend
anderer Widerspenstigen stinnnte das Zentrum für die Vermehrung, die die
einmaligen Ausgaben für die Flotte um nicht weniger als 408 Millionen
Mark erhöhte und für die fortdauernden Ausgaben des Marineetats eine
Steigerung von jährlich 49 Millionen Mark vorsah. Ja, man ging so
weit, die Periode für die Bauten auf ein Jahr weniger anzusetzen, als die
Regierung verlangt hatte, nämlich auf sechs statt auf sieben Jahre, was
die Ausgabe pro Jahr entsprechend erhöhte. And dies, obwohl es die
Spatzen von den Dächern pfiffen, daß die Vorlage nur erst den Anfang
des Programms der Regierung brachte. So sehr hatte die Stimmung
umgeschlagen. Das Zentrum war Regierungspartei geworden.

Am 28. März 1898 war die Schlußabstimmung über das Flotten-
gesetz erfolgt und am 6. Mai ward der Reichstag, dessen Mandat abge-
laufen war, geschlossen und der Termin für die Neuwahlen auf den 16. Juni
1898 angesetzt. Der nun entbrennende Wahlkampf fand die Sozialdemokratie
in jeder Linsicht gerüstet. Sie verfehlte nicht, der Arbeiterschaft klar-
        <pb n="37" />
        ﻿33

zumachen, was für sie auf dem Spiele stand. Ein vom II. Dezember 1897
datierter Geheimerlaß des neuen Staatssekretärs des Innern, Graf Posa-
dowsky, den der „Vorwärts" am 15. Januar 1898 veröffentlicht hatte, hatte
die Behörden aufgefordert, dasjenige Material über Ausschreitungen bei
Streiks einzusenden, das geeignet sei, eine Vorlage „gegen Mißbrauch der
Koalitionsfreiheit" — d. h. auf Einschränkung des Koalitionsrechts — zu
begründen, die dem neuen Reichstag bei seinem Zusammentritt unterbreitet
werden sollte, und in der Reichstagssitzung vom 17. Januar gab der
Minister zu, daß dieses Rundschreiben auf Wunsch der Unternehmer,
will sagen der scharfmacherischen Anternehmerverbände, verschickt worden
sei. Vor allem entsprach es dem Programm, das Wilhelm II. in den
Tagen, die der Ernennung Posadowskys vorausgingen, am 17. Juni 1897
bei einer Denkmalscnthüllung auf dem Sparenberge bei Bielefeld zun:
besten gegeben hatte und das durch das halbamtliche Wolffsche Bureau
in die Welt geschickt worden war:

„Schutz der nationalen Arbeit aller produktiven Stände, Kräftigung
eines gesunden Mittelstandes, rücksichtslose Niederwerfung jedes Am
sturzes, und die schwerste Strafe dem, der sich untersteht, einen Reben-
menschen, der arbeiten will, an freiwilligem Arbeiten zu hindern."

Es kann dahingestellt bleiben, wie Posadowsky damals innerlich selbst
zu der Sache stand, ob das Rundschreiben von ihm sehr ernst gemeint
war oder bloß den allmächtigen Zentralverband der Industriellen zur Ruhe
bringen sollte. Im Reichstag erklärte er, er wäre bereit, mit dem Rund-
schreiben als Wahlmanifest vor das Land zu treten, und so wurde der
Kampf für Einschachtelung des Koalitionsrechts eine der Wahlparolen der
Negierung. Weiter hatte Posadowsky einen wirtschaftlichen Aus-
schuß eingesetzt für Vorarbeiten zu einem neuen Zolltarife, der für die
1903 und 1904 zu erneuernden Handelsverträge maßgebend sein sollte,
und die Zusammensetzung des Ausschusses ließ erkennen, daß es auf Er-
höhungen der Zölle abgesehen war, worüber Jndustrie-Schutzzöllner und
Agrarier handelseins werden sollten. Man nannte dies Handelsgeschäft die
„Politik der Sammlung", deren Apostel insbesondere Lerr Miguel
war, und die Zöllnerei selbst hieß nach alten Brauch Schutz der nationalen
Arbeit. Die Kräftigung eines gesunden Mittelstandes aber, von der die
Kaiserrede sprach, ward in Maßregeln gegen Warenhäuser, Lausicrhandel,
und Konsumvereine erstrebt. Für diese Dinge kämpften die Konservativen,
Zentrumsleute, Antisemiten und selbst viele Nationalliberale bei der Wahl.
Gegen die Sozialdemokratie suchte man außerdem teils in gewohnter Weise
Auszüge aus Reden und Schriften auszuspielen, die den Spießbürgern in
allen Klassen Angst einflößen sollten, teils suchte man selbstkritische Aufsätze
von Sozialisten als Zeugnisse gegen den Sozialismus auszuspielen. Auf all
das fand aber die Sozialdemokratie wirksame Antworten, und so war von
allen großen Parteien sie die einzige, die am 16. Juni 1898 einen Stimmen-
zuwachs verzeichnen konnte. Bei einer im ganzen noch nicht um einein-
halb Prozent gestiegenen Wahlbeteiligung wiesen ihre Stimmen einen Zu-
wachs von 14 Prozent auf, sie stiegen von 1 786 738 auf 2 107 076 oder
von 23,3 auf 27,2 der Gesamtstimmen. Im ersten Wahlgang eroberte sie
32, bei den Stichwahlen 24 Mandate, so daß nun eine sozialdemokratische
Fraktion von 56 Mann in den Reichstag einzog. Berlin wählte diesmal
Bernstein, Berliner Geschichte. !f
        <pb n="38" />
        ﻿34

nicht sonderlich. Die Wahlbeteiligung war im allgemeinen geringer als 1893,
Immerhin war die Sozialdemokratie die einzige größere Partei, die einen
Stimmenzuwachs verzeichnete, ihre Stimmen mehrten sich von 151 000 auf
155 000. Berlin II und Berlin V gingen vorübergehend verloren. Dafür
sandte aber jetzt auch der zweite Vorortswahlkreis, Teltow-Beeskow-Char-
lottenburg, einen Sozialdemokraten in den Reichstag. Zm ganzen zeigte dieser
gegen seinen Vorgänger ein wenig verändertes Gesicht, doch hatte sich die
Linke immerhin um etwas verstärkt. Verstärkt war auch das Zentrum aus
der Wahl hervorgegangen, es konnte, statt 96,102 Vertreter mustern, während
die beiden konservativen Gruppen zusammen, statt 100, nur noch 79 Ver-
treter hatten. Sechs Vertreter hatte der Bund der Landwirte, fünf der
diesem seelenverivandte Bauernbund aufgebracht. Bei den liberalen Frak-
tionen und ebenso bei den Nationalitätengruppen glichen sich Gewinne und
Verluste aus. Nach Lage der Dinge war in diesem Reichstag das Zentrum
.Jöerr der Situation. Für seine wirtschaftlich reaktionären Tendenzen konnte
es mit den Konservativen und den agrarisch-antisemitischen Gruppen eine
Mehrheit bilden, für seine politischen Oppositionszwecke hatte es in den links-
liberalen Gruppen, den Nationalitätengruppen und der Sozialdemokratie
Deckung. Der Regierung wieder machte es sich dadurch angenehm, daß
cs nicht ganz so agrarisch war wie die Rechte und keine radikale Opposition
der Linken mitmachte. Für die Beratung des in Aussicht stehenden Zoll-
tarifs ward es auf diese Weise geradezu unentbehrlich.

Auch die Ende Oktober 1898 erfolgenden Wahlen zum preußischen
Abgeordnetenhaus führten zu einer Stärkung der Position des Zentrums.
Die Konservativen und die Nationallibcralen verloren zusammen 17, die
Polen 4 Stimmen; das Zentrum gewann 5, die beiden freisinnigen Gruppen
15 Stimmen. Mehr als vorher waren die Konservativen auf die Unter-
stützung des Zentrums angewiesen. Der Gewinn des Freisinns war zu
mehr als der Lälste der Unterstützung durch Sozialdemokraten geschuldet.
In Breslau, in Görlitz, in Lagen in Westfalen und in Magdeburg hielten
die sozialdemokratischen Wahlmänner das Zünglein der Wage in der Land
und gaben für die Kandidaten des Freisinns den Entscheid. An anderen
Orten hatte schon bei den Arwahlen die Anterstühung durch Sozialisten,
genügt, den Freisinnigen die Mehrheit der Wahlmänner zu verschaffen. Eine
beträchtliche Anzahl von sozialdemokratischen Wahlmännern waren in Altona,.
Bielefeld, Brandenburg, Lalle a. S. und Linden bei Lannover gewählt.
Am letzteren Ort schien cs sogar einen Augenblick, als sollte die Sozial-
demokratie die Mehrheit erhalten, die Klassengliederung dieses Industrie-
vororts brachte es mit sich, daß auch Arbeiter und zu den Arbeitern
stehende Geschäftsleute in erheblicher Anzahl Wähler zweiter Klasse wurden,,
und der Wahlkreise, wo die Dinge ähnlich lagen, gab es noch mehrere.

So hatte die Probe, ob die Sozialdemokratie den Kampf unter dem
Landtagswahlsystem wirksam führen könne, ein durchaus ermunterndes
Resultat ergeben. In der Masse der Wahlkreise, so namentlich in Berlin
und Amgegend, hatte man sich noch der Wahl enthalten, teils weil man
überhaupt gegen die Wahlbeteiligung war, teils weil die Wahl zu schnell
auf den Stuttgarter Parteitag folgte, von dem man eine bestimmte Parole-
für den Wahlkampf erwartet hatte. Der Parteitag war aber nicht darüber
hinausgegangen, den Genossen die Teilnahme an der Wahl freizustellen.
        <pb n="39" />
        ﻿35

Die Sozialdemokratie
ja der Steigerung.

' s-

22. Karikatur auf Reckes Verfolgungen der sozialdemokratischen Partei

„Lustige Blätter"

Viceivirtd Reche t2um sorialdemohratischen EinJjeger): Die Geschichte muss ein Ende nehmen, Sie müssen ’raus aus dem Hause,
ooxialdemokrat: Nee, Rausschmeissen ia nich, aber steigern können Se mir; ihre Vorgänger haben mir ja ooeh von Jahr
zu Jahi mächtig jeateigert!

Es sei hierbei bemerkt, daß das Wahlsystem in den Jahren 1891 und
1893 kleine Änderungen erfahren hatte, weil die Miquelsche Steuerreform
seinen ohnehin plutokratischen Charakter noch um ein sehr Bedeutendes zu steigern
drohte. Aus diesem Grunde hatte man die Bestimmung eingefügt, daß in
den Gemeinden, die in mehrere Arwahlbezirke geteilt sind, die Dreiteilung
der Wähler in jedem Arbezirk besonders vorgenommen werde, so daß also
auch in ärmeren städtischen Bezirken Leute mit mäßigem Einkommen Wähler
zweiter oder selbst erster Klasse werden konnten. Für die zur Staatsein'
kommensteuer nicht veranlagten Personen wurde bei der Dreiteilung em
Steuersatz von 3 Mark in Anrechnung gesetzt, die Wirkung dieser Au -
gleichsmaßregel indes dadurch wieder neutralisiert, daß bestimmt wurde, für
die Steuerberechnung neben der Staatssteuer auch die Provinzial-, ^re ,
        <pb n="40" />
        ﻿Bezirks- und Gemeindesteuern in Anrechnung zu bringen, was natürlich
die Steuersummen der Wohlhabenden sehr viel stärker ins Gewicht fallen
ließ als vordem. Ja, es ward sogar bestimmt, daß dort, wo keine direkten
Gemeindesteuern erhoben werden, wie z. B. in den Gutsbezirken, die bloß
veranlagten Steuern in Anrechnung zu bringen seien. Alle Versuche,
das Wahlrecht wirklich zu reformieren, scheiterten damals, wie auch in den
Jahren 1900, 1901, 1902 und 1903 die Anträge der Freisinnigen auf Neu-
einteilung der Wahlkreise und Einführung der geheimen Wahl im Klassen-
landtag glatt zu Boden fielen. Die beiden konservativen Fraktionen erklärten
kühl, daß ihnen Dreiklassenwahl, offene Stimmabgabe und die Ungleichheit
der Wahlkreise gerade paßten, die Nationalliberalen wollten etwas refor-
mieren, aber wußten nicht wo, und das Zentrum fand die Anträge sachlich
berechtigt, aber — nicht zeitgemäß. Es mußte erst stärker angeklopft
werden, bis die von der Reaktion des Jahres 1849 aufgetürmte Zwing-
burg ins Wanken kam.

Noch vor der Landtagswahl, am 6. September 1898, hatte Wilhelm II.
an einer Galatafel im Bad Oeynhausen, an der die Spitzen der Behörden
und die Auswahl der Bourgeoisie Westfalens teilnahmen, die ein Jahr
vorher am Sparenberg (siehe oben) zum besten gegebene Ankündigung
eines Antistreikgesetzes wiederholt. Er erklärte:

„Das Gesetz naht sich seiner Vollendung und wird den Volksvertretern
noch in diesem Jahre zugehen, worin jeder — er möge sein, wer er will,
und heißen, wie er will —, der einen deutschen Arbeiter, der willig ist,
seine Arbeit zu vollführen, daran zu hindern versucht oder gar zu einem
Streik anreizt, mit Zuchthaus bestraft werden soll. Die Strafe habe
Ich damals versprochen und Ich hoffe, daß das Volk in seinen Ver-
tretern zu Mir stehen wird, um unsere nationale Arbeit in dieser Weise,
soweit es möglich ist, zu schützen."

Der Stuttgarter Parteitag der deutschen Sozialdemokratie beantwortete
diese Kaiserrede mit einer Resolution, deren wichtigste Sätze hier ebenfalls
folgen mögen:

„Der Parteitag erklärt es als eine der ersten Aufgaben der Gesetz-
gebung, allen Arbeitern das Koalitionsrecht zu gewähren und es
gegen die unablässigen Anschläge des Unternehmertums sicherzu-
stellen. Er wendet sich daher entschieden gegen die Drohung in der
Tischrede des Kaisers zu Oeynhausen am 6. September 1898, demnächst
der Volksvertretung einen Gesetzentwurf vorlegen zu lassen, wonach jeder
mit Zuchthaus bestraft werden soll, der „gar zu einem Streik anreizt".

Der Parteitag fordert die deutschen Arbeiter ohne Unterschied der
politischen und religiösen Anschauungen auf, sobald dem Reichstag eine
solche oder ähnliche Vorlage zugeht, Protestversammlungen zu ver-
anstalten und die Abgeordneten zur Stellungnahme gegen eine solche
Vorlage zu drängen.

Der Parteitag erblickt in der Kaiserrede das unzweideutige Zeugnis,
daß die in den kaiserlichen Erlassen vom 4. Februar 1890 in Aussicht
gestellte Sozialreform seitens der Negierung aufgegeben ist. Der
nunmehr erst im richtigen Licht erscheinende Erlaß des Grafen Posa-
dowsky zeigt, daß das Reichsamt des Innern statt des früher in Aus-
sicht gestellten „Schutzes gegen eine willkürliche und schrankenlose Aus-
beutung der Arbeitskraft" eine Politik der Unterdrückung der
Arbeiterbestrebungen auf wirtschaftlichem Gebiete einleitet—,
        <pb n="41" />
        ﻿

//tfrxs ^-f^p/	&lt;~rmpr /JL?‘f



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,&amp;/r&amp;	‘^t**«** ffr,p^l^t*}/

^L&gt; ^/- *-&lt;	^

23. Schließung der Berliner Wahlvereine. Gerichtliche Bestätigung der Äöllerschen

Verfügung
        <pb n="42" />
        ﻿38

eine Politik, die den letzten Arbeiter über das Märchen vom „sozialen
Königstum" aufklären und ihn davon überzeugen muß, daß im heutigen
Klaffenstaat die Regierung immer mehr und immer deutlicher die Sach-
walterin der Kapitalisteninteressen wird und allein die Sozialdemokratie
die rückhaltlose und offene Vertreterin der Arbeiterinteressen ist."

Das war eine kräftige Antwort, und als der Moment gekommen war,
wurde auch in ihrem Sinne gehandelt.

Am 6. Dezember 1898 — drei Monate nach der Oeynhausener Rede —
trat der neue Reichstag zusammen. Es dauerte aber noch sechs weitere
Monate, bis zum 5. Juni 1899, bevor die dort von Wilhelm II. angekündigte
Vorlage an den Reichstag gelangte. Die Verzögerung begreift sich, wenn
man das Schriftstück durchlieft. Mit vollem Recht erhielt es den Titel die
„Zuchthausvorlage". Es war ein Machwerk, das, wenn es Gesetz geworden
wäre, das Koalitionsrccht der Arbeiter fast in sein Gegenteil verkehrt hätte.
Kaum eine der Landlungen, die zu einer Kollektivaktion der Arbeiter gegen-
über den Anternehmern gehören, wäre danach straffrei geblieben, von der
Androhung einer Arbeitseinstellung, sofern solche unter Verstoß gegen die
Kündigungsfrist eintrat — was sich ja nie voraussehen läßt — bis zur „Ehr-
verletzung" gegen Arbeitswillige, welche letzteren in der Begründung der
Denkschrift als besonders nützliche Elemente des Staates bezeichnet wurden.
Zur Verfolgung sollte bei Landlungen, die sonst nur auf Antrag des Ge-
schädigten verfolgt werden, im Falle von Arbeitseinstellungen kein Antrag
erforderlich sein, wenn die Geschädigten Arbeitswillige waren. Für die meisten
der bezeichneten Landlungen war Gefängnis oder Geldstrafe bis zu 1009 Mk.
angesetzt; wo aber infolge eines Arbeiterausstandes oder einer Arbeiter-
aussperrung „eine Gefährdung der Sicherheit des Reichs oder eines Bundes-
staats eingetreten war oder eine gemeine Gefahr für Menschenleben
oder das Eigentum" herbeigeführt wurde, sollte (§ 8) auf Zuchthaus bis
zu drei Jahren, gegen die Rädelsführer bis zu fünf Jahren zu erkennen sein.
Der „Rädelsführer" wurde auch bei anderen Paragraphen gedacht, und
ebenso wurden höhere Mindeststrafen für Personen angesetzt, welche sich die
bedrohten Landlungen „zum Geschäft machen", d. h. die Vertrauensmänner
der Arbeiter, Gewerkschaftsführer und Gewcrkschaftsbcamte. Daß auch
Aussperrungen, also von Llnternehmern ausgehende Maßnahmen, in das
Gesetz einbezogen werden sollten, hatte selbstverständlich nur formelle oder-
dekorative Bedeutung. Auch ohne daß man das Posadowskysche Rund-
schreiben und die Reden Wilhelms II. kannte, kennzeichnete sich das Gesetz
ohne weiteres als gegen die kämpfende Arbeiterschaft gerichtet.

So zögerten denn auch die Arbeiter nicht, ihre Stimme geltend zu
machen. Zn allen Teilen Deutschlands wurden große Protestversammlungen
abgehalten und Resolutionen angenommen, in welchen die Zuchthausvorlage
entrüstet zurückgewiesen und statt ihrer Schutz und Stärkung des Koalitions-
rechts der Arbeiter verlangt wurden. In Millionen von Exemplaren wurden
Flugblätter verbreitet, welche die Arbeiter über die wahre Natur der Vor-
lage aufklärten. Die politische und die gewerkschaftliche Presse ward nicht
müde, an Beispielen aus der Praxis zu zeigen, wie fast überall Polizei
und Gerichte schon die bestehenden Strafbestimmungen in bezug auf
Koalitionskämpfe einseitig gegen die Arbeiter kehrten, und die General-
kommission der Gewerkschaften Deutschlands, deren Sitz damals in Lam-
        <pb n="43" />
        ﻿39

bürg war, gab eine von	—*•*- Der neueste preußische Waisenknabe.

Karl Legten verfaßte	c--»»

Schrift „ DasKoalitions-
gesetz in Theorie und
Praxis" heraus, die ein
geradezu erdrückendes
Material gegen die Be-
hauptungen der Re-
gierungsdcnkschrift er-
brachte. Den sozialisti-
schen freien Gewerk-
schaften traten im Protest
gegen die Vorlagen die
Lirsch-Dunckerschen und
die christlichen Gewerk-
vereine zur Seite, und in
gleichem Sinne erhoben
bürgerliche Sozialrefor-
mer aller Schattierun-
gen ihre Stimme. So
stark war die Gegen-
bewegung, daß, als am

19.	Juni die Vorlage
im Reichstag zur Ver-
handlung kam, nur die
Redner der konservati-
ven Parteien sich rück-
haltlos für sie erklärten.

Reben den Rednern
der Sozialdemokratie
sprachen sich auch die
des Zentrums und der
freisinnigen Gruppen
sowie der Rativnallibe-
rale Bassermann ent-
schieden gegen sie aus,
allerdings in anderer
Tonart und Motivie-
rung, und Herr Basser-
mann nicht für die ganze

nationallibcrale Partei. Aber der Gesamteindruck der Debatte, die vier
Tage in Anspruch nahm, war doch ein solcher, daß der Regierungs-
entwurf nicht einmal einer Kommission überwiesen wurde. Am 20. No-
vember 1899 kam er in zweiter Lesung zur Verhandlung, bei welcher
Gelegenheit der von den Großindustriellen beeinflußte rechte Flügel der
Nationalliberalen der Regierung zu Lilfe zu kommen suchte. Indes konnte
diese Schutztruppe das Schicksal der Vorlage nicht retten, sie ward na )
kurzen Erklärungen der Vertreter des Zentrums und der Linken g a
abgelehnt.

*03^*

24. Monolog aus dem Reichstag

Der ungeschützte Arbeitswillige: Wat mach'ick nu?
Aus der Kulturdestille haben sie mir rausjeschmissen, Posa-
dowsky is 'n Jcizkragen un siebt nischt mehr, bleiben nur noch
Mirbach, Klinckorvströin, Stumm im det preußische Lerren-
haus, die halten feste zu mir, — also auf nach dem Dönhoff-
platz!	„Wahre Jakob".
        <pb n="44" />
        ﻿..&lt;Sr

— 40 -

Zu mehr konnten sich die Lerren vom Zentrum und Freisinn jedoch
nicht verstehen. Anträge der Sozialdemokratie, das Koalitionsrecht dev
Arbeiter, von dem erwiesen war, daß es nur erst ganz unzulänglich bestand,
nun auch sicherzustellen, wurden am 1. Dezember 1899 unter Mitwirkung
derselben Parteien abgelehnt, die mit der Sozialdemokratie die Regierungs-
vorlage verworfen hatten. Dagegen nahm der Reichstag fünf Tage
darauf in letzter Lesung das schon oben erwähnte „Not-Vereinsgeseh" an,
das "für ganz Deutschland alle Bestimmungen aufhob, die politischen
Vereinen verboten, untereinander in Verbindung zu treten. Damit war
wenigstens den Gewerkschaften eine größere Bewegungsfreiheit ermöglicht,
als ihnen bis dahin zustand.

Was die Agitation der Arbeiterschaft gegen die Regierungsvorlage
ungemein stärkte und der sozialdemokratischen Propaganda überhaupt
großen Nachdruck verlieh, war das im Februar 1899 ergangene Lirteil im
Prozeß gegen neun Maurer in Löbtau, die, von einem Richtschmaus
komniend, auf einem Ban im Streit mit dem Bauherrn, der ihnen den
Zutritt verwehren wollte, Gewalttätigkeiten verübt hatten. Sieben von
ihnen waren zu durchschnittlich acht Jahren Zuchthaus, zwei zu je
vier Jahren Gefängnis verurteilt worden. Wenn je, so war in diesem
Erkenntnis des Dresdener Schwurgerichts, vor dem die Sache verhandelt
war, der Ausdruck Klassenjustiz am Platze. Denn wenn die Arbeiter
sich auch straffällig gemacht hatten, so rechtfertigte doch nichts eine Ver-
urteilung, die über das Maß der Bestrafung gewöhnlicher Raufereien
hinausging. Die Maurer hatten den Bauherrn, der auf sie aus einem
allerdings blind geladenen Revolver geschossen hatte, so geschlagen, daß er
mehrere Tage das Bett hüten mußte, aber weder ihm noch sonst jemand
war ein ernsthaftes Übel zugefügt worden. Wenn trotzdem jene furcht-
baren Strafen verfügt wurden, so stand das in so schreienden, Wider-
spruch zu dem Verhalten der Gerichte, wo vornehme Raufbolde in Betracht
kommen, daß der Spruch überall, wo Arbeiter zu denken angefangen hatten,
die tiefste Entrüstung Hervorrufen und die Gemüter mehr als je für den
politischen und gewerkschaftlichen Kainpf anstacheln mußte.

Das hatte aber um so mehr zu bedeuten, als unter dem Einfluß der
Eaprivischen Handelsverträge die Entwickelung Deutschlands zum Industrie-
staat gerade in dieser Zeit Riesenfortschritte machte. Zwischen 1882 und 1895
hatte die landwirtschaftliche Bevölkerung Deutschlands um 700 000 Köpfe
abgenommen, die industrielle um 4 200 000 Köpfe sich vermehrt, in der
Industrie aber entfiel der Zuwachs auf die Arbeiterklasse, die mit ihren
Angehörigen von 8,7 Millionen auf 12,9 Millionen Köpfe gestiegen war.
Lind dieser Entwickelungsgang, der sich ähnlich, wenn auch nicht in gleicher
Schroffheit, im Lande! und Verkehr vollzogen hatte, — von einer Gesamt-
zunahme um 1 400 000 entfiel eine Million auf die Arbeiter dieser Berufs-
gruppen — nahm unausgesetzt in der gleichen Richtung seinen Weg. Die
Industrieorte wuchsen mit einer Schnelligkeit, die vielfach an amerikanische
Vorgänge erinnert, und die Arbeiterschaft nahm einen immer breiteren
Raum in der Öffentlichkeit ein. Die Arbeitseinstellungen nahmen an Zahl
und Ausdehnung zu, und öfter als früher fanden die Arbeiter bei ihren
Kämpfen bürgerliche Elemente auf ihrer Seite, wofür ein besonders bekannt
gewordenes Beispiel die Unterstützung der Hafenarbeiter Hamburgs bei
        <pb n="45" />
        ﻿Drbeiler, Hanüwerker, Psririgenossen!

Schon wiederhab ist, '« Luch der Ausruf ergangen, davon abzulassen, die gegnerischen Parteien
dadurch zu unterstützen, dost Jgr deren Zeitungen haltet. Indem Ihr bei den Wahlen einem Sozialdemokraten
Eure Stimme gebt, beweist Ihr, daß Ihr die Ueberzeugung habt, nur. ein Sozialdemokrat kann wirklich die
Interessen den arbeltenden Volke» vertreten. Wenn Ihr diese Ueberzeugung aber habt, so ist e» Eure Pflicht,
die Partei auch in jeder anderen Hinsicht zu unterstützen, in erster Kinir jedoch die Narteipresse f«
adonnire«. Wie siehst» nun aber damit au»? Der 6. Wahlkrei» hat bei der letzten Wahl SS Ovo sozial-
demokratische Stimmen abgegeben, und kaum der fünfte Theil davon ist aus unftre Presto abonnirt. Da»
must ander» werden. Wir misten wohl, daß ja Mancher durch die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse
davon abgehalten wird, aber wie Viele sind nicht da, welche in vollständigsr Berkeummg der Lage abonnirt
sind auf gegnerische Zeitungen, und so sich lind Ihre» Interesse ins Gesicht schlage».

Genosse«! Gerade die Ereigniste der letzten Zeit haben e» klar bewiese», dast wir »nS nnr aus
nn» selbst verlassen können, daß keine andere Hoffnung mehr da ist, was wir allerdings schon oft gesagt.
Wenn Ihr also eine Zeitung abonnirt, die die klaffenden Klaffengegensätze durch Harmonie-Geplärr zu ver-
tuschen sucht, so zahlt Ihr Euer Geld, um Euch jeden Morgen etwas sorlügc« zu lasten. Kaun Euch da»
Bischen Klatsch, da» in diesen Zeitungen enthalten ist — und das den einen Tag erzählt und de» andern
Tag widerrufen wird —, kann Euch da» dazu bringen, di« fortwährenden Fußtritts und Demüthigungen,
denen Ihr im politischen Theil dieser Zeitungen ausgesetzt seid, rubig hinzunehmen?

Sollen sich unsere Gegner denn noch imuier sreue». daß sie es verstehen, dem Volke Sand in die
Bügen zu streuen und e» über die wahre Erkenntniß der Klastcnlage hinwegzutäuschen?

Wollt Ihr Euch noch länger zum Spielball der Kapitalisten machen?

Das könnt Ihr nicht wollen; dann macht aber auch einmal Ernst und entfernt dir K lütter
«ms E-rrem Kante, die wohl Euer Geld haben wollen, aber bei jeder Gelegenheit Euch verhöhnen
und verspotten.

Unterstützt Eure Preffe, leset und verbreitet dieselbe, die in dem Kampfe für Euch und Erire Interessen
so schwere Opfer bringen muß. Erkennt, daß je größer die Zahl der Abonnenten unierer Zeitungen ist, je
größer auch die Mach! derselben wird, und dast man umsoweniger unsere geringen Rechte zu beschneiden wagen
wird, je größer die Zahl Derjenigen ist, die für die Partei einzutreten gewillt sind.

Wir rufen Euch deshalb zu:

HeVsrrrs Mit derr gegnerischen Zeitungen aus Eurem

Haushalt!

Der 8. Kertiaer Wahlkreis hat nun den Vertrieb der Parleiblätter in eigene Regie über-
nommen. wodurch es möglich ist, die Zeitung pünktlicher und regelrechter zu besorgen, wle seitens der Prioat-
kpediteure. Aber such dem Unwesen- Kinder in der zartesten Jugend zum Austragen der Zeitungen zu
benutzen, konnten wir sofort ein Ende bereiten und den Austrägern einen besseren Lohn zahlen. Während
die Privatspediteure höchstens 15 Pf. Botenlohn pro Exemplar zahlen, geben wir 20 Ps. —

Zur weiteren Entwickelung unserer Presse bedürfen wir aber der Hilfe aller Arbeiter, »Nb falls
dieselben unsern Mahnruf nicht ungehörl verhallen lassen, werden wir in allernächster Zeit mit ungleich besseren
Resultaten hervortreten können, zum Aergerniß aller unserer Gegner.

Wir geben nachstehend die Filialen der Parteiregie bekannt, weiche auch nach dem Umzug am
l. Oktober gültig sind. Außerdem liegen i» allen Lokalen, wo sich Zahlstellen des WahlvcreinS befinden,
Listen aus zur Ausnahme von Abonnenten aus

„Vorwärts", Berliner Volksblatr, Central-Orgtm der sozialdemokratischen Partei Denischlands.
Monatlich ftei in» Hau» 1,10 Mk.

„Der Sozialdemokrat", Central-WochenblaU der sozialdemokratischen Parlei Denischlands. Monatlich
frei ins Hans 40 Ps.

„Wahre Jacob". „Süddeutscher Postillo«", „Glühlichter", sowie sämmiuch-
Parteiliteratur

Filiale I.

Moabit bei Kempek, Lübeckerstraße 16.

Filiale II:

Wedding und Oranienburger Borstadt bei Siokzenbmg, Wiesenstr. 14.

Filiale M-

Gesundbrunnen und Rosenthaler Vorstadt bei Haßmann, Grün-
thalerstraße 67 und WofenLHak. Granseerstraße 6.

Filiale IV:

Schönhauser Vorstadt bei Mars, Kastanien-Allee 96.

Redaktion Imd Verla« von Frch Wdschowi«. »nt-nftr. 17. — Druck von SS. Schrtnner, Brunnens». 164.

25.	Agilationsflugblatt zur Verbreitung der sozialdemokratischen Presse m Berlin
        <pb n="46" />
        ﻿



— 42







fei«

■



Gelegenheit der großen Aussperrung vom Sommer 1900 war. Diese
Unterstützung ist keineswegs immer uninteressiert, neben ehrlicher Sympathie
ist auch oft Berechnung auf die Arbeiter als Wähler, Zeitungsleser, Käufer
usw. im Spiel, aber so oder so ist sie als wiederholt auftretende Er-
scheinung die Folgewirkung des Wachstums der Arbeiterklasse an Zahl
und sozialer Schwerkraft.

Einen erheblichen Riß erhielt indes das freundschaftliche Verhältnis
zwischen bürgerlichen Reformern und Arbeiterschaft, als im Jahre 1900 eine
neue Flottenvorlage großen Stils von der Regierung dem Reichstage
präsentiert wurde. Noch Anfang 1899 hatte der Marinesekretär von Tirpitz
im Reichstag die feierliche Erklärung wiederholt, die bei Bewilligung der
Flottenvermehrung von 1898 regierungsseitig abgegeben war, nämlich, daß
man an keine neue Flottenvorlage denke. Aber das Jahr war noch nicht
zu Ende, da flocht, am 11. Oktober 1899, der deutsche Kaiser in eine in
Hamburg aus Anlaß des Stapellaufs des Linienschiffs „Kaiser Karl der
Große" gehaltene Rede die Worte ein, die nun in ganz Deutschland
kolportiert wurden: „Bitter not ist uns eine starke deutsche Flotte."
Im Dezember 1899 gestand der Reichskanzler dem Reichstag, es handle
sich darum, die Schlachtflotte und die großen Auslandsschiffe zu verdoppeln,
das Küstengeschwadcr dagegen zu beseitigen, und am 26. Januar 1900
gelangte dann auch die entsprechende Vorlage an den Reichstag, nachdem
sie im Bundesrat einstimmige Annahme gefunden hatte. Wieder wurde,
und mit weit größeren Mitteln und weit umfassenderem Apparat als zwei
Jahre vorher, eine Bearbeitung der öffentlichen Meinung ins Werk gesetzt.
Der Flottenverein arbeitete mit Hochdruck, unzählige Broschüren und
Flugblätter wurden im Volk verbreitet, mit Bildern aller Art ward auf
Bahnhöfen und in Schaubuden auf die Gemüter eingewirkt, in den Schulen
wurden den Kindern Vorträge über die Wichtigkeit einer großen Flotte
gehalten, und, um rächt zurückzubleiben, entschlossen sich eine Anzahl Pro-
fessoren — Brentano, Sombart, Wagner, Schmoller usw. — ins Volk zu
gehen und in Volksversammlungen vor den Arbeitern den Segen zu verkünden,
der der Arbeiterklasse Deutschlands von einer verstärkten Flotte in Aussicht
stehe. Indes war der Liebe Mühe umsonst. Man hörte die Gelehrten
ruhig an, blieb ihnen aber die Antwort nicht schuldig, die immer wieder
in die Worte auslief: Wir glauben euch nicht!

Soweit die von der sozialdemokratischen Bewegung erfaßte Arbeiterschaft
in Betracht kam, blieb die Agitation erfolglos. Der so beliebte Hinweis auf
die viele Arbeitsgelegenheit, die der Flottenbau schaffen werde, verfehlte selbst
in denjenigen Städten seinen Eindruck auf die Arbeiter, für die er in der
Tat Vorteile in Aussicht stellte. Sonst aber war die Schlacht für die
Regierung, soweit die Parteien im Reichstag in Betracht kaincn, von
vornherein gewonnen, da das Zentrum marinefromm geworden war. Es
handelte sich im Grunde nur darum, den Abgeordneten die Rechtfertigung
der Bewilligung vor der Wählerschaft zu erleichtern. Nur über die Dcckungs-
ftage wurde ernsthaft debattiert, denn die Rechnung, die nun zu begleichen
war, war nicht gering. Nach der Regierungsvorlage handelte es sich um eine
Mehrausgabe von insgesamt über fünf Milliarden Mark, die zwar auf eine
Anzahl von Jahren verteilt werden sollte, aber doch den Jahresbedarf für
die Marine um Hunderte von Millionen heraufsetzte. Woher diese nehmen?
        <pb n="47" />
        ﻿43

26. Vier Bocktin-Steinmasken für den Reichstag
Aufgenommen nach der Veröffentlichung des 1200v Mark-Briefes. „Wahre Jakob"

Von Reichssteuern auf Einkommen und Vermögen wollten die Regierungen
nichts wissen, Steuern auf den Konsum der Massen hätten die Flottcn-
bewilligung unpopulär gemacht, und so fing man an, Steuern zu erdenken,
die scheinbar nur abgegrenzte Kreise fassen oder jedenfalls, wie Steuern auf
den Schiffs- usw. Verkehr, sich nicht in Belastung bestimmter Waren um-
rechnen lassen. Phantasiesteucrn aller Art wurden in Vorschlag gebracht, aus
denen schließlich nach vielem Lin und Ler ein Strauß von Steuern aus-
gewählt wurde, von denen die am wenigsten anfechtbaren — erhöhte Abgaben
auf auswärtige Weine, Liköre usw. — die geringsten Erträge brachten,
die einträglichsten, wie die Verdoppelung des Anteils des Reichs an der
Ausbeutung des Spieltriebs durch die staatlichelr Lotterien, um so anfecht-
barer waren. Neben der Erhöhung der Stcmpelabgaben auf Wertpapiere
und der Steuer auf den Kandel in solchen, wurde mit der Einführung einer
Stempelsteuer auf Schiffsfrachturkundcn das Gebiet von Vcrkehrsabgaben aufs
neue betreten, die zuletzt doch den Konsum treffen, ohne sich auf einzelne Artikel
berechnen zu lassen. Alles das versprach jedoch erst eine Mehreinnahme
von ungefähr 50 Millionen, die kaum die ersten Ausgabeerhöhungen deckten.
Indes ward auf diese Weise in Form von Steuern, die noch wenig Auf-
regung hervorriefen, das dünne Ende eines Keils eingetrieben, dessen dickes
Ende erst später folgen sollte. Am die Wähler vollends zu beruhigen,
ward dem Flottengesetz die Bestimmung eingefügt (§ 6), daß, sobald vom
Jahre 1901 ab die Mehrkosten für die Flotte die Summe von 53,7 Millionen
im Jahr übersteigen würden, der Fehlbetrag „nicht durch Erhöhung oder
Vermehrung der indirekten, den Massenverbrauch belastenden Reichs-
abgaben aufgebracht" werden dürfe. Jeder Einsichtige konnte sich jedoch voraus-
sagen, daß diese Bestimmung sich im Bedarfsfall sehr leicht umgehen ließ
oder auch einfach umgestoßeir werden konnte, wie das denn auch in mäßigen!
Amfangc, womit aber das Beispiel gegeben wurde, 1906 geschehen ist.
Zunächst erfüllte sie indes bei vielen ihren Zweck, zumal der damals m
Südafrika spielende Krieg zwischen England und den Burenstaaten UL
antienglische Stimmung in Deutschland auf die Spitze getrieben ha e.
Gegen England half nach allgemeiner Auffassung, für die ganz ejon e
die Nationalsozialcn agitierten, nur eine starke Flotte.
        <pb n="48" />
        ﻿44

Von der Flottenvorlage der Regierung strich der Reichstag nur die
geforderte Vermehrung der Auslandsflotte, ein belangloser Abstrich, da die
Ausführung des bewilligten Programms anderthalb Jahrzehnte erforderte,
die Zwischenzeit aber hinlänglich Gelegenheit bot, diesen Teil wiederherzu-
stellen. Im übrigen wurde ein Schiffsprogramm bewilligt, das die Schlacht-
flotte auf vier Geschwader von je 8 Linienschiffen, 8 großen und 24 kleinen
Kreuzern, nebst zwei Flottenflaggschiffen, sowie eine Erhöhung der Material-
reserve um 2 große Linienschiffe, der Besatzung um 30 000 Mann bringen
und bis zur Fertigstellung im Jahre 1917 nicht weniger als 4352 Millionen
Mark kosten sollte. Bei der Endabstimmung — am 12. Juni 1900 —
ward das Flottengesetz mit 201 gegen 103 Stimmen angenommen. Wie
wenig es den marinistischen Tendenzen der Regierenden eine Grenze setzte,
zeigte das im Danktelegramm des Kaisers wiederkehrende „Run aber weiter-
arbeiten!" Im Etat für 1906 erschien denn auch der Posten für die Aus-
landsflotte und wurde selbstverständlich bewilligt.

Kaum, daß das Flottengeseh von 1900 angenommen war, trafen die Nach-
richten aus China ein, die den Anlaß zu der schon besprochenen China-Expedition
gaben. Da in China nur wenig Ruhm zu holen war, gingen die mit-
interessierten Mächte gern darauf ein, daß ein deutscher Leerführer den
Oberbefehl über die vereinten Straftruppen erhielt, und Graf Waldersee
ward als „Weltfeldmarschall" unter einem Aufwand von tönenden Reden
und Schaustellungen nach Ostasien entsandt, die die Welt weit mehr in Er-
staunen versetzten als seine militärischen Verrichtungen. Daß die deutschen
Soldaten, wie übrigens die Soldaten der anderen Mächte, bei den Schar-
mützeln mit Chinesen ihren Mann standen, soll anerkannt werden. Daß aber
ein Teil von ihnen unter dem verrohenden Einfluß des Krieges mit einem
Volk, dessen Sprache und Kultur sic nicht verstanden, Landlungen
begingen, die durch die Notwendigkeiten des Krieges nicht zu rechtfertigen
waren, ist durch viele Soldatenbriefe vom Kriegsschauplatz in glaubwürdiger
Weise bekundet worden. Wenn die China-Expedition, bei der über 500 Deutsche
teils auf den» Schlachtfeld und teils im Lazarett ihr Leben ließen und
Tausende für ihre Lebenszeit zu Krüppeln oder Patienten wurden, Deutsch-
land keine materiellen Vorteile eintrug, so war das noch hinzunehmen. Viel
schlimmer ist, daß der Name des Deutschen als Kriegsmann unter kulturellen
Gesichtspunkten schweren Schaden gelitten hat.

Bei der China-Expedition hatte, wie bei der Agitation für die Flotte,
Wilhelm II., unterstützt durch den Minister des Auswärtigen, Bülow, den
Dirigentenstab geschwungen, der altersschwache Lohenlohe hatte nicht mehr
dreinzureden. Seine Rolle als Aushilfskanzler war ausgespielt, er mußte
gehen.

5.	Fünf Jahre der Ära Bülow.

Bald nach Einleitung der China-Expedition legte Fürst Chlodwig Lohcn-
lohe fein Reichskanzleramt nieder und an seine Stelle trat am 17. Ok-
tober 1900 der ein Jahr vorher in den Grafenstand erhobene Bernhard
von Bülow, bis dahin Minister des Auswärtigen. Als solcher hatte er
sehr viel stärker als seine Vorgänger nationalistische Töne angeschlagen und
sich als ein gewandter Parlamentsredner offenbart, der seine Reden
wirksam zuzuspitzen verstand. Aus der Rechten sah man ihn nicht ungern.
        <pb n="49" />
        ﻿45

weil man wußte, daß er bereit war, den
Agrariern ein gutes Stück entgegen-,
zukommen, die Liberalen wiederum
sprachen von einem Staatsmann
mit moderner Weltauffassung, und in
der Tat legte der neue Kanzler Wert
darauf, nach rechts und links Sträuß-
chen zu verteilen. Er bedachte auch
das Zentrum mit einigen Artigkeiten
und gab selbst den Sozialdemokraten
zu verstehen, daß er mit sich reden
lassen werde, wenn sie sich weniger
ungebärdig aufführen würden. Kurz
nach seiner Ernennung zum Kanzler
ward im Reichstag von sozialdemo-
kratischer Seite der Regierung ein
von der Leipziger Volkszeitung ver-
öffentlichter Brief des Generalsekretärs
des Zcntralvcrbands der Industriellen,

Dr. Bueck, vorgehalten, worin zu
lesen war, daß man sich im Reichsamt
des Innern von der genannten Organi-
sation der Scharfmacher des deutschen Unternehmertums 12 000 Mark zur
Agitation für die Zuchthausvorlage hatte geben lassen, und Graf Bülow
zögerte nicht, zu erklären, die Sache sei ungehörig, er würde sie, wenn sie
vor ihn als Reichskanzler gebracht worden wäre, nicht geduldet haben-
Llngchörig war die Sache freilich, aber man kann sich nachträglich des
Verdachts nicht entschlagcn, daß der Brief von den Äerren vom Zentral-
verband damals absichtlich in die Öffentlichkeit lanciert worden war, um
das Reichsamt des Innern, mit dem man unzufrieden zu werden anfing,
bloßzustcllen. Der schuldige Beamte war der Geheimrat Woedtke.

In der Frühjahrssession des Jahres 1900 erlitt im Reichstage die
Zentrumsfraktion bei dem Versuch, aus einem Gesetz gegen Kuppelei und
dergleichen ein Gesetz zur Puritanischen Fesselung der Kunst zu machen,
eine empfindliche Niederlage. Es handelte sich um die sogenannte Lex
Leinze, einen Entwurf der Erweiterung des Strafgesetzbuches, zu dem im
Jahre 1891 eine strafrechtliche Prozeßverhandlung wider einen Zuhälter den
Anlaß gegeben hatte. In diesen Entwurf nun, der sich von Session zu
Session hingeschleppt hatte, hatte das Zentrum mit Lilfe von Antisemiten
und Konservativen Paragraphen hineingebracht, wonach für Schriften,
Abbildungen, Schaustellungen, Aufführungen, Vorträge usw. Strafen von
bis zu einem Jahr Gefängnis sollten verhängt werden können, wenn sie, „ohne
unzüchtig zu sein, das Schamgefühl gröblich verletzen" oder ihre Schau-
stellung „Ärgernis erregt". Der Antrag, der diese Kautschukbegriffe in
die Gesetzgebung hineinbringen wollte, wurde von den Antragstellern erst
am Abend vor der dritten Beratung des Gesetzes bekanntgegeben und
sollte in dieser kurzerhand durch Majoritätsbeschluß zur Annahme 6^ ra )
werden. Lim Kunst und Wissenschaft vor der ihnen drohenden
zu retten, setzten nun die sozialdemokratischen Abgeordneten, hcerm voi

27. Karikatur auf die Lex Arons
„Der Wahre Jakob"
        <pb n="50" />
        ﻿bürgerlichen Linken bis zu den Nationalliberalen unterstützt, dem Vorhaben
durch immer neue Abänderungsanträge, Veranstaltung von Auszählungen
und namentlichen Abstimmungen einen hartnäckigen systematischen Wider-
stand entgegen, der sich vom 13. März an eine Woche hinzog und damit
endete, daß die klerikal-konservative Mehrheit vor der Minderheit die Segel
strich und die angefochtenen Bestimmungen fallen ließ. Ein in der literarischen,
künstlerischen und wissenschaftlichen Welt, in der man einen „Goethebund"
zur Verteidigung der bedrohten Rechte der Kunst usw. gegründet hatte,
mit fast einhelligem Jubel aufgenommenes Resultat. Alles, was sich für-
liberal hielt, freute sich über diesen gelungenen Obstruktionsfeldzug der
Sozialdemokratie.

Es sollte indes nicht lange dauern, bis ein zweiter und viel wichtigerer
Obstruftionsfeldzug der Sozialdemokratie einer wesentlich anderen Stimmung
begegnen sollte.

Anfang 1901 wurde der vom Grafen Posadowsky zur Vorberatung
eines neuen Zolltarifs eingesetzte wirtschaftliche Ausschuß mit seinen Arbeiten
fertig, und bald darauf erblickte ein entsprechender Zolltarif-Entwurf der
Regierung das Licht der Welt. Er ging am 23. Juni 1901 dem Bundesrat
und fünf Wochen später dem Reichstag zu. Seine Grundzüge gegenüber
dem alten Tarif waren eine bedeutend größere und, wie anerkannt werden muß,
für seinen Zweck auch systematischere Spezialisierung der Tarifsätze,
Erhöhung fast aller Zölle auf Landwirtschaftsprodukte und eines großen
Teils der Zölle auf Industrieprodukte, sowie die Festsetzung von Mindest-
zöllen auf Getreide, Vieh, Fleisch und andere landwirtschaftliche Erzeug-
nisse, die sehr bedeutend über die Sätze des bestehenden Vertragstarifs
hinailsgingen. Er stellte also eine Verteuerung der notwendigsten Lebens-
mittel des Volkes und außerdem ungünstigere Handelsverträge für die
deutsche Industrie in Aussicht und war damit ein Triumph der Agrarier und
der mit ihnen verbündeten Magnaten der Industrien der Roh- und Halb-
fabrikate. Diese letzteren, die fast alle syndiziert siild, waren durch die
Auslandszölle weniger bedroht, weil die Beherrschung des heimischen
Marktes es ihnen ermöglicht, zu Schleuderpreisen zu exportieren. Das
können aber die deutschen Fertigindustrien nicht oder nur durch sehr viel
stärkeren Druck auf die Löhne, und sie beschäftigen die große Masse der
Arbeiter.

Damit war die Stellung der Sozialdemokratie, soweit sie nicht schon durch
ihre allgemeinen Tcndeirzen vorgezeichnet war, zu dem neuen Zolltarif
gegeben. Die Partei der Arbeiter mußte alle Mittel in Anwendung
bringen, den Tarif nicht Gesetz werden zu lassen oder wenigstens zu erwirken,
daß dieses, so tief in die Erwerbsgelegenheiten der großen Volksmasscn
einschneidende Gesetz nicht eher zur endgültigen Abstimmung kam, bis nicht
den Wählern erst noch Gelegenheit gegeben war, sich über es zu äußern,
sind das geeignete Mittel war die parlamentarische Obstruktion, wie sie in
allen Ländern bei solchen Gelegenheiten zur Anwendung kommt und wie
sie im preußischen Landtag die junkerlichen Agrarier immer noch der Kanal-
vorlage der Regierung gegenüber praktizierten.

Schon in der ersten Tagung des 1898 gewählten Landtages hatten die
Agrarier der Regierung Trotz geboten und, allen Zuredens und Drohens
ungeachtet, ain 19. August 1900 die ganze Kanalvorlage abgelehnt. Darauf
        <pb n="51" />
        ﻿Au den Waffen! Zu den Muffen!
Schrei'n die Junker und die Pfaffen,
weil der Feind, der Sozialist,
Kampfbereit im Anmarsch ist.

Alle Mann sind aufgeboten
Gegen die verhaßten Rothe»,
Lehrer, Psaff' und Polizei,
Bauern, Knechte sind dabei.

Mit dem Flegel und dem Knüppel
Will man schlagen sie zum Krüppel,
Daß ein jeder Sozialist
Es sein Lebtag nicht vergißt.

Seht, so sind die „geist'gen' Waffen
Dieser Vrdnungsschaar beschaffen,
wer nicht geistig kämpfen kann,

Der fängt mit dem Knüppel an.

28. Karikatur auf die geistigen Waffen im Kampfe gegen die Sozialdemokratie

Aus dem „Süddeutschen Postillon»
        <pb n="52" />
        ﻿48

hatte die Regierung etliche Beamte, die mit den „Kanalrebellen" gegangen
waren — 2 Regierungspräsidenten und 20 Landräte — zur Disposition
gestellt. Da sie es aber nicht wagte, den Landtag auszulosen und einmal
gegen ihre, selbst wenn sie trotzen, noch geliebten Junker die Wähler auf-
zurufen, blieben die um Kanitz und Wangenheim unerschüttert, zumal sie
im Ministerium selbst heimliche Verbündete hatten, darunter, wie es hieß,
den sich zurückgesetzt fühlenden Miqucl. Anfang 1901 brachte die Regierung
den Entwurf wieder ein, diesmal verzuckert durch Bestimmungen über
Kanalbauten, Meliorationen, Flußregulierungen und dergleichen für Ost-
clbien. Aber die Agrarier blieben hartnäckig; ihnen war das Kanalprojekt
ein wertvolles Erpressungsmittel, von dem sie nach der Parole Gebrauch zu
machen suchten: „Ohne Kanitz keine Kähne!" Ohne erst die Schluß-
abstimmung abzuwarten, schloß die Regierung die Tagung, ließ aber nun
Miguel ziehen, der sich gründlich abgenutzt hatte. Mit ihm gingen der
Landelsminister Brefeld und der Landwirtschaftsminister Ernst Lammerstein-
Loxten. An die Stelle des letzteren trat der vergnügte Pusar von Pod-
bielski, der bis dahin Reichspostsekretär gewesen war, Finanzminister wurde
Herr von Rheinbaben, ein sachkundiger Bureaukrat, aber nicht mehr,
Minister des Innern Lans von Lammerstein-Loxten, und das Landels-
portefeuille erhielt der nationallibcrale Abgeordnete und Großindustrielle
Moller-Brackwede. Die Ernennung des letzteren war ein Kompliment an
die Adresse der Industriefeudalität, die Übertragung des Portefeuilles für
die Landwirtschaft an Podbielski eine Verbeugung vor den Agrariern, die
auch gnädigst entgegengenommen wurde, ohne daß die Lerren an ihrer
Taktik ein Deut änderten. Sie schrien, daß der Tarifentwurf der Regierung
die berechtigten Forderungen der Landwirtschaft unerfüllt lasse, das heißt,
daß die Mindestzölle auf Getreide, Vieh usw. noch viel zu niedrig seien,
und setzten sich in Positur, durch kräftige Opposition neue Zugeständnisse zu
erpressen.

Das war die Situation, welche die sozialdemokratische Reichstagsfraktion
vorfand, als sie den Kampf gegen den Zolltarif aufnahm. Eine Zeitlang
hatte sie in diesem die freisinnigen Fraktionen zur Seite. Position für
Position des Tarifs wurde von den sozialdemokratischen Mitgliedern der
Kommission, an die der Entwurf verwiesen war, einer gründlichen Erörterung
unterzogen, und da der Tarif 946 Nummern zählte, zogen sich die Ver-
handlungen so lange hin, daß man sich genötigt sah, die Kommission selbst
während der Sommerferien des Jahres 1902 täglich sechs Stunden tagen
zu lassen, damit die Sache nur vorwärts kam. Erst am 6. Oktober ging
die Kommissionsberatung zu Ende und kam der Tarif im Plenum zur
zweiten Lesung, die geschäftsordnungsmäßig ebenfalls eine Spezialberatung ist.
Selbstverständlich setzte die Sozialdemokratie hier ihren Kampf fort, wobei
zu bemerken ist, daß Gewerbetreibende aller Industriegruppen den Reichstag
mit Zuschriften über die ihnen vom Tarif drohenden Schädigungen über-
schütteten und Anspruch auf Prüfung ihrer Vorhalten hatten. Da vollzog
die freisinnige Volkspartei unter Führung Eugen Richters eine Schwenkung.
Vor versammeltem Reichstag griff Richter, statt die aus Zentrum, National-
liberalen, Freikonservativen und einem Teil der Konservativen bestehende
Zollmehrheit, die links von ihm sitzenden Zollgegner an, indem er ihnen
sinnlose Obstruktion vorwarf, die sich keine Mehrheit gefallen lasse. Dies
        <pb n="53" />
        ﻿
        <pb n="54" />
        ﻿49

bestärkte die Mehrheit in der Absicht, durch Änderung und Ver-
gewaltigung der Geschäftsordnung die Minderheit lahmzulegen. Sie
änderte den Modus der namentlichen Abstimmungen dadurch, daß an Stelle
des Aufrufs Kartenabgabe gesetzt wurde (Lex Aichbichler), genehmigte
und verwirklichte dann einen Antrag Kardorf und Genossen, über den
ganzen Zolltarif mit seinen 946 Positionen, wie er von der Kommission
an das Laus gekommen war, unter Lerabsetzung der Zölle aus einige
Nummern — Bedarfsartikel der Landwirtschaft — in einer Abstimmung
zu beschließen, gab dem Präsidenten das Recht, das Wort zur Geschäfts-
ordnung zu verweigern und beschränkte zugleich die Redezeit für Be-
merkungen zur Geschäftsordnung auf fünf Minuten (Lex Gröber). Der
Antrag Kardorf, den Laband und andere Staatsrechtslehrer rundheraus
für einen Rechtsbruch bezeichnet haben, sowie die Lex Gröber wurden
nun gegen die Minderheit in der rücksichtslosesten Weise unter fort-
gesetzten Verstößen gegen Geschäftsordnungsbestimmungen in Anwendung
gebracht, und schließlich wurde nach sehr stürmischen Sitzungen das ganze
Gesetz samt Tarif in der Nacht vom 13. zum 14. Dezember 1902 am Ende
einer 18stündigen Sitzung in dritter Lesung mit 202 gegen 100 Stimmen
angenommen. Zur Minderheit gehörten neben den Sozialdemokraten und
den beiden freisinnigen Gruppen auch der extreme Flügel der Agrarier,
die Lauptredner für das Gesetz hatte das Zentrum gestellt. Gegen den
„Umsturz im Reichstag" protestierten die Sozialdemokraten Berlins in
Riesenversammlungen, die von hochgradiger Kampfstimmung Zeugnis
ablegten.

In der Frühjahrssession des Jahres 1902 ward eine von der Sozial-
demokratie wiederholt verlangte Seemannsordnung, die freilich noch viel
zu wünschen übrig läßt, sowie, in Verbindung mit der Annahme der
Brüsseler Zuckerkonvention vom 5. März 1902, die dem Anfug der
Ausfuhrprämien ein Ende machte, ein Zuckersteuergesetz angenommen.
Desgleichen fand ein Süßstoffgesetz Annahme, welches die Lerstellung
und den Vertrieb von Sacharin und ähnlichen Süßstoffen in Deutschland
grundsätzlich verbietet, den Bezug durch Apotheken für Leilzwecke zwar aus-
nimmt, jedoch außer bei Apothekern, die aber über ihren Sacharinverbrauch
Buch führen müssen, schon den bloßen Besitz von mehr als 50 Gramm solcher
Süßstoffe unter Strafe stellt. Es war ein „Ausgleichsgeschenk" für die Zucker
fabrizierenden Landwirte, die sich in bezug auf den Beitritt Deutschlands zur
Zuckerkonvention so gebärdeten, als geschehe ihnen damit ein Anrecht und nicht
eine Wohltat. In der Frühjahrssihung des Jahres 1903 wurde ein
Kinderschutzgesetz und ein Gesetz gegen die Verwendung weißen Phosphors
beschlossen, denen die Sozialdemokratie zustimmen konnte, sowie eine Novelle
zum Krankenversicherungsgeseh, welche durch Ausdehnung der
Krankenunterstützung die Krankenversicherung an die Invalidenversicherung
angliedert. Sie tut dies jedoch in Verbindung mit Bestimmungen, die die
Selbstverwaltung der Kassen schädigen, und allerlei sonstigen Angerechtig-
keiten, so daß die Sozialdemokratie dem Gesetz ihre Zustimmung versagen mußte.
Endlich brachte die Schlußtagung des Reichstags auch noch eme
Ergänzung des Wahlreglements für die Reichstagswahlen, welche &gt;e
Abgabe der Stimmzettel in amtlich gelieferten Amschlägen und noch einig
andere Maßnahmen zum Schutze des Wahlgeheimnisses vorschrci
Bernstein, Berliner Geschichte. III.
        <pb n="55" />
        ﻿— 50 -

der die Sozialdemokratie zustimmte. Indes hat sich gezeigt, daß unter Am-
ständen gerade die Amschläge als Landhabe benutzt werden können, die
Abstimmung der Wähler zu kontrollieren, nämlich wenn die Wahlurne so
konstruiert ist, daß sich die hineingesteckten Amschläge der Reihe nach auf-
einanderschichten.

Am 30. April 1903 ward der Reichstag geschlossen und die Neuwahl
auf den 16. Juni anberaumt. In dem Wahlkampf, der von seiten der
Partei mit größerer Kraft als je geführt wurde, spielten selbstverständlich
der neue Zolltarif und die mit seiner Beratung uud Annahme verknüpften
Vorgänge eine hervorragende Nolle, zumal das endgültige Schicksal des
Tarifs von der Stellung des Reichstags zu den auf Grund seiner ab-
zuschließenden neuen Handelsverträgen bedingt war. Große Protest-
Versammlungen der Sozialdemokratie gegen die Gewaltakte der Reichstags-
mehrhcit hatten der Wahlagitation wirkungsvoll vorgearbeitet. Das Wahl-
ergebnis selbst stellte sich für die Sozialdemokratie überaus günstig, es über-
traf die nicht geringen Erwartungen, die man in der Partei bezüglich seiner
gehegt hatte, noch um ein Bedeutendes. Bei allgemein starker Wahl-
beteiligung — es stimmten 75,8 Prozent der eingeschriebenen Wähler
gegen 67,8 im Jahre 1898 — erhielt sie 31,7 Prozent aller abgegebenen
Stimmen (1898: 27,2 Prozent), in absoluter Zahl 3 010 771, fast um
die Lälfte mehr als 1898. Nahezu im gleichen Verhältnis stieg die Zahl
der erlangten Mandate, es wurden in der Lauptwahl 56 und bei den
Stichwahlen 25, zusammen 81 Sitze gewonnen. Die drei linksliberalen
Gruppen waren dagegen von 50 auf 36 Vertreter zusammengeschmolzen.
Überhaupt hatten namentlich die kleineren Parteigruppen — neben den
Linksliberalen die Bauernbündler, Antisemiten und Welfen — die Kosten
des Wahlkampfes zu tragen gehabt, während das Zentrum, die beiden
konservativen Fraktionen und die Nationalliberalen in fast unveränderter
Vertreterzahl zurückkehrten.

Das Stärkeverhältnis zwischen der Rechten und Linken des Reichs-
tages hatte sich nur wenig verschoben, aber bei der Linken überwog nun
vollständig die schärfere Tonart.

Glänzend hatte Berlin gewählt. Die Mandate der fünf Wahlkreise
Berlin II bis Berlin VI, sowie die der beiden Vorortswahlkreise wurden
im Sturm genommen, und es fehlten nur wenige hundert Stimmen, so
wurde auch Berlin I in der Stichwahl erobert. Die sozialdemokratischen
Stimmen Berlins stiegen im ersten Wahlgang aus 218000, die der beiden
Vorortskreise auf zusammen 112000.

Dieser gewaltige Wahlsieg der Sozialdemokratie machte begreiflicherweise
das größte Aufsehen. Konnten sich selbst die Gegner der Wucht seines Ein-
drucks nicht entziehen, so war die Freude im sozialdemokratischen Lager um
so allgemeiner. In der ersten Begeisterung wurden von einigen gar zu kühne
Erwartungen an ihn geknüpft, andere urteilten kühler, aber durchgängig
überwog das Gefühl, daß die Partei eine Kraftprobe abgelegt habe, auf die
sie stolz sein dürfe und die der Arbeiterschaft allerorts erhöhte Zu-
versicht einflößen müsse. Im großen und ganzen war das auch der Fall,
es traten aber kurze Zeit nach der Wahl Vorkommnisse ein, welche
die Gemüter erheblich herabstimmten. Ein Aufsatz von Ed. Bernstein
entwickelte unter Linweis auf die Vergewaltigung der Geschäftsordnung.
        <pb n="56" />
        ﻿I

— 51 —

29.	Karikatur aus dem „Kladderadatsch" auf den Reichstagsabgeordneten
und ehemaligen Schankwirt Genossen Fritz Zubeil

im aufgelösten Reichstag die Ansicht, die Sozialdemokratie werde nur
zweckmäßig handeln, wenn sie im neuen Reichstag die ihr nach ihrer Stärke
zukommende Vertretung im Präsidium beanspruche und den Gegnern die
Verweigerung nicht dadurch erleichtere, daß sie für ihren Kandidaten es
von vornherein ablehne, an den üblichen Besuchen des Präsidiums beim
Kaiser teilzunehmen. Obwohl nun in dem Artikel ausdrücklich das Fest-
halten am republikanischen Standpunkt der Sozialdemokratie betont war, ward
er in liberalen Blättern als Bekennerschaft zur „Loffähigkeit" gepriesen und
versetzte, da die große Mehrheit der Sozialdemokratie im Lande zuerst
nur durch den Kanal dieser Blätter den Vorschlag zu hören bekam,
viele Genossen in großen Anmut. Die Mißstimmung wurde erhöht durch
Preßstreitigkeiten zwischen Franz Mehring und einigen Parteimitgliedern,
welche im Rufe des Revisionismus standen und es mit den Interessen der
Sozialdemokratie für verträglich hielten, an der Wochenschrift „Zukunft"
mitzuarbeiten, obwohl deren Herausgeber, Maximilian Lar den, sich politisch
wenig taktfest gezeigt hatte. Leftig angegriffen wurde namentlich ein Artikel
Georg Bernhards in der „Zukunft", „Parteimoral" betitelt, worin — allerdings
in Verteidigung der Führer der Sozialdemokratie gegen einen Kritiker — es
als allgemeine Regel des politischen Lebens und darum auch berechtigtes
Verfahren von seiten dieser Führer hingestellt wurde, in Linblick auf w
erst Lalbgewonnenen der Masse der Partei nicht die volle Wahrheit u e&lt;,
Zwecke ihrer taktischen Maßnahmen zu sagen. Aber auch Artikel von P- 9/
W. Leine und G. v. Vollmar erregten Anstoß, und so kam es aus
        <pb n="57" />
        ﻿52

im September in Dresden abgehaltenen Parteitag zu den oben schon erwähnten
Auseinandersetzungen, in denen die bittersten Vorwürfe hin und herflogen
und manche scharfen Worte gebraucht wurden, die in ruhiger Stunde
schwerlich gefallen wären, die aber, wie der ganze Streit, von den Gegnern
der Sozialdemokratie mit Wohlbehagen breitgetreten und gegen die
Partei ausgespielt wurden. Die auch von vielen der Beteiligten nach-
träglich bedauerten Debatten fanden ein recht häßliches Nachspiel, als Lerr
Larden aus Ärger darüber, daß die des Verkehrs mit ihm Bezichtigten
nicht für ihn eingesprungen waren, sondern ihn mehr oder weniger abge-
schüttelt hatten, nun in breiten Artikeln über sie Herzog und sie der Anwahr-
haftigkeit zieh. Es entspann sich eine unerquickliche und sehr lange sich
hinziehende Preßpolemik im „Vorwärts", die namentlich bei der Masse der
Berliner Genossen die Mißstimmung gegen diejenigen, die man für Revi-
sionisten hielt, noch erheblich verschärfte.

Alles das verhinderte selbstverständlich nicht, daß die Sozialdemokratie bei
der zwei Monate nach dem Dresdener Parteitag erfolgenden Landtagswahl in
Preußen wieder einmütig kämpfte, so daß sie, trotz der großen Angunst des per-
fiden preußischen Wahlsystems, das es ihr unmöglich machte, in allen Wahl-
kreisen den Kampf aufzunehmen, nur zehntausend Arwählerstimmen weniger
erhielt als wie die stärkste aller übrigen Parteien. Es wurden für sie
314 149, für die Konservativen 324 157 Stimmen abgegeben. Während
aber die ersteren 143 Mandate erhielten, ward der Sozialdenwkratie keines
zuteil. Schuld daran war indes nicht ausschließlich das System, sondern
die Äaltung der freisinnigen Parteien, die durchgängig lieber den Kon-
servativen zum Sieg verhalfen, als sich mit der Sozialdemokratie zu ver-
ständigen oder in der Stichwahl für deren Kandidaten zu stimmen. Das
hatte dann zur Folge, daß auch die Sozialdemokraten ihrerseits bei den
Stichwahlen die Freisinnigen ihrem Schicksal überließen, so daß das End-
resultat der Landtagswahl von 1903 eine Verringerung der Mandate der
Freisinnigen war. Ein typisches Beispiel ist Breslau. Dort hatten 1898
die Sozialdemokraten den Freisinnigen ohne Gegenleistung den Sieg ver-
schafft. Nun aber verlangten sie, die ja die Lälfte der Wähler Breslaus
hinter sich hatten, von den Freisinnigen die Abtretung wenigstens des einen
der drei Mandate, und einer der drei 1898 Gewählten, Herr Gothein,
unterstützte das Verlangen als gerechtfertigt und erklärte sich bereit, zu-
gunsten eines Sozialdemokraten auf sein Mandat zu verzichten. Aber es
gelang ihm nicht, die Mehrheit seiner Parteimitglieder für diese demokratische
Politik zu gewinnen. Man ließ es im Gegenteil ruhig darauf ankommen,
daß die Vertretung Breslaus klerikal-konservativ lvurde. And so war es
anderwärts auch.

Auch in Berlin hatte jetzt die Sozialdemokratie den Kampf bei der
Landtagswahl aufgenommen. Genaueres über das Resultat findet der
Leser in einem besonderen Kapitel. Lier sei jedoch erwähnt, daß es im
höchsten Grade ermunternd ausfiel. Es fehlte damals schon wenig an der
Wahl von sozialdemokratischen Vertretern für den Norden Berlins.

Der neue Landtag bewilligte der Regierung nach vielen Verhandlungen
endlich im Jahre 1905, im Verein mit anderen Verbesserungen der Wasser-
straßen, auch die Fortführung des begonnenen Stücks vom Mittellandkanal.
Doch wurde ihm Hannover als Grenze gesetzt, damit das geheiligte Ost-
        <pb n="58" />
        ﻿^ Der „wahre"

Arbeilerschuh.

vom «Schutz -er Arbeit" wurde viel versprochen,
Galt 5, abzugraben uns im Volk den Boden,
Gelästert wurden keck die .Volksverhehsr".

Und mancher Bannfluch traf die bösen „Bothen"
Sie sollten schuld sein, daß in unsrem Volke
Zufriedenheit noch Linkehr nicht gehalten,
weil sie geschürt den Alassenhaß der Menge,
weil ste das Volk in Arm und Reich gespalten.

Vas Volk vernahm die schönen, stolzen Worte
Und harrte zweifelnd ans die großen Thaten,
Doch immer größer wurden hie Erfolge
Der vielgeschmähten rothen dcmokratcn,

Denn was zum «Schutz der Arbeit" Man geschaffen.
Erwies sich, wenn ma» es besah bei Lichte,
Gewöhnlich nur als Fessel für die Arbeit
Und ewig blieb's die nämliche Geschichte.

Der Proletar, der kühn für seine Recht«
Gekämpft im Bund mit seinen Leidgenoffen.
Geächtet ward er von de» Unternehmern
Und von dem Staate ward er ausgeschlossen.

Geschötztwardnurdas.Schwarzbeiii'braound bieder

Das seinem Herrn gehorcht bei jedem Winke
Und in den Rücken fällt der Arbeit «ämpfern —
Das ist der «Schutz der Arbeit" ohne Schminke.

Druck und Verlag jpok tsl. Ernst in München.

30.	Karikatur auf die Zuchthausvorlage

„Süddeutscher Postillon"
        <pb n="59" />
        ﻿54

elbien von ihm verschont blieb. Auch sehten die Junker es durch, daß die
Benutzung dieser Wasserstraße möglichst verteuert wurde. Der große west-
fälische Bergarbeiterstreik des Jahres 1905 hatte eine Novelle zum Preußischen
Berggesetz zur Folge, die den Arbeitern einige Zugeständnisse macht (Verbot
des „Nullens", Arbeiterausschüsse, Zulassung von Vertretern der Arbeiter
bei Begutachtung der Förderung), sonst aber so weit hinter ihren Forderungen
zurückbleibt, daß sie das Verlangen nach einem Reichsberggesetz nur gesteigert
hat. Am den Einfluß der Regierung im Rat der westfälischen Gruben-
lords zu stärken, ließ sich Minister Möller vom Landtag gegen 70 Millionen
Mark zum Ankauf von Aktien des Libernia-Anternehmens bewilligen, ver-
fuhr in der Sache dabei aber so maßlos ungeschickt, daß er bald darauf
sein Amt niederlegen mußte. Er hatte den Magnaten von Kohle und
Eisen den Pelz waschen wollen, ohne ihn naß zu machen; die aber gaben
ihm zu verstehen, daß er ihnen den Staub wegzublasen habe. Worauf
der lange Möller flog und durch den bisherigen Oberpräsidenten Delbrück
ersetzt wurde. Am dieselbe Zeit bekamen das Ministerium des Innern in
Lerrn von Bethmann Lollweg, das Justizministerium in Lerrn Beseler
und das Landwirtschaftsministerium in Lerrn von Arnim-Kriewen eben-
falls neue Vorsteher.

Der neue Reichstag bewilligte als eine seiner ersten Taten Kredite für
die Niederschlagung des in Südwest-Afrika ausgebrochenen Aufstands der
Lerero. Da sich auf Grund der ersten Nachrichten aus dem Aufstand-
gebiet nichts Genaues über die Arsachen des Aufstands feststellen ließ,
sondern nur die Tatsache vorlag, daß deutsche Ansiedler und ihre An-
gehörigen getötet worden, andere in Lebensgefahr waren, hielt es die
sozialdemokratische Reichstagsfraktion nicht für richtig, die Kredite zu ver-
weigern, konnte aber, als Gegnerin des Systems, nach dem die Kolonien ver-
waltet und die Eingeborenen auf ihnen behandelt werden, die Mittel auch nicht
bewilligen und übte daher bei der ersten Beratung der Regierungsvorlage
motivierte Stimmenenthaltung. Als später genauere Nachrichten eintrafen,
aus denen hervorging, daß die Lerero durch höchst wucherische Praktiken
von Ländlern und deren Anterstützung durch deutsche Behörden zum Ver-
zweiflungskampf getrieben worden waren, da lehnten die Sozialdemokraten
die Mittel für die Kriegsführung ab, indem sie verlangten, daß mit den
Lereros friedlich verhandelt und ihren Beschwerden abgestellt werde. An
dieser ablehnenden Laltung hielten sie auch bei den nachfolgenden Kredit-
forderungen für den Krieg in Südwest-Afrika um so mehr fest, als die
Art der Kriegsführung ihren Protest in mehr als einer Linsicht heraus-
forderte. Abgesehen von den Verlusten an Menschenleben hat dieser Krieg
dem deutschen Volk weit über 300 Millionen Mark gekostet.

Gesetzgeberisch brachte die Session von 1904 ein Gesetz über die Er-
richtung von Kaufmannsgerichten und ein Gesetz über die Ent-
schädigung unschuldig Verhafteter. Obwohl die Sozialdemokratie
anerkannte, daß beide Gesetze Forderungen entsprachen, die sie oft erhoben
hatte, und sich alle Mühe gab, ihnen einen wahrhaft fortschrittlichen
Charakter zu geben, mußte sie wegen Ausschluß der Frauen und Ansetzung
viel zu hohen Alters für die Wählbarkeit gegen die Kaufmannsgcrichte und
wegen Einfügung von allerhand Kautschukparagraphen auch gegen das Ent-
schädigungsgesetz stimmen.
        <pb n="60" />
        ﻿55

Vreis 20 Pfennig

Sozialdemokratische Agitations-Bibliothek

Zeitbilder aus dem KlaTsenstaat
II.

Der Zukunstsstaat
der Junker

Mameuffeleien gegen die Sozialdemokratie im
preußischen Herrenhaus am I I und lZ.Mai 1904





Dem Reichstag des
Jahres 1905 lagen die ersten
Handelsverträge vor,die
auf Grund des neuen Zoll-
tarifs abgeschlossen waren,
nämlich mit Österreich, Ruß-
land, Italien, Rumänien,

Serbien und der Schweiz.

Wie zu erwarten war,
brachten sie sehr erheblich
verschlechterte Bedingungen
für die deutschen Export-
industrien,und zwar eben weil
ihnen die höheren Mindest-
zölle des Tarifs auf Ge-
treide, Vieh usw. zugrunde
lagen. Damit verstand es
sich für die Sozialdemokratie
von selbst, daß sie abzu-
lehnen waren, und dem-
gemäß hat die Fraktion
denn auch in der von ihr be-
antragten namentlichen Ab-
stimmung gestimmt. Unser
summarischer Überblick über
die politische Entwickelung
Deutschlands und den all-
gemeinen Gang seiner sozial-
demokratischen Bewegung in
den fünfzehn Jahren, die
uns beschäftigen, wäre da-
mit zu Ende. Ein Punkt
sei indes noch hervorgehoben.

Während der hier behandelten Epoche beschäftigten wiederholt Prozesse
die öffentliche Meinung, die tiefen Einblick in die sozialen Zustände gewährten
und außer in der sozialdemokratischen Presse auch im Reichstage und je
nachdem auch in den städtischen Vertretungen von der Sozialdemokratie
beleuchtet wurden. Hierher gehört aus dem Jahre 1891 der gegen den
Zuhälter Äeinze und seine Frau, eine Prostituierte, wegen Mordes geführte
Prozeß, der allerhand Greuel des Zuhältertums und der Prostitution ans
Licht zog und in Wilhelm II. den Wunsch erweckte, dem Übel mit Straf-
gesetzen und Polizcimaßnahmcn zu Leibe zu gehen; welchem Wunsch ver-
schiedene verunglückte Vorlagen an den Reichstag und schließlich die farb-
lose Lex Heinze von 1900 ihr Entstehen verdankten. Ferner der Prozeß
gegen den Bankier Sternberg wegen geschlechtlichen Mißbrauchs von
Kindern, der Spielerprozeß der Harmlosen und ähnliche Sitten- oder rln-
sittenprozesse mehr. Dann eine Reihe großer Betrugsprozesse, wie er
Prozeß gegen den Bochumer Großindustriellen Baare wegen Lieser j
von „geflickten" Schienen an den Staat und seine Parodie, er p

Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt 6«ancr
3. unveränderle Auflage

Berlin 1904

Verlag: Expedition der Buchs- g n dl tut g Vorwärts
(Th. Glocke in Berlin)

31. Titelblatt einer Agitationsbroschüre
Verlag der Buchhandlung Vorwärts
        <pb n="61" />
        ﻿Ahlwardt-Löwe wegen angeblicher Lieferung unbrauchbarer Gewehre —
„Iudenflinten" — an den Staat, sowie die Bloßstellung des vorgenannten
Baare und anderer Kapitalisten wegen grandioser Steuerhinterziehungen und
allerhand Prozesse gegen Schwindclbanken und Bankenschwindel, der größte
davon der Prozeß des frommen Posbankiers Sanden und seiner Pelfer aus
Anlaß des Zusammenbruchs der Pommernbank. Ferner Prozesse wegen
grober Übergriffe von Polizei und Militär, wie die Erschießung von Leuten
aus dem Zivilstande durch Wachtposten (Prozeß Lück, 1892) oder betrunkene
Militärs (Fall Brüsewitz, 1899), die Prozesse Marschall von Bieberstein
gegen die Literaten Leckert-Lühow (1896) und den Polizeikommissar Tausch
(1897), welche die Amtriebe der politischen Polizei bismarckischer Zucht ans
Licht brachten, der Prozeß gegen den Verfasser des Romans „Aus einer
kleinen Garnison", der das Ränkespiel und die Ehebruchsbelustigungen von
Offizieren der Garnison Forbach schildert und die Kriecherei des Bürger-
tums vor dem doppelten Tuch illustriert, sowie Enthüllungen über die schmäh-
lichen Liebesdienste der preußischen Behörden gegenüber der zarischen Polizei,
über die Bespitzelung und Ausweisung von Russen und russischen Staats-
angehörigen, über praktisch auf Auslieferung hinauslaufende Abschiebungen
von russischen Sozialisten, über die Ausweisung von Dänen aus Nordschleswig
und die sinnlosen Anternehmungen der preußischen Regierung zur gewalt-
samen Germanisierung der polnischen Provinzen Preußens usw. usw. —
All das ward von der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion in geeigneter
Form im Reichstag zur Sprache gebracht, verschiedenes aber außerdem in
Protestversammlnngen inr Lande gegeißelt, wobei Berlin sich stets seiner
Pflichten bewußt zeigte. Wir werden auf einige dieser Versammlungen
in anderem Zusammenhang zurückkommen, die sehr summarische Aufzählung
gibt aber ein Bild davon, wie wenig die fünfzehn Jahre nach der Ein-
scharmng des Sozialistengesetzes für die Sozialdemokratie Jahre politischen
Stillebens gewesen sind. —
        <pb n="62" />
        ﻿Zweites Kapitel.

Die soziale Entwicklung Berlins von 1890-1905

große Aufschwung, den die Bevölkerung Groß-Berlins in der
) Epoche von 1875 bis 1890 genommen hatte, wurde in den folgenden
fünfzehn Jahren der absoluten Zahl nach noch übertroffen. Latte
sich die Einwohnerschaft Berlins mit den 29 Vororten seines näheren Am-
kreises damals um nahezu 800000 Seelen gehoben, so zeigt die Bevölkerungs-
ziffer von 1905 einen Zuwachs gegen 1890 um mehr als eine Million Seelen,
nämlich von 1 863 000 auf 2 943 000. Der Löwenanteil dieses Zuwachses
entfällt jetzt aber auf die Vororte. Berlin selbst, das heißt die Lauptstadt mit
den ihr 1861 angegliederten Außenteilen Gesundbrunnen, Wedding,
Moabit, hat zwar in der Periode 1890 bis 1905 noch um 462 000 Ein-
wohner zugenommen, aber so ansehnlich diese Zahl ist, steht sie doch hinter
der Zuwachsziffer der fünfzehn Jahre von 1875 bis 1890 — 614 000 —
schon erheblich zurück, was sich noch drastischer im Rückgang der Zuwachs-
rate ausprägt, die von 63,7 Prozent auf 29,3 Prozent gefallen ist. Die
Lauptstadt, wie sie als kommunale Einheit dem Gebiet nach abgegrenzt ist,
nimmt einen immer kleiner werdenden Bruchteil des von ihr angezogenen
Bevölkerungsstroms auf. Innerhalb ihres Weichbildes fallen immer mehr
Stadtteile jener Entwicklung anheim, die man als Citybildung bezeichnet:
bisherige Wohnhäuser werden in Geschäfts- oder Jndustriegebäude ver-
wandelt, die entweder nur noch vereinzelte Lausdiener oder Aufseher zu
Bewohnern haben oder aber überhaupt nicht mehr als Wohnstätten dienen,
sondern Nachts leer stehen und der Obhut von Schließgesellschaftcn oder
von Privatwächtern anvertraut sind. Infolge dieser Amwandlung weisen
die betreffenden Stadtteile denn auch einen ununterbrochenen Rückgang
ihrer Bevölkerungsziffer auf.

Alt-Berlin. . .
Alt-Cölln . . .
Friedrichswerder
Dorotheenstadl .
Friedrichsstadl .
Neu-Cölln . . .

zählten Einwohner		die Stadtbezirke:
1875	1890	1905
30 465	23 507	13 732
15 308	12 483	8 588
9176	5 636	3 436
18 788	16 364	9 402
72 865	68136	49 961
6817	6 424	4237

Lat hier überall der Rückgang schon vor 1890
andere Stadtteile, wie z. B. das Spandauer Viertel,

eingesetzt, so haben
zwar zwischen 1875
        <pb n="63" />
        ﻿und 1890 noch Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen gehabt, aber von
1890 bis 1905 ein Abnahme sich vollziehen sehen, die den Bevölkerungs-
stand noch hinter die Zahl von 1875 zurückgeworfen hat. And selbst in
denjenigen Stadtteilen, die im ganzen noch die steigende Tendenz innehalten,
in den Außenvierteln des Nordens, Ostens, Südens und Nordwestens,
verlangsamt sich der Zuwachs. Das Läusermeer hat sich fast über den
ganzen Boden Berlins ausgebreitet, es sind nur noch Oasen, die ihm
innerhalb des alten Weichbildes der Stadt zur Eroberung offenstehen.

So muß denn der größte Teil des Menschenstroms, den die Haupt-
stadt anzieht, sich in die Vororte ergießen, und das bewohnte Gebiet dieser
dehnt sich immer gewaltiger aus. Von den Vororten, deren Wachstum
zwischen 1875 und 1890 im siebenten Kapitel des zweiten Bandes dieser
Geschichte vorgeführt wurde, haben die sechs dort als Arbeitervororte
bezeichneten Ortschaften nunmehr zusammen um mehr als das Dreifache an
Bevölkerung zugenommen, ein Wachstum, dessen Prozentzahl die der

zweiundeinhalbmal größere war.	Es hatten	Einwohner:	
Boxhagen mit Rummelsburg	1875	1890	1905
und Lichtenberger Kietz . . Lichtenberg mit Friedrichsberg	2 712	I I 038	33 003
und Wilhelmsberg . . .	12 379	22 905	55 365
Pankow		3 937	6 998	29 066
Reinickendorf		4 976	10 064	22 430
Rixdorf 			15 323	35 702	153 520
Weißensee u. Reu-Weißensee	2 904	19 804	37 606
Insgesamt:	42 231	106 511	330990

Ein geradezu phänomenales Wachstum. And doch wird es durch das
Anwachsen der als gemischt bevölkert bezeichneten Vororte noch übertroffen.
Sie zeigen uns die folgenden Einwohnerzahlen:

	1875	1890	1905
Charlottenburg		25 847	76 859	239 547
Wilmersdorf		2 367	5 164	63 568
Schöneberg		7 467	28 721	140 992
Steglitz		5 467	12 530	32 832
Tempelhof mit Lasenheide	2 205	5 248	10 583
Insgesamt:	43 353	128 522	487 522

Lier hat sich die Bevölkerung in fünfzehn Jahren nahezu vervierfacht,
ebenfalls eine größere Zuwachsrate, als sie die gleichen Ortschaften in den
vorhergegangenen fünfzehn Jahren verzeichneten.

Zählen wir die zehn Ortschaften zusammen, so zeigt sich uns ein
Gebiet, das im Jahre 1875 von 85 584 Personen bewohnt war, im
Jahre 1905 von 818 512 Menschen bevölkert, fast die zehnfache Zahl und
nur noch wenig entfernt von der Million. Drei der Orte, Charlottcnburg,
Rixdorf und Schöneberg, haben in der Zwischenzeit Stadtrang erhalten
und sind in der Tat der Bevölkerung nach heute Großstädte, auch Lichten-
berg sowie Wilmersdorf, welch letzteres 1875 erst 2367 Einwohner zählte,
sind heute Städte und eifern ihnen nach. Alle die genannten Orte
sind dabei so eng mit Berlin zusammengewachsen, daß sie für das
        <pb n="64" />
        ﻿
        <pb n="65" />
        ﻿60

Verkehrsleben einfach nur Stadtteile des letzteren bilden. Ihr Straßen-
netz geht unvermittelt in das Straßennetz von Berlin über. Charlottenburg
und Schöneberg sind im wesentlichen nur Aussttahlungen von Berlin-West,
und eine Anzahl ihrer Postämter gehören auch demgemäß zum Zentralamt
dieses Stadtteils. Rixdorf bildet die Verlängerung des Südostens, Box-
hagen, Friedrichsberg, Rummelsburg sowie Lichtenberg mit Nebenorten
die des Ostens von Berlin, Pankow und Reinickendorf wachsen mit den
nördlichen Stadtteilen Berlins zusammen, und Weißensee ist nur noch
durch einen ganz schmalen, sich immer mehr verengernden Streifen-
unbebauten Bodens vom Nordosten Berlins getrennt.

And nicht nur, daß diese Orte mit Berlin verwachsen sind, gliedern
sich an ihre Verlängerung von Berlin hinweg wieder andere Orte an, die
vordem isoliert liegende Dörfer und Flecken waren, nun aber gleichfalls
in rascheres Wachstum eingetreten sind. Ähnliches gilt auch von den meisten
Orten, die zwischen den genannten großen Ausstrahlungen Berlins liegen.
In der ganzen Amgebung dehnt und reckt es sich. Lier werden frühere
Dörfer zu Wohnkolonien für bestimmte Schichten des bessergestellten
Bürgertums mit ihrem Anhang, dort erstehen in Masse Wohnquartiere
für Kleingewerbetreibende, Beamte und die um Lohn arbeitenden breiten
Volksklassen, und einige dieser Orte entwickeln sich zugleich zu Produktions-
stätten von Bedeutung. Bis über den zweimeiligen Amkreis von Berlin
hinaus sind aber alle Orte in der einen oder andern Weise organisch mit
der Hauptstadt verbunden, die so einem Polypen mit immer weiter sich
ausstreckenden Fangarmen zu vergleichen ist. Was von den Fangarmen
erfaßt wird, hört auf, ein Organismus für sich zu sein und bezieht sich in
seinen Lebensäußerungen immer stärker auf Berlin als Zentralkörper, der
rückwirkend seinerseits aber auch in immer größere funktionelle Abhängigkeit
von jenen Außenteilen gerät, ohne sie in seiner jetzigen Gestatt nicht atmen,
sich nicht &gt;nehr lebenskräftig regen könnte.

Anter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher Zusammengehörigkeit ist daher als
Berlin nicht mehr nur die diesen Namen tragende Stadtgemeinde zu ver-
stehen, sondern mit ihr das ganze Konglomerat von großen und kleinen
Orten, das im meilenweiten Amkreise um sie herum sich gruppiert. Soweit
ein zwei Meilen fassender Radius vom Zentrum aus es umschreibt, wird
es heute von der Statistik als das größere oder Groß-Berlin bezeichnet
und hatte 1905 eine Bevölkerung von 3201849 Seelen. Rechnet man
dagegen zur Stadtgemeinde Berlin die beiden Reichstagswahlkreise hinzu,
die Berlin umgeben, nämlich die Wahlkreise Niederbarnim und Teltow-
Becskow-Storkow-Charlottenburg, so erhält man ein Groß-Berlin, das 1905
3,3 Millionen Seelen umfaßte. And dieses, nicht nur den ehemaligen weiteren
Polizeibezirk Berlin, sondern auch das Groß-Berlin der statistischen Ein-
teilung an geographischer Ausdehnung und Bevölkerungszahl noch über-
treffende Gebiet wird in der hier zu behandelnden Zeit für eine Anzahl
politischer Zwecke das Groß-Berlin der Sozialdemokratie.

Wenn aber aus dem Groß-Berlin der Polizeiverwaltung und auch
aus dem Groß-Berlin der Statistik Orte weggeblieben sind, die wirtschaftlich
noch zu Berlin gehören, so umfaßt dagegen das sozialdemokratische Groß-
Berlin eine Reihe von Ortschaften, die mit der Lauptstadt in keiner wesentlich
anderen Beziehung stehen, wie irgendwelche sonstige Ortschaft der Monarchie.
        <pb n="66" />
        ﻿61

Reben Luxusvororten, Jndustrievororten und Arbeiterwohnvororten gehören
Zum sozialdemokratischen Groß-Berlin auch noch eine Anzahl richtiger Dörfer
und Landstädte. Aber dies ist selbstverständlich nicht die Folge von irgend-
welcher Willkür von seiten der Partei. Lier war es ganz einfach die
bestehende Wahlkreiseinteilung, bei der man sich um organische Beziehungen
nicht gekümmert hatte, die jene Abgrenzung vorschrieb. Da die beiden Reichs-
tagswahlkreise, die Berlin umgeben, zu mehr als zwei Dritteln ihrer Be-
völkerung organisch zu Berlin gehören, mußte der restliche Teil mit in das
Groß-Berlin der Sozialdemokratie, die sich nach Wahlkreisen gliedert, ein-
bezogen werden.

Wie verteilt sich nun die Bevölkerung von Berlin und Amgegend
nach Berufen und Klassen, und wie hat sich ihre Berufs- und Klassen-
gliederung in den Jahren entwickelt, die wir hier zu betrachten haben?
Eine besondere zusammenfassende Statistik für eines der drei als Groß-
Berlin bezeichneten Gebiete gibt es hierüber nicht, wohl aber liegen ver-
gleichsfähige Zahlen für die größten hierher gehörigen Orte und Bezirke vor.

Aber die Entwickelung der Fabriken sowie der den Fabriken gesetzlich
gleichgestellten gewerblichen Betriebe geben uns die Berichte der Gewerbe-
inspektoren für den Jnspektionsbezirk Berlin Auskunft, der bis 1900 aus
Berlin und Charlottenburg bestand, seitdem aber auch Rixdorf, Schöne-
berg und Wilmersdorf umfaßt, so daß er unter dem Gesichtspunkt der Ein-
wohnerschaft mehr als drei Viertel von Groß-Berlin darstellt. In der ersten
Epoche, von 1890 auf 1900, sehen wir in Berlin und Charlottenburg, während
die Bevölkerung um etwas über 25 Prozent zunimmt, die Zahl der Fabriken
und fabrikmäßigen Betriebe von 5186 auf 9774, das heißt um 88,5 Prozent,
und die der in diesen Unternehmungen beschäftigten Arbeiter von 159505
auf 229228, das heißt um 43,7 Prozent sich vermehren. In der zweiten
Epoche, von 1901 auf 1905, vollzieht sich in dem vergrößerten Inspektions-
bezirk folgende Entwickelung:

&gt;Ml	,905 frÄ!

Gesamtbevölkerung........................ 2 295 000	2 574 000	12,2

Fabriken und fabrikmäßige Anlagen ...	10 740	13 646 27,1

Zn diesen Betrieben beschäftigte Arbeiter.	233 762	285 915 22,3

In beiden Epochen hat sich sowohl die Zahl der Fabriken wie die der
in ihnen beschäftigten Arbeiter schneller vermehrt als die der Gesamt-
bevölkerung, aber in beiden Epochen ist zugleich die Zahl der Fabriken und
fabrikmäßigen Anlagen schneller gestiegen als die Zahl der in ihnen be-
schäftigten Arbeiter. Der Durchschnitt der Zahl der Arbeiter pro Betrieb
ist jedesmal zurückgegangen. Er war 1890 für den damaligen Zählungs-
bezirk 31 Arbeiter pro Betrieb, 1905 aber nur 21 Arbeiter pro Betrieb.
Das bedeutet indes durchaus noch nicht einen entsprechenden Rückgang
oder auch nur Stillstand in der Entwickelung zum Großbetrieb, sondern
gibt nur die Tatsache wieder, daß immer mehr ehedem außerhalb des
Fabrikgesetzes stehende Kleinbetriebe zu Motorenbettieben sich entwickelt
haben, die nun dem Fabrikgeseh unterstehen. Es ist ein technischer Auf-
stieg, der es bewirkt, daß die Durchschnittsgröße der Fabriken in einer
Epoche plötzlich verringert erscheint, in der tatsächlich in Berlin mehr no )
als im Staatsdurchschnitt die Groß- und Riesenbetriebe an	utl

Amfang steigend zunehmen. Wohl wird in dieser Zeit mancher ''rop-
        <pb n="67" />
        ﻿-- 



— 62

betrieb oder manche Abteilung eines Riesenbetriebes in die entfernteren
Vororte Berlins verlegt. So wandern d^e Borsigschen Werkstätten von
Moabit nach Tegel, so Teile der Siemensschen Werke nach Westend,
Betriebe der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft nach Oberschöneweide,
und andere Werke, wie unter anderem große Abteilungen der Schwarh-
kopffschen Maschinenfabrik, ziehen noch weiter ins Land hinaus. Teils lassen
die steigenden Bodenpreise es als vorteilhaft erscheinen, das alte Fabrikterrain
zu parzellieren und die Fabrik nach außen zu verlegen, teils nötigt die
Unmöglichkeit, angrenzende Grundstücke für die nötig gewordene Betriebs-
erweiterung zu erwerben, zur Verlegung von Betrieben, teils schreiben
sonstige technische oder Verkehrsbedingungen die Wanderung vor. Trotzdem
aber haben bis in die neueste Zeit auch in Berlin mit Vororten die Groß-
betriebe an Zahl und Amfang zugenommen. In Berlin vermehrten sich die
stehenden und beweglichen Dampfmaschinen zusammen bis 1905 auf 1576 mit
123 028 Pferdekräften. In den Vororten vollzog sich in der gleichen Zeit
eine Vermehrung auf 911 bewegliche und unbewegliche Dampfmaschinen mit
zusammen 72 415 Pserdekräften. Zahlen, die denen der größten Industrie-
orte Deutschlands gleichkommen.

Alles in allem gibt indes die Statistik der Fabriken und fabrikmäßigen
Betriebe nicht nur ein sehr farbloses und trockenes, sondern auch ein sehr un-
vollständiges Bild von der gewerblichen Entwickelung Berlins und seiner
Bevölkerung. Außer seinen großen und weltbekannten Fabriken in den ver-
schiedenen Zweigen der Metallverarbeitung, insbesondere des Maschinenbaues
und der Instrumentenfabrikation, den großartigen Etablissements der Lolz-,
Leder- und Textilstoffverarbeitung, der Masse bedeutender chemischer, optischer,
graphischer usw. Fabriken, beherbergt Berlin unzählige kleine und mittlere
Werkstätten, die der Fabrikinspektion nicht unterstehen, sowie ganze Armeen
von Leimarbeitern, darunter namentlich solche der hier zu ganz besonderer
Bedeutung gelangten Kleider- und Wäschekonfektion. Die Zahl der Arbeiter
und Angestellten all dieser Gewerbe ist erheblich größer als die der Fabriken
und fabrikmäßigen Betriebe. Wie sich die Arbeiterzahl Berlins in ihrer
Gesamtheit in der Zeitperiode vermehrt hat, die dieses Buch behandelt,
läßt sich unter anderem an der Entwickelung der Krankenkassen Berlins ver-
folgen, die auf Grund des Krankenversicherungsgesetzes eingerichtet oder
ihm angepaßt sind. Freilich sind diese Kassen in bezug auf die in ihnen
Versicherten nicht örtlich so abgegrenzt, daß eine gesonderte Betrachtung
Berlins und anderer Orte möglich wäre, aus denen sich Groß-Berlin
zusammensetzt. Denn da in der Regel der Ott der Beschäftigung und
nicht der Wohnort für die Bestimmung der Versicherungsstelle maßgebend
ist, haben wir in Berlin versicherte Arbeiter in Vororten, und je nachdem
in Berlin wohnhafte Arbeiter in Kassen der Vororte zu suchen. Für
unsre Betrachtung ist das aber kaum ein Nachteil. Bungen doch unter
diesen Amständen die Zahlen der Krankenkassen Berlins nur um so stärker
das Fluten des gewerblichen Lebens zur Anschauung. Die Krankenversicherung
umfaßt, neben den eigentlichen Lohnarbeitern und den schlechter bezahlten
Schichten der Angestellten in Gewerbe und Landel, auch einen großen Teil der
sogenannten Lausgewerbetreibenden, und wie sehr die Zahlen der Versicherten
sich denZahlen der von der Berufszählung ermittelten Personen annähem, zeigt
ein Blick auf die beiderseitigen Ergebnisse der Statistik von Ende 1890.
        <pb n="68" />
        ﻿Haus-Ordnung

für das

em

Wicfenstratze 55-59.

I.	Da-3 Asyl darf von einer und derselben Person innerhalb vier Wochen nicht öfter als
viermal hintereinander benutzt werden.

Ä. Die Benutzung findet statt:

&amp;) im Witter (twia i. Oktober bis i. Avril) von Abcllds 5 bis Morgens ? llhr,
b) im Sommer (i. Avril bis i Ok-b-r) von Abends 6 bis Morgens 6 Uhr.

Wer das Asyl des Morgens früher verlassen will. hat dies Abends vorher bei der
Ausnahme zu melden.

3.	Di- S-MM-lh-Le wird !M Winter nm 3. im Sommer um 5 Uhr Nachmittags geöffnet.

4.	Betrunkene oder mit Ekel erregenden sichtbaren Krankheiten behaftete Personen werden
nicht in das Asyl aufgenommen.

5.	Die Angabe des Namens und der sonstigen persönlichen Verhältnisse wird von Personen,
welche das Asyl benutzen wollen, nicht gefordert. Dieselben sind berechtigt, während ihres
Aufenthaltes im Asyl jede Auskunft in dieser Beziehung, mag sie gefordert werden von wem sie
wolle, zu verweigern. Eine Ausnahme hiervon findet nur statt bei Vornahme von Zählungen,
welche zu statistischen Zwecken gesetzlich vorgeschrieben sind.

6.	Wer das Asyl benutzt, har sich während seines Aufenthalts daselbst den Anordnungen
der Hausbeamten zn fügen.

7.	Nach den» Eintritt und vor dem Verlassen mntz jeder Besucher sich Hände und Gesicht
waschen. Die Benutzung der Badeeinrichtnng wird dringend empfohlen. In den Fällen, wo der
Hausinspektor es anordnet, must der betreffende Asylist ein Bad nehmen. Während des Badens
werden die Kleider desinsicirt.

8.	Jedem Besucher wird seine Lagerstätte für die Nacht angewiesen, welche er sPälksttW

in Witter ca 8 Uhr. in Sommer am 10 Uhr -!»zm&gt;-bm-i&gt; ha». In den Dche-mi-« ist

jedes rvhestörende Geräusch zu vermeiden.

9.	Oberkleider und Schnhzeug sind beim Einnehmen der Lagerstätte abzulegen und die Kleider
am Bettpfosten aufzuhängen.

10.	In der Ehhalle. welche auch zur Ansbesserung von Kleidungsstücken und Schuhzeug
benutzt werden kann, ist gesittete nicht zu laute Unterhaltung gestattet. Ausdrücklich V§rÜ0tekl

ist bei Strafe sofortiger Ausweisung aus dem Asyl alles Lärmen, Kartenspiel,
Labakrauchen und Branntweiutriuken.

II.	Das Waschen. Baden, sowie die Reinigung der Kleider findet nach Anweisung der Haus-
beamten statt.

12.	Abends wird eine Suppe mit Brot gereicht. Morgend Kaffee nebst einer Schrippe.

13.	Die Benutzung des Asyls ist unentgeltlich.

14.	Zuwiderhandlungen gegen die Hausordnung können vom HauSinspektor mit Ausweisnng
aus dem Hans bestraft werden.

Berlin, 1. Dezember 1898.

Der Vorstand

Ser Berliner üfyl-üerelns für Obdatölofe.

33. Plakat. Hausordnung für das Männer-Asyl des Berliner Asyl-Vereins

für Obdachlose
        <pb n="69" />
        ﻿Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1890, die zugleich in ziemlich
weitem Maße Berufszählung war, wurden in der Stadt Berlin als Gewerb-
tätige in abhängiger Stellung (Angestellte, Gehilfen, Gesellen, Arbeiter, Lehr-
linge) 282627, als selbständige Gewerbetreibende ohne Arbeiter 110389
Personen gezählt, zusammen 396656 Personen. Auf Grund des Kranken-
versicherungsgesetzes waren dagegen Anfang 1891 371919 Personen in den
Krankenkassen Berlins versichert, also kaum 25 000 Personen weniger. Da
damals schon ein nennenswerter Bruchteil der in Berlin beschäftigten Arbeiter
in den Vororten wohnte, hätte man eher das umgekehrte Verhältnis erwartet.
Indes sind hier in der Zahl der Berufstätigen die Angestellten in Pandel
und Gewerbe einbegriffen, von denen ein großer Prozentsatz nicht versicherungs-
pflichtig ist, und ebenso werden von den Gewerbetreibenden ohne Gehilfen
stets eine sehr große Zahl von der Versicherung nicht erfaßt. So war es
möglich, daß Berlin weniger Versicherte als abhängige Berufstätige hatte.
Trotzdem nun beide Umstände noch 1905 fortbestanden, ist die Zahl der
nach dem Krankenversicherungsgesetz Versicherten mittlerweile bis auf
737 500 angewachsen. Das sagte nicht, daß Berlin in dem Maße
proletarischer geworden sei, wie es nach dieser Gegenüberstellung erscheinen
würde. Diese Folgerung ist nicht aus ihr zu ziehen. Wohl aber geht
aus ihr hervor, in wie hohem Maße die Industrialisierung und Ausdehnung
des Geschäftslebens gerade in der Stadt Berlin in den dazwischenliegenden
Jahren zugenommen hat. Zwar wachsen auch in den Vororten, die eigene
Orts- usw.Krankenkassen haben, die Zahlen der dortVersicherten, aber sie halten
mit den Versicherungszahlen des eigentlichen Berlin keinen Vergleich aus.

Das „kleine" Berlin ist das umfassende geschäststätige Zentrum des
ganzen Komplexes, der sich Groß-Berlin nennt. Pier, in Berlin selbst, laufen
die Pauptadern des Geschäftslebens des größeren Berlin zusammen, hier sind
die Masse der Fabriken und Werkstätten, der Magazine und Läden, der
Schreib- und Arbeitsstuben des Weltstadt-Polypen. And wenn die des
Morgens unausgesetzt in Berlin einfahrenden vielen Vorortzügc und Straßen-
bahnen mit ihrer Fülle von Fahrgästen es auf das greifbarste veranschaulichen,
welche Armeen von in Berlin Arbeitenden draußen in den Vororten wohnen,
so hat ihrerseits die Gewerbezählung vom 12. Juni 1907 für unsre Epoche
eine Vermehrung der gewerblich abhängigen Bevölkerung der Haupt-
stadt nachgewiesen, welche die ihrer Gesamtbevölkerung beträchtlich über-
steigt. Mit andern Worten, daß Berlin am Ende der uns beschäftigenden
Periode noch weit mehr „Proletarierstadt" geworden ist, als es zu Anfang
derselben war.

Aber das heißt natürlich nicht, daß es in dieser Zeit etwa im Ver-
hältnis ärmer geworden sei als zu Anfang. Im Gegenteil. Wer die
Steuerlisten für Berlin durchgeht, wird vielmehr finden, daß die Zahl der
Zensiten mit höherem als proletarischem Einkommen sich zwischen 1890 und
1905 im Verhältnis weit stärker vermehrt hat als die Gesamtbevölkerung.
Wir müssen hier, um vergleichsfähige Zahlen zu gewinnen, von der Steuer-
veranlagung für das Jahr 1892/93 ausgehen, der ersten Veranlagung nach
dem Einkommensteuergesetz vom 24. Juni 1891. Vom Jahr der ersten
Veranlagung — Anfang 1892 — an bis zum Anfang 1905 hat sich die
Bevölkerung Berlins von 1 606 617 auf 1 988 809, d. h. um 23,8 vom
Hundert, vermehrt. In der gleichen Zeit stieg die Zahl der mit mehr als
        <pb n="70" />
        ﻿Speisenausgabe im Berliner Asylverein für Obdachlose

Sammelraum für Frauen im Berliner Asylverein für Obdachlose
        <pb n="71" />
        ﻿65

3000 Mk. steuerpflichtigen Einkommens eingeschätzten Personen („physische
Zensiten") in Berlin von 43 846 auf 57 006, d. h. um 30 vom Lundert.
In bestimmte größere Einkommensgruppen eingeteilt, zeigten sie folgendes Bild:

Einkommen	1892/93	1905/06	v^LunVert

über 3 000 bis 5 000 Mk. 20 826	26 669	' 28,1

„	5	000	„	9 000	„	10 051	15 534	54,5

„	9	000	„	20 500	„	8 198	9 167	11,8

„	20	500	„	40 000	„	2 866	3 245	13,2

„	40	000	„	100 000	„	1 416	1 707	20,5

„ 100000 Mk.	489___________684____________39&lt;j

Insgesamt: 43 846	57 006	30

Es sind danach drei von den sechs Gruppen, die wir hier betrachten,
stärker gewachsen wie die Gesamtbevölkerung, und drei hinter ihr in der
Zunahme zurückgeblieben. Ersteres gilt von den zwei Gruppen des noch
ziemlich bescheiden lebenden Mittelstandes und der Gruppe der ganz Reichen,
letzteres von den drei Gruppen des oberen Mittelstandes in seinen ver-
schiedenen Abstufungen, jener Gesellschaftsschicht, an die man zuerst denkt,
wenn das Wort Bourgeoisie gebraucht wird. Anscheinend ständen wir
somit vor einem relativen Rückgang dieser Klasse. Indes bezieht er sich
eben nur auf das eigentliche Berlin und erklärt sich hier daraus, daß
Berlin in immer höherem Grade Mitglieder der Klasse der Wohlhabenden
an die dem Luxuswohnen bestimmten Vororte abgibt. In den Monats-
berichten des Statistischen Amts der Stadt Berlin findet man oft sehr
interessante Feststellungen über diesen Auszug von Zensiten der oberen
Steuerstufen in die Luxusvororte. Er ist das Ergänzungsstück der eben
gekennzeichneten fortschreitenden Citybildung im inneren Berlin. Von einigen
besonders günstig gelegenen Stadtvierteln im Westen, Süden und Nord-
westen abgesehen, wird das alte Berlin von Jahr zu Jahr mehr Stadt
des Erwerbs. Die Rentiers ziehen nach Schöneberg, Charlottenburg, Grune-
wald und weiter hinaus, desgleichen in wachsender Zahl die Großkaufleute
und Großfabrikanten, deren Vermögen in Berlin gemacht wird. Der „Zug
nach dem Westen", wo die eleganten Quartiere sich ständig mehren, nimmt
immer größeren Amfang an. An das, was vor fünfzehn Jahren noch
„Berlin-West" war, hat sich ein „weiteresBerlin-West" angeschlossen, an dieses
ein „noch weiteres" und so fort. Dies ist auch der Grund, weshalb die
Zensiten mit großen Vermögen in Berlin Stadt nur in bestimmten
Vermögensklassen zunehmen, in anderen aber abnehmen. Es wurden
nämlich seit 1895, wo die Vermögenssteuer zuerst zur Erhebung kam, in
Berlin veranlagt Zensiten mit:

	Vermögen		1895	1905	Zu- oder Abi in Prozen
bis	zu 32 000 Mk.		22 593	29 648	+13,23
von	32 000 bis 52 000 Mk.		7 089	7 786	-f 9,83
	52 000 „	100 000		8 913	8 704	— 2,34
	100 000 „ 200 000		6 406	6 041	— 5,70
	200 000 „	500 000		4 880	4 386	— 10,12
	500 000 „ 1 000 000	ff	1692	1 551	— 8,33
	1 000 000 „ 2 000 000		760	773	-j- 1/71
über 2 000 000 Mk.			445	535	-1- 20,22
	Zusammen:		52 778	59 424	+12,59  5

Bernstein, Berliner Geschichte. III.
        <pb n="72" />
        ﻿s&gt;»»WWSMWM«ä

— 66 -

Die ganz Neichen, die in den eleganten Villen und Wohnhäusern der
Linden und des Tiergartens ihr Quartier haben, nehmen in Berlin noch
zu, und ebenso die Zensiten mit bis zu 52 000 Mark Vermögen, in deren
Reihen wir eine große Anzahl jener Geschäftsinhaber zu suchen haben,
die noch im gleichen Lause wohnen, wo sie ihr Geschäft betreiben, was
für die Inhaber größerer Geschäfte und Betriebe immer weniger zutrifft.
Die wohlhabende Mittelschicht der Kaufleute und Fabrikanten vielmehr
wohnt nur noch ausnahmsweise in Berlin selbst. Ihr Vermögen erscheint
nicht in den Steuerrollen der Lauptstadt, sondern in der Mehrheit der Fälle
in denen der Vororte mit besseren Etagenhäusern und mäßig teuren Villen.

Vor allem kommt da Charlottenburg in Bettacht. In dem Jahrzehnt
von 1895 bis 1905 hat sich die Zahl seiner Zensiten mit über 100 000 Mk.
Vermögen von 1983 auf 4641 vermehrt, nahezu auf das zweiundeinhalb-
fache oder um 134 Prozent. Der Steuerertrag der nach den Vermögen
berechneten Ergänzungssteuer stieg von 381 765 Mk. auf 1 036 092 Mk.
oder um 171,1 Prozent, was erkennen läßt, daß die höheren Vermögen in
stärkerem Verhältnis gestiegen sind, als die mäßigen Vermögen. In
Schöneberg, für das gesonderte Zahlen seit 1899 vorliegen, wo es Stadt-
gemeinde wurde, ist von jenem Jahre bis 1905, also in sechs Jahren, die
Zahl der Zensiten mit über 100 000 Mk. Vermögen von 710 auf 1902,
bezw. um 167,8, der Ertrag der Vermögenssteuer von 110 842 auf
281 395 Mk. oder um 153,9 Prozent gestiegen. Dagegen hat Rixdorf, das
gleichzeiüg mit Schöneberg Stadt wurde, nur einen Aufstieg dieser Zensiten
von 133 auf 203 (52,6 Prozent) und des Vermögenssteuerertrages von
17 983 auf 30 770 Mk. (71,1 Prozent).

Auch diese kleine Zusammenstellung läßt aufs deutlichste erkennen, wie
sehr Berlin und die Orte in seinem Amkreis organisch zusammengehören.
Da wohnt, so erzählen diese trockenen Zahlen, der Besitzer irgendeines
großen gewerblichen Anternehmens der Lauptstadt in einer Villa im
Gmnewald, sein erster Geschäftsführer in einer Etagenwohnung am
Kurfürstendamm in Charlottenburg, andere gut bezahlte Angestellte in
Schöneberg, Wilmersdorf oder in einer der besseren Wohnsttaßen Berlins.
Das mittlere Beamtenpersonal verteilt sich in bescheideneren Wohnungen
ähnlich, ist aber je nachdem auch in den nördlich, östlich oder südöstlich
gelegenen Vororten zu finden, und dort haben wir je nach der örtlichen
Lage der Geschäftsräume des Anternehmens dessen Arbeiterpersonal samt
den schlechter bezahlten Angestellten zu suchen. Am Tage sind mit wenigen
Ausnahmen alle die Bezeichneten in verschiedener Intensität und Dauer
in Berlin im Unternehmen selbst beschäftigt. Nachts aber steht dieses leer,
und wie die Bevölkerungsstatistik, für die nicht das Arbeiten, sondern das
Wohnen und Übernachten den Maßstab bilden, nichts von den Menschen
weiß, die dort am Tage schaffen, so sagt uns auch die Statistik der
Einkommensteuer nichts davon, welches im einzelnen die Einkommen sind,
die dort ihren Arsprung haben. Die Einkommen verteilen sich auf das
breite Gebiet des großen Berlin und noch darüber hinaus. Denn mehr
als je hat, wie die Liebe, von der Carmen singt, das Geld „leichte Flügel".

Lediglich hinsichtlich der Anternehmungen, die Kollektivkörperschaften
privatrechtlichen Charakters, d. h. Aktiengesellschaften verschiedener Art, gehören,
gibt uns seit der Miquelschen Steuerreform die Steuerstatistik Auskunft über
        <pb n="73" />
        ﻿
        <pb n="74" />
        ﻿68

ihr Vermögen und ihre finanziellen Erträge. Lier stoßen wir denn auch unter
beiden Gesichtspunkten auf ein Wachstum, das stärker ist, als das der
Bevölkerung. Wie durchgängig in der kapitalistischen Welt, nimmt auch
in Berlin die Kollektivform der Änternchmung und der Gesamtbetrag des
Kollektivkapitals in schneller Steigerung zu. 1892/93 zählte Berlin 242 nicht-
physische Zensiten, 1905 war ihre Zahl auf 383, das heißt um über
58 Prozent gestiegen. Die Zahl der nichtphysischen Zensiten in den
Vororten Berlins ist dagegen ziemlich gering. Wenn der Aktionär
frei ist „wie der Vogel in der Luft", so ist die Aktiengesellschaft in den
meisten Fällen an den Ort gebunden und wechselt ihn nur unter dem Druck
besonderer Ll instand e.

Absolut an den Ort gebunden ist nur wenig noch in unserer Zeit.

Wie aus den oben entwickelten Gründen eine Reihe von Fabriken und
fabrikähnlichen Anlagen in die nördlichen und östlichen Vororte gewandert
sind, so hat Berlin eine Anzahl von Bildungs- und Kunststätten, die ihrer
Natur oder Größe nach zur Lauptstadt gehören, an das im Westen gelegene
Charlottenburg abgegeben. So vor allem die Technische Lochschule und die
Lochschulen für die bildenden Künste und die Musik, sowie die physikalisch-
technische Neichsanstalt. Charlottenburg beherbergt das Ausstellungsgebäude
der Sezession und hat neuerdings auch ein erstes Rechtsinstitut, das
preußische Oberverwaltungsgericht, erhalten. Zwei Theater großstädtischen
Charakters liegen auf Charlottenburger Gebiet, und ein ebensolches Theater
hat neuerdings auch Schöneberg. Im ganzen freilich nimmt jedoch gerade
das Theater einen immer größeren Raum in Berlin ein. Jahr für Jahr
erstehen hier neue Theater, jedes Genre fast hat mehrere Bühnen, die es
kultivieren, und ganz besonders der Nordwcsten Berlins entwickelt sich zu
einem großen Theaterzentrum. Neben den Stätten des Dramas in seinen
verschiedenen Abtönungen und Formen samt vielen Stätten der Musik-
pflege breiten sich auch die sogenannten Spezialitäten- und Ausstattungs-
theater immer mehr aus, sowie die Musikhallen und Kabaretts, wie sich nach
französischem Vorbild neuerdings die teuren, aber keineswegs immer künstlerisch
höher gearteten Znterhaltungslokale jener Gattung nennen, für die um die
Zeit von 1870 der Ausdruck Tingeltangel geschmiedet worden war, und
neben der anspruchsvollen neueren Abart bestehen von diesen Lokalen nicht
wenige in ihrer ursprünglichen Gestalt auch heute noch. Ähnliches kann
von den öffentlichen Tanzlokalen Berlins gesagt werden. Sie erhalten sich
in allen möglichen älteren Formen, aber daneben kommt ein neues Genre
mit noch größerem Luxus und natürlich auch höheren Preisen auf, ohne
darum weniger Markt für Prostitution aller Art zu sein. Der Grundzug
der modernen Entwicklung macht sich auch hier geltend: während sich das
Durchschnittsniveau in bezug auf Ausstattung hebt, vergrößern sich die
Abstände. Manches in den Stätten der Erholung und des Genusses zeigt
Spuren eines verbesserten Geschmacks; selbst in den billigeren Lokalen sieht
es besser aus als früher, die dumpfen Kellerwirtschaften verschwinden und
Luft und Licht kommen mehr zu ihrem Recht. Aber die Verbesserungen
in den Wirtschaften, wo der Arbeiter verkehrt, sind winzig im Vergleich zu
der Steigerung des Luxus in den Restaurationen und Lotels der oberen
Schichten der besitzenden Klassen. Die Zahl und der innere Reichtum
dieser Llnternchmungen nimmt unausgesetzt zu.
        <pb n="75" />
        ﻿69

Berlin ist Arbeitsstadt geblieben und gleichzeitig Freuden- und Fremden-
stadt ersten Ranges geworden. Noch in den siebziger Zähren des 19. Jahr-
hunderts wurden seine Darbietungen in bezug auf Kunstanstalten,
Vergnügungsetablissements, technische und Verkehrscinrichtungen fast
nur von preußischen Provinzlern aufgesucht; in neuerer Zeit aber zieht
es immer mehr Gäste aus anderen Ländern an sich. Im Jahre 1890
wurden schon 505 482 Fremde in Berlin gemeldet, im Jahre 1905 aber
waren es eine volle Million — in genauer Zahl 1 004 774. In fünfzehn
Jahren hat sich der Fremdenverkehr verdoppelt. Im Durchschnitt beherbergt
Berlin in seinen Lotels, Pensionen und dergleichen monatlich 100000 Fremde.

Verdoppelt oder sogar mehr als verdoppelt hat sich aber auch die
Inanspruchnahme des jetzt in der Fröbelstraße, im Nordosten Berlins
gelegenen städtischen Obdachs für nächtliche Obdachlose. Im Jahre 1890
ward es von 227 896 Personen in Anspruch genommen, 1905 belief sich
die Zahl auf 581 680 Personen, nachdem sie 1904 schon 658 353 Personen
betragen hatte. Da Vergleiche einzelner Jahre leicht ein falsches Bild
ergeben, weil der wechselnde Geschäftsgang sich hier natürlich besonders
stark geltend macht, mag eine Zusammenstellung der ersten und der
letzten fünf Jahre seit Neueinrichtung des städtischen Obdachwesens —

24. Oktober 1887 — uns eine Vorstellung von dem Elend geben, welches
die Hauptstadt birgt. Es benutzten das städtische Obdach für nächtliche
Obdachlose:

Jahr	Besuch	Jahr	Besuch

1888	............. 223 909	1901	............. 526 567

1889	............. 205 703	1902	............. 603 487

1890	............. 227 396	1903	............. 589 606

1891	............. 317 849	1904	............. 658353

1892	............. 308 535	1905	............. 581 680

Durchschnitt 1888/92 256 678 Durchschnitt 1901/05 591 939

Auch der Durchschnitt von je fünf Jahren zeigt für unsere Periode
eine Steigerung auf erheblich mehr als das Doppelte der Gäste des Obdachs.
Das Jahr 1905 zeichnete sich durch ganz besonders günstigen Geschäftsgang
aus, es darf daher aus dem bedeutenden Rückgang, den es in bezug auf
die Zahl der Gäste des Obdachs aufweist, noch kein Schluß hinsichtlich der
Entwicklung der sozialen Verhältnisse gezogen werden.

Wenngleich anerkannt werden muß, daß die Grundsätze, nach denen
das städtische Obdach geleitet wird, und die Behandlung, welche die
Obdachlosen dort erfahren, gegen früher etwas besser geworden sind, und
daß wenigstens einige der schreiendsten Äbelstände des ehemaligen „Ochsen-
kopf" Abhilfe gefunden haben, so ist die Leitung doch noch weit von echter
Äumanität entfernt und ist für Sauberkeit und gute Lust noch lange nicht
genügend gesorgt. Es herrscht noch immer im wesentlichen der alte Polizei-
geist, der sich keine andere Disziplin als die unter der Fuchtel strammer
Aufseher vorstellen kann.	,

Das aus Privatmitteln errichtete und möglichst frei vom Polizeigeist
gehaltene Asyl des Asylvereins fiir Obdachlose in der Wiesenstraße iin
Norden Berlins, im Volk die „Wiesenburg" genannt, hat eine im Ver-
hältnis noch stärkere Zunahme seiner Frequenz zu verzeichnen als das stad 0 )
Obdach. Seine Besuchszahlen waren (Männer und Frauen zusammen-.
        <pb n="76" />
        ﻿Jahr	Besuch Jahr	Besuch

1888	............... 123	877	1901	  315	364

1889	............... 124	150	1902	  314	654

1890	............... 123	519	1903	  308	867

1891	............... 127	083	1904	  308	786

1892	............... 127	759	1905	  309	359

Durchschnitt 1888/92 125 278 Durchschnitt 1901/05 311 406

Äier ist die rasche Steigerung vornehmlich dem Amstand geschuldet,
daß das frühere Asyl der Gesellschaft, an dessen Stelle im Jahre 1897
das jetzige getreten ist, erheblich weniger Raum darbot als dieses. Am
dem immer stärkeren Andrang Genüge leisten zu können, wurde von der
Gesellschaft 1896/97 ein neues Asyl gebaut, das mit dem dazugehörigen
Grund und Boden über 750000 Mark gekostet hat. Das 1905 in Angriff
genommene und 1907 vollendete neue Frauenasyl dieses Vereins kostete
mit dem Grundstück nahezu 900 000 Mark.

Man kann für statistische Zwecke nicht schlechthin die Zahlen des Asyl-
vereins mit denen des städtischen Obdachs zusammenstellen. Denn bei den sehr
verschiedenen Grundsätzen, nach denen die Anstalten geleitet werden, sind es
nicht durchweg die gleichen Leute, die sie aufsuchen; es geht mancher in die
„Wiesenburg", der das städtische Obdach meidet. Da indes derselbe Mensch
nicht zugleich in beiden Anstalten nächtigen kann, ergibt die Zusammen-
rechnung doch einen Anhalt für die Zunahme der Obdachbedürftigen
Berlins. Wäre das Asyl des Asylvereins nicht vergrößert worden, so
würde der Andrang beim städtischen Obdach einfach ein noch stärkerer
gewesen sein, als wie er sich jetzt darstellt. Ziehen wir also beide Zahlen
zusammen, so erhalten wir für die erste Periode (1888/92) einen Durch-
schnitt von 381 956 und für die zweite (1901/05) einen solchen von
903 345 Besuchern im Jahr, was auf den Tag für die erste Periode rund
1040 und für die zweite Periode rund 2470 Besucher ergibt. Damit ist
die Zahl der jeweilig Asylbedürftigen natürlich nicht erschöpft, da es vor
beiden Anstalten gewöhnlich einen großen Prozentsatz von Leuten gibt, die
wegen Äberfüllung oder aus andern Gründen zurückgewiesen werden, viele
Obdachlose aber sich den Asylen fernhalten. Nicht das Bedürfnis nach
Obdach, sondern die Größe der Anstalten und die Anterkunftsbedingungen
bestimmen heute die Besucherzahl. Wie stark aber das Bedürfnis ist,
zeigt das Anschwellen der Besuchsziffern, sobald Vergrößerung der An-
stalten eintritt. Bis 1887 bewegte sich die Zahl der Besucher des städtischen
Asyls um 100 000, von 1888 ab, d. h. seit Eröffnung des neuen Obdachs,
ist 205 000 die niedrigste Zahl. Dies leitet mit Notwendigkeit zu dem
Schluß, daß in den Jahren vorher täglich 200 bis 300 Personen hatten
im Freien nächtigen oder ihre letzten Pfennige für Schlafgeld hingeben
müssen, die nun in den Asylen Obdach fanden. Die polizeilichen Ein-
lieferungen wegen Obdachlosigkeit liefern für ihre Zahl keinen Anhaltspunkt,
weil sich die meisten Obdachlosen der Polizei zu entziehen wissen. Jeden-
falls aber hat mit der Vergrößerung der Asyle die Zahl der Einlieferungen
wegen Obdachlosigkeit merklich abgenommen. 1890 waren es 9189, 1905
dagegen 3511 solcher Fälle.

Zurückgegangen ist in dieser Zeit auch die Zahl der wegen Prostitution
unter die sogenannte sittenpolizeiliche Kontrolle gestellten weiblichen Personen.
        <pb n="77" />
        ﻿71

Sie belief sich im Jahre 1890
auf 3713, im Jahre 1905 auf
3287 Personen. Der Rückgang
entfällt jedoch erst auf die zweite
Lälfte der fiinfzehn Jahre. In
der ersten Zeit findet im Gegen-
teil noch Zunahme statt, und
zwar so erheblich, daß 1892
4364, 1893 sogar 4663 Per-
sonen unter Kontrolle standen.
Seit Ende des Jahrhunderts
aber geht die Zahl der „Kon-
trollmädchen" ununterbrochen zu-
rück. Von 1901 ab ist die
Entwickelung die folgende:

Unter fittenpolizeiliche Kon-
trolle waren gestellt

flrbcitcr=Gc$undl)eit$=ßibliotl)ck

JT hirftwagegcten unter Leitung van 's

Dr. mcd. Zadch	'V

in der Arbeiterfamilie

Von

Dr. 3uUan pVarfeuse

1901 . .	4147 weibl. Pers.
1902 . .	3976	„	„
1903 . .	3815	„	„
1904 . .	3709	„	„
1905 . .	3287	„	„

preis 20 Pfennig

Berlin 1908

Verlag: Buchhandlung Vorwärts
lLans Weder.Berlin)

Berlin SW. 68



Für denjenigen, der den
Gesundheitsschutz, den die sitten-
polizeiliche Kontrolle erwirkt für zz. Titelblatt einer im Verlag der Buch-
sehr problemattsch, dre durch sie .	m ..	...	....

bewirkte moralische Entwürdi- ^»"lung Vorwärts erschienenen Broschüre

gung aber für ebenso zweifellos

wie ruchlos hält, ist dieser Rückgang höchst erfreulich. Ob ihm ein ebensolcher
Rückgang der weiblichen Prostitution überhaupt entspricht, muß dagegen als
zweifelhaft bezeichnet werden. Die sogenannte Sittenpolizei hat immer nur
einen Teil der vom täglichen oder häufigen Verkauf ihres Körpers lebenden
Frauen unter ihre Kontrolle genommen. Wie viele sie hat laufen lassen, weil ihr
teils die Lust, teils aber auch geradezu die Möglichkeit fehlte, auf dem ihr
unterstehenden Gebiet radikal vorzugehen, darüber gehen die Schätzungen aus-
einander, doch herrscht Einstimmigkeit darüber, daß die wirkliche Zahl der
Prostituierten die der eingeschriebenen Prostituierten um ein vielfaches —
manche nehmen an, bis auf das Achtfache — übersteigt. Die Polizei-
statistik läßt uns also bezüglich des wirklichen Standes der Dinge auf
diesem Gebiete im dunkeln. Es sprechen aber viele Amstände dafür, daß
die weibliche Prostitution in Berlin, wenn nicht der absoluten Zahl nach
zurückgegangen, so doch im Verhältnis zur Bevölkemngszunahme zurück-
geblieben ist. Ein erheblicher Teil der engen Straßen, die mit ihren ver-
fallenen Läufern wahre Brutnester der Prostitution waren, sind von der
Bildfläche verschwunden, dagegen haben sich die Erwerbsmöglichkeiten für
Frauen sehr bedeutend vermehrt und im Durchschnitt auch etwas ver-
bessert, und damit hat sich das Selbstgefühl der Frauen, insbesondere sowei
sie von der Arbeiterbewegung erfaßt sind, ganz wesentlich gehoben,
muß auf die Dauer der Prostitution, soweit sie sich aus diesen o
        <pb n="78" />
        ﻿72

rekrutiert, Abbruch tun. Es scheint denn auch, wenn man von dem Treiben irr
der Friedrichstadt absieht, die Straßenprostitution in Berlin abgenommen
zu haben. Was sich aber auf der Friedrichstraße und ihren Nebenstraßen
allabendlich an Prostitution cinfindet, das ist zu einem guten Prozentsatz
aus allen Teilen Deutschlands und selbst des Auslands zugereist. Berlin
ist auch in diesem Punkt jetzt — Weltstadt.

Hauptstadt der Vergnügungen und Hauptstadt der Arbeit, das ist das
Berlin, nrit dem wir es nun zu tun haben. Könnte man eine Statistik
der Menschen aufmachen, die in Berlin von den Vergnügungen Und was
man dafür hält, leben, cs würden ganze Armeen znsaminenkommen. Mit
der Zahl der Menschen, die nur dem Genuß leben, mußte natürlich auch
die Zahl der Menschen zunehmen, die von der Arbeit für das Vergnügen
und von der Ausbeutung der Vergnügung Suchenden leben. Aber es
ist das nur Ein Faktor der Steigerung dieser Armee. Das ganze über-
hastete Leben unserer Zeit, die intensivere Art der Arbeit, die veränderte
Art des Wohnens in den die Menschen immer weiter von der Natur
entfernenden Mietskasernen — alles das schafft die nervöse, nach Ab-
wechselung und starken Reizen drängende Stimmung, die den zunehmenden
Anlockungen gegenüber widerstandslos ist. Hierher gehört auch die Aus-
breitung, die das Wetten in Berlin gefunden hat. Ehedem wetteten, außer
den Sportsleuten selbst, fast nur noch die Angehörigen der Fleischerzunft.
Der Anfang des zwanzigsten Iahrbunderts findet in Berlin das Wetten
so verbreitet, daß selbst in den Volksvierteln Barbiere, Gastwirte und
Zigarrenhändler in wachsender Zahl sich veranlaßt sehen, die Nennlisten
zu abonnieren und dies durch Aushänge bekanntzugeben. Die mit dem
Wetten verbundenen sozialen Gefahren werden wohl manchmal übertrieben,
daß aber solche Gefahren bestehen, kann niemand leugnen. Seine starke Aus-
breitung muß daher als ein übles Symptom der Entwickelung bezeichnet
werden. Sie würde zu sehr Pessimistischen Schlüssen nötigen, wenn Berlin
nicht zugleich damit, daß es eine .Hauptstadt der Arbeit ist, die größte
Hauptstadt der Arbeiterbewegung wäre.
        <pb n="79" />
        ﻿Drittes Kapitel

Die Parteiorganisationen unter dem gemeinen

Recht.

1.	Die Verfassung der Organisationen und ihre Wandlungen.

ls das Sozialistengesetz abliest hatte Berlin bereits seine öffentliche
zZJk sozialdemokratische Organisation in Gestalt sozialdemokratischer Wahl-
vereine für die verschiedenen Wahlkreise der Hauptstadt, nur daß neben
ihnen das System der „Korpora" in nun altgewohnter Weise fortbestand.
Änd dabei ist es in der ersten Zeit nach dem Ablauf des Gesetzes noch eine
gute Weile geblieben. Denn man traute dem Frieden nicht so recht und
hatte keine Neigung, innere Parteiangelegenheiten vor der überwachenden
Polizei zu verhandeln. Die Wahlvereinc widmeten sich fast nur der
Agitation sowie der Diskussion allgemeiner Fragen, Parteifragen in engerem
Sinne in ihnen zu verhandeln verbot dagegen schon die Rücksicht auf das
preußische Vcreinsgesetz, das jede Verbindung politischer Vereine mitein-
ander verbot. Aus dem gleichen Grunde hatte ja auch der Parteitag von
Lalle im neuen Organisationsstatut für den Zusammenhalt der Partei das
System der Vertrauenspersonen eingeführt. Die betreffenden Paragraphen
des Organisationsstatuts lauteten:

„8 3. Die Parteigenoffen in den einzelnen Reichstagswahlkreisen
wählen in öffentlichen Versammlungen zur Wahrnehmung der Partei-
interessen eine oder mehrere Vertrauenspersonen. Die Art der Wahl
dieser Vertrauenspersonen ist Sache der in den einzelnen Kreisen
wohnenden Genossen.

8 4. Die Wahl der Vertrauenspersonen erfolgt alljährlich, und zwar
im Anschluß an den vorausgegangenen Parteitag.

Die Vertrauenspersonen haben ihre Wahl mit Angabe ihrer genauen
Adresse sofort der Parteileitung mitzuteilen.

tz 5. Tritt eine Vertrauensperson zurück oder tritt sonstwie eine
Vakanz ein, so haben die Parteigenossen umgehend eine Neuwahl vor-
zunehmen und davon entsprechend 8 4 Absatz 2 der Parteileitung Mit-
teilung zu machen.

8 6. Da, wo aus gesetzlichen Gründen die in den vorstehenden Para-
graphen gegebenen Vorschriften unausführbar sind, haben die Partei-
genossen den örtlichen Verhältnissen entsprechende Einrichtungen zu treffen.

Die Parteizugehörigkeit selbst war nach Paragraph 1 des Statuts
ganz allgemein von Anerkennung der Grundsätze der Partei und rin er-
stützung der Partei abhängig gemacht, die Entscheidung darüber, ob &gt;c z
        <pb n="80" />
        ﻿74

Genüge geschehe, nach Paragraph 2 den Genossen der einzelnen Orte oder
Reichstagswahlkreise mit dem Vorbehalt der Berufung an Parteileitung
und Parteitag überlassen; grober Verstoß gegen die Parteigrundsähe sowie
ehrlose Landlungen sollten nach eben diesem Paragraphen den Verlust der
Parteizugehörigkeit begründen. Mit diesen Bestimmungen, die den einzelnen
Orten oder Wahllreisen jede wünschbare Freiheit in der Gestaltung ihrer
Organisation und Regelung ihrer Angelegenheiten ließen, glaubte man,
Verfolgungen auf Grund der in Preußen und anderen deutschen Staaten
bestehenden Verbindungsverbote nach Möglichkeit vorgebeugt zu haben.
And solange Caprivi Reichskanzler war, sind denn auch solche Verfolgungen
unterblieben.

So wurden denn in Berlin, wie übrigens auch sonst in Preußen und
den in bezug auf das Vereinsrecht gleichgestellten Staaten, die Wahlvereine
lediglich für die Aufklärung und die Werbearbeit benutzt, je nachdem ward
auch ihnen die letzte Entscheidung über die Aufstellung von Kandidaten zum
Reichstag und anderen Vertretungskörpern zugewiesen. Aber die Vor-
besprechungen über solche Kandidaten, über Delegationen zu den Parteitagen,
über Agitationsfragen, Wahl der Vertrauenspersonen und sonstige wichtige
Angelegenheiten des Parteilebens wurden außerhalb der Wahlvereinsver-
sammlungen veranstaltet, und die beliebteste Form dafür waren die über-
lieferten Korporazusammenkünfte. Nur daß sie jetzt in der Form von Konfe-
renzen von Vertrauensmännem der Wahlkreise stattfanden. Dies nicht
in regelmäßigen Perioden, sondern je nach Bedürfnis.

Selbstverständlich wurden diese Besprechungen nur noch einige Jahre
mit dem gleichen Geheimniskram umgeben wie in den schlimmen Tagen des
Ausnahmegesetzes. In einzelnen Wahlkreisen, so z. B. im zweiten Ber-
liner Reichstagswahlkreis, ging man ziemlich bald dazu über, die Korpora-
versammlungen als Konferenzen der Sozialdemokratie des Kreises („Kreis-
konferenz") polizeilich anzumelden. Im allgemeinen war man jedoch der
Ansicht, daß die Polizei, die sich in den angemeldeten Versammlungen
regelrecht einstellte, bei diesen Besprechungen nichts zu suchen habe, und
unterließ die Bekanntgabe. Da mußte man sich denn freilich durch gute
Vorsorge gegen Überraschungen schützen und war geschult und gewitzt
genug, es zweckentsprechend zu besorgen. Die Polizei wußte, daß die „Kor-
pora" noch stattfanden, ehe sie aber dazu kam, eine Sitzung der Vertrauens-
männer zu überraschen und dann aufzulösen, war diese aufgeflogen oder in
eine harmlose Zusammenkunft verwandelt.

An die Stelle des sozialdemokratischen Zentralkomitees von Berlin,
das unter dem Sozialistengesetz eine so große Rolle gespielt hatte und dessen
letzte Sitzung, vom Mitglied Leinrich Wörmer einberufen, am ersten
Sonntag des Jahres 1891 stattfand, trat nun das Institut der gemäß dem
Parteistatut zu ernennenden Vertrauenspersonen. Je nach ihrer Größe
wählten die einzelnen Wahlkreise Berlins bis zu vier Vertrauenspersonen,
und zwar wurden als erste für diesen Posten gewählt die Genossen:

August Tätervw (Berlin I), L. Kleinert (Berlin II), Stephan Fritz
(Berlin III), O. Leindorf und R. Wengels (Berlin IV Osten),
L. Blaser und Fritz Zubeil (Berlin IV Südosten), Carl Gabbert
(Berlin V), Franz Fischer, Jul. Grasnick, W. Martin und
Fr. Schwabe (Berlin VI.)
        <pb n="81" />
        ﻿

36. Erste Protokollierte aus dem Protokollbuche des III. Berliner Reichstagsw h I
        <pb n="82" />
        ﻿76

Ihre Aufgabe war, den Verkehr mit der Leitung der Gesamtparter
aufrechtzuerhalten und in kürzeren Zwischenräumen zur Besprechung solcher
Berliner Parteiangclegenheiten zusammenzukommen, welche eine einheitliche
Regelung nötig erscheinen ließen, wie: die Veranstaltung von größeren
Demonstrationen, die Stellungnahme zu Boykottvorschlägen und Streiks
von Bedeutung, die Bestimmung über wichtige Finanzfragen, Wahlen
und dergleichen mehr. Neben ihnen amtierten noch Spezialkommissionen für
solche bestimmte Zwecke, wie die Sicherung von Versammlungslokalen für
die Arbeiterschaft und die dazu erforderlichen Maßnahmen gegen Lokalbcsitzer,
die systematische Besorgung der Agitation in der Provinz Brandenburg
und die Kontrolle über die „Berliner Volkstribüne" sowie auch über den
„Vorwärts" innerhalb der Vollmachten, welche der Parteimitgliedschaft
Berlins auf den Parteitagen der Gesamtpartei in bezug auf das Zcntralorgan
eingeräumt wurden. In diese Kommissionen — Lokalkommission, Agitations-
kommission, Preßkommistion — entsandte jeder Wahlkreis zwei Vertreter.

Überblickt man das alles und vergleicht man es mit der Organisation,
wie sie unter dem Sozialistengesetz bestanden hatte, und der Ausbildung der
Organisation seit der 1899 erfolgten Aufhebung des Verbindungsverbots,
so wird man zu der Erkenntnis gedrängt, daß Wortlaut und Handhabung
des Gesetzes auf den Ausbau der Organisationen einen sehr viel geringeren
Einfluß gehabt haben als das Wachstum der Bewegung selbst und die
sich damit einstellenden neuen Bedürfnisse. Die aus Größe und Zwecken
der Bewegung sich ergebenden Bedürfnisse bestimmen das Wesen der
Organisation, das Gesetz hat nur Einfluß auf die äußere Form. Wir
werden denn auch sehen, daß, was das Wesen der „Korpora" ausmachte,
alle Wandlungen des Gesetzes und seiner Handhabung überdauert hat.

Die Abgrenzung der Arbeitsgebiete zwischen Vertrauenspersonen und
Wahlvereinen, wie sie in den ersten Jahren eingehalten wurde, war der
Entwickelung der Vereine nicht sonderlich günstig. Sie wurden danach
meist als untergeordnete Organe aufgefaßt, als bloße Werbekörper für die
durch die Vertrauensmänner vertretene Parteiorganisation. Da die Partei-
fragen, welche die Geister lebhafter beschäftigten, meist in Versammlungen
behandelt wurden, die von den Vertrauenspersonen einberufen wurden, übten
die Wahlvereine längere Zeit nur eine mäßige Anziehungskraft aus. Kein
Wunder, daß man das dort allmählich unliebsam empfand und auf Mittel
zu sinnen anfing, wie die Wahlvereine zu weiterem selbständigen Leben
gebracht werden könnten. Reibungen, wie sie beim Nebeneinanderbestehen
von Organisationen für wesentlich gleiche Zwecke unvermeidlich sind, hatten
gleichfalls die Wirkung, daß in den Wahlvereine» sich ein Drang zur
Erweiterung der Arbeitssphäre geltend machte. Man erkannte an, daß das
System derVertrauenspersonen eine durch die vereinsgesetzlichen Bestimmungen
notwendig gemachte Einrichtung war, mochte aber nicht auf Grund seiner
bevormundet werden. Denn die Korporas der Vertrauenspersonen konnten
nicht im gleichen Maße die Demokratie durchführen, wie die Wahl-
vereine es bei sich taten, Amgekehrt mußte sich bei denjenigen, welche
eine Ausdehnung des Arbeitsgebietes der Wahlvereine gerade wegen der
Gefahr der Reibungen mit dem Vertrauensmännersystem für untunlich
hielten, die Frage erheben, ob die Organisation besonderer Wahlvereine
für die einzelnen Wahlkreise Berlins überhaupt einen Zweck hatte. So oder
        <pb n="83" />
        ﻿77

so erschien der Zustand, wie er sich zunächst herausgearbeitet hatte, doch für
die Dauer unhaltbar, und in den beteiligten Kreisen beschäftigte man sich
in vertraulichen Besprechungen bald mit der Frage der Reorganisation
des Berliner Parteilebens.

Eine Frucht dieser Besprechungen war ein Entwurf zur Abänderung
des Statuts für den Wahlverein des vierten Berliner Reichstagswahl-
kreises, den eine Gruppe von Mitgliedern dieses Vereins im Lerbst 1893
ausarbeitete und in einer Denkschrift begründete, die zuerst im „Vorwärts"
vom 26. November 1893 und dann im Separat-Abzug als Flugschrift
veröffentlicht wurde. Die wesentliche Neuerung, die der Entwurf vorschlug,
bestand in einem solchen Ausbau der Gliederung des Wahlvereins, der
ein stärkeres örtliches Leben seiner Glieder möglich machte und damit dem
Verein selbst mehr Leben und Betätigung einzutragen versprach. Es sollte
der Wahlverein für die Durchführung der Vereinsarbeit in vier als
„Viertel" bezeichnete Abteilungen eingeteilt werden, die Viertel selbst aber
wieder in Bezirke zerfallen, die sich möglichst mit den Stadtbezirken
decken sollten. So wenig wie die Bezirke, sollten die „Viertel" besondere
Vereine bilden. Für die ersteren sollte in der Generalversammlung des
Wahlvereins je ein Bezirksführer pro Bezirk gewählt werden, der die
Beiträge einzukassieren, gesellige Zusammenkünfte der Mitglieder des Be-
zirks zu veranstalten und Helfer für Flugblätterverbreitung und dergleichen
heranzubilden habe, die Viertel sollten durch je zwei Beisitzer im Vorstand des
Wahlvereins vertreten sein und regelmäßige Viertelsversammlungen für den
Meinungsaustausch über parteipolitische und sonstige Fragen von Interesse
abhalten, bei denen in der Regel einer der Beisitzer des Vorstandes den
Vorsitz führen werde.

Die Denkschrift, die von P. Böhm, G. Ledebour und H. Mattutat
als Beauftragten unterzeichnet ist, empfiehlt die „Viertels"-Einteilung auch
für den zweiten und sechsten Wahlkreis, die Organisierung der Bezirke für-
alle Wahlkreise Berlins. Für den zweiten Wahlkreis sollten ebenfalls
vier, für den sechsten Wahlkreis im Anschluß an die dort schon bestehende
Gliederung sechs Viertel gebildet werden.

Aus dem begründenden Teil der Denkschrift seien folgende Sähe
herausgehoben, die das, was oben über die Momente gesagt wurde, die
zur Reorganisation drängten, teils bestätigen und teils ergänzen:

„Da die wichtigeren Partei-Angelegenheiten alle durch die Vertrauens-
männer ihre Erledigung fanden, konnte» bisher die Wahlvereine zu
keinem rechten Leben gelangen und blieben bedeutungslos für die Ent-
Wickelung der Partei. Das hat dazu beigetragen, daß die Parteigenossen
ihr Bedürfnis des persönlichen Zusammenschlusses vielfach durch gesellige
Vereine mancher Art zu befriedigen suchten und dadurch wieder vom
politischen Leben abgezogen wurden I"

Es wird nun dargetan, daß von den Befferungsvorschlägen das Ver-
trauensmännersystem unberührt bleiben müsse, da es ein wesentlicher Bestand-
teil der Organisation der Gesamtpartei sei und nur durch Beschlüsse dieser
abgeändert werden könne. Die Besserung könne nur die Wahlvereine betreffen.

„Da war dann zunächst die Vorfrage zu erledigen, ob es '"cht an-
gebracht sein würde, nach Auslösung aller sechs Wahlvereme er
einen einzigen neuen Wahlverein an deren Stelle zu ,eyen.

neuen
        <pb n="84" />
        ﻿78

Von anderer Seite war auch noch angeregt worden, die Wahlvereine
durch eine größere Anzahl von Bezirksvereinen zu ersetzen.
Beide Vorschläge erschienen bei näherer Prüfung untauglich. Im
Organisationsstatut der Partei find die Reichstagswahlkreise als Organi-
sationseinheiten (z. B. für die Beschickung der Parteikongresse und die
Wahl der Vertrauensmänner) festgehalten worden; auch bilden die
Wahlen zum Reichstag und die Vorbereitung dazu eine der wichtigsten
Aufgaben der Parteiorganisationen."

Alle diese Gründe machten es wünschenswert, daß die Parteigenossen
in den Wahlkreisen „durch eine einheitliche und umfassende Organisation
an ein dauerndes Zusammenarbeiten gewöhnt werden". Nachdem hierüber
grundsätzliches Einverständnis erzielt war, hätten die Unterzeichner das Probe-
statut ausgearbeitet, das nun in seinen Einzelheiten entwickelt und erläutert
wird. Nicht durchgängig, aber doch in der Hauptsache wurden die Vor-
schläge alsdann auch im Wahlverein des vierten Wahlkreises verwirklicht.
Der Verein beschloß im Jahre 1894 eine Statutenänderung, und im
Paragraph 4 des neuen Statuts finden wir die Viertelseinteilung gerade
so beschrieben, wie sie der Entwurf vorgesehen hatte. Ebenso verhielt es
sich hinsichtlich der Bezirksführer. Dagegen wird der Vorstand des Wahl-
vereins, statt von 6 auf 11, wie es im Entwurf vorgeschlagen war, nur
von 6 auf 8 Mitglieder erweitert. Ein Beisitzer pro Viertel schien zu

genügen.

Ehe indes dies neue Statut sich längere Zeit erproben konnte, ward
es durch „höhere Gewalt" wieder außer Kraft gesetzt. In den andem
Wahlkreisen hatte man von Abänderung der Statuten Abstand genommen
und nur das Bezirksführersystem gemäß den entwickelten Vorschlägen stärker
ausgebildet. Darüber indes weiter unten.

Wie sich nun die sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins in bezug
auf Mitgliederzahl und Einnahmen und Ausgaben entwickelten, läßt sich für
die ersten fünf Jahre nach dem Fall des Sozialistengesetzes rechnerisch
genau nicht mehr zusammenstellen. Das Material dafür ist seinerzeit
unter der Wirkung des Polizeistreichs des Ministers v. Köller gegen die
Sozialdemokratie teils sofort und teils nachträglich beseitigt worden. Aus
den Berichten, die zu jener Zeit im „Vorwärts" über die Generalversamm-
lungen der Vereine erschienen, ist es nur unvollkommen zu ermitteln, die
Zahlenangaben sind oft sehr widerspruchsvoll, den Berichterstattern liefen
bei Notierung der in den Versammlungen verlesenen Zahlen arge Ver-
wechselungen unter. Auch die Abrechnungen des Parteivorstandes der
deutschen Sozialdemokratie über die von den einzelnen Orten an ihn ab-
geführten Beiträge lassen eine sichere Schlußfolgerung auf die Entwickelung
der Wahlvereine und Parteimitgliedschaften Berlins nicht zu. Diese Ab-
rechnungen sind überhaupt erst vom Jahre 1893 den gedruckten Berichten
an die Parteitage einverleibt worden.

Sie zeigen für die drei Jahre vor dem Köllerschen Polizeistreich
folgendes Bild. Von Berlin gelangten an den Parteivorstand:

Mk.	Mk.

Vom 1.	Oktober	1892 bis 30.	September	1893 .	.	37 281	23 353

„	1.	„	1893 „ 30.	„	1894.	.	24 820	6 017

1.	„	1894 „ 31. August 1895. . 36 024	12267
        <pb n="85" />
        ﻿79

Hiernach müßte die Partei
in Berlin im Jahre 1893/94
gegenüber dem vorhergegange-
nen Jahr einen großen Rück-
gang erlitten haben. Es war
in der Tat ein Jahr starken
Geschäftsdrucks und damit ver-
bundener großer Arbeitslosig-
keit, trotzdem war von einem
erheblichen Rückgang der Be-
wegung doch keine Rede. Die
Abnahme der Beittagssummen
erklärt sich vielmehr einfach dar-
aus, daß das Jahr 1893 eine
Reichstagsauflösung mit dar-
auf folgender Wahl eines neuen
Reichstags gebracht hatte, und
daß in Berlin außergewöhn-
liche Beträge in Versamm-
lungen, auf Listen usw. so-
wohl für den Kampf am
Orte selbst als auch für den
Wahlfonds der Gesamtpartei
aufgebracht wurden. Daher
fielen sowohl die von den
Verttauensmännern an die
Parteileitung abgeführten Bei-
träge als die dieser aus Berlin
von einzelnen Personen oder Gruppen übersandten freiwilligen Spenden
in diesem Jahr ganz besonders reichlich aus, und so zeigt das folgende
Jahr eine gewisse Erschöpfung. Auf diese folgt aber im nächsten Jahr
schon eine Erholung, kraft der die Parteibeiträge in einer Höhe ein-
laufen, die der des Wahljahres nahezu gleichkommt. Dabei ist zu bemerken,
daß die Abrechnung für das in Frage kommende Jahr — 1894/95 — nur
11 Monate umfaßt, da von jener Zeit ab der Kassenbericht für die Partei-
tage nicht mehr mit Ende September, sondern mit Ende August abgeschlossen
wird. Das nun folgende Jahr bringt wieder einen Rückgang, der auf
Rechnung des noch zu besprechenden Polizeistreichs zu setzen ist, aber im
Geschäftsjahr 1896/97 übersteigen die Beiträge, die Berlin abliefert, ttotz-
dem hier u. a. Tausende von Mark für den bedeutsamen Stteik der Ham-
burger Hafenarbeiter gesammelt wurden, den Höhepunkt des Wahljahres 1893,
und im Jahr 1897/98, das wieder eine Reichstagswahl sich vollziehen sieht,
schnellen sie um 50 Prozent in die Höhe, und auf diesem Höhepunkt bleiben
sie auch im Jahre 1898/1899. Die betteffenden Zahlen sind:

	Parteibettriige	Sonstige Beiträge
	Mt.	Mk.
1895/96	.	. . . 31542	5 639
1896/97	.	. . . 37 804	3 792
1897/98	.	. . . 56 659	13 044
1898/99	.	. . . 57 628	5 647



Statut

des

Sozialdemokratischen

Waytvereins

des

4. Berliner Keichstags-Wahlkreises

(Eiid-Osten).

Gestiftet im Juli 1896..

Lerlag: Der Lorjiand des DeretnS.

Druck; IanIS-ewIkl &amp; Duiti, Dresdener Cirafce 38.

N____________________________________________________D

37. Titelblatt eines Mitgliedsbuches
        <pb n="86" />
        ﻿80

Da in den Parteibeiträgen stets die Erträge einer größeren Anzahl
freiwilliger Sammlnngen (Verkauf von Parteibons, Einnahmen der Teller-
sammlungen und dergleichen) eingeschlossen sind, ist, wie schon bemerkt, ein
Rückschluß von ihrem Steigen und Fallen auf eine genaue proportionclle
Bewegung der Organisationsstärke in all den Jahren nicht angängig. Man
darf aber soviel folgern, daß jedenfalls von 1896 ab die Zahl der orga-
nisierten Parteimitglieder in Berlin ganz erheblich zugenommen hat.

Die Jahresbilanzen der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins für
das fünfte Jahr nach Ablauf des Sozialistengesetzes — 1. Oktober 1894
bis 30. September 1895 — stellten sich nach den im „Vorwärts" veröffent-
lichten Berichten wie folgt:

1.	Wahlkreis. Vortrag 134,80 Mk. Einnahme 770,37 Mk. Aus-
gäbe 725,24 Mk.

2.	Wahlkreis. Einnahme mit Vortrag 6 783,32 Mk.

3.	Wahlkreis. Vortrag 335,34 Mk. Einnahme 4666 Mk. Aus-
gabe 3750 Mk.

4.	W a h l k r e i s. Einnahme 22 744,41 Mk. Ausgabe 22 699,4! Mk.
(davon ca. 13 100 Mk. an die Parieikasse).

5.	Wahlkreis. Einnahme 2419,12 Mk. Ausgabe 2217,70 Mk.

6.	W a h l k r e i s. Einnahme 10 632,82 Mk. Ausgabe 7255,69 Mk.
Für diesen Verein wird die Mitgliederzahl angegeben. Sie belief sich
Ende November 1895 auf 5487 Personen.

Da fiel der „Köller-Coup". Nachdem im Mai 1895 der Antrag der
Reichsregierung abgelehnt worden war, das Strafgesetzbuch, das Preßgeseh
und das Militärstrafgesetz mit Verschärfungen der Paragraphen gegen Auf-
reizung zur Gewalt, Ungehorsam usw. auszustatten, faßte man im preußischen
Ministerium im stillen den Entschluß, wenigstens im Geltungsbereich der
schwarz-weißen Pfähle etwas zu tun, und die Pandhabe bot das Vereins-
gesetz des Reaktionsjahres 1850 mit seiner Verbotsbestimmung gegen die
Verbindung politischer Vereine. Man verlegte sich zunächst darauf, das
dazu nötige Belastungsmaterial zu sammeln und zu vervollkommnen. Dieser
Aufgabe unterzog sich der Polizeikommissar von Schöne unter Anspannung
des ganzen Stabes von Spitzeln, über welchen die politische Abteilung der
Berliner Polizei verfügt. Man arbeitete und sammelte bis zum Kerbst 1895,
und kaum ivar der sozialdemokratische Parteitag für jenes Jahr — der
Breslauer Parteitag — vorüber, da war die anscheinend tödliche Schlinge
zugezogen. Der 25. November 1895 sah die ganze politische Polizei
Berlins samt Kilfsmannschaften vom frühen Morgen an auf den Beinen,
überall Laiissuchung vorzunehmen, wo man hoffen konnte, Material für
strafbare Verbindungen innerhalb der Sozialdemokratie aufzutreiben. Auf
dem Bureau des Parteivorstandes, in der Redaktion des „Vorwärts", in den
Privatwohnungen der Abgeordneten Bebel und Singer sowie bei fast sämt-
lichen Parteigenossen, die in der Berliner Parteibewegung ein Vertrauens-
amt innehatten, bei den Vorstandsmitgliedern der Wahlvereine, bei den
Mitgliedern der Lokalkommission, der Preßkommission, der Agitations-
kommission und selbstverständlich bei den Vertrauenspersonen der Partei,
wurde gehaussucht. Wer nach dem Anlaß zur Kaussuchung fragte, erhielt
den Bescheid, es handle sich um den Nachweis, daß die Paragraphen 8
und 14 des Vereinsgesetzes vom 11. März 1850 verletzt worden seien, und
        <pb n="87" />
        ﻿M MM« M

Der Zentralvorstand von Groß-Berlin 1905
        <pb n="88" />
        ﻿81

was nur irgend darauf aussah, als könne es einen solchen Nachweis unter-
stützen, wie Kassenbücher der Wahlvereine, Abrechnungstabellen von Samm-
lungen für irgendwelche Zwecke, Sammellisten, Notizbücher, Sammelbons
sowie in vielen Fällen auch Privatbriefe, wurde beschlagnahmt. Wo man
nicht gründlich genug gesucht zu haben glaubte, ward einige Tage später
noch Nachhaussuchung gehalten. So am 27. November bei Stefan Fritz,
dem Vertrauensmann für den dritten Berliner Reichstagswahlkreis, und
am 29. November bei Paul Singer.

An diesem letzteren Tage war man auf dem Polizeipräsidium so weit,

auf das Vorspiel die eigentliche Landlung folgen zu lassen. Sie wurde

tags darauf durch den Reichs- und Staatsanzeiger bekanntgegeben und

lautete:	,	.	,

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß nachstehende
Vereine:

der Berliner Mitglieder der
sozialdemokratischen Partei
Deutschlands,

1—6. Die sechs sozialdemokratischen Wahlvereine fürdiesechs
Berliner Reichstags-Wahlkreise,

7.	die Preßkommission

8.	die Agitationskommission

9.	die Lokalkommission

10.	der Verein „öffentlicher
Vertrauensmänner"

11.	der Parteivorstand der sozialdemokratischen Partei
Deutschlands

auf Grund des 8 8 der Verordnung über die Verhütung eines die gesetzliche
Freiheit und Ordnung gefährdenden Mißbrauchs des Versammlungs- und
Äereinsrechts vom 11. März 1850 vorläufig geschlossen sind.

Jede fernere Beteiligung an diesen Vereinen oder an etwaigen Neu-
bildungen, welche sachlich als Fortsetzungen derselben erscheinen, wird nach
8 16, 1c mit Geldstrafe von 15—150 Mk. oder mit Gefängnisstrafe von
8 Tagen bis zu 3 Monaten bestraft.

Berlin, den 29. November 1895.

Der Polizeipräsident,
von Windheim.

Wie die Leitung der Gesamtpartei diesen Streich parierte, ist an an-
derer Stelle geschildert. In den Reihen der Berliner Sozialdemokratie
herrschte ebenfalls keinen Augenblick Zweifel darüber, daß man sich durch
den Polizeistreich nicht im geringsten einschüchtern lassen dürfe. Lier, wo
man der Polizeiherrschaft unter dem Sozialistengesetz Trotz geboten hatte,
war man am allerwenigsten geneigt, sich unter dem gemeinen Recht den
Launen der Polizei zu unterwerfen.

Schon am 10. Dezember 1895 legte die Arbeiterschaft Berlins in zwölf
großen Volksversammlungen Protest gegen die Polizeimaßregel ein. Als
Referenten sprachen in diesen Versammlungen, die sämtlich überfüllt waren,
Ignaz Auer, Richard Fischer, Albin Gerisch, Georg Ledebour,
Wilhelm Liebknecht, Albert Schmidt, Paul Singer, Arthur Stadt-
hagen, Franz Tutzauer, Ewald Vogtherr und Fritz Zubeil. Ihre
Reden, die das Polizeisystem und die Rechtsungleichheit in Preußen
geißelten, fanden durchweg begeisterte Zustimmung, und mit ebensolchen
Begeisterungsausbrüchen ward in allen Versammlungen einstimmig die na )-
stehende Resolution angenommen:	e

Bernstein, Berliner Geschichte. III.
        <pb n="89" />
        ﻿82

„Die heute versammelten Berliner Sozialdemokraten erklären:

Die seitens der Polizei verfügte Schließung der sozialdemokra-
tischen Vereine, Kommissionen und Vertrauenspersonen in Berlin ist
ein weiterer Schritt auf der durch die Umsturzvorlage klar gezeichneten
Bahn zu Ausnahmemaßregeln gegen die in der sozialdemokratischen
Partei politisch organisierte Arbeiterklasse.

Diese von der Regierung an Stelle der versprochenen Sozial-
reformgesetze für die Arbeiter vollzogenen Maßnahmen schließen sich
organisch den Tendenzprozessen an, die in jüngster Zeit gegen die Sozial-
demokratie eingeleitet und von den Vertretern der herrschenden Klassen
mit Jubel begrüßt wurden, weil diese darin den Anfang zur Verwirk-
lichung ihrer offen ausgesprochenen Absicht erblicken, das sogenannte
gemeine Recht gegen die Sozialdemokratie anders gehandhabt zu sehen,
als gegen die bürgerlichen Parteien.

Die Versammelten protestieren gegen diese Politik, die geeignet
ist, die Arbeiterklasse von dem Boden der gesetzlichen Agitation abzu-
drängen, und verpflichten sich, allen Verfolgungen zum Trotz nach wie
vor für die Forderungen der Sozialdemokratie einzutreten und unent-
wegt weiterzukämpfen, bis die Befreiung der Arbeiterklasse vom Doppel-
joche der ökonomischen Ausbeutung und politischen Knechtung errungen ist.

Die Versammelten sehen in dieser neuesten Polizeimaßregel einen
abermaligen Beweis für die Notwendigkeit der Beseitigung eines Zu-
standes, bei dem es in der Äand der Behörden liegt, der einen Partei
zu gewähren, was der anderen versagt wird.

Die Versammelten erwarten, daß die Parieivertretung im Reichs-
tage entsprechende Maßregeln zur Änderung dieses dem gleichen Recht
aller Staatsangehörigen widersprechenden Zustandes ergreifen, und be-
trauen bis auf weiteres mit der Besorgung der für den.........Berliner

Wahlkreis notwendigen Parteiagitation den Genossen..................."

Die Parteimitglieder, auf welche in den einzelnen Wahlkreisen die
Wahl fiel, waren: Bohne (Berlin I), Fr. Kihing (Berlin II), W. Börner
(Berlin III), Otto Galle (Berlin IV) und Klose (Berlin VI). Im fünften
Wahlkreis ließ der überwachende Polizist die Vornahme der Wahl nicht
zu, so daß hier die Lücke erst später ausgefüllt wurde. Aber so wenig wie
in den anderen Wahlkreisen wurde in diesem die Schlagfertigkeit der Sozial-
demokratie auch nur einen Augenblick durch den Polizeistreich unterbrochen.

In formeller Einsicht konnte dagegen der Protest die Aktion von Polizei
und Gerichten selbstverständlich nicht aufhalten. Schon am 11. November
erklärte die fünfte Strafkammer des Landgerichts I die von der Polizei ver-
fügten vorläufigen Schließungen für hinlänglich begründet und beschloß, daß
sie bis zum erfolgten gerichtlichen Erkenntnis aufrechtzuerhalten seien. Die
für diesen Beschluß sehr bezeichnende Begründung lautete:

„Daß die zu I, 1—6 aufgeführten Wahlvereine als Vereine im
Sinne der Verordnung vom I I. März 1850 anzusehen sind, kann keinem
Bedenken unterliegen. Das Gericht hat dies auch bezüglich der übrigen,
von dem Königlichen Polizeipräsidium geschlossenen Organisationen
angenommen, da auch auf diese die Begriffsbestimmung eines Vereins
als einer nicht bloß vorübergehenden, sondern auf längere Dauer berech-
neten Vereinigung mehrerer Personen zur Verfolgung bestimmter ge-
meinschaftlicher Zwecke unter einer Leitung zutrifft. (Vergleiche Ent-
scheidungen des Reichsgerichts in Strafsachen, Band 13, Seite 277,
Band 18, Seite 172.) Daß insbesondere eine Kommission, die auf Grund-
        <pb n="90" />
        ﻿38. Vorladung aus den Zeiten des Köller-Coups
        <pb n="91" />
        ﻿84

von Beschlüssen einer Versammlung, welche sich als eine Vereinsver-
sammlung nicht darstellt, zur Ausführung von Beschlüssen dieser Ver-
sammlung gewählt ist und zusammentritt, als „Verein" aufgefaßt werden
kann, ist in dem zuletzt zitierten Urteil eingehend ausgeführt, daß sämt-
liche geschlossene Vereine bezweckten, politische Gegenstände in Ver-
sammlungen zu erörtern, kann nach Lage der Sache keinem Zweifel
unterliegen. Es ist auch durch das vorliegende Material ein für das
gegenwärtige vorbereitende Stadium der Sache ausreichender Anhalt
für die Annahme erbracht, daß sämtliche Vereine gegen die Bestimmung
des § 8b der Verordnung vom II. März 1850 verstoßen haben, indem
sie untereinander, also mit andern Vereinen gleicher Art, zu gemein-
samen Zwecken in Verbindung getreten sind. Der Verein „öffentliche
Vertrauensmänner" hat auch der Bestimmung des 8 8 a a. a. O. zuwider
Frauenspersonen als Mitglieder aufgenommen. Der 8 21, Absatz 2,
wonach Wahlvereine den Beschränkungen des 8 8 nicht unterliegen,
trifft auf die zu l, 1—6 aufgeführten Vereine nicht zu, weil unter Wahl-
vereinen im Sinne des 8 21, Absatz 2, nur solche zu verstehen sind,
welche die Vorberatung bestimmter bereits anstehender oder bevor-
stehender Wahlen zum Gegenstände haben, nicht auch solche, welche
darüber hinaus allgemeine politische Zwecke verfolgen. Letzteres ist bei
den geschlossenen sechs sog. Wahlvereinen zweifellos der Fall, in dem
Statut der Wahlvereine für den II., IV., V. und VI. Reichstagswahlkreis
ist dies sogar klar zum Ausdruck gebracht. Hiernach war die vorläufige
Schließung der Vereine (8 8 a. a. O.) zulässig. Die Sachlage bietet auch
keinen Anlaß, die im 8 16 a. a. O. vorgesehene richterliche Bestätigung
zu versagen.

Berlin, den II. Dezember 1895.

Königliches Landgericht I, Strafkammer 5.

(gez.) Schenck. Leydel. Regeler."

Die Sache kam nun vor den Untersuchungsrichter, der unzählige Ver-
höre aufnahm, bis er am 1. Februar 1896 so weit war, die Voruntersuchung
für abgeschlossen zu erklären, worauf die Akten an die Staatsanwaltschaft
wanderten. Am 22. Februar beantragte der Oberstaatsanwalt Drescher
bei der Strafkammer des Landgerichts l, gegen nicht weniger als 47 Per-
sonen das Lauptverfahren zu eröffnen, am 8. April beschloß die Kammer
diesem Antrag gemäß; es dauerte aber noch gut fünf Wochen, bis es zur
öffentlichen Gerichtsverhandlung kam. Sie begann am 15. Mai 1896 und
nahm drei Tage in Anspruch, nämlich den 15., 16. und 18. Mai. Ihr
Ende war die Verurteilung von 15 Personen zu Geldstrafen zwischen
30 und 75 Mark sowie die gerichtliche Schließung des Parteivorstandes
und der sozialdemokratischen Wahlvereine des 2., 4., 5. und 6. Berliner
Reichstagswahlkreises. Nicht geschlossen wurden die Wahlvereine des 1. und
3. Berliner Reichstagswahlkreises sowie die verschiedenen obengenannten
Zweckkommissionen.

Die 58 Folioseiten umfassende Anklageschrift gibt sehr eingehend über
die Arbeitsweise der Berliner Organisationen Auskunft. Man hatte
auf der Polizei genau die Veröffentlichungen der Partei und Vereine
studiert, allerhand vertrauliche Rundschreiben in die Land bekommen und
war durch Spitzel über viele intime Vorgänge des Parteilebens informiert.
Es liegt nun auf der Land, daß es stets eine Sache der juristischen Be-
griffsauslegung ist, wo bei einem Zusammenwirken von Menschen die ge-
        <pb n="92" />
        ﻿39. Erste Seite der Anklageschrift gegen Auer und Genossen
        <pb n="93" />
        ﻿legentliche oder periodische Zusammenkunft aufhört und der „Verein" anfängt.
Die §8 8 und 16 des Preußischen Vereinsgesetzes von 1850, welche den
politischen Vereinen, sofern sie miteinander in Verbindung treten würden,
Bestrafung der Leiter und gerichtliche Schließung androhten, waren Pro-
dukte der Reaktion gegen die Revolution von 1848 und speziell dazu ge-
schaffen worden, die demokratischen Volksparteien jener Gärungsepoche in
ihrer Bewegung möglichst zu hemmen. In diesem Sinne sind sie damals
und weiterhin stets angewendet worden, während die größere oder geringere
Strenge ihrer Anwendung durch Zweckmäßigkeitsrücksichten bedingt
war. Mit anderen Worten, dieses Gesetz war, was die beiden Paragraphen
anbetrifft, von seinen Arhebern gar nicht als Festsetzung eines alle Staats-
bürger gleichmäßig treffenden Rechts beabsichtigt worden, noch ward es
jemals von den Regierungen als solches behandelt. Sie haben es den
politischen Parteien gegenüber stets ungleichmäßig angewendet, es ist praktisch
stets ein Ausnahmegesetz gegen die extremeren Oppositionsparteien ge-
wesen. Solche Parteien wären, sobald Regierungen und Gerichte es für
zweckmäßig hielten, das Gesetz im Geiste seiner Arheber gegen sie ins Spiel
zu bringen, als organische Körper stets unmöglich gewesen, wenn sie es
nicht fertig brachten, seine Lemmungsvorschriften auf irgendeine Weise zu
umgehen. Dazu aber waren sie um so mehr veranlaßt, als demokratische
Parteien nicht ohne Selbstverwaltung ihrer örtlichen Mitgliedschaften existieren
können. Es ihnen verwehren, heißt ihnen verbieten, ihrer Natur gemäß zu
leben, und Gesetze, die auf derartiges abzielten, sind stets umgangen worden
und werden stets umgangen werden. Das ist in kurzen Worten die innere
Geschichte des preußischen Vereinsgesetzes, und das war auch das Leit-
motiv des Prozesses, mit dem wir es hier zu tun haben.

Auf die Prozeßverhandlung selbst einzugehen, versagen wir uns. Da-
gegen folgt weiter unten eine Abschrift aus der Anklageschrift, die auf Grund
von Polizeiberichten ein anschauliches Bild vom Leben der inneren Organi-
sation der Sozialdemokratie Berlins gibt. Die so geräuschvoll in Szene
gesetzte Aktion endete mit der Verurteilung von fünfzehn Angeklagten zu
mäßigen Geldstrafen, während die große Mehrheit der Angeklagten frei-
gesprochen wurde. Das entsprach dem Arteil hinsichtlich der Vereine.
Bezüglich der Lokalkommission erklärte das Erkenntnis, daß sie nicht als
politische Körperschaft im Sinne des Gesetzes anzusehen sei; bei den beiden
anderen Kommissionen und den Wahlvereinen von Berlin l und Berlin III
ward das Veweismaterial für ihre Verbindung mit anderen politischen Ver-
einen für nicht zureichend erachtet, und hinsichtlich der Vertrauenspersonen
ward erkannt, daß sie nicht als Verein betrachtet werden könnten, da sie
keine ständige Leitung gehabt hätten.

Das war ein für die Polizei verblüffend ungünstiger Ausgang des
Prozesses. Bezüglich der Vertrauenspersonen hatte freilich schon die An-
klageschrift verraten, wo der schwache Punkt in der gegen sie gerichteten
Aktion sich befand.

„Die Tätigkeit der einzelnen Vertrauenspersonen in ihrem eigenen
Kreise — schließt die Anklageschrift — ist nur angeführt worden, um ihre
Bedeutung und ihren Einfluß im eigenen Kreise hervorzuheben. Daß sie
im eigenen Kreise vielfach leitende Stellungen eingenommen haben, ist für
die ihnen in der vorliegenden Anklage zur Last gelegte Straftat ohne
        <pb n="94" />
        ﻿87

Interesse. Die letztere wird darin erblickt, daß sie als Vertrauenspersonen
untereinander einen Verein gebildet haben und als Leiter eines solchen
Vereins mit anderen politischen Vereinen in Verbindung getreten sind."

Da aber die Vertrauenspersonen sich keine ständige Leitung gegeben
hatten, sondern bei ihren Zusammenkünften jedesmal nur eine Leitung für
die betreffende Sitzung wählten, fiel die Behauptung, daß sie einen Verein
gebildet hätten, zu Boden und damit auch die gegen sie gerichtete Anklage.
Ganz unbeabsichtigt hatte die Anklageschrift vielmehr gezeigt, wie es die
Vertrauensmänner machen mußten, um nicht leicht gefaßt werden zu können.

So konnten diese und die anderen Zweckkommissionen nun in alter
Weise ruhig fortarbeiten. Bald hatte Berlin auch seine sozialdemokratischen
Wahlvereine wieder vollständig. Am 26. Juni 1896 ward ein neuer
sozialdemokratischer Wahlverein für den zweiten Reichstagswahlkreis, am

9.	Juli 1896 ein solcher für den fünften Reichstagswahlkreis konstituiert,
und am 14. Juli 1896 erhielt der vierte Berliner Rcichstagswahlkrcis
zwei sozialdemokratische Wahlvereine, der eine davon für den Osten, der
andere für den Südosten Berlins innerhalb der Grenzen des Kreises. Von
der Wiederaufnahme der Viertels-Einteilung in die Statuten wurde Abstand
genommen, ebenso sagen die neuen Statuten nichts von der Einrichtung der
Abteilungs- und Bezirksführer. Im sechsten Reichstagswahlkreis war schon
im April 1896, also noch vor der Gerichtsverhandlung, ein „Sozialdemo-
kratischer Verein Vorwärts" ins Leben gerufen worden, der seinen Zweck
sehr gut erfüllte; daher wartete man hier mehr als ein Jahr, bis man es
den anderen Wahlkreisen nachmachte. Vom Juni 1897 ab hatte aber auch
dieser Wahlkreis wieder seinen sozialdemokratischen Wahlverein, dessen
Statut sich obendrein in nichts von dem Statut des aufgelösten Vereins
unterschied.

Das alles hätte sich wahrscheinlich weniger glatt gemacht, wenn nicht
die politische Situatioir eine für Polizeiaktionen ungünstige Atmosphäre
geschaffen hätte. Wir sind am Vorabend des Prozesses des Staats-
sekretärs Marschall von Bieberstein gegen den Polizeikommissar Tausch
und dessen Hintermänner. Auch konnte man in der Reichsregierung sich
nicht kurzerhand über die Tatsache hinwegsetzen, daß nur durch die von den
Sozialdemokraten geleistete Unterstützung die Handelsverträge von 1893 im
Reichstag gegen den heftigen Widerstand der Konservativen durchgebracht
worden waren, und ebenso war die Sozialdemokratie ein wichtiger Faktor
für die Gestaltung des Bürgerlichen Gesetzbuches geworden, das gerade
im Reichstag zur Beratung stand. Sie spielte überhaupt jetzt eine ganz
andere Rolle im öffentlichen Leben als früher. Es kam keine Frage von
Bedeutung auf die Tagesordnung, über die man nicht auch die Stimme
der Sozialdemokratie hören wollte; man diskutierte jetzt ernsthaft mit ihr,
erörterte ihre Theorien eingehend in den akademischen Hörsälen und wissen-
schaftlichen Zeitschriften, und der veränderte Ton dieser Diskussionen ließ
auch die richterlichen Kreise nicht unberührt. Man begriff, daß gegen diese
Partei mit kleinlichen Polizeischikanen nichts auszurichten war.

Als am 11. Februar 1896 die Polizei eine im Restaurant Möhrmg,
Admiralstraße, tagende „Korpora" des zweiten Berliner Wahlkreises aufho ,
.zu der als „Geburtstagsfeier" eingeladen worden war, hatte »e,
.trotzdem die Untersuchung den wahren Charakter der Zusammenkuns erg ,
        <pb n="95" />
        ﻿40 und 41. Zwei Seiten aus der Anklageschrift gegen Auer und Genoffen
mit Auszügen aus den Spitzelberichten
        <pb n="96" />
        ﻿40 und 41. Zwei Seiten aus der Anklageschrift gegen Auer und Genossen
mit Auszügen aus den Spielberichten
        <pb n="97" />
        ﻿90

nur eine Anzahl von Verurteilungen zu Geldstrafen zur Folge. Die Ver-
handlung, die am 11. September des bezeichneten Jahres stattfand, stellte
nur wieder die Polizei und insbesondere den Polizeikommissar Schöne
bloß, der durch Bedrohung mit Dunkelarrest und ähnliche Gewaltmittel
von einigen der Verhafteten Geständnisse erpreßt hatte. Sonst aber konnten
sich die Organisationen fortan ziemlich ungestört entwickeln — natürlich
immer noch mit mindestens formaler Beobachtung der Bestimmungen des
preußischen Vereinsgesetzes. Es blieb also das System der Vertrauens-
Personen neben den Wahlvereinen noch in Kraft. Alle auf die Gesamtpartei
bezüglichen Aktionen, wie namentlich die Veranstaltung von Versammlungen
zur Wahl von Delegierten für die Kongresse der Partei, fielen den Ver-
trauenspersonen anheim. Das blieb auch noch eine Weile bestehen, als
Ende 1899 durch das „Notvereinsgesetz" des Deutschen Reiches das Ver-
bot der Verbindung politischer Vereine für ganz Deutschland aufgehoben
wurde und der Mainzer Parteitag der deutschen Sozialdemokratie ein
Organisationsstatut beschloß, welches den Parteigenossen in den einzelnen
Orten oder Wahlkreisen anheimstellte, die Vertrauenspersonen nach eigenem
Befinden entweder in Vereins- oder Parteiversammlungen zu wählen. Die
Partcibewegung ausschließlich in die Wahlvereine zu verlegen, erschien, wie
anderen Mitgliedschaften, so auch der Mehrheit der Sozialdemokraten Berlins
deshalb nicht sofort ratsam, weil das preußische Vereinsgesetz die Aufnahme
von Frauen in politische Vereine verbot und die Form noch nicht gesunden
war, die unter den neuen Verhältnissen den sozialistischen Frauen, deren
Agitation sich immer kräftiger und erfolgreicher regte, die Teilnahme an der
Erörterung und Regelung von Parteiangelegenheiten in dein ihnen zu-
kommenden Maße am besten zu sichern versprach.

Es ist hier der Ort, auf die Entwickelung des Geistes der Statuten der
sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins während der Periode, die uns
beschäftigt, einen Blick zu werfen. Die Geschichte dieser Statuten ist ein
Stück aus dem noch nicht genügend gewürdigten Kapitel der Geschichte der
modernen Arbeiterbewegung, das man ihre Verfassungsgeschichte nennen
könnte. Die Arbeiterbewegung ist überall ihrem Wesen nach demokratisch,
die Demokratie liegt ihr, könnte man sagen, im Blute, ist ihre Natur.
Aber auch die Demokratie hat ihre sehr verschiedene Formen und ihre
Probleme, und gerade weil die Arbeiterbewegung ihrer Natur nach demo-
kratisch ist, ist es ebenso lehrreich wie interessant, im einzelnen zu verfolgen,
wie sie unter bestimmten Verhältnissen andere Formen für die Verwirk-
lichung des demokratischen Gedankens wählt, beziehungsweise neue Formen
dafür entwickelt und zu neuen Begriffen darüber geleitet wird, was das
Wesen der Demokratie ausmacht.

Was diejenigen Fastoren anbetrifft, die vornehmlich die Form einer
Organisation bestimmen, so hat sich in der ganzen Zeit, von der dieser Band
handelt, hinsichtlich der Zusammensetzung und Zwecke der Wahlvereine gar
nichts, hinsichtlich der Natur und Stärke der gegnerischen Organisationen
nur Unwesentliches geändert. Gewechselt haben nur die Gesetze und die
Gesetzespraxis, und geändert hat sich durch Wachstum die Größe der Organi-
sationen, wenn auch nicht in allen Organisationen in gleichem Maße. Wie
die Wahlkreise von Groß-Berlin verschiedenartig sich ausdehnen, so auch
die sozialdemokratischen Wahlvereine in diesen Wahlkreisen, und mit dem
        <pb n="98" />
        ﻿91

»-SBX»	-S3LS- -ÄSSS- K -NkW- M -ÄSBS--SBE- -NYM-Wk«-«

---A

Legitimations-Karte JXj\\

sozialdemokratische Partei
6. Berliner Reichstags -Wahlkreises.

I
$

-««S-^krS-WtXS-M -««- »-Nk«s- -S8«S"^LÄ6-^8S- N

Größenabstand der ersteren von-
einander wächst oder ändert
sich auch der Größenabftand
der letzteren. Die Entwickelung
der Wahlkreise nach der Be-
völkerungsziffer wird eine Zu-
sammenstellung der Ziffern für
die Wahlen von 1890, 1898
und 1907 am besten veran-
schaulichen. Die Ziffern für
die Wahlen vom 25. Januar
1907 eignen sich deshalb am
besten für den Vergleich, weil

das Datum ihrer Aufstellung dem Datum, mit dem diese Geschichte
abschließt, näher liegt, als das Datum, das den Ziffern der Wahlen von
1903 zugrunde liegt. Die Ziffern der Wahlen des Jahres 1898, das just
die Mitte zwischen Anfang und Ende der Periode bildet, ermöglichen einen
Rückschluß auf die Frage, ob Beschleunigung oder Verlangsamung der
Zunahnie oder gar Rückgang in der Bevölkerung der einzelnen Wahlkreise
sich vollzieht.

Dtrnoki UL Sohrinner. Berlin S. Bruiruenstr. 164.

42. Legitimationskarte

Es zählten Einwohner:

Berlin l................

„ II.................

„ III................

„ IV.................

„ V..................

„ VI.................

Niederbarnim ...........

Teltow-Beeskow-Etorkow-
Charlottenburg .........

Gesamtzahl..............

Wahlen von	Wahlen von	Wahlen von
1890	1898	1907
91 397	90 576	75 944
269 923	328 644	337 957
133 496	123 607	119 183
324 989	400 422	527 454
128 263	137 427	149 567
359 704	586 926	786 873
149 488	238 745	434 259
249 091	505 585	959 289
l 706 351	2 41 l 932	3 390 526

Der erste und dritte Wahlkreis zeigen jedesmal Rückgang, der zweite
zeigt zwischen 1890 und 1898 beträchtliche Zunahme, in der folgenden
Periode aber fast Stillstand. Mäßige Zunahme zeigt jedesmal Berlin V,
starkes Wachstum, aber nicht in gleichmäßig steigendem Verhältnis, Berlin VI,
während Berlin IV und mehr noch die beiden Vorortswahlkreise ihre Be-
völkerung schon in der ersten Periode sehr bedeutend, in der zweiten aber
noch um eine erheblich größere Zahl zunehmen sahen.

Es liegt auf der Land, daß, soweit nicht schon die räumliche Aus-
dehnung des Wahlkreises dies erheischte, Wahlvereine in Kreisen mit vielen
hunderttausend Einwohnern anders gegliedert sein mußten, wie Wahlvereine
in Kreisen mit unter oder verhältnismäßig wenig über hunderttausend Ein-
wohnern. Konnten die Wahlvereine des ersten, dritten, fünften und selbst noch
der des zweiten Berliner Reichstagswahlkreises sich die reine Zentralisation
erhalten, so hielten, wie wir gesehen haben, die Sozialdemokraten des
vierten Wahlkreises, nachdem man vor dem Köllerstreich das Viertclsystem
probiert hatte, es für das beste, eine Teilung der Organisation in zwei
Wahlvereine vorzunehmen, wovon der eine, der die Bezirke nördlich von
der Spree umfaßte, die Nebenbezeichnung Ost, der für die Bezir e &gt;u cy
        <pb n="99" />
        ﻿von der Spree aber die Nebenbezeichnung Süd oft erhielt. Zm sechsten
Neichstagswahlkreis hätte auch die Zweiteilung nicht genügt, hier finden
wir jedoch schon im Statut der Periode vor dem Köllerstreich folgenden
Organisationsplan des sozialdemokratischen Wahlvereins
im 6. Berliner Reichstagswahlkreis.

8 1.

Der 6. Berliner Reichstagswahlkreis wird in 6 Abteilungen ein-
geteilt, und zwar in: Schönhauser Vorstadt, Rosenthaler Vorstadt,.
Oranienburger Vorstadt, Wedding, Gesundbrunnen und Moabit. Für
jede Abteilung wird ein Abteilungsführer vom Vorstande vorgeschlagen.

8 2.

Jeder Abteilungsführer ernennt nach den in seiner Abteilung vor-
handenen Wahlbezirken die Bezirksführer; jedoch bedürfen beide der
Bestätigung der Versammlung. § g

Die Bezirksführer haben sich den Anordnungen der Abteilungs-
führer zu fügen.	^ 4

Die Abteilungsführer haben das Recht, an den Vorstands-Sitzungen
teilzunehmen.	§ 5

Die Gesamt-Organisation steht unter Leitung des Vorstandes und
ist diesem über alle vorkommenden Arbeiten Bericht zu erstatten.

Diese Einteilung, wie übrigens auch die des vierten Wahlkreises,
setzte nur fort, was schon unter dem Sozialistengesetz durchgeführt worden
war und wofür die Anfänge sich noch weiter zurückverfolgen lassen. Linker
etwas anderen Bezeichnungen finden wir sie schon in der Zeit vor dem
Sozialistengesetz in Kraft, als die Sozialdemokratie Berlins offiziell nur
einen Verein oder nur eine einheitlich geleitete Mitgliedschaft bildete. Bei
Wahlen ward damals die Arbeit in Berlin IV südlich der Spree einem anderen
„Äauptmann" unterstellt, als in Berlin IV nördlich der Spree, und ebenso
hatten Moabit und Gesundbrunnen eigene Lauptleute. Es waren eben
die räumlichen und später auch die Bevölkerungsverhältnisse, die hier und dort
die Teilung zum Gebot machten. Aber selbst als das Sozialistengesetz noch
nicht bestand, konnte die Teilung nicht im Statut vorgesehen werden. Zn
der Ära Tessendorf wäre jede Abteilung mit Sicherheit für einen selbständigen
Verein erklärt und jeder ermittelte Verkehr zwischen den Abteilungen als
Verstoß gegen den Paragraph 8b des preußischen Vereinsgesetzes von 1850
geahndet worden. Es kennzeichnet die anders geartete Situation, daß selbst
zur Zeit des Köllerstreichs Polizei und Staatsanwaltschaft ihren Ver-
folgungseifer immerhin nicht so weit treiben dursten.

Dem Verfassungsgedanken nach spricht aus dem Bau der Organisationen
ein durchaus zentralistischer Geist. Die Gliederung geht funktionell und
rechtlich von der Zentralinstanz nach den Teilen und nicht, wie es dem
föderativen Prinzip entsprochen hätte, von den örtlichen Gruppen nach der
Zentrale hin. Nicht die Bezirke selbst, sondern die Abteilungsführer
bevollmächtigen die Bezirksführer, und nicht die Abteilungen setzen, sei es
durch das Mittel von Bezirksführerkonferenzen oder in Vollversammlungen
der Mitglieder der Abteilung, die Abteilungsführer in ihr Amt ein, sondern
der Vorstand des Wahlvereins schlägt sie der Wahlvereinsversammlung
vor, und diese bestätigt die Ernennung, wie sie auch die Ernennung der
        <pb n="100" />
        ﻿Z. Berliner QQiablkrcie

Zentralwablbureau i Sophien straße 6 bei JYUjnzer, Mmt III, 8367

Hnwcisung

für die Abteilungs- und Bezirks-Führer betreffs Vorbereitungen
und Organisation zur Reichstagswahl.

Für die Abteilungs-Führer.

8 &gt;•

Die Abteilungsführer haben im Zentrum des Abteilungsbezirks ein Lokal zu wählen, von dem aus alle Arbeiten.
Beaufsichtigung und Leitung der Organisation am Tage der Wahl leicht und ungehindert erfolgen kann. Erfordernis ist,
daß im Lokal ein Telephon-Anschlnß besteht.

§ 2.

Der Abteilungsführer hat dafür zu sorgen, daß für jeden Wahlbezirk ein zuverlässiger Parteigenosse jvezirkSführerj
die Leitung der Wahlarbeiten übernimmt.

§3-

3m Besitz des Abteilungsführers befinden sich je zwei Wählerlisten für jeden Bezirk; die Hauslisten; für jeden
Wähler zwei mit genauer Adresse versehene Kuverts, auf denen links oben die Nummer des Wählers aus der Wählerliste
übertragen ist.

Ein größerer Posten Kuverts ohne Adresse; Zettel, die eine Aufforderung zur Wahl für säumige Wähler ent-
halten und eine genügende Zahl von Stimmzetteln.

8 ».

Das im § 3 genannte Material hat der Abteilungsführer, gut geordnet, füx jeden Bezirk gesondert zu halte»».

Die mit Adressen versehenen Kuverts sollen die zweite und dritte dringlichere Aufforderung an die säumigen
Wähler und einen Stimmzettel enthalten.

Die Kuverts sind mittelst Querbändern, nach Läufern zusammengebändelt und der Nummer der Wählerliste nach in
Kartons geordnet, aufzubewahren.

§5.

Am Tage der Wahl treffen sich die Bezirksführer mit ihren Lülfskrästen um 6 Uhr früh im Abteilungsbureau.
Lier werden eine Wählerliste, Block und Stimmzettel an die Lülfsleute gegeben.

Lim 9 Uhr hat sich jeder Bezirksführer mit den Hülfsleuten in das Wahllokal zu begeben.

8 6.

Der Abteilungsführer hat Sorge zu tragen, daß ein ununterbrochener Verkehr durch Abholen der Blockzettel
zwischen dem Wahllokal und dem Abteilungsbureau stattfindet; alle Störungen, Mangel von Hnlfskräften, Verstöße gegen
bas Wshlreglcmcnt sind sofort an das Zentralwahlbnreau zu melden; wenn möglich, sind Radfahrer für diese Boten-
dienste zu benutzen.

§ 7.

Der Abteilungsführer hak durch geeignete Hülfskräfte die auf dem Vlockzettel angegebenen Ziffern (die Wähler,
welche gewählt haben) in der Wählerliste, sowie in der Hausliste aufzusuchen und durch einen blaue»» Strich in die dafür
freigelassene Rubrik anzuzeichnen, zum Zeichen, daß der Wähler seine Stimme abgegeben hat.

Desgleichen sind aus den Kartons die für diesen Wähler bestimmten Kuverts herauszunehmen, sodaß nur die
.Kuvetts der säumigen Wähler in der, Kartons verbleiben.

8 8-

Die erste Anfforderung an säumige Wähler (Schleppen) »vird a,n Tage der Wahl 10 Minute» vor i2 Uhr
erlassen. Die Lülfsleute nehmen die Lauslisten zur Land und eine Anzahl Knvertö ohne Adresse, die eine Aufforderung
zur Wahl und einen Stimmzettel enthalten, um an jeden Wähler, der seine Stimme noch nicht abgegeben hat, die Auf-
forderung zu übermitteln. Es soll möglichst versucht werden, mit dem Wähler persönlich in Berührung zu treten.
Spätestens um '/jti Uhr ist diese Arbeit beendet und die Lauslistc wird geordnet und vervollständigt im Abteilung-
bureau.

8 9.

Die zweite Aufforderung an die säumigen Wähler erfolgt um 4 Uhr mit adressierten Kuverts. Um Uhr
nfolgt die letzte Aufforderung in derselben Art.

43 und 44. Zirkular an die Abteilungs- und Bezirkssichrer
        <pb n="101" />
        ﻿Für die Bezirks-Führer.

8 10.

Jeder Bezirksführer hat sich für den Tag der Wahl mindestens vier HülfSkräfte sicher zu besorgen, die sich sämtlich
mit persönlicher Legitimation zu versehen haben. Es sind das ein Listeuführer, ein Blockführer und zwei Stimmzettel-
verteiler. In Bureaus mit mehreren Eingängen müssen entsprechend mehr Stimmzettelverteiler aufgestellt werden.

ß n.

Der Listenführer soll versuchen, mit dem Blockführer möglichst in der Nähe des Wahltisches Platz zu bekommen
Tritt der Wähler an den Wahltifch heran und nennt seine Wohnung und Namen, so hat der Listenführer schnell in der
Wählerliste den Wähler aufzusuchen und mit einem Klanen Strich in der freien Rubrik anzudeuten, daß der Betreffende
gewählt hat.

Zu gleicher Zeit schreibt der Blockfuhrcr die Nummer und den Namen des Wählers aus der Wählerliste auf den
Block und gibt einem durch Kontrollkarte legitimierten Boten die Blockzettcl. die von diesem in das Abteilungsbureau
befördert werden.

§ xz

Um 2 Uhr ist der Listeuführer durch den Blockführcr abzulösen, eventuell ist aus dem AbkcilungSburcau Ersatz zu
stellen. Um 4 Uhr hat der Listeuführer seinen Posten wieder zu übernehmen.

8 13.

Die Ablösung der Stimmzcttelverkeiler erfolgt je nach den vorhandenen Äülsskräften vom Abteilungsbureau.
Niemand hat Stimmzettel. Liste oder Material an Personen abzugeben, die sich nicht durch eine Kontrollkarte legitimieren.

8 14.

Nach Schluß der Wahlhandlung wohnt der Listenführcr und Blockführer der Stimmenauszählung bei und füllt die
ihm übergebene Zählkarte gewissenhaft aus.

Die Karte ist sofort an daS Abteilungübureäu zu geben, hier wird das Ergebnis zusammengestellt und sodann
dem Zenttalbureau übermittelt. Ergeben sich in einem Wahllokal kleine Dlffereirzen (ein oder zwei Stimmen) bei der
Auszählung, so ist das vorläufige Resultat immerhin sofort mitzuteilen. es muß aber ein Parteigenosse zurückbleiben, der
dos korrigierte Resultat zu übermitteln hak.

Ist Aas Resultat im Ableilungsbureau vollständig, so ist das Ergebnis sofort dem Zenttalbureau zu überbringen.

Der Vorstand des sozialdemokratischen Vereins.

43 und 44. Zirkular an die Abteilungs- und Bezirksführer

Bezirksführer bestätigt. Zum Teil war es das Gesetz, das diese zentralistischen
Bestimmungen notwendig machte. Bei einem Aufbau der Organisationen
nach streng föderalistischen Grundsätzen, das heißt auf Grundlage der
Selbständigkeit der Einzelteile und ihrer föderativen Verbindung unter-
einander, konnte jede einzelne Bezirkungsorganisation und ebenso jede
Abteilung durch richterlichen Entscheid für einen Verein im Sinne des
Gesetzes erklärt werden. Aber die zentralistische Verfassung entsprach zu-
gleich auch der Auffassung des Begriffs „Demokratie", wie sie der deutschen
Sozialdemokratie seit den Tagen Lassalles eigen geworden war. Lassalle, von
seiner aus der Antike und der Legelschen Philosophie geschöpften Staats-
idee geleitet, hatte den föderativen Gedanken als Bourgeoisliebhaberei
bekämpft, und auch von marxistischer Seite ward dieser später als klein-
bürgerliche Schrulle verspottet. Die straffe Zentralisation galt als die
dem Geist und den Interessen der Arbeitermassen entsprechende Form.
Wie jedoch in der Gesamtpartei die persönliche Spitze, die Lassalle der
ersten Zentralisation gegeben hatte, und auch sonst manche Zuspitzung dieser
letzteren hatte aufgegeben werden müssen und trotz zentralistischer Form
und Leitung ein starkes Eigenleben der Mitgliedschaften sich entwickelt hatte,
so bedeuteten auch hier die zentralistischen Bestimmungen nicht, daß den
        <pb n="102" />
        ﻿95

Bezirken und Abteilungen Führer aufgezwungen wurden, gleichviel ob sie
ihnen genehm waren oder nicht, sie bezeichneten nur den formellen
Instanzenweg. Im tatsächlichen Geschäftsgang machte sich die Sache
vielmehr meistens doch so, daß die Bezirksführer von den Bezirken, die
Abteilungsführer von den Abteilungen gewählt wurden; die Ernennung der
ersteren durch die Abteilungsführer und dieser durch den Vorstand mit der
Bestätigung durch die Vereinsversammlung gab der Wahl nur die
formelle Sanktion und hatte außerdem den Zweck, die getroffenen
Wahlen der öffentlichen Kontrolle zu unterstellen. Auch konnte in
Stadtbezirken, wo es nur erst wenige Mitglieder gab, die Ernennung des
Bezirksführers dadurch notwendig werden, daß unter den Mitgliedern selbst
keine geeignete Person zu finden oder für den Posten, der ja vielerlei
Arbeit erheischt, zu gewinnen war. In solchen Fällen mußte manchmal
ein außerhalb des Bezirks wohnhafter Genosse veranlaßt werden, das
Bezirksführeramt für jenen Bezirk zu übernehmen und, wenn es ging, auch
in ihn überzusiedeln, oder es mußte an irgendeinen im Bezirk wohnenden
Genossen ein Appell ergehen, sich dem Amt zu unterziehen.

Was das zitierte Statut des sechsten Berliner Neichstagswahlkreises
hinsichtlich der Bezirks- und Abteilungsführer ausdrücklich bestimmte, das
ward in anderen Wahlkreisen in gleicher Weise oder ähnlich geübt, auch
ohne daß im Statut davon die Rede war. Für die sogenannte Klein-
arbeit, wie Erheben der Beiträge, Verteilung und Austragen der Flug-
blätter, Besorgung der Agitation in Läufern und Wohnungen, Kontrolle
der Gastwirtschaften, die auf die Arbeiterkundschaft berechnet waren, und
ähnliches mehr, war die Gliederung in Unterabteilungen nach Bezirken und
Bezirksgruppen überall unentbehrlich, und sie ward mit um so größerer
Abstufung und Arbeitsteilung durchgeführt, je größer der Verein war.

Die größte Abstufung gab es natürlich in den beiden Vorortswahl-
kreisen mit ihren Hunderten von selbständigen Ortschaften. Lier war es
gar nicht anders möglich, als daß mindestens jede größere Ortschaft ihren
eigenen, sich selbst verwaltenden sozialdeinokratischen Verein hatte, und so
lange das preußische Verbindungsverbot bestand, konnten die gemeinschaft-
lichen Angelegenheiten der Sozialdemokratie dieser Kreise nur in freien Zu-
sammenkünften von Vertrauensmännern der verschiedenen Orte besprochen und
geregelt werden. Nachdem aber das Verbot gefallen war, wurde für den
größten dieser Wahlkreise alsbald ein Zentralwahlverein gegründet, welcher
die Gesamtheit der örtlichen Wahlvereine des Kreises umfassen und mit
ihnen einen halb föderalistisch, halb zentralistisch aufgebauten Organismus
bilden sollte.

So sagt sein Statut in seinem ersten Paragraph:

„Alle im Reichstagswahlkreise Teltow - Beeskow - Storkow - Char-
lottenburg bestehenden sozialdemokratischen Arbeitervereine bilden einer,
über den ganzen Wahlkreis sich erstreckenden Zentralwahlverein
unter dem Namen „Sozialdemokratischer Zentralwahlverein für den
Reichstagswahlkreis Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg." Sitz des
Vereins ist der Sitz des Zentralvorstandes."

Diesen Zentralwahlverein hatte nach § 3 seines Statuts ein aus fünf
Personen — ein Vorsitzender und dessen Stellvertreter, ein Schriftführer,
ein Kassierer und ein Beisitzender — bestehender Zentralvorstand zu leiten.
        <pb n="103" />
        ﻿96

Der Beisitzende war zugleich Vertrauensperson des Kreises im Rahmen
der Gesamtpartei. Kontroll- und Beschwerdeinstanz waren drei Revisoren,
die außerdem im Verein mit dem Vorstand als Schiedsgericht zu fungieren
hatten, wenn in einzelnen Ortschaften des Kreises parteischädigende Streitig-
keiten obwalteten (§ 4). Zentralvorstand und Revisoren waren von der
Zahresgeneralversammlung des Kreises zu wählen und hatten dieser Be-
richt zu erstatten, ebenso wählte die Generalversammlung die Vertreter des
Kreises in der Preß-, Agitations- und Lokalkommission von Groß-Berlin
(§ 13 des Statuts). Der Zentralvorstand ernannte an Ortschaften, wo die
Bildung von Wahlvereinen nicht angängig war, auf Vorschlag der dortigen
Genoffen Materialempfänger und Beitragssammler zur Führung
der Parteigeschäfte (§ 10), und diese Beitragssammler vertraten ihre Ort-
schaften in der Generalversammlung des Kreises, in welche die ört-
lichen Wahlvereine je drei Mitglieder delegieren durften, und in der ferner
sowohl die Mitglieder des Zentralvorstandes wie die vom Kreis in die drei
vorbenannten Zweckkommissionen von Groß-Berlin entsandten Delegierten
Sitz und Stimme hatten (§ 11). Bei Ausschließungen aus den örtlichen
Wahlvereinen war die Generalversammlung dieser Vereine die erste, der
Zentralvorstand des Kreises die zweite und die Generalversammlung des
Kreises die dritte Berufungsinstanz (§8). Vom Mitgliedsbeitrag,
der auf 20 Pf. im Monat angesetzt war, hatten die örtlichen Vereine und
örtlichen Beitragssammler unter vierteljährlicher Rechnungsablegung zwei
Drittel an den Zentralverein abzuführen, der alle gemeinsamen Ausgaben
des Kreises für Agitation usw. bestritt. Mehr als ein Drittel der Ein-
nahme aus Mitgliederbeiträgen durfte nur mit Genehmigung des Zentral-
vorstandes für örtliche Zwecke verwendet werden (§ 15). Einnahmen aus
dem Verkauf von Parteibons (ä 10 Pf.), die vom Zentralvorstand des
Kreises den Vereinen, Beitragssammlern und Materialcmpfängern behufs
Abgabe an Mitglieder zum Vertrieb im persönlichen Verkehr übergeben
wurden, mußten dem ersteren ohne Abzug vierteljährlich abgegeben
werden (§ 17).

Das Statut des Kreiswahlvereins enthielt des weiteren noch Be-
stimmungen über außerordentliche Generalversammlungen, Gewährung von
Rechtsschutz bei Verfolgungen auf Grund der Parteitätigkeit und machte
(§ 19) den Mitgliedern den Anschluß an die gewerkschaftlichen Organisationen
ihres Berufes zur Pflicht, worauf auch bei Wahlen (von Beamten,
Delegierten usw.) Rücksicht zu nehmen sei. Ein besonderer Paragraph
enthielt ziemlich genaue Vorschriften über die Art, wie die örtlichen Wahl-
vereine ihre Geschäfte führen sollten. Er lautet:

8 9.

„Die Wahlvereine übernehmen sämtliche Parteigeschäste ihres
Ortes und teilen letzteren je nach den Verhältnissen in Bezirke ein,
welchen ein vom Vorstande zu ernennender Bezirksführer vorsteht.

Die Bezirke sind möglichst den Grenzen der jeweiligen Gemeinde-
Wahlbezirke anzupassen.

Die Bezirksführer bilden sich zur Bewältigung aller ihnen ob-
liegenden Arbeiten Anterbezirke, in welchem sie je einen Obmann er-
nennen, der seinerseits wiederum für Hilfskräfte bei Wahlen, Flugblatt-
verbreitungen oder sonstigen Veranstaltungen des Wahlvereins in
agitatorischer Beziehung zu bestimmter Zeit Sorge zu tragen hat."
        <pb n="104" />
        ﻿
        <pb n="105" />
        ﻿97

Zähk-Karte für den Wahl-Bezirk M

fiftenfütir«: ,.&lt;2Zau.~7

Einge-  schriebene  Wühler.	Ab-  gegebene  Stimmen.	Sozial-  demo-  kraten.	Deutsch-  frei-  sinnige.	Konser-  vative.	Christlich  soziale.	Centrum.	Zer-  splittert.	Ungültig.
K/6		$0	66	//	1	*6	6	£

DIrft Karle gilt »nr für das Endresultat.

- !

45. Ausgefüllte Zählkarte von einer Reichstagswahl

Nach alledem ist der Geist der Kreisorganisation als fast durchgängig
zentralistisch zu bezeichnen, und dies spiegeln auch die Statuten der ört-
lichen Wahlvcreine dadurch wider, daß sie sich in den Hauptpunkten kurz-
weg auf das Statut des Zentralwahlvereins berufen. So lauten die §8 5,
7 und 8 des Statuts des diesem Kreise angehörenden Wahlvereins
Schöneberg:

„Die Erwerbung und der Verlust der Mitgliedschaft, die Löhe
des Eintrittsgeldes und die monatlichen Beiträge werden nach den
88 6,7 und 8 des Statuts des Zentralwahlvereins bestimmt." — „Pflicht
eines jeden Mitgliedes ist es, sich an allen Parteiarbeiten des Vereins
zu beteiligen (88 9 und 17 des Statuts des Zentralwahlvereins)." —
„Die Verwaltung der vom Vereine aufgebrachten Gelder wird nach
8 15 des Statuts des Zentralwahlvereins geregelt."

Die Abhängigkeit der örtlichen Wahlvereine vom Zentralwahlverein
wurde auch noch dadurch zum Ausdruck gebracht, daß die ersteren sich mit
Bezug auf ihren politischen Zweck gleichfalls kurzerhand auf das Statut
des letzteren beriefen. Der Paragraph 1 der örtlichen Wahlvereine im
Kreise Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg lautete: „Der Verein,
dessen Sitz ..... ist, dient der Förderurig der Sozialdemokratie gemäß
§ 2 des vorstehend abgedruckten Statuts des Zentralwahlvereins." Die
Bestiinmungen, die das eigene Leben des örtlichen Wahlvereins betrafen,
waren auf das Notwendigste beschränkt. Sie betrafen die Zusammen-
setzung und Wahl des Vorstandes sowie der Revisoren, die Festsetzung
des Tages der monatlich abzuhaltenden regelmäßigen Vereinsversammlungen
und der vierteljährlich abzuhaltenden Generalversammlungen, die Behandlung
eingebrachter Anträge und den Leimfall des Vereinsvermögens an den
Zentralwahlverein im Falle der Auflösung des örtlichen Vereins.

Soweit war alles streng zentralistisch geordnet. Indes schon die
Bestimmung, daß jeder örtliche Wahlverein unbekümmert um die Zahl
seiner Mitglieder drei Delegierte in die Generalversammlung des Kreises
entsenden durfte, trug in das Statut ein Stück Föderalismus hinein, und
dem Prinzip des Föderalismus entsprach es auch, daß der örtliche Wahl-
verein in bezug auf die Wahl seiner Leiter und Beamten vollständig
unabhängig war; sie waren seine Angestellten und nicht die des Zentra -
Bernstein, Berliner Geschichte. III.	7
        <pb n="106" />
        ﻿98

Wahlvereins. Dann aber ließ auch das Statut des Zentralwahlvereins den
örtlichen Wahlvereinen allerhand Spielraum für die Entwickelung eines
eigenen inneren Lebens, und je mehr diese Vereine wuchsen, um so mehr
wirkte das praktische Bedürfnis und das natürliche Bestreben nach Selbst-
bestimmung dahin, die örtliche Selbstverwaltung zu steigern. Die örtlichen
Wahlvereine hielten eigene Agitationsversammlungen ab, nahmen zu Partei-
ftagen selbständig Stellung, führten ihre Wahlkämpfe selbständig und waren
namentlich frei in der Auswahl ihrer Kandidaten für die örtlichen Ver-
tretungskörper und die Bestimmung ihrer Wahltaktik. Diese Einschränkung
oder sagen wir lieber diese Begrenzung des Zentralismus war notwendig,
sollte er nicht zum engen und geisttötenden Bureaukratismus ausarten.
Indes waren es weniger vorgefaßte theoretische Anschauungen, welche zu
ihr führten, als die erfahrungsmäßig gewonnene Einsicht in die Erfordernisse
eines gesunden, nach allen Seiten hin sich kräftig entfaltenden Lebens der
Partei. Nicht nach einem fertigen Schema, sondern schrittweise, wie
das Bedürfnis selbst sich einstellte, erhielt der Organismus die Form einer
methodischen Verbindung zentralistischer und föderativer Einrichtungen, und
gewöhnlich hatte das Statut nur zu sanktionieren, was sich in der Praxis
verschiedentlich schon selbst Bahn gebrochen hatte.

Sehr viel später wie der Wahlkreis Teltow-Beeskow-Storkow schuf
sich der Wahlkreis Niederbarnim einen Zentralwahlverein, dessen Statut
sich heute in keinem wesentlichen Punkt voin Statut des erstgenannten Kreises
unterscheidet. Das Verhältnis der örtlichen Wahlvereine des Kreises zum
Kreiswahlverein ist hier das gleiche wie dort.

Dies der äußere oder formale Entwickelungsgang der Organisation
der Sozialdemokratie Groß-Berlins. Ihr inneres Leben läßt sich schwer
in Kürze so veranschaulichen, daß es dem Leser unmittelbar vor Augen
tritt. Lier muß die Phantasie nachhelfen, und wer auch nur einige
Erfahrung im Partei- und Vereinsleben hat, dem wird es nicht schwer
fallen, auf Grund des hier gegebenen Bildes von der Gliederung der
Organisation sich das Zusammenwirken der Glieder vorzustellen. Im
gewöhnlichen Verlauf der Dinge lag in Berlin in den ersten Jahren nach
Ablauf des Sozialistengesetzes der Schwerpunkt des Parteilebens bei den
Vertrauensmännern und den „Korporas", verschob sich aber dann immer
mehr nach den Wahlvereinen der einzelnen Wahlkreise hin, wobei die
Teilung von Berlin IV, außer bei der Reichstagswahl, fast wie eine Teilung
in zwei selbständige Kreise wirkte. Nach Aufhebung des Verbindungs-
verbots sind die sieben sozialdemokratischen Wahlvereine der Lauplstadt
ganz selbständige politische Körper, die nur für gewisse gemeinsame
Agitations- usw. Zwecke begrenzte Vollmachten an die für diese Zwecke
eingesetzten Kommissionen abgeben, während in den beiden Vorortswahl-
kreisen der Schwerpunkt zwischen Kreiswahlverein und Ortswahlverein zu
liegen kommt. In Berlin geben die Wahlvereine bezw. deren Vorstände
den Abteilungsführern und diese den Bezirksführern die auf die Besorgung
der Parteigeschäfte, die Vorbereitung von Wahlen usw. bezüglichen
Weisungen, was sich in der Regel so macht, daß erst der Vorstand die
Abteilungsführer zu einer erweiterten Sitzung einladet und dann diese in
ihren Abteilungen Sitzung mit den Bezirksführern abhalten. In deir
Vorortswahlkreisen tritt in solchen Fällen für den Verkehr zwischen Kreis-
        <pb n="107" />
        ﻿

f Arbeiter! Parteigenossen!

.D Seit Zwei Jahren macht sich eine furchtbare Krisis
-A im Wirtschaftsleben bemerkbar, deren tfnöe noch nicht
» abzusehen ist. Hunderttausende von Arbeitern bemühen
^ sich vergeblich um Arbeit, um sich und ihre Familie vor
^ dem Verhungern zn schützen. In sinnloser Weis" wurde.

wie das im Wesen der privatkapitalistischen Pr^ouktionß-
g* weise liegt, in den Jahren des Aufschwungs ins Blaue
^ hinein gearbeitet. Menschen und Maschinen wurden bis an
3 die Grenze des möglichen ausgenutzt. Die MLllwrien-

O Profite steckte» die Unternehmer in die
H Taschen, die Arbeiter gingen leer aus.

Au8 Furcht, ihr Prosit könnte ihnen durch Lohnforderungen
£ geschmälert werden, suchten die Unternehmer Sturm zu
siS laufen gegen das Koalitionsrecht derselben Arbeiter, auf
v» die sie heute durch Lohnkürzungen die Folgen der Krisis
w abwälzen.

Klingt es nicht wie Hohn, wenn man unter den
I? heutigen Verhältnissen von einer gesicherten Existenz der
s* Arbeiter spricht? Welcher Arbeiter ist denn davor geschützt.
**L ^)on morgen auf die Straße gesetzt und dem Untergange
preisgegeben zu werden? Aber nicht nur die privaten
ig- Unternehmer, nein, auch die Gemeinden, die den Privaten
!tr mit gutem Beispiel vorangehen sollten, der Staat und
iS das Reich, deren Betriebe Musterbetriebe sein sollten —
A. sie alle predigen und bethätigen daS nackte Unternehmer-
o interesse Und die wenigen Ausnahmen, die wirklich ein
'Äö ^^2 für die Arbeiter haben, stehen den heutigen Zuständen
.Z ohnmächtig gegenüber. Dem» diese Zustände sind eine
o Folgcerscheinnng ber kapitalistischen Wirtschafts-
^ ordnnng, sie werden erst mit dieser verschwinden,
•g- Pflästerchen. wie sie weltfremde Ideologen und Ethiker
« empfehlen, köniwn das Uebel wohl verkleistern, aber nicht
t* heilen

Ü . Hub um das Mag des Elends voll zu machen, um
2 die Leiden des arbeitenden Volkes bis zur Unerträglichkeit
A »n steigern, sich selbst aber noch mehr zu bereichern, haben
die Unternehmer, unterstützt von Junkern und Pfuffen.
*-* durch fortgesetzte Gewaltstreiche, trotz des zähen Wider-
,8 standeS der Arbeitervertreter im Deutsche» Reichstage, den
Wucher-tarif dem Volke als Weihnachtsgabe dargebracht
£ Im Kampfe gegen Brot- und Flcischwucher hat
„S?	~ abgesehen von einzelnen Ideologen und Eingängern —

^ nur eure Partei ihren Mann gcstauden. die
xA Sozialdemokratie. Die reaktionäre Mehrheit des
Reichstages aber hat sich nicht gescheut, den Fluch der
L Volksausbeutung auf sich zu laden, und die angeblichen
VolkSfrennde unter Führung des freisinnige« Helden
*2 Eugen Richter haben der Reafnon hilfreiche Hand
geleistet und sind zv Verrätern an de? Sache des Volkes
geworden.

Arbeitskollegen! Mit einem Schlage hat
Euch die gesetzgebende Körperschaft des Deutsche»
Reiches die geringen Lohnerhöhungen, die Ihr
vielleicht in der Zeit der Prosperität nach heißen,
aufopfernden Kampfe» errungen habt, wieder ent-
rissen. Die parlamentarischen Kämpfe der letzten Monate
sollten auch dem Jndiffcrcüteslen die Augen öffnen und
ihn lehren, sein Recht zu gebrauchen. Die Erfahrung
lehrt, daß Ihr vereinzelt nichts seid und nur in fest-
geschlossenen Reihen etwas erreichen könnt. Aus dieser
Erkenntnis heraus schließt Ihr Euch pflichtgemäß (Suren
gewerkschaftlichen Organisationen an. um den Ausbeutungs-
gelüsten der Unternehiner wenigstens einigermaßen entgegen-
treten zu können. Aber die gewerkschaftliche Bewegung
allein genügt nicht zur Befreiung der Arbeiterklasse aus
den Fesseln des Kapitalismus. Ihr »nützt Euch auch
politisch organisieren, damit Ihr Einfluß ans die
Gesetzgebung gewinnt und erfolgreich gegen Aus-
beutung und Vergewaltigung ankämpfen könnt.
Ihr bildet die ungeheure Mehrheit des Volkes und keine
Macht ist im stände. Euch Eure Rechte auf die Dauer
vorzuenthalten, sofern Ihr sic nur entschlossen Und ziel-
bewußt gebraucht.

Politische und gewerkschaftliche Bewegung
müssen Hand in Hand gehen. Was nützt Euch das
Koalitiousrecht. wenn eö nur auf dem Papier steht, aber
seine praktische Ausübung durch gekünstelte Gesetzes-
auSIegung vereitelt wird, ohne daß sich im Parlament
ein flammender Protest gegen eine solche Entrechtung
erhebt Was nützen Euch Lohnaufbesserungen, wenn sie
doppelt und dreifach wett gemacht werden durch eine
Klassengesetzgebung, der daS Interesse der Besitzenden als
höchstes und einziges Gesetz vor Augen schwebt. Erinnert
Ihr Euch nicht mehr der 12 000 Mark-Affaire. die aufs
deutlichste gezeigt hat. daß die Regierimgsverlretcr nichts
sind als die Handlanger der Kapitalistenklique.

Noch einmal rufen wir Euch zu: organisiert Euch
nicht nur gewerkschaftlich, sondern auch politisch.
Welcher. Partei Ihr Euch anzuschließen habt, darüber
kann kein Zweifel bestehen. Die wahre Vertretung der
Arbeiterinteressen bietet einzig und allein die Sozial-
demokratie. Alle anderen Parteien sind im Grunde ihres
Herzens arbeiterfeindlich, wohl betteln die Herren bei den
Wahlen um Eure Stimmen, aber wenn sie gewählt sind,
dann keimen sie Euch nicht mehr und in den Stunden
der Entscheidung lassen sie Euch im Stich. Laßt Euch
nicht von denen bethören, die. sei es in Unkenntnis der
thatsächlichen Vorgänge, sei es um Euch wieder zu Sklaven
zu machen, die Aufforderring zur Abkehr von der Sozial-
demokratie an Euch richten. Von jeher hat nur die Sozial-

46 und 47. Propagandaflugblatt zum Eintritt in die Wahlvereine

7*
        <pb n="108" />
        ﻿Demokratie Eure Rechte vertreten, aber sie stand innner
allein, wenn sie das volle und uneingeschränkte Koal-tionS-
recht und einen wirkliche» Arbeitcrschutz verlangte.

Kein« Trennung von der Sozialdemokratie,
wie es u»sre Gegner so sehnlichst wiinschen, — im
Gegenteil, ein innigerer Anschluß L« sie — das
sei Eure Parole. Glaub! nicht Eure Pflicht erfüllt zu
haben, wenn Ihr ab und zu bei den Wahlen Eure
Stimme für einen Sozialdemokraten abgebt, sondern
tretet den sozialdemokratische» Wahlvereineu bei.
Das ist Eure Pflicht. Der geringe Beitrag van W Pf,
monatlich gestattet es auch dem wirtschaftlich schlecht
gestellten Arbeiter, seiner Pflicht der Organisation gegen-
über nachzukominen.

Arbeitskollege»! Ein Jahr heißen Kampfer steht
uns bevor, Ihr. die Ihr täglich seht, welch» Macht eine
Organisation im wirischastlichen Kampfe bedeutet, tretet
ein in die politische Organisation. Denen aber,
die bereits politisch organisiert sind, rufen wir zu:
Werbt neue Käinpfer, agitiert in zäher SS:;?»
daner ans den Arbeitsstätte», in de» Zusammen-
kiinfie», im geselligen Beisammensein sür die
Sozialdemokraiie und sür deren Organisationen:

den sozialdemokratischen Wahlverrinr-r,
Mit Flaunnenroorten wendet Euch an die noch
nicht Aufgeklärten, laßt den Eifer nicht erkalten,
es zelt sllr unsere große Sache zu kämpfe«. Immer
und immer predigt mit warmem Herzen:

Hinein in die politische Organisation, hinein in die
soziaidernokratischerr WahlVerrine.

Sie fozlal&amp;föoiäratlfclies Vertrauensleute Berlins.

Aufnahme von Mitgliedern nehme»» federzeit entgegen

1.	Wahlkreis:

Georg Weihnacht, Erünstr, 21.

Ernii G8«ther, Bischoffir. 12.

Gnstao Rirdtkr, FlenSburgerstr. 24

2.	Wahlkreis:

Süden: Ford. Ewald, Schönleinstc. 8
Südwest: Paal Kcholz, Barutherstr, 22. Erke
Zossenerstraße.

Westen: Gskar Knmkr, Bülowstr. 8S,

». Wahlkreis:

Mlh. Korner, Rittcrftr. IS.

Ernst Ker. Mte Jakobsw. US,

Wart!« Mrscha, Adalbertstc, 24. Eingang Engel-
Ufer,

In den Vororten Berlins ersuchen wir
Orte bestehenden Wahlverei» zu ivendcn.

4.	Wahlkreis:

Südosi: Kau! Koh«, Lausitzer Platz 14/15.

G. Kchrrls, Admiralstr, 40a MostbuserLhor)
W. Erde. Cuvrystr. 25,

Osten: Kr. Thiritzr, Pallisadenstr. 52.

5.	Wahlkreis.

%eo ziepurau«, Linienstr, 242 !

6.	Wahlkreis:

Ramio«, Schönhauser Allee 135,

Sachgä«grr, Swmemündcrstr, 34.

KhenÄroth, Badstr. 42/43,

Tausche!, Wiesensir, 29,

Kahrom, Ravenestr, 6,

Kaiser. Pflugsir. 8.

Fischer, Waldstr. 8.

die Genossen, sich an den in dem betreffenden

Außerdem werden in asten mit diesbezüglichen Plakaten belegten Lokale» Mitglieder, aus-
genommen.

Se:«rt»ortLch für RedaMvrr «nd »erlag: Lugen Tr „st. Berlin Ae«er&gt;mrniir. s, - Druck: Bsrwörv BuchdrEet Daul -Singer » Berlin SW, ca

46 und 47. Propagandaflugblatt zum Eintritt in die Wahlvereine
        <pb n="109" />
        ﻿101

wahlverein und Ortsorganisation (Wahlverein oder Beitragssammler) die
vertrauliche Kreiskonferenz als Bindeglied hinzu. Die Konferenzen der
Vertrauenspersonen Groß-Berlins aber finden ihren Ersatz in Konferenzen
der Kreiswahlvcreinsvorstände, und was die ehemalige Gesamtkorpora be-
sorgte, wird nun in öffentlichen Delegiertenversammlungen Groß-Berlins
verhandelt und erledigt.

Am es an einem Beispiel lebendig zu veranschaulichen. Während die
Delegiertenversammlung die parlamentarische Vertretung Groß-Berlins
bildet, sind die Konferenzen der Wahlvereinsvorstände die Vollziehungs-
instanz. Nehmen wir an, auf einer solchen Konferenz werde der Beschluß
gefaßt, im Anschluß an irgendwelches Vorkommnis oder auch bloß behufs
Aufrüttelung der Geister wieder einmal eine Flugblaktverbreitung in Groß-
Berlin ins Werk zu sehen. Man einigt sich über Natur und gegebenen-
falls auch über den Verfasser des Flugblattes, oder überträgt es bestimmten
Personen, einen geeigneten Verfasser zu gewinnen. Dann wird das Datum
der Verbreitung festgesetzt und für rechtzeitigen Druck und Ablieferung
Sorge getragen. Ist all das geordnet, dann ergeht an die Abteilungs-
führer die Weisung, den Bezirksführern ihrer Abteilung mitzuteilen, daß
sie sich mit den zur Lilfsarbeit — hier also Austragen — bereiten Mann-
schaften („Kilfsmannschaften") aus ihrem Bezirk an dem bestimmten Tage
zu bestimmter Stunde für die Flugblattverbreitung in ihren bezüglichen
Lokalen zusammenzufinden haben. Anter dem Sozialistengesetz und noch
einige Zeit später erfuhren weder der Abteilungsführer, damals „Äauptmann"
genannt, noch der Bezirksführer („Vertrauensmann") und noch weniger
das einzelne Mitglied vorher etwas über den Zweck der Einberufung. Sie
erhielten nur Mitteilung, sich für irgendwelchen Zweck bereitzuhalten,
und erst iin letzten Moment wurden den Lauptleutcn die für ihren Stadt-
teil bestimmten Flugblätter zur Auslieferung an die Vertrauensmänner über-
geben, die mit ihren Mannschaften gleich nach Empfang sich an die Arbeit
des Austragens zu machen hatten. Die Geheimhaltung des Zweckes, die
notwendig war, solange mit Konfiskation des Flugblattes und Verhaftung
der Verbreiter gerechnet werden mußte, fiel dann nach und nach hinweg,
jeder erfuhr vorher, wozu er einberufen ward, und schließlich wurde sogar
im „Vorwärts" offiziell mitgeteilt, daß an dem und jenem Tage in Groß-
Berlin eine allgemeine Flugblattverbreitung stattfinden werde und alles sich
bereitzuhalten habe. Auch erhielten die Abteilungsführer und die Bezirks-
führer die auf sie entfallenden Pakete Flugblätter, da es sich jetzt um ganz
andere Mengen handelte und auch die Flugblätter selbst ausführlicher
waren, früher zugestellt. Sonst aber blieb der Verlauf der Abwickelung
des Anternehmens im ganzen der gleiche. Zu ein und derselben Stunde
ging und geht man überall daran, die Flugblätter in die Wohnungen zu
tragen, und in wenigen Stunden ist ganz Berlin mit dem Aufruf der
Sozialdemokratie versehen. In dieser Hinsicht ist die Maschine nur immer
mehr vervollkommnet worden.

In anderen Punkten aber brachte das reichere innere Parteileben, das
die Öffentlichkeit der Bewegung erlaubte, und die geschilderte stärkere Ver-
selbständigung der an Mitgliedern immer mehr zunehmenden einzelnen Wahl-
kreise auch mancherlei Reibungen und erschwerten Geschäftsgang mit si ).
And so kam in den Kreisen der im Mittelpunkt der Bewegung stehen cn
        <pb n="110" />
        ﻿102

Parteimitglieder der Gedanke auf und fand immer mehr Anklang, durch
Bildung eines umfassenden Zentralverbandes, eines nach einheitlichen Gesichts-
punkten gegliederten „Verbandes der Verbände", die organisatorische Einheit
von Groß-Berlin wiederherzustellen.

2.	Berlins Sozialdemokratie um 1895 im Spiegel der
Polizeiberichte.

Es gehört nicht viel dazu, das Getriebe einer Organisation zu be-
spitzeln, die ihre Mitglieder nach vielen Tausenden zählt und nach demo-
kratischen Grundsätzen arbeitet. Daher konnte es kein Wunder nehmen,
daß nach dem Köllerstreich die Polizei der Staatsanwaltschaft ein recht
umfangreiches Material über Vertrauensmännersitzungen und dergleichen
zuzustellen hatte. Es umfaßt mit allen schriftlichen und gedruckten Beweis-
stücken mehrere Bände und ward von der Staatsanwaltschaft in der An-
klageschrift recht anschaulich verarbeitet. So ist das betreffende Stück aus
dieser Arkunde für unsere Geschichte von besonderem Interesse und soll
daher wörtlich hier Aufnahme finden.

Die Anklageschrift beschreibt, nach einerziemlich in die Einzelheiten gehenden
allgemeinen Einleitung über die Organisaüon der Partei und ihre Anter-
organe, die Verbindung der Parteileitung mit den örtlichen Organisationen.
Sie kennzeichnet die Tätigkeit der Preßkommission, der Agitationskommission
sowie der Lokalkommission in allgemeinen Zügen, ohne mehr zu sagen, als
was oben schon über diese Körper gesagt wurde, und widmet sich dann
eingehend der Beleuchtung der Tätigkeit der Vertrauensmänner und ihrer
Beziehungen zu den Wahlvereinen. Dieser Abschnitt, in dem wir dort,
wo es sich um unpolitische Vorkommnisse handelt, die Namen und Zahlen
durch Punkte ersetzen, lautet:

V.	Die sechs Berliner Wahlkreise und die Vertrauenspersonen.

Die Wahlkreise der Vertrauenspersonen werden in einem gemeinsamen
Abschnitt behandelt, um Wiederholungen zu vermeiden, da die Tätigkeit der-
selben vielfach in einander übergreift und sich gegenseitig ergänzt.

In jedem Berliner Reichstagswahlkreis besteht ein sozialdemokratischer
Wahlvorstand. Die Statuten sämtlicher 6 Wahlvereine sind dem Königlichen
Polizei-Präsidium eingereicht; die Mitglieder des Vereins werden regelmäßig
nach den Vorschriften des Vereinsgesetzes mitgeteilt. Der Vorstand besteht
aus Vorsitzenden, Schriftführern, Kassierern und Beisitzern. Er wird in öffent-
licher Versammlung gewählt. Zur Kontrolle der Kaffenführung werden Revi-
soren öffentlich gewählt. Die Geschäfte des Vorstandes sind in den Statuten
genau angegeben. Jedes Mitglied des Wahlvereins erhält ein Mitgliedsbuch,
in welchem durch Einkleben einer Marke über den monatlichen Beitrag von
20 Pfennigen quittiert wird. Die Beiträge werden an bestimmten Zahlstellen
des Wahlkreises entgegengenommen und an den Kassierer des Kreises ab-
geführt. Den Vorsitz in den Vorstands- und Vereinsversammlungen führt der
Vorsitzende. Zur besseren Durchführung der Agitation und zur Erleichterung
der Vereinsarbeit sind in den meisten Wahlkreisen, namentlich den größeren
(2., 4., 6.) Unterabteilungen gebildet. Es zerfallen die Kreise in sogenannte
Viertel und diese wiederum in Bezirke, denen die Abteilungs- (oder Viertels-)
und Bezirksführer vorstehen. Vgl. den Organisationsentwurf, Bd. l. Bl. 124.

Neben dieser öffentlichen Organisation besteht noch eine sogenannte
innere Organisation, welche vor dem Königlichen Polizei-Präsidium geheim
        <pb n="111" />
        ﻿103

gehalten wird. Sie wird
durch dieVertrauensmänner
geleitet. Diese werden in
öffentlichenVersammlungen
von den einzelnen Kreisen
gewählt. Ihre Zahl ist nach
der Größe der Wahlkreise
verschieden. Wie oben be-
reits ausgeführt, find die
Vertrauenspersonen durch
das Hallenser Organi-
sationsstatut zunächst zu
dem Zwecke eingeführt, um
die verbotene Verbindung
zwischen der Parteileitung
und den Wahlvereinen her-
zustellen. Diese Tätigkeit
erforderte besonders zuver-
lässige und mit denVerhält-
niffen genau vertraute Per-
sonen. Durch das geheime
Zirkular, Bd. I, Bl. 14,
war ihnen verboten, Ver-
trauensämter in ihrenWahl-
vereinen zu bekleiden; sie
durften und mußtendagegen
einfache Mitglieder der
Wahlvereine sein. Vermöge
ihrer genauen Kenntnis der
agitatorischen Bestrebungen
der Parteileitung waren sie zur Leitung der inneren (geheimen) Organisation
besonders geeignet. Diese letztere bestand neben den Vertrauensmännern
und deren Stellvertretern aus Gruppenführern und Bezirksführern. Ent-
sprechend der öffentlichen Organisation waren die meisten Kreise auch
in der inneren Organisation in Bezirke eingeteilt, denen die Gruppenführer
vorstanden, die Gruppen wieder in Bezirke, welche ihre eigenen Führer
hatten. In vielen Fällen waren die Bezirks- und Gruppenführer die-
selben Personen, wie in der äußeren öffentlichen Organisation die ent-
sprechenden Führer. Die innere Organisation war zunächst zu dem Zwecke
eingeführt, um bei einer etwaigen Auflösung der Wahlvereine sofort in Tätig-
keit treten zu können. In Wirklichkeit ist dieses auch nach der am 29. November
1895 erfolgten Schließung der Vereine der Fall gewesen. Ihre Tätigkeit er-
streckte sich alsdann auch auf Angelegenheiten, deren Erledigung in der Öffent-
lichkeit nicht zweckmäßig erschien. So befaßte sie sich mit der Bewilligung von
Unterstützungen an einzelne Mitglieder, mit der Fällung von Schiedssprüchen
bei Streitigkeiten oder Anzeigen unehrenhafter Landlungen der einzelnen Mit-
glieder, mit der Regelung von Unterschlagungen eingezogener Beträge, mit der
Verbreitung von verbotenen Schriften und namentlich mit der geheimen Vor-
wahl der Vorstandsmitglieder der einzelnen Kreise. In der inneren Organi-
sation wurden sogenannte Corpore-Versammlungen abgehalten, an welchen die
Gruppen- und Bezirksführer — häufig auch Mitglieder des Wahlvorstandes —
teilnahmen und in denen der Vertrauensmann den Vorsitz führte. Innerhalb
der inneren Organisation wurde besonders eifrig Geld gesammelt. Zu diesem
Zwecke wurden in der Druckerei des „Vorwärts" sogenannte Sammewono

Statut unii OMmgsdich

des

Sozialdemokratischen

Lentral-wahlvereins

für

Fertoiv-Neeskoiv-Storkorv-

Kyartottenöurg.

Wahlverein für

------------

ßharlott-nkurg.

Druck: Otto Gverke, Charlottenluirg, DaNstr. (59.

48. Titelblatt des Statuts und Quittungsbuches
des Sozialdemokratischen Zentral-Wahlvereins
für Teltow - Beeskow - Storkow - Charlottenburg
        <pb n="112" />
        ﻿104

hergestellt und durch den
Reichstags - Abgeordneten
Fischer an die Vertrauens-
personen der einzelnen
Wahlkreise, von diesen
wiederum an ihre Anter-
führer verteilt, welche gegen
Aushändigung eines Bons
10 Pfennige in Empfang
nahmen und an den Ver-
trauensmann ablieferten,
welcher seinerseits die ge-
sammelten Beiträge an den
Kassierer der großen Par-
teileitung abführte. Diese
Beiträge sind nicht zu ver-
wechseln mit den monat-
lichen Mitgliederbeiträgen,
welche seitens des Wahl-
vereins öffentlich an den
besonderen Zahlstellen er-
hoben wurden.

Zu erwähnen ist noch,
daß sämtliche in den öffent-
lichen Wahlvereins - Ver-
sanimlungen vorgenom-
menen Wahlen zum Vor-
stande des Wahlvereins,
zu der Preß-, Lokal-, Agi-
tations-Kommission, zu den
Delegierten für Parteitage
usw. von den geheimen
Corpore-Versannnlungen vorbereitet wurden, damit nur zuverlässige Personen
in die Vertrauensstellungen hineinkommen sollten. Die öffentliche Wahl war
alsdann nur eine äußere Form.

Welchen bedeutenden Einfluß die Vertrauenspersonen auf die Partei-
angelegenheiten gehabt haben, geht aus dem Entwurf zur Reorganisation der
Sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins, Bd. I, Bl. 125, hervor. In dem-
selben wird darüber Klage geführt, daß wegen der Bedeutung der Vertrauens-
männer die einzelnen Wahlkreise zu keinem rechten Leben kommen können und
für die Entwickelung der Partei einflußlos bleiben. Gerade diese Erkenntnis
hat in den meisten, namentlich den größeren Wahlkreisen zur Einführung der
neuen Organisation, der Einteilung in Viertel und Bezirke mit besonderen
Führern, den Anlaß gegeben. Dadurch ist es auch erklärlich, daß diese Führer
vielfach mit den bereits eingearbeiteten und bewährten Organen der Vertrauens-
männer (d. h. der sogenannten inneren Organisation) identisch sind.

Reben der Arbeit im eigenen Wahlkreise entfalteten die Vertrauens-
männer noch eine sehr eingehende, die sämtlichen Berliner Wahlkreise um-
faffende Tätigkeit. Die Vertrauenspersonen aller 6 Wahlkreise vereinigten
sich vielfach in gemeinschaftlichen Versammlungen, welche abwechselnd von den
Vertrauenspersonen der einzelnen Kreise einberufen wurden. In diesen Ver-
sammlungen wurde stets ein Vertrauensmann zum Vorsitzenden gewählt

__meistens der Einberufer —, welcher die Verhandlungen und Abstimmungen

leitete. Es wurden hier politische Angelegenheiten aller Art erörtert, die Er-

8 l.

Alle im Reichstagsmahlkreise T.-B.-St.-Ch.
bestehenden sozialdemokratischen Arbeiter- rc.-Ver-
eine bilden einen über den ganzen Wahlkreis sich
erstreckenden Centralwahloerein unter dem Namen
„Sozialdemokratischer Centralwahloerein für den
Reichstagswahlkreis Teltow - Bceskow - Storkow-
Charlottenburg". Sitz des Vereins ist der Sitz
des Centralvorstandes.

8 2.

Zweck des Vereins ist die Förderung aller
derjenigen Bestrebungen, welche aus dem Pro-
gramm der sozialdemokratischen Partei Deutsch-
lands entspringen, ferner die Unterstützung aller
Bestrebungen, welche die Hebung der Arbeiter-
klasse im Allgemeinen bezwecken.

Dies soll erreicht werden durch:

a.	Agitation im Sinne der Sozialdemokratie.

b.	Vorträge und Diskussion über politische,
rvirthschaftliche und wissenschaftliche Fragen.

c.	. Vorbereitung und Leitung von Wahlen.

49 und 50. Zwei Seiten aus den Statuten des
Sozialdemokratischen Wahlvereins für Teltow-
Beeskow-Storkow-Charlottenburg
        <pb n="113" />
        ﻿105

d.	Besprechung von Wahlen zur Delegation
von sozialdemokratischen Parteitagen und
Arbeiterkongressen.

e.	Vertrieb von Flugblättern und sonstigen
geeigneten Schriften.

8 ö.

Mit der Leitung des CentralwahlvereinZ
wird ein Centralvorstand von b Personen betraut.
Derselbe besteht aus einem Vorsitzenden und dessen
Stellvertreter, einem Kassircr, einem Schriftführer
und einem Beisitzer. Der Beisitzer fungirt als
KreiSvcrtrauensperson.

8 4.

Zur Kontrolle des Centralvorstandes sind
alljährlich 3 Revisoren zu wählen, die außerhalb
des Sitzes des Zentralvorstandes wohnen niüssen.
An diese sind alle Beschwerden über den Central-
vorstand zu richten,' auch bilden sie im Verein mit
dem Centralvorstand das Schiedsgericht bei
parteischädigenden Streitigkeiten in den einzelnen
Orten sWahloereinen).

8 5.

Die den Centralverein bildenden Vereine
führen den Namen: „Sozialdemokratischer Wahl-

fahrungen über die bis-
herige Organisation und
Agitation ausgetauscht und
Beschlüsse über die weiter
einzuschlagenden Wege ge-
faßt.

Derartige Versamm-
lungen haben stattgefunden:

1.	Am5.Dezember1894:

Äirtenstr. 10.

Gegenstand der Bera-
tung: Hergäbe von Sälen
an die Partei. Antrag auf
Abhaltung vonArbeitslosen-
Versammlungen.

Nach dem „Vorwärts"
haben am 18. Januar 1895
diese Versammlungen der
Arbeitslosen stattgefunden.

2.	Am 20. Dezember
1894: Ackerstr. 145.

Gegenstand der Bera-
tung: Antrag: Am 11. Ja-
nuar 1895 13 Protestver-
sammlungen gegen die Um-
sturzvorlage abzuhalten. —

Debatte über Neuregelung
des Broschürenbetriebs. —

Beschluß über Erscheinen
einer Broschüre betreffend
Proportionalwahlen.

Nach dem „Vorwärts" haben die Protest-Versammlungen am 11. Januar
1895 stattgefunden. Einberufer waren: „die Vertrauenspersonen".

3.	Am 14. Januar 1895: Naunynstr. 86.

Gegenstand der Beratung: Die zu 1 erwähnten Arbeitslosen-Versamm-
lungen sollen nicht am 16. Januar 1895, wie ursprünglich festgesetzt war,
sondern am 18. Januar 1895 stattfinden.

4.	Am 19. April 1895: Naunynstr. 86.

Gegenstand der Beratung: Abrechnung über die rote Märznummer;
381 Mk. Überschuß werden der Parieikasse überwiesen. — Die Ausgabe der
Maifest-Nummer soll für Berlin am 27. April erfolgen. — Antrag Stadt-
hagen auf Gründung eines Reserentenvereins wird abgelehnt. — Diäten der
Reichstags-Abgeordneten sollen festgestellt werden. — Vorsitzender: Schulze.

5.	Am 17. Mai 1895: Oranienstr. 121.

Gegenstand der Beratung: Änderung des Formulars für die Lokalsperre.

6.	Am 30. Mai 1895: Schwedterstr. 33.

Gegenstand der Beratung: Diäten der Reichstags-Abgeordneten. Ver-
trauensmann Schulze soll wegen seiner Bestrafung Revision einlegen; die Kosten
sollen aus dem Überschuß der roten Märznummer gedeckt werden.

7.	Am 4. Juli 1895: Luisenstr. 5, Vorsitzender Hübner.

Stadtverordneten-Wahlen betreffend. — Beschwerde über . • • ♦ • • •

wegen unsittlicher Handlungen. — Beschwerde gegen die Stadlverordne
wegen der Ehrung von Langerhans.

49 und 50. Zwei Seiten aus den Statuten des
Sozialdemokratischen Wahlvereins für Teltow-
Beeskow-Storkow-Charloltenburg
        <pb n="114" />
        ﻿m



m

K

— 106 -

8.	Am 12. Juli 1895: Lindenstr. 106, Vorsitzender Fritz.

Gegenstand der Beratung: Nochmals Beschwerde gegen die Stadt-
verordneten wegen Langerhans. — Beschwerde gegen G............

9.	Am 16. August 1895: Königsbergerstr. 7, Vorsitzender Baumgarten.
Gegenstand der Beratung: Kosten der Delegierten zur Leichenfeier für

Engels.

10.	Am 1. August 1895: Lindenstr. 106, Vorsitzender Fritz.

Gegenstand der Beratung: Diätensrage. — Am 13. August 1895 sollen

Versammlungen zum Agrarprogramm abgehalten und die Delegierten zum
Brandenburger Parteitag gewählt werden.

Nach dem „Vorwärts" haben diese Versammlungen stattgefunden; die
Beschlüsse sind so gefaßt, wie die Vertrauensmänner vorher beschlossen hatten.
Einberufer der Versammlungen: „Die Vertrauenspersonen."

11.	Am 23. August 1895: Oranienstr. 121, Vorsitzender Fritz.

Anträge für den Parteitag. — Diese Anträge werden in den Ver-
sammlungen der 6 Wahlkreise am 17. September 1895 angenommen. Vgl.
„Vorwärts."

12.	Am 4. September 1895: Lindenstr. 106, Vorsitzender Schulze.
Gegenstand der Beratung: Unterstützung für den in Konkurs geratenen

Genossen...........— Das Telegramm an die Pariser Genossen wird ge-

nehmigt. Vgl. „Vorwärts" vom 3. September 1895. — Am 17. September
1895 sollen Versammlungen der Wahlkreise stattfinden und die Anträge zum
Parteitag gestellt werden.

Die Versammlungen haben am 17. September 1895 stattgefunden. Ein-
beruser: „Die Vertrauenspersonen." Vgl. „Vorwärts" vom 17. September 1895.

13.	Am 13. September 1895: Äirtenstr. 10, Vorsitzender Lübner.
Gegenstand der Beratung: Die Preß-Kommission soll vierteljährlich

Bericht erstatten.

Anträge zum Parteitag.

14.	Am 26. September 1895: Perlebergerstr. 28.

Gegenstand der Beratung: Anträge zum Parteitag, Festsetzung der Abreise
der Delegierten zum Parteitag in Breslau.

Die Abreise ist erfolgt, wie festgesetzt.

15.	Am 8. Oktober 1895: Iüdenstr. 36.

Gegenstand der Beratung: Kommunalflugblatt soll am 13. Oktober ver-
breitet werden. — Am 18. Oktober 1895 soll eine Versammlung in Kellers
Festsälen stattfinden. — Am 24. Oktober 1895 sollen in den 6 Wahlkreisen
Parteiversammlungen stattfinden. Wahl der Vertrauensmänner usw.

Das Flugblatt ist am 13. Oktober verteilt worden und die Versamm-
lungen haben stattgefunden.

Außer diesen Versammlungen, an denen nur Vertrauenspersonen teil-
genommen haben, sind von den letzteren auch eine Anzahl anderer Versamm-
lungen einberufen worden, an welchen sich Mitglieder der verschiedensten
anderen Vereine beteiligt haben.

Anker anderem haben stattgefunden:

1.	Am 2. Oktober 1894 in der Expedition des „Vorwärts", Beuthstr. 2.
Teilnehmer: a) Parteivorstand: Bebel, Singer, Auer, Gerisch, Pfannkuch;
b) Lokal-Kommission: Scholz; c) Preß-Kommission; d) Vertrauenspersonen:
Täterow, Werner, Fritz, Baumgarten, Schulze, Pfarr, Augusttn, Schlichting,
Waschowsky.

Gegenstand der Beratung: Bier-Boykott.
        <pb n="115" />
        ﻿107

JCi

44. Kommunal'filablkzirh.

V

Montag, den 31. Oktober, abends 8 V- Uhr

Qeffetitl. Volks'Versammlung

im Saale der

Brauerei „Patzenhofer“, Turmstr. 2S\26

Tages-Ordnung:

1. Vortrag des Stadtverordnete» Hermann Schubert über:

Die Sünden des Treislnns auf dem gebiete der Schule.

2.	Diskussion.

8» recht zahlreichem Besuch ladet ein

Der Einberufen

Somäag Buchdrua-r-I und B-rIaoS-n!&gt;a!, P-Ul EiNü-i &amp; Io. Berlin SW. (B. Andensir. 09.



U i C i





51. Landzettel. Einladung zum Besuch einer Kommunalwähler-
versammlung

2.	Am 18. Oktober 1894: Stallschreiberstr. 29.

Teilnehmer: a) Preß-Kommission, b) Vertrauensmänner.

Gegenstand der Beratung: Am 6. November 1894 sollen Parteiversamm-
lungen abgehalten werden mit dem Thema: Bericht über Parteitag, Wahl
der Vertrauensmänner, der Preß-, Lokal-Kommission usw.

Diese Versammlungen haben stattgefunden am 6. November 1894. Ein-
beruser: „Die Vertrauenspersonen."

Verbreitung eines Flugblattes zur Verschärfung des Bierboykotts am
11. November 1894.

Die Verbreitung des Flugblatts hat am genannten Tage stattgefunden.

3.	Am 11. Ottober 1894: Beuthstr. 2.

Teilnehmer: a) Parteivorstand: Bebel, Singer, Auer, Pfannkuch,
Gerisch; b) Preß-Kommission; c) Lokal-Kommission: Scholz; d) Vertrauens-
Personen, wie am 2. Ottober 1894.

Gegenstand der Beratung: Bier-Boykott. Vgl. „Vorwärts" vom

16.	Oktober 1894.

4.	Am 10. November 1894: Beuthstr. 2.

Teilnehmer: a) Parteivorstand: Bebel, Singer, Auer, Pfannkuch,
Gerisch; b) Preß-Kommission; c) Lokal-Kommission; d) Vertrauenspersonen.

Gegenstand der Beratung: Bier-Boykott. — Erscheinen der Gustav Adolf-
Broschüre. — Erscheinen des Parteitags-Protokolls. Vgl. „Vorwärts" vom
15. November 1894.

5.	Am 14. November 1894: Stallschreiberstr. 29.

Teilnehmer: a) Parteivorstand: Singer; b) Vertrauenspersonen.

Gegenstand der Beratung: Verschärfung des Bier-Boykotts.

*&lt;*aq
        <pb n="116" />
        ﻿Zur Reorganisation

der

SoMemkiiUihm Wchlmeine

Berlins.

Ko«der-Abdruck aus Dr. 278 des „Konvilrls"
vom 23. November 1893.

6.	Am 23. Dezember
1894: Beuthstr. 2.

Teilnehmer: a) Partei-
leitung: Singer, Auer,
Gerisch; b) Pretz-Kommis-
sion; c) Lokal-Kommission;
d) Vertrauensmänner.

Gegenstand der Bera-
tung: Verlegung der Ar-
beitslosen-Versammlungen;
Aufhebung des Bier-Boy-
kotts.

7.	Am 1. Februar 1895:
Oranienstr. 121.

Teilnehmer: a) Partei-
vorstand : Gerisch, Pfann-
kuch; b) Preß-Kommission;
c) Lokal-Kommission; d)
Vertrauensmänner: u. a.
Augustin.

Gegenstand der Bera-
tung: Abhaltung der Feier
des 18. März. Vgl. „Vor-
wärts" vom 17. März 1895.
— Abhaltung der Maifeier.
Vgl. „Vorwärts" vom
l.Mai 1895. — Die Frei-
gabe der Säle wird den
einzelnen Wahlkreisen über-
lasten. — Einige Bier-
Boykott-Angelegenheiten.

8.	Am 22. Februar 1895
Stallschreiberstr. 29.

Teilnehmer: a) Parteivorstand: Pfannkuch; b) Vertrauenspersonen.

Am 28. Februar 1895 sollen 8 Protestversammlungen gegen die Tabak-
steuer abgehalten werden.

Dieselben haben stattgefunden am 28. Februar 1895.

Einberufen durch die „Vertrauenspersonen". Vgl. „Vorwärts" vom
28. Februar 1895.

K«rU» 1802.

Buchdrück-rei von Max Bading
SWn Beuth »Straße 2.

52 und 53. Titelblatt und erste Seite der
Broschüre über die Reorganisation der Sozial-
demokratischen Wahlvereine Berlins

9. Am 3. März 1895: Bülowstr. 59.

Teilnehmer: a) Parteivorstand: Gerisch; b) Preß-Kommission; c) Ver-
trauenspersonen: u. a. Werner und Schlichting.

Gegenstand der Beratung: Es soll eine rote Märznummer erscheinen.
(Beschlagnahmt am 16. März 1895 in 517 Exemplaren.) — Antrag über ein-
heitliche Regelung der Abendkonzerte.

10.	Am 5. September 1895: Oranienstr. 51.

Teilnehmer: a) Parteivorstand: Gerisch und Pfannkuch; b) Vertrauens-
personen.

Gegenstand der Beratung: ..............in Konkurs; soll ... Mk. ge-

schentt, ... Mk. leihweise erhalten.

11.	Am 1. Oktober 1895: Rathauskeller.

Teilnehmer: a) Parteivorstand: Singer; b) Vertrauenspersonen: Fritz,
Augustin, Georgi, Baumgarten, Pfarr, Lübner.
        <pb n="117" />
        ﻿109

Gegenstand der Bera-
tung: Am 15. Oktober 1895
soll eine Versammlung ab-
gehalten werden, in welcher
die Stadtverordneten be-
richten sollen.

Lat stattgefunden:

Koppensir. 29.

Es soll ein Flugblatt
über die Kommunalwahlen
verbreitet werden.

Ist am 13. Oktober 1895
verbreitet.

*

In dem Spezialband
„Vertrauenspersonen" ist
eine Anzahl Ausschnitte
aus dem „Vorwärts" zu-
sammengestellt, in denen
„die Vertrauenspersonen"
zu öffentlichen Versamm-
lungen^ der 6 Wahlkreise
mit derselben Tagesordnung
und zu derselben Zeit in
verschiedenen Lokalen auf-
fordern. Diese Inserate
können nur nach vorheriger
Verabredung erlassen sein.

Von besonderer Wich-
tigkeit ist die Depesche,
welche „die sozialdemokra-
tischen Vertrauensmänner
Berlins" am 2. Septeinber
1895 an die französischen Sozialdemokraten in Paris gerichtet haben, in welcher
sie den französischen Genossen als Protest gegen Krieg und Chauvinismus Gruß
und Landschlag senden. Es ist charakteristisch, daß diese Depesche von den Ver-
trauenspersonen ausgegangen ist. Sie beweist einerseits die Bedeutung, welche
man den Vertrauensmännern beilegen mutz, andererseits die enge Zusammen-
gehörigkeit derselben untereinander.

Rach vorstehendem Sachverhalt sind die Vertrauenspersonen als sehr
wichtige Glieder der inneren Organisation der Wahlvereine aufzufassen, welche
unter sich einen besonderen Verein bilden und unter einer Leitung zu gemein-
samen bestimmten Zwecken in Versammlungen sich verbinden. Dieser Verein
umfaßt die Vertrauenspersonen sämtlicher 6 Berliner Wahlkreise; die Leitung
wechselt in den jedesmaligen Versammlungen.

lLeit längerer Zeit hat sich unter den Berliner tAenossen das
'Bedürfniß fühlbar gemacht, das Parteileben kräftiger zu gestalten.
Man ist zu der Ueberzeugung gekommen, daß die gegenwärtig
in der Reichshauptstadt vorhandenen Parteiorganisationen ihrem
Zweck nicht genügen . können. Bekanntlich bestehe»» neben-
einander, völlig getrennt, zweierlei Organisationen in ganz Deutsch-
tand. Die eine. das Berlrauensmännersystem. beruht auf dem
Örganisatiollsstatut der Partei. Es wird bedingt dadurch, daß
die Vereinsgesetze der verschiedenen deutschen Staaten dem Ver-
kehr von Vereinen untereinander mancherlei Beschränkungen ans-
erlegen, oder ihn. »vie in Preußen, ganz verbieten. Der Vorstand
der.Partei kann nach der in Preußen gegenwärtig maßgebenden
Gesetzesauslegung nicht mit Vereinen, sondern nur mit ein-
zelnen Personen in Verbindung treten. Das hat zur
Einrichtung des Vertrauensmännersyslems geführt. In jedem
Reichstags-Wahlkreise »vcrden nach Abhaltung der Parteitage in
öffentlicher Volksversa»ninluug ein oder mehrere Vertraucns-
»nänner gewählt, die mit dein Parteivorstand in ständiger Korre-
spondenz stehen und im Wahlkreise zur Erledigung aller Partei-
Angelegenheiten (Wahlen zu Kongressen n. dgl.) erforderlichen
Falls öffentliche Versammlungen einzuberufen haben.

Neben diesen Vertrauensmännern und ganz unabhängig von
ihnen bestehen nun noch überall politische Vereine, in Berlin
für jeden der sechs Wahlkreise ein Wahlverein. Da die nnch-
liaerkN Partei-Angelegenheiten alle durch die Vertrauensmänner
ihre Erledigung fanden. ionnten bisher die Wahlvereino» zu
keinem rechten Lehen kommen und blieben bedeutungslos für die
Entwickelung der Partei. Das hat dazu beigetragen. daß die
Parteigenossen ihr Bedürfniß t'es persönlichen Zusammenschlüsse»
vielfach durch gesellige Vereine mancher Art zu befriedigen
suchten »nid dadurch wieder vom politischen Leben abgezogen

52 und 53. Titelblatt und erste Seite der
Broschüre über die Reorganisation der Sozial-
demokratischen Wahlvereine Berlins

Linsichtlich der einzelnen Wahlkreise ist folgendes zu bemerken:

1. Wahlkreis.

Den Vorstand des Wahlvereins bilden die Angeschuldigten Pohlitz (seit
etwa 2 Jahren) als Vorsitzender und Petermann (seit 1890) als Kassierer.
In den beiden Generalversammlungen des Wahlvereins am 23. Apru
und 23. Oktober 1895 hat Pohlitz den Vorsitz geführt, Petermann den Kapen-
bericht erstattet. In beiden Versammlungen ist der Beschluß des or» ,
        <pb n="118" />
        ﻿110

je 100 Mk. durch den Vertrauensmann an den Kassierer der Parteileitung
abzuführen, genehmigt worden. In sämtlichen Wahlkreisen werden diese von
dem Vorstand an den Vertrauensmann behufs Ablieferung an die große
Parteikasse gezahlten Summen bezeichnet: „Zur Agitation."

In dem bei Petermann beschlagnahmten Kassenbuch findet sich eine
Summe mit 100 Mk. als „zur Agitation abgeliefert" verzeichnet. Bei Peter-
mann sind auch 2 Quittungen von Gerisch und Pfannkuch — Mitglieder der
Parteileitung — vorgefunden, auf welchen über die Ablieferung kleiner Beträge
an die Parteikasse dem Kassierer Petermann eine Bescheinigung erteilt wird.

Vertrauensmann des 1. Wahlkreises ist der Angeschuldigte Täterow
(seit Bestehen der neuen Organisation), stellvertretender Vertrauensmann: der
Angeschuldigte Felgentreff (seit Lerbst 1894).

Täterow hat in einer Quittung vom 31. Oktober 1894 den Empfang von
100 Mk. von Petermann bescheinigt, offenbar dieselbe Summe, deren Ab-
lieferung „zur Agitation" in der Generalversammlung im Oktober 1894 be-
schlossen ist und deren Zahlung im Kassenbuch des Wahlvereins, wie vorhin
erwähnt, vermerkt ist. Täterow hat auch selbst auf Sammelbons Geld ge-
sammelt und an die Parteikasse abgeführt. Dem Wahlverein hat er als ein-
faches Mitglied angehört, jedoch einmal einer Sitzung des Wahlvereins vor-
gesessen, als beide Vorsitzende fehlten. Daß er auch auf andere Weise mit
dem Wahlvorstande in enger Beziehung gestanden hat, geht aus einem von
ihm geschriebenen, bei Pohlitz beschlagnahmten Briefe hervor, in welchem er
dem 1. Wahlkreise die Mitteilung macht, daß dieser am 18. März 1895 keine
Vereinsversammlung abhalten solle, da für diesen Tag mehrere große öffent-
liche Versammlungen geplant seien, eine Kenntnis, welche er offenbar nur aus
einer Versammlung sämtlicher Vertrauensmänner haben konnte — jedenfalls
der am 1. Februar 1895 Oranienstr. 121 stattgesundenen. —

Felgentreff hat die Geschäfte des Vertrauensmanns nur dann geführt,
wenn Täterow behindert war. Er hat Versammlungen einberufen und Re-
ferenten bestellt, auch auf Sammelbons Geld eingezogen.

Im 1. Wahlkreis sind etwa 8 Corpora-Versammlungen festgestellt worden.
In den meisten hat Täterow den Vorsitz geführt.

2. Wahlkreis.

Im 2. Wahlkreis war der Angeschuldigte Antrick, Vorsitzender (seit einem
halben Jahre), Lange, Schriftführer (seit Juli 1895) und Griese, Kassierer (seit
August 1895) des Wahlvorstandes.

Aus dem Kassenbuch, dem Protokollbuch und den beschlagnahmten
Quittungen geht hervor, daß auf Beschluß des Vorstandes und verschiedener
Vereinsversammlungen vielfach große Summen an die Agitationskommission
für die Provinz Brandenburg und die Frauen-Agitationskommission gezahlt
sind. Griefe hat geständigermaßen wiederholt derartige Beträge an die Ver-
trauenspersonen abgeführt, Antrick hat in Versammlungen, in welchen Be-
schlüsse auf Ablieferung von Beiträgen an die Parteikasse gefaßt sind, den
Vorsitz, Lange das Protokoll geführt.

Lervorzuhebe» ist, daß der Angeschuldigte Kiesel — früher Vorsitzender des

6.	Wahlkreises — ausweislich des Protokollbuchs und der Ausschnitte aus dem
„Vorwärts" im 2. Wahlverein einen Vortrag über die in seinem Wahlkreise
gemachten Erfahrungen hinsichtlich der neuen Organisation gehalten hat.

Vertrauensmänner des 2. Wahlkreises waren Werner und Schlichting
(seit Oktober 1892 bezw. seit 1894).

Zahlreiche Quittungen und die Kassenbücher ergeben, daß Werner vielfach,
Schlichting in einigen Fällen, Geld von dem Kassierer des Wahlvereins er-
halten und an die Parteikasse, auch an die Agitationskommission für die Provinz
Brandenburg abgeführt hat. Eine Anzahl von Briefen und Karten beweist
        <pb n="119" />
        ﻿111

ReichsLagswahl 1907

m Legitimations-Karte «®

für Radfahrer

Beim Ein- und Ausfahren vorzuzeigen

l	-	-	----------)

»«««»«&gt;« tvtKuiuuBii MnO»m»«u*i»Hit, lnn» • n.

54. Legitimationskarle der bei der Mahl für die Partei tätigen

Radfahrer

den Verkehr zwischen Werner und anderen Vereinen, wie Lokalkommission,
Frauen-Agitationskommisston usw., sowie seine Verbindung mit anderen Ver-
trauenspersonen. Er hat auch Versammlungen einberufen, geleitet und Geld,
welches er auf Bons gesammelt hatte, an die Parteikasse abgeführt.

Als Vertrauensperson des 2. Kreises ist auch Frau Scholtz im Oktober
1894 gewählt worden. Eine spezielle Tätigkeit hat sich ihr bei der Kürze ihrer
Vertrauensstellung nicht nachweisen lassen. Da sie jedoch als Mitglied des
2. Wahlkreises zu erachten ist, hat sie gegen 8 16 Absatz 3 des Vereinsgesetzes
verstoßen.

Etwa 18 Corpore- und Gruppenführersitzungen sind im 2. Wahlkreise
festgestellt worden. Den Vorsitz hat in vielen Fällen Werner geführt.

Z. Wahlkreis.

Für den dritten Kreis waren seit Januar 1894 die Angeschuldigten
Kräker: Vorsitzender, Mahle: Schriftführer, Darndt: Kassierer, Fritz und
Georgi: Vertrauenspersonen.

Es sind Beiträge durch den Vertrauensmann Fritz an den Parteivorstand
abgeliefert. In der Versammlung vom November 1895 gibt Fritz den Betrag
von 3750 Mk. an. Aus verschiedenen Listen und Abrechnungen geht hervor,
daß nicht nur an den Parteivorstand, sondern auch an die Agitations- und
Lokalkommission Geld durch den Kassierer Larndt gezahlt ist. Ausweislich
des Protokollbuchs ist in der Generalversammlung vom 19. Juli 1895 be-
schlossen, 300 Mark an die Parteikasse abzuführen. Vorsitzender dieser Ver-
sammlung war Kräker, Schriftführer: Mahle. Einzelne an Larndt gerichtete
oder von demselben geschriebene Karten weisen auf einen Verkehr mit anderen
Wahlkreisen hin.

Fritz hat auf Bons Geld gesammelt und an die Parteikasse abgeführt.
Bei Georgi ist ein geheimes Zirkular des Parteivorstandes gefunden.

Die Corpore-Versammlungen sind von Fritz geleitet.

4.	Wahlkreis.

Den Vorstand des 4. Wahlkreises bildeten: Erbe als Vorsitzender (seit
Derbst 1894), Runge als Schriftführer (seit Frühjahr 1894), Zabel als Kassierer
(seit Januar 1894). Vertrauenspersonen waren die Angeschuldigten Baum-
garten, Thielke, Wenzels, Gertschke, Schulze, Bolze.
        <pb n="120" />
        ﻿112

Nach dem von Zabel geführten Kassenbuch und dem von Runge geführten
Protokollbuch, sowie nach den Erklärungen von Erbe, Baumgarten, Thielke
und Wenzels sind vielfach von dem Wahlverein durch die drei zuletzt genannten
Vertrauenspersonen Beiträge an die Parteikasse gezahlt.

Ein bei Erbe beschlagnahmter Brief ergibt eine Verbindung mit dem
2. Wahlverein. — In einer Versammlung am 22. Mai 1894 hat der da-
malige Vorsitzende des 6. Wahlkreises, Angeschuldigter Kiesel, über die Vorzüge
der im 6. Wahlkreise durchgeführten Organisation gesprochen. Vgl. oben:
2. Wahlkreis.

Ein wichtiger Beweis für die Verbindung der verschiedenen Vereine unter
einander ist die vom 29. November 1893 im Vereinshaus „Süd-Ost", Walde-
marstraße 75, stattgehabte Versammlung des 4. Wahlkreises. Der Schutzmann
Schulz hat dieser Versammlung beigewohnt.

Es waren dazu sämtliche Wahlvereinsvorstände der sechs Kreise und
sämtliche Vertrauenspersonen geladen; desgl. auch der Parteivorstand. Von
letzterem war Gerisch erschienen. Von den hier interessierenden Vertrauens-
personen nahmen teil: Taeterow, Felgentreff, Werner, Wenzels, Schulze,
Pfarr, Maschowsky, Augustin, Lelbig und Bolze. Zum Vorsitzenden wurde
Wenzels gewühlt. Gegenstand der Beratung war der im „Vorwärts" vom

26.	November 1893 veröffentlichte Entwurf „Zur Reorganisation der sozial-
demokratischen Vereine Berlins" Bd. I, Bl. 124, welcher später in allen
größeren Wahlkreisen eingeführt ist.

Dafür, daß die Vertrauensmänner einen innigen Zusammenhang unter
einander gehabt haben, so daß sie als selbständiger Verein zu erachten sind,
ist der bei Baumgarten beschlagnahmte Brief der Buchhandlung des „Vor-
wärts" vom 10. Mai 1895 von Bedeutung. In demselben wird mitgeteilt,
daß das 3. Lest der Umsturzvorlage an „die Vertrauensleute Berlins"
zur Ausgabe gelangt.

In einem bei Schulze beschlagnahmten Notizbuch findet sich ein Vermerk
über eine Vertrauensmänner-Sitzung vom 15. November bei Zubeil.

Die sechs Vertrauenspersonen haben Versammlungen einberufen, Geld
aus Bons gesammelt und an die Parteikasse abgeführt.

Schulze hat das von ihm gesammelte Geld auch teilweise an die Agtta-
tionskommission für die Provinz Brandenburg abgeliefert und an letztere
Kommission auch im Aufträge des Wahlvereins Beiträge gezahlt.

Im Kerbst 1895 ist auch die Angeschuldigte Fräulein Baader zur Ver-
trauensperson gewählt worden. Sie hat sich von dem Angeschuldigten Thielke
für 120 Mk. Sammelbons geben lassen. Im Übrigen gilt von ihr das be-
züglich der Frau Scholtz im 2. Wahlkreis Gesagte.

Die Corpore-Versammlungen find meistens von Baumgarten geleitet.

5.	Wahlkreis.

Im 5. Wahlkreise ist Drescher etwa 2 Jahre lang bis April 1895 Vor-
sitzender gewesen; später ist er stellvertretender Vertrauensmann geworden.
Richter ist bis November 1895 Kassierer gewesen, alsdann zum Vertrauens-
mann gewählt. Lllbner ist von Kerbst 1894 bis dahin 1895 Vertrauensmann
gewesen. Wie diese drei Angeschuldigten einräumen und durch die bei Richter
und Kübner beschlagnahmten Quittungen und Posteinlieferungsscheine erwiesen
wird, hat Richter zu der Zeit, als er Kassierer und Drescher Vorsitzender war,
mehrfach größere Beträge auf Beschluß des Vorstandes an Kübner gezahlt,
welcher sie seinerseits an den Parteikassierer Gerisch oder an die Agitations-
kommission für die Provinz Brandenburg ablieferte. Kübner hat ferner ge-
meinsam mit den Vertrauenspersonen der anderen Wahlkreise zu öffentlichen
Versammlungen in den einzelnen Kreisen eingeladen. Der Betrag für diese
Inserate im „Vorwärts" wurde von dem Vertrauensmann Schulze (4 Wahl-
        <pb n="121" />
        ﻿
        <pb n="122" />
        ﻿113

Ereis) auf die einzelnen Kreise verteilt und von den Vertrauensleuten einge-
zogen. Vgl. die bei Äübner gefundene Quittung über 24 Mk. im Spez.-Bd. IX.

Bei dem Angeschuldigten Teufert, welcher im November 1895 zum Ver-
trauensmann gewählt war, sind 3000 Stück Sammelbons beschlagnahmt; er
hat auch eine öffentliche Versammlung einberufen.

Der im Oktober 1895 neu gewählte Vorstand: Buchhändler Lermann
Gumpel (Vorsitzender), Kaufmann Adolf Adler (Kassierer) und Konditorgehilfe
Richard Lohlfeldt (Schriftführer) haben bis zu der Schließung der Vereine
wegen Kürze der Zeit noch keine besondere Tätigkeit entfalten können.

6.	Wahlkreis.

Der Angeschuldigte Ernst war Vorsitzender des Wahlvereins seit Oktober
1895. Sein Vorgänger war der Angeschuldigte Kiesel. Kassierer war seit
Oktober 1895 Kröhn, Schriftführer seit Frühjahr 1895 Schumann.

Vertrauenspersonen waren: Waschowski seit Lerbst 1893, Brinkmann
seit Oktober 1895, Augustin seit Lerbst 1893, Pfarr seit Lerbst 1891, Lelbig
seit Lerbst 1893.

Auf Beschluß des Vorstandes sind vielfach bedeutende Summen an den
Parteivorstand und an die Agitationskommisston für Brandenburg abgeführt,
und zwar durch die genannten 5 Vertrauenspersonen. Die letzteren haben
auch selbständig auf Bons Geld gesammelt und an dieselben Adressen abge-
führt. Sie sind in regen Verkehr mit einander getreten und haben in öffent-
lichen Versammlungen gemeinschaftlich Rechnung gelegt. — Bei Augustin ist eine
Abrechnung vorgefunden, auf welcher die Postgebühr für das Telegramm
an die Sozialdemokraten in Paris zum 2. September 1895 in Anrechnung
gebracht ist. — Bei Kiesel und Pfarr sind gedruckte Rechenschaftsberichte des
6. Kreises über Land-Agitation vom 1. September 1894 bis 31. August 1895
beschlagnahmt; aus denselben stehen Augustin, Lelbig, Pfarr, Waschowski als
Revisoren verzeichnet. — An Augustin hat der Parteikassierer Gerisch eine
Aufstellung sämtlicher Beiträge des 6. Wahlkreises für die Parteileitung vom
1. Januar 1894 bis 1. April 1895 gesandt. — Ein bei Pfarr gefundener Brief
aus Wittenberg beweist die Verbindung zwischen Agitations-Kommission,
6. Wahlkreis und Parteivorstand.

Einzelne Corpore-Versammlungen sind von Waschowski geleitet worden. —

Soweit die Zusammenstellung des Staatsanwalts. Die Berichte er-
klären sich selbst, jeder Zusatz könnte nur Wiederholung von schon Gesagtem
(ein. Wir sehen das reguläre Leben einer politischen Partei vor uns, und
wenn dieses Leben sich zum Teil „geheim" abspielte, so war das nur des-
halb ungesetzlich, weil das Gesetz widersinnig war. Es hätte die Partei
&gt;nit Laut und Laaren verbieten müssen, wenn es verhindern wollte, daß
sie sich ihrer Natur gemäß entfalte. Daß das Erste unmöglich war, hatten
die Gesetzgeber gelernt, nun mußten sie lemen, daß organisches Leben nur
seinen eigenen Gesehen gehorcht.

3.	Die Wandlungen in den Programmen der sozialdemokratischen

Wahlvereine.

Noch einige Worte über die Entwicklung der polittschen Paragraphen
in den Statuten der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins. So sehr
der Lauptzweck dieser Vereine prinzipiell der gleiche blieb, so finden wir
ihn doch in den Statuten zu verschiedenen Zeiten anders bezeichnet. Die
stärkere Sicherheit wird zum Anlaß, den Zweck der Vereine im Statut zu
schärferer Ausprägung zu bringen. Lind im gleichen Sinne werden auch

Bernstein, Berliner Geschichte. II'.	®
        <pb n="123" />
        ﻿114



Verband der Sozialdemokratischen Wahlvereine
Berlins und Umgegend.

Der Kassierer.

55. Parteistempel

die Bestimmungen über die Aktionsmittel und die Bedingungen der Mit-
gliedschaft im Laufe der Zeit anders gefaßt.

Die Geschichte der Statuten der Wahlvereine von drei Berliner Reichs-
tagswahlkreisen mag dies veranschaulichen. Die stärkste Veränderung weist
das Statut des in: April 1889 gegründeten sozialdemokratischen Wahlvereine
für den ersten Berliner Reichstagswahlkreis auf. Seine Einleitungspara-
graphen lauten in der ersten Fassung:

„§ 1.

Zweck des Vereins ist die Erzielung volkstümlicher Wahlen.

8 2.

Dieses Ziel soll erreicht werden:

a)	durch tatkräftige Agitation bei den Wahlen;

b)	durch wissenschaftliche, im volkstümlichen Sinne gehaltene Vorträge,
und durch Abhaltung von Versammlungen in politischer Beziehung;.

c)	durch Verbreitung von Flugblättern.

8 3-

Mitglied des Wahlvereins kann jeder vollberechtigte Bürger Berlins
werden, welcher sich im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte befindet."

Deutlich zeigt sich hier noch der Einfluß des Ausnahmegesetzes, unter
dessen Walten das Statut geschaffen wurde. Die Ausdrücke sind so gewählt,
daß sie weitere oder engere Auslegung erlauben, und die Mitgliedschaft
wird von Bedingungen abhängig gemacht, die Zeugnis davon ablegen, wie
sehr noch aus die Gerichte Rücksicht zu nehmen war.

Das Statut blieb über zehn Jahre in Kraft. Der Wahlverein
Berlin I konnte in seiner alten Verfassung selbst den Köllerstrcich über-
dauern. Erst im Jahre 1901 gab er sich ein neues Statut. Dort aber
wird im ersten Paragraph nicht mehr als Zweck bloß die „Erzielung volks-
tümlicher Wahlen" hingestellt, sondern heißt es nun politisch bestimmter und
weitergreifend: „der Verein bezweckt, die Grundsätze und Ziele der Sozial-
demokratie zu fördern." Die Änderung des zweiten Paragraphen ist nicht
wesentlich, immerhin ward auch er ettvas bestimmter gefaßt, und der dritte
Paragraph macht die Aufnahme in den Verein nicht mehr vom Besitz
bürgerlicher und sonstiger „Rechte" abhängig, sondern läßt jeden zu, der
die Bestrebungen der sozialdemokratischen Partei Deutschlands anerkennt.

Diesem neuen Statut wurde als Anhang ein „Organisationsplan"
beigegeben, der dem uns schon bekannten Bilde entspricht. Wir finden
Berlin l in sechs Abteilungen mit je einem Abteilungsführer eingeteilt.
Die Abteilungsführer, die Sitz und Stimme in den Vorstandssitzungen
des Vereins haben, werden vom Vorstand ernannt und ernennen ihrerseits
        <pb n="124" />
        ﻿115

die Bezirksführer; in beiden Fällen aber bedürfen
die Ernennungen der Bestätigung durch die General-
versammlung des Vereins. —

Das Statut des ebenfalls schon 1889 gegründeten
Sozialdemokratischen Wahlvereins für Berlin IV
lautete gleich zu Anfang bestimmter als das Statut
des Vereins für Berlin I, wir begegnen aber auch bei
ihm der Tendenz, sich auf Rechtsvorschriften zu berufen.

Als Zweck des Vereins wird (§ 1) geradeheraus 56. Parteistempel
angegeben: „die Herbeiführung sozialdemokratischer
Wahlen". Etwas diplomatischer klingt es dagegen, wenn § 2 erklärt, daß
das gesteckte Ziel erreicht werden soll „durch tatkräftige und planmäßige
Ausübung der durch die Wahl-, Versammlungs-, Vereins-, Preß- und
sonstige Gesetzgebung gewährten staatsbürgerlichen Rechte, insbesondere:

1.	durch Vorbereitung auf kommende Wahlen vermittelst Werbung von
Mitgliedern, Veranstaltung von wissenschaftlichen und politischen Vorträgen
und Besprechungen in den Vereinsversammlungen, Benutzung der Presse;

2.	nach erfolgter Wahlausschreibung durch Leitung der Wahlbewegung.
Zum Beitritt befähigt wird erklärt (§ 3) jeder volljährige Bürger, der sich
mit den Grundsätzen des Vereins einverstanden erklärt." Die geschickte
Fassung all dieser Sätze zeigt, daß diejenigen, die das Statut ausarbeiteten,
in der Rechtspraxis gute Erfahrungen hatten.

Es wurde, wie im vorigen Kapitel erwähnt, im Jahre 1894 abgeändert.
Der Zweck der Änderung — Erweiterung der Arbeitssphäre des Vereins —
kommt auch in der neuen Fassung der das Programm bildenden Sätze des
Statuts zum Ausdruck. Im § 1 wird als Zweck des Vereins jetzt ganz
allgemein angegeben, „die sozialdemokratischen Bestrebungen zu fördern",
was geschehen solle:

„1. durch Erörterung aller das Gemeinwohl und das Parteiinteresse
berührenden Angelegenheiten; 2. durch Vorbesprechung aller politischen
und Parteiwahlen; 3. durch Verbreitung sozialdemokratischer Ideen in
allen Bevölkerungskreisen, insbesondere durch unentgeltliche Verteilung
sozialdemokratischer Literatur an die Mitglieder; 4. durch Errichtung
einer Bibliothek, die in erster Reihe dazu bestimmt ist, die Vereins-
referenten mit wissenschaftlichem Material für ihre Vorträge zu ver-
sehen; und 5. durch Pflege der Geselligkeit unter den Mitgliedern."

And Mitglied kann „jeder werden, der sich mit den Grundsätzen des Vereins
einverstanden erklärt".

Rach Erledigung des Köllerstreichs von Ende 1895 schuf sich der vierte
Berliner Reichstagswahlkreis, wie wir gesehen haben, zwei Wahlvereine:
Berlin I V Ost und Berlin IV Süd - Ost. Diese Vereine erhielten aber
übereinstimmend lautende Statuten. Jeder von ihnen bezweckte danach in
seinem Teil des Wahlkreises den Zusammenschluß der Parteigenossen zu
fördern und für die Grundsätze und Forderungen der Sozialdemokratie neue
Anhänger zu gewinnen: „1. durch Abhaltung von Versammlungen, 2. durch
Verbreitung sozialistischer Literatur und der Parteipresse, 3. durch Be-
sprechung von Tages- und Parteifragen und öffentlichen Wahlen." Fähig
zur Mitgliedschaft ist in beiden Vereinen, „wer das sozialdemokratische
Parteiprogramm anerkennt". Den späteren Auflagen des Statuts war
        <pb n="125" />
        ﻿ozlaldemokratUciw -
ünterltützungsfonds
Quittung

über freiwillig gezahlte

Lv Pfennig =

		[Verband dl		d X/ e rb an dji
				
|"b e r 1 i n s "				

Die verschiedenen Parteibeitragsmarken seit dem Jahre 1890

auch das (Erfurter) Parteiprogramm der deutschen Sozialdemokratie ein-
verleibt. Auch das Statut des Sozialdemokratischen Wahlvereins für den
sechsten Berliner Reichstagswahlkreis ist schon zu Anfang unserer Periode
recht bestimmt gefaßt. Es gibt als Zweck des Vereins an, „alle aus dem
Programm der sozialdemokratischen Partei sich ergebenden Bestrebungen
zu fördern und der Verwirklichung zuzuführen," und als Mittel zur Er-
reichung dieses Zieles: „1. Beteiligung an öffentlichen Wahlen, insbesondere
Reichstagswahlen und 2. Propaganda innerhalb aller Kreise der Bevölkerung,
insbesondere durch Verbreitung sozialdemokratischer Literatur und durch
Abhaltung von Versammlungen zur Besprechung öffentlicher Angelegen-
heiten im Sinne des sozialdemokratischen Programms." And wenn im
Paragraph, der von der Zulassung zur Mitgliedschaft handelt, hier gleich-
falls nur von gesetzlichen Voraussetzungen — Überschreitung des 18. Lebens-
jahres und Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte — die Rede ist, so heißt es
dafür in einem andern Paragraph (5): „Pflicht eines jeden Mitgliedes ist
es, an allen Arbeiten des Vereins und der Partei (Flugblätter ver-
teilen usw.) teilzunehmen." Das im Jahre 1900 abgeänderte Statut kenn-
zeichnet Zweck und Mittel in etwas anderer Zusammenstellung der Sache
nach unverändert, läßt aber hinsichrlich der Mitgliedschaft nun gleichfalls
die Bezugnahme auf gesetzliche Qualifikationen fallen und sagt nur (§ 4)
kategorisch: „Mitglied kann jeder werden, der das Programm der sozial-
demokratischen Partei Deutschlands anerkennt und diese Partei nach jeder
Richtung hin zu unterstützen gewillt ist."

Ähnlich ist die Entwicklung der bezüglichen Sätze in den Statuten der
sozialdemokratischen Wahlvereine der anderen Wahlkreise Berlins. Durch-
gängig wird der Charakter der Partcibestrcbungen bei jeder neuen Statuten-
revision bestimmter hervorgehoben, und überall wird die Verpflichtung auf
diese Bestrebungen zur einzigen Bedingung, die das Statut für die Auf-
        <pb n="126" />
        ﻿117

nähme in den Verein vorschreibt. Das hieß nicht, daß man die gesetzlichen
Vorschriften nun vollständig außer Beobachtung ließ. Was das Vereins-
gesetz direkt verbietet. — wie bis in die neueste Zeit die Aufnahme weib-
licher Personen oder die Aufnahme von Lehrlingen — davon wird nach
wie vor in der Praxis Abstand genommen, um sich nicht zwecklos der
Gefahr der Auflösung durch die Behörden auszusetzen. Man fügt sich
in diesen Dingen der Macht der herrschenden Gewalten. Aber man treibt
die Unterwerfung nicht soweit, durch Satzungen des selbstgeschaffcnen Statuts
dem Eindruck Vorschub zu leisten, als habe man sich die engherzige Auf-
fassung, der jene beschränkenden Vorschriften entflossen sind, gewissermaßen
nun auch zu eigen gemacht. And gleicherweise ist es als Verwahrung gegen-
über der heutigen Gesetzgebung und Rechtspraxis und als Vorbehalt des
Rechts der unabhängigen Nachprüfung aufzufassen, wenn überall die Be-
stimmung gestrichen wird, daß der in den Verein Aufzunehmende im Besitz
der „bürgerlichen Ehrenrechte" sein muß.
        <pb n="127" />
        ﻿Viertes Kapitel.

Bemerkenswerte Konferenzen und beschließende
Versammlungen der Sozialdemokratie Berlins.

C^ber die als Korporen bezeichneten geheimen Konferenzen der Bezirks-
führer der Sozialdemokratie Berlins sind regelrechte Protokolle nicht
geführt worden. In der ersten Zeit wäre jedes solche Protokoll, sobald
es der Polizei in die Hände fiel. Material für Prozesse gewesen. Äber die-
jenigen Beschlüsse, auf die man in einer folgenden Sitzung noch einmal zurück-
kommen wollte, wurden nach Bedürfnis in unauffälliger Weise Notizen
niedergeschrieben, und diese Notizen wurden nach Erledigung möglichst bald
wieder vernichtet. So ist es denn, wie für die Zeit des Sozialistengesetzes,
so auch für die späteren Jahre, unmöglich, eine Geschichte selbst nur der
wichtigsten Korporasitzungen zusammenzustellen. Es kann nur schlechthin
wiederholt werden, daß die Erledigung solcher Parteigeschäste, die in der
Öffentlichkeit entweder gar nicht oder nur halb oder andeutungsweise er-
örtert werden konnten, in Korporen erfolgte. Die Kontrolle der Geschäfts-
führung der Vertrauenspersonen, die Feststellung der Vertrauenswürdigkeit
von Personen, die für wichtigere Parteiämtcr in Aussicht genommen
waren, wie überhaupt die Vorberatung von öffentlich vorzunehmenden
Wahlen für Parteiämtcr und Delegationen, sowie von sonstigen Partei-
angelegenheiten, über die zwar in öffentlichen Versammlungen Entscheidung
zu treffen war, die aber doch zu bedeutungsvoll erschienen, als daß man
die Entscheidung den Zufällen des Besuchs solcher Versammlungen hätte
aussetzen mögen — das waren im wesentlichen die Verhandlungsgegen-
stände der Korporen. Der Sache nach begegnen wir daher dem meisten,
was die Korporen beschäftigte, in den öffentlichen Versammlungen oder
den öffentlich veranstalteten Konferenzen wieder.

Versammlungen oder Konferenzen. Es ist für unsere Geschichte
geradezu unmöglich, zwischen Versammlungen und Konferenzen begrifflich
streng zu unterscheiden. Dem Begriff nach ist die Konferenz eine Zusammen-
kunft zur Beratung bestimmter Angelegenheiten, das Beraten ist hier
das wesentliche, die Demonstration kann ganz fehlen und, wo das nicht
der Fall ist, jedenfalls nur Beiwerk sein. Tatsächlich wurden aber hier
Beschlüsse, die sonst das Ergebnis von Beratungen zu sein pflegen, oft
ohne Debatten in Versammlungen gefaßt, die im übrigen Agitations-
        <pb n="128" />
        ﻿119

oder Demonstrationsver-
sammlungen waren. And
doch waren diese Beschlüsse
mehr als bloße Versamm-
lungsentscheidungen. So-
weit sie in Betracht kamen,
war die öffentliche Ver-
sammlung eben nur die
Schlußsitzung einer Konfe-
renz, deren erste Sitzungen
ursprünglich Korporen und
später Besprechungen der
Bezirks- und Abteikungs-
sührer gewesen waren. Da
es nun nicht möglich ist,
diese letzteren zu verzeich-
nen, müssen wenigstens
die bezüglichen öffentlichen
Versammlungen erwähnt
werden, und so läßt es
sich gar nicht umgehen,
im Kapitel, das den Kon-
ferenzen gilt, auch von Zu-
sammenkünften zu berich-
ten, die entweder schlecht-
hin als öffentliche Ver-
sammlungen einberufen
wurden oder sogar zu drei
Vierteln Demonstrations-
Versammlungen waren.

ZwischcnKonferenz, öffent-
licher Parteiversammlung
und Volksversammlung besteht insofern kein ausschließender Gegensatz.
Ihre Aufgaben laufen ineinander über, und die Einreihung in das
Kapitel der einen oder anderen Gruppe darf nicht so aufgefaßt werden,
als liege ihr eine streng schematische Anterscheidung zugrunde. Anter
welchem Gesichtspunkt Versammlungen oder Zusammenkünfte dem Verfasser
wichtiger erschienen, danach wurden sie der einen oder anderen Gruppe
zuerteilt.

Schon die Parteiversammlungen, die nach dem Parteitag von Lalle
in Berlin veranstaltet wurden, um die Beschlüsse jenes Parteitags zu
erörtern und die Wahl der Vertrauenspersonen zu vollziehen, die das in
Lalle beschlossene Parteistatut vorschrieb, illustrieren das oben Gesagte.
Wir haben sie als den Abschluß von Konferenzen zu betrachten, auf denen
Beratung über die zu wählenden Vertrauenspersonen gepflogen worden
waren. Das gleiche gilt von zwei, am 3. und 9. Juli 1891 im
Saale des Feenpalastes — jetzt Palast-Theater — abgehaltenen großen
Versammlungen, die über die Frage der Beschickung des auf Mit e
August 1891 nach Brüssel einberufenen Internationalen Sozra.

Die MWbipifltn

der

Berliner Opposition.

Für den Parteitag

I»s»wmkngkl&gt;illl »ach di» Kklichlen di« „Karwärk"

Fartei-Iorstand.

Kerl!« .1891.

Verlag der LxpeLUlon bt» „Vorwärts", Berliner volksbla».
(Th. ©lotse.)

58. Titelblatt der Antwort des Parieivorstandes
auf die Anschuldigungen der Berliner Opposition
        <pb n="129" />
        ﻿— 120 —

listenkongresses zu befinden und zu der Tagesordnung dieses Kongresses:
Stellung zu nehmen hatten.

Von diesen Versammlungen hatte die erste einen ungemein bewegtem
Verlauf genommen, so daß sie vor Erledigung der Tagesordnung abge-
brochen werden mußte. Aber auch in der hierauf einberufenen zweiten
Versammlung, die von über viertausend Personen besucht war, ging es
sehr stürmisch zu. Der Amstand, daß auf Anraten des Parteivorstandes
die Maifeier für 1891 statt am 1. Mai, am ersten Sonntag im Mar
gefeiert worden war, hatte bei dem kampflustigeren Teil der Sozialdemo-
kraten Berlins starke Anzufriedenheit erregt, und da der Brüsseler Kongreß
unter anderem über die Art der Feier autoritativ zu entscheiden hatte, ward
die Diskussion der Frage, für welchen Tag und Charakter der Feier die
Berliner Delegierten in Brüssel stimmen sollten, den Wortführern der
Opposition ein Anlaß, aufs neue mit Anklagen gegen die nach ihrer An-
sicht überopportunistische, im Parlamentarismus erschlaffte Führung der
Partei hervorzutreten. Diese Auffassung vertraten, meist mit mehr Wärme
als Geschick, Richard Baginski, E. Biester, Wilhelm Werner und
Karl Wildberger, während August Bebel und Richard Fischer den
von der Parteileitung eingenommenen Standpunkt verteidigten. Die sehe
lebhaften Auseinandersetzungen endeten in der zweiten Versammlung damit,
daß mit überwältigender Mehrheit eine Resolution angenommen wurde,
welche sich dafür aussprach, daß die Berliner Delegierten in Brüssel die
Grundsätze der bis dahin von der Partei geübten Taktik vertreten sollten.
Die Maifeier solle als Fest der Arbeit und des Protestes unbedingt auf-
recht erhalten, aber die Bestimmung über die Art und den Charakter der
Feier den einzelnen Ländern überlassen bleiben. Nur etwa 200 Lände
erhoben sich gegen die Resolution. Zu Delegierten wurden die Klavier-
arbeiter Robert Schmidt und Fritz Zubeil, sowie die Näherin Ottilie
Baader gewählt, die alle drei in ihren Ansichten durchaus der
schärferen Tonart zuneigten. Linsichtlich des Datums der Maifeier hatte
die Meinung die Oberhand, daß unter den gegebenen Verhältnissen der
erste Sonntag im Mai der geeignetste Tag für sie sei.

Trotzdem die Niederlage, die sie auch hier wiederum erlitten hatte, über-
wältigend war, streckte die Opposition indes noch nicht die Waffen. In
der Versammlung vom 3. Juli hatte August Bebel geäußert, er werde
auf dem bevorstehenden Parteitag — Erfurt — dafür Sorge tragen, daß
klare Bahn zwischen der Opposition und der Partei geschaffen werde.
Wolle oder könne die Opposition sich nicht in die Taktik der Partei schicken,
so werde ihr Gelegenheit gegeben werden, eine eigene Partei zu gründen.
Das war als Drohung mit Ausschluß aus der Partei aufgefaßt worden,
und zum Teil daraufhin verfaßte die Oppositton ein Manifest „An die sozial-
demokratischen Parteigenossen Berlins", das bald nach der Versammlung vom

9.	Zuli herauskam und zum Motto den Ausspruch St.Simons hatte: „Erinnere
Dich, mein Sohn, daß man begeistert sein muß, um große Dinge zu voll-
bringen." Es war von Ernst Müller, Schmidstraße 39, Berlin, als für den
Inhalt verantwortlich gezeichnet, war aber Kollektivarbeit von Karl Wild -
berger im Verein mit Albert Auerbach, Paul Kampffmeyer, Brune
Wille und einigen anderen. In scharfer, jedoch trotz mancher Äbertreibunger
nicht unwürdiger Sprache geschrieben, war es ein ganzer Anklageakt geger
        <pb n="130" />
        ﻿An die

Sozialdemokratischen Parteigenossen Berlins.

itlottO* Erinnere Dich, mein Zahn,

daß man begeistert sein Rsnfj,
nm große Dinge rn vaübringcn.

Sk. Simon.

Eine Anzahl Genossen, aus. allen Berliner- RcichMgswahlkreisen. welche unter dem Sozialistengesetz sehte Gefahren
und Opfer scheuten, nur die Ideen, der Sozialdemokratie unter, der Arbciterbcvölkernng zu verbreiten, und denen, neben bet
siegreichen Macht dieser-Ideen selbst, die heutige Stärke der Pattei wesentlich-.zu verdanken ist,- kann cs nicht länger äfft an-
sehen, wie der revolutionäre Geist dieser Bewegung seitens einzelner Führer systematisch crtMet wird.

Es wäre Verrath all, ber uns heiligsten Sache, wenn wir noch länger müßig -zusehen wollten, wie die Diktatur jedes
demokratische Denken und Fühlen erstickt — wie die ganze Bewegung ^ immer mehr ver-flachf und schon jetzt zur puren Reform.
Partei kleinbürgerlicher Richtung heraügcsnnkcn ist — wie.die Revolution- von der Tribüne des Reichstages herab- feierlichst
abgcschtvorcn wird, 'und täglich alles geschieht,,um einen Ausgleich zwischen Proletariern- .und -Bourgeois herbeizuführen. Wenn
Lassalle und Liebknecht damals Recht hatten, als ste. von der Fortschrittspartei behaupteten, daß sie sich während der preußischen
Koiisliktszeit todt geredet habe, dcmst. trifft-dies auch-heute wieder auf die sozialdemokratische-Reichstagsftakikün Zn.

Wir wenden uns mit diesem Flugblatt..hauptsächlich üü die überzeugten und zielbewußten Genossen, und erst in
zweiter Reihe an Diejenigen, welche es nur dem Ramen nach sind Und da möchten wir die Ersteren hier. gleich zu Anfang
fragen:

.Wer von Euch.fühlt heute noch diese glühende Begeisterung in sich Angesichts der sogenannten
Arbcitcrschub'. rmb Versicherungsanträge, welche uns vordem alle Hindernisse überwinden half und uns-trotz
unserer geringen Anzahl der Regierung und übrigen gesetzmachcndeN Gesellschaft so oft furchtbar erschciucu ließ?-'

.Aber' — hören wir hier Manche, sagen — „im Interesse der Partei mutz jeder Genosse der Majorität sich
nnierordnen, auch wenn diese Majoritätsbeschlüsse der eigenen Ansicht schnurstracks entgegen, stehn

Diese Ansicht ist grundfalsch und müh schließlich zur politischen Korruption führen.

Die Majorität einer politischen Partei- ist sehr oft eine rein zufällige und setzt sich,, auch bei der -Sozialdemokratie
namentlich seil den letzten Wahlen, aus den verschiedensten Interessengruppen zusammen. Majoritätsbeschlüsse konnnen daher
fast immer mit Rücksicht aus andere Parteien und Gesellschaftsklassen zu Stande, und haben sehe oft mit den Prinzipien, der
eigenen Partei nicht nur sehr wenig gemein, sondern sie laufen diesen Prinzipien, öfter schnurstracks zuwidcf, und ebnen so
den Boden einer Schwenkung nach rechts, die leider von den'Meisten erst darin bemerkt wird,
wenn sie vor der vollendeten Thatsache stehen.

Der Sache seihst schadet man also nicht, wenn man die Parteileitung und die nach unserer Ansicht falsche- und ver-
kehrte Taktik der. Partei bekämpft.

Die Disziplin wird bedingt.durch die Organisation;'über bcidem. aber muß für 'jeden Parteigenossen in erster
Linie das Prinzip, die Idee des revolutionären Sozialismus stehen. In-den meisten Fällen hat nun dcr.Sozialismus und
auch die Demokratie fast nichts gemein nut dem, was unsere Vertreter jm-Reichstage den herrschenden- Klaffen ubdisputirerr
wollen, wie wir weiter unten beweisen werden.

Die sozialdemokratische Bewegung in Deutschland ist von Anfang-an eine durch und durch revolutionäre und
proletarische gewesen, der gegenüber alle übrigen Gesellschaftsklassen als die .Eine reaktionäre Masse' noch bis vor ganz
kurzer Zeit von jedem Parteigenossen bezeichnet wurde.

Deshalb ist -auch jeder Versuch, diese non Natur rein proletarische Bewegung, mit Rücksicht auf das
Mittlere unb Kleinbürgerthunt, weniger revolutionär erscheinen zu lassen, ein Verrath an der Sache des Proletariats.

Dieser Vorwurf sann durch keinerlei Gründe wie .Verbreitung der sozialdemokratischen Ideen' beseitigt werden,
Mil wir ganz genau wissen, daß. ili .aben genannten Gesellschaftskreisen nicht die Ideen des demokratischen Sozialismus es
sind — wenn sie überhauvt gepredigt werden —, welche den Bauer und Kleinhandwerkec ac. .bestimmen, bei der Wahl einem

59—62. Anklageflugblatt der Berliner Opposition gegen die sozialdemokratische

Reichstagsfraktion
        <pb n="131" />
        ﻿Sozialdemokrat«» seine Stimme zu geben, sondern es entspricht einfach dem Juiercss-nstandpunkt jener Leute, die sich bedrückt
und geknechtet fühlen, und daher glauben, daß die Sozialdemokraten doch eigentlich weniger Rücksicht auf Regierung und Geld-
protzenihum zn nahmen brauchen und der Sozialismus vorläufig noch in weitt Ferne gerückt sei.

Den JndpstricarbLitern und »virklichen Sozigldemokraten .kann cs demnach ziemlich glcichgiltig sein, ob bei der
Reichstagswahl in Hirtterpomruern 600 oder 1000 Stimmen für uns abgegeben werden: einmal, weil es falsch ist. die vor-
geschrittene Arbeiterschaft auf die Bekehrung der zurückgebliebensten Ländcrstriche zu vertrösten, und zum andern, weil es ein
Betrug wäre, wenn man die Genossen glauben zn machen versucht, daß innerhalb der heutigen Gesellschaft mit Hilfe de»
Parlamentarismus, durch Majoritätsbeschlüsse die Sozialisirnng der verschiedensten Klassen herbeizuführen sei.

Die soziale Revolution wird dort entschieden, wo, sie zuerst begonnen hat: in den Industriezentren, wo die Prole-
tarisixung schon seit 40 Jahren mit Riesenschritten vorwärts schreitet, unbekümmert um die Zustimmung, der für alle Zukunft
ff,differenten Landbevölkerung.

Freiwillig werde» dir besitzenden £HnßVit niemals »utf ihre Privilegien verzichten und so
lange es eine besitzende Klasse giebt, wird r» auch die nöthige Anzahl Knechte geben, welche
auf	Kvnmndo	bereit sind, für ihre	Henker itzr Klut za verspritzen.

Ein eben	solcher Unsinn ist es auch,	das Volk glauben zu machen, daß den Königen	ihr	Handwerk	schließlich zu

ichwer werden könnte und dieselben eines Tages erklären würden, daß auch sie ans ihre Vorrechte freiwillig verzichtete». Wo
das bisher wirklich geschah, da geschah es zu Gunsten des Kronprinzen oder auch eines andern Bevorrechteten, um dem Volk
Sand in die Augen zu streuen und Hoffnungen zu erwecken, d^e sich niemals erfüllten.

Ebenso verhält e§ sich mit dem .Hineinwachsen" der heutigen Gesellschaft in den sozialistischen Staat, der ohne jede
Betriebsstörung alsdann über Nacht nur- proklamirt zu werden braucht und in England eingeutlich schon heute proNanitrt
werden fönnte. Diejenigen, welche solchen Blödsinn in die Menge schleudern, hätten wirklich kein Recht, von politischen Kinds-
köpfen zu sprechen und zu schreiben. Sie selbst find weit schlimmeres als das.

Wir sind	daher der Ansicht, daß cs	äst sich schon taktisch falsch ist. wem, eine Zentralstelle die Haltung der Genossen

an	den	verschiedensten Orten in asten Dingen	zn bestimmen hak. Es ist ganz undenkbar, daß	die	Genossen	in Berlin und

andern Industriestädten, denen der Sozialismus schon seit 30 Jahren gepredigt wird, nur der Parteidisziplin wegen, in allen
takrischeu Fragen Rücksicht ans das zuttickgebliebeuste Dorf und den an seine Scholle gefesselten Bauer zu nehmen gezwungen
sind. Hier, wo der Kampf ums Dasein auf dem Schlachtfelde der Jndustriv täglich Hunderte von Menschenleben fordert, die
durch Arbeitslosigkeit. Ueberanstrengnng, Noth und Elend 'und alle damit verbundenen Begleiterscheinungen langsam dahin
siechen und vor der Zeit zu Grunde gehen — hier rechnet um» nicht, - sondern man fühlt instinktiv, daß etwas
anderes als bisher geschehen muß, wenn nicht Äerztveiflung in den Reihen der bewährtesten Kämpfer platzgreifen soll.

Wir können auch nicht verstehen, daß alljährlich nationale und internationale Eongresse mit schweren Opfern zustande
kommen: nur um die dort gefaßten Beschlüsse bei der ersten Gelegenheit unter irgend einem Vorwand wieder umzustoßen, wie
dieß	mit	der Maifeier schon zweimal geschah und mit dem Verhalten bei Stichwahlen rc. schon öfter.

Als die Partei noch jung	war und nur ans Proletariern bestand, da wiire	eine	Taktik

wie die heutige ganz unmöglich gewesen.

Die einfache Thatsache, daß diese Taktik dennoch möglich ist. beweist schon allein, daß die Pattei ans Elementen sich
zusammen setzt und geleitet wird, die zum Theil ganz andere Ziele verfolgen. keincnfalls aber identisch sind mit jenen, die
Gut und Blut ihrer Ueberzeugung zn opfern stet? bereit waren und noch sind.

Was nun die Zweckinäßigkeit des	Parlamentarismus betrifft, der heute das Mädchen für Alles ist, so	deckt sich

auch	heute noch unsere Ansicht darüber mit	der des Geuoffen Liebknecht, welche derselbe in seiner Broschüre:	.Die	politische

Stellung der Sozialdemokratie" festgelegt hat und die wir hier wöttlich folgen lassen.

In Bezug auf den Reichstag schrieb Liebkneck)t damals, es war im Jahre 1309. unter Andern, folgendes:

.Einen direkten Einstuß ans die Gesetzgebung kann unser Reden nicht ausüben. Den Reichstag können
wir durch Reden nicht bekehren. Durch unser Reden können wir keine Wahrheiten unter die Massen werfen
die wir anderweitig nicht viel besser verbreiten könnten. Welchen praktischen Zweck hat also das Reden
im Reichstag? Keinen. Und zwecklos reden, ist Thoren Vergnügen.

Nicht Ein Vorhcil? Und mm auf der andern Seite'die Nachtheile: Das Prinzip geopfert, der ernste politische
Kampf zur parlamentarischen Spiegelfechterei herabgewürdigt, das Volk zu dem Wahn verführt, der Bismarck fche

59—62. Anklagcflugblatt der Berliner Opposition gegen die sozialdemokratische

Reichstagsfraktion
        <pb n="132" />
        ﻿Reichstag sei zur Losung der sozialen Frage berufen. — Und. wir sollen aus praktischen-Gründen parlcp.
meuteln? Nur der Werralh oder die KurzstchligKeil kann . es unS zumuthm.'

Und an einer andern Stelle schreibt Liebknecht:

.Der Sozialismus ist keine Frage der Theorie mehr, sondern einfach eine Machtfrage.- die Ist, keinem Parla»
larncnt, die nur auf der Straße, auf dem Schlachtfelde, zu lösen ist, gleich jeher, andern Machksrüge.

Damit vergleiche man nun die jämmerlichen Gesetzentwürfe und die kläglichen Reichstagsteden, welche die FrÄktkött
Und Liebknecht mit. inzwischen verbrochen hak.

Auf was ist nur» diese, für Jeden sichtbare Schwenkung zurückzuführen?

Die Führer sage», daß sie bei ihrem Vorgehen Rücksicht auf das Kleinbürgerthuür rc. .zu' nehmen gezwungen seien,
um die Partei zu $ti,er volksthüintichen zu »nachen und die breite Mass? hinket sich zu hahett. Wir übet sind der Ansicht,
baß Ulan mit dieser breiten Masse nur sich selbst und Andere tauscht. Die Masse wttd im gegebenen Augenblick eben so
rasch abfallen, wie sie gekommen ist. »veil ihr nicht »»»ehr wie Alles fehlt, wäs eine SdZialdemckkratische HWWhaW beseelen
muß. Die Masse kann schließlich Jeder habe»», der es versteht, sich überall dön Verhältnissen anzupassen. wie die üntifemitische
Agitation dies auf das Deutlichste beweist.

Deshalb ist auch dir neue tzaktik in dieser Hinsicht nichts weiter, als ein Kompromik mlt der Masse, auf Kosten
Lrs Prinzip'-.

Wir alle glaubten, daß nach Allshören des Sozialistengesetzes und dem Einzug von 33 Sozialdemokraten ist den
Reichstag die Agitation prinzipieller betrieben und die Gesetzentwürfe und Anträge unsererseits weiter als bisher geheü
m ritzte». und das gerade Gegentheil trat ein,

Rach den» Entwurf'unserer Fraktion soll der 8stündige Arbeitstag erst mit dem Jahre 1868 Gesetzeskraft erlangen,
krotzdern auf dein internationalen Kongreß in Paris 1880 beschlossen würde, daß der 8stündige Arbeitstag schon jetzt überall
von der Gesetzgebung zu fordern sei. Wie verträgt es sich aber außerdem mit der Demokratie, daß der Reichstag im JaHr'v
1890 etwnS beschließen und zum Gesetz erheben soll, »vas erst sin Jahre -1996 Gesetzeskraft erlangt? In unserem Hrogramck
fordert» wir alljährlich Neuwahlen und halten es für unstatthaft, daß die jeweiligen Vertreter des Volkes irgend etwas fest-
legen, »vas erst Lu einer Zeit zu Recht bestehen soll, »vo unter Umständen Bessere oder auch Schlechtere, jedenfalls aber Andere
die Vertretung ausüben. Wie verträgt es sich ferner mit der Dernokratie, wenn im Reichstage Seitens unserer Fraktion bei'
Berathung der Gewerbenovelle der Antrag gestellt »vird, daß das Eiflbezichen verschiedener Gewerbe unter dieses- Gesetz durch
Kabinetsordre, also den Kaiser persönlich, geschehen soll, und nicht durch den Reichstag oder der Zustimmung desselben?

Auch das ist ein Zugsständniß au die Krone, welche- -sich von unserem Standpunkte durch ' nichts' rechtfertigen läßt,
auch dann nichts wenn man Grund zur Annahme hätte, daß der Träger der Krone volksfreundlicher als die Volksvertret,«kg
selber wäre.

Feind des Mitilarisinus in jeder Form, verstieg sich dennoch Bebel im vorigen Jahre so weit, - daß er der
Regierung feine Unterstützung versprach, wenn sie in Anbetracht des rauchlosen Pulvers, anstatt der bisherigen blanken Uniform
ganz schwarze Uniformen anschaffen wollte. waS er später dainit rechtfertigte, daß ja auch diese vermiitderte Treffsicherheit deö
Feindes den bei der Armee sich befindenden Genossen zu Gute käme. Wer so argumentirt, kann- schließlich alles rechtfertigen.
Auch die Junker behaupten, daß die hohen Getreidepreise dem landwirthschastlichen Arbeiter.an seinem Lohne und somit 'dem
Volke zu Gllte kämen. Wenn die Regierung etliche hundert Millione»» zuin Kasernen- »ind Festungsbau verlangt, dann be-
hauptet auch sie, daß dadurch Arbeitsgelegenheit geschaffen mürbe und der weitaus größte Theil dieser verlangten Summen doch
wieder in die Laschen der Arbeiter z»»rücksiieße. Dasselbe behauptet' 'der Zünftler, wenn es sich um öffc»tt!iche Arbeiten
handelt, gleichviel welchem Z»veck sie dienen.

Das höchste in dieser Beziehung leistete in den letzten Tagen der ehemals als radikal bekannte Avg. v. Wollmar.
Wenn die Regierung nun immer noch kein Einsehen hat und dem, mit unstreitig ftaatsmännischem Talent miSgestattekeir
Genossen den Marschalöstab nicht verleiht, dann hat'er sich, sicher das erste Anrecht auf das zunächst frei werdende Minister-
Portefeull durch seiner Münchener Rede vom Montag, den 1. Juni, erworben. Richt bloS die Natidnalliberalcn und Frei-
sinnigen, auch wir haben jetzt unsern StaatSma:»»». Und da thut man noch empört, »venu »vir vo&gt;» Korruption sprechen? Da-
Wort ist viel zu gut. denn die Handlungen einzelner grenzen nahezu an Verrath.

So hat sich such die Agttotisn gegen die Getreidezölle durch nichts von dem. ent dir Freisinnigen die Aufhebung
bebegründen, unterschiedn!.

59—62. Anklageflugblatt der Berliner Opposition gegen die sozialdemokratische

Reichstagssraktion
        <pb n="133" />
        ﻿Mir keiner Silbe wurde der einzig richtige Standpunkt, den schon Carl MaA 18-49 in seiner Brüsseler Rede ver-
trat, von unsern Abgeordneten erwähnt. Die Agitation zum Reichstag und allen: was damit zusammenhängt, welche bisher
stets als Mittel zum Zweck betrachtet wurde, ist jetzt Selbstzweck geworden, und dies alles 'blos, uni das Linsengericht eines
sogenannten Arbeiterschutzgesetzes, das viel eher ritt Schutzgcsctz der Unternehmer genannt zu werden verdient und durch sden
neu hinzugekommenen Contraktbruchparagraphcn all die sogenannten Vortheile, welche dem'Arbeiter scheinbar aus dem übrigen.
Gesetz erwachsen, zehnfach wieder aushebt.

Der praktische Erfolg steht also Durchaus in gar kcjncm Verhältniß zu den Opfern, welche' die Partei deshalb zu
.bringen verpflichtet ist. Nicht Unehrljchkeit werfen wir aber deshalb den Führern vor, sondern allzu große Rücksichtnahme auf
alle möglichen Machtfqltoren, hervorgegangen aus der veränderten Lebensstellung und der zu geringen Fühlung mit dctn
Proletaricrelend/ dem Pulöschlag des gequälten Volkes.

Wer aber bis jetzt immer noch hoffte, daß die Taktik sich bald ändern könnte, den dürsten dle Auslassungen Bebcl's,
sowie seine offene Kriegserklärung. an alle Diejenigen, tvclche in Zukunft nicht Ordre pariren, in der Fccnpalast-Versanmüung
vom Freitag, 3. Jttli, eines Besseren-belehrt haben.

Betreffs der pllgenieinen Feier ain 1. Mai wußte auch Bebel diesmal nichts weiter anzuführen, als daß jedenfalls
in Folge dessen noch heute 10 ODO tejite Arbeit hätten, wenn die Fraktion nicht noch rechtzeitig -erkannt, daß bei der einge-
tretenen Krisis eine Kraftprobe der Partei nicht angebracht sei. Verhält sich denn das aber wirklich so. oder leidet auch diese
Ansicht an deinselbcn Grundfehler wie alle übrigen oben angeführten Maßnahmen der Partei?- Das Uatemehmerthnm hat
schon immer,, wö es sich stark genug, fühlte -und Zeit, und .Umstände günstig -waren, fach'geweroliche Md politische Organisa-
tionen. der Arbeiter zu sprcitgen versucht und jeden überzeugungstrcnen Arbeiter zu maßregeln verstanden, lange bevor der
1. Mai als ein gegen.das Untcrtlchmcrthum gerichteter Wcltfcii-rtäg vom internationalen Kongreß proklaulirt war.

Wenn man. aber zugiebt. daß das Unternchmerihum' stark genug ist, um bei einer derartigen Kraftprobe des Prolc-
lariüts.Hunderltausende von Arbeitern,, auf das Pflaster' zp werfen, dann ist cs sicherlich auch stark genug, unter-den gleich
günstigen Vechälnissen jede Betheiligung an dieser -Demonstration überhaupt in gleicher Weise zu ahnden, .auch wenn 'dieselbe
auf einen Soltntag 'fälst, ha die Bedeutung ja.'dicselbc sein soll.

-ÄbeL-auch'bic. Demokratie bekam von Bebel-in dieser Versamurliüig einen so derben Faustschlag ins Gesicht, daß
wir noch, jetzt nicht begreifen können, wie. ein Mann an einem'Abend, ja.in einer Stunde Alles das zertrümmern kann, was
er fest.25 Jahren selber mit aufgebaut und in Wort, .und Schrift so tapfer-und energisch vertrat.

Ein« eigene. Parte! sollen Diejenigen sich grüüden, welche nicht blindlings mjt allem einverstanden- sind, was die
Parteileitung.für gut befindet. Ist denn das nicht die Regierung in einer anderen Form? Glaubt henit.auch Bebel hcntc
schon, daß., er die Unzufriedenheit wird beseitigen können, wettn er einige Wortführer dieser Unzufriedenen-beseitigt?

Wir sind heute, was wir vor 10 und 15 Jahrri:' schon waren, und werden auch in Zukunft dasselbe -sein: über-
zeugte Sozialisten und' .wirkliche-Demokraten.

Wir betrachtn uns nach wie vor zur sozialdemokratischen Partes gehörig und lassen uuB weder von den Leitern.
Unserer- Partei, »loch von -sonst jemand zu etwas drängen, was gegen unsere Uebcrzcugitng streitet.

Auch liegen zwischen dem Reichstag und her Revolution auf dem Gendarmemnarkt noch mebrerc Mittelstraßcn, welche
nach unserer Ansicht rascher zum Ziele führen. Trotzdem wir schließlich auch vor der äußersten Conscqucnz dcS einmal für
richtig Erkannten, tticht zurückschrecken würden, trotz aller demagogischen Verhetzung untf Angstmeierci.

Wir erwarten aber attch von denjenigen Patlcigenossm, welche mit unS, namentlich unter dem Sozialistengesetz, für
die Verbreitung unserer Ideen, so tapfer kämpften, daß sic sich endlich aufraffen und wieder mit uns der Vcrftmipfnng ent-
gegen trete,!.

Dann wird auch die alte Begeisterung wiederkehren, welche die Thatkraft stählt - und alle Schwierigkeiten über-
winden Hilst.

Hoch dir internationale revolutionäre Sozialdemokratie!

LcrcmuoorMch fsir Redaction und Lkrlogi Hrnst Müller, LnII». Schmlviftr. 39. Dnicl: vu8°	JReufnbmflcrftr., 30.

59—62. Qlnflctgefhigblatt der Berliner Opposition gegen die sozialdemokratische

Reichstagssraktion
        <pb n="134" />
        ﻿125

die damalige Führerschaft der Sozialdemokratie Deutschlands, ein Kriegsruf
der äußersten Linken der Partei für Wiederaufnahme der radikalsten Tra-
ditionen der Sozialdemokratie. Obwohl die revolutionäre Linke, hinter der
in Berlin zeitweilig fast die ganze „innere Bewegung" stand, durchaus
nicht nur aus jugendlichen Personen bestand, sondern Leute aller Alters-
klassen in ihren Reihen zählte, kam nun doch, und zwar zuerst in der bür-
gerlichen Presse die Bezeichnung „die Jungen" für sie auf; denn gegen-
über den Auer, Bebel, Liebknecht, Singer waren die führenden Vertreter
der Opposition allerdings „junge Leute".

Wie ohne weiteres begreiflich, schenkte ein Teil der bürgerlichen Presse
diesen „Jungen" alsbald starke Beachtung und ein gewisses Wohlwollen. Man
vermied es zwar, rund heraus für sie Partei zu nehmen, erklärte aber, das,
was sie verlangten, doch nur die folgerichtige Anwendung dessen sei, was
die alten Führer stets gepredigt hätten; die letzteren hätten nur nicht die
Ehrlichkeit oder den Mut, die Konsequenzen ihrer Lehren zu ziehen. And
als Wilhelm Liebknecht das Wort fallen ließ, nachdem der Parteitag ge-
sprochen haben werde, würden diejenigen, die sich seinen Beschlüssen nicht
fügten, „fliegen", gebärdeten sich namentlich die reaktionären Blätter höchst
entrüstet über solche „Parteidiktatur". Nun wäre die Drohung sicherlich
besser unterblieben, aber das Pharisäertum in der sittlichen Entrüstung
jener Presse lag zu offen zutage, als daß sie auf die sozialistische Arbeiter-
schaft Berlins größeren Eindruck hätte machen können. Sie schadete viel-
mehr den „Jungen" eher noch, als daß sie ihnen von irgendwelchem realen
Vorteil gewesen wäre.

Es fanden nun im August und September 1891 noch verschiedene
Versammlungen in Berlin statt, die zu Zusammenstößen zwischen Vertretern
der offiziellen Parteitaktik und Vertretern der Opposition führten. So am
25. August eine große Versammlung im Wahlverein des sechsten Berliner
Reichstagswahlkreises, in der das Vorstandsmitglied Albin Gerisch über
Kritik und Disziplin referierte. Die Darlegung Gerischs, daß das
Prinzip der Disziplin und die Forderung freier Kritik durchaus vereinbar
seien, solange die Kritik sachlich bleibe, daß aber die von der Opposition
geübte Kritik dieses Maß überschreite, rief eine lebhafte Debatte hervor.
Der Schriftsetzer Eugen Ernst bekannte sich mit Wärme zur Opposition,
indem er betonte, daß sie durchaus von ehrlichem Wollen beseelt sei und
nur aus innerster Überzeugung die Laltung der Parteileitung als schädlich
bekämpfe. Ihm entgegnete in längerer Rede Ignaz Auer, der die
Maßnahmen der Parteileitung verteidigte und insbesondere die Bedeutung
des Parlamentarismus hervorhob, während für die Opposition noch der
Arbeiter E. Börner Stellung nahm. Die Versammlung wurde schließlich
vertagt und am 1. September im Saal zum Eiskeller fortgesetzt. An diesem
Abend erklärte zunächst Eugen Ernst, in Antwort auf einen in der ersten
Versammlung geäußerten Vorhalt, daß er nicht der Verfasser des Flug-
blattes der Opposition sei, kritisierte dann eingehend das Auftreten der ein-
zelnen Parteiführer als zu weit getriebenen Parlamentarismus, sowie die Ab-
wiegclei in der Maifeierfrage, und faßte den leitenden Gedanken der Kritik
in den Satz des Flugblattes der Opposition zusammen: „Nicht Anehrlichkeit
werfen wir den Führern vor, sondern zu weit getriebene Rücksichtnahme
nuf allerhand Machtfaktoren, hervorgegangen aus ihrer veränderten Lebens-
        <pb n="135" />
        ﻿126

stellung und der zu geringen Fühlung mit dem Proletarierelend." Auer
antwortete aufs neue in längerer Rede, zum Teil unter lebhaften Zwischen-
rufen von seiten der Opposition, für die sodann Eugen Ernst, Wilh.
Werner, E. Börner und P. Litfin das Wort nahmen, bis nach Mitter-
nacht noch einmal Vertagung beschlossen wurde. Am 9. September kam
man im Kolberger Salon ein drittes Mal zusammen, und hier verlas Ignaz
Auer, nachdem zuerst Karl Wildberger von der Opposition gesprochen
hatte, jenes Verzeichnis der aus dem Flugblatt der Opposition heraus-
zulesenden Anklagen, das später dem Erfurter Parteitag als Grundlage
für die Auseinandersetzung mit der Opposition vom Parteivorstand mit
der Parole unterbreitet wurde: Beweisen oder zurücknehmen! Dann
ging Auer die Anklagen im einzelnen durch, Vertreter der Opposition
antworteten ihm, und erst nach 1 Ahr nachts konnte endlich die Debatte
geschlossen werden. Mit großer Mehrheit — ungefähr tausend gegen etwa
hundert Stimmen — fand eine von A. Iacobey beantragte Resolution
Annahme, die folgenden Wortlaut hatte:

„Die heutige Versammlung erklärt:

1.	Die Befürchtung, daß die sozialdemokratische Partei durch die
bisher geübte Taktik einer Versumpfung entgegengeht, entbehrt jeder
Begründung.

2.	In Erwägung, daß innerhalb der sozialdemokratischen Partei von
jeher die freie Meinungsäußerung gewaltet hat, ist die Versammlung
der Ansicht, daß dieselbe auch ferner bestehen wird. Dagegen erkennt
die Versammlung eine organisierte Opposition, falls eine solche bestehen
sollte, nicht an, nachdem die Zwecklosigkeit einer solchen in den letzten
drei Versammlungen deutlich nachgewiesen ist."

Gleichfalls mit großer Mehrheit ward eine von Karl Poffmann
beantragte Resolution angenommen, die erklärte, daß das Recht der Kritik
das wichtigste Recht des einzelnen Genossen und die unentbehrliche Trieb-
feder der Weiterentwicklung der Gesamtpartei sei, jeder Mißbrauch dieses
wertvollsten, unentbehrlichsten und schwerwiegendsten Rechts aber die Partei
aufs ttesste schädige und es daher „aufs schärfste zu verurteilen sei,
daß von Parteigenossen Behauptungen persönlich verleumderischen Inhalts
ohne genügend vorhandene Beweise in die Welt gesetzt werden, gleichviel
ob dieselben sich sofort als unwahr Herausstellen oder, noch schlimmer, wenn
der Betreffende nicht in der Lage ist, ihre Anwahrheit sofort beweisen zu
können". Die Versammlung erwarte, schloß die Resolution, daß die Partei-
genossen „sich ihrer Verantwortlichkeit der Partei gegenüber wieder voll-
bewußt werden und sich aller Behauptungen enthalten, von deren Tat-
sächlichkeit sie sich nicht vorher überzeugt haben". And von einer dritten
Resolution — Antragsteller Duchateau — ward der erste Teil, der der
Fraktion „das vollste Vertrauen der Versammlung" aussprach, wiederum
mit allen gegen etwa hundert Stimmen angenommen, während der zweite
Teil, der die Erwartung aussprach, daß die Fraktion die Wünsche der
Opposiüon prüfen und auf dem Erfurter Parteitag zum Gegenstand der
Beratungen machen werden, keine unbestrittene Mehrheit erlangen konnte.

Das war unter den gegebenen Amständen ein bedeutsamer Sieg der
Parteileitung. Mit dem gleichen Resultat endete vier Tage darauf — am
13. September — eine nach dem Feenpalast einbemfene allgemeine Partei-
        <pb n="136" />
        ﻿Der Sozialist.

Organ der unabhängigen Sozialisten.

Redaktion und Expedition: Alts Zakodstraße 91, Hof 3 Treppen.

	»Der Sozialist" erschein, wöchentlich einmal.  aeo,»prell: Monatlich »0 ps. vierteljährlich, dtirch die post bezogen I Mk. ro ps. ohne Bestellgeld; direkt per Kreuzband I Mt. c Inserlionrprei» pro ^gespaltene peiilzeile &gt;» Ps.	o Pf. — Linzel-Nummer (Ö Pf.
M I.	Sonntag» 6cu 15. November 1891.	I &gt;. Jahrgang.

Inhalt: AbounemeiilS-EIülodmig. —Unftr Zweck —
Gcgcn den Slslal8jojioliJmu4.. — Vom Kampf btt Partei-
Itlluiifl gegen die Opposition. — Nach dem Parteitag. —
Depesche oder Postkarte. — Zur Bewegung. — Zur Ab-
wehr. — Abrechnung. — Inserate.

Alionncirrenls-Einlnduirg.

.Der Sozialist' tritt mir hcntigcr Nummer znm
erste» Male an die Ocfscntlichkeit. Er wendet sich in erster
Linie an die unabhängig denkenden Sozialisten und an
olle Diejenigen, denen eine Klärung der sozialistischen Prin-
zipien am Herzen liegt.

.Der Sozialist' erscheint am Sonnabend jeder Woche
zum Preise von 40 Pf. pro Monat; siir Monat November
20 Ps. Bei Bezug durch die Post beträgt der vierleljähr-
iiche SbonnemenISprci» I Mk. 20 Ps.; direkt per Kreuz-
band l Mk. 60 Ps. Die Einzel-Nummer kostet 10 Pf.

Bestellungen nehmen alle Postanslalten. Kolporteurc
und ZcitungS-AnSlräger enlgcgcn.

Wir bitten Gleichgesinnte, sich die Verbreitung deö
.Sozialist' angelegen sei» z» lassen und Probenummern
nach Bedarf von \iii-3 zu verlange».

Die Expedition des „Sozialist"

grrtin §.. fttr Jnkobstr. 91, gof «&gt;.

lHuscr Zweck.

f Wer die Vorgänge der leijlc» Zeit ansvicrlsam bcob-
m.j.'.k, den wird uns« Erscheine» nicht überrasche»

Innerhalb der sozlaldeinokratischc» Partei machte sich
bercitb ivährcnd der lebte» Tage de» AuSnahm-geseheS eine
licsgchcnde Gählntig gellend. Die Parieiverhälluisse dräng-,
len schon damals zu einer Klärung, Anzeichen innczcr
Korrnplion riese» in ntanchei» Genossen das Gcsühl de«
Unbehagens »nd der Mißstimmung wach. Die NcichitagS-
sraklion enlsernle sich iuuner mehr vdn&gt; rein proletarischen
Boden; sie begatt» Im Lager de» Kieinbürgerthumr unter-
zntaitchcir. At, die Endziele de» SozialiSnutS kehrte ste sich
inöglichst wenig; vielmehr stichle sie iiti PosstbiliSinuS dar
Heil der Arbellerklasse. Etat! ans dem Boden de» Llasscn-
kamvseS zu verharren, schickte sie sich a». di« SescbeSstickeret
im Große» zn betreiben. Nicht di, prinzipielle Propaganda,
sondern da» Paclaineni imirde ihr Ideal; nicht der rcvo-
Ptiiotiärcn Bcwegnug, sonder» der Sozialreson» widmete
man seine Kräfte. Z» alledem knin noch die Diklalttr der
Parteileitung, die jedes selbständige Denke» der Genosse»
erstickte. Wie ein eiserner Druck lastete die hcrauSgebildetc
Zentralisation ans der freien Bewegung des Proletariat».

Scho» daittolS lirste» sich einzelne Slitnmcn vernehme»,
«elä)e vor dem Weiierschreile» aus dem cittgeschlagenen
Wege warnte». Sic übtet, an den Misiltäiidcti nickt,attSlosc
Kritik und machte» aus da« Vcrhängiiibvolle der neuen
Taktik ausmcrksanr So ersülllen sie ihre Pflicht ,1» Ge-
nossen. Aber der Geist der Diklatur war noch zu »tüchtig;
die eiserne Zentralisation hielt die Masse» »och zu sehr ge-
knedc» — dir den Arbeitern eingedrillte Disziplin erllüric
die Mahnrufe für Hochverrolh an der Partei I Man «er-
kündete: .Disziplin geh! über das Prinzip!' und die Menge
nickte dazu mit dem Kopse. Die Kritiker wurden der Ber-
üchtlichmachung sozlaldcinokralilchcr Slaalscinrichlungcn für
schuldig besundcn — man stempelte sie nach alter Manier
zu Polizeispitzeln und räudige» Schnsen. Die selbst von
der bürgerlichen LescllschasI zugelassen- Vertheidigung wurde
ln diesem Falle dadurch verhinderl, das, mün die Angrklagten
einfach niederschrie. Noch iticnialS hat sich die brutale Ma-
joriiütShcrrschafl so verderblich gräustert, als gerade damal«.
Und itoch nie zelglc sich die Mache geschickter Demagogen
drntllcheri So wurde die erste Regung der Opposition in
Dresden, Magdeburg und Berlin niedergeworfen.

Der Parlcilag zu Halle hieb all' diese Mastregein gut.
Die Opposillon hotte man bi» aus einen Genossen von vorn-
herein von jenem Kongrelle sernzuhallea gewußt. Aus dcm-

jclben wurde die Zciitralisalion woinSgllch »och enger-ge-
schmiedet. die Diklatur noch mveitert. Im Parieivorstand
schuf man eine Behörde, deren Macht und Ei»fl»b in-
zwischen klar geworden Ist. Die Parleiorgauisallon hat sich
als Fessel jsir jede selbständige Bewegung, für jeden freien
Meinungsaustausch erwiesen; sie niacht ihre Mitglieder zu
willenlosen Werkzeugen einer von der Diktaiur approbirlen
DiSzivlltt. Und wer sich nickst unterordnet, der .stiegt ein-
sach hinaus' - wie cS nach berühmtem Muster heiß,.

Auch sonst ist Alle« so gclommcii, wie c« die Opposillon
bei ihren, ersten - Anslrclcn erwartete. Die Partei befindet
sich im schönsten PosstbiliSinuS. Ihre seiiherige RclchSlagS-
IHLIIgkcil hat dies ans daS Bestimmteste gelehrt. Man
denke doch mir m&gt; die Bernlhimgen deS ArbcilerschntzgcsctzeS!
ES war ein Jammer, wie sich dicicnigcn gcbcrdeie», die das
Proletariat zu vcttrclcn vorgaben — bcschänicnd für eine
Arbeilerpuclei! Wenn e« noch etncS Beweises für den klein-
bürgerlichen Charakter der heutigen Sozialdeniokraiie dcdursl
hällc: die pnrlnmcntnrijche Berlrelinig selbst hat ihn i» dieser
Periode hnnderlsnch erbracht!

ES war daher mir natürlich, daß sich die Opposition
imuirr lcbhaster geltend machte. Und ebenso erklärlich war
e«. dab die Zusammenstöße mit der Parteidillaliir gerade
zu jener Zelt am hcsligstcn ersotglcti, alS der Internationale
Ärbellerkongreß zn Brüssel beschickt tverdcii sollte. Allen
ehrlichen Gcnossctt mußte daran liegen, die sozialistischen
Prinzipien aus dem Kongresse »»verwässert und unverfälscht
vertreten zu sehen. Sic vermochten jedoch nicht zu hindern,
daß auch hier die kleinbürgerlichen Beslrebiingen biumphirlcii.
Aber der Stclü war nun unaushallsai» i»'S Rallen gebracht.
Der Kampf wurde immer erregter. Man sachte die Oppo-
sition niederzuschreien; man verleumdete sie, so viel mna
tonnte; man erklär,« sic für Polizeiinnchc — kurz: man
bol alle Mittel auf. um dir Minderheit z» unterdrücken.
Und babei halten die ParteihLuptliNge und ihre Kreaturen
die Slirn, zn ertlären: das Recht der strllif und der
freien Meinungsäußerung sei nicht gcsührdel!

WaS vorher bereits feststand, geschah ans dein Erfurter
Parteitage: man sordcrlc den Ausschluß der Opposition —
natürlich Initiier üit Interesse der freien Meinungsäußerung!
Piait verbreitete nnler bei, Dctcgiricn eineAnklageschrift
gegen die Hochverrülhcr. die nach allcil Regel» staaiSanivalt-
schastlichcr LcrdrchnngSknnst abgesaßl tvar. Die Angeklaglen
zogen ej! jedoch vor, selbst ihren AuSlrllt z» erkläre». DaS
hinderte de» Parlcilag aber keineswegs, sic hinlcrhcr noch
Immer scierlich ouSznjchlirßcn — auf Bclreibrn derselben
Herren, die einst selbst daS Recht der Opposition für sich
in Anspruch genommen! Jehl inöchte man natürlich dir
Bedeulmig de» Vorganges abschwächen. Die Acwalllgc»
de» ParlcivorstandeS bchanvlc». der Ausschluß richte sich mir
gcgcn die Personen Werner und Wildbcrgcr - nickst gegen
die Opposition. ES muß weil gckomme» sein, wein, man
die Genossen durch solche Spicgelfcchtcrci zn täusche» ivagl!
Wer de» Verhandlungen de« Parteitages gefolgt ist. weiß,
daß Ihaijächlich die Opposition als soichc ausgeschlossen
wurde; daS Volum richtet sich ivider die abweichende Mei-
nung — mögen auch »och so viele Parlcibüllcl das Gegen-
theil gläubig nachbeten! Man stempelte Kritik undAnsichten
der Oppostlio» zu Bcrlcnmdnngcn, uni mit staotSanwalt-
Ichaslilcher Logik sagen zck können: die Opposition wurde
wegeik- Verleumdung der Partei ausgeschlossen. Und
daß er wirklich die abweichende Meinung war. welche man
auSsließ, daS Hai Herr Singer in einem milKbiufttcii Augen-
blicke selbst verrathen. Er sagte im vierten' Berliner Wahl-
kreise gelegentlich der Berichterstattung über dr» E-rsurlrr
Parteitag: .Seien wir sroh, daß wir die Nörgler
an der dlsherigen Taktik loSgrivordeii sind.'

Nachdem nun d,e Oppostiioa außerhalb der Panel-
organisalion steht, muß sie die Propaganda sür die Ideen
de« Sozialismus aus eigene Hand betreiben. Sie wird
selbständig und unabhängig operircu. In Berlin hat sich
die Opposillon bereit« zu einem .Verein »»abhängiger So-
zialisten' znsammkttgcschaart, und gleiche Vereinigungen
werden in anderen Jndustrlczenlrcn enistehen. Uebcrall de-
ginnt man einzusehen, daß ' t« unmöglich ist. Im engen
Rahmen der sozialdemokratische» Organisalion noch todter
erfolgreich für die Befreiung deS Proletariats zu wirken.
Mit.diesem Zusammenschließen aller unabhängig denkende»
Sozialisten ist er aber nichk allein gethan. Um die Prin-

zipien deS Sozialismus verfechten, den klcinbürgerlich-posffbi-
listlschcn Bestrebungen der Sozialdemokratie entgegenarbeiten
»nd alle Angriffe abwehren zu kömien — dazu bedarf es
in 'erster Linie deS bcwührlcstcn KampsmillcIS: der Presse.
Die Parteiprcssc hat sich unsShig erwiesen, alle Meinungen
der Genosse» znm Ausdruck zu bringen. Sie folgt in
ihrer Haltung nur der parleibchördlichcn Mnrschrouic nnd
wag! «S nicht, Andersdenkende» Raun, zu gewähren. Und
sie muß derartig schablonenhasl werden, iveil über ihr die -
Zensur deS ParlcivorstandeS schwebt. DaS Recht der sozial
dcinokralischcu NcichSregicrung, die Haltung der Prcffe - zu
koiitroNiren - dieses Recht führt zur Knebelung dcS freie»
Wortes, raubt der Publizistik Lust und Licht, sodast hier
eine Versumpfung „oll,wendig eintreten muß. ES Ist also
unmöglich, nnscrc Anschauungen im Rahmen der Parlei-
presse zur Grllung zu bringen, »nd daher uiachke sich sür
die unabhüngigcn Sozialisten ein eigenes Organ nöthig.

Wir werden unsere Ausgabe zu crsüllcn suchen, indem
wir unS der Hauplsache nach von folgenden Grundsähen
leiten lassen.

Unser Ziel ist die wlrlhschastliche nnd damit die io
ziale Besrcinng der Arbeiterklasse. Wir bckämpsen Hnrschast
»nd KncchlschasI in jeder Form, die »laicricllc. wie die
geistige. Dies wird möglich durch die Aushebung de» bürger-
lichen PrivatelgenihinnS. InSbejonderc durch Lergcscll schal-
lung der ProdnkiionSniiitcl. An Stelle bcB bculigcn So-
zial- nnd WirtbschaslSzustandrS tritt da« gemeinsame Eigen
lhum, die gemeinsame Produliion und die gemeinsame Kmi--
snnilion — wie dict schon nu° der Tendenz der gejchichl-,
lieben Enlwicktnng hervorgeht

Diese« Ziel allein hat für eine strrilg - ioziolistische
Bewegung «IS Gnindlage zu bicnciu Ausgabe der Agi-
tation ist cS, da« Prolclariat dafür vorzubcrrilm, eS zu
orgaiiistrcn für die Bcsrciung. ES ist klar, daß die Be-
wegung durch nnd durch rcvuiullonär sein must, da eine
freiwillige Abdankung der Bourgeoisie mnuögUch crwarlct
tverdcii kann.

Wir verwerfe» alle Koinpromisse mit den beerschendra
Klaffen »nd jrdcS Entgcgenlommc» seitens der Aibeiicr.
Uiitcrhandlnngcn mit der Bourgeoisie cmsm-cckicil einer orole-
larlsch-rcvolulioiiären Bcivegung nicht. Darin» bleiben wir
Gcgncr der gesetzgeberisch - varlnmcninrisckirn Thäligkcil; die
Erlnhrung hat gclchrl, daß dirsclbc «»abwendbar zur »nc-
rnpiion nnd zum PossibiliSnins führt. Man muß scsthallcn.
daß das Parlanient eine Instllntio» Ist. durch welche die
Bourgeoisie ihre Herrschafi Über daS Proletariat ausübt.
Hier elwaS sür die Arbcttcr ertrotzen ober erbetteln zu
tvollcn. ist daher einfach umnöglich. Je weiter sich die
bürgerliche Gesellschaft entwickelt, desto klaffender werden die
Klaffe,igcgcnsätze zwischen Bourgeoisie »nd Proletariat. Der
Boden sür die Unlcrhandliingen mit der Bourgeoisie schwin-
de, Immer »uehr nnd Immer hcsliger muß der Kiaffru-
kamvs enldrcnnen. So wird dar Proleiarial in stcigciideni
Pkäßc gezwungen, der herrschenden Klasse gegenüber eine
rein abwehrcndc Taktik einzuschlagc»; die positive Pkitarbeil
an der Gcjehgcbiing wird mehr den» je zur iinmSglichkft.
Und wenn das Prolclariat einst In die Lage kommt, eine
portamenlarischc Mehrheit bilde» zn können, so wird iB
daraus verzichten, weil &lt;S bnini sein Ziel auf einem weit
kürzeren Wege zu erreichen vermag.

U»S erscheint der geiverfschaflllch - sozialistischc Klaffe»'
kanws alS die ziveckmäßigstc Forni, unter welcher ber Ar-
beiter heule der Bourgeoisie gcgcnübertrett» tan». Er hält
zugleich die Waffen in Muß. fördert die Orgaiiisatlo» »nd
die Propaganda, stärkt daS SolidarilälSgcsbht und beschleunigt
den Konzenlrationkprozeß deS Kapitals, indem er nament-
lich de» Kteinbettieb vernichten Hilst.

Dl/Beseitigung deS Kleinbürger, und Kleinbauer»«,»!»«
hallen wir für eine der Vorbedingungen de«. Sozialismus.
Die wirihschastliche- Entwicklung räumt bereits damit ans,
und wir werden den Untergang dieser Elemente nur zu de
jchkcnnigen suchen. Da« ist eine» der wicht igstc» ttu-er-
schcidungLincrkmalc ztvischen Mi» und der osslziellc» Soztat-
dcniokratic.

Innerhalb der proletarischen Betvegnng selbst werden
Wir jede zwangsweise Zculralisniio» bckSiupfen. -weil
durch diese OrganisalionSfonn die Machlbesngmffc
den Händen Einzelner HLufen nnd somit stet* d&gt;c ©c.aiir
dn Diktatur droht. Der selbständigen Beweg,mg ^niciaer
Glieder n:uß da« zentralistische Prinzip auf ftdeu 0-a»

63. Titelseite der ersten Nummer des „Sozialist" 1891
        <pb n="137" />
        ﻿128

Versammlung, in der die zum Brüsseler Internationalen Kongreß ent-
sandten Delegierten Berlins über den Kongreß Bericht erstatteten. Eine
Resolution — Antragsteller Bombten —, die speziell gegen Wilhelm
Liebknecht gerichtet war und dessen Verhalten gegenüber dem antiparlamen-
tarischen holländischen Sozialisten Domela Nieuwenhuis tadelte, erhielt nur
einige wenige Stimmen, eine Resolution Niederauer, welche den Aus-
schluß der Anarchisten vom Brüsseler Kongreß mißbilligte, weil es „die
Hauptaufgabe der internationalen Sozialdemokratie sein muß, alle organisierten
Arbcitergruppen in ihre Reihen zu ziehen", ward mit allen gegen
IO Stimmen abgelehnt, und gegen diese Minderheit eine Resolution
Kohlmann angenommen, laut der die Versammlung sich mit dem Ver-
halten der Delegierten in Brüssel und den Beschlüssen des Brüsseler
Kongresses einverstanden erklärte. In der gleichen Versammlung wurde
die Delegiertenwahl für den Erfurter Parteitag vorgenommen, sie ergab,
daß von 15 der Gewählten nur einer Parteigänger der Opposition war.
Es war dies der Tapezierer G. Niederauer, der neben P. Gumpert
für Berlin V gewählt wurde. Außerdem wurden gewählt: Für Berlin l
Th. Mehner, B. Stabernack und A. Taeterow; für Berlin II
Ferd. Kleinert und Frau Emma Ihrer; für Berlin III W. Börner
und St. Fritz; für Berlin IV Frau Rohrlack, G- Tempel und Robert
Wenzels und für Berlin VI Frau v. Lofstetten, Leinrich Peus
und Adolf Scholz.

Die Stellungnahme des Erfurter Parteitages zur Bewegung der
„Jungen" ist im ersten Kapitel dieses Buches geschildert. Sie hatte die
Wirkung, daß mit den fünf schon in Erfurt aus der Partei Ausgetretenen
noch eine ganze Anzahl Mitglieder der Berliner Opposition der Partei
den Rücken kehrten. Noch während der Parteitag beriet, fand — anr

20.	Oktober — eine von den Oppositionsführern in das Lokal „Zur
Ressource" einberufene Versammlung statt, in der Albert Auerbach,
Wilhelm Werner und Karl Wildberger die Vorgänge in Erfurt,
die ihnen den Anlaß zum Austritt aus der Partei gegeben hatten, im
Lichte ihrer Auffassung mit dem Erfolg schilderten, daß die große Mehr-
heit der von 600 bis 700 Personen besuchten Versammlung einem von
W. Liefländer gestellten Antrag zustimmte, der zur Gründung eines Ver-
eins zur Vertretung der Grundsätze der Opposition aufforderte. Ein ein-
mütiger Protest der noch in Erfurt weilenden Berliner Delegierten gegen
die Versammlung erschien im „Vorwärts" vom 21. Oktober — zu spät,
um auf diese Versammlung selbst einwirken zu können. Nachdem aber der
Parteitag beendet war und in den verschiedenen Wahlkreisen Bericht-
erstattung der Delegierten erfolgte, wurden in all den betreffenden Ver-
sammlungen (Berlin VI am 25. Oktober, Berlin II, III, IV und V am
29. Oktober und Berlin I am 4. November) mit erdrückenden Mehrheiten
Resolutionen angenommen, die sich mit den Beschlüssen des Parteitages
einverstanden erklärten und das Verhalten der Ausgetretenen scharf ver-
urteilten. Von den letzteren ward dagegen am 8. November in einer von
über 500 Personen besuchten Versammlung in Joels Festsälen, in der
Richard Baginski Vorsitzender und Albert Auerbach Lauptredner
waren und zu deren Teilnehmern u. a. Otto Erich Lartleben, Paul
Kampffmeyer, Bruno Wille, Karl Schneidt und viele andere Angehörige
        <pb n="138" />
        ﻿
        <pb n="139" />
        ﻿129

der literarischen Berufe gehörten, ein „Verein unabhängiger
Sozialisten" konstituiert, und acht Tage darauf erschien die erste Nummer
des Wochenblattes „Sozialist", das den Antertitel führte: Organ der
unabhängigen Sozialisten". Nach diesein Antertitel ward von nun ab auch
die ganze Bewegung benannt, die von den treibenden Geistern der
Opposition ins Leben gerufen war; sie hieß fortan kurzweg „Bewegung
der Unabhängigen".

Ihre wenig erbaulichen weiteren Schicksale haben uns hier nicht zu
beschäftigen. Sie wiederholen alles in allem die in der deutschen Sozial-
demokratie vorher schon wiederholt gemachte Erfahrung, daß selbst von den-
jenigen Parteimitgliedern, die oppositionellen Rednern aufs lebhafteste zu-
stimmen, solange diese im Rahmen der Partei Opposition machen, stets nur
ein sehr kleiner Teil mit ihnen geht, wenn sie sich dazu hinreißen lassen,
aus der Parteiorganisation auszuscheiden. Zu den führenden Mitgliedern
der Bewegung der Anabhängigen gehörten begabte Redner und geübte
Organisatoren. Aber gegen dieses in der deutschen Sozialdemokratie wir-
kende politische Gravitationsgesetz erwiesen sich ihre Kräfte als unzureichend,
zumal da sie der Taktik der Partei keine bestimmte und überzeugende
Politik gegenüberzustellen hatten. Ihre Opposition beruhte nicht auf anderen
Grundanschauungen, als wie die alten Parteiführer sie vertraten, sondern
auf Ausstellungen in Einzelheiten, und mit bloßen Ausstellungen gründet
man, wenn sie nicht der Ausfluß eines tieferen Gegensatzes sind — und
dagegen verwahrten sich grade in der ersten Zeit die Anabhängigen sehr
lebhaft —, keine neue Partei. Sie konnten im vorliegenden Falle um so
weniger gegen die alte Partei verfangen, als deren Lauptführer in Erfurt
aufs schärfste gegen Georg von Vollmar Stellung genommen hatten, der
in München in den Eldoradoreden diejenige Politik empfohlen hatte, von
der die Auerbach, Werner usw. behaupteten, daß die Partei sie mit Wissen
und Willen jener Parteiführer triebe. Was in dieser Hinsicht Bebel,
Liebknecht und Singer in Erfurt Vollmar gegenüber geltend gemacht hatten,
war ungemein geeignet, diejenigen Sozialdemokraten Berlins zu befriedigen,
die mit der Opposition gegangen waren, weil sie in der Tat glaubten, daß
die Partei in Gefahr sei, sich im Parlamentarismus zu verlieren. Nun
hatten die Vertreter des Parteivorstandes erklärt, daß, wenn die Frage
laute: Vollmars Vorschlag oder die Politik der Zungen, sie dann immer
noch eher zu den Jungen gingen. Besonders Bebel hatte sich über die
Nähe des Sieges der Sozialdemokratie so hoffnungsfreudig ausgesprochen,
wie der feurigste Revolutionär es nicht anders wünschen konnte, und als er,
nach Berlin zurückgekehrt, am 13. Dezember in der Brauerei Friedrichshain
in einer Rede über Taktik seine Ansichten über die Stellung zur Regierung,
zu den Parteien und dem Parlamentarismus entwickelte, ward ihm daher der
ungeteilte jubelnde Beifall der vieltausendköpfigen Menge zuteil. And ähn-
lich ging cs in anderen Versammlungen zu, tvo Liebknecht, Singer, Auer,
Grillenberger und andere Führer der Partei über grundsätzliche Fragen
oder Fragen der Tagespolitik referierten. In ersterer Hinsicht interessierten
besonders diejenigen Versammlungen, in denen das in Erfurt beschlossene
neue Parteiprogramm von Liebknecht, Schippe! und anderen erklärt wurde.
Die einleitenden Sätze des Programms, die den Gang der Wirtschasts-
entwicklung vorauszeichnetcn, erhielten dadurch eine starke praktische ^»e-
Bernstetn, Berliner Geschichte. III.	9
        <pb n="140" />
        ﻿130

deutung, als sie zur Beurteilung von Formen des Arbeiterkampfes heran-
gezogen wurden, zu denen die Partei damals teils als Ratgeberin der
Arbeiterklasse und teils durch aktive Teilnahme Stellung zu nehmen hatte.

Der Geschäftsdruck, der 1890 eingesetzt hatte, hatte im folgenden
Jahre weiter um sich gegriffen, während Mißernten die Lebensmittelpreise
in die Höhe trieben. Die Lage der Arbeiter verschlechterte sich zusehends
und gestaltete sich vielfach zu direkter Notlage. Große Streiks, darunter
der zehnwöchige Kampf der Buchdrucker, der über zwei Millionen
Mark gekostet hatte, und ein langwieriger Kampf der Zigarrenarbeiter
gingen verloren, die Gewerkschaften gingen in bezug auf die Mitgliederzahl
zurück — von über 300 000 im Jahre 1890 fiel die Zahl der Mitglieder
der freien, d. h. sozialistischen Verbände schrittweise, bis sie im Jahre 1893
mit 230000 ihren Tiefstand erreichte. Da war es kein Wunder, daß sich
in dieser Zeit Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Gewerkschaftskampfes
im allgemeinen einstellten und auf andere Mittel gesonnen wurde, die Anter-
nehmerklasse zu Zugeständnissen zu nötigen. Während bei den Unabhängigen,
von denen ein Teil sich dem Anarchismus zuzuwenden anfing, der Gedanke
an Straßendemonstrationen und dergleichen Boden faßte, begann man in
den Reihen von Gewerkschaftlern, die zur Sozialdemokratie hielten, sich für
das in Amerika aufgekommene Mittel der gewerkschaftlichen Kontroll-
marke zu erwärmen, und das ihr wesensverwandte Mittel des Boykotts
zählte hüben und drüben Anhänger, die sich von ihm die größten Wir-
kungen versprachen, wenn nur die Arbeiterschaft gehörig zu seinem Gebrauch
erzogen und angefeuert werde. Das Stück Wahrheit, das in diesen Ideen
lag, wurde aber dadurch kompromittiert, daß die Heißsporne des Boykotts
und der Kontrollmarke so sprachen, als ob diese Mittel die Macht noch
schwacher Gewerkschaften jederzeit um ein Bedeutendes steigern könnten, und
die Neigung erzeugten, für sonst nicht zu gewinnende Streiks einzelner
Gewerkschaften die Gesamtarbeitcrschaft zum Boykott aufzurufen.

So gab es vielerlei Anlaß, die Wirtschaftslage und Wirtschafts-
entwicklung in öffentlichen Versammlungen eingehend zu behandeln. Schon
am 21. Januar 1892 sprach Bebel in einer Riesenversammlung im Feen-
palast über das Thema: „Was lehren uns die letzten großen Streiks?",
am 21. Februar desselben Jahres behandelte er im Feenpalast das Thema:
„Niedergang des Kleinbetriebes", und am 16. März das Thema: „Ursachen
und Wirkungen der Krisen". In allen diesen Vorträgen kam seine Auf-
fassung über das rasche herannahen der Zeit zum Ausdruck, wo der
Kapitalismus seinen Aufsaugungsprozeß so weit vollzogen haben werde,
daß es für ihn selbst keinen Ausweg aus seinen Widersprüchen mehr
geben werde. Diesem ermutigenden Ausblick in die Zukunft entsprach
jedoch mit Notwendigkeit ein starker Pessimismus hinsichtlich der unmittel-
baren Möglichkeiten des wirtschaftlichen Kampfes der Arbeiterklasse. Inner-
halb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, so lautete der Schluß der
Rede Bebels vom 21. Februar, würden die Aussichten der Arbeiter bei
ihren Lohnkämpfen immer ungünstiger werden. Sie müßten zwar fort-
fahren, sich gewerkschaftlich zu organisieren, da schon das bloße Vorhandensein
einer kräftigen Organisation die Unternehmer abhalte, manches zu tun, was
sie sich unorganisierten Arbeitern gegenüber erlauben würden, die Arbeiter
müßten aber erkennen, daß sie über diese Kämpfe hinaus noch weitere Ziele,.
        <pb n="141" />
        ﻿131

0rutullinieti

für «ln gtuiklulam« Zutaifirccsiarbeiit» der Partei uitd du
öetwrklAafi« tu den ttädtlten Kelätstaatunble» tu dir
Prent«? Braadesburg.

die Beseitigung des Kapitalismus
selbst, sich zur Aufgabe zu stellen
hätten. Das lautete hinsichtlich
der Gewerkschastssache nicht sehr
tröstlich, entsprach aber so sehr der
in der sozialistischen Arbeiter-
schaft Berlins vorherrschenden
Stimmung, daß dieVersammlung
diesen Darlegungen begeisterten
Beifall zollte und eine in ihrem
Sinne lautende Resolution ein-
stimmig annahm. Nicht anders
wie Bebel sprach sich IgnazAuer
am 26. Januar 1892 in einer Ver-
sammlung, die von der Lokal-
kommission Berlins zur Erörte-
rung der Boykottfrage veranstaltet
worden war, über die Möglich-
keiten der Gewerkschaftsbewegung
aus. Latte er doch schon im
Juli 1890 in dem bemerkenswerten
Artikel „Gewehr bei Fuß!" drin-
gend dazu aufgefordert, die Streik-
lust einzudämmen, und dieselbe
skeptische Note klang in seinem
Referat wieder, das er im Lerbst
1892 auf dem Berliner Partei-
tag der deutschen Sozialdemo-
kratie hielt. Des weiteren trug
der gerade in Berlin stärker als
anderwärts spielende Streit
zwischen lokalistisch und zen-
ttalistisch organisierten Gewerk-
schaften viel dazu bei, den Glauben
an eine große Zukunft der Gewerk-
schaftsbewegung zu erschüttern,
und diese ungünstige Stimmung kommt in vielen Referaten und Debatten
zum Ausdruck, die sich in jener Zeit in Berlin mit der Gewerkschaftsfrage
befaßten oder auf sie Bezug nahmen.

Am so eifriger widmete man sich der politischen Agitation und Orga-
nisation, und immer weiter in die Provinz hinaus streckt sich Berlins
Sozialdemokratie ihr Arbeitsgebiet. Am 15. Mai 1892 tagte in den
Arminhallen die erste größere sozialdemokratische Parteikonferenz
für Berlin und die Provinz Brandenburg. Sie war von 54 Dele-
gierten aus 20 Wahlkreisen besucht und wählte Fritz Zubeil und Ferdinand
Ewald zu ihren Vorsitzenden. Ihre Debatten drehten sich vornehmlich
um Fragen der Agitation in den ländlichen Bezirken und unter den Frauen.
Es ward beschlossen, die drei bereits ins Leben gerufenen Zeitungen:
„Brandenburger Zeitung", „Märkische Volksstimme" und

9*

Die Agitations- und Organisationsleitungen übernehmen die
moralische Verpflichtung, soweit das ohne Gefährdung der örtlichen
Organisationen möglich ist, durch Ihre Funktionäre unter den Mit-
gliedern und Anhängern für die Beteiligung an den. Arbeiten und
der Agitation zu den nächsten Reichstagwahlen zu wirken.

Um der Bewegung den Charakter der Einheitlichkeit zu sichern,
informiert die örtliche Parteileitung erstere von Zeit zu Zeit über
die wichtigsten Fragen, insbesondere die der Taktik.

HB.

In der Praxis hätten die Arbeiten in folgendem zu geschehen:
a) Beteiligung an der Wahlarbeit,
d) Agitation für den sozialdemokratischen Kandidaten,
c) Agitation für Presse und Literatur,
et) Aufbringung von Geldmitteln.
t) Hilfeleistung und Besorgung von Lokalen zu Versamm-
lungen und Besprechungen.

IE«.

Um diese Tätigkeit ln. bie Wege zu letten, empsiehtt es sich:

1.	Dah die Gewerkschüstsagitatoren angewiesen werden, in
der nächsten Zelt, ihre Anhänger ständig In geeigneter
Weise auf di« Wichtigkeit der Wahlen aufmerksam zu
machen und in allen Zusammenkünften ebenfalls in ge-
-igneter Welse nach dieser Richtung hin zu wirken;

2.	die Agitationsleitungen mögen in geeigneter Form die
Vorstände der örtlichen Organisationen für obige Tätig,
keil zu interessieren versuchen;

3.	soweit es möglich durch die Fachpresse für vorstehendes
zu wirken.

IV.

Um den örtlichen Parteileitungen alle Kräfte zur Dersüb-ng
stillen zu können, ist zu empfehlen, daß die Gewerkschafisvorständc
jedes einzelnen Ortes alle vertrauenswürdigen Mitglieder be-
zeichnen — insbesondere in Dörfer» — um diese als Stützpunkte
bei der Hausagklation und Flugschriftcnvcrbrciliing verwenden zu
können. Falls mehrere an einem Orte wohne«, sind sic l» persön-
liche Verbindung zu bringen.

V.

Diese Regeln wollen die Organisationen nach Möglichkeit
versuchen, inne zu halten. Die Durchführung derselben, unter
Anpassung der Eigenart des Berufes ist "Aufgabe jeder Orgaut-
sation selbst.

v«urcr»D&gt;tum&gt;».«

64. Zirkular an die Vertrauensmänner
in der Provinz Brandenburg
        <pb n="142" />
        ﻿132

„Volksblatt für Teltow-Bceskow-Storkow" nach Kräften zu unter-
stützen und den Gastwirten auf dem Lande, die Maßregelungen dafür er-
leiden sollten, weil sie ihre Räume Sozialdemokraten zur Verfügung stellten,
Rechtsschutz zuteil werden zu lassen. Ferner ward eine aus sieben
Mitgliedern bestehende ständige Agitationskommission eingesetzt. Auf
einer am 10. September in Berlin abgehaltenen Konferenz ward außerdem
noch eine Lokalkommission für die Provinz Brandenburg gewählt.

Als im Frühjahr 1893 der Reichstag plötzlich aufgelöst wurde, ward
auf einer schnell einberufenen Konferenz aus der Agitationskommission für
die Provinz Brandenburg ein Zentralwahlkomitee gebildet, das im
Verein mit örtlichen und Kreiskomitees den Wahlkampf in der Provinz
leitete. Eine größere und regelrechte sozialdemokratische Provinzialkonferenz
für Berlin und Brandenburg konnte erst wieder im Spätsommer 1894
abgehalten werden. Sie tagte am 16. September jenes Jahres, war von
58 Delegierten aus 30 Orten beschickt, und beschäftigte sich eingehender
mit der Agrarfrage, die mittlerweile in der Gcsamtpartei zur Debatte
gestellt war und einen Punkt der Tagesordnung des nach Frankfurt a. M.
einberufenen Parteitages der Gesamtpartei bildete. Auf Antrag Dr. Lux
beschloß die Konferenz, von der Partei die verausgabe einer eingehenden
beschreibenden Untersuchung der ländlichen Verhältnisse zu verlangen,
und ferner stimmte sie einem von Artur Stadthagen formulierten und
ausführlich begründeten Programm von Forderungen des ländlichen
Arbeiterschutzes zu, das unter anderem ländliche Schiedsgerichte for-
derte, die zu zwei Dritteln aus Vertretern der Arbeiter bestehen tlnd,
außer zur schiedsrichterlichen Tätigkeit, auch dazu berufen sein sollten, jährlich
durch Ortsstatut Bestimmungen über die höchste Arbeitszeit und die
Sonntagsruhe der Landarbeiter anzuordnen. Das Agrarprogramm
dagegen, das die vom Frankfurter Parteitag eingesetzte Agrarkommission
ausarbeitete und im Spätsommer 1895 bekanntgab, ward von der etwas
später tagenden 1895er sozialdemokratischen Provinzialkonfercnz für die
Provinz Brandenburg verworfen. Die Konferenz, die 63 Teilnehmer
zählte, stimmte einem Antrag des Wahlkreises Niederbarninr zu, wonach
der bevorstehende Parteitag der deutschen Sozialdemokratie ersucht werden
sollte, einen prinzipiellen Gegner des Agrarprogramms als Korreferenten
für die Beratung des Programms zu bestellen, das Agrarprogramm ab-
zulehnen, die Tätigkeit der Agrarkommission für erledigt zu erklären und
den Beschluß des Frankfurter Parteitags zu wiederholen, der die von der
vorjährigen Konferenz gestellten Anträge über den ländlichen Arbeiterschutz
zum Parteibeschluß erhob.

Die Verhandlungen der Brandenburgischen Provinzialkonferenzen Jahr
für Jahr im einzelnen durchzugehen, fällt aus dem Rahmen einer Geschichte
der Berliner Sozialdemokratie heraus. Denn den größten Teil dieser Ver-
handlungen füllen Erörterungen über die Verhältnisse der einzelnen
Provinzialwahlkreise und der für die Provinz herausgegebenen Zeitungen,
Broschüren und Flugblätter aus, die keinen direkten Bezug auf die
Berliner Bewegung haben. Die organische Verbindung zwischen Berlin
und der Provinz Brandenburg bestand vielmehr im wesentlichen darin,
daß Berlin der Provinz finanziell und agitatorisch half, soviel es nur ver-
mochte. Die Wahlkreise Berlins setzten regelmäßig größere Summen für
        <pb n="143" />
        ﻿
        <pb n="144" />
        ﻿134

die Agitationsarbeiten der Provinzialkommission aus, und die größeren von
ihnen übernahmen außerdem noch den größten Teil der Agitationsarbeit
in den ihnen zunächst liegenden Wahlkreisen der Provinz auf ihre
Rechnung. Wenn, sozial betrachtet, die Hauptstadt fortgesetzt aus der
Provinz Kräfte an sich zog, so stellt sich hier unter dem Gesichtspunkt der
politischen Organisations- und Erziehungsarbeit das Bild so dar, daß
geistig und finanziell die Hauptstadt durchaus der gebende Teil ist.

Wie stark letzteres der Fall war, zeigt die der Provinzialkonferenz
von 1894 erteilte Abrechnung der Agitationskommission, vorgetragen von
deren Mitglied Otto Antrick. Danach hatten zu den im ganzen etwas
über zwölftausend Mark, welche die Kommission seit ihrem Bestehen ver-
einnahmt hatte, die sechs Wahlkreise Berlins an direkten Zuschüssen aus
ihren Fonds 4882 Mark beigetragen, neben den freiwilligen Beittägen,
die auf Listen usw. in Berlin für die Agitation in den verschiedenen Wahl-
kreisen aufgebracht worden waren. And so blieb das Verhältnis die ganze
Zeit über, von der unser Buch handelt, wie folgende Zusammenstellung
aus den Finanzberichten der Agitationskommission für die letzten vier
Jahre unserer Epoche zeigt.

Die Kommission vereinnahmte:

m	Von den	Aus anderen

Geschäfts,ahr	Wahlkreisen Berlins	Quellen

1901/1902	5 200 Mk.	5 470 Mk.

1902/1903	10 000 „	32 370 „

1903/1904	6 750 „	8149 „

1904/1905	7 800 „	9 740 „

In das Jahr 1902/1903 entfällt eine Reichstagswahl, und für diese
überwies der Parteivorstand der deutschen Sozialdemokratie der Agitations-
kommission für die Provinz Brandenburg finanzielle Beihilfe im Gesamt-
betrag von 24 193 Mk., daher die hohe Einnahme der Kommission in
jenem Jahr. Aber die fünf Berliner Wahlkreise außer Berlin I veraus-
gabten, neben ihren Überweisungen an die Agitationskommission, die in
den obigen 10 000 Mark einbegriffen sind, noch über 15 000 Mark für die,
von ihnen direkt betriebeneAgitation in den einzelnen Wahlkreisen derProvinz.

Auch die beiden Vorortswahlkreise Niederbarnim und Teltow-
Beeskow-Charlottenburg haben in den späteren Jahren direkte Bei-
träge an die Agitationskommission abgeführt, und Nicderbarnim gab bei
der Reichstagswahl von 1903 noch 370 Mark für Wahlagitation in Ober-
barnim aus. Die eigenen Einnahmen der Agitationskommission aber
setzten sich aus dem Erlös für verkaufte Exemplare des von ihr heraus-
gegebenen Agitationskalenders „Märkischer Landbote" und des Agitations-
blattes „Die Fackel", namentlich aber aus den Erträgen der Kalender-
Inserate zusammen, denen bei den Ausgaben größere Posten für die Ver-
stellung dieser beiden Publikationen gegenüberstehen. Tatsächlich bringt,
außer bei allgemeinen Reichstagswahlcn, Berlin die ganzen Kosten der
Agitationskommission auf, die denn auch in Berlin ihren Sitz hat, und auf
den Konferenzen für die Provinz Brandenburg ist Berlin stets durch
Delegierte seiner Wahlkreise vertreten. Wo die Verhandlungen dieser
Konferenzen über Agitations- und Lokalfragen hinausgreifen, wird im
folgenden auf sie Bezug genommen werden.
        <pb n="145" />
        ﻿135

Von den politischen Versamm-
lungen Berlins, die nicht in beson-
deren Rubriken behandelt werden,
ist aus dem Jahre 1892 noch von
Bedeutung eine am 29. Februar
im Saal „Sanssouci", abgehaltene
Versammlung, in der Paul
Singer über die Frage der
Handelsverträge sprach. Es han-
delte sich damals um die ersten
Handelsverträge des Kanzlers
Caprivi, die durch Ermäßigung der
Zölle aufGetreide und andereLand-
wirtschaftsprodukte Zugeständnisse
andererLänder (Österreich, Belgien,

Schweiz usw.) in bezug auf Indu-
striezölle erwirkten. Obwohl die
Verträge immer noch die Getreide-
zölle in der ansehnlichen Löhe von
3Va Mark pro Doppelzentner hiel-
ten, stimmten die Sozialdemokraten
ihnen im Reichstag dennoch zu, da
sie wenigstens eine Verbesserung
gegenüber dem alten Zustand
bedeuteten, und den grundsätzlichen
Charakter dieser Abstimmung legte
Singer in ausführlicher Rede unter
lebhafter Zustimmung der Ver-
sammlung dar. Neben einer Reso-
lution, die dieser Zustimmung Ausdruck gab, ward auch eine Resolution
angenommen, welche die Sozialdemokratie dagegen verwahrte, daß sie ab-
sichtlich Straßentumulte veranstalte. Versammlungen von Arbeitslosen
hatten zu Zusammenstößen der begreiflicherweise gereizten Teilnehmer mit
der Polizei geführt, und dafür wollten Reaktionäre die Sozialdemokratie
verantwortlich machen. Diese aber wies den Vorwurf auf das Ent-
schiedenste zurück, da sie es in der Tat an Abmahnungen gegen das Lcraus-
fordern der Polizei und dergleichen nicht hatte fehlen lassen.

Im Jahre 1893 gab die Berichterstattung der Delegierten, die von
Berlin zum Kölner Parteitag entsandt worden waren, Gelegenheit, die in
Köln so lebhaft erörterte Frage des Verhältnisses von Partei und Gewerk-
schaft und der Zukunftsaussichten der Gewerkschaften nun auch in Berliner
Parteiversammlungen aufs neue zu besprechen. Kann man die betreffenden
Versammlungen nicht als Konferenzen im engeren Sinne dieses Wortes
bezeichnen, so unterscheiden sie sich doch von der Mehrheit der im Iahres-
verlauf abgehaltenen Versammlungen dadurch, daß in ihnen eine bestimmte
Frage von größter Tragweite in einer Vielheit von Versammlungen gleich-
zeitig und im Hinblick auf bedeutungsvolle praktische Entscheidungen ver-
handelt wurde. Man findet die Berichte über sie im „Vorwärts vom
19. November 1893 und den folgenden Nummern. Sie zeigen, daß auch

Sozialistische Bibliothek.

Herausgegeben von Hermann Tristler.

H-ft I.

Der

Parlamentarismus

und die

Arbeiterklasse.

Hermann T e i st l e r.

preis 15 *1f.

Berlin 8.

Jtrudi an# .Verlag: pa»l petrradarf, Alle Sakodstr. 91.
1894.

66. Titelseite einer antiparlamentarischen
Broschüre
        <pb n="146" />
        ﻿136

unter den Sozialdemokraten Berlins die Meinungen hinsichtlich jener Frage
recht weit auseinandergingen, daß Anhängern der pessimistischen Auffassung
Bebels Vertreter der Anschauung gegenüberstanden, daß die Gewerkschaften
auch dem zentralisierten Kapital gegenüber noch manche Siege zu verzeichnen
haben würden. Überall aber endeten die Debatten mit einmütiger Annahme
der Kölner Resolution, das heißt mit Zustimmung dazu, daß, welches
auch die weitere Zukunft der Gewerkschaften sei, sie in der Gegenwart für
den organisierten Widerstand der Arbeiter gegen den Druck auf ihre Löhne
und sonstigen Arbeitsbedingungen unentbehrlich seien und der Anschluß an
die Gewerkschaft seines Berufes daher die Pflicht jedes sozialdemokratischen
Arbeiters sei.

Den Charakter von Konferenzen trugen auch Volksversammlungen, die
sich Ende 1893 mit der Frage des Verhältnisses der Berliner Charit^ zu
den Ortskrankenkassen beschäftigten und, zugleich mit einer Boykottbewcgung
gegen die Charitch eine lebhafte Teilnahme am Werk einer um die gleiche Zeit
ins Leben gerufenen Berliner Arbeiter-Sanitätskommission zur Folge
hatten, über die ein anderes Kapitel berichtet. Das gleiche gilt von dem
großen Kampf, den die Arbeiterschaft Berlins im Jahre 1894 mit dem
Verein der Berliner Bierbrauereien führte und der nach sieben-
monatiger Dauer mit einem starken Erfolg der Arbeiter endete. Dieser nach
■Umfang und Art der Führung seinesgleichen suchende Kampf gab wieder-
holt zu Massenversammlungen der Sozialdemokratie Berlins Anlaß, von
denen die meisten allerdings mehr ins Kapitel der Demonstrationen gehören.
Nur in einigen der Versammlungen, die am 28. Dezember 1894 das Ende
des Kampfes — des großen Bierboykotts — proklamierten, führten
Meinungsverschiedenheiten über die Annehmbarkeit der Friedensbedingungen
zu scharfen Auseinandersetzungen. Darüber jedoch im betreffenden Kapitel selbst.

Aufsehen weit über Berlin hinaus und lebhafte Debatten verursachte
eine Versammlung des zweiten Berliner Reichstagswahlkreises, in der am
14. November 1894 August Bebel scharfe Kritik am Frankfurter Partei-
tag wegen dessen Ergebnislosigkeit in der Frage der Budgetbewilligung
der Bayern übte und vor Nachgiebigkeit gegenüber den sich nach seiner
Ansicht in der Partei breitmachenden spießbürgerlichen Tendenzen warnte.
Ignaz Auer und Richard Fischer, die gleichfalls in der Versammlung das
Wort nahmen, erklärten Bebels Urteil über den Frankfurter Kongreß für
zu weit getriebene Schwarzseherei, unterstützten aber, wie in Frankfurt so
auch hier seine Stellungnahme gegen gewisse partikularistische Tendenzen der
Süddeutschen sowie gegen deren Zugeständnisse an mittelbäuerliche Interessen,
und die Versammlung nahm einstimmig folgende, von Bebel beantragte
Resolution an:

„Die Versammlung der Parteigenossen des zweiten Wahlkreises be-
dauert, daß der Parteitag sich nicht entschließen konnte, unseren Genossen
in den Landtagen in bezug auf die Abstimmung über das Budget
eine bestimmte Direktive zu geben, die um so notwendiger war,
da die Anzeichen sich mehren, daß die Zerfahrenheit und die Unklarheit über
die Einheit der Interessen und Grundsätze in der Zunahme begriffen sind.

Die Versammlung legt entschieden Protest ein gegen die Auslassungen
in dem Artikel der „Münchener Post" vom 30. Oktober d. I., über-
schrieben „Betrachtungen über den Parteitag", in welchem unter dem
        <pb n="147" />
        ﻿Inon Verlag und Cjpebltlon:

Carl Divrmick.
rrlln S.. Lulseouser 11

September 1899.

Erichemi monatlid) einmal. j|

DrrlS bei Stnzeltuimmer 10 VI. !j 1 SastttfslPlf
'flbonntmnii fflt das Ouartol 25 Pj. ;|	*	8	^

Euer Wunsch ifl erfüll«, oor Euch lieg,

..Die Fackel".

d:« Zeitung für dir A^kaebemeten und llmeiörückien
aus dem Lande, für den Landarbeiter. de» Kleinbauer,
den Handwerker, die erioerbSlhöiig, Bevölkerung

«&gt;chi ohn« Lpler haben Eure ArbeilSbrüder m der
Tlodl di« Zeiniug geschaiie». Sn Euch ist c« jefjl, b&gt;e-
iclb« zu erhallen »nd zu einem ivilkiamen Ikoinoiinillel
gegen da« Unrecht „i jeder Form und kür d&gt;« B'-reiung
der arbritSihätigen Bevölkerung auszubauen

„Tis Fackel" a»,rd Euch jeder Zeit «&gt;o kreuer
freund und Beraiher fem. Eie wird Euch all« Monate
--iNinal Aufklärung über da» bringen, wa« der Stadt
nsrgehl Ihr werter in den Bcrichlen au» dem ReichS-
iog eriahren. ob die iozialdeinokralischen Abgeordneten
&gt;Lr die Interessen der Arbeiter kämpfen, de» Herren

6rundlich die Sahrhe» lagen, gegen Verlchlechlerung
e» besiehenden Zusla&gt;,de« und für Beleingung der
elenden Lage der Waste Land und Siad, «inlrelen
Auch iveebel Ihr au« den Berichten «riehen, ob daö
Dirken t&lt;r konlervalivei, und anderen Abgeordneten
arbeilerficundlich &gt;l«. ob dies» für nach größere Entrech-
tung und Verelendung de« Volk« einireren. ob sie da«
Zniereste eine« kleinen Häusle.n« Wohlhabender oder
da« Interesse der «esammihei, wahrnehmen lieber olle
bedeutende,, Borkommniste &gt;m polistichen Leben wird
-Di» Factcl" belehrende Arukel bringen Hauptsächlich
aber wird &gt;°i« berrchien über Euer Elend, über Sure Aach,
über di« unwürdig, Behandlung, d&gt;e Euch oll von
Srovgrundbeslgern und anderen Soo»al&gt;Ilen zu Tljeil
wirb, über b,e naurigen wohi,ung«verl&gt;älrniste au&gt; dem
Land« und &gt;n der Siadi, über d" tibermäßigr Au«,
deulung der Ahr ausgelegt seid Unbarmherzig und
eülkstchiulo« wollen wir diejenigen, die ihre Arbeiter
ichlechi behandeln, ihnen den bedungene» Lohn »ich,
rrchlig auSjable» oder sonst ihren oerNaglichen Ver-
ostichlungen hch en,ziehen. ,n der „Fackel" an de»
»langer der ösfenisichen Mr»nurg stellen und &gt;o dazu
d'iiragen. Euer Loo» errräglichee zu machen.

K'ch' &gt;nn keoiich und iklarlch. w&gt;e konleroanv»
Blauer tl Ihun. um Euch »r Unerfahren hei, zu
erliolrrn. werden wie die CoalleN der ..Fackel"
lullen, sondern in Eure und Eure« LeidenSgenosien
naurigen wirlhlchaslsichen Lag« und in die wirchschasi.
liche lkage der Wohlhabenden und Mächtigen, in Unter,
brücknng und Uedcrniulh will „Tic Dackel" hinein,
leuchten und Such Mittet und Wege weilen, wie Ahr
Eure Loge bester» körn»

Eicher wird „Die 3arfel" durch unerichrockeile« Ein.
irrt«» für die Geologie» und Gedrückte», die linnen und
Ausgebeutete», de» Zorn -nancher reicher Herren auf sich
lade» Da« muh Euch aber gerade ein Ansporn lein.
ständiger Leier und Abonnent der „Fackel" zu
werde" und bei Euren ArbeilSbrübern aus dem Lande
und »&gt; der Iiadt neu« Aboiinenlen für „Die Fackel"

Ta „Tie Fackel" nur 1V Pfennige für einen
Monat und nur 25 Piennige für ein Vierteljahr
koste«, (o ist Jeder von IZucki ln der Lage, iie ,u

?Ib«r nicht nur Leser. ,»chi nur Abonini». &gt;ondern
auch Mitarbeiter brr „ftactft“ sollt und müht
.ihr werden. Alle bi» Leiden, die Ihr zu eevulden habt,
die Ungerechtigketteii und Draiigsalirungen. di» Euch zu
werden, theilt der „%actet'° vertrauensvoll
bf« W oh r h »i t gemäh mit In den Spalten
unserer „Fackel" werde,, Eure Klagen ein tausendfache«
Echo linde», da« gellend &gt;nah»e»d in den Lbren Eurer
Ctidlet wicdcrhallen soll.

Drum auf, Ihr ArbellSIeuie &gt;n Stad, und Land,
werdel für Euer Blatt und aboiiiun alle Man» für
Mann „Die Fackel". &lt;£« mir d.c trägen Malle» Eurer
ArbeitSdiüder au« dem Schlaf zu rütteln. Eure berech-
Iiglcn Forderungen nach Verbesterung Eurer elenden
Lage den Befistende» eindrzickSvoller als bisher zuru.
rufen. Mit der Fackel der Waheheir, mü dem «lärm
Sich« der Aufklärung, „ul dem zündenden Funke» ber
Agitation wollen wir hineinlenchte» in die Hohlen, wo
di« lluwissenheti und da« Elend, und rn d„ Paläste,
in denen Uebermmh Protzemhum und Eigennützigkeit
Hausen-

Loht Such durch Sur» Arbeitgeber, durch Den»,
barmen. Pfarrer ober sonst wen nick« einschüchtern.

Cu»« jeden Fall oerjuchier VeeinNustuiig an Haltet
: Blot« allen Verfolgungen zu», Trost hoch RnkUo«
känrpsl den Kamps mit, oamrr Ihr und Eure Kmder als
freie, gleichberechtigt« Menschen einer glücklicheren Zukunsl
enigegengehen.

Was iDoOni wir?

Aus. Alle, die Ihr dchhstlig vom frühen Morgen
dl« ln die Ipktze Nach« hinein Euch plag«, ohne soviel
»h erringen. ba&amp; Ihr und Eure Familien Euren b«.
scheidenkn Wunsch ersülleu könn«: theilzunehmen an den
Errungenschasien der Kultur. Die lürperltchrn und
geistigen Fähigkeiten zur Blüthe und Emsaltuna zu
bringen, ist Menschenrecht. Wie komm« t«. daß dir» Rech,
»Ol Taufenden und Abertausenden vorenthalten wird?
Wie ist ci möglich, bat» Ziel zu erreichen dost jeder

ein menschenwürdiges Dasein führe? Wa« ist ew
menschenwürdige« Dasein? Ein Doleln wie es dem
Sland der Kullur eulsprichr: Theilnahme Aller an den
Errungenschasien der Rullur. Nolv schmiedn zusammen.
Ihr alle, di« in ber Sladl oder aus dem Lande, ln der
Werkstatt oder aus dem ncker. in dre Grube oder in
der Fabrik, zu Wasser oder zu Load« mühselig da« zum
Lebensunterhalt Nothwendigst» erardeilcn müht — Ihr
könnt ein, Besserung Eurer Lage derbeisühren. wenn
nicht dieselben Entbehrungen unter denen Ihr leide«,
da« Erbe Eure, Kinder sein soll. Im Jnleresse Eurer
selbst, im Jiikereste Eurer Familie, ün Jnterrssr Eurer
Kinder müssen alle Erwerbölhällgen &lt;n dem friedlichen,
aber «nerglschen und rastlosen Kamps zur Erringung
besserer Lebensbedingungei, zusammenhalken.

Hab« Ihr und Eure Kinder »ich, ein Recht aus
»in menschenwürdige« Dasein? Aus. znm Kamps gegen
die Umerdrückang Eurer Rechte gegen di, Urbennach«
bei Kapitals, gegen den Hochmuth des Unternehmer,
ihum«. gegen die Fortdauer der bestehenden Verhällniffe.
gegen^ di« Ungerechligkeil ber bestehenden Berhüliniss,
das ist der Mahnruf, der immer lauker und krälttger in
alle» Ländern an olle Arbeiter ergeht, die Ardeiler
kämmest. Wenig vermag der Einzelne. Alles ein
planvolles, rostlo!»« Znsamm,» Hollen allrr
Nolerdrückirn

Die Fahne in diesem Kamps hoch zn hasten gegen
die Ungerechtigkeit in jeder Form zu lämpsen and die
Fahre zur Erringung eine« mrujchenwürdtgen Daseins
voranzukrogen. ist unser Beilreben Nicht den Einzelnen
wachen wir veramworllich für die Zustünde Die Ge*
iellschoitSordmiug leibst hüng« ab von der Produlllont-
weis», hüngl ad von den geschichtllch gewordene» Zu-
stünden Aber sie ist nicht ewig, kan» nicht ewig so sein
wie sie Ifl; e« ändert und wechselt alle« Beschleunigung de»
Wechsels planvolle Herbeiführung eine« anderen Gesell.
IchasiSzuslande« ist möglich. Wir lagen nicht Utopien,
uiirrjüllbore» Träume:, nach Wir streben an. wa«
aothwkiidlg ist. danit. All» rin menichenwürdlge«
Leben haben. DaS ist nothwendig und möglich

Wir streben an. wa« geschichtllch naturnothwend.g
ist. W!&gt; streben an bi« Heebeisührung eine,
GelellfchasiSordtiung in der man nicht ihr. um
nur zu arbeiten, sondern arbeitet um zu ,H,n
»Wer nicht arbeiten will lall auch nicht esse».' logt
die Bibel.

Blickt um Euch! Millionen fleihtget braver
Mrnichen irifien bei kargem Lohn kümmerlich ihr Doset»
und einige Zehnianiende aibeirrn nicht oder minder
schwer wir ,enr - st, werden aber von Tag zu lag

Wie komm« da«?

Jen« befinden fick &gt;m Besih von 'Vorrechten sie
sind im Besitz der Ärbeiiswerkzenge. der Fodriken. der
Bergwerke, des Großgrundbesitze«, kurz aller Produlrion«-
mittel. ohnr deren Besitz Güier nicht erieugi werden
können. Wa« nützt dem Fleißlgslen die Lust und Fähig,
keil zu arbeiten, wenn er ArbeUsmiiiel nicht vefitzt?
Kann er dann je ein Freier werden? Frei ist er nach
dem Gesetz, aber auch tret von ollen Miiirlg. sein«
ArbeiiSkros: zu verwerthen, ohne fit an andere zu ver-
dingen.

Verdingen muh heute die übtegrotz« Anzahl Menschen
an die Wenigen, die wohlhckdrnd sind, ihre Arbeilsirast.
um ihr Leben fristen zu köiuirn und durch ihre Arbeit
den Reichthum der Wenigen noch zu vermehren Ver-
mehre» den Reichlhum derer die ohne dl, körperliche
und geistig» Arbeil der Arbeiter nicht der geistigen und
sonstige» Genüsse ihellhoslig werden könnien. di, sie sey«
baden und die die große Meng» entbehrt.

Aus der Ardetr AUei beruht bl« t)enilge
Kultur — sollen dl, Errungenschaften dee Kullur nicht
Allen zu theil werden? Soll es ewig so bleiben, daß
da darb!, wer arbeitet, daß Bildung und grillige Er-
hebung der großen Meng- voreiitholicu bleibt? Nein
und abermals netnI ES ist »ich« nothwendig und tt
bars nickst fein, wenn nicht de» Mensche» Natur zu der
de» Tiere« herabsiuken soll

Aber wie erreichen, wa» wir erstreben? Wl, soll
t! ander« werden? Sann es anders werden? oder sind
wir verdamm! wenig Herren zu haben und ein Heer von
Sklaven ewig zu bleiben?

Ausklüruiig über seine wahren Jnieressen thu, den
Unleidrücklen. die den weitaus größten Theil der Land-
bevölkerung bilden, in erster Reibe noth. Noch stehen
gar viele abseits von dem großen Komps«, der da« Ende
dieses JvhrhunderlS durchzillerl und mit dem Siege der
Arbeit im lommenden Jahrhundert abschliekeu wird

Der Arbeit! Wer ist denn ArbeUtr? Jed-r
der geistig odt: körperlich zum Nutzen der Allgimeiuhett
Arbeit schasst. Der flrbeiier' aus dem Land«, -der kleine
Bauer, der Lehrer, der Beamte, der Fobrilarberier. der
Schisser, der Handwerker, der Händler: sie oll« ver-
richten Arbeit im Interesse der Gesammthest. Arbeit für

die menschliche Gesellschosi. Arbeit, durch welche die
Zwecke der menschlichen Gesellschast gefördert werde».
Ob hlnieto» Pslug unier btennender Sonne de,
Arbeitet fich abrackert oder aber ob geistige
Arbeit oetrich,»« wird, ändtti oa dem Begriss
der Arbeit des ?Irbelier» nichts

Aufklärung' Ist die arbeitende Brvblkerung eist
aufgeklärt, ist stt zur Erkenntniß ihrer Lage und der
Wahrheit erst gelangt, io wird sie auch die Macht zu
erringen verstehen, ihre berechligre Forderung zur Er-
süllung zu bringen, ein menschenwürdiges Dasein für
Alle lluserr Gegner die Gegner der Arbeit, die Gegner
der Kultur, di« Gegner der Gerrchilzleit vrrsuchen dir-
Bevölkerung. Iiiöde! andere aus dem Lande, gleich uri-
mündigen Kinder» übe, dir wlchrigsten Fragen und Bor-
kommniste künstlich in Unkeaotniß zu erhallen, ihr Lügen
und Verleumdungen auszullschen und die unerschrockene
Stimme ber Wahrheit und de« Recht« zu ersticken.

Doch vergeblich I Do« Volk Hai ein Recht, die Wac-
hen zu hören, die Wahrheil lennen zu lernen.' Eö
dürstet nach Wahrheit, noch jenem unveZälschren Wissen,
ohn» welch»« lein Sieg Machthaber versolgteo UNS
&gt;2 Jahr» lang wurde dl« Auebrettiing unserer Lehrer,
in Deutschland aus Grund LeS Sozialisten-GesetzeS durch
Gewaltmlitel zu hindern versucht. Tausend« wurden
aus ihrer Heimo'.h uuSgewieseu. in Kesänanisse gebracht,
drangsaliert mit allen Mitteln, welch» jene« Gesetz an
die Hand gab Durch hügcngrstndel. durch dezahlle
Schulte, durch Spttzrl suchte man Berboechen denen an.
zubichle» die nie etwa« andere« gethan, a!« für ihre
Ueberzeugung einzutreten sucht, man zu Gewaltthätig-
keiten ouijureizeii. ivahrend.der Arbeiter lehr wohl weiß,
nicht Gewalt. Ausklärung Ist unser» Waise.
Aufgehetzt wurden durch d,e verlogen« Presse der Gegner
und durch ihönchl» Maoßnahmrn mancher Ordnungö-
Helden Viele der Unausgeklärren zu Gewallthütigkelle»
gegen d&gt;» Arbeiter leidst. Aber weder der Knüttel noch
de, Büttel, weder Södel noch Flinle vermag eine wahr»
Idee zo tbeen All jenen Praktiken und Knifsen unserer
Gegner, ihren Brutaliiüle» ihrer Heuchelei, ihren Spitzeln,
ihrer Urderichwemmung de» Lande« mit Strömen voll
Lügen Verdrehung und Wiuddeurelei setzen wir d"
eine Waste entgegen da« Streben nach Wahrheit und
nach Verbreitung der Wahrheit in allen Schichten der
orbütent-m Bevölkerung

Siegen wird die Sozlaldemolrone weil auf ihre,
Seile die Wahrheit, die Gerechtigkeit, va« Interesse der
Allgemeinheit und der Kultur

Wie will fie Iht Ziel rtielchen?

Ruhig, planvoll untersucht sie die Ursachen de»
deuligen Elend«. Wie brr vernünftige Arzt „ach dm
Ursachen rin« Kranlyrit soruhi. so untersucht ft« bit
Gründe der elenden wirlhIchaslUchen Lage. Do zeigr
sich denn nichi'drr Einzelne von Euch, der rastlo« von
früh bis spät sich abrackerl. ist Schuld an seiner lraurigeo
Lage leine elende Lag» nl vielmehr die Folge von Zu&gt;
iiändm die er nicht geschossen. Wenige Ausnahmen
ändern nicht« an der Regel.

Kann der Heine Monn basüi. daß er nicht !r&gt;
reicher Wiege geboren, kann er dasür. daß er darben
muß und an den Errungenschosien der Kullur nicht vollm
The,! ha, kann rr dasür. daß ihm die Arbeilömirtel
nicht zu Gebote stehen, kann rr dasür. daß er sein«
Arbeilölra» gegen geringen Lohn verdingen muß. um fein-
Leben zu friste«?

Kann der Hondweike« dasür. daß die Mach,
de» Großlaplial« ihm da« Lebentlichl auSbläst?

Kann der Kleinbauer dafür, baßer trotz harter
Ärdeii Im Schweiße srineS Angesicht« nichts schafft, kann
er dafür, daß der Großgrundbesitzer dllliglr als er
produzlN. kann er dafür, daß der Großgrundbesitzer
sein grsährlichsler Stonfment. tonn et dafür. daß der
Großgrunddrsiyer die Arbeil-krast Anderer bi« zum letzten
Tlppelchen ausbeutet, gegen schlechten Lohn und noch
lchlechiere Behaadlung? Kann er dafür, daß die Hag-
Maschine, die Särmaschine. die Pslugmaschine dem Grotz--
grunddesitzer zu Gebote stehen?

Kann der kleine Mann. der Handwerker d«»
Bauer, ürr Arbeiter dasür. daß leine Erl»«»«-
ruinict wird?

Nein, in lausend Fällen nein)

Das Großlapiial. fei «4 in Fadrikm. sei »
Bergwerk, sei eS im Großgrundbesitz, lei cS ia Hypolheteu.
(et cS in Werlhpapieren. sei eS an der Dürst o^r w
sonst angelegt, hat in der heutigen G-IellschaslSordnunz
die Eigeuschost. daS kleine Kapital auszusangeu.

Wie die «offertropsm sich vereinigen zu Büchen
zu Flüsieo und Ströme-, und dem Meere dann »-fl«»

° stießen heute alle zu Silber und Gold um,«w«dew»

lieben: 23er da bat. dem &gt;?&gt;rd gerben. mW*
treffe» die Kleinen aus' der BolkSmund
Volt-mund hat Recht. Die Großen habe- tua S-««

67. Titelseite der ersten Nummer der „Fackel'
        <pb n="148" />
        ﻿138

Vorgeben „berechtigte Bestrebungen" zu vertreten, dem spießbürger-
lichen Partikularismus Vorschub geleistet wird, was notwendig die
Zerstörung der Einheit der Partei zur Folge haben muß.

Die Versammlung protestiert ferner gegen den Artikel der „Mün-
chener Post", der in Nr. 41 des „Sozialdemokrat" abgedruckt ist und in
dem es am Schluß wörtlich heißt: „Sollten die Verhältnisse der ein-
zelnen Länder aus taktischen Gründen zeitweise ein getrenntes
Marschieren notwendig machen, so werden wir unsere Gegner doch
immer vereint schlagen, und das scheint uns die Hauptsache zu sein."

Die Versammlung sieht in diesen Auslassungen das bewußte Be-
streben, die Genossen der einzelnen Länder in künstlichen Gegensatz
zueinander zu bringen, das die schärfste Zurückweisung verdient."

Zur Rede Bebels, die in den bayerischen Parteiorganen sehr heftige
Erwiderungen hervorrief, in denen von einer „Schilderhebung Bebels" ge-
sprochen wurde, ward überall in der Parteipresse Stellung genommen, und
ebenso beschäftigten sich eine Reihe von sozialdemokratischen Parteiver-
sammlungen Berlins mit ihr. Während aber im Lande die Meinungen
geteilt waren, stellte sich Berlin fast einmütig auf die Seite Bebels. Nur
hier und da legten aus Süddeutschland stammende Genossen für ihre Lands-
leute ein Wort ein.

Im Jahre 1895 spielte um die Zeit des Breslauer Parteitages die
Agrarfrage eine große Rolle in den sozialdemokratischen Parteiversamm-
lungen Berlins. Es wird vor und nach dem Parteitag lebhaft über das
von der Agrarkommission der Partei entworfene Agrarprogramm diskutiert,
wobei die Gegner des letzteren stets in der großen Mehrheit sind. Ferner
tritt in diesem Jahre die Frage der Heranziehung der Frauen zur Agi-
tation und zur Organisationsarbeit stärker in den Vordergrund. Im Jahre
1896 nimmt um die Zeit des Parteitages ein in der Redaktion des „Vor-
wärts" spielender Konflikt das Interesse der Berliner Mitgliedschaften in
Anspruch. Wilhelm Liebknecht hatte einen in seiner Abwesenheit im „Vor-
wärts" erschienenen Artikel, der sich gegen Max Quarck in Frankfurt am
Main richtete, öffentlich von sich abgewiesen und dadurch eine Kollektiv-
erklärung der anderen Redakteure hervorgerufen, an die sich ziemlich scharfe
Auseinandersetzungen knüpften. Sie wurden in Berliner Parteikreisen lebhaft
besprochen und fanden, als der Parteitag herannahte, einen Niederschlag
in dem nach lebhafter Debatte am 17. September beschlossenen Antrag des
dritten Reichstagswahlkreises, daß die Redaktion des „Vorwärts" zu allen
wichtigen Parteifragen Stellung zu nehmen habe und Artikel einzelner
Redakteure von diesen zu zeichnen seien.

Im Jahre 1897 ist es die Frage der Beteiligung an den
preußischen Landtagswahlen, welche, wie im übrigen Preußen, so
auch in Berlin zum Gegenstand bewegter Auseinandersetzungen wird.
Nachdem Bebel und Auer sich öffentlich für die Beteiligung ausgesprochen
und vielfach Zustimmung gefunden hatten, die sich in Anträgen an den
kommenden Parteitag niederschlug, mußte selbstverständlich auch Berlin
zur Frage Stellung nehmen. Sie wurde in vielen Zusammenkünften dis-
kutiert und beschäftigte dann den Parteitag für Berlin und die Provinz
Brandenburg, der am 12. September 1897 in Kellers Festsälen tagte und
von 66 Delegierten besucht war, die 26 Kreise vertraten. Das Referat
über sie hielt Max Schippel, der sich für die Beteiligung aussprach, und
        <pb n="149" />
        ﻿139

in der sich lange hinziehenden
Debatte stellten sich die Genossen
Alschner, Apelt, Graß-
mann, Lissauer, Stadt-
hagen, Timm undDr. Wehl
auf seine Seite, während ihm
als Lauptgegner Georg Lede-
bour entgegentrat, unterstützt
durch die Genossen Dorn-
busch, Joachim, Kiesel,

Wagner und Zubeil. Die
Gegner der Beteiligung fürch-
teten hauptsächlich, daß diese
zu Kompromissen mit gegne-
rischen Parteien, und zwar ge-
rade mit den in Berlin ja
ganz besonders verhaßten Frei-
sinnigen, führen würden, auch
von den Rednern, die für die
Beteiligung eintraten, erklärten
sich verschiedene, darunter na-
mentlich Artur Stadthagen,
gegen jeden Kompromiß. Es
wurde eine Resolution von
Berlin III und Teltow-Bces-
kow, daß der Parteitag den
Kölner Beschluß von 1893
gegen Wahlbeteiligung auf-
recht erhalten möge, mit 46
gegen 21, und eine zweite
Resolution, wonach die Entscheidung des Parteitags über Aufhebung des
Kölner Beschlusses vom Beschluß einer vorherigen Konferenz der preußischen
Delegierten abhängig gemacht, diesen letzteren aber empfohlen werden solle,
gegen die Aufhebung zu stimmen, mit 31 gegen 26 Stimmen abgelehnt,
dagegen ward schließlich mit 33 gegen 25 Stimmen ein Antrag Stadthagen
und Genossen angenommen,

„dem Parteitag die Aufhebung des Kölner Beschlusses betreffs
Wahlenthaltung zu empfehlen, aber keinem bürgerlichen Wahlmann oder
Kandidaten die Stimme zu geben, der nicht die Gewähr dafür leistet,
daß er mindestens eintritt für Einführung des allgemeinen, gleichen,
direkten und geheimen Wahlrechts für Landtag und Gemeinde, für Be-
seitigung aller partikularrechtlichen, die freie Ausübung des Vereins-,
Versammlungs- und Koalitionsrechts beschränkenden Bestimmungen,
Aufhebung aller gegen die ländlichen Arbeiter und das Gesinde be-
stehenden Ausnahmerechte."

Als drei Tage später, am 15. September, in den sechs Wahlkreisen
Berlins Parteiversammlungen über die Beschlüsse der Provinzialkonferenz
und den bevorstehenden Parteitag Beratung hielten, zeigte sich, daß in der
Äauptstadt die große Mehrheit der Genossen Gegner des auf der Branden-
burger Konferenz gefaßten Beschlusses waren. Nur im ersten Relchstags-

Krrliig rm Artpr Staltn C, $Im#ÄlMti.6L

68. Amschlagseite des Volkskalenders „Der
märkische Landbote"
        <pb n="150" />
        ﻿- 140 -

Wahlkreis ward eine Resolution angenommen, welche jenen Beschluß wieder-
holte und außerdem verlangte, daß

„überall, wo durch die Beteiligung der Sozialdemokratie Einfluß auf die
Gestaltung der Wahl vorhanden ist, sozialdemokratische Wahlmänner
aufzustellen sind."

2m zweiten Wahlkreis faßte man überhaupt keinen Beschluß, im dritten
erklärte man sich dafür, daß die Entscheidung über die Frage den preußischem
Delegierten überlassen werde, im vierten, fünften und sechsten Wahlkreis
dagegen wurden Resolutionen beschlossen, die sich mehr oder minder schroff
gegen die Wahlbeteiligung aussprachen. Im ersten, dritten und fünften
Wahlkreis wurden bei dieser Gelegenheit noch Beschlüsse gefaßt, die Er-
weiterung der Rechte der Berliner Preßkommission in bezug auf die Kontrolle
des „Vorwärts" und ein Mitbestimmungsrecht Berlins bei der Anstellung
von Redakteuren forderten.

Als im Sommer 1898 Neuwahlen für den preußischen Landtag be-
vorstanden, fand am 23 August eine von den Vertrauenspersonen Berlins
einberufene allgemeine Pacteiversammluag statt, um die Frage zur Ent-
scheidung zu bringen, ob man gemäß der vom Äamburgcr Parteitag in
dieser Sache gefaßten Resolution sich an der Wahl beteiligen solle oder
nicht. Diese Resolution hatte die Beteiligung als dort für geboten erklärt,
wo die Verhälmisse eine solche den Parteigenossen ermöglichten, die Ent-
scheidung darüber, ob dies der Fall sei, aber den Genossen in den einzelnen
Kreisen überlassen. Ein Zusatz dazu verbot außerdem das Abschließen von
Kompromissen oder Bündnissen mit gegnerischen Parteien. Da nun in
Berlin die Möglichkeit eines Wahlsieges ohne Bündnis nicht bestehe, so
sei auch, führte der Referent der Versammlung, G. Ledebour, aus, die
Wahlbeteiligung in Berlin nicht durch die Verhältnisse gerechtfertigt, sondern
Wahlenthaltung zu empfehlen. Seine Ausführungen wurden in der Ver-
sammlung für durchschlagend befunden, und cs ward eine in diesem Sinne
lautende Resolution beschlossen, die außerdem noch betonte, daß die bürger-
lichen Oppositionsparteien die auf sie in den letzten Jahren gesetzten Hoff-
nungen schwer enttäuscht hätten und die Arbeiter nach wie vor auf ihre
eigenen Kräfte angewiesen seien. Dieser Resolution schloß sich auch am
28. August eine Kreiskonfercnz des Wahlkreises Tcltow-Bceskow-Char-
lottenburg mit 35 gegen 17 Stimmen an.

Am 27. Dezember 1898 fand in Wilkes Restaurant die erste Konferenz,
sozialdemokratischer Gemeindevertreter der Provinz Brandenburg statt. Sie
war von 46 Gemeindevcrtretern, darunter 33 von Groß-Berlin, besucht und
arbeitete ein ganzes kommunalpolitisches Programm aus, dessen Text im
Kapitel über die Kommunalpolitik der Berliner Sozialdemokratie zu finden
ist. Auf Antrag Paul Singers wurde beschlossen, diese Konferenzen alle
zwei Jahre zu wiederholen.

Von den Konferenzen des Jahres 1899 verlangten sowohl die Konferenz
des Kreises Teltow-Beeskow-Charlottenburg (3. September) wie die Kon-
ferenz der Provinz Brandenburg (17. September) wiederum eine stärkere
und systematisch betriebene Agitation unter den Frauen. In Berlin war
am 11. Januar von einer stark besuchten Volksversammlung nach einem
Referat der Genossin Lily Braun die Gründung eines „Vereins für
Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse zur Förderung des Wissens und
        <pb n="151" />
        ﻿		

♦

Wenn einmal ein biederer Landbewohner in eine große Stadt Eommt, so ereignet es sich nicht
selten, daß irgend ein fcingekleideter Herr an ihn herantritt und sich mit der größten Liebenswürdigkeit
erbietet, ihm die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeige». Arglos nimmt in vielen Fallen der Land-
bewohner das Anerbieten an, und er ist von der Zuborkommenheit des Städters entzückt. Dieser führt
ihn ins Museum, zeigt ihm die schönen. Plätze und Gebäude und macht ihm schließlich den Vorschlag, ge-
meinsam ein Glas Bier zu trinken, um sich von den Strapazen zu erholen. Bei dieser Gelegenheit wird
dann zum Zeitvertreib ein Spielchen gewacht, uniu der unerfahrene Landbewohner muß dann zu seine»!
Schaden erfahren, daß er einem Schwindler in die Hände gefallen ist, der ihm im „Kümmelolättchen"
seine ganze Barschaft abgenommen hat. Man hat für solche Betrüger den Namen

Bauernfänger.

Leute, die sich di- Unwisienheit anderer zu nutze machen, giebt es indessen nicht nur in den großen
Städten, sondern ihr könnt sie auch auf dem Lande treffen. Nur machen sie hier ihr Geschäft nicht mit
dem Kümmelblattchen-Spiel, sondern.mit Flugblättern, die mit Unwahrheiten und Entstellungen eure
Köpfe verwirren und euch aufhetzen sollen. Ei» solches Flugblatt ist kürzlich mit der Uebcrschrift: „Wie die
Junker den Bauern helfen" von den Socialdemokraten verbreitet worden. Wie der Bauernfänger in der großen
Stadt, so geht auch der Bauernfänger auf dem Lande vor. Hinter einen, harmlosen Aeußern und allerlei ver-
lockend wirkenden Worten wird die eigentliche Bauernfängerei verborgen. Die Socialdemokraten verschweigen
nämlich immer, wenn sie auf „Bauernfang" ausgehen, ihren Hauptgrundsatz:

die Abschaffung alles Grundeigentums.

Hat nun aber etwa die Socialdemokratie auf diese ihre erste und wichtigste Forderung verzichtet, euch, der
ländlichen Bevölkerung, zu liebe? Der naive Gemüthsmensch, der das glaubt, müßte erst noch geboren
werden. Nein, die Unterdrückung dieses springenden Punktes ist nichts weiter als cm Mittel zum Zweck,
um euch im Unklaren zu halten über die wahren Ziele der Socialdemokratie.

Statt dessen wird euch lang und breit eine Borlesung über die Grundsteuer-Erlaffe und die Rück-
zahlung der Grundsteuer-Entschädigungen nach freisinnigem Muster gehalten, um den Klcinbesitz vom
Großbefltz zu trennen. Zu diesem Zwecke wird natürlich auch angeführt, daß die Interessen des Groß-
besitzes und des Klelnbesitzcs verschieden seien. Als ob ihr Bauern nicht wüßtet, daß eine gute Ernte und
cmgeimsseye Preise für die Boden-Erzeugnisse für euch dieselbe Bedeutung haben, wie für den Ritterguts-
besitzer! Recht erheiternd wirkt die Aufforderung an euch Bauern, das nächste Mal einen Social-
dcinokraten zu wählen. Dieser würde gewiß eure Jntereffcn vertreten. Entspricht das der Wahrheit?

Lind die Socialdemokraten wirklich Freunde der Bauern?

Uni diese Fragen zu beantworten, wollen wir einige socialdemokratische Führer selbst reden lassen.
„Wir brauchen die Bauern nicht, um eine Revolution zu machen, aber keine Revolution kann sich halten,
wenn die Bauern dagegen sind," schrieb der Abgeordnete Liebknecht schon vor 25 Jahren. Sieht das
nach Theilnahme aus? Wird nicht vielmehr klar ausgesprochen, daß die Socialdemokraten euch Bauen!
nur gewinnen wollen, weil sie ohne euch ihr Ziel, den gewaltsamen Umsturz unsers Staates, nicht er-
reichen können?

Das Schicksal der schwer käinpfenden Bauern selbst ist den Aposteln der rothen Glückseligkeit völlig
jjleichgiltig. Das hat der socialdemokratische Abgeordnete Smippel im Januar 1895 offen herausgesagt,
indem er im „Socialpolitischen Centralblatte" schrieb: „Die Bauern, diese unhaltbaren Existenzen, kMistüch
über Wasser zu heben, um sie dann umso sicherer dem Ertrinken zu überliefern — diese scheußlichen Ueber-
gangszustände von der alten bäuerlichen Familien-Naturalwirthschaft auch nur einen Augenblick länger zu
konservieren, dazu kann sich di- Socialdemokratie auch durch die größte Sympathie für Schuldsklaven und
„Schwache" nie und mmnicr verleiten lassen." — Das ist der wahre socialdemokratische Jakob, wie cr
sich in den Worten ihrer Führer euch Bauern gegenüber zeigtl WaS die Socialdemokraten euch
sagen, sind alles nur Flausen daraus berechnet, euch als Sturiubock gegen die bestehende Ordnung auf den:
Lande zu benutzen. Haben die Socialdemokraten diesen Hauptzweck' erreicht, so loiirdc euch die zuerst an-
scheinend so mitleidige und hilfsbereite Socialdemokratie einfach im Elend verkommen lassen. Da» ist s°
sicher, wie zweimal zwei vier ist. „Nur die allergrößten Kälber wählen ihren Metzger selber!" Das wißl
ihr Bauern sehr genau, und darimi werdet ihr nie einen Soeialdemokraien in den Reichstag schicken.

69 und 70. Flugblatt gegen die sozialdemokratische Landagitation
        <pb n="152" />
        ﻿Sind sie Freunde der Landarbeiter?

Elan, ihr Landarbeiter, was will die Socialdemokraüe von euch? Man sollte meinen, daß, wer
dem Bauern Netze stellt, auch vor dem Arbeiter nicht stille hält. Und in der That, es ist so. Auch ihr
Landarbeiter werdet von den Socialdenwkraten schmählich h ntergangen. Um schöne Worte sind die Social-
demokraken allerdings nicht verlegen. Sie sagen zu euch: „Wie wir Socialdemokraten, wenn wir gewählt
sind, uns für die Arbeiter und kleinen Leute ins Zeug legen, davon berichten die Zeitungen bei
jeder Session."

Das ist sehr richtig! Was aber die Zeitung hierüber berichten, das hüten sie sich hinzuzusetzen.
Da wollen wir denn ein wenig nachhelfen. Als die letzte ReichstagSsession beendet war, da hieß es unter
den.socialdemokratischen Wählern: „Was haben unsere 48 Abgeordneten eigentlich geleistet? Große Summen,
die wir im Schweiße unseres Angesichts sauer verdient haben, sind ihnen von der Partei an Diäten
zugewandt, und für die paar Reden gegen den Umsturz und gegen den Tabak hätten 5 Abgeordnete genügtl"
Groß war damals die Unzufriedenheit unter den getäuschten Wählern. Goldene Berge hatten di- social-
demokmtischen Herren den Arbeitern vor den Wahlen versprochen: als sie aber gewählt waren, hatten sic
die Versprechungen vergesien.

Nichts haben die Socialdemokraten für die Arbeiter gethanI

Wenn sich daher die Socialdemokraten eine Arbeiterpartei nennen, so ist das der reine Humbug!
Das hat nicht nur die letzte Reichstagssession gezeigt. Als Kaiser Wilhelm I. am 17. November 1881 in
seiner großen Botschaft verkündete, daß er den Hilflosen und Schwachen beistehen wolle, da hätte eine Partei,
die wirklich das Interesse der Arbester und' nur dieses Interesse wahrnehmen wollte, freudig zustimmen
und sich in den Dienst oieser guten Sache stellen müssen. Was aber thaten die Socialdemokraten? Sie
wiesen die Hand, die der Kaiser als rechter sursorglichcr Vater seinem Volk- bot, zurück. Der
Kamps bis aufs Messer wurde angekündigt und fortgeführt. Di« socialdemokratischen Abgeordneten stimmten
gegen das Kranken- und Unsallversicherungsgesetz, gegen daS AltcrS- und Jnvaliditätsgesetz und gegen alle
die denkwürdigen Gesetze, die im Lauf- der Jahre euch Arbeitern »um Segen geschaffen sind!

Das ist die Arbeiterfreundlichkeit der Socialdemokratie!

Und nun, ihr Arbeiter, was versprechen denn die Socialdemokraten euch weiter noch? Das Land
eurer Herren? Freilich thun die Socialdemokraten immer so, als ob sic das Land, das sie euren Arbeit-
gebern dann weggenommen haben, euch zu eigen geben wollten. DaS wäre doch wenigstens noch ein Ver-
spreche», wenn auch ein verrücktes. Aber in Wirklichkeit denken die Socialdemokraten gar nicht daran, euch
zu Herren und Grundbesitzern zu machen. Nicht einmal ein Eigcnhaus oder einen einzigen Morgen Land
oder ein Stück Garten gönne ! euch, nicht einmal ein Schwein im Stall oder eine Kuh oder eine Ziege.

Es soll so dann niemand mehr etwa« sein eigen nennen. Denn aller Grund und

»nationalen Produktiv-Genossenschaft" oder wie sie sonst heißen mag, d, h. in Wahrheit den social-
demokratischen Regierern, vielmehr Nichtregierer» und Partei-Tyrannen gehören. Was heißt das?

Das heißt, ihr Arbeiter sollt nach wie vor im Schweiße eures Angesichts arbeiten,
aber ihr sollt keinen Lohn mehr bekommen, sondern einen sogenannten Antheil am Gewinn. Eure
Einnahme wird also allein vom Zufall de» Gewinnes abhängen. Wenn nun aber cinnial ein Hagel-
schlag die Ernte vernichtet, wenn Regengüsse die Ernte verfaulen lassen, wovon sollt ihr Arbeiter dann
leben? Zu vertheilen giebt es dann nichts, wenn kein Gewinn da ist! Ja, darüber zerbrechen sich die
Socialdemokraten nicht weiter den Kvpfl

Aber was soll nun erst werden, wenn alle Wirlhschasten im Lande leinen Gewinn mehr abwerfen,
wenn große Krisen durch ausländische Konkurrenz entstehen? Woher soll die Verwaltung die Mittel
nehmen, die Menschen zu ernähren? Reiche Leute, die extra aebrandschatzt werden könnten, wird es doch
im socialdeniokratischen »ZukunstSstaatc" nicht mehr geben. Diese Phantasie-Wirthschaft würde ein schnelles
und furchtbares Ende nehmen.

Lin schrecklicher Hungertod würde die Folge sein!

Wenn euch daher die Socialdemokraten aufbinden wollen, daß sie euch als rettende Engel kommen,
so weist ihnen die Thür! Nichts als Lügen sind es, mit denen sie euch nahen.

Ls sind Wölfe in Schafskleidern!

Bklteg und Druck der SchrislenvertrirbLanfletk, &lt;S. w. b. Berlin SW.‘*

69 und 70. Flugblatt gegen die sozialdemokratische Landagitation
        <pb n="153" />
        ﻿143

der Pflege der Geselligkeit" beschlossen worden, der sofort ins Leben trat
und heute noch besteht. Auch ein Vortrag von Klara Zetkin, „Der Student
und das moderne Weib", förderte mit der Agitation unter der akademischen
Jugend zugleich die sozialistische Propaganda unter den Frauen. In der
erwähnten Konferenz des Kreises Teltow-Beeskow wurde ferner in einer
Resolution von neuem die Forderung gestellt, daß die Preßkommission
Groß-Berlins gleichberechtigt mit dem Parteivorstand über die Verwaltung
und Führung des „Vorwärts" zu bestimmen haben solle. Die Konferenz
des Kreises Niederbarnim (9. September) nahm zu der Debatte über das
im Frühjahr 1899 erschienene Buch Ed. Bernsteins „Die Voraus-
setzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie" durch
Annahme einer von Artur Stadthagen vorgeschlagenen und begründeten
Resolution Stellung, die den nach Hannover einberufenen Parteitag zu
erklären ersucht, daß „keinerlei Grund zur Änderung der Grundanschauungen
und der Taktik der Partei" vorliege und von jeden: Vertreter der Partei
verlangt werden müsse, daß er das Endziel Vergesellschaftung in den
Vordergrund stelle, und daß jedem Versuch der Vertuschung des Klassen-
kamp/charakters entgegenzutreten sei.

Der Lannoversche Parteitag hat, wie an betreffender Stelle berichtet,,
einer von Bebel abgefaßten Resolution zugestimmt, die den gleichen Ge-
danken Ausdruck gibt. Im Absah 3 dieser Resolution nun heißt es:

„Ohne sich über das Wesen und den Charakter der bürgerlichen
Parteien als Vertreter und Verfechter der bestehenden Staats» und
Gesellschaftsordnung zu täuschen, lehnt sie (die Partei) ein Zusammen-
gehen mit solchen von Fall zu Fall nicht ab, sobald es sich um Stärkung
der Partei bei Wahlen oder um Erweiterung der politischen Rechte und
Freiheiten des Volkes oder um eine ernsthafte Verbesserung der sozialen
Lage der Arbeiterklasse und die Förderung von Kulturaufgaben oder
um Bekämpfung arbeiter- und volksfeindlicher Bestrebungen handelt.
Aber die Partei bewahrt sich überall in ihrer Tätigkeit ihre volle Selb-
ständigkeit und Unabhängigkeit und betrachtet jeden Erfolg, den sie er-
ringt, nur als einen Schritt, der sie ihrem Endziel näher bringt."

Kierin erblickten die Delegierten Berlins ein bedenkliches Zugeständnis
an den Gedanken einer Politik der Bündnisse oder Kompromisse, und so
lehnten sie demgemäß diesen Passus ab. Er ward aber vom Kongreß mit
sehr großer Mehrheit — 205 gegen insgesamt 34 Stimmen — angenommen,
was von einem Teil der Berliner Delegierten für so schwerwiegend er-
achtet wurde, daß sie — F. Ewald, O. Franke, Ad. Koffmann,
F. Koppe, M. Menzel, Gust. Schmidt, K. Schubert und A- Sellin
— nun in der Schlußabstimmung gegen die Resolution Bebel stimmten.
Sie gaben jedoch eine Erklärung zu Protokoll, daß sie mit Ausnahme des
Punktes 3 durchaus auf dem Boden dieser Resolution ständen. Sechs
Berliner Delegierte, die für die Resolution gestimmt hatten — Eugen
Ernst, Otto Goerke, Karl Kauschild, Karl Leid, Rudolf
Millarg und Marg. Wengels — erklärten wiederum ihrerseits im
Verein mit Wilh. Liebknecht, Paul Singer und Artur Stadthagen,
daß ihre Abstimmung für die Resolution Bebel nicht als Abstimmung für
die Beteiligung an den preußischen Landtagswahlen bettachtet werden dürfe.
Gleich den ganzen Debatten um die Frage der Grundanschauungen und
        <pb n="154" />
        ﻿144

der Taktik, die den Parteitag von Lannover drei und einen halben Tag
beschäftigt hatten, bildeten diese Abstimmungen den Gegenstand sehr leb-
hafter Erörterungen in den Versammlungen, in denen am 24. Oktober 1899
die Delegierten Berlins über den Parteitag Bericht erstatteten. Lbcrall
erklärte man sich mit großer Mehrheit mit seinen Beschlüssen einverstanden;
wenn es auch nicht ganz an Rednern fehlte, die in dem einen oder anderen
Punkt sich zu den Artschauungen Bernsteins oder seiner Verteidiger be-
kannten, so blieben das doch vereinzelte Stimmen. Mit großer Genug-
tuung ward in den bezeichneten Versammlungen davon Kenntnis genommen,
daß der Kongreß den Wünschen der Berliner Parteimitgliedschaften in
bezug auf die Erweiterung der Aufsichts- und Einspruchsrechte der Preß-
kommission Berlins hinsichtlich des „Vorwärts" Folge gegeben habe.

Mit dem Jahre 1900 trat das Pohcnlohesche Notvereinsgesetz in Kraft,
die Bestimmungen der einzclstaatlichen Vereinsgesetze, die politischen Ver-
einen verboten, niiteinander in Verbindung zu treten, fielen hinweg, und
verschiedene Bestimmungen im Organisationsstatut der Gesamtpartei, die
nur der Rücksicht auf jene Verbote ihre Existenz verdankten, wie auch aller-
hand Vorbeugemaßnahincn im Aufbau der örtlichen Organisationen
wurden damit überflüssig. Naturgemäß steht daher in diesem Jahre die
Organisationsftage im Vordergrund der Beratungen sowohl der General-
versanunlungen der Wahlkreise Berlins (14. August) als auch der Kreis-
konferenzen der Vorortswahlkreise — Niederbarnim 9. Januar, 19. August
und 10. Oktober, und Teltow-Beeskow-Charlottenburg 19. August
und den 9. Dezember. Für den letzteren Wahlkreis ward als Resultat der
Beratungen am 9. Dezember 1900 der Zentral-Wahlverein des Kreises
gegründet, der am 1. Januar 1901 ins Leben trat. Seinen ersten Vorstand
bildeten: Otto Goerkc, erster Vorsitzender, Bruno Borchardt, zweiter
Vorsitzender, Paul Pirsch, Schriftführer, Will). Eberhardt, Kassierer
und Schnell, Beisitzer. In Niederbarnim begnügte man sich vorläufig
damit — Konferenz vom 20. Oktober 1900 — den Kreis in zwölf Bezirke
einzuteilen und für jeden dieser Bezirke einen Bezirkswahlverein zu gründen.
In verschiedenen Versammlungen wird die Frage der Beteiligung an den
Landtagswahlen aufs neue besprochen, und der Wahlkreis Teltow-Beeskow-
Charlottenburg beschließt am 19. August, nach Referaten von P. Pirsch
für und Fr. Zubeil gegen Beteiligung, mit 31 gegen 28 Stimmen einen
von Pirsch formulierten Antrag, der bevorstehende Parteitag möge „der
bisherigen ünklarheit in der Frage unserer Taktik bei den Landtagswahlen
in Preußen ein Ende machen durch den Beschluß allgemeiner und selb-
ständiger Beteiligung der sozialdemokratischen Parte! bei den nächsten preu-
ßischen Landtagswahlen". Dagegen stimmt am gleichen Tage der Wahl-
kreis Niederbarnim auf seiner Konferenz einem von Stadthagen vorge-
legten Antrag an den Parteitag zu, die Entscheidung, ob eine Beteiligung
an den preußischen Landtagswahlen vorzunehmen sei, den einzelnen Wahl-
kreisen zu überlassen.

Der Parteitag — Mainz — lehnte diesen letzteren Antrag ab und
nahm mit 163 gegen 66 Stimmen einen von Bebel gestellten Antrag an,
daß in denjenigen deutschen Staaten, wo das Drciklassenwahlsystem bestehe,
die Parteigenossen verpflichtet seien, bei den nächsten Wahlen mit eigenen
Wahlmännern in die Wahlagitation einzutreten.
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        ﻿DemofaslfJe. Sozldlisnnts.
m» kreis Foisdumfl. «&lt;«

Das

neue üloirfagsblatt

Berliner sozialistische JVIontagoecbau.

»: «-I11—7.

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6duard Bernstein.

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DEPESeKEW.

Vom Xrbgsschnphft ln Oslaslea
ticQcn unS zwei. den Japanern gsin-
fllgr MelLungen vor. Die eine. anS
Tokio, oeilätlg! offiziell die
Stfäung KoipiilgS durch di, Zapourr.
Tokio, 10 Juki, (klmtlichc Nit.
-teil»ng.) General Oku meldet: Die zweit«
Armee begann ik.ro auf die Äoietzung Kai-
pingz hinzielenden pperaNone» oni 6. Juli.
Nachdem die Stullen successive au« ihre» Siel-
limgs« vertrieben worden wäre», wurden
»alpin, und die benachbarten
Sähen am 9. Juli von den Java-
norn besetzt.

Sach der zweilen Depesche, allerdings ouB
lAer Queue, haben die

Japaner ein zweite» Fort von Dort Arthur
,	Benommen.

Tschifn, 10. Juli. lRekdiina de» Ren-
terichen Bureaus.) Au» Port Arthur hier
ringetrofsene chinesische Dlchuakensützrer be-
richten. dich am 5. d. M. die Seiche» von
über Svo Nüssen, worunter iiü, dlesenih«»
hon zwei hohen russischen Ossizieren befan-
den. von Chinesen nach Dort Arthur gebrach«
wurden, und daß «in Teil der j a p o n i-
schen Truppen 61» in eine Ent-
fernung von 6 lengllschen &lt;?) Red.)
Meilen nach Port Arthur nach
Eroberung oineS zweiten Forts
auf östlicher Seile vorgerückt
f e i e Ein Teil der Beamten der russisch-
chinesischen Bank tu Port Arthur ist gestern
in Tschisu angekommen und sagt au», dah di«
Berhällniss» in der Stadt unverändert seien.
Die ganze lebte Woche wäre »eben Meilen
von der Stadt entfernt schwer gekämpft wor-
den. Die Mannschasl von geilern «ingelrof-
fenen Dschunken berichtet, sie bäite gestern
morgen Beschützfener in der Höb«
von Port Arthur gehört.

Fortfchritt der inlernatiouole» Schiedö-

Pari», S. Juli. Der Minister de« Aeu-
Here». D e l r a s I e e und der Glclnnb:? von
Schn,«- * n und Norwegen Hoven heute
einen SchiedSgerichtsverlrag unterzeichnet,
welcher entsprechend den mit England, Ita-
lien. Spanten und den Niederlanden abge-
schlossenen abgcsaht ist.

Wollen sie selbst backen?

Nom, 10. Juli. Die Bäckergeiellen be-
schlossen in den AuSstand zu treten. Die Be-
hörden haben die notwendigen Mabregeln ge-
troffen. um die Stadl vor Mangel an Brvl
j» bewahre».

Militärfireik in Montenegro.

Ätfinjf, 10. Juli. (Meldung des Wiener
St. K. Telegr.-Korr.-Bureau«.) Nach hier ein-
getrossenen Nachrichten erhielt eines von den-
beiden in Tanzt bei Vodaorica liegenden Ba-
taillounen Befehl, nach Mlct I» Garnison zu
gehen. Nachdem da» Bataillon in Slutari an-
gekommen war. weigerte eß sich im Einver-
nehmen mit den Offizieren wegen Nichtbezah-
luug de» Solde* weiter z» marschieren. Alke
Osiizierc wurden vcrhaflct. Der Kouverneur
von Skutari. welcher einen Aufruhr der Gar-
nison befürchtet, ist bemüht, das zur Bezah-
lung dev Soldes notwendige Geld cniszu-

(Fortfehung de: Depeschen auf der dritte»

Spitzel an) Sfeatesisisier.

Im Winter 1890 fand In Strcfmi einer
teuer «rohen Sozialtstenorozesse, -hott, an»
welchem man-dazum»! l» Oeiierkrich noch die
imvorticrte sozialistiiche Bewegung zu er-
Iilcken hasste. Der Prozeh ist in- der poinilchen
Sozialdemokralie bekannt al» der Prozeß
WaninSti »nd Genosie». Angcllagk waren
NS Personen, darimter M Runen aus Wol-
bv-rien lUkraine!, zumeist Etnd'ricndc vom
polytechnische» Institut In Petersburg, die in
Äailzlen bei der AgitatlonSärbeit verhaltet
worden waren. Es siel de» Angeklagten
während der verhandln»« aus. daß Ne der
»reiße »ach »nie: irgend einem Vorwand«
durch eine bestimmte Tür de» BerhandlungS-
saalcS hinauSgcsührt wurden, ohne dab Ile
«ich dies sonderbare verjähren erklären konn-
ten. Endlich fand einer von ihnen den wahre»
Grund an». ES war nämlich eine Dovoelisir
ml« rlner tlekeii Nische. In dicker Nische aber
befand sich alö freiwillige: HclserSbclser der
österrclchilchen Polizei und zugleich al» Spion
tlir den eigenen Dienst ein riilüichrr Klink,
lionär, dcr unter den Vorgefi!hri.'n »feine"
Leute agnoscierte. Natürlich kam cd nun zu
schwerer Insultier»»» de» Srlappicn, brr
nur durch die Iiistizkoldaten vor wetteren
Mihhandlungen gemsitzt werden konnte.
Dieser Iunkiionär aber war kein anderer, als
der bcutige Generaiaewailigc von Rußland.
&lt;Bt. Erzellen, der WiTnifitt de» Innern, Herr
von Vietzwe. daniatL noch SiaatSanunlt
tn Warichaa.

Mit dem gelchttdertcn Spihclftück, dessen

5ch die Polen „och beute sehr genau er,
rnarn, iNhrlc «Ich der piovideniiellc Btaal«-.
man» in der außerrullikchen Welt ein. Sr ist
leinen, Charakter getreu geblieben. Sr ist
auch heut«, wo er an der Spitze der Brr-
walln»« dx» größten Staates 'der Welt steht,
nicht» anderes al« der größte Polizeispitzel
der Gelt. Seine Polilik trägt oSe die Merk-
male dcr polizeiliche» Abstammung an sich,
die Polizei im inacchiaveNisilsckcn Sinne be-
trachlcl, all das Verbrechertum lm
Dienste der Ordnung.- Ich kiabe in
ganz Rußland nicht einen einzigen Menschen
gesprochen, der zur Bezeichnung de« Plehwe.
scheu CharallerS andere Anddrlickc gewählt
lliilie al» lene, die zur Bezeichnung der
untersten Linie der moralischen Ezistcu»
dienen. Nach den Aeußerungen, die mir in
geradezu unerhörter Einmütigkeit über ihn
gemacht worden sind, will Ich versuchen. Oie*
da» Bild de» Herrn Plehwe zu zeichnen.

Mau dar! Nirmaudem Unrecht tun. ES
loll daher betont werden, dah !&gt;n Lande der
allgemeinen ftäullichicit Herrn Plehwe doch
dcr eine Vorzug nedigcril&amp;nit wirb. Saß er
absolut unbestechlich sei. kl» Pscüwe km) sich
noch ulchi einmal dir Bcrdächllguna bcrangc-
wagt, die Ions, auch nicht der Großkiiriicn
schont. Aber die Mulle» wissen ihm illr lene
Ctgenlchai» wenig Dank. Denn Plehwe gilt
-IS weit ärgere», denn al» ein Bcrlchwender
oder Wlistling. Er gilt ulk Bösewich» ohne
Skrnpcl, alö polltlicher Sadist. alS Bluthund
und ralstnierlcr Betrüger. Dabei «IS Cyniker
ohne lebe Gesinnung, als Dabanauc. und
gakichspleler, für- den da» politische Metier
»nd da» Spiel mit Mcnichculcbcn nicht» ist
al» ein angenehmer Nervenreiz: kurz. alS
Tiger in Menschengestalt. Dabei Ist er von
den bezauberndsten Manieren, ein Charmeur
„nd Causeur mit dem Irenherzigsiev Ge-
sichiionSdruck.

Seine unglaubliche Iallchhel» Ist do«
ibei alle diejenigen klagen, die

eich). Ist ein

- .......... .Jede» Wort, da» ..

eine Lüge." ist die Bemerkung, die

____ _... meiste» über ihn härt. Ta» Ber-

brcchcr»chc seiner Taktik besteht nicht nur
darin, baß er dem Zaren einrede», die Rcvo-
luiion stehe vor der Türe, und ihn durch Droh,
bricse, Proklamationen u. a., die er in die
innersten Gemächer, ia, In die Slocktaschen
schmuggeln läßt, i» sorlwäbrcndcr, nerven,
zcrstürendcr Angst erhält, sonder» »och mehr
darin, baß ei saklllch Unruhen provoziert, um

(« alS Argumente benützen und seine Position
Hrtoi zu kiinnen: daß er fortwährende Non-
spirationcn entdeckt »nd die angeblichen Teil-
uehmer in der iurchtbarsten Weise maßregelt,
um keine UnentbcbilichscU zu erweisen.

TaS ganze Arsenal der Polizeikuiiststücke,
di« ie in Despotien verübt worden sind, „m
Autokraten i» ivillsährige Werkzeuge ihrer
Prälorianer zu verwandeln, ist von Plchwc
geplündert worden, um lein System bis zur
Lollk-mmcnhcii ouSzubanen. Insbesondere

^esährNV..,.._______________ _____________

enibezrltchkeit de» Herrn"ylchwe —~ii "er.
härten. Daß die tiilchcncwer Mordtolen in
seinem Auftrage verübt wnrden, brzwelscli iu
Rußland kein Diensch: der EynISmu», mit
dem er Eruschewan. den Hauplhetzer au»
Bcsiarabicn, guSzelchueic, ml« dem ei de» von
einen! Lehreilmigrcß insultierte» ' Agitator
SiDnin In Schutz nahm, sind eben so viele
schamlose Zugeständnisse seiner Tat, die er
auch nur vor dem AuSlande. nicht aber vor
leine» Getiene» verkenguet.

Jede Kleinigkeit greis, er auf. um eiue
Aksäre daraus z» machen. In Warschau find
Mitgliedern eine» aomItecS, Sa» für «lncii
pdliilsche» SanllätSziig ngch dem ' «riegv-
ichaurbitz Sammlungen eingeleitet hatte, von
Studenten die Fenster elugcworscn worden.
Sosort langte der tescgraviiilchc Besetzl ei»,
die Sache auf brelkeltcr Basi« z» nnlcrsuchen,
und wenn nicht die tiicschädigleu dcr Polizei
jede Plithllle verweigert hätlen. wären wieder
ein paar Dutzend kecke Demonsiianicn - na»
Sibirien geschickt worden, dam.l dag Bor-
handenfei» einer voluischcn vieri-lntion dar-

B' I, werbt» könne.' Ein rnssstcher Rcbak»

. besten Blatt wegen Abdrucks eine» revo-
Inlionärcn Bedichi» »erboten worden war,
wurde bei dcr obersten Zcnfuibehärbe im
Ministerium de» Inner» vorstellig, um die
tkilanbuiS des WledcierscheuicuS zu ec-
IgNgen. Der Herr SeltlouSibes crklärle dem
Ncdgiteur. einem ruilikchen Edelmann, wört-
lich, er mvste-bep, Minister intiltzile.-,. dotz.ihm.
da» revalnlionSr« vedlchl von den Inden in«
Blatt gelchmuggett wordr» sei, dann werde
er svsorl ,nieder die Erlandnit! erhalten.

Bon einer Seite, von der Ich eine solche
Angabe niemals erwartet hätte» von einem
bochkonservaliven Nristokrateitziwtavene einer
Exzellenz Im Staatsdienst: wuzde mir allen
Ernstes crllnrl, daß nur- Ptthwe im Bunde
mit Alexesew den Srteg -durch abstchtltchc»
Hinbalten der Japaner .hcransbelchwoien
stabe, wett er durch tbn nur um so nuent.
bchrlicher geworben sei. Ja. ielbst die An.
bentnng wurde mir gemacht, daß die Rihi-
lisic», die «lerander ». gerade im Moment
loteten, da er die VrrsasinngSnrkunde zur
Uiilerlchrsfl Irrtig auf drin Tische liegen hatte,
nicht ganz ohne Hille der Polizei den Weg
„nn Woge» de» Kaisers gefunden Ritten. Der
Gehille Lori» MclikowS aber, der Manu, der
den Entwurf ausgearbeitet hatte, und d«r am
beste» wußte, wie nabe bis Untcizcichiuing
dcr Urtnndc bevorstand, die e» zn verhüten
galt, ici lein auderrr gewesen al» — Plehwe.
Sein Fnsttnlt treibe ihn aus die Seile der
Reaktionäre. Denn iu einem konstitniionellen
Elnaie lei illr Leute leine» Kaliber» weniger

Kere Verwendung. In Antisemitismus.

i er nqtstrlich jedem jstdttchcn Besucher
gegenüber in Abrede stellt, mache er nur, weil
lehr hochgestellte und elnslußieiSe Perionen.
wie die «aiicrlii-Witwc. v'..o',:!:!ri:	a'.n:

und andere anS der Generation Alexan-
ders III. iaualische Antilrmiken llstd. Auch
sein AnlilemilivmuS !r&gt; nicht echt: nicht» sei
echt bei tbm, al» der Spielehrgetz, sich Io lange
alS möglich zu behanptrn »nd bi» Neesen-
kitzel eine» Seiltänzei» zu baben, der Uber
oufgcnflauzlcn Basonetten ans Sem gespann-
ten Seile jongliert.

Da» ist da« Bild d«S Minister» de«

änuern, wie Ihn die dlsenlliche Meinung ln
uxlano zeichnet. Ich muß gestehen, imch
metnrui Geschmack Ist diese ZclLnnnn !o
wenig, wie der Man». Ader während d&gt;«
nroßcn ruMIchc» Romandichtcr vor allem
Meister in der Verwendung bee Abtönungen
lind. arbeitet die politische dlsenlliche Meinung
gern mit den kiärlsic» garbe», mit den blutig-
sie» Superlativen. Al» Richtrufsc wird man
wohl daran »i», Herrn Plehwe auö dem
Uebcr-nenschcnsormat etwaS in» alltäglich
McnichNche »» übertragen, und da kommt im.
merbln ei» etwa» aniereS Bild heran».

Ich denke e» mit, wie folgt! Pichn»
kommt von der SlaatSanwalt. und Polizel-
karrirre. Etwa» von dieiem Ursprung hasiet
jedem an. der von dort seine» AuSgang ge.
nonnncn hat. GcrichlSprälidciiten, die SiaatS-
aiiwälte gewesen, sind die Schrecken dcr Ad-
vokale» durch ihre lugnlsllorlschc Manier
und durch tbrc Neigung, in jedem Beschuldig,
ten schon einen Uebeiwicscncn zu erblicken.
Die Brschäittgung ferner mil den Polizei.
Agenic» ist am wenigsten geeignet, zur Skru-
pulosiläi zu erziehen. Mair'»r!»»ere Nch nur
de» Pn!!kammer,chcn WarleS:' - .GcnUcm-n
gehen sich Illr diesen Dienst nicht her." Dt»

beständige Furcht vor Attentaten, die bei
einem Ehes der russischen Polizei wohl br-

Cdet ist - Plehwe läßt sich seine periSu-
Ueberwachuug jährlich 800IX» Rubel
kosten — trägt auch nicht dazu bei. iemaode»
menschenfreundlicher zn machen.

Bet Plehwe und anderen kommt»» allen
üblen Einslüssen noch der hinzu, daß iielich
alS NtchNnsien - Plehwe ist poinisch-lclttsch-
jüdischen Ursprung» — bnrch besonderen rul».
schen ShanpiniSmuS hervortun müncn, um
sich uiwcodüüiig zu erhalten. Groß ab" ist
an Plcbwe gar nicht«, i-inc ganze Ministei.
täligkei« weist nicht eine etnziye bemerken

bchaurien will und Ilai -----------...... .. . .

da» Jntrlgiienspiel seiner Rivalen mit alle»
laudeüttbltchen Mitteln zu burchtrruzc».
„Voils laut!" Wahrheitsliebe ist im allge.
meinen keine Eigenkämit dcS iogcnannic»
öljcnklichcu Lebens In Rußland. E» wäre
daher unbillig, Herr» Plehwe Verlogenhei:
als ein besonderes Laster anzurechnen. eBU
ist bei ihm nur in» belondt

Man wird «»geben müssen,, daß auch l°

Maßlose eut-

b°S Bild noch.weil davon kntscrnt ist, ein
-rfreullchr» i» sein. Füg, man zu dielc-.
Zügen noch die eewielene Tatsache hinzu, daß
Herr Plehwe seine eigenen polniso-en Pflege-
eitern, die ihn iozukage« von der Straßc ans-
gelesen und erzogen batten, dem Grneialgou-
veruchir »rastn Pkuiowiew briinnzirrlc. I-
daß sie.-»um Drück-für fbr«. Wobilak.guuh. S&gt;-
lttrstn geschickt wurden, daß also Plcbwe fein-.
Karriere mit einer Handlung deS inlomgen
Undanks »nd Verrat« begonnen hat — siehe

Strnwe'S OSwobolchdicnic' — ko wirb man

KV	«Ä,rÄ*!i

verzlchlen zu können.

Das Bezeichnendste aber, was ich über »ad
System Pkebwe hülle, war doch die Antwort,
die ich erhtiH. als ich einen recht hochange-
stcllten Mann fragte, ob denn eine Beilerung
zu erwarten sti. wenn Plehwe einmal von
feinem unausbleiblichen Schicksal ereilt wor-

.Neiu." lauleic dies« Antwort. .So wohl-
verdient auch jedes Schicksal siir thu stln
wird, gebossen wird unk damit nicht. Ein
anderer Man», da« ist alles. Pledw« ist nur
in idealer AuSvrUgunn, waö da« Loiicin ver-
langt. Der Polizeiiiaat brauchl Poliz-!-
jeelr», und cr findcl'sie immer. Plehwe &gt;»
rnit allen Lastern außer dem der Vestrchlich-
keit behaltet, aber cr ist durchaus kein Uni-
kum in dcr ruMlchen Bcamtenweik. Und e»
ist durchaus »ich! wahrscheinlich, daß etwa»
BcflercS nachkammen würde. Wenn. «an»
Rußland holst (wörllich!!. daß ihm bald der
GarauS gemacht werde, io ist e» nicht, wen
man davon sich eine Besserung dcr Zuk.ande
verspräche, sondern weil man dom irgend eine
Genugtuung erleben will, wrun bas Mas
einer dieser Bestien voll Ist. Ein Phttantroo
nnd Recht«!!,und wird aber Io wenig I« Mi-
nister beb Innern unter dem AbloluttSmuS
werden, wie er da« «edürsntS hatte, gferl-
rlchter zu werben. Rur ein anderes ««Neu.
kann mt» andere Männer bringen. Da« Sal-
grnsystcm verträgt ^joSaBj

Der Bersasser de« vorstehenden ia« «Ine
längere poiitilche Studlcureist in Rußland
hinter sich, die ihn in«, «ngehdriae» alle.
Klaffen und Parteien in veibindimg brachte
Er «l ei» Morset Beobachter, dessen Urteile
eine um so stärkere Sprache sprechen, al» d &gt;
Mann weder Sozialist »och Revolutionär ist.
Selbst in seiner abgetönten Darstellung Ist
baö Bild de» Herrn v. Plehwe
unabhängig gesinnten Deutschen die Röte Do
Scham In da» Gesicht ,U treiben bei dem Ge-
danken. baß deutsche Gerichte und bcutsch-
B-amte in Anioruch genommen «erden, em
System zu unterstützen, beffr» anserwSvi.er
Rrpräsrnlanl dieser g-sinm„,g-l°se. kavo-
artige StreSer mit ber&gt;&gt; Spitzel- und Drnnn
zianIen-Jnstiukl Ist-	In. fe'»««

Lande weist die üsseutlichc Meinung mit ol»-

gern auf ihn. und hi Deutschland stellt man
Deutsche vor Gericht °l» Hochoerräter ^
- Plebwe. Welch eine Ehre kür da, *&gt;■&lt;»

Me W f	at-

71. Titelseite einer Seite des „Neuen Montagsblattes"

Bernstein, Berliner Geschichte. III.

10
        <pb n="156" />
        ﻿146

Eingehend beschäftigte sich die vorerwähnte Kreiskonferenz mit der Frage
der Organisation der Landarbeiter und beschloß die Ausgabe von Frage-
bogen über deren Löhnungs- und Wohnungsverhältnisse, ihre vertraglichen
Verpflichtungen und sonstige ihre Lage beleuchtende Punkte. Das gleiche tat,
nach einem Referat Stadthagcns über den Gegenstand, am 28. August
1900 die Parteikonferenz für Berlin und die Provinz Brandenburg.

Aus der großen Zahl von sozialdemokratischen Partei- und Volks-
versammlungen, die Berlin im Jahre 1900 sah, beschäftigten sich zwei
speziell mit dem nach Paris einberufenen Internationalen Sozialisten-
kongreß für jenes Jahr. Die erste davon fand am 4. September statt
und galt der Wahl von Delegierten für den Kongreß. Es wurde be-
schlossen, als Vertreter der Sozialdemokratie Berlins drei Delegierte nach
Paris zu senden, und mit großen Mehrheiten wurden Stephan Fritz,
Franz Kohke und August Taeterow dazu gewählt. Außerdem sandten
auch die Metallarbeiter Berlins noch eigene Delegierte nach Paris.
Es war die Zeit, wo der Eintritt Al. Millerands in das Ministerium
Combes - Waldeck-Rousseau die Gegensätze in der französischen Sozial-
demokratie sehr verschärft hatte, und man erwartete vom Kongreß, daß er zu
dieser Frage Stellung nehmen und womöglich den Konflikt schlichten werde.
Es ist nur begreiflich, daß dieser Fall und die mit ihm verbundene grund-
sätzliche Frage auch die Sozialisten Berlins lebhaft beschäftigten. Ein Teil
von ihnen hielt zwar die Art, wie Millerand den Eintritt ins Ministerium
vollzogen hatte, für falsch, den Eintritt selbst aber, wenn er mit Zustimmung
und unter der Kontrolle der Partei erfolgt wäre, unter den in Frankreich ge-
gebenen Amständen für zulässig oder mindestens entschuldbar. Andere aber ver-
traten schroff die Meinung, daß ein Sozialdemokrat unter keinen Amständen in
einem bürgerlichen Ministerium Platz nehmen dürfe, und verwarfen ebenso
entschieden jedes Gegenseitigkeitsbündnis der Sozialdemokratie mit bürgerlichen
Parteien mtd damit auch den Pakt, der damals beim republikanischen Block
Frankreichs zwischen demIaurässchenFlügel der französischenSozialdemokratie
und der Linken der republikanischen Parteien bestand. Der Pariser Kon-
greß nahm indes, wie bekannt, eine vermittelnde Resolution an, die ohne
die Beteiligung von Sozialisten an einem bürgerlichen oder aus bürgerlichen
und sozialdemokratischen Elementen gemischt zusammengesetzten Ministerium
absolut zu verfemen, sie doch nur für außergewöhnliche Fälle, d. h. als Aus-
nahme, zulässig erklärte. Für diese Resolution hatte auf dem Kongreß als
Redner der deutschen Delegation Ignaz Auer gesprochen, der mit Paul
Singer von der Partei nach Paris entsandt war, und die deutsche Delegation
hatte demgemäß abgestimmt. Dies vor allen Dingen bildete das Dis-
klissionsthema in der Versammlung, in der die Berliner Delegierten am
l 6. Oktober 1900 über die Ausübung ihres Mandats Bericht erstatteten.

Nachdem zu Anfang 1900 die Sozialdemokratie Berlins in einem
Teil der 19 großen Volksversammlungen, in denen sie gegen die damalige
Flottenvorlage der Regierung protestierte, die Versuche der nationalsozialen
Gelehrten, sie für eine nationalistische Politik zu gewinnen, schroff zurück-
gewiesen hatte, fanden gegen Ende 1900 in Berlin stark besuchte sozial-
demokratische Versammlungen statt, in denen der bis dahin nationalsoziale
und freiwillig von seinem Pfarramt zurückgetretene ehemalige Pastor Paul
Göhre Vorträge über „Christentum und Sozialdemokratie" hielt und seinen
        <pb n="157" />
        ﻿147

Anschluß an die Sozialdemokratie öffentlich kundgab, und am 27. und
28. Dezember 1900 tagte in Berlin die zweite Konferenz der sozialdemo-
kratischen Gemeindevertreter der Provinz Brandenburg.

Von Fragen, die im Jahre 1901 die Sozialdemokratie Berlins stärker
beschäftigten, steht im Vordergrund der Entscheid eines vom Parteivorstand
eingesetzten Schiedsgerichts in Sachen von fünfzig Parteimitgliedern in
Hamburg, die sich in ihrem Gewerbe — es waren Maurer — gegen ihre
Berufsorganisation vergangen hatten und gegen die daraufhin Anträge auf
Ausschluß aus der Partei gestellt worden waren. Die Betreffenden hatten im
Gegensatz zu einer von den organisierten Maurern Hamburgs unternommenen
Aktion zur Unterdrückung der Akkordarbeit zuerst fortgefahren, im Akkord-
lohnsystem zu arbeiten, und hatten dann, von ihrer Organisation bedrängt,
zu ihrer Verteidigung eine Sonderverbindung geschaffen, deren Mitglieder
auf Bauten arbeiteten, die vom Maurerverband für gesperrt erklärt wurden.
Das Schiedsgericht, dem die Sache unterbreitet wurde und dem Ignaz
Auer präsidierte, hatte das Verhalten der Akkordmauer zwar für tadelns-
wert erklärt, aber das vom Parteistatut für den Ausschluß aus der
Partei erforderte Moment der Ehrlosigkeit nicht in ihm finden und daher
auch dem Ausschlußantrag nicht Folge geben können. In Gewerkschafts-
kreisen nahm man diesen Entscheid nun begreiflicherweise sehr übel auf,
aber auch sonst stieß er in der Sozialdemokratie auf Opposition. Es erschien
vielen als ein unhaltbarer Zustand, daß gewerkschaftlich organisierte Arbeiter
in die Lage kommen sollten, in der Partei mit Leuten als Kameraden
zusanimen arbeiten zu muffen, die sie in der Gewerkschaft als Sonderbündler
aufs schärfste zu bekämpfen hätten. In den Parteiversammlungen, die sich
mit dem für 1901 nach Lübeck einberufenen Parteitag befaßten, ward in
ganz Berlin wie in den Nachbarorten diese Frage eingehend diskutiert.
Im allgemeinen bedauerte man den Spruch des Schiedsgerichts, verkannte
aber nicht, daß dieser nach dem Wortlaut des Parteistatuts nicht anders
hatte ausfallen können. Nur der erste Wahlkreis und die Kreisversamm-
lung von Teltow-Beeskow-Charlottenburg faßten Beschlüsse gegen den
Schiedsspruch, im zweiten und vierten Wahlkreis wurden bestimmt
formulierte Anträge hinsichtlich seiner überhaupt nicht gestellt, im dritten und
sechsten Wahlkreis wurden Anträge, die sich gegen ihn aussprachen, abge-
lehnt, und der fünfte Wahlkreis sowie der Wahlkreis Niederbarnim stellten
es ihren Delegierten anheim, gemäß ihrer auf dem Parteitag geivonnenen
Überzeugung ihre Abstimmung einzurichten. In Lübeck stimmten die
Delegierten Berlins dann mit einer Ausnahme für die dort beschlossene
Kompromiß-Resolution, die anerkannte, daß den schiedsrichterlichen Instanzen
keinerlei Vorwurf gemacht werden könne, und es den örtlichen Mitglied-
schaften überließ, selbst die Mittel anzuwenden, die ihnen notwendig
erschienen, um den Maurerverbaud in feinem Kampf gegen die Hamburger
Akkordmaurer zu unterstützen.

In einigen der erwähnten Versammlungen — Berlin IV, Berlin VI
und Niederbarnim — wurden auch Beschlüsse gegen Ed. Bernstein wegen
eines Vortrags „Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus möglich?" gefaßt,
den der Genannte im Sozialwissenschaftlichen Studentenverein gehalten
hatte. In Berlin IV (Süd-Ost) fand ferner eine Resolution Annahme,
die eine Aussprache des Parteitages über diejenigen gewerkschaftlichen
        <pb n="158" />
        ﻿148

Zenkralverbände verlangte, welche in bezug auf die Maifeier sich den
Beschlüssen der internationalen Kongresse zu entziehen suchten oder ihnen
direkt entgegenhandelten. In der Tat zeigte sich, während die internationalen
sozialistischen Kongresse die Feier des 1. Mai durch Arbeitsruhe immer
stärker betonten, in den Reihen der führenden Gewerkschaftsvertreter eine
gewisse LInlust, zur Arbeitsruhc aufzufordern oder zu ermutigen. Man fand,
daß diese den Organisationen Opfer auferlege, mit denen ihr propagan-
distischer Effekt in keinem Verhältnis stehe. An die Arbeitsruhe knüpften
sich stets Kämpfe mit den Unternehmern, die nun, wo man von Organisation
zu Organisation über Tarife verhandelte, vom reinen Gewerkschaftsstand-
Punkt aus als zwecklos oder störend erschienen.

Aus dem am 8. September 190 l tagenden Parteitag für die Provinz
Brandenburg konnte festgestellt werden, daß die 1899 für die Agitation
unter der Landbevölkerung von der Agitationskommission ins Leben gerufene
Monatszeitung „Die Fackel," nachdem sie in den ersten 13 Monaten
ihres Bestehens in 141 000 Exemplaren verbreitet worden war, in den
darauf folgenden 11 Monaten einen Absah von 148 000 Exemplaren
gefunden hatte. Im übrigen besprach diese, von 6p Delegierten aus
26 Wahlkreisen besuchte Konferenz die Vorarbeiten für die Beteiligung
an den kommenden preußischen Landtagswahlen. Trotzdem Berlin bis
zuletzt gegen die Beteiligung sich erklärt hatte, nahm man, nachdem die
Partei endgültig es den Parteigenossen zur Pflicht gemacht hatte, in den
Wahlkampf einzutreten, loyal die Durchführung dieses Beschlusses in die
Land und rüstete rechtzeitig, um es nun auch im Kampf an nichts fehlen
zu lassen.

Die Beschlüsse des Lübecker Parteitags wurden bei der Bericht-
erstattung über diesen in allen Berliner Wahlkreisen mit Befriedigung ent-
gegengenommen. Zu Ehren der österreichischen Parteimitglieder Viktor
Adler und Engelbert Pernerstorfer, die dem Lübecker Parteitag bei-
gewohnt hatten und auf der Rückreise einige Tage in Berlin verweilten,
fanden zwei große Volksversammlungen statt, die eine am 30. Sep-
tember im Saal zum Eiskeller, die andere am 1. Oktober im Saal der
Bockbrauerei. Linker gespannter Aufmerksamkeit schilderten die beiden Ver-
treter der österreichischen Arbeiterschaft, denen selbstverständlich ein begeisterter
Empfang bereitet wurde, den Berliner Arbeitern die Kämpfe und Kampf-
bedingungen der Sozialdemokratie in der Habsburgischen Monarchie. Das
Jahr 1902 fand die Sozialdemokratie Berlins schon stark von dem Ausblick
auf die im Jahre 1903 fällig werdenden Neuwahlen für Reichstag und
Landtag beherrscht, und außerdem fesselte der im Reichstag geführte Kampf
wider die Zolltarifvorlage der Regierung mit den erhöhten Zöllen auf
Lebensmittel wiederholt ihre Aufmerksamkeit. Die Versammlungen, zu
denen er Anlaß gab, trugen indes ausschließlich Demonstrationscharakter
und gehören daher in ein anderes Kapitel. In den Wahlkreiskonferenzen
sind es hauptsächlich Detailfragen der Agitation und Organisation, welche die
Verhandlungen ausfüllen. Streitfragen von grundsätzlicher Bedeutung treten
in diesem Kampfjahr nicht in den Vordergrund, doch verdient es erwähnt zu
werden, daß in den Wahlkreisversammlungen, die sich — am 21. August —
mit der Provinzialkonferenz und dem Parteitag für 1902 befassen, Anträge
gestellt werden, die verlangen, daß die Frage des Kampfes wider den
        <pb n="159" />
        ﻿Am Pranger.

72. Illustriertes Flugblatt. Reichstagswahl 1907
        <pb n="160" />
        ﻿

- 150 —

Alkohol auf dem Parteitag behandelt werden. Die Arbeiter-Abstinenten-
Bewegung wagt sich stärker hervor, doch finden die Anträge noch keine
genügende Unterstützung, um zur Verhandlung zu kommen. Auf der
Konferenz für Berlin und die Provinz Brandenburg — 31. August 1902
— kann die Agitationskommission von einer Agitationsleistung berichten,
die alle früheren in Schatten stellt. Sie hatte über 400 Versammlungen
veranstaltet, zu denen 263 Referenten gestellt wurden, die „Fackel" war in
149 000, der Agitationskalender in 220 000 Exemplaren verbreitet worden.
Die Konferenz beschloß, daß während des Kampfes für die Reichstags-
Wahl die Agitationskommission das Zentralwahlkomitee für die Provinz
Brandenburg bilden solle, und nahm im weiteren Verlauf ein Referat von
Leo Arons über die Landtagswahlen entgegen, das in die Empfehlung
auslief, die Festsetzung von ins einzelne gehenden Vorschriften über die
Führung des Kampfes bei der Landtagswahl erst nach der Reichstagswahl
vorzunehmen, dagegen mit der Agitation für die Reichstagswahl nach
Möglichkeit auch die für die Landtagswahl zu verbinden und die not-
wendigen Besprechungen über die Wahltaktik usw. nicht dem allgemeinen
Parteitag zu überlassen, sondern dafür einen besonderen preußischen Partei-
tag einzuberufen. Die Versammelten stimmten dem zu, und im Früh-
jahr 1903 wurden in den Wahlkreisen Berlins und der Vororte die
Wahlen zu dieser Preußenkonferenz vorgenommen, die am 26. April 1903
im Berliner Gewerkschastshaus tagte. Anter Hinweis auf den die Land-
tagswahlen betreffenden Beschluß des Mainzer Parteitags und unter Be-
tonung des Grundsatzes, daß bei allen Wahlen die Agitation zur Auf-
klärung der Massen im Vordergrund zu stehen habe, bestimmte dieser
Parteitag in einer vom Referenten Leo Arons beantragten Resolution,
es müsse „ohne Rücksicht auf etwaige materielle Erfolge" überall dort in
die Wahl eingetreten werden, wo überhaupt die Aufstellung sozialdemo-
kratischer Wahlmänner möglich sei. Es sei „sofort mit der Feststellung zu
beginnen, an welchen Orten und in welchen Arwahlbczirkcn sozialdemo-
kratische Wahlmannskandidaten aufgestellt werden könnten". Weiter wurden
die sozialdemokratischen Gcmeindevertreter aufgefordert, allerorts darauf zu
dringen, daß die Arwahlbezirkseinteilung möglichst bald veröffentlicht werde,
und daß die Verwaltungsbehörden die Stunde des Beginns der Arwahlen
auf den späten Nachmittag oder den Abend festlegen.

Eine Neuheit im Wahlkampf war die Bildung und Agitationsarbeit
eines besonderen sozialdemokratischen Wahlvcreins für Frauen.
Die Versammlung, in der diese bemerkenswerte Organisation konstituiert
wurde, fand am 20. April 1903 statt und konnte den Beitritt von 227 Mit-
gliedern feststellen. Eine genau vier Monate später, am 20. August, ab-
gehaltene sozialdemokratische Frauenversammlung, die sich mit dem bevor-
stehenden sozialdemokratischen Parteitag befaßte, forderte in einer Resolution,
daß bei allen Wahlrechlskämpfen des Proletariats das Frauenwahlrecht
gefordert und in der Agitation grundsätzlich festgehalten und mit allem
Nachdruck vertreten werde. Außerdem wurde in dieser Versammlung ein
Gegenstand besprochen, der durch eine Bemerkung Ed. Bernsteins in
einem Artikel über Folgerungen aus den Ergebnissen der Reichstagswahlen
zur Stteitfrage geworden war, nämlich die Anregung, die sozialdemokratische
Reichstagsfraktion solle den ihr nach ihrem Stärkeverhältnis zukommenden
        <pb n="161" />
        ﻿151

Posten des Vizepräsidenten reklamieren und den Gegnern die Verweigerung
nicht dadurch erleichtern, daß sie die Beteiligung des Vizepräsidenten an
dem offiziellen Besuch des Präsidiums beim Kaiser von vornherein strikte
ablehne. Es wurde von den Versammelten der Vorschlag sehr abfällig
kritisiert, aber von einer Beschlußfassung hinsichtlich seiner abgesehen.

Anders in einem Teil der Parteiversammlungen der einzelnen Wahl-
kreise, die am 25. August behufs Stellungnahme zum Parteitag und Wahl
der Delegierten stattfanden. Mit der einzigen Ausnahme von Berlin I
nahmen alle Berliner Wahlkreise in mehr oder weniger scharf formulierten
Beschlüssen zu der Anregung Stellung, und zwar durchgängig ablehnend.
Einige Kreise (Berlin II, III und VI) verlangten zwar, daß die Fraktion
den Vizepräsidenten reklamiere, zugleich aber, daß sie jede Bedingung, „zu
Los zu gehen", ablehne. Berlin IV nahm außerdem einen Antrag an den
Kongreß an, daß dieser die Art, wie Bernstein die Frage in der Öffentlichkeit
erörtert habe, für eine Taktlosigkeit erklären und „ihm und seinen Mit-
schuldigen" scharfe Mißbilligung ausdrücken solle. In der Resolution von
Berlin II und Berlin VI wird die Überzeugung ausgesprochen, daß
„die Anregung der ganzen Frage aus einer maßlosen Überschätzung des
Parlamentarismus entstanden ist, daß die Frage wohl für bürgerliche
Kreise ein so großes Interesse haben könnte, aber nicht für die sozial-
demokratische Partei".

Eine zweite Frage, die in all den bezeichneten Versammlungen zur
Sprache gebracht wurde, war die der Mitarbeiterschaft von Sozialdemokraten
an bürgerlichen Blättern, worüber der Parteivorstand Thesen ausgearbeitet
und zur Diskussion gestellt hatte. Lierzu nahmen indes nur der zweite und
vierte Wahlkreis in Resolutionen Stellung. Im zweiten Wahlkreis ge-
langte mit geringer Mehrheit ein Antrag des wegen Mitarbeit an der
„Zukunft" scharf angegriffenen Georg Bernhard zur Annahme, der die
Frage durch die Sätze des Parteivorstandes nicht für erschöpft erklärte, es
vielmehr den örtlichen Organisationen vorbehalten wissen wollte, je nach
Lage des Falles zu entscheiden. Eine Minderheit von Parteimitgliedern
dieses Wahlkreises — Paul Scholz und 194 Genossen — sprach dagegen
in einer Erklärung ihre volle Übereinstimmung mit den Sätzen des Partei-
vorstandes und die Erwartung aus, daß der Parteitag sie zu den seinen
machen werde. Im vierten Wahlkreise ward in einer Resolution verlangt,

„Stellung zu nehmen gegen diejenigen Genossen, welche als Mit-
arbeiter an gegnerischen politischen und sogenannten unparteiischen
Zeitungen das Ansehen der Partei schädigen und fortgesetzt der
Propaganda unserer Ideen und der Verbreitung unserer Parteizeitungen
schwere Lindernisse in den Weg legen".

In allen Versammlungen, außer in Berlin V, wurden außerdem an
jenem Abend Resolutionen gefaßt, die eine andere Neuregelung der Ver-
tretung der Reichstagsfraktion auf den Parteitagen verlangten. Nach dem
bestehenden Statut hatten die Reichstagsabgeordneten schon auf Grund
ihres Reichstagsmandats Sitz und, außer in Abstimmungen über die
parlamentarische Tätigkeit, auch Stimme auf den Parteitagen, und dies
wünschte man dahin abgeändert, daß die Fraktion nur durch eine Delegation
von begrenzter Zahl vertreten sein solle.
        <pb n="162" />
        ﻿152

In den Diskussionen über die bezeichneten Fragen kain eine äußerst
gereizte Stimmung gegen die als „Revisionisten" bekannten oder für solche
erachteten Parteimitglieder zum Ausdruck, die sich aus der Tragweite der
Vorkommnisse, auf die sse sich unmittelbar bezog, nicht hinlänglich verstehen
läßt. Sie muß als Wiederausbruch von Verstimmungen über weiter
zurückliegende und unerledigt gebliebene Konflikte begriffen werden, die
durch jene Vorkommnisse und unerquickliche Zeitungspolemiken frische
Nahrung erhalten hatten. Gegen die sozialistischen Mitarbeiter an der
„Zukunft" Maximilian Karbens war aus dem einen oder anderen Grunde
auch sonst Mißtrauen vorhanden, während die Erregung über den Vor-
schlag hinsichtlich der Vizepräsidentenfrage zu einem Teil auf Auslegungen
zurückgeführt werden muß, wonach er als eine Konzession an das Gottes-
gnadentum erschien.

In gleicher Stimmung und Auffassung wie Berlin nahmen die Kreis-
konferenzen der beiden Vorortswahlkreise zu den bezeichneten Vorgängen
Stellung. Doch ließ es die Versammlung des Kreises Teltow-Beeskow-
Charlottenburg nicht bei der Negation bewenden. In einer längeren, von
Fritz Zubeil eingehend begründeten Resolution forderte sie die Reichstags-
fraktion auf, durch ausgearbeitete Gesetzentwürfe, denen umfassende Be-
gründungen und Denkschriften beizugeben seien, „die unermeßliche Schöpfer-
kraft des demokratischen und sozialistischen Prinzips für die aktuelle Gesetz-
gebung fruchtbar zu machen. Eine solche Tätigkeit zeige unter anderem die
Grenze und Schranke, wo innerhalb der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung
entscheidende Verbesserungen unmöglich werden", und wirke dadurch aufklärend
über und für das sozialdemokratische Programm. „And zu dieser Grenze
und Schranke, von der wir noch weit entfernt sind, zu gehen und alles
mögliche wirklich zu machen," heißt es ferner, „ist unsere Aufgabe in der
Tagespolitik," und zu diesem Zwecke „und zugleich im Interesse der
Stärkung des Parlamentarismus" wird die obige Tätigkeit empfohlen.
Auf dieser Generalversammlung, die am 30. August 1903 in Köpenick
tagte, waren 32 Orte mit 75 Delegierten vertreten.

Die Generalversammlung von Berlin und Provinz Brandenburg für
1903, die acht Tage darauf — am 6. September — in Berlin zusammen-
trat, ratifizierte in einer längeren, von Art. Stadthagen begründeten
Resolution die vorerwähnten Beschlüsse hinsichtlich der Mitarbeiterschaft
an bürgerlichen Blättern und protestierte außerdem dagegen, daß die
damalige Redaktion des „Vorwärts" eine Einsendung August Bebels
nicht hatte veröffentlichen wollen, sowie gegen das Eingreifen Wolfgang
Keines bei der Reichstagswahl im Wahlkreise Marburg-Frankenburg,
das in der Aufforderung bestanden hatte, in der Stichwahl für den Sozial-
liberalen von Gerlach gegen dessen konservativen Gegner zu stimmen.
Der weitere Inhalt der Resolution bezog sich auf Agitations- und
Organisationsfragen und traf in letzterer Linsicht namentlich Bestimmungen,
die geeignet erschienen, die Lücken in der bestehenden Organisation aus-
zufüllen. Wie schon im Vorjahr hatte auch diesmal die Polizei darauf
bestanden, daß die weiblichen Delegierten sich aus dem Sitzungssaal ent-
fernten, so daß diese auf den Tribünen Platz nehmen mußten, und wie im
Vorjahr wurde auch diesmal in einer Resolution gegen den Polizeiakt
Protest erhoben. Die Resolution forderte das Bureau auf, den Beschwerde-
        <pb n="163" />
        ﻿10 Pfennig

Wird jetzt nur noch I X &gt;m Jahr« gemocht. aber
grünbllch — alte }lummcni 5 Pfennig billiger —
Ädonneiile» ISnncn nur noch jung« MSdcll werden,
Alt« Schraubrn-Alionnentinnen find jetzt grade
genug da.

Kaziürnfreie

Trltorver

Inserate, je vermanjchler je Ueber, »serdca nur
noch pfundiveife angenommen; jede unnütz« Qualfcherct
ersuchen wir zu unterlassen. — preise werde» auS-
g-tnobe» durch .langen Leknrich".

Rote

üben

Umnmer

Lokal - zentralisiertes Organ der konservativ-revolutionären Lronkrach-Archistett

St-gltt,. d-n SS. Znli 1905

Zur Beachtung k

Mehrere unserer Abonnenten find bedauerlicher-
weis« in ihrer Schulbildung soweit zurückgeblieben,
daß sie ans den Zeilen unserer Zeitung etwas ganz
anderes herauslesen, als wirtlich darin steht. Dieser
Umstand hat nun dazu beigetragen, daß einige von
unseren Leser», die sich ganz besonders getroffen
fühlten, so in Apfrcgnng geriete«, daß sie in
schonungsloser Weise eine Um- und Verarbeitung
unserer Redakteure mittelst Fäusten, Knüppel», Vier-
gläsern, Stuhl- und Tischbeinen vornähme». Noch
vor wenigen Tagen konnte man einen unserer
Redaklionskollcgcn mit dem 'rechten Arm in der
Binde umherlaufen sehen.

Llm nun ähnlichen liebenswürdigen Angriffen
».'.iS dem Wege zu gehen und nicht !» die Lage
verseht zu werden, von den» Recht« der Notwehr
Gebrauch zu machen, haben wir Beranlassung ge-
nvmmen, unsere RcdaktionSrkiume zu verlege».

Dieselben befinde» sich vom hcii.uacn Tag« ab
bis auf weiteres 13,7 Meter unter der Erdoberfläche,
unweit des ttcbcrgangcö vom Festplay zur
Festwiese. Der Eingang zu diese» unterirdischen
Räumlichkeiten ist mir Strauch und grünem Nase»
bedeckt und nur bei» Mitgliedern unserer Redaktion
bekannt.

Wir richte» deshalb hiermit das Ersuchen an
einen jede», der de» Ueberaang passiert, recht vor-
sichtig zu sein und nicht durch zu weites Abschwenken
feinem sicheren Ttnrze mit daraufsolgenden» Tode
enigegenzugehen.'

gchhlion und gering der „ttttnur gelt gäben“.

Befehl J Es wird hiermit den Lesefrihen der
ehemaligen - „KreiS-Rübc" kund getan, daß diese
Zeitung von seht an den Namen „Rote Rüben"
trägt, da frühere besagte „KreiS-Rübc" einen also
spottschlcchken Charakter trug, daß eS für unseren
KrelS, der durch dir Roten schon so verbumfiedelt
worden ist, eine'wahre Affenschande gewesen ist.
Wir werden hinfilro jede Schandtat und Verhone-
pipelung mit Feuer, Schwefel unb Rhabarber
zu rächen wissen, eventuell durch eine gepanzerte
Backpfeife.	Der Landgraf!

Bekanntmachungen. Da i» unserm „Bruder-
vaicrlande", dem heiligen Rußland, di« nötige
Ordnung und Llntcrtanentreue direkt vermanscht
worden ist, und zwar von janz geruchlose» Menschen,
die sich den Rainen „Rammulukionüre" zugelegt
haben, ist cs an der Zeit, daß wir darum unsere
Sozis etwas auf die frechen Fingern klopfen, noch

mehr aber auf ihr Rlesenmaul. Wir geruhen somit
zu bestimmen, daß vom 24. Juli ab jede Muddclci
unserer Kreisuntertancn mit den Sozis aufzuhören
hat. Sämtliche Klosetts sind streng zu beobachten,
ob sich dort Zeitungen oder sonstiges rote Geschreibsel
vorfindet. Bei Äorfindung derartiger gefährlicher
Sachen ist das Klosett sofort polizeilich zu schließen
und Anzeige zu erstatten. I starkes Aufgebot von
kosakcnähnuchen Grndärmen steht immer zur Ver-
fügung, unter dem schneidigen Kommando des
Laiidgendärmclandabends - Abgeordneten Lämmer.
ES ist geradezu eine Kreiswohltätigkeitsbestrebuna.
wenn so eine Portion dreister, elender, infamer,
vaterlandSlosrr Rotbuben um die Ecke gebrach:
werden.

Zu der goldigen Lochzeit dcS Kronprinzen von
Teltow-Nudelburg und seinem Weibe, der aller-
durchlvchtigsten Prinzessin Coronna-Astewiy, soll zu
deni LochzeitSgesthenk — eine goldene Bratpfanne
mit Musik »nö Räder — noch viel Geld gefainmelr
werden. Pumpen könne» wir nischt mehr, da das
Automobil schon genug Geld kostet/ Ich befehle
daher, wenn cs Euch auch schlver fällt, an dem
demnächst erscheinenden Gerichtsvollzieher pro Kopf,,
ob Säugling, ob GrciS, 2,75 Mk. abzuliefern,
widrigenfalls sofort mit voller Wucht zur Pfändung
geschritten wird. Am Lochzcilstagc selbst hat jeder
abwechselnd 2 paar Knobländer und 2 Brödchcn
zu liefern. Ein Llnteroffizler wird zu jedem Familien-
vater kommen und feststelle», ob er fingen kam:.
Jeder, der dazu imstande ist, hat dann :n der Kirche
zu erscheinen und zwar in apfelsincnfarbigein Strohhui

Der Löwe von Teltow.

(87. Fortsetzung.)

, Töff! köff! Eine Staubwolke, ein riesiger
Gestank und jumm ist ein entsetzliches Dings vorbei.
Am WaldcSrand« sitzt ein Pärchen. Sie hält ihn
fest umschlungen, und angstvoll tönt ihre Frage:
„Jacki, Lieber, was war denn das?" — „Aber,
Kunigunde, da§ war der Löwe von Teltow und sein
Wüsteittier. Denlv daran: Wüstenkönig ist der
Löwe, - will er 'mal durch Teltow fliegen, - läuft
er nicht nach der Lagune, — um im Grase 'rum zu
kriechen, -- sondern nimmt die große Kanne, -
gießt Benzin aufs Auko-Pfannle - und durch-
ackert rund und nett - Teltow wie, so 'n Braut-
nachtsbett." — „Jacki, Geliebter, ich hab' 'ne Idee,
der Löwe muß mir'n Schäferstündchen schenken." -
«Kunigunde,laß dich umarmen, mein Geldbeutel lacht."

Eine Zeitlang hört man nichts wie Knautschen
und Küssen der beiden anständigen Wiesenpieper.

Ein reich ausgestattetes Zimmer. In einem
weichen Plüschsofa ruht der Löwe von Teltow.
Behaglich lauscht er bei wcitgeöffnctcm Fenster dem
Liede der Finken. Da wird ihm ein Telegramm
von einem schmucken Gendarm übergeben. Der Löwe
erbricht cS: „New Bork — Lamburg. Komme zwei
Stunden früher, 5 Ahr nachmittags, Bahnhof
Friedrichstraße. Erkennungszeichen sechs Rosen am
Busen, du fünf Rosen. Deine Nichte Dora." —
Ein Schmunzeln huscht über das Gesicht des Löwen.

Ein herrlicher Nachmittag. Bahnhof Friedrich,
straße, 5 Uhr. Ein hochfeines Automobil steht vor
dem Bahnhof. Mir blitzenden Augen hält der Löwe

Ausschau. Da naht sich ein wunderhübsches Kind,
sechs Rosen am Gürtel. Sck)vn von weitem ein
eleganter Knix und „Guten Tag, OnkelchenI"

Schmunzelnd hilft sie der Löwe ins Auto, »ach-
dem durch einige Küsse die Nichte als solche fest-
gestellt worden war.

An der Bordschwelle steht ein elegant gekleideter
Lcrr mit zwei riesigen Koffern. „Onkclchen," flötet
die unwiderstehliche Nichte, „selbstverständlich fährst
ou nicht, ich habe meinen Chauffeur mitgebracht".

Eigentlich nicht recht damit einverstanden, aber
widerstandslos dem süßen Gesiötc gegenüber Über-
läßt der Löwe dem Chauffeur die Führung.

Fort gebt cS in flottem Tempo nach der Weg-
beschreibung deS Löwen.

„Doris, ich muß dir doch verschiedene Sehens-
würdigkeiten zeigen, «he du dein vorläufiges Leim
betrittst." — „Du hast rech«, Onkelchen, liebes, liebeö
Onlelchen, ich trink'auch gar zu gern euer echtes Bier."

Das war silr unsern Löwen eine schmeichelnde
Anerkennung und noch dazu aus Fraueumund. In
aufgeräumtester Stimmung ging es durch di« Preußen-
kneipe, Räuberhöhle, Blumensäl«, Cafä Keck,Baucni-
schänke, Nachtasyl und endlich Dressel, separates
Ziininer. Ach, eine herrliche Richte war es doch,
ein Slaatsmädcl, so frei und ungebunden. Er konnte
sich gar nicht satt «rissen, und wieder und immer
wieder hielt sie ihm ihr Mündchen bin. Er erzählte
ihr u. a., wie schrecklich schwer cS ihm gefallen, ein
Auto zu erlangen, ivie man das Geld durchaus
nicht bewilligen wollte. Nur seiner größten Bered-
samkeit gelang es. nur mit dem LimveiS auf Kultur
und den dringende» Fortschritt die Summe flüssig
zu machen. (Liner Flasche Sekt nach der andern
wurde der LalS gebrochen, bis eben Onkclchen in
den Armen der Nichte leg, scelig, hochbeglückt.

Von Zeit zu Zeit entfuhr cs ihm seufzend:
„Wenn bloß die Olle nischt erfährt!" Doch ein
kräftiger Kuß schloß ihm stets den Mund. So hatte
sich der Löwe noch nie amüsiert. Endlich mußte
man an den Leimweg denken. Doch der Löwe allein
konnte nicht mehr richtig vorwärts; so half denn
der Chauffeur in liebenswürdiger Weis« Onkelchen
in die Kutsche bringen. Dann ging cS fort in
sausendem Trabe nach Teltow.

MorgcnS 7 !lhr. Zn Teltow steht vor einem
feinen Lause ein« geschloffene Droschke. „Luk — ju,
kleine Dora". löut cS auS dein Innern heraus, „huck
— ju, kleine süße -- huck — ju." — Endlich gelmgt
es dem Droschkenkutscher, de» Löwen hcrauSzu-
bekommen. Durch den Lärm eilen schließlich er-
schrecken Madame und Fräulein Nichte, die gestern
drei Stunden später gekomure», herbei. Linker einem
liebevolle» Empfang der Gattin wankt der Löwe «ns
LauS. Am andern Tage hieß cS: der Löwe ist
gesundheitshalber, da er sich ein Bein gebrochen hak,
auf «ine Erholungsreise.

Pfeilgeschwind saust auf staubiger Chaussee em
hochfeines Automobil dahin; darin sitzen — Kum;
gunde und Jacki. Seelenvergnügt klcpperl Jacki
mit dem Kies, und Kunigunde entwirft ein -y-*«-
grämn» an den Löwen: „Basel, Schweiz, ckkacy
herrlicher Fahrt, iin Besitz einer anständigen Summe,
steh« dir, süßes Onkclchen. dein Kr.-AutomoMl w
ctwaS unwohl gewordcneir Zustande auf dem Po -
dainer Glilcrbahnhof zur Verfügung. Tanjeno
Dank, viele Küsse. Dein« Doris."

(Fortsetzung folgt.)

73. Titelseite einer humoristischen Festzeitung vom jährlichen Sommerfest
des,Wahlvereins Teltow-Beeskow
        <pb n="164" />
        ﻿

— 154 —

weg zu beschreiten, und wiederholte die Betonung des Kampfes für das
Stimmrecht der Frauen. Den Schluß der Parteikonferenz bildete ein aus-
führliches Referat von Leo Arons über die Landtagswahl in der
Provinz Brandenburg, das eine Reihe von Leitsätzen vorschlug, denen
die Konferenz mit großer Mehrheit zustinnnte.

Die Beschlüsse des Dresdener Parteitags der deutschen Sozial-
demokratie in bezug auf die Frage der Mitarbeiterschaft und die
revisionistischen Tendenzen sind bekannt. Sie fanden in Berlin in allen
Wahlkreisen die Zustimmung der großen Mehrheit der Parteimitglieder.
Zuerst nahmen — am 24. September — die weiblichen Parteigenossen zu
ihnen Stellung, die durchaus bejahend ausfiel. Die Versammlung beschloß
weiterhin, an Stelle des sozialdemokratischen Frauenwahlvereins für die
Reichstagswahl, der bis auf 938 Mitglieder angewachsen war, nunmehr,
nachdem die Reichstagswahl vorüber, einen sozialdemokratischen Frauen-
wahlverein für die Landtagswahl treten zu lassen.

Am 29. September 1903 fanden die Versammlungen der einzelnen Wahl-
kreise Berlins statt, in denen über den Dresdener Parteitag Bericht erstattet wurde.
Sie nahmen meist einen noch erregteren Verlauf, als die am Vorabend
des Parteitags abgehaltenen Versammlungen. Wie die Debatten in Dresden
einen weit heftigeren, weit verbitterteren Charakter getragen hatten, als man
vorausgesehen hatte, so fiel nun auch ihr Nachhall in Berlin aus. Be-
sonders stürmisch verliefen die Debatten im zweiten Wahlkreis, wo August
Bebel Mitglied war und — da mehrere Versammlungen stattfinden
mußten — wiederholt zu längeren, von starker Leidenschaft erfüllten Reden
das Wort nahm. Vergiftend spielte in die Debatten hinein die Rückwirkung
von Artikeln Maximilian Lardens über seine sozialdemokratischen
Mitarbeiter, in denen diese der Anwahrhastigkeil und aller möglichen
sonstigen moralischen Mängel geziehen wurden. And um die Mißstimmung
in der Berliner Sozialdemokratie aufs höchste zu steigern, entspann sich im
„Vorwärts", der die Artikel Lardens aus Verlangen reproduziert hatte,
im Anschluß an alle diese Dinge eine endlose Zeitungsfehde in Gestalt von
Einsendungen, die sich auf persönliche Angelegenheiten bezogen. Es
herrschte eine gegenseitige Gereiztheit vor, die an die schlimmsten Zeilen
des Bruderzwistes zwischen Lassalleanern und Eisenachern erinnerte. Die
Agitation für die Landtagswahlen, die im Novenibcr 1903 stattfanden und
bei denen in Berlin so Glänzendes geleistet wurde, trug viel dazu bei, den
üblen Eindruck jener Streitereien zu verwischen, aber es blieb doch ein
Rest, der noch lange nachwirkte.

Im Jahre 1904 fand in Berlin ein Kongreß für Leimarbeiter statt,
zu dem die sozialdemokratischen Frauen und Mädchen am 8. Februar in
einer großen Versammlung Stellung nahmen und Delegierte wählten.
Ebenso gab der im Juni 1904 in Berlin versammelte und hauptsächlich
bürgerlichen Charakter tragende Internationale Frauenkongreß den
sozialdemokratischen Frauen Berlins Gelegenheit zu einer Kundgebung.
Es geschah dies am 14. Juni in einer Versammlung, in der Lily Braun
über Frauenstimmrecht und Sozialdemokratie referierte. Am 2. August
behandelte eine große sozialdemokratische Versammlung, die im Feenpalast
tagte, die Tagesordnung des nach Amsterdam einberufenen Inter-
nationalen Sozialistenkongresses. Man wünschte von ihm nament-
        <pb n="165" />
        ﻿155

	Erschteivl mvrraMch ebtttuü	
ür.6 fUDlftM	AbsnüLMentspretS für das Quartal M Pfermtg h!  CLpsdtttsur	jll  Richard Schmidt, Berli« SW. 68, Lvrdeusir. Co jg	U. Wrgsng

74. .Heutiger Titelkopf der „Fackel"

lich eine Entscheidung in der Frage der Maifeier herbei, da hinsichtlich
der Frage der Arbeitsruhe wieder viel Streit entstanden war. Die Ver-
sammlung stimmte mit großer Mehrheit einer Resolution zu, gemäß der
die Delegierten Berlins beauftragt wurden, dafür zu wirken, daß die
allgemeine Arbeitsruhe als die würdigste Art der Maifeier bezeichnet
werde und daß auf dieser Feier neben dem Achtstundentag und den anderen
Forderungen des Arbeiterschutzes der Völkerfrieden und die allgemeinen
sozialdemokratischen Forderungen energisch betont würden. In gleicher
Weise nahm am 6. August die Kreiskonserenz von Niederbarnim zur
Maifeier Stellung. Vom deutschen Parteitag wünschte diese Konferenz,
daß er die Frage der Volksschule und die Frage Kartelle und Koali-
tionsrecht auf die Tagesordnung setze, ferner, daß er bei Änderung
des Organisationsstatuts die Vertretung der Wahlkreise auf den Partei-
tagen nach dem Verhältnis der organisierten Genossen ordne und
sich von neuem für die Beseitigung der Ausnahmegesetze gegen Land-
arbeiter und Gesinde ausspreche. Auch die behufs Stellungnahme zum
Parteitag einberufenen Parteiversantmlungen Berlins, die am 23. August
tagten, sowie die am 28. August in Zossen tagende Generalversammlung
des Kreises Teltow-Beeskow-Charlottenburg stellten die Forderung, die
Volksschule auf die Tagesordnung des Kongresses zu setzen, und in den
meisten Versammlungen wünschte man dazu Leo Arons als Referenten.
Ebenso nahmen die meisten dieser Versammlungen in bezug auf die Organi-
sation der Partei Resolutionen an, die auf eine Verschärfung der
Zentralisation abzielten. Nur in Berlin ll wurde der Antrag, die
Vertretung auf den Parteitagen im Verhältnis der Zahl der organisierten
Genossen zu ordnen, abgelehnt. Abgelehnt wurde ferner in Berlin III und
Berlin V der im ersten Wahlkreis von Dr. Friedeberg gestellte Antrag,
die Frage des Generalstreiks auf die Tagesordnung des Kongresses zu
setzen. Dagegen schloß sich Berlin I einem Antrag der Genossen von
Elbing und Potsdam-Osthavelland an, der Propaganda unter den zur Armee
einberufenen Proletariern und Aufklärung der künftigen Soldaten über
ihre Pflichten gegenüber dem „inneren Feind" verlangte. In Berlin V
fand der Antrag eine Mehrheit, die Alkoholfrage auf die Tagesordnung
zu sehen. Berlin III und Berlin IV nahmen Anträge an, die verlangten, daß
den Parteigenossen eindringlich zur Pflicht gemacht werde, bei Stich-
wahlen nicht für die Freisinnigen zu stimmen, und in Berlin IV
        <pb n="166" />
        ﻿156

wurde ferner mit Mehrheit der Antrag an den Parteitag gestellt, zum
Verhalten Max Schippels in Zoll- und Landelsfragen Stellung zu
nehmen und eventuell Schippels Ausschluß aus der Partei herbei-
zuführen.

Es bezog sich das auf einen Vortrag über Landelspolitik, den Max
Schippe! im Dezember 1903 im Wahlverein des dritten Berliner Reichs-
tagewahlkreiscs gehalten hatte. Schippe! hatte darin den Standpunkt der
Zollfreunde in einer Weise dargestellt, die als eine Anerkennung der Zoll-
politik der Schutzzöllner erschien, und an diesen Vortrag, über den im
„Vorwärts" an auffälliger Stelle berichtet worden war, hatte sich eine
große Debatte geknüpft. Es wurde in den Zusammenkünften der Sozial-
demokraten Berlins sehr viel über ihn gesprochen, und auch in der Presse
rief er eine lebhafte Polemik hervor. Die Stimmung der Mehrheit der
Genossen war Schippe! überaus ungünstig, wenn auch viele einen Aus-
schluß für eine zu starke Maßregel hielten. Man machte Schippe! nament-
lich das zum Vorwurf, daß er, statt offen mit seinen Ansichten heraus-
zurücken, unausgesetzt in Wort und Schrift Material für die Gegner der
von der Partei verfochtenen Handelspolitik zusammentrage. Eine Resolution,
die in diesem Sinne gegen Schippe! wegen Zweideutigkeit scharfen Tadel
ausspricht, fand auf dem Parteitag — Bremen — nach längerer Debatte
eine große Mehrheit.

Es mag hierbei erwähnt werden, daß im Jahre 1904 Ed. Bernstein,
nachdem ihm im Anschluß an die Dresdener Vorgänge die Mitarbeiter-
schaft am „Vorwärts" gekündigt war, in Berlin eine sozialdemokratische
Montagszeitung, „Das Neue Montagsblatt", ins Leben rief. Diese
Gründung gab zu verschiedenen Besprechungen von Parteimitgliedern An-
laß. Die Zentralinstanzen der Berliner Parteiorganisation, denen der Ge-
nannte von ihr Mitteilung gemacht hatte, einigten sich auf eine Erklärung,
daß sie das Blatt als eine Privatangelegenheit betrachteten, welche die
Partei in keiner Weise berühre. Im Gegensatz dazu erklärten Ende April
die Vertrauensmänner des Wahlkreises Berlin IV (Ost) auf Antrag von
Ad. Loffmann, daß sie in der .Herausgabe der Zeittmg durch Ed. Bern-
stein einen „Verstoß gegen die Interessen der Partei" erblickten und daher
die Genossen aufforderten, die Zeitung „weder durch Abonnement noch durch
Einzellauf zu unterstützen". Dieser Beschluß rief eine Gegenerklärung
der Vettrauensleute der andern Wahlkreise Berlins sowie des Wahlkreises
Berlin IV (Südost) hervor, worin betont wird, daß das Blatt Bernsteins
kein Konkurrenzunternehmen gegen ein Parteiorgan sei und damit eine
neutrale Laltung ihm gegenüber selbstverständlich sei. Dann heißt es weiter:

„Ob ein Parteigenosse das Blatt durch Kauf oder Abonnement
unterstützt, ist seine Privatangelegenheit, über die niemand zu bestimmen
hat. Sollte sich die Sachlage ändern, so würden wir von neuem Stellung
nehmen, haben aber zurzeit keine Veranlassung, „Befürchtungen" oder
„Vermutungen" Rechnung zu tragen."

Schließlich wird dann noch das Bedauern darüber ausgesprochen, daß
die Verttauensmänncr von Berlin IV (Ost) als einzelne vorgegangen
seien, statt ihre gegenteilige Anschauung einer Gesamtsitzung der Vertrauens-
männer vorzulegen. Das „Neue Montagsblatt" konnte sich indes nicht
halten und stellte im November 1904 sein Erscheinen ein.
        <pb n="167" />
        ﻿Das Attentat

auf Las

»ereins- „«-&gt; Herfammlungsrechi.

In ihrer Vereinigung haben von jeher vis Schwachen rrrrv Uukcr-
dvlltkien eines der wirksamsten Mttel erblickt, um ihre Roth in der Gegenwart
lindern und um sich endlich einmal zu einer lichteren Zukunft emporzuringen.
Schon vor Jahrhunderten kannten und beherzigten unsere Voreltern die Lehre, daß
wohl ein Knabe einen einzelnen Pseil zu zerknicken und zu zerbrechen vermag,
"aß aber ein Bündel von Pfeilen selbst von einem Riesen nicht einmal gebeugt,
geschweige denn zerbrochen werden kann

Die Herrschenden und von der Unterdrückung and Aurbcuttmg Lebenden
haben freilich gerade aut diesen Gründen die Vereinigung der Schwachen von
jkher gefürchtet und gehaßt und auf jede Mise zu vereiteln gesucht. Durch
unse^ ganze Geschichte läuft es wie ein rother Faden: auf Seite der Schwachen
der immer wieder mit neue» Stärke hervorbrechende Trieb zum brüderlichen Zu-
kammcnschlleben — aus Seile der Herrschenden der immer wiederkehrende Versuch,
dw Zusammenschluß der Schwachen zu verhindern und zu zersprengen.

Man lagt, in srüheren Jahrhunderten habe vaü Weint Haudtverk, als
es noch einen goldenen Boden hatte, wirthschafchich und politisch den Ton an-
gegeben und das ganze öffentliche Leben nach seine,» Ingressen und Anschauungen
gemodelt. Daß ist richtig. Aber auch die Handwerker der mittelalterlichen Städte
haben sich erst gegen Rechtlosigkeit und Verfolgung «mporkSnipsen müssen, und sie
haben bas durch ihre Organisationen, die Zünsie und Gilden, gethan. Diese
bildeten, al« st« noch nicht verknöchert und überlebt waren. Kampforganisaltouen
»es in den Städten aufblühenden und sich rasch vermehrenden Handwerks und sie
erstrebten kehr bald größere politische Rechte kür ihre Mitglieder und die
Falbststandigkei» nnd Freiheit zur Regelung ihrer wirthschaftlichen
Verhältnisse. Die prtoiiegirlen Stadtherren. die Patrizier, die ihre Alleinherr.
»Haft gesährdet sahen, iraien ihnen überall mit der ganzen zähm Verbissenheit entgegen,
i til der alle Privilrgirten gegen den .Umsturz" ihrer Vorrechte kämpfen: Kaiser
Friedrich Hl. verbot sogar für da« Reich all« diese Verein»:. Trotzdem wuchsen
und gediehen sie. und Kaiser und Patrizier hatten bald nicht die Macht mehr, ble
rJ«9fgini0 einzudämmen und in ihrem aus der ganzm Linie stegreichcn Vordrängen
auszuhallen. So brachen bi» mlllelalltrllchen Handwerker durch ihre Vereivi-
gnogerr in laugen und eidilienen Kämpfen dl, Zwingherrschast der allen adeligen
und reichen Srschlcchier

Heute herrscht dl« groß« Iuduftrtc, da» große Kapikai. von dem da«
Handwerk mehr und mehr verdrängt worden ist. Doch auch unser Fabrikanten«
thnrn Hai einst seine Vereine gründen und abwechselnd in verschiedene!» Klein,
staaien sein« Wanbcrversamwluugen abhatten müssen, um gegen bi« elende
Kleinstaaterei mtt ihren beengenden Fesseln aus «irthkcholtlichem und voll»
lischein Gebiet sich avsznlehneu. '.Ind diese Auflehnung gegen die geheiligt,
alte Krähwinkel«.Ordnung" haben damals dl, Regierungen genau so bekämpft,
wte fte hent« Kia vereine und Veclvmmlungn, der Arbeiter befehden EU 1H40
dn filslgemdncT Deutscher Jndustrieverel» ,ur Wahrung der industitellen Interessen
,in der Istentlichm Dletnung und bei den Regierungen de» Zollvereins" gegründet
wurde, verboten Preußen und Vaperv di« Bildung von Zwelgverdnen Di«
Erstrrbung dncö vollständig «inhdiitchen WirthschastSgebieieS. üb« die Grenzen
aller Kleinstaaten hinweg, ig de» liberalen Führen» dn Grsßindastd, lang- 8«**
ol» .Umsturz" und Landesvcrca'.d ongerrch«! worden

Wie damals bin emporkommenden Fabrikherren und großen Kauslcutev. so
gehl k» henir den HtbcUeta. Dl« großen Kapitalisten herrschen heut« und
wichen die hruttgen Zustünde in olle Ewigkeit unangetastet sehen. Die Arbeiter
strelxw einer besseren WitthschaslSordnung zu. in der nicht nur alle Errungen,
föaftcn des Großbetriebe« erhallen unb vermehrt werden wie bisher, sondern ln
k«r auch alle Forlschrttt«. all« Eüi-rvermehrung den arbeit,ndeu Schichten, nicht
ölo» dem Kapital zu Gut« kommen. Die Arbeite: wollen auch heule schon auS eigener
Kraft ihr« Log- verbessern. Diesen Verlust seiner uneingeschränkten Dorrechie
kstrchiet das Kapital, und da di, Vervirx» ustd W-niserii'nlungev eines ba
te.lchtiast.'N Mittel kür deu Aufun-m-na-üinL l&gt;L&gt; ISt&amp;tiieK Kad, darum sind den» i

vereinSrecht fast in allen Elkzelsiaar?- DaüfchlanbS «ich hsps nach, vis Fwgel
beschnitten und selbst die kläglichen Neste sucht man vvch rvelres
verstlirrrmela.

Die deutschen Arbeiter haben allerdings feit dem Norddeutsche» Bunde «cf
dem Papier btt volle KoalilioriSsrcihclt, die ihnen den g-m-inssmen Kampf
um HSHere Löhne und kürzere ArbellSzett, um menschlichere Bchandlung erlaubt.
Aber besteht diese volle Koalitionsfreiheit auch in Wirklichkeit? HSr.o' bi:
Existenz der Gcvrer?fchafton nicht von bcn wechselnder! Ansichten der Behörden
ob. well alle möglichen BeralhungSg,genstände, welche die Gewerkschaften garnicht
übergehen können, für politisch erklärt werden und darum zu unerträgliche-.
Beschränkungen der Arbeiterorganisation«! führen? Löst mm jeuralz
Fabrikanlenverrine aus, weil sie Pelitionci! an die Regierungen unb Volke.
Vertretungen senden, neue Zölle unb Liebesgaben, billigere Gütertarif!, bestimm!!
Gesetze und GesetzeSabänderungcu fordern? Di- mirihschasilichen Verbände dr:
Arbeiter lausen in ähnlichen Fällen fortwährend Gefahr, daß ihnen von oben
herab daS Lebenslicht auSgedlofen wird. Dazu sind ihnen öffentliche Samm-
lungen. öffentliche Ausrufe erschwert; ihre Gelder sind rechtlich lange nicht so
sichergestellt wie etwa die der Mltengescllschafken und ähnlicher KaptlalSveretnigimgen.
Die kann nurn demnach sin Deutschland von wirthschaftiiichsr ÄottliUonC*
sreiheil der Arbeite» reden!

Und nun gar von der Freiheit zu politischer Bereinigung und Ver-
sammlung &gt; Freilich, im Jahre 1848 und kurz daraus hat man diese Freiheit
in den nlnsten Verfassungen all«, Bürgen, feierlich zugesichert. .All«
Preußen sind berechttg«. sich ohne vorgängige obrigkeitliche Erlaubniß friedlich und

ohne Waffen »u geschloffenen Näuuicn zu versaeuwel.-r...........All- Preußen haben

daS Recht, sich zu solchen Zwecken, welche den Strafgesetzen nicht zmvlderl-uifen.
in Gesellschaften zu vereinigen", — so heißt tO tn der preußischen VerfassnugS-
Urkunde Doch was ist aus ähnlichen Versprechungen überall in den Jahren der
Reaktion geworden?

In Eisaß-Lothriogen. Meckttiil urg-Dchwrrin und Mecklenburg-Sirelltz ist die
Begrüvbnng von politischen Vereinen gänzlich von der Genehmigung der
Behörden abhängig gemacht. In Rudolstadt ist die Begründung ebenfalls hex
| behördlichen Genehmigung unterstellt, dir zu versagen ist, wenn vt« Zusamr-iM-
setzung, dn Zweck oder die Wirksamkeit d-S künftigen (I) Verein» mtt dem be&gt;
rüchligten allen AundeStagSbeschluß von 1854 nicht vereinbar erscheinen Schließlich
sind die pottlischrn Vereine und solche, welche über Gemeindraiigelegeiihetteu &amp;:•
rachen, überhaupt verboten in R-uß ältere Linie I Ebenso sind in Lttrubu.g.
Hissrn. Walbeck, wie in Rudolsiabt, Schoumburg-Lippe und Sondeiöbausrn wegen
ihr-!, .Gefahr für dt, öffentliche Sicherheit" als ordnungswidrig verboten all:
Arbetlerverein» und Verbrüderungen, wrlche politische (I), soztaltstisch« oder
kommunisttsch» Zwecke verfolgen &gt;

Versarnuiinugen dürfen überhaupt »tut mit «brigkeitiicher Drlattboisj
stallstndrn tn Elsaß-Lothringen, Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelch
Reust üllere Linie verbietet alle Versammlungen, welch- zur Förderung von
.Umsturz" brstrebungrn bestimmt sind. Sachsen «uiersagt Versammlung«, in
denen G-setzerübertrelungen und unsittliche Handlungen, sowie die Üluffordenmz
und Anreizung dazu, zur Behändlunz gelangen sollen. Ferner giebt t&amp; noch
vorherig« Verbote in Mtenburg, Baden. Homburg. Bremen n. s. f. Dazu kommt
bi« aurg,dehntest» AnslSsnngobefugnlß der Psltzd, dir vielfach überhaupt ohne
jede Begrenzung ist. so in Alteiiburg, Meiningen und Weimar.

Die Frauen werden säst überall noch schlechter bchandilt wie di« MSiincr
Sir werden zwar heute genau so wi« die Männer crbarmnngSlcS iu d«t Svube'.
de» Erwerbslebens hlneingeschleuderl; oder vielmehr, si» werden infolge ihrer
größeren Hülslosigkett vom Kaptiot sogar doppelt anSgebentrt und haben
daher doppell Anlaß, sich gcwrrkichastltch und politisch zu organtsirea — gewerr-
schaslllch, um ihre LsbenSlago fo writ als «uögilch durch eige,ee Kraft zu tzcdvi —
politisch, um. wo dt« dgrne Lrujt versagt, di« E«sotzgd&gt;rms zu ihrem Schutz«, zum

75. und 76. Agitationsflugblatt zum Kampf für das bedrohte Vereins- und

Versammlungsrecht
        <pb n="168" />
        ﻿Schütz« de» genzen Nachwuchses ottftrea Volke» auftuforöem. Aber wo nüt|cn
die vaeerdrück'm grauen sich Ira öffettllidjen Leben frei rühren « Dar gesetzliche
Verbot der Mitgliedschaft van Frauen in politischen Vereinen besieht
ln Anhalt, Bayern, Draunschweig, Lippe-Detmold, Preußen und Reuß j. L. In
ven nämlichen Staaten, weiter in den beiden Mecklenburg isi den Frauen auch
die Theilnahme an den Vereinssitzungen und -Versaiiimlungc»» untersagt.
Mit anderen Warten: das Kapital darf die Frauen sck/rankeiiloser ausnützen wie
Mals früher, wo die alte Sille und die alle Rechtsordnung die Frauen dagegen
fchützle; aber die Ausgebeuteten dürfen sich zu ihrem Schutze noch genau so wenig
zusammenfinden, wie lemalS früher

Wird ferner die Heranwachsende Generation nicht bereits m viel
lüngeren Jahren gezwungen. sich ielbsisländig durch die Well zu schlagen? Bedarf
sie deshalb der Theilnahme an de» schützenden Organisationen der Arbeiler nicht
viel dringender wie vordem? Erjorder, zudem die IpSIeie Betheiligung der jungen
L-uie an Kassen-, an GeioerbegenchtS.. LandlagS- und ReichSlagSwahlen nicht eine
längere Vorschule, wie sie nur Vereine und Bersniumlungen bieten? Ansialt die
Gesetze den veränderten Verhältnissen besser anzupassen, will man heule die
Rechte der Minderjährigen noch verkürzen&gt;

Die B-chür&gt;-en machen natürlich von ihren Befugnissen sehr verschieden Ge.
brauch. Aber wo» bleibt nach alledem von der nach 1848 durch die Verfassungen
und durch feierlich, Erklärungen verbürgten „Assoziativ,iSsreihcit" noch übrig? Für
die Bevorrechteten freilich meist noch alle«, für dt« Arbeiter sehr wenig
oder wich garnicht».

Doch die Zeit der AnSnahmeges-hgebnng gegen die Arbeit hat
unsere Kapitalisten derart verwöhnt, daß sie i» ihrer Gier nach ungestörter Herr-
Ichaft und nach ungemessenem Reichthum noch wettere Fesseln für die Arbeiter
verlange«. Herr v. Stumm — König StUUlM, wie man ihn mit Recht
nenm — hat hier die Führung in dem UnterdrückungSjeldzug übernommen.
Schoo Anfang 1399 erklärte er im Reichstage:

^)ch erkläre mich vollkommen bereit, im preußifchen Landtag
mitzuwirken, daß das Vereins- und Versammlung-recht einer Revision
unterzogen wird. Wie brauchen beispiel-wrife in Preußen nur eine
ähnlich« Bestimmung einzuführen, wie sie in Bayern besieht, wo es in
Artikel l» heißt: Jede Polizeibehörde ist befugt. Vereine zu schlichen,
wenn dieselben di« religiösen, sittlichen, gesellschaftlichen Grundlagen de»
Staate- zu untergraben suchen.'

Dieser Wunsch des bchioßherrn von Neunkirchrn ist bann tn der Borlage
ves preußischen Ministers des Innern v d. Recke auch tn Erfüllung gegangen.
Wo- der Minister ursprünglich alle» nach geplant Hai, weiß man nicht genau;
sicher WJ nur. daß eO derartig war. daß selbst die sreskonservaliven Schlot, und
Lmdsunker erklärten, sie könnten nicht mitthun. Wo» schließlich Herr o. b. Recke
doch noch verlangte, war hinreichend, alle Arbeiter-Bereis» nrrd »Der»
fnwmlnag-n von« Gntdünkvv des Behörden abhängig zu machen,
vom Gutdünken der politische« Polizei, deren wahrer Charakter nicht erst
durch den Prozrtz Tausch enthüllt za werden braucht» — Vereine sollten
geschloffen werden kömim. wen» sie bla .öffentliche Sicherheit" ober
bea .öffentliche» Frieden" gefährde». Unter denselben Borauksetzungen
w^ren Versautwlnng-n «-.nfznlöseuk Ueber welche» Streben der Arbeiter
haben dir Wortführer lies Kapital» nicht schon gezetert: es „gefährde den
Frieden" unter den einzelnen DefellschafUklasfen! Die Ruhs deck voll«»
Ocldsaikck von Zugrsräuduiffau an die varbeoda Arbeit, boO war für
Wsjö ßfule tauen gleichbedeutend mit dem öffentlichen Frieden. Jeder, d-r die
Keichm an Ihre fozialen Pflicht,» mahnte, war von je ein Wühler und
Feiev-uSstörer. Was für den einzelnen Menschen baS Gcrvifl«, ist. do-
rt»» Snt-ii ttotbt r-nd über dal, Schlecht sich empört, das ist für die Herrschenden
horte bis &lt;Zoziald«mski.orie, und diese Stimme deck Eietoiffesg wollen
di« Reichen «ersticke», weil sie dieselbe fürchtsni

D« prrnHtsche Vorschlag ging iu seiner Am sogar noch über boS !
Gozialistsnglistch hirrauv. DleseS gestattete zwar orich VetetnSauflösungen
ds Lvstrebungm, welch, den öffentlichen Friede«, gefährden, aber nur mit der
ÖtnjufäguEß, daß diese Bestrebungen «ms dm .Umsturz" brr bestehenden LtaatS-
üJib S«stÜfchastöor&gt;i2aug biujklcn müßten.

Die Freikorrfervotivro Im Wgeorduetcnhause haben dann gar noch «Le
ü&lt;.'S«NÄne Redewendung ausgegeben und offen die Feindseligkeit gegen AllrÜ.
■sjh9 ehrlich arbeitet, zum Ausdruck gebracht. Si, wendeten sich tn ihrem
llrckmg aLSschlteßllch gegen .Lozialdcmoiralm. Sqlaliünr und Kommunist^",
dis sie fü: polirtsch vogelfvei und geächtet erklärten

Das Adgcordnktenhaus hat zwar das Anlinnen juruckgewielm. jedoch hatten
die Kanservaltven Ihre Partie noch nicht für verloren. Die Kommission des
Herrenhauses besürworicl die Herstellung des allen Sozialistengesetzes. beschränk
auf Anarchisten und Sozialdemokraten. Der verfolg» Plan Ist nur zu durch,
sichtig. Die im Antrag tm Abgeordnelcnhause mit einbezogmen Sozialisten
und Kommumsien sind im Antrag der Kommission de» Herrenhauses gestriirn.
um dir sozialen Richtungen christlicher und bürgerlicher Observanz zu beruhigen,
dagegen soll die Verbindung der Anarchisten and Sozialdemokraten die Rich'.rgkeU
der vagen Behauptung erweisen, di, Sozialdemokrati- arbekle am Umsturz se,
bestehenden Staat», und Gesellschaftsordnung. Ohne Zweifel felgt das Herren-
haus den Spuren seiner Kommission. Die Abwendung der reaktionären -Leiabi
liegt in den Händen der Nationalliberalen, denselben ManneSmuth zuzutrauen,
wäre thörichte Hoffnung.

Arbeiter und Kleinbürger! Wißt Ihr noch au» btt. zwölf Jahren vor
Bonrgeois-Schrcrrenöhcrrschast unter dem So-.talisiengcjetz, wo? wlüe
Vollmachten an die Behörden bedeuten? Als Ihr camatS crp politisch »»»!&gt;.
todt gemacht wart, wißt Ihr noch, tn welch schamloser SWie tne Kartellparreier.
sich durch Zölle und Liebe-gaben bereicherten, wahrend Euch immer «ehr
LebenSmittelzölle mid Verbrauchssteuern aufgehalst wurden? M« man Esch
geknebelt hatte, erinnert Ihr Euch noch, wie man durch die Verlängerung oer
Wahlperioden Eure kargen politischen Rechte noch weiter hefchsirr?
Fichr nicht die Polizei mit rauhn Faust jedesmal dazwischen, wenn Ihr die
Erhöhung Eurer Ausgaben, wie sie durch Zölle und neue Steuern eingetreten
war. jum Theil wenigsten- wieder «mSgleichen wolltet durch eine Aufbesserung
Eurer Löhne?

Dasselbe wollen die tn» Dtumm jetzt vor» Renew erreichet»,
und da man im Reichstage kein neues Kr.ebelgefetz gegen die Arbeiter z:&gt; Standr
brmgen sann. so wenden sich die „Reichösreuude", die Gegner de- „Parti-
knlariSwnö", an die Dunkelkammern der Siiizelstaaten und wühle» hier nr
lichtscheuer Beschäsiigkett gegen die letzten Bollwerke der Freiheit. Da« preußisch«
HerrcnhauS. jahrzehntelang selbst von Nationalliberalen al» alte Ruine ver&gt;
höhnt und oerspollet, schickt sich an. dle politische Flihr,l»g drS arisgckläneu
Deutschland zu übernehmen! Wie h-rabg«?omMeo sind doch unsere herrschenden
Parteien I

Aber toa» beim Hinblick auf solche Zustände so rtej beschämend wirkt, gieb»
e» auf der anderen Seite für dle Arbeiter nicht Anlaß, aus die tm Reiche mit
tmtltnb Opfern errungene politische Stellung stolz zu sein? Wo das al!ge«
ßtcitrc Wahirechl seinen Einfluß gellend macht, da wagt man heule de»
Lolk-verrretung kein, ähnlichen reaktionären Zumutungen mehr zu machen. Wo
die Vertreter der Arbeiter in größer» Zoh.' sitzen, da gehl die Rraktts»
dem Kampse feig au» dem Weg; nur kl der Smupslust der Klasse«' »&gt;.nd
Lensu-wahlen, da fühlt sie sich ihrer Ernte noch sicher.

Doch gerade darum hasst die Reaktion da« allgemein« Wahlrecht 1»
Reiche. Sie wird die Art an diese» Recht legen, sowie ihr bi, Zeit dazu günstig
scheint. Sie lauert nur ans einen Vorwand; sie hofft auf Mngstwahlr«
wie 1873 oder !L37. und wenn e» damit nicht geht, auf einen Staatsstreich,
auf dl» Umwälzung, auf dir Revolution von oben.

Mit dem Vereins- und VerfaueminngÄrrcht tv Prrerßen fäsgt
man an, mit den, Wahlrecht tm Reiche fehl man die Grdroffelang
aller poiiiikchco Rechte deS Drbrittt« »red deS kloiae» Marrue» frrt.

Darum darf di« Erregung, welch« der peeufiisch« Derrlnsgesetzentmurs tm
ganzen Reiche hervorrief, nicht erlöschen, wenn da« Gesetz erledigi sein wird. Sie
muß zum Sturme angesachl werden und alle Schwachen und Unterdrückien antreibe-,
zu doppelter Thätigkeit für di« Partei der Arbeiter,

für di, So;ia!S,mokratir,
für das nLgeWeine Wahlrecht.

Dst heul« durch dar Volk gehende Erregung muß bei den Nächsten
Wähle»! aufflammen zu einem vernichtenden Strafgericht gegen alle Paririen,
dle setzt sich an der Kuoörlung der Arbeit betheiligeo. Polizeiminlsirr v. b. Recke
sprach ta preußischen Landtage von der „Abrechnn,eg" der Wählt: mit lhrev
Mgeoidneten Nun wohl, wir fordern auch zu dieser Abrcchrmug aus. aber
sie soll ganz ander« au-fallen. al» sie sich die Urheber de: letzten reaktionäre»
Pläne gedacht haken. Sie soll so unzweideutig sei», daß allen derartigen Arbeiter,
feinden die Lust zu femeren .T-nten" vergeht.

Bereitet die nächsten Wahlen vor! Sorgt für eine

WopliiRU kr foplkmolitötif^n ÄinmenM!

Das fei Eure Nnfivllrf anf das Attentat gegen die Bolkssreiheit,
daS dann das letzte in Deutschland gewesen fein wird.

EL Sr»l» tx ean»iirc.®ia»WUtL — Druck: Caatwser vuchdruckrret tnb t3«ü:a8a»BaU «utt » So. in «laaiutj.

75 und 76. Agitationsflugblalt zum Kampf für das bedrohte Vereins- und

Versammlungsrecht
        <pb n="169" />
        ﻿159

Die Konferenz der Provinz Brandenburg für 1904, auf der eine Ver-
breitung der „Fackel" in 166 500 Exemplaren festgestellt wurde, behandelte
fast nur Organisationsfragen und übergab einen längeren Entwurf der
Agitationskommission sowie die zu ihm gestellten Anträge einer aus
26 Kreisvertrauensleutcn bestehenden Kommission mit der Weisung, Schritte
für eine straffere Organisation der Provinz einzuleiten.

Am 13. November fand in Tempelhof bei Berlin im Anschluß an
die Kreiskonfercnz des Wahlkreises Teltow-Beeskow-Charlottenburg die
Generalversammlung des Zentralwahlvereins dieses Kreises statt. Es
konnte festgestellt werden, daß die angeschlossenen Wahlvereine von 32 auf
34, die Mitgliederzahl von 8350 auf 10 112 gestiegen sei Die Kosten
der Landtagswahl in diesem Kreise berechneten sich auf 11 913 Mk. Ein
Antrag Boxheimer, der eine Reihe von immer wiederkehrenden Wünschen
und Anträgen zusammenstellte, die sich auf die Verwaltung und Erschei-
nungsart des „Vorwärts" bezogen, ward der Preßkommission überwiesen.

Am 13. Dezember 1904 fanden in allen Wahlkreisen Berlins Ver-
sammlungen statt, die sich mit der Wahl von Delegierten zum ersten
Parteitag der Sozialdemokratie Preußens beschäftigten, und in den
Tagen vom 28. bis 31. Dezember 1904 tagte dieser Kongreß im großen
Saal des Berliner Gewerkschaftshauses, der von der organisierten Sozial-
demokratie Berlins für diesen Zweck aufs beste hergerichtet und mit allem
ausgestattet war, was die Delegierten brauchten. Außerdem wurde zu Ehren
der Delegierten am Abend des ersten Sihungstages ein großer Festkommers
in der „Neuen Welt" und am Nachmittag des dritten Tages eine Sonder-
vorstellung von Gorkis „Nachtasyl" im „Kleinen Theater" veranstaltet.
Die Berliner Genossen ihrerseits folgten den Verhandlungen des Partei-
tags, der von 148 Delegierten mit Mandat und 17 Teilnehmern ohne
Mandat besucht war, mit gespanntestem Interesse. Es standen vier Punkte
auf der Tagesordnung: der Wohnungsgesetzentwurf der preußischen Re-
gierung, über den LugoÄeimann, der Gesetzentwurf wider den Kontrakt-
bruch landwirtschaftlicher Arbeiter, über den Artur Stadthagen, der
Schulgesetzentwurf, über den Leo Arons, und das Landtagswahlrecht,
worüber Georg Ledebour referierte, und an jedes der Referate schloß sich
eine Debatte. Bei den ersten drei Punkten war sie fast nur ergänzender
Natur, beim letzten gab es zugleich eine lebhafte Polemik, die sich vornehm-
lich darum drehte, ob im Kampf für das allgemeine und gleiche Wahlrecht
in Preußen gewisse Kampfes formen, wie Straßendemonstrationen,
zweckmäßig und durchführbar seien oder nicht. Doch stieß der Gedanke,
gegebenenfalls auf der Straße zu demonstrieren, der in der Diskussion von
Ed. Bernstein-Berlin, Karl Lofmann-Bielefeld, Karl Liebknecht-Berlin
und Paul Löbe-Breslau verfochten wurde, auf starken Widerspruch, und
so wurde von einem Zusatzantrag zur Resolution des Referenten der auf
solche „Massendemonstrationen" abzielende Schlußsatz abgelehnt. Aber
darüber, daß der Kampf mit aller Energie zu führen sei, herrschte natürlich
volle Übereinstimmung. Der Parteitag ward allseitig als ein großer Erfolg
betrachtet, die Referate und die Diskussion hatten den Beweis geliefert,
daß Landeskonferenzen der Sozialdemokratie Preußens unabweisbare Not-
wendigkeiten geworden waren, und wenn man auf diesem ersten Parteitag
noch davon absah, eine besondere Landes-Organisation für Preußen zu
        <pb n="170" />
        ﻿160

schaffen, so geschah dies nur, um die Sache nicht übers Knie zu brechen.
Es ward beschlossen, den Parteitag schon nach zwei Jahren zu wieder-
holen und dann die Organisationsfrage zu beraten. Mit der Veranstaltung
dieser zweiten Zusammenkunft wurden die Berliner Parteigenossen betraut,
denen der von Paul Singer und Oskar Schütz-Breslau präsidierte
Parteitag seinen besonderen Dank für die Unterstützung seiner Arbeiten
und alle ihm sonst erwiesene Gastfreundschaft aussprach.

Bei der Berichterstattung über den Preußentag, die am 17. Januar 1905
in den Wahlkreisen Berlins erfolgte, ward in allen Versammlungen dem
Gefühl der Zufriedenheit mit den Arbeiten des Kongresses freudiger Aus-
druck gegeben. Lier und da erörterte man auch die Fragen der Straßen-
demonstrationcn und des politischen Streiks, jedoch noch wesentlich als
abstrakte Fragen bloßer Möglichkeiten. Da brach Rußlands Revolution
aus mit ihren gewaltigen Massenstreiks, und die überraschenden ersten
Erfolge dieser letzteren wirkten auch auf Deutschland zurück. In 21 großen
Volksversammlungen, die sämtlich überaus stark besucht waren, gaben schon
am 9. Februar 1905 die Arbeiter Berlins ihrem solidarischen Empfinden
für den russischen Freiheitskampf Ausdruck, immer mehr richteten sich
die Augen nach Rußland, und es ist nur begreiflich, wenn in der ersten
Begeisterung übertriebene Erwartungen an den dortigen Kampf geknüpft
und aus den ersten Erfolgen der russischen Streiks, bei denen ja die Arbeiter
die große Masse des Bürgertums auf ihrer Seite hatten, übertriebene
Folgerungen abgeleitet wurden. Sie fanden leidenschaftliche Vertreter in
einigen schriftstellerisch und rednerisch begabten Genossen, und die so ge-
schaffene Stimmung machte sich auch in Gewerkschaftskreisen bemerkbar.
Aber aus Gewerkschaftskreisen kam auch die erste Gegenströmung.

Maßgebende Leiter der deutschen Gewerkschaftsbewegung erblickten in
der Propagierung der Maffenstreikidee eine Schädigung der organischen Ent-
wicklung der Gewerkschaften, und auf dem Kongreß der freien (sozialistischen)
deutschen Gewerkschaften, der zu Pfingsten 1905 in Köln tagte, fand mit
allen gegen eine Stimme eine von Th. Bömelburg beantragte Resolution
Annahme, die „alle Versuche, durch die Propagierung des politischen Massen-
streiks eine bestimmte Taktik festlegen zu wollen, entschieden zurückweist".
Weniger noch der Wortlaut der Resolution, als die zu ihrer Motivierung
gehaltenen Reden, erregten in denjenigen Parteikreisen, in denen die oben-
geschilderte Stimmung obwaltete, lebhaften Anwillen, und das zeigte sich
unter anderem in einem Teil der Versammlungen, in denen am 22. August 1905
die Sozialdemokraten Berlins in den verschiedenen Wahlkreisen zum bevor-
stehenden Parteitag der Gesamtpartei Stellung nahmen. Von einer anderen
Seite her behandelte am 23. August 1905 in einer von 3—4000 Personen
besuchten Versammlung im Feenpalast die Frage ». R. Friedeberg. Er
entwickelte in einem Vortrag über „Weltanschauung und Taktik des deutschen
Proletariats" einen antiparlamentarischcn Sozialismus, den er als „Anarcho-
Sozialismus" bezeichnete und dessen Aktionsprogramm in der Idee des
großen, umwälzenden Generalstreiks gipfelte. Eine in diesem Sinne
formulierte Resolution fand in der stark von lokalistischen Gewerkschaftlern
besuchten Versammlung Annahme, rief aber in sozialdemokratischen Kreisen
nun eine Ablenkung der Kampflinie in der Richtung gegen links hervor.
Noch vor dem Zusammentritt des Parteitags, der vom 17. bis 23. Sep-
        <pb n="171" />
        ﻿
        <pb n="172" />
        ﻿Märkische Dolkslkmme

Sozialdemokratisches Grgan für die Provinz Brandenburg

€&lt;f4rfal &gt;:,.!» all	brr e&gt;:&gt; «4	„&gt; |r}h|n irt kijri lintrtUW l,SOB»..««UL IO | Jtfnili. «• bnstlhi r„- -&gt;&lt;	feiet. eiln kl* 10 |be I, *ir CortlHra rüiejnjn

ulth - »O* »u »'» ‘KiH .lerWfUrii« 1,50 B*. etttUl« M Cf*.I frit, ,,„n, ».[mir Mbl. - »-&gt; J.lcill.Ufiri* listet' fl, »le HrfnUe«, |elHKÜ( ,»a ».Hl »IM Ulf»
Sit fulirtliMftrl» fir JifinU „f.-efell ufrrn »rrCelliimnliU &lt;»,»&lt;-,. Jre-.lfrrt i. brtri,l t0 »f. fl, M&gt; «jilrtlstv »iIIIkU, rtn In» »n*.

CofiktÜiCmj Hüllt «ikNIche OclMletasr* OcttM. - Riboftlon r-d a;;eMl!en ttrttk*«. En Bmiliil» l». - gernlgtecher SU. *Ä

Nr. 224.

Cottbus, Sonnabend, den 25. Septeniber 1909.

20. Jahrg.



Durch du flniemoMMlnglüd stad, bei Yrz-Buchhelj
fr^O Villen» schwer certegi rosrtcn».

0» Stoticoiejin In Veqinui« 1? tla,ÜiS»lln

öbolita otflorber.

Met bl« fUstlostlt ci.

&gt;* bringt orjiMUbe CmWConjcn

Ilo s„in Siiij, »üfow».

t»Wr£ ourtti

Zknirumsksmarilllr.

Wad» bet acbnupluno beit fnllonltvuatlwn flrelherrn
tisn Sibfl* lull bis «crjiinblflimo zwljqrn 3«m,nm ,,nd
stonfeivailven slbcr die Rcich«flnanzrelon» bcbaid» ««lest
i.'oibcn fein, bab man b.-ii üibrenben ®ilg!lcbttn beibtr
. :55MUn. kic Ucücijcugu,ig brlzubirngen ucn'uch-e: gfltii
JMort liabc durch bk SlobimbtrcrclfliUffc ba« SJctlinucn
tr« uni Irr J uirwirdrrbtii,glich ucrlcren, ei mllprichr feinen
vjnnlitjdi, wenn bei 8icld)iloii;la „bei die WcidMliHÄiu-
rclortn fisltjc.

fiolibilfi»[UI|rtnbi 3flnKT.au) chnh erttaii bisst
..ich,ich. .fpwtll unsere Parirlleituag In velinchl
fomnn für ircl eifimbe«. (St seh, sich bamll ln ilcmfldj
(.jarftn Slbetlpnicl) ju bet ienlervailve» Preise, die öl«,
brr bei,, VaNmitl. bah die stenlcn-ailven bei der fXelrtj«.
rinujtefacir. bin SciAiliitjIcr gtitUrit hin«», fiel» r.itt
•'s» Clr.wa.iib Noenscit. der VlbRa.ig bea gl.rfieu Aulen.

&lt; l nl»i non b.i, »onfrnmilveii vcranlahi. ienberi,--

.:nlfcr grwünlchi Ireiben, riese Darsirllung wird
diel» »rurrdlngö durch eine» VI«,lief der ailltonieiaanen
.MörNlchen Vallözeilung' drllLNgi. lu -weichem die gibt»
—jgi "—'—	■eitUclibi allj"	:—

Ravembrr-fluirigue i

........................ ...	slfcnbeaineT

'leise bla&amp;grlegt Werben. Vlallirlich schied, da« nwrillebc
rnlrumibl.nl alle Schuld dem srurslen BMow zu. ei
debauvlel. ba» da» derAchllgie .Pall, Pelezravh-Jnlei-
v-.elv «au, de» pyUufettu und Qmcmicnen bei Äelchilan,-
•er« enllbriiSert babe. Tai Ranuflelpi bei I„,en&gt;!e»i sei
&gt;«N L'laschlnenlchrlfi flrsch,leben gewesen, die ch.-schlchie do»
.einet llnlefi,l!»!ril sei. iilchi« oli eine faule «»irede.
"i würbe» beel Vlblchrlsien badan grwachl. wsvan |e eint
&gt; n den besäumen @;bclmr«t Sllclimd, bet dafür . ln die
jatc gelchickl wurde, die anbete an den Unler-iaaltfefre«
,.-&lt;U Slinitld) nliifl. iOclbc befiJMRlru bl, Mchilnlel, bei
\fnball«, und ba&gt; Sdjilflflfli ging bann an bin Jiltflen
'3"Iota jmü'I, bet lit PublUalla» «ich, btanllanbew. &lt;Sf
soll legst juver » ber/chw0 n g l i che Dtief





(I t b« n b ei STV»:i er * Vö f &gt; lg e"i n I g~ e t i i »&gt;...

' Stil af« baS Lnieidliidi'nlchl die. gefvünschle Witfvnl,
e^zfefn. fei Jatfl Süln». fa cr|dlill tx&gt;I&gt; Z.-ninuni-vlaN
weilet, bei Teile grlvnmgen »nb bade bl« Pseile auf den
rtaifet viast-in fassen. SeltSfm tont da« TJeiWUnif zwl-
fch«n »all« -und NanM zetsiilil, watlibet sich, ein«
res«, AilgNeder bet taisetlichtn s-
Wille, seht bfiillioV auisfrachen. ttli Bs.Iaw tum

ALrz um feine ttniln'iuuf, dal. habe bet Nasser, ge. ,
•äst: ^eht „ich,-, und sa traf ihn «sl chei brr Reich5- '
imanitesarm bai -«erhLiiRnii.

' Li bebarl feinet neuen. Lalfa&lt;l&gt;en. »m zu beweisen,
da» bl- tzalluug Biilatrü In der Ravembe,lilfe nichii we-
u&gt;«et al« einwandfrei war. Tie Darliellnng der ,£|3r-

tischen Ooirawllunft- ifl daher uue inleielfanl durch die
-leslere. dle sie aus idre Urheber zurüchsallen lähl. Hier
wirb besiaiigl. wai schau as, behnui'lel warben Ifi. die
liihalifeaeu SRoRaateu hei S-ase bah» ihre verl.-hunaen ,n
den, «alfet und z»	lg!,eben, der laiferlichen flamme

-° uihl. um tm 3iiter.tse-.be« oiiiRefdielleteii. eachedLrfre.,'-
otn Zenlerem« d-m fieirt^fainler ein »ein tu flefltn. Tic
Miwatjen fteeteu verstehen sich auf die ^aifa-mle .deafa
jul wie aut di: Hcmmtt-3airlfluc, unk die «-«arilfa all,
chnen genau tbtnfcbiti wie bet Pariamenlariiinni. we
ei daraus anlauiml, zu jclgen, daß iilcinaub Im Reiche
bet Mach! de« ZruIrumS rfchrrn bars, ahne sich dabei d...

»&gt;engen zu breche». Zu diesem Zweck ha« mau «ifdelm
den flloeltcn In de: brrfjünfluliaolltn Meinung deftiiill, bah
feine sellfame «rl. eutwarNge Paliiif &gt;u i,eiben, die einzig
richilge Mid dem Reiche färderflche sei. L'ai lieg! auch
den pniriaiifchen Znrieulnidcrre» daran, da» dai " ''
Tchaden leide,, wenn mit die Nische iriiimphien!

Die EutrechNing ist.im Gauge!

SJimbrirai gifobKn SJefeijIQff« ln die Ta,lag« ml, h!u«iu,»aib«rl»n.
Nebie d!« »rlnzlal'O« Sl-N-ag d«5 lSunbriiali ,u d«a&gt; Lau
i ll&gt; Ich«» Beeschledea,« In dl» OcN«arll&lt;dlile gebeuugnu Rach
b«n Mlililwngin de« «Sihelmial« De.' DGumaaa. «iuil Mlu
eeefasfee, de« Linie«. Hai b«e BunbeSeal der Verlage .In Ihren
gwadlegeubea «.stlmm-agen zugefUmmiV Dagegen habe diefeide
In ihren Einzelheiten jum Teil ,ile| «ingreifendr Biubetungen'

- • ex flfjl teilt ■Etajeflet Dr. Silrt-€eralo. bet elxasglii an
UMt^üuiiR der Vorlag« diieiilg, „ar. mil. bah nach ftintn
» gnfaeiuailoaen bl, Rrich5r&gt;erstcheruaR«a,baut.g auch ln brr
floffung, bi, sie Im ©anbeltol «Ihall,» und in bei fie on b«a
»«UVfiaa ßdanjrn wirb, den Verschlag brr Haibierrmg b«r
Cllmmen in b«n »tanfenfaffeiisrgoneii unb bet Nraafnia,-rslcheiu&gt;,ai.
bkiieSg« «»lhali,»'wirb.

Wrr noch bl, Öffnung »«Haie hatt«, blt Regle,»lg werbe
btt oeraldjtintin «elu!..lle bi« vaelage een (oft agm Seiten
fobt«a Hai. einige« Qielj3c fchenlen. bei ist titlet rnnSuf-hl. !
Srgleruug will ,( wage», eine neue. In ihren fl.lgcn n
ich, ab,usehenbe Cnlreehiung der «Irbeileriehafr
crluebeii Serabr die grjlault fialtlcning »re Rechte mit dem
sonstigen dnnaulealifcheu veiwerie Ist . der frringeub, Vmrf be:
ganzen Veeiax:. Nab irfltbe lehre,e nech |o viele Verbisse,nagen
bringen (die ste aber in V-irllichieie aichl Hali, ble velruignug '
LeibstbwwLiwng der Aebeiier in hga flrnnlenlaßen egach!
ftalrouif eoBlammen unbiilmatet

Mi, diesem Echriue ! ee.-ei!l bi« Regienmg nur. bah Ihr die
Münlche der Vranlagllnlisten Richllchnm nub Veiehi find. Die
ganze Vailage auch i» brr neuen Sellale brckl ,1ch genau nNe' bei '
.Richlliuln,'. die bet Zemralondaud denlscher Jnbulliieller a»
t\ Tlieber I»S7 enl itlnet »eriixer Tagung aulg,stell, Han fl,
benlelbe» hl.-st e« l&lt;jiigllch de, steanlenlasten,

.Dabei eiv«,&gt; sich »er gemiale.-rbaub uamend de» eai
ihm «rrrielenrn giaglrn nnb hrbenieiibstc» Telia der drmschr-
flndnfleie derr», die 0ii»r der Defa.n&gt;beNe«ge zu den llemcke,.
lag» nullet, be, bibhnlgen Dnuelk ,n hbewehmeu. lese,,
b,e ee,bündele» Regierungen bet flnbuftrl« die SicheeheU gebe,
Welten, daß In dem ldesetzeulu-uele «dee die -Relerm »&lt;!
flraulcnto(f«ii BebeUgeb.t uob TIebeUneheuei In den »enstiuden
unb caeueraloer|o»icilungc,i ,e die (Alf» bei Olimmen füge«

Dl« -„bündele» Regle,mgei, li»b aen diel.-» grrqui«
rrtnati flinger breit abgewichen. Die ,Sc|loliefoeui* ,«anbei: mir
ble Dege, ble Ibe ble Nnleenehmee «eezelchaea. wie Ichan Ri
Yavenlalie« der Veh&gt;erb»e,bn»agr,Rere!le bew:&gt;&gt;i.

gs,e die Ä,bei,erschall erwichi! daran« nun ble ANichi. feie,
energisch &gt;u einen VKnrrbrlanwf g.-g-u blt nea.-sten tralllcuäieii
Nnlchlig: .elninlteten.. C« h anbei, sich um eine fl rage. a-
-g Mistirnen deutschn VJibcelec bliest bueillgi such.

Tagksi'.bcrslchi.

Deutschland.

fStrlln, 0-J. Siblcmber. Glu» Berliner ffettu'i'onbrnj
octbrtüei dl» N-chrlchi. daß ra» dir i&gt;re»b&gt;!chiu Negiern».-,
ein Slelairdramiriigese- varhereini wird, da» dem
r.'emdla!&gt;« schau. bei seiner nächsten Tagung zur Beeolu
eerpelegl werden wird. Da» viesest fast die Rechn n...
Pflichtteil hee preubifchen Slaaübeamieu regeln, niidesandeee
fall ei dl« Areujen festlegen. Innerhalb deren dl, rgüiische
ivefüiigung der vmihlfchen Tlaaiidegmle» zulässig sein fast.
Au der 8!u3ärb,l:„„g de« besehe» säst in erster Linie de,
preussische Finanz,ninisier v.Rhembaden ÜUsgeu -’lnteil nehmen.

— L&gt;« Pfarrer im Z sonst« l«4 {Jcnlrum«. Drfiruullich
Hai die ZenlrnmSsnhrrr Tri,»born geradezu gizivungeu
weedeu wüsten, seine» Mählern den parlamrnlarischrn
Deelihl n&gt; rrstalle». Sink Rrihr van ZrulnimS-Naiioriilifeln
balle» en'gestchiS der Erlegung, die die neuen Girmen
hervorrief, der DarfeileiNiug dringende Varlmllnngr» gemachi.
Wie stch jehl he,au«stest,. Hai die Varletleiuuig darauf ein
oeeiouliche» Zlrlnlar an iie fflarfleljee bet Psarrbezlifi
gefaubl, worin sie. behaupte,, daß Trliuber» durch friuc
l&gt;ni!nmcmorl|&lt;b« längtest |o angrgrlsteu f.h dag der Besuch
v."5ä Danaiorluma für ihn in Äurstchl «toamnun fei An
diese» DlSrchtn gleu.ble I» Köln len, vernünfilaer Mensch,
denn Uruibaru Hai.nach Erscheine» de» Ziest,Iura »ach dem
«uchanstischen lfangreUe In Köln »au Ansang hsS.Eude bei-
«ewahul und die weil, Meise nach B,eilen zun, rralheMe».
läge.ge,„acht, ans d«m et durch fcltVc. sprudelnde Lustigst!,

- Btrfnsten 61« «lallen 6a» Schiff? ©etjeimcal &gt;
Dr- Wehiieeh der langsUhelge Präsident dee Zweiten stamme; '
und Führer brr »onfiroatloeii ln Sachsen wird nicht wilder

5m Lmibiag- kandidier»', lle Hai eine» VriZ on den
arstzeiideu de» Dahifnife», den ee bi«hee omrele» dal,
gesandt! er fchühl lÄefmihheitirst-tstchfen »gr. ^ Wahr.
Icheinilch h:a&gt; ee ak.e. di. «elnech!,„m. dost d.e -stonse:
oaiiv'.tt in Lik LüNdigglwühi nichi wledir 'die Mazerirgl

r dann, nicht tolcbir zum Prüst-



haben werben, und d«
benten gewählt trieb.

— Tie «it-stchiin fiel »en ftchstfchen Liruhiag»«
wähle«. De: Tesamlvaestand de» RenfrrontUieu Lande?,
otrtm« für da« Königreich Sachsen beschöftigle stch um
Danuerlfa, mil de,, sächsische» Loudlagin-ahlrw Bei der
bklrgeuheii unlerhle» mau stch auch übte da» «Resultat, dai
bit Wahlen carauSstchtllch znlige» werden. L« wuede de:
sicheren CrwaNuug Aulbeuck gegeben, best die Kanseroaiive,,
im-(slnfiigm Caubiage jweiseiie» wieder die stärkste graflian
sein würden, wenn e» auch „ugeioib fei ob st« wieder, wie
früher, die Mrhrhejl erlange,, würbe». Wer die zweit-
ftnrflle Frakliail bilde» wirb, darüber war«,, di« Hrnen
i'u Zweifel Die Mehrheit aahm an. daß e« di, fe-ini-
brmakralische fein werbe, da st« «» wohl auf .mit,besten«
26 Rbgeardneie dringe» bütflr. Da I» de» weiiau» meist-,,
Kreisen 2 aber auch « Kaudidain, aufgrsiellt Warden sind,
fa wird angenamme». duff wenigflen« »0 Slichwahie» stch
Noiireubig mache» werden.

Tie' iehien »er «tuen Stenern
lene» .flill dem 1. Cftebii In flrnll. unk zwai I
dir 0 d) r et |t t m p r i n-e u e x. die Branntwein-
st« wc.r.ür Höhung, dir Sleurr aus Bei euch-
tungSmitlel und di« S t r - i ch h 01, st « n «r.

La» die Beanmweinstkuer betrifft, so wild die Ser-
broudrent gabf dem der Iimerhald der Kimlingenl» hetge-'
Ilrllleu Ritahelmengr vew 00 Pfennig aus 1,00 Mars. lut
p.-n außerhalb de« Sanllngcnta hergestellte» Alf ah ei VC»
TO Pleimig nu| -1,30 Mars erhöht lut he» Liter Ailohoi.
Del Lä»I»hrf»U für »»«ILndilche flabrilatr wird eben sali«
erhöt». Branntwein und »leauntweiuladrifaie, dle stch am
i. Ortobee Un Pest, Bon handlet» befinde», sind mil
50 Pfennig pia Liier Blieb«, .»achzuvetsleuern.

Dle Steuer auf fl &lt; I c u d) I« » o «• m 111«t
itlllt die «iniitiiuer zu Wr)glüblom»en ,»» 10 Pleimig
da« Slllei, die V-ennsliile «» eletinsehen Bagenlampen I»,I
v» Piennig dl« ,u 1 Mail für da» Kilogramm, gül
-tliifehe «luhlanipen &gt;md Beennee „I svlrven ist dld
teile «lumm« „»ieeichledeit nach der ttaitfMet.-.

Ti« Zünd wate» st, uer detrilg, file Zündhölzer

,d bergteiche» Zündstabdir,, au« Sirahdalmm ad» au«
Pappe &gt;» vehöt,niste» » di» Isj Piennig. file Zünd-
teil»,er, au» Liearii, und Aach« in Schachtn» für i« 20
Cllid 0 Piennig. U« werben In Zutuns, nur »ach her-
gcstrltt Sirrlchhalzpasttr zu IQ Schachtel», jede Schachtn
wird etwa Wi Hi»!«« enlhallen. »a« Patcl wird 2« dl*
IO Vlenulg fasten. f7ür afle am t. Cftobcr vorhandene»
Verrate lein Rachveisieuerung rin.

Die Sche &lt;1 sleu «t beleg! alle Sched» irnh Qniiiun-
. über »eldlummen. die au« T&lt;pesile»guihaden gezai-I,
werden, mil lü Piennig Sieuet. Die Sieuer trägt dir
(empsänger bei beide« oder Schecks. Pastscheck« „na
Sdirrfü. dir dem Aechseidrefrhr »ntrrlirgrn. dleibrn de»
der Steuer belreit. AI« Sch«ckste»ip«l werden tztempelmar.

CS wär« defffr, trlr hälfen mU ik» Preuße»
nithiS zu tun.

Dpi, dem bayerische!, Zenieumr-Abgeatdileieii Iel wurde
lürzlich bthaiipiei. er hab« i„ einer Versammlung gesagl «I
wäre ihm lieber, wen» Bayern nsteiii gediieb«» und »ichi
dem Siaolenduiid« Deuische» Reich belgeirelen wär«.

Zegi anöffeiiilicht Herr Z r I I» der..Germ«»!»' «In»
.B,-richtig,mg^, wanach er nur gesagt hade» wlst:

,WIi in Bm-er» st»d manchmal der Meinung, we-.m
wie für unk allti» wären, wenn wie mil de» Prenn.-n
iiidzl». zu lim häfieih dann wäre» wir «igemlich de,,.-r
dar»». Ich will «iihl darauf eingehe», all«» Hai sein«
jwri Selten, wie habe» Übt einmal ei» einige» Deiillch-
iand und fei» ueeuüuillger Denlscher wird seizl sagen,
rna» soll« dar Deuische Reich wiebee auslösen. Da»
ging« auch gar „Ichi: e« kan» fei« einzelner ®imke»j«r.Ji
tun, iva» « »III. er musi sich dem Lanzen fügen.'

Mir den .Preußen' isi »aisiellch 61« pienßischt Bnrfgu,
IroJU uufd-HIe Zuuisrsippe chemeint.

Zun, Blcrkrftg.

m habe» auch dl«, nradgebeuben.ylrftemeN de» .ver-
i,belle,sckmli ,,, de« von den yrillner «i-.uerelen un»
... "icldiloffenen VleN-rrlSerhöhimg Slrllung «------

saÄ:-r&amp;‘

sie, BrrUn.r «owerlschafiUemmlstln I
R 11 p (u 11 o u 11, t vier fragt an:

' .Dle Seillncr «idel-.erlchöfi lehnt die «bwälzuna
.veanstenee a„, dl« steusmntmrn In lebe,	sil e-,

llchf» y.oit «ab P,«il, Wirt bet v-w»»leh»pz.

77. Titelseite der Märkischen Volksstimme

Bernstein, Berliner Eeschichke. III.

11
        <pb n="173" />
        ﻿162

tember 1905 in Jena tagte, fand am 12. September in einer Ver-
sammlung des Wahlvereins des sechsten Berliner Wahlkreises eine Dis-
putation über „Weltanschauung und Taktik" statt, in der von sozialdemo-
kratischer Seite Rehbein als Hauptredner gegen Friedeberg auftrat. In
Jena selbst wurde nach einem mit großer Verve vorgetragenen Referat
August Bebels, dem eine lange und lebhafte Debatte folgte, mit über-
wältigender Mehrheit eine von Bebel beantragte Resolution angenommen,
in welcher der Massenstreik als politisches Kampfmittel anerkannt wird.
Aber Bebel, der im Referat beiläufig gegen l)r. Friedebergs Generalstreik-
idee polemisiert hatte, wandte sich in seinem Schlußwort auch gegen Rosa
Luxemburg, die mit dem Ausspielen des „russischen Vorbildes" in Deutsch-
land besonders stark operierte, und bald trat diese Frage wieder in den
Hintergrund. Sie wäre vielleicht von Anfang an ruhiger erörtert worden,
wenn sie nicht mit der Frage jenes Stückchens Generalstreik innerlich ver-
wandt gewesen wäre, das Arbeitsruhe am 1. Mai heißt und gegen das
der Gewerkschaftskongreß in Köln ebenfalls Stellung genommen hatte.
Auf die Mehrheit der in der Partei tätigen Sozialdemokraten Berlins
wirkte jener Beschluß wie eine Herausforderung, und das ttat in den Ver-
sammlungen, die sich auf den Parteitag bezogen, besonders lebhaft hervor.

Eine der Lauptaufgaben des Jenaer Parteitages war die Schaffung
eines neuen Organisationsstatuts für die Partei. Eine vom Bremer Partei-
tag behufs Ausarbeitung eines Entwurfs eingesetzte Kommission hatte das
Ergebnis ihrer Beratungen im Frühjahr 1905 bekanntgegeben, und bald ward
ihr Werk, wie anderwärts, so auch in Berlin, lebhaft diskutiert. Öffentlich
geschah dies zuerst im Wahlverein des zweiten Berliner Reichstagswahl-
kreises, wo Wilhelm Pfannkuch am 20. Juni ein Referat über den
Kommissionsentwurf hielt. Der Entwurf, der in den meisten Punkten später
Annahme fand, stellte den Aufbau der Partei mehr noch als es bisher der
Fall auf eine föderative Basis; der Wahlverein des Reichstagswahlkreises
ist die Grundeinheit der Organisation, diese Wahlvereine schließen sich
nach Bezirken (Provinzen) zu Bezirksverbänden und diese zu ganzen Landes-
verbänden zusammen — alles in voller demokratischer Selbstverwaltung.
Aber der Föderalismus ist nicht absolut. Das zentralistische Element ver-
treten der Parteitag und die von diesem gewählten Parteiinstanzen (Partei-
vorstand und Parteikontrollcure), nur daß das Recht der Vertretung auf
dem Parteitag den Organisationen nicht nach Mitgliederzahlen zugesprochen
ward, sondern jeder Wahlkreis höchstens drei Delegierte entsenden durfte.
Gegen diesen Punkt namentlich wendete sich eine starke Opposition in Berlin,
da auf Grund seiner in der Tat die Riesenwahlvereine Berlins, die soviel
für die Partei leisten, gegenüber sehr wenig leistenden Vereinen schlecht
davonkommen. Ein weiterer Stein des Anstoßes für einen großen Teil der
Berliner Genossen waren die Bestimmungen, gemäß deren der „Vorwärts"
Zentralorgan der Partei bleiben und vom Parteivorstand im Verein mit
der Berliner Preßkommission verwaltet werden sollte. Lind schließlich machte
sich auch von neuem Opposition gegen die Bestimmung Luft, wonach die
Reichstagsabgeordneten schon kraft ihres Reichstagsmandats auf den Kon-
gressen Sitz und Stimme haben sollten. All das ttat in den Versamm-
lungeil vom 22. August zutage, die dem Patteitag galten, wenn es auch
nicht in allen Versammlungen durchdrang. Im vierten Wahlkreis z. B.
        <pb n="174" />
        ﻿

- 163 -

erhielt der Antrag, daß der „Vorwärts" ausschließlich Organ der Berliner
Organisationen sein sollte, keine Mehrheit. Aber in den Reihen der Funk-
tionäre der Berliner Organisationen war die Mehrheit doch für diese An-
träge. Anders im übrigen Deutschland. In Jena blieben die bezeichneten
Wünsche der Berliner samt und sonders unerfüllt. Durchgängig stimmte
die Mehrheit des Kongresses den betreffenden Vorschlägen des Entwurfs
zu. In einem Teil der Berliner Versammlungen, die sich mit dem Partei-
tag befaßten, ward auf eine Polemik Bezug genommen, die gerade um jene
Zeit zwischen der Redaktion des „Vorwärts" auf der einen Seite und den
Redaktionen der „Neuen Zeit" und der „Leipziger Volkszeitung" auf der
anderen Seite spielte. Gegensätze zwischen den bezeichneten Redaktionen
bestanden schon lange und sie wurden vielfach so aufgefaßt, als ob die
Redaktion des „Vorwärts" bezw. deren Mehrheit, „revisionistisch" gesinnt
sei, während die anderen beiden Redaktionen als marxistisch bekannt waren,
und diese Gegensätze galten in vieler Augen als gleichbedeutend mit ge-
mäßigt und radikal. Der Verfasser hält im konkreten Fall diese Gegen-
überstellung für irrig, aber da sie nun einmal in Berlin vorherrschend ge-
worden war und die Mehrheit der leitenden Parteimitglieder Berlins auf
der als marxistisch-radikal bezeichneten Seite standen, ward es begreiflicher-
weise von ihnen sehr unangenehm empfunden, daß im Berliner Organ das
umgekehrte Verhältnis obwalten sollte. Nicht zum wenigsten um dieses
Amstandes willen war man neuerdings wieder aus den Gedanken zurück-
gekommen, vom Parteitag für die Berliner die volle Verfügung über den
„Vorwärts" zu fordern. Das wurde nun abgelehnt, aber in der Besetzung
der Redaktion trat nach Jena doch eine Änderung ein.

Die damit verbundenen Vorgänge spielten während der letzten Monate
des Jahres 1905 und wurden damals in sensationeller Form vor die
Öffentlichkeit gebracht. Schon in Jena hatte August Bebel am ersten
Vcrhandlungstag namens des Parteivorstandcs erklärt (ProtokollS. 187/188),
daß dieser bereit sei, mit den Berliner Parteigenossen zu beraten, wie dem
auch von ihm für unhaltbar erkannten Zustand hinsichtlich der Redaktion
des „Vorwärts" am besten abzuhelfen sei. In dieser stünden Mehrheit
und Minderheit sich sehr gereizt gegenüber, und da die Berliner Genossen
zur Redaktionsminderheit das größere Vertrauen hätten, müßte gesucht
Werden, das Mehrheitsverhältnis zu ändern.

In der Tat standen sechs Mitglieder der Redaktion, nämlich
P. Büttner, Kurt Eisner, Georg Gradnauer, Jul. Kaliski,
Wilhelm Schröder und Leinrich Wetzker auf ziemlich gespanntem
Fuß zu den anderen vier Redakteuren: Leinrich Cunow, Paul John,
Karl Leid und Leinrich Ströbel. Vor allem hatten sich die Be-
ziehungen der vier politischen Redakteure Eisner und Gradnauer einer-
seits und Cunow und Ströbel andererseits so zugespitzt, daß ein gut
kollegialisches Zusammenarbeiten kaum noch möglich erschien. Irgendwie
mußte hier Abhilfe getroffen werden.

Als der Parteitag vorüber war, fanden zu diesem Behufe zunächst
Beratungen zwischen dem Partcivorstand und den leitenden Komitees der
Berliner Parteiorganisation statt. Am zweiten Oktober 1905 fand eine
gemeinsame Sitzung statt, zu der die letzteren — die Preßkommission, die
Vertrauensleute, die Vorsitzenden der acht Wahlvereine, die Agitattons-

n-
        <pb n="175" />
        ﻿kommission für Berlin und die Provinz Brandenburg usw. — den Partei-
vorstand eingeladen hatten, um seine Vorschläge zu dieser Angelegenheit
entgegenzunehmen. Vom Parteivorstand wurde erklärt, daß er noch keine
Zeit gehabt habe, darüber zu beraten, und es fand ein vorläufiger
Meinungsaustausch statt, bei dem von Vertretern der Berliner dem Partei-
vorstand der Vorwurf gemacht wurde, er wolle die Sache anscheinend auf
die lange Bank schieben, statt sein Versprechen zu halten. Der Partei-
vorstand wies dies als unbegründet zurück, und es ward auf den 6. Oktober
eine Sitzung von Parteivorstand und Preßkommission angesetzt, die be-
stimmte Vorschläge vereinbaren sollte. In dieser Sitzung schlug der
Parteivorstand vor, zwei Mitgliedern der Redaktionsmehrheit — Büttner
und Kaliski — zu kündigen, den für radikal bekannten Genossen
A. Fülle einzustellen, die Redaktionsmitarbeit Art. Stadthagens zu
erweitern und Rosa Luxemburg als feste Mitarbeiterin für wöchentlich
zwei Leitartikel anzustellen. Den zu kündigenden Redakteuren solle ander-
weitiger Ersah geboten oder verschafft werden. Seitens der Preßkommission
ward diese Änderung für ungenügend erklärt. Es sollten außer Büttner,
dem die früher von ihm innegehabte Stelle als Korrektor anzubieten sei,
zwei der stärker am Konflikt beteiligten Mitgliedern der Mehrheit gekündigt
werden, und zwar schlug man hierfür Georg Gradnauer und Heinrich
Wetzker vor. Der Parteivorstand konnte sich dem nicht gleich anschließen,
und es kam daher an jenem Abend noch zu keinem bestimmten Beschluß.
Dem Wunsch der Redaktionsmehrheit, zu den Beratungen hinzugezogen
zu werden, ward nicht entsprochen, sondern beschlossen, so lange die Be-
ratungen auf die Mitglieder der Komitees zu beschränken, bis diese sich
über die Hauptpunkte der zu treffenden Änderungen einig geworden seien.

Dieser letztere Beschluß führte zu einem Konflikt, der alsbald in die
Öffentlichkeit getragen wurde. Ehe die Vorbesprechungen noch zu Ende
waren, erneuerte die Redaktionsmehrheit das Verlangen, daß man sie zu
den Besprechungen hinzuziehe, und auf den ablehnenden Bescheid erfolgte
ein gereizter schriftlicher Meinungsaustausch darüber, ob die Redakteure
statutengemäß zu diesem Verlangen berechtigt seien oder nicht. Während
er spielte, ward — am 20. Oktober — vom Parteivorstand und den
Berliner Komitees der Beschluß gefaßt, einfach der ganzen Vorwärts-
redaktion zu kiindigen, den Gekündigten anheimzustellen, sich um Wieder-
anstellung zu bewerben, und dann unter den Bewerbern Auslese zu treffen.
Den sechs Redakteuren aber — die anderen vier hatten sich dem Ver-
langen nicht angeschlossen — ward eröffnet, daß ein Rechtsanspruch, zu
den Beratungen der Komitees hinzugezogen zu werden, für sie nicht be-
stehe und sie sich daher vorläufig zu bescheiden hätten. Zn der Erregung
über diesen Bescheid reichten sie am Abend des 21. Oktober kollektiv selbst
ihre Kündigung ein und machten diesen Schritt im politischen Teil der
am folgenden Tag — einen Sonntag — herauskommenden Nummer des
„Vorwärts" bekannt. Dies steigerte die gereizte Stimmung auf der Gegen-
seite, und am 23. Oktober beschlossen Parteivorstand und Berliner
Komitees in einer Vollsitzung nach längerer Debatte mit allen gegen acht
Stimmen, die Kündigung kurzerhand zu akzeptieren. Nun folgende Aus-
einandersetzungen im „Vorwärts" hatten das Resultat, daß der Partei-
vorstand und die Preßkommission am Sonnabend, den 28. Oktober, abends.
        <pb n="176" />
        ﻿165

78. Titelseite der den Delegierten zum Berliner Parteitag 1892 gewidmeten

Festzeitung

den sechs Redakteuren die Mitteilung zugehen ließ, daß auf ihre lveitere
Tätigkeit in der Redaktion verzichtet werde und das noch bis zum Ablauf
des Kündigungstermins ihnen zukommende Gehalt zu ihrer Verfügung
stehe. Diese Mitteilung erschien in der Nummer des „Vorwärts" vom
29. Oktober zugleich mit der Kundgabe, daß die Genossen Lans Block,
Georg Davidsohn und Wilh. Düwell zunächst in die Redaktion ein-
getreten seien. Im „Vorwärts" vom 31. Oktober veröffentlichten der Partei-
vorstand und die Berliner Preßkommission eine längere Erklärung, in der
sie die Gründe ihres Vorgehens genauer darlegten und die Vorhalte
zurückwiesen, welche die sechs nun ausgeschiedenen Redakteure in einer »n
        <pb n="177" />
        ﻿166

„Vorwärts" vom 26. Oktober veröffentlichten Erklärung gegen sie erhoben
hatten. Die nun folgenden Nummern des „Vorwärts" brachten noch Er-
klärungen und Berichtigungen einzelner der Beteiligten, die lediglich die
gereizte Stimmung illustrieren, in der Äußerungen hinüber und herüber,
wie stets bei solchen Konflikten, falsch aufgefaßt oder gedeutet wurden.

Es braucht kaum erst gesagt zu werden, daß diese Vorkommnisse das
größte Aufsehen machten und in den Berliner Parteimitgliedschaften lebhhaft
besprochen wurden. Dabei wendete sich das allgemeine Arteil in der Partei
gegen die sechs entlassenen Redakteure. Daß sie ihre Kollektiv-Kündigung
kurzerhand der Öffentlichkeit übergeben hatten, ward als ein grober Verstoß
gegen die Rücksichten betrachtet, die sie der Partei schuldeten, ja, als ein
verwerflicher Disziplinbruch, der die später gegen sie ergriffenen Maßregeln
rechtfertigte, und in der Tat muß dieser Schritt, so begreiflich er dem
Psychologen ist, als eine arge Verfehlung bezeichnet werden. Von seiten
der Parteiinstanzen ist später festgestellt worden, daß bei ihnen die Absicht
bestand, nach Erledigung der unter ihnen gepflogenen Vorbesprechungen auch
mit den Redakteuren zu konferieren, und daß die Ausführung dieser Ab-
sicht nur durch die Schritte dieser vereitelt worden sei. Soweit wären die
Instanzen denn auch in ihrem Recht gewesen. Es ist aber klar, daß, wenn man
dies den Redakteuren von Anfang an auseinandergesetzt hätte, es bei diesen
schwerlich zu der Erregung gekommen wäre, die sie zu jenem Schritt trieb.

Aber Konflikte dieser Art spielen sich selten ab, ohne daß auf beiden
Seiten Verstöße begangen werden. Sogar die formale Korrektheit kann
dort, wo menschlich-kollegiale Beziehungen in Frage kommen, materielles
Anrecht werden. Für den nicht sehr genau und direkt Anlerrichteten wird
es dann immer schwer sein, ein völlig zutreffendes Arteil über Recht und
Anrecht zu gewinnen. And in dieser Lage befand sich damals die große
Masse der Berliner Parteimitglieder. Daher mochten selbst von den-
jenigen, die das Vorgehen gegen die sechs Redakteure für zu scharf hielten,
nur wenige bis zu einem formellen Protest gehen, eben weil man auch das Ver-
halten der Redakteure nicht billigen konnte. So blieb es bei einigen ganz ver-
einzelten Kundgebungen, wie einer Protestäußerung einer am 29. Oktober
stattgefundenen Generalversammlung des Zentralwahlvercins des Kreises
Teltow - Beeskow - Charlottenburg und einer ähnlichen Erklärung Berliner
Mitglieder des Vereins Arbeiterpresse. Die übergroße Mehrheit der Partei-
mitglieder Groß-Berlins bedauerte die Form der Lösung des Konflikts,
nahm aber diese selbst um so eher als unvermeidlich gewordene Tatsache
hin, als ja nun der innere Gegensatz in der Redaktion des „Vorwärts"
gehoben war. Die neueingestellten Redakteure nahmen zu den Parteifragen
die gleiche Stellung ein, wie die zurückgebliebenen. Ein sympathisches
Moment bei dem Konflikt war das offensichtliche Bestreben der beteiligten
Parteiinstanzen, jede ökonomische Schädigung irgendeines der sechs Re-
dakteure zu vermeiden. Von vornherein handelte es sich eben um eine
rein politische Maßnahme, die nichts von einer Maßregelung an sich
haben sollte. Eine von Georg Gradnauer im Namen der secks ausge-
schiedenen Redakteure im „Vorwärts" vom 10. Dezember 1905 veröffent-
lichte Erklärung führt aus, daß es diesen ferngelegen habe und fernliege,
die subjektiv guten Absichten des Parteivorstandes und der Preßkommission
in Zweifel zu stellen.
        <pb n="178" />
        ﻿Wvcmöenbuvger JerLung.  »M«it fit G u&gt; «tsthM-ck  Ruppiu, Tempil« r-ud angrenzende Kreise.  »«SS-*	Organ für dir	"3S{iS‘  Sarfe	Interessen der arbeitenden Klassen	LL.'L'tLLPL  uiKTj? s	—-	wk- .sH.  S:t Liefern^ durch den vri-ftri^c	Für die Aedaktion »eronlwortlich: F. Ewald. Druck und Verlag: F. Ewald in vrandenbmg c. H.	«.-kk-mezeile 25 Pf.  &lt;*’« Hau«.	frtcbflllion und Sxpedill-n: El. «nnenslraße SÄ. - Expedition in Ralhinow: H. Kaymllng, Sl. Baustraße &gt;5.		
itr. I.	vounnstaa, den 1. Januar 1891.	5. Zahrg.		
Des Ncujahrsiages wegen erscheint die nächste Nummer dieser Zeitung am Freitag Mend.  Abonnements Einladung.  Vom I. Januar ob erschein! die „Brandenburger Heilung". sowie da« „Raihenowcr VollLblalt" unter dem gemeinsamen Titel „Brandenburger Zeitung. Voll«blr.t&gt; kür Ost. und Wcsthivelland, Ruppln. Tcmplin und an- grenzende Kreise" in bedeutend vergrößertem Formal. Unsere Zeitung will dem Volle ein gewlffeuhaster Führer sei» in dem lobenden Kampse der PaNeien. Sie wird nur da« eine Ziel in, Auge haben: mit alle» zu Gebote stehenden gesetzliche» Mitteln dir Bcsrcimia der Arbeiter an« den FZscln de« Kapiiallsmu» zu erwirken. Sie wird ein Hort für nde Bedrängten, eine Waffe gegen olle Unlcrdrückcr 'seiiit sie wird stet» zu finden sein aus der Seite, die für Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit kämpft. Sie wird außer belehrenden Leitartikeln eine umfangreiche Politische Uebersicht, sowie Sozialpolitische« bringen: ebenso werden wir ein spannende» Feuilleton au« der Feder eine« berühmten Schriftsteller«, Lokale» und Vermischte» bringen, sodaß auch die Frauen bedacht sein werden.  Wir eröffne» vom I. Januar ab ein neue» Abonneinenl zuul Preise von 9)1. 1.75 vierreljährllch frei in'« Hnu«. inonailich M. 0,60, durch die Post bezogen 9)1. 1,90, beim Abholen an» unserer Expedition vierteljährlich M. 1,50 oder monollich M. 0.50.  Unsere Zeitung dars in keinem Haushalt fehlen, darum aus! tkue Jeder seine Schuldigkeit.  Die Redaktion und Expedition.	Wer'denkt an ihn noch, wer noch fragt:  Wa« niag di« Meinung Bitmarck'ä sein?  Und wär er auch vom An» gejagt,  Sein Wort'könnt' doch Bcwicht noch leih'n.  Roch ruht er nicht in seinem Grab, - Doch Mehr tt» todt' ist .•« verschollen - Wer gieb! mit ihn, sichjetzt noch ab,  Mag er nun grollen oder schmollen.  „Fn seine» Nicht« durchbohreudcm Gefühl'  Wie klein, wie Ileinlich er sich zeigt!  Kaum für den Spott ein würdig Ziel —  Man zuckt die Achseln und man schweigt.  Unb'bit Partei, die so verhaßte.  Die Jener z» vernichten glaubt'.  Die er mit Acht und Ban,r"umsaßie.  Wie hebt sie heut stolz ihr. Haupt'  Un« trägt nicht eure'Emzelwelle  Empor wie leichten Meereischaum.  Die jetzt im Glanz empor sich schwelle.  Und die im Nu verschlingt der Raum.  Wir ivuneln lies aus feilem Grunde.  Wir wachsen in dem ®hmu der Zeiten.  Und Well' aits Welle, Stund auf Slundi  Wird.machtlo» über un» hingleiten.  Wir sind die Men schwer», unvcrzag!  Führt un« ihr Geist pu n«uen Siegen - Wer gegen sie zu kämplcn wag«.  Ob früh. ob spat, muß uniciliczen.  Mag tu dem Strom der Zellen' schwinden  Nun da« vergangene F»hr dahin.  Da« arnc wird bereit »n« finden  Zu neuem Kamps mit mulh'gem Wntl.	Unwiffensteil und Sklave! zu erhallen, sic politisch und ökonomisch aurznbeulcn — nach dem Griindsatzc de« „Theile und-herrsche!" die Klaffet! mit eiiianbrr zu verhetzen, io würde sich Jeder entsetzt »o» ihnen adioenden oder vielmelti sich berufen fühlen, solche» Feindest der Menschheit nnd der Menschstchkcis gründlichst da« Handwerk zu lege». Allein die „umwälzenden Elcnicnte" werfen einen Schafspelz über  Ihr Wolk»sell — sie- neunen sich Freunde der Ordnung, Vertheidiger der Zivilisation »nd bezeichnen — mit dem bekannte» Diebskniff — Diesctiigen al» „Umstürzler", welche ihrem gemeingefährlichen Treiben entgegentreten.  - In Frankreich ist soeben von dein Hexenkel der „»m- ivülzenden Elemente" der Deckel abgehoben loorde» und wir sehen da« lichtscheue Gesindel „an der Arbeit" — wie Bienen'in einem gläsernen, Gebän«.  Schatten wir hin!	.  Frankreich hnt eine Regierung, welche non Ott Mehr- hei, m französische» Volle» an die Splde de« Siaal» ge. stell, worden ist - die legitimste - versaffung». und gesctz- niäßigste Negierung, die 'ich denken läßt —, eine Negierung. nelAe da« hohe Verdienst hat. dir ..umwälzenden TIemenIc zwei Jahrzehnte lang in, Za»», gehalten und den inneren und äußeren Frieden im« Jahrzehnte lang beivahr! zu haben Allein da« gerade hat den Haß der „umwälzenden Elemente" erreg,. Sie schloffen sich. «ratz gegenseitige! Abneigung, scsi aneinander »nd bildeten eine Perschwärung. zum Umsturz der Slank»ocd»»»g: sie suchten sich eine, in allen Lastern crsahrenc, mit allen Hunden gchetzle „katili. narische Eristenz" au», und gaben diesen, Verworfenen Millionen über MiNIonen, aus daß er sein Amt in der Regierung dazu mißbrauche, uN, die Veste der otaot«. ocdnung ihren Feinden z» übersteseni, «Ine „blniigc Revo- lution" durchzusühren ' nd Frankreich in vie unsagbaren Schreckniffe de» Büigerkriea» und elneaDclllricgkzu stürzen.  Eine schuftigere Verschwörung ist nie angezettelt, ein scheußlichere» Attentat aus die Staat«, «nd GesellschaslSard. nunfl nicmal« geplant worden.  Und die Verschwörer? Waren c« Sozialdemokraten?  Mit Nichten!  E« waren Legllimlsten. Orlcaniste», Bonnparllstr», Klerikale — Junker. Bourgrola »nd Pfaffen!  Da« ist da» saubere Kleeblatt. Kein Leugnen möglich : die Boitloiiger.Eiilhüllungrii erlaube» nicht, den lcisestrn Zweisei Die Verbrecher sind übcrsührt. aus frischer That  Und die »äiiiliche» „umwälzenden Elemente", die soeben in Frankreich diese schmachvolle Rolle gespielt hoben, sind auch in ollcu Übrigen Kulturländer» thätig.  Neulich laffeii wir in den Zeitungen, wie die Tessiner Bourgevi» die Regierung ihre» Lande» umgestürzt haben — und jeden Tag lesen wir in den Zeiltingen, wie unsere deut- sche Bourgeoisie gegen die Politik der kaiserlichen Erlaffc" konspirirt und rebellin »nd durch ihre Habsucht »nd Eng-
Prosit Nklljohr!  Äii des Zahns Wendr.  Ein ?oh&gt; ist »ine kurze Frist,  Eine Welle in dem Aber der Zen.  Di» nur zu bald verschlungen ist  Pom Ozean der Ewigkeit.  Wie viel doch birgt der kurze Raum.  Wo« faßle nicht ba« einz'ge Fahr'  Wa« zu Beginn man ahnic kaum.  Stellt heut' stch als vcrgauge» dar  Der „große" Mann, den zu Beginn  De» Fahre» nian noch so bewundert.  Und de» die Schmeichelei stelll' hin  Al« Herkule« seine» Fahrhunderl« -		
	Gegen die ninwälrende« Elemente  mit ollem Nachdnick vorzugehen, ist um so nothwendiger, al» sie setzt eine wahrhast dämonische Rührlgleit einwickeln und Himmel und Hölle (namentlich die letztere) ln Bewegung setze», »in die Ziele ihre» geinetngesäbrlichcii Streben« und Thun» zu erreichen. Die Gefahr, in welche die bürgerliche Gesellschaft und die ganze Zivililalion durch diese „um- wälzenden Elcmenie" gebrachl wird, ist hauptsächlich deshalb so groß. weil dieselben mit wahrhast lcuffischer Geschicklich- keit ihre wahre Natur verbergen und ifuxni abschreckend häßlichen Antlitz eine gleißende Marie vorgehängt haben, durch welche sich Leichtgläubige leichl belhören taffen  In. sagten diese Deniagogen und Anarchisten, &gt;va» sie »'ollen - iaglcn sic, daß ihr Dichten und Trachte,t daraus gerichtet sei, die Maffe ihrer Mitmensche» in Abhängigkeit.	
Dir Schlange im Paradies.  Roman In zwei Binden von Nr. Leopold Ritter von Eacher-Masoch. ä?I	(Fortsetzung.)  E« war ziemlich dunkel ous der Bühne, al« sie au« der Garderobe zurückkehrte. in einem dünnen Mäntelchen und mit einem Schleier, der verschiedene kleine Riffe hatte, vor dem hübschen, frischen Gesicht. Da» Halbllch, mochte Kami unter, neymend.  .Werden Sie sich nicht erkälten, niein Fräulein?* begann St zärtlich.  „0, nein, ich bin gar nicht verwöhnt."  „Aber Sie erlauben doch. daß Ich Ihnen einen Pelz zu Füßen lege?"  „Gewiß, aber jetzt gehen wir sonpiren, ich bin hungrig." Sie »ahm seinen Arm und geleitete ihn di: kleine, stille Treppe hinab.  „Ich denke, wir essen zusammen ein Bralhnh» mit Compol." logte sie.  „Und lriickeu eine Flasche Champagner."  Sie blickte ihn vergnüg! an. „Ich sehe, daß ich c« niii einem Cavaiier zu thun habe."	  Sergiu« -zeigte sich erst. al« Zenobia da« Theater verließ.  .Wo ist Nalalja f fragte er, „Ich habe sic nicht gesehen."  „Sie ist zu Hause gebliebru."  ^Natürlich allein." mvlderle Zenobio „Derllebie lieben die Einsamkeit, und Ich glaube, sic liebt Sic."  Sergiu» schwieg.  „Me unglücklich Sic aittschen!" spottete Zenobia, „kommen Sii, ich will versuchen, Sie zu trösten." Sic nahm seine» Arm.  Man souvirle zusammen Im Hotel de l'Enropc und kehr! dann im Schlitten zurück. Die Nach! war kalt. ober ruhig und sternenklar.  Zcuobla subr mit Eerain«. Ex sah aber neben ihr wie ei» Alaun au« Stein.  Am tolgende» Vormittag fand sich Karol mit einem großen Vougnei in der Wohnung der Schauspieler!» ein.  »Wir wollen jetztj den Pelz kauscn," begann er schüchiern.	„Sie erlauben e» mi, doch? Ich babe aus dem Theaterzettel gelehen," fuhr er etwa) kühne, kork. „Sie spielen heute nicht"  „Nein. ich bin frei"  Durste ich e« wagen, wenn Eie nicht» Andere« vorhaben ich bitte Sie. meine Einladung nicht ungnädig aufzunehmen."  „Wozu so viele Worte.'  'Wenn e« Ihnen Vergnügen macht"  »Natürlich Ich freue mich daraus."  Fräulein Jaru»kow«ka vollendete ihre Toilette »nd ging dann Arm in Aim mit dem stiahlcnden Karol In die Stadt. Ei führte sic zueis« zu einem jttdische» Kürschner, wo sie ein-» Pel, von schwarzem Sammt mit gilt« wählte und gleich anbc- hielt, dann zu einer dinrel.naan ck« blocke«, bei der er ihr'einen goldgestickten Baschttl verehrte, und schließlich zum Zuckerbäcker. Hier bewirthete er sic mit FIcischpastrIchen »nd Liqucur. Dann ginge» sic in bester Stimmung i» das Cinicbrhau«. in dein seine Dlerde stauben, und Koiol befahl, einzuspannen.  C« währte nicht zehn Minuten, suhr der, Schlitten vor, Karol hob Fräulein Jar»»k°w«ka hinein, hüllte sic lorgsani In die warmen Felle und saß ,etzt an Ihre, Seile mit" der Miene »ine« siegreichen Feldherrn, der In da« jubelnde Rom einzieht Die Heine Schauipiclrrin drückte seinen ?lrn, I» aufrichtiger Glückseligkeit, de. Tag war so schön, die Sonne leuchtete so srcundltch, der Schnee siimmcite wie ein M-e- von kleinen Dia- Manien, und sic da»- sich sei, langer Zeit wieder einmal sät, gegeisin »nd konnte sich zum ersten Male in ihrem Leben in einen warmen Pelz schmiegen. Da« »Ne« war so hübsch  Sie sah Karol von der Seite an, dann ergriff sic plötzlich die Zügel und sang mit lavier, scöhlicher Stimme da« Lwd von der Tcojka')  32. Allein za Hanse.  „Tie Heimalh. da« gute Daterhaii« ist preisgegeben »nd verloren."  Bdoibm Slister.  Indeß war Nalolia in dem großen, stillen Hause allein. Sie freute sich.der Einsamkeit, ste konnte endlich ivicdcr einnwl beim Fenster sitzen, träume», ihre» Gedanken nachhänge,,. Er toaren keine srühlichcn Bilder, die bei Ihr einkehrten. Sic halte  ') Da» Dretg'ipami -- lussifcheo Bollälstd.	stch In den Stithl zurückgelehnt und ihre Hände in den Schoost gefaltet. Aus ihrem schönen Antlitz lag eine teile Trauer, eine schmerzliche Hoffnungkloflgle!!. Ihr sestgeschloffener Mund trotzte noch. aber die großen, blauen Auge» schwömme» in einem sanften, elegischen Lichte. Draußen lag der Schnee, er bedeckte Erde und Dächer. Bäume und Büsche mit seinem richlgen weißeii Glanz  An den Scheiben blühten die Wunderblumen de» Winter«. Der  Wind strich über Hügel und Fläche, eine große, selerl-chc Melodie zog aus feinen Schwingen einher, der ferne Elchcni^ld brauste mächtig "&gt;il seinen cuttaubicu Riesenkroncn. d,c Bäume de» Garten« stimmten ml, ein. und die Nclnen Sträucher erklangen.  »I« wären sic ml, gausend »ledlsche» Schellen behängen.  Oben sang die Wetterfahne, und im halbdunklen Semach« gab der alte. grüne Kachelofen verdrießliche Antwort.	,  Zwei irrende Lichter zeiglcn sich hinlrr der Scheuer, die  Augen eine« Wolsc«. der den Edelhos umschlich und wieder ver- schwand. al« die riesigen Hunde wüthend zu bellen begannen.  Im gauzen Hanse herrschte jetzt wieder Duiiliiheil und  Stille. Keine Lampe brannte, kein Licht, nur da« Feuer im  Ojen. Man Höne lange nicht« al» da« Tick-Tack der massiven Siockuhr, da« heute ebenso gravitätisch zu hören war. al» zur  Zc!,. wo hier bezopste Herren und Damen mit gepudertem Haar ein- und auLaingen.	,,	,,	.  An solchen langen, stillen Wiiilerabende» ist e«. «•» draußen Alle» todt wäre »nb innerhalb der grauen Mauern w »  Todte beseelt und gesprächig würde. CE« ist dann unhetmtni. in die dunkle Flucht der Zimmer hineinzublicken »nd&gt; og«r W Wchste und «oblbekannlcste wird un» für Augenblicke,rcm° und säst schauerlich. Alle Gegenstände, die un« &gt;'"'3$™' " scheinen größer und in die Ferne gerückt, so daß sich in Säle. Säle In düstere Dame verwandeln. Alt«^Zeilen werden lebendig, die Geister der B-bst-rb-t:en scheinen !le.se *«.«■» zu wandeln, flüsternd« Stimmen sind in der Lust. un diiicklcn Winkeln lchclnc» ?lngen aus «y« gerichted	. ^  Nalalja erlchauer.e leise, aber Ux\Irfl"#;, *“« ' der alten Uhr sprach ibrMnth i*. #•»» ^,&gt;5 »nd mit dem letzten Schlag zog l-&gt;cht und &gt;r,	herüber:  hübsche Melodie Weber« durch dw off-»-T&gt;M"	^öbet  „Einsam bin lck, nicht allein^. Dann deg -	(&lt;[ne heKe.  zu krachen, und da« Hc.mchin erhob im vemauc. ,

79. Titelseite der Brandenburger Zeitung
        <pb n="179" />
        ﻿168

Mit viel weniger Reibung als die Änderung in der Besetzung der
Redaktion des „Vorwärts" vollzog sich Ende 1905 eine bedeutungsvolle
Änderung in der Organisation der Sozialdemokratie Groß-Berlins, nämlich
die Zusammenfassung seiner Wahlvereine in einen großen einheitlich
geleiteten Verband. Auch gegen sie gab es hier und dort Opposition,
aber sie war unpersönlich und trat nirgends störend hervor.

Noch ehe der Vorwärtskonflikt zum Ausbruch gekommen war, hatte
am 15. Oktober 1905 in Berlin die Parteikonferenz für Berlin und die
Provinz Brandenburg getagt. Außer der Entgegennahme des Jahres-
berichts, der in allen Rubriken gute Fortschritte verzeichnen konnte, und der
Erledigung sonstiger laufender Geschäfte, galten seine Beratungen wiederum
der Organisationsfrage. Ein Statutenentwurf, den die von der vorjährigen
Konferenz eingesetzte Kommission ausgearbeitet hatte, fand im Prinzip Zu-
stimmung, mittlerweile hatte aber der Jenaer Parteitag dadurch eine neue
Situation geschaffen, daß das von ihm beschlossene Statut der Gesamtpartei
die Bildung von ganzen Bezirks- oder Provinzialverbänden vorschrieb.
Demgemäß wurde beschlossen, der Agitationskommission den vorgelegten
Entwurf und die auf ihn bezüglichen Anträge als Material zu überweisen
und sie im übrigen zu beauftragen, sich mit den Vertretern der verschiedenen
Wahlkreise der Provinz über die Einzelheiten des Statuts für den zu
gründenden Verband zu verständigen.

Am dieselbe Zeit wurde in Berlin und seinen Nachbarwahlkreisen die von
einigen Genossen seit längerer Zeit erstrebte Bildung des Verbandes Groß-
Berlin in Konferenzen der Vorstände und Vertrauenspersonen eingehend be-
raten. Wie schon an anderer Stelle bemerkt, stieß der Gedanke bei einen»
Teil der Parteimitglieder auf Gegnerschaft, die hauptsächlich in der Furcht
wurzelte, daß die Zentralisation das selbständige Leben der einzelnen Wahl-
kreise beeinträchtigen werde. Es fanden darüber lebhafte Auseinandersetzungen
in den einzelnen Wahlkreisen statt, die Einwände schlugen jedoch bei der großen
Mehrheit der Vertrauenspersonen nicht durch. In 20 Sitzungen ward von einer
zu diesem Zweck eingesetzten Spezialkommission der Statutenentwurf des zu
gründenden Verbandes Punkt für Punkt sorgfältig durchberaten und der
so zustande gekommene Entwurf ward dann den Wahlvereinen der einzelnen
Wahlkreise zur Durchberatung vorgelegt. Nachdem diese erfolgt war, ward
auf den 17. Dezember eine Delegiertenversammlung für Groß-Berlin ein-
berufen, die endgültig über die Gründung des Verbandes Beschluß fassen sollte.
Nach dem Entwurf, dessen Behandlung in den Wahlvereinen gezeigt hatte,
daß seine Annahme in der Laupsache im voraus als sicher zu betrachten war,
sollte der Verband föderativ aus den Wahlvereinen der acht Neichstagswahl-
kreise von Groß-Berlin derart aufgebaut werden, daß für jeden Wahlkreis
ein Kreiswahlverein die Grundeinheit zu bilden hatte. Am dieser Vorschrift
Genüge leisten zu können, wurde im Kreise Niederbarnim am 3. Dezember
1905 von einer Delegiertenversammlung dieses Kreises die Gründung eines
Kreiswahlvereins an Stelle der bisherigen Föderation der Bezirksverbändc
beschlossen, und ebenso vollzogen am 15. Dezember die beiden Wahlvereine
Berlin IV Ost und Südost ihre Vereinigung zu einem Wahlverein des
vierten Berliner Reichstagswahlkreises.

Nachdem so die Grundlage für den zu schaffenden Verband hergestellt
war, fand am 17. Dezember 1905 im großen Germaniasaal in der Chaussee-
        <pb n="180" />
        ﻿169

straße die konstituierende Delegiertenversammlung statt. Leopold Liep-
mann hielt das einleitende Referat, das in großen Amrissen die geschicht-
liche Entwicklung der Organisation der Sozialdemokratie Berlins vorführte
und die Gründe für die geplante neue Form auseinandersetzte. Dann folgte
die Beratung des Statutenentwurfs, dessen einzelne Paragraphen meist
ohne Widerspruch angenommen wurden. Nur bei einigen wenigen Punkten,
wie z. B. bei dem Satz, der von der Lerausgabe eines Mitteilungsblattes
des Verbandes handelt, wurden Einwände erhoben, die aber von der
großen Mehrheit der Delegierten nicht für triftig erachtet wurden, und nach
erledigter Einzelberatung ward das Statut als Ganzes einstimmig ange-
nommen. Einstimmig wurden bei der Wahl der ersten Beamten Eugen
Ernst zum ersten Vorsitzenden, Leopold Liepmann zum ersten Schrift-
führer und mit Mehrheit Emil Böske zum ersten Kassierer gewählt.
Dann richtete nach erfolgter Konstituierung des Vorstandes Paul Singer
im Namen des Parteivorstandes der deutschen Sozialdemokratie eine An-
sprache an die Anwesenden, die ihnen seinen und seiner Kollegen warm
empfundenen Glückwunsch zu der geschaffenen Organisation ausdrückte. —
Mit einem stürmischen Loch auf die Partei und den Verband und dem
Absingen der Arbeitermarseillaise schloß diese bedeutungsvolle Konferenz
der Sozialdemokratie Berlins. Sie hat ein Verfassungswerk zum Abschluß
gebracht, durch welches die organisatorische Leistungsfähigkeit und Schlag-
fertigkeit der Partei in der Reichshauptstadt auf eine bis dahin unerreichte
Löhe gesteigert werden konnte.
        <pb n="181" />
        ﻿Fünftes Kapitel.

Die bedeutsamsten Demonstrationsversamm-
lungen der Berliner Arbeiterschaft.

3u allen Ereignissen und Erscheinungen des öffentlichen Lebens Stellung
zu nehmen, die für die politischen, wirtschaftlichen und allgemein
sozialen Verhältnisse der von ihr vertretenen Volkselemente von
größerer Bedeutung sind, ist Aufgabe und zugleich das lebhaft empfundene
Bedürfnis jeder entwickelungskräftigen Partei. Eine Riesenliste von De-
monstrationsversammlungen der sozialistischen Arbeiter Berlins, die in unseren
Zeitabschnitt entfallen, veranschaulicht dies aufs deutlichste. Sobald eine
Frage von Bedeutung für Wohlstand und Recht der arbeitenden Klaffen
auftaucht, finden wir auch die sozialdemokratische Bevölkerung der Haupt-
stadt auf dem Plan, ihr Arteil und ihre Forderungen bezüglich ihrer kund-
zugeben — zu ihr „Stellung zu nehmen", wie man es in der Arbeiterschaft
gern bezeichnet.

Es verbietet sich aus verschiedenen Gründen, alle diese Kundgebungen
einzeln hier aufzuzählen und auf die Einzelheiten derer einzugehen, die zu
erwähnen sind. Ihre Zahl ist zu groß und sie sind in ihrem formalen
Verlauf nicht unterschieden genug, als daß eine wahllose Aneinander-
reihung aller mit Beschreibungen ihres Verlaufs nicht ermüdend wirken
müßte, statt den Eindruck hervorzurufen, der ihrem charakteristischen Grund-
zug entspricht: das Bild kraftvoller Lebensregung. Ebenso würde aber
auch eine bloß summarische Zusammenstellung abschwächend wirken. Zahlen
sind blutlos und können daher allein das Leben nicht widerspiegeln. Wir
werden also auch hier einen Mittelweg gehen und mit einer gewissen Aus-
wahl die wichtigsten Kundgebungen in gegliederter Zusammenstellung und
kurzgefaßter Kennzeichnung ihrer Natur vor uns vorüberziehen lassen, ohne
auf die Reden Bezug zu nehmen, die bei diesen Demonstrationen gehalten
wurden, so glänzende oratorische Leistungen darunter zu verzeichnen wären.
Aber jede Auswahl ist in Gefahr, parteiisch und damit ungerecht zu werde».
„Alle oder keine" hieß es hier, und so konnte die Entscheidung nur auf
„keine" lauten.

Im allgemeinen sind dabei zwei Arten von Demonstrationen zu unter-
scheiden: regelmäßig wiederkehrende und Gelegenheits-Demonstrationen. Zu
den ersteren gehören die Feier des Maitages der Arbeit und die Demon-
strationen am 18. März, zu denen bis gegen Schluß unserer Epoche auch
        <pb n="182" />
        ﻿171

noch die Feier des Todes-
tages Ferdinand Lassalles
trat. Die letzteren knüpfen
meist an größere Notstände,

Lohn- und andere wirt-
schaftliche Kämpfe der Ar-
beiterschaft, Maßnahmen
der Staats- und Kommu-
nalbehörden an oder beziehen
sich auf für dringend er-
achtete Forderungen an Ge-
setzgebung und -Verwaltung,
auf einschneidende Gesetzes-
vorlagen, Fragen der aus-
wältigen Politik, auf be-
sondere Jubiläen der Ar-
beiterbewegung und sonstige
wichtig erscheinende Ereig-
nisse verschiedener Natur.

Kundgabe des Protestes,

Betonung von Forderungen
und die Bekräftigung von
Grundsätzen, das ist, zu-
sammengefaßt, der Zweck
der überwiegenden Mehrheit
unserer Demonstrationen.

1.	Demonstrationen in Sachen der Gesetzgebung.

Die erste größere Demonstration, die in Berlin unter dem gemeinen
Recht abgehalten wurde, fand am 5. November 1890 statt und galt dem
Protest der Mitglieder freier Äilfskassen gegen einen von der Regierung
eingebrachten Entwurf zur Abänderung des Krankenversicherungsgesetzes,
der, wenn nicht die Existenz, so doch die Entwickelung der freien Pilfskassen
stark zu bedrohen schien. Da die sozialdemokratische Arbeiterschaft damals
den Ortskrankenkassen meist noch mit ziemlichem Mißtrauen gegenüberstand,
mußten ihr die erhöhten Verpflichtungen, welche nach jener Regierungs-
vorlage den freien Lilfskassen auferlegt werden sollten, selbst wenn sie
sachlich zu rechtfertigen waren, als verwerflich erscheinen, denn die
sozialistische Arbeiterschaft hat zu aller Zeit ihre Anabhängigkeit höher ein-
geschätzt als bloße materielle Verbesserungen. Dies zum Ausdruck zu bringen,
war der Hauptzweck jener Demonstration.

Sie eröffnete die Reihe derjenigen Kundgebungen, die direkt auf Vor-
lagen, Aufgaben und Maßnahmen der Gesetzgebung sich beziehen.
Bleiben wir daher zunächst bei dieser Gruppe.

Zu einer ganzen Reihe von Protestdemonstrationen gegen eine Gesetz-
gebungsvorlage gab im Anfang 1892 der Schulgesetzentwurf des
preußischen Kultusministers von Zedlitz-Trühschler Anlaß, der die Volks-
schule vollständig verpfaffen wollte. Gegen dieses reaktionäre Machwerk,
wonach unter anderen die Errichtung neuer Simultanschulen direkt verboten.

80. Titelseite einer Broschüre über den
Arbeitslosenprozeß
        <pb n="183" />
        ﻿dagegen den Behörden die Beseitigung bestehender Simultanschulen
erleichtert werden sollte, legte am 27. Januar 1892 eine große Berliner
Volksversammlung geharnischten Protest ein, und weitere Protestversamm-
lungen der Berliner Arbeiterschaft folgten in den nächsten Tagen. Der
Sturm, der auch die bürgerlich-liberalen Kreise der Bevölkerung und einen
Teil der Bureaukratie erfaßte, war so stark, daß der Zedlitzsche Entwurf
zurückgezogen werden mußte, und mit ihm verschwand auch sein Arhebcr
aus dem Ministerium, um fortan als Oberpräsident in der höheren Ver-
waltung für seine Ideen zu wirken.

Gegen Ende 1892, am 7. Dezember, protestierte die sozialdemokratische
Arbeiterschaft Berlins in neun großen Volksversammlungen gegen die
Militärvorlage des Grafen Caprivi, die zwar die zweijährige Dienst-
zeit für die Fußtruppen, zugleich aber auch eine bedeutende Erhöhung der
Friedenspräsenzstärke des Leeres vorsah und um derentwillen, da das
Zentrum und die Freisinnigen nicht alles bewilligen wollten, was die
Vorlage verlangte, der Reichstag am 6. Mai 1893 aufgelöst wurde.

Für die absolute Ablehnung der Vorlage durch die Sozialdemokratie
war neben ihrer grundsätzlichen Stellung zum Militarismus auch der
Llmstand maßgebend, daß nach der Steuerpraxis der Rcichstagsmehrheit
die bedeutenden Mehrkosten der Militärvorlage durch indirekte Steuem
anfzubringen waren. Unter anderem drangen Mitteilungen über eine in
Aussicht genommene Erhöhung der Biersteuer in die Öffentlichkeit, und
gegen diesen Plan protestierte am 11. Dezember 1892 eine große Ver-
sammlung der Böttcher und Brauer Berlins. Man ließ ihn übrigens
bis auf weiteres wieder fallen. Dafür tauchte, nachdem der neugewählte
Reichstag die Leeresvermehrung bewilligt hatte, in der Wintersession 1893/94
neben anderen Steuerprojekten das Projekt einer Erhöhung der Tabak-
steuer in greifbarer Gestalt auf, und wollte, trotzdem es in fast allen
Parteien Gegner fand, für eine ganze Weile nicht das Feld räumen. Am

7.	Oktober 1894 protestierten in fünf großen Versammlungen die Tabak-
arbeiter Berlins gegen die Bedrohung ihrer Industrie.

Latten in den letzten zwei Fällen die Arbeiter besonderer Industrien
sich ihrer Laut gewehrt, so gab die famose Eulenburg-Köllersche Umsturz-
vorlage wieder Anlaß zu einer großen Protestaktion des ganzen sozia-
listischen Berlin ohne Unterschied von Beruf und Klassenzugehörigkeit. Zn
16 glänzend besuchten Volksversammlungen wurde am I I. Zanuar 1895
von der Tribüne herab und durch Zurufe und Abstimmung der Versammelten
erklärt, daß sie, wie cs in der überall einmütig angenommenen Resolution
hieß, in der Vorlage ein „neues Sozialistengesetz" und eine Bestätigung
der Anfähigkeit der herrschenden Klassen erblickten, durch Reformarbeit
wahrhaft kulturell zu wirken, daß sie gegen die Bestrebungen, die auf Linker-
drückung von Freiheit und Gerechtigkeit hinausliefen, energisch Protest er-
höben und jeden, der im Reichstag dem Machwerk zustimme, für einen
Feind der Kultur und des Volkes betrachteten.

Die Vorlage fiel, und es kam im Spätherbst 1895 der Köller-Streich.
Wie schnell und kräftig ihn die Arbeiterschaft Berlins parierte und von
ihrer prompt erfolgten Antwort in zwölf Volksversammlungen ist in
einem anderen Kapitel (Kapitel 3, S. 81 ff.) geschildert. Der Vollständigkeit
halber sei jedoch dieses besonders eindrucksvollen Protestes auch hier gedacht.
        <pb n="184" />
        ﻿Oer IW.icht« Mnn aus d-r «SerSftatt in der Versammlung der Ordramjofrtunde.

81. Satirische Illustration aus einer illustrierten Agitationszeitschrift der
Buchhandlung Vorwärts
(Vgl. die Ansprache Wilhelms ». vom 6. Dezember 1902)
        <pb n="185" />
        ﻿174

Als im Jahre 1896 das Bürgerliche Gesetzbuch im Reichstag zur
Annahme kam, wurden von sozialdemokratischer Seite stark besuchte Franen-
versammlungen veranstaltet, in denen gegen die Bestimmungen des Gesetz-
buchs protestiert wurde, durch welche insbesondere die Frauen und Mädchen
der Arbeiterklasse rechtlich und in sonstiger Linsicht benachteiligt wurden.

Gegen die Lex Recke zur Erwürgung des Vereinsrcchts in Preußen,
die im Frühjahr 1897 das Licht der Welt erblickte, legten im Mai und
Juni jenes Jahres verschiedenartige Versammlungen der Berliner Arbeiter
Protest ein. Den Anfang machten am 20. Mai 14 große Volksversamm-
lungen, die von der politischen Partei veranstaltet waren, und an sie schlossen
sich in den nun folgenden Wochen weitere Proteswersammlungen, ins-
besondere am 9. Juni eine Reihe gewerkschaftlicher Massenversammlungen,
an, die alle der Abwehr jenes Reaktionsversuches gewidmet waren.

Am 21. Februar 1898 protestierten fünf gewerkschaftliche Massen-
versammlungen in Berlin und ebensolche Versammlungen in Charlotten-
burg und Schöneberg sowie in den folgenden Tagen Gewerkschaftsversamm-
lungen in Nixdorf und Spandau gegen das fünf Wochen vorher vom
„Vorwärts" bekanntgegebene geheime Rundschreiben des Grafen Posa-
dowsky vom 13. Dezember 1896, das von den Behörden und Unternehmern
Gutachten darüber einforderte, ob nicht ein erhöhter Schutz gegen „Miß-
brauch des Koalitionsrcchts seitens der Arbeiter" notwendig sei. Ein zweites
Mal traten 1898 die Berliner Gewerkschaften mit Proteswersammlungen in
Aktion, als am 5. September Wilhelm II. in Oeynhausen ein Zuchthaus-
gesetz gegen „Verführung zum Streik, Streikzwang und dergleichen" an-
kündigte, und als die angekündigte Zuchthausvorlage am 1. Juni 1899
vor den Reichstag gebracht wurde, antwortete am 7. Juni die Berliner
Arbeiterschaft in 19 bis zum Erdrücken gefüllten Massenversammlungen mit
geharnischtem Protest gegen dieses „Produkt krassesten Klassenvorurteils"
und „Attentat auf das Koalitionsrecht". Die überall mit Begeisterung
angenommene Resolution, in der der Gesetzentwurf solchermaßen gekenn-
zeichnet wurde, hob noch besonders als Beweis für dessen „Feindseligkeit
gegen die berechtigte Selbsthilfe der Arbeiter" den Satz aus seiner Be-
gründung hervor, daß es sich gerade bei den Arbeitswilligen „um ruhige,
in die Staatsordnung sich schickende, für den Staat besonders nütz-
liche Elemente handelt, welche in ihren mit den Staatsinteressen zusammen-
fallenden persönlichen Interessen wirksam zu schützen eine wichtige und dring-
liche Aufgabe der Staatsgewalt" sei. Auch in diesem Falle folgten die
Vororte dem Berliner Beispiel, und ebenso hielten noch die Arbeiter ein-
zelner Berufe besondere Protestversammlungen ab.

Nachdem schon gelegentlich einer Vorlage auf Erhöhung der deut-
schen Kriegsflotte, die im Winter 1897/98 zur Verhandlung und An-
nahme kam, in Berliner Volksversammlungen Protest erhoben worden
war (so unter anderen am 1. Februar 1898), gab die noch keine zwei
Jahre später — am 26. Januar 1900 — dem Reichstag unterbreitete
neue Flottenvorlage, wonach die Schlachtflotte und der Bestand an
großen Auslandsschiffen des Reichs verdoppelt werden sollten, das
Signal zu einer besonders eindrucksvollen Gegendemonstration. Am 7. Fe-
bruar 1900 fanden in Berlin und einigen Vororten — andere Vororte
folgten tags darauf und weiterhin — 19 große Volksversammlungen statt.
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        ﻿175

die gegen die erneute Flottenvermehrung ihre Stimme erhoben. Es
sind dies die Versammlungen, die bekannte Gelehrte und nationalistische
Politiker als Anwälte der Flottenvermehrung auftreten sahen, ohne daß es
jedoch diesen „Flottenprofessoren" gelang, die Berliner Arbeiter umzustimmen.
Die überall gegen vereinzelte Stimmen beschlossene Resolution begründete
die Verwerfung mit dem Linweis, daß das Ergebnis der Vermehrung der
Flotte erhöhte Reibungen mit anderen Ländern und erhöhte Steuern für
das Volk bedeuten werde.

Gegen eine damals an den preußischen Landtag gelangte und von
diesem auch zum Gesetz erhobene Steuervorlage, die die Geschäfts-
umsätze der Warenhäuser einer Sondersteuer unterwirft, protestierten
am 9. März 1900 die Landelsangestellten Berlins in einer Massen-
versammlung.

In den Jahren 1901, 1902 und 1903 sind es die Vorgänge, die sich
an die Vorberatung, Beratung und Durchpeitschung des neuen Zoll-
tarifs knüpfen, welche Protestversammlungen der Berliner Arbeiterschaft
zur Folge haben. Schon gleich nachdem die ersten Nachrichten über die
Zollerhöhungen bekannt wurden, welche der im Reichsschatzamt ausgearbeitete
Tarifentwurf dem Reichstag vorschlagen sollte, nahmen die Arbeiter Berlins
am 21. Januar 1901 in 26 Volksversammlungen Resolutionen gegen die
geplante Erhöhung der Getreidezölle an, in denen die Lebcnsmittel-
zölle als die schwerste und ungerechtfertigteste Belastung des Volkes, sowie
als Erschwerungen des Güteraustausches der Nationen bezeichnet wurden
und ihre gänzliche Beseitigung gefordert wurde. Am 20. September 1901
fand eine Protestversammlung von Arbeiterfrauen statt gegen die Ver-
teuerung von Milch und Fleisch durch agrarische Ringe und die von den
Agrariern erwirkten Grenzsperren; das Aufschnellen der Fleischpreise während
des Jahres 1902 führte im Äerbst 1902 zu verstärkten Protestäußerungen
in diesem Sinne. Am 11. September 1902 fanden in Berlin 17 Protest-
versammlungen größten Stils statt, in denen eine sehr starke Erbitterung
über den „FleischWucher" zutage trat und erneuter Protest gegen die
neuen Lebensmittelzölle erhoben wurde; Versammlungen gleichen Charakters
folgten im zweiten Teil des September und im Oktober in Vororten und
Nachbarorten, und am 10. November beschäftigten sich aufs neue zehn
große Versammlungen in Berlin mit der Abwehr gegen die Verteuerung
der Lebensmittel unter Betonung des Werts der Arbeiterkonsumvereine in
diesem Kampfe. Am letztgenannten Tage und am 11. November fanden
außerdem zwei große Arbciterinnenversammlungen statt, in denen die Vor-
kämpferin der österreichischen Arbeiterinnen, Frau Adelheid Popp aus
Wien, referierte und die gleichfalls das Thema der Fleischnot auf der
Tagesordnung hatten.

Mittlerweile hatten die Kämpfe um den Zolltarif im Reichstag zur
gewaltsamen Abänderung der Geschäftsordnung durch die schutz-
zöllnerische Reichstagsmehrheit geführt. Sie ward von der Sozialdemokratie
Berlins mit einem Massenprotest beantwortet, der das bis dahin größte
Aufgebot für eine Aktion dieser Art in Bewegung brachte. In 28 Volks-
versammlungen, die sämtlich vor Beginn überfüllt waren, protestierte am
4. Dezember 1902 die Arbeiterschaft Berlins gegen die verfassungswidrige
Zerttümmerung der Geschäftsordnung des Reichstags, durch die eine er-
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schöpfende Beratung des Zolltarifs in seinen Einzelheiten gewaltsam ver-
hindert und das Recht der Minderheit mit Füßen getreten worden sei.
„Die Arbeiterschaft Berlins", heißt es in der Resolution, „Protestiert
entrüstet gegen diesen parlamentarischen Staatsstreich der Mehrheit, gegen
die Vergewaltigungen und Beschimpfungen und spricht den Vertretern der
Sozialdemokratie, als den wahren Volksvertretern, ihren Dank und ihre
Bewunderung aus fiir die unermüdliche Tapferkeit, mit der sie die Inter-
essen des Proletariats gegen die Anschläge der Junker, Pfaffen und Scharf-
macher verteidigt haben." Nachdem der Zolltarif in der Nacht vom 13. zum
14. Dezember durchgejagt war, vertagte sich der Reichstag, so daß eine
unmittelbar darauf veranstaltete Antwort der Berliner Arbeiterschaft in seiner
Abwesenheit erfolgt wäre. Kaum jedoch, daß der Reichstag wieder zusammen-
getreten war, wurde in 32 Volksversammlungen in verschärfter Form gegen
die verfassungswidrige Art der Fertigstellung dieses Gesetzes protestiert und
die Wählerschaft aufgefordert, den Protest dadurch wirksam zu machen, daß
sie bei der bevorstehenden Reichstagswahl die Sozialdemokratie nach Mög-
lichkeit in ihrem Kampf unterstütze.

Zum großen westfälischen Bergarbeiterstreik von 1905 nahmen am
24. Januar 1905 die Berliner Arbeiter in 28 Versammlungen Stellung,
indem sie den Streikenden ihre Sympathie ausdrückten, ihnen materielle
Lilfe in Aussicht stellten, die dann auch in reichlichem Amfange von Berlin
geleistet wurde, ein Reichsberggesetz verlangten, das den Arbeiter in bezug
auf Löhnung, Arbeitszeit, Gesundheitsschutz usw. sicherstellen müsse, und
die Forderung der Verstaatlichung der Bergwerke wiederholten.

Am 8. August 1905 fanden wiederum 26 Volksversammlungen in
Sachen der Fleischvcrteuerung statt, die insbesondere die Aufhebung
der Grenzsperre verlangten. Am 3. November protestierten die Tabak-
arbeiter Berlins gegen die in der famosen Reichsfinanzreform des
Staatssekretärs v. Stengel vorgeschlagene Erhöhung der Tabaksteuer.
Am 21. November demonstrierte eine große Versammlung von Gastwirts-
gehilfen für Ausdehnung des Arbeiterschutzes im Gastwirts-
gewerbe, und am 17. Dezember protestierten die Brauereiarbeiter
gegen die in der Stengelschen Vorlage gleichfalls verlangte Erhöhung
der Brausteuer.

Damit ist die Reihe der wichtigsten Demonstrationen, die entweder
ausschließlich oder doch in erster Linie an die Adresse der Gesetzgeber
gerichtet waren, erschöpft. Es kann selbstverständlich hier nicht ihre mittel-
bare oder unmittelbare Wirkung auf die Gesetzgebung untersucht werden. Wer
sich aber mit der Geschichte der Gesehgebungsmaterien beschäftigt, auf die
sie sich bezogen, der wird sich überzeugen, daß zwischen den Demonstrationen
und dem Gang der Gesetzgebung ein viel engerer Zusammenhang besteht,
als es mancher sich vorstellen mag. Gewiß wird eine einzelne Oppositions-
partei nur ganz ausnahmsweise durch Versammlungen die Geschgebungs-
Mehrheit direkt und sofort zu Maßnahmen in ihrem Sinne bewegen. In
der Regel ist schon viel erreicht, wenn es ihr gelingt, eine öffentliche
Meinung zu schaffen oder zu verstärken, deren Einfluß sich auch die
Mehrheitsparteien und die auf sie gestützten Gesetzgeber nicht entziehen
können. Doch sind immerhin eine ganze Anzahl von Gesetzesentwürfen,
gegen welche die Berliner Versammlungen Protestresolutionen faßten
        <pb n="188" />
        ﻿
        <pb n="189" />
        ﻿177

— man denke z. B. an die Amsturzvorlage, die Lex Recke, das Zucht-
hausgesetz — in der Folge entweder ganz beseitigt oder im Sinne oder
wenigstens in der Richtung des Protestes abgeändert worden, und ebenso
sind gesetzgeberische Maßnahmen ganz oder teilweise verwirklicht worden,
zugunsten deren die Berliner Arbeiter demonstriert haben.

Selbstverständlich waren in den meisten dieser Fälle die Berliner De-
monstrationen nicht die einzigen im Lande, aber sie waren in den häufigsten
Fällen die bei weitem größten und wirkungsvollsten, und gewöhnlich war es
auch Berlin, das den anderen Ortschaften das Signal gab. Aber den Anteil
nun, den die Demonstrationen an der Gestaltung des Schicksals der einzelnen
gesetzgeberischen Maßnahmen hatten, werden die Schätzungen auseinander-
gehen, in dem einen oder anderen Fall wird man ihn vielleicht äußerst
gering ansetzen müssen. Aber damit würde der allgemeine Wert der
Demonstrationen noch nicht verneint werden. Wie vielfach in Natur und
Wirtschaft, so braucht es auch in der Politik oft des Zusammenwirkens
sehr vieler Kräfte, sehr viel scheinbarer Verschwendung, um bestimmte
Resultate zu erzielen.

2.	Demonstrationen an die Adresse der Behörden.

Zum Teil noch an die Gesetzgebung, vornehmlich aber an die städtische
Verwaltung und die Staatsbehörden als Verwaltungsorgane richteten sich
die Demonstrationen, die in Zeiten größeren Geschäftsdrucks meist in Form
von Versammlungen von Arbeitslosen stattfanden und von den be-
zeichneten Körperschaften Abhilfe verlangten. Diese Versammlungen
waren fast ausnahmslos sehr stark besucht und führten, da die Polizei bei
ihnen ganz besonders scharf aufzutreten pflegte, während der Zustand der
Arbeitslosigkeit naturgemäß die Gemüter der unter ihm Leidenden nicht kalt
läßt, wiederholt zu Zusammenstößen von Deinonstrierenden mit der Polizei.

Schon das Jahr 1891 sah in seinem Beginn solche Arbeitslosen-
versammlungen. Der Geschäftsausschwung, der um das Jahr 1888 ein-
gesetzt hatte, hatte nicht lange vorgehalten. Verschärft, wenn nicht zum
Teil verursacht durch das damalige starke Steigen der Getreidepreise stellte
sich schon im Laufe des Jahres 1890 neuer Geschäftsdruck ein und mit
ihm ganz besonders während des Winters bittere Not bei den Beschäftigungs-
losen. Es fanden daher am 13. Januar 1891 in zwei großen Sälen
Berlins Arbeitslosenversammlungen statt, die ungemein stark besucht waren
und Resolutionen annahmen, in denen die Zahl der Arbeitslosen Berlins
aus 70 000 angegeben wurde. Die Resolutionen stellten an die Behörden
die Forderung, durch beschleunigte Inangriffnahme schon beschlossener
und notwendiger Bauten, Beschäftigung von Arbeitslosen bei der Straßen-
reinigung usw. der Arbeitslosigkeit zu steuern und zur Linderung der Not
wenigstens den Kindern in den Volksschulen täglich zwei Portionen warmes
Essen verabfolgen zu lassen. Die Resolution kam in Forin einer Petition
am 22. Januar vor die Stadtverordnetenversammlung, ward aber von
dieser mit großer Mehrheit abgelehnt, worauf am 28. Januar von neuem
zwei Arbeitslosenversammlungen — die eine in der Lippsschen Brauerei im
Nordosten, die andere in der Bockbrauerei im Süden Berlins — statt-
fanden, welche beide noch stärker besucht waren als die ersten, und sich mit
der Widerlegung und Zurückweisung der Einwände befaßten, die von den
Bernstein, Berliner Geschichte. III.	^
        <pb n="190" />
        ﻿178

Wortführern der bürgerlichen Parteien in der Stadtverordnetenversammlung
gegen die Angaben und Forderungen der Petition ins Feld geführt
worden waren. Sie legten diese Abwehr in Resolutionen nieder, die aufs
neue und eindringlich die Forderung auf Abhilfe erhoben. Aber das
Resultat blieb das gleiche. Auch die zweite Petition ward am 12. Februar
von der Stadtverordnetenversammlung abgelehnt. Noch herrschte im Roten
Lause die Manchesteridee fast unbeschränkt. Die freie Konkurrenz, das sich
selbst überlassene Walten der wirtschaftlichen Kräfte sollten durch keine irgend-
wie durchgreifenden Gegenmaßregeln beeinträchtigt werden, dann werde die
Peilung um so schneller kommen. Mit Trostesworten dieser Gattung und
dem Pinweis darauf, daß in äußersten Fällen Almosen verabfolgt werden
würden, wurden die Arbeitslosen abgespeist.

Die Peilung kam aber nicht so schnell. Der Winter 1891/92 sah noch
größeren Notstand und demgemäß in erhöhtem Grade den Drang, für Ab-
hülfe zu demonstrieren. Am 8. Januar 1892 fanden denn auch in den glcicken
Räumen wie im Vorjahr wieder zwei große Arbeitslosenversammlungen
statt, die die Forderung auf Abhilfe erhoben. Sie nahmen äußerlich eiuen
ruhigen Verlaus und — blieben von den Behörden unberücksichtigt. Zum
Teil deshalb endete eine gegen sieben Wochen später veranstaltete De-
monstration arbeitsloser Bauhandwerker weniger harmlos. Nach Schluß
der Versammlung, die der Auflösung verfiel, zogen Trupps meist jüngerer
Arbeitsloser und solcher junger Burschen, die sich überall einfinden, wo es
außergewöhnliches gibt, in die innere Stadt nach den Linden und dem
Schloß zu. Anterwegs und auf dem Schloßplatz kam es zu Zusammenstößen
zwischen den einzelnen Trupps und den sie auseinandertreibenden Schutzleuten,
wobei den letzteren aus der Menge heraus mit Steinwürfen geantwortet
wurde. Auch wurden einige Läden mit Nahrungsmitteln geplündert.
Das alles entsprach so wenig der von der Sozialdemokratie verfochtenen
und den Arbeitern eingeprägten Verhaltungsweise, daß sich in sozialistischen
Kreisen sofort der Verdacht regte, Lockspitzel müßten bei der Sache die
Land im Spiele gehabt haben, und der „Vorwärts" gab dem auch unver-
hohlen Ausdruck und sprach sich über die Teilnehmer an den Trupps höchst-
wegwerfend aus. Es seien fast nur halbwüchsige Burschen und von
zweifelhaften Gestalten geführtes Straßengesindel — „Ballonmützen" —
gewesen. Das ward ihm sehr verargt, und namentlich die damals noch
ziemlich zahlreichen Unabhängigen zogen in ihrem Organ und in Versamm-
lungen heftig gegen diese vermeintliche Beschimpfung notleidender Proletarier
los. Indes waren es tatsächlich fast nur junge Leute, die wegen der Exzesse
sistiert wurden und später — am 19. und 22. März, am 9. und 26. April
und am 2. und 3. Mai 1892 — vor Gericht kamen, das ungemein hohe
Strafen über sie verhängte. Der „Vorwärts" hatte zu starke Verall-
gemeinerung geübt, aber nicht unrichtig geurteilt, wenn er behauptete, daß
die eigentlichen Arbeitslosen bei den Zügen in die innere Stadt gar nicht
beteiligt gewesen seien. Daß dies auch die Meinung vieler Arbeiter war,
zeigte sich in einer zweiten Versammlung arbeitsloser Bauhandwerker, die
ani 12. März 1892 im großen Saal der Brauerei Tivoli stattfand. Es
kam daselbst wegen der Behauptungen des „Vorwärts" zu lebhaften Aus-
einandersetzungen mit den Unabhängigen, aber nur eine Minderheit der
Versammlung stimmte den Angriffen dieser auf den „Vorwärts" bei.
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        ﻿
        <pb n="192" />
        ﻿180

Große Arbeitslosendemonstrationen gab es auch in den Winter-
monaten der nun folgenden Jahre 1892/93, 1893/94 und 1894/95. Teils
hielten die beschäftigungslosen Angehörigen bestimmter Berufe Arbeits-
losenversammlungen ab, teils veranstalteten die Vertrauensmänner der
politisch organisierten Arbeiterschaft allgemeine Arbeitslosenversammlungen.
3m letzteren Falle mußten nach und nach immer mehr Säle genommen
werden, um die Zahl der zu erwartenden Teilnehmer zu fassen. Dabei
war es Regel, daß man die Arbeitslosenversammlungen, um ihnen ihren
wahren Charakter zu sichern, d. h. um erkennen zu lassen, daß die Besucher
wirklich beschäftigungslos waren, in die Arbeitsstunden eines Werktages
verlegte, so daß cs in Arbeit stehenden Personen schwer möglich war, an
ihnen teilzunehmen. Anfang 1893 fanden an zwei Tagen — am 18. und am
25. Januar — je vier solcher Versammlungen statt, die jedesmal die Säle
füllten. Sie waren von sozialdemokratischer Seite einberufen und nahmen
einen ruhigen Verlauf. Anders eine im Jahre 1894 von anarchistischer
Seite ebenfalls auf den 18. Januar einberufene Arbeitsloscnversammlung.
Sie sollte im Saale der Brauerei Friedrichshain stattfinden und hatte so
starken Besuch, daß der mächtige Saal schon lange vor der Eröffnung über-
füllt war, konnte aber nicht eröffnet werden, weil der Einberufer, der
Schlosser Rodrian, ausblieb. Es hieß damals, daß er kurz vor der an-
gesetzten Zeit plötzlich verhaftet werden sollte. Die Versammelten wurdeir
nun von einem Genossen des Einberufers ersucht, das Lokal in aller Ruhe
wieder zu verlassen. Sie kamen dem auch willig nach. Als aber die sich
langsam aus dem Saal entfernenden Massen draußen nicht schnell genug
auseinandergingen, ließen die an verschiedenen Stellen postierten Polizei-
offiziere Berittene in sich stauende Laufen hineinreiten und mit Gummi-
schläuchen und flachen Säbeln Schläge austeilen. Selbst die Bericht-
erstatter der bürgerlichen Blätter hatten übereinstimmend den Eindruck,
daß für die Gewaltsamkeiten der Polizei kein zwingender Anlaß im
Verhalten der Menge vorlag, daß im Gegenteil die Polizeimaß-
nahmen meist erst Stauungen verursachten, und daß in Einzelfällen sogar
Arbeiter und sonstiges Publikum von andrängenden Polizisten anderwärts
postierten Polizeimannschaften geradezu wie in eine Falle entgegengetrieben
Wurden. Liberale Zeitungen verschiedener Schattierungen äußerten sich kaum
weniger scharf wie die anarchistischen und sozialdemokratischen Blätter über
die Polizei, und so mußten am 8. und 9. Mai 1894 die Redakteure Grüttefien
und Paul vom „Berliner Tageblatt", der Redakteur Wißberger von
der „Berliner Zeitung" und der Redakteur Wilhelm Schütte von der
„Allgemeinen Fahrzeitung" neben den sozialistischen Redakteuren Robert
Schmidt („Vorwärts"), Max Zachatl („Sozialdemokrat") und Gustav
Keßler (Volksblatt für Teltow-Beeskow) sowie dem anarchistischen Redakteur
Harnisch vor dem Landgericht Berlin erscheinen, um sich gegen die Anklage
zu verteidigen, die Polizei im allgemeinen und den Polizeipräsidenten im
speziellen schwer beleidigt zu haben. Bei der Verhandlung legte der Vor-
sitzende, der Landgerichtsdirektor Brausewetter, eine so hochgradige Un-
fähigkeit an den Tag, seine Geringschätzung der Presse und Feindseligkeit
gegen die Sozialdemokratie zu bemeistern, daß dies allein ihn als untaug-
lich zum Richter kennzeichnen mußte. Wahrscheinlich war aber der später
in Wahnsinn verfallene Mann schon damals nicht normal. And unter
        <pb n="193" />
        ﻿181

der Anleitung dieser Persönlichkeit wurden die Angeklagten Grüttefien,
Paul und Schütte zu beträchtlichen Geldstrafen, Larnisch, Keßler, Schmidt,
Wißberger und Zachau zu Gefängnis von zwei bis fünf Monaten ver-
urteilt, obwohl ihre Behauptungen durch Aussagen von Polizisten selbst
als zutreffend erwiesen wurden. Übereifer und Ungeschick der Polizei
waren schuld gewesen, daß viele gutwillige Passanten in der brutalsten
Weise gemißhandelt worden waren.

Mehr noch. Der von einigen der erwähnten Blätter geäußerte Ver-
dacht, daß Lockspitzelei bei der Sache im Spiel gewesen sei, hatte schon vorher
Bestätigung erhalten durch das am 23. Januar 1894 in einer Anarchisten-
versammlung abgelegte Bekenntnis des Metalldrehers Emil Brandt,
daß er sich vom Polizeikommissar Röber zu Spitzeldiensten scheinbar habe
anwerben lassen, und daß das Geld, das er von diesem erhalten habe,
unter anderem dazu benutzt worden, den — in sehr scharfen Ausdrücken
gehaltenen — Aufruf zu der Arbeitsloscnversammlung zu drucken. Als
Zeuge vernommen, bekannte Brandt weiterhin, daß er, von Röber nach
Mitteilungen gedrängt, diesem allerhand abenteuerliche Dinge über den
Zweck der Demonstration erzählt und Andeutungen von einem Zug durch die
Straßen und dergleichen fallen gelassen habe. Ging nun daraus auch nicht
hervor, daß Brandt im Aufträge des Röber den „Lockspitzel" gemacht
hatte, so bestätigte es doch jedenfalls, daß Brandt mit Polizeigeld Auf-
rufe in die Welt gesetzt hatte, die auf jüngere Leute wie Lockspitzelarbeit
wirken mußten, während die Polizei auf Grund der Angaben dieses unsicheren
Kantonisten — und wahrscheinlich auch von Berichten berufsmäßiger Spitzel
— Maßnahmen traf, die einen Plan voraussetzten, von dem die große
Masse der Demonstrierenden nichts wußte. Außerdem gaben die Polizei-
zeugen zu, daß Agenten der Polizei in Zivil sich unter die Menge gemischt
hatten, um diese zu verwirren. Damit waren die tatsächlichen Unterlagen
für die Behauptungen der Presse nachgewiesen; ihr Arteil strafen, hieß
unter diesen Amständen Vergewaltigung der Freiheit der Meinungs-
äußerung.

Vier Tage nach der Demonstration vom 18. Januar, am 22. Ja-
nuar 1894, kam im Deutschen Reichstag eine Interpellation der sozialdemo-
kratischen Fraktion in Sachen des Notstandes zur Verhandlung, bei welcher
Gelegenheit vom Regierungsvertreter, Staatssekretär v. Bötticher, anerkannt
wurde, daß ein Notstand vorhanden sei, der die Betroffenen „recht hart"
bedrücke, aber jedes Eingreifen des Reichs abgelehnt wurde, da man über
die Größe des Notstandes und seine Stärke in den einzelnen Industrien keine
genügende Informationen habe. Am Abend des 22. Januar nahmen die
Arbeiter Berlins in fünf großen Volksversammlungen Bericht über die
Reichstagsdebatte entgegen, die sich übrigens noch am 23. Januar fort-
spann, und legten gegen die Antätigkeit der Regierung und der bürgerlichen
Parteien scharfen Protest ein. In einer dieser Versammlungen, im großen
Saal des Eiskeller, ließ der jugendliche Dr. Ladislaus Gumplowih, damals
Anarchist, heute aber ein geschätztes Mitglied der polnischen sozialistischen
Partei, in seiner Entrüstung über das lässige Verhalten der Vertreter von
Staat und Gesellschaft gegenüber der Notlage großer Volksschichten scharfe
Worte über den Staat als Polizist der Ausbeuter fallen, wofür er aus der
Versammlung heraus verhaftet lind dann zu der ungeheuerlichen Strafe von
        <pb n="194" />
        ﻿182

anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Eine am 23. Januar im
Saal der Brauerei Friedrichshain abgehaltene Versammlung, die sich
gleichfalls mit der Notstandsfrage befaßte, verfiel der polizeilichen Auf-
lösung. Außer etlichen kleinen Abhilfsmaßnahmen städtischer Behörden
geschah nichts, dem Notstand zu Leibe zu gehen. Zum Glück für die
Arbeiter brachte endlich das Jahr 1895 einen Llmschwung im Geschäfts-
gang, und für etliche Zeit war die Arbeiterschaft Berlins jeder größeren
Sorge für Arbeitslose ledig und konnte den nun eingetretenen und fünf
Jahre währenden industriellen Aufschwung zum Ausbau ihrer Organisationen
ausnutzen. Als dann im Jahre 1900 wiederum der Rückschlag kam, fand
er die organisierten Arbeiter in der Lage, eine gute Weile selbst für ihre
Beschäftigungslosen zu sorgen. Anfang 1901 — am 21. Januar —
hielten die Metallarbeiter Berlins eine Arbeitslosenversammlung ab, der
am 3. September 1901 eine zweite Versammlung Arbeitsloser dieses Berufs
folgte. Am 18. November des gleichen Jahres, vormittags, fanden in
Berlin acht allgemeine Arbeitslosenversammlungen statt, die sämtlich sehr
stark besucht waren, und im Anschluß daran in den nächsten Tagen noch
Arbeitslosenversammlungen in Nachbarorten. Auch die ersten Monate des
Jahres 1902 brachten noch einige solcher Versammlungen, dann aberzeigten
sich Spuren einer erneuten Besserung des Geschäftsganges und so ward
von Fortsetzung dieser Agitation Abstand genommen. Ohne daß wirklicher
Notstand vorlag, veranstaltete man keine Notstandsagitation.

Was der Arbeiterschaft Berlins fernerhin wiederholt Anlaß zu Protest-
demonstrationen gab, war die Verteuerung der Lebensmittel durch die
agrarische Zollpolitik und sonstige agrarpolitische Maßnahmen der
Reichs- und Staatsbehörden. Im Jahre 1891 stiegen die Getreidepreise
auf eine Löhe, die sie seit Mitte der siebziger Jahre nicht gehabt hatten.
Am 16. Januar forderten eine große, auf Tivoli abgehaltene Volksver-
sammlung und am 5. Juni acht nicht minder stark besuchte Volksversamm-
lungen Außerkraftsetzung der Getreidezölle, die wie eine Kopfsteuer die
ärmeren Volksklassen bedrückten. Die Caprivischen Landelsverträge brachten
zwar nicht die Beseitigung, aber immerhin eine Ermäßigung der Getreide-
zölle, und im übrigen sorgten bessere Ernten für niedrigere Preise, wie
auf dem Weltmarkt, so auch proportionell in Deutschland.

Erst als im Jahre 1898 die von den Agrariern auf Grund von Über-
treibungen der Seuchengefahr durchgesetzte verstärkte Grenzsperre gegen
die Vieheinfuhr zu einer erheblichen Verteuerung gerade der Fleischnahrung
der kleinen Leute, des Schweinefleisches, gefiihrt hatte, regte sich die
Arbeiterklasse Berlins von neuem zum Protest, und am 26. Oktober'1898
demonstrierten in zwei großen Versammlungen die Arbeiterfrauen Berlins,
am 8. November die Arbeiterfrauen Schönebergs gegen die künstliche
Fleischverteuerung.

Das Jahr 1900, das den Löhe- und Wendepunkt einer wirtschaft-
lichen Prosperitätsperiode von ungewöhnlich langer Dauer bildete, trieb
auch zwei Begleiterscheinungen solcher Aufschwungsperioden auf ihre Löhe:
Teuerung der Wohnungen bezw. Mangel an Wohnungen für die
Arbeiterklasse und Teuerung notwendiger Lebensmittel, wozu in neuerer
Zeit noch die Verteuerung des wichtigsten Leizmaterials, der Kohle,
kommt. Der durch die Zölle in monopolähnliche Lage versetzte Grundbesitz
        <pb n="195" />
        ﻿Ausruf!

3n der Blüthezeit des alten Athen bestand dort ein Gesetz, nach dem jeder Bürger rechtlos wurde,
der für Las Gemeinwesen in den Zeiten der Gefahr nicht kräftig eintrat. Das war ein gutes Gesetz, denn
es führte schnelle Entscheidung und längere Zeiten der inneren Ruhe herbei.

In unseren Tagen beendet sich unser deutsches Vaterland in einer Zeit der größten Roth und
Gefahr, und jeder Deutsche mutz sich dessen bewirstt sein, von welcher Seite die Noth gesteigert wird
und die Gefahr unaufhaltsam hereinbricht. Es Mte doch füglich keinen deutschen Mann geben, der geneigt
wäre, unser Jahrtausende altes und doch immer neu und kräftig pulsirendes Deutschthmn preiszugeben
und es, wenn es von fremdem Recht und von freinder Sitte unterdrückt, eingeschränkt oder auch nur bedroht
ist, nicht mit allen Mitteln, ja selbst mit Darangabe von &lt;8ut und Blut zu retten und zu befreien.

Leider aber gilt für so Viele noch immer das alte Wort: „Was mich nicht brennt, das lösche ich
Nichts Ursprünglich ist es ja aus altgermanischem Trotze und Selbständigkeitsgefühl hervorgegangen, doch
heute ist es der Ausdruck einer unverantwortliche» Kurzsichtigkeit. Wenn die Gefahr Dir auch
heute noch nicht unmittelbar auf den Leib rückt, so brauchst Du doch nicht lange auf sie zu warten. Denn
wenn die Bürger zusehen, wie Socialdemokraten und Freisinn stch im öffentlichen Leben breit machen, wie
jedes Amt von ihnen besetzt wird, dann können zum Schaden des soliden Bürgers nur die Geschäfte storiren,
welche von den Machthabern geschützt werden, und was sind dies für Geschäfte? Ramschbazare und die Börse.
Tausende von solide» Existenzen sind vernichtet worden. Vielleicht schon morgen kommst Du
an die Reihe, und wenn nicht mehr Du, daun gewiß Deine Familie, Deine Kinder! —

Und wie verhält sich der solide Bürger bei dieser Gefahr? Das lehren uns die Wahlen. Bei der
letzten Rcichstagswahl im 6..Berliner Wahlkreise haben z. B. 65 808 Wähler stch betheiligt und 80422
sind zu Hause geblieben. Die Vorfrucht der Sozialdemokratie, der Freisinn, hatte sich garnicht bei der
Wahl bethätigt und unser Kandidat, Herr Rechtsanwalt Ulrich, hat nur lO 490, das Centrum 1116, die
Sozialdemokratie 63 896 Stimmen erhalten, wer sind nun die 90 422 Wähler? Die solidesten, die sich um
keine Politik kümmern; ist das recht? Die Sozialdemokratie geht munter vorwärts, jeder Arbeiter in den
Verbänden zahlt 20 Pfennig pro Woche, d. h. in 6 Jahren also zu einer Reichstagswahl 62 Mark. Was
giebt der Leser? Fast nichts. Hierdurch kann die Sozialdemokratie viele Agitatoren re. unterhalten, große
Gewerkschaftshäuser bauen, wo die Herren nur auf den Knopf drücken, um die Arbeiter antreten zu lassen
und bald hier, bald dort einen Streik zu veranlassen. Kann durch das Verhetzen die Lage der Arbeiter
dauernd gebessert werden? oder werden dadurch nur die allgemeinen Verhältnisse in die Höhe getrieben?
z. B. die jetzige Wohnungsnoth, ist der Kapitalmarkt allein daran Schuld oder auch die lautesten Schreier
über die Wohnungsnoth? Ein Bau, welcher vor 15 Jahren 40 000 Mark Arbeitslohn kostete, kostet heute
65000 Mk., dazu kommt, daß ein Maurer damals 700 bis 800 Steine an einem Tage vermauerte, heute
aber nur 300 bis 400 Steine, d. h. eine Verdopplung des hohen Lohnes: also ein Bau, welcher früher
40000 Mark kostete, erfordert heute 130 000 Mark Arbeitslohn. Die Folge davon ist. daß cs sich für
Niemand mehr lohnt, Arbeiterwohnungen zu bauen. Das sind die Folgen der Hetzereien.

Wenn der Freisinn die Majorität in Preußen hätte, würden die Beamten den Unterschied fühlen:
keine Gehaltszulagen, keine Pension, das ist des Freisinnigen Prinzip. Wie der preußische Kultusminister

83. Erste Seite eines antisemitischen Flugblattes gegen die Sozialdemokratie
        <pb n="196" />
        ﻿184

und das einem Monopolverband nahekommende Kohlensyndikat hielten die
hohen Preise auch noch fest, als die Geschäftskonjunktur sich zum schlechteren
wendete. So erhoben denn am 7. November 1900 in zehn großen Ver-
sammlungen die Arbeiter Berlins die Forderung an Staat und Ge-
meinden, durch bestimmte durchgreifende Gegenmaßregeln dieser Monopol-
wirtschaft das Handwerk zu legen.

3.	Politische und gewerkschaftliche Gelegenheitsdemonstrationen.

Eine große Zahl von Demonstrationen der Arbeiter Berlins galt be-
deutsamen Vorgängen und Kämpfen in einzelnen Gewerben. Auch
die wichtigsten dieser Kampfäußerungen seien hier aufgezählt.

Am 19. April 1891 protestierte eine große, im Fcenpalast abgehaltene
Volksversammlung gegen den bis dahin geheim gehaltenen Bund der
großen Metallindustriellen Berlins, der auf Achtung der sozialistisch und
gewerkschaftlich sich betätigenden Arbeiter abzielte und nach seinem Vor-
sitzenden, Fritz Kühnemann, dem Mitinhaber der großen Maschinen-
bau- und Gießerei-Firma Rösscmann &amp; Kühncmann, den Beinamen
„Bund derKühne männer" erhielt. Was die Arbeiterschaft noch besonders
empörte, war die Beteiligung von Staatswerkstätten an diesem „Komplott".
Der Winter 1891/1892 sah einen Kampf im deutschen Buchdruckgewerbe,
wie ihn dieses gleich ausgedehnt und hartnäckig bis dahin nicht gekannt
hatte. 12 000 Gehilfen kämpften zehn Wochen für eine Verkürzung des
Arbeitstages auf iteun Stunden. Am 6. Januar 1892, nachdem der
Kampf schon über acht Wochen gedauert und nahezu zwei Millionen
Mark an Llnterstützungsgeldern gekostet hatte, drückten die Berliner Arbeiter
in vier großen Volksversammlungen den streikenden Buchdruckern ihre
sich auch sofort in Taten umsetzende solidarische Gesinnung aus.

Am 19. Januar 1892 protestierte eine große Versammlung von
Handlungsgehilfen und -Gehilfinnen gegen den Beschluß des Magistrats
und der Gewerbedeputation der Stadtverordnetenversammlung, die Arbeits-
zeit im Berliner Handelsgewerbe an Sonntagen in der vollen Dauer fort-
bestehen zu lassen, welche das Zusatzgesetz von 1891 zur Gewerbeordnung
— das Arbeiterschutzgesetz des neuen Kurses — als die höchste zulässige
Arbeitszeit bestimmt hatte.

Am 13. März 1892, dem Jahrestag des Todes von Karl Marx,
hielt die Arbeiterschaft Berlins zu Ehren des gefeierten Vorkämpfers eine
große Gedächtnisversammlung im Saale des Feenpalastes ab. Lind am

1.	Oktober desselben Jahres feierte sie im gleichen Saale die Erinnerung
an den Ablauf des Sozialistengesetzes. Am 24. September 1893 hatte sie
die Freude, den Mitbegründer der Marxschen Gesellschaftstheorie, Marx'
treuen Freund und Fortsetzer Friedrich Engels persönlich begrüßen zu
dürfen und veranstalteten zu seinen Ehren einen großen Kommers. Im
Jahr 1894, wo der große Bierboykott spielte, wurden während dieses
Kampfes wiederholt große Demonstrationen veranstaltet, die stets eine
Vielheit von Sälen (am 18. Mai 9, am 1. Juni 13, am 11. Juli 31, am

27.	Juli 39, am 24. August 37 und am 16. Oktober 27 Säle) füllten.
Am 24. September 1894 fanden im Hinblick auf die ausstehende Gewerbe-
gerichtswahl 11 Versammlungen von Wählern zum Gewerbegericht statt,
die gegen den juristisch-formalistischen Betrieb dieser Gerichte, zugleich aber
        <pb n="197" />
        ﻿185

WOFÜR DIE INDIRECTEM
STEUERN GEBRAUCHT
WERDEN

84. Vergleichende Darstellung der Verteilung der Steuerlasten und der Ver-
wendung der Steuererträgnisse. Flugblattillustration

auch gegen die Einrichtung weiterer Jnnungsschiedsgerichte protestierten.
Im Jahre 1895 wurden am 18. Januar zur Erinnerung an die weiter oben
geschilderten Gewalttaten, welche die Polizei ein Jahr vorher am Friedrichs-
Hain verübt hatte, acht Arbeitslosenvcrsammlungen veranstaltet, und am

28.	Februar 1895 ward in acht Volksversammlungen gegen die damals
geplante Erhöhung der Tabaksteuer protestiert. Auch eine am 11. Juni
abgehaltene Protestversammlung der Gewerbegerichtsbeisther aus der
Arbeiterklasse ist zu erwähnen, in der Protest gegen ein Erkenntnis des
Landgerichts Berlin erhoben wurde, wonach die Kolonnenführer im Puher-
gewerbe, die im Akkord arbeiten und andere Arbeiter in ihrer Kolonne
auszahlen, als — selbständige Anternchmer zu betrachten sein sollten. Ein
Erkenntnis, das sich denn auch nicht aufrechterhalten ließ.

Am 28. Oktober 1895 leiteten vier große Demonstrationsversammlungen
der Schneider Berlins, in denen gegen das Schwitzarbeitssystem und
insbesondere die üblen Wirkungen der Leimarbeit in der Schneiderei Stellung
genommenwurde, eineBewegung ein, dic großeWellen schlagen und bedeutendes
Aufsehen machen sollte: den Kampf der Schneider und Schneiderinnen der
Konfektionsgeschäfte Berlins und anderer Städte Deutschlands. Er
spielte sich in den ersten Monaten des Jahres 1896 ab und gab zu wieder-
holter Veranstaltung von Simultan-, d. h. zur gleichen Zeit in größerer-
Zahl tagenden Versammlungen der Arbeiter dieser ausgebreiteten Industrie
Anlaß. Die Tagung des Internationalen Frauenkongresses in Berlin
wurde im September 1896 sozialistischerseits zur Gelegenheit genommen^
        <pb n="198" />
        ﻿186

in drei großen Demonstrationsversammlungen — 23., 26. und 27. Sep-
tember — den Gegensatz zwischen Arbeiterinnenbewegung und bürgerlicher
Frauenbewegung scharf zu kennzeichnen, und am 8. Dezember 1896 gaben
die Arbeiter Berlins in sechs ungewöhnlich stark besuchten Versammlungen
ihrer Solidarität mit den einen harten Kampf führenden Lafe narbeitern
Hamburgs Ausdruck, die selbstverständlich zugleich in tatkräftiger Unter-
stützung bestand.

Ein polizeilicher Übergriff gegen ein achtbares Mädchen aus der
Arbeiterklasse (Elise Köppen) ward am 11, 18. und 19. Januar 1898 in
großen Protestversammlungen der Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse
mit Resolutionen beantwortet, die Aufhebung der Ausnahmebestimmungen
verlangten, durch welche die Frauen als unmündig und minderwertig hin-
gestellt werden, und am 22. Januar 1899 beantwortete eine große Volks-
versammlung die Maßregelung von 24 Setzern der Druckerei des „Berliner
Lokal-Anzeiger" mit der Verhängung des Boykotts über dieses Blatt,
ein Beschluß, der alsdann in den Versammlungen der Wahlvereine und
vielen sonstigen Arbeiterversammlungen bekräftigt wurde. Die von der
Reichsregiening im Jahre 1899 betriebene Verstaatlichung bezw. Unter-
drückung der Privatposten führte am 19. Februar 1899 eine Protest-
versammlung der Angestellten der Berliner Packetfahrt-Gesellschaft herbei.
Indes setzte die Regierung mit Lilfe von Versprechungen, die dann im
Jahre 1906 gebrochen wurden, die Verstaatlichung durch. Am 9. Mai 1900
protestierten die Arbeiter des Baugewerbes in Berlin in vier großen Ver-
sammlungen gegen die Aufnahme der Streikklausel in die Verträge der
Stadt mit den Bauunternehmern (die Streikklausel, wonach ein Streik die
Unternehmer ihrer kontraktlichen Verpflichtungen enthebt, wirkt geradezu wie
eine Prämie auf Verweigerung von Lohnverbesserungen u. dergl.). Am
16. Dezember 1902 erhoben die Metallarbeiter Berlins in vier Riesen-
versammlungen Protest dagegen, daß Arbeiter aus den Kruppschen Werken
entlassen worden waren, weil sie eine Ergebenheitsadresse an den Kaiser nicht
hatten unterschreiben wollen, die ihre Spitze gegen die Sozialdemokratie richtete.

Im Jahre 1903 protestierten die Arbeiter Berlins, am 13. Oktober,
in der Zeit des Wahlkampfes zum preußischen Landtage, gegen die Fest-
setzung der Wahlzeit durch die Behörden aus den frühen Nachmittag, was
beim damals noch allgemein obwaltenden System der Terminswahl vielen
abhängigen Wählern die Wahlbeteiligung unmöglich machte. In Rixdorf,
wo die Wahlzeit gar auf den Vormittag verlegt worden war, fanden am
19. Januar ebenfalls drei große Protestversammlungen statt, und aus
gleichem Grunde gab es auch in anderen Nachbarorten Berlins solche
Demonstrationen. Den 25. Jahrestag der Proklamierung des
Sozialistengesetzes feierte die Arbeiterschaft Berlins am 21. Oktober
1903 in 14 großen Volksversammlungen, in denen zumeist solche Partei-
mitglieder sprachen, welche den Kampf wider das Ausnahmegesetz von
Anfang an mit durchgekämpft hatten. In 23 Volksversammlungen be-
kundeten die Berliner Arbeiter am 17. Dezember 1903 ihre Solidarität
mit den in Sachsen — Crimmitschau und Nachbarorten— heldenhaft
für den Zehnstundentag kämpfenden Textilarbeitern, und wieder bewiesen
reiche Geldspenden die Echtheit der in den Versammlungen kundgegebenen
Empfindungen.
        <pb n="199" />
        ﻿Neichstagswähler des
5. Berliner Wahlkreises!

Beamte!

Die ReichstagSlvahl steht vor der Tür!

Mit den verlogensten Mitteln versucht man
seitens der bürgerlichen Parteien die Wähler ein-
zufangen. Insbesondere sind es die „kleinen
Beamten", gegen welche echte Bauernfänger-
stückchen verübt werden. Konservative und Frei-
sinnige fliehen jetzt über von Beamtenfürsorge.
Auch die Regierung gesellt sich diesem Bunde zu,
indem sie die Nachricht verbreitet, sie hätte beab-
sichtigt, die Gehälter für eine Reihe von Beantten
auszubessern. Dies aber ist nichts als eine dreiste
Wahllüge, ein Wahlmanöver der aller-
pliimpcsten Art, denn in deni dem Reichstag
noch vor seiner Auslösung überreichten Etat
für 1807 ist von keiner Gehaltsaufbesserung
größeren Stils die Rede. Die vorgesehenen
Aufbesserungen beziehen sich lediglich auf
höhere Beamte.

Aus ihre Beamteufreundlichkeit besann
sich die Regierung erst jetzt, kurz vor der
Wahl, um die Beamten für die Freisinnigen
oder Konservativen zu kapern, welche bisher
noch in keinem Falle für diese eingetreten sind.
Einzig die sozialdemokratische Reichstagssraktion
beschäftigte sich eingehend und nachdrücklich mit
den Gehalts- und Acbeitsvcrhältnissen der Post-
beamten rc. rc. Alljährlich sind bei der Etats-
beratung die Mihstände in der Poswerwaltung
rückhaltlos besprochen.

Die grohe Zahl der Postproletarier, die bei
schwerer Arbeit, langer Arbeitszeit und
kargem Lohn im Dienste des Staates die
Millioncnübcrschüssc jährlich, vom frühen
Morgen bis in die sinkende Nacht erarbeiten
müssen, haben einzig bei den sozialdemokra-
tischen Abgeordnete» eine energische Vertretung
ihrer Interessen gesunden. Die übermäßige
Arbeitszeit, die mangelnde Sonntags-
ruhe, der für die Mehrzahl der Unter-
beamten fehlende Erholungsurlaub, die

kärgliche Entlohnung der nicht sest-
angestellten Unterbeamten, die unzu
reichende Gehaltssätze der etatsmäßig
Angestellten, die lange Wartezeit bis
zur Anstellung, die häufig schroffe Be
Handlung durch die Vorgesetzten, kurz
alle Klagen und Beschwerden der Unter-
beamten wurden einzig von den Sozial-
demokraten vertrete».

Sie waren es, auf deren Antrag im Jahre 1897
bet Bundesrat vom Reichstag aufgefordert wurde,
das AnsangSgehalt aller etatsmäßig angestellten
Poftunierbeamten wesentlich zu erhöhen, sowie eine
entsprechende Steigerung der GchaltSskala eintreten
zu lassen. Die Regierung ist dem nicht nach-
gekommen, dagegen hat sie, einem andern Beschluß
der konservativ - klerikal nationalliberal - frei-
sinnigen Reichstagsmajorität nachkommend,
vorgeschlagen, das Gehalt der Staatssekretäre
von 24 000 aus 36 000 Mk. zu erhöhen.

In dieser Mißachtung der Notlage
der Unterbeamten fand die Regierung, wie bei
allen ihren beamtcnfeindlichcn Bestrebungen,
die Unterstützung der bürgerlichen
Parteien, die davor warnten, die Beamten
noch „begehrlicher" zu machen und die Gehälter
als der „Lebensstellung und Geburt" der
Beamten entsprechend bezeichneten.

Der konservative Führer Gras Limburg
Stirum sprach-sogar von dem „groben Unfug",
den die Beamten mit ihren Petitionen treiben
und bezeichnete dies einzige Hülfsmittel der Be-
amten als „eine Art von Sport" und am
3. Mai 1900 erklärte der Minister von Thielen
im preußischen Landtag!

„ES ist soweit gekommen — mit
rühmlichen Ausnahmen —, daß die
einzelnen Beamtenkategorien es für
ihre Pflicht gegen Weib und Kind
und gegen sich selbst erachten, nur ia

85 und 86. Flugblatt an die Beamten
        <pb n="200" />
        ﻿nicht auszuhören und locker zu lassen
in dem Wettbewerb uni die Steige-
rung der Beämtenbesoldungen."

Der Staatsminister a. sD- Falk erließ als
r^berlandesgerichtspräfident an ihm unterstellte
Beamte ein Rundschreiben, in dem es heißt:

„Dieses gemeinschastliche Vor-
gehen .... erscheint ule eine nicht zu
duldende Untergrabung der dienst-
lichen Ordnung.

Einer Weisung des Herrn Justiz-
ininistcrs entsprechend untersage ich daher
hiermit die Beteiligung an der Petition
bei Vermeidung disziplinarischer Maß-
regeln."

So wird den Beamten das Pctitionsrecht
verkümmert, gar nicht zu reden oon den Maß-
nahmen, mit denen dem Koalitionsrecht z«

Leibe gegangen wird.

Jahrelang haben die Kämpfe zwischen
Postvcrwaltung und dcnPostbcamtenvercinen
gedauert. Offen lvird den Beainten erklärt,
sür Euch gilt der Spruch: „Wessen Brot ich

Beamte! Denkt bei der Stimmabgabe am 25. Januar daran, gebt den Herren die
Quittung Wählt sozialdemokratisch, wählt

Lodert Svdmiät.

Von den bürgerlichen Parteien habt Ihr nichts zu ersvarten als die
weitere Verkümmerung der Euch vcrsasjnngsgemäß zustehenden Rechte.

Stimmt für die Partei, welche, wie für alle Ausgebeuteten und Unterdrückten, so
auch sür die gering besoldeten, ihrer Rechte beraubten Beamten eintritt. Wählt

Lodert Svdmiät.

Die Wahl ist geheim, kein Spitzel, kein illngeber ist in der Lage, Euch zur Rechen-
schaft zu ziehen.

Wählt, so wie es Eurer liesinnersten Ueberzeugung entspricht, Ivählt sozialdemokratisch, wählt

Lodert Svdmiät.

Das sozialdemokratische Wahlkomitee.

Lrrantw-rtttch: Otto Welk. Srrlsswaiderstr. «5. - Druck: Borwürt« «uchdruckrrr« und «erlag«anstatt Paul Singer 4 Io.. Berlin SW. 68. Liildenftrotzi«.

esse, dessen Lreo tcy finge." Aus freien,
unabhängigen Staatsbürgern sucht nirrU
gefügige, abhängige und willenlose Bediente
zu machen, die mau durch Redensarten Ipie. dem
„oft erprobten gesunden Sinn der Be-
amten" oder von dem „Bewußtsein ihrer
Benmtenstellung und Beamtcnpfticht"
dazu bringen will, bei. den Wahlen ihren ärgsten
Feinden zum Siege zu verhelfen.

Genau so sehr ivie der kleine Handlverker und
der Arbeiter leidet unser Beamtenstand unter der
iubireftcix Steuergesetzgebung, der Zollpolitik des
Deutschen Reiches, welches die notwendigsten
Lebensmittel zugunsten kleiner aber mächtiger
Cliquen verteuert. Ja noch mehrk Der Arbeiter
ha! durch seine GcwcrkschastSorganisation die
Möglichkeit, sich allzu hoch steigender Verteuerung
seiner Bedarssmittel zu erwehren. Durch das
Mittel der Streiks ist er in der Lage, sein Ein-
kommen bei eintretenden Aeuerungsverhältnissen
zu heben. Der Beamte aber bleibt auf seiner
Gehaltsstufe, gleichviel wie tief die Kauflraft
des Geldes finkt bezw. die Preise der Waren

85 und 86. Flugblatt an die Beamten
        <pb n="201" />
        ﻿m

— 189 -

Im Winter 1903/04 zeigte sich die preußische Regierung in einem
Grade als Lelferin der russischen Polizeiwirtschaft, wie es selbst in
den schlimmsten Reaktionszeiten nicht ärger gewesen war. Russische Flücht-
linge wurden in einer Weise an die russische Grenze abgeschoben, die sich
von direkter Auslieferung nur durch die grausamere Form unterschied,
Russen wurden der russischen Polizei von der deutschen Polizei als Ver-
breiter von in Rußland — nicht in Deutschland — verbotenen Schriften
denunziert, und als in Berlin lebende russische Studenten es wagten, gegen
ihre Bespitzelung Protest zu erheben, wurde eine größere Anzahl von ihnen
auf einen Schub ausgewiesen. Gegen diese Einleitung einer „moskowitischen
Ära in Preußen" nun protestierte am 10. Januar 1904 in Berlin eine
polnische Volksversammlung, der am 11. Februar und am 18. Februar
zusammen 15 große allgemeine Protestversammlungen folgten, die gegen
den „Russenkurs in Preußen-Deutschland" und das Treiben der
russischen Polizei in Deutschland leidenschaftlich Stellung nahmen und den
russischenFreihcitskämpfcrn ihre tiefempfundene Sympathie und Bewunderung
ausdrückten. Nachdem dann am 22. Januar 1905 die zarische Polizei in
Petersburg gegen friedlich mit einer Bittschrift vor den Palast des Zaren
ziehende Arbeiter jene Metzelei verübt hatte, die zum Signal für die folgen-
reiche revolutionäre Erhebung im Zarenreich wurde, blieben auch die
Arbeiter Berlins nicht stumm. In 21 großen Volksversammlungen wurde
am 9. Februar 1905 der flammenden Entrüstung der Arbeiter Berlins
über jene Schlächterei Worte verliehen und zugleich ward mit freudiger
Genugtuung die kraftvolle Tätigkeit der russischen und russisch-polnischen
Sozialisten im Kampf gegen den Zarismus und seine Diener begrüßt und
die Forderung erhoben, daß Preußen-Deutschland nun endlich sein un-
würdiges Verhalten zur russischen Freiheitsbewegung aufgebe.

Äus dem Jahre 1904 sind noch größere Demonstrationen zugunsten
der im Frühjahr jenes Jahres einen großen Lohnkampf führenden Bäcker
und der im Lochsommer gegen eine Aussperrung sich wehrenden Former
der großen Maschinenfabriken zu erwähnen. Für die Bäcker demon-
strierten am 18. Mai 7 große Volksversammlungen, für die Former am
17. August 15 Metallarbeiterversammlungen. Ein im Lerbst 1905 spielender
großer Lohnkampf, der ebenfalls Metallarbeiter Berlins betraf, nämlich
der Kampf von Arbeitern der beiden größten Elektrizitätswerke Berlins
für mäßige Verbesserung der Lohnsätze, den die kapitalmächtigen Firmen
mit einer großen Aussperrung beantwortet hatten, rief eine imposante
Gegenäußerung der Berliner Arbeiterschaft gegen diese Maßregelung her-
vor. In 25 sehr stark besuchten Volksversammlungen erklärte sie am

5.	Oktober ihre Solidarität mit den kämpfenden Arbeitern und ihre Ver-
urteilungen des Vorgehens jener Werksleitungen. Keine politische oder
gewerkschaftliche Demonstration, aber eine bedeutsame kulturelle Kund-
gebung stellte die großartige Feierlichkeit dar, welche im Mai 1905 das
Kunstinstitut der Berliner Arbeiter, die „Freie Volksbühne," zur Er-
innerung an Friedrich Schiller, den hundert Jahre vorher verstorbenen
großen deutschen Dichter des deutschen Volkes, abhielt. Der gehobene Ton,
der auf dieser Feierlichkeit obwaltete, und die geistige Löhe der von Engelbert
Pernerstorfer gehaltenen Festrede waren der Kulturbestrebungen Schillers
durchaus würdig.
        <pb n="202" />
        ﻿190

4. Demonstrationen an Gedenktagen.

Damit schließt dieAufzählung der wichtigsten Gelegenheitsdemonstrationen
der Berliner Arbeiterschaft. Von den drei regelmäßig wiederkehrenden
Demonstrationen, die zu Anfang dieses Kapitels aufgezählt wurden, verlor die
Lassallefeier unter dem gemeinen Recht bald den Charakter einer Äußerung
des Kampfes, den sie unter dem Ausnahmegesetz getragen hatte, und nahm
zeitweise mehr volksfestmäßige Züge, zeitweise mehr das Wesen einer ruhigen
Gedenkfeier an, um schließlich ganz einzuschlafen. Der neu herangewachsenen
Generation, die vor immer mehr Fragen sich gestellt sieht, welche zu Lassalles
Zeiten unbekannt waren, ist der Name des großen Agitators zwar noch
ein großes Symbol, aber eben vorwiegend ein Symbol. Er weckt keine
tieferen Gefühlsregungen mehr und hat keine unmittelbare Beziehung zu
den jeweiligen Zeitkämpfen der Arbeiterklasse. So mußte auch der Reiz
dieser Feier für die Massen immer mehr an Kraft verlieren.

Das ist auch mit der Feier des 18. März geschehen, soweit sie der
Erinnerung an die Pariser Kommune galt. Es gab eine Zeit, wo auch
die deutsche Sozialdemokratie am 18. März mehr der Kommune, als der
deutschen Revolution von 1848 gedachte. Die Kommune war ja wesentlich
eine Arbeitererhebung gewesen, die Märzrevolution dagegen wesentlich
noch Sache des Bürgertums. Aber der Kampf der Kommune war
schließlich doch eine zu spezifisch französische oder vielmehr lokale Pariser
Angelegenheit, um Nichtftanzosen auf die Dauer mehr sein zu können, als
eine tragische Erinnerung, deren Eindruckskrast auf die Gemüter um so
mehr abblassen mußte, als neue, nicht minder tragische, aber für die heutige
Arbeiterbewegung wichtigere Kämpfe das Interesse auf sich lenkten. Wäre
der 18. März nur der Gedenktag der Pariser Kommune, so wäre seine
Feier, wie anderwärts in Deutschland, so auch in Berlin allmählich ein-
gestellt worden.

Aber der 18. März ist zugleich der Jahrestag der Berliner Barrikaden-
kämpfe von 1848, die für Preußen den Sturz des Absolutismus besiegelten
und in denen es fast ausschließlich Arbeiter waren, welche ihr Blut für die
Freiheit und Selbstbestimmung der Staatsbürger ließen. Aus diesem Grunde
hat er an lebendigem Interesse fiir die Sozialdemokratie Berlins im Laufe
der Zeit nicht verloren, sondern eher gewonnen. Die sozialdemokratische
Arbeiterschaft Berlins betrachtet die Toten des Mürz als ihre Toten,
und deren Gräber im Friedrichshain am 18. März zu schmücken, ist ihr
eine Lerzenssache, mit der sich zugleich das Bestreben mischt, die Über-
nahme des politischen Erbes der Märzgefallenen, die Fortsetzung des
Kampfes gegen die politische Klassenherrschaft in allen ihren Formen zu
bekunden. Zeitweise, je nachdem der politische Kampf sich gestaltet,
tritt dies letztere Moment der Kampfesdemonstration sogar mit besonderer
Schärfe hervor, aber ein Stück davon trägt jede Märzfeier. Änd bei jeder
fast gibt es Reibereien zwischen Polizei und Demonstranten. Den Besuch
der Gräber ganz zu verbieten, hat man fteilich nicht unternommen, das
wäre als ein zu kompromittierendes Zeichen der inneren Schwäche erschienen.
Aber man sucht ihn durch peinliche Sicherheitsmaßregeln, die scheinbar dem
Schutz der Wege und Gräber gelten — eine Sorge, die man an einem solchen
Tage ruhig der Selbstordnung der Manifestanten überlassen könnte — möglichst
zu erschwer«,. Ein Massenaufgebot von Polizei in jeder Gestalt, zu Fuß
        <pb n="203" />
        ﻿87. Illustriertes Flugblatt zur Reichstagswahl 1907
        <pb n="204" />
        ﻿192

und zu Pferde, in Aniform und Zivil, an sichtbaren Stellen und im Linker-
gründe, das ist die regelmäßig wiederkehrende Begleiterscheinung der Grab-
schmückung am 18. März. Dazu ein kleinlicher Kampf der Polizei gegen
„aufreizerische Abzeichen" am Gräberschmuck, gegen Schleifen mit In-
schriften revolutionären Charakters, und ganz besonders gegen Schleifen im
anstößigen Rot. Solche umstürzlerischen Schleifen sofort mit der Schere
zu entfernen und zu konfiszieren, ist eine Lauptsorge der Polizei, und daß
diese Art „Schneidigkeit" stets Zeichen von Bitterkeit oder Lohn auslöst,
ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich bei dem Geist der Berliner
Arbeiterschaft ist aber auch, daß diese Polizeiakte sich als das Gegenteil
dessen bewähren, was ihnen Zweck verleihen könnte: statt abzuschrecken,
feuern sie an.

Von Jahr zu Zahr wird lange Zeit der Besuch der Märzgräber
immer stärker, ein immer reicherer Blumenschmuck zeugt von der zu-
nehmenden Leistungsfähigkeit der Arbeiterbewegung. Zeitereignisse bringen
ihn in einzelnen Jahren auf eine Löhe, wie ihn die bürgerliche Demokratie
selbst zur Zeit ihrer größten Blüte nicht zu erwirken vermochte. So wurden
im Jahre 1894, nachdem am 18. Januar die Polizei am Friedrichshain
die weiter oben berichteten Prügelszenen aufgeführt hatte, am 18. März
über 500 Kränze auf den Märzgräbern niedergelegt, teils von Vereinen
und Klubs, teils von Arbeitern bestimmter Werkstätten auf Grund von
Sammlungen gestiftet. Es ist nicht übertrieben, die Zahl der so an dieser
Kranzspende Beteiligten auf mindestens 50 000 einzuschätzen. Ein Teil
der Kränze ist sehr kostbar — für die Opfer des Freiheitskampfes ist
nichts zu teuer. Lieber wird auf einen sonstigen Genuß verzichtet, als daß
man hier sparte. Lerrliche Blumen und Schleifen bedecken den einfachen
Rasen, unter dem die Märzgefallenen ruhen, lakonische Inschriften in
Prosa oder Versen geben die Gedanken kund, welche die Stifter beseelen.

Der ernsthafteste Zusammenstoß zwischen der Polizei und der Volks-
masse, die zu den Märzgräbern pilgerte, fand am 18. März 1892 statt.
Durch Übereifer und brutales Gebaren der Polizei, in deren Leitung noch
der Geist der Ära Bismarck starken Einfluß hatte, wurden die Massen,
unter denen viele Arbeitslose waren, aufs äußerste gereizt. Sie widersetzten sich
den Befehlen der Polizei, es gab auch Versuche, Polizisten, die besonders
schroff vorgingen, aufzuhalten, worauf die berittene Polizei mit blanker
Waffe auf die Menge einhieb und sie so gewaltsam auseinander trieb.
Natürlich fehlten auch Verhaftungen nicht, und einer der Verhafteten,
der Maurer Karl Neumann, ward wegen „Aufruhrs" zu einem Jahr
Gefängnis verurteilt. Der Effekt der Polizeiaktion aber war, daß im
folgenden Jahre — 1893 — der Besuch des Friedrichshain ein noch be-
deutend stärkerer war, als das Jahr vorher. Indes kam es trotz des
gesteigerten Besuchs zu keinem Zusammenstoß, die Polizei bemühte sich
ersichtlich, die Massen nicht zu reizen.

Dagegen griff in diesem Jahr die Presse-Abteilung der Polizei staats-
rettend ein. Von sozialdemokratischer Seite war für den 18. März eine
„Festzeitung" auf rotem Papier herausgegeben worden und ebenso
waren die Märznummern des „Volksblatt für Teltow-Beeskow"
und des von den Unabhängigen herausgegebenen „Sozialist" auf rotem
Papier gedruckt worden. Das erhöhte ihre Staatsgefährlichkeit in bcn
        <pb n="205" />
        ﻿
        <pb n="206" />
        ﻿193

Augen der Polizei in so hohem Grade, daß all diese Blätter polizeilich
beschlagnahmt wurden. Noch einmal, im Jahre 1896, ward eine März-
zeitung der Sozialdemokratie Berlins konfisziert, aber der Polizei fiel nur
die zweite Auflage dieser Festnummer in die Lände, die erste war, als die
Beamten sie beschlagnehmen wollten, schon vollständig vergriffen. Eine ge-
wisse geschäftliche Schädigung war alles, was die Polizeimaßregel erzielte.

Wie der Besuch der Gräber, so stieg auch lange Zeit mit der Zahl
der Versammlungen und Feste, die auf den Abend des 18. März angesetzt
wurden, der Besuch dieser Veranstaltungen. Jeder Wahlkreis hatte
mindestens eine, die größeren Wahlkreise aber hatten mehrere Versamm-
lungen oder Feste, die oft sehr eindrucksvoll verliefen. Einen Löhepunkt er-
reichte die Gedenkfeier am 18. März 1898, dem 50. Jahrestag der Re-
volution. Dagegen wurde in den beiden letzten Jahren unserer Epoche von
besonderen Versammlungen zur Würdigung des Revolutionstages ab-
gesehen, da um die gleiche Zeit große Demonstrationen für unmittelbare
Kämpfe die Arbeiterschaft in Anspruch nahmen, so daß es Überspannung
der Kräfte geheißen hätte, zu schnell darauf neue Versammlungen in großer
Zahl an einem Tage folgen zu lassen. Aber hinsichtlich des Besuchs der
Gräber blieb es beim alten, gerade in den letzten beiden Jahren waltete
die Polizeischere besonders eifrig an den Kranzschleifen.

Es bliebe nun noch übrig, die Entwicklung der dritten Gruppe regel-
mäßig wiederkehrender Demonstrationen zu gedenken, nämlich der Begehung
des internationalen Festtages der Arbeiterklasse, der Feier des

1.	Mai. Ihr aber, die nach und nach die andern regelmäßigen Demon-
strationen an Amfang und Bedeutung überflügelt hat, sei ein besonderes
Kapitel gewidmet.

Bernstein, Berliner Geschichte. III.

lZ
        <pb n="207" />
        ﻿Sechstes Kapitel.

Die Wahlen zum Deutschen Reichstag in Berlin
und den Vororten.

0ie Zeitpcriode vom Oktober 1890 bis zum Ende des Jahres 1905
sah drei allgemeine Erneuerungswahlcn für den Deutschen Reichstag:
die Wahlen vom 15. Juni 1893, die Wahlen vom 16. Juni 1898
und die Wahlen vom 16. Juni 1903. Die politischen Konstellationen,
unter denen diese Wahlen vor sich gingen, sind im zweiten Kapitel ge-
schildert. Es mag indes hier daran erinnert werden, daß der Wahlkamps
von 1893 unter dem Zeichen des Streites um oder wider die von der
Sozialdemokratie rundweg abgelehnte Caprivische Militärvorlage stand, die Er-
höhung der Friedenspräsenzstärke des Leeres als Ausgleich für die Lerab-
setzung der Dienstzeit forderte; daß den Wahlen von 1898 große Flotten-
bewilligungen und die Besetzung der Kiautschou-Bucht vorausgegangen
waren, während die Wahlen von 1903 die Antwort auf die Stellung der
Parteien zum neuen Zolltarif zu geben hatten, den die klerikal-
konservativ-nationalliberale Koalition unter Vergewaltigung der Geschäfts-
ordnung des Reichstags im Dezember 1902 gegen die Obstruktion der
Sozialdemokratie zur Annahme gebracht hatte. Dazu kamen in der inneren
Politik jedesmal Fragen des Koalitionsrechts der Arbeiter, des Arbeiter-
schutzes und der allgemeinen politischen Gesetzgebung.

Von Beschreibung der Versammlungen, die in Berlin und, wo es
nur irgend möglich war, in den Vororten bei Gelegenheit dieser Wahlen
von seiten der Sozialdemokratie abgehalten wurden, kann hier abgesehen
werden, ebenso von Schilderung der großen Wahlarbeit, die in Gestalt von
Flugblätterverbreitung, Lausagitation, Organisation und Besorgung des
Schlepperdienstcs am Wahltage jedesmal geleistet wurde. Prinzipiell ist
cs immer dasselbe Bild bewunderungswürdiger Opferwilligkeit und Tatkraft,
welches sich dabei darbietet. Nur wächst von Jahr zu Jahr die Zahl der
freiwilligen Lelfer, und die Organisation des Wahlkampfs wird immer
systematischer betrieben. Die im dritten Kapitel geschilderte Gliederung der
Organisationen bewährt sich aufs trefflichste, der Wahlkampf findet die
Partei jedesmal in der Lauptsache schon „schlachtbcrcit". Die Konstellation
der Parteien ist durchgängig die gleiche: in Berlin hat dort, wo die
Wahlkreise nicht schon Besitz der Sozialdemokratie sind, diese mit den
Freisinnigen um die Mandate zu ringen, in den zwei Vorortswahlkreisen
sind die Konservativen die stärksten Gegner. Die Bollwerke der letzteren sind
        <pb n="208" />
        ﻿195

Heute

die Dörfer und Landstädte,
und dort gibt es auch
bei der Agitation für die
Sozialdemokratienoch aller-
Hand dramatische Episoden.

Indes darf man so brutale
Gewaltakte, wie sie 1890 ins
Werk gesetzt worden waren,
nun doch nicht mehr unter-
nehmen.

So können wir uns
denn hier daraufcheschrän-
ken, die Ergebnisse der Agi-
tationsarbeit hinsichtlich der
für die Sozialdemokratie
bei den Reichstagswahlen
abgegebenen Stimmen vor-
zuführen. Für ihre Veran-
schaulichung genügt es in-
des nicht, bloß die Ziffern
der drei genannten Wahlen
zu berücksichtigen. Zur Ver-
vollständigung des Bildes
müssen wir erstens noch die
Ziffern des Wahlkampfes
von Jahre 1890 heran-
ziehen, das die von uns zu
betrachtende Periode ein-
leitet, da sie den Aus-
gangspunkt abgeben für die
Berechnung und Bewer-
tung der vollzogenen Ent-
wicklung der zu betrachten-
den Wahlkreise. Es scheint
aber ferner angemessen, die
Ergebnisse der Reichstags-
wahlen vom 25. Januar
1907 gleichfalls zum Ver-
gleich heranzuziehen. Denn

wenn auch dieses Datum schon etwas weiter außerhalb des Zeitabschnitts
liegt, dem der vorliegende Band gewidmet ist, als das Datum der
Wahlen von 1890, so ist seine Entfernung vom Zeitpunkt, mit dem
dieses Buch abschließt, doch nicht so groß, wie die Zeitdifferenz zwischen
diesem und dem Datum der Wahlen von 1903. Die Wahlen vom
Januar 1907 zeigen besser als die Wahlen vom Juni 1903, wie groß in
Berlin die politische Kraft der Sozialdemokratie Ende 1905 war.

Es sind also fünf allgemeine Reichstagswahlen, deren Ergebnisse in
Berlin wir zu vergleichen haben. Betrachten wir zunächst die Gestaltung
des Stimmenverhältnisses der Parteien in der Äauptstadt selbst.

13»

ist der Tag der Abrechnung erschienen; fjcntc, am 25. Januar, muß die
Wählerschaft Deutschlands Protest erheben gegen die bisherige Regierung»-
Politik mit ihren Lebcnsmittclzöllen, mit ihrer Flcischvcrtcuernng,
mit ihren indirekten Steuern, die die kleinen Leute, Arbeiter,
Angestellten, Handels- und Gewerbetreibenden, Handwerker und
kleinen Beamten am stärksten belasten; heute ntuß der Mittelstand
Protest erheben gegen eine Negierung, die durch Beseitigung der Zwei-
Pfennig-Postkarte bewies, daß sie an Treu und Glauben nicht denkt,
wenn es gilt die Mittel für ihre uferlose Flottcnpolitik, für die unsinnige
Art ihrer Kolonialpolitik aufzubringen — ohne dem Großkapital und
dem Großgrundbesitz wehe zu tun. Und jetzt, wo der Freisinn sich
den bisherigen Regierungsparteien angeschlossen, wo der nach der Ver-
fassung allein verantwortliche Reichskanzler mit allen von ihm abhängigen
Räten schon im ersten Wahlgang in höchsteigener Person für den Frei-'
sinnigen stimmt, kann die Stimmabgabe für den Freisinnigen kein
Protest sein.

Darum müssen Sie heute für den Kandidaten der Sozial«
demokratic stimmen.

Der Kandidat der Sozialdemokraten ist

. Le» Arons

Brücken-Allee 3.

Ihr Wahllokal befindet sich

StralaueMr. 3-6 bei Kolter.

Wir bitten Sic. sich sobald als irgend möglich zum Wahllokal
zu begeben. Die Wahl ist geheim, das amtliche Kuvert erhalten Sie
im Wahllokal. Einen Stimmzettel für unseren Kandidaten haben wir
diesem Ausruf beigelegt.

ßas sozialdctnohrailsche Wahikcmitee
für öm 1. Berliner Steieksfags-Wahlkreis.

Philipp Bernstein, Kürschnermstt., Neinickendorscrstr. 1)

Karl Fahrow, Gastwirt, Ravcnestr. 6.

Herin. Heyse, Gastwirt, Boyenstr. 19.

Paül Wysocki, Barbier u. Friseur, Dalldorferstk. 2.

Letzte Mahnung an die Wähler
Retchstagsflugblatt 1907
        <pb n="209" />
        ﻿196

1. Die sechs Berliner Wahlkreise.
Berlin I.

Jahr	Sozial-  demokraten	Frei-  sinnige	Konser-  vative	Andere Parteien  QtntfVitm		Zer-  splittert
1890	3588	6674	4688	—	223	58
Aachwahl	2924	5928	2317	Der Ethiker National- Egidy	liberale		18
1893	4069	5270	2834	1770	1040	249	61
Stichwahl	5248	7065	—	Rational-Sozial		
1898	3635	5667	2126	1008	279	41
Stichwahl	4002	8385	—	—	—	—
1903	5315	4266	2923	—	278	62
Stichwahl	6233	6607	—	Bodenresormer	—	
1907	5042	6067	972	780	271	42
Stichwahl	4607	8064	—	—	—	—

Der Wahlkreis, der die innere Stadt lnit ihren vielen älteren Lausern,
die Quartiere der oberen Bureaukratie, sowie das von der Geldaristokratie
bewohnte Tiergartenviertel umsaßt, zeigt keine gleichmäßige politische Ent-
wicklung, da allerhand Ambauten in verschiedenen der zu ihm gehörenden
Stadtviertel die soziale Gliederung seiner Bewohnerschaft bald nach der
einen und bald nach der andern Seite verschoben haben. Zum erstenmal kam
in ihm die Sozialdemokratie im Jahre 1893 in die Stichwahl, ein bis dahin
von vielen für undenkbar gehaltener Erfolg, der sich aber nun von Wahl
zu Wahl wiederholen sollte. Die höchste Stimmenzahl erhielt die Sozial-
demokratie hier im Jahre 1903. Nur wenige hundert Stimmen fehlten ihr
in der Stichwahl jenes Jahres zum vollen Siege. Die Wahl von 1907
brachte im ersten Wahlgang einen gegen die Lauptwahl von 1903 geringen
Rückgang, der sich durch zahlreichen Ambau von verfallenen Wohnhäusern
der alten Stadt in Waren- und Industriehäuser — die „Citybildung" von
Alt-Berlin — zur Genüge erklärt. Der viel erheblichere Rückgang in der
Stichwahl ist vornehmlich darauf zurückzuführen, daß das Stimmenverhältnis
in der Lauptwahl einen Sieg in der Stichwahl für ausgeschlossen erkennen ließ.

Kandidaten der Sozialdemokratie waren in diesen Kämpfen: 1890
Gottfried Schulz, Zigarrenhändler, 1893 Aug. Taeterow, Schneider,
1898 L. Poetzsch, Gastwirtsgehilfe, und 1903 sowie 1907 Leo Arons,
Priva,gelehrter.	Berlin ll.

Jahr	Sozial-  demokraten	Frei-  sinnige	Konser-  vative	Anders Parteien		Zer-  splittert
				Nakionalliberale	Zentrum		
1890	20 225	18 245	14165	50	397	126
Stichwahl	23 381	24 965	—				
1893	26 667	14 544	13218	3056	566	316
Stichwahl	29 359	19 847	—	—	—	—
1898	26269	16127	11359	—	755	174
Stichwahl	28 547	28 562	—	—	—		
Nachwahl 11.4.99				Antisemiten		
	24320	17 442	5267	148	—	16
				Polen		
1903	34995	16 064	10 603	179	1059	54
1907	35 286	25 618	3 852	245	1272	39
        <pb n="210" />
        ﻿An die

Wähler des 5. Berliner Keichstags-Wahlkreises.

Arbeiter! Handwerker! Mitbürger!

Am 15. Juni hat der Kandidat der Sozialdemokratie
im 5. Berliner Wahlkreis die meisten Stimmen auf sich
vereinigt. Die Wähler haben damit bekundet, daß sie kein
Vertrauen mehr zu dem bisherigen Vertreter des Kreises haben,
der kaum ein Drittel der abgegebenen Stimmen erhielt, kein
Vertrauen zu dem sterbenden Freisinn, der widerstandsunfähig

«ich «icht ein einziges MlandaL «rungm hat.

In Stadt und Land, in Werkstatt und Fabrik, wo irgend
nur politisch denkende Männer weilen, haben sie sich zu
Millionen der Fahne der Sozialdemokratie zu-
gewandt und von überall erklingt der Ruf in'ü Ohr der Mäch-
Ligen und Neichen. Schafft menschenwürdige Zustände,
gebt Freiheit und Gleichheit in politischer und sozialer Be-
ziehung. — Keine neuen Steuern, - keine Erhöhung der 'Lasten
des Volkes, keinen Mann und keinen Groschen dem
Moloch des Militarismus.

Wähler! Zwischen Euch und uns bedarf es nicht
vieler Worte; Ihr wißt, was wir wollen, wir haben Euch in
unseren Flugblättern und Versammlungen unsere Forderungen
an den heutigen Staat und unser Programm genügend ausein-
andergesetzt. Wir haben Euch gewarnt, den gruseligen, selbst-
gemalten Zukunftsbildern der Richter und Genosien zu trauen.
— Ihr glaubtet uns und habt unserem Kandidaten eine
imposante Stimmenzahl zugewandt; nach eine letzte An-
strengung und der Sieg ist unser!

Arbeiter! Handwerker! Kleine Beamte und
Geschäftsleute? Wer nimmt sich Eurer thatkräftig an?
Wer kämpft unablässig und allein für eine .Berdefferung
Eurer Lage, den großen Herren, den Schlotbaronen
und Krautjunkern, dem hohen Beamtenthum und der
deulschfreisinni^en Vetterwirthschaft im rothen Hause

rum Tr°c? Einzig und allein die Sozial-
demokratie!

Die Sozialdemokratie ist eingetreten für einen wirklichen
Arbeilerschutz, für den Schutz der Kinder und Frauen, für die
Sonntagsruhe der kaufmännischen Angestellten, für Vereins-
freiheit und besiere Bezahlung der kleinen Beamten, für
Beseitigung der das Volk ausplündernden Zollwirthschaft.

Allein die Sozialdemokratie hat ernstlich den Militarismus
bekämpft, der durch feine ungeheuren Anforderungen an die
Steuerkraft des Volkes, durch den die Selbstständigkeit ertödten-
den Drill, durch feine Soldalen-Mißhandlungen und seinen
Paradepomp, durch unerträgliche Gut- und Blulsteuern die
Wehr- und Nährkraft des deutschen Volkes gefährdet Das
Volksheer, das wir fordern, ist die einzige Bürg-
schaft deü Friedens und der Freiheit.

Wähler! Wie sähe es im Deutschen Reiche aus, wenn'
der Deutsch-Freisinn an'ü Ruder käme. Ein lehrreiches
Beispiel habt Ihr an der Vetterwirthschaft und dem
Cliquenwesen im rother, Hause. Wer deklamirt im
Reichstage gegen die indirekten Steuern und zieht von den

Berliner Steuerzahlern die härteste und ungerechteste in-
direkte Steuer, die Miethssteuer, ein, die den Arbeiter
und den kleinen Gewerbetreibenden am schwersten bedrückt?.
Wer schädigt die kleinen Unternehmer und die Arbeiter durch
die Lotterwirthschast des Submissionswesens, dah
nur dem mit Magistrat und Stadtverordneteu-
mehrheit versippten und verschwägerten Groß-
Kapitalisten den Beutel füllt? Der deutsche Freisinn ist
es, der andererseits den arbeilerfreundlichen Antrag der Sozial-
demokratie. den bei städtischen Arbeiten Beschäftigten -von
stadtwegen menschenwürdigen Lohn und Arbeitszeiten auszu-
bedingen, von den Commisstonären des Gelvsackcs
niederstimmen ließ. Wer hatte für die blasse Noth nur Hohn
und Spott, wer hat den Nothstand geleugnet, wer hat nach
erbitterter Gegenwehr sich die klägliche Aettclsuppe der Wärme»
stuöcn abringen lasten? Wieder und immer wieder der Deutsch-
Freisinn, der im rothen Hause ohne das Feigenblatt der Demo-
kratie nur die nackten Interessen des Westhes vertritt.

Brutal nach unten, knechtisch nach oben, quiltirt der
Deutsch-Freisinn den Fußtritt, welchen ihm die Mächtigen gegeben,
durch Stiftung eines kostspielige» Nrurrk-MruunenS, er-
richtet ans Kosten der Steuerzahler. Wer begeistert sich mit
Mannesmuth vor Königsthronen für die Nirderlegung der
Schloßfreiheit, für den groben Lotterie-Unfug, für den Ententeich?

Das sind stets und ständig die

Knopstöch-Ualrioten.

Wähler? Entreißt den 6. Wahlkreis btcjtfft
Leuten, die in Berlin ausgespielt haben. Geht früh-
zeitig und vollzählig zur Urne und wählt Mann für Mann
den Kandidaten der Sozialdemokratie, den Klavier-Arbeiter

Mobert KchmiÄk.

Wähler! Die Sozialdemokratie allein ist eine
wahre Volkspartei, sie fordert die Volksherrfchaft, sie will,
daß. das Volk selbst seine Geschicke lenke. Sie fordert,, da»
die Gleichheit vor dem Gesetz kein leerer Schall, sondern
eine lebendige Wirklichkeit sei. Deshalb beküinpft sie die
Klassenherrschaft, deshalb tritt sie ein für politische
Freiheit und für soziale Reform, deshalb ist sie geschworene
Gegnerin des Militarismus, an besten Statt sie die Volks-
bemafsmmg setzen will..

Darum fort mit dem Militarismus! Fort mit dem
Kapitalismus! Fort mit den indirekte» Steuern! Gebet
einhellig Eure Stimme den Kandidaten der Sozialdemokratie,
dem Mann aus dem Volke, dem

Kkavieraröciter

Robert Schmidt.

Unsere Versammlungen finden statt:

Donnerstag, den 22. Zuni, Abends 8 Uhr in Mrauerei Iriedrichshain (Lips).
Referent: Reichstagsabgeordneter Dr. Wrrmo Kchönkank.

Areilag, den 23. Juni, Abends 8 Zlhr;

1.	Germania-Säle, Chaufleestr. 103. Referent: Reichstagsabgeord. Jaul Singer.

2.	Schützenhaus, Linienstr. 5. Referent: Reichstagskandidat Aoöert Schmidt.

S-raiü«--rlll4 Nr SkbaWoii: N«d. Drescher, Lmrn-Sirchr äO.	Dr-L: M. Schrimiir, Ln»mca-Str&lt;ch« !64-

89. Sozialdemokratisches Flugblatt für die Stichwahl im 5. Berliner Reichstags-

Wahlkreis 1893
        <pb n="211" />
        ﻿198

Der Wahlkreis, in dem die Sozialdemokratie schon vor dem Fall des
Sozialistengesetzes in die Stichwahl gekommen war, ward 1893 zum ersten-
I mal von ihr erobert. Im Jahre 1898 brachte in der Stichwahl ein win-
!	ziges Mehr an Stimmen den Freisinnigen den Sieg, doch mußte die Wahl

'	für ungültig erklärt werden, lind in der Nachwahl erhielt die Sozialdemo-

i kracke gleich im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit. Desgleichen bei
den Wahlen von 1903 und 1907. Das letzte Jahr zeigt auch die höchste
* sozialdemokratische Stimmenzahl, während im Jahr 1903 der höchste Prozent-
satz sozialdemokratischer Stimmen erzielt wurde.

Kandidat der Sozialdemokratie war 1890 Konstantin Ianiszewski,
:	damals Buchbinder, und von 1893 ab Richard Fischer, Geschäftsführer.

Berlin IH.

Jahr	Sozial-  demokraten	Frei-  sinnige	Konser-  vative	Andere Parteien		Zer-  splittert
				Rationalliberale		
1890	12 287	11566	174	229	—	172
Stichwahl	12 945	13 637	—	—	—	—
			Konservat.-  Anttsemiten		Zentrum	
1893	12 732	7 919	4 534	979	318	94
Stichwahl	14 068	9 700	—	—	—	—
1898	11411	8 031	3 809	—	377	86
Stichwahl	12 766	11415	—	—	—	—
1903	15124	5 804	3 673	—	462	—
1907	14259	9 404	1656	—	443	147

Der Wahlkreis wurde 1893 zum erstenmal von der Sozialdemokratie
erobert und ist seitdem in ihrem Besitzstand verblieben. Das Jahr 1903
° zeigt die höchste absolute und relative Stimmenzahl für die Sozialdemo-
kratie. Auch hier verdrängen Umbauten viele Arbeiter aus ihren Wohnun-
gen, während an eine Zunahme der Wohnhäuser nicht zu denken ist, da
von allen Seiten dicht bebaute Quartiere den Wahlkreis umgeben.

Sozialdemokratische Kandidaten waren 1890 Karl Wildberger,
! Tapezierer, 1893 Ew. Vogtherr, Kaufmann, und von 1898 ab Wolf-
gang Leine, Rechtsanwalt.

			Berlin IV.			
Jahr	Sozial-  demokraten	Frei-  sinnige	Konser-  vative	Andere Parteien		Zer-  splittert
				Zentrum		
1890	40 709	14 267	189	696			130
			Konservat.-  Antisemiten			
						
1893	46 356	9 768	7 469	869			499
1898  1903	45 293  68 758	7811	7 273	1256	Polen	334
		9 006	8 651	1988	832	59
1907	82 039	15 708	6 601	2 708	1 313	87

Eiserner Besitzstand der Sozialdemokratie — das ist die Devise dieses
Wahlkreises. Nur 1898, ein Jahr, das für alle Parteien eine schlechte
Wahlbeteiligung aufwies, brachte der Sozialdemokratie einen Stimmen-
rückgang, der indes zu unbedeutend war, um irgendwie ins Gewicht zu
fallen. Sonst ist hier nur beständiger Zuwachs zu verzeichnen, der mit
seinem sprunghaften Charakter die phänomenale Bevölkerungszunahme des
Kreises illustriert, und ohne Unterbrechung ist der relative Stimmenanteil
        <pb n="212" />
        ﻿Händler, Haufirev!

nt Meitsg, öm 24. ö. U. findet von
18—6 Khr üie Kichwshl

in unserem 5. Berliner Reichstagswahlkreise statt.

Ihr habt zu entscheiden, ob uns der Kandidat der freifkUNige« Wolksparksl» fyv* Stcdt«-
schul-Insvektor

Dr. Zwick

oder sein sozialistischer Gegenkandidat, Herr Schmidt, in den nächsten 5 fahren im Reichstage
vertreten soll. —

Was hat Herr Schmidt für uns geleistet? Als er im Zähre \893 um unsere Stimmen
warb, da versprach er freilich, für UNS eintreten zu wollen! Als aber im Reichstags die uns so
schwer drückende Novelle zur GewerdeordltUNg vorlag, da wußte Herr Schmidt mancherlei zu Gunsten
der Theaterunternehmungen, aber nichts für uns zu sagen!

Kollegen! Keine Partei ist mit. ber Entschiedenheit und mit dem Geschick für uns im
Parlament eingetreten, wie zu allen Zeiten die

Freisinnige Volkspartei!

Sie trat der polizeiliche« Ueberwachung unseres Standes entgegen, die uns wegen mannig»
facher Umtriebe der Sozialdemokratie seitens der Regierung auferlegt wurde!

Die freifinuige BolksparLei kämpfte energisch gegen die ungerecht hohe Tteuerdelastung
unseres Gewerbes.

Aber die Sozialdemokratie will gar nicht unser Wohlergehen; im Gegenteil erklärte ihr größter
Führer, daß der Ruin des kleinen Mannes durch das Großkapital ein gutes Werk wäre!

Nicht unsere Wohlfahrt, nur unsere Stimmen will die Sozialdemokratie.

Und der Zweck heiligt ihr die Wittel! Hat üe es doch nicht verabscheut, in einem Berliner
Nachbarwahlkreise sogar Antisemitismus zu treiben!

Kameraden, wer die Minderung der unerträglichen Steuern anstrebt, wer seinen Beruf in
Ehren hält und nicht geneigt ist, unwahrhaftigen Versprechungen zu trauen, der wähle am 2d. M. Herrn

vr. Zwick.

Adolf Färber.	Herma«;! Lachmann,

Handelsmann,	Praylaserfir. 9.

HehrbtlmerAr. 13«.

Albert Koste,

Grenaöierstr. 5.	__________________

Verantwortlich für Redaktion und vertag: H. Lachmann, prenzlauerstr. 9. Druck von Alb. Lehmann, Berlin C., lHünjftr. 20.

90. Freisinniges Flugblatt zur Stichwahl im V. Berliner Neichstagswahlkreis 1898
        <pb n="213" />
        ﻿— 200 —

der Sozialdemokratie an der Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen in
diesem Wahlkreis gestiegen.

Sozialdemokratischer Kandidat, bezw. Vertreter des Kreises ist die
ganze Zeit über Paul Singer gewesen, der 1884 hier zum erstenmal ge-
wählt worden war.

Berlin V.

Jahr	Sozial-  demokraten	Frei-  sinnige	Konser-  vative	Andere Parteien		Zer-  splittert
1890	7 234	10 059	4 324		Zentrum  224	54
Stichwahl	8 701	11502	—	—	—	—
1893	9 729	7 840	5143	—	255	95
Stichwahl	11245	9272			—	—
1898	10 025	7 085		Antisemiten  3286	339	301
Stichwahl	10899	10 957		—	—	—
1903	14 568	6 496	3210	—	470	103
1907	15 029	9 217	1 555	160	474	113

In diesem Wahlkreis liegen die Dinge ähnlich, wie in Berlin III. Er
ward 1893 in der Stichwahl erobert, ging 1898 mit winziger Stimmen-
differenz verloren, ward 1903 gleich im ersten Wahlgang zurückerobert und
1907 gut behauptet. Das günstigste Stimmenverhältnis ward auch hier
1903 erzielt.

Kandidat der Sozialdemokratie war 1890 Alb. Auerbach, Kauf-
mann, und von 1893 ab Robert Schmidt, gelernter Klavierarbeiter.

Berlin VI.

Jahr	Sozial-  demokraten	Frei-  sinnige	Konser-  vative	Andere Parteien			Zer-  splittert
					Zentrum		
1890	42 274	14195	10836	Rational-	587	—	89
				liberale			
1893	51 569	12 593	15 338	320	968	—	426
1898	58 778	10 603	15 554	—	1748	—	345
Nachwahl 30. 10. 1900  1903	53 895	—	10 486	—	1246	Polen	85
	79 478	14146	14 813	—	2 476	589	147
1907	99 560	21 110	13 053	—	4 057	990	163

Sieht man von der Nachwahl des Jahres 1900 ab, die, wie fast alle
Nachwahlen, Ausnahmeerscheinungen zeitigte, so hat in diesem, zum eisernen
Bestand der Sozialdemokratie gehörenden Riesenwahlkreis bei jeder Wahl
die sozialdemokratische Mehrheit absolut und relativ zugenommen. Seine
Bevölkerungszunahme, die noch bedeutender ist, als die Zunahme von
Berlin IV, hieß jedesmal in steigendem Maße Vermehrung der sozialdemo-
kratischen Wählerschaft. Nur sehr mäßig und in wechselnder Verteilung
nehmen die Stimmen der nichtsozialistischen Parteien zu. Die freisinnige
Partei hat 1898 ihren Tiefstand, so daß sie bei der Nachwahl von 1900
den Kampf gar nicht erst aufnimmt; seitdem hat sie sich langsam erholt.
Nicht unwesentlich, wenn sie auch für den Wahlausgang bedeutungslos
bleiben, sind die Zentrumsstimmen gestiegen. Auch für polnische Kandidaten
werden neuerdings zunehmend Stimmen abgegeben; sie beliefen sich 1903
auf 589, 1907 auf 990. Die Konservativ-Antisemiten haben im Gegenteil
seit 1893 nur Rückgang zu verzeichnen.
        <pb n="214" />
        ﻿m

An die Wähler des 6. Berliner
Reichstagswahlkreises.

Wie der Silvesterrausch in die trübselige Katerstimmmrg über-
seht, hat der Reichskanzler Fürst Bülow seinem patriotischen
PosaunensLoß vom 13. Dezember einen wehleidige« Appell
die konservativen und liberalen Parteien zur Bildung
eines Regierungskaptellö rmchfolgen lassen und zwar als
Brief an den Neichsverband zur Bekämpfung der Sozial-
demokratie. Verständlich ist dieser Notschrei. Denn der Wirr-,
warr unter den Regierungsparteien wuchs riesengroß.

Mit unvermuteter Schnelligkeit hatten die geschichtlichen
Ereignisse beit Widersinn der vorgeblichen Gründe für
die Neichstagöauflösuug erwiesen. Am 13. Dezember
hatte der Reichskanzler die kritiklose Unterwerfung des Reichs-
tags unter das Kommando des Gcneralstäbk und des Militär-
kabinetts verfangt. Der Krieg gegen die 300 im Felde
stehenden HsstSntotten sollte noch auf Jahre hinaus ein Heer
von 8000 Mann erforderlich machen. Als die Mehrheit des
Reichstags sich dieser militaristischen Parole nicht fügen wollte,
wurhe die Auflösungsorder aus Brickcburg verlesen. Genau
gwci Wochen später, am 27. Dezember, wurde in Berlin die
Nachricht bekannt, daß der Hauptstamm der.aufständischen

tottentotten, die -Sondelszwarts, sich ergeben haben. Die
rgebung dieser armseligen 150 Mann hat aber, selbst nach
Lern Eingeständnis der Offiziösen, dem sogenannten Kriege
tatsächlich ein Ende gemacht.

Noch vor wenigen Tagen suchte die freisinnige VolkS-
partci ihre neugebackene Militärfrömnngkeii dadurch zu be-
tätigen. daß sie gegen die Sozialdemokratie zu Felde zog mit
der Phrase: „Unsere kämpfenden Jungen in Afrika lassen wir
nicht im Stich !" Die Ergebung der BondelSzwarts hat in
Liese patriotische Pauke ein Loch geschlagen. Man denke nur:
was wäre im Reichstag geschehen, wenn die Ergebung der
BondelSzwarts 14 Tage früher bekannt geworden wäre? Der
Reichskanzler hätte feine unheilverkündende Ausmalung der
Gefährdung des Deutschen Reiches durch die 300 schrecklichen
Hottentotten herunterschlucken müssen. Er hätte froh sein
müssen, noch weit weniger bewilligt zu erhalten, als das
kompromiszbegicrige Zentrum sowieso bewilligen wollte. ES wäre
zu keiner Reichstagsauslösung gekommen, und die Freisinnigen
hätten sich die Blamage ersparen können, sich dem General-
stabsabsolutiSnnrS für nichts und wieder nichts zu untetlverfen.

Uns Sozialdemokraten allerdings kann c§ ja-mir höchst
willkommen sein, daß die Gegner in ihrer Verblendung einen1
Tag der Abrechnung heraufbeschworen und uns selbst dazu
die günstigsten Waffen in die Hand gedrückt haben. Hat doch'
in der KriegSfragc selbst der Gang der Ereignisse die Nichtig-
keit der sozialdemokratischen Stellungnahme vollcnff bestätigt.
Wir haben von jeher die Auffassung vertreten, daß diesem
frivol von den Weißen heraufbeschworenen Krieg durch
menschenfreundliches Entgegenkommen gegen die Eingeborenen
längst ein Ende gemacht werden konnte- Noch im Mat v. I.
hatte sich der Reichstag durch Annahme einer sozialdemo-
kratischen Resolution auf unseren Standpunkt gestellt. Im
Dezember waren das Zentrum halb, die Freisinnigen - ganz
umgefallen. Möchte aber noch irgend jemand bestreiten, daß
die Hottentotten durch Zusicherung -der Existenzsicherheit in
Ausführung jener Mairesolution weit früher bereits zur
Waffenniederlegung hätten bewogen werden können? Statt
besten.ist der Krieg auf Grund der Deimlinaschcn Nieder-
hetzrmgsstvatsgie weiter geführt worden. Rücksichtslos ist
deutsches Gut und Blut vergeudet worden. In den drei
Jahren, die der Krieg währt, hat er uns' nahezu 400 Milli-
onen Mark »md 2&lt;M&gt;0 Menschenleben gekostet. Zehn-
tausend,: von Eingeborenen sind im Kampfe gefallen oder
durch Hunger und Durst dahingerafft.

Noch menschenleerer als früher ist das Wüsten- und
Eteppenland von Deutsch-Südwestafrika geworden.

Dennoch sollen abermals Millionen über Millionen dort
vergeudet werden. Plant doch die Negierung auch für

FriedcnSzditen die dauernde Beibehaltung einer Truppen-
macht von 5000 Man«, so daß uns nach den bisherigen
Erfahrungen dieses Gebiet dann jährlich einen Neichszuschust
von mindestens 40 Millionen Mark kosten wird, ohne
irgend welche Aussicht, daß die Kolonie jemals auch nur-ihre
Verwalkmgslosten aufbringen wird. Aber das alles soll da§
deutsche Volk kritiklos dem Gutdünken deS Generalstabs und
diesen Bülow. Dernburg u. Co. überlassen, die gerade in der
Beurteilung und Behandlung der Dinge in Südwestasrika
ihre völlige Unfähigkeit erwiesen haben?

Nein l Aus den zahllosen, Skandalen in allen Kolonien,
die von schnrählicher Mißhandlung der Eingeborenen wie von
der Ausbeutung jener Eingeborenen und des deutschen Volkes
selbst durch habgierige Spekulanten immer von neuem Zeugnis
ablegen, drängt sich uns die Lehre auf. das; endlich ein Euds
gemacht werden mrrst mit dieser kapitalistischen Kolonial-
politik, die uns keinen Nutzen, sondenr nur Schaden bringt,
schweren Schaden materieller und moralischer Art.

In seinem SUvesterbricf wirft Bülow denn auch die Süd-
Westafrika-Maske vom 13. Dezember ab und gesteht offen ein,
daß er schon im Frühjahr, als verschiedene Kolonialforderungen
durch die Reichstagsmchpheit abgelehnt wurden, den Plan ge-
faßt habe, es zu einem Bruch mit dem Reichstag zu treiben,
wenn sich die Situation wiederholen sollte. Damit gesteht er
ein. daß es ihm nicht sowohl auf die Durchsetzung einer 6c*
stimmten Kolonialforderung ankommt, als auf eine Machtprobe
zwischen der junkerlich - bureaukratisch - militärische«
Rcgierungscligne und der Volksvertretung. Es handelt
sich jetzt um die Frage, ob bei nns der Regierungs-
absoltttismus herrschen, oder ob des Volkes Willen das
höchste Gesetz sein soll in deutschen Landen.

In diesem Kampf hat die Regierung sich zu den übrigen
reaktionären Parteien auch noch die Freisinnigen als Schutz -
truppe der Reaktion gesichert. Sie will nun den Kampf
führen gegen Sozialdemokratie, Zentrum, Welfen und Polen.
Der Reichskanzler sagt in seinem Silvesterbrief auSdrückiich:
„Die Sozialdetziokrätie stelle ich voran". Da hat er recht,
denn nur von der Sozialdemokratie ist ein ernstlicher Wider-
stand gegen dieses reaktionäre Gelichter zu erwarten. Scheut
der Kanzler doch nicht vor dem Staatsstreich zurück. Denn
anders ist seine Drohung mit dem Degen Vonaparteö
nicht zu verstehen.

Alle diese krampfhaften Drohungen sind Eingebungen der
Furcht vor dem wachsenden Einfluß und der wachsenden Macht
der Sozialdemokratie. Es ist ja längst bekannt, daß diese
Furcht in den beschränkten Köpfen der schnapsjunkerlichen und
schlotjunkerlicheu Scharfmacher den Plan eines Wahlrechts-
raubcs ausbrütet. Je gewaltiger das Emanzipationsheer des
Proletariats, die Sozialdemokratie, anschwillt, je klarer und
entschlossener sie ihrem Ziele,- der Befreiung des Volkes
von jedweder Ansbeutnug und Unterdrückung, zustrebt,
um so leichter wird sie alle solche volksfeindlichen Pläne zu-
schanden machen. Jeder Ncichstagswähler, der sein Wahl-
recht vor der Antastung durch freche Staatöstreichplans
sichern will, must deshalb einem Sozialdemokraten seine
Stimme geben,

Aber nicht nur um diese große Frage der Vollswahl
handelt cs sich, auf allen Lebensgebieten haben wir die Reaktion
zu bekämpfen.

Im engsten Zusammenhange mit der blut- und geld-
vergendenden Kolonialpolitik und der abenteuerlichen Welt-
politik überhaupt stehen Militarismus und Mariniömuo
mit ihren steigenden Rüstungen zu Wasser und zu Lande.
Darin geht in der Tat Deutschland aller Welt voran trotz der
andauernden Beteuerungen seiner Friedensliebe. Werden doch
jetzt wieder im Etat für 4007 für das Landheer niajt
weniger als 790 Millionen Mark (gegen das Vormyr
51 Millionen Mark. mehr), gefordert; für die Man-

91 und 92. Sozialdemokratisches Flugblatt für den VI. Berliner Neichstagswahlkreis
        <pb n="215" />
        ﻿201 Millionen Mark (liicsjt 21fl/4 Millionen Mark).
Dazu kommen noch für Militär- und Marine - Pensionen
über 100 Millionen Mark.

Man muß aber, um die ganze Wucht dieser Nüstungs'kostcn
zu ermessen, noch in Betracht ziehen, daß auch fast die gesamte
Reichsschuld für RüstungS-. und Kriegszwecke aufgenommen
ist, und zwar in der Hauptsache während der Negierung des
gegenwärtigen Kaisers. 1888 hatte das Deutsche Reich
,21 Millionen Mark Schulden. Sie sind bis 1906 auf nahezu
4000 Millionen Mark angewachsen. Für 1007 wird
eine neue Anleihe von 204 Millionen Mark geplant.
Die deutschen Steuerzahler haben an die Gläubiger des Reichs
jährlich 1301/2 Millionen Mark Zinsen zu zahlen. So
geht. eS, Volldampf voraus, in die fünfte Schulden-
Milliarde hinein. Es ist endlich Zeit, daß dieser uferlosen
Geldvergendung für militärische Zwecke mit der daraus
resultierenden Pumpwirtschaft ein Ende gemacht wird. Aber
nur die Sozialdemokratie hat sich als unbedingter Gegner diese»
ganzen Systems bewahrt.

Gleichzeitig mit den Schulden sind aber auch die Steuern
angewachsen, die das Volk für jene militärischen und inari-
nistischcN Zwecke aufbringen muß. Nachdem im Jahre 1902
der neue Hochschuhzöllnerische Zolltarif die Lebensmittel des
Volkes verteuert hatte, meist um den Agrarier» die Taschen
zu füllen, zum geringeren Teil um die ReichScinnahmen zu
erhöhen, hat in diesem Frühjahr der Reichstag abermals für
180 Millionen Mark neue Steuern bewilligt. Nur zum
kleinen Teil treffen sie die Wohlhabenden, z. B. durch die
Erbschaftssteuer und die Tanticmensteucr; aus die Schultern
der Minderbemittelter! ist wieder die Hauptlast gewälzt durch
Erhöhung der Bierstener, die Zigaretteustencr, die Fahr-
kartenstcuer und die Erhöhung des Ortsportoö für Post-
karten und Drucksachen.

Das sind an sich schon schlinnne Bürden, aber in ihrer
Suche nach Geld zur Fütterung des unersättlichen Militarismus
haben die Steuerweisen jetzt schon lüsterne Blicke aus die
Tabakstencrerhöhung und die Wchrstencr geworfen.

Die Sozialdemokratie, steht allen indirekten Steuern
grundsätzlich ablehnend gegenüber. Sie sucht eine Steuer«
reforiu durch Verminderung der unnötig hohen Lasten für
Heer und Marine anzubahnen. Die unverincidlichen Aus-
gaben »vill sie aber durch direkte Steuern nach Maßgabe des
Vermögens und Einkommens aufbringen, also durch Ein-
kommcnstcner, Vernkögenssteuer und Erbschaftssteuer.

Das gegenwärtige Reichssteuersystcm belastet die Acrmerens
zu gunsten der Reichen. Es ist hohe Zeit, daß dieser Unze-
rechtigkeit' ein Ende gemacht wird.

Wie das ganze Steuersystem auf eine verkappte Aus-
beutung der breiten Volksmassen hinauskommt, so wirken auch
andere Maßregeln der Regierung in der nämlichen Richtung.
Die Fleischtencrung, unter, welcher das Volk seit Jahresfrist
zu leiden hat, rührt nicht nur her von der Zollcrhöhung, sie
wird noch künstlich gefördert durch die Grenzsperre, zu der
die angebliche Seuchengefahr den Vorwand liefert. Vergeblich
haben wir die Regierung zur Beseitigung der Sperre aufge-
fordert. Sie stützte sich in ihrem Widerstand auf die nämliche
Mehrheit der Vrotwuchcr- und Flcischwucherpartcien, die am
14. Dezember, in der AdventSnacht deS JahreS 1902 den
Wuchertarif bewilligt hat. Auch über die LebenSmittel-
wncherer iinifr daS Volk Gericht halten am 25. Januar!

Zu guter Letzt hat die Regierung auch noch ihre Arbeiter-
feindlichkeit offenbart in dem Gesetz über die eingetragenen
Bernfsvereine, das mit dem Köder, den Gewerkschaften
verinögensrechtliche Vorteile zu verschaffen, diese Arbeitervereine
verlocken will, sich unter die knebelnde und entnervende Vor-
mundschaft der aintierenden Bureaukratie zu stellen. Die Ar-
beiter bekommen da einen Vorgeschmack, was ihnen aus. der

geplanten obrigkeitlichen „Reform der Kraukenkassettgesetze"
erblühen würde, näniljch die Zerstörung der Selbstverwal-
tung, zu der eine Anzahl Scharfmacher, darunter auch der
freisinnige Dr. Mugdan, die Regierung aufzuhetzen suchen.
Angesichts aller dieser arbeiterfeindlichen Pläne müßte jeder
Arbeiter, der auch nur einen Funken Ehrgefühl in der Brust,
alles aufbieten, um die Sozialdemokratie zu stärken, damit sie
im Reichstag mit größerem Erfolg noch als bisher den Kamps
für die Arbciterinteressen führön kann. Zeigen doch fast täglich
Vorkommnisse des öffentlichen Lebens von den drakorrischeu
Urteilen der Gerichte in Arbeitskonflikten bis zu der polizei-
lichen Haudabhackerci in Brcölan und den Polizeicxzeffen
in Nürnberg und Hamburg, was die deutsche Arbeiterschaft
von den Handlangern der herrschenden Klassen zu erwarten hat.

Der "sozialpolitischen Reaktion verbindet sich das Treiben
der Ncaktionsfinsterlinge im Schulwesen. das der Landesgesetz-
gebung vorbehalten- ist.' In daS Reichsrccht greift' aber der
Sprachcnkamps gegen Polen und Dänen über, der eine
derartige Erbitterung unter jenen anderssprachigen Volksteilen
hervorgerufen hat. daß es schon zu einem Streik der polnischen
Schulkinder gekommen ist. Die Rcgieruiigsorganc gehen da-
gegen niit dem ungesetzlichen Mittel vor. solche Kinder den Eltern
zu nchnieu und iu Fürsorgeerziehung zu geben. Auch diese
brutalen llnterdrückungsversnche bekämpft die Sozialdemokratie.
Sie erstrebt die Völkerverbrüderung, nicht Völkcrfeindschaft.

In dein Kampfe. den die Sozialdemokratie für des Volkes
Recht und deS Volkes Wohl zu führen hat, schließen sich mehr und
mehr alle anderen Parteien zu einem Bunde, gegen die Sozial-
demokratie, gegen die einzig wirkliche.Volkspo--iei zusammen.

Von den junkerlichen Kandidaten Podbiclski ljnd Oldenburg-
Januschan bis zu den neuerdings militärfromm gewordenen
Freisinnigen, schließt sich Ring an Ring. Haben , doch Frei-
sinnige, Nativnallibcrale und Konservative schon gemein-
same Kandidaten konservativer Färbung gegen die Sozial-
demokratie aufgestellt, so in B.reslau und in Gotha. Wer
deshalb diesen reaktionären Ring bekämpfen, wer für die Be-
freiung des Volkes von jedweder Ausbeutung und Unterdrückung
wirken will..der gebe am 25. Januar seine Stimme dem Kan-
didaten der Sozialdemokratie

Georg Ledebour,

der seit mehr als sechs Jahren den 6. Berliner RcichStagZwahl-
kreis im Reichstage vertreten hat.

Bleibe keiner am Wahltage daheim! Es muß nicht nur
der Wahlsieg errungen, es muß auch eine möglichst hohe
Stimmcnzahl sür die sozialdemokratischen Kandidaten auf-
gebracht werden als flammender Protest des Volkes:
gegen die grenelvolte Kolonialwirtschaft;
gegen die abenteuerliche Weltpolitik;
gegen die Vergeudung von Milliarden für
Militarismus und Marinismus;

gegen die wucherische Lebensmittelverteuerung ;
gegen die Anschläge zur Knebelung der Ge-
werkschaften und .Krankenkassen;

gegen die tückischen Pläne zur Entrechtung des
Volkes;

gegen das bureaukratische Regierungssystem und
seinen Auswuchs, das persönliche Regiment

und für dicBcfrcinngdesVolks von jedemDrnck;
für die Demokratisierung unseres Staats-
wesend von Grund ans;

für Sozialismus und Völkerverbrüderung!

Das sozialdemokratische Wahlkomrtee.

Zur Förderung der Wahlagitation finden in den nächsten Tagen folgende Versammlungen statt:
Montag, de» 7. Januar, abends 8 Uhr:

Fröbel, Schönhauser Allee 148- Groterjan, Schönhauser Allee 130

Dienstag, den 8. Januar, abends 8 Uhr:

Swrnemünder Gesellschaftshaus, Swinemünderstr. 42
Cösliner Hof, Cöslinerstr. 8 — Artushof, Perlebergerstr. 26
Kronenbrauerei, Alt-Moabit 47—49.

■" Lelar.Uvorilich: Lllth. Frchlhaler,	N., Garlenplatz 1.— Srutf: Dorwür!» Dlichdrurl-:»« uui&gt; LcNag»anIia!t Paul Tinger &amp; Lo., Berlin SW. dH Sinbca/Uajj* i&gt;S^

91 und 92. Sozialdemokratisches Flugblatt für den VI. Berliner Reichstagswahlkreis
        <pb n="216" />
        ﻿Kandidat und Vertreter der Sozialdemokratie war hier bis 1900 Wil-
helm Liebknecht, von der Nachwahl vom 30. Oktober 1900 ab Georg
Ledebour, Schriftsteller.

2. Die beiden Vorortswahlkreise.

a) Niederbarnim.

Jahr	Sozial-  demokraten	Konservat. bzw. Reichsp.	Frei-  sinnige	Zentrum	Landwerker  bzw.Antis.	Polen	Zer-  splittert
1890	13362	11482	4 223	126	297	—	24
Stichw.	15 411	15 025	—	—	—	—	—
1893	17 044	I I 095	3 726	187	2 748	—	24
Stichw.	18 710	17 853	—	—	—	—	—
1898	23 017	13 888	4 244	638	409	—	142
1903	38 364	20 415	4 040	853	—	260	48
1907	57 867	34 694	50	1590	—	481	179

Der die nördlichen und östlichen Vororte Berlins umfassende Wahl-
kreis wurde in der Stichwahl des Jahres 1890 zum erstenmal für die
Sozialdemokratie erobert, und seitdem ist das Mandat für diesen Kreis
im Besitz der Partei verblieben. 1893 mußte noch einmal ein Stich-
wahlkampf ausgcfochten werden, bei den drei folgenden Wahlen aber
ward der Sieg schon sofort im ersten Wahlgang erkämpft. Sowohl im
Jahre 1903 wie im Jahre 1907 entfielen über 60 Proz. der abgegebenen
gültigen Stimmen auf den Kandidaten der Sozialdemokratie, womit denn
auch dieser Kreis den Anspruch auf den Titel „eiserner Bestand der
Sozialdemokratie" erworben hat. Die Entwicklung der Sozialdemokratie
in den bedeutenderen Ortschaften des Kreises wird durch folgende Zahlen
illustriert:

Ortschaft:	1890	1893	1898	1903	1907
Boxhagen-Rummelsburg	.	789	1454	1 655	2 456	6 319
Friedrichshagen		608	862	940	1223	2 682
Lichtenberg-Friedrichsberg .	. 2 331	2 856	4 297	6159	8 807
Pankow		419	724	1212	2 343	3 762
Reinickendorf		.	995	1 139	1 161	2103	3 382
Weißensee (Neu- und Alt-)	. 1525	2 674	3 339	4 203	5 423

Kandidat und Vertreter der Sozaldemokratie ist in diesem Kreise seit
1890 Rechtsanwalt und später Schriftsteller Arthur Stadthagen.

b) Teltow—Beeskow—Storkow—Charlottenburg.

Jahr	Sozial-  demokraten	Frei-  sinnige	Konser-  vative	Andere Parteien		Zer-  splittert
1890	19169	7 437	22 087	Zentrum  225		925
Stichwahl	22 839	—	28 945	—	—	—
1893	31424	8 253	18 487	416	Antisemiten 7 786	67
Stichwahl	36330	—	29 987	—	—	--
1898	42 699	11392	28441	1 232	2 080	355
Stichwahl	51967	—	46 361	—	—	—
1903	73 854	11711	36 703	2 013	National-  liberale  7 623	1 000
1907	104104	39 066	52 490	2 866	—	1 069

Der Wahlkreis, der zirka 280 Ortschaften im Westen, Süden und
Südosten Berlins umfaßt und heute der bevölkerteste aller Reichstagswaht-
        <pb n="217" />
        ﻿Ein ernstes Wort m letzter Stande!

Mahler des Wahlkreises
Teltow Keeskow-StorkowCharLotteirkurg!

Der Tag der Entscheidung stehs bevor. . Am Dienstag
den 18. Juni sollt Ihr durch Eure Stimmabgabe er.
klären, wen Ihr sür würdig erachtet, für di- nächsten fünf
Jahre den größten Wahlkreis im deutschen Reichstage zu
vertreten.

Soll di- Gesetzgebung loeiter im Dienst der Agrarier
und der Grobkapitalisten stehen oder sollen endlich Ges-ne
J» Gunsten der Gesamtheit, Gesetze im Interesse
r&gt;cs arbeitenden Volkes geschossen werden? Das Wohl
und Wehe des deutschen Volker hängt von der Gesetz,
gebnng ab.

Ein einziges Gesetz kann Sunderttansende brotlos
niaiben. kann Millionen schwer schädigen, nur damit eine
La- dvoll Besitzender sich die Taschen süllt. Tie Höhe der

i!cbeusmittclprcise, die Höhe der Stenern, Freiheiten
und Siechte des Volkes, der Geschäftsgang der In-
dustrie und des Handels — die Existenz und somit
das Wohlergehen eines je!»-» einzelnen hängen von
den Gesetzen ab. die im neuen Reichstage zustande komnien.

Deshalb muß sich ein jeder, dem sein eigenes
Wohl und das Wohl seiner Familie am Herzen
liegt, fragen:

Wen mahle ich?

Vier Kandidaten sind es. die sich Euch präsentiert
haben. Die Konservativen schlagen Euch vor. einen Mann
zu wählen, der den weitesten Kreisen unbekannt ist, einen
Mann. der zu seiner Empfehlung nur anzuführen weiß,
daß er sich durch Tüchtigkeit und Fleiß zu bescheidene»,
Wohlstand in treuer Arbeit eniporgerungeu habe, daß er
unabhängig sei und daß er sich gern und mit Stolz an
seine Dienstzeit bei der Garde erinnere, und der im übrigen
Len sogenannten Mittelstand zu retten verspricht.

Durch dies Versprechen glaubt der konservative
Kandidat die Geschäftsleute einsangen zu können. -In
Wirklichkeit aber giebt es nur ein Mittel, den kleinen
* Leuten zu helfen, das ist die Verringerung der Steuer-
lasten. Der Kandidat der Konservativen trägt mit die
Verantwortung dafür, daß dem Volke immer neue Lasten
aufgebürdet und daß die Lebensrnittel immer mehr
verteuert werden. Wer es wirklich ernst mit den kleinen
Leuten meint, der muß dafür sorgen, daß die Arbeiterschaft
kaufkräftiger wird. Wer aber für höhere Steuern, für
Vermehrung der Heeres- und Flottenausgaben eintritt,
der trägt zur Verarmung der Massen bei und meint es
nun und 'nimmer ernst mit seinen Versprechungen, dem
Mittelstand zu helfen.

Der Kandidat der Freisinnigen Volkspartei hat sich
kaum die Mühe genommen, sich den Wählern vorzustellen,
er glaubt selbst nicht an seinen Sieg. Und in der Tat
kann niemand, dem das Wohl der Gesaintheit am Herzen
liegt, für ein Mitglied derjenigen Partei eintreten, die der
Sozialdemokratie in ihrem Kampfe gegen den Zoll-
tarif to den Rucken gefallen ist und dadurch den

Sieg der DolksauSbeuter herbeigeführt hat. Die
Freisinnige Volkspartei hat besonders in der»letzten
Neichstagssession eine so traurige Rotte gespielt, daß
kein deutscher Arbeiter, ja überhaupt kein Mann, der noch
einen Funken demokratischer Gesinnung besitzt, ihren Kan-
didaten wählen kann.

Auch der uationallibcrale Kandidat kann unmöglich
die Stimme eines denkenden Arbeiters, Beamten, Hand-
werkers oder kleinen Geschäftsrnannes erhalten. Die
nationalliberale Partei ist die Vertreterin nackter Nuter-
nehmerinteressen, sie hat jeden Verrat des Reichs-
tages an den Rechten des Volkes, jedes Attentat
ans die werktätige Bevölkerung gern und. freudig
mitgemacht, sie hat ihre liberale Vergangenhell längst ver-
leugnet und stimmt mit Hurrah für alle Hecrcö- und
Flotte,rvorlagcn, für neue Lcbenömittelzölle, wie sie
dann auch Arm in Arin mit den Junkern und Pfaffen
die Redefreiheit im deutschen Reichstage unterdrückt
und der Regierung gehorsamst den Wnchcrtarif appor-
tiert hat.

Die Interessen der Gesamtheit werden einzig
und allein wahrgenommen von der Sozialdemo-
kratie, deren Kandidat •

Stadtverordneter

Fritz 3nUnl--Berlin

den Wahlkreis Teltow - Beeökow ° Storkow - Eharlottcnburg
bereits seit einem Jahrzehnt im Reichstage vertreten hat
und unter Hintansetzung seiner eigenen Person stets mann-
haft und unerschrocken. für das Wohl des Volkes ge-
känrpft hat.

Die Sozialdemokratie ist die
Partei des gesamten werktätigen
Volkes!

. Ein Mann ans dem arbeitenden Volke, der
ferne Interessen wahrnehmen will, kann nur einen
Sozialdemokraten wählen..

. Die Sozialdemokratie allein kämpft mit Ent-
schiedenheit gegen die wahnsinnigen Ausgaben für
Militarismus und Marinisrnris!

Die Sozialdemokratie ist der beste Schntzdamrn
gegen die Gelüste der Beutepolitikcr!

Die Sozialdemokratie ist die Partei der
Arbeiter, sowohl der Industrie- und Landarbeiter als
auch der kleinen Handwerker, Geschäftsleute und
Landleute. ..

Die Sozialdemokratie hat sich auch der niederes
Beamten stets mit aller Entschiedenheit angenommen.

93 und 94. Sozialdemokratisches Flugblatt für den Wahlkreis Teltow-Beeskow-

Storkow-Charlottenburg
        <pb n="218" />
        ﻿Der Sieg det Sozialdemokratie ist die
Seste Gewähr dafür, vast nur gute Handels-
verträge abgeschlossen werden, die einzige
„Weltpolitik", von der die gesamte Industrie
und das ganze Volk Vorteile haben.

Der Sieg der Sozialdemokratie ist die Garantie
des Friedens, bürgt die Solidarität der Nation
in sich und der Nationen rrr Nationen?

Der Sieg der Sozialdemokratie bedeutet das
Ende der BeuLepoliLik, macht dem Fortschritt die
Bahn frei, öffnet der Freiheit die Pforten!

Der Sieg der Sozialdemokratie ist dev Sieg
der Kultur, er wird das Volk geistig, wirtschaftlich
uud sozial auf eine höhere Stufe heben!

Wer daS will, wer das Interesse deS
arbeitenden Volkes wahr ne hm en will, der

wähle den

iuuiMftt der ZgjillldkWkrlllik:

Stadtverordneten

Fritz Zubeil Berlin

Das Geheimnis der Wahl ist gesichert!

Keine Stimmzettel-Spitzelei mehr!

Vach dreißigjährigem Strauben hat sich die Regierung
endlich entschlossen, die verfassungsmätzige Geheimhaltung der
Wahl zu sicherm.

Zur großen Wut der Konservativen, welche diese ..Ver-
schärfung" des gcheimen Wahlrechts als Klosetgesctz ver-
höhnten, hat die Regierung eine Verordnung erlassen, welche
zum ersten Male eine wirtlich geheime, wirklich freie Wahl
gewährleistet.

Jeder kann diesmal furchtlos den Mann seiner
UrLrrzeugrrüg wählen. Niemand kann seine Abstimmung
controllieren. Kein Gutsherr. Inspektor. Fabrikleiter u. s. w.
kann mehr die Arbeiter mit kenntlich gemachtem Wahlzettel
zur Urne marschieren lassen.

„ Jedermann nehme sich in der Tasche von Hause einen
sozialdsurokratischeu Wahlzrttel ins Wahllokal mit. Er
»nutz ungefähr S zu 12 Ccntimcter groh sein.

Wesentliche Abweichungen in der Zettel-
größe machen die Wahl migilttg!

Jm-Wahllokal empfängt er ein amtliches Wahlkouvcrt.
die olle gleich sind und keinerlei Kennzeichen haben dürfen.

Mit dem Wahlkouvert geht jeder einzeln in einen Ncbeu-
raum oder au einen durch einen Verschlag abgetrennten
Lisch. Hier steckt der Wähler, nnbeobachtct von jedermann,
seinen sozialdemokratischen Zettel in den Umschlag und
schließt ihn wie einen Brief; Zukleben ist nicht notwendig,
aber zu empfehlen.

Darauf übergiebt der Wähler das Kouvert mit Zettel dem
Wahlvorsteher.

Der Wahlvorsteher' darf keinen Zettel annehmen, der
nicht vorher an der vor Zuschauern geschützten Stelle in
den Umschlag gelegt ist.

Man achte daraus, vatz der Nebenranm oder der Tisch
so beschaffen ist. daß wirklich niemand beobachten kann, was
für einen Zettel der Wähler ins Kouvert steckt.

Ungesetzliche Jsolierräuine mache,, die Wahl
ungiltig!

Der Wahlvorsteher hat die Kouverts in geschlossene
Gefaste (Urnen), die oben einen Spalt haben, zu legen.

Ungesetzliche Wahlgefäße machen die Wahl
„ngiltig!

Die Wahlhandlung dauert diesmal von

IO bis 7 Uhr.

Niemand bars aber seine Stimme nach 7 Uhr abgeben,
and, wenn er vor 7 Uhr im Lokal ist. Es empfiehlt sich also,
nicht im letzten Augenblick, sondern so früh wie möglich zu
erscheinen, damit jeder seine Stimme bis 7 Uhr abgeben kann.

Eure Arbeitgeber können Euch bei diesen Wahlen nicht
mehr für die Betättgung Eurer sozialdemokratischen Ueber-
zeugung besttafen.

Die Sicherung des Wahlgeheimnisses schätzt
vor Rache!

Niemand kann Euch kontrollieren, zur Urne führen, dis
Zettel Eurer Feinde aufzwingenl

Ihr wählt frei! Ihr wählt sozialdemokratisch!

BeranhsortL?, ßj tzöerdard» «rarlottmbur- SStetUr. 84 — Druck: Vorwärts Buüdruckcrei und SerlegSanslatt PmU Singer &amp; So, Berlin ßW.&lt;&amp; Lindenstr. CA

93 und 94. Sozialdemokratisches Flugblatt für den Wahlkreis Teltow-Beeskow-

Storkow-Charlottenburg
        <pb n="219" />
        ﻿206

kreise Deutschlands ist —
er zählte 1907 gegen eine
Million Einwohner
und 248160 eingeschriebene
Wähler —, ward von
der Sozialdemokratie zum
erstenmal im Jahre 1893,
und zwar in der Stich-
wahl, erobert. Auch 1898
siegte die Sozialdemokratie
erst in der Stichwahl, 1903
und 1907 dagegen gleich
im ersten Wahlgang. Die
Zahl der sozialdemokrati-
schen Stimmen ist ununter-
brochen gestiegen, aber ihr
Verhältnis zur Gesamtheit
der Wähler der nichtsozial-
dcmokratischen Parteien
war 1907 weniger günstig
als 1903. Die großen west-
lichen Nachbarorte Ber-
lins : Schöneberg,Wilmers-
dorf und Charlottenburg,
sowie eine Reihe anderer
Ortschaften im Westen der
Lauptstadt nehmen neuer-
dings von Jahr zu Jahr
in einem Maße an wohl-
habenden und kleinbürger-
lichen Einwohnern zu, daß
dieser Zuwachs zusammen-
genommen nicht mehr viel hinter dem proletarischen Zuwachs des Kreises
zurückbleibt, der vor allem das südöstlich gelegene Nixdorf und einige
andere Ortschaften im Südosten Berlins anschwellen läßt. Dieser bürger-
liche Zuwachs erklärt das bemerkenswerte Wachstum der freisinnigen
Stimmen von 1903 auf 1907. Da die rein ländlichen Orte und Land-
städtchen, die Domänen der Konservativen, in der Einwohnerzahl keine
oder kaum nennenswerte Zunahme erfahren, läßt sich die Zeit voraus-
sehen, wo nicht mehr die Konservativen, sondern die Freisinnigen die zweit-
stärkste Partei im Kreise sein werden. Auch hier hat das Zentrum,
wie überhaupt in Groß-Berlin, von Wahl zu Wahl mehr Stimmen er-
halten, und das gleiche gilt von den Polen, die 1903 815 und 1907
930 Stimmen verzeichnen konnten.

Äber die Bewegung der Sozialdemokratie und die Wahlergebnisse in den
einzelnen Ortschaften des Kreises geben die in Broschürenform veröffent-
lichten Berichte des ihn umfassenden sozialdemokratischen Zentralwahlvereins,
sowie die in mehreren Auflagen erschienene Schrift von Paul Lirsch:
„Die Sozialdemokratie im Wahlkreise Tcltow-Beeskow-Storkow-Charlotten-

2. Berliner IBcid)slags-iüal)lhreisl
Jeder Arbeiter

mutz bei der heutigen Reichstags-
Wahl an die Wahlurne gehen und
für den Arbeiterkandidaten

Mchllli» Mer

stimmen.

Gewählt wird heute von 10 Uhr vorm, bis 7 Uhr nachm.

Geht frühzeitig zur Wahl. die
Gegner bieten alles auf.

Punkt 7 Uhr wird der Wahlakt
geschlossen; wer um 7 Uhr nicht ge-
wählt hat. geht seiner Stimme ver-
lustig. Tut heute Eure Pflicht,
dann ist der Sieg unser.

Das sozialdemokratische Wahlkomitee.

I. H. Werner.

Äonvällp 1Uich»nilt,kci und flfrfuflMnllnll Du ul Stnzri 4 (So. tlcilln 8W. 6S, Embcnlttnfer o&gt;

95. Letzte Mahnung an die Wähler
        <pb n="220" />
        ﻿bürg" wertvolle Auskunft, die den nun folgenden Zusammenstellungen^
gründe gelegt ist.

In den größeren Orten des Kreises hat sich die Stimmenzahl
Sozialdemokratie von Lauptwahl zu Lauptwahl wie folgt entwickelt:

	1890	1893	1898	1903	1907
Rixdorf		3 982	6 508	10 063	17 563	29 339
Charlottenburg ....	3 868	6 537	9 808	16119	22187
Schöneberg 		1 653	3 083	5 627	10 662	14 133
Wilmersdorf		367	621	1 338	2 800	4 730
Köpenick		1 568	2 031	2160	2 941	3 891
Groß-Lichterselde . . .	220	559	776	1 792	2 335
Steglitz		631	995	1071	1982	3123
Britz		556	737	720	1 145	1 149
Adlershof		336	568	924	1 230	1381
Neuendorf		186	294	347	556	894
Nowawes		685	1 093	1 124	1 498	1616
Friedenau		153	323	437	923	1 383
Tempelhof		373	524	528	940	1 181
Treptow		130	182	424	894	1 951
Zehlendorf		195	316	399	703	889

Mit Ausnahme der obenanstehenden Ortschaften Charlottenburg,
Rixdorf, Schöneberg und Wilmersdorf, die heute eigene Stadtkreise
sind, werden die im vorstehenden aufgezählten Orte dem Kreise Teltow zu-
gezählt. Der Kreis Beeskow-Storkow umfaßt keinen Ort von Bedeutung,
und nur in sieben ihm zugehörcndcn Ortschaften wurden bisher mehr als
hundert Stimmen für Kandidaten der Sozialdemokratie erzielt. Folgendes
die Entwicklung dieser Orte unter dem Gesichtspunkt der Stimmenzahlen
der Sozialdemokratie. Es wurden für sozialdemokratische Kandidaten
Stimmen abgegeben in

	1890	1893	1898	1903	1907
Beeskow ....	20	69	68	112	130
Ketschendorf . . .	63	80	107	217	264
Markgrafpieske. .	96	80	112	131	126
Niederlehme. . .	14	49	64	143	163
Rauen		43	76	104	132	149
Spreenhagen. . .	46	63	80	88	109
Storkow ....	58	49	51	119	183
Die günstigste Entwicklung		für die Sozialdemokratie			zeigt der

Ort

Ketschendorf, ein Flecken in unmittelbarer Nachbarschaft der Stadt
Fürstenwalde, die selbst zum Wahlkreis Frankfurt a. O.-Lebus gehört.
Ketschendorf ist stark von Industriearbeitern und Schiffern bewohnt, das
ebenfalls nahe bei Fttrstcnwalde gelegene Rauen beherbergt viele Arbeiter,
die in Braunkohlengruben beschäftigt sind. Markgrafpieske und
Spreenhagen zählen viele Bauarbeiter, Niederlehme, das an einem
in die Spree einmündenden See liegt, hat Ziegelei- und Fabrikarbeiter,
Beeskow und Storkow sind kleine Kreisstädte mit ein wenig Industrie.

Interessant ist ein Vergleich der Entwicklung des Kreises Teltow ohne
die ihm nach mehr oder weniger langer Zeit zugerechneten Städte Rixdorf,
Schöneberg und Wilmersdorf mit der Entwicklung des Kreises Bceskow-
Storkow.
        <pb n="221" />
        ﻿208

In Teltow erhielten Stimmen:				
Jahr	Sozialdemokraken	Freisinnige	Konservative			Andere Parteien
1890	8 026	3151	12 500	39
1893	13331	3 654	10 379	3 328
1898	14238	3 061	14 024	1383
1903	24110	2 753 1  1 529 *1	18 566	984
1907	30 678	10 704	23173	888
Die parteipolitische Entwicklung des Kreises Beeskow-Storkow war				
dagegen:				
Jahr	Sozialdemokraten	Freisinnige Konservative	Antisemiten	Ändere Parteien
1890	1273	866	4133	—	801
1893	1344	536	3 255	1515	1
1898	1625	301	3 896	163	13
1903	2 600	176	5 014	—	5
1907	3 037	684	5 898	—	31
Im	Kreise Teltow	ohne die obengenannten drei		Städte ist der

prozentuale Anteil der sozialdemokratischen Stimmen an der Gesamtzahl
der abgegebenen Stimmen bis 1903 ohne Unterbrechung gestiegen, 1907
zeigt dagegen gegen 1903 einen relativen Rückgang. 1903 hatte die
Sozialdemokratie die absolute Mehrheit aller Stimmen, 1907 aber nur
46,9 Prozent. Ähnlich die Entwicklung in Beeskow-Storkow. Dort hatte
die Sozialdemokratie 1890 im ganzen nur zwischen einem Fünftel und einem
Sechstel, 1903 dagegen schon ein Drittel aller gültigen Stimmen, im
Jahre 1907 aber war der Anteil wieder etwas geringer und stellte sich nur
auf 31,5 Prozent. Auch in Schöneberg beobachten wir von 1880 bis
1903 einen fortgesetzten Aufstieg des Prozentsatzes der auf die Sozial-
demokratie entfallenden Stimmen, von 1903 auf 1907 aber eine prozentuale
Abnahme. Ebenso zeigen Charlottenburg, Wilmersdorf und selbst Rixdorf
1907 gegen 1903 einen Rückgang im Prozentverhältnisse der sozial-
demokratischen Stimmen. In diesen drei Orten war aber auch vorher
schon die Entwicklung in diesem Punkt eine unregelmäßige gewesen. Es
ist nicht ohne Interesse, dies im einzelnen zu verfolgen. Es erhielt die
Sozialdemokratie von je 100 abgegebenen gültigen Stimmen

	1890	1893	1898	1903	1907
In Chartottenburg . .	40,19	46,07	45,96	51,60	47,69
„ Rixvorf ....	74,51	79,48	80,33	83,53	78,60
„ Scköneberg . . .	51,56	51,65	54,58	57,76	50,11
„ Wilmersdorf. . .	47,35	52,36	39,92	42,90	38,09

Der Hauptgrund für diese Schwankungen ist oben bereits hervor-
gehoben worden, sie sind in erster Linie aus dem Wechsel in der Zu-
sammensetzung der Bevölkerung dieser Orte zu erklären. Sie alle zeigen
in der Tabelle der absoluten Zahlen einen unausgesetzten Aufstieg der
Sozialdemokratie und das trifft auch für die überwiegende Mehrzahl der
großen, mittleren und kleinen Ortschaften der beiden vorerwähnten Kreise zu.
Aber der Zuzug wechselt in sehr vielen den Charakter, und damit ver-
schiebt sich das Prozentverhältnis der Parteien. Besonders interessant ist
unter diesem Gesichtspunkt die Entwicklung der Parteien in Wilmersdorf.

*) Nationalliberale, die bei dieser Wahl selbständig vorgingen.
        <pb n="222" />
        ﻿
        <pb n="223" />
        ﻿1890 ist der Ort noch
vorwiegend Dorf, es
werden in ihm im ganzen
nur 775 Stimmen abgege-
ben. Bauern und Arbeiter,
darunter viele in Berlin
beschäftigte Bauarbeiter,
teilen sich darin, die Kon-
servativen erhalten 356,
die Sozialdemokraten 367
Stimmen, nur 52 Stimmen
entfallen auf die Frei-
sinnigen. Zunächst wird
nun Wilmersdorf immer
mehr Arbeitervorort,
1893 sind die Sozialdemo-
kraten stärker als die andern
Parteien zusammengenom-
men, sie haben von 367
auf 621 zugenommen, die
Konservativen mit den
Antisemiten zusammen nur
von 356 auf 480, die Frei-
sinnigen gar nur von 52
auf 81. Nun setzt aber
die Bebauung der den
eleganten Quartieren Char-
lottenburgs und Schöne-
bergs benachbarten Bau-
stellen ein, in rascherer
Proportion als die Ar-
beiterschaft wächst die bürgerlicheBevölkerung,und die Sozialdemokratie wird
bei den Wahlen wieder überstimmt. 1907 haben die Sozialdemokraten 4730, die
Konservativen 4392, die Freisinnigen 3138 Stimmen, 158 Stimmen zersplittern
sich. Natürlich ist die Bewegung der Stimmenstärke der Parteien nicht aus-
schließlich auf die Klassengliederung der Bevölkerung zurückzuführen. So war
bei den Wahlen von 1903 die Stoßkraft der Sozialdemokratie ungewöhnlich
stark. Im Kampf wider den Zolltarif von 1902, der auch bürgerliche
Interessen schwer traf, hatte sie die größte Energie bewiesen, sie hatte die
schärffte Sprache wider den Agrarwucher gefunden, es lag daher vielen,
die sich benachteiligt sahen, nahe, der Partei der entschiedensten Opposition
die Stimme zu geben. Die Wahlen der Jahreswende 1906/07 vollziehen
sich unter verzweifelten Kraftansttengungen der bürgerlichen Parteien, die
sozialdemokratische Lochflut einzudämmen. Bülow hat seine Paarungs-
rede gehalten, Dernburg eine hoffnungsreiche Zukunft der deutschen Kolonien
ausgemalt, die Parole „Befreiung von der Zentrumsherrschaft" das
protestantische Empfinden aufgestachelt und so gelingt es, Bürger und Klein-
bürger, die sich sonst nicht um die Wahlen zu kümmern pflegen, in Massen
an die Wahlurnen heranzubringen. Zum Zuwachs der Klassen durch

Liibbenerstrasse 9, bei Rate].

Die Mahlzeit ist von 10 Uhr früh bis 7 Uhr
abends. Rach 7 Uhr dürfen keine Stimmzettel
mehr abgegeben werden. Deshalb gehen Sir mög-
lichst s-sort zur Wahl.

Bas sozialdemokratische WahlMiee.

Die auf das Kuvert geschriebene Zah! ist die Wähler-
Nummer, die dem Wahlvorsteher bei Abgabe des Stimmzettels
zwecks Erleichterung des Nachschlagenß anzugeben ist.

97. Mahnung an die säumigen Wähler
        <pb n="224" />
        ﻿211

Arbeiter! yartetgcnossew!

Heute ist

Heichstagswahl!

Wir rufen Euch in letzter Stunde zu:

WtT Tut Sure fflieht! "WE

und gebt Eure Stimme dem Kandidaten der
Sozialdemokratie: Arthur Stadthagen l

Da» foxial-rm-kratische Wahtkomttee.

Vorwärts Buchdruckerci und VerlagSrmftalt Paul Singers Ci., Per'üo SW. 68, Linden st?. 69-

98. Letzte Mahnung an die Reichstagswähler Niederbarnim

naturgemäße Vermehrung und Zuwanderung kommt die politische Mobil-
machung von Reserven aus ihren alten Beständen.

So sind die bei der Wahl vom 25. Januar 1907 erfolgten Ver-
schiebungen der Parteiziffern zu erklären. Im ganzen stimmen bei den
Reichstagswahlen in Berlin und Umgebung die Wähler heute gemäß der
großen Klassenscheidung: die Arbeiter für die Sozialdemokratie, die Wähler
aus den anderen Klassen für die eine oder die andere der bürgerlichen Par-
teien. Aber es gibt stets Äberläufer, und große Schichten von Wählern
stehen ihrer Klassenlage nach zwischen den großen Gruppen, bereit, heute
sich dieser und morgen , jener zuzugesellen. Ohne Leranziehung der poli-
tischen Momente, die dem Wahlkampf seinen besonderen Stempel auf-
drücken, würde jeder Rückschluß aus der Stimmenverteilung auf die Stellung
der Klassen irrig ausfallen.

Es ist daher nicht nur wünschenswert, sondern auch sehr wohl möglich,
daß die nächste Reichstagswahl in allen vier Orten wieder größere Prozent-
sätze für das sozialdemokratische Wählerkontingent ergibt. Aber sie werden
den prinzipiellen Charakter des Bildes nicht ändern. Charlottenburg, Schöne-
berg, Wilmersdorf bleiben bis auf weiteres Stätten, wo das wohlhabende
Bürgertum sich in wachsender Masse ansiedelt, wie Rixdorf Lochburg der
Sozialdemokratie bleibt, auch wenn durch sein Wachstum ein größerer Ein-
schlag bürgerlicher Elemente herangezogen werden sollte. Die mächtig empor-
blühende Arbeiterstadt im Südosten Berlins darf sich rühmen, einen höheren
Prozentsatz sozialistischer Stimmen aufgebracht zu haben, als irgend ein
anderer Ort im Wahlkreis. Keiner der 49 Wahlbezirke Rixdorfs, der nicht
der Sozialdemokraüe mehr Stimmen gebracht hätte, als den anderen Par-
teien zusammen. Von kleineren Orten, die annähernd gleiches von sich
sagen können, seien Adlershof, Alt-Glienicke, Köpenick, Grünau, Loherlehme,

14*
        <pb n="225" />
        ﻿212

Johannisthal, Mariendorf und Marienfelde, Neuendorf bei Potsdam und
Nowawes, Niederschöneweide, Schenkendorf bei Königs-Wusterhausen und
Treptow genannt. Einige dieser Orte haben sich aus reinen Landgemeinden
zu Jndustriedörfern entwickelt, andere haben Fabriken entstehen sehen, wo
früher kleinbürgerliche Betriebe vorherrschten, und wieder andere sind aus
Vergnügungsplätzen zu Wohnstätten der in der Nachbarschaft beschäftigten
Arbeiter geworden. Immer stärker macht sich die wirtschaftlich-soziale Am-
wälzung in den örtlichen Verhältniffen geltend, immer mehr Orte zieht sie
aus der Abgeschlossenheit und dem Stilleben in das bewegte Treiben der
großen Verkehrswirtschaft hinein.

Der Kandidat der Sozialdemokratie war 1890 in diesem Kreise Buch-
drucker Wilhelm Werner, seit 1893 ist sozialdemokratischer Kandidat und
Vertreter Fritz Zubeil, gelernter Klavierarbeiter, dann Gastwirt und heute
Expedient.	*	.

Überblicken wir nun das Gesamtbild der Ergebnisse der in unsere Pe-
riode entfallenden Reichstagswahlen Groß-Berlins, so erzählt es uns von
einem Aufschwung der sozialdemokratischen Stimmen, der das phänomenale
Wachstum der Bevölkerung dieses politischen Zentrums noch weit hinter sich
läßt. Eine Gegenüberstellung der Wahlstärke der drei großen politischen
Gruppen Sozialdemokratie, Liberalismus (Freisinnige und National-
liberale) und Konservatismus (Konservative, Mittelständler, Antisemiten
und Zentrum) zu Beginn und Abschluß der Periode ergibt folgendes Bild:

	1890	1907	Absolute	Prozentuale
			Zunahme	Zunahme
Liberalismus. . .	86 945	128240	+ 41295	47,4
Konservatismus. .	68175	130277	+ 62105	91,1
Sozialdemokratie	158 848	412 998	+ 254 150	160,0

Während die Sozialdemokratie ihre Stinnnen fast verdreifachte, konnten
Liberalismus und Konservatismus die ihren nicht einmal verdoppeln. Zu
Anfang der Periode hatte die Sozialdemokratie schon mehr Stimmen, als
die zwei anderen Gruppen zusammen, erhielt aber von den acht Mandaten
Groß-Berlins nur zwei. Am Ausgang aber fielen ihr sieben Mandate zu,
während bei zahlengerechter Verteilung, soweit Groß-Berlin allein in Betracht
kam, ihr nur fünf von den acht Mandaten gebührt hätten. Das ist jedoch
nur eine winzige Entschädigung für die ungerechte Verteilung der Mandate
im Reich. Lerrschte für das ganze Reich zahlengerechte Verteilung, so
würde Groß-Berlins Sozialdemokratie im Jahre 1907 statt sieben über
fünfzig Reichstagsmandate erhalten haben. In diesem Soll erst
veranschaulicht sich die Größe des Werks ihrer von Wahl zu Wahl sorg-
fältiger ausgebauten Organisation und einer mit steigender Wucht betriebenen
Wahlarbeit.

j0
        <pb n="226" />
        ﻿Siebentes Kapitel

Die Vertretung der Sozialdemokratie
Groß-Berlins in den Kommunalverwaltungen.

a)	Die sozialdemokratischen Vertreter in der Berliner
Stadtverordnetenversammlung.

6ozialistenrein war die Stadtverordnetenversammlung Berlins gewesen,
als das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der
Sozialdemokratie ins Leben trat. Als es erlosch, zählte sie elf
Sozialdemokraten in ihren Reihen. Es waren dies:

Für den 11. Bezirk: Fritz Zubeil, Tischler.

„	„	12.	„	Paul Singer.
„	„	13.	„	Otto Klein, Zigarrenhändler.
„		14.	„	Artur Stadthagen, Rechtsanwalt.
,,	„	15.	,,	Franz Tutzauer, Möbelhändler.
„	„	24.	„	Gustav Tempel, Gastwirt.
,,	„	27.	„	Otto Leindorf, Gastwirt.
,,	„	35.	,,	Robert Lerzfeldt, Expedient.
,,	,,	37.	„	Johann Gnadt, Droschkenkutscher.
„	„	41.	,,	Ew. Vogtherr, Kaufmann.  Emil Gründel, Gastwirt.
„	„	42.	„	

Da Berlin damals im ganzen 126, die dritte Wählerklasse 42 Stadt-
verordnete zu wählen hatte, bildete die sozialdemokratische Fraktion zwar nur erst
ein Elftel der Kommunalvertretung Berlins, aber schon ein Viertel der Ver-
tretung der dritten Abteilung der Kommunalwähler. Der vierte Teil derjenigen
Stadtverordneten, die sich Vertreter der übergroßen Mehrheit der wahl-
fähigen Bevölkerung Berlins nennen durften, waren Sozialdemokraten.
Selbst dies entsprach nicht der tatsächlichen Stärke der Sozialdemokratie in
Berlin, sondern war nur dem auf Unterdrückung der Stimme der Abhängigen
berechneten reaktionären Wahlsystem geschuldet. Von der Mehrheit der
Stadtverordnetenversammlung aber ward die sozialdemokratische Fraktion
kaum nach Maßgabe ihrer Zahl im Lause behandelt. Auch ward das
Mandat Gründels auf formale Gründe hin kurzerhand für ungültig erklärt.

Indes es verging nun fast keine allgemeine Wahl, die nicht eine Ver-
mehrung der sozialdemokratischen Vertretung brachte. Gemäß den Be-
stimmungen der preußischen Städteordnung scheiden aus den Stadt-
        <pb n="227" />
        ﻿214

verordneten-Kollegien alle zwei Jahre ein Drittel der Abgeordneten jeder
Klasse oder „Abteilung", wie der gesetzliche Titel lautet, aus, so daß in
den Bezirken, in denen die Ausscheidenden gewählt waren, Neuwahlen
— Ergänzungswahlen genannt — stattzufinden haben. Die erste Ergän-
zungswahl unter dem gemeinen Recht fand nun für die dritte Wählerklasse
am 17. November 1891 statt. Sie brachte der Sozialdemokratie eine sehr
erhebliche Vermehrung der Stimmen und zwei neue Mandate. Paul
Singer und Artur Stadthagen, die sich der Neuwahl zu unterziehen
hatten, wurden mit bedeutend erhöhter Stimmenzahl wiedergewählt, im
27. Bezirk wurde an Stelle von O. Peindorf, der sein Mandat nieder-
gelegt hatte, I. Lenke gewählt, und neugewählt wurden in der Lauptwahl
Löhne (25. Bezirk), G. Sabor (26. Bezirk) und L. Borgmann
(34. Bezirk), in der Stichwahl Dr. I. Zadek (10. Bezirk). Im
40. Bezirk war Th. Mehner in Stichwahl gekommen, unterlag aber
nach heißem Kampf der Übermacht der vereinten Gegner. Bei der
Lauptwahl erzielte in allen 14 Bezirken der dritten Abteilung die Sozial-
demokratie 14 964 gegen 16 442 gegnerische Stimmen, in den sieben
Bezirken, wo Sozialdemokraten gewählt wurden, war deren Stimmenzahl
zusammen 10 581 gegen 4913 Stimmen der Gegner.

So war die sozialdemokratische Fraktion im Roten Lause auf 14 Mit-
glieder gestiegen. Das änderte sich auch nicht, als am 9. Juni 1892 drei
ihrer Mitglieder — Löhne, G. Sabor und Franz Tutzauer — ihre
Mandate niederlegten. Sie hatten sich bei der Beerdigung des am 16. Mai
1892 verstorbenen Oberbürgermeisters Max von Forckenbeck am Leichenzug
beteiligt, und dies war von den organisierten Parteimitgliedern Berlins als
ein Verstoß gegen die grundsätzliche Stellung der Partei in Resolutionen
verurteilt worden, die den Rücktritt notwendig machten. Indes ging die
Loffnung der Gegner, die betreffenden Stadtverordnetenbezirke nun der
Sozialdemokratie wieder entreißen zu können, nicht in Erfüllung. Nach
einem sehr heftigen Wahlkampf, in dem die unabhängigen Sozialisten der
Sozialdemokratie geräuschvoll entgegentraten und sich nach Kräften bemühten,
die Wahl der von diesen nunmehr aufgestellten Kandidaten, Bernh. Bruns
(26. Bezirk), Th. Mehner (15. Bezirk) und Jul. Wernau (25. Bezirk)
zu verhindern, wurden diese mit Glanz an die Stellen ihrer ausgeschiedenen
Parteigenossen gewählt.

Die Ergänzungswahlen des Jahres 1893 brachten eine Vermehrung
der Gruppe der Sozialdemokraten um drei weitere Mitglieder, nämlich
Gieshoit (36.Bezirk),J.Tolksdors(16.Bezirk), Wilke(23.Bezirk). Ferner
fand in zwei Bezirken ein Personenwechsel statt. Im 13. Bezirk trat an
Stelle O. Kleins Gottfr. Schulz, im 37. Bezirk ward Joh. Gnadt durch
Franz Gleinert erseht. Wiedergewählt ward Ew.Vogtherr, dessenMandat
erloschen war. Im 9. und 29. Bezirk waren die Parteimitglieder Kiehing
und Gumpel in Stichwahl gekommen, aber unterlegen. In den sechs Wahl-
bezirken, in denen Sozialdemokraten gewählt wurden, wurden für diese 8702
gegen 4069 gegnerische Stimmen erzielt, in allen 14 Bezirken der dritten
Abteilung zusammen, in denen Ergänzungswahlen stattfanden, wurden
12111 sozialdemokratische gegen 13 391 gegnerische Stimmen abgegeben.

Einen ungünstigen Ausgang, was die Mandate anbetraf, nahm die
Ergänzungswahl des Jahres 1895. Zwar ward der Sitz für den 42. Bezirk
        <pb n="228" />
        ﻿215

Dro MKrneVl-FnlrtzLifZ.

28ä3 Baurath Schwechten einen „Scherz" ts

»t rP:£ ee!-^)nfchrlfi hctt nunmehr endlich eine Auslassung von «zuständiger" Seite im Gesolge gehabt, eine
Auslassung, die allerdmgS aucb darnach ist. Die bürgerlichen Preßoraane veröffentlichen eine ihnen vom Erbauer
der Kira)e, dem B au rath Schwechten, zugesandte Erklärung des folgenden Inhalts:

«Mit der von dem „Vorwärts" mit so viel unwahren und tendenziös aufgebauschten Zusätzen versehenen
Nachricht über die^ ans die Stadtverordneten sich beziehende Inschrift an einer Thür der Kaiser Wilhelm-
Gedächtniß-Kirche verhalt es sich folgendermaßen: Entgegengesetzt den Mittheilungen des «Vorwärts" ist die
betreffende Thür die von den, Altar am weitesten entlegene. Das betreffende Relief ist als Entwurf nach
den Bildern aus der Bibel von Schnorr v. CarolSfeld nur begonnen, an einer durchaus dunklen Stelle, so
daß eS den Angen des Kirchenbesuchers ganz entzogen war und noch heute ist. Daß das Relief Porträts enthalte,
ist unwahr; die Inschrift ist eine Nachahmung eines bei altromanischen und gothischen Bauten fast
'überall sich findenden Architekten-Scherzes. Die Fertigstellung des Reliefs wurde durch die Ein-
weihung der Kirche unlerbrochen und nimmt jetzt noch eine längere Zeit in Anspruch. Der nur skizzirte
Entwurf ist von der V a u k o m m i s s i o n noch nicht einmal besichtigt worden, und es war derselben der
daraus befindliche Scherz vollständig unbekannt. Daß der Scherz sich, wie der „Vorwärts" erzählt, auch auf
den Oberhofmeister Freiherrn v. Mirbach bezöge, ist selbstverständlich unwahr."

Mas Herr Schwechten dem «Vorwärts" gegenüber Unwahrheiten nennt, muß der Leser errathen, wir haben es
nicht herausgefunden. übrigen verlohnt es sich nicht, ernsthaft darauf einzugehen. Selbst die «Vosfische Zeitung"
sieht sich gemüssigt, die merkwürdige Ehrenrettung auS der Jeder des Bauleiters mir folgenden bitteren Worten
zu begleiten:

«An der Beurtheilung der Sache wird durch diese Erklärung nichts geändert. Es kommt nicht auf
-das Relief, sondern auf die Inschrift an und diese enthält nicht einen Scherz, svudern, ein-
grobeBejchimpfung derB erline r Stadtverordneten- Versammlung, und eS wäre
nicht ohne Interesse, den Vorüber dieses Scherzes und feine etwaigen Theilnehmer
kennen zu lernen."	a

99. Die Kamel-Inschrift in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

Aus dem .Vorwärts"

durch A.Iacobey wiedererobert, dafür ging aber der 15. Bezirk (Th.Mehner)
verloren. Sonst fand nur ein Personenwechsel statt, indem für den 24. Bezirk
an Stelle G. Tempels, der nicht wieder kandidierte, Paul Dupont gewählt
wurde. Wiedergewählt wurden die ausscheidenden Mitglieder Fr. Zubeil
(11. Bezirk), G. Schulz (13. Bezirk) und Rob. Lerzfeldt (35. Bezirk).
Das Stimmenverhältnis war in den fünf Bezirken, die sozialdemokratisch
wählten, 8888 sozialdemokratische gegen 5141, in allen 14 Bezirken 12 691
sozialdemokratische gegen 14 173 gegnerische Stimmen.

Einen Mandatsverlust, dem kein Gewinn gegenüberstand, brachte das
Jahr 1897. Im 10. Bezirk, den bis dahin Dr. I. Zadek vertreten hatten
aber aus Gesundheitsrücksichten nicht weiter vertreten konnte, ging das ,
erst in der Stichwahl eroberte Mandat wieder verloren. 2n 4 Bezir en
        <pb n="229" />
        ﻿216

(3., 32., 38., 40.) kam die Sozialdemokratie in Stichwahl, konnte aber die
Sitze auch nicht erobern. Im 12., 14., 25., 26. und 34. Bezirk wurden
Paul Singer, A. Stadthagen, I. Wernau, B. Bruns und L-
Borgmann mit 12 281 gegen 4334 Stimmen wiedergewählt, und zum
erstenmal entfielen von den in allen 14 Bezirken der dritten Abteilung
abgegebenen Stimmen mehr auf die Kandidaten der Sozialdemokratie, als
auf die der Gegner zusammengenommen, nämlich 20 179 gegen 19 485.

Das letztere, das Überwiegen der sozialdemokratischen Stimmen, ward
von nun an die Regel, und zwar bald in noch ganz bedeutend stärkerem
Verhältnis. Das große Wachstum der Bevölkerung Berlins und namentlich
das Entstehen ganz neuer volkreicher Stadtviertel auf bisher unbebautem
städtischen Gebiet hatte die Schaffung neuer Stadtbezirke und eine ent-
sprechende Vermehrung der Vertreterzahl für die Stadtverordnetenversamm-
lung unumgänglich gemacht. Sie erfolgte im Jahre 1898 in der Weise,
daß für jede Abteilung oder Klasse sechs Stadtverordnete mehr zu wählen
waren und die Gesamtzahl der Stadtverordneten von 126 auf 144 stieg.
Zugleich mit der Bildung neuer Wahlbezirke fand auch eine Llm-
Numerierung eines Teils der alten Wahlbezirke und eine andere Auslosung
der Wahlbezirke, die Hausbesitzer zu wählen hatten, statt, so daß die im
Vorhergehenden enthaltenen Angaben über Wahlbezirk und Vertreter für
die nunmehr einsetzende Periode nicht mehr passen, sondern eine neue
Zusammenstellung notwendig wird, die weiter unten folgt.

Die Wahl von 1899 brachte der Sozialdemokratie eine glänzende Ent-
schädigung für die Enttäuschungen der beiden vorhergegangenen Wahlen.
Gleich im ersten Wahlgang eroberte sie fünf von den neugebildeten Bezirken,
nämlich den 43., 44., 46., 47. und 48. Bezirk, dazu einen der älteren Bezirke
— den 40. Bezirk — und kam in zwei älteren Bezirken — Bezirk 6 und 7 —
sowie im sechsten der neugebildeten Bezirke — Bezirk 45 — in die Stich-
wahl. Bei dieser ward sie freilich, wie dies ja heutzutage meist bei Stich-
wahlen der Fall ist, von den vereinten Gegnern geschlagen, dagegen wurden
noch sechs Bezirke, die vorher schon sozialdemokratischer Besitz gewesen
waren, aber nun ihre Vertreter neu zu wählen hatten, gleich im ersten
Wahlgang glänzend wiedererobert. Für den am 30. August 1899 ver-
storbenen August Iacobey hatte im jetzt 48., früher 42. Bezirk
W. Pfannkuch kandidiert. Am 6. November legte Ew. Vogtherr sein
Mandat nieder, und etwas später trat auch der im 44. Bezirk gewählte
R. Millarg von seinem Platz zurück. Für beide fand am 14. Februar
1900 Nachwahl statt, bei der im 35. Bezirk der sozialdemokratische Kandidat
Em. Wurm sofort gewählt, im 44. Bezirk Th. Glocke in Stichwahl kam,
die am 9. März 1900 auch dort den Sieg brachte. Nach Erledigung all
dieser Wahlen und gemäß der neuen Numerierung bestand im Frühjahr
1900 die sozialdemokratische Stadtverordnetenfraktion nunmehr aus folgende«
22 Personen als Vertreter für die beigefügten Bezirke:

R. Augustin . . .	. 47. Bezirk	Fr. Gleinert . .
L. Borgmann . .	- 27.	„	Th. Glocke . .
Bernh. Bruns . .	- 25.	„	Lugo Leimann .
Paul Dupont . .	- 24.	„	Rob. Lerzfeldt .
Ferd. Ewald . . .	. 43.	„	Aug. Lintze . .
Dr. K. Freudenberg	- 40.	„	Ad. Loffmann .

38. Bezirk
44.	„

26. „
36.	„

46.	„

27.
        <pb n="230" />
        ﻿217

R. Koblenzer .	. . 33. Bezirk	Tolksdorf . . .	. 15. Bezirk
W. Pfannkuch .	. . 48.	„	Jul. Wernau	. 2. „
Gottfr. Schulz	. - 12. „	Fritz Wilke . .	. 21. „
Paul Singer. .	. . 13.	„	Em. Wurm . .	. 35.	„
Art. Stadthagen	. - 14.	„	Fritz Zubeil . .	. 10. „

Das Mandat von Th. Glocke wurde wegen eines Formfehlers an-
gefochten, aber erst am 3. Oktober 1901 für ungültig erklärt, so daß die
Ersatzwahlmit den für diesesIahr erforderlichen Ergänzungswahlen zusammen-
fiel. Bei diesen ward der Sitz mit großer Mehrheit — 2302 gegen 1552
Stimmen — aufs neue erobert, und ebenso behauptete die Sozialdemokratie
in allen Bezirken, wo für ihre Vertreter Ergänzungswahlen stattzufinden
hatten — neben dem 44. der 10., 12., 23., 35., 36. und 48. Bezirk —, mit
großen, meist geradezu erdrückenden Mehrheiten ihre Positionen. Außerdem
aber eroberte sie den letzten der neuen und fünf der alten Bezirke, nämlich
den 45., sowie den 9., 11., 22., 32. und 34. Bezirk, so daß die Fraktion
von 22 auf 28 Mitglieder anwuchs.

Die neugewählten sozialdemokratischen Stadtverordneten waren: Emil
Basner (23. Bezirk), Dr. Alfred Bernstein (9. Bezirk), Dr. R. Friede-
berg (22. Bezirk), Karl Liebknecht (32. und 45. Bezirk), Th- Metzner
(11. Bezirk), Lerm. Ramlow (34. Bezirk) und Dr. Weyl (36. Bezirk),
letzterer an Stelle von R. Lerzfeldt, der nicht wieder kandidierte. Wieder-
gewählt waren Glocke, Pfannkuch, Schulz, Wurm und Zubeil.
Karl Liebknecht, der in zwei Bezirken gewählt war, nahm für den 45. Bezirk
an, und bei der im 32. Bezirk am 11. Dezember erfolgenden Nachwahl
wurde an seiner Stelle der Redakteur des „Vorwärts" Karl Leid gewählt.
Eine weitere Nachwahl ward dann im 11. Bezirk notwendig, als am
20. August 1902 Theodor Metzner verschied. Sie fand am 5. November
1902 statt und ergab die Wahl des Sozialdemokraten Emil Voigt mit
1552 gegen 767 Stimmen.

Auch die Ergänzungswahlen des Jahres 1903 brachten eine Vermehrung
der sozialdemokratischen Mandate. Die Neugewählten waren: Otto Antrick
(8. Bezirk), Franz Kotzke (28. Bezirk), Paul Schneider (24. Bezirk) und
Lermann Schubert (31. Bezirk). Ein fünftes Mandat, das damals erobert
war, die Wahl Em. Kerfins, mit 788 gegen 743 Stimmen (17. Bezirk),
ward später auf unbedeutende Formfehler hin für ungültig erklärt, und als
im November 1905 Nachwahl stattfand, ging es, trotz erhöhter sozialdemo-
kratischer Stimmenzahl, wieder an die Gegner verloren. Im 5. Bezirk war der
sozialdemokratische Kandidat Lerm. Werner in Stichwahl gekommen,
unterlag aber in dieser mit 1197 gegen 1587 Stimmen. Die sozialdemokratischen
Stadtverordneten, deren Mandate zu erneuern waren — Augustin,
Borgmann, Bruns, Ewald, Gründel, Singer, Stadthagen —
wurden sämtlich wiedergewählt, die meisten davon nahezu einstimmig. So
erhielten Stimmen:

47. Bezirk Augustin	2100	gegen	2 gegnerische Stimmen.
25.	„ Bruns	3437	„	31	„	„
43.	„ Ewald	3043	„	87	„	„
13.	„ Singer	2901	„	62 „ ,,
14.	„ Stadthagen 3005		tt	91
        <pb n="231" />
        ﻿218

Im 24. Bezirk war das Verhältnis ebenso beschaffen: der hier zum
erstenmal zur Wahl stehende Sozialdemokrat P. Schneider erhielt 2901
gegen 36 Stimmen, und mit gleichem Stimmenverhältnis waren schon 1901
-er 12., 34., 35., 36. und 48. Bezirk teils erobert und teils behauptet
worden. In den Stadtvierteln, wo die Arbeiterbevölkerung überwiegt, waren
Gegenkandidaturen gegen die Kandidaten der Sozialdemokratie aussichtslos
geworden.

Im Jahre 1904 wurden einige Veränderungen in den Personen not-
wendig. Am 14. April legte Dr. Kurt Freudenberg, durch hoch-
gradiges Leiden, dem er nur zu früh erlag, genötigt, und am 8. September
Dr. R. Friedeberg sein Mandat nieder. Für den ersteren ward am

31.	Mai 1904 im 40. Bezirk Dr. Leo Arons, für Friedeberg (22. Bezirk)
am 23. November Rob. Wenzels gewählt. Am 30. Mai erneuerten
außerdem die Wähler des 32. Bezirks mit glänzender Mehrheit das Mandat
von Karl Leid, dem in einem Prozeß wegen Majestätsbeleidigung zugleich
mit Verurteilung zu Gefängnis seine aus öffentlichen Wahlen hervor-
gegangenen Rechte aberkannt worden waren — vier Jahre später, als
das vom Daily-Telegraph veröffentlichte Pseudo-Interview Wilhelms II.
die nationalistischen Gefühle des deutschen Philisters verletzte, würde
die gleiche und gleichheitliche Anwendung dieses Strafmittels für
dasselbe Delikt sämtliche deutsche Vertretungskörper in Einsiedeleien ver-
wandelt haben.

„Acht Bezirke behauptet, in drei Bezirken das Mandat erobert und
in vier Bezirken der Sozialdemokrat in Stichwahl," das war das Ergebnis
der letzten Stadtverordnetenwahl Berlins, die noch in unsere Periode
entfällt: die Ergänzungswahl vom 8. November 1905. Die eroberten
Bezirke waren: 3. Bezirk Ioh. Sassenbach, 16. Bezirk Dr. I. Zadek,
20. Bezirk Waldeck Manasse. Behauptet wurden ohne Personenwechsel
der 15., 21., 26., 27., 33., 40. und 46. Bezirk. Im 38. Bezirk ward an
Stelle von Franz Gleinert, der sein Mandat niedergelegt hatte, Karl Mars
gewählt. Stichwahlen waren im 1., 6., 7. und 30. Bezirk nötig. Sie
endeten zwar überall mit dem Sieg der Gegner, brachten aber im 7. und
30. Bezirk die sozialdemokratischen Stimmen denen der Gegner sehr nahe,
im ersteren erhielt I. Sassenbach 1080 gegen 1351, im 7. Bezirk Rechts-
anwalt Jos. Lerzfeld 1312 gegen 1583 Stimmen der Gegner. Im 17. Bezirk,
wo die Nachwahl stattfand, die durch die Annullierung des Kerfinschen
Mandats nötig geworden war, wurden 997 gegen 1208 gegnerische Stimmen
abgegeben.

Insgesamt war das Stimmenverhältnis bei den vier Ergänzungswahlen
nach der Neueinteilung von 1899 das Folgende gewesen:

1899	Sozialdemokraten	26 877,	Gegner 19 588
1901		33 599,	„	10 249
1903		26 894,	„	8 854
1905	„	30 681,	„	10 573

Da m den gleichen Bezirken immer nur alle sechs Jahre gewählt wird
kann auch nur d.e Vergleichung der Wahlen vom sechsten Jahr nach jedem
der früheren Wahljahre e.nen genaueren Maßstab für das Anwachsen der
sozialdemokratischen Stimmen im Verhältnis der gegnerischen Stimmen liefern.
        <pb n="232" />
        ﻿Aus zur Stadtoerordnetenwahl!

Wähler der 3. Abteilung!

Noch einmal wenden wir unS an Euch,
Arbeiter, Handwerker, Kleingewerbetreibende,
die Ihr nicht daS Glück habt, durch die Größe
Eures Geldbeutels in der ersten oder zweitenAb-
teilung. wählen zu dürsen, die Ihr aber desto
mehr durch Eure Arbeit, Euren Fleiß und Eure
Intelligenz zur Erhaltung des GcmeindewcscnS
beitraget. Noch einmal wollen wir Euch mahnen,
Euer einziges Hecht, das Ihr in der Gemeinde
habt, zu wahren. Jeder mache es sich zur
Pflicht, »m Sonnabend sein Wahlrecht aus-
zuüben!

Wer der geeignetste Kandidat für die Wähler
der dritten Abteilung ist, das sollte eigentlich
nicht mehr zweifelhaft sein, Drei Parteien ringen
um den Besitz der Mandate:

1.	die im bürgerlichen Wahlausschuß ver-
einigten Gegner eines jeder» Fortschritts'in
unserm Staats- und Gemeindelcben;

2.	die Liberalen:

3.	die Sozialdemokratie.

Kann ein Wähler der dritte» Abteilung
cineni Kandidaten des vereinigten bürgerlichen
Mahlauvschulses die Stimme geben?

Darauf gibt es nur eine Antwort:- Pein!
Die Kandidaten des vereinigten bürgerlichen
Wahlausschusses, an deren Spitze der Rcicho-
ljigenurrband und der Dans- und Grund-
besitze rvcrrin stehen,, werde:» nur die Interessen
der Besitzenden vertreten.

Sie sind dagegen, daß den Steuerzahlern
ei» gerechtes Wahlrecht gegeben wird!

sic sind dagegen, daß den minderbemittelten
Bevölkerungsklassen das Recht gegeben wird,
mitzureden über das Wohl des Ecmrinde-
wesens;

sie sind gegen alle Einrichtungen, die der
allgemeinen Kolkswohlfiihrt dienen solle»!

sie sind für eine weitere Einschränkung de»
Mahirechts (Herabsetzung der,Wahlzeit)!

sie sind wohl zu finden, wenn eS sich um
die Erhöhung der Gehälter der höheren Ke-
amten' handelt, dagegen wird der Daum auf
jeden Groschen gedrückt, der den »uteren Be-
amten und den Arbeitern gegeben werden soll',
sie treten in allererster Linie stets für die
Interessen der Haus- und Grundbesitzer ein
und stellen die Interessen der übrigen Ein-
wohnec hintenan.

Solchen Männern, und wenn sie auch das
Klaue vam Himmel herunter versprechen und

erklären, ein „warmes Herz" zur die Mruder-
bemittelten zu haben, könnt Ihr unmöglich Eure
Stimnre gcticn.

Kann denn nun ein Wähler der dritten Ab-
teilung einem Kandidaten der „Liberalen" seine
Stimme geben?

At:ch hier lautet die Antwort: Nein!

Die „Liberalen" treten in diesem Wahlkampf
zum ersten Mal selbständig auf. Früher haben
dieselben Leute Hand in Hand mit ihren reaktio-
nären Freunden der übrigen bürgerlichen Parteien
gearbeitet, um der Sozialdemokratie entgegenzu-
treten,- Die „Liberalen" glauben, daß für sic jetzt
in Schöneberg der Zeitpunkt gekommen ist, uin
die Herrschaft im Stadtparlament, von. ihren bürger-
lichen Freunde,t zu übernehmen und allein zu
führen. Durch weitgehende Versprechungen
und hochtönende Worte suchen sie auch die
minderbemittelten Bevölkerungsschichten für sich zu
ge:vi:nien, Fn den rosigsten Farben wird den
Wählern vargcmalt, was alles von, den „Liberalen"
getan wird, und wieviel mehr sie noch tun werden,
Ivenn sic erst an der. Herrschaft sind.

Wer die Entwicklungsgeschichte der .Liberalen
auch nur einigermaßen kennt, der wird sich sofort
darüber klar sein, daß die großen Versprechungen
der „Liberalen" niemals gehalten werden. Die
„Liberalen werden, wenn sie erst über die Majorität
in unserem Stadlpartament versügen, genau so,
wie sie cs in anderen Städten tun, die Interessen
der unteren Bevölkerungsklassen hinter die
Interessen der Besitzenden stellen,

Ein oberflächlicher Blick aus die Kandidaten-
liste . der Liberalen zeigt uns das mit aller
Dcullichkcil, Sind diese Männer wirklich im
Stande, Eure Interessen zu vertreten?

Kanu von einem „Liberalen", der erklärt,
daß' die Rechte der Hausbesitzer unantastbar
sein solle», verlangt werden, daß er in wirksamer
Weise für die -Mieter eintritt?

Kann man zu einem „Liberalen", der vor
kurzer Zeit noch Mitglied der so sehr ver-
schriene« Hausbcscherfraktiorr war, denn
wirklich Vertrauen haben?

Arbeiter, Handwerker, Parteigenossen l
Ihr, die Ihr Euch alle in schwerer Arbeit das
Notdürftigste zum Leben erringen müßt: Ihr,
die Ihr jahraus jahrein im Dienste des Kapitals
fronen müßt', Ihr, die Ihr durch Eurer Hände
Arbeit alle Reichtümer und Werte schasst, Ihr
könnt nur einem Soziaidemokraten Eure

100 und 101. Allgemeines sozialdemokratisches Flugblatt an die Wähler der

dritten Abteilung
        <pb n="233" />
        ﻿stimme geben, wenn Ihr wollt, bas; Gurr
Interessen wirksam und machtvoll vertreten Werden.
Die Sozialdemokratie hat es sich überall zur
Aufgabe gemacht, den schiveren Kamps ans alle»
Erbieten der Nolboniohlsahrt zu sichren. In
unseren vorhergehenden Flugschriften haben wir
bereits klar gelegt, was sich die Sozialdemokratie
als Ziel gesetzt hat und was die Sozialdemokratie
in unserem Stadlpartamcnt geleistet hat! Jeder
prüfe selbst, ob daraus der Vorwurf zutrifft, den
uns die, „Liberalen" machen: „Wir treiben einen
iiserloseir Radibaliomus und lassen uns nur
vom Neid der besitzlosen Klasse» leiten,"

Wir treten für das Wohl der Allgemeinheit
ein! Um das zu erreichen, ist eS aber notwendig,
daß von unten heraus angefangen wird, und
den Äetitzlose» daS gegeben ivird, was ihnen
heute von der bürgerlichen Gesellschaft vorent-

halten wird. Kein bürgerlicher Kandidat ist frei
und unabhängig genug, um imstande zu sein;&lt;.nn
das Wohl der grotzen Mehrheit der Schöneberger
Einwohnerschaft das ztt tun, Niao die Sozial-
demobratie ans ihre sahne geschrieben hat.

Sein Arbeiter, Handwerber und Klein-
gewerbetreibender darf am Sonnabend von der
Wahl zurückbleiben: Ein jeder erscheine an der
Wahlurne und gebe seine Stimme nur für die
soziaidemobratischen Kandidaten ab. Lasse sich
niemand von der Ausübung seines Wahlrechts
zurückhalten. Es kommt aus jede Stimme an.
Eine einzelne Stimme kan» unter Umständen den
Ausschlag geben, denbe beiner, es werde auch
ohne ihn geizen. Bedenke ein jeder, dah von
gegnerischer Seite alles mögliche ansgeboten
ivird, um der Sozialdemokratie den Sieg zu vcr&lt;
eilein.

rlüttelt jeden Säumigen aus und gebt Eure Stimme de» Kandidaten der Sozialdemokratie:

Schriftsteller Eduard Bernstein,

Mechaniker Richard Gabriel.

Die Wahl findet statt am

Sonnabend, den 2.November, von vormittags 11 bis abends 8 Uhr.

Ihr Wahllokal befindet sich:

bderssir. S, Turnhalle der Gemeindeschule.

Ufer nicht bis 8 ühr im Aahllokal anwesend Mt, geht feines Wahlrechts verlustig.

Als srgitiraation bringe ein jeder die mm Magistrat zugesandte Whlrrkarle mit, wes nicht in den fiept; einer
laschn, gelangt ist, der uersrhe pch mit einer grniigendrn anderen fegitiinntion |Strnrr;rttrl, lüüitärpnpirrr usw.j.

Wahlberechtigt ist jeder, der i» der im August v. I. a»sgestellte» Wählerliste dieses
Bezirks eingetragen ist, auch wen» er während dieser Zeit auS dem Bezirk verzogen ist.

Das sozialdemokratische Wahlkomitee.

Freitag, den 1. November, abends 8 Uhr:

8 öfjentl. Komtnunaiwähier-Versamttilungen

in Obit’s Westfalen, ffleiningerftr. 8;

Cindenparh, FjauptUr. 13; Whelmshof. Ebersltr. 80.

Tagesordnung:

Die Aufgaben der Sozialdemokratie in der Gemeinde.

Referenten:

Stadtverordn. DttjtSnl-Berlin; Stadlverordn. Schubert-Berlin; Reichstagsabgeordn 2tlde»»BerIin.
Zum Besuche einer dieser. Versammlungen sind Sie hiermit freundlichst eingeladen., "Wf8

V.randvottlich: Ae kl WoIIer mann. SchSnedere. Martin Lulhrrsir. HO. — Druck: Ar-rw.i.tü «uchdu/tsnei uild BerlohSr,nilalt Baut k.in^er fi ^04'JBi'tün SWlW.

100 und 101. Allgemeines sozialdemokratisches Flugblatt an die Wähler der

dritten Abteilung
        <pb n="234" />
        ﻿221

Es wäre also hier das Jahr 1905 mit dem Jahr 1899 zu vergleichen. Im
letzteren Jahre fanden aber, wie an betreffender Stelle bemerkt, außer den
Ergänzungswahlen in den älteren Bezirken, deren Mandat erledigt war,
Wahlen in allen neugebildeten Bezirken, zusammen 21 Wahlen statt, während
in späteren Jahren immer nur 16 Bezirke Ergänzungswahl hatten. Es müssen
daher, um das Verhältnis von 1905 zu 1899 richtig zu erkennen, nur die
16 Bezirke verglichen werden, in denen beide Male Wahlen erfolgten. Für
sie ergibt sich nun folgende Gegenüberstellung:

1899	Sozialdemokraten 18 599, Gegner 15 149

1905_____________________ 30	681,	„	10	573

Sozialdemokraten + 12 082, Gegner — 4 576

Einem Rückgang der gegnerischen Stimmen um 4576 steht eine Zu-
nähme der sozialdemokratischen Stimmen um 12 082 gegenüber. Von 55,2
gegen 44,8 ist nur allein in diesen sechs Jahren das Verhältnis der sozial-
demokratischen Mehrheit auf 74,3 gegen 25,7 vom Hundert gestiegen. Ein
glänzender Abschluß. And je weiter wir den Vergleich nach rückwärts fort-
setzten, um so Heller würde sich der Fortschritt der Sozialdemokratie
hervorheben.

Wie viel Arbeit bergen aber auch diese Zahlen! Immer mehr Eifer
wurde darauf verwendet, vor der Wahl keinen Wähler ohne Flugblatt und
während der Wahl keinen säumigen Wähler ohne Mahnung an seine
Wahlpflicht zu lassen. Daher wächst auch von Wahl zu Wahl die Zahl
der Wahlarbeit Verrichtenden, steht ein immer größerer Prozentsatz von
Organisierten und Organisatoren hinter den Wählern der Sozialdemokratie.
Nur so war es zu erreichen, daß ungeachtet der großen Angunst des Wahl-
systems am Ausgang unserer Epoche die sozialdemokratische Fraktion der
Berliner Stadtverordnetenversammlung von 48 Mandaten der dritten Wähler-
klasse nahezu drei Viertel, nämlich 35, innehatte. Das ist ein günstigeres
Verhältnis, als es dem Anteil der Partei an den bei Reichstagswahlen
in Berlin abgegebenen Stimmen entspricht, der im Jahre 1903 sich auf218238
von 326780, also gerade auf zwei Drittel belief, und fast genau so war das
Verhältnis im Jahre 1907 : 251215 von insgesamt 379373 Stimmen. Der
Anterschied rührt natürlich daher, daß bei der Reichstagswahl alle Wähler
ohne Anterschied des Einkommens in einer Klasse, bei der Stadtverordneten-
wahl aber die Wohlhabenden und Reichen in gesonderten Klassen wählen.
Das schafft der Sozialdemokratie in der dritten Klasse notwendigerweise eine
günstigere Position. Wie wenig diese aber als Ausgleich für die Angerechtigkeit
der Klassenwahl betrachtet werden kann, zeigt die Verteilung der Sümmen bei
der Reichstagswahl an. Würde die Stadtvertretung nach dem Reichstagswahl-
recht, das ja auch noch nicht völlig demokratisch ist, und auf Grund der
zahlengerechten Verteilung der Mandate gewählt, so müßte die Sozial-
demokratie statt 35 nicht weniger als 96 Sitze im Rathaus von Berlin
innehaben. Selbst wenn ihr alle Mandate der dritten Abteilung zugefallen
wären — was aber bei der eigentümlichen Gliederung einiger Wahlbezirke
nicht zu erwarten war —, wäre sie immer noch um 100 Prozent der
erlangten Mandate untervertreten, das heißt: erst im Besitz der Hälfte
der Mandate gewesen, die ihr nach demokratischem Recht hätten zufallen
müssen.
        <pb n="235" />
        ﻿222

b)	Die sozialdemokratische Vertretung in den Vororten.

Wenn aber in Berlin nicht einmal die Eroberung aller Mandate der
dritten Wählerklaffe zu erreichen war, so ist dies Werk dagegen in einer
Anzahl von Vororten Berlins möglich gewesen. Dort liegen eben die
Dinge einfach so, wie sie in Berlin in den Stadtvierteln des Nordens,
Nordostens, Ostens, Südostens und zum Teil noch des Südens und des
Nordwestens beschaffen sind: die Arbeiterschaft bildet die erdrückende
Mehrheit der Bevölkerung. Sobald einmal das Eis gebrochen war und
die Sozialdemokratie in den Vororten dem Beispiel Berlins folgte und den
Kampf um die Vertretung in der Gemeinde aufnahm, wurden — mit
wenigen Ausnahmen, die sich durch Veränderungen in der Zusammen-
setzung der Bevöllerung erklären — daher auch hier von Wahl zu Wahl
bessere Erfolge erzielt.

Man darf jedoch nicht meinen, daß das Verhältnis der Arbeiter-
wähler zu den bürgerlichen Wählern allein schon die Aussichten der
Wahl bestimmt. In den kleinen Ortschaften war ursprünglich überall
— und ist verschiedentlich selbst heute noch — die große Mehrheit der Arbeiter-
schaft so verschüchtert und der politischen Selbständigkeit so ungewohnt,
daß sie sich nur sehr schwer dazu bewegen ließ, ihre Stimmen für sozial-
demokratische Kandidaten oder auch nur für einfache Arbeiterkandidaten ab-
zugeben. In kleinen Gemeinden kann sich die ökonomische Übermacht eben
ganz anders geltend machen als in der Großstadt, und so hat denn
di« Vorschrift der öffentlichen Stimmabgabe hier auch zumeist eine weit
größere Beschränkung der Wahlfteiheit zur Folge. Ferner ist in den
kleinen Ortschaften, die unterhalb einer gewissen Bevölkerungszahl bleiben,
von kommunalem Leben so wenig zu spüren, daß der Antrieb der Arbeiter,
an ihm teilzunehmen, meist auch nur ein sehr geringer ist. Das Lerkommen
beherrscht die Geister, nur ausnahmsweise und nur in kleinen unauffälligen
Dosen wird an ihm geändert. Das lähmt die Gemüter, und viel besser
stand es auch lange Zeit selbst in der Masse der oberhalb der Linie be-
findlichen Gemeinden nicht. Kurz, es wäre durchaus irrig, anzunehmen,
daß in den Vorortsgemeinden mit überwiegender Arbeiterbevölkerung die
Arbeit für die Vertretung in der Gemeinde von vornherein eine leichtere
gewesen sei. Sie war im Gegenteil vielfach eine sehr viel schwerere, als in Berlin.
Viel Intelligenz und Verwaltungsarbeit wirkt unauffällig an kleinen Orten, die
abseits vom Verkehr liegen, oder hat den Grund zu Vertretungen gelegt,
die dann, nachdem die betreffenden Gemeinden stärkere Bevölkerung er-
halten hatten, auch eine bedeutende Wirkung ausüben konnten. Man be-
greift aber ohne weiteres, daß es nicht angeht, diese Entwicklung nun für
jeden in Betracht kommenden Ort im einzelnen hier vorzuführen. Es muß
dem Leser anheimgestellt werden, was mit den Unterschieden, wie sie durch die
Größe der Orte und die soziale Gliederung ihrer Bewohner gegeben sind,
für alle Orte ohne Ausnahme gilt, auf jeden einzelnen anzuwenden.
Überall hat man klein angefangen, anfänglich Niederlagen und gelegentlich
auch einmal Rückschläge erlitten, überall mußte ein mühsames Erziehunzs-
werk geleistet werden, und wo immer nur Mitgliedschaften der Sozial-
demokratie von einiger Stärke bestanden, ist es geleistet worden. So
konnten denn, am Abschluß unserer Epoche, d. h., da die Landgemeinden
        <pb n="236" />
        ﻿223

Bürger Berlins!

Heute ist MImorimteilWhll

Tut Eure Pflicht und gebt Eure Stimme ab
für den Kandidaten der Sozialdemokratie!
Rüttelt die Säumigen auf!

Agitiert bei Euren Arbeitskollegen, im Freundeskreis,
überall wo Ihr Gelegenheit dazu habt!

Welche Bezirke zur Wahl stehen, ist aus dem
„Vorwärts" zu ersehen!

w Heute -*■

geben die Aahier Berlins die Antwort!

Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer &amp; To.. Berlin SW. 68. vindcnstr. 69.

102. Allgemeine sozialdemokratische Aufforderung zur Stimmabgabe
bei der Stadtverordnelenwahl

zu Anfang des Jahres ihre Ergänzungswahlen haben, Ende März 1906
die beiden Vorortswahlkreise Berlins zusammen in 46 Ortschaften
160 sozialdemokratische Gemeindevertreter aufweisen. And zwar hatten:

Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg in 27 Ortschaften
105 sozialdemokratische Gemeindevertreter,

Niederbarnim in 17 Ortschaften 55 sozialdemokratische Gemeinde-
vertreter.

Von all diesen Orten steht das zum Wahlkreise Teltow-Beeskow usw.
gehörende Rixdorf in bezug auf die Zahl von Sozialdemokraten in der
Kommunalvertretung obenan. In wenig über einem Menschenaller vom
einfachen Dorf zu einer großen Stadt emporgewachsen, der öbauptwohnort
der Arbeiterschaft im Südosten von Berlin, hatte Rixdorf damals
20 sozialdemokratische Stadtverordnete. Die Mandate der dritten Abteilung
waren sämtlich im Besitz der Partei der arbeitenden Klassen, und beiläufig
sei bemerkt, daß hier drei Jahre später auch Mandate der zweiten Wählerklasse
der Sozialdemokratie zugefallen sind.

Der Entwicklungsgang der sozialdemokratischen Vertretung Rixdorfs
war der folgende gewesen. Nachdem das Kommunalwahlgesetz von 1891
verkündet war, traten die Parteimitglieder im Jahre 1892 zum ersten Male
in die Wahlen der Gemeindevertreter ein und erzielten im ersten Sturm die
Wahl von sechs Sozialdemokraten: Gustav O st e rm a n n und Bernhard Schenk,
Tischler, Gustav Müller, Zigarrenhändler, Albert Wurbs, Klempner,
Bildhauer Karl Schröder, und August Schimkaal, Gastwirt. Die
Mandate von Ostermann und Wurbs wurden nach der Wahl kassiert, wer
        <pb n="237" />
        ﻿die erst nachträglich vorgenommene Auslosung der Bezirke das Resultat
gehabt hatte, daß die Bezirke, in denen sie gewählt waren, durch „Ansässige"
vertreten sein mußten. In der Nachwahl gelang es jedoch der Sozial-
demokratie, in dem Schlossermeister Karl Schulze und dem Putzer Lahn
Kandidaten aufzustellen, die zu den Ansässigen gehörten, und die Mandate
für sie zurückzuerobern. Bei den Ergänzungswahlen von 1894 wurden
zwei weitere Kandidaten der Partei, Zimmermeister Rob. Lesse und
Gastwirt Aug. P apke, und bei den Wahlen von 1895 an Stelle von Müller,
Schenk, Schröder und Schulze, die wegen Zustimmung zu Ausgaben für
nationalistische Zwecke ihre Mandate auf Versammlungsbeschluß hatten
niederlegen müssen, die Parteimitglieder Kull, Schristgießer, Oster-
mann, Tischler, Retzerau, Maler, und Thomas, Schriftsetzer, gewähtt.

1898	wurde Rixdorf Stadtkreis und seine Vertretung in der Gemeinde-
versammlung auf 48 Mitglieder erhöht. Bei der ersten Wahl zum neuen
Kollegium ward die dritte Klasse wiederum ausschließlich durch Kandidaten
der Sozialdemokratie besetzt, die nun eine Fraktion von 16 Mitgliedern
bildeten, und jede weitere Wahl bestätigte nur dies Verhältnis. Die ersten
sozialdemokratischen Gemeindevertreter des Stadt gewordenen Rixdorf
waren: Wilh. Conrad, Kassenbeamter, Aug. Dohrmann, Tischler,
L. Lerrmann, Zigarrenmacher, Wilh. Jäger, Klempner, Konst. Janis-
zewsky, Buchdruckereibesitzer, Karl Keller, Dachdeckermeister, Wilh.
Köpke, Gastwirt, Paul Mitschke, Steinmetz, Wilh. Münzer, Stein-
metz, Gust. Ostermann, Spediteur, Rich. Preßler, Gastwirt, Emil
Retzerau, Maler, Wilh. Sy, Tischler, Dr. R. Silberstein, Arzt,
Willy Wach, Berichterstatter, und Emil Wutzky, Schriftsetzer.

Linsichtlich der Zahl der sozialdemokratischen Vertretung in der Ge-
meinde schließt sich Berlins größte Nachbarstadt, Charlottenburg, an
Rixdorf an. Mit den Ergänzungswahlen des Jahres 1905 wuchs die
sozialdemokratische Fraktion dort auf 13 Mitglieder. Das Verhältnis
dieser zur Gesamtvertretung war aber wesentlich ungünstiger, als in Rixdorf.
Denn in Charlottenburg hat die dritte Klasse 24 Stadtverordnete, so daß
die genannte Zahl der sozialdemokratischen Mitglieder nur einen über die
Lälfie der Vertretung der dritten Klasse ausmacht. And auf wesentlich
mehr ist in dieser Stadt, die sich rühmen kann, das zahlungsfähigste
Gemeinwesen der preußischen Monarchie zu sein, beim jetzigen Wahlsystem
kaum zu rechnen, da in verschiedenen Stadtbezirken die Arbeiter selbst in
der dritten Klasse die Minderheit der Wähler sind. Gewerbetreibende,
Beamte, Angehörige der fteien Berufe bleiben mit einer Steuerleistung,
die sie anderwärts zu Wählern erster oder mindestens zweiter Klasse machte,
hier Wähler der dritten Klasse. Selbst bei der Reichstagswahl konnte es
die Sozialdemokratie in Charlottenburg noch nicht zu einer Stimmenmehrheit
bringen. Anter diesen Amständen war die Eroberung von 13 Mandaten
der dritten Klasse, die im ganzen 24 Stadtverordnete zu wählen hat, schon
eine sehr bemerkenswerte Leistung. Die Entwicklung der sozialdemokratischen
Stadtverttetung in Charlottenburg war die folgende:

Die Wahl des Jahres 1893 brachte die ersten Sozialdemokraten ins
Charlottenburger Rathaus, Gustav Beyer und Lerm. Wernicke, die bis

1899	ihr Mandat ausübten, dann aber nicht wieder kandidierten und durch
Kurt Baake und Paul Lirsch ersetzt wurden. Einige Wahlerfolge des
        <pb n="238" />
        ﻿
        <pb n="239" />
        ﻿225



Jahres 1895 wurden durch Ungültigkeitserklärung vernichtet, und bei der
Nachwahl unterlagen unsere Genossen. Erst 1901 ward eine Vermehrung der
Vertreter erzielt, und zwar gleich um sechs, nämlich Dr. Bruno Borchardt,
Karl Zander, Wilh. Mickler, Ferd. Pasche, Gust. Scharnberg und
Heinr. Vogel. Das Jahr 1903 brachte drei neue Vertreter: Ed. Dörre,
August Sellin und Dr. G. Zepler. 1905 wurde die Fraktion um zwei
Mitglieder verstärkt: W. Bartsch und Hugo Klick, verlor aber Kurt
Baake, dessen Mandat abgelaufen war. Bei einer Ersatzwahl war indes
noch der Genosse Paul Liebe gewählt worden, so daß am Abschluß unserer
Epoche Charlottenburg eine sozialdemokratische Fraktion von dreizehn Mit-
gliedern im Rathaus hatte. Erwähnt sei hierbei, daß Hirsch und Vogel
1903 ihre bis dahin innegehabte Mandate aufgaben, um als Hausbesitzer
in Bezirken zn kandidieren, die für solche ausgelost waren. Nur dadurch
konnte die Vertretung der Partei auf die bezeichnete Stärke gebracht werden.

Auch der drittgrößte Ort des Reichstagswahlkreises Teltow-Beeskow-
Charlottenburg, das 1897 zum Stadtkreis erhobene Schöneberg entwickelt
sich in der Mehrheit seiner Bezirke zunehmend zur Wohnstätte mehr oder
weniger wohlhabender Bevölkerungsschichten, neben denen selbst in den
Hinterhäusern vorwiegend kleinbürgerliche Elemente sich ansiedeln. Der
Ausbau der so schnell emporschießenden Stadt geschieht fast nur in der
Gestalt von Häusern, die auf diese Klassen berechnet sind, und so werden
in einigen Stadtvierteln die Aussichten für die Sozialdemokratie eher
schlechter statt besser. Es waren daher am Abschluß unserer Epoche nur
9 von 20 Mandaten der dritten Klasse Besitzstand der Sozialdemokratie.
Der Entwicklungsgang der sozialdemokratischen Vertretung war hier der
folgende gewesen:

Zum erstenmal bekam Schvneberg, damals noch Landgemeinde, in,
Jahre 1892 sozialdemokratische Gemeindevertrcter. Es waren dies der
Maurer Paul Hackelbusch und der Töpfer Schmidt. Bei den zwei
folgenden Wahlen — 1894 und 1896 — unterlagen die Kandidaten der
Sozialdemokratie. Dann wurde Schöneberg Stadt, und bei der ersten
Wahl in seine Stadtverordnetenversammlung drangen — im November
1897 — wieder zwei Sozialisten durch: der Gastwirt Ernst Obst und der
Maurer Fritz Masuch. Die Ergänzungswahl von 1899 brachte keine
Veränderung in der Vertretung, dagegen wurden 1901 drei weitere
Sozialisten, nämlich W. Bäumler, Spediteur, Gustav Däumig, Maurer,
und Gustav Hoffmann, Tischler, gewählt, und Masuch durch Reinhold
Küter, Lagerhalter, ersetzt. 1902 ging das Mandat von Ernst Obst, der
im Parteiinteresse seinen sicheren Sitz für einen zweifelhaften vertauscht
hatte, bei einer Nachwahl verloren, doch ward dafür in einer anderen
Nachwahl ein neuer sozialdemokratischer Vertreter gewählt: Karl Panser,
Maurer, und als später das Mandat Däumigs annulliert wurde, weil
in dessen Bezirk ein Hausbesitzer zu wählen war, ward dort Obst, der
mittlerweile ein Haus erworben hatte, an Stelle von Däumig aufgestellt
und gewählt. Bei der Wahl von 1903 ward zu den aufgezählten sozia-
listischen Vertretern Karl Wollermann, Schriftsetzer, hinzugewählt, und
1905 erhielt G. Däumig ein neues Mandat. Außer ihm wurden von
Sozialdemokraten damals noch Richard Gabriel, Mechaniker, und, in
Nachwahl, Karl Magnan, Schriftsetzer, zu Stadtverordneten gewählt.

Bernstein, Berliner Geschichte. IN.	15
        <pb n="240" />
        ﻿226

Doch ward das Mandat Gabriels, da er kein Lausbesitzer war, der Bezirk
aber einen Lausbesitzer wählen sollte, dessen bürgerlichem Gegenkandidaten
zuerkannt, der knapp ein Drittel der Stimmen erhalten hatte, die auch
für Gabriel abgegeben waren.

Die drei nächst großen Orte des Wahlkreises: Groß-Lichtcrfeldc,
Steglitz, Wilmersdorf sind, obwohl es in ihnen an Arbeitern nicht fehlt,
der Sozialdemokratie direkt ungünstig. Dasselbe gilt von dem unweit
Lichterfelde gelegenen Villenort Zehlendorf. In diesen Ortschaften stellen
das wohlhabende Bürgertum mit seinem Anhang, die bessergestellte
Beamtenschaft und allerhand sonstige von der Sozialdemokratie nur
ausnahmsweise zu erfassende Elemente die Mehrheit der Wählerschaft.
So konnte denn bisher einzig in Steglitz Einzug in die Gemeinde-
vertretung erkämpft werden. Änd selbst dort erst für einen Sozialdemokraten,
während bei der Reichstagswahl von 1903 ebendaselbst über 48 Prozent
der abgegebenen Stimmen — 1981 von 4296 — auf die Sozialdemokratie
entfielen.

Ein ganz anderes Bild gewinnen wir, wenn wir uns einer zweiteir
Gruppe von größeren Ortschaften des Kreises zuwenden, von denen zwei
weiter hinaus im Südwesten, vier im Südosten Berlins liegen. Diese
Orte konnten sich im Jahre 1905 darin Rixdorf an die Seite stellen, daß
auch in ihnen die Sozialdemokratie über alle Mandate der dritten Wähler-
klasse verfügte. Es waren dies:

Gesamtvertretung Sozialdemokraten

Adlershof	12	4
Britz	12	4
Köpenick	36	12
Johannisthal	9	3
Nowawes	18	6
Teltow	12	4

In Markgrafpieske (Kreis Beeskow-Storkow) gehörten von 18 Sitzen
5, in Trebbin von 18, in Krausnick (wie vorher) und in Treptow-Baum-
schulenwcg von je 12 Sitzen 3 der Sozialdemokratie. Je zwei sozial-
demokratische Gemeindevertreter hatten die Orte Alt-Glienicke, Ruhlsdorf
und Zernsdorf, und je einen außer dem schon erwähnten Steglitz noch
Dahlewitz, Deutsch-Wusterhausen, Groß-Besten, Ketschendorf, Klein-Besten,
Marienfelde, Ren-Zittau, Rauen, Schenkendorf bei Großbeeren und
Schenkendorf bei Königs-Wusterhausen.

Interessant ist, daß gerade in den kleineren der aufgezählten Gemeinden
sozialdemokratische Mandate in der zweiten Wählerklasse erkämpft wurden,
nämlich zwei in Markgrafpieske und je eines in Krausnick und Ren-Zittau.
Und ferner ist cs der Erwähnung wert, daß in nicht weniger als 11 dieser
27 Orte des Wahlkreises die Sozialdemokratie in der Lage war, die wider-
sinnige reaktionäre Bestimmung, wonach die Lälfte der Gemeindevertreter
Lausbesitzer sein müssen, durch Aufstellung von solchen zunichte zu
machen. So hatte Rixdorf nicht weniger als 10, Köpenick 6, Charlottenburg 5,
hatten Adlershof, Krausnick, Markgrafpieske, Nowawes und Schöneberg
je 3, Britz, Johannisthal, Teltow je 2 und Alt-Glienicke, Steglitz, Trebbin,
Treptow-Baumschulenweg und Zernsdorf je einen sozialdemokratischen
        <pb n="241" />
        ﻿An die Wähler der dritten Abtheilung des
23. Rommunalwahlbezirks.

Arbeiter, Kleinbürger, Parteigenossen!

Am Mittwoch, den 6. WovemSer finden die ErgänzungSwahleg kur das Parlament der Gtadl Pettm.' für
die Stadtoerordnetenoersammlung, stall.

Das ungerechteste aller Wahlsysteme, daS PreiKlassenwahlsyssem, beiuirit es, daß 1460 Geldsäcke dasselbe
Recht und denselben Einfluß haben wie 300 000 ihrer ärmeren Mitbürger. Dieses schändliche Wahlsystem bedingt cs,
daß die städtische Verwaltung, ein Vorrecht der Reichen, zu deren Gunsten und in deren Interesse geleitet wird.
Brüderlich vereint ist da alles Reaktionäre. Kulturfeindliche, Ausbeuterische, alles. maS von der Unterdrückung
seiner Mitmenschen lebt. Als einziger Gegner tritt in den Kamps der

Sozialismus mit feinen Idealen

mlt der Aufhebung der Klassenherrschaft, mit dem gleichen Recht für Alle, für Alle dle gleiche EuNvickluugSmügtlchleit.
für alle das Recht an den Kulturgütern theilzuhaben. Voll und ganz aus dem Boden dieser Anschauung steht der
Kandidat unseres BeznkeS. der Genosse Emil Banner. Der Liberalismus hat feine Ideale längst vergessen!

Wie Junker,hum und Schlotbarone den Staat beherrschen und die Gesetzgebung zur Ausbeutung und Nieder-
Haltung der breiten Volksschichten benutzen, so herrscht der alt gewordene Liberalismus, jetzt baar oller Ideale, in den
Städten und benutzt seine llebcrmacht in den Stadtparlamentcn rücksichtslos zur Förderung der allercnghcrzigstcn Klassen-
intercssen.

Wo sst das gleiche Recht auf Bildung geblieben, dieser.Grundpfeiler aller wahren Kulturentwicklung eineß
Volkes? Wo ist daö gleiche Recht für alle Bürger eines Gemeinwesens, ihre Stimme znr Geltung zu bringen? Wo
ist das demokratische Bewußtsein des Liberalismus geblieben, des Liberalismus, der schweifwedelnd die Hand küßt,
die ihm eine Oh,-feige nach der andern versetzt, sodaß die „Berliner Selbstverwaltung" bereits ansängt zum Ge-
spött zu werden? Was ist bisher zum Schutz der arbeitenden Aevölkerung gegen Krankheit und ßleud geschehen,
was zur Erhöhung der Lebenshaltung der breiten Volksschichten? Als Gnade und Barmherzigkeit, als Wohlthat, für
die untcrthänigst gedankt werden iriuß, wird daö Wenige gewährt, was überhaupt geleistet wird, und deshalb wirb
auch ehr- nnd rechtlos, wen das Unglück trifft, städtische Wohlthaten annehmen zu müssen. WaS ist geschehen,
um die ungeheure Entwicklung deS Verkehrswesens, der BcleuchtnngS- und Kraftanlagen unserer Riesenstadt dem Inter-
esse der Allgemeinheit, dienstbar zu machen? Statt der Uebcrsührung in die Gemeindeverwaltung eine Ausbeutung
Aller zu Gunsten einiger Pnvilegirten, die-schamlos genug vielfach inmitten der Stadtoertretung selbst sitzen und
Millionenreichlhümer aufhäufen aus diesen der Allgemeinheit entzogenen Schätzen.

Deshalb handelt es sich bei dieser Wahl nicht blos um den Streit zweier Parteien, um einige Sitze im Stadt-
parlament. sondern cs steht Weltanschauung gegen Weltanschauung.

5&gt;etr JU'afTciUtampf

«st cs, der hier gekämpft wird wie überall, wo daS Proletariat in die Arena deS Wahlkampfes eintritt. Ob nach wie
vor der eine ein Knecht deS Anden, sein muß, ob ungestraft der Reiche den Armen soll schrankenlos weiter ausdeuten
dürfen, ob nach wie vor Millionen von Proletariern elend vor der Zeit zu Grunde gehen müssen, oder ob alle Bürger
eines Staates, eines Gemeinwesens gleichberechtigt, ob die Güter diesiw Erde Allen zugänglich sein sollen, die mit ihren
Geistes- oder Körperkräften dieselben schaffend mehren Helsen, darum handelt cS sich! DaS ist die Bedeutung dieser Wahl,
das die Bedeutung jeder Stimmabgabe für den sozialdemokratischen Kandidaten, ein feuriger Protest gegen das
namenlose Anrecht, geg«n das entsetzliche Kkend, welches die Klassenherrschaft seit Jahrtausende» üver die
Menschheit gekracht bat.

Deshalb ein Afui Jedem, der am Tage der Wahl feige zurücksteht, der nicht wagt in öffentlicher Stimm-
abgabe und frei heraus seine Ueberzeugung zu bekennen. Nicht nur um ein Mandat handelt cS sich, sondern darum,
daß der proletarische Hedauke zum Siegj geführt wird, daß in offeriern Kainpse Jeder für seine Ueberzeugung mann-
haft eintritt und durch seine Stimmabgabe feierlich erklärt'

_______Als Proletarier habe ich Zeit meines Lebens darben und hungern müssen- als Proletarier bin ich ausgeschlossen

gewesen von allen Kulturgütern der Nation. Bildung. Lebensgenuß, Sicherheit de« Erwerbes, Schutz gegen Krankheit

nnd allzusrühen Tod, bisher ein Eigenthum der herrschenden Klassen, auch mir und meinen Kindern soll cS zu Theil

werden, im Kampfe für und mit meiner Klasse will ich es erringen. Diese eine Waffe de« Proletariats, die Solidarität

und die feste Bekundung, daß eS anders werden soll und nmß, sie, wird uns an&gt; 6. November zuin Sieg führen.

Parum, auf zur Wahl Parteigenossen. Ahr Arbeiter, KleiuLürger. Alle, die Ihr darbt und entrechtet
seid! Tretet ein für den. der Eure Interessen mit aller Hingabe vertreten wird, für den Genossen

Emil Basner.

Das sozialdemokratische Maikomitee.

103. Sozialdemokratisches Flugblatt zur Wahl im 23. Kommunalwahlbezirk
        <pb n="242" />
        ﻿228

„Hausbesitzer". Doch fehlt es auch nicht an Fällen, wo die Aussonderung
bestimmter Bezirke für die Vertretung durch einen Hausbesitzer die Auf-
stellung sozialdemokratischer Kandidaten unmöglich oder die Wahl von
Sozialdemokraten ungültig machte. Ähnlich, wie es in dieser Hinsicht in
Charlottenburg und Schöneberg zuging, ging es auch in Mariendorf,
Wilmersdorf und noch anderwärts zu.

* *

*

Niederbarnim, der Reichstagswahlkreis der Vororte im Norden und
Nordosten Berlins, umfaßt keine Großstädte im Stil von Charlottcnburg,
Rixdorf und Schöneberg. 1905 zählten nur 7 Ortschaften dieses Kreises
über 10 000 Einwohner. An ihrer Spitze steht Lichtenberg-Friedrichsberg,
das Ende 1905 über 55 000 Einwohner zählte. 3hm folgen: Weißensee,
Boxhagen-Rnmmelsbnrg, Pankow, Reinickendorf, Friedrichsfelde-Karlshorst,
und Oranienburg. Wir unterlassen es, die Entwicklung der Vertreterschaft
dieser Orte in ähnlicher Weise zu verfolgen, wie bei den Hauptorten des
Wahlkreises Teltow - Beeskow - Storkow - Charlottenburg. Nicht, daß sie
weniger interessant wäre, als jene, aber sie bietet prinzipiell nur das gleiche
Bild. So hat Lichtenberg-Friedrichsberg, wenn auch nicht in
gleichem Grade, mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, wie Schöneberg,
und konnte daher bis 1905 nur 8 von 15 Mandaten der dritten Klasse
erobern. In Weißensee dagegen waren am Abschluß unserer Epochen
7 von 8 Mandaten der dritten Klasse, in Boxhagen-Rummelsburg
nnd Pankow je die dort zu vergebenden 8 und in Reinickendorf die
6 Mandate der dritten Wählerklasse im Besitz der Sozialdemokratie. In
Friedrichsfelde-Karlshorst, welche Orte einen starken Prozentsatz bemittelter
Einwohner und auch viele am dortigen Rennplatz interessierte Geschäfts-
leute beherbergen, waren nur erst 2 Mandate erkämpft, und ganz unvertreten
ist die Sozialdemokratie noch im spießbürgerlichen Oranienburg. Von
kleineren Orten sind Erkner, Friedrichshagen, Borsigwalde-Wittenau und
Waidmannslust-Lübars mit je 3 Mandaten zu nennen. Je 2 Gemeinde-
vertreter hatten neben Friedrichsfelde-Karlshorst noch Herzfelde, Mahls-
dorf, Oberschöneweide und Schönbeck-Fichtenau und je 1 Schönfließ,
Stralau und Tegel.

c)	Das kommunale Wirken der Sozialdemokratie.

Was nun die Tätigkeit der Sozialdemokratie in den Gemeinden an-
betrifft, so haben es die sozialdemokratischen Vertreter selbstverständlich
nirgends am guten Willen fehlen lassen, im Sinne der sozialdemokratischen
Grundsätze auf die Gemeindeverwaltungen einzuwirken. Aber durchgängig
einer Mehrheit gegenübergestellt, die durch den Wall der preußischen
Klassengesehgebung davor geschützt war, einer sozialdemokratischen Mehr-
heit weichen zu müssen, und sich zum Äberdruß in Notfällen noch durch
die Äberwachungsvollmachten der Regierung gedeckt wußte, stießen sie dabei
auf einen Widerstand, der oft absolut unüberwindlich schien, und in vielen
Fällen hat sich, namentlich in der ersten Zeit, das Klassenwahlsystem in der
Tat als ein Eisenpanzer für Klassenvorurteil und Klassenegoismus er-
wiesen. Aber die Tätigkeit der Sozialdemokratie in den Kommunen ist
trotz dieses großen Hemmnisses nicht wirkungslos geblieben. Schon die
        <pb n="243" />
        ﻿229

Eilt sehr!

Eilt sehr!

Geehrter Herr!

Heute ist Stadtverorduetemoahl in 46. Bezirk.

Agitation bei den Wahlen,
bei der ja immer wieder die
Grundsätze einer demokra-
tischen Kommunal - Politik
unter dem Gesichtspunkt der
Arbeiterklasse in den Vorder-
grund gestellt wurden, und
die unermüdliche Betonung
dieser Grundsätze von seiten
der gewählten Vertreter in
den Gemeinde - Versamm-
lungen übten auf die Länge
der Zeit denn doch eine ge-
wisse erzieherische Wirkung
aus, zumal die allgemeine
soziale Entwicklung die sozia-
listischen Argumente unter-
stützte. Das ist ja die große
Kraftquelle der sozialistischen
Agitation, daß sie die ent-
scheidenden Tatsachen des
Entwicklungsganges der
Kulturvölker für sich hat.

So kann in unserer Zeit
kein Wahlsystem den Geist
der Verwaltungskörper so
konservieren, daß er gegen
die Rückwirkungen des
draußen flutenden Lebens
und die Sprache der durch
diese geschaffenen neuen Be-
dürfnisse und Rechtsbegriffe
sozusagen hermetisch geschützt
wäre. Was lebt, was seine
Lebenskraft aus den tatsächlichen Verhältnissen zieht, das drängt als öffent-
liches Bewußtsein durch die Poren selbst der festesten Mauern, durch alle
Ritzen und Spalten von Türen und Fenstern hindurch in die Ratssäle
und die Amtsstuben hinein. Dies um so mehr, als selbst die konservativsten
Parteien bei Gelegenheiten, wo das System der Klassenwahl sie nicht
deckt, mit der breiten Volksmasse zu rechnen haben. So nahmen denn mit
dem Wachstum der Arbeiterklasse und ihrer Organisationen die Gemeinde-
behörden den Forderungen der Arbeitervertreter gegmüber — die einen
früher, die andern später, die einen mit größerem, die anderen mit geringerem
Verständnis — nach und nach eine weniger starr ablehnende Laltung ein,
als in der ersten Zeit, und ergriffen hier und da sogar einmal, durch das
Beispiel anderer Orte angeregt, für irgendeine Neuerung auf diesen Ge-
bieten selbst die Initiative. Dazu nötigte auch gelegentlich die Sozialpolitik
des Reiches, bei der die Agitation der Sozialdemokratie zugestandenermaßen
die hauptsächliche Triebkraft gebildet und sozialen Begriffen Kurs gcge cn

Sie haben 3hr Wahlrecht noch nicht ausgeübt!
Auf 3hre Stimme kommt es heute an!

Eilen Sie zur Wahl! Sie tragen sonst mit die Ver.
ontwortung. wenn der Vertreter der Werktätigen Bevölkerung, de«
Kandidat der Sozialdemokratie, unterliegt. Geben Sie sofort Ihre
-Stimme ab für den

Stadtverordneten Dr. R. Mmeeht

Thomafiusstraße 15«

Sie sind eingetragen unter der auf dem Kuvert vermerkten
Nummer, die Sie dem Wahlvorsteher bei Abgabe Ihrer Stimme
zwecks Erleichterung des Nachschlagens angeben wollen.

Ihr Wahllokal befindet sich

Perlebergerstratze 26, „Artus-Hof".

Kleiner Parterre-Saal.

Versehen Sie sich mit ausreichender Legitintation — die vom
Magistrat zugesandte Wahlkarte. Ihren Steuerzettel, Militärpapiers
oder Mietskontrakt. Bei der Frage nach der Wohnung ist die am
l. Juli dieses Jahres innegehabte anzugeben.

Ihre Stimme ist die eine, auf die eS ankommt. Darum
kommen Sie sofort, eilen Sie, um obengenannten Kandidaten
der Sozialdemokratie zu wählen!

Hochachtungsvoll

Dar sozialdemokratisch« Wahlkvmiter.

104. Letzte Mahnung an die säumigen Wähler
        <pb n="244" />
        ﻿230

gegen welche sich früher der Klassengeist des kleinen und mittleren
Bürgertums fast noch mehr sträubte, als die neufeudalen Tendenzen der
etwas weiter blickenden großen Bourgeoisie.

Dieser Entwicklungsgang, das meist widerwillige, zögernde und in
Halbheiten sich kundgebende Zurückweichen des bürgerlichen Vorurteils und
Klassenegoismus vor den mit zunehmender Kraft andrängenden politischen
und sozialen Ideen der Arbeiterdemokratie wird in klassischer Weise ver-
anschaulicht durch die Denkschrift, die Paul Hirsch unter dem Titel:
„25 Jahre sozialdemokratischer Arbeit in der Gemeinde" zur 25. Wieder-
kehr des Tages geschrieben hat, wo zum erstenmal sozialdemokratische
Vertreter in das Berliner Rathaus einzogen.*) In überaus reicher
Dokumentierung wird da gezeigt, wie auf allen Gebieten der kommunalen
Betätigung, von der Betonung des Selbstverwaltungsrechts und der
sonstigen politischen Rechtsansprüche der Gemeinde angefangen bis zu
den Einzelnheiten der kommunalen Aufgaben in bezug auf Arbeiter-
politik und allgemeine Sozialpolitik, Wohnungspolitik und Verkehrspolitik,
Schulpflege und Gesundheitspflege, Steucrwcsen und Wirtschaftspolitik,
Armenfürsorge und Kunstpflege, die sozialdemokratischen Stadtverordneten
Pionierarbeit verrichtet und in harten, aber unermüdlich geführten Kämpfen
bahnbrechend gewirkt, die Widerstände, wenn nicht bis zur völligen Ohn-
macht gebrochen — davor schützt sie das Klassenwahlrecht — so doch zur
moralischen und immerhin in vielen Punkten bis zu einem gewissen Grade
auch tatsächlichen Kapittllation besiegt haben.

„Auf dem Gebiete der Verkehrspolitik," schreibt Hirsch im Vor-
wort, „ist die Reichshauptstadt, deren Vertreter Jahrzehnte hindurch ihre
Straßen und Plätze privaten Erwerbsgesellschaften zur Ausbeutung über-
lassen haben, im Begriff, endlich die Bahnen zu wandeln, die die Sozial-
demokraten ihnen längst vorgezeichnet hatten, und eigene Linien zu bauen.
Auf dem Gebiete des Volksschulwesens sind erfteuliche Fortschritte zu
verzeichnen, Fortschritte, die in erster Linie den Sozialdemokraten zu danken
sind. Sind sie es doch gewesen, die als erste im Roten Lause den An-
sturm gegen die den Geist und Körper schädigende gewerbliche Neben-
beschäftigung von Schulkindern unternommen haben! Sind sie es
doch gewesen, auf deren Anregung die Anstellung von Schulärzten zurück-
zuführen ist! Oder werfen wir einen Blick auf das wichtige Gebiet der
städtischen Arbeiterpolitik I Die städtischen Körperschaften, die vor
noch gar nicht langer Zeit Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeits-
losigkeit als nicht zu ihrem Pflichtenkreis gehörend rundweg abgelehnt
haben, beraten heute in gemischter Deputation dieses schwierige Problem.
Die Frage der Gewährung eines Ruhegehalts und einer Hinter-
bliebenenversorgung für städtische Arbeiter, eine Frage, die, als sie die
Sozialdemokraten vor 20 Jahren auswarfen, einfach als indiskutabel be-
zeichnet wurde, ist heute — wenn auch noch nicht in zufriedenstellender
Weise — gelöst. In der Steuerpolitik begegnen wir sozialdemokratischen
Spuren, die Einführung der Grundwertsteuer ist das Werk der Sozial-
demokratie, die Wertzuwachssteuer, deren Notwendigkeit wenigstens vom

*) 25 Jahre sozialdemokratischer Arbeit in der Gemeinde. Die Tätigkeit der Sozial-
demokratie in der Berliner Stadtverordnetenversammlung. Auf Grund amtlicher Quellen ge-
schildert von Paul Kirsch. Berlin I9V8, Verlag Buchhandlung Vorwärts. IX, 552 S. gr. 8«.
        <pb n="245" />
        ﻿Zur Stadtverordnetenwabl im 23. fiemeindebezirk.

___________________________III. Abteilung

Wähler! —

Am 6» November ist in unserm Bezirk die Wahl eines Stadtverordneten in der III. Abteilung vorzunehmen.
Wieder habest die in dieser Klasse wählenden Bürger die Entscheidung zu treffen, ob sie von einem Anhänger der Sozial-
demokratie oder von einem liberalen, wirklich fortschrittlichen Manne im Stadtparlament vertreten sein wollen.

Die Tätigkeit der Sozialdemokratie in unserer Stadtvertretung ist bisher eine ebenso unfruchtbare gewesen wie
ihre sonstige Tätigkeit in den Parlamenten. Ihre Praktik besteht darin, alle liberalen Forderungen zu bekriteln und das
ist ja sehr bequem — masslos zu überbieten. Andererseits schreiben sie alle Fortschritte, die durch die Arbeit liberale*
Männer erzielt worden sind, unberechtigterweise auf ihr eigenes Konto.

Wenn auch Prof. Wagner im parteiischen Stöckerfanatismus unser Berlin die rückschrittlichste Stadt der Welt
genannt hat, so muss doch jeder Unbefangene, jeder der die rapide Entwickelung Berlins in den letzten Jahrzehnten .mit-
erlebt und aus eigener Anschauung kennen gelernt hat, zugeben, daß tatsächlich in Berlin unter liberaler Herrschaft große
kulturelle Errungenschaften erzielt worden sind. D»s müssen selbst die Sozialdemokraten zugeben und
haben es auch bisweilen zugegeben. Und wenn sie- das Erreichte nur ihrer eigenen Tätigkeit zuschreiben, so ist
das Unwahre- dieser Behauptung schon damit erwiesen, dass die sozialdemokratischen Stadtverordneten ja im Roten Hause
nur eine kleine Minderheit bilden, die ohne die liberale Mehrheit nichts durchzusetzen vermag.

Alles was bisher für das Wohl der Gesamtheit seitens der Stadtvertretung geleistet worden ist verdanken
wir der liberalen Mehrheit in der Stadtverwaltung. Wir gestehen aber offen, daß wir mit dem Erreichten noch lange
nicht zufrieden sind. Auf allen Gebieten, besonders aber im Verkehrswesen, muß noch für Verbesserungen und Reformen
gesorgt werden. Gerade dazu aber brauchen wir liberale Stadtverordnete, die schaffend mitarbeiten und nicht wie die
Singer und Genossen zu allem nur den Kopf schütteln und damit jeden wirklichen Fortschritt unmöglich machen.

Wähler! -—

Die Sozialdemokratie brüstet sich stets, wenn die Wahlen herannahen, als die Vertreterin der berechtigten Inte-
ressen aller Stände, ln ihrem Parteiprogramm aber bekennt sie sich als einseitigste Klassenpartei, und in Dresden net
August Bebel: Ich will der Totfeind der bürgerlichen Gesellschaft sein so lange ich lebe! Diese antinationale Sozial-
demokratie gilt LS zu bekämpfen. Dazu muß das gesamte Bürgertum sich zusammenschließen gegen den gemein-
samen Feind.

Auch zahlreiche Arbeiter haben bereits erkannt, dass ihr Heil nicht im Klassenkampte liegt, sondern im friedlichen
Zusammenarbeiten aller Klassen und Stände, die im Berufsleben aufeinander angewiesen sind. Wir Liberalen verwerfen
den einseitigen Klassenstandpunkt und erstreben eine Besserung der Lage der Arbeiter auf friedlichem Wege, durch Ver-
einbarungen und langfristige Tarifverträge mit den Arbeitgebern." Wir und mit uns viele Tausende Berliner Arbeiter haben
eingesehen, daß die fortwährenden Arbeitskämpfe auch die Arbeiter aufs Schwerste schädigen und daß sie vor allem den
Ruin bedeuten für zahlreiche kleine Meister und Arbeitgeber, die sich ebenso sauer durch ihrer Hände Arbeit ihr Brot
verdienen wie die Arbeiter. Die Folge ist schließlich nur die Stärkung der großen Unternehmer, während die kleinen zu
Grunde gehen. Uhd auch die kleinen Geschäftsleute und Gewerbetreibenden, deren Kunden die Arbeiter sind; werden durch
die oft leichtsinnig unternommenen Streiks in ihrer ganzen Existenz bedroht. Das aber gerade ist es, was wir auf's
schärfste verurteilen. W" Liberalen wollen ruhige, stetige Arbeitsverhältnisse schaffen und glauben damit am besten
das Interessse aller schaffenden Stände wahrzunehmen.

—	Wähler!.............

Unser Kandidat, der

Bauunternehmer Ewald Topp

ist in weiten Kreisen Berlins, insbesondere auch in unserem Wahlbezirk, als ein Mann bekannt, der sich in zahlreichen
Ehrenämtern große Verdienste um die Allgemeinheit erworben hat. Durch seine emsige Mitarbeit bei vielen gemeinnützigen
Veranstaltungen hat er bewiesen, daß er ein Herz hat für die Bedürfnisse der minderbegüterten Stände. Er ist ein Mann des
Mittelstandes der aus eigener Kraft sich emporgearbeitet hat und daher aus eigener Erfahrung dje Wünsche der arbeitenden
Stände kennt. Unser Kandidat wird, gemäß dem Programm der Freisinnigen Volkspartei, u. a. eintreten für:

Ausbau der Selbstverwaltung, Steifnackigkeit gegen die Uebergriffe der staatlichen Bureaukratie und des ßyzantismus.

Fürsorge für alle Zweige des Unterrichtswesens und Unabhängigkeit der Schule von Pfaffentum und Klerikalismus.

Stetige Besserung der gesundheitlichen Verhältnisse, insbesondere der Wohnungsverhältnisse der Reichshauptstadt.

Ausbau der Verkehrswege durch Brückenbauten über die Spree, Untergrundbahnen etc.

Wähler! —-----.......— —

Die Möglichkeit, diesen Bezirk, der noch vor einigen Jahren liberal gewählt hat, der Sozialdemokratie wieder
abzuringen, wird niemand bestreiten, der weiß, wieviel tausende von Arbeitern der. sozialdemokratischen Tyrannei müde
sind. Gerade jetzt, wo die Reichsregierung offen erklärt hat in liberale Bahnen einzulenken, ist es Pflicht jedes
Liberalen, auch wenn er bisher unter dem alten Kurs entmutigt beiseite stand, wieder hoffnungsfreudig von seinem
Wahlrecht Gebrauch zu machen. Wenn am 6. Novbr. alle nichtsozialdemokratischart Wähler ihre Pflicht und Schuldig*
keit tun, so ist die Wahl unseres Kandidaten sicher. Wer einen Mann zum Vertreter unseres Bezirks haben will, der eintritt
für die berechtigten Interessen aller Stände, für einen wahrhaften sozialen Fortschritt im Berliner Kommunalleben, der
wähle am 6. Cs'ovember den

Bauunternehmer Ewald Topp.

Das liberale Wahlkomitä.

105. Bürgerliches Flugblatt zur Mahl im 23. Kommunalwahlbezirk
        <pb n="246" />
        ﻿232

Magistratskollegium erkannt ist, bedeutet ein wichtiges Zugeständnis an die
Sozialdemokraten, kurz und gut, allüberall zeigt sich das Wirken der Ver-
treter des Proletariats." (Kirsch, Vorwort, S. VIII u. IX.)

Der große Amfang des Kirschschen Buches beweist die Anmöglichkeit,
im Rahmen eines einzelnen Kapitels eine auch nur einigermaßen er-
schöpfende Zusammenstellung der sozialdemokratischen Arbeit in der Gemeinde
anschaulich vorzuführen. Das war nur in einer gesonderten Arbeit möglich,
und es ist mir eine Freude, diejenigen, die die Geschichte des kommunalen
Wirkens der Sozialdemokratie in ihren Einzelheiten keirnen zu lernen
wünschen, aus das mit so viel Liebe und sachkundigem Eindringen bearbeitete
Kirschsche Buch verweisen zu können. Es ist ein Ehrendenkmal für die
Männer, welche von der Berliner Arbeiterschaft mit dem Mandat betraut
wurden, ihre Ideen und Interessen im Roten Kaufe zu vertreten, und
dieser Aufgabe in so hohem Grade nachgekommen sind.

Das Programm, mit dem am 2. Januar 1884 die ersten sozialdemo-
kratischen Stadtverordneten in die Kommunalvertretung Berlins eingezogen
waren, war noch ein sehr bescheidenes gewesen. Man findet seinen genauen
Wortlaut im zweiten Band dieser Geschichte auf S. 118 mitgeteilt. Es
verlangte gründliche Reform der Mietssteuer, Aufhebung der unteren
Steuerstufen und Ablehnung jeder Erhöhung dieser Steuer, bis sie im
Sinne der Arbeiterpartei reformiert sei, sowie Ablehnung aller Anleihe-
forderungen und Ersatz der Anleihen durch direkte Einkommensteuer, Über-
nahme gewinnbringender Anternehmungen örtlichen Charakters in den
Gemeindebetrieb und energisches Eintreten für das demokratische Wahlrecht.

Wenn hier nur die Reform der Mietssteuer verlangt wird, so betonte
doch schon beim erstenmal, wo der entsprechende sozialdemokratische An-
trag verhandelt wurde, nämlich am 28. Februar 1884, Paul Singer bei
seiner Begründung die grundsätzliche Forderung der Abschaffung dieser,
die Steuerzahler ungleich treffenden Steuer. Der Antrag selbst ver-
langte Wegfall der Besteuerung von Wohnungen im Mietspreise von
300 Mk. und abgestufte Steuersätze — 3‘/a, 6V2 und 8Va vom Kundert —
für Wohnungen zu höheren Mietspreisen. Von beidem wollte aber die
große Mehrheit der bürgerlichen Stadtverordneten nichts wissen. Sie nennen
sich in Berlin freisinnig, aber der Berliner „Kommunalfreisinn" war
damals und noch lange mit wenigen Ausnahmen wesentlich rückständiger
als die Freisinnsparteien im Reichstag und im Landtag. Es dauerte bis
zum Jahre 1889, daß auch nur die Ermäßigung der Mietssteuer (von 62/3
auf 3 vom Kundert) für Wohnungen von unter 300 Mk. Mietswert
erzielt werden konnte. Die sozialdemokratische Fraktion ließ aber in ihrem
Kampf nicht nach. Im Jahre 1890 verlangte ein Antrag Zubeil weitere
Ermäßigung, sowie Vorbereitung der gänzlichen Beseitigung der Miets-
steuer, fand aber nur insoweit Berücksichtigung, als die Steuer fiir Woh-
nungen von 301 bis 600 Mk. auf 5 vom Kundert ermäßigt wurde.
Schritt für Schritt wehrte sich die Mehrheit dagegen, auf diese Steuer zu
verzichten. Roch im Jahre 1892 zog sie es vor, die Einkommensteuer
herabzusehen, statt auch nur eine weitere Ermäßigung der Mietssteuer ein-
treten zu lassen. Da kam den Sozialdemokraten die Miquelsche Steuer-
reform zu Kilfe. Schon das Einkommensteuergesetz von 1891 ließ erkennen,
daß die Einnahmen aus der Einkommensteuer erheblich steigen würden. And
        <pb n="247" />
        ﻿233

so änderte die sozialdemo-
kratische Fraktion ihre Taktik
und erklärte, nunmehr gegen
jedes weitere Lerumflicken
an der Mietssteuer zu
stimmen; es gäbe, wie Singer
es am 5. November 1890
bezeichnete, nur noch eine
Reform dieses „Steuermon-
strums," und das sei seine
vollständige Abschaffung.

Das Kommunalabgaben-
geseh vom 14. Juli 1893,
das jede Neueinführung der
Mietssteuer verbot und ihre
Forterhebung von der Ge-
nehmigung durch die Re-
gierung abhängig machte,
nötigte die Stadtverord-
netenmehrheit, auf die ihr
ans Lerz gewachsene Steuer
zu verzichten. Am 6. De-
zember 1894 nahm sie einen
Antrag des Magistrats an,
der nun das vorschlug, was
zehn Jahre vorher von den
Sozialdemokraten gefordert,
damals aber als unannehm-
bar bezeichnet worden war.

Wenn in diesem Falle
- die freisinnige Mehrheit der

Stadtverordnetenversammlung sich nicht dem aussetzen mochte, daß erst die Re-
gierung ihr vorschrieb, was sie tun dürfe und was nicht, so ließ sich wenig dagegen
sagen, denn die Regierung vertrat hier einen vorgeschritteneren Standpunkt als
sie. Aber diese Mehrheit wich auch feige jedem Konflikt aus, wo es sich
um Wahrung des Selbstbestimmungsrechtes der Gemeinde gegen reaktionäre
Bevormundung handelte — ja vielfach lehnte sie schon im Äinblick auf die
bloße Möglichkeit eines solchen Konflikts es ab, Beschlüsse zu fassen oder
aufrechtzuerhalten, welche die Regierung in willkürlicher Auslegung von
Gesetzesbestimmungen, die nie vorher in diesem Sinne angewandt worden
waren, oder unter Berufung auf vorsintflutliche Verordnungen für „un-
statthaft" erklären ließ. Daß in allen solchen Fällen die Sozialdemokraten
die ersten waren, für das bedrohte Selbstbestimmungsrecht der Gemeinden
einzustehen, bedarf als selbstverständlich kaum noch der Erwähnung. Wieder-
holt haben die sozialdemokratischen Vertreter, wenn in solchen Fällen es sich
als möglich herausstellte, einen einheitlichen Protest der Versammlung gegen
Eingriffe der Regierung zustande zu bringen, auf besondere Anträge in der
Sprache, wie sie sie gewünscht hätten, verzichtet, und dadurch bewiesen, daß
ihnen die Manifestierung dessen, was man Bürgcrgeist im Gegensatz zur

EeebNer sserrl

Die Lrganzungswahl $um Sfai&gt;fpcror6neSen*HoIIegium finde) am

Freitag de« SV. November 1903

&lt;n der Zeit von 9 Uhr morgens bis 8 Uhr abends statt.

Sie sind unter Nr. ————. in die Wählerliste eingetragen und
befindet Sch Ihr Wahllokal

Hrnstl. ftiMliiiniflr. la.

23e! den unausgesetzten Angriffen auf das Selbstoerwaltungs.
recht der Kommunen und dem schwächlichen Zurückweichen der Mehr-
heit unseres Stadtverordneten-Kollegiums ist «s die heiligste Pflicht
jedes Bürgers, sein Wahlrecht auszuüben und einem Wanne di»
Stimme zu geben, der der immer dreister und anmaßender auf»
tretenden Reaktion gegenüber mutvoll dl« Recht« der Bürger verteidigt
In dieser Beziehung sind Sie aber nur gesichert, wenn Sie dem
Kandidaten der Sozialdemokratie

SiabttJ. Hermann Borgmann, Mknnlir.132

Ihre Stimme geben, wir bitten Sie, möglichst frühzeitig Ihr Wahl»
recht auszuüben.

Wir bitten sich mit ausreichender Legitimation — die vom
Magistrat zugesandte, wahlkarte, Steuerzeltel oder Miets -Kontrakt —
zi» versehen.

Außerdem'eisuchen wir Sie, wenn es irgend möglich ist,
Wahlrecht schon tjn Laufe des Vormittags auszuüben.

hochachtungsvoll

Das fozialiuitioltratifye Slaljlkomitce.

106. Direkte Mahnung zur Wahl
        <pb n="248" />
        ﻿234

Knechtsgesinnung nennt, vor allem am Herzen lag. Aber nur ausnahms-
weise konnte solche Einheitlichkeit erzielt werden. Denn ein Recht, das man
reklamierte, nun auch durchzukämpfen, dazu fehlte den Liberalen meist teils
der Mut und teils der nötige gute Wille. Das zeigte sich schon Mitte
der achtziger Jahre, als im März 1884 der damalige Oberpräsident Achen-
bach dem Stadtverordnetenvorsteher kurzweg verbot, einen Antrag Singer
und Genossen, gemäß dem die Stadtverordnetenversammlung bei Reichstag
und Landtag um zahlengemäße Vertretung Berlins in diesen Körperschaften
petitionieren sollte, auch nur auf die Tagesordnung zu setzen. Erst ent-
rüstete man sich über diesen Eingriff, beschloß, alle Schritte zu unternehmen,
rim das Recht der Versammlung zu wahren, und schließlich ging man mit
der lahmen Erklärung, daß das inzwischen in Kraft getretene Zuständigkeits-
geseh der Gemeindevertretung das Recht sichere, gegen Beanstandung oder
Verhinderung von Beschlüssen das Oberverwaltungsgericht anzurufen, über
den Antrag, die Petition aufs neue auf die Tagesordnung zu setzen, „zur
Tagesordnung" über. Das heißt, man beließ es faktisch bei dem, was der
Oberpräsident gewollt hatte und stand freiwillig von dem ab, was man für
sein Recht erklärt hatte. So ging es auch, als 1898 die Regierung der
Stadtverordnetenversammlung die Wahl von Paul Singer in die städtische
Schuldeputation verbot und der Magistrat sich dabei zu der ihm auferlegten
Rolle als Exekutor des „Staatswillens" hergab, statt ihm als ausführendes
Organ des Gemeindewillens entgegenzutreten. Erst entrüstete man sich, protestierte
einmütig und beschloß, da man der Sozialdemokratie das Recht auf eine ihrer
Stärke entsprechende Vertretung in der Schuldeputation nicht bestreiten mochte,
keinen Ersatz für Singer zu wählen. Dann aber lehnte man den vom sozial-
fortschrittlichen Abgeordneten Preuß gestellten Antrag ab, dem Nichtwählen
durch eine ausdrückliche Begründung den Charakter eines Protestes zu geben,
und als es späterhin aufs neue zur Wahl der Schuldeputation kam, zog man
es vor, überhaupt gar nicht erst einen Sozialdemokraten zu wählen, „um
keinen Schlag ins Wasser zu tun". Ebenso kam es zu wenig mehr als
einem ersten Anlauf von Bürgermut, als 1901 der König der Wahl des Stadt-
rats Kauffmann zum zweiten Bürgermeister kurzweg die Bestätigung ver-
sagte. Erst Wiederwahl Kauffmanns, Beschwerdeversuch, Verzicht auf
Wahl eines Ersatzes, und dann war's aus. Als am 27. Februar 1902 der
sozialdemokratische Stadtverordnete Borgmann anregte, die von der Re-
gierung verlangte kommissarische Verwaltung des Bürgermeisterpostens Herrn
Kauffmann zu übertragen, gaben Zeichen des Unwillens aus der Mehrheit
ihm zu verstehen, daß ein energischer Kampf ums Recht nicht in ihrer Ab-
sicht lag. Der plötzliche Verzicht Kauffmanns und sein wenige Wochen
darauf erfolgter Tod verhinderten, daß es zu einem völligen Rückzug der
Stadtverordnetenmehrheit kam. Aber daß, wenn Kauffmann ihr nicht den
Gefallen getan hätte, selbst abzutreten, sie auch hier umgefallen wäre, steht
außer jedem Zweifel.

Dieselbe Halbheit zeigt die freisinnige Mehrheit in der kommunalen
Steuerpolitik. Ängstlich, als handle es sich um Tod und Leben, vermeidet
sie es, die kommunale Zuschlagsrate zur staatlichen Einkommensteuer über
100 °/o steigen zu lassen, weil für die Überschreitung dieses Satzes die
Genehmigung der staatlichen Aufsichtsbehörde eingeholt werden müsse und
dies die Preisgabe des Grundsatzes der Selbstverwaltung der Gemeinde
        <pb n="249" />
        ﻿235

bedeute. Die sozialdemokratischen Stadtverordneten haben es von Anfang
an für verkehrt erklärt, sich auf solche Weise selbst die Lände zu binden.
Ein unbeschränktes Selbstverwaltungsrecht der Gemeinde gibt es in Preußen
überhaupt nicht, und vielen Beschränkungen ihrer Verwaltungsfreiheit hat sich
die Stadt Berlin widerstandslos gefügt. Außerdem aber heißt es sachlich
schon auf sein Recht der Ansehung einer höheren Steuerrate verzichten,
wenn man im Linblick auf die mögliche Einmischung der Behörde sich an
eine fixierte Grenze bindet. Das Recht, sein Gefängnis nicht verlassen zu
müssen, macht aus einem Gefangenen noch keinen freien Menschen. Erst
wenn er nach Belieben ein- und ausgehen kann, ist er wirklich frei. Wollte
die Stadtverordnetenversammlung ihr unbeschränktes Ausgabenrecht feststellen
oder erkämpfen, so müßte sie durch die Tat zeigen, daß die 100 Prozent-
Grenze für sie keine Schranke bilde, und das Weitere kampfbereit abwarten.
Sie hat aber das Gegenteil getan — die Einen aus Angst vor einem
ernsthaften Konflikt, die Andern, weil ihnen diese Beschränkung in der
Frage der Einkommensteuer gerade recht ist, und bei den Meisten wird
beides zusammenwirkend das bestimmende Motiv bilden. Am so weniger
konnte die Sozialdemokratie das Spiel mitmachen, und so hat sie wiederholt
ihre Stimme dafür erhoben, die Einkommensteuer auf über 100 Prozent
der Staatssteuer anzusetzen. In diesem Punkt war der Widerstand der
Freisinnigen jedoch „eisenfest".

Ein anderer Kampf der Sozialdemokratie in der Steuerftage richtete
sich gegen die Erhebung der Einkommensteuer von den Zensiten mit unter
900 Mark Einkommen. Lier war der Widerstand der Mehrheit lange
Zeit fast ebenso hartnäckig und wurde mit ebenso formalistischer Auslegung
eines Prinzips begründet, als in der Frage der Zuschlagsrate. Befreiung
von der Steuer bedeute Aufhebung des Anspruchs auf das Wahlrecht,
mit dieser Erklärung lehnte man es wiederholt ab, auf Erhebung der Steuer
von denen zu verzichten, die noch nicht einmal das Nötigste zum Leben
haben. Aber die Arbeitervertreter ließen nicht locker, und da es für diesen
Fall kein Staatsgeseh gab, das die Rolle des Tischs übernahm, unter den
man „grundsätzlich" kriechen konnte, um seine Anabhängigkeit zu beweisen,
der Staat vielmehr seinerseits die Einkommen unter 900 Mark ruhig von
der an ihn zu zahlenden Steuer befreit hatte, gelang es schließlich doch,
den Widerstand der bürgerlichen Stadtverordneten zu brechen. Eine Minder-
heit kam zu der Ansicht, daß inan sich in Punkto Rücksicht auf die Armen
nicht vom Staat beschämen lassen dürfe, und am 24. März 1902 wurde
in namentlicher Abstimmung mit 49 gegen 43 Stimmen eine Resolution
angenommen, wonach vom 1. April 1903 ab auch die städtische Einkommen-
steuer für Einkommen bis zu 900 Mark nicht mehr erhoben wird. Die
Vertreter der Arbeiter konnten einen Sieg verzeichnen.

Auch in der Frage der Besteuerung des Bodens nach dem gemeinen Wert
drang die von den Sozialdemokraten verfochtene Auffassung nach vielen
Kämpfen durch, dagegen hat in der Frage der Wertzuwachssteuer der
Widerstand des durch das Wahlsystem gedeckten städtischen Agrariertums
bisher noch nicht endgültig besiegt werden können.

Mit großer Energie kämpfte die Sozialdemokratie von Anfang an für
den Punkt ihres Kommunalprogramms, der den Betrieb gewinnbringender
Anternehmungen durch die Stadt verlangte. Lier war ein nicht minder
        <pb n="250" />
        ﻿236

hartnäckiger Widerstand zu überwinden, den der doktrinäre Glaube an den
alleinseligmachenden Privatbetrieb, gestützt und geschult durch eine sehr
greifbare Jnterefsenpolitik beteiligter Kreise und gestärkt durch die Furcht
vor den Verantwortlichkeiten gegenüber einer wachsenden Zahl von An-
gestellten und Arbeitern, allen betreffenden Anträgen der Sozialdemokraten
entgegensetzte. Gerade um die Zeit, als die ersten Sozialdemokraten ins
Stadtparlament einrückten, wurde die bedeutungsvolle Frage der Elektrizitäts-
vcrsorgung in den Städten aktuell. Weitblickende Kommunalpolitiker konnten
und mußten sich sagen, daß der Elektrizitätsbedarf sich im Laufe der Zeit
im gleichen Maße verallgemeinern werde, tvie der Bedarf an Gas und
Wasser, und es daher geboten sei, im Interesse der Konsumenten, der
Stadtfinanzen und des gebrauchten Personals diesen Znternehmungszweig
von vornherein der Ausbeutung durch die Privatspekulation zu entziehen.
Die sozialdemokratischen Vertreter können es sich zum Verdienst anrechnen,
in dieser Sache zur rechten Zeit das rechte Wort gesagt zu haben. Beim
ersten Vertrag, den im Jahre 1884 die Stadt mit dem damals sich noch
Deutsche Edison - Gesellschaft nennenden Unternehmen, aus dem die
Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft hervorgegangen ist, und der Gesellschaft
Berliner Elektrizitätswerke abschloß, warnten sie davor, die Interessen der
Gemeinde für ein Linsengericht selbst nur zeitweise an eine Kapitalisten-
gesellschast zu veräußern, da der erste Schritt in diesen Dingen stets für
die Folge die Freiheit der Entschließung beenge, und der weitere Verlauf
der Elekttizitätsversorgung Berlins hat gezeigt, wie berechtigt diese Warnung
war. Immer mehr ist die Stadt in das Netz der Berliner Elektrizitäts-
werke geraten, die mit der geschäftsschlauen, zu einer Kapitalmacht ersten
Ranges herangewachsenen Allgemeinen Elektrizitätsgesellschast in so enger
Verbindung stehen, daß sie faftisch nur eine Filiale dieser bilden. Die
einfache Tatsache, daß sic seit Jahren auf ihr jetzt 100 Millionen betragendes
Kapital 11 bis 12 Prozent Dividende zahlen, zeigt, welche Summen der
Stadt durch den damals abgeschlossenen und in der Zwischenzeit erweiterten
und erneuerten Vertrag entgangen sind. Angesichts der lauten Sprache
der Tatsachen ist die Gegnerschaft gegen die von der Sozialdemokratie
immer wieder erhobene Forderung der Übernahme der Elektrizitäswerke
in städtischen Eigenbetrieb sehr zusammengeschmolzen, es wird aber doch
der größten Anstrengungen noch bedürfen, um ihr bei Ablauf des jetzigen
Vertrages zum Siege zu verhelfen.

Schneller als in der Frage der Elektrizitätsversorgung hat die von den
Sozialdemokraten verfochtene Kommunalpolitik in der Frage der Straßen-
bahnen Berlins recht behalten. Auch hier stießen sie mit der Forderung des
Eigenbetriebs zuerst . auf taube Ohren. Aber das wachsende Einnahme-
bedürfnis auf der einen Seite und der ünwille weiter Kreise des bürger-
lichen Publikums über die von der Staatsregierung unterstützte Monopol-
herrschast der Großen Berliner Straßenbahngesellschast auf der andern
Seite haben dahin geführt, daß sich in der Stadtverordnetenversammlung
schließlich doch eine Mehrheit für den Bau und Bettieb von Straßen-
bahnen durch die Stadt gefunden hat und die Rechte der Gemeinde gegen-
über der Straßenbahngesellschaft schärfer geltend gemacht werden als früher.
Das Zustandekommen des Verkehrsverbandes von Berlin mit den Vororts-
gemeindcn, der den Zweck hat, das Ausspielen von Gemeinde gegen Ge-
        <pb n="251" />
        ﻿An die Beamten

im hk. kommunal - Wahlbezirk!

—BB———MIH I———i—————————B——MM—

Am Mittwoch, de« 6. Uovember, findet im 44. Kommunal-Wahlbezirk die

Mahl eines Stadtverordneten

für den ausscheidenden Stadtverordneten Glocke statt.

Zum Erstaunen aller mit dem öffentlichen Leben ver-
trauten Burger unseres Bezirks taucht zur Beteiligung an
den Wahlen eine kleine engherzige Interessengruppe auf, die
unter dem Namen einer sogenannten

Konservativen Kürgerpartei

kür die Wahl eines Mannes Stimmung zu machen sucht, der
eine politische Null, bisher auch nicht das geringste für das
Geitieindewohl geleistet hat.

In der fehx richtigen Annahme, das; den im Bezirke
wohnenden Beamten nicht damit, gedient, sein kann. für. eine
bestimmte Partei Heeresfolgc zu leisten, sondern das; die-
selben bei den heutigen schwierigen Wirtschaftsverhältnisseri

praktische Lclätigungcn der kommunalen
Keliörden

verlangen, unternimmt es diese reaktionäre Vereinigung, die
Beamten dadurch zu gewinnen, daß sic vorgibt, dieselben

Forderung an die Kommune

stellen zu wollen, die bisher einzig und allein von der Sozial-
demokratie mit Ernst nnd Energie gefordert wurden.

Das ist um so auffälliger, als diese Herren während der
verflossenen 6 Jahre auch nicht das geringste getan haben,
uw die von der

KaKaldemokratie im schweren Kampfe gegen
die rückständigen tzausbesikcr

im Rathause begonnene

Krrbesserungsp-litik

zu unterstützen.

Verständlich wird diese eigentümliche Haltung ober sehr
bald, wenn man erfährt, daß die Kandidaten und Führer der
..Bürgerpartei"

waschechte Hanobefichcr oder Anhänger unserer
Hansagrarier

sind. Als Fleisch von ihrem Fleisch, machen sie keinen Unter-
schied in' der Verfolgung ihrer engherzigen Ziele, und in
trauter. Harmonie eines vereinigten Mischmaschs schließt sich
der Freisinn diesen Ecldsackspolitikern an, um desto un-
gestörter die Macht des Hausbesitzers gegenüber den Mietern

zur Geltung zu bringen. Die kolossalen Mietssteigerungen
der letzten Jahre bilden den besten Betpois dafür.

Beamte? Wir wissen sehr genau, daß man auch dies-
mal, wenn auch nicht offen, so doch von hinten herum, mit
dem verlogenen Sprichwort kommen wird: „Dessen Brot Du
ißt, dessen Lied mußt 3&gt;u- singen"; mit anderen Worten:
„Ihr, die Ihr „unsere" Angestellten im Reich, Staat und Ge-
r münde seid. Ihr habt für uns zu stimmen, selbst wenn Ihr
nicht unsere Ueberzeugung habt".

Man mutet somit dem kleinen Beamten zu. daß er sich
selbst zum politischen Heloten und Heuchler degrahiere.

Da» kann und wird nicht der Wiste der
kleinen Beamten sein!

Indes, wird der kleine Beamte fragen, wie kann ich
der Sache nützen? Einen Konservativen mag ich nicht wählen,
und einen Sozialdemokraten, dem ich wohl bei der Reichstags-
wahl meine Stimme geben kaiin, darf ich diesmal nicht
wählen. will ich nicht meine kümmerliche Existenz als kleiner
Beamter aufs Spiel setzen.

Um picht mit seinen: politischen Gewissen in Konflikt
zu geraten, wird deshalb der kleine Beamte gut tun, zwischen
den Parteien eine neutrale Haltung einzunehmen, das heißt,
am Tage der Wahl sich der Stinune enthalten, um nicht die
Position seines politischen und wirtschaftlichen Gegners zu
stärken.

Daß die Sozaildemokrateu^

für die wirtschaftlichen Interessen der kleinen
staatlichen und städtischen Kramte«

und der städtischen Arbeiter eintreten, haben sie oft genug
bewiesen.

Im -Reichstage sind die Sözialdemokraten wiederholt
in .beredten Worten für die Aufbesserung der Gehälter
gerade der.kleinen Beamten, aufgetreten, ohne von den
bürgerlichen Parteien, mit Einschluß der Freisinnigen,
irgendwie unterstützt zu werden.

Handelt es sich.um die Bewilligung hoher Beamten-
gehälter an die Herren Vorgesetzten, da sind Konservative
und- Freisinnige ein Herz und eine Se?le: für den kleinen
Beamten bleibt nichts übrig, damit er ja nicht, zu übermütig
wird und nicht vergißt, daß er auch nur Proletarier ist!

Kramte! Gebt daranf am 6. November bei der Mahl eines Ktadtverardneten di-
richtige Antwort! Diese kann mir laulcn: „Weil ich einem Sozialdemokraten Lssentlich
meine Klimme nicht geben kan», habe ich anderersrits keine Veranlassung, meine» Gegner
k» unterstühen, da er durch seine bisherigen Tate» bewiesen, daß er des Vertrauens seiner
Wähler, der kleinen Kramte», sich nicht würdig gezeigt hat!	____

««antttjotlii*: Wich. greortal«. Berlin Gertenplotz I - Druck: BoOTöü« Buchdrucker,! und ‘BertaflSanüuIt Paul äiilflcr &amp; «o. Berti" SW. 68. Liud-Nltu 68

107. Sozialdemokratisches Flugblatt an die Beamten
        <pb n="252" />
        ﻿238

meinde von seiten der Privat-Gesellschasten zu verhindern, wird von Kirsch
mit Recht als em Sieg des 1884 von den Vertretern der Bourgeoisie als
Wahnidee hingestellten Munizipalsozialismus über das Manchestertum
auf dem Gebiete des Verkehrswesens bezeichnet.

Mit Erfolg hat die Sozialdemokratie ferner in der Frage der Schul-
gesundheitspflege und der Beschützung der Kinder gegen Ausbeutung außer-
halb der Schulzeit gewirkt. Zwar sind ihre Forderungen, wie die An-
stellung von Schulärzten und die Speisung von Schulkindern,
nur erst teilweise verwirklicht, aber jedenfalls hat auch hierbei die sozial-
demokratische „Wahnidee" sich als durchführbar und segensreich erwiesen.

Es würde kaum der Erwähnung bedürfen, daß die sozialdemokratischen
Gemeindevertreter die ganze Zeit über unablässig dafür gearbeitet haben,
daß die Stadt gegenüber den von ihr beschäftigten Arbeitern in bezug auf
Löhne, Arbeitszeit, Rechtslage, Pensionierung und Erholungsurlaub Muster-
gültiges leiste, wenn nicht auch dies Bestreben ewiger Kampf mit einer
gegen die geringsten Zugeständnisse verstockt sich wehrenden Mehrheit ge-
heißen hätte. Dinge, die anderwärts längst verwirklicht waren, begegneten hier
selbst dann noch der schroffsten Weigerung, wenn die Mittel des Gemein-
wesens in keiner Weise in Frage kamen, also auch die Rücksicht auf sie weder
Grund noch Vorwand für die Ablehnung bilden konnte. Es war das innere
Widerstreben gegen jede Leraushebung der Arbeiterklasse aus der Ab-
hängigkeit von den Konkurrenzgesetzen, was in erster Linie die Ablehnung
der sozialdemokratischen Vorschläge bestimmte. Bei fast jedem dieser An-
träge marschierte denn auch das Schreckgespenst des sozialdemokratischen
Zukunftsstaates auf, dem man unrettbar zutreibe, wenn solche Dinge ge-
nehmigt würden. Mindestlöhne waren Zukunftsstaat, der neunstündige
Arbeitstag war Zukunftsstaat, mit wirklichen Rechten ausgestattete Arbeiter-
ausschüsse waren Zukunstsstaat — kurz, alles was im städtischen Arbester
den Gedanken erwecken konnte, daß der Druck der Gesetze des Arbeitsmarkts
die einzige zulässige Instanz für sein Wohl und Wehe sei, war Zukunfts-
staat. And ebenso war es Zukunstsstaat, durch die gerechte Lohnklausel bei
Verdingungen für die indirekt von der Stadt beschäftigten Arbeiter an-
ständige Bezahlung und Behandlung sicherzustellen. Indes, so krampfhaft
sich die Mehrheit auf diese „Prinzipien" versteift, so hat sie sich schließlich
doch bequemen müssen, in der Frage der Mindestlöhne, des Maximal-
arbeitstages, der Demokratisierung der Arbeitsausschüsse usw. einige Stufen
von der hohen Leiter herabzusteigen. Auch hier sind Zugeständnisse er-
kämpft worden, die materielle und rechtliche Verbesserungen in der Lage der
städtischen Arbeiter bedeuten.

Damit mag der Äberblick über das Wirken der sozialdemokratischen
Gemeindevertreter Berlins seinen Abschluß haben. Aus naheliegenden
Gründen erscheint es nicht angezeigt, auf die Verdienste der einzelnen Mit-
glieder besonders einzugehen. Gewiß sind Leistungen zu verzeichnen, für
die das Beiwort ungewöhnlich passen würde, einige Mitglieder haben mehr
Zeit, Talent und Sachkenntnis der kommunalen Arbeit widmen können als
andere, und es wäre kleinliche Versteckspielerei, zu verschweigen, daß Paul
Singer nicht nur das einzige Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion im
Berliner Rathaus ist, das ihr von Anfang an angehört hat, sondern auch
die ganze Zeit über der Führer der Frastion gewesen ist, dessen sachkundiges
        <pb n="253" />
        ﻿239

P

&lt;3

^/Sozialdemokratische Gemeindepolitik

£ Kommunalpolttirchc Hbhancllungen
( herausgegeben unter Leitung von Paul hlrseh

«

Kommunale

Arbeiterpolitik

Von Dugo l^ingemsnn

Preis 40 Pfennig

Berlin 1905

Verlag: Buchhandlung Vorwärts, Berlin SW. 68, Lindcnftr. öS

«rost Precran». Berlin-RatznSVorf



III



Arteil stets besonders hoch ge-
schätzt wurde. Aber im ganzen
war das geleistete Werk doch
Kollektivarbeit, in der viel
mehr steckt, als ein einzelner
oder einige wenige hätten leisten
können, und wenn sie Aniversal-
genies gewesen wären. Der
demokratische Charakter der
Sozialdemokratie bewährte sich
auch hier. Es gab keinen,
dem nicht Gelegenheit gegeben
wurde, auf dem Verwaltungs-
gebiet sich zu betätigen, für
das er besonderes Interesse,
besondere Sachkenntnis mit-
brachte. Ein Bild dafür gibt
die Liste, die Lirsch auf Seite
548 und 549 seines Werkes
über die Vertretung der Sozial-
demokratie in den verschiedenen
städtischen Deputationen, Kom-
missionen und Kuratorien gibt.

Man wird nicht einen der
sozialdemokratischen Stadtver-
ordneten dort vermissen, die in
der Zeit, für welche die Liste
gilt, die Fraktion der Sozial-
demokratie im Berliner Rat-
haus bildeten.

And was von dieser Fraktion gesagt worden ist, trifft den Verhält-
nissen entsprechend auch für die sozialdemokratischen Vertretungen in den
Gemeinden im Amkreise Berlins zu. Es ist im Wesen überall derselbe
Kampf, der von ihnen geführt wird, und er wird auch grundsätzlich im
gleichen Geiste geführt. Ferner liegt es auf der Land, daß die Zahl der
Vertreter nicht schlechthin als Maßstab für die Menge der geleisteten
Arbeit und ihren Wert genommen werden darf. Je nachdem entfällt, wo
die Vertretung aus nur wenigen Personen besteht, auf den einzelnen eben
mehr Arbeit und Verantwortung, als dort, wo viele die Aufgaben unter
sich einteilen können. And auch die Erfolge in der Verwaltung stehen in
verschiedenen Vororten nicht hinter dem zurück, was in Berlin erzielt wurde.
Es ist nicht die Wertfrage, die von einer Schilderung der kommunalen
Tätigkeit der Sozialdemokraten in den Vororten absehen läßt, sondern die
Anmöglichkeit, auf dem zur Verfügung stehenden Raum diese Tätigkeit im
einzelnen zu beleuchten. Oft war der Widerstand, dem die Sozialdemo-
kraten mit ihren Forderungen begegneten, noch erheblich kleinlicher als in
Berlin, hier und dort wäre aber auch von mehr Verständnis und Ent-
gegenkommen zu berichten. Gemeinden, die über reiche Mittel verfügen, wie
z. B. Charlottenburg und Schöneberg, lassen sich unter Amständen leichter

108. Titelblatt einer Broschüre der Buch-
handlung Vorwärts über Kommunale
Arbeiterpolitik
        <pb n="254" />
        ﻿240

herbei, für sozialpolitische Zwecke in den Geldbeutel zu greifen, als Gemeinden
mit starker Arbeiterbevölkerung und weniger steuerkräftigen Bürgern.

Aus der verschiedenartigen sozialen Gliederung der Gemeinden ergibt
sich leicht ein Unterschied im Effekt bestimmter Maßregeln. Schon aus
diesem Grunde sind selbst bei gleicher sozialpolitischer Grundanschauung
Meinungsverschiedenheiten über Wert und Zweckmäßigkeit dieser Maßregeln
und damit auch Unterschiede in der Stellungnahme zu ihnen möglich.
Welche Anzuträglichkeiten aber aus solchen Anterschieden für eine Partei
wie die Sozialdemokratie erwachsen können, läßt sich mit Länden greifen.
Es wurde daher, je mehr die sozialdemokratischen Kommunalvertretungen
zunahmen, das Bedürfnis nach einem einheitlichen und mehr als das
ursprüngliche Berliner Programm in die Einzelheiten eingehenden Kom-
munalprogramm fühlbar. Auf Veranlassung des sozialdemokratischen
Parteitags der Provinz Brandenburg arbeiteten demgemäß im Herbst 1898
die sozialdemokratischen Stadtverordneten den Entwurf eines solchen Pro-
gramms aus und beriefen zu seiner Durchberatung und endgültigen
Beschlußfassung darüber eine Konferenz der sozialdemokratischen
Gemeindevertreter der Provinz Brandenburg nach Berlin ein.
Diese Konferenz, die am 27. Dezember 1898 in Wilkes Restaurant,
Andreasstraße 26, tagte, war von 52 Delegierten, darunter 36 aus Berlin
und den Vorortwahlkreisen, und vier Gästen besucht und nahm nach ein-
gehender Beratung den Programmentwurf — von einer bloß redaktionellen
Änderung abgesehen — unverändert an. Außerdem beschloß sie, daß die
Konferenzen periodisch wiederholt werden sollten, was denn auch geschehen
ist. Im Jahre 1900 tagte — am 27. und 28. Dezember — die zweite
Konferenz der Gemeindevertreter der Provinz Brandenburg in Berlin,
besucht von 86 Delegierten aus zusammen 27 Orten. Sie behandelte in
Referaten und Debatten die Frage der „nächsten Aufgaben der sozial-
demokratischen Vertreter in den Landgemeinden," die Frage des
preußischen Kommunalwahlgesetzes, die kommunale Wohnungs-
politik und die Frage der Aufgaben der Gemeinden auf dem
Gebiete der Gesundheitspflege. Über beide Konferenzen sind
Protokolle in Broschürenform erschienen, so daß hinsichtlich der Referate
und Debatten aus sie verwiesen werden kann. Im Protokoll über die
Konferenz vom Jahre 1898 findet man ferner das dort beschlossene kom-
munalpolitische Programm. Es gibt in acht Satzstücken die Anwendung
der sozialdemokratischen Grundsätze auf die Fragen des kommunalen Lebens,
die Grundsätze, nach denen überall, wo Sozialdemokraten in den Gemeinde-
vertretungen sitzen, mit zunehmender Kraft, Einheitlichkeit und Systematik
gearbeitet worden ist, weiter gearbeitet wird und Erfolge über Erfolge für
die Arbeiterklasse, die Gemeinwesen und die Partei erzielt werden.
        <pb n="255" />
        ﻿Achtes Kapitel

Die Sozialdemokratie in den Gewerbegerichten
und den Kaufmannsgerichten Groß-Berlins.

A. Die Wahlen zu den Gewerbegerichten.

m 1. April 1891 trat das Gesetz betreffend die Gewerbegerichte vom

29.	Juli 1890 in Kraft, aber es dauerte noch zwei Jahre, bis
Berlin ein Gewerbegericht erhielt. Das Gesetz stellt die Errichtung
in das freie Ermessen der Gemeinden, es war aber selbstverständlich, daß
Berlin ein solches Gericht brauchte. Schon 1887 hatte die Stadtverordneten-
versammlung, dem Drängen der Sozialdemokraten folgend, ein ziemlich gutes
Statut beschlossen, dem aber die Oberbehörde die Genehmigung versagte. Eine
1890 angenommene, abgeschwächte Fassung blieb im Hinblick auf das werdende
Reichsgesetz unausgeführt. Nun war das Gesetz da, es dauerte jedoch bis
Februar 1892, bevor der Magistrat eine entsprechende Vorlage vor die
Stadtverordnetenversammlung brachte. Das Statut, das auf Grund ihrer
zustande kam, unterscheidet sich in verschiedenen Punkten unvorteilhaft vom
Statut, wie es am 17. April 1890 für den gleichen Zweck beschlossen war.
Das Reichsgesetz schloß die weiblichen Personen gänzlich von der Wahl
aus, und während die Sozialdemokraten vorgeschlagen hatten, die Geltungs-
dauer der Mandate auf zwei Jahre zu beschränken, wird sie hier auf sechs
Jahre ausgedehnt. Statt der von den Sozialdemokraten befürworteten
Verhältniswahl ward die Wahl nach Bezirken beschlossen, und entgegen
dem ursprünglichen Vorschlag des Magistrats, Gebührenfreiheit einzuführen,
ward unter Mitwirkung der Regierung von der Mehrheit der bürgerlichen
Vertreter im Statut durchweg Kostenerhcbung vorgeschrieben.

Bis zum Jahre 1900 wurde jedesmal in allen Bezirken gewählt,
obwohl nach der ersten Wahl immer nur Ergänzungswahlen vorzunehmen
waren. Es hatten aber aus allen Bezirken Vertreter auszuscheiden, und
so wurden auch alle Wähler aufgefordert, an den Wahltisch zu treten.
Nach der Wahl von 1898 aber war behufs Verringerung der Wahlarbeit
die Anordnung getroffen, daß jeweilig in einem Drittel der Bezirke alle
Vertreter auszuscheiden und für sie Ergänzungswahlen stattzufinden haben.
In diese Zeit entfällt aber eine weitere Änderung. Es trat das der
Rettung des Handwerks bestimmte Gesetz vom 21. Juli 1897 über Zwangs-
innungen usw. ins Leben, für eine Reihe von Gewerben wurden
Innungs-Schiedsgerichte ins Leben gerufen, und die Arbeiter dieser
Bernstein, Berliner Geschichte. III.	16
        <pb n="256" />
        ﻿



HrLnungs-Uorfchristen.

1.	DaS Wahllokal (Turnhalle) soll von den Wählern nicht vor
12 Uhr betreten werden, damit die Vorbereitungendes Wahl-
ausschusses nicht gestört werden.

2.	Zur glatten Abwickelung des WahlgcschäflS ist erforderlich,
daß Gedränge am Wahltische vermieden wird.

Die Wähler stellen sich in Reihen zu Zweien biS Vieren
auf. Jeder neu Ankommende tritt hinten an die Wählerkelle,

3.	Der eigentliche Wahlraum in der Turnhalle ist durch Barren
abgesperrt, welche an der einen Wand der Halle einen Zugang,
an der anderen einen AuSgang frei lassen.

Dieser Raum darf nur zum Zwecke der Stimmenabgabe
betreten werden, wobei unnolhiger Aufenthalt zu vermeiden ist,

4.	Der Aufenthalt in dem nicht abgesperrten Theil deS Wahl-
tokalS ist Jeder»,ann gestattet, soweit dadurch daS ordnungS-
mäßige Aufstellen und Vorrücken der Wählerkctte nicht be.
einträchligt wird.

v. Der Eintritt in den eigentlichen Wahlrauin findet statt:

»1 in denjenigen Turnhallen, welche ihren Eingang in
der Längswand haben: an der dem Eingang entgegen-
gesetzten Seite.

d) in denjenigen Turnhallen, welche ihren Eingang an
der kurzen Wand haben; an der linken Längüwand.

6.	Die Wählerkctte soll sich bis zum Eingänge zum abgesperrtem
Raume an den Wänden entlang aufstellen, in den Turn-
hallen zn 5 a also in großem Bogen, damit im Falle
schlechten Wetters möglichst viel Personen in der Halle unter-
kommen können.

7.	An der Seite deS WahItischeS befindet fich der Legitimation«-
tisch, an weichen sich jeder Wähler zuerst zu begeben hat.
Der Wähler übergiebt seine Wahllegitimalion einem der dort
sungirenden Beamten, welche eine Vorprüfung vornehmen,
und erhält seine Legitimation mit Vermerken oder Zeichen
versehen, zurück: alSvann dealebl er sich zum Wahltiich und
überreicht seine Wahllcgilimation dem Wahlvorsteher
welcher — eventuell nach Herbeiführung eines förmlichen
Beschlusses des Wahlausschusses — über die Zulassung zur
Abgabe deS Stimmzettels entscheidet.

8.	Die Wahllegitimalion bleibt in den Händen deS Wahl-
ausschusses: die Zurückgewiesenen erhalten ihr LegitimationS-
blatt zurück, nachdem ihre Namen u. s. w. vom Wahl-
auSschusse in eine Liste aufgenommen worden find.

9.	Wir haben daS Vertrauen zy drn Wählern, daß sie diese
Ordnungö-Borschriflen aus daS Genaueste befolgen und solche
Personen, welche etwa auü Nnkenntniß hiergegen verstoßen,
selber auf den JnhaU dieser Vorschriften aufmerksam machen.

Berlin, im November l&amp;fif.

Magistrat hiesiger König!. Hanpt- und Residenzstadt.
Kirf chner»

Druck von W. &amp; S. Loewenthat, SJntt»

109. Ordnungsvorschriften des
Magistrats für die Gewerbegerichtswahl

Gewerbe hatten fortan nicht mehr an
den Gewerbegerichtswahlcn sich zu
beteiligen, sondern für das Schieds-
gericht der Innung Arbeiterbei-
sitzer zu wählen. Da es sich zum
Teil um Gewerbe mit ansehnlicher
Arbeiterzahl handelte, wie Tape-
zierer, Tischler, Töpfer usw, konnte
dasaufdieBeteiligung derArbeiter
an den Gewerberichtswahlen nicht
ohne Rückwirkung bleiben. Es lassen
sich daher für diese Wahlen die
Wahlziffern der nun folgenden
Jahre nicht mehr mit denen der Jahre
vorher inVergleich stellen; nur inner-
halb der beiden Epochen können die
summarischen ZahlenzuVergleichen
herangezogen werden. Indes ist
auch, da die Wahlen in der Ab-
teilung der Arbeiter in der Regel
schon im voraus entschiedene Sache
waren, ein Vergleich hier nur in
denjenigen Ausnahmefällen von
Interesse, &gt;vo andere Organisationen
oder Parteien unter den Arbeitern
den freien Gewerkschaften Mandate
abzunehmen suchten, was ihnen aber
bisher nicht gelungen ist. Als im
Jahre 1902 auf Grund der Novelle
vom 30. Juni 1901 zum Gesetz über
die Gewerbegerichte das Ortsstatut
für Berlin geändert werden mußte,
ward von hier und da die Ein-
führung von Verhältniswahlen an-
geregt, weil man es für möglich
hielt, auf Grund dieser den sozial-
demokratischen Gewerkschaften
wenigstens einige Mandate ab-
wendig zumachen. Aber weder
der Prinzipale im Ausschuß des

der Magistrat, noch die Vertreter
Gewerbegerichts, noch selbst die Mehrheit der Stadtverordneten - Ver
sammlung waren für diesen Vorschlag zu haben, und so fiel er ins Wasser.
Auch die Vertreter der sozialistischen Arbeiter im Ausschuß des Gewerbe-
gerichts und die sozialdemokratischen Vertreter in der Stadtverordneten-
versammlung lehnten es ab, für ihn einzutreten. Für sie begründete
Karl Koblenzer die Ablehnung damit, daß er erklärte, die Fraktion
sei prinzipiell für die Verhältniswahl, aber nicht dafür, daß man sie
nach Belieben im Parteiinteresse an einem Ort vorschreibe und an anderen
Orten nicht. Indes ist später (1908) auch in Berlin unter Mitwirkung
        <pb n="257" />
        ﻿243

der Sozialdemokratie die Verhältniswahl für das Gewerbegericht eingeführt
worden. Eine erhebliche Verbesserung erhielt das Statut 1902 durch die
Bestimmung, daß die Arbeiter sich fortan nicht mehr vor der Wahl in
Wahllisten eintragen zu lasten brauchten, sondern lediglich dem Vorsteher
die übliche Legitimation vorzuzeigen hatten und die Wahlen auf den
Sonntag verlegt wurden.

Dies vorausgeschickt mag nun eine Zusammenstellung der Gesamtziffern
der Wahlergebnisse der einzelnen Wahljahre folgen.

2) Wahlen der Arbeitervertreter zum Gewerbegericht

		Ein-	Ab-
Datum	Jahr	getragene	gegebene
		Wähler	Stimmen
21. Februar	1893	33 968	25 761
26. September	1894	19189	12 636
24.	1896	19 537	12 659
22.	1898	22 629	18 070
21.	I960	4 484	3 879
14./16. Oktober	19021	keine	6 547
„	1904/	Eintragung	8 964

Mit wenigen Ausnahmen
sämtlich für die Kandidaten
der in der Gewerkschafts-
kommisslon vertretenen Ge-
werkschaften.

b) Wahlen der Prinzipalvertreter zum Gewerbegericht

Jahr	Ein-  getragene  Wähler  2 926	Abgegebene  Stimmen	Stimmen für Kandidaten der freien	Stimmen für Gegner
1893			Gewerkschaften	
1894	7 336	—	—	—
1896	7 150	5251	2601	2650
1898	10 703	7505	2054	5443
1900	3135	1805	—	—
1902	8 231	1485	—	—

In der Abteilung der Arbeiter wurden jedesmal ausschließlich die
Kandidaten der freien Gewerkschaften gewählt. Bei den Prinzipalen
wurden Kandidaten der Arbeiterschaft gewählt:

1893	: 9 in zwei Bezirken.

1894: 6 in drei Bezirken und 3 Wiederwahlen.

1896: II in verschiedenen Bezirken.

1899: 2 in einem Bezirk, 5 verloren.

Von dieser Zeit an setzt eine gewisse Gleichgültigkeit ein, die in neuerer
Zeit aber wieder behoben ist.

Bald nach Berlin erhielten von größeren Vororten 1894 Charlotten-
burg und Schöneberg, 1899 Rixdorf ein Gewerbegericht. Die Wahlen der
Arbeitervertreter ergaben auch hier stets das Resultat, daß ausschließlich
die Kandidaten der freien Gewerkschaften gewählt wurden. Bei den
Wahlen der Prinzipalvertreter wurden in Charlottenburg 1894
sieben sozialdemokratische gegen zwei gegnerische Kandidaten gewählt; bei
den folgenden Wahlen siegten aber stets die Gegner, und erst 1904 konnten
die Gewerkschaften wieder zwei ihrer Kandidaten durchbringen. Im gleichen
Jahr ward auch in Schöneberg zum erstenmal ein Kandidat der Arbeiter
bei den Prinzipalen gewählt. In Rixdorf drangen sowohl im Jahre
        <pb n="258" />
        ﻿244

1902 als auch 1904 Kandidaten der Gewerkschaften bei den Prinzipalen
durch. Die letztere Wahl ward indes am 13. Dezember 1904 vom Bezirks-
ausschuß für ungültig erklärt.

8. Die Wahlen zu den Kaufmannsgerichten.

Nachdem am 6. Juli 1904 das Gesetz über die Errichtung von Kauf-
mannsgerichten verkündet worden war, gemäß dem vom 1. Januar 1905
ab in Städten mit . über 20 000 Einwohnern besondere Kaufmanns-
gerichte zu errichten waren, machten die Sozialdemokraten Berlins und
anderer Orte ihren Einfluß dafür geltend, daß die Ortsstatuten dieser
Gerichte einen möglichst demokratischen Charakter und die engste Verbindung
mit den Gewerbegerichten erhielten, die das Gesetz zuläßt. Das letztere
war in Berlin nicht zu erreichen, dagegen ging der Antrag der Sozial-
demokraten durch, die Wahlen an einem Sonntag stattfinden zu lassen, und
ebenso ihre Forderung, den weiblichen Angestellten, da ihnen das Gesetz
die Wählbarkeit vorenthielt, wenigstens die Fähigkeit zuzusprechen, als
Äertrauenspersonen zum Einigungsamt und als Auskunftspersonen heran-
gezogen zu werden. Ähnliche Zugeständnisse wurden auch in einigen der
Vororte erzielt, die ein Kaufmannsgericht einzurichten hatten.

Bei den Kaufmannswahlen hat der Zentralverband deutscher Handlungs-
gehilfen, die einzige allgemeine Verbindung von Gehilfen, die auf dem
Boden der modernen Arbeiterbewegung steht und mit den freien Gewerk-
schaften Land in Land geht, eine Anzahl von Verbindungen gegen fich,
die zum Teil älter und zum Teil auch stärker sind, als sie. Es gab daher
von vornherein heftigen Kampf zwischen den verschiedenen Organisationen
der Gehilfen um eine möglichst starke Vertretung im Kaufmannsgericht,
und da die Wahlen auf Grund von Listen nach dem Verhältniswahlsystem
stattfinden, schlossen sich gewöhnlich eine Anzahl von gegnerischen Vereinen zur
Aufstellung einer kombinierten Liste zusammen, während der Zentralverband
und ebenso der antisemitische „deutsch-nationale" und der liberale Leipziger
Verband für sich kämpften. . Das Wahlergebnis war zumeist, und nament-
lich in Berlin, eine Vertretung des Zentralverbandes, die das Verhältnis
seiner Mitgliederzahl zu der der anderen Organisationen sehr wesentlich
überstieg. Ungeachtet der geflissentlichen Bezeichnung des Zentralverbandes
als sozialdemokratisch, in den meisten Fällen sogar eher wegen dieser
Betonung stimmten im Verhältnis erheblich mehr Gehilfen für seine
Kandidaten, als für die der anderen Verbindungen. Folgendes die Er-
gebnisse in den Lauptorten:

Charlottenbnrg (6. Januar 1905) 3 Kandidaten des Zentralverbandes,
9 der Gegner gewählt.

Schöneberg (5. Februar 1905) 2 Kandidaten des Zentralverbandes,
7 der Gegner gewählt.

Rixdorf (28. Februar 1905) 3 Kandidaten des Zentralverbandes,
9 der Gegner gewählt.

Lichtenberg (3. März 1905) 1 Kandidat des Zentralverbandes, 5 der
Gegner gewählt. Nach dem Stimmenverhältnis — 75 gegen 173 —
hätten dem Zentralverhand 2 Vertreter zukommen müssen, er hatte indes
nur einen aufgestellt, lind so, fiel das andere Mandat den Gegnern zu.
        <pb n="259" />
        ﻿245

Weißensee (30. April
1905) 1 Kandidat des
Zentralverbandes und 5
der Gegner gewählt.

Berlin (7. Mai 1905)

21 Kandidaten des Zentral-
verbandes und 79 der
Gegner gewählt. Eswaren
hier 100 Vertreter bezw.
Beisitzer zu wählen, für
die fünf Listen im Felde
waren: die des Zentral-
verbandes, die des kauf-
männischen Lilfsvereins
(Leipziger Verband), die
des Lirfchschen Vereins
der deutschen Kaufleute,
die des deutsch-nationalen
Handlungsgehilfen - Ver-
bandes und die einer An-
zahl von Vereinen, die
sich behufs der Wahl auf
eine Kompromißliste ge-
einigt hatten. Die auf
diese Listen abgegebenen
Stimmen und demgemäß auf
Deutsch-nationaler Verband
Kompromißliste ....
Zentralverband ....

Lirschsche................

Kaufmännischer Lilfsverein



Berlin» t», Oktober 1906

Sehr geehrter Herr!

DU Wahlen der Hrbritgcber-Bdtttzer xum 6$wcrb«gcdcbi

beute freitag jVacbrmttag

statt.

bis 8 (lbr

3bx Wahllokal befindet sich in der

209.1215. Gemeindssehnle, flnncherstr. 65-66.

Da Sie Ihr Wahlrecht nach »ich, ausgeübt haben, ersuchen
wir Sie, dies umgehend zu tun und anliegenden Wahlzettel, der die
aufgestellten Kandidaten enthalt, abzugeben

Hochachtungsvoll

»itS Komitee für die Wahlen der Arbeitgeber.Beisitzer
zum Gewerbegericht.

110. Mahnzettel an die Wähler für die Arbeit-
geber-Beisitzer

sie entfallenden Mandate verteilten sich wie folgt:
. . . . . . 3247 Stimmen 31 Beisitzer

............... 2228	„	21

................. 2146	„	21	„	.

................. 2109	„	20	„

.................. 743	„	7	„

10473 Stimmen 100 Beisitzer

Das war für den sozialdemokratischen Zentralverband ein großer Erfolg,
denn an Mitgliedern steht er in Berlin hinter den anderen Vereinen sehr
zurück, was bei der Abhängigkeit und der eigenartigen Atmosphäre, in der
die Landelsangestellten leben, leider nicht wundernehmen kann.

C. Die Tätigkeit der Sozialdemokratie in den Gewerbegerichten.

Da die Kaufmannsgerichte erst im Verlaufe des Jahres 1905 in Tätigkeit
traten, also am Schluffe unserer Epoche erst Monate in Tätigkeit waren,
wäre es geschmacklos, über das Wirken der sozialdemokratischen Beisitzer
viele Worte zu verlieren. Auch unterschied sich ihr Verhalten in keinem
Punkt grundsätzlich von dem der sozialdemokratischen Gewerbegerichtsbeisitzer.

In bezug auf diese trifft auch für Berlin das Arteil zu, das von
der Mehrzahl der unparteiischen Kritiker über das Verhalten der sozial-
demokratischen Beisitzer Deutschlands im allgemeinen in Gutachten und
Abhandlungen niedergelegt worden ist und sich dahin zusammenfassen laßt,
daß sie ihre sozialpolitische Auffassung nicht im Vorzimmer des GMch
        <pb n="260" />
        ﻿246

ablegen, aber als Richter so gut und nicht selten sogar besser als wie die
Richter aus irgendeiner anderen Gesellschaftsklasse erkennen, was unter den
gegebenen Verhältnissen im Rechtsstreit zwischen Unternehmer und Arbeiter
sachlich recht und unrecht ist. Kaum irgendwo in Deutschland begegneten
die Gewerbegerichte in der ersten Zeit ihres Bestehens stärkerer Gegnerschaft
in Anternehmerkreisen als gerade in Berlin. Lier saß die Zentralstelle der
Anternehmerverbände, die in den ersten Jahren mit aller Macht dafür
agitierte, die Gewerbegerichte durch Ausdehnung des Rechts der Berufung
gegen ihre Erkenntnisse an die ordentlichen Gerichte unter Vormundschaft von
Berufsrichtern zu stellen, wenn nicht ganz zu neutralisieren. Es vergingen aber
keine zehn Jahre, da erklärte am 8. März 1901 im Bürgersaale des Berliner
Rathauses eine Versammlung von Beisitzern des Gewerbegerichts Berlin aus
beiden Gruppen, Anternehmerbeisitzer und Arbeiterbeisitzer, und die ersteren
keineswegs nur von Sozialisten gewählte Unternehmer, in einer Resolution,
daß sie in der damals beabsichtigten Angstederung der zu schaffenden Kauf-
mannsgerichte an die Amtsgerichte „eine ernste Gefahr für die Interessen derBe-
teiligten" erblicke, und sprach sich „mit aller Entschiedenheit" für den Anschluß
der Kaufmannsgerichte an die Gewerbegerichte aus. Ebenso stimmte das Arteil
bürgerlicher Gewerbegerichtsbeisitzer an den anderen Orten mit dem der
Arbeiterbeisitzer überein; im Reichstag traten Redner der Freisinnigen und
der Zentrumspartei den Sozialisten in der Betonung der Vorzüge der
Gewerbegerichte bei, gleichlautend ertönte es aus den Reihen der Wissen-
schaftler, und so ließ man schließlich auch in Regierungskreisen die Idee
der Überlieferung der Kaufmannsgerichte an die Amtsgerichte fallen und
gab den ersteren eine Gestalt, die sie den Gewerbegerichten annäherte, sowie
Paragraphen, welche wenigstens eine Verbindung beider ermöglichten.

War für die Entscheidung der bürgerlichen Gesetzgeber die allgemein
gemachte Erfahrung maßgebend, in bezug auf die ja Berlin hätte eine Aus-
nahme bilden können, so liegen bezüglich dieses letzteren sehr bestimmt
lautende Äußerungen des langjährigen Vorsitzenden des Berliner Gewerbe-
gerichts, M. ».Schulz, vor, in denen dieser die richterlichen Eigenschaften
der Beisitzer aus der Arbeiterschaft rückhaltlos anerkennt. So heißt es in
einer aus dem Jahre 1900 datierenden Abhandlung des Genannten über
gewerbliche Schiedsverträge:

„Es kommt hier zum Ausdruck dasselbe Mißtrauen gegen Angestellte
als Schiedsrichter, welchem wir bei ihren Vernehmungen als Zeugen so oft
begegnen. Schon wenn sie als Zeugen vorgeschlagen werden, hört man
häufig: „Die arbeiten ja bei dem Kläger oder dem Beklagten; die nehmen
wir nicht an; was die sagen, das gilt nicht; die schwören falsch." Diese
Bedenken gegen die Wahrheitsliebe der Arbeitnehmer sind ebenso ungerecht,
wie die absprechenden Arteile gegen die Qualifikation zum Schiedsrichteramt.
Die Erfahrung bei den Gewerbegerichten lehrt, daß die Arbeitnehmerbeisitzer
wohl ohne Ausnahme — selbst wenn Prozeßsachen ihrer Arbeitgeber zur
Verhandlung stehen — durch ihre Arbeitnehmerposition sich nicht beirren
lassen. Wie wir bereits anderwärts oftmals bemerkt haben, lassen auch die
Arbeitnehmerbeisitzer bei den zu fällenden Arkeilen, so gut wie es eben
Menschen vermögen, auf sich die Klassengegensätze einwirken. Sie
stehen in dieser Beziehung den ordentlichen Richtern nicht nach, welche
gleichfalls bei ihrer Tätigkeit unter den Einfluß ihrer gesellschaftlichen An-
        <pb n="261" />
        ﻿IW Auf zur Wahl! "»I

An -ie MSljler der Arveitgever-Keifttzer
zum Gew erb ege richt!

Sic haben sich Zhr Wahlrecht durch Eintragung in
die Listen gesichert und stehen nun vor der Frage, für
welche Kandidatenliste Sie eintreten muffen, wenn das
Gewerbegericht, diese zur Entscheidung von gewerblichen
Streitigkeiten geschaffene Institution, seinen Zweck voll
und ganz erreichen soll.

Die Entscheidung richtet sich ganz nach den Grenzen,
welche für die Tbätigkcit der Beisitzer geschlich gegeben sind.

Die Einrichtung dieses Ecwerbegerichts appcllirt
lediglich an den praktisch &gt; gewerblichen Sin» der
Bevölkerung, der nach drei Seiten hin sich bethätigen soll.
Diese sind:

1.	Die Entscheidung rein gewerblicher Streitigkeiten

zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bezw. zwischen
Arbeitern desselben Arbeitgebers untereinander, wenn sie
eine gemeinsame Arbeit übernommen, desgleichen bei Haus-
. gewerbetreibenden.

2.	Die Abgaben von Gntachteu in gewerblichen Fragen
an Staats- und Kommunalbebörden event. Stellung von
Antragen.

3.	Die Herbeiführung einer Einigung zwischen Arbeit-
geber» und Arbeitnehmern bei event. Ausständen,

Lermittelungsvorschlägs zu machen, welche auch der öffent-
lichen Meinung unterbreitet werden.

Wähler! Daß dies- Funktionen der Beisitzer nicht
ohne ein höheres Verständniß für die allgemeinen Zeit-
sragen ausgeübt werden können, daß zu ihnen auch -ine
besondere Erfahrung und Kenntniß der rcchtsgriind-
lcgonden Bestimmungen gehört, daß aber auch ein
imgetiübtcr Blick für die Entstehungsarten der ver-
schiedenen gewerblichen Streitigkeiten unbedingt erforder-
lich ist, wenn die gefällten Urtheile eine rechtliche
Bedeutung für die Bevölkerung haben sollen — diese
Misere Forderung wird von unseren Gegnern
tendenziös dahin ausgelegt, daß wir in den Gewerbe-
Schiedsgerichien ein Mittel zur Verwirklichung sozial-
demolratischer Ziele sehen und womöglich bei jedem
Streitfall — selbst gegen Gewissen und Ueberzeugung —
nach persönlicher Begünstigung entscheide» lassen wolle».

Run, unscrc Kandidaten sind Ehrenmänner
genug, um zu wissen, wie sic ein öffentliches Amt
auszufüllen haben: sie haben aber außerdem auch die
oben aufgestellten besonderen Fähigkeiten, die wir un-

bedingt von qualifizirten Beisitzern unseres Ver-
tranens voraussetzen und verlangen müssen —
und diese sind »st erprobt vor der Ocffentlichkeit,
wir sic auch nur in dem lebendigen Strom deS öffent-
lichen Lebens erworben werden können. Wir wählen
nicht die Arbeitgeber, weil sie Arbeitgeber sind, in das
Gewerbegericht, sondern weil sic Männer sind, die im
praktischen Dienst der Industrie grob geworden, ihr
Gewerbe nunmehr zwar iclbstständig betreiben, aber
trotzdem stets und ständig in Fühlung mit der
öffentlichen Erörterung aller gewerblichen An-
gelegenheiten geblieben sind. Sic blicken als Arbeit-
geber nicht hochmüthig herab aus die Arbeitnehmer,
sondern sehen in ihnen ihre gleichberechtigten Mit-
incnschcn, die zur gemeinschaftlichen Arbeit an jedem
kultursördcindcn Werke ihren Platz neben ihnen ein-
zunehmen haben, wenn es gilt, bas Unrecht zu ver-
urtheilen und bas Recht hochzuhalten. Darum
wählen wir einzig und allein die von uns —
unter inöglichster Berücksichtigung aller gewerblichen
Kategorien (Spruchkammern) — »nsgestellten Kaudi-
baten!

Wähler! Auch habe» mchrcrc hochangcsehene
Männer, Richter, welche praktisch die Erfahrung in
Gewerbegerichten mit soziäldemokratilchen Arbcitgrdern
und Arbeitnehmern gemacht haben — die Aeußerung
unserer Gegner, wir richte» parteiisch, als grundlos und
tendenziös aufgebauscht hingestellt: sie bekundete», daß
jede Parteilichkeit fernblieb.

Wir wünschen aber auch, dag jedes Bornrthcil uud
partriische Gehässigkeit über UNS uutcrlafscn bleib!. Wir
ändern unsere Meinung nicht nach nuferen Interegcu.
sondern das Wohl der gcwcrdetrcibeaden Bevölkerung
insgesammt ist stets und ständig nufere einzige Stichi-
fchnur, in welchem Sinne unsrer Kandidaten ihr Mandat
auszuüben stch zu iedrr Zeit vor der Oeffentlichkeit uud
ihrem Gewiffen vcrpfiichtct fühle» werden, und somit
entscheiden wir UNS für die auf beigefügtem Stimmzettel
verzeichneten Kandidaten —

ihnen geben wir unsere Stimme!

Die Wahl ist getjeittt und findet mittelst Stimmzettel statt.

Eleichlautcude Stimmzettel

wie die einliegenden, «erde« am Tage der Wahl von uns an den Wahllokale» ausgegeben.

Die Wahl findet statt:

Doruxrstag, den 22. September 1898, Mittags von 12 Ahr ab dis Abends 9 Ahr.

Das Komitee

der Arbritgeber-Wähler für die Srwerbegerichts-Wichlen

Jhr Wahllokal befindet fich:

„Wktoria-Aark", Müchrrftraße 3L

und Verlag: Rudolf Millarg, Snnenstr. 16. — Druü: JaniszewSti &amp; Quitt, Dresdcnerftr. 38.

111. Flugblatt an die Wähler der Arbeitgeber-Beisitzer
        <pb n="262" />
        ﻿248

schauungen geraten können. Der Arbeiter, welcher durch das Vertrauen seiner
Kameraden zum Gewerberichter berufen werden kann und, sobald er gewählt
ist, seine volle Pflicht tut, ist an und für sich zum Schiedsrichter geeignet."

Dieser Ausspruch eines Mannes, der mit den sozialdemokratischen
Bestrebungen durchaus nicht sympathisiert, wäre noch durch viele Zitate
aus der von Jastrow und Flesch herausgegebenen Zeitschrift „Das
Gewerbegericht" zu ergänzen, die gleiches aussagen. Aber da es sich hier
speziell um Berlin handelt, kann es bei ihm sein Bewenden haben. Die
Arbeiter Berlins, so entschieden sie der Hnternehmerklasse in der sozialen
Tendenz gegenüberstehen, lassen als Gewerberichter es den einzelnen Unter-
nehmer nicht entgelten, daß sie seine Klassengegner sind. Nicht dadurch,
daß es parteiisch zugunsten der Arbeiter entscheidet, erweist sich das Ge-
werbegericht als sozialpolitisches Institut dem Arbeiter günstig, sondern
dadurch, daß es dem sonst unbeschränkten Absolutismus des Unternehmers
als Nechtsinstanz gegenübersteht, die dem Arbeiter wenigstens die Beob-
achtung dessen sichert, was das Gesetz und die mit der Entwicklung der
sozialen Zustände sich selbst entwickelnde allgemeine Rechtsanschauung in
bezug auf den Arbeitsvertrag und das Arbeitsverhältnis für recht und
billig erklären. In diesem Sinne kann man I. Jastrow zustimmen, wenn
er in seinem Buch „Sozialpolitik und Verwaltungswissenschaft" schreibt:
„Das Gewerbegerichtsgesetz ist die iVlagna Charta des deutschen Arbeiters.
Der Ruf: Ich gehe zum Gewerbegericht! hat hier eine ähnliche Bedeutung,
wie die Erzählung von dem Müller von Sanssouci und seinem Ausspruch:
Ja, wenn es kein Kammergericht gäbe!" (a. a. O. S. 405). And M. von
Schulz schreibt im „Archiv für Sozialwissenschast": „Lierzu kommt, daß der
Arbeiter im allgemeinen zum Gewerbegericht ein unbedingtes Vertrauen
gewonnen hat, ein Vertrauen, welches er dem privaten Gericht kaum in
dem Maße entgegenbringen wird." (a. a. O., Jahrgang 1907, S. 614.)

Wie sehr der Schluß dieses Satzes zutrifft, zeigen die in neuerer Zeit
in derArbeiterschaft erhobenen Klagen überden formalistisch-juristischen Geistder
Gewerbegerichtsbeschlüsse, der mit dem Wechsel in der Person des leitenden
Gewerberichters zu überwiegen droht.

Die Arbeiten des Gewerbegerichts Berlin werden durch folgende
Zusammenstellung veranschaulicht, die das Jahrzehnt vom 1. April 1896
bis zum 31. März 1906 umfaßt:

Summe der eingelaufenen Klagen................................ 125 295

Davon wurden erledigt:	Absolute  Zahl	Vom
a) Vor dem Termin		5658	4,74
b) Durch Zurücknahme		26 808	22,40
c) Durch Versäumnisurteil		12 558	10,49
d) Durch Verzicht des Klägers ....	161	0,14
e) Durch Anerkenntnis des Verklagten.	426	0,36
k) Durch Vergleich		60 378	50,47
g) Durch andere Endurteile, zumeist im kontra- diktorischen Verfahren		13 646	11,40
Summa	119 635	100

Es blieben unerledigt und kamen im folgenden

Jahr zur Verhandlung................. 5 560

Zusammen 125 295
        <pb n="263" />
        ﻿249

Hierzu einige wenige Bemerkungen:

Im statistischen Jahrbuch für Berlin sind die Vorträge aus den Vor-
jahren, d. h. die als unerledigt aus dem abgelaufenen Jahr jeweilig ins
neue Jahr hinübergenommenen Klagen und ihr Ausgang nicht gleichmäßig
berücksichtigt worden. Es ist daher hier in den einzelnen Rubriken a bis g
ganz von ihnen abgesehen worden. Da aber das Schicksal der Klagen von
Jahr zu Jahr im Durchschnitt wenig variiert, kann die Totalsumme jener un-
erledigten Klagen — 5660 — im Verhältnis der für das Jahrzehnt berechneten
Durchschnittszahlen einfach auf die einzelnen Rubriken verteilt werden.

Vom Geschäftsjahr 1899/1900 ab sind jedesmal unter den als „durch
Zurücknahme erledigt" bezeichneten Klagen mehrere hundert Klagen, die
gemäß dem in jenem Jahr in Kraft getretenen Landwerkergeseh der Recht-
sprechung des Gewerbegerichts entzogen waren, so daß die Klagenden an
das betreffende Innungsschiedsgericht verwiesen werden mußten. Ihre Ge-
samtzahl für die Zeit vom 1. April 1899 bis 31. März 1907 war 3507,
ein Durchschnitt von 584 im Jahr. Während die Zahl der beschäftigten
Arbeiter um 50 Prozent stieg, haben die beim Gewerbegericht und den
Innungsschiedsgerichten zusammen anhängig gemachten Klagen nur von
rund 14000 im Geschäftsjahr 1896/97 auf rund 16000, das heißt noch nicht
ganz um 11,5 vom Kundert zugenommen. Es nahmen also im Verhältnis
weniger Arbeiter das Gericht in Anspruch, als früher. Dies ist zu einem
großen Teile dem Amstand geschuldet, daß Anternehmer wie Arbeiter besser
über ihre rechtliche Stellung zueinander unterrichtet sind als früher. Die
Rechtsprechung des Gewerbegerichts hat durch Festlegung bestimmter Grund-
regeln hinsichtlich vieler der häufigsten Streitfragen bis zu einem gewissen
Grade sich selbst überflüssig gemacht. Außerdem kommt ein erheblicher Teil
der Beschwerden der Arbeiter zuerst an das Arbeitersekretariat, das den
Beschwerdeführenden in Fällen, die für sie aussichtslos sind, die Nutz-
losigkeit des Weges ans Gewerbegericht darlegt und so diesem ein Stück
Arbeit abnimmt. Dies hat auch unzweifelhaft dazu beigetragen, daß die
Fälle, wo es vor dem Gewerbegericht zur kontradiktorischen Verhandlung
kam, bedeutend nachgelassen haben. Im Geschäftsjahr 1896/97 waren es
2255, im Geschäftsjahr 1905/6 nur noch 1145 Fälle. Keine zweite Rubrik
weist eine auch nur annähernd gleiche Abnahme auf. Fast unverändert ist
z. B. die Zahl der durch Vergleich beendeten Fälle geblieben. Sie belief
sich 1896/97 auf 6123, erreichte im nächsten Jahr mit 6723 ihr Maximum
und war von 1905/06 5790. Zugenommen haben die Fälle der Verzicht-
leistung (von 1 auf 70) und der Versäumnisse (von 1174 auf 1740).

Was die Beteiligung der Berufe anbetrifft, so entfielen von
den angemeldeten Klagen

auf Kammer I (Schneiderei und Näherei) . .			. 25 924
„	„	6 (Nahrung, Beherbergung) . .	. 24189
„	„	3 (Baugewerbe)		. 14 555
	sr	7 (Landet und Verkehr) ....	. 14 051
„	„	5 (Metallgewerbe)		. 13 573
„		4 (Lolz und Schnitzstoffe) . . .	.	9 527
	„	8 (Allgemeines)		.	9 353
	„	2 (Textil-, Leder- rc. Industrie) .	8 465
		Insgesamt.	. 119 637
        <pb n="264" />
        ﻿250

Klageführer waren in 118 910 Fällen die Arbeiter, in 6395 Fällen die
Prinzipale. Es ist hierbei von Interesse, daß, während die Zahl der klagenden
Arbeiter bald fällt und bald steigt, so daß Anfangs- und Endjahr fast die
gleiche Löhe zeigen — 12 690 und 12 798 —, die Zahl der klageführenden
Anternehmer mit wenig Unterbrechung sich nach oben bewegt. Sie beginnt
mit 559 und endet mit 784. Dies deutet auf eine Zunahme des Vertrauens
der Unternehmer in die Anparteilichkeit des Gewerbegerichts. Dabei ist
jedoch die Prozentzahl der von den Anternehmern gewonnenen Prozesse in
den letzten Jahren eher zurückgegangen. In den vier Jahren von 1897 auf
1900 war der Durchschnitt über 70 Prozent, im Jahrfünft von 1901/02 auf
1905/07 nur 54 Prozent ihrer zur Verhandlung gelangten Klagen. Bei
den Arbeitern bewegte sich die Gewinnziffer zwischen 39,10 und 63,65 Prozent.
Daß der Arbeiter leichter den Klageweg beschreitet als der Antemehmer,
liegt in der Natur der Sache. Im ganzen gewannen von den zur kontra-
diktorischen Verhandlung gelangenden Prozessen die Arbeiter 5218, die
Anternehmer 313.

Die anhängig gemachten Klagen betrafen nach Angabe der Klage-
führenden folgende Objekte, wobei öfter ein und dieselbe Klage sich um
verschiedene Ansprüche drehte:

Rückständige Lohnzahlung............................. 72	409	mal

Anzeitige Entlassung ohne Kündigung.................. 48	612	„

Widerrechtliche Zurückbehaltung von Arbeitsbüchern,

Sachen usw...................................... 6	565	„

Schadenforderung...................................... 5	535	„

Arbeitszeugnis, Versicherungsbeiträge..................3	910	„

Fortsetzung oder Aufhebung des Lohnverhältnisses	.	657	„

Wiederaufnahme der Arbeit........................... 574	„

Rückzahlung von Kautionen und Lohnvorschüssen.	.	523	„

Zahlung von Kost- und Lehrgeld.................... .	326	„

Konventionalstrafen................................. 151	„

Verschiedenes andere . . . .'...........................  13	„

Insgesamt Klageobjekte: 139 285

Im Durchschnitt wurden somit jährlich 13 900 Forderungen eingeklagt,
von denen die große Mehrheit durch Vergleich und ausdrücklichen oder
stillschweigenden Verzicht erledigt wurden. Beim Vergleich sowie bei der
Erledigung vor Termin spielte selbstverständlich häufig der Linweis auf
frühere Arteile eine bestinimende Rolle, wie denn die Erkenntnisse der
Gewerbegerichte für die vor diese gelangenden Streitfälle in ähnlicher Weise
Rechtsnormen schaffen, wie in der allgemeinen Rechtsprechung die Erkennt-
nisse der oberen Gerichtshöfe. Zwar ist kein Gewerbegericht gezwungen,
sich an die Entscheidung eines anderen Gewerbegerichts zu binden, aber im
allgemeinen wird auf solche Erkenntnisse, die ausdrücklich zu dem Zweck
formuliert und begründet wurden, eine Rechtsregel festzustellen, gern
zurückgegriffen. Daher sind die Erkenntnisse der Gewerbegerichte ebenso
wie ihre eingeforderten oder freiwillig abgegebenen Gutachten, die man
mit den dazu gehörigen Begründungen in der Zeitschrift das „Gewerbe-
gericht" und seit 1903 im „Reichsarbeitsblatt" findet, für die
Beurteilung des Geistes dieser Institute ganz besonders geeignet.

Die große Zahl der Erkenntnisse und Gutachten des Berliner Gewerbe-
gerichts macht eine Wiedergabe an dieser Stelle unmöglich. Daß sie nicht
        <pb n="265" />
        ﻿Recht soll Reckt werden!

Der unerträgliche Zustand, daß kaufmännische
Angestellte erlittene Unbill von seiten ihrer Prin-
zipale, gegen Gesetz und Sitte, widerstandslos
hinnehmen mutzten, weil ihnen die Mittel fehlten,
den kostspieligen und zeitraubenden RechtSw^ zu
beschrciten, ist endlich Beseitigt. Nach bald mehr
denn 10 jährigen heftigen Kämpfen sind endlich die

Kaufmannsgerichle

errungen, die in der Zukunft Streitigkeiten zwischen
Gehülfen und Prinzipalen entscheiden sollen.—
Nicht der Staat setzt seine Richter über uns.
Die HandlungSgehülsen selbst haben ihre eigenen
Richter zu wählen.

Am Sonntag, den 7. Mai, sind Cse berufen,
zum ersten Mal an die Wahlurne ju treten, um
die Gehülsenbeisitzcr zum Berliner Kaufmanns^
geeicht zu wählen.

Nur ein kleiner Kreis der Gehülfenschaft hat
daS Wahlrecht, die Gehülfen inner 85 Jahren
und die große Schaar der Gehülfinnen find von
der Wahl ausgeschlossen.

Um so schlvercr ist die Verantwortung der zur
Wahl berufenen, in ihren Händen liegt das Schick-
sal aller HandlungSgehülsen.

Die Jagd nach den Stimmen der wahl-
berechtigten HandlungSgehülsen wird beginnen.
AuS allen Ecken und Enden werden Kandidaten
auftauchen, wird man ihnen deren Vorzüge preisen,
deren bisherige Taten aber verschleiern, deren
wahre Absichten und Mottve verschweigen.

(ttewiffeuhaft habe» sie sich z» frage»
welche Kandidaten find fähig und gewillt, die
hohen Aufgabe» des Kanstnannsgcrichtes mit
Ernst, Würde und Ehrlichkeit im Interesse
der Angestellten zu erfüllen. —

Die Gchülfenbeisitzcr haben die Pflicht, un-
parteiisch Recht zu sprechen. Aber sie haben die
weitere Pflicht, auf Grund ihrer Erfahrung als
Gehülfen nachdrücklich dafür einzutreten, daß die
wirtschaftlich schwächere Stellung des Angestellten
und die Uebermacht des Prinzipals gebührend
berücksichtigt wird. Sie sollen dafür sorgen, daß
die Urteile der Kaufmannsgerichte getragen werden
von sozialem Geist, Beeinflußt durch die &lt;Sad&gt;
kcnntnis des einzelnen Gehülfen. Sie sollen sich
nicht an den Buchstaben des Rechts klammern,
vielmehr nach Erwägungen der Billigkeit urteilen
und den Mut haben, juristische Zwirnsfäden auch
einmal mit kühnem Satze zu überspringen. —
Die KausmannSgerichte sollen aber noch mehr
sein, als .eine Stätte der Rechtsprechung. Sie

haben das Recht, in bezug auf die Dcffcrung der
Lage der Angestellten Altträge auf gesetzliche Maß-
nahmen an die staatlichen und städtischen Parla-
mente, an Behörden usw. zu stellen. Sie sollen
ferner an diese Körperschaften Gutachten erstatten,
wenn irgend welche Gesetze für die HandlungS-
gehülfcn beraten tvcrden. — Sie habe» die
bedeutsame Ausgabe, bei Differenzen zwischen
Personal und Chef als Schlichtungslommission
und EinigungSamt zu fungieren.

Welche Kandideten gewähren die Bürg-
schaft dafür, daß sie alle« diesen Aufgabe«
gewachsen sind? —

Um Ihre Stimme werden buhlen:

Eine merkwürdige Vereinigung.sogenEter
HandlungSgehülfenvereine, als da sind: 88. Verband,
Leipziger Verband, Verein junger Kaufleute, Bank-
beamtcnverrin, Verein rufender Kaufleute Deutsch-
lands, Katholisch-kaufmännischer Verein, Verein der
jungen Drogisten, die sich zusammengefunden hat.

Der 88. und Leipziger Verband sind
nicht nur nicht für die Kaufmannsgerichte
eingetreten sondern haben deren Schaffung
bekämpft. Sie haben die HandlungSgehülsen für
unfähig erklärt, ihre eigenen Richter zu wählen,
sie verlangten Ernennung willsähiger Kreaturen
zu Richtern, um die HandlungSgehülsen vor der
Stuscegung der Wahl zu behüten. Wer sich mit
solchen Vereinen in ein Bündnis einläßt, muß
für die HandlungSgehülsen gerichtet sein. Solche
Leute haben ihre eigene Unfähigkeit und Un-
würdigkeit zur Besetzung der Betsitzcrstellen an-
erkannt und nusgesprochen.

Der kausinännische Hilssverein, der
bisher seinen Stolz in der Nichtbeachtung von
Handlungsgehülfeninleressen gesehen hat und mit
Mmvsen die Verpflichtungen der Chefs gegenüber
den Angestellten ablösen will, kann mit seinem
Bestreben, Kandidaten aufzustellen, nur Heiterkeit
erwecken. —

Der Verein der deutschen Kaufleute, dessen
Unsähigkeit nur noch von seiner Untätigkeit über-
trosfen, wird auch die Werbetrommel rühren, um
für seine an sozialer und politischer Verständnis-
und Einsichtslosigkeit nmstcrgülligen Freunde
Stimmen eiNzufangcn. Die Tätigkeit dieser Herren
beschränkt sich uns Versicherungskasscn, die nach
ihrer eigenen Behauptung gut verwalket sind. Ihr
Leiter und geistiger Führer hat sich zu einer Zeit,
alä der Kampf um den 8 Uhr-Ladenschluß auf der
Höhe stand, gegen die gesetzliche Festlegung des
8 Uhr-LabenschluffeZ ausgesprochen. Ihre ab-
genutztenHarmoniep.hrasen werden keinen denkenden

112 u. 113. Flugblatt zur Wahl der Beisitzer des Kausmannsgerichtes
        <pb n="266" />
        ﻿I

HundlungSgchülsen darüber hinwegtäuschen, daß
diese Anhängsel des sterbenden Freisinns nls unsere
Richter nicht geeignet sind, —

'Der antisemitische (deutsch'Nationale)
HandlungSgchülfcu-Verbaud wird seinen Ge-
pflogenheiten gemäß unter Verleugnung seiner
GruNdanschauiing mit um so gröberem Geschrei
in den Wahlkampf ziehend. Er wird behaupten,
daß alle Schutzgcsehe sür die Handlungsgchülsen
durch seine, Tätigkeit geschaffen worden sind —
selbst diejenigen, die bestanden, bevor au seine
Existenz zu denken war! Er wird bestreiten, die
Kerntruppe der antisemitischen Parteien zu sein.
Er luirö bestreiten, bei den Wahlen unter Hintenan-
letzung der HandlungSgehülsenintercisen sür kon-
servative, alldeutsche und nationallibcrale Hasser
der Sozialvolilik eingetreten zu sein. Er wird
bestreiten, daß sein Begründer und Schutzpatron,
der antisemitische Abgeordnete Raab, gegen den
9 Uhrschluß der Zigarrcngeschäste eingetreten ist.
Er hat die Hniidlungsgehütfcn durch konsessioncllcn
Lader gespalten, tritt im antisemitischen Wahn gegen
die moderne Entwicklung im Handelsgcwcrbc ans,
aus Parteizwaug und Verpflichtung gegen die
Kleinhändler, die den Verband als Vorkämpfer
für ihre Interessen gezüchtet haben,

Judenhaß und Frauenhaß sind die Leitmotive
ihrer Bestrebungen, die sie allein schon unfähig
machen zur unparteiischen Rechtsprechung!

Welche Kandidaten verdienen das Ver-
traue» der Handliingsgchülfen?

Einzig und allein die Kandidaten des

Mßlutf iuuibtf der Hmidlnngsgehiilskn
und GehWmü pentfdjlnnöa.

Der Ceutralverband der HaudliingS-
gchülfen »nd Gehülfinnen Deutschlands hat

stets und ständig für KansmannSgerichte gekämpft!
er kennt keine Rassen- oder Glaubensunterschicdc,

Der Ccntralverband der HandliiiigSgchülfc»

und Gehülfinnen Deutschlands arbeitet für
das Wohl aller Handclsaugcstellte» ohne Unter-
schied des Geschlecht?, er nimmt keine Prinzipale
auf, wie dies alle anderen Vereine-tun, er treibt
eine klare und zielbewußte Juteresscupolitik.
Der Ccntralverbaud der Haudlungsgchülfc»
und Gehülfinnen Dcntschlauds erstrebt die
Einführung dcS gesetzlichen 8 Uhr-LadenschlnsscS,
der Verkürzung der Arbeitszeit aus 8 Stunde»
bei Festsetzung eines Uebergangsstadiums, der
völligen 36stündigcn Sonntagsruhe, des obligato-
rischen Fortbildungsschulunterrichts, Der Ccatral-
vcrband der Handlungsgehülfe» und Gehül-
finnen Deutschlands verlangt die Einrichtung
einer HandelSinspcktion irach Art der Geivcrbe-
inspektion und aller weiteren zum Schlitze der
Gehülfenschaft notwendigen Maßnahmen, Seine
Kandidaten werben, sofern sie in das KausmannZ-
gericht gclaiigcn, stets sür die Erkämpsung dieser
sozialen Resormen wirken, sie bieten bei der Recht-
sprechung die Gewähr dafür, daß das KausmannS-
gericht sich seiner sozialen Ausgabe stets bcivußt
bleiben wird.

Daß alle Kandidaten deS Centralvcrbandcs
der Handlnngsgchülfen nud Gchülfinnc!«
Deutschlands die nöligeu Fähigkeiten und Ec-
sahrungcn besitzen, dafür bürgt die Organisation,
die nur solche Kollegen ausgestellt hat, welche
durch ihre langjährige Tätigkeit das Vertrauen
der Wähler verdienen,

Kollege»! Handlungsgehülfe»! Bei Ihnen
liegt am 7. Mai die Entscheidung!

Wir haben Ihnen gezeigt, waZ Ucm den Kan-
didaten der übrigen Vereine zu erlvarien ist.
Wer da ivill, daß überzciigungstreuc, znver-
läsfige und wirkliche Gchülfcnbcisitzer gewählt
ivorden, der wähle am Sonntag, den 7. Mai
die Kandidaten des

Ceiltriilvrrblindcs der KündluWsgehnlsen
und Grhnlßmikn Zeutschlaiids.

Mit Gruß!

Centralverband der JCandlungsgebiitfen und Gehülfinnen Deutsehlands

(Bezirk Berlin). Orfsuerwaltnng: Kene Jriedriehstr. 20.

Grachten Sie unsere Sän len anschlage!

Kommen Sie in jede unserer Uersammlnuge«!

Auskunft in allen Berufs- und Wahlangelcgcnheiten erteilt:

Centralverband der Minngsgehülfen und Gehülfinnen Dentsehlands

(Bezirk Berlin). 6rlsven»al1ung: fteue Jriedriehstr. 201.

vermitttörMch-kttr S'.clst.'tioit und Serleg: OUs Urban. — Druck: VouvürtS Bnchdcnirerei iLkrlagSansla» Vau! Singer &amp; Co, Berlin SW. 68.

112 u. 113. Flugblatt zur Wahl der Beisitzer des Kaufmannsgerichtes
        <pb n="267" />
        ﻿Wählen Sie die

Liste IV.

Liste des

Centralverbandes der Handlungsgehilfen
und Gehilfinnen Deutsehlands, Bezirk Berlin.

Oosleflxia LuchLniLenl und 3t:!atf8on|laIl sauf einen &amp; So. Berlin SW.-ütS. Llndknllr. K&gt;.

114. Landzettel zur Kaufmannsgerichtswahl

alle gleichen Geistes sind,
liegt in der Natur der
Sache. Im gegebenen Fall
kommt es auf das sozial-
politische Empfinden des Ge-
werberichters, den Scharf-
blick und die Amsicht der
Arbeiterbeisitzer an, ob ein
Erkenntnis dem Arbeiter
mehr oder weniger Schutz
gegen Willkür und Miß-
bräuche darbietet. In bezug
auf die Mehrheit der Er-
kenntnisse kann man jedoch
sowohl hinsichtlich Berlins
wie der Nachbarorte sagen,
daß sie dem Schuhbedürfnis

entgegenkommen. Schon die einfache Tatsache, daß Arbeitervertreter an
der Entscheidung mitwirken, nötigt dazu, im Gegensatz zur Theorie vom
„Lerrn im Lause" die sozialrechtliche Natur der Beziehungen von Arbeiter
und Unternehmer schärfer zum Ausdruck zu bringen. Das bestätigt die
große Zahl der Erkenntnisse und Gutachten.

Die den Gewerbegerichten zugewiesene Aufgabe, als Einigungsamt
bei gewerblichen Kämpfen zu wirken, konnte sich, wie anderwärts, so auch
in Berlin und den Nachbargemeinden, nur langsam einbürgern. In den
ersten drei Jahren seines Bestandes wurde das Berliner Gewerbegericht
für diesen Zweck überhaupt nicht angerufen. Erst vom Spätsommer 1895
ab beginnt es, sei cs auf Anrufen, sei es aus eigenem Entschluß, bei solchen
Kämpfen vermittelnd einzugreifen, stößt aber namentlich bei den Anter-
nehmern auf starken Widerstand, da die Vermittelung gewöhnlich An-
erkennung der Gewerkschaften einschließt und auch sonst von den Anter-
nchmern als Beeinträchtigung ihrer Prinzipalshoheit betrachtet ward.
Selbst wenn die Unternehmer, um sich vor der Öffentlichkeit nicht von vorn-
herein ins Anrecht zu setzen, der Einladung des Gewerbegerichts Folge
gaben und zur Verhandlung erschienen, lehnten sie es doch meist ab, sich
dessen Schiedsspruch, dem das Gesetz ja keine bindende Kraft zuerkannt hat,
zu unterwerfen. Daher ist die Zahl der gewerbegerichtlich erzielten
Einigungen bis zur Jahrhundertwende außerordentlich dürftig. Jedoch darf
man selbst für diese Zeit sich nicht lediglich an das formelle Resultat
halten, wie es in der Statistik des Gewerbegerichts erscheint. Oft ist viel-
mehr die Ablehnung des Gewerbegerichtsentscheids nur formeller Akt zur
äußerlichen Wahrung der Anternehmerhoheit gewesen, während materiell
der Vorschlag des Gewerbegerichts hinterher doch durchgeführt wurde.
Auch dadurch hat das Eingreifen des Gewerbegcrichts bei Kämpfen um
Lohn und Arbeitszeit sich als nützlich erwiesen, daß es die Feststellung be-
strittener Tatbestände erwirkt und so sowohl dem Gesetzgeber wie den
Interessenten und dem großen Publikum die Augen geöffnet hat.

Der stärkste Faktor, der den Anternehmer dem Weg ins Einigungs-
amt des Gewerbegerichts Geschmack abgewinnen läßt, war und ist freilich

ii 1



P
        <pb n="268" />
        ﻿das zunehmende Wachstum der gewerkschaftlichen Organisationen der
Arbeiter. Solange die Gewerkschaften Berlins insgesamt wenig mehr als
50000 Mitglieder zählten, d. h. bis gegen 1897/98, ward das Einigungsamt
nur ausnahmsweise von Unternehmern, auch dann fast nur von Unter-
nehmergruppen an gerufen, die keine sonderliche Macht repräsentierten. Mit
dem um die Jahrhundertwende einsetzenden Aufschwung der Gewerkschaften
aber wird auch die Tätigkeit des Einigungsamts eine lebhaftere und erfolg-
reichere. Es werden immer mehr Vereinbarungen erzielt und schließ-
lich auch mehr Schiedssprüche von beiden Parteien angenommen. Immer
mehr Tarifverträge werden vor dem Einigungsamt abgeschlossen. Von 1900
ab bis 1905 bewegt sich in Berlin die Mitgliederzahl der zentralisierten Ge-
werkschaften wie folgt: 94758, 93562, 108729, 134092, 174194, 224177.
And folgendes war nach dem statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin die
Tätigkeit des Berliner Gewerbegerichts als Einigungsamt in dieser Zeit:

Einigungsversuche	1900/01	1901/02	1902/03	1903/04	1904/05	1905/06
ohne Anrufung seitens der Beteiligten . . .	2	2	2	10	13	14
auf Anrufung von einer Seite		6	9	12	17	8	7
auf Anrufung von beiden Seiten		15	5	13	10	12	32

Insgesamt 23	16	27	37	32	53

Bei den 87 Kämpfen, wo beide Parteien das Einigungsamt anriefen,
war das Resultat der Vermittlung das folgende:

Vereinbarung erzielt.....................................56	Fälle

Schiedsspruch gefällt und von beiden Parteien angenommen 18	„

Schiedsspruch gefällt und nur von Arbeitern angenommen 3	„

Schiedsspruch gefällt und nur vonAnternehmern angenommen 1	„

Schiedsspruch gefällt und von beiden Parteien abgelehnt .	5	„

Kein Schiedsspruch gefällt..............................  4	„______

Zusammen 87 Fälle

Somit waren 85 Prozent der Vermittlungen positiv erfolgreich, was
als ein günstiges Resultat bezeichnet werden muß. In den Berichten der
Berliner Gewerkschaftskommission wird auch der vermittelnden Tätigkeit
des Einigungsamtes wiederholt anerkennend gedacht. Die Gewerkschaften
täuschen sich darüber nicht, daß das Einigungsamt allein ihnen keine
Verträge verschaffen kann, die das Papier wert wären, auf dem sie
geschrieben sind, sondern solche Verträge nur in dem Maße erwirken oder
festlegen kann, als leistungsfähige Organisationen der Arbeiter hinter
ihm stehen. Aber dieses Bewußtsein hindert sie nicht, den Nutzen dieser
Vermittlungsinstanz zu erkennen und auch öffentlich anzuerkennen. Obwohl
das Einigungsamt durchaus nicht einseitig die Sache der Arbeiter vertritt,
sondern sehr geneigt ist, den Darlegungen der Anternehmer über die
Bedürfnisse der gedeihlichen Fortführung ihrer Geschäfte Rechnung zu tragen,
kommt es nicht selten vor, daß Gewerkschaften die Forderung erheben, einen
Konflikt bezüglich der Lohnsätze, der Arbeitszeit und dergleichen vor dem
Einigungsamt zum Austrag zu bringen oder Abmachungen, die zwischen
einem Teil der Fabrikanten und Arbeiter des betreffenden Gewerbes vor
dem Einigungsamt getroffen sind, auf das ganze Gewerbe in Berlin zu
        <pb n="269" />
        ﻿Kandidaten-Liste	
de»	
Centtalverband der Handlungsgehülfen und Gehülfinnen Deutschlands.	
Bezirk Berlin.	
1. Willy Friedländer.	51. Eduard Mantau
2 Georg Oppel.	52. Ferdinand Hinz.
3. August Penn.	53. Carl Scheret.
4. Felix Guttmann.	64. Carl Schleks.
5. Theodor Wilde.	65. Isidor Sachs.
6. Theodor Rosenthal.	56. Paul Lewin.
7. Wilhelm Günsel.	57. Leopold Liepmann.
8. Hermann Lamme.	68. Adolf Jacobs.
9. Leopold Jacubowsli.	59. Max Horack.
10. Carl MoseS.	60. Richard Laupichlcr.
11. Wilhelm Hauschild.	61. Willy Schumann.
12. Otto Ränsch.	62. Ernst du Bosque.
13;. Edgar Nathan.	63. Gustav Jonas.
14. Paul Richter.	64. Hugo Wesiger.
15. Carl Breitingcr.	65. Gustav Kämmerer.
16. Oskar Völkel.	66. Georg Berg.
17. Jonas Stahl.	67. Salo Teichmann.
18. Martin Hirschfeld.	68. Traugott Carls.
19. Hermann Dicderich.	69. Philipp Bernstein.
20, Hermann Kirche	70. Willy Ponsong.
21. Siegfried Goldschmidt.	71. Gustav van Eck.
22. Max Hirsch.	72. Alex Lewin.
23. Max Gehrte.	73. Otto Brandt.
24. Philipp Denecke.	74. Clemens Naumann.
25. Ludwig Eloesser.	75. Georg Huebner.
26. Hugo Philippsohn.	76. Oskar Krenzlin.
27. Erich Richter.	77. Carl Ambroszkiewicz.
28. Max Stadthagen.	76. Ernst Landsberg.
29. Carl F. W. Müller.	79. Gustav Haraschta.
30. Max Palecki.	80. Gustav Wolfs.
31. Nathan Kahn.	81. Franz Liehr.
32. Clemens Tempel.	82 Engen Stiller.
83. Rudolf Schwarz.	83. Willy Liebe.
34. Berthold Lewin.	84. Albert Schlesinger.
35. Paul Mader.	85. Arthur Wachsen.
36. Kaspar Wenzel.	86. Hans Dölling.
37. Siegfried Marcnsson.	87. Eugen Tietz.
36. Gustav ElLner.	88. Nathan Jsraelsohn.
39. Otto Bombach.	89. Theodor Jungblnt.
40. Bruno Dahme.	90. Theodor Glocke.
41. Felix Koppel.	91. Oscar Sesse.
42. Paul Wüthe.	92. Albert Putlitz.
43. Isidor Borchardt.	93. Carl Lehniann.
44, Emil Hocke.	94. Georg Born,.
45. Max Hampel.	95. Heinrich Hahn.
46. Adolf Jnnscher.	96. August Michaelis
47. Wilhelni Dette.	97. Harry Bonn
■48. August Thor».	98. Wilhelm Pätzei.
49. Otto Meyer.	99. Bernhard Bruns.
50. «Idols Adler.	100. Eugen Ernst.

115. Kandidaten-Liste des Zentral - Verbandes der Äandlungsgehilfen und
Gehilfinnen Deutschlands
        <pb n="270" />
        ﻿256

übertragen. Das letztere war unter anderem der Fall beim großen
Kampf der Metalldrücker und Gürtler, der im Lerbst 1903 zur Aus-
sperrung von über 3000 Arbeitern führte. Im Jahresbericht des Berliner
Arbeitersekretariats für 1903 findet man auf Seite 74 und 75 eine Liste
von 15 in jenem Jahr vor dem Einigungsamt abgeschlossenen Verträgen,
darunter zwei beim Gericht deponierte Tarifverträge zwischen ganzen
Organisationen der Unternehmer und der Arbeiter. Von 53 im Jahre 1904 in
Berlin in Kraft befindlichen kollektiven Arbeitsverträgen waren 27, also gerade
die Lälfte, vor dem Einigungsamt abgeschlossen worden, und nur bei 10
von diesen war ein Streik vorausgegangen, 17 hatten ohne einen solchen
vermittelt werden können.

Eine bedeutungsvolle Arbeit, die eine vom Ausschuß des Berliner
Gewerbegerichts eingesetzte Kommission im Laufe des Jahres verrichtet hat,
war die Ausarbeitung der Grundzüge eines Gesetzentwurfs über die
Regelung des Akkord- (Geding-) Vertrages im Anschluß an
die Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches über den Dienst-
vertrag, mit besonderen Bestimmungen über den Gruppenakkord.
Die Arbeit, die im August 1906 durch einstimmige Annahme der Vorlage
der Kommission ihren Abschluß fand, interessierte begreiflicherweise die
Gewerkschaften, aus deren Reihen auch die Anregung zu ihr gekommen
war, in hohem Grade und wurde von ihnen durch Gutachten und Auskünfte
wesentlich unterstützt. Besonders erwähnt wird in dieser Hinsicht der
Aufsatz des Berliner Arbeitersekretärs Alwin Körsten „Ist Akkord-
arbeit Dienst- oder Werkvertrag?" Den Entwurf selbst findet man im
Bericht des Berliner Arbeitersekretariats für 1906. Ein Satz aus diesem
Jahresbericht betrifft das Gewerbegericht als Einigungsamt und lautet:

„Dem Berliner Gewerbegericht kann auch für das verflossene Jahr
das Anerkenntnis nicht versagt werden, daß es bestrebt war, bei
Einigungsverhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern die
ausgleichende Linie zu finden und in den meisten Fällen zwischen
den Parteien zufriedenstellende Resultate zu erzielen wußte."

Das konnte aber, wiederholen wir, das Gewerbegericht nur dank der
Löhe der Arbeiterorganisation. In allen seinen Betätigungen: als Rechts-
instanz, als Aussteller von Gutachten und als Vermittler oder Schieds-
richter in gewerblichen Konflikten ist es Zeuge für die Regsamkeit und
Kraft der Berliner Arbeiterbewegung.
        <pb n="271" />
        ﻿1!on links nach rechts: Schumann, Siering, Schade, Brückner, Link, Ritter, Körsten, Busse, Börner, Maaß, Ernst, Larkmann.

Der Ausschuß der Berliner Gewerkschafts-Kommission
        <pb n="272" />
        ﻿Neuntes Kapitel.

Die Gewerkschaftsbewegung Berlins.

a) Die Entwicklung der Gewerkschaften.

^U^ur langsam und unregelmäßig hatten sich unter dem Sozialistengesetz

1 die Gewerkschaften Berlins entwickeln können. Einem organisch sich
vollziehenden Aufbau und Ausbau standen die wechselnde Praxis
in der Handhabung des Ausnahmegesetzes durch die Behörden und die
Fußangeln des preußischen Vereinsgesetzes im Wege. Statt ihre Organi-
sationsform und den Ausbau ihres Wirkungsgebiets lediglich von den Be-
dürfnissen der Gewerkschaftsarbeit bestimmen zu lassen, mußten die Gewerk-
schaften sie in hohem Grade von Rücksichten abhängig machen, die mit
ersteren nichts direkt zu tun hatten, und blieben dadurch auch in bezug auf
Wachstum und Leistungsfähigkeit in größerer Abhängigkeit vom Wechsel
der Geschäftskonjunkturen, als es bei ungehemmter Entwicklung der Fall
gewesen wäre.

Immerhin hatteir sich noch unter dem Sozialistengesetz die Gewerkschaften
Berlins, wie im zweiten Band dieser Geschichte berichtet wurde, in der Streik-
Kontrollkommission eine Instanz für die Regelung gemeinsamer örtlicher
Angelegenheiten gewerkschaftlichen Charakters geschaffen (vergleiche Bd. ll
dieser Geschichte, Seite 327/328). Sie bestand unter diesem Namen bis
Ende 1892, wo sie, entsprechend den sich erweiternden Arbeiten der Kom-
mission, den Namen Berliner Gewerkschaftskommission erhielt,
den sie heute noch trägt. In den ersten Jahren arbeitete sie mit überaus
bescheidenen Mitteln und konnte daher nur summarische Abrechnungen ver-
öffentlichen. Die letzte dieser Abrechnungen bezieht sich auf die Zeit vom
14. Juli bis zum 27. Dezember 1892 und verzeichnet eine Einnahme von
3012 Mk. (wovon 980 Mk. Extrabeiträge für die Vertretung am Gewerbe-
gericht waren) und eine Ausgabe von 1718 Mk. Die beiden folgenden
Berichte rühren schon von der Gewerkschaftskommission her, der erste davon
für die Zeit vom 29. Dezember 1892 bis zum 7. August 1893. Nach ihm
betrugen die Einnahmen, abzüglich eines Vortrags von 1007 Mk., 4081,
die Ausgaben 3727 Mk. Allmählich hatten sich die Arbeiten der Kommission
so vermehrt, war namentlich das Bedürfnis der Arbeiter nach Auskunft
über die neuen Versicherungs- und Gewerbegesehe so gestiegen, daß sich nun
die Notwendigkeit der Einrichtung eines ständigen Bureaus der Kommission
immer dringender geltend machte. Sie ward nach eingehenden Debatten
Bernstein, Berliner Gechtchte. III.	17
        <pb n="273" />
        ﻿258

um die Jahreswende 1893/94, wo der Kommission 84 gewerkschaftliche Organi-
sationen angehörten, mit den Stimmen von 72 Organisationen gegen 4 ab-
lehnende Organisationen und 8 Enthaltungen beschlossen, und Anfang 1894
tritt das Berliner Gewerkschastsbureau ins Leben, das von Anfang
an die wesentlichen Aufgaben eines Arbeitersekretariats — Erteilung von
Auskunft an Arbeiter über Fragen des Arbeiterrechts — mit übernimmt. Der
erste Sekretär ist der Goldarbeiter Permann Faber, dem ein überwachender
Ausschuß der Kommission zur Seite stand, und das erste Bureau ist ein
bescheidenes Zimmer, Nosenstraße 28,1. Von nun ab haben wir Berichte
in Broschürenform, die erst noch halbjährlich, von 1897 aber als Jahresberichte
erscheinen und, mit kurzer Unterbrechung, von Jahr zu Jahr inhaltsreicher
ausfallen. Erst vom Jahre 1902 ab finden wir in diesen Berichten den
Namen „Arbeiter-Sekretariat Berlin", aber der Sache nach hatte
das Gewerkschaftsbureau lange vorher schon sich vollständig zu einem solchen
Institut ausgebildet. Es hatte mit der erwähnten Unterbrechung, die durch den
Wechsel in der Person des Sekretärs verursacht war, in seinen Berichten alle
diejenigen Informationen gegeben, die anderwärts die Sekretariate ver-
öffentlichten. Schon der Bericht für das zweite Halbjahr 1894 enthält
eine Gewerkschafts- und Arbeitsmarkt-Statistik, die zwar noch etwas urwüchsig
aussieht, aber doch nicht ohne Wert ist. Von jenem Jahre ab erst haben
wir einen Anhaltspunkt für die Entwicklung der Gesamtzahl der gewerk-
schaftlich organisierten Arbeiter Berlins. Für frühere Jahre ist diese Zahl
nicht mehr zu ermitteln, weil bei einer Anzahl von Fachvereinen ein
archivarisches Interesse noch gar nicht vorhanden war, die damaligen Ab-
rechnungen lückenhaft und oft undatiert sind. Sogar über die Tätigkeit und
das Finanzwesen der Gewerkschaftskommission selbst ist für die Zeit bis zum
Jahre 1894 nur sehr lückenhaftes Material vorhanden.

Wie es um die Gewerkschaftsbewegung Berlins in der ersten Hälfte
der neunziger Jahre vielfach noch bestellt war, ersieht man aus einer Be-
merkung im Bericht der Gewerkschaftskommission für das zweite Halbjahr
1894. Dieser Bericht bringt die erste Gewerkschaftsstatistik Berlins,
und im Kommentar dazu bemerkt er zur Begründung der Mängel der
Statistik, daß sich etliche Gewerkschaften der Mitwirkung an der Statistik wider-
setzt hätten, „weil das Anternehmertum aus der Kenntnis der Stärke der Ge-
werkschaften allein nur Vorteil ziehen könnte". Eine Motivierung, der man
überall dort, aber auch nur dort begegnet, ivo die Gewerkschaften noch
schwach an Mitgliedern und Finanzen sind. In der Tat weist die Statistik
denn auch für die 84 Gewerkschaften, von denen sie berichtet, nur 38 432
Mitglieder (37 022 männliche und 1410 weibliche Mitglieder) nach. Wenn
dabei nun auch diejenigen Vereine, die keine Angaben machten, unberücksichtigt
geblieben sind, so waren das doch eben Verbindungen, die entweder nur
mit unbedeutenden Zahlen aufwarten konnten oder zumeist mehr berufliche
Hilfsvereine als Gewerkschaften waren. Wir tun viel, wenn wir für die
wirkliche Gewerkschaftsbewegung die Zahl um insgesamt 5400 erhöhen und
so für Ende 1894 42 000 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter in Berlin
ansehen, neben etwa 1800 organisierten Arbeiterinnen. Es ist aber zu
bemerken, daß das Jahr 1894 den Anfang der Erholung von mehreren
Jahren sehr schlechten Geschäftsganges bildet, unter dessen Wirkung ver-
schiedene Gewerkschaften in den Jahren 1892 und 1893 stark an Mit-
        <pb n="274" />
        ﻿259

116. Skizzen von dem 1894 in Berlin tagenden internationalen Bergarbeiterkongreß

gliedern verloren hatten. Im Jahre 1890 war die Gesamtzahl unzweifel-
haft eine höhere gewesen, doch ist es nicht mehr möglich, sie genau zu
berechnen.

Die Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder Berlins hat sich gemäß
den Berichten der Gewerkschastskommission von 1894 ab wie folgt gestellt:

1894	....	38 432	Mitglieder 1897	....	59 975	Mitglieder

1895	....	49435	1898	. . . .	64799

1896	....—*)

Bis zu diesem Jahre figurieren in der Zusammenstellung auch noch die
Mitgliederzahlen der Berliner Organisationen der lokalistisch organisierten

*) Für das Jahr 1896, wo der Geheimbundsprozeß schwebte, liegt keine Zusammen-
stellung vor.

17»
        <pb n="275" />
        ﻿B;;'

-------------------------------------------------- --- - :____________________________________________________________________________________ ■

m





— 260 —

Gewerkschaften, da diese Vereine sich bis dahin in der Berliner Gewerk-
schaftskommission vertreten ließen. Indes hatten sich im Laufe der Jahre,
wie in der allgemeinen Gewerkschaftsbewegung, so auch in Berlin die
Gegensätze zwischen „Verbändlern" und „Lokalisten" immer mehr zugespitzt,
und als im Frühjahr 1898 auf einer Delegiertenversammlung der Gewerk-
schastskommission der Antrag des Vertreters der Buchdrucker Massini
Annahme fand, daß fortan die Organisationen das Recht haben sollten,
für jede 500 Mitglieder einen Delegierten bis zur Höchstzahl von sechs
Delegierten zu entsenden, nahmen dies die Anhänger der lokalistischen
Richtung sowie vorübergehend auch die örtliche Verbindung des zentralisti-
schen Verbandes der Schmiede zum Anlaß, aus der Gewerkschaftskommission
auszutreten, indem sie erklärten, durch den neuen Abstimmungsmodus wollten
die großen Gewerkschaften die kleinen „majorisieren". Ein wenig berechtigter
Vorwurf, denn die großen Gewerkschaften — es hatten die Buchdrucker 5000,
die Holzarbeiter 8300 und die Metallarbeiter über 13 000 Mitglieder —
blieben danach noch weit unter dem Verhältnis ihrer Stärke vertreten und konnten
von den 40 bis 50 Gewerkschaften, die unter 1000 Mitglieder hatten, immer
noch mit Leichtigkeit überstimmt werden. Richtig war nur, daß nach diesem
Modus die zentralistisch organisierten Maurer mehr Delegierte entsenden
konnten als die Maurer des lokalistischen Vereins und so gegebenenfalls in
einer Frage ihres Gewerbes mit größerem Gewicht als diese auftreten
konnten, denn sie zählten schon gegen 4000, jene aber nur 2500 Mitglieder. Da
nun der Lokalverein der Maurer die stärkste lokalistische Organisation Berlins
war, so ist es immerhin verständlich, daß die Annahme des neuen Ver-
tretungsmodus von den Angehörigen dieser Richtung als das Signal zum
Austritt aus der Kommission genommen wurde. Sie waren dort zum
Fremdkörper geworden.

Im ganzen figurieren in der Zusammenstellung für 1898 die lokalisti-
schen Gewerkschaften mit 5554 Mitgliedern. Zieht man diese Zahl von
der Gesamtzahl jenes Jahres ab, so bleiben für die zentralistisch organi-
sierten Gewerkschaften und die zu ihnen stehenden Vereine 59 245 Mit-
glieder. Von dieser Zahl aus ist die weitere Entwicklung mit der
Einschränkuitg zu werten, daß es die ganze Zeit über eine Anzahl
kleinerer Vereine gibt, die in den Berichten abwechselnd auftauchen
und wieder verschwinden. Die einen schließlich dauernd, weil sie sich
mit andern Organisationen verbunden haben oder in sie aufgegangen sind,
die andern immer nur zeitweise, weil sie tritt ihren Berichten usw. im
Rückstand sind.

Anter Berücksichtigung dieser Schwankungen, die indes in keinem Jahr
nennenswerte Ausfälle verursachen, haben wir die folgende Zusammen-
stellung für die Entwicklung der Zahl der in der Berliner Gewerkschafts-
kommission von 1898 ab vertretenen Gewerkschaften und die Gesamtzahl
ihrer Mitglieder zu lesen. Es gehörten der Kommission an und erstatteten
rechtzeitig Bericht:

1898	............. 82 Organisationen mit 59 245 Mitgliedern

1899	........... "

1900	...........

1901	...........

1902	...........

62		„	70 723
69		„	94 758
73		„	93 562
65	„	„ 108 729
        <pb n="276" />
        ﻿117. Vorderansicht des Berliner Gewerkschaftshauses

1903	............. 70 Organisationen mit 134 897 Mitgliedern

1904	............. 73	„	„ 174194

1905	............. 80	„	„ 224 297

Ein Bild wahrhaft glänzenden Aufstiegs. Er übertrifft den in der
gleichen Zeit vor sich gegangenen Zuwachs der Arbeiterschaft Berlins um
ein Bedeutendes. Der letztere belief sich in den der Gewerbeinspektion
unterstehenden Betrieben von Berlin mit Charlottenburg, Schöneberg und
Nixdorf auf etwa 50 Proz., nämlich von rund 190 000 auf rund 286 000,
während wir hier einen Zuwachs von nahezu 280 Proz. oder auf das
Vierfache vor uns haben.

Nur einmal stoßen wir in der Tabelle auf eine Unterbrechung der
Aufwärtsbewegung. Es ist dies beim Jahr 1901, das Jahr eines neuen
Geschäftsdrucks. Aber obwohl der Stillstand der Geschäfte mit großer
Schärfe einsetzte und starke Arbeitslosigkeit im Gefolge hatte, ist der Rück-
gang der Mitgliederzahl der Gewerkschaften diesmal im Gegensatz zu
1892/93 fast verschwindend, kaum IVa Proz. And trotzdem der Geschäfts-
        <pb n="277" />
        ﻿druck im nächsten Jahre noch andauerte, bringt dieses — 1902 — schon
einen neuen Aufschwung von über 15 Proz. Das zeigt, welche innere
Festigkeit die Bewegung mittlerweile gewonnen hatte. Nach überwundener
Geschäftsstockung erfolgt dann der fast beispiellose Aufschwung, der in drei
Jahren die Mitgliederzahl gegenüber 1902 mehr als verdoppelt.

Den Entwicklungsgang der Gewerkschaften Berlins, Organisation für
Organisation, mit Bezug auf Kampf und Ausbau im Einzelnen zu ver-
folgen, überschreitet die Aufgabe dieses Buches. Es wird das von anderer
Seite in die Land genommen werden und jedenfalls ein stattliches Werk
abgeben. Ans sollen in besonderen Kapiteln einige wenige jener gewerk-
schaftlichen Kämpfe Berlins beschäftigen, die über den Nahmen des gerade
betroffenen Gewerbes hinaus die Geister stärker in Anspruch nahmen.

Anter einem Gesichtspunkt jedoch haben auch die einzelnen Organisa-
tionen hier auf Erwähnung Anspruch. Es betrifft das ihre Entwicklung
in bezug auf die Ziffern ihrer Mitglieder in der Zeit von 1894, dem Jahr
des ersten umfassenden Berichts der Gewerkschaftskommission, bis zum Endjahr
unserer Periode. Es ist diese Gegenüberstellung keine ganz einfache Sache,
da in der Zwischenzeit sich mancherlei Veränderungen in den Organisationen
vollzogen haben. Die bedeutsamen technischen Amwälzungen in der Industrie
konnten das Verhältnis der einzelnen Industriebranchen zueinander nicht
unberührt lassen. Führten sie in einem Fall zu Verschmelzungen, so im
andern zu Differenzierungen, es entstehen Berufe mit ganz neuen Be-
nennungen. Auch haben die Grundsätze, nach denen die Statistik der Ge-
werkschaftskommission angefertigt wird, im Laufe der Zeit wesentliche
Änderungen erfahren. Zu Anfang wird der Hauptwerk auf Vollständigkeit
in der Aufzählung der bestehenden Vereine gelegt und werden auch eine
Anzahl Vereine erwähnt, die der Gewerkschaftskommission nicht angehören.
Später aber verzeichnen die Berichte nur die der Gewerkschaftskommission
angeschlossenen Organisationen und gehen dafür von 1902 ab um so genauer
auf deren Verwaltung in Einnahmen und Ausgaben ein. Am letzteres
gleich vorweg zu nehmen, so zeigen uns die Totalsummen von Einnahmen
und Ausgaben in den vier Jahren von 1902 bis 1905 folgendes Bild:

Gesamt-Einnahme	Gesamt-Ausgabe

der in der Gewerkschaftskommission vertretenen Berliner Gewerkschaften

1902	........... 2	447	163	Mark	1902	.......... 2345956 Mark

1903	........... 3	328	603	„	1903	.......... 3 288 278	„

1904	........... 4	852	225	„	1904	.......... 4 879456

1905	........... 6	548	788	„	1905	.......... 5 998 079

In dieser Zeit war die Zahl der Mitglieder von 108 729 auf 224 279
oder um 106 Proz. gestiegen, die Steigerung der Einnahmen aber macht
168 Proz. aus. Dies läßt erkennen, daß in diesen wenigen Jahren eine
wesentliche Erhöhung der Beiträge vor sich gegangen ist. 1902 kommt eine
Iahresleisttrng von21'/gMk. auf das Mitglied, 1905 eine solche von über
29 Mk. Auch dies bezeugt die zunehmende Festigkeit der Bewegung.

In bezug auf die Organisation der einzelnen Gewerbe hat der in
seiner Art sehr sorgfältig ausgearbeitete Bericht von 1894 eine Einteilung
der Gewerbe in acht große Gruppen verwandter Industrien vorgenommen.
        <pb n="278" />
        ﻿263

CBewerhschafts-^Cartelt für D erlin u. Umgegend

Bureau:

Berlin C.--, Dragonerstrasse 15, Rot

# Cclepbott: Jiml III. Ns. 502». #

Berlin, den...

6----

LJ 90.



Herrn-.

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“ "	,-^sAC-^





118. Aktenstücke aus dem Kampf zwischen den Lokalisten und dem Zentralverband

jede davon besonders vorgeführt und dann erst die Summen der Gruppen
zusammengestellt, während die späteren Berichte die einzelnen Gewerbe ein-
fach nach dem Alphabet aneinanderreihen. Letzteres gibt jedoch eine so große
Tabelle, daß es mir für die hier zu gebende Vergleichsstatistik zweckmäßig
erscheint, zur ursprünglichen Einteilung zurückzukehren. Dagegen ist darin
ein Prinzip der neueren Zusammenstellungen beibehalten worden: es sind
bei diesen Vergleichen nur Organisationen berücksichtigt worden, die der
Gewerkschaftskommission angehören. Was von anderen Organisationen
einige Bedeutung hat oder gehabt hat, die lokalistischen Interessenvereine
und die Äirschschen Gewerkvereine, findet sich an anderer Stelle berücksichtigt.
Die sonst noch bestehenden „wilden" Vereine beruflichen Charakters können
kaum der Arbeiterbewegung, geschweige denn der Gewerkschaftsbewegung
zugerechnet werden, sondern sind meist Äilfs- und Geselligkeitsvereinigungen
        <pb n="279" />
        ﻿

farblosen Charakters,
manchen Fällen könnte man
auch sagen charakterloser
Färbung. Die bloße Tat-
sache, daß ein Verein aus
Arbeitern zusammengesetzt
ist, macht ihn noch nicht zum
Glied der Arbeiterbewegung.
Indes sind auch fast alle diese
Vereine hinsichtlich der Mit-
gliederzahl unbedeutend.

Zn bezug auf die nun
folgenden Tabellen ist noch
folgendes zu bemerken. Iin
Jahre 1894 standen viele
Fachvereine im Verband der
Gewerkschaftskommission,für
die es entweder überhaupt
noch keinen Zentralverband
gab oder die der Zentrali-
sation aus irgendeinem
Grunde noch nicht beitreten
mochten, es aber später doch
taten. Bei all diesen Ver-
einen ist in Klammern ver-
merkt: „1894 Verein". Wo
der Vermerk nicht steht,
handelt es sich schon 1894 um Ortsabteilungen von Verbänden. Die Ver-
schmelzung von Fachvereinen mit großen Industricverbändcn ist in anderer
Weise kenntlich gemacht. Ebenso findet man bei vier Vereinen vermerkt,
daß sie noch 189ö nur erst lokalen Charakter hatten. Berufe, deren Organi-
sationen erst nach 1894 der Gewerkschaftskommission beigetreten sind oder
erst nach diesem Jahr sich verselbständigt haben, werden in jeder Abteilung
besonders verzeichnet.

And nun zum Vergleichsbild. Bemerkt sei hierbei, daß, wo keine be-
sondere Bezeichnung angegeben ist, es sich um die Berliner Ortsstellen der-
jenigen Gewerkschaften handelt, die der Generalkommission der deutschen
Gewerkschaften angeschlossen sind.

I.	Gruppe: Nahrungs- und Genußmittel.

Mitglieder in Berlin

Bei den Verhandlungen, die durch den .Parieivorstand Cffffnlafct find. jmb
«tmvesend:	.

1. Vartei-Dorstimdr

L. Bebel, W. Psannkuch, P. Singer. Öt rl|&lt;$.

2. GewerksHaftökourmisslp«:

G. Link. tz. «übe, y. Silberschmidt, Wilh. Börner, A. Pansek. JbhN&gt;
M. Lother. Leo Schmidt, O. Böttcher. H. Kunz«, Rob. ZriSke.

2. GewerkfchastSkartell:

Danncnbergrr, Plepenhagen. A. Kleinlein, Earl rhieme, Äar Httüsstk,
Dt. Be-rndl, Zonny Hinrichsen. I. Uessem. ’&lt;S. Reuter. 91. Kunisch.

«. Pleiter.

Die Konferenz wird um !»/- Uhr vom Genossen Psannkuch mit einigen Dili'
«Heilungen über die Geschäftshandlung in der Sitzung und mit dem Hinweis, daß über
die Verhandlungen ein Protokoll aufgenommen werden soll, eröffnet.

AIS Protokollant wird Genosse Slröhlinger In Vorschlag gebracht. Di-
Ronserenstheilnehmer erklären sich hiermit einverstanden.

Die Verhandlung einleitend, schildert Psannkuch die Slothwendigkeit der gegen-
seitigen Einigung und führt an, daß schon da« Vorgehen der Unternehmer, d,e sich
in großen Zentralorganisationen vereinig« haben, .einen engen Zusammenschluß der
Arbeiter ersordert, da nur durch eine einheitliche Organisation die wirlhschaftlichen
Interessen der Arbeiterschaft dem Unternehmerthum gegenüber nachdrücklichst vertreten
werden können. Der Gedanke der Zentralisation sei ja auch auf beiden Seiten vor»
Handen, so daß eS sich eigentlich mir um di, Form derselben handelt. Die En,.
Wickelung der Verbände. Redner verweist namentlich aus den Zinnnerer-Verband.
haben zur Genüge bewiesen, daß die gehegten Befürchtungen, diese Organisationen
würden die gewerkschaftlich, Bewegung aus ein anderes Gebiet bringen und die
Arbeiterschaft, von der sozialdemokratischen Partei abwende,^ durchaus nicht eingetroffen
sind. Dem, Thatsache ist. daß nach wie vor die gewerkschastlrche Bewegmu, mit der
politischen völlig ein« ist. Der ReutralitätSgedanke, wie er and) eine Zeitlang iw
Berlin propagir«. und ;»var nicht immer im Sinne derer, von denen er zuerst an-
geregt war. hat auch nicht dazu geführt, de» Geist dezw de» Klassencharakter der

119. Erste Seite des Protokolls über die
Einigungs-Verhandlungen
        <pb n="280" />
        ﻿120. Aktenstücke aus dem Kampf zwischen den Lokalisten und dem Zentralverband
        <pb n="281" />
        ﻿— 266 —

II. Gruppe: Lande!, Verkehr und Bedienung.

Mitglieder in Berlin

1894	1905

1.	Barbiere und Friseure................................. 40	552

2.	Droschkenführer (noch 1895 Verein).................. 1034	2619

3.	Gastwirtsgehilfen (1894 Verein)...................... 700	936

4.	Landels- und Transportarbeiter................. 1632	17	181

5.	Bnreauangestellte...............................  .	143_______287_

3 549	21 575

Nach 1894 beigetreten oder verselbständigt:

6.	Landlungsgehilfen (1896 als freie Vereinigung der

Kaufleute).......................................   367	1524

7.	Kassenbeamte (1894).................................. 137	520

8.	Lagerhalter (1901).................................... 59	56

9.	Lausdiener (noch 1905 Verein)................... —	7	000

10.	Lafenarbeiter (1900)................................. 33	532

11.	Straßenbahner (1902)............................ .	1011	1	137

Insgesamt .	5156	32	344

III.	Gruppe: Baugewerbe und Verwandtes.

1.	Maurer, Zentralverband......................... 850	18	580

2.	Zimmerer, Verband.............................. 200	4	413

3.	Töpfer (1894 Verein)........................... 948	2	440

4.	Bauhilfsarbeiter (1894 Verein)................. 200	7	405

5.	Dachdecker........................................... 130	661

6.	Maler usw....................................... 80	5	073

7.	Glaser............................................... 100	927

8.	Stukkateure (1894 Verein)...................... 125	1	257

9.	Steinsetzer.......................................... 232	613

10.	Steinmetzen....................................  .	300_______487_

3 165	41	856

Nach 1894 beigetreten oder verselbständigt:

11.	Marmorarbeiter (1897)................................ 75	240

12.	Rammer (1900)....................................... 350	423

13.	Asphalteure (1901).............................  ■	250	220

Insgesamt .	3 840	42	739

IV. Gruppe: Metallgewerbe.

1.	Bau-Anschläger (1897 Verein)....................

2.	Chirurgische Instrumente (1897 Verein)..........

3.	Klempner (1897 Verein)..........................

4.	Firmenschildarbeiter (1897 Verein)..............

5.	Zinkgießer (1897 Verein)........................

6.	Gold- und Silberarbeiter........................

7.	Metallarbeiter (Verein).........................

8.	„ (deutscher Verband).....................

9. Graveure und Ziseleure (1897 Verein)

10.	Maschinisten und Leizer (1897 Verein)

11.	Kupferschmiede......................

12.	Schmiede............................

500
250
450
40
45
270
5 000
1223

t* t*

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2 « t*

7 778	57	473

160	714

640	1	700

200	575

184	3	330

Insgesamt . 8 922

63 792
        <pb n="282" />
        ﻿267

V. Gruppe: Lolzarbeiter.

Mitglieder in Berlin

1894

1.	Bildhauer............................................. 700

2.	Böttcher ............................................. 400

3.	Lolzbearbeitungsmaschinen-Arbeiter (1900)	....	1 100

4.	Stockarbeiter (1894 Verein)............................ 90

5.	Korbmacher............................................. 71

6.	Möbelpolierer (1894 Verein)........................... 400

7.	Kistenmacher (1894 Verein)............................ 230

8.	Einsetzer (1894 Verein)............................... 240

9.	Lolzzurichter......................................... 304

10.	Bilderrahmenmacher (1894 Verein)....................... 65

11.	Knopfarbeiter (1894 Verein)............................ 70

12.	Stellmacher (1894 Verein).............................. 45

13.	Lolz- und Bretterträger (1894	Verein)................. 105

14.	Vergolder............................................. 600

15.	Musikinstrumentenmacher............................... 800

16.	Lolzarbeiterverband (1894: 2800 Tischler, 96 Bürsten-

und Kammacher, 178 Drechsler).................. . 3 074

Insgesamt .	8 294

1905

1275

466

1728

e
s 4

jo a
£.«

: &lt;9

©

22 060
25 529

VI.	Gruppe: Bekleidung, Stoffe- und Lederverarbeitung.

1.	Landschuhmacher....................................

2.	Lutmacher..........................................

3.	Kürschner..........................................

4.	Lederarbeiter (Weißgerber).........................

5.	Lederzurichter (Lohgerber).........................

6.	Portefeuille- und Lederwarenarbeiter...............

7.	Sattler............................................

8.	Schneider..........................................

9.	Schuhfabrikarbeiter (1894 Verein)....................

10.	Filzschuh- und Pantoffelarbeiter (1894 Verein). . .

11.	Schuhmacher.......................................

12.	Tapezierer........................................

13.	Textilarbeiter (Färber, Posamentierer, Weber u. Wirker

14.	Wäsche-Arbeiter.................................._■_

Nach 1894 beigetreten:

15.	Zuschneider (1905 noch Verein)................_.__■_

Insgesamt .

90	178
830	819
88	129
351	790
100	252
250	630
150	2 067
550	5 000
385)	1895 Im Deut-
207	scheu Schuhni.- Verband
403)	1944
280	1521
786	1554
80	4 000

18 884

170

4 550	19 054

VII.	Gruppe: Graphische Gewerbe, Buch- und Papierindustrie.

1.	Buchbinder, Album- usw. Fabrikation................... 1	150	5	471

2.	Buchdrucker........................................... 3	000	8	689

3.	Buchdruckereihilfsarbeiter........................ 404	2 753

4.	Schriftgießer..................................... 299	548

5.	Formstecher....................................... 55	62

6.	Lithographen, Steindrucker usw.................... 850	3 136

7.	Xylographen ....................................... ■	121________

5 879	20	814

Nach 1894 beigetreten:

8.	Photographen (1904)................................ ■	210________290

Insgesamt .	6	089	21	104
        <pb n="283" />
        ﻿VIII.	Gruppe: Verschiedene Gewerbe.

Mitglieder in Berlin

!. Fabrik- und .Hilfsarbeiter................................. 853

2.	Glasarbeiter............................................... 237

3.	Glasschleifer .............................................. 84

4.	Porzellanarbeiter.......................................... 140

5.	Musiker............................................... ■	280

Nach 1894 beigetreten oder verselbständigt:

6.	Städtische Arbeiter &lt;1897)............................. 250

7.	Technisches Bühnenpersonal (1900) .................... •	180

1905
3 612
310
398
215
227

5 455
120

Insgesamt

10 337

Es sind somit im ganzen 90 Vereinigungen teils vor und teils nach
1894 als selbständige Verbindungen der Gewerkschaftskommission beigetreten,
für deren Berufe wir 1905 80 Organisationen aufgeführt finden. Eine
Zusammenstellung der Endsummen der acht Gruppen mag das Bild für
den Vergleich etwas anschaulicher machen.

	Wiederholung.			
Es hatten Mitglieder:	1894	1905	Zunahme: Absolut	Prozent	
Gruppe I		2199	8178	+	5 979	271,8
„	II		3 549	32 344	+ 28 795	811,4
„ III		3165	42 739	+ 39 574	1 250,4
„ IV		8 922	63 792	+ 54 870	715,0
„ V		8294	25 529	+ 17 235	207,8
„ VI		4 550	19 054	+ 14 504	318,8
„ VII		5 879	21 104	+ 15 225	259,0
.. VIII		1 594	10 337	+	8 743	548,5
Insgesamt .	38152	223 077	+ 184 925	484,7

Die Endsummen weichen hier etwas von den weiter oben (Seite 259/261&gt;
für die beiden Jahre gegebenen Gesamtzahlen ab, eine Folge des Llmstandes,
daß die Zahlen für die lokalorganisierten Vereine aus dieser Zusammen-
stellung fortgelassen sind.

Eine Vergleichung der Gruppen zeigt uns den verhältnismäßig stärksten
Zuwachs in der Gruppe III: Lande! und Verkehr, wo die Zahl der
organisierten Arbeiter in den elf Jahren um mehr als das Zwölfsache
gestiegen ist. Es ist die Organisation der Landels- und Transport-
arbeiter, die den größten Anteil an diesem Aufschwung geliefert hat.
Llm das Achtfache vermehrt sehen wir die Organisierten des Bau-
gewerbes, wo dem Prozentsatz nach die Maler, der absoluten Zahl
nach dagegen die Maurer die größte Zunahme ausweisen. In der Reihe
der Gruppen folgte der relativen Steigerung nach nun die Metallindustrie
(Gruppe IV) mit einer Zunahme um das Siebenfache. Sie steht aber
in bezug auf das absolute Wachstum mit einer Zunahme um rund
55 000 Organisierte an der Spitze der Gewerkschaftsarmee, von der sie
allein mehr als den vierten Teil umfaßt. Der Siegeslauf der Maschine
und der Metallverwendung ist es, von dem diese Gruppe zu erzählen weiß.
Gemäß dem relativen Wachstum folgen nun der Reihe nach Gruppe VII!:
        <pb n="284" />
        ﻿An die Arbeiter Berlins und Umgegend.

Achtung! chewervegerichtSWLhl!

Ohne all« Aufregung haben sich feit dem Bestehen der Gewerbe-
gerichte in Berlin die Wahlen zu denselben vollzogen. Dieser Zustand
soll nun, so will eS daS lokalistische GewerkschastS« Kartell, sein
Ende sinden; diesmal gibt cs Kämpft

In dem Organ d«r lolalistischen Sonderbündler, der „Einigkeit",
Nr. 4V vom 8. Oktober d. I., von welchen ein Sonderabdruck, auch
ein Flugblatt erscheint, wird die Kampfparolc de.S Kartells gegen
die in der Berliner Gewerkschafts-Kommission vereinigte zentralisierte
Arbeiterschaft ausgegeben. Das Kartell hat neun eigne Kandidaten
für die Gewerbegerichts-Wahlen aufgestellt und präsentiert diese den
Wählern in alle» 16 Wahlbezirken. Dies geschieht in der stillen
Hoffnung, daß in dem einen oder anderen Bezirk durch laue Wahl-
beteiligung der zentralorganifierten Gewcikschaftler ein Sieg der
lokalistischen Kandidaten nicht ausgeschlossen ist. Die große Maffe
der Berliner Arbeiterschaft soll also, so gut als cs geht, von
drn Anhängern des Kartells überrumpelt werden. Aus diesem
einzigen Grunde erscheint auch der Kampfescufruf der Lokakisten knapp
acht Tage vor dem Stattsinden der Wahl.

In letzter Stunde

wird also seitens der Sonderbündler versucht, den nicht eingeweihten
Massen plausibel zu machen, daß die GewerkschaftS-Kommission eö fci&gt;
die den Kampf heraufbeschworen habe. Einen Abwehrkampf wollen
die Lokalistrn a»S ihrem Angriff machen. Der Spieß soll wieder
einmal umgedreht werden. Der Gewerkschafts-Kommission und den
von ihr vertretenen Gewerlschaften ist-eS gar nicht eingefallen. Streit
vom Zaune zu brechen; es fehlt ihr wirklich alle Veranlagung zur
berufsmäßigen Krakehlerei; es fehlt ihr aber auch dir Lust, den
Gegnern da» amüsante Schauspiel zu bieten, wie organisierte
Arbeiter sich gegenseitig zerfleischen. Das war. von jeher nur
das Prinzist der Sonderbündler, das Um und Auf alles dessen,
was diese m sichtlicher Verwechslung der Begriffe „Klassenkamps"
nennen. Und ^un stellen sich diese. Friedensstörer aus Prinzip, der
Berliner Arbeiterschaft in der Toga der Märtyrer vor; sie schreien
über Vergewaltigung und wollen dadurch daS Mitleid erregen; sie
betteln um Pardon, um später aus gesichertem Hinterhalt ihre giftigen
Pfeile der zentralorganisierten Arbeiterschaft in den Rücken senden,
diese ob ihrer Leichtgläubigkeit und ihres guten Herzens auSgiebig
verspotten zu können.

Warum ist eS denn der Gewerkschafts-Kommission und den zentralen
Gewerkschaften zur Unmöglichkeit geworden, bei den Gewerbegerichts-
Wahlen mit den Lokalisten, mit deren Kartell Hand in Hand zu
gehen? Ter tausend gewichtige, weite und tiefe Gründe find es,
die dazu zwangen — zwangen mit eherner Notwendigkeit, wollte
nicht die Majorität der Minorität stetiger gehorsamer Diener sein.

„Wie entstand der Konflikt?" fragt die lokalistische „Einigkeit"
und antwortet selber darauf:

„B'.S zum Jahre 1699 arbeiteten beide Richtungen durch ihre
Delegierten gemeinsam innerhalb der Kommission friedlich neben-
einander. Die in demselben Jahre erforderliche Anstellung eines
zweiten Beamten gab Aufschluß über die näheren Kassenverhältnisse,
wobei sich herausstellte, daß die großen Gewerkschaften geringer ein-
geschätzt waren als kleinere. Die Beiträge sollten nun prozentual
verteilt werde«, dafür verlangten die großen Zentralverbände einen
neuen Abstimmungsmodus; sie erklärten, für die hohen Beiträge ein
größeres Stimmrecht zu beanspruchen und drohten mit sofortigem
Austritt, wenn ihrem Wunsche nicht Rechnung getragen würde.

Folgender Antrag, der in namentlicher Abstimmung Annahme
fand, lautete: „Jede Gruppe bis zu 1500 Mitgliedern hat eine
Stimme, bis zu 3000 Mitgliedern zwei Stimmen und über 3000 Mit.
gliedern drei Stimmen."

Dieser Antrag wurde in der nächsten'Versammlung mit der
Motivierung, derselbe bedeute einen Verstoß gegen die Zentrali-
sation, von neuem zur Debatte gestellt und ein anderer, drn großen
Verbänden genehmerer Antrag angenommen, welcher lautete: „Gewerk-
schaften bi« zu 500 Mitgliedern senden 1 Delegierten, bis zu
1000 Mitgliedern senden 3 Delegierte in die Kommission. Größeren
Gewerlschaften ist es gestattet, sich dem vorstehenden gemäß ihrer
Stärke nach vertreten zu lassen, jedoch nicht mit mehr denn 6 Dele-
gierte pro Gewerkschaft."

Dieser Antrag bedeutete eine Erdrosselung der kleineren
Gewerkschaften und war darauf berechnet, sie mundtot zu machen.

Dieses undemokratische Verhalten von Berliner Arbciler-
vertretern veranlaßte un«, die Berliner Gewerkschafts-Kommission zu
verlassen, nachdem man dir zum letzten Augenblick gehofft, daß das
demokratische Prinzip gewahrt bleiben würde.

Nach diesem Vorgang traten die Vertreter von 35 Organi-
sationen mit 10 356 Mitgliedern zusammen und gründeten das
„Gewerkschafts-Kartell ftir Berlin und Umgegend".

Hier ist der sonnenklare Beweis erbracht, daß die Leute im Kartell
gar nicht wissen, waS Demokratie ist. Der kleine Verein der Kleber
mit seinen 25, oder der der Töpfer mit seinen 30 Mitglicderu,
sollte daS glrichgcwichtigr Stimmrecht in der Kommission haben, wie
der 40 000 Mitglieder zählende Metallarbeiter-Verband, dann würde
nach Ansicht der Lokalisten „daS demokratische Prinzip" gewahrt ge-
blieben sein. Nun würde man aber mit Recht einen Mathematiker,
der behaupten wollte, daß

25 — 40 000

sei, in« NarrenhauS sperren. Wenn das Prinzip der Gleichheit ge-
wahrt bleiben sollte, dann müßten die Metallarbeiter so viel Vertreter
in der Kommission beanspruchen können, als die Zahl 35 in der
Zahl 40 000 enthalten ist. Ein A-B-C-Schütze der achten Klasse
lann daö Exempel richtig ausrechnen, die lokalistischen Führer können
eS anscheinend nicht.

Weil das Prinzip der Gleichheit und der Demokratie in der
Kommission der Verwirklichung, um eine Sekundenbreite näher geführt,
weil der Minorität die Herrschaft über die Majorität um tausendste!
Bruchteile gemindert wurde, deshalb ~ es ist Wahnsinn und doch
Wahrheit — sollte dasselbe Prinzip in ellatanter Weise verletzt sein. —

Arüeitrr, die Ihr folgerichtig, logisch denken könnt,
urteilet selbst!

Die Lolalisten sind nur gegangen, weil sich die Zentraliiteu
deren HerrschaftSgelüsttn nicht auf Gnade und Ungnade fügen wollten.
Die Sonderbündler sind es also, die gewollt den Streit herauf-
beschworen haben. Sie sind eS einzig und allein gewesen, die die
Steine zum Aufbau der Mauer herüeigetragrn, die daS Bollwerk selbst
errichtet haben, daS jetzt die beiden Richtungen scheidet.

Allüberall, wenn sich Gelegenheit bot und auch wenn sich keine
bot, wurden die Zentralverbände und deren Einrichtungen seitens der
Lokalisten bekämpf!, beschmutzt, verleumdet. Mit allen Mitteln wurde
daran gearbeitet, die Verbände zu. sprengen, ihnen Mitglieder abzu-
treiben, ihre Taktik in den Augen der Ocffentlichkcit als geinein-
schädlich hinzustellen.

Am 31. Januar 1903 schrieb die „Einigkeit", das offizielle
Orgau der Sonderbündler:

121. Erste Seite eines Flugblattes mit der Antwort der Gewerkschaftskommission

an die Sonderbündler
        <pb n="285" />
        ﻿270

Verschiedene Gewerbe, Gruppe VI: Bekleidung und Stoffe,
Gruppe I: Nahrungs- nnd Genußmittel, Gruppe VII: Papier und
graphische Gewerbe und zuletzt Gruppe V: Holzindustrie, die indes
in der Reihenfolge gemäß der Zahl der Neugewonnenen an vierter Stelle
steht. Der Verwendung des Lolzes in der Industrie stehen in der Neu-
zeit zwei Rivalen gegenüber, die ihm Gebiete streitig machen: von der einen
Seite her das Eisen, von der andern die aus Mörtel, Fasern und Spänen prä-
parierte „Masse". So zeigt uns denn auch die Berufszählung von 1907
sehr viel stärkere Vermehrung der in der Metallindustrie, der Papierindustrie
und der chemischen Industrie beschäftigten Personen, als wir sie in der
Holzindustrie finden. Immerhin übersteigt auch in dieser letzteren der Zu-
wachs den allgemeinen Durchschnitt. Gemäß der Zahl ihrer Mitglieder
folgten sich die Gruppen im Jahre 1905 in nachstehender Ordnung: Metall-
gewerbe, Baugewerbe, Lande! und Verkehr, Lolzindustrie, Bekleidungs-
gewerbe, Graphische Gewerbe, Verschiedene Gewerbe, Gewerbe der
Nahrungs- und Genußmittel.

b) Aus der Tätigkeit der Gewerkschaften.

Wenden wir uns nun der Betätigung der Gewerkschaften zu, so stehen,
neben den Kämpfen für Sicherung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen
im engeren Sinne — Lohnhöhe, Lohnberechnung und Arbeitszeit — die
Demokratisierung der Arbeitsvermittlung und die Sorge für die Be-
schäftigungslosen mit an erster Stelle ihrer Aufgaben. Wo die Arbeits-
vermittlung in den Länden der Privatunternehmung ist oder von den
Anternehmern monopolisiert wird, ist das Arbeitsverhältnis halbe Sklaverei,
die Arbeitssuche, schon bei der „Umschau" peinlich genug, mit Entwürdigungen
aller Art verbunden. And alles das steigert sich noch zu unerträglichen
Zuständen und schlimmstem Druck auf die Arbeitsbedingungen, sobald der
Arbeitsmarkt mit Beschäftigungslosen überfüllt ist und bittere Not die
Beschäftigungslosen zwingt, ihre Arbeitskraft um jeden Preis zu verkaufen.
Die Organisierung von Arbeitsnachweisen wird daher von den Gewerk-
schaften bald als ein wichtiger Zweig ihres Aufgabengebiets begriffen und,
sobald sie nur einigermaßen Boden unter den Füßen fühlen, mit Eifer-
betrieben.

Zwar gab es in Berlin schon seit 1883 einen von bürgerlicher Seite
— dem „Zentralverein für Arbeitsnachweis" — eingerichteten „Allgemeinen
Arbeitsnachweis", der indes weder das Vertrauen der kämpfenden Arbeiter-
schaft zu erwerben vermochte, noch über hiitreichende Mittel verfügte, seinen
Betrieb ausreichend zu gestalten. Von der zweiten Lälfte der achtziger
Jahre an geht daher eine Gewerkschaft nach der andern dazu über, sich
ihre eigenen Arbeitsnachweise einzurichten. Die Statistik des Gewerkschafts-
bureatis von 1894 stellt fest, daß in jenem Jahre in Berlin 62 Gewerk-
schaften zusammen 86 Arbeitsnachweise hatten, wozu noch drei von Lirsch-
schen Gewerkvereinen eingerichtete Nachweise kamen. Von Anternehmern
tvaren 32 Innungsnachweise und 20 andere Nachweise eingerichtet, neben
380 privaten Stellenvermittlungsbureaus und dem vorertvähnten Zentral-
Arbeitsnachweis. Der Bericht verwahrt sich dagegen, diesen letzteren mit
den ausbeuterischen Stellenvermittlungsgeschäftcn zusammenzuwerfen, erklärt
        <pb n="286" />
        ﻿271

Normal-Statut

die Bildung von Curatorien für
Faeharbeitsnachweise.

s &gt;.

Zur Verwaltung und Beaufsichtigung des Facbarbeitsuach-

Weises für das ..................Gewerbe wird ein Curatorium

gebildet. Dasselbe besteht aus je 4 Vertretern der Arbeitgeber
und Arbeitnehmer, sowie je 4 Ersatzmännern und 2 Mitgliedern
des Vorstandes des Central-Vereins für Arbeitsnachweis, welche
als Vorsitzender bezw. stellvertretender Vorsitzender fungieren.

§• 2.

Die Vertreter der Arbeitgeber und deren Ersatzmänner werden

vom Vorstände der Innung (bezw. ................... Vereine oder

ähnlichen Arbeitgeber-Vereinigungen! gewählt.*) — Die Ver-
treter der Arbeitnehmer und deren Ersatzmänner werden von den
dem Ausschüsse des Gewerbegerichts ungehörigen Arbeitnehmern
gewählt**).

"Wählbar zum Vertreter der Arbeitgeber sind nur Personen,
welche das ..................Gewerbe innerhalb des Stadtbezirks

*) Anm.: Die Wahl kann auch durch die dom Ausschuss des
Geworbegerichts für Gutachten u. s. w. ungehörigen Arbeitgeber erfolgen.

**) Anm.: Dio Wahl der Arbeitnehmer kann auch durch den
Gesellenausschuss der Innungen bezw. den Vorstand sonstiger Arbeit-
nehmer-Vereinigungen erfolgen.

122. Erste Seite des Normalstatuts
für Facharbeitsnachweise

ihn aber in seiner damaligen Form
für untauglich, weil die Arbeiter
bei ihm unvertreten seien. Zum
mindesten müßten Vertreter der
Arbeiter und der Unternehmer mit
gleichen Rechten den Nachweis
leiten.

Zn diesein Satz lag ein be-
dingtes Zugeständnis an den Ge-
danken der paritätischen Arbeits-
nachweise, der in der sozialistisch
empfindenden Gewerkschaftswelt
noch großem Widerstand begegnete.

Aber die Krisenjahre 1891 bis
1893 hatten gezeigt, daß es bei
dem damaligen Stande der Or-
ganisationen unmöglich war, die
Anternehmer zur Benutzung der
Nachweise der Gewerkschaften zu
zwingen. Irgendwie mußten Staat
oder Gemeinde eingreifen. And
so hatten die Gewerkschaften
Berlins schon 1893 begonnen, eine
Agitation für die Beanspruchung
kommunalen Eingreifens in Sachen
der Arbeitsnachweise zu entfalten. Große Versammlungen faßten Be-
schlüsse in diesem Sinne, und im Anschluß daran richtete die Gewerkschafts-
kommission am 7. Dezember 1893 ein Gesuch an den Berliner Magistrat,
die bestehenden Arbeitsnachweise zu einem großen kommunalen Arbeitsamt
zu zentralisieren. Ein von den Beisitzern des Gewerbegerichts gewählter
Ausschuß sollte danach unter dem Vorsitz eines städtischen Beamten, der
gegebenenfalls der Vorsitzende des Gewerbegerichts sein könne, das Arbeits-
amt und die in ihm zentralisierten Nachweise überwachen, die Führung der
Nachweise aber sollte Vertretern der Arbeiter überwiesen werden, die von
diesen in Fachabteilungen zu wählen und von der Stadt zu besolden wären.
In gleichem Sinne wie die Gewerkschaftskommission sprachen sich in einer
Eingabe an den Magistrat die Arbeiterbeisitzer des Gewerbegerichts aus.
Sie konnten sich darauf berufen, daß auch bürgerliche Sozialpolitiker sich
sehr entschieden für die Einrichtung kommunaler Arbeitsnachweise erklärt
hatten. Es war das u. a. auf einem vom Freien deutschen Lochstift ein-
berufenen „Sozialen Kongreß" geschehen, der am 8. und 9. Oktober 1893
in Frankfurt a. M. tagte und an dem verschiedene Gewerkschaftsführer,
darunter auch K. Legten als Repräsentant der Generalkommission der
Gewerkschaften Deutschlands, teilgenommen halten.

Allerdings hatten in Frankfurt die Gewerkschaftsvertreter sich nock-
skeptisch über die Idee der kommunalen Nachweise geäußert. Die Nach-
weise, führten sie aus, gehörten in die Lände der Arbeiter, die Gemeinden
aber würden schwerlich den Arbeitern den Einfluß einräumen, auf den diese
Anspruch hätten. Wie berechtigt ihr Zweifel in letzterer Linsicht war, hat das
        <pb n="287" />
        ﻿272

Schicksal des Berliner Antrags gezeigt. Nach langen Verhandlungen und
nachdem noch der damalige preußische Landelsminister, Lerr von Berlepsch,
seinen Beamten in einem Rundschreiben Mitwirkung an der Einrichtung
kommunaler Arbeitsnachweise empfohlen hatte, eröffnete unterm 4. No-
vember 1894 der Berliner Magistrat der Gewerkschaftskommission in einem
amtlichen Schreiben, daß er zu dem Entschluß gekommen sei, ihren Antrag
abzulehnen. Am aber wenigstens etwas zu tun, bewilligte er dem Zentral-
verein für Arbeitsnachweis für dessen weiteren Ausbau eine einmalige
Subvention von 15 000 Mk. und erhöhte den diesem Verein von der Stadt
gewährten Jahresbeitrag von 3000 auf 5000 Mk. Für das, was der
Verein leisten sollte, war es ein Bettelgroschen, aber es blieb nicht dabei.
Der Verein und die Stadt wurden durch die Dinge selbst immer weiter
getrieben. Der erstere nahm die Einrichtung paritätischer Fach-Arbeits-
nachweise in die Land, und die Stadt mußte ihren Zuschuß erhöhen. Mit
Anterstützung der Landesversicherungsanstalt Berlin wurde 1898 der Bau
eines Laufes für die Arbeitsnachweise in die Land genommen, das in
Amfang und Einrichtungen seinen Zwecken leidlich entsprach. Es entstand
.ziemlich im Norden Berlins ein Arbeitsnachweis-Gebäude, das einen
Flächenraum von 3200 Quadratmeter bedeckt und unter andern einen mit Sitz-
plätzen für 1400 Personen und sechs elektrisch betriebenen Ventilatoren
ausgestatteterr, elektrisch beleuchteten und im Winter geheizten Warteraum
enthält. Das Laus, Gormannstraße 13 gelegen, ist im Jahre 1902 dem
Betrieb übergeben worden. Im Jahre 1898 ist ferner das Statut des
Vereins dahin abgeändert worden, daß der Vorstand um je vier von den
betreffenden Beisitzern des Gewerbegerichts zu wählende Vertreter der
Anternehmer und der Arbeiter erweitert wurde, die außerdem mit den
beiden Vorsitzenden des Vereins das Kuratorium des Arbeitsnachweises
für die ungelernten Arbeiter bilden. Gleiche Kuratorien sollten den Arbeits-
nachweisen für gelernte Arbeiter vorstehen und paritätisch von den betreffenden
Fachorganisationen (Verbände oder Innungen, bezw. Jnnungsausschüsse)
gewählt werden.

Dazu ist es aber nur erst in einer Minderheit von Gewerben und auch
das nur sehr allmählich gekonnnen. Während die organisierten Arbeiter in
ihrer Mehrheit den Gedanken der paritätischen Nachweise akzeptiert haben,
leistet die Mehrheit der organisierten Anternehmer ihnen hartnäckigen Wider-
stand. Von der einen Seite her sind es die tonangebenden Vertreter der
Großindustrie, die gegen jede Art von Parität im Gewerbe feindselig
Stellung nehmen, von der andern bekämpfen die Innungen die paritätischen
Nachweise des Zentralvereins, weil sie für ihre Gewerbe den Nachweis
selbst in der Land haben wollen. Bei alledem waren indes bis Ende 1905
doch im Zentralarbeitsnachweis, außer der allgemeinen Abteilung, die Nach-
weise für ungelernte Arbeiter, jugendliche Arbeiter aller Art, weibliche
Arbeiter und städtische Arbeiter, sowie Klempner und Weißleder-Arbeiter um-
faßt, paritätischeNachweisefürfolgendeBerufe eingerichtet: Bäcker, Buchbinder
nnd verwandte Gewerbe, Dachdecker und Gerüstbauer, Glaser, Lolzgewerbe
aller Art, Maschinisten und Leizer, Maler und Anstreicher, Portiers und
Fahrstuhlführer, Schlosser, Stukkateure, Tapezierer, Wäschefabrikations-
gewerbe sowie Wäschereinigung und Plätterei. In Reinickendorf ist
für den entlegeneren Norden und in Rummels bürg für den weiteren
        <pb n="288" />
        ﻿273

|	Mwmi Arbeits-Nachweis BwDii C.n, Mdw»8hm&gt; fl E.	|

Central-Arbeits-Nachweis in Berlin.________________________________

Paritätischer Facharbeitsnachweis für die Maler-Innung zu Berlin

Kücker-Strasse tt K., II. Ktage recht»

Stfifhtt &gt;m Summer von 7—10 und im Winter von 8 — 10 Uhr früh.
Femaprocb-Anachluaa: Amt III. 8BU5 u. 8890.

Mitbrgekälfe

Her Lackirer Herr.............. ...... ..................... .............

Anstreicher-

meldet sich unter Abgabt dieses CoutroUscheines bei Herrn._...............

_ _____________________________________________...._-	-_______zur Arbeit.

Zur HweMwt! Der Vrbcller «»,, ,!&gt;h bU spätestens Mittags 12 Ohr zsm Antritt der Arbeit «»-
nteUlet haben. — Ein# ifoudlgnng findet nicht statt.

Dl«* ericeaut durch Untenolirlft am

BERLIN, de»-----------------------tgo

Unterschrift des Arbeitsuchenden:

9	3QT Zelle! oIid&lt;) Conpeu niud uugUltig! -W&gt;

123. Arbeitsnachweiskarte eines paritätischen Facharbeitsnachweises

Osten je eine Zweigstelle des Nachweises eingerichtet, der 1905 schon einen
ZaHreszuschuß von 40 000 Mk. von der Stadt Berlin bezog, damit
allmählich einen mehr kommunalen wie privaten Charakter erhalten hat und
von den Arbeitern auch meist als „städtischer" Arbeitsnachweis bezeichnet
wird. Ist er auch nicht in seiner ersten Gestalt von der Arbeiterschaft ins
Leben gerufen worden, so hat er doch seine weitere Ausgestaltung unter dem
Druck dieser erhalten, und mit Genugtuung konstatiert der Bericht der Ge-
werkschastskommission für 1905, daß in den Kuratorien der Fachabteilungen
überall die Beisitzer für die Arbeiter den zentralisierten Gewerkschaften an-
gehören. Zn diesem Jahre hatte der Zentral-Arbeitsnachweis, der bis 1894
im Maximum 10000 Stellen im Jahr vermittelte, 67000 Stellen vermittelt.

Eine respektable Zahl, aber für die Riesenstadt Berlin nur ein kleiner
Teil dessen, was zu vermitteln war. Für die große Mehrheit der gelernten
Arbeiter besteht der Kampf zwischen Llnternehmer-Nachweis oder Gewerk-
schafts-Nachweis fort. Zwar hat sich nicht in allen Gelverben der ein-
seitige Gewerkschafts-Nachweis aufrechterhalten lassen, verschiedentlich über-
stiegen die Verwaltungskosten den erreichbaren Nutzen. Wo aber die
Erfahrung oder die Kraft der Gewerkschaft dies ermöglichte und kein
paritätischer Nachweis ins Leben trat, sind die gewerkschaftlichen Arbeits-
nachweise forterhalten und nach Kräften ausgebaut worden. Ein Muster
in seiner Art ist der Arbeitsnachweis der stärksten Berliner Gewerkschaft,
der Ortsverwaltung Berlin des deutschen Metallarbeiter-Verbandes. Er
vermittelte in den sechs Jahren von 1900 bis 1905 der Reihe nach Stellen
für 980, 1097, 1890, 4152, 7065 und 9014 Arbeiter. Die Unternehmer
mögen sich als Korporation noch so sehr dagegen sperren, den Arbeitsnachweis
der Gewerkschaft anzuerkennen, als einzelne und inoffiziell müssen sie doch
in dem Maße mit ihm rechnen, als die Gewerkschaft wächst und die Arbeiter-
schaft des Berufs hinter sich hat.

Bernstein, Berliner Geschichte, in.	18

jvt

Personell, welche nur vorüber-
geltend bis zur

Höchstdauer von 13 Tagen

in Arbeit eingestellt werden, huben
in jedriii Falle diesen Coupon,

mit schriftlicher Bescheinigung de»
Arbeitgebers, beizubringen, diu* di*
Arbeit beendigt ist, widrigenfalls dio
Ausfertigung des kostenlosen Ausbilf-
scheine* verweigert wird.

Malergeh dl fe — I.ackirer —Anstreicher

	
	
	.Ort
bei mir gearbeitet.	
Borllu, deu						IS»

Ca'-Miotirin 4c*
        <pb n="289" />
        ﻿Do robotniköw polskich
zatrudnionych przy budowlach i w ziemi

w Berlinie

Szsnownfl braeia robotnicy!

Czujemy si$ zobawiqzani, braeia robotnicy, udac
sie do Was z powainem slowem, by pospolu z Wami
naradzic sitz, co mamy poczynic przeciw panuj^cej
biedzie i ntzdzy, ktöra pomitzdzy nami, robotnikami
przy budowlach i w ziemi, istnieje, i jakby takowej
zapobiedz.

Obejrzmy sitz cokolwiek po äwiecie, a zobaczymy,
ie szczegölnie my, nieuczeni robotnicy, najbardziej
jestesmy wyzyskiwani i najdluzszy czas pracujemy,
czas, ktöry sitz nie zgadza z godnoäci, czlowieka.
Zuajdujemy sitz przeciei od äwitu az do zmroku w nie-
woli i poddanstwie wyzyku i kapitaiu. Kaädy z nas
odezuwa przeciez nastepstwo tej dlugiej, przedlugiej
praey na swoim wlasnym ciele, a tyra bardziej, iz my
szczegölnie bez ladnej ochrony wyatawieni jestesmy na
wszelkie sloty i niepogody.

A teraz nasz zarobek: Czyz on jest taki, by go
tnödz nazwac godnym czlowieka? Czyz pozwala on
nam jako özlowiekowi istnied? Przeciwnie. Widzqc
z jednej strony, jak kapitalisci coraz to wi^ksze bo-
gaetwa gromadzq, my zobowiijzani jesteämy przy naszej
citzzkiej praey zycie prowadzid, ktöre nie jest godnym
erfowieka.

I to jeszcze tylko tak dlugo, dopöty mamy practz.
Nast^pi bezrobocie, co u nas nie rzadkiego, wtenczas to
dopiero pokaie sitz ta straszna poezwara, to jest gl öd,
jako nasz staty goäö. Przy tem liebem, niewystarcza-
jtzeem i nieregularnem zyciu uabawiamy sitz choröb i
wczesnej ulomnosci jako naturalnych nastgpstw.

Wprawdzie wielka cztzäc robotniköw niemieckich
potralila sitz zl-czyö, to jest zorganizowac, to tez mo-
Zemy zauwazyö, ze w tych zwiqzkach zawodowycb i
klasach robotniczych, gdzie silne organizaeye istniejjj,
obejscie sitz z robotnikami i zarobek, wogöle cala stopa
iyciowa tych robotniköw, o wiele przez organizaeye
8itz polepszyly. I u nas robotniköw nieuczonych, u nas
robotniköw przy budowlach i w ziemi, daje sitz idea
organizacyjna coraz to witzeej we znaki, tak, i&amp; istnie-
jjjca organizacya nasza, Zwi^zek robotniköw budowla-
nych, w ziemi i pomoeniköw zawodowycb, w ostatnieb
latach poczynüa znakomite posttzpy, — zarobek robo-
tniköw budowlanych zostal na podstawie ugody przez
ni$ zagwarantowany, — lecz bardzo wielka cz&lt;$d,
a pomitzdzy 014 i Wy, braeia robotnicy, stoicie jeszcze
od naszej organizacyi na ustroniu.

i okolicy.

Szczegölnie Wasze zacofanie przyezynia sitz naj-
bardziej do tego, by przedsiebiorey mogli latwiej Was
maltretowac, Warn dawac zaplattz, ktör% obejrzywszy
przy swietle, jest do skonania za dnLtz« a do iycia za
mal-. Przez naszq organizacyjna powagtz widzi sitz
przedsitzbiorstwo zmuszone, robotnikom, zatrudnionym
przy budowlach i w ziemi, 48 fenygöw piaciö na go-
dzintz. lecz Warn, braeia robotnicy, p-acy tylko 35 i
30 fen., a nawet i nrniej.

Aieby to dzielo wyzysku i nada) bez preeszlody
mödz prowadzic, podüega sitz narodowotejowq nienaWüö
pomitzdzy nami, opowiadajac Warn, braeia robotnicy,
iz my niemieccy robotnicy jesteömy Waszymi najwiqk*
szymi wrogami, iz my Was przeSladujemy, Was znle-
nawidzimy, Was chcemy sitz pozbyc. Lecz rozpatrZcie
sitz, kochani braeia robotnicy polscy, okolo siebie, a zo-
baczycie, iz ta rzecz sitz zupelnie inaczej przedst&amp;wia.
Zobaczycie, iz röwniei niemieccy jak polscy robotnicy
wspölnie sitz trzymajq, ze 54 oni wspölnemi towarzy-
szami znoju i walki 0 lepsz4 przyszloSc. äwiadoma
klasa robotnicza nie zna zadnycb narodowoäctowo-kla-
sowych röznic, ztzda ona dla wszystkich, ktörzy oblicze
ludzkie nosz4, röwne prawa i röwnq wolnosö, röwne
i czlowieka godne stosunki zarobku » praey.

Braeia robotnicy 1 Azeby to ositzgn4Ö, podajmy
sobie dlonie nasze, zlqczmy sitz wspölnie i walczm.v
skupieni ramitz do ramienia przeciw naszemu wrogowi,
przeciw nas wspölnie wyzyskujjjcemu przedsiebiorstwu.
Jako jednostka jestesmy niczem, z^czeni zaö pottzgq,
z ktöi'4 sitz przedsitzbiorstwo liczyc musi. To tez niech
btzdzie naszem basiern: ,.Wszyscy za jednego, jeden za
wszystkich!“ A to tylko wtenczas mozemy ositzgn4&lt;-
jezeli sitz wspölnie zorganizujemy.

Braeia robotnicy! Zwi4zek robotniköw bndbwla-
nych, w ziemi i pomoeniköw zawodowycb jest podpoi'4
dla slabycb i ucWnionych, udziela on rady i ochrony
we wszelkicb sprawach, ktöre ze stosunköw praey wy*
nikaj4. Wsttzpmy przeto do tego zw^zkn, azeby mödz
dla swego i dla naszycb familii dobra wspölnie
walczyc.

Niech iyje jednose I zgoda robotniköw
bndowlanych I w ziemt dla wszystkich
narodowoicl!

Niech ityje Zwlqzek robotniköw bndo-
wlanych, w ziemi i pomoentböw zawo-
dowycb!

124 und 125. Polnisch-deutsches Flugblatt an die polnischen Bau- und Erdarbeiter
        <pb n="290" />
        ﻿An die in Aerlin und Umgegend beschäftigten
Aau- und Krdarbeiter polnischer Hlatlonalität!

Werte ArbritSbrüder!

Wir sehen uns veranlaßt, an Euch, unsere ArbeitLbrüder,
ein ernste» Wort zu richten, um mit Euch gemeinsam zu
raten und zu taten, wa- zu tun ist, um der herrschenden Not
und dem Elend unter unk Bau- und Erdarbeitern abzuhelfen.

Sehen wir unS doch um in dieser Welt, und wir werden
finden, daß gerade wir, die ungelernten Arbeiter es sind, welche
am meisten von den Unternehmern ausgebeutet werden, daß
gerade wir eine Arbeitszeit haben, die eine menschliche oft
nicht zu nennen ist. Stehen wir doch von Sonnenaufgang zu
Sonnenuntergang in der Knechtschaft des AusbeutertumS und
des Kapitals. Jeder von uns spürt doch wohl die Folgen der
langen, überlangen Arbeitszeit fetbst am eigenen Leibe, zumal
wir auch sonst noch allen Unbilden der Witterung schutzlos
preisgegeben sind.

Und nun unser Lohn! Ist denn dieser derart gestaltet,
daß er «in menschenwürdiger zu nennen ist? Erlaubt er unS,
als Mensch zu existieren? Gerade da« Gegenteil ist der Fall.
Während wir auf der einen Seite sehen, daß Reichtum über
Reichtum angehäuft wird, sind wir bei unserer schweren Arbeit
verpflichtet, ein Leben zu führen, da«, mit einem Wort gesagt,
eines Menschen unwürdig ist.

Und dav alle« noch, so lange wir Arbeit haben. Tritt
aber erst Arbeitslosigkeit, dir wiedenlm nichts seltenes bei uns
»st, ein. dann erst zeigt sich das wahre Schreckgespenst, dei
Hunger, als unser täglicher Gast. Bei d'eser ungenügenden,
unzureichenden, unbeständigen Lebensweise ist md muß Krankheit
und ein frühes Siechtum die ganz natürliche Folge sein.

Zwar hat es rin sehr großer Teil der deutschen Arbeiter-
schaft bisher verstanden, sich zusammenzuschließen, zu organi.
sieren. und wir finden auch, daß in den Gewerkschaften und
Arbeiterklasien, wo starke Organisationen bestehen, die Behand-
lung sowie die Entlohnung, kurz die ganze Lebenshaltung dieser
Arbeiter durch die Macht der Organisationen eine bedeutend
bessere geworden ist. Auch bei den ungelernten Arbeitern, bei
unS Bau- und Erdarbeitern, macht sich der Organisationsgedanke
immer mehr bemerkbar, und hat die bestehende Organisation,
der Verband der Bau-, Erd- und gewerblichen Hilfsarbeiter, in
den letzten Jahren auch bedeutendes geleistet, indem die
Löhne der Bauarbeiter durch sie vertraglich festgelegt sind, aber
ein sehr großer Teil, darunter auch Ihr Arbeitsbrüder, steht
der Organisation immer noch indifferent gegenüber.

Gerade aber Euren JndifferentismuS nützt das Unter-
nehmertum erst recht dazu aus. Euch direkt zu 'malträtieren.
Euch Löhne zu zahlen, die, bei Licht besehen, zum Verhungern
zu viel, aber zum Leben zu wenig sind. Während das Unter-
nehmertum durch die Macht der Organisation der Bau- und
Erdarbeiter gezwungen ist, hierorts den Arbeitern einen Slunden-
lohn von 48 Pf. zu garantieren, erlaubt man sich. Euch,
polnische Arbeitöbrüdcr, ungeniert einen solchen von 35,
30 Pf. und darunter zahlen zu können.

Um aber dieses Ausbeuterwerk ungestört'bewerkstelligen zu
können, schürt man den Nationalitätenhaß zwischen uns, indem
man Euch, Arbeitsbrüder, weismachen will, daß wir, die
deutschen ArbritSbrüder, Eure größten Feinde sind, daß wir
Euch Haffen, Euch verachten und vertreiben wollen. • Aber,
ArbritSbrüder, blickt um Euch, und Ihr werdet finden, daß
gerade das Gegenteil der Fall ist. Ihr werdet finden, daß
die deutschen und die polnischen Arbeiter zusammenhalten
muffen, daß sie gemeinsame Leidensgefährten und Kampf-
genossen für eine bessere Zukunft sind. Die klassenbewußte
Arbeiterschaft kennt keine nationalen Unterschiede, sie fordert
für alles, waS Menschenantlitz trägt, gleiches Recht und gleiche
Freiheit. Sie fordert für alles, was Mcnschenantlitz trägt,
gleichmäßige, menschenwürdige Lohn- und Arbeitsbedingungen.

Um dieses zu erreichen, Arbeitöbrüdcr, reichen wir uns die
Hände, schließen wir uns zusammen und kämpfen wir Schulter
an Schulter gegen unseren gemeinsamen Feind, gegen däö uns
gemeinsam ausbeutende Unternehmertum. Vereinzelt sind wir
nichts, geschlossen aber eine Macht, mit der auch das Unter-
nehmertum zu rechnen hat. Darum sei unser Wahlspruch:
„Alle für einen und einer für alle". Dieses können wir nur,
wenn wir uns gemeinsam organisieren.

ArbritSbrüder t Der Verband der Bau-, Erd- und ge-
werblichen Hilfsarbeiter ist rin Hort aller Schwächen und Be-
drückten, er gewährt uns&gt; Rat und Schutz in allen Fragen, die
auS dem Arbeitsverhältnis hervorgehen. Treten .wir deshalb
ein in diesen Verband, um so gemeinsam für unser und unserer
Familien Wohl und Wehe kämpfen zu können.

Hoch die Einigkeit der Bau- und Erdarbeiter
aller Nationen!

Hoch der Verband der Ban-, Erd- und ge-
werblichen Hilfsarbeiter!

Verlag: klar! Heibrmann, Berlin. — Druck von C. JaniSze«.'0l&gt;. Berlin.

124 und 125. Polnisch-deutsches Flugblatt an die polnischen Bau- und Erdarbeiter

18»
        <pb n="291" />
        ﻿Für die Unterstützung ihrer arbeitslosen Mitglieder hatten vor
der Zeit, die wir hier behandeln, nur erst ganz wenige Gewerkschaften Vor-
kehrungen getroffen. Die Meinung überwog, daß für die Arbeitslosen
der Staat und die Gemeinden aufzukommen hätten; es sei nicht Sache der
Gewerkschaften, jenen ihre Pflicht abzunehmen. Indes, Staat und Ge-
rneinden rührten sich nicht, und so folgten von Mitte der achtziger Jahre
ab langsam eine Gewerkschaft nach der andern dem Beispiel, das in
Deutschland der Pionier dieses Zweiges der Gewerkschaftstätigkeit, der
deutsche Buchdruckerverband, gegeben hatte, und richteten die Arbeitslosen-
untersttitzung ein. Bis Anfang 1891 waren es 4, bis Anfang 1894
12 Gewerkschaften, die Arbeitslosenunterstützung zahlten. Die Statistik
der Generalkommission stellt für dieses	letztere	Jahr	eine Gesanttausgabe

der Gewerkschaften in ganz Deutschland	von	239 750	Mk. für Arbeitslose

fest. Ein noch sehr bescheidener Betrag. Von da ab geht es jedoch in
rascherem Zeitmaß, Ende 1905 haben 41 Gewerkschaften Arbeitslosen-
unterstützung, und die Gesamtausgabe für diese ist, obwohl 1905 ein Jahr
mit überwiegender Nachfrage nach Arbeitern war, auf 1991924 Mk.
gestiegen. Ein sehr bedeutender Teil davon entfällt auf die Berliner Orts-
stellen dieser Gewerkschaften. Seit 1902 werden darüber zusammenfassende
Sonderaufftellungen veröffentlicht, und aus ihnen geht hervor, daß von
jenem Jahre ab in den Berliner Ortsstellen für Arbeitslose verausgabt
wurden:

1902	. . . 452 404 Mk. 44 Pf.	1904	.	. .	567 704 Mk. 45 Pf.

1903	. . . 489 022 „	37 „	1905	.	. .	639130 „	88 „

So ansehnlich diese Beiträge sind, so konnten sie doch immer nur

einen kleinen Teil der Not lindern, die durch Arbeitslosigkeit verursacht
wird. Noch heute fühlt sich ein Teil der Gewerkschaften außerstande, die
Arbeitslosenunterstützung bei sich einzuführen, und wo sie eingeführt ist,
sind die Anterstützungssatze immerhin so mäßige, daß die Unterstützung dem
Arbeiter wohl hilft, die schlimmste Not von sich abzuwehren, aber nicht das
Aufhören von Entbehrungen bedeutet. Sie machen sich namentlich in
Zeiten schlechten Geschäftsgangs um so stärker fühlbar, als dann jedesmal
die Nichtorganisierten mit besonderem Druck den Arbeitsmarkt belasten.
Die gewerkschaftliche Arbeitslosenunterstützung macht staatliche und kommunale
Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit und ihre Folgen nicht überflüssig.

Die Gewerkschaften Berlins haben denn auch jedesmal, wenn stärkerer
Geschäftsdruck das Leer der Arbeitslosen übermäßig anschwellen machte,
das Einschreiten der öffentlichen Verwaltungsorgane verlangt. Im Kapitel
über die Demonstrationen ist von den Versammlungen berichtet worden, die
sie, je nachdem allein oder gemeinsam mit der politischen Bewegung für
diesen Zweck abhielten. Aber die Gewerkschaften haben es nicht bei den
Versammlungen bewenden lassen. Selbst wenn Staats- und Gemeinde-
behörden die Notstände nicht leugnen können, pflegen sie doch ihre Stärke
zu leugnen oder sonst Unkenntnis der wahren Köhe des Notstandes vor-
zuschützen. So sind denn, sobald sie sich einigermaßen dazu imstande
fühlen, die Gewerkschaften selbst daran gegangen, die Stärke der Arbeits-
losigkeit statistisch festzustellen.

Über das erste Unternehmen dieser Art gibt der Bericht für 1894
Auskunft. In diesem Jahr hatte die Krise, die 1891 eingesetzt hatte, zwar
        <pb n="292" />
        ﻿Berliner irbeitsnachveisstatistik  aufgestellt  nach den an denCentialveiein für Arbeitsnachweis gelangten Berichten  für den Monat November.  Bitt« an dl« Berliner Arbeitsnachweise.  Die Zahl der Arbeitsnachweise, welche sich der B. A.-N.-St. angeschlossen haben, ist von 33 im November 1000 auf 99 gestiegen. So erfreulich diese Zunahme auch ist, die B. A.-N.-St. kann erst ibren Zweck crfülTcii, rin unparteiisches Bild von dom Berliner Arboitsmarkt zu geben, wonn alle Berliner Arbeitsnachweise sich der geringen Mllho unterziehen, an unsere Adresse (Bureau des Geutral-Arbeitsnachweises, C., Qormanoatrasso 18) regel- mässig jeden Monat die von uns zur Verfügung gestellten Karten ausgefüllt zurilckzusiindcij. GIcicMV-citig'mit unserem Dank an die schon berichtenden Nachweise sprechen wir die Hoffnung ans, dass unsere gemeinnützige Arbeit in immer..weiteren Kreisen Anklang finde; Anregungen werden wir, soweit sie sieh mit unserem Unternehmen vereinen, immer zugänglich sein.  Berlin, den 20. Dezember 1902.	Der Vorstand des Centrnlvolrelna für Arbeitsnachweis.  Dr. Freund.  I.											
Gewerbe	Oktober 1902				November 1902				Bemerkungen.		
Industrie	tl!	"IT		lerUhlendtB	Ictmeldaigct '	. .,  ,	, itmacb Irtute-  »tteiUtthnä« •	,  fing..,	!	“**		1..M. Ml..				
A. Gcwerbsmlisslge Arbeitsnachweise.											
Nahrungsmittel		463 i 250 ! • 250 |	2				4C5 (376) i 14.» (136) | 145 (135) |	2				Die eingeklammerten Zahlen beziehen si ch auf dies el be Zci t d es J ab res 1901		
rtinnnthrtnrff n,nnD,ich -		1400 j 1857 !		3	2000 (2200) | 820 (780) | 802 (764) j			1 “			
( weiblich ....		4831 ! 4672 1			3718 (2780) i 3142 (3000) ! 3115 (2747) I						
Zusammen		6481 | 6279 :	5			6183 (5350 ? 4107 (3915) i 4062 (3636' i 6						
Auf 100 offeno Stollen kamen:	121 1 100 1 97 I -  B. NIchtgc				lul (137) | 100 (100) 1 00	(93) !	-  werbsmSsslge Arbeitsnachweise, von Arbeitnehmern.						
Gowerbl. Gärtnerei ». Gartenbau		99	77 |	1		12$	(86) | 120	(64)		-ShSH-		Relativ • Zahlen für diejenigen von nebenstehenden Arbeitsnachweisen,	:  'wclcho für die Arboiisvormittclung	j  und den Arbeitsmarkt der be-	.  treffenden Branche ausschlaggebend  Auf 100 offene Stellen kamen:	.		
Metall und Maschinen ....		434  127  221	420 !	7		1500 (832) j 200 (197)						
( männlich \  Ud.r ..d r.H.r				94_  112	/ 2	301 (251) |_I47	(76) _  13« (148) i 208. 033)		10S	(83)	! 2			
		1185	885  ~H9	—	1358 (1246) [ 780 (369) 171 (180) 1 154 (139)		_681	(269)  127 (126)				
Nahrungs- und Gonussniittel . .								4			
Bekleidung		ohn geiDtois. TuaKMiig				ohne nonnenswertho Vermittelung			4			
Bitrbiero und Friseure ....	160 | 160 | 160				162 (636) | 102 (267) i 102 (267)			1			
	»hm neoBeusn. TfrmjtUlong				11		ohne nenhenswortbe Vormittelung			11	Branche	irbeiUuclicnde	Besetzte  Steiles
Künstlerische Betriebe ....					80	(94) |	74	(46)		51	(46)				
Bildhauer			10O			35t (407). I 75	(40)		62 &lt;28-		Gärtnerei		107 (134)	f  62 467)	1
					140 (150) | C3 (64)		5«	(46)				
			Tr								
											
U J 1 \ weiblich						408 (386)	324 (329)	232 (288)		1		Bildhauer. . .		
					283 (231) 2081 (2413)						
Beherbergung		2349	2061	1975	9		2123 (999)	2031 T985)	0	Kaufleute j—•		72 (88)
1	Zusammen:	9351	6040			0060 (7482)	5158 (3171)	4281 ,2680) I «5				
Ans 100 offeno Stellen kamen	165 | 100 |	81 i -				176 (236) i 100 (100)		83	(86) 1	-				
2- vod Arbeitgebern.											
	1154			1	1007 (198)11032 (198)		1007 (198) |	1		Der Anschluss aller Innungen mr Arbeitsnachweisen an B. A.-N.-SI wäre sehr erwünscht.,		
Nahrungs- und Genussmittei . .	1025			3	580 (600)	538 (520)	588 ,520)				
Barbiere und Friseure ....	1252				684 (1070)	514 (660)	513 (659)					
					2000 (27001	1145 (1090) 113« ,1079)					
Beherbergung j,	176		175		105	&lt;-)	105	(—) 1 105	(—)					
Handel		23	21	13		24 (29)	24	(24) i 0	(10)		1			
Verkehr		37	48	32	1	33 (40)	36 (69) | 22	(34)		V			
Zusammen:		4989 | 4911		13	5333 (4640} | 3304 (2461) | 3330 (2300) i	13  157 Iiooil 100 (100; | OS (94) |						
Auf 10O offene Stollen kamen:	101 | 100 |	98			-							
3. paritätische Arbeitsnachweise.											
Mclnll (Schiesser u. Klempner) .									Bezüglich der Rclativ-Zahlen siehe unter B. I.  Auf 100 offeno Stollen kamen		
Leder und Papier (Tapezierer) .											
Nahrungsmittel (Brauer) . . .					230 (516)		204 (132)				
Bau (Maler u. TOpfer) . . . . Graphisches Gew. (Buchdrucker)		2610 | 1427			072 (228) 401	(-)	-ST“m	n &lt;-)	—	(tran;he	IrbciUuckcniie	Beachte  Stellen"
| männlich . . . . ' -		2231 ! 1999			283« (1988) 1413 (1203)				Tapezierer . | 267 (238)		85 (80)
(weiblich		253 ! 219 | .154 |	1				227 1224)		141 ,129)			I 102 (332)	
Wlischereinigung, weiblich. - .	69 |	76 1	64 |	1					«1	(57) |	37	(47)				1 470 (308)	
Zusammen:	7336 | 6367 j 4671 j 10				5404 i 3588) ! 3152 ,1886) &gt;2765 (1636)			10	Buchdrucker . j 238	(—)		100 (-)
Auf 100 offene Stellen kamen:	115 i 100 i 72 i —				173 (ISO) &gt; 100 (IDO) &gt;	88	(90) !	-				Töpfer	02	(—)		02 ,-)
4. Vereine, Herbergen und dergl.											
Handwerker, Arbeiter und dergl.	-2L		662	1 6	1327 (1046) | 479 (451)		845 (385) |	6		Siebe unter B. 2.		
Auf 100 offene Stellen kamen:			69	1 -	277 (232) | 100 (100)						
	Re cap itulation.										
1= Summ.: /-““S?	H				22641^18426» 12210 (8129)111000 (7349  4726 (3692)1 4076 (3744)1 3783 (3347						
Auf 100 offene ( männlich 8U.lt CH	(VwilfiiiT		“Toi			185	(227)|	100	(100)|	SO	(90)  116	(99) |	100	(100)1	93	(89)			j M			

126. Amtliche Arbeitsnachweisstatistik vom November 1902
        <pb n="293" />
        ﻿278

ihren Höhepunkt schon überschritten, war aber doch noch nicht überwunden.
And so verband die Gewerkschaftskommission mit anderen Erhebungen, die
sie damals veranstaltete, eine solche über den für gewöhnlich im Jahres-
-verlauf sich vollziehenden Wechsel von Arbeitsgelegenheit und Arbeits-
mangel und das Iahresmaximum von Beschäftigungslosigkeit in den ein-
zelnen Gewerben. Mit geringen Mitteln unternommen und angesichts der
damaligen verhältnismäßig bescheidenen Mitgliederzahl der Gewerkschaften
nur auf eine Minderheit der Arbeiter beschränkt, konnte die Statistik in
letzterer Hinsicht nur erst zu Annäherungswerten gelangen. Indes war den
Schriftführern der Gewerkschaften ans Herz gelegt worden, sich bei Be-
antwortung der von der Kommission aufgesetzten Fragebogen in ihren Ab-
schätzungen der größten Gewissenhaftigkeit zu befleißigen, und hinsichtlich
des ersten Punktes waren die Gewerkschaften sicher die sachverständigste
Auskunstsstelle. So haben denn die auf Seite 30 bis 37 des Berichts
für das zweite Halbjahr 1894 abgedruckten Tabellen in ihrer Eigenart
immerhin einen Vergleichswert. Die Prozentzahlen für die Monate der
stärksten Arbeitslosigkeit des Jahres steigen nach ihnen von ganz niedrigen
Sätzen bei den Angehörigen der graphischen Berufe und einiger Verkehrs-
gewerbe, für die sich die Arbeitsgelegenheit das ganze Jahr über ziemlich
gleichmäßig verteilt, auf Sätze bis über 40 Prozent in der Bekleidungsindustrie
(wobei von der Schneiderei wegen der unkontrollierbaren Hausindustrie keine
Zahl angegeben wurde) und bis zu 90 und 100 Prozent im Baugewerbe.

Auch im Jahre 1895 wurde — neben andern sehr interessanten statistischen
Erhebungen, von denen insbesondere eine Statistik über Löhnungsart, Lohn-
höhe und Arbeitszeit betont zu werden verdient, die im Bericht für die
zweite Hälfte jenes Jahres auf Seite 53 bis 65 abgedruckt ist — der Grad
der Arbeitslosigkeit festzustellen gesucht. Anter Mitheranziehung der Be-
richte der Krankenkassen wurde ermittelt, daß in den Gewerben, die sich an
der Erhebung beteiligten — acht hatten die Feststellung ihrer Arbeitslosen
für unmöglich erklärt — im Sommer 18 175 und im Winter 27 533 Arbeits-
lose waren, was einen Durchschnitt von 19 Prozent der Beschäftigten ergab.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die Erhebung des Jahres 1897, die des-
halb erwähnenswert ist, weil sie in Ausführlichkeit und Methodik einen
bemerkenswerten Fortschritt zu erkennen gibt. Schon der erste Blick auf
das Kapitel „Statistik" im Jahresbericht 1897 zeigt, daß nun mit ganz
anderer Erfahrung, mit ganz andern Informationsquellen und auch mit
ganz andern finanziellen Mitteln gearbeitet wird, als in den früheren Jahren.
Der zusammenfassende Abschnitt des Kapitels gibt kein bestimmtes Zahlen-
verhältnis der Arbeitslosen zu den Arbeitsfähigen an. Er rechnet nur aus,
daß, obwohl man sich unzweifelhaft in einer aufsteigenden Konjunktur
befinde, die Zahl der Arbeitslosen doch nicht erheblich geringer sein könne
als 1895, wobei er allerdings auch den Zuzug von außerhalb mit in
Rechnung stellt. Im nächstfolgenden Jahr 1898, das eine weitere Hebung
des Geschäftsganges brachte, verlor sich das Interesse an dieser Frage.
Für 1898, 1899, 1900, die Jahre großer Geschäftstätigkeit waren, fehlt in
den Berichten jede Bezugnahme auf die Arbeitslosenfrage.

Daftir wurde sie im Jahre 1901 von neuem brennend. Mit großer
Heftigkeit stellte sich erst eine Geldkrise und im Anschluß an sie alsdann
auch starker Geschäftsdruck mit Arbeitcrentlassungen ein. Er traf die
        <pb n="294" />
        ﻿279

Bericht der Kommission

für das .Quartal 19.

Bezirk oder Branche...-.-.-....—

Die 3Commission zählte in der öBerichfszeif ............QKilglieder.

Die 3Commission hielt ..........geschäftliche und......Werkstatt-

Sitzungen ab.

Zöerhsfäffen wurden .........eingeladen.

.....Zöerksfätfen hallen der (Einladung täolge geleistet.

3n den erschienenen Zöerhsfäffen waren ........3CoIfegen beschäftigt;

daoon gehörten ..........dem Verbände und _............anderen

(Organisationen, an.

oJn den Sitzungen erschienen .............SfCollegen; daoon waren

......3KitgIieder des Verbandes und...........nicht organisiert.

Die 3Commission hielt ferner  ........ Z^erfrauensmänner-Zöersamm-

lungan und .........QKi/glieder- ZDersammlungen ab.

Die 3Commission hat ............QKassregelungsSälfe geprüft und

.....„..in der Züerwal/ungs-Sitzung befürwortet.

eintrage an die Schlich/ungshommission sind...........mal eingereicht

und die Zöorarbeifen dazu erledigf worden.

effndere Werkstatt-Streiks und -Differenzen waren —..........zu ver-
zeichnen und zwar.............mit und.....ohne tärbeifsniederlegung.

B&amp;rlin, den............

tynhtscAzift:^

Arbeiterschaft freilich sehr
viel besser organisiert und
entsprechend besser vorberei-
tet an, als seine Vorgänger.

Aber die Massen, die nun
zu unterstützen waren, hatten
ebenfalls zugenommen.

Wieder erging daher
in großen Versammlungen
der Aufruf an die Behör-
den, helfend einzugreifen,
und wieder verlegten sich
diese aufs hinausschieben.

Da veranstaltete, nachdem
eine Amfrage die Existenz
von mindestens 50000 Ar-
beitslosen festgestellt hatte,
die Richtigkeit dieser Zahl
aber bestritten worden war,
die Gewerkschaftskommis-
sion eine eigene Arbeits-
losenzählung, und zwar
diesmal eine genaue Auf-
nahme durch Feststellung,
auf Grund von Zählkarten,
von Laus zu Laus. Sie
ward auf Sonntag, den
1. Februar 1902, angesetzt,
und an die in Partei und
Gewerkschaften organisier-
ten Arbeiter Berlins erging
der Ruf, sich für die Zäh-
lungsarbeit in den Dienst
der Allgemeinheit zu stellen.

Er fand im vollsten Maße

Gehör. So viele Kräfte stellten sich für das Austragen und Einsammeln der
Zählkarten bereit, daß am Sonntag, den 26. Januar 1902, 550 000 Zählkarten
von gegen 13000 organisierten Arbeitern in ganz kurzer Zeit in die Wohnungen
getragen waren, und ebenso prompt erfolgte am Sonntag den 2. Februar
die Abholung. In der Mehrzahl der Bezirke war, dank der massenhaften
Meldungen, der Dienst so gut organisiert, daß auf den Einzelnen nur
zwei Läuser zur Besorgung kamen. Am so besser fiel natürlich diese aus.
In Berlin ohne Vororte waren 9375 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter
bei ihr tätig, daoon rund 2800 Metallarbeiter, 2000 Lolzarbeiter, 1600
baugewerbliche Arbeiter, 600 Buchdrucker und Fachgenossen, 500 Buch-
binderei- und Lederarbeiter, 450 Bekleidungsarbeiter, 280 Handels- und
Transportarbeiter und gegen 100 Kaufleute und Buchhalter. Von den
Mitwirkenden, welche die Vororte gestellt hatten, sowie den nur politisch
organisierten Mitwirkenden konnte eine genaue Feststellung der Berufe

Qivi die O^-mä-nn^r.!

Ein solcher Bericht ist bei jedem Quartalsschluss an das Bureau abzuliefern.
Der Bericht wird in 2 Exemplaren ausgefüllt. Den einen Bericht behält der
Obmann. Er verliest ihn in der Vertrauensmänner- oder Branchenversammlung:.
Bis zur nächsten Versammlung bekommt ihn der Schriftführer der betreffenden
Versammlung;, damit die Angaben richtig im Protokoll aufgenommen werden können.
Nachher muss der Schriftführer den Berscht an den Obmann zurückgeben, der ihn
zu seinem Gebrauch aufbewahrt.

Die Namen der an den Differenzen beteiligten Betriebe und andere L
merkungen können auf die Rückseite des Berichtszettels geschrieben werden.

Deutscher Ijolaarbelter'Verband, Ortsverwaltung Berlin.

127. Berichterstattungsformular des Deutschen
Lolzarbeiter-Verbandes
        <pb n="295" />
        ﻿280

fln die arbeitende Bevölkerung
Berlins und der Vororte!

Der.Zwrck dieser ArdeitSkoseuzöhIung ist. eine mox
lichst gcliauc Fcststcllunq der Zahl der Arbeitslosen herbe -
zuführen, und zu beweisen, in welchem Mähe die Erwerbs
tätigkcit zurückgegangen ist. Daß ein.Notstand besteh:
wird van keinem einsichtsvollen Menschen bestritten Werder
können, jedoch sind nach den Meinungen der stödtisehen
und örtlichen Verwaltungen nicht genügend Beweise für
einen größeren Umfang der Arbeitslosigkeit erbracht
worden. Es ist notwendig, daß alle vom Arbeitsmangel
Betroffenen wal&gt;rl)eitsgetreue Angaben über ihre ArbcitS-'
losigkcit oder Erwerbsbeschränkung machen, um gegebenen-
'alle bei dein Staat oder den Gemeinden begründen zu
können, daß Notstandsarbeiten in Angriff genommen
werben müssen, und daß eine Beschleunigung der prosek.
tierten und notwendigen Arbeiten erfolgt. Durch die Ar-
beitslosenzählung nn November vor,gen Jahres ist dir
Zahl der Arbeitslosen auch nicht annähernd festgestellt.
Das lag an dem verkehrten System, Das einzig richtige
System der Zählung, nämlich jeden Einwohner persönlich
zu befragen, lehnen die Behörden auS nichtigen Gründen
ab. Deshalb hat e8 die organisierte Arbeiterschaft selbst
übernommen. die Arbeit zu verrichten., um die arbeitende
Bevölkerung zu ihrem Recht zu verhelfen.

Wir wenden unL sinn an alle Volksschichte'.
Berlins und der Vororte mit der Bitte, uns bei dieser Ar-
beit, welche keinem zum Schaden ist. zu helfen, damit, ge-
stützt auf das eingegangene Material, an geeigneter Stelle
darauf hingewirkt wird, den Notstand zu mildern.

Die beste Unterstützung besteht darin, daß, jeder In-:
Haber girier Karte, gleichviel, ob er arbeitslos ist oder
nicht, dieselbe für sich, und lvcnn inchrere erwerbsfähige
Personen, in seinem Haushalt sind, für diese die Zähl»
karten gewissenhaft ausfüllt, und seine Nachbarn veran-
laßt. dasselbe zu tun.

Wir machen besonder» darauf aufmerksam, daß die
-Kamen und Wohnungen der Gezählte» zu keinerlei öffent-
liche» Zwecken oder zu sonstigen Unlauteren Mitteln ver-
wendet werden; diese sind nnr ans den Karten, um zu ver-
hindern, daß mehrere Zählkarten auf ein und dieselbe
Person ausgefüllt werden kann.

Es wird deshalb höflichst gebeten, diese Zählkarte
auszufüllen. Auck bitten wir. dafür zu sorgen, önß ary
&lt;10 Februar Jemand zu Hause ist, der dem Zählenden
Auskunft geben kann resp. die Karte zurückgibt.

Wenn ln einem Haushalt mehrere erwerbsfähige
Personen wohnen, so ist'für -jede weitere Person -eine
-folgende Rubrik auszufüllen, reichen die- Rubriken nicht
aus. so wird gebeten. «&gt;„.00 Februar vom Zähler eine
zweite Zählkarte zu fördern.

Unter erwerbsjähign.Pcrionen sind alle .in, Haus-
(}sllt Wohnende zu verstehen, welche für Geld arbeiten
gleichviel ob sie zur. Fymilie gehören oder nicht.

Unfall- und Jnvalidenrentncr. welche noch arbeits-
fähig sind, haben sich, wenn sie arbeitslos sind oder ver-
kürzt arbeiten, ebenfalls einzuzeichnen.

Arbeiter, welche durch die Naturverhältuissc zurzeit
arbeitslos siud. als wie Bauarbeiter. Schisser, Hafen- und
PollwerkSarb^itcr usw., haben ebenfalls ihre Arbeits-
losigkeit' anzugeben.

Die Zähler . sind angewiesen, alle zur Aufklärung
»dienende Fragen zu beantworten, auch-wird während der
Zeit voii,	Februar'in uusercmTBurcau.

von nwrgcnS 9— 1 und nachmittags von 6—8 Uhr. jeb*
webe Auskunft gegeben.

Die Alliier CrrotrMfljnffsbfrwiatsfam

Engel-Ufer 15.

128 und 129. Anweisung zur Aus-
füllung einer Zählkarte

nicht gemacht werden, da einige Listen
nicht rechtzeitig eingingen, ihre Zahl be-
lief sich auf zusammen zwischen 3500
bis 4000 Personen.

Das Zählungswerk selbst, das
mehrere hundert Personen beschäftigte
und bei dem durchwiederholteKontrolle
die größte Zuverlässigkeit zu erzielen ge-
sucht wurde, ergab für Berlin und die
Vororte nicht weniger als 77051 Ar-
beitslose, wovon 4256 am Zählungs-
tage in Asylen und verbergen Untcr-
kunst hatten. Außerdem ward festgestellt,
daß 53098 Personen nur zu ver-
kürzter Arbeitszeit gegen entsprechend
geringere Bezahlung Arbeit hatten.
Der ihnen dadurch erwachsene Aus-
fall berechnete sich auf zusammen
694 576 Arbeitsstunden pro Woche,
während für 72795 gänzlich Arbeits-
lose ein Ausfall an Beschäftigung von
789 019 Wochen festgestellt wurde.
8603 Personen waren im vierten, 3763
im fünften, 2360 im sechsten Monat
und 2416 Personen zwischen sechs
bis neun Monate beschäftigungslos.
Von den 57222 männlichen Arbeitern,
die in Berlin und, mit Ausnahme
Charlottenburgs, dessen Aufstellung
hierüber keine Summierung gibt, in
den Vororten gezählt wurden, waren
8032, das heißt noch nicht der siebente
Teil unter 2l Jahren, während diese
Altersgruppen in der Industrie den
vierten Teil der Arbeiterschaft aus-
machen. Noch geringer war ihr Anteil
an der Zahl der auf verkürzte Ar-
beitszeit Gesetzten, nämlich 2613 von
42245 oder gerade ein Sechzehntel.
Dagegen hatten mehr als die Lälftc
der Arbeitslosen das 31. Lebensjahr
überschritten und 34458 von ihnen
waren Laushaltungsvorstände mit zu-
sammen über 44000 Kindern. Es sind
also gerade die vorgerückteren Alters-
klassen, die im Verhältnis am stärksten
von der Krise erfaßt werden. Ein
Llmstand, dessen schwerwiegende Be-
deutung ohne weiteres in die Augen
        <pb n="296" />
        ﻿281

springt. Lind noch ein Zweites stellte die
Erhebung fest. Von den Arbeitslosen
waren nahezu fünf Sechstel, von den
auf verkürzte Arbeitszeit Gesetzten über
fünf Sechstel mehr als zwei Jahre
in Berlin ortsangehörig. Dies die
betreffenden Zahlen für Berlin, Char-
lottenburg und die Vororte zusammen:

Am Ort

Unter zwei Jahren
Über zwei Jahre
Zeit nicht angegeben
Insgesamt

Arbeits- beschränkte Zeit
lose Arbeitende

8 021	4	029

59 997	45	259

4 777	3	747

72 795	53 035

Das unstäte Element stellt danach
zum Leer der Arbeitslosen ein viel ge-
ringeres Kontingent als man im breiten
Publikum gewöhnlich annimmt. In Ver-
bindung mit den Feststellungen über die
Wirkung der Krise auf die Beschäftigung
der Altersklassen ist dies eine Ermittlung
von nicht geringem Anzeigewert für die
soziale Forschung und die Pflichten der
Sozialpolitik. Die Arbeitslosenzählung
von 1902, über welche ein Anhang zum
Zahresberichtder Gewerkschaftskommission
für 1901 ausführlicher berichtet, war eine
Leistung der organisierten Arbeiterschaft
Berlins, die den vollen Anspruch hat,
als eine Tat bezeichnet zu werden.

Zusammenstellungen der Ergebnisse
dieser Zählung wurden mit entsprechenden
Begleitschreiben sowohl dem Berliner
Magistrat wie dem Fürsten Bülow als
dem leitenden Minister Preußens und des
Reichs übersandt, zur Bekräftigung der
schon in den Notstandsversammlungen
erhobenen Forderungen. Von beiden
Instanzen wurden die Schreiben halb
ausweichend und halb ablehnend beant-
wortet. Da der Geschästsdruck das Jahr
1902 hindurch andauerte, ward im No-
vember 1902 noch einmal durch Umfrage
bei den einzelnen Gewerkschaften die Löhe
der Arbeitslosigkeit genauer festzustellen
gesucht. Es ergab sich, daß sie in der
Mehrheit der Gewerbe kaum nennenswert
nachgelassen hatte; hier und da lagen
aber doch Zeichen einer beginnenden

Kitte nicht wegwerfen!

Wird «a ..Februar «lieber »bg-holt!

Zahl-Karte

Ausnahme einer Arbcitsloscnzählung für
Berlin und die umgebenden Vororte
am __________________

CngdtrCinzidMHtn Cts Karten IE1 in -

»skr »tu Hanshelt»»gsvorpd»&gt;.

I. Cct« und Zuname:	............

ÄelfttciM: mSrniil« - rrtiKIfi. (Bnlnflcntil IK »u »nriestrrl»«!.)

Liter:____Jahre, verheiratn? ......... Wieviel Kinder unter

' 1« Jahren?..... Sri! wann an, £it? .......8" weichem

Cti haben Sie vorder gewohnt?   .......——

Vorus? ____________________ In weichem bewerbe lind ober

, waren Sic zuletzt beschäftig:?...-----—._

Habe» Sic zurzeit Veschästtgung? . .... ......

Sind ®i* arbeitslos? wieviel Jage? .... Wochen?-

Wie lange waren Sie im Jabre IMS arbeitslos? — vage-Wochen.

Arbeite» Eit iusolge «rbeilsmangei verkürzte Zeit? ...-...

Wieviel Stunden iröchenrlich weniger? .-

Sind Sic zurzeit wegen Kranlhei! erwerbsunfähig?-„-

Für bik im Haushalt wohnenden erwerbsfähigen Personen
&lt;Z,gendtiche P-rl-ueu «der IG Jahren. Schln,burschen usw.)

II. vor- und Zuname:	-----—------—.................~

m«nr.lU» - BtlWI*. «gut!,»„de» Hl lu unik,Ulrichen.,

Wohnung: —......	....—....................—...............

Aller:-,.—»— Jahre, verheiratet?	Wieviel Kinder unter

&gt;ü Jahren? ..... Seit wann am Ort? ............... In »cldiem

Ort haben Sie boihrr gewohnt?_____________________■______——

Berus? ____________________—.... In welchen, Geioerbr siu» oder

waren Sie zuletzt belchäsitgt?............................. ^

Haben Cie zurzeit Uclchältigung? ..........

Sind Sie arbeilsto»? wirviel Loge? ......... Wochen?

Wie lange waren Sie im Jahre 1908 arb°ilsla»? —..Tage____Aachen.

Kibtiini ®ic insolge tzlrbktlkmangel verlllrzte Zeit? .....

Wieviel Stunden wöchentlich weniger? .....

Sind Sic zurzeit «egen Krankheit «rwerbsunsähig? .........

Für die im Haushalt »ohvrndrn erwerbsfähigen Persoueu
sJugcndliche Pers-n-n über lk Jahren. Schlasdurschrn usw.)

!N. vor- nutz Zuname: .. ..----,---- ,	,	. -n

«rfit'.Ntl: Männlich - «etdNch. legende« Hl ju «nUilliiUhin,

Wohnung: .......................................... , .

Liter: —... Jahre, verheiratet? ......... Wieviel Kinder unter

I« Jahren? ______Stil wann am Ort?--------	In welchem

Ort haben Sie vorher gewohnt?..—.............——_____

Beruf? ..................I". welchrni Gewerbe sind oder

waren Sie zuletzt beschäftigt?.——..............................-

Habe» Sie zurzeit Beschäftigung? -............

Sinb Sit orbeitklo»? wieviel Lage? —...... Wochen? .

Wie lange waren Sic im Jahre 1908 arbeitslos?...loge ......Wochen.

Arbeiten Sie insolge Ardeilsmangkl verkürzte Zeit?.........

Wieviel Stunden wöchentlich loeniger?.........

Sind Sie zurzeit wegen Krankheit erwerbsunfähig?-----------

Filr.tzic im Haushalt wohnenden erwerbsfähigen Pcrsouc»
sJngeudllche Persoue» unter lü Jahre». Schl-sburschcu usw.)

Warnung: ................................... . ... -.............

Lite»: .... Jahre, verheiratet?........... Wieviel Kinder unter

Iv Jahre»?....... Stil wann am Crl?. ........... Ju welchen,

Ort haben Sie vorher gewohnt?..................................

Beruf?------—----------—......... I» welchem Gewerbe sind oder

waren Sie zuletzt beschäsügi?_______...... -..............~

Haben Sie zurzeit tvrschästlgnng? .............w

Lind Sit arbeitslos? wieviel Tage?________Wochen?

Wie lange waren Sic inrJahrc &gt;908 orbeilkioL?___Tage....- Wachen.

Arbeiten Sic infolge SrbeilSmaiigel «eeliirzlc Zeit"—..-— .

Wieviel Srundc!i wöchentlich weniger?------

Sind Sie zurzeit wegen Krankheit oiwiibimrsähig? ——

128 und 129. Eine Zählkarte der
Arbeitslosenzählung 1901
        <pb n="297" />
        ﻿282

(2&lt;U-

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Besserung vor, und das
Jahr 1903 brachte dann
diese Besserung zum all-
gemeinen Durchbruch.

Dasnächste statistische
Werk der Berliner Ge-
werkschaften war die Be-
teiligung an einer im Jahre
1903 vom Statistischen Amt
der Stadt Berlin veranstal-
teten Aufnahme über die Le-
benshaltung Berliner
Arbeiterfamilien. Von
den Zählungsformularen,
welche die Gewerkschaften
an ihre Mitglieder aus-
sandten,gingen 908in brauch-
barer Weise ausgefüllt zu-
rück. Sie bezogen sich auf
zusammen 3828 Personen
und wiesen eine Jahres-
einnahme für 1903 von ins-
gesamt 1 589 547 Mk. auf,
wovon aber 275 035 Mk.
Nebeneinnahmen waren, die
zumeist in Mitverdienst der
Laushaltungs-Angehörigen
bestanden. Zieht man sie von
der ersteren Summe ab, so ergibt sich ein Durchschnittsverdienst der 908 Laus-
haltungsvorsteher von 1445 Mk. oder kaum 4 Mk. pro Tag. Die Gesamt-
ausgabe war 1 605 219 Mk., so daß trotz der Nebeneinnahme ein Fehl-
betrag von 15 672 Mk. verblieb. 464 Laushaltungen schlossen mit einem
solchen ab, 399 mit einem „Überschuß"! Von den Ausgaben entfielen im
Durchschnitt der fünfte Teil oder 20,3 Proz. auf Wohnung einschließlich
Leizung und Beleuchtung, 48 Proz. auf Nahrung und 8 Proz. auf
Kleidung, zusammen 76,3 Proz. oder über drei Viertel der Gesamtausgabe,
worin das in vielen Fällen nicht zu vermeidende Essen im Wirtshaus noch
nicht einbegriffen ist. Weitere Einzelheiten findet man im Jahresbericht der
Kommission für 1904, und die genaue tabellarische Aufnahme im Bericht
des Berliner Statistischen Amts über die Erhebung.

So wichtig und verdienstlich nun das statistische Werk der Gewerk-
schaftskommission war, so bildet es doch nur einen kleinen Teil ihrer Tätigkeit.
Der größte Teil ihres Wirkens bezieht sich auf die gewerblichen Kämpfe der
Arbeiterschaft. Alle Fragen, die hierbei die Allgemeinheit betrafen, kamen
vor der Gewerkschastskommission zur Entscheidung, deren eigene Verfassung
im Laufe der Zeit eine immer sorgfältigere Ausbildung erfuhr. Folgendes
ihre Lauptbestimmungen. Die angeschlossenen Gewerkschaften zahlen für
jedes ihrer Mitglieder 10 Pf., jedoch nicht unter 20 Mk. im Jahr und
sind in der Kommission durch Delegierte in der Weise vertreten, daß sie

130. Begleitschreiben an die Gewerkschasts-
kommission zu dem nebenstehenden Formular
eines Laushaltungsbudgets
        <pb n="298" />
        ﻿131. Formular für die Aufnahme des Laushaltungsbudgets von Berliner
Arbeiterfamilien vom Berliner Statistischen Amt
        <pb n="299" />
        ﻿284

für jede angefangenen 500 Mitglieder das Recht haben, einen Delegierten
zu entsenden; doch darf sich keine Gewerkschaft durch mehr als sechs Delegierte
vertreten lassen. Für die Führung ihrer Geschäfte wählen die Delegierten
aus ihrer Mitte einen Ausschuß von sieben Personen, der sich über aus-
gebrochene Lohnkämpfe auf dem laufenden zu halten und von den betreffenden
Gewerkschaften eingehende Anträge zu prüfen und der Delegiertenversammlung
vorzulegen hat. Bei plötzlich ausbrechenden Kämpfen darf der Ausschuß,
wenn nötig, sofort Stellung nehmen, hat aber der nächsten Delegierten-
versammlung darüber Bericht zu erstatten. Die Gewerkschaftskommission
ist nach ihrem Statut dazu verpflichtet, überall, wo die gewerblichen Interessen
der Arbeiter es erheischen, Bericht einzufordern, namentlich bei Lohn-
bewegungen, Streiks, Aussperrungen und Boykotts. Doch ist für die
Unterstützung von Gewerkschaften durch die Kommission erforderlich,
daß zwei Drittel der anwesenden Delegierten in namentlicher Abstimmung
ihre Zustimmung geben, und muß bei Angriffstreiks jede Organisation
in der Lage sein, mindestens zwei Wochen den Kampf aus eigenen
Mitteln zu führen, bevor sie Anspruch aufUnterstützung erheben darf. Bei
aussichtslos gewordenen Streiks hat der Ausschuß aus deren Beendigung
hinzuwirken. Der Ausschuß kontrolliert das Bureau der Gewerk-
schaft, das für die Ausführung der Arbeiten der Kommission zu sorgen
hat, im wesentlichen aber „zur unentgeltlichen Auskunstserteilung über
Fragen der Arbeiterschutz- und Versicherungsgesehgebung, Gewerbe-
Inspektion, sowie über alle sonstigen Fragen des Arbeitsverhältnisses ein-
gerichtet ist" und seit 1902 den Namen Arbeiter-Sekretariat führt. Im
Jahre 1905 wurde das Sekretariat von 13287 Personen aufgesucht, an
die in 13 858 Fällen Auskunft erteilt wurde. Von den Besuchern waren
11 107 oder 83,59 Proz. gewerkschaftlich organisiert. Die schriftlichen Ein-
gänge beliefen sich auf 3923, die Ausgänge auf 4905, die Zahl der an-
gefertigten Schriftsätze war2503. Der erste Sekretär der Gewerkschaftskommission
Hermann Fab er gab sein Amt im Jahre 1896 ab und wurde durch
Rudolf Millarg, Tischler, ersetzt, an dessen Stelle um die Jahreswende
1899/1900 Alwin Körsten, Former, trat, nachdem er schon vordem längere
Zeit als Aushilfskraft im Bureau gearbeitet hatte. Denn mittlerweile
war die Arbeitslast so gestiegen, daß sie eine einzelne Person auf die Dauer
nicht bewältigen konnte. 1901 ward neben Körsten in Gustav Link, Maler,
ein zweiter, 1904 in Eugen Brückner, Buchbinder, ein dritter und 1905
in Adolf Ritter, Schneider, ein vierter ständiger Gewerkschaftssekretär
angestellt. Der Kassenbericht der Gcwerkschaftskommission, der, wie wir
eben gesehen haben, im Jahre 1891 kaum 1000 Mk. Einnahme und Aus-
gabe aufwies, zeigte im Jahre 1905 eine Einnahme für die Kommission
von 17 491 Mk., neben nahezu 400 000 Mk., die für drei große Streiks
— den Streik der westfälischen Bergarbeiter, den Streik der Dresdener
Zigaretten-Arbeiter und -Arbeiterinnen und die ausgesperrten Berliner
Elektrizitäts-Arbeiter — gesammelt worden waren. Das Jahr schloß mit
einem Kassenbestand von 14 255 Mk. und einem Guthaben bei Gewerk-
schaften in Höhe von 61 500 Mk., zusammen also einem Vermögen von
nahezu 76 000 Mk. ab. Pier bedeutet der Besitz aber nicht Ruhe und
Behagen, sondern das Mittel zu immer besser organisierter und damit
auch immer wirkungsvollerer Arbeit.
        <pb n="300" />
        ﻿xK- 3,lc. Beachtung! Tiiskr Fragkdog-N ist jpätefteus bi« zum 23. Rovtmdtt 1902, E»gil-Us-r 15, Zimmer I, ab;ul,-s-in^

P

Deutscher Jletallaröeiter-Fervand, Herwaltungsstelle Aerstn.

Bureau: Engel-Ufer 15, Zimmer 1—5. Fernsprecher: Amt VH. 353.

Frage-Kogen.

Werkst««:,-	Ort:	Stratz« Nr.

Laak oder Abtheilung:	Hauptbeschäftigungsart: -

Gesammtzahl der Beschäftigten

Männl.

Weibl. Lehrl.

Davon: Nicht-Metallarbeiter....................

Metallarbeiter unter 18 Jahren
„ über 60 Jahre .	.

Zum Deutsch. Metallarb.-V. gehörig
Zu anderen Organisationen gehörig
Die regelmäßige Arbeitszelt beträgt täglich _ Stunden
Werden Ueöerstunden gearbeitet? Wenn ja, wieviel Stunden
täglich.............

Wird verkürzt geabeitet? Wenn ja, wieviel Stunden täglich
Wird Sonntags gearbeitet, wieviel Stunden?

Wird Nachts gearbeitet, wieviel Stunden?.............

Verdienst in der Woche
(Drchschn. d. letzt. Viertelj.)

unter 10 Mk.

10 bis	12 „
12 „	15 „
15 „	18 „
18 „	21 „
21 „	24 „
24 „	37 „
27	30
80 „	33 „
33 „	36 „
39 „	43 „
42 ,,	45 „
45 „	43 „
über	48 „

Verdienst nicht zu ermitt.

Männl.	Weibl.' Lehrl.  I	
		
		
		
		
		
		
		
		
		
			
		
		
			—
		
		
	1			
		

Wird vorwiegend in Lohn oder Akkord gearbeitet? (Nicht Zutreffendes ist zu durchstreichen.)

Wieviel Tage werden bei der Lohnderechnung einbehalten? ..............

Ist die Löhnungsperiode wöchentlich oder 14tügig? (sticht Zutreffendes ist zu durchstreichen.)

Wird in Kolonnen gearbeitet? Ja oder nein. (Nicht Zutreffendes ist zu durchstreichen.)

Fragen, welche auf die Einrichtungen der Werkstatt beim. Abtheilung sich beziehen.

1.	Ist Hand« oder Kraftbetrieb? (Nicht Zutreffendes ist zu durchstreichen.)

2.	Besteht Kündigungsfrist?............. Welche?........................

o. Wird die Luft durch Ausdünstungen von Materialien, Maschinen, Apparaten, Säuren :c. wesentlich ver-
schlechtert? .................................................................................................

4.	Werden die Abfälle regelmäßig beseitigt? ............ In welchen Zeiträumen?..............................-

5.	Ist gute Ventilation und Beleuchtung vorhanden? ......... ..................................

6.	Sind Maschinen vorhanden, bei deren Bedienung häufig Unfälle vorkommen?....................................

7.	Sind Schutzvorrichtungen vorhanden?..............Sind die vorhandenen in gutem Zustande?

8.	Sind die ArbeitSräume für beide Geschlechter getrennt?.....................................................

.9. Sind besondere Speiseräume vorhanden? ...............

10.	Sind besondere Ankleideräume vorhanden?

11.	Sind besondere Waschräume, vorhanden? ...............

12.	Sind Aborte in genügender Zahl vorhanden? ............

13.	Ist eine Fabrik-Ordnung vorhanden?

14.	Ist ein Arbeiter-Ausschuß vorhanden?.................

15.	Werden Strafgelder erhoben? Ja oder nein.--------------

16.	Wird die Verwendung der Strafgelder von den Arbeitern kontrollirl? ..............................--

Vorstehende Fragen sind mit Trute auszufüllen;

Bemerkungen siehe Rückseite;	Bitte wenden!

Getrennt für Geschlechter?
Getrennt für Geschlechter?
Getrennt für Geschlechter?
Getrennt für Geschlechter?

(Näheres unter Bemerkungen.)

132. Fragebogen des Metallarbeiterverbandes über die Arbeitsverhältnisse
in den einzelnen Betrieben.
        <pb n="301" />
        ﻿286

c) Die Unterstützung auswärtiger Kampfgenossen.

Wie die sozialdemokratische Arbeiterschaft Deutschlands im allgemeinen
es stets als eine Ehrenpflicht betrachtet hat, ihren auswärtigen Brüdern
bei wichtigen Kämpfen mit Unterstützungen hilfreich zur Seite zu stehen,
so haben es ganz besonders auch die Berliner sozialistisch gesinnten Arbeiter
gehalten, und oft ist man in Berlin mit Sammlungen für solche Zwecke
vorangegangen. An ihnen beteiligten sich die politischen Organisationen
jeweilen nicht weniger rührig als die Gewerkschaften, aber aus Zweckmäßig-
keitsgründen wurden die Sammlungen für Kämpfe gewerkschaftlichen
Charakters von der Gewerkschaftskommission organisiert oder in ihren Länden
zentralisiert. Zn ihren Kassenberichten finden wir daher auch Zusammen-
fassungen über die Erträge dieser Sammlungen.

Nehmen wir die bedeutendsten davon heraus, so wurden für gewerk-
schaftliche Kämpfe an anderen Orten Deutschlands in Berlin gesammelt:

1.	Für den großen Lafenarbeiterstreik in Lamburg vom Winter
1896/97 zusammen 155 843 Mk. Auf dem Berliner Gewerkschastsbureau
wurden für diesen Streik 7000 Doppelquittungen ausgestellt, 962 Post-
sendungen in Empfang genommen und 411 Postanweisungen nach Lamburg
entsandt.

2.	Für streikende Weber in Krefeld, 1899, 25 901 Mk.

3.	Für streikende Weber in Meerane, 1902, 11 399 Mk.

4.	Für die streikenden Textilarbeiter in Crimmitschau und Umgegend,
1903, 179 000 Mk.

5.	Für die streikenden Bergarbeiter in Westfalen, 1905, 150 000 Mk.

6.	Für streikende Zigarettenarbeiter in Dresden, 1905, 10 200 Mk.

Von Sammlungen für gewerbliche Kämpfe im Ausland sind zwei be-
sonders zu erwähnen:

1.	Für den mehr als sechs Monate spielenden Kampf der englischen
Maschinenbauer von 1897/98 51 570 Mk.

2.	Für die von der großen Aussperrung des Jahres 1899 betroffenen
dänischen Arbeiter 18978 Mk.

Die Zahl der kleineren Sammlungen ist Legion. Auch darf man nicht
vergessen, daß neben diesen Sammlungen häufig allgemeine Sammlungen
für größere Kämpfe in bestimmten Gewerben Berlins liefen. So ward
z. B. im Jahre 1899 außer für die dänischen Arbeiter auch für die in einen
großen Streik verwickelten Steinarbeiter Berlins gesammelt, die mit
16 883 Mk. unterstützt wurden, und ferner wurden den Töpfern Berlins
15 000 Mk. und den Steinsetzern 4000 Mk. Anterstützung aus Mitteln der
Allgemeinheit gewährt. Im Zahre 1905 aber finden wir neben den
Sammlungen für die westfälischen Bergarbeiter und die Dresdener Zigaretten-
arbeiter u. a. noch die Sammlung für die streikenden Elektrizitätsarbeiter
Berlins mit einem Erttage von 138 683 Mk. Alles das im Verein mit
den nie pausierenden Sammlungen für politische Zwecke legt erhebendes
Zeugnis ab für das starke Solidaritätsgefühl und die stets offene Land
der Arbeiter Berlins.
        <pb n="302" />
        ﻿Zehntes Kapitel.

Die bedeutsamsten gewerkschaftlichen Kämpfe

Berlins.

Momente sind es vornehmlich, welche dort, wo gewerkschaftliche

/ Kämpfe im allgemeinen schon alltägliche Erscheinungen sind, ihnen
besondere Bedeutung zu verleihen pflegen: eine ausnahmsweise
weite Ausdehnung ihres Kampfgebiets, eine ungewöhnliche Heftigkeit
oder Dauer des Kampfes und ein Ziel oder Ausgang, die eine
wesentliche Neuerung in den Bestimmungen des Arbeitsverhält-
nisses darstellen. Daß für Berlin Gewerkschaftskämpfe alltägliche Vor-
kommnisse geworden waren, braucht hier kaum noch bemerkt zu werden.
Es sind nur wenige Gewerbe, in denen nicht jahraus jahrein Streitigkeiten
um Lohn, Arbeitszeit oder Arbeiterrccht zu Kämpfen zwischen Unter-
nehmern und Arbeitern führen, und nicht wenige Gewerbe haben deren
fast regelmäßig mehrere im Jahr. Die meisten davon sind längere Zeit
freilich nur Kämpfe von Arbeitern mit einzelnen Unternehmern oder einer
kleinen Gruppe von solchen, womit jedoch nicht gesagt ist, daß sie deshalb
etwa unwichtig oder uninteressant seien. Als soziale Kraftäußerung hat
jeder Kampf an seinem Platz auch seinen bestimmten Wert, der freilich
bei unüberlegtem, zweckwidrigem Vorgehen auch vorwiegend negativer Natur
sein kann, und selten fehlt es an Einzelheiten von besonderem Interesse für
die Beteiligten und die Wissenschaft des Arbeiterkampfes. Ein Eindringen
in die gewerkschaftlichen Kämpfe des doch verhältnismäßig kurzen Zeitraums,
den dieser Band behandelt, enthüllt eine Fülle von Vorgängen, die unter
den verschiedensten Gesichtspunkten der Hervorhebung wert erscheinen. Wir
sehen neue Urteile über die Einzelheiten des Arbeilsverhältnisses sich bahn-
brechen, eine neue Taktik sich herausarbeiten, und überreich sind diese fünf-
zehn Jahre Arbeiterkämpfe an dramatischen Vorgängen, an Beispielen
tapferen, bis zur Selbstverleugnung gehenden Beharrens im Widerstand,
allerdings auch an heftigen Reibungen in den Reihen der Kämpfenden
selber.

Von alledem könnte unsere Geschichte nur grobe Umrisse und Zahlen-
reihen geben, wollte der Versuch gemacht werden, auch nur die wichtigsten
Momente der größeren Streiks zusammenfassend vorzuführen. Es wurde
daher von ihm Abstand genommen und für richtiger befanden, zwei bedeu-
        <pb n="303" />
        ﻿s / r / *	' &lt;r

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133. Entwurf einer Resolution der Berliner Streik-Kontroll-Kommission. 1891/92.
        <pb n="304" />
        ﻿134 und 135. Resolutionen der Berliner Streik-Kontroll-Kommission

Bernstein, Berliner Geschichte. III.
        <pb n="305" />
        ﻿290

tungsvolle Kämpfe, welche zu ihrer Zeit die Arbeiterschaft Berlins in leb-
hafteste Erregung versetzten, herauszugreifen und an ihrem Beispiel in mög-
lichster Anmittclbarkeit ein Bild zu entwickeln vom Spiel der Leidenschaften
und Interessen, von der Entfaltung der charakteristischen Eigenschaften der
Führer und der Massen, vom Widerstreit der Arteile, vom Auftauchen
neuer Konstellationen und Probleme inmitten des Kampfes, wie sich das in
Abstufungen bei allen größeren Wirtschaftskämpfender Arbeiterschaft wieder-
holt. Die gewählten Beispiele sind der große Bicrboykott des Jahres 1894
und der große Streik in der Konfektionsschneiderei Berlins vom Jahre 1896.
Da aber der Bierboykott den Rahmen eines Gewerkschaftskampfes
durchbrach und zum Kampf gegen einen Bund der großen Brauereien der
Lauptstadt wurde, den die Gesamtarbeiterschaft Berlins unter der gemein-
samen Leitung der politischen und der Gewerkschaftsführer ausfocht, ist ihm
ein besonderes Kapitel gewidmet. Anders der Streik in der Konfektions-
schneiderei. So sehr ihm die Allgemeinheit der Arbeiter Berlins ihr In-
teresse schenkte, so behält er doch durchweg in allen wesentlichen Punkten
seinen gewerkschaftlichen Charakter. Allerdings spielt auch er sich nicht in
der Weise ab, daß die Streitenden auf die rein gewerkschaftlichen Kampf-
mittel beschränk bleiben. Aber das beeinträchtigt seinen gewerkschaftlichen
Charakter nicht. Allen bedeutenden Gewerkschaftskämpfen der Gegenwart
ist die Tendenz eigen, wegen der Größe der von ihnen erfaßten Bevölkerungs-
schicht oder der Rückwirkung auf das Geschäftsleben im allgemeinen zu
einer Angelegenheit der Öffentlichkeit zu werden und deren Eingreifen in der
Gestalt von Vcrmittelungsversuchen irgendwelcher Art wachzurufen.

* *

-i-

1.	Der Kampf von 1896 gegen die Schwiharbeit in der
Konfektionsschneiderei.

Eine der Lauptindustrien Berlins ist die Bekleidungsindustrie, und
zwar ist es die Schneiderei, die hier im Laufe der Zeit einen das örtliche
Bedürfnis nach ihren Produkten weit überschreitenden Aufschwung ge-
nommen hat. Mit andern Worten, die Konfektionsschnciderei, die Ler-
stellung fertiger Artikel für den offenen Markt, hat sich hier außerordentlich
stark eingebürgert. Aus verhältnismäßig bescheidenen Anfängen hatte sie
sich in Berlin im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu einer Stapel-
industrie ersten Ranges entwickelt. Berlin versorgte die Provinz, das
außcrpreußische Deutschland und auch das Ausland in steigendem Amfange
mit Erzeugnissen seiner Konfektion in Kleidungsstücken aller Art; namentlich
seine Damenmäntel-Konfektion spielte auf einer Reihe von Auslands-
märkten eine große Rolle. Ende 1895 zählte man hier 439 Großhandels-
geschäfte der Bekleidungsindustrie, wovon 131 auf die Damenmäntelkonfektion
kamen. Neben Berlin hatten in Deutschland Äamburg, Stettin, Breslau,
Erfurt und einige Mittelstädte sich zu Zentren der Kleiderkonsektion entwickelt.

Die Produktion in der Konfettionsschneiderei ging nur zum geringsten
Teil in großen Werkstätten vor sich. In den meisten Fällen gaben die
Fabrikanten die Arbeit zur Besorgung außerhalb ihrer Geschäftsräume
sott, zum Teil direkt an Leimarbeiter, zum Teil an Zwischenunternehmer
verschiedenster Art. Neben gelernten Schneidern übten auch Angehörige
        <pb n="306" />
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136—138. Protokoll des als Einigungsamt angerufenen Gewerbegerichts

17. Februar 1896

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*&gt;j^vts&lt;rj'(i.&lt;n*~'A-^bo&amp;JjxjM ^^vnräyux^.

136—138. Protokoll des als Einigungsamt angerufenen Gewerbegerichts.

17. Februar 1896
        <pb n="308" />
        ﻿136—138. Protokoll des als Einigungsamt angerufenen Gewerbegerichts

17. Februar 1896

anderer Berufe das Gewerbe des Zwischenmeisters aus. So wenig man
als Fabrikant nötig hatte, selbst die Nadel führen zu können, so wenig
war die Aufgabe des Zwischenmeisters daran gebunden. Spekulations-
talent und je nachdem ein gewisses organisatorisches Geschick waren in
beiden Fällen die hauptsächlich erforderten persönlichen Eigenschaften, und
so fand man gewesene Kommis, Gastwirte, Gärtner — ja, selbst ehemalige
Dienstmänner und Droschkenkutscher unter den Personen, die zwischen
Fabrikanten und Arbeitern der Konfektionsgewerbe die Mittelsperson
spielten. And gerade diese aus anderen Berufszweigen stammenden Zwischen-
unternehmer waren es oft, die den hier ohnehin starken Lohndmck noch
empfindlich steigerten.
        <pb n="309" />
        ﻿294

Die Arbeiter der Konfektionsschneiderei gehören in ihrer großen Mehr-
heit dem weiblichen Geschlecht an, und wenn dies allein schon es ermöglichte,
die Löhne auf einen tiefen Stand zu halten, so ward diese Möglichkeit
noch dadurch verstärkt, daß sich an der Konfektionsschneiderei ein ganz er-
heblicher Prozentsatz von Frauen und Mädchen beteiligten, für die sie bloß
Nebenerwerb, in vielen Fällen der Lohn nur „Nadelgeld" war. Die
Bezahlung der Heimarbeiter war fast durchgängig eine erbärmliche. Dank
ihrer Widerstandsunfähigkeit konnten die lohndrückenden Tendenzen des Unter-
nehmertums und der Konkurrenzverhältnisse sich immer wieder mit erneuerter
Macht in der Konfektionsindustrie geltend machen und selbst in dieser auf-
steigenden Industrie das Elend forterhalten oder wiederherstellen, welches die
amtliche Erhebung von 1887 ans Licht gezogen hatte. In der ersten Hälfte der
neunziger Jahre trugen jedoch noch zwei wichtige Faktoren ganz besonders
dazu bei, die Lage der Konfektionsschneider in Berlin und den andern
deutschen Zentren dieser Industrie zu verschlechtern: Erstens die Äberhand
nähme der Konfektion auf Lager oder „Stapel" gegenüber der Konfektion
auf durch Reisende eingeholte Bestellungen. Durch sie wurde die Produktion
auf noch kürzere Zeit im Jahr zusammengedrängt, noch mehr Saisonarbeit
als vorher. Der zweite Faktor war die Erschwerung der Konkurrenzbe-
dingungen auf dem Weltmarkt dadurch, daß die Vereinigten Staaten und
Argentinien ihre Einfuhrzölle auf Konfektionswaren erhöhten und Englands
eigene Konfektionsindustrie unter dem Einfluß der Massen-Einwanderung
aus Rußland vertriebener jüdischer Arbeiter einen starken Aufschwung nahm.
Sollte dieser Konkurrenzdruck nicht zur weiteren Herabdrücknng der Lage der
deutschen Konfektionsarbeiter führen, so war eine kraftvolle Gegenaktion dieser
absolut geboten.

Sie blieb denn auch nicht aus. Nachdem viele Agitationen und
Diskussionen vorausgegangen waren, beschloß der dritte Verbandstag
deutscher Schneider und Schneiderinnen, der vom 22. bis 25. August 1894
in Erfurt tagte, eine planmäßige Agitation für die Verbesserung der Ver-
hältnisse in der Konfektionsschneiderei ins Werk zu setzen, und vier und
einen halben Monat darauf, am 13. Januar 1895, tagte in Berlin eine
von der Berliner Agitationskommission für Schneider und Schneiderinnen
einberufene Konfektionsarbeiter-Konferenz, die von 14 Delegierten
aus den wichtigsten Zentren der Industrie beschickt war. Sie verständigte
sich über die Grundlinien eines gemeinsamen Vorgehens in ganz Deutsch-
land für folgende Forderungen:

1.	Anerkennung von festzusetzenden Lohntarisen.

2.	Errichtung von Betriebswerkstätten. Der Endtermin wird auf den

l.	Februar 1896 festgesetzt.

3.	Einsetzung einer Kommission zur Austragung etwaiger Streitigkeiten,
welche zu gleichen Teilen aus Geschäftsinhabern oder deren Vertretern
und aus Schneidern bestehen soll.

4.	Eine anständige, eines Menschen würdige Behandlung. Rohe Redens-
arten oder gar Handgreiflichkeiten (wie sie vorgekommen) müssen unter-
bleiben.

5.	Schnelle Abfertigung bei Empfangnahme und Abliefern der Arbeiten.
Bei länger als einstündigem Warten wird pro Stunde 40 Pf. vergütet.

6.	Mindestens wöchentliche Lohnzahlung am Schluß jeder Woche.

7.	Anerkennung von Arbeitsnachweisen in Landen der Arbeiter.
        <pb n="310" />
        ﻿Eine Kommission von fünf Personen sollte das für die Aktion er-
forderte Agitationsmaterial beschaffen und zusammenstellen, sowie mit den
Kommissionen an den einzelnen Orten behufs einheitlichen Vorgehens in
Agitation und Aktion Fühlung halten. Sie ward am 21. Januar 1895
in Berlin in öffentlicher Versammlung gewählt und aus drei männlichen
Berufskollegen — O. Brand, an dessen Stelle später K. Riesing trat,
Ioh. Timm und A. Zander — und zwei Arbeiterinnen — Frau A. Noack
und Frau E. Reimann — zusammengesetzt. Sie beschloß zunächst die
Forderung von Betriebswerkstätten zu propagieren. Am 6. Mai 1895
fanden in Berlin und den anderen Sitzen des Gewerbes große Versamm-
lungen statt, in denen die Wichtigkeit der Errichtung von Betriebswerkstätten
auseinandergesetzt wurde. Äberall wurden Resolutionen zu ihren Gunsten
angenommen und mit entsprechenden Begleitschreiben von den Bureaus
der Versammlungen an die Unternehmer, Fabrikanten wie Ländler versandt.
Gemeinsam mit dem Vorstand des Schneiderverbandes beauftragte die
Fünferkommission ihr Mitglied Johannes Timm, behufs Gewinnung der
öffentlichen Meinung eine Broschüre über die Schäden des Zwischenmeister-
systems und der Leimarbeit im Gewerbe abzufassen. Die wirksam ge-
schriebene Arbeit ward unter dem Titel „Das Swcating-System in der
Konfektionsindustrie" in 6000 Exemplaren ausgelegt und unter anderem den
meisten namhaften Sozialpolitikern und den Organen und Körperschaften
zugeschickt, die von Amtswegen mit der Sozialpolitik zu tun haben. Sie
erfüllte auch in hohem Grade ihren Zweck. Die Presse befaßte sich aufs
neue lebhaft mit der aufgeworfenen Frage und sprach sich im ganzen für
die in der Broschüre entwickelten Ideen aus. Noch waren die Blüten-
träume der deutschen Sozialpolitik nicht aus den Gemütern der deutschen
Ideologen verflogen, die jüngeren Elemente der evangelischen Geistlichkeit
und die antikirchlichen Ethiker wetteiferten im Eintreten für soziale Reformen,
im Schoße der liberalen Parteien gab es Gruppen, die sich mit der Idee
des staatlichen Arbeiterschuhes befreundeten, und da die großen Firmen
der Kleiderkonfektion überwiegend jüdisch waren, nahmen auch Antisemiten
und Konservative für deren Arbeiter Partei. Kurz, die Agitation der
Konfektionsschneider fand selbst in der bürgerlichen Welt viele Freunde.
Der tatkräftigen Sympathie der organisierten Arbeiter dursten sie sich selbst-
verständlich versichert halten. Die Leitung der deutschen Sozialdemokratie
sehte die Frage der Schwitzarbeit mit Johannes Timm als Referenten auf
die Tagesordnung des Parteitags, der im Oktober 1895 in Breslau zu-
sammentrat, und nahm einstimmig eine Resolution an, die es den Genossen
allerorts zur Pflicht machte, den Kampf für die Beseitigung des Zwischen-
meistersystems, für Betriebswerkstätten und feste Lohntarife zu unterstützen.
Am 24. und 25. November 1895 tagte in Erfurt eine zweite allgemeine
Konferenz der Arbeiter der deutschen Konfektionsindustrie. Sie war er-
heblich stärker besucht als die erste, erneuerte das Mandat der Fünfer-
kommission mit dem Recht der Ergänzung und beschloß einen genau
fixierten Agitationsplan, sowie die sofortige Organisierung von Sammlungen
behufs Bildung eines Kampffonds.

Es handelte sich also nicht um einen willkürhaft und unüberlegt an
einem einzelnen Ort ins Werk gesetzten Kampf, sondern um eine reiflich
überdachte und wohl vorbereitete Bewegung von nationalem Amfang, deren
        <pb n="311" />
        ﻿Dies«- Blatt erscheint wöchentlich einmal, wird den
organisirten Schneidern und Schneiderinnen gratis
zugestellt, lieg« in über 500 Restaurants init
Schneiderverkehr aus und wird in allen Versammlungen
verbreitet.

Anzeigen-Watt

der

Inserate: Die btzrspälten» Petilzeile oder^ deren
Raum 25 Pf. Bei mehrmaliger Aufgabe entsprechender
Rabatt. Aufträge werden entgegengenommen: Vorm,
non 8—1 Uhr un CeittralarbeitsnachweiS- und AuS»
kunstS-Bureau der Schneider u. Schneiderinnen Berk..
Alte Jakobstr. 83, Rest. Pasch, bei Albert Aon des.

Maeitfet ums Sdmetdeciaaea

Herlins und Umgegend.

Ubonnem-ntSpreis pro Quartal frei ins 75 Pf., pro Monat 30 Pf.

Abonnemmts nimmt rntgcgrn: A. Zondrr, Alte Jalob-Strasr 83, Restaurant Pasch, Borm. van 8—1 Uhr.

II. Jahrgang.

Berlin, Sonnabtnb, de» 25. Januar 1896.

Nr. 4.

Kollegen! Kollkginnen! Verbreitet dieses f latt überall in Euren Kreisen und ngitirl s. d. Besuch d. Nersannnlungen!

12 große öffentl. Versammlungen

der

Mantelnäherinncii, Bügler, Zuschneider, Stepper. Stepperinnen, Kinderkonfektions-
Nätzcnnnen, Herrenkonfektions-Schneider und -Näherinnen, sowie Schneider und
Näherinnen aller Branchen der Konfektion« - Industrie
W am Montag, den 3. Februar, Abends 8 Uhr. "VE
Für den Osten:	Nicft's Festsälc, Wcbcrstr. 17.

Für C-ntmm:	Englischer Garten^ Al^anderstr. 27 e.

Für den Nord-Osten: Paster's Gescllschaftshaus, Nene Königstr. 7.

Für den Süd-Osten: Sanssouci, Kottbuscrstr. 4s und

Märkischer Hos, Admiralstraße l8o.

Für den Westen: Kvmgshvs, Bülvwstr. ?&gt;7.

Für den Norden: Brrtmer PrM«.	7.

Slmticmunöcr @csetlfd)aft0ljau0. SrnmcmimOcrftc. 39 nn»
Criindel's Fcstsäle, Bmnnenstr. 188,

Für Wedding-Gesund- Köslincr Hof, Küslincrstr. 8.
brunnen:

Für Moabit:	Arendt'sche Brauerei, Stromstr. 11—16.

Für Rixdors:	Diktoria-Säle, Hennannstr. 48—50.

Täges-Ordnung in allen Versammlungen:

1.	Die Ergebnisse der Verhandlungen init den iionfektions.
Unternehmern, Händlern und Meistern und unsere Stellung-
nahme dazu.

2.	Diskussion und Beschlußfassung darüber.

Die Referenten werden in den Versammlungen bekannt gemacht.

Kollegen, Kolleginnen' Erscheint in den Versammlungen vollzählig. Es gilt,
darüber -zu entscheiden, ob Ihr gewillt seid, in eine Lohnbewegung einzutreten.

Die Agitations-Kommission der Schneider und Schneiderinnen Berlins.

Im Auftrage: Z. tzimm, Vertrauensmann.

Montag, dc» Z. Februar

ist der Tag, an welchem die Entscheidung getroffen
werden soll, ob in eine Lohnbewegung eingetreten
wird. Die Agitationskommission der Schneider und
Schneiderinnen Hot den Auftrag der letzten großen
Versammlungen ausgeführt und den Unternehmern.
Händlern und Meistern die angenommenen Forder-
unge« zugestellt: in den bekannt, gegebenen Ver-
sammlungen wird sie-über doS Ergebniß der ge-
pflogenen Verhandlungen, zu denen sie beauftragt
wurde. Bericht erstatten.

Wir glauben nicht nöthig zu haben, die Kollegen
und Kolleginnen noch besonders daran zu erinnern,
daß e8 ihre Pflicht ist. in diesen Versammlungen
zu erscheinen, um mit zu berathen und mit zu
bestimmen, was geschehen soll. Es ist weiter ihre
Pflicht, alle Säumigen, alle Gleichgültigen wach-
znrütteln. damit sie die zu ihrem eigenen Wohle
dienenden Bestrebungen unterstützen. Laßt Euch
nicht abhalten von Jenen, die ans wohlberechneiem
Jntereffe die Forderungen als undurchführbar hin-
stellen. die mit der Hungerpeitsche drohen, wenn
Ihr Euch nicht fügt. Tretet. ein in den Kampf
mit dem Gedanken, daß Ihr Euer gutes Recht aus
menschenwürdige Existenz verfechtet. Müßt Ihr
in der schlechten Zeit wochenlang, monate-
lang hungern, vergebens um Arbeit betteln,
so könnt Ihr jetzt, wo es sich darum handelt,
bessere Zustände zu erringen, einige Wochen
Ovfermulh bezeugen, um die Forderungen
durchzusetzen. Geschloffenheit führt zum Sieg.

Rur die in diesem Blatt bekannt gegebenen
Versammlungen sind von der beauftragten Agitations-
kommission einberufen. Es wird in dem bevor-
stehenden Kampfe nicht an Leuten fehlen, welche
die einheitliche Bewegung zu zerstören suchen und
bewußt oder unbewußt wie immer im Interesse der
Unternehmer handeln. Die beste Antwort darauf
ist. daß- man solchen Veranstaltungen fern bleibt.

Die Anfnahmclisten de« Verbandes deutscher
Schneider und Schneiderinnen sind weiß, ebenso
die' Sammellisten, der Agilationskommission. Wir
bitten dieses zu beachten, weil ander« Sammlungen
als gestempelte Bons u- s. w. nicht von uns ausgehen.

Durch Kampf zum Sieg!

Die Agitations-Kommission
der Schneider und Schneiderinnen Berlins.

Unsere Forderungen und der „Sun-,
fckttonär."

Der „Konfektionär" ist bekanntlich das Inter-
essen-Organ der Unternehmer und Händler der
Konfektions-Industrie. Dieses Blatt hat also den
Profit der großen und größten Kapitalisten -wahr-
zunehmen. Das hindert den Konfektionär aber
nicht, ab und zu auch einmal die soziale Lage der
Schneider und Näherinnen zu beleuchten, allerdings
nur dann, wenn es höchst ungefährlich ist. Die
Unternehmer schlagen dann gleich zwei Fliegen mit
einer- Klappe: sie wahren ihr Kapitalinfereffe und
geben sich einen sentimentalen arbeUerfrcundlichen
Anstrich.

So schreibt noch der „Konfektionär" im vorigen
Jahre folgendes: „Die Mäntelnäherin verdiente
früher viel: augenblicklich aber giebt es für ein
Jcnzget nur noch 90 Pf., oft noch weniger, für
einen Regenmantel l.25 M.'; und an anderer
Stklle: „Die Frauenarbeit ist von jeher schlecht
be^hlt worden, selten waren aber die Löhne so
gesunken wie jetzt."

Im Anschluß hieran heißt es dann: „Eine
allgemeine Lohnerhöhung könnte nur durcbgeführt
weiden, wenn unsere Geschäftsinhaber wüßten, daß
Niemand billiger arbeitet, daß ein einheitlicher
Minimal-Arbeltstarif bestehe. Dann würden
sic gewiß gern bereit sein, höhere Löhne zu bewilligen,
denn alsdann müßte auch der Preis für das fertige
Fabrikat steigen, den durchzusetzen, unter den
obwaltenden Umständen nicht gar zu schwer wäre."

Jetzt rückt der Termin heran, wo die Ver-
wirklichung dieser Forderungen erstrebt werden soll.
Die logische Konsequenz der obigen Ausführungen
wäre, daß auch die Unternehmer mit aller Macht

i VW '^ -vcVernnrun unterstützen MÜsit&gt;2'.
f ans feuert 3fce(fcn sa)un &amp;(latmen laut, baß (Id)

die Anfertigung der Stapclfachen kaum noch ver-
lohne, weil die Preise so heruntergedrückt sind.
So konsequent sind die Unternehmer aber nicht,
denn „zwei Seelen wohnen ach in einer Brust".
Wenn auch die elenden Zustände dkr Konfektions-
schneider und Näherinnen eine deutliche Sprache
reden, so wird sie übertönt von dem keifenden
Schrei: Profit! Profit!

Wuthentbrannt 'über den imposanten Ausfall
unserer letzten Versammlungen speit der „Konfektionä "
Gilt und Galle. Daß er die im Vordergründe
der Bewegung stehenden Kollegen mit allerhand
Ehrentitel belegt, ist aus der jetzigen unbequemen
Verlegenheitsstimmung einigermaßen begreiflich und
genirt weiter nicht. Die Zahl der Versammelten
wird vorsichtiger Weise auf nur 5000 angegeben,
während die Lokale Sanssouci und Keller, die bis
ans den letzten Platz besetzt, allein schon 5000
Personen fasten. Die seltene Einigkeit in der
Beschlußfassung soll dadurch beeinträchtigt werden,
daß einige Zwischenmeistcr und Meisterinnen dagegen
opponirten. Diese werden natürlich als „Arbeiter"
ausgespielt. Es wird dann noch über große „Un-
ruhe" und heftige Opposition gegen die aufgestellten
Forderungen berichtet. Der Bericht läßt aber
deutlich die unangenehme Situation der Unter-
nehmer erkennen. Nun, sie können beruhigt sein,
der einmal beschrittene Weg wird weiter verfolg
bis die zu einer menschenwürdigen Existenz erfor-
derlichen minimalen Forderungen bewilligt sind.

An's werk.

Die organisirten Schneider und Näherinnen
Deutschlands haben die zum Besten der Konfektions-
arhciterschast bereits im vorigen Jahre eingeleitete
Bewegung einen weiteren, entscheidenden Schritt
vorwärts geführt. Gemäß der Anregungen und
Beschlüsse der Berliner Konferenz vom. 13. Januar
und der Erfurter Konferenz vom 24. und 25. No-
vember 1895 fanden am letzten Montag in fast
allen Mittelpunkten der Konfektionsindustrie große
öffentliche Versammlungen statt, in welchen die
Arbeiter und Arbeiterinnen der Branche Äe Er-
richtung von Betriebswerksiätien und die Einführung
fester Lohntarife forderten. Die Forderungen
kommen dem Unternehmerthum nicht überraschend,
die. gewerkschaftliche Aktion bedeutet ihm keine
Ueberrumpelung. Bereits im Januar vorigen
Jahres erklärten die Vertreter der Konfektions-
arbesterschaft die Errichtung von Betriebswerkstätten
für eine dringend nöthige Reform, und die Massen-
versammlungen vom 6. Mai pflichteten durchaus
dieser Ansicht bei, ließen den Konfektionären ihre
diesbezügliche Forderung zur - Kenntniß bringen
und setzten den 1. Februar 1696 als Termin für
die Einführung, der Neuerung fest. Was aber

das Verlangen nach höheren Lohnen und festen
Lohntarifen anbetrifft, so ist es seit Jahren nie
verstummt, hier und da. nun und jetzt wieder und
wieder formulirt worden.

In brennender Dringlichkeit wachsen, die er»
hobenen beiden Forderungen ans den Arbeits-
bedingungen der Konfektionsarbeiterschaft hervor;
aus Arbeitsbedingungen, welche mit eisernein. Druck
die Lebenshaltung vieler Zchntausende auf einem
denkbar niedrigen, kiilturunwürdigen Niveau fest-
klammern. Und- bieSi während einer Handvoll
Konfektionären millionenrcicher Gewinn zufällt, eine
mehr als auskömmliche Existenz anderen ihres*
gleichen, milfammt einer Anzahl besonders geriebener
Zwischenmeistcr. Welches sind denn die vor»
stechendsten Züge dieser Arbeitsbedingungen?

Löhne, die an der Hungergrenze hin- und her»
pendeln und sehr oft unter dieselbe sinken. Eia
nicht bloß kärglicher, sondern im höchsten Grade
unsicherer und unregelmäßiger Verdienst, der aus-
bleibt und sDwankt, je nach der Saison, den
Mlri-tito-.r.dtniffeu und dem willkllrULeu Bel'Herr

1 bet Stonfcttionäie unb ßmifrijfant elfter. &amp;n an’

haltendes Sinken der Löhne, ganz besonders iu
Folge der unheilvollen Rolle, welche der Schwitzer
als Werkzeug der Ausbeutung und Ausbeuter
spielt. Ungemeffen lange und ungeregelte Arbeits-
dauer. ohne feste Abgrenzung der Zeit für Essen,
Schlafen, Erholung und Erfüllung der Aufgaben
gegenüber Familie, Klaffe, Gesellschaft. . Eine
Beschlagnahme der Nachtstunden, der Sonn- und
Feiertage während-der Saison, ein fast oder ganz
vollständiges Feiern während der Flaue. Als Zu-
gabe zu diesen Herrlichkeiten kapitalistischer Ordnung
aber die Frohn in Räumlichkeiten, die in der Regel
gleichzeitig Werkstatt, . Wohnung, Schlafzimmer,
Küche, Waschhaus sind, eventuell auch Kranken-,
Geburts-und Sterbezimmer: die Frohn unter Ver-
hältnissen. welche allen Anforderungen der Hygiene
Hohn sprechen, direkte Ursache oder fruchtbarer
Nährboden körperlicher Leiden sind, welche Gesund-
heit und Lebenskraft vorzeiffg.brechen. Es mangelt
der dürftige gesetzliche Schutz gegen übermäßige
Ausbeutung, es mangelt die geringfügige staatliche
Hilfe im Falle von Krankheit, Alter, Unglücksfall.
Schutz und Hilfe, auf die das Fabrikproletariat
rechtlichen Anspruch hat. Statt deren für die
Konsektionsarbeiter dafern sie, Heimarbeiter
sind der Zwang, einen Theil der Betriebskosten
ans dem eigenen schmalen Beutel z» decken.

Auf ErwerbSverhältniffen jämmerlichster Art
baut sich für die Arbeiter und Arbeiterinnen der
Konfektion eine Existenz jämmerlichster Art auf.
Tagtäglich schreibt die äußerste, Leib und Leben
schädigende Dürftigkeit den Küchenzettel, stets hockt
die graue Sorge gespenstig am häuslichen Herde,
sehr oft tritt der Hunger über die Schwelle des
armseligen Heims. Die Erwerbsarbeit saugt jede
Minute Zeit, jedes Tröpfchen Kraft auf, verwandelt
Menschen, fühlende, denkende, sich sehnende Men-»
scheu in ArbeitSmaschinen. regelt warmes, mensch-
liches Leben nach der Nadel Stich. Wochenlang
kein ordentliches Ausspannen ,und gründliches Aus-
ruhen, keine Möglichkeit, frischen Geistes und fröh-
lichen Herzens den Seinigen zu leben, den Freun-
den, den- sozialen Pflichten, sich selbst; leine
Möglichkeit zu bescheidener Erholung, zur Befriedi-
gung des vielleicht heiß emporquellenden BildungS-
dranges. Und das vereinzelte Schaffen, ohne stete
Berührung und innige Fühlung mit größeren
Gruppen von Arbeits- und LeidenSgenoffen läßt
das Elend als individuell lastendes Verhängniß
auffassen, hindert die Erkenntniß der wirthschaft-
ljchen Wurzeln der' Noth, die Erkenntniß der
Klaffenlage und -des Klasscnintereffes. hemmt die
Entwickelung des 'sittlich erneuernden und stä'rkeriden
SoUdaritätLgefühls, das Bewußtsein von der un-
abwendbaren Nothwendigkeit des Klaffenkampfes.,
üumme, dumpfe, verzweifelnde Resignation herrscht

139. Titelseite einer Nummer des Anzeigen-Blattes der Schneiderund Schneiderinnen'^Berlins mit den programmatischen Forderungen

der Schneider und Schneiderinnen
        <pb n="312" />
        ﻿298

Ziel eine durchgreifende Reform des Gewerbes war. Aber schon die Wahl
Berlins für den Sitz der Fünferkommission zeigte, wie sehr man sich
bewußt war, daß hier der Lauptkampf geführt werden mußte. Denn hier
handelte es sich um ein Leer von etwa 50000 Konfektionsarbeitern.

Nur erst ein sehr kleiner Teil dieser Arbeiter, von denen mehr als
70 Prozent Frauen und Mädchen waren, waren gewerkschaftlich organisiert.
Ende 1894 gehörten im ganzen 550, Ende 1895, nach all der Agitation,
kaum mehr als 800 Schneiderei-Arbeiter Berlins der auf dem Boden des
Klasscnkampfes stehenden Gewerkschaftsbewegung an. Die große Mehrheit
davon — gegen 700 — finden wir in der Ortsstelle des deutschen Schneider-
verbandes, während der lokalistische Verein der Maß- und Konfektions-
fchneider Berlins ungefähr 100 Mitglieder zählte. Rechnen wir zu diesen
zwei Gruppen noch etwa 400 im Berliner Ortsverein des Lirschschen
Gewerkvereins organisierte Schneider hinzu, so erhalten wir eine Gesamtziffer
von 1200 Organisierten, kaum 21/2 Prozent der Beschäftigten. Da aber ein
erheblicher Teil der Organisierten Maßschneider waren, kommt für die
Konfektionsschneider eine noch geringere Prozentzahl Organisierter heraus.
Die Arbeiterinnen, die in der Konfcklionsschneiderei die große Mehrheit
ausmachen, waren in den Organisationen überall die Minderheit.

Das läßt erkennen, wie große Schwierigkeiten im Kampfe zu über-
winden waren. Die kleine Schar bewußter Kämpfer hatte eine ganze Armee
von Arbeitern, die bisher sich als ein jeder Verbindung widerstrebendes, in
der Vereinzelung kampfungewohntes und meist sogar kampfunlustiges Element
erwiesen hatten, für einen bedeutungsvollen Kampf zu gewinnen und zu
organisieren. Ein Werk, das in der Millionenstadt mit ihren weitschichtigen
Verhältnissen sehr viel schwerer durchzuführen war als in kleineren
Städten, wo sich die Dinge leicht übersehen und einmal angeknüpfte
Verbindungen leicht festhalten lassen. Indes ward die Arbeit mit frischem
Mut aufgenommen und keine Mühe gescheut, sie zu bewältigen. Unablässig
ward für den Kampf geworben, und schon Ende Dezember 1895 legte Timm
für die Agitationskommission der Berliner Schneider einer stark besuchten
Versammlung von Meistern der Damenmäntelkonfektion den Entwurf eines
neuen und detailliert ausgearbeiteten Tarifs vor. Er begegnete verschiedenen
Ausstellungen, und es erhielt nach eingehender Debatte ein Komitee von
Vertretern der verschiedenen Unterabteilungen der Mäntelkonfektion den
Auftrag, mit der Agitationskommission der Arbeiter die einzelnen Punkte
noch einmal durchzuberaten. Gegen Mitte Januar 1896 ward dann der
Tarif in der Form publiziert, in der er den Fabrikanten unterbreitet werden
sollte, am 20. Januar fanden die gemäß dem Aktionsplan beschlossenen
Massenversammlungen statt, während die Verbreitung des ersten Flugblattes
am 26. Januar erfolgte.

In Berlin waren auf den 20. Januar sechs Versammlungen einberufen
worden, deren Besuch alle Erwartungen übertraf. Die Agitationsarbeit
hatte ihre Früchte getragen, auf gut 10000 Personen ward die Zahl der
Teilnehmer geschätzt. Mit einer Ausnahme erwiesen sich die gewählten
Säle als zu klein, die andrängenden Besucher zu fassen. Die Referate von
Ottilie Baader, L. Bohne, Pfeiffer, Ad. Schulz, I. Timm und
A. Zander wurden mit gespanntestem Interesse entgegengenommen, bei
der Schilderung des Elends der Lausarbeit brach in einigen der Ver-
        <pb n="313" />
        ﻿ipg





299 —

sammlungen ein Teil der
anwesenden Frauen in hef-
tiges Schluchzen aus. Nach
den Referaten fand überall
Debatte statt, an der sich
anwesendeMeister beteilig-
ten. Die meisten davon
suchten die Berechtigung
und Zweckmäßigkeit der ge-
stellten Forderungen zu be-
streiten, worauf ihnen meist
schon in Zwischenrufen aller
Art geantwortet wurde;
indes ließen es die Refe-
renten und sonstige sach-
kundige Vertreter der Ar-
beiterschaft an eingehen-
der sachlicher Widerlegung
nicht fehlen. Die allen
Versammlungen gleich-
mäßig vorgelegte Resolu-
tion ward, bei Enthaltung
der Meister, durchgängig
mit großer Begeisterung
einstimmig angenommen.

Gemäß ihrer verpflichteten
sich die Versammelten, an
den in Erfurt und den
Berliner Versammlungen
aufgestellten Forderungen
festzuhalten und mit allen
zu Gebote stehenden zu-
lässigen Mitteln für ihre
Verwirklichung einzutreten,

die Agitationskommission zu beauftragen, den Llnternehmern, Ländlern und
Meistern jene Forderungen zu unterbreiten, und deren Entscheidung bis
zum 1. Februar entgegenzunehmen.

Schon tags darauf, den 21. Januar, ward dem Beschluß der Ver-
sammlungen gemäß die Resolution und der Wortlaut der Forderungen,
samt dem ausgearbeiteten Tarif den Llnternehmcrn, Meistern und Ländlern,
zusammen 3000 Personen, mit dem Ersuchen um Antwort innerhalb der
angegebenen Zeit zugestellt. Angesichts der starken Sympathie, welche die
Presse der Bewegung der Arbeiter gegenüber an den Tag legte, ging es
nicht an, die Zuschriften, wie ein Teil Meister und Fabrikanten einige
Monate vorher es mit dem Begleitschreiben zu Timms Broschüre über
die Schwitzarbeit getan hatten, glattweg unter den Tisch zu werfen.
Mindestens der Form nach war ein Verhandeln mit den Arbeitern nicht
zu umgehen. Am 27. Januar fand im Saal der Berliner Ressource eine
Versammlung statt, zu der die Unternehmer und Meister direkt eingeladen

Stenographischer Bericht.

38. Lihuirg am Mittwoch, den 12. Februar 1696.

Präsident: Die Sitzung ist eröffnet. Wir' treten in Sic Tagesordnung
ein. Den ersten Gegenstand derselben bildet die

Interpellation der Abgeordneten Freiherr Hehl zu Herrnsheim,
Prinz zuSchönaich-lLarolath. Bassermann, Dr. Hasse, Dr. Osann,
Graf von Orioln, betreffend die Verhältnisse der Arbeiterinnen
der Wäschefabrikat ioir und der ZtvnfektionSbrnnchc.

Die Interpellation lautet:

Im Verfolg des Beschlusse? drZ Reichstags vom II. Mai 1883 sind
dem Reichstag am LS. April 1887 die Ergebnisse der von den Bundes,
rcgieriingen angcstelllrn Ermittelungen über die Lohnverhältnisse der
Arbeiterinnen der MÜschesadrikalion und der KonseklionSbranche. sowie
über den Verkauf oder die Lieferung von Arbeltsmaterial (Näh-
faden ,c.) seitens der Arbeitgeber an die Arbeiterinnen und über die
Höhe der dabei berechneten Preise zugegangen.

Nachdem sich die Lage dieser Arbeiterinnen seit jener Zeit noch
ungünstiger gestaltet hat, richten die Unterzeichneten die Anfrage an
die verbündeten Negierungen:

welche gesetzgeberischen Maßnahmen dieselben zum Schuh für
Gesundbeil und Sittlichkeit und gegen Ausbeulung dieser Arbeite-
rinnen durch da? Trucksystem zu ergreifen beabsichtigen?

Ich habe zunächst an den Herrn Vertreter der verbündeten Regierungen
die Frage zu richten, ob und wann diese Interpellation beantwortet werden soll.

Bevollmächtigter zum Vundesrath. Staatssekretär dcS Innern, Staats-
minister und Vizepräsident des Königlich preußischen Slaatsministcriums
vo» Kortticher: Ich bin bereit, die Interpellation sogleich zu beantworten.

Priisidrnl: Nachdem der Herr Staatsminister sich zur sofortigen Be-
antwortung bereit crtlürt hat, ertheile ich das Wort zur Begründung der
Interpellation namens der Herren Interpellanten dem Herrn Abgeordneten
Freiherrn Heyl zu Herrnsheim.

Interpellant Abgeordneter Freiherr Acht tn fieimoljrim: Meine ver-
ehrten Herren, wenn meine politischen Freunde, die Interpellanten und ich Ihre
Aufmerksamkeit auf'die Verhältnisse einer besonderen Kategorie von hnus-
industriellen Arbeilern hinlenken, so sind wir uns wohl bewußt, daß das ganz-
hohe Hans in allen seinen Parteien zu verschiedene» Malen und noch vor ganz
kurzer Zelt, und zwar einstimmig beschlossen hat. daß bic Arbeilerschutzgesetzr
In einem gewissen Maße weuigslens auch auf die Hausindustrie ausgedehnt
werden sollen. Wen» wir uns gestatten, heute auf den wundesten Punkt in
der hauSindustriellen Arbeit hinzuweisen. ' ''eebsichligen wir damit nicht, eine
Einschränkung in der Fürsorge für die Fabrikarbeiter, insofern eine solche
noch nöthig werden kann, dadurch in irgend einem Maße herbeizuführen. Wir
haben vielmehr bei verschiedenen Anlässen erklärt, daß wir bereit sind, nicht
nur die Vereinfachungen, die Verbesserungen der bestehenden Versicherungsgcsch«
zu unterstützen, sondern daß wir auch bereit sind, die Versicherung gegen Arbeits-
losigkeit in absehbarer Zeit in Aussicht zu nehmen. Wir haben ferner beton»,
daß, nachdem die 5rnappschaflsverbände der Ausgangspunkt geworden sind für
die Organisationen der großen Versicherungsgesehe. auf welche wir mit Rech:
stolz zu sein alle Ursache haben, wir auch veranlaßt werden müssen, aus diesen

140. Erste Seite des stenographischen Reichs-
tagsbericht über die von den Nationalliberalen
eingebrachte Interpellation zum Konfektions-
arbeiterstreik
        <pb n="314" />
        ﻿300

waren. Es fanden sich etwa 200 bis 250 Meister ein, denen Timm als
Referent für die Arbeiter deren Forderungen so sachlich und eindringlich
wie nur möglich auseinandersetzte. Aber die Meister wollten davon nichts
hören. Schon während Timm sprach, unterbrachen höhnische Zwischen-
bemerkungen seine Ausführungen, und gleich der erste Meister, ein Schneider
Flügge, der nach ihm sprach, ließ seine Gegenrede, deren Laupttrumpf der
Linweis auf die unbesiegbare Konkurrenz war, in die Ermahnung an seine
Kollegen auskaufen: „Lehnen Sie den Antrag ab, lassen Sie die Arbeiter
machen, was sie wollen." Ein als Antisemit bekannter anderer Meister
namens Volk mann erklärte die Forderungen der Arbeiter für unannehmbar,
weil sie den heiligen Mittelstand schädigen würden, und würzte diese Be-
hauptung durch Verdächtigung der gewerkschaftlichen Vertreter der Arbeiter.
Aber auch denjenigen Meistern, die sich weniger schroff ausdrückten, war der
Tarif zu hoch, und als es dann zur Abstimmung kam, erhob nicht ein
Meister die Land für den Tarif. Das gleiche geschah mit den Forderungen:
Einrichtung von Betriebswcrkstätten, Einsetzung einer paritätischen Lohn-
kommission und Anerkennung des Arbeitsnachweises der Arbeiter. And
wenn hierbei schon jedesmal ein Teil der Meister seine schlechten Witze riß,
so ward die Abstimmung über die so berechtigte Forderung einer Begrenzung
der Wartefrist beim Abholen und Abliefern von Arbeit von ihnen direkt
als ein Alk betrachtet. Anter höhnischen Redensarten erhoben eine Anzahl
ihre Lände, so daß man ihr Ja nicht für ernst nehmen konnte. Der Vor-
sitzende, Ad. Schulz, konnte nur feststellen, daß die anwesenden Meister die
Forderungen der Arbeiter abgelehnt hätten.

Immer stärker regte sich jedoch die öffentliche Meinung für ein Ent-
gegenkommen an diese. Angesehene Mitglieder des Berliner Gewerbe-
gerichts steckten Fühler zugunsten einer Vermittlung heraus, ein von der
Gesellschaft für ethische Kultur gebildetes freies Komitee, dem u. a. die
Professoren Delbrück, Förster und Schmoll er, die praktisch wirkenden
Sozialpolitiker Dr. R. Freund und Dr. I. Iastrow, der Regierungsrat
Dr. Sprenger und eine größere Anzahl sozialreformerisch gesinnter Frauen,
wie Elisabeth Gnauck-Kühne, Johanna Schwerin und Fräulein Dr.
Bluhm angehörten, bemühte sich, die Anternehmer zur Nachgiebigkeit zu
bewegen, und trat auch an die städtischen Behörden mit dem Gesuch heran,
in diesem Sinne ihren Einfluß geltend zu machen. Im Linblick auf diese
Bemühungen verlängerte das Komitee der Arbeiter den Termin für die
Antwort der Fabrikanten auf den 10. Februar — eine auch deshalb sehr
kluge Maßregel, weil es gerade in jenem Augenblick schien, als ob das
bekannte Telegramm Wilhelms II. an den Burenpräsidenten Krüger den
Absatz von deutschen Konfektionswarcn nach England völlig lahmlegen
sollte, was natürlich die Aussichten eines Kampfes der Arbeiter sehr ver-
schlechtert hätte. Indes zog diese Wolke bald wieder vorüber.

Am 7. Februar verhandelte dann der Gewerberat Dr. Sprenger nach-
einander persönlich mit Vertrauenspersonen der Arbeiter, der Meister und
der Fabrikanten, und am 8. Februar tagten unter seinem Vorsitz erst Ver-
treter der Fabrikanten der Lerren- und Knabenkonfektion und dann Ver-
treter der Damenmäntel-Konfektion mit der Fünferkommission der Arbeiter.
Die Vertreter der ersteren Fabrikantenkategorie zeigten sich scheinbar ent-
gegenkommender als die Damenmäntel-Konfektionäre. Sie gaben zu, daß
        <pb n="315" />
        ﻿Übelstände im Gewerbe herrschten, die abgeändert werden müßten und er-
klärten sich namentlich bereit, den Forderungen der Arbeiter auf bessere
Bedienung beim Abliefern und Abholen von Arbeit und auf paritätische
Kommissionen für Lohnstreitigkeiten Rechnung zu tragen. An die geforderte
Lohnerhöhung wollten sie freilich nicht heran, erkannten aber wenigstens eine
gewisse Verantwortlichkeit der Fabrikanten für die von den Zwischenmeistern
gezahlten Löhne an. Anders die Vertreter der Damenmäntel-Konfektion.
Ihre Taktik bestand darin, daß sie erklärten, sie zahlten den Zwischenmeistern
genügende Preise, die Arbeiter müßten sich mit jenen auseinandersetzen.
Nur zu einigen der formalen Zugeständnisse, zu welchen sich die Vertreter
der Lerrenkonfektionäre bereit erklärt hatten, ließen auch sie sich herbei.

Diese letzteren sehten sich noch am gleichen Tage mit einer Ver-
sammlung ihrer Kollegen auseinander, und es ward eine Resolution be-
schlossen, in der die Fabrikanten dieser Branche erklärten, die Bewilligung
der geforderten Löhne und Einrichtungen würde bei der gegebenen Ge-
schäftslage und der schweren Konkurrenz Berlins mit anderen Plätzen die
Existenz der meisten Berliner Geschäfte in Frage stellen. In bezug auf
andere Punkte werde eine Kommission der Fabrikanten mit den Zwischen-
meistern unterhandeln, den: natürlichen Bindeglied — so hieß es wörtlich —
„zwischen dem ünternehmer und dem Arbeiter, dein wirklichen Lersteller der
Arbeit". Die Zwischenmeister zu umgehen sei nicht möglich, da diese nach
den in Berlin herrschenden Üsancen „die eigentlichen Arbeitgeber der Arbeiter"
seien. Die Fabrikanten hofften, hieß es schließlich, daß die Arbeiter sich
durch Vernunftgründe überzeugen lassen und nicht auf Forderungen bestehen
würden, deren Erfüllung außerhalb des Bereichs der Möglichkeit liege, und
die daher, wenn auf ihnen verharrt würde, „zum Schaden der Fabrikanten
und zum Schaden der Arbeiter zum Streik führen müßten".

Das war alles sehr schön gesagt, aber es konnte den heraufziehenden
Sturm nicht mehr beschwichtigen. Die Arbeiter hörten aus den Beteuerungen
des Wohlwollens nur das Nein gegenüber ihren Hauptforderungen heraus,
und da die Bestellungen aus England mittlerweile doch eingelaufen waren,
hielten die Führer der Arbeiter sich nicht für berechtigt, die Mion noch
irgendwie länger hinauszuschieben. Während einer der einflußreichsten
LInternehmcrbeisitzer des Gewerbegerichts, der Fabrikant O. Weigert,
führende Fabrikanten der Damenmäntel-Konfektion persönlich zu etwas mehr
Entgegenkommen zu bearbeiten suchte, erklärte sich schon am Abend des
9. Februar eine von dem Komitee der Ethiker einberufene Versammlung
aus bürgerlichen Kreisen entschieden für die Forderungen der Arbeiter, und
am folgenden Abend gaben diese ihre Antwort kund. Sie war durch alles
Vorhergegangene bereits gegeben. Jedes Zögern hätte jetzt Verzicht ge-
heißen. Selbst Herr Weigert erklärte später, daß namentlich die Damen-
mäntel-Fabrikanten ersichtlich die Taktik befolgten, die Arbeiter über die
Arbeitssaison hinaus hinzuhalten. Das merkten die Führer der Arbeiter
auch ohne weiteres heraus und handelten danach. An verschiedenen Orten
in der Provinz war es bereits zur Arbeitseinstellung gekommen, nun brach
auch mit elementarer Wucht in Berlin ein Streik aus, wie ihn diese Industrie
hier noch nicht gekannt hatte.

In 14 Versammlungen ward am 10. Februar den Konfektionsarbcitern
Berlins Bericht über die Ergebnisse der Verhandlungen gegeben und ihnen
        <pb n="316" />
        ﻿302

eine Resolution vorgelegt, durch die sie erklären sollten, nun in den Streik
zu gehen, für den die Unternehmer die volle Verantwortung trügen, und
die Arbeit so lange ruhen zu lassen, bis ihre sämtlichen Forderungen
bewilligt seien. Von den Forderungen aber ward die der Errichtung von
Betriebswerkstätten und der Bewilligung wesentlich erhöhter Löhne in den
Vordergrund gestellt. Der Fünferkommission ward die weitere Führung
des Kampfes und der eventuellen Verhandlungen übertragen, und der
Agitationskommission wurde aufgegeben, die Agitation und das Interesse
für den Kampf bei den Fachgenossen und außerhalb des Kreises dieser
wachzuhalten. Die Versammelten aber versprachen ihrerseits alles daran-
zusetzen, den aufgezwungenen Kampf zum siegreichen Ende zu führen. Nach
einem Appell an diejenigen, welche bisher den Arbeitern ihre Sympachie
in warmen Worten ausgedrückt hatten, es nun auch an der Tat in Gestalt
von Unterstützungen nicht fehlen zu lassen, erklärte die Resolution noch:

„Die Anwesenden verlassen sich aber nicht auf Anterstützungen, sie
erklären, in diesem großen Kampfe freudig alle Entbehrungen auf sich
nehmen zu wollen, um endlich ihre Lage zu bessern.

Die Schneider und Näherinnen müssen wegen der ungeregelten Pro-
duktionsweise oft monatelang darben und hungern, sie werden es in
diesem Kampfe ohne Murren auf sich nehmen, um zum Ziele zu gelangen.

Die Anwesenden verpflichten sich mit aller Kraft und Lingebung zum
Siege in diesem Kampf beizutragen."

Der Andrang zu den Versammlungen, für die inan möglichst große
Säle genommen hatte, war ein ungeheurer. Fast ausnahmslos mußten sie
lange vor Beginn wegen Überfüllung abgesperrt werden. Eine Welle von
Poffnungsfrcudigkeit und Kampfesmut hatte nunmehr die so gedrückten
Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen erfaßt, wie man es vorher für un-
glaublich hätte halten mögen. Mit stürmischen Ausrufen der Kampfes-
stimmung wurden die Referate entgegengenommen, mit jubelnder Begeisterung
überall einstimmig die vorgelegte Resolution beschlossen.

Es waren keine leeren Beschlüsse, dem Wort folgte alsbald die Tat.
Schon am nächsten Tage stellten 6000 Arbeiter und Arbeiterinnen die
Arbeit ein, am nächsten Tage war die Zahl nahezu verdoppelt und stieg
von Tag zu Tag bis auf zwischen 20 und 30000. Unterstützt von der
Agitationskommission und der Berliner Gewerkschaftskommission hatte die
Fünferkommission den Streik in wahrhaft großartiger Weise organisiert.
Dreißig Kontrollbureaus waren mit einem Schlage in den verschiedenen
Stadtvierteln Berlins eingerichtet und hielten die Zenttalstelle über alle
Vorgänge von Wichtigkeit für die Beurteilung der Kampfsituation auf dem
laufenden. Jeden zweiten Tag ward ein Flugblatt über den Fortgang
des Kampfes in 130000 Exemplaren mit jener Promptheit verbreitet, die
das Geheimnis der organisierten Arbeiterschaft ist, Sammellisten wurden in
großer Zahl angefertigt und in Umlauf gesetzt, und allerlei Versammlungen
sorgten für einen regen Gedankenaustausch der Kämpfenden unter sich und
mit der organisierten Arbeiterschaft anderer Berufe.

Diese letztere hatte selbstverständlich die Bewegung mit lebhaftem
Interesse verfolgt. Die Gewerkschaftskommission war von den Leitern der
Bewegung über alle wichtigen Maßnahmen rechtzeitig unterrichtet worden,
und am Vorabend des Kampfes, den 31. Januar, hatte die Delegierten-
        <pb n="317" />
        ﻿mmrnmrn.

141. Bestätigungsschreiben der bewilligten Forderungen durch die Firma Jean Landauer
        <pb n="318" />
        ﻿304

Versammlung der Berliner Gewerkschaften einstimmig sich mit dem Vorgehen
der Schneider und Schneiderinnen einverstanden erklärt und sich verpflichtet,
sie „mit allen ihr zu Gebote stehenden materiellen und moralischen Mitteln
zu unterstützen und ihnen zum Siege zu verhelfen". Dafür ward nun das
möglichste getan.

Aber es blieb nicht bei den Solidaritätsbezeugungen der Arbeiterschaft.
Der größte Teil der bürgerlichen Presse nahm für die Streikenden Partei
und widmete der Lage der Arbeiter in der Konfektionsindustrie eingehende
Artikel. Neben anderen Veröffentlichungen trug eine gerade damals heraus-
gekommene, sehr wirksam abgefaßte Schrift von Oda Olberg „Das Elend
in der Lausindustrie der Konfektion" viel dazu bei, dem Publikum das
Gewissen zu schärfen. Schriftsteller von Namen ließen der bürgerlichen
Presse einen Aufruf zugehen, in dem sie darauf hinwiesen, daß eine un-
ausbleibliche Folge des von allen Parteien für gerechtfertigt anerkannten
Kampfes eine vorläufig noch größere Notlage der armen Konfektionsarbeiter
und Arbeiterinnen sein werde und es daher Pflicht sei, „der allgemeinen
Sympathie durch die Tat Ausdruck zu geben". Die Unterzeichner waren
Gustav Dahms, Robert Schweichel, Friedrich Spielhagen, Ernst
von Wildenbruch und Julius Wolfs, und ihr Wort blieb nicht un-
gehört. Es liefen damals ganz achtbare Beträge aus bürgerlichen Kreisen
für die Streikenden ein, wenn sie sich auch summiert nicht mit dem Ertrag
der Sammlungen messen konnten, in welchem die Arbeiterschaft Berlins
ihrem Solidaritätsempfinden tatkräftigen Ausdruck gab. Aber freilich, soviel
als nötig gewesen wäre, die Streikenden längere Zeit über Wasser zu
halten, kam doch nicht ein. Dazu war ihre Zahl zu groß.

Mit diesem Gedanken trösteten sich im ersten Moment die durch den
Amfang und die Wucht des Streiks sehr überraschten Unternehmer. Sie
hatten bis zuletzt geglaubt, daß nur eine kleine Minderheit der Arbeiter
wirklich die Arbeit einstellen würde, womit es ein leichtes gewesen wäre,
des Streiks Lerr zu werden. Nun war er in einer für unmöglich ge-
haltenen Ausdehnung in einem Moment ausgebrochen, wo in der Tat die
Arbeiter am wenigsten entbehrt werden konnten. Da die Bewegung über
ganz Deutschland hin organisiert war, war es auch zweifelhaft, ob Streik-
brecher in der benötigten Zahl heranzuziehen waren. Auch hatten an einigen
Orten, wie Breslau und Erfurt, die Mehrheit, an anderen, wie Hamburg,
immerhin ein Teil der Unternehmer durch Zugeständnisse an die Forderungen
der Arbeiter Wiederaufnahme der Arbeit erwirkt, und für die Stimmung irr
der offiziellen Welt war es bezeichnend, daß in Erfurt der dortige Regierungs-
und Gewerberat dem Chef der großen Konfektionsfirma, M. Wahl, im
Namen des Regierungspräsidenten dafür gedankt hatte, daß die
Firma bereitwillig auf die Forderungen der Arbeiter eingegangen war.

Mehr noch. Im Reichstag hatten die Nationalliberalen eine Inter-
pellation eingebracht, in der, unter Bezugnahme auf die Erhebungen von 1887
über die Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der Konfektionsindustrie und
mit der Bemerkung, daß „die Lage dieser Arbeiterinnen seit jener Zeit sich
noch ungünstiger gestaltet hat", die verbündeten Regierungen gefragt wurden,
„welche gesetzgeberischen Maßnahmen dieselben zum Schutz für Gesund-
heit und Sittlichkeit und gegen Ausbeutung dieser 'Arbeiterinnen durch
das Trucksystem zu ergreifen beabsichtigten".
        <pb n="319" />
        ﻿305

Diese Interpella-
tion ward auf die
'Tages - Ordnung der
Sitzung vom 12. Fe-
bruar, den zweiten Tag
des Streiks, gesetzt, und
in der Debatte beeilten
sich die Vertreter aller
Parteien, es als ihre
feste Überzeugung aus-
zudrücken, daß die Lage
derArbeiter inderKon-
fektionsindustrie drin-
gend nach Verbesse-
rung schreie, und wäh-
rend die einen zum
mindesten die Bewe-
gung der Arbeiter für
berechtigt erklärten, er-
klärten andere dies auch
direkt vom Streik. Zu
diesen letzteren gehörte
kein geringerer als der
Vertreter der Regie-
rung, der Landels-
minister von Ber-
lepsch. Der Minister
führte aus, seines Er-
achtens würde ein
Mittel, der Ausbeutung durch das Zwischenmeistersystem Grenzen zu sehen,
vielleicht darin bestehen, daß sich die Großunternehmer durch hohe Kon-
ventionalstrafen verpflichteten, keinem Zwischenmeistcr Arbeit zu geben, der
sich nicht selbst wieder verpflichte, einen bestimmten Prozentsatz seiner Be-
zahlung den Arbeitern als Lohn zu geben. Ein gesetzliches Mittel, das zu
erzielen, sei zurzeit nicht gegeben, ohne Druck würde es jedoch schwerlich
gehen, und einen moralischen Druck könne und solle auch der Reichstag aus-
üben. „Wir haben es schon oft erlebt, daß lediglich die Stimmung der
öffentlichen Meinung dem Streik zum Siege verholfen hat in Fällen, wo
der Streik ebenso begründet war, wie er es in diesem Falle
meines Erachtens ist." So Lerr von Berlepsch.

Diese Erklärung gab, wie man weiß, seiner Ministerschaft den Rest-
Es dauerte kaum vier Monate, und die Scharfmacher der Industrie hatten seine
Entlassung durchgesetzt. (Vergl. Kapitel 1, S. 23.) Aber im Moment hatten
seine Worte auf die Lage des Streiks immerhin eine gewisse Einwirkung.
Nun sich zur Presse, zu den Ethikem und den Parlamentariern auch
ein Mann der Regierung gesellt hatte, mußten die Unternehmer in der
Tat eine weitere Stufe herabsteigen. Dazu hatten sie um so mehr Ver-
anlassung, als es nun auch bei den Zwischenmeistern zu gären anfing.
Nachdem der Streik, an den diese nicht geglaubt hatten, Wahrheit geworden

Bernstein, Berliner Geschichte. III.	20

142. Zuschrift einer die Forderungen der Konfektions-
arbeitxr bewilligenden Firma
        <pb n="320" />
        ﻿306

war, machten sie in ihrer Mehrheit eine Wendung und verlangten nun von
den Fabrikanten, was sie selbst erst den Arbeitern bestritten hatten. Die
Doppelnatur ihrer sozialen Position — halb Arbeitgeber, halb Arbeiter —
brachte es mit sich, daß sie nun — wenn auch nicht auf sehr lange — ihr
Arbeiter herz entdecken sollten.

Am gleichen Tage, an dem der Reichstag die Lage der Konfektions-
arbeiter besprach, fanden auf dem Gewerbegericht Konferenzen von dessen Vor-
sitzenden mit Vertretern der beiden LInternehmerkategorien statt. Die Fünfer-
kommission derArbeiter hatte am 10. Februar gleichzeitig mit derProklamierung
des Streiks offiziell sich zu Verhandlungen vor dem Gewerbegericht bereit
erklärt, und nun suchte der Vorsitzende des Gerichts die Unternehmer zu
bewegen, seine Vermittelung anzunehmen. Wieder lehnten jedoch die Ver-
treter der Damenmäntel-Konfektion jedes materielle Entgegenkommen ab.
Lohnzugeständnisse könnten höchstens die Zwischenmeister machen, erklärten
sie. Darauf lud das Gewcrbegericht eine Anzahl Zwischenmeister, die von
den Fabrikanten als kompetente Beurteiler bezeichnet waren, auf den
12. Februar zu einer Besprechung ein, die aber fast dasselbe Gesicht zeigte
wie die Besprechung mit den Fabrikanten. Die Zwischenmeister der Herren-
konfektion sperrten sich weniger gegen Verhandlungen mit dem Arbeiterkomitee,
als die der Damenkonfektion. Beiläufig kein Wunder, da in der Herren-
konfektion die Arbeiter meist männlichen Geschlechts sind, die Damen-
konfektion aber ganz überwiegend Frauenarbeit ist. Nur die Knaben-
konfektion war gleichfalls zumeist Frauenarbeit. Das Verhältnis von Meister
und Arbeiter war in den letzten beiden Zweigen ein wesentlich anderes als
in der Herrenkonfektion.

Da kam es am Abend des 12. Februar in einer großen Versammlung
der Zwischenmeister zu einer charakteristischen Wendung. Berichte über die
Vorgänge im Reichstag, Angaben der Fabrikanten in der Presse, daß sie
durchaus hinlängliche Arbeitspreise an die Meister zahlten, so daß diese für
abnorm niedrige Löhne verantwortlich wären, hatten einen Teil der Meister
äußerst wild gemacht. Ihr Zorn richtete sich nunmehr gegen die Fabrikanten
und machte sich in heftigen Reden gegen diese Lust, bis schließlich einer
auftrat und vorschlug, mit den Arbeitern gemeinsame Sache gegen die
Fabrikanten zu machen. Da die Arbeiter schon streikten, gehörte zu dem
Entschluß nicht viel, er fand sofort stürmischen Beifall, und es verstärkte die
Position der Arbeiter moralisch und bis zu einem gewissen Grade auch
materiell, daß bald gegen 1500 Zwischenmeister mit ihnen als „Streikende"
den Fabrikanten sich gegenüberstellten. Die Flut stieg.

Das bezeugten weiterhin fünf Riesen-Volksversammlungen, die am
Sonntag, den 16. Februar, vormittags, sich mit dem Konfektionsarbeiterstrcik
und seiner Behandlung im Reichstag befaßten. Ein ungeheurer Menschen-
strom, der sich zu ihnen drängte, hatte die Säle Stunden vor der Eröffnung
gefüllt. In vieren von ihnen sprachen Mitglieder des Reichstags: Richard
Fischer, der im Reichstag die Halbheit der bürgerlichen Redner und
Parteien kraftvoll gegeißelt hatte, Robert Schmidt, Bruno Schoenlank
und Emanuel Wurm, in der fünften referierte Marie Greifenberg,
selbst eine Näherin. Der Inhalt ihrer Reden ergab sich von selbst, sie
gipfelten in Anfeuerungen an die Streikenden, muüg auszuharren, und an
die übrige Arbeiterschaft und die mit den Arbeitern fühlende Bevölkerung,
        <pb n="321" />
        ﻿307

Schneider und Näherinnen!

Wer dein Arbcikcr seinen Lohn
nicht giebt, ist e!» Bluthund,

Montag, den 11. Mai 1896, Abends 8V- Uhr

2 große öffentliche Protest-Versammlungen

der in der Herren- und Knaben*
KonfeFtionsbrancbe beschäftigten Schneider und Näherinnen
für den Osten: Joel'» Festsälr» Andreas-Slraße 21;
kür den Norden: Gründek's Salon. Beiinnen-Straße 188.

Tages - Ordnung in beiden Versammlungen:

Der perfide Vertragsbruch und die unerhörte Treulosigkeit der
Herren- und Knaben-Konfektionäre.

Nesercnicn: I. Timm und Frau Ihrer.

Kollegen und Kolleginnen! Durch unerhörten Treubruch haben die Protzen der
Konfettion sich der von ihnen übernommenen Verpflichtungen entledigt. Eure Pflicht
ist es, in dielen Versammlungen vollzählig z» crlcheinen, um Stellung zu dem brutalen Akt
der Unternehmer zu nehmen.

Die Mnser-Kominission

L- A.: I. Timm» Vertrauensmann, .

Honst,«wskl ä, Quill. Berlin S. DreSdenersti. LÄ.-

143. "Aufforderung zum Besuch der gegen den Wortbruch der Konfektionäre
protestierenden Versammlungen

den Streikenden kräftigst beizustehen. Für diese selbst fanden am folgenden
Tage, nachmittags 2 Ahr, 13 öffentliche Versammlungen statt, in denen
ihnen Bericht über die Situation erstattet ward und über den Fortgang
des Kampfes gesprochen wurde. Die Meldungen lauteten durchaus er-
mutigend. Während in den Reihen der Fabrikanten Ansicherheit sich ein-
zustellen begann, war die Stimmung der Arbeiter noch ungebrochen.

In der Tat hatten die Fabrikanten der Herrenkonfektion, die es mit
der widerstandskräftigsten Arbeitergruppe zu tun hatten, sich schon dazu ent-
schlossen, die Vermittelung des Gewerbegerichts offiziell anzurufen, und
nachdem sie diesen Schritt getan, folgten ihnen, durch das Verhalten ihrer
Zwischenmeister ettvas aus dem Geleise geworfen, noch am gleichen Tage
die Fabrikanten der Damenmäntel-Konfektion. Kaum hatte man auf dem
Gewerbegericht deren Anmeldung in Länden, als man sofort die Fünfer-
kommission der Arbeiter telephonisch davon unterrichtete, die nun ihrerseits
ebenfalls unverzüglich das Gericht offiziell anrief.

Waren diese Vorgänge, und ganz besonders die Art, wie die Streik-
kommission der Arbeiter von Anfang an von den Behörden offiziell als
Instanz für Verhandlungen anerkannt worden war, schon ungewöhnlich,
so sollte dies auch mit der Verhandlung vor dem als Einigungsamt kon-
        <pb n="322" />
        ﻿308

stituierten Gewerbegericht geschehen. Während sonst solche Einigungs-
verhandlungen womöglich in engster Abgeschlossenheit gepflogen werden, ward
für diese mit Rücksicht auf das große Interesse, welches die Öffentlichkeit
an dem Streik nahm, der Bürgersaal des Rathauses gewählt, den dann
auch am festgesetzten Tage, dem 19. Februar, eine Zuhörerschaft von gegen
500 Personen aus den verschiedensten Bevölkerungsklassen füllte. Gelehrte
und Handwerker, Studenten und Arbeiter, Fabrikanten und Kaufleute,
Männer und Frauen folgten, nicht nach ihrer Klassenzugehörigkeit, sondern
fast streng nach ihrer Parteinahme für die Kampfparteien getrennt, gespannt
den Verhandlungen, die nahezu zehn Stunden — von 10 Ahr vormittags,
mit einer Stunde Anterbrechung, bis 81/2 Ahr abends — dauerten. Das
Einigungsamt bestand aus dem Magistratsassessor von Schulz als Vor-
sitzenden, den Fabrikanten Weigert und Gerschel als Beisitzern sowie
dem Rentier Brock, einem früheren Konfektionär, als Vertrauensmann der
Arbeitgeber, den Arbeitern Ad. Schulz und £. Stubbe als Beisitzern und
dem Schneider Witte als Vertrauensmann der Arbeiter. Vor Gericht ver-
treten waren die Fabrikanten durch 9, die Zwischenmeister durch 17 und
die Arbeiter durch 7 Personen: die um zwei Berufskollegen verstärkte Fünfer-
kommission. Das Ergebnis der langen und eingehenden Verhandlungen war
ein Kompromiß, über das für die Herrenkonfektion vom Einigungsamt ein
Protokoll aufgenommen wurde. Es erhielt auf diese Weise einen amtlichen
Charakter und ward von allen Beteiligten unterzeichnet. Die Fabrikanten
der Damenmäntel-Konfektion zogen es vor, die Abmachung als freie Ver-
einbarung abzuschließen, über die indes auch ein schriftlicher Vertrag aufgesetzt
und von den Vertretern der drei Parteien unterzeichnet wurde. Die Be-
dingungen waren in beidenFällen: 1. die Zusage einer Erhöhung der Lohnsätze;

2.	Gegenseitigkeitsverpflichtungen in bezug auf allseitige Durchführung der
Tarife (die Fabrikanten sollten nur tariftreuen Meistern Arbeiten geben,
Meister und Arbeiter nur für tariftreue Firmen arbeiten); 3. Bestimmungen
über Schlichtung von Tarifstreitigkeiten durch paritätische Schiedskommissionen
und 4. bessere Regelung der Abfertigung der Heimarbeiter. Die Lohn-
erhöhung sollte in der Herrenkonfektion in 12T/3 Prozent Aufschlag auf alle
vor dem Streik bezahlten Lohnsätze bestehen, die unterhalb eines provisorisch
aufgestellten Mindesttarifs stünden; in der Damenmäntel-Konfektion ver-
pflichteten sich die Vertreter der Fabrikanten, bei ihren Mandatgebern Lohn-
erhöhungen für Meister und Arbeiter zu befürworten, die sich bei den ganz
niedrigen Löhnen auf 30 Prozent, bei den besten Löhnen auf 10 Prozent
Zuschlag berechneten. Die endgültige Festsetzung der Mindcsttarife in der
Herren- und Knabenkonfeftion sollte erfolgen, nachdem das Einigungsamt
auf Grund von Erhebungen über die Arbeitsvcrhältnisse in der Berliner
Konfektionsschneiderei ein Gutachten abgegeben hätte, und diese Erhebungen
sollten unter Hinzuziehung von Vertretern der Beteiligten unverzüglich ihren
Anfang nehmen.

Da an Aufbringung so großer Mittel, um 30000 Streikende längere
Zeit zu unterstützen, nicht zu denken war, und cs sich bei der großen Mehrheit
dieser um sehr arme und widerstandsschwache Elemente handelte, konnte
man diese Abmachungen als einen schönen Erfolg der Bewegung betrachten.
Bei loyaler Durchführung bedeuteten sie, wenn sie auch nicht alles brachten,
was die Arbeiter verlangt hatten, einen wesentlichen Schritt vorwärts
        <pb n="323" />
        ﻿309

zur Verbesserung ihrer
Arbeits-Bedingungen.

Dennoch gab es eine
Opposition, die sich
weigerte, sie anzuer-
kennen. Sie ging von
der kleinen Gruppe
der lokalorganisierten
Schneider aus, die es
nicht verwinden konnte,
daß man ihr in der
Fünferkommission keine
Vertretung eingeräumt
hatte. Ihre Laupt-
vertreter in der Ar-
beiterschaft waren der
Schneider Wiese-
m a n n und die Nähe-
rin Frau G u b e l a,
und einen schriftge-
wandten literarischen
Anwalt fanden sie in
demAnarchistenGustav
Landauer. Ein von
dem letzteren verfaßtes
Flugblatt,das in leiden-
schaftlicher Sprache die
Fünferkommission an-
griffundzurFortsetzung
des Streiks aufforderte,
ward in all den 11 Ver-
sammlungen zur Ver-
teilung gebracht, welche die Fünferkommission auf den 21. Februar be-
hufs Stellungnahme zum Kompromiß einberufen hatte, und in fast allen
diesen sehr stark besuchten Versammlungen kam es zu lebhaften Aus-
einandersetzungen mit Vertretern der Opposition, in einigen sogar zu wahr-
haft stürmischen Szenen und zu Beschlüssen, den Kampf nicht einzu-
stellen, sondern den Streik weiterzuführen. In den meisten Versamm-
lungen aber ward von der übergroßen Mehrheit dem Kompromiß zu-
gestimmt, der Streik für beendet erklärt, das Mandat der Fünferkommission
jedoch mit dem Zusatz verlängert, daß sie die Verhandlungen zur Erlangung
eines festen Mindesttarifs für alle vorkommenden Arbeiten energisch fortsetzen
möge. Sechs Gegenversammlungen, welche eine von der Opposition gewählte
„neue" Fünferkommission auf den 24. Februar einrief, waren zusammen
von noch nicht tausend Personen besucht, zwei davon konnten wegen
schwacher Beteiligung überhaupt nicht abgehalten werden, von den andern
vier verfiel eine, als der Streit in Skandal ausartete, der polizeilichen Auf-
lösung, in zweien beschloß man, den Streik auf den Äerbst zu vertagen,
in der vierten dagegen ward beschlossen, den Streik fortzusetzen und über



Jv&lt;MityUA ßßJbllilhuAfy&amp;M.U
usi%L gkj-ajttMLüUß-

Äu/oC.

' Xs^uir’

ßlu.

(ßiutuj*'

sfoCbßyjjdfHrUc

I @t£Jk

144. Bestätigungsschreiben des Reichstags
        <pb n="324" />
        ﻿310

diejenigen Firmen, welche die Forderungen nicht unverkürzt bewilligen würden,
den partiellen Streik zu verhängen. Ein Beschluß, der natürlich nach
der Beendigung des Streiks durch die große Masse der beteiligten Arbeiter
nicht einmal Demonstrationswert hatte, sondern nur die Sachlage für die
Arbeiter verschlechtern konnte. Es verdient bemerkt zu werden, daß diese
Opposition von der erzscharfmacherischen „Post" damals eine ganz besonders
wohlwollende Behandlung erfuhr. Diesem Blatt und seinen Lintermännern
war die Anerkennung der Arbeiterorganisationen im Kompromiß vom
• 19. Februar sehr wider den Strich gegangen. Dagegen erklärte sich die
Berliner Gewerkschastskommission in ihrer Sitzung vom 21. Februar mit
dem Verhalten der Fünferkommission „vollständig einverstanden". Sie
forderte zugleich die Berliner Arbeiter auf, „den Bestrebungen der
.Säerren Landauer und Genossen" energisch entgegenzutreten. Auch eine auf
den 3. März einberufene Mitgliederversammlung des Schneiderverbandes
erklärte sich mit der Haltung der Fünserkommission einverstanden und sprach
ihr einstimmig ihr Vertrauen aus.

Ein gewisser Trost sollte den Gegnern des Kompromisses indes doch
zuteil werden. Es hatte keinen langen Bestand. In der Damenmäntel-
Konfektion ließen zwar die Fabrikanten die versprochene Tariferhöhung in
Kraft treten, da aber die Masse der Heimarbeiter außerhalb der Organisation
blieb, blieb auch der größte Teil der Aufbesserung in den Länden der
Zwischenmeister, die in ihrer Mehrheit die alte Ausbeutungsweisc bald
ungeschwächt weiter bettieben. In der Lerren- und Knabenkonfektion zeigte
sich schon am 23. Februar, als das Einigungsamt des Gewerbegerichts zum
Zweck der Erhebungen für die Feststellung eines spezialisierten Lohntarifs
zusammentrat, daß die Fabrikanten die ihnen nach den Bestimmungen des
Kompromisses obliegende Bekanntgabe der Erhöhung der Lohntarife auf
den Aushängen in den Werkstätten in wesentlich ungünstigerer Form für
die Arbeiter formuliert hatten, als es nach dem Sinn des Kompromisses
hätte geschehen müssen. Das Amt ließ sich indes nichts abhandeln, und
seiner sehr entschiedenen Erklärung, wie die betreffende Bestimmung zu ver-
stehen sei, fügten sich die Fabrikanten nach etlichem Murren, zumal das
Interesse des großen Publikums noch nicht erloschen, die Arbeiterschaft noch
in Bewegung und es höchste Zeit war, die Saisonarbeit zu beginnen. Dann
aber schlief, während das Einigungsamt, das seine Aufgabe sehr ernst nahm,
nun in kontradiktorischen Verhandlungen mit Fabrikanten, Meistern und
Arbeitern Erhebungen pflog, das Interesse des Publikums ziemlich schnell
wieder ein, die Presse nahm von den Ermittelungen des Amts, trotz der
Öffentlichkeit von dessen Verhandlungen, bald gar keine Notiz mehr, und
die Masse der Leimarbeiter fiel ebenfalls in ihre Apathie zurück. Schon
ließen eine Anzahl Fabrikanten, die es mit besonders hilflosen Arbeitern
zu tun hatten, wieder zu den alten Lungerlöhnen arbeiten, als es im Monat
April einen Aufrüttler gab, der den allgemeinen Rückfall der Löhne wieder
auf eine gewisse Zeit hinausschob.

Llm die Erhebungen nicht vor der Zeit abzubrechen und doch den aus
Llnternehmerkreisen ertönenden Beschwerden über zu langes Ausbleiben des
Entscheids Rechnung zu tragen, veranlaßte das Einigungsamt Mitte April die
Ausarbeitung eines Tarifs durch eine freie Kommission von Vertretern der
Fabrikanten, der Meister und der Arbeiter. Als er fertig und sowohl von den
        <pb n="325" />
        ﻿311

Verband der Schneider, Schneiderinnen and
verw. jjerufsgenossen Deutschlands.

Quittungs-Karte

über geleistete Beiträge zum Streik- und Agitations-Fonds.

...	..ft/tf.-Mad'.

beigetroteo am....................

ausgestellt am...^Jrts&lt;u... 19.4?/...

P. 8. Sofern die Karte vollgeklebt, ist dieselbe anr Abstempelung der Marken an die Orts-
Verwaltung abzuliefern und eine neue zu verlangen. Oie Karte, bleibt Eigentum des Inhabers.

Buch-JV?...

i ...

Der Vorstand.

iburg, OrahBahn 4ö.

145. Quittungs karte über Beiträge zum Streik
und Agitationsfonds

mitwirkenden Fabri-
kanten wie auch von
den Arbeitern für an-
nehmbar erklärt war,
prüfte ihn das Eini-
gungsamt durch und
legte ihn dann den Fa-
brikantenvereinen vor.

Dort stieß er aber auf
lebhafte Opposition und
wurde schließlich in einer
General-Versammlung
des Vereins mit Mehr-
heit abgelehnt. Damit
aber nicht genug, schrieb
nun der Vorstand des
Vereins an das Eini-
gungsamt, es habe sich jetzt gezeigt, daß ein Tarif auf dem Wege des
Vergleichs nicht zustande kommen werde, damit sei die Voraussetzung für
das Kompromiß vom 19. Februar hinfällig geworden, der Fabrikanten-
vercin könne sich daher durch dieses nicht mehr für gebunden erachten. And
das Organ des Fabrikantenvereins, der „Confektionair", fügte der Notiz,
in der cs den Inhalt des Briefes wiedergab, die Bemerkung an, die Er-
klärung werde vielleicht einen neuen Streik zur Folge haben, die Fabrikanten
fürchteten ihn aber nicht, da sich massenhaft Arbeiter zu den niedrigsten
Löhnen anböten, der für die Dauer des Kompromisses ausbedungene
Lohnzuschlag von 121/2 Prozent aber andern Orten der Konfektionsindustrie
zugute käme, die nach freiem Ermessen die Löhne festsetzen könnten. Anver-
hüllter konnte man es nicht ankündigen, daß die Lohndrückerei von neuem
das entscheidende Wort haben sollte.

Noch einmal ermannte sich jedoch die Presse zu einem scharfen Protest.
Nicht nur die Organe der Arbeiter, auch fast alle bürgerlichen Zeitungen
Berlins erklärten diese Ankündigung für einen krassen Vertragsbruch.
Ein energischer Mahnruf, den der Anternehmerbeisitzer des Einigungsamts,
Fabrikant Weigert, in Gestalt eines Aussatzes in der Wochenschrift
„Soziale Praxis" kurz vorher an die Presse gerichtet hatte, hatte offenbar
seine Wirkung getan. Weigert hatte in jenem Aufsatz, der die Ergebnisse
der Beweisaufnahmen des Einigungsamts schildert, direkt den sträflichen
Rückfall der Presse in ihre alte Teilnahmlosigkeit dafür verantwortlich ge-
macht, daß ein Teil der Fabrikanten den Vertrag erst im geheimen gebrochen
hätte und nun daran ging, es öffentlich zu tun. Er hatte es als eine
„Ananständigkeit" hingestellt, daß die betreffenden Fabrikanten die Verant-
wortung für ihren Wortbruch mit der Ausrede auf die Schultern der
Arbeiter abzuwälzen suchten, diese hätten durch Nicht-Boykottierung
derjenigen Fabrikanten, die der Abmachung nicht beigetretcn seien, selbst
das Scheitern der Abmachung verschuldet. Die Arbeiterpresse sei im Recht,
wenn sie es als eine Provokation der Arbeiter bezeichne, ihr am Vorabend
der stillen Saison mit einem solchen Vorhalt zu kommen, für den Geist
eines Teils der Fabrikanten sei es charakteristisch, daß einer von ihnen
        <pb n="326" />
        ﻿J











eine Einsendung an das
Organ der Konfektionäre
mit der Überschrift ver-
sehen durste:

„Der Übel größtes ist der
Streik noch nicht.

Das ist das Einigungsamt
am Gewerbegericht."
Dergleichen sei eines
großen Verbandes, dessen
ümsatz sich nach Mil-
lionen beziffere, unwürdig.

Diese scharfen Worte
eines Mannes, der selbst
Unternehmer war, gaben
der Presse das Signal,
und die Konfekttonäre
mußten böseAngriffeübcr
sich ergehen lassen. Sie
wichen daher hastig ein
Stück zurück und ließen
erklären, sie hätten durch-
aus nicht die Absicht ge-
habt, vor der Fällung des
Schiedsspruchs von der
vorläufigen Abmachung
zurückzutreten, sic hätten
nur gewissermaßen gegen
die Verschleppung des

Schiedsspruchs demonstrieren wollen. Eine Ausrede, die der Vorsitzende des
Gewerbegerichts von Schulz dadurch Lügen strafte, daß er der Presse den
Wortlaut des gar nicht mißzuverstehenden Schreibens des Fabrikantenvereins
zugehen ließ. Außerdem stellte er fest, daß das Einigungsamt durch die
bei den Vernehmungen ermittelten Tatsachen zu dem Beschluß genötigt
worden sei, die Untersuchungen über den Endtermin, den es sich erst bestimmt
hatte, hinaus fortzusetzen, die Vernehmungen aber mit größter Beschleunigung
täglich von 9 bis 3 ühr vor sich gingen. Selbstverständlich ließ man es
auch von seiten der Arbeiter nicht an einem kräftigen Protest gegen das
Verhalten der Fabrikanten fehlen. Die Fünferkommission berief auf den
11. Mai zwei große Schneiderversammlungen ein, mit Emma Ihrer und
Ioh. Timm als Referenten, die das schnöde Verhalten der Fabrikanten
gebührend brandmarkten und den Arbeitern dringend ans Lerz legten,
die Lehren daraus zu ziehen, die sich in die Worte zusammenfassen lassen:
Organisation und Rüstung zu weiterem Kampf. Man müsse darauf
vorbereitet sein, daß man sehr bald aufs neue für den Tarif werde
zu kämpfen haben.

Einstweilen blieb es jedoch beim alten. Das Einigungsamt führte sein
Arbeitsprogramm zu Ende durch und war gegen Mitte Juli so weit, einen
endgültigen Tarifcntwurf aufzustellen. Es übersandte ihn am 18. Juli

Während des Streiks.

146 und 147. Karikaturen aus dem Kladderadatsch
auf die Großkonfektionäre
        <pb n="327" />
        ﻿

den beteiligten Organi-
sationen mit dem Ersuchen,
ihn zu prüfen und inner-
halb von 10 Tagen dem
Amt ihre Ausstellungen,
falls sie solche zu machen
hätten, mitzuteilen. Dann
ward, nach Ablauf dieser
Frist, die Schlußsitzung
des Einigungsamts aus
den 14. August angesetzt,
und an die interessierten
Parteien erging die Ein-
ladung, zu dieser Sitzung
ihre Vertreter zu entsen-
den. Die Arbeiter kamen
dem sinngemäß nach, nach-
dem sie in öffentlicher Ver-
sammlung zu dem Tarif-
entwurf Stellung genom-
men hatten. Die Fabri-
kanten fanden sich zwar
in ziemlich großer Zahl
ein, als aber die Ver-
tretungen festgestellt wer-
den sollten, erhob sich der
zweiteVorsihende des Fa-
brikantenvereins — ein
Mann (Gollop), der als

einer der ersten den Vertrag vom 19. Februar gebrochen hatte — und erklärte,
eine Vertretung der Konfektionäre sei nicht erschienen, ein jeder von ihnen
sei nur in seinem eigenen Namen da. Das ließ für jeden Kundigen, der etwa
noch Zweifel hatte, das negative Ende der Verhandlungen im voraus erkennen.
And doch war das Einigungsamt, um den Fabrikanten die Zustimmung so
unbedenklich wie nur möglich zu machen, in keinem Punkt über die im
Februar von den Fabrikanten selbst vor ihm gemachten Vorschläge hinaus-
gegangen. Amgekehrt konnte Timm namens der Fünferkommission dem Amt
offiziell mitteilen, daß die Arbeiter in der erwähnten Versammlung beschlossen
hätten, den Tarif, obwohl er ihren Forderungen keineswegs entspreche, als
Abschlagszahlung anzunehmen. Aber allen Bemühungen des Amts, die
Fabrikanten zu bewegen, auf Grund dieser Erklärung einen Einigungs-
vertrag mit den Arbeitern abzuschließen, setzten diese die Berufung darauf
gegenüber, daß sie nur als Privatpersonen gekommen seien und keiner von
ihnen ein Recht habe, irgend etwas im Namen seiner Kollegen abzumachen.

So blieb dem Einigungsamt nur übrig, einen Schiedsspruch zu fällen
und es den Beteiligten zu überlassen, sich ihm zu unterwerfen oder nicht.
In diesem Schiedsspruch ließ cs die für bessere Arbeiten normierten höheren
Sätze sämtlich fallen und beschränkte sich auf Bestimmung der Lohnsätze für
Arbeiten allereinfachster Qualität. Die Zuschläge für bessere Arbeiten

Gknige Zeit darauf.

146 und 147. Karikaturen aus dem Kladderadatsch
auf die Großkonfektionäre

A

m
        <pb n="328" />
        ﻿314

sollten unter Zugrundelegung dieses „Mindesttarifs" der freien Ver-
einbarung überlassen bleiben. Aber selbst unter dieser Voraussetzung, und
obwohl die Sätze des Tarifs hinter den angeblich von vielen von ihnen
gezahlten Löhnen noch zurückblieben, wollten die Fabrikanten von dem Tarif
nichts wissen. Damit fiel aber auch für die Arbeiter jeder Grund hinweg,
noch länger Zugeständnisse zu machen. In einer auf den 31. August ein-
berufenen Versammlung beschlossen sie nach einem Referat Timms ein-
stimmig eine von diesem beantragte Resolution, die in die Sätze ausläuft:

„Wenn die Anternehmer in ihrer Gesamtheit dafür eintreten würden,
den Mindesttarif überall durchzusetzen, so würde er als Mittel zur An-
bahnung geregelter Verhältnisse in der Konfektion unsere Zustimmung
erhalten; wenn er aber jetzt dazu benutzt wird, die Löhne noch weiter
herabzudrücken, so sind wir außerstande, diesem Tarif unsere Zu-
stimmung zu geben. Würde es geschehen, so berufen sich die Konfek-
tionäre in ihrer Charakterlosigkeit noch auf das Votum der Arbeiter,
um ihrem brutalen Vorgehen noch einen Schein von Recht zu geben.
Deshalb lehnen wir den Minimaltaris des Einigungsamts ab. Die
Versammlung bedauert, daß der Versuch des Einigungsamts, geordnete
Zustände in der Konfektion zu schaffen, gescheitert ist. Es bleibt den
Arbeitern kein anderer Weg, als durch eine geschlossene Organisation
sich bessere Zustände zu erringen."

In jeder Form waren die Bemühungen des Einigungsamts fehlgeschlagen,
was dieses unterm 23. September 1896 in der Tagespresse feststellte.
Zugleich mit seinem Mandat war jetzt auch der provisorische Vertrag vom
19. Februar abgelaufen, und die darin ausbedungenen Lohnverbesserungen
hingen nun wieder völlig vom guten Willen der einzelnen Fabrikanten und
der Widerstandskraft der Arbeiter als Individuen oder Gruppen ab. Mit
dieser war es aber am Ende des Kampfes nur unwesentlich besser gestellt
als wie am Anfang. Was in den ersten Wochen des Kampfes der
Organisation zugeströmt war, hatte sich mit sehr geringen Ausnahmen
wieder verlaufen, so daß man zeitweise bitter von einer „Organisationsflucht"
sprechen konnte. Die Statistik der Gewerkschaftskommission verzeichnet für
1897 in der Maß- und Konfektionsschneiderei nur 1030 Organisierte.

Dies widerlegt im Grunde allein schon die Kritiken, die während des
Kanrpfes und hinterher der Fünfcrkommission wegen angeblich zu weit
getriebener Nachgiebigkeit gemacht wurden. Die Anhänger der Lokal-
organisation, die während des Kampfes keine Versammlung hatten vorüber-
gehen lassen, ohne Vorwürfe dieser Art zu erheben, steigerten sie am Schluß
noch zu allerhand häßlichen persönlichen Verdächtigungen. Aber es liegt
auf der Äand, daß, wo man mit einem so wenig ausdauernden Element zu
tun hatte, das Formulieren auch der radikalsten Forderungen, das Bestehen
auf den letzten Buchstaben des Verlangten am Ausgang der Sache nichts
hätte bessern können. Die in jenem Sinn agitierende Frau Gubcla hatte
sich am 14. August ebenfalls im Sitzungssaal des Einigungsamts eingestellt
und im Gegensatz zur Fünfcrkommission erklärt, daß sie als Arbeiterin den
vom Einigungsamt vorgeschlagenen Tarif ablehne. Wenn diese Erklärung
auf den Ausgang der Verhandlungen überhaupt einen Einfluß hätte aus-
üben können, so höchstens nur den, den Fabrikanten für deren Nein den
angenehmsten Vorwand zu liefern.
        <pb n="329" />
        ﻿315

Es gibt unzweifel-
haft Fälle, wo Nach-
giebigkeit unangebracht
oder erst beim Abschluß
des Kampfes am Platze
ist. Pier lagen aber
die Dinge so, daß
die Fünferkommission
durch kluge Nach-
giebigkeit die Fabri-
kantenmehrheit so lange
amFebruarvertrag fest-
gehalten hatte, als dies
überhaupt nur möglich
gewesen war. Die Ar-
beiter hatten für ihren
Kampf die öffentliche
Meinung auf ihre Seite
zu bringen gewußt. Es
hatte sich aber sehr
bald gezeigt, daß diese
öffentliche Meinung
als Stütze im Kampfe
zwar nicht absolut ohne
jeden Wert war, aber
doch nur eine eng be-
grenzte praktische Be-
deutung hatte. Die
von der Gewerkschafts-
kommission im August
1896 veröffentlichte Ab-
rechnung über den
Streik verzeichnet im
ganzen folgende drei
Verschiedene
Durch

Antrag

auf Zustimmung der Lerwalkung -ur ArSeiksmedrrltgung

m der Werkstatt..

___Strafe Nr.

Branche.

Branche  DI, vranchni sind «In),!» onjolahrm,.	Sagt Oer 0f-  söjüstlglcn	Davon  öeröanbe	£3	banbsi	Mister  lieb	f E	;f		f!  1*	Nerbüodr
										
										
										
										
										
										
Insgesamt:										

Wie Kock war der bisherige
Wochenverdienst

xurchschniNuv-rdirn»

UluIikstuerdieaK

LSchfto-rdtriill

Pf.

m....-...Pf. _______m.-

Oie bisherige Arbeitszeit beträgt ____Stunden pro Woche.

Ire Kollegen stelle» folgende Fordernngen:

Verkürzung der Arbeitszeit um ------Stunden pro Woche.

Einen Aufschlag auf den Carif in der Röhe von -------"/»

einen Lohnaufschlag von------°/o- Ferner wird gefordert:

Keim AdweHrstreik soll rnrückgewkesen werde«:
ein Abzug von -..."/&lt;». Verlängerung der Arbeitszeit um _..Stunden pro Woche

Berlin, den..—-------------------------190...

Unterschritt:

«trftr Ho Ulli (oll (ui Mribnt

148. Antragsformular auf Zustimmung zum Streik
in einer bestimmten Werkstatt

Posten als Eingänge „aus bürgerlichen Kreisen":

Sammlungen.............................Mk. 12 022,25

die bürgerliche Presse........................ „	1211,10

Von der evangelisch-sozialen Frauengruppe . . .	5 480,—

Zusammen Mk. 18 713,35
Somit reichte, da für 18 405 Personen Streikkarten ausgestellt wurden,
die aus bürgerlichen Kreisen gefloffene finanzielle Unterstützung nur gerade
aus, jedem Streikenden eine Mark zukommen zu lassen. And das, wo die
Presse fast einstimmig sich auf die Seite der Arbeiter gestellt und das Mit-
gefühl für sie wachgerufen hatte. Für den reinen Gewerkschaftskampf war
die bürgerliche Pilfe — wie anerkennenswertes auch einzelne, darunter nament-
lich die von Elisabeth Gnauck-Kühne geleiteten evangelisch-sozialen Frauen
geleistet hatten, von deren Beiträgen ein Teil unter dem ersten Posten
„Verschiedene Sammlungen" gebucht war — ein Tropfen auf einen heißen
Stein gewesen. Auch war die Sympathie der bürgerlichen Presse dadurch von
zweifelhaftem Nutzen, daß sie übertriebene Hoffnungen wachrief, die nachher
        <pb n="330" />
        ﻿316





Schlielunngskommission der Berliner Holzindustrie.

Die Arbeiter der Werkstatt

melden hiermit, dass Lohn'slreiligkeitcn ausgebrochen sind: Da
die in Frage kommenden ^Arbeiter mit dem Meister nickt einig

werden konnten, fand am....................—.................. Es

Verhandlung zwischen demm Meister und dem Werkstallausschuss
statt, die 'aber restdlallos verlief.

Wir haben daraufhin dem Meister ■erklärt, dass wir nun
die Sache der Schlichtungskommission übergeben werden. Wir
beantragen deshalb, dass die Schlichlungskommission unsere
Angelegenheit untersucht und entscheidet.

Die Ursachen unserer Differenzen sind:

QfntezscktSft:_

UM so größerer Enttäuschung
Platz machten. And da
die aus der Arbeiterschaft
einlaufenden Anterstützungen
ebenfalls gegenüber der Zahl
der zu Anterstützenden nicht
weit reichten — einschließlich
eines aufgenommenen Dar-
lehns von 15000 Mark und
jenen 18000 Mark aus bür-
gerlichen Kreisen belief sich
die Gesamteinnahme der Ge-
werkschastskommission für die
streikenden Konfektionsschnei-
der auf rund 73000 Mark —,
war es bald klar, daß der
Streik als bloßer Gewerk-
schastskampf in Berlin nicht
durchzuführen war. Der vom
Arbeitgeberbeisitzer Weigert
so entrüstet zitierte Fabrikant
hatte vielmehr in seiner Weise
den Nagel auf den Kopf ge-
troffen, wenn er für sich und
seine Kollegen das Einigungs-
amt und nicht den Streik als
„der Abel größtes" bezeichnete. Für eine Arbeiterschaft, die über nicht
eines der drei fundamentalen Erfordernisse eines siegreichen Streiks ver-
fügte: gewerkschaftliches Fühlen, feste Organisation und eine gefüllte Kriegs-
kasse, war in diesem Gewerbe ein Tarif nur durch Vermittelung des
Einigungsamts zu erzielen.

Das geschichtliche Arteil kann daher nur zugunsten der von der Fünfer-
kommission in Äbereinstimmung mit den Leitern des Verbandes der Schneider
und der großen Mehrheit der Gewerkschastskommission beobachteten Taktik
lauten, die darin bestand, die Position des Einigungsamts auf jede mögliche
Weise zu kräftigen, alles zu unterlassen, was diesem das Vermittlungsamt
erschweren konnte. DieKommission hat dieseTaktik, die übrigens auch dieBilli-
gung der Vertreter der politischen Arbeiterbewegung hatte, mit geradezu be-
wunderungswürdigem Geschick bis zuletzt durchgeführt. Wie musterhaft in
Ton und Stellungnahme ist nicht die letztzitierte Resolution, mit der sie den
Kampf abschließt. Sie stößt niemand zurück, der den Arbeitern in ihrem
Anternehmen aufrichtig beigestanden hatte, und zieht doch scharf die Linie
für die Vorbedingungen ihrer Zugeständnisse. Sie gibt den wortbrüchigen
Anternehmern ihr Teil, ergeht sich aber nicht in kraftlosen Schimpfereien,
sondern konstatiert mit ruhiger Entschlossenheit die Schlußfolgerung: wir
haben, was wir erstreben, selbst zu erkämpfen und müssen daher rastlos
weiter organisieren!

Im Befreiungskampf der Arbeiterklasse bedarf es vieler Anläufe, um
die Mauern zu Boden zu legen, die der Verwirklichung der gewerblichen

149 und 150. Antragsformular an die
Schlichlungskommission zur Schlichtung
von Lohnstreitigkeiten
        <pb n="331" />
        ﻿- 317 -

Die Anträge an die Schlichtungskommission hat der Obmann der
Kontrollkommission. Sie werden dem Werkstattvertrauensmann aus-
gehändigt, sobald die Kommission die Differenzen untersucht und das
Anrufen der ßchliclitungskommisslen empfohlen bat. -Ist zwischen dem
Werkstattausschuss und dem Meister keine Einigung möglich gewesen,
so werden beide Hälften des Formulars ausgefüllt nach unserem Bureau
und zwar an die Adresse:

A-n die Ortsverwaltung
des Deutschen Holzarbeiter-Verbandes
Ber lin SO. 16
Engel-Ufer-. 14. parterre

eingesandt.

Hinter den Worten „die Ursachen unserer Differenzen sind" soll
angegeben werden; Herabsetzung der Akkord preiseoder Lohnabzüge,
Verlängerung der Arbeitszeit, Massregelung, Festsetzung des Akkord-
preises bei neuen Arbeiten, beantragte Tariferhöhung. Längere Er-
klärungen brauchen nicht auf das Formular geschrieben weiden. Die
Rückseite bleibt unbeschrieben. Fordern die Kollegen einen erhöhten
Tarif, so ist dieser in awei Exemplaren mit einzusenden. Mündliche
Mitteilungen an irgend, einen Kollegen gelten nicht als Anrufüng der
Schlichtungskommission.

*2)ie Ozfovez-'wa'stu-nty..

Demokratie im Wege
stehen. Soweit von einer
Niederlage zu sprechen
war, hatte sie, wie das
der Sozialpolitiker Philipp
Stein damals in der
„Äilfe" ausführte, in viel
höherem Grade als die
Arbeiter die öffentliche
Meinung erlitten. Sie
hatte sich mit Geräusch auf
die Seite der Arbeiter
gestellt und ihnen doch
keinerlei wahrhaften Bei-
stand geleistet. „Die viel
gefürchtete und oft ge-
rühmte öffentliche Mei-
nung hat sich als ein ganz
unzuverlässiger Kampfge-
nosse erwiesen", konnte
Stein mit Recht schreiben.

And weiter konstatiert er,
daß die Arbeiter diese
öffentliche Meinung der
Bourgeoisie als echte
Sozialdemokraten für das

genommen hatten, was sie wert war: „Sie haben sie nach Verdienst behandelt,
sie haben sie — benutzt." Aber der Nutzen, den sie aus ihr ziehen konnten,
war von keiner entscheidenden Wirkung.

Es wäre unbillig, in gleicher Weise die Tätigkeit des Einigungsamts
einzuschätzen. Es hatte sich redlich Mühe gegeben, den Arbeitern beizustehen.
In 65 Terminen hatte es 22 Konfektionäre, 183 Zwischenmeister, 156 männ-
liche Arbeiter und 325 Arbeiterinnen, zusammen 686 Personen kontra-
diktorisch vernommen, alle Angaben durch Sachverständige prüfen und durch
Vorlegung der Lohnbücher bewahrheiten lassen, jeder beteiligten Gruppe
das Fragerecht zugestanden, und so, trotz der teilweise sehr aktiven Boy-
kottierung durch einen großen Teil Konfektionäre und Zwischenhändler, ein
Material über die Verhältnisse der Konfektionsindustrie ans Licht gezogen,
wie noch keine andere Erhebung in Deutschland. Es hatte sich auch
nicht gescheut, sehr unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Sein Schieds-
spruch und der in der außerordentlichen Beilage zur „Sozialen Praxis"
abgedruckte Bericht über seine Erhebungen und Verhandlungen waren wert-
volle Dokumente für die Propaganda zugunsten einschneidender Gesetze
über die Leimarbeit. Im Schiedsspruch heißt es unter anderem, das
Gericht habe auf Grund der stattgehabten Ermittelungen die Überzeugung
gewonnen, daß

„die gezahlten Löhne in vielen Fällen unter ein Niveau gesunken sind,
das ein menschenwürdiges Dasein der Arbeitnehmer trotz ange-
strengtester fleißiger Arbeit nicht ermöglicht".

149 und 150. Antragsformular an die
Schlichtungskommission zur Schlichtung
von Lohnstreitigkeiten
        <pb n="332" />
        ﻿318

Es war durch genaue Anker-
suchungen festgestellt worden,
daß „die Arbeitszeit bei der
Leimarbeit bis zu 18 Stun-
den währt", daß Leim-
arbeiter einen Durchschnitts-
lohn — wohlverstanden,
Durchschnittslohn von
18 Pfennig die Stunde
„erreichten", und das Eini-
gungsamt stellte fest, daß
„dies Zurückgehen der Löhne
im wesentlichen nicht in
den Absatzverhältnissen der
Branche seinen Grund hat,
sondern in dem Bestreben
einzelner Firmen, mit aus-
wärtigen Geschäften zu kon-
kurrieren".

Mit Orten, wie seinerzeit
Aschaffenburg, konkurrieren
zu wollen, wo die Lebens-
haltung der Arbeiter eine
viel weniger kostspielige ist
als in Berlin, habe sich als
„fruchtloses Beginnen klar
herausgestellt". Somit
„mußte deshalb die Auf-
lehnung der Arbeiter
gegen den auf dieser Grund-
lage erwachsenen Lohndruck
als eine durchaus berech-
tigte anerkannt werden".

Nur durch Festlegung eines Mindesttarifs könne, heißt es dann noch, „ver-
hütet werden, daß diejenigen Artikel, welche in Berlin nach obwaltenden
Verhältnissen ohne Beeinträchtigung einer menschenwürdigen Lebenshaltung
der Arbeiter nicht hergestellt werden können, einen ungerechtfertigten Lohn-
druck ausüben".

Nach diesen vernünftigen Grundsätzen hatte das Einigungsamt den
Tarif ausgearbeitet, und scharf wies Weigert den Vorwurf der Einseitigkeit
zurück, den die Konfektionäre in ihrem Organ dem Amt immer wieder machten.
Die Fabrikanten hätten die beste Gelegenheit gehabt, Einseitigkeiten zurück-
zuweisen, wenn sie vor dem Amt erschienen wären und ihre abweichenden Aus-
sagen deponierten. „Daß sie dies nicht getan haben, sondern dem gegebenen
Worte zuwider ausgeblieben sind (von 56 persönlich vorgeladenen Fabrikanten
waren nur 22 der Einladung gefolgt), beweist die Grundlosigkeit ihrer Be-
hauptung." Diese Erklärung gab das Amt „namens jedes einzelnen seiner
Mitglieder" ab: Arbeiter, Arbeitgeber und der Vorsitzende vemrteilten ein-
stimmig das Verhalten der Mehrheit der Konfektionsunternehmer. Der
moralische Sieg war auf seiten der organisierten Arbeiter, deren Vertretern

Dculschcr Hoharöritcr-Verband (JaWeste Gerlin).

Anweisungen

für die

Vertrauensleute streikender Werkstätten.

für Werkstatt-Streiks und allgemeine Streik«.

Zur Durchführung des Streik» und Kontrolle der Stteikenden hält der Srt»
«raurnSinann am ersten Tage de« Streik» eine Versammlung der streikenden Kollegen
ab. in welcher er dje VrrhaIturig»&gt;Maßrrgeln bekannt gib». C« erfolgt dabei die
Aufnahme der Streikenden in dir Streiklistc. die Auügnbe der Streikkorlen und die
Verteilung der Streikposten. Jeder Streikende muß sich.täglich um 9 Uhr vormittag»
im Lokale der Stteikenden zum Appell einfinden und einige Stunden al» Streik-
Posten tätig sein. Der Vertrauensmann sammelt jeden Morgen die Stteikkarten ein
und laßt sie in der Zeit von 10 l&gt;i» II Uhr im Bureau abstempeln.

Durch regelmäßige» Posten stehen inuß verhindert werden, daß dir Plötze der
Streikenden mit Streikbrechern besetzt werden. Da» Postenstehrn ist nicht gesetzlich
verdorrn Es bestehen ober Polizeioerordnungen. nach denen ein Polizeibeomter
befug» ist. Personen von der Sttaße sottzuweisen. wenn er glaubt, daß durch da»
Stehenbleiben eine Verkehrsstörung oder ei» Austaus eittstehcn könnte. Wird der
Stteikposte» weggewiesen, so muß e, sich ohne Widerrede gleich entfernen. Leistet
er der Aufiorderung nicht sofort Folge, so wird er nach der Wache gebracht unh
bekommt einige Wochen später ein Sttofmandat Eine gerichtliche Entscheidung
dagegen zu beantragen, ist zwecklos, denn in allen neueren Gerichtsentscheidungen
bekommt die Polizei in solchen Fällen Hecht. Deshalb gehl man am besten dem
Beamten schon bei dessen Annäherung au» dem Wege Man kann dann in an-
gemessener Entsernung von dem Hause auf- und abgehen. Aus dem Fadrikhosc kann
nur der HauStvrrt oder dessen Slellvettreter Streikende wrgweisen. Hält man sich
ober trotz mehrnialiger Aussorderung zum Verlassen des Grundstücks aus diesem aus.
so kann man sich ein, HouSfriedenSliruch Klage zuziehen.

Finden sich Streikbrecher in der bestreiltci, Werlslat» ein. so müssen sie durch
gütliche Ueberredung von der Notinrndigkeil ihrer Solidarität überzeugt werden E»
empfiehlt sich dann hauptsächlich, sie de» Abends obznivarlrn und beim Nachhausewege
über die Sachlage zu unterrichten Im Bedarfsfälle müssen dann zu dieser Zeit
mehr Kollegen an den geeigneten Stellen unaussallig aufgestellt werden, so daß aus
jeden einzelnen Streikbrecher eingewirkt werde» kann E» darf sich niemand scheuen,
die Wohnung des Streikbrecher« zu erniitteln »nd selbst dessen Beknnnlrnkrei» zur
Aufklärung mit heranzuziehen, um den Streikbrecher au» der Werkstatt ivieder heran»
zu bekoniinen Es muß aber daraus geachtet werden, das; die Streikbrecher nicht
angefeindet oder beleidigt n-erden: sie iverden dadurch erbittert und verlasse» den
Betrieb erst recht nicht Außerdem- iverden ja Bkleidiguiigeu. Bedrohungen und
Mißhandlungen von Streikbrechern mit hohe» Grfängniüsttafen geahndet. Den
Streikbrechern gegenüber ist ein vorsichtige» Verhallen besonder» anzuraten.

Um die berufsmäßigen Stteikbrecher nicht anzulocken, iverden bestreikte Betriebe
i» der Zeitung nicht dckaniit gegeben Nur wen» der Arbeitgeber Arbeitswillige

151 und 152. Anweisungen des Äolz-
arbeiterverbandes für die Vertrauens-
leute streikender Werkstätten
        <pb n="333" />
        ﻿— 319

das Einigungs - Amt das
Zeugnis ausstellte, daß nur
sie ihm gegenüber ihre
volle Pflicht getan
hätten. Aber moralische
Siege sind ein schwacher
Trost, sie schützen nicht vor
übermäßiger Abrackcrung
und füllen keine leeren
Mägen.

So lag es nahe, sich
die Frage vorzulegen, ob
man den Kampf bei nächster
Gelegenheit unter Beob-
achtung der Lehren des
Feldzuges wieder aufneh-
men solle. Diese Lehren
ließen jedoch keine Täu-
schung darüber, daß ein
erneuter Streik nur erneute
Opfer heißen würde, daß
beim damaligen Stand der
Organisation gegenüber den
Schäden der Leimarbeit der
Streik eine unzulängliche
Waffe war. Lier war
ohne gesetzgeberische Ein-
griffe vorläufig wenig zu
machen, und die Gesetz-
gebung anzurufen, war um
so mehr angezeigt, als die
Bewegung immerhin die
Regierung und die politischen Parteien veranlaßt hatte, sich um die Ver-
hältnisse in der Konfektionsindustrie zu kümmern. In diesem Sinne
veranstaltete der deutsche Schneiderverband im Kerbst 1896 Massen-
demonstrationen, und im Mai 1897 kam die Regierung mit einem
Gesetzentwurf an den Reichstag, wonach der Bundesrat bevollmächtigt
werden sollte, u. a. für bestimmte Gewerbe Lohnbücher und Arbeits-
zettel vorzuschreiben, das Mitgeben von Arbeiten an Arbeiterinnen
und jugendliche Arbeiter, die über sechs Stunden täglich in der Fabrik
arbeiten, zu verbieten und Anternehmern, die durch Zwischcnpersonen Keim-
arbeit vermitteln lassen, die Zahlung des Beitrags zur Krankenversicherung
der von diesen beschäftigten Leimarbeiter aufzuerlegen. Der Entwurf ward
erst im Jahre 1900 Gesetz, vorher erließ noch Ende Mai 1897 der Bundes-
rat eine Verfügung, welche die Vorschriften der Gewerbeordnung über den
Schutz von Arbeiterinnen, jugendlichen Arbeitern und Kindern, sowie die
Gewerbeaufsicht auf die Werkstätten der Kleider- und Wäschekonfektion aus-
dehnt. Das blieb freilich alles weit hinter dein zurück, was die Arbeiter und die
vorgeschrittenen Sozialpolitiker verlangten. Aber wenn es auch nur kleine

in der Zeitung sucht, wird ein Sperrinscra« ausgegeben. Einige Streikende müssen.
zu diesem Zweck jeden Morgen die Zeituich einsehen und auch zu Beginn der Arbeit
schon poslcustehen.

Die Arbeiter anderer Werkstätten in demselben Fabrikgebäude sind non der
Arbeitseinstellung zn unterrichten.

Die Leitung des Streiks übt der Vertrauensmann aus. Er stell« eine Liste
der Streikenden aus. die am dritten Strriktoge an daS BcrbandSbnrcau abgeliesert
wird. Darin sind alle streikenden Arbeiter, auch die anders organisierten und un-
organisierten einzutragen. Bon den Vcrbandsinitgsiedern ist anzugeben, ob sie roll
berechtigt &lt;86 Beiträge), halbberechttg« &lt;13 Beiträge) oder nicht «ntcrstüßuiigsberechligk
sind, ferner ob sie verheiratet sind und wieviel Kinder unter 14 Jahren sie haben.
Auch alle übrigen Fragen sind richtig zu beanlivortrn.

Die Namen der Streikbrecher, die stehengeblieben sind, werden aus der Rückseite
ber Liste vermerkt. Bon der Strcikliste behält der Vertrauensmann eine Abschrift,
die er bei der Beendigung des Streiks abliefern muß und in die er vermerk«, wie
lange jeder einzelne Kollege streikt, wieviel Streikbrecher und welche hinzugekommen
sind, wenn der Streik beendet wird und welche neuen Bedingungen dabei festgesetzt
iverdcn. Ueber alle Vorgänge während der Dauer deS Streiks mutz der VeNranens-
niann auf dem Bureau berichte», aber nicht telephonisch, sondern «üiudlich beim
abstempeln der Strcikkarlcn.

Ans Privalgcspräche mit de» Arbeitgeber» fallen sich die einzelnen Streikenden
nicht einlassen, jedoch kann der WerkflotlauSschiiß im Beisein oder im Einverständnis
deS BertrauenSmanncS mit dem Arbeitgeber i» Unterhandlung treten. Dir Ab-
machungen müssen aber niedergeschrieben iverdcn und ist eine Abschrift an das Bureau
abzuliefern. Wird ein neuer Tarif festgesetzt. so is, auch davon eine Abschrift an
das Bureau einzusenden.

Die Streikunterstützung kann der DerkrauenSinana und zwei andere Kollege»
für alle Streikende» vom Bureau abholen. Er muh aber schon tags zuvor eine
OuiltungSliste. Slreikkarlen und DerbandSbücher bei», Kassierer abgeben. I» dies»
Liste quittieren die Kollegen im Boraus. Die Eintragung tn diese Lüte erfolgt in
der Weise, das: zuerst die verheirateten und dann die ledigen Kollegen eingetragen
werden, ferner ivird mit de» älteste» Mitgliedern begonnen und mit den zuletzt ein-
getretenen geendet.

Die Unterstützungssätze der Hanptknsse betragen nass) emer Milgsiedfchaft vor,
26 Wochen 12 Mark pro Woche und für jedes Kind 1 Mark, jedoch darf die Unler-
slützuntz 15 Mark nicht übersteigen. Hierzu zahlt die Lnkalkasse folgende Zuschläge.

Nach einer Mitgliedschaft von 36 Wochen .	. . 3 Mark pro Woche

. 52	. 4	.

.. 156	.	.	. - 5	.	..

„ . „ 260 ......................................... 6 „

Für den Lokalzufchlag kommen nur die tn Berlin oder in xiner Zahlstelle nnt gleichen
Beiträgen gezahlten Marken in Betracht.

Den Streikenden wird empfohlen, sich vor Schlich der ersten Streikwoche u,
der Krankenkasse als Sclbstzohler zu melden, dainit ihnen die Ansprüche a» dir
Kasse nicht verloren gehen-

Dir Ortsvrrwaitung

151 und 152. Anweisungen des Äolz-
arbeiterverbandes für die Vertrauens-
leute streikender Werkstätten
        <pb n="334" />
        ﻿320

Fortschritte waren, so waren es doch immerhin
Maßnahmen zur Erhöhung der Verantwortung
der Unternehmer und der Öffentlichkeit für die
Verhältnisse der Konfektionsarbeiter, und dazu
beigetragen, den unmittelbaren Anstoß dazu
gegeben zu haben, daß diese Maßnahmen er-
folgten, war das Verdienst des so sorgfältig
eingeleiteten und so umsichtig geführten großen
Konfektionsarbeiterstreiks von 1896. And nur
dem Erstarken des Schneiderverbandes in Berlin,
dessen Mitgliederzahl, nachdem sie um die Jahr-
hundertwende das zweite Tausend erreicht hatte,
bis auf über 6000 im Geschäftsjahr 1905/06
stieg, ist es zuzuschreiben, daß dieser — zum Teil durch geschicktes Aus-
spielen der öffentlichen Meinung der auf allen Gebieten stärker organisierten
Arbeiterschaft — seit der Jahrhundertwende doch dahin gelangt ist, eine
ganze Reihe von Tarifverträgen auch mit Konfektionsgeschäften abzuschließen
und eine ganze Anzahl von Konfektionsfirmen zur Einrichtung von Betriebs-
Werkstätten zu bewegen.

*

2.	Allgemeines.

Diesem Kampf der Arbeiter einer Industrie, itt der die Schwitzarbeit
überwiegt, war ziemlich fünf Jahre vorher ein großer Kampf in einem der
privilegierten Gewerbe vorausgegangen, der zunächst mit einem Mißerfolg
für die Arbeiter endete: Der Streik der Buchdrucker von 1891 für
den Neunstundentag und Erhöhung ihrer Lohntarife. Auch er
hatte nationalen Amfang, auch er aber ward in Berlin mit ganz besonderer
Wucht und Energie geführt und zog hier mehr Angehörige des Berufs
in Mitleidenschaft als an irgendeinem andern Platz Deutschlands. Trotz
des Aufwandes großer Mittel mußte er nach zehnwöchiger Dauer resul-
tatlos aufgegeben werden. Da der Buchdruckerverband die älteste und als
Vorbild betrachtete Gewerkschaft Deutschlands war, machte der Fehlschlag
seines Ansturmes damals einen tiefen Eindruck. Im Anschluß an ihn geschah
es, daß August Bebel im Januar 1892 in einer Riescnversammlung in
Berlin den im vierten Kapitel erwähnten Vortrag über die Lehren der
Gewerkschaftskämpfe hielt, der in so pessimistischen Schlüssen hinsichtlich der
Gewerkschaften auslief. In der Folge erst zeigte sich, daß ein dem äußeren
Schein nach abgeschlagener Ansturm der faktischen Wirkung nach oft durch-
aus kein vergeblich unternommener Versuch ist, sondern in seiner Nach-
wirkung doch zu positiven Erfolgen führen kann. Das Jahr 1896 brachte
den Vertrag im Buchdruckgcwerbe, der mit der Verkürzung der Arbeitszeit
auf 9Vs Stunden und einer Tariferhöhung jene Tarifgemeinschaft einführte,
die sich der Organisation der Gehilfen, der Rechtsstellung der Buchdrucker
in ihrem Gewerbe überaus vorteilhaft erwiesen hat und alles in allem auch
eine Landhabe ist, die Löhne auf jene Löhe zu bringen und zu erhalten,
die in der heutigen Wirtschaftsordnung überhaupt zu erreichen ist. Mit
der zweiten Lälfte der neunziger Jahre beginnt der große Aufstieg der
Gewerkschaften Berlins. Die Organisationen festigen sich mehr und mehr,

153. Kontrollmarke
        <pb n="335" />
        ﻿An

alle Arbeiter-Organisationen Deutschlands.

Werthe Geussserr!

Im Nachstehenden geben wir Euch einen kurzen Bericht über den Stand unserer Sache.

Zur Zeit der Einführung der Kontroll-Marke (im Frühjahr 1690) bildete sich bekanntlich ein Fabrikantcn-
Rkng. dessen Mitgliedern die Verpflichtung auferlegt war, daß, wer die Kontrollmarke annimmt, an den — Ring —
10000 Mark Strafe bezahlen müsse.

Dieser Ring ist durch Eure Unterstützung gesprengt, die Strafe hat allerding-, soweit uns bekannt ist, nicht
ein «einziger bezahlt. Zur Zeit haben 10 Fabrikanten die Forderungen bewilligt, und erhalten infolgedessen die
Marken; sechs anderen mußten dieselben wieder entzogen werden, weil sie ihr theilweise schriftlich gegebenes Ehrenwort
gebrochen hatten. Wenn Ihr uns nun Eure Unterstützung in der gleichen Weise zu Theil werden läßt, wie bisher, so
wird der Erfolg sehr nbald ein och größerer sein.

Einmal in einer Branche durchgeführt, wird das System (nur Waare zu konsumiren. welche in geeigneter
Weise gekennzeichnet ist), sich leicht auch in anderen Branchen einführen lassen, namentlich dort, wo die Fabrikanten
darauf ausgehen, die Koalitionsfreiheit der Arbeiter zu vernichten. Mittelst Streik ist gegen die (allen möglichen behörd-
lichen Schutz genießenden Fabrikanten-Vereinigungen) in nur wenig Fällen Erfolg zu erringen, da die technischen Er-
rungenschaften ihnen die Verwendung jeder exbeliebigen Arbeitskraft gestatten. Greift man sie aber auf ihren Absatz-
gebieten an, so hat man die verwundbarste Stelle getroffen, und das geschieht, indem der aufgeklärte Arbeiter nur
Waare konsumirt. welcht in geeigneter Weise gekennzeichnet ist. wie es durch die Arbeiter-Kontrollmarke geschieht. Das
wissem die Herren auch, Mnb ihre Presse hat schon sehr oft darüber gelcitartikelt. So schreibt die „Volkswirthschaft-
liche Korrespondenz" :

„Wir geben uns der Hoffnung hin, daß, wollen die Arbeitgeber Herr im eigenen Hause bleiben, sie ein-
müthig Front machen müssen gegen dieses Kontrollmarkensystem!" Und der „Arbeitgeber" schreibt am Schlüsse eines
(das halbe Blatt füllenden Leitartikels): „Arbeitgeber, kaust nicht dort, wo es Waare mit Kontrollmarken giebt!"
Jeder aufgeklärte Arbeiter wird nun wohl wissen, was er thun muß.

Um gegen die Kontrollmarke anzukämpfen, preisen viele DetailgeschäftSiuhgber ihre Waare zu den billigsten
Preisen an. In unsrer Branche sogenannte 2,50 und 3 Mark-Bazars. Ein jeder Käufer mag bedenken, daß an dieser
Schundwaare der Schweiß und die Lebenskraft, unglücklicher, maßlos ausgebeuteter Menschen hängt; daß die
eigentlichen. Erzeuger dieser Waare bei harter Arbeit sich nicht einmal satt essen können Ist es nicht eine Schmach,
wenn Arbeiterinnen bei elf- und zwölfstündiger Arbeitszeit 4,50 bis 7 M, Wochenlohn und männliche Arbeiter
6 bis 12 M. Wochenlohn erhalten? Mit dem Erzeugnisse der halbverhungerten Weber im Eulengebirge deckt vielleicht
dieser oder jener großstädtische Arbeiter (angelockt durch den billigen Preis) seine Blöße. Die Fetzen müßten ihm auf L«ib
und Seele brennen, wenn er an das furchtbare Elend denkt, in welchem sich die Verfertiger dieser Waare ausnahmslos
befinden. Er tragt mittelbar mit Schuld daran, weil er solchen Schund konsumirt.

Wie schon oben gesagt, kennen die Unternehmer den hohen Werth der Arbeiter-Kontrollmarke als Kampfmittel,
ihre größte Hoffnung und Stütze ist die Kurzsichtigkeit und Dummheit der Masse. Darum bitten wir jeden Genossen, für das
System der Arbeiter-Kontrollniarke zu agitiren, wo er nur kann; denn geholfen kann der arbeitenden Klasse nur dann,
werden, wenn sie sich selbst hilft, weil freiwillig für die Arbeiter von den Unternehinrrn nichts gegeben wird.

Indem wir noch besonders darauf aufmerksam machen, daß die Marke beim Kausen deS Hutes schon fest ein-
geklebt sein muß, — jedes Einkleben beim Kauf ist Betrug, — bitten wir die Genossen nochmals:

Kauft keinen Kut ohne ArSeiter-Ksutrollmarke!

Berlin im März 1891.

Die Kommission.

3- 21.: T. föfTapt) Berlin NO., Georgenkirchplatz 8

Vcrantworlllch für Redaktion und Verlag C. Keuipe, Lerltn. Druck von Maurer, Ärrner L Co., Berlin, Elisabeth-Üier vb.

154. Flugblatt über die Bedeutung der Kontrollmarke

Bernstein, Berliner Geschichte.^, III.

21
        <pb n="336" />
        ﻿322

An die Delkgirtkn des DUteitagkS.

Werthe Genossen!

Punkt 6 der provisorischen Tagesordnung des. Parteitages
äat ein Referat des Genossen I. Arier vorgesehen „Ueber
Genossensä)aften, Boykott und Kontrollmarken.

Die Unterzeichneten haben nun zum Theil das System
der Kontrollmarke als Kampfmittel im gewerkschaftlichen Kampfe
in Anwendung gebracht, zum Theil beabsichtigen sie. es in
nächster Zeit zu thun.

Wir halten uns daher für verpflichtet, den Delegirlen zum
Parteitag einiges Material zur besseren und leichteren Jnfor-
mation zu unterbreiten.

Im Lause dieses Jahres erschienen in dem wissenschaft-
lichen Organ unserer Partei „Die Neue Zeit" eine Reihe von
Artikeln wider und für die Kontrollmarke. Wir bringen diese
Artikel des Gegners sowohl als auch der Anhänger, damit sich
die Genossen an der Hand des Vergleiches ein umfassendes
-Urtheil bilden können.

Die Gewerkschaft der Hutmacher war die erste, welche die
Kontrollmarke anwendeten, wir bringen daher eines ihrer Flug-
blätter in Vordruck.

Wir lassen den drei Artikeln auö der „Neuen Zeit" einen,
kurzen Auszug über die „Bedingungen beim Boykotten", er-
schienen in der New-Aorker Zeitung. Typographical-Umon
Nr. 6.*) außerdem die gegen eine Stimme angenommene .Reso-
lution des Halberstädter Gewerkscvafts-Kongreises folgen.

*) Siche S v. Wultershaulen. Die Nordamerika,,. Gewerkschaften.
S. 255.

die innere Gliederung nach
Werkstätten, das System
der Werkstättenkontrolle und
der Vertrauensmänner in
den Werkstätten wird syste-
matischer ausgearbeitet, und
das kommt auch in der
systematischen Führung der
Streiks in die Erscheinung,
bewährt hier seine großen
Vorteile. Im September
1897 stellen Former und
Berufsgenossen in den
großen Maschinenfabriken
Berlins die Arbeit ein und
nötigen den Fabrikanten-
bund, der bis dahin keine
Arbeiterorganisation aner-
kennen wollte, zum ersten
Male vor dem Berliner
Einigungsamt in der Ge-
stalt seiner Führer den
Leitern der Gewerkschaft
der Arbeiter Auge in Auge
gegenüberzutreten. Denn
Andauern des Stteiks der
Former hätte Stillsetzung der Fabriken mit Brotlosmachung von 27000
Arbeitern geheißen, und diese Möglichkeit hatte die Presse veranlaßt, sich
mit dem Konflikt eingehender zu beschäftigen.

Bedeutungsvolle Erfolge wurden in den Jahren 1898 und 1899
namentlich in den Baugewerben Berlins erzielt, sowohl was die Arbeits-
zeit als was die Lohnsätze anbetrifft. Damals war bei den Maurern der
Lohnsatz meist 55 Pfennig die Stunde und die Arbeitszeit 9^2 Stunden ini
Tag. Ende des Jahrhunderts beträgt er 65 Pfennig die Stunde und die
Arbeitszeit ist 9 Stunden im Tag. In den Berichten über den Verlauf der
Kämpfe findet man eine fortlaufende Statistik der Verhältnisse auf den einzelnen
Bauten, die erkennen läßt, wie sehr die Organisation in jedem Moment über
die Sachlage auf dem laufenden war und die wirksamsten Maßnahmen
treffen konnte. Das gleiche Bild zeigen die Berichte über die Kämpfe
anderer Gewerbe, und ein wahrhaft klassisches Bild der Werkstättenkontrolle
findet man in dem Bericht der Berliner Verwaltung des Verbandes der
Lolzarbeiter von 1904 über ihre Kämpfe in der Möbelindustrie, Kämpfe,
die im Verein mit solchen der Klavicrarbeiter und noch einiger anderer
Branchen der Holzindustrie, die Ausgabe des Verbandes für Streiks und
Aussperrungen in Berlin in jenem Jahr auf über eine Million Mark
bringen.

Das Jahr 1905 endlich sieht in Berlin, nachdem 1903 und 1904 schon
große Kämpfe in der Messingindustrie gespielt hatten, den großen Kampf in
der Elektrizitätsindustrie, der zur Aussperrung von 40000 Arbeitern —

155. Bericht an den Parteitag von 1892
über den Wert der Kontrollmarke
        <pb n="337" />
        ﻿323

die größte Zahl von Ausständigen, die Berlin bis dahin gesehen — führt,
die Aussperrung weiterer 20- bis 30 000 Arbeiter androht und Berlin einen
Augenblick in Gefahr bringt, seine Versorgung mit Elektrizität für Licht und
Triebkraft unterbrochen zu sehen. Linker mehr als einem Gesichtspunkt wäre
dieser Kampf, der wiederum die Öffentlichkeit in hohem Grade beschäftigte,
der genauen Beschreibung wert. Den Arbeitern zeigt er die Verantwortung,
die bei der gegenwärtigen Organisation der Industrie und des Unternehmer-
tums jeder einzelne Bruchteil der Beschäftigten großer Unternehmungen und
der Mitglieder der Organisationen gegenüber der Gesamtheit seiner Kollegen
im Tun und Lassen auf sich nimmt, und daß mehr als je Anterordnung aller
Sonderinteressen unter das Interesse der Allgemeinheit das Losungswort
ihrer gewerblichen Kämpfe ist. Das Äußerste war zu gewärtigen, hätte
nicht die Leitung der Kämpfenden im kritischen Moment mit kluger Aussicht
die Anternehmer gezwungen, sich auf Vergleichsverhandlungen einzulassen.
So konnten immerhin einige Zugeständnisse für die Arbeiter erwirkt werden.

Wäre es bloß auf die rein ökonomischen Machtmittel angekommen, so
hätten die Anternehmer hier wahrscheinlich selbst die wenigen Zugeständnisse
nicht zu machen brauchen, die sie tatsächlich gemacht haben. Wenn sie sich
trotzdem zu ihnen entschlossen, wenn sie außerdem die Arbeiterorganisationen,
über die sie sich zuerst hinwegsetzten, im Fortgang des Kampfes mehr als bei
früheren Kämpfen als Sachwalter der Arbeiterinteressen anerkannten, so
war das dem gestiegenen sozialen Einfluß der Arbeiterklasse zuzuschreiben.
Es ist bemerkenswert, daß bei den Verhandlungen, die in dieser Sache am

l.	und 2. Oktober 1905 vor dem Vorsitzenden des Gewerbegerichts stattfanden,
weit weniger die Mitglieder der Arbeiterausschüsse, mit denen allein die
Anternehmer ursprünglich hatten verhandeln wollen, als die Vertreter der
drei hauptsächlich beteiligten Arbeiterorganisationen — Ad. Cohen vom
Metallarbeiterverband, C.Bruns vom Verband derFabrik-, Land- und Lilfs-
arbeiter und O. Schumann vom Verband der Handels- und Transport-
arbeiter — für die Arbeiter das Wort führten. Das Streikkomitee hatte sie und
drei Vertreter der Streikenden zur Verhandlung delegiert, und die Meinung der
Anternehmer war gewesen, daß sie nur Auskunft erteilend mitwirken sollten.
Aber ihre Stellung in der Arbeiterschaft, ihre größere Kenntnis der Dinge
und Abung im Verhandeln erzwangen ihnen geradezu die Anerkennung als
die berufenen Sachwalter der Arbeiter. Bei den Schlußverhandlungen
waren es wieder nur Gewerkschaftsbeamte, die vor den Anternehmern
die Sache der Arbeiter führten. Nicht formell im Namen der Gewerkschaft,
aber den Anternehmern als Bezirksleiter dieser bekannt und faktisch als solche
von ihnen gewertet. Es fehlte nur noch wenig, daß der Vertrag von
Organisation zu Organisation geschlossen worden wäre. Die machtvollste
Verbindung der Industriekapitalisten war den Verbindungen der Arbeiter
ein großes Stück weiter entgegengekommen, als je vorher, und das war ein
größerer Erfolg, als es die Bewilligung etwas höherer Löhne gewesen wäre.

So besiegelte auch der Ausgang dieses Kampfes, der den Gewerk-
schaften unter ungünstigen Verhältnissen aufgezwungen worden war, ihren
sicheren Aufstieg zur Verwirklichung der Demokratie im Gewerbe.

2t*
        <pb n="338" />
        ﻿Elftes Kapitel.

Der große Bierboykolt von 1894.

Braugewerbe Berlins hatte sich unter dem Einfluß des Wachs-
S3 7 tums der Hauptstadt, der zunehmenden Ausdehnung des Konsums
untergäriger Biere und der abwechselnd als Arsache und Wirkung
damit in Zusammenhang stehenden Steigerung des kapitalistischen Betriebs
der Brauerei ganz außerordentlich entwickelt. Gegen das Jahrfünft von
1874/78 war im Jahrfünft von 1889/93 die Produktion von obergärigem
Bier — hauptsächlich Weißbier — in Berlin um die Hälfte, die von
untergärigem Bier aber auf das Doppelte — von 1 016 000 auf 2 110 000
Hektoliter — im Jahr gestiegen. Aus verhältnismäßig kleinen Brauereien
waren kapitalistische Unternehmungen ersten Ranges geworden, die ihren
Absatz weit in die Provinz hinein ausdehnten, über große eigene Aus-
schanklokale und durch Pachtverträge aller Art noch über einen Heerbann
von unzähligen größeren und kleineren Gastwirtschaften verfügten. An
erster Stelle dieser modernen Brauereien Berlins marschierte die Schultheiß-
Brauerei, deren Leiter, der damals wild-liberale Abgeordnete Richard
Roesicke, großes geschäftliches Geschick mit sozialpolitischen Neigungen ver-
band und an der Spitze eines 1890 gegründeten „Vereins der Brauereien
Berlins und der Amgegend" stand, dem 33 Brauereien angehörten. Eine
zweite zu großer Bedeutung emporgekommene Brauerei, die Brauerei
Patzenhofer, hatte gleichfalls einen freisinnigen Politiker zum Direktor,
den Dr. Karl Goldschmidt, der vorübergehend dem Reichstag angehört
hatte und in der hier zu behandelnden Zeit Mitglied des Abgeordneten-
hauses war.

Die kapitalistische Entwicklung hatte selbstverständlich die Technik des
Vrauereibetriebs nicht unberührt gelassen. Bedeutende Amwälzungen
hatten sich vollzogen, und sie hatten für die beschäftigten Arbeiter eine
Abnahme der regelrecht angelernten Brauereigesellen im Verhältnis zu den
Hilfs- und Nebcnarbeitern zur Folge gehabt. Doch war, da die Brauereien
von Jahr zu Jahr ihren Betrieb vergrößerten, trotzdem auch die Zahl der
ersteren gestiegen, nur war sie von der Zahl der Hilfsarbeiter sehr stark
überflügelt worden. 1894 standen in Berlin rund 1200 Brauergesellen
über 3000 Brauereihilfsarbeitern aller Art gegenüber. Die Lohnverhältnisse
hatten hier gleichfalls unter der kapitalistischen Entwicklung keine Ver-
schlechterung erfahren. Die Brauergesellen hatten, dank der steigenden Nach-
        <pb n="339" />
        ﻿325

frage, die Brauereihilfsarbeiter aber, die mit der allgemeinen Arbeiterbewegung
weit stärkere Fühlung hatten, als die noch stark zünstlerisch denkenden
Gesellen, den Brauereien schon dadurch allerhand Zugeständnisse abringen
können, daß diese sich nicht gern mit der Arbeiterschaft überwerfen mochten,
deren Bedeutung für den Konsum des in Berlin gebrauten Bieres ihnen
ganz besonders beim großen Saalboykott des Jahres 1889 sehr eingehend
zum Bewußtsein gebracht worden war. Aus diese Tatsache gestützt, hatten die
Brauereiarbeiter seit jenen Jahren wiederholt bei Streitigkeiten mit Brauereien
den Boykott ins Spiel gebracht und meistens auch mit ihm oder vielmehr
schon mit der bloßen Drohung, ihn ins Spiel zu bringen, Erfolge erzielt.
Die Brauereien, denen das immer lästiger wurde, riefen zur Abwehr neben
dem schon genannten Verein noch einen „Schutzverband gegen Boykott-
schäden" ins Leben, was aber auf die Arbeiter vorderhand noch keinen
tieferen Eindruck machte. Ein felsenfester Glaube an die Allmacht des
Boykotts im Braugewerbe hatte sich der Köpfe bemächtigt und wurde noch
durch die Kenntnis des Umstandes gestärkt, daß die scharfe Konkurrenz, die
sich die Brauereien untereinander machten, zu Gegenströmungen gegen die
großen unter ihnen geführt hatte, so daß eine ganze Anzahl von mittleren und
kleineren Brauereien dem Verein oder „Ring", wie man ihn gern nannte,
ferngeblieben waren. An der Spitze dieser Gegenbewegung stand die
Brauerei „Münchener Brauhaus", deren Direktor Arendt in dem zu
beschreibenden Kampf eine größere Rolle spielen sollte.

Den Anstoß zu diesem Kampf gab ein Konflikt wegen der Maifeier
des Jahres 1894. Etwa 300 Böttcher, die am 1. Mai feierten, wurden
von den Ringbrauereien auf einige Tage ausgesperrt, worauf am 3. Mai,
vormittags, in einer großen Böttcherversammlung beschlossen wurde, in den
Generalstreik einzutreten und die Wiederaufnahme der Arbeit von der Ver-
kürzung der Arbeitszeit auf 9 Stunden, derFreigabe des l.Mai alsFeiertag, der
Verpflichtung zur ausschließlichen Entnahme von Arbeitern aus dem Arbeits-
nachweis der Gewerkschaft und der Bewilligung von Lohnerhöhungen
abhängig zu machen, die flch zwischen 10 und 15 Proz. bewegten. Eine
große, aus Sonntag, den 6. Mai veranstaltete Versammlung der Brauerei-
hilfsarbeiter erklärte sich einstimmig mit dem Vorgehen der Böttcher ein-
verstanden, machte es allen Hilfsarbeitern zur Pflicht, jede Böttcherarbeit
zurückzuweisen, und verpflichtete sich ferner, die Böttcher in ihrem Kampf
pekuniär zu unterstützen. Auch ward beschlossen, an die Brauereidirektionen
behufs Bescheid auf im April gestellte und unbeantwortet gebliebene Lohn-
forderungen heranzutreten.

Wie in dieser Versammlung der Referent Winter bekanntgab, hatte
schon am gleichen Tage vormittags eine in Rixdorf vom dortigen
Gewerkschaftskartell einberufene Volksversammlung beschlossen, wegen der
Maßregelung der Böttcher über die dem Brauerring zugehörende Rix-
dorfer Vereinsbrauerei den Boykott zu verhängen.

•Unter den erfahrenen Vertretern der Arbeiterbewegung Berlins sagte
man sich sofort, als der Beschluß bekannt wurde, daß er mindestens eine
große Voreiligkeit war und für die Allgemeinheit Folgen nachziehen
könne, über welche diejenigen, die ihn gefaßt, schwerlich sich Rechenschaft
abgelegt hatten. Die Redaktion des „Vorwärts" nahm aus diesem Grunde
Anstand, den Bericht über die Versammlung in derjenigen Form zu
        <pb n="340" />
        ﻿326

veröffentlichen, in der er ihr zuerst zuging, sondern brachte erst am
10. Mai einen Bericht, der mit Bezug auf den Boykott jede direkte Auf-
forderung vermied. Nein referierend heißt es am Schluß: „Den Partei-
genossen wurde es zur Pflicht gemacht, diesen Beschluß umgehend ihren
befreundeten Gastwirten usw. zu übermitteln und in den weiteren Kreisen
bekanntzugeben." Aber keine Empfehlung, dem Beschluß Folge zu geben,
schließt sich daran.

Inzwischen hatten jedoch die Ringbrauereien am 8. Mai Rat
gehalten und einstimmig beschlossen, sich mit der Vereinsbrauerei Rixdorf
solidarisch zu erklären und für den Fall, daß bis zum 15. Mai der über
diese verhängte Boykott nicht zurückgenommen sei, ihre Betriebe einzu-
schränken, bis zu 20 Proz. ihrer Arbeiter, und zwar in erster Reihe die-
jenigen zu entlassen, die sich an den Bestrebungen beteiligt hätten, durch
Boykottierung Zugeständnisse zu erzwingen, und ferner den bisher unter-
haltenen Arbeitsnachweis für Brauergesellen aufzuheben. Der Beschluß
wurde in der Presse und durch Aushang in den Werkstätten der Brauereien
bekanntgegeben und außerdem der Berliner Gewerkschaftskommission sowie
dem Rixdorfer Gewerkschaftskartell direkt zugestellt.

Das Rixdorfer Gewerkschaftskartell, das erst seit November 1893
bestand, beantwortete die Drohnote nach dem Grundsätze: „Auf einen
Schelmen anderthalbe." Der Beschluß vom 6. Mai werde nicht zurück-
genommen werden, bis die Forderungen der Böttcher bewilligt und die
alten Arbeiter wieder eingestellt seien. Gegenüber der Drohung der
Brauereien aber habe das Kartell zu erklären, daß, wenn die Forderung
der Böttcher nicht bis zum 19. Mai bewilligt und dies dem Kartell mit-
geteilt sei, weitere Beschlüsse gefaßt und unter Umständen bis zum 1. Mai 1895
ausgedehnt werden würden. Jedenfalls würden die Brauereien dann schon
durch Ausbleiben der Konsumenten gezwungen werden, ihren Betrieb ein-
zuschränken. Das Bier aber werde man von den Brauereien beziehen,
welche die Forderungen bewilligt haben, und dort würden auch die ent-
lassenen Arbeiter Beschäftigung finden.

Drastischer konnte der Glaube an die Allmacht des Boykotts nicht zum
Ausdruck gebracht werden, als in dieser Gegendrohung. Freilich, wenn
Rixdorf nur allein in Bewacht kam, dann verkündete sie angesichts der Zu-
sammensetzung seiner Bevölkerung nichts Anmögliches. Aber schon der Am-
stand, daß die Brauereien die Mitteilung auch an die Berliner Gewerkschasts-
kommission geschickt hatten, hätte den Verfassern sagen müssen, daß es sich
nicht um eine örtliche Angelegenheit Rixdorfs mehr handelte. Viel um-
sichtiger verfuhr der geschäftsführende Ausschuß der Berliner Gewerkschasts-
kommission. Er antwortete den Brauereien erst, nachdem er sich über den
Inhalt der Antwort mit dem Parteivorstand und den leitenden Vertretern
der Partei in den sechs Wahlkreisen Berlins verständigt hatte. Denn
daß die Antwort je nachdem Krieg, und zwar ein Krieg hieß, der keine
Spielerei war, sondern die Tatkraft und Opferwilligkeit der gesamten
Arbeiterschaft Berlins in Anspruch nehmen würde, das stand für jeden, der
sich die großen pekuniären und sonstigen Machtmittel der vereinigten
Brauereien vor Augen hielt, von vornherein außer Zweifel.

Es kam also darauf an, die Antwort so zu fassen, daß sie, ohne den
Rixdorfern zu nahe zu treten, doch die Verantwortung für deren eigen-
        <pb n="341" />
        ﻿A« die Kiüvchsek oon Min ui kt Lmck!

Ein kleiner Ring von Kapitalisten, die vereinigten
Brauereien von Berlin und Umgegend, hielt es für an-
gebracht, an einem recht drastischen Beispiel zu zeigen, daß
der Kapitalismus sich alles erlauben darf, was Unternehmer-
Hochmuth und Herrschsucht eingiebt.

Weil eine Gruppe von Arbeitern, die Böttcher, sich erlaubt
hatten, an die Brauerkönige das Ersuchen zu stellen, den l.Mai
als Feiertag frei zu geben, und weil die Böttcher, als dieses
Ersuchen theils abgelehnt, theils gar nicht beantwortet wurde,
sich die Freiheit nahmen, am 1. Mai die Arbeit ohne spezielle
Erlaubniß rulflm zu lassen, bestraften die Herren vom Brauer-
ring diese „Frechheit" der Arbeiter, nur einen einzigen Tag
im Jahre aus freiem Entschlüsse die Arbeit ruhen zu lassen,
mit der „milden Sühne", daß sie die Böttcher bis zum 7. Mai,
also weitere 6 Tage von der Arbeit überhaupt ausschlossen.

Tie Arbeitöruhe am 1, Mai, erklärte der Ring, könne
„in Rücksicht auf die Aufrcchthaltung des Betriebes und
die Bedienung der Kundschaft namentlich während der
Tauer der Mälzungsperiode"

den Arbeitern nicht bcioilligt werden. Also nicht etwa die
Prositsucht des Unternehmerthums, sondern nur die Rücksicht
auf die „Bedienung der Kundschaft" sollte es unmöglich machen,
den Böttchern den Tag frei zu geben.

Als diese sich aber diese Freiheit nun doch nahmen, da
sperrten dieselben Unternehmer, die erst erklärten: der Betrieb
und die Kundschaft gestatte nicht einen Tag auszusetzen, die
Böttcher eine volle Woche, bis zum 7. Mai, ans.

Die Böttcher beantworteten diese Maßregel, indem sie nun
ihrerseits die Forderung stellten: i. den Minimal-Wochenlohn
von 27,50 Mk. aus 30 Mk. zu erhöhen, 2. die tägliche Arbeits-
zeit von 9'/„ ans 9 Stunden zu reduziren, 3. den l. Mai als
Arbeiterseiertag zu bewilligen.

So stand diese Angelegenheit, als am 6. Mai in einer
Volksversammhikug in Rixdorf gcg-^n Den Widerspruch der
Dort anwesenden Vertreter der Brauerei- und Böttcher-
Srdciter der Boykott über der BcreioS-Brauerci in
Rirdors beschlossen wurde.

Dieser Beschluß gab nun dem Branerring den will-
kommenen Vorwand, den Streit, der bis dahin nur auf
die Böttcher beschränkt war, einen allgemeinen Charakter zu
geben und ihn auf die gesannnten Brauereiarbeitcr aus-
zudehnen. Zu diesem Behufe faßte der Ring den Beschluß,
das; wenn b&gt;s zun, 15. Mai der Rixdorfer Boykott-Beschluß
nicht zurückgenommen werde, sämmtliche im Ring vereinigte
32 Brauereien in Berlin und Umgegend „20 vCt. ihrer
Arbeitnehmer und zwar in erster Linie Diejenigen,
welche sich bisher an den Bestrebungen hiesiger
Arbeiter, durch Boykottirung einzelner Brauereien
Zugeständnisse in Sachen des BvUcherstrerks zu er-
ringen. betheiligt haben", entlassen werden.

Dieser Beschluß wurde auch der Berliner Gewcrk-
schnsts-Kommiision offiziell zugestellt. Diese hat umgehend
in folgender Weise geantwortet:

An u. s. w.

Die Berliner Gewerkschafts-Kommission sicht dein Beschlusse
der Volksversammlung vom 6. Mai in Rirdors. betreffend den
Boykott der Verciusbraucrei, vollständig uubcthciligt
gegenüber. Dieser Beschluß ist ohne unser Zuthun gefaßt
worden. Wir haben bisher weder Anlaß gehabt, uns zustimmend
zu demselben zu äußern, noai sind wir in der Lage, wie es in
der Zuschritt der vereinigten Brauereien von uns verlangt wird,
denselben rückgängig zu machen.

Die Berliner Gewerkschaften, welche zu vertreten wir die
Ehre haben, haben bisher weder einen solche» oder ähnlichen
Beschluß gefaßt, noch ist die Absicht laut geworden, unserer-
seits in gleicher Weife vorzugehen.

Wir haben den Ausschluß der Böttcher seitens einzelner
Brauereien als eine interne Angelegenheit der Betheiliglen
betrachtet und behandelt, bei der allrrdlngs unsere Sympathien,
wie wobt die Sympathien der gelammten Arbeiterschaft, aas
Seiten der gemaßregeltcn Arbeiter stehen. Ein Vorschlag aber,
weiter zu gehen, und speziell der, einen Boykott gegen eine
der bcthciligtcn Brauereien zu erkläre», ist weder von uns
noch von irgend einer anderen Organisation der Berliner Ar-
beiterschaft bis jetzt in Erwägung gezogen worden.

Indem wir unter solchen Umständen das Verlangen der ver-
einigten Brauereien, den Rixdorfer Boykottbeschluß rückgängig
u machen, ablehnen müssen, da uns zu einem solchen Vorgeyen
oivohl die Legitimation wie auch die Möglichteik des Erfolges

fehlt, wollen wir nicht verhehlen, unserem Bedauern darüber
Ausdruck zu geben, daß seitens der vereinigten Brauerei-Unter-
nehmer, ohne sich vorher die Mühe zu mache», sich ge-
nügend zu informircn, ganz nubcthcrligte Arbeiter gc-
mäffregclt worden sind und noch weitere Kreise derselben
mit Maßregelung bedroht werden.

Indem wir uns der Hoffnung hingeben, daß nach vorstehen-
der Klarstellung unsererseits die vereinigten Brauereien von ihrer
Absicht, die Zahl der Gemaßregeltcn zu vermehren, abstehen
werden, fügen wir noch den Wunsch bei, daß auch die Differenz
mit den Böttchern recht bald zu beiderseitiger Befriedigung
beigelegt werden möge.	'	.

Sollte aber wider Erwarten und gegen unseren Willen
seitens der vereinigten Brauereien der in der Zuschrift vom
8. Mai angedrohte Angriff auf die gesammte Arbeiterschaft
Berlins iuszenirt werden, so sehen wir dieser Eventualität mit
voller Seelenruhe und in dem Bewußtsein entgegen, daß einer
solchen Provotalion gegenüber — au deren Möglichkeit wir aber
nicht glauben wollen — die Arbeiterschaft Berlins ihre oft be-
währte Solidarität auf's Reue und in glänzender Weise bethätigen

In dem B-wußsciu, unsererseits nichts gethan zu
haben, einen überflüssigen und in seinen Folgen nuab-
schbarcn Streit herauf zn beschwören, zeichnet
Achtungsvoll

Der geschäftssührende Ausschuß
der Berliner Gewerkschafts-Kommission.

Der Branerring antwortete ans diese gewiß friedliche
Erklärung damit, daß er am 16. Mai die angedrohte Ent-
lassung Der Arbeiter rücksichtslos durchführte. Vicr-
biö fünfhundert Arbeiter wurden ohne jede Schuld
plötzlich ans,'er Arbeit und Brod gesetzt.

Bon dieser Maßregel wurden Arbeiter betroffen, welche
10 bis 15 Jahre ihre Stellen bekleidet haben, die ihre besten
Jahre und ihre Gesundheit im Dienste der Unternehmer des
Brauerrings geopfert haben und denen es heute doppelt
schwer, wenn nicht ganz unmöglich wird, in einem anderen
Berufe Arbeit und daniit Gelegenheit zu finden, Brod für
sich ,iuU ihre Familien zu verdienen.

Reben denjenigen Arbeitern, von welchen man wußte,
daß sie ihrer Berufs-Organisation, angehörten, wurden mit
besonderer Vorliebe Familienväter und die älteren
Arbeiter entlassen. Der letzteren, gleich ausgepreßten
Zitronen sich zu entledigen, liegt ja im Unter,tehmer-
Interesse. Giebt c8 doch junge Arbeiter genug, und was
braucht sich die Habsucht der Dividendcnschl ucker um das
Schicksal jener Arbeiter zit kümmern, deren Glieder in lang-
jähriger Mühe und Arbeit steif und deren Knochen mürbe
geworden sind!

Fünfhundert Arbeiter bläßlich, ohne Kündigung
entlassen. Und warum?

Keiner dieser Arbeiter hat am I. Mai gefeiert, keiner
derselben sonst irgend eine -Forderung gestellt. Biele dieser
plötzlich Entlassenen haben vielleicht gar keine Kenntniß davon
gehabt, was am 6. Mai in Rixdorf beschlossen worden ist,
sicher halte Keiner von ihnen die Möglichkeit, beu Beschluß
zu verhindern oder, nachdem er gefaßt war, ihn rückgängig
zu machen. Die Behauptung der Leiter des Brauerrings,
daß. „die Führer 'dcS Brauerci-HülfZarbcitcrvereins in der
Rixdorfer Versammlung eine hervorragende Rolle gespielt
haben", hat sich sofort als eine aus den Fingern gesogene
Lüge erwiesen.- Der Vorsitzende des Vereins der Hülss-
arbciter hat öffentlich erklärt, daß in der betreffenden Ver-
sammlung von den Vorstandsmitgliedern und Vertrauens-
leuten des Vereins nicht rin Einziger in Der Versamm-
lung anwesend war.

Der Branerring hat auf' diese moralische Ohrfeige ge-
schwiegen.

In dem Vorgehen der Herren vom Branerring liegt
also eine ganz brutale, dttrch rein gar nichts gerechtfertigte
Maßregelung von Hunderten von Familienvätern und Ar-
beitern. Nur Willkür. Herrschsucht und Protzentzoch-
muth hat den Ni»g bei seiner Maßregel geleitet.

Einer solchen frechen Herausforderung gegenüber mußte
die Arbeiterschaft Berlins "Stellung nehmen und sie that cs
in inlpojanter Weise, indem sie am Freitag, den 18. Mal in
neun Volksversammlungen, welche alle überfüllt waren, so
daß der Zugang längst vor Beginn der Verhandlungen

156 und 157. Aufklärungsflugblatt über die Gründe, die zum

Bierboykott führten
        <pb n="342" />
        ﻿polizeilich tzisperrl werden Mllijte, den Boykott imrlprllch über
We nnchst-d-nd-n sieben Brauereien:

1. Schüühriß-Arimkm, AKt.-Sef., gKÜn (aaii Siasii.)

-2. grautrn J. |#|polM.

8, ßöhisllch!« fraiilioiis, gnm-ftf.ii. J&amp;L, }.$nUu^.
4 SküSrn gsrl «regst?, gerlia ©Mtr-grsaerti).

5. fStains•franerei gutes,
b. Spsnluui« KkrgHrMNki, nsm. 6. SSrtaM, gJrPtiii)
bei LhsrlsÜkiidmg.

7. Adiit«-8rsiIIsih»sI Sd]!og.Srnn«ti Sipite&amp;trj.

Arbeiter und Parteigenossen!

" Nachdem uns der Äamvf einmal aufgedrängt ist.
Vollen wie Venselb er, führen mit voller Kraft. Der
Llnternehmerfrechhett soll ein Denkzettel ertheilt weroen, der
ihr die Lust verleidet, die gesammle Arbeiterschaft in so -scham-
loser und frivoler Weise ohne jeden Anlaß zu provociren.

Die Arbeiterschaft und die mit uns kympathiesirenden
Kreise können nicht auf allen und jeden Biergenuß verzichten,
sie können aber auf das Bier der Herren RäsiSe.
Havvoldt und einiger ihrer Zannögevostcu. verzichten
Arbeiter, Parteigenossen! Bedenkt, was aus dem Spiele
steht. Der Brauerring hat den 5hamps provozirt, nicht um
deS Bottcherstreiks. nicht um her Feier des ersten Mai willens.
Dieser Vorgang mußte nur den Vorwand liefern für den
»enge geplanten Angriff gegen die dem Unlernchmerlhum
unbequeme Organisation der gesammten Brauern-Arbeiter.

Der Brauerring leugiiSl zwar, daß der Angriff gegen
'dir Arbeiter von langer Hand vorbereitet war. und doch ist
di-S Thatsache. Theilt doch selbst daS offizielle Organ
deS deal sehe» BrauerbundcS. die .Allgemeine Brauer-
und Hopsen-Zeitung" in ihrer letzten Nummer folgenden
charakteristischen Vorgang mit:

.Einer der (dem Brcmespjng angehörenden) Direktoren
antwortete den Mitgliedern der Kommission, die wegen
ArbeitSentlassungeu vorstellig wurde, mir folgenden Worten:
Meine Herren, uns ist eS egal, was Sic in Folge der
Maßregelungen beginnen, wir sind auf einen Kamps mit
der Arbeiterschaft vorbereitet, wir lasten es vorauf
ankommen."

Dasselbe Unternehmerorgan konstakirt auch, daß die
^einzelnen Brauereien bereits vor dem lb. Mai eine Anzahl
Gewerkschaftsmitglieder entlasten haben"; und weiter plaudert
eL auch dir stille.Hoffnung der Herren vom Ring auS, indem
fcß schreibt: .Die Mehrzahl der Arbeiter ist gar nicht geneigt,
den Streik gut zu heißen. Dieö beweist die Haltung der
Gewerkschoftskommission."

Und dieser Unternehmerring, besten eigenes Organ schreibt,
das; er vorbereitet sei,, es auf den Kampf ankommen zu
lasten, hat den Muth, in seinen an dab Publikum gerichteten
„Erklärungen" davon hu reden, daß er seine Maßnahmen
gegen die Arbeiter »nur ungern und tu der Nothwehr" er-
griffen habe.

Kann man sich eine schamlosere Heuchelei denken?

Der Unternehmer. Hochmuth hat 20 pCt. unschuldig,

! Arbeiter auf dir Straße geworfen und broüloS gemocht,
antworten wir darauf, indem wir doZ Bier der sieben unter
Boykott gestellten Brauereien meiden.

Wenn es gelingt —- und e3 wird gelingen, wir können
cs ja aushalten — auch nur einen dieser sieben mürbe zu
machen, so ist der Nirrg gesprengt and ver Sieg anscr.

Arbeiter, Parteigenossen! Nicht leichtfertig ist unserseits
der Kampf aufgenommen worden; unsere Vertreter suchten
denselben zu vermeiden, indem sie dir an die äußerste Grenze
der Nachgiebigkeit gingen, welche die Ehre der Arbeiter «rlaubte.

Wir konnten nachgiebig sein, weil wir unS stark fühlten,
jetzt, nachdem man uns zum Kampfe zwang, soll unsere Starke
dem Gegner fühlbar werden.

Den Unternehmerhochmulh gelüstet er danach, ein Exempel
zu statuiren. Gut. wir sind dabei, da e3 sein muß. Wir
wollen den Herren ein Tänzchen asssvielen, daß sie
an ihre Beschlüsse vom 8. und «5. Mai 1894 zeit«
lebend mit Schauern denke» fallen.

Arbeiter, Parteigenossen, besonders aber auch Ihr Freuen
j deS Proletariats, an Euch wenden wir un- mit der Auf-
forderung, den Kampf gegen den Protzeuhochmukh mit aller
Energie aufzunehmen. Bedenkt, daß man Hunderte von
Familienväter, Proletarier wie Ihr, und ArbeitSbrüder in
frechem Uebcrmulh auf die Straße geworfen hat. sie mit ihren
Familien dem Hunger und Elende preisgiebt, ohne daß diese
Ärmer, auch nur durch eine einzige Handlung Anlaß zu einer
so grausamen Maßregel gegeben haben.

Arbeiter, was dieses Mal den Branereiorbeiterv
geschah, kann das nächste Mal gegen Euch iziszenirt
werden. Gelänge es dieses Mal nicht, den frechen Angriff
abzuschlagen, so lassen sich die Folgen nicht absehen. Des-
halb alle Mann auf die Schanzen! Kein Opfer wird
von Erich verlangt, das Ihr nicht leicht zu bringen v-rmögr.

Wir verlangen, daß die schuldlos am Arbeit und
Brod gebrachten Arbeiter bedingungslos wieder iv
ihre alten Arbeitsstellen ausgenommen werden. Um
diese gewiß gerechte Forderung zu erzwingen, erwarten wir
von Euch nur. daß Ihr bis zu deren Erfüllung daü Bier
der sieben unter Boykott gestellten Brauereien meidet.

Arbeiter, helft Eueren Brüdern, indem Ihr die Lokale
mit bohkotlirlem Vier meidet.

Arbeltersravcn bringt kein Flaschen-Bier inil Ha«-.
daS aus einer boykottirten Brauerei stammt.

.Hoch die Solidarität der Arbeiter!

Nieder mit der Willkür des BrauerringS!

Die Boykott-Kommission.

3. Alle für die Boykott-Kommission bestimmten schriftlichen Mittheilungen sind an: I. Auer,

L richten. — Plakate mit der Aufschrift: Trinkt kein doykottirtcS Bier! sind zu beziehen
mmisüon: H. Gumpel. Berlin «0., Wein-Straße 31; Paul Hilpert, Rixvorf, kkarlsgarlen-S

. PS-

Straße 9, zu , .

Boykott.Kommission: v.	-......... =- ..	„ • - _ °	-

Berlin SO., Wränget-Straße 124; R. Millarg, Berlin NW., Lehrter Straße 22.

Diese Plakate werden nur abgeben gegen den Nachweis, daß kein Ringbier ausgeschenkt wird. Dem Brauerring gehören an:

Berlin SW., Katzbech.
durch die Mitglieder der
Straß, l; H. Mattulai.

vorm. Patzenhoser, Berlin.

Mtien-Brauerei,

Aklten-Brauerci-
Aktien-Brauerei-—.

Attien-Gesellschaft Schloßbrauerei Schöneberg, Schöneberg.

&amp;. Bauer, Werder a. H.

Bergschtob-Brauerei. Aktien-Gesellschast, Berlin.

Berliner Bockbrauerei.Aktien-Gesellschaft, Berlin.

Berliner Kronen-Braucrei-Aktien-Gesellschaft, Berlin.

Berliner Unions-Brauerei. Berlin.

Böhmisches Brauhaus, Komm.-Ges. a. Akt, «.Knoblauch. Berlin.
Brauerei Oswald Berliner, Berlin.

Brauerei Julius Bötzow. Berlin.

Brauerei Borussia, Att.-Gesellsch., Niederschönw-ide b. Johannisthal.
'Brauerei Carlsberg. Friedrich Reichmkron. Charlotleuburg.
Brauerei Gambrinus. Aktien-Gesellschast. Charlottenburg.

Brauerei Karl Gregory (Adler-Brauerei), Berlin.

Brauerei F. Happoldt, Berlin.

Brauerei Königsladt. Aklien-Gesellschasl. Berlin.

Brauerei Psesterberg. vorm. Schneider &amp; Hillia. Berlin.

Brauerei A. Werm. Berlin.	^

Bürgerliche Brauerei. Berlin.

Bürgerliches Brauhaus. Otto Müller. Berlin.

C. Habei's Brauerei. Berlin.

"F. W. Hoffinann. Werder a. H.

Gebrüder Joiry, Berlin.

Norddeutscve Brauerei. Aktien.Gesellschaft. Berlin.

Rädeberger Export-Bierbrauerei. Pichelsdorf bei Svandau.
Schultheiß' Brauerei, Aktien - Gesellschaft. Berlin (und Tivoli)
Spandauerberg-Branerci vormals C. Bechmann. W-llend bei
Dereiadbranerei Rixdorf.	sThartottenburg.

BersuchS und Lehrbrauerei. Berlin.

Vicloria-Drauerei. Akllen-Gescllscdaft, Berlin.

Brauerei Wilhelmshöde, E. Lehmann. Berlin.

Germania-Brauerei, David &amp; Marlin, Berlin.



«*flUÄue"n SSlfclÄ?nti*at,,n' **ttl annonct tm	«a«»,mUrr,ch,tp erNLn. da,

^verantwortlich für Redaktion und Verlag: H. Mattutat, Berlin 80., Wrangek-Str. 124. — Druck von Max Bading, Berlin SW.

156 und 157. Aufklärungsflugblatt über die Gründe, die zum

Bierboykott führten
        <pb n="343" />
        ﻿329

mächtiges Vorgehen von der Berliner Kommission abwies, und, ohne den
Brauherren schwächliche Zugeständnisse zu machen, dieselben doch, falls es
zum Kriege kam, von vornherein ins Anrecht sehte. And beides erfüllte sie
mit wahrhaft meisterhaftem Geschick. Sie verbindet Festigkeit und Würde
mit kluger Amsicht. Li er ihr Wortlaut, der im „Vorwärts" vom 10. Mai
1894 an hervorragender Stelle mit erklärender Einleitung veröffentlicht wurde:

An den Verein der Brauereien Berlins und der Amgegend,
zu Länden des Vorsitzenden, Lerrn Brauereibesitzer Max Lappoldt.

„Antwortlich des Schreibens der vereinigten Brauereien Berlins
und Amgegend vom 8. d. M. erlauben wir uns, Ihnen folgendes mit-
zuteilen :

Die Berliner Gewerkschaftskommission steht dem Beschlusse der
Volksversammlung vom 6. Mai in Rixdorf. betreffend den Boykott
der Vereinsbrauerei, vollständig unbeteiligt gegenüber. Dieser Beschluß
ist ohne unser Zutun gefaßt worden. Wir haben bisher weder Anlaß
gehabt, uns zustimmend zu demselben zu äußern, noch sind wir in der
Lage, wie es in der Zuschrift der vereinigten Brauereien von uns ver-
langt wird, denselben rückgängig zu machen.

Die Berliner Gewerkschaften, welche zu vertreten wir die Ehre
haben, haben bisher weder einen solchen oder ähnlichen Beschluß ge-
faßt, noch ist die Absicht laut geworden, unsererseits in gleicher Weise
vorzugehen.

Wir haben den Ausschluß der Böttcher seitens einzelner Brauereien
als eine interne Angelegenheit der Beteiligten betrachtet und behandelt,
bei der allerdings unsere Sympathien wie wohl die Sympathien der
gesamten Arbeiterschaft auf seiten der gemaßregelten Arbeiter stehen.
Ein Vorschlag aber, weiter zu gehen, und speziell der, einen Boykott
gegen eine der beteiligten Brauereien zu erklären, ist weder von uns
noch von irgendeiner anderen Organisation der Berliner Arbeiterschaft
bis jetzt in Erwägung gezogen worden.

Indem wir unter solchen Amständen das Verlangen der vereinigten
Brauereien, den Rixdorser Boykottbeschluß rückgängig zu machen, ab-
lehnen müssen, da uns zu einem solchen Vorgehen sowohl die Legitimation
wie auch die Möglichkeit des Erfolges fehlt, wollen wir nicht verfehlen,
unserem Bedauern darüber Ausdruck zu geben, daß seitens der ver-
einigten Brauereiunternehmer, ohne sich vorher die Mühe zu machen,
sich genügend zu informieren, ganz unbeteiligte Arbeiter gemaßregelt
worden sind und noch weitere Kreise derselben mit Maßregelung be-
droht werden.

Indem wir uns der Äoffnung hingeben, daß nach vorstehender Klar-
stellung unsererseits die vereinigten Brauereien von ihrer Absicht, die
Zahl der Gemaßregelten zu vermehren, abstehen werden, fügen wir
noch den Wunsch bei, daß auch die Differenz mit den Böttchern recht
bald zu beiderseitiger Befriedigung beigelegt werden möge.

Sollte aber wider Erwarten und gegen unseren Willen seitens der
vereinigten Brauereien der in der Zuschrift vom 8. Mai angedrohte
Angriff auf die gesamte Arbeiterschaft Berlins inszeniert werden, so
sehen wir dieser Eventualität mit voller Seelenruhe und in dem Bewußtsein
entgegen, daß einer solchen Provokation gegenüber — an deren Möglich,
keil wir aber nicht glauben wollen — die Arbeiterschaft Berlins ihre
oft bewährte Solidarität aufs neue und in glänzender Weise betätigen
würde.
        <pb n="344" />
        ﻿330

In dem Bewußtsein, unsererseits nichts getan zu haben, einen über-
flüssigen und in seinen Folgen unabsehbaren Streit heraufzubeschwören,
zeichnet	achtungsvoll

Der geschästsführende Ausschuß der Berliner Gewerkschaftskommission.

I. V.: Lermann Faber, L., Rosenstr. 28 v. I."

In einer kurzen Zusahnotiz gab die Redaktion des „Vorwärts" noch
bekannt, daß die Antwort im Einverständnisse mit „einer Anzahl einfluß-
reicher und an leitender Stelle sich befindender Genossen der sechs Berliner
Wahlkreise" erfolgt sei und sagt weiter:

„Wir wissen auch, daß die Mehrzahl der organisierten Genossen
Berlins keineswegs die Neigung hat, bei eventuellen Differenzen zwischen
den Anternehmern und den Arbeitern im Brauereigewerbe stets mit
dem Mittel des Boykotts zugunsten der Arbeiter einzugreifen. Wenn
aber die Äerren Brauereibesitzer, wie es fast den Anschein hat, ein
solches Eingreifen erzwingen wollen, dann teilen wir allerdings auch
die Meinung der Gewerkschaftskommission, daß in diesem Falle „die
Arbeiterschaft Berlins ihre oft bewährte Solidarität aufs Neue und
zwar in glänzender Weise betätigen würde".

Das war für die Brauereiherren zugleich eine Warnung und eine
Brücke zur Amkehr. So deutlich wie nur möglich war ihnen zu verstehen
gegeben, daß sie den Frieden haben konnten, wenn sie ihn haben wollten,
und deutlich war ihnen auch der Weg angezeigt, der zum Frieden führte.
Da die Vereinsbrauerei ihren Lauptabsatz nicht in Rixdorf, sondern in
Berlin hatte, war selbst der in Rixdorf über sie verhängte Boykott nicht
durchzuführen, sobald die Berliner Gewerkschaftskommission, vor die die
Frage seiner Ausdehnung auf Berlin gebracht werden mußte, ihn nicht zu
dem ihrigen machte.

Aber die Brauereien wollten den Krieg. Sie wollten den Arbeitern,
die ihnen zu üppig geworden waren, einmal den Lerrn zeigen. Die Vor-
kommnisse, mit deren Vorführung ihre literarischen Parteigänger später in
der Presse und in Abhandlungen ihr Verhalten zu rechtfertigen suchten,
ändern an dieser Tatsache nichts. Denn selbst angenommen, daß alles,
was unter anderem in der auf Veranlassung des Brauerrings abgefaßten
Schrift von Emil Struve: „Der Berliner Bierboykott von 1894" in
bezug auf ungehöriges Verhalten der Arbeiter und einiger Vertreter der
Organisationen erzählt wird, den Tatsachen entspricht, so liefern die da-
maligen Geschäftsberichte der Brauereien doch den Beweis, daß deren
Betrieb unter jenen Dingen unmöglich nennenswert gelitten haben konnte.
Es war die profitable Weiterführung keiner Brauerei durch sie bedroht,
keiner einzigen saß das Messer an der Kehle. Sie konnten, was wirkliche
Angehörigkeiten waren, durch verständiges Verhandeln mit den Arbeitern
aus der Welt schaffen.

Statt aber die noch ausstehenden sechs Tage zu solcher Verständigung
mit den ihnen wohlbekannten Vertrauensmännern der Arbeiterschaft Berlins
auszunutzen, erwirkten die Brauereidircktoren sich von ihren Aufsichtsrätcn
im voraus Genehmigung der etwa nötig werdenden Kampfmaßregeln. Dann
hielten sie am 15. Mai noch einmal Rat, fixierten die Zahl der zu entlassenden
Arbeiter auf mindestens zehn pro Betrieb, und am 16. Mai erhielten über
400 Brauereiarbeiter mit der Erklärung ihre Entlassung, daß sie nicht eher
        <pb n="345" />
        ﻿- 331

M, _ _

Legitimation.

Der Inhaber dieses ist beauftragt,

die Controlle in Betreff des Boykott«
Bieres auszuführen.

IV. WahlkrÄOst).

Die Boykott-Kommission.

%

158. Legitimationskarte eines Kontrolleurs

wieder indenRingbrauereien
Stellung finden würden, bis
nicht durch Beschluß des
Vereins derBrauereien eine
andere Situation geschaffen
worden sei. Tatsächlich war
aber die Zahl der Ausge-
sperrten größer. Schon in
den Tagen vor dem 16.Mai
waren Arbeiter entlassen
worden, die sich geweigert
hatten, an den streikenden
Böttchern durchVerrichtung
von deren Arbeit zu Streik-
brechern zu werden. Eine

Zusammenstellung, die der „Vorwärts" am 17. Juni 1894 veröffentlichte,
zählt denn auch 455 Gemaßregelte auf. And nach dieser Zusammenstellung
ivaren 63 Proz. der Gemaßregelten, nämlich 288, verheiratet und hatten zu-
sammen 422 Kinder zu ernähren. Mehr als der vierte Teil von ihnen,
nämlich 123, waren über 3 Jahre, 45 oder mehr als 10 Proz. über 5 Jahre
in ihrer Stellung tätig gewesen.

Diese Massenentlassung rief, wie leicht begreiflich, die größte Erregung
in den Kreisen der Arbeiter Berlins und ihrer Vertreter hervor. Das
allgemeine Empfinden war, daß hier eine Gewalthandlung vorliege, welche die
Arbeiterschaft Berlins nicht ruhig hingehen lassen dürfe, daß diese unbedingt
die Sache der Ausgesperrten zu ihrer eigenen machen müsse. Leute, die, wie
I. Auer, davor warnten, bei der Wahl der nächsten Schritte die Macht-
mittel der Gegner zu unterschätzen, wurden als übervorsichtige Schwarz-
seher betrachtet, von denen man sich nicht beeinflussen lassen dürfe. Jetzt
habe das Perz zu entscheiden und nicht der kühl berechnende Verstand.
Der Amstand, daß ein paar kleinere Brauereien, die ängstlich geworden
ivaren, schnell noch aus dem Ring austraten, sowie die demonstrative
Stellungnahme der schon etwas größeren Brauerei „Münchener Brauhaus"
gegen ihn ließen es nicht als unmöglich erscheinen, einen Keil in den Ring
zu treiben, und ihn so nach der alten Taktik des „Teile und herrsche" zu
besiegen. Wußte man doch auch, wie verhaßt die Großen des Brauerrings,
insbesondere die Schultheißbrauerei, sich bei den Brauereien der Provinz
durch die Gründung von Zweigstellen in allen Provinzorten von einiger
Bedeutung gemacht hatten. Wer über die inneren Verhältnisse der
Brauereiindustrie und die Leistungsfähigkeit der in Frage kommenden
Brauereien nicht sehr genau unterrichtet war, der konnte allerdings auf
Grund der Stimmen der den Krieg begrüßenden Konkurrenten des Ringes
zu der Ansicht kommen, daß dessen Sprengung keine allzu schwere Sache
sein könne. And auf dieses Ziel ward zunächst seine Bekämpfung gerichtet.

Einen Tag nach dem provozierenden Gewaltakt der Brauereien, am
17. Mai, brachte der „Vorwärts" an der Spitze einen „Arbeiter! Partei-
genossen!" überschriebenen, fast in jedem Satz tiefe Entrüstung über die
brutale Massenmaßregelung zum Ausdruck bringenden geharnischten Aufruf.
Zn leidenschaftlichen Worten ward die Aussperrung von über 400 un-



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        ﻿332

schuldigen Arbeitern als eine unerhörte Provokation der Berliner Arbeiter-
schaft bezeichnet, mit der der Bierring andere Zwecke verfolge, als er vor-
gebe. Der Ring habe die Stirn, sich auf Notwehr zu berufen. Aber
„war es Notwehr, daß gerade die ältesten Arbeiter entlassen wurden, die
zehn und mehr Jahre in einem Brauereibetriebe gegen elenden Lohn ihre
Gesundheit geopfert haben, um die in der deutschen Industrie einzig da-
stehenden Dividenden der Roesicke und Konsorten zu verdienen?" Bloß
aus Übermut, bloß aus Laß gegen die Organisationen seien 400 bis
500 Arbeiter außer Arbeit und Verdienst gesetzt. „Keiner von ihnen hat
am 1. Mai gefeiert, keiner durch irgendeine Forderung Anlaß zur Ent-
lassung gegeben. Nur kapitalistischer Übermut und frivole Brutalität
der Brauereiprotzen verlangte diese Opferung! Gegen 500 Brauereiarbeiter
und 300 Böttcher, 800 fleißige Männer, darunter sehr viele Familienväter,
liegen auf der Straße." Wie haben wir, wird gefragt, diese unerhörte
Provokation zu beantworten? And die Antwort lautet: „Ünzweifelhaft mit
der Waffe, die die Brauercibesitzer am schwersten trifft, mit dem Boykott."

Es könne bloß die Frage sein, wird weiter ausgeführt, ob der Boykott
ein allgemeiner sein solle oder ob es besser sei, ihn auf eine bestimmte
Anzahl Brauereien zu beschränken. And da ein allgemeiner Boykott die
Brauereien wohl schädigen, aber bei dem in den heißen Monaten steigenden
Bierbedarf nicht zum Nachgeben zwingen werde, empfehle es sich, von ihm
abzusehen und die ganze Wucht des Angriffs auf eine Anzahl Brauereien
zu richten. Boykottiertes Bier werde um so leichter entbehrt werden, wenn
anderes zur Verfügung stehe. „Ein allgemeiner Boykott würde den Bier-
ring stärken, ein partieller sprengt ihn."

Es werden nun folgende Brauereien aufgezählt, von deren Bier
fortan kein Tropfen getrunken werden solle: Schultheiß' Brauerei, Brauerei
F. Lappoldt, Böhmisches Brauhaus, Adlerbrauerei (K. Gregory), Vereins-
brauerei Rixdorf, Schönebcrger Schloßbrauerei und die Spandauer Berg-
brauerei. Überall, in Laus und Werkstatt, im geselligen Verkehr und auf
Ausflügen sollten die Arbeiter für die strenge Durchführung des Boykotts
sorgen. Nur so würden sie die Solidarität mit den durch den Anternehmer-
hochmut brotlos gewordenen Arbeitern bekräftigen, ihrer Ehrenpflicht gegen
die Partei nachkommen. Die Welt müsse wissen, „daß die Einigkeit der
Arbeiter stärker ist, als der festeste Ring hochmütiger Kapitalisten. Loch
die Solidarität der Arbeiter! Nieder mit dem Bierring!"

So schließt der Aufruf. Er macht dann bekannt, daß mit der Durch-
führung des Boykotts bis auf weiteres I. Auer, R. Millarg,
L. Mattutat, L. Gumpel und Paul Lilpert beauftragt seien, und
daß am folgenden Abend, Freitag, den 18. Mai, neun öffentliche Ver-
sammlungen zur Besprechung dieser Angelegenheit in den verschiedenen
Stadtteilen Berlins stattsinden würden. 57 der bekanntesteit Vertreter der
Partei und der Gewerkschaftsbewegung Berlins stehen als Anterzeichner
unter ihm. Lier die Namen:

I. Auer. R. Augustin. I. Bamberger. A. Bebel. K. Berger.
N. Beyer. W. Börner. L. Bolze. G. Bosse. L. Dornbusch. Karl
Dost. L. Faber. Nich. Fischer. B. Franke. St. Fritz. I. Gandorfer.
W. Gesche. C. Gruschke. L. Gumpel. R. Lalfter. K. Lergt.
K. Lelbig. P. Lilpert. F. Loch. E. Jost. F. Kitzing. L. Knüpfer.
        <pb n="347" />
        ﻿An die Einwohnerschaft
von Berlin nnd Umgegend!

Der Verein der Brauereien Lerllns und -er Amgegen- sieht sich veranlaßt, gegenüber der
Entstellung der Thatsachen, wie sie im „vorwärts", dem Centralorgan^er -sozialdemokratischen Partei, in Bezug
auf den Berliner Bierboycott fortgesetzt geübt wird, Nachstehendes zur Rlarstellung und Würdigung der Ver-
hältnisse zu veröffentlichen.

Cs sei vorausgeschickt, daß wir eS nach wie vor unter unserer Würde halten, den im ..Vorwärts" und in sozialdemokratischen
Versammlungen tagtäglich gegen unseren Verein und gegen einzelne Mitglieder desselben gerichteten Schmähungen und Beschimpfungen
niedrigster Art irgend welche Beachtung zu schenken. Ebenso verzichten wir darauf, die vielen von gegnerischer Seite verbreiteten
Unwahrheiten richtigzustellen. Dies würde auch dem von den Führetn der Doycottbewegung irregeleiteten Theile der Berliner
Arbeiterschaft gegenüber erfolglos, den bürgerlichen Kreisen und denjenigen Arbeitern gegenüber, welche sich ein selbstständiges Urtheil
bewahrt Haber:, überflüssig sein.

Tag-ger» halten wir -s für unsere Pflicht, dem Bestreben der sozialdemokratischen Partei, welches
darauf hinausläuft, die Entstehung und damit den Kernpunkt deö Streites zu verdunkeln und die Folgen
deflelben der» vereinigten Brauereien zur Last zu legen, durch den Hinweis au» folgende Thatsachen nach,
vrücklichst entgegenzutreten r

1.	Wie von keiner Seite bestritten wird. warendieBöttchergesellenlnauSdrücklich/emWiderspr u'ch
mit dem ihnen auf threAnfrage ertheilten Bescheide am I. Mai von derArbeil fortgeblieben
und deswegen für drei weitere Werktage von derselben auSgeschlosten worden. Hieraus verweigerten sie die Wiederaufnahme
der Arbeit, bevor nicht die von ihnen inzwischen beschlossenen neuen Arbeitsbedingungen bewilligt seien.
Diese bestanden nicht nur in einer Erhöhung des MininiallohneS von 27 auf 30 Mk. per Woche und in einer Verwinde,
rung der Arbeitszeit von 9Vs auf 9 Stunden per Tag. sonder» auch in der endgiltigen Anerkennung deS
t. Mai als Feiertag.

ES ist demnäch als eine bewirbt« Unwahrheit zu bezeichnen, wenn von der gegnerischen Seite immer wieder von
einer „Aussperrung" derBöttchergesellen gesprochen wird.

2.	Der von den vereinigten Branereien gefaßte Beschluß, ihren Betrieb einzuschränken m»d dementsprechend einen Thei!
ihrer Arbeiter zu entlasten, ist nicht die Ursache, sondem die Folge deS über die DereinSbrauerei zu Nixdorf verhängten
Boycotts gewesen. Dieser BoycoU ist in der Volksversammlung zu Rixdorf am 6. Mai d. I. ausdrücklich zu dein Zweck
beschlossen worden, die VereinSbrauerei, mit der sich die übrigen Brauereien wegen ihrer Zugehörigkeit zum Verein ver Brauereien
Berlins und der Umgegend solidarisch betrachten mußten, zur Anerkennung der Forderungen derBöttchergesellen
zu zwingen. Demgemäß sollte auch die Entlassung sich in erster Reihe auf diejenigen Arbeitnehmer erstrecken,
.welche sich an den Bestrebungen, durch Boycottirung einzelner Brauereien Zugeständnisse in Sachen des Böttcherstreiks zu
erzwingen", betheiligt hatten.

Es widerspricht somit den thatsächlichen Verhältnissen, wenn den vereinigten Brauereien vor.
geworfen wird, das» sie cS gewesen sind, welche den Streit mit den Döttchergesellen ans die übrige
Arbeiterschaft übertragen haben.

3.	Die von den vereinigten Brauereien zum 16. Mai angekündigte Entlassung von 20 Prozent ihrer
Arbeiter sollte nur für den Fall zur Ausführung gelangen, daß der über die Vereinsbrauerei zu
Rixdorf verhängte Boycott bis zum 15. Mat nicht zurülkgeno»»»n»en fei. Diese Zurücknahme ist nicht
erfolgt, und zwar weil ein dahingehender Ei,»stütz auf die Urheber deS BoheottS von Seiten der
Führer der Arbeiterschaft nicht nnr nicht versucht, so»»dern ausdrücklich abgelehnt worden ist.

4.	Nachdem die vereinigten Brauereien die beschlossenen Maßnahmen zur Ausführung gebracht hatten-erschien am 17. Mai
tm «Vorwärts" der bekannte von den Führernder sozialdemokratischen Parte» unterzeichnete- Aufruf,.in
welchem zur Boycottirung von 6 weiteren Brauereien aufgefordert und die Entlassung der Arbeiter
als ein von «kapitalistischem U.bermuth und frivoler Brutalität" eingegebener Angriff auf die
Organlsatron der Brauereiarbeiter bezeichnet wurde. Diese Behauptung, welche seitdem die alleinige
Begründung für das Vorgehen der gegnerischen Partei bildet, ist gleichfalls unwahr, indem die
betreffenden Matznahmen der vereinigten Brauereien lediglich zmn Schutzs ihrer bedrohten Existenz
getroffen wurden.

5.	Noch bevor in den zu diesem Zweck am Freitag, den 18. Mai. einberufenen neun Volksversammlungen der
Boycott über sieben hiesige Brauereien beschlossen war. hatten die vereinigten Brauereien in einer öffentlichen
Kundgebung erklärt, vatz ihnen vle dauernde Aussperrung der enllaffenen Arbeiter fern läge, sie
vielmehr bereit seien, dieselben — soweit e- der derzeitige Betrieb gestatte — wiedereinzustellen, wenn
bis zun» 34. Mai der Boycott über die dem Doreine angehörigsn Brauereien zurückgenonrmei» fei.

Da auch dieses Anerbieten von den «Führern dev sozialdemokratischen Partei in ihrer Presse
«ttd in ihren Versammlungen mit Hohn zurückgewiesen oder geflissentlich ihren Anhängern verschwiegen
worden war, hat die sozialdemokratische Partei dis alleinige Verantwortung für die von ihr
vrKagte Schädigung der entlassenen Arbeiter auf sich geladen r

159 und 160. Abwehrflugblatt der boykottierten Ringbrauereien
        <pb n="348" />
        ﻿.6. ,Sn tun t&gt;otjti&gt;o$Sea neun Bersammlnngtu hat die sozialdemokratische Pnriei die Äushidung der Boycotts nicht nur
von der^Wiedereinstiüung der gemastrrgeltm Arbeiter in ihre allen Posten", sondem auch von der Annahme fotzender weiteren'
Forderungen abhängig bemacht: l. Susrechterhaltun, und Anerkennung der bestehenden Branereiardejter»
Organisationen; L Anerkennung der Arbeitsnachweises; S. LohnentschSdignng für die anrgisperrten
ienb gemaßregellen Arbeiter; 4. Anerkenn»»» «end Freigabe de« t. Mae al« Ruhetag.

Diese Forderungen, weiche in dem in Hundertlansenden don Errmplaren verbreiteten Flugblatt kein« Erwähnung
gefunden haben, beweisen, daß die gegnerische Partei ga»i andere Zweite »erfolgt als die bi-he Wiederrinstestang der
entlassenen Ardetter.

7. ES ist semer unwahr, wem, im .BorwüriS" und in Aibeiterversammlungen behauhtet wird, bas, »er Dere!»
»er Brauereien Berlin» ein» »er Umgegend tu diesem ihn, aufgedrängten Kampfe die Nnterftntznns
anderer gewerblicher Kreise nachgesucht oder veranlaht hat. Wenn die Bertreler der Jndnstrie'und
des GastnzirlhSgrwrrbeS in ihrer überwiegenden Mehrheit für die vereinigte» Brauereien Partei
genommen haben, !° begrühen wir dies mit Genugthuung, stellen oder zugleich ausdrücklich lest, daß
diese Parteinahme a„S eigenem Antriebe in der Ueberjeugung erfolgt ist, daß ein Mrstoß, wie ihn
die soziatdemolralische Partei mit diesem Kampfe unternommen hat, in seinen Folgen nicht nur die
Interesse» einer einzelnen Industriezweige», sonvern die Jnlcresien de» gelammte» deutschen Erwerbs-
lebens z» schädigen geeignet ist,

S, Ebenso »»wahr ift die wiederhol« verbreitete Nachricht, »ah die vereinigten Brauereien »!e
Hilfe »er Staattaiiwaltschast oder der sonstige» zuständigen Behörden gegen die Arbetterichast in
Anspruch genommen oder nachgesucht habe». Wir sind vielmehr überzeugt, »ah »teser Kamps ,U
einem ge»eihlichen Ende nur »aun geführt werden kann, wenn auch ohne »en Eingriff »er Staats-
gewalt »er fozialdemokrattschen Bartel bewiesen wird, dah sie gegenüber »er Stnigkett unsere« Gewerbe»
anher Stande ist, „»« ihre Bedliigungen vorzuschreiben.

9, Endlich ist eS Unwahr, wenn Von gegnerischer Leite behauptet wir», »atz »ie fernere Aufrecht-
erhaltung de» Boheott» die Mitglieder der Brauereien Berlin» NU» »er r&gt;»,gegen» in ihrer oiu-
müthige« «telluugnahme ,u erschüttern Vermag. Allndingi ist -S richtig, dah, abgesehen von einigen wegen ihrer
geringen ProdnllionSsühigleit nicht in Betracht kommenden Betrieben, eine hiesige und zwei in Eharlollenburg
belegen« Lagerbierbrauereien sich nnS nicht angeschlassen haben, vielmehr ans dem nnS ansgedrSngten
Kampfe Ratzen zu ziehen suchen. ES ist seiner richtig, dah eine vierte Broneret. welche erst vor Inrzem in den Verein
eingetreten wor. zu gleichem Zwecke wieder ausgeschieden ist. Wie lSnnen uns einer Kritil über das Gebühren
dieser Branerrirn »m so mehr rnlholtrn, olS die össedttiche Meinung ihr Urtheil darüber bereits ge-
sprochen hol. Diese Thatsachen, wett enlseru«, den Berel» I» seiner Solidarität »» gefährden, habe»
vielmehr »azu gckührf, »Ie Mitglieder vessrlben »Iirch »enerbtng« getroffene Bereiubarungen «nr
»och NI» so sefter aneinander zu schliehen,

wir erklären hiernach nochmals, daß der von uns geführte Äampf einzig und allein gegen Diejenigen
gerichtet ist, welche durch Boyeottieung von Milgliedern unseres Vereins deren Existenz zu gefährden suchen,
wir haben von Anfang an nicht mehr und nicht weniger al» die Zurücknahme des Loxcotts erstrebt. Das
wgxmnd das bleibt unser Ziel!

Von der sozialdemokratischen Partei hängt es auch fernerhin ad, wir lange zahlreiche Gewerdetretbende
Und Arbeiter Pen Wirkungen des Boycotts ausgesetzt werden sollen.

So sehr wir tm Interesse dieser Breise eine Beilegung des Streites wünschen, so sind wir uns doch der
Bedeutung des Bampfes Nicht nur in unserem, sondern auch im Interesse der gesummten Industrie Deutschlands
vollauf, bewußt und hoffen auch fernerhin der Zustimmung aller Unpartriischen Breis« sicher zu sein, wenn wir
bet der sin yorstehenden dargelegten Stellungnahme verhairenl

Berlin, im Jmii 1894.

Der Verein der Brauereien Berlins und der Umgegend.

Ahtrenürnnerei ckriedrichshain, — Aktien-« rauere,.Gesellschaft ckrirdrichphöhe, vorm, padenhofer.Aktien-
Lrancrri-Grsrllschast -älontiit. - Ästtirn-Brsrllschast Schloßbrauerri Schönrdrrg. - Lergschlosj-Lraiierei, Aktien-
Drsfllfchast. --- «erlinrr Lockbraiirrei, Aklien-Brsrstschaft. - «erlinrr Lronrn-Lranrrri, Aktien-Gesellschast. -
Zerlinsr «»ions-«rauerei. - «ohmisches Lranhaitp, Somm.-Befellschast ans Aktie», A. Lnodlauch, - firmttwi
Berlin«. - «ranrrri 3»Iin,«öhow. - LranereiLortissm, Aktirn-tkrsrUschast. - Lraurrei Bamdrinnp.
AktieslrBrscUschast. — «ranrrri tßrrmania, Dnvid Sc ülarsjn. — «ranrrri fintl Grrgorq, — Lraurrei ck. chappolds.

ranrrri königftadt, Aklirn-tßesellschasl. — «rauerri pfrffrrkrrg, vorm, Schneider &amp; tzillig. — «ranrrri
Erhuirizergarlr», T. Schneider. — Lranrrri Siralan, «r, W. ckrentzel, — «ranrrri A. Wenn. — «ärgerliche
«rätifNi. — «üfgerlichrA «rauhaux, Vtto Mnltrr, — T. Habrl'g «raircrei. — Gebrüder 3ostg, ^ Rorddenlsche
Lraurrei, Aktirii-GrsrUschasi, — Radeberger Ezporthirrdraurrei. — Schultheiß «ranrrri Aktirii-Nrsrstschast. -~
Spaltdaiirrberg-Lranrrri, vprnr. T, «rchmaun, — Lrrrinpb ranrrri, Rizdorf.	Versuchs-, und Lrhijirnneril. —

Aikioria-Lranerei Akliru-Brsellschast,

Druck von Kubols Moffe. Brrlln' WH

159 und 160. Abwehrflugblatt der boykottierten Ringbrauereien
        <pb n="349" />
        ﻿335

F. Kubat. Fr. Lehmann. K. Lenzner. W. Liebknecht. F. Lietzke
Sb. Mattutat. Th. Mehner. R. Millarg. I. Otto. L. Pakuscher.
M. Peger. W. Pfannkuch. I. Psarr. S&gt;. Pötzsch. N. Schermig.
R. Schmidt. B. Schneider. Jul. Schneider. C. Scholz. W. Schröder.
P. Singer. I. Timm. R. Tschentscher. F. Waschowsky. Rob. Wenzels.
Sb. Werner. W. Winkelmann. S&gt;. Wörner. L. Zaake. F. Zubeil.

Der Andrang zu den angekündigten Versammlungen war ein un-
geheurer, keines der Lokale konnte die Masse der Besucher fassen, die
Einlaß verlangten. And überall herrschte die gleiche Stimmung. Am
Morgen hatten die Zeitungen eine neue Erklärung der Ringbrauereien
gebracht, worin diese sich dagegen verwahrten, daß es sich bei ihnen um
einen von langer Land geführten Streich handle, sie seien im Gegenteil
durch das Vorgehen ihrer Arbeiter überrascht worden. Dies und daß sie
in Notwehr sich befänden, wird in längerer Auseinandersetzung nach-
zuweisen versucht und schließlich erklärt, die Brauereien hätten niemals
beabsichtigt, die entlassenen Arbeiter dauernd auszusperren, seien vielmehr
bereit, sie, soweit der derzeitige Betrieb es gestatte, am 24. Mai wieder-
einzustellen, wenn bis dahin der Boykott wieder aufgehoben sei. Die
Anterzeichner des Aufrufs hätten es also selbst in der Land, die von ihnen
beklagte Schädigung von 400—500 Arbeitern wieder rückgängig zu machen
oder die Verantwortung für die weiteren Folgen auf sich zu nehmen. Das
klang nun halb und halb wie ein Rückzug, konnte aber gerade deshalb
den schon die Gemüter beherrschenden Eindruck nicht mehr abschwächen.
Im Gegenteil. Man hörte aus ihm nur die Stimme des schlechten Ge-
wissens und — der Furcht heraus, so daß die Geister um so mehr auf
Kampf gestimmt wurden. In den Versammlungen referierten Auer, Bebel,
Lerm. Faber, Rich. Fischer, W. Pfannkuch, Rob. Schmidt, A. Täterow,
I. Timm und Fr. Zubeil, und jeder Satz in ihren Reden, der von Kamps
sprach, ward stürmisch bejubelt. Einstimmig und mit größter Begeisterung
wurde überall die vorher ausgearbeitete Resolution angenommen, laut der
die Versammelten den Vorschlag des im „Vorwärts" veröffentlichten Aufrufs
hinsichtlich des Boykotts und der Zusammensetzung der Boykotckommission
zum Beschluß erhoben, die Sache der ausgesperrten Brauereiarbeiter zu
der ihrigen machten, diese und die im Ausstand befindlichen Böttcher in
jeder Linsicht materiell und moralisch zu unterstützen sich verpflichteten und
ihnen im Kampf für ihre Forderungen kräftig beizustehen versprachen, die
so formuliert wurden:

1.	Wiedereinstellung der gemaßregelten Arbeiter in ihre alten Posten.

2.	Aufrechterhaltung und Anerkennung der bestehenden Brauereiarbeiter,
organisationen.

3.	Anerkennung des Arbeitsnachweises.

4.	Lohnentschädigung für die ausgesperrten und gemaßregelten Arbeiter.

5.	Anerkennung und Freigabe des 1. Mai als Ruhetag.

Der „Vorwärts" aber behandelte am 19. Mai in einem Leitartikel,
der überschrieben war „And da wollt' er wieder runter, und da konnt' er
aber nicht", die Ringbrauereien schon als die Lalbgeschlagenen. Die Anter-
zeichner des Auftufs und mit ihnen die gesamten Berliner Arbeiter, schrieb
er in Antlvort auf die Erklärung der Ringbrauereien, „müßten große Esel
sein, wenn sie die Brauereiprotzen, die gestern noch auf stolzen Rossen
        <pb n="350" />
        ﻿336

saßen, so leichten Kaufes davon kommen ließen. Nein, Lerr Roesicke, so
haben wir nicht gewettet." Die Berliner Arbeiterschaft habe den Land-
schuh, der ihr übermütig vor die Füße geschleudert worden sei, ausgenommen,
der Kampf sei im Gange, und „er wird, merken Sie sich das, Lerr Roesicke,
nicht eher zu Ende geführt sein, als bis Sie und Ihre Trabanten sich in
aller Form für besiegt erklären!" „Die Sozialdemokratie Berlins
nehme nur die eine Notiz aus der Annonce der Brauereien, daß die von
ihr gewählte Kriegführung eine gute und wirksame" sei und „sie kämpft dem-
entsprechend weiter".

Das letztere war nicht zu viel gesagt. Selten ist die organisierte
Arbeiterschaft Berlins mit größerer Leidenschaft und Energie in einen
Kampf gezogen, als es bei der Masse hier der Fall war. Die nun definitiv
konstituierte Boykvttkommission verfaßte ein überaus wirksam geschriebenes
Manifest „An die Einwohner Berlins und der Vororte", das am
23. Mai von den Parteigenossen in einer Auflage von 750 000 Exemplaren
und in einer zweiten Auflage am 30. Mai im Rest von Berlin und in
den Vororten verbreitet wurde. Es forderte die Arbeiter auf, die Lokale
mit boykottierten» Bier zu meiden, und die Arbeiterfrauen, kein Flaschen-
bier von boykottierten Brauereien ins Laus zu bringen. Plakate mit der
Aufforderung „Trinkt kein boykottiertes Bier" wurden in großer Zahl
angefertigt und an Gastwirte, Flaschenbierhändler usw. verteilt, die auf die
Arbeiterkundschaft rechneten, während die Lokalkommission für Berlin
und die Vororte die Kontrolle darüber organisierte, daß nicht unter falscher
Flagge doch boykottiertes Bier verschenkt oder verkauft werde. Eine
keineswegs angenehme und auch gar nicht so leicht durchzuführende
Aufgabe.

Denn die sieben boykottierten Brauereien umfaßten die größte und
einige der nächstgroßen, mit jener die kapitalkräftigsten Unternehmungen
der Brauindustrie Berlins. Sie produzierten allein die Lälfte des in
Berlin konsumierten untergärigen Bieres, und ihr Bier war auch sehr
beliebt. Wie schon bemerkt, hielten sie eine große Anzahl von Gast-
wirtschaften aller Art teils als eignen Besitz und teils durch Verträge und
Geldvorschüsse als Vertriebsorgane in der Land. Die eignen Ausschank-
lokale dieser Brauereien zu boykottieren war verhältnißmäßig leicht, wenn-
gleich auf die Dauer immerhin ziemliche Anbequemlichkeiten damit verbunden,
waren, denn es gehörten eine Anzahl der besten und größten Gartenlokale
dazu. Gegenüber den Gastwirten aber, die durch Verträge oder Schnld-
verhältnisse genötigt waren, Boykottbier zu führen, kamen zu den Bequem-
lichkeitsrücksichten auch Menschlichkeitsrücksichten hinzu, über die man sich
hinwegsetzen mußte, um den Boykott durchzuführen. Denn viele dieser
Gastwirte waren bedrängte Existenzen und ebenso auf die Nachsicht der
Brauereien wie auf die Arbeiterkundschaft angewiesen, so daß der Boykott
sie zwischen Scylla und Charybdis stellte.

In der ersten Zeit freilich sah es so aus, als ob das alles ohne große
Schwierigkeiten zu überwinden sein werde. Der Spätfrühling und der Sommer
waren naßkalt, die Kehlen infolgedessen weniger durstig als sonst, und die
Ermunterungen, die an auswärtige Brauereien ergingen, Bier nach Berlin
zu schicken, fanden vielfach willige Austrahme. Indes auch der Brauer-
        <pb n="351" />
        ﻿337

ring, der fester zusammenhielt, als man erwartet hatte, machte seinen Ein-
fluß nach außerhalb geltend, und gerade die großen Brauereien im Lande
ließen sich schließlich um so eher bewegen, mit den Berliner „Kollegen"
Solidarität zu halten, als viele von ihnen ebenfalls schon die Anannehm-
lichkeiten des Boykotts der Arbeiter zu verspüren bekommen hatten. Es
wurden sogar die Grundlinien eines nationalen „Schutzverbandes gegen
Boykottschäden" vereinbart, und dem Berliner Schuhkomitee Beiträge zur
Anterstützung der durch den Boykott besonders schwer betroffenen Brauereien
zugesichert. Die kleinen auswärtigen Brauereien wiederum hätten zwar zu-
nächst recht gern an den „großen Berlinern" Rache genommen, die ihnen so
fatale Konkurrenz machten, sie waren aber einfach nicht imstande, soviel Bier
auf den Markt zu bringen, als nötig war, um den Boykott für jene
tödlich zu machen. War doch die Mälzereiperiode für untergäriges Bier
mittlerweile zu Ende, und gemalzte Braugerste ließ sich nicht aus der Erde
stampfen. Die Großen hatten nicht nur die größten Mengen, sondern auch
meist die besten Qualitäten Gerste zur Verfügung.

Am nur ein Bild zu geben: Im Geschäftsjahr vom 1. Oktober 1892
bis zum 30. September 1893 hatte die Brauerei Schultheiß eine Produttion
von 436 809 Hektolitern, die Brauerei Münchener Brauhaus, die damals
alles aufbot, die Gunst der Arbeiter zu erwerben, aber eine solche von
67 644 Hektolitern Bier gehabt. Es war einfach eine technische Anmöglichkeit
für die letztere, ihre Produktion nun plötzlich so hoch zu schrauben, um einen
größeren Teil der Kundschaft von Schultheiß zu bedienen. Trotzdem sie von
der Arbeiterpresse sehr viel Förderung erfuhr, stieg denn auch ihre Produttion
im Boykottjahr um im ganzen noch nicht 30,000 Hektoliter — ein Tropfen
gegenüber der Produktion von Schultheiß!

Vielen Provinzbrauereicn wiederum, die sich anschickten, den Boykott
gegen die Ringbrauereien auszunutzen, wurde das Bürgertum am Ort mit
der Parole auf den Hals gehetzt, cs wäre unverantwortlich, in dieser Weise
die Geschäfte der Sozialdemokratie zu besorgen. Nicht bei allen verschlug das
Mittel. Die Boykottkommission konnte im „Vorwärts" eine Anzahl
Brauereien namhaft machen, die bereit waren, den Berliner Arbeitern
boykottfreies Bier zu liefern. Aber bei gar manchen davon konnte es heißen:
Der Geist war willig, aber das Bier nur schwach oder auch spottschlccht,
während in einer Reihe von Fällen der Appell an die bürgerliche Solidarität
doch Erfolg hatte.

Kurz, es war für einen großen Teil der Berliner Gastwirte äußerst
schwer, ohne Bier der Ringbauereien ihr Geschäft zu betreiben. Es kam
sogar vor, daß Inhaber von Arbcitcrwirtschaften Bier von Ringbrauereicn
weiter entnahmen, aber unter dem Titel von boykottfreiem Bier ausschenkten.
Selbstverständlich mußte, als dies ruchbar wurde, die Konttolle entsprechend
verschärft werden, was zu mancherlei bösen Zusammenstößen zwischen
Gastwirten und den Kontrolleuren der Arbeiterschaft führte, denen man von
der Gegenseite den Spitznamen „Bierschnüffler" anhängte.

Äberhaupt dehnte sich der Kampf der Arbeiterschaft mit den
Ringbrauereien bald zu einem solchen mit einem großen Teil der Berliner
Gastwirte aus. Rückhaltlos für die Arbeiter trat nur der „Verein zur
Wahrung der Interessen der Gastwirte Berlins und Amgebung" ein, der

Bernstein, Berliner Geschichte. III.	22
        <pb n="352" />
        ﻿338

gegen 2000 Mitglieder zählte und an dessen Spitze unter anderen Paul
Lilpert, einer der Führer der Brauergehilfen und Mitglied der Boykott-
kommission, sowie Fritz Zubeil standen, welch letzterer damals eine Wirtschaft
betrieb. Zum Zweck der Durchführung der Boykottierung der Ringbrauereien
hatte dieser Verein eine „ZwölferkomMission" ernannt, die sich namentlich
der Beschaffung von Ersahbier für das Boykottbier widmete. Entschieden
auf die Seite der Brauereien stellte sich dagegen der etwa 1300 Mitglieder
umfassende Verein der Berliner Gastwirte mit dem Gastwirt Lubertus
Jakobi an der Spitze, und etwas weniger schroff nahm auch ein an
2000 Mitglieder zählender Verein Berliner Weißbierwirte für die
Ringbrauereien Partei, während sich der etwa 1600 Mitglieder starke
„Verband der Gast- und Schankwirte Berlins" neutral stellte. Von dieser
letzteren Verbindung oder ihren Leitern, den Gastwirten Feuerstein und
Kuckenburg, gingen im Verlauf des Boykotts verschiedene Vermittlungs-
versuche aus.

Als eigene Gruppe nahmen ferner eine größere Zahl von Saalbesitzern
Berlins in dem Kampf Partei, und zwar gegen die Arbeiter. Ein Teil
davon handelte offenbar unter dem Druck der Ringbrauereien, andere lechzten
danach, Verpflichtungen los zu werden, zu denen sie sich der Arbeiterschaft
gegenüber aus Furcht vor dem Saalboykott hatten verstehen müssen. Jetzt
schien ihnen die Zeit gekommen, die Last abzuschütteln. Nachdem schon am
5. Juni eine Versammlung von etwa 170 Saalbesitzern sich darüber geeinigt
hatte, über die sozialistischen Vereine und Gewerkschaften Saalsperre
zu verhängen, wenn bis zum 15. Juni der Boykott nicht beendet sei, ward
der Beschluß an diesem Tage erneuert und die Bildung einesG arantiefonds
zur Unterstützung besonders geschädigter Kollegen beschlossen. Mehr als
300 Besitzer von Versammlungssälen aller Größen gehörten schließlich der
Verbindung an, der sich, nachdem am 5. Juli der erste Vermittlungsversuch
fehlgcschlagen war, auch die Ringbrauereien offiziell anschlossen und sich,
außer zu Geldbeiträgen, kontraktlich verpflichteten, während der Dauer des
Kampfes keinem Saalbesitzer Ringbier zu liefern, der fortfahren sollte, sein
Lokal zu Versammlungen oder Festen der am Boykott beteiligten
Verbindungen herzugeben.

Solcher Saalbesitzer gab es nun auch noch eine ansehnliche Zahl, so
daß schon am 20. Juni die Lokalkommission im „Vorwärts" eine Liste von
nicht weniger als 56 Versammlungssälen bekanntgeben konnte, die der
Arbeiterschaft nach wie vor zur Verfügung stünden, und ihre Zahl mehrte sich
später noch. Aber es war doch nur eine Minderzahl von großen Sälen
darunter, sodaß zeitweisederBedarfderArbeiterschaftnachVersammlungssälen
in der Tat nicht mehr hinreichend gedeckt war. Wohl konnten am 11. Juli
gleichzeitig 32 allgemeine Versammlungen und am 27. Juli ebenso
39 Gewerkschaftsversammlungen in Sachen des Boykotts stattfinden, indes
zeigten schon die für den Gesamtbesuch angegebenen Ziffern, daß die
Mehrheit der Versammlungen nur in Sälen von mäßigem Amfang hatten
tagen können.

Einer auf den 27. Juni vom Verband der Gast- und Schankwirte
Berlins einberufenen Einigungskonferenz waren die Ringbrauereien fern-
geblieben, weil sie von der Kommission des Verbandes, der die Verhandlungen
leiten sollte, Parteinahme für die Arbeiter befürchteten. Dagegen gingen sie
        <pb n="353" />
        ﻿An die werktlMige Bevölkerung Berlins!

Arbeiter! PchrLekgenoffen! Der Dierboykott

bauert fort. Die Verhandlungen wegen Beendigung des-
selben mußten abgebrochen werden, weil die Ningbrauercien
eine Bedingung stellten, deren Annahme mit der Ehre der
Arbeiterschaft unvereinbar ist. Trotzdem die Vertreter
des Brauerringes zugeben mußten, datz sie die Wirkung
Deß Boykotts bitter empfinden, hatten sie die Stirn, zu
fordern, daß der Friedensschluß ihrerseits davon abhängig
gemacht werde, dasi 33 Arbeiter auf alle Zeit auS den
Betrieben der Ningbrauer ausgeschlossen bleiben.

Arbeiter! Parteigenossen! Ihr wißt, daß am
16. Mai d. I., ohne jeden Anlaß seitens der betreffenden
Arbeiter. Hunderte aufs Pflaster geworfen wurden, durch
die Willkür der Brauereiprotzen mit ihren Familien an
den Rand des Elends gebracht werden sollten. Die
Solidarität der Arbeiter allein hat dafür gesorgt, daß
die Absicht der Ringbrüder zu Schanden wurde. Jetzt,
nach monatelangcr Aussperrung, nach monatelangen
Entbehrungen sollen breiunddrtitzig Arbeiter dauernd
dem Elend, für immer der Erisienzlofigkcit. dem
langsamen Zugrundegehen überliefert werden. —
dreittnddreitzig Mann. von denen nicht ein Einziger
Schuld nn dem Boykott trägt. — dreiunddreißig
Arbeiter von denen zwciundzwanzig vcrheirathct
sind, die zweiundvierzig Kinder zu ernähren haben.

An der. barbarischen Aussperrung so vieler braver,
unschuldiger Arbeiter am 16. Mai hatte der Braucrring
nicht genug. Seine ursprüngliche Absicht, mit jenem Schlage
vom 16. Mai die Arbeiterorganisationen zu vernichten,
tritt auch, bei seinem neuesten -Versuch, klar zu Tage.
WcS konnte den 33 Arbeitern nachgesagt werden —
welches Verbrechen hatten sie begangen? — Nichts!
— Sie waren sämmtlich organisirt und größtentheilS
jahrelang in den Brauereien thätig: eln großer Theil
von ihnen bekleidete in der Organisation ein Ver-
trauenSamt. und sie haben nichts gethan, als durch
die Organisation für die Interessen ihrer Arbeitö-
genossen einzutreten

Arbeiter! Parteigenossen! Wir wissen. daß wir
in Eurem Sinne gehandelt haben, als wir dem ungeheuer.

lichen Ansinnen des Brauerringes ein empörtes' kurzes
Nein entgegensetzten und die Verhandlungen abbrachen.
Die Arbeiter Berlins konnten und wollten einen ehrlichen
Frieden schließen; niemals aber werden wir rrnsereHarid
dazu bieten, niemals werden die klassenbewußten, in den
Gewerkschaften und der Sozialdemokratie organisirten
Arbeiter dulden, daß ein ehrloser Friede geschlossen
wird. Und ein ehrloser Friede wäre eS gewesen, wenn
wir auf die Bedingungen unserer Gegner eingegangen
wären.

Nun ist die Entscheidung getroffen. Von Neuem
treten wir in den Kampf ein. Der Boykott muß mit
verschärfter Energie fortgeführt werden. Die Parole:

Kein Tropfen Ringbier!

mich mit unwiderstehlicher Mach! zur AnLsührung ge-
langen.

Arbeit«»! Parteigenossen! Ihr habt scheu
oft in Zeiten dcr Noth und des Kampfes zusammen-
gestanden und gezeigt, waS Eure Solidarität vermag.

Die Millionen des Kapitalistenringes bleiben möcht,
los. wenn Ihr geschlossen zusammenhaltet.

An Euch ist cs. wieder einmal zu zeigen, war die
orgamsirte. sozialdemokratische Arbeiterschaft vermag. Kie
Arbcllcrschaft der ganzen Welt sicht aus Euch!
Beweist. Sah Ihr dcr Achtling Ser Klnsfcngenossen
würdig seid!

Jeder Einzelne von Euch muß seine ganz« Krast
answende» um den Boykott zur vollen Wirkung zu
bringen. Wir fordern Euch auf. mit verdoppelter Kraft
Haud ans Werk zu legen und die zur Organisation,
Ücbcrwachung und Tnrchführnng de» Boykott» er-
sorderlichei, Maßregeln energisch zu unterstützen.

Der Kamps ist uns ausgezwunge» worden. Die
Berliner Arbeilcrschast hat den Handschuh aufgeuomme«.
und sie wird den Kamps durchführen bis zum Ende!

Arbeiter! Euer Klassen«Interesse nicht blos.
Eure Klasse»,Ehre ist im Spiel. Do giebt c» leinen
andere» Gedanken als: Sieg!

vorwärts zum Sieg! Kein Hropfen Hiingöier! Koch der Boykott!

Die Boykott-Rommission.

R-dakUon und Vcrl-gc H. Mallulcu. 80. Wiongelslr. ILt. - Drug: Maurer L Dimmlck. Sv.. Llifabech-Uler 55.'

161.	Flugblatt der Boykott-Kommission. SituaLionsbericht

22*
        <pb n="354" />
        ﻿340

auf den Vorschlag des Vorsitzenden am Berliner Gewerbegericht, v. Schulz,
ein, vor diesem mit Vertretern der Arbeiterschaft zu verhandeln. Doch führt
diese Verhandlung, in der die Ringbrauereien durch ihre Vorsitzenden
M- Lappoldt und R. Roesicke, die Arbeiterschaft durch Balduin Franke
für die Gewerkschaftskommission, Paul Hilpert für die Brauer, und, da
Auer einen Arlaub angetreten hatte, durch Paul Singer für die politische
Bewegung vertreten waren, zu keiner Verständigung. Die Ringbrauereien
lehnten es nicht nur ab, den Arbeitsnachweis der Brauereiarbeiter
anzuerkennen, wie er nach der Aussperrung von den beteiligten Gewerkschaften
eingerichtet worden war, sie verweigerten auch die Wiederherstellung des
Nachweises in der Form, wie er vor der Boykotterklärung bestanden hatte.
Sonst bekämen ja, so erklärten sie, die Arbeiter alles zurück, was sie
vorher besessen hätten, die Brauereien aber keine Entschädigung für die ihnen
durch den Boykott zugefügten Verluste. Mit anderen Worten: die Arbeiter
sollten die Kriegsentschädigung zahlen. Darauf mochten und konnten die
Arbeitervertreter sich nicht einlassen, und nach ziemlich lebhaften Auseinander-
setzungen darüber, wer den Krieg angefangen habe, ging man unverrichteter
Sache auseinander.

Der Krieg mußte fortgesetzt werden, und die Meinung überwog auf
seiten der Arbeiter, daß man nun zu einer Verschärfung der Kriegführung
schreiten müsse. Als solche erschien die Ausdehnung des Boykotts aus
alle Ringbrauereien, zumal die Aussonderung der sieben früher genannten
Brauereien die anderen Ringbrauereien nicht verhindert hatte, mit jenen
durch dick und dünn zu gehen. Inoffiziell war überhaupt schon vielfach
auch gegen die übrigen Ringbrauereien Boykott betrieben worden. Der
Verein zur Wahrung der Interessen der Gastwirte hatte schon am 22. Juni
den Beschluß gefaßt, jeden Gastwirt auszuschließen, der irgendwelches
Ringbier führe. Anter stürmischen Beifallsbezeugungen ward in allen
32 Versammlungen, die am 11. Juli stattfanden, beschlossen, nun den
ganzen Ring zu boykottieren, und ein in anfeuernden Wendungen gehaltener
Aufruf machte dies der Bevölkerung Berlins und der organisierten Arbeiter-
schaft im übrigen Deutschland bekannt. Von nun an sollten sogar die Lokale
gemieden werden, in denen irgendwelches Ringbier ausgeschenkt werde,
Flaschenbier nur in Geschäften gekauft werden, die kein Ringbier verkauften.
„Wir appellieren", hieß es am Schluß, „an das Ehrgefühl aller klassen-
bewußten Arbeiter und wissen, daß ihre Solidarität sich stärker erweisen
wird als die Zufallseinigkeit des dividendenlüsternen Anternehmertums."

Mit dieser Ausdehnung des Boykotts, so gab der „Vorwärts" den
Grundgedanken der in den Versammlungen gehaltenen Reden wieder, sei
aber das Arsenal der Arbeiterschaft noch nicht erschöpft; wenn es sich als
nötig erweisen sollte, würde sie „mit noch ganz anderen, noch schärfer
wirkenden Mitteln dem Äbermut der Bierprotzen entgegentreten". And
was getan werden konnte, das Wort zur Wahrheit zu machen, geschah.
Am 27. Juli fanden 39 von den Gewerkschaften veranstaltete Versamm-
lungen, am 24. August wieder 37 Volksversammlungen statt, in denen ein-
dringlich zu unbeugsamer Innehaltung und unablässiger Propagierung
des Boykotts aufgefordert wurde, dazwischen tagten große Frauenversamm-
lungen, in denen den Frauen der Arbeiterklasse die Bedeutung des Boykotts
auseinandergesetzt und seine Anterstühung ans Herz gelegt wurde. And
        <pb n="355" />
        ﻿Ausgegeben &lt;m 8. Dezember; 3884.

Achtung, Parteigenossen!

Arbeiter, Parteigenossen! Nachstehend veröffentlichen wir die Liste
derjenigen Restaurateure rc., welche kein boykotiirtes Vier schönten. Es
ist nun Ehrensache eines jeden denkenden Arbeiters, uns in diesem gerechten
Kampf zu unterstützen und nur bei den Wirthen zu verkehren, welche sich
freiwillig unserer Kontrolle unterstellt haben. Alle Gesuche um Aufnahme
in diese Liste sind nicht an die Redaktion oder Boykott-Kommission, sondern
an die am Kopfe jedes Wahlkreises stehenden Adressen zu richten.

1. AVshlkveis.

Meldungen nehmen entgegen:

Äommer, Grünflr. 21. Tripke, Jägerstr. 10. Wendt, Claudiusstr. IS.

Altonaerstr. 17, Ecke Schles-
wiger User, Gruhn.
A» d. Schleuse 12,K. Cwik.
Brücken-Allee 8, Alex.Lange.

-	32, O. Grünhagen.
Brüderstr. 32, H. Knaukh.

-	34, W. Stamer.
Claudiusstr. Id, Wendt.
Cuxhaven ersir. 4, Wagner.

-	I I, Rofenberg.
Dorotheenstr.37,Ste&gt;nbriick.

.- 40, Rud. Urban.
Fischerbrücke 11, G. Schulze.

-	14, A. Fabig.

-	2b, Pisst
Fischersir. 29, Laue.
Flensburgerstr. 18, Tamm.
Französischeste. 6, Pälschke.
Friedrichsgracht lb, Pintzer.
Friedrichstr., N, 3, Merker.

-	b, H. Hahn.

-	20, Preuß, sr. Keller.

-	44,.Röllig.

Friedrichstr.,N.,Sb,Mehner.
° 03. Jahp.

-	70, Hunger.

-	02, C. Grob.
Grünstr. 13, P. Freiberg.

-	2I,Sommer. sschewsky
Heiligegeiststr. 40, Matu-
Holsteiner Ufer I, Terpitz.
Holzgartenstr. 5, Stockfisch.
Jägerstr. 10, Tripke,
Jüdenstr. 24, Psitzner.

-	50, Lehninger.
Kanonierstr. 9, ö. Bock.

-	26, Zieste.

-	26a, Ecke Franzö-

sischeste.,Borths
Kleine Kurstr. i, Maschkc.

-	10, Stobbe.
Klosterstr. 83, Salzivedel.

-	101, Hörschlein.
Königstr. 67, A. Feistcl.
Kransenstr. 9, C. Langseld,

Bierverlag.

Krausenstr.iiRol

sfsFremd.-
1. sverkehr.

-	55. C. Nuppert.

» 71, Zastrow.

Lesstngsir. 28, Rickmann.
Mohrenstr. 22, Carl Müller.

-	63/64, Eoerke.
Molkenmarkt 6, Haase.
Molkenstr. 12, H. Gärtner,
Oberwasserstr. 13, Pujanek.
Pelriplatz 3, n. d. Ralhsw.

C. Schmidt.
Poststr. 31, H. Michel.
Spandauerflr. 8, Schlenkert.
SlralauerBrückech Gallasch.
Stralauerstr. 7,A.Mandcll.

-	10, O. Russow.

-	12, Klewitz.

-	13/14, C. Koplin.

-	16, Kreutzberger.

-	58. Elleste. ■
Tanbenstr. 10, E. Ladner.

-	41, C. Dullin.

2. ÄVshllrLsrs.

Meldungen nehmen entgegen:

Grube, Marieudorftrstr. 5. Saß, Markgrafsnstr. 102. Schouheim,
Gräfestr. 8. Werner, Bülowstr. 59.

Alexandrinsnflr. 122,Gauger
Alvenslebsnstr. 10, Lebrenz.
Arndstr. 14, Ludwig.

-	34, E. Rothe.

-	35, Hagenow.
Bärwaldstr. 51. Schröder,

Taubenbörse.
Barutherstr. 5, Haasel.
Belle - Alliance - Platz 17,
Markau.

Belle-Alliancestr.71, Raabs.

-	74, Kitzing

-	84, H. Thiele.

Belle-Alliancestr. 88, Hülse.
Bergmann-u.Solmsstr.Ecke,
Weise.

Bergmannsir. 95, Senfs.

- Ecke Heimstr. Reizberg.

-	lOl.Südd.Brauerei,

Kintz &amp; Co.
Besselstr. 2, Meier.

-	14, Hertel.

Blumenthalstr. 5, Behrend.

-	6, Schirmer.
Blücherstr. 16, NeusiuS.
Boeckhstr. 7, Singt.

Boeckhstr. 21, Jacob.

-	36, Krüger.

-	42, Krebs.

-	46, Adolf.

-	49, Bahlmann.
Boppstr. 4, Karlhun.

-	5, Ungerberg.
Bülowstr. 45, Lewinsky.

-	57, P. Güttler.

-- 59, H. Werner.

-	65, Richter.
Chamisso-Platz 4. Jhloff.
Charlottenstr. 97.

162.	Erste Seite des Verzeichnisses der Restaurateure,
die kein boykottiertes Bier schänkten
        <pb n="356" />
        ﻿342

wie schon auf dem Sommerfest der Sozialdemokratie Berlins, das am
17. Juni im Müggelschlößchen bei Friedrichshagen gegen 40 000 Menschen
vereinigt hatte, Boykottbier streng verpönt war, so wurden auch andere
Festlichkeiten der Arbeiterschaft, darunter die Anfang September in ver-
schiedenen Wahlkreisen veranstalteten Lassallesciern, streng „von Ringbier
rein" gehalten. In der Arbeiterpresse wurde Nummer für Nummer an
hervorragender Stelle die Mahnung in Fettdruck veröffentlicht, den Boykott
innezuhalten, und der „Vorwärts" ließ kaum eine Nummer vorübergehen,
ohne durch scharfe Artikel und Berichte das Interesse für den Fortgang
und die Wirkung des Boykotts rege zu halten. Für letzteres sorgten auch die
Preßfehden zwischen den Bierinteressenten selbst. Gegen den Brauerring
zog namentlich ein Fachblatt, „Die deutsche Brauindustrie", das
Mittelstandsinteressen vertrat, heftig los und lieferte so der gegen den
Ring kämpfenden Arbeiterschaft viel Munition. Die Zahl der Brauereien,
die sich der Zwölferkommission — „Bierkommission" genannt — ver-
pflichteten, „ringfreies" Bier zu liefern, mehrte sich allmählich bis auf 18
und später 19, worin die von etlichen süddeutschen Brauereien nun doppelt
eifrig betriebene Steigerung der Einfuhr „echten" Bieres noch nicht ein-
begriffen ist. Allerdings, Zahl der Brauereien und Leistungsfähigkeit der
Brauereien waren zwei sehr verschiedene Dinge, aber das Anwachsen der
Liste, die der „Vorwärts" Tag für Tag veröffentlichte, war doch geeignet,
die Geister zu ermutigen. Ebenso das Bekanntwerden der Tatsache, daß
der Llnterstühungsfonds der Ringbrauereien bei weitem nicht ausreichte, den
an seine Leiter herantretenden Llnterstiihungsgesuchen gerecht zu werden, die
von Gastwirten einliefen, denen der Boykott schwere Schädigung im Existenz-
kampf gebracht hatte, und daß überhaupt in den Reihen der Gastwirte die
Llnzufriedcnheit über die Verlängerung des Kampfes ersichtlich stieg. Saal-
besitzer, die ursprünglich gegen die Arbeiterschaft Stellung genommen hatten,
suchten nun Fühlung mit deren Vertrauensleuten und drängten zur Wieder-
aufnahme der Friedensverhandlungen.

Es kam denn in der Tat am 29. September zu einer erneuten Ver-
handlung unter dem Vorsitz des Gastwirts Feuerstein, an der, neben den
Vertretern der Arbeiterschaft und denen der Ringbrauereien, auch der Vor-
sitzende der Kommission der Saalbesitzer, Lubertus Jakobi, teilnahm. Die
Boykottkommission der Arbeiterschaft hatte Auer und Singer, sowie
Hilpert, Gumpel, Bock, Mattutat und Millarg entsandt, die Ring-
brauereien waren durch die Direktoren E. Finke (Schultheiß), K. Gold-
schmidt (Patzenhofer), Gregory (Adler) und B. Knoblauch (Böhm.
Brauhaus) vertreten. Richard Roesicke hatte im Hinblick auf die gegen
seine Person mit besonderer Schärfe gerichteten Angriffe die Beteiligung
abgelehnt.

Die Verhandlungen dauerten an jenem Tage über fünf Stunden,
worauf ihre Wetterführung für eine spätere Zusammenkunft vertagt wurde.
Es waren bei ihnen die Vertreter der Arbeiter in einer viel schwierigeren
Lage, als die der Brauereien. Konnten sie es sich doch nicht verhehlen,
daß, je länger der Boykott dauerte, die Opfer für die Arbeiterschaft immer
drückender wurden. Die zur Ehrenpflicht erhobene Unterstützung der aus-
gesperrten Brauereiarbeiter verschlang größere Summen, als die Arbeiter-
organisationen bei ihrem damaligen Stand — in Berlin waren noch nicht
        <pb n="357" />
        ﻿An die Zimmerer Berlins

und Umgegend!

"SEH«?

Werthe Kameraden!

Abermals sind wir gezwungen, ein ernstes Worl mil Euch zu reden. Ihr Alle wißt, daß der
Branerciring Hunderte neu unschuldigen Arbeitern miss Pflaster geworfen hat. Ihr wißt ferner die Ursachen,
durch welche dieser Kampf entstanden ist, Ihr kennt, auch die Beschlüsse der Berliner Arbeiterschaft, die durch
das brutal- Vorgehen der Brauereiprotzen nothwendig wurden, sollten nicht die unschuldig brotlos gemachten
Brauereiarbeiter gezwungen sein um Gnade zu betteln.

Darum frage sich nun ei» Jeder: „hast Du die Beschlüsse der Berliner Arbeiterschaft, in deren
Kette auch Du ein Glied bildest, richtig gehalten?" „hast Du, seitdem der Boykott über die Brauereien verhängt
wurde, auch denselben streng durchgeführt?" Ein- groß- Anzahl der Zimmerer wird dies nüt „Nein" beant-
worten müssen.

? ArbeiiSgenossen! Ungeheure Borwürfe haben die letzten 37 Volksversammlungen den Bauarbeitern,
also auch den Zimmerern gemacht. Wollt Ihr nun diese Vorwürfe so ruhig hinnehmen? Wollt Ihr noch
länger theilnahnislos diesem Kassenkampfe zusehen, und die Stellung aufgeben, die Ihr bisher in der Arbeiter-
bewegung eingenommen habt? Bedenkt, daß das Vergehn jedes Einzelnen eine Schmach für die Gesammtheit
der Zimmerer Berlins ist, und können die Mittel, die heute von der Kapitalistenbrut gegen die Brauerei-
arbeiter und deren Organisation angewandt werden, auch nicht einmal gegen Euch zur Geltung kommen?

Schon heute seid Ihr der Launenhaftigkeit Eurer Ausbeuter unterworfen, wagt Ihr nur die geringste
und doch so berechtigte Widerrede, so fliegt Ihr hinaus, aufs Pflaster. Keiner kümmert fich darum, wo
Ihr Brot für Eure Familien hernehmt. Sollte es deshalb wohl möglich fein, daß Ihr dem jetzt tobenden
Kampfe fo wenig Beachtung schenkt? Da doch der Feind Eurer auSgesverrten Genossen auch Euer Feind
ist. Geloben wir uns deshalb heute von Neuem, de» Boykott streng durchzuführen:

Keiner betrete die Schwelle eines Wirthes, welcher
Ringbier schäntt. Keiner trinke Bier auf Bauten und
Plätzen von boykottirten Brauereien.

Bei Richtefesten, und anderen derartigen Anlässen, dars Keiner auch nur einen Tropfen
Ningbicr trinken, hier sei Jeder aus dem Posten, hier sei einer des andern Kontrolleur, dann wird auch
die Macht des Brauereirings gebrochen und den Arbeiter» zu ihrem Rechte verholfen werden.

Es ist nicht schwer Kamraden dieses streng iinie zu halten, uns zwingt Keiner und kann Keiner
zwingen gegen dis Beschlüsse der Arbeiterschaft zu handeln. Darum Hand aufs Herz. Zeigt, daß Ihr wollt.

VE" Hoch die Solidarität! "HW

Ter Vertrauensmann.

Redaktion und Verlag: Theodor Fischer, Berlin N., Dunterstr. 4. — Druck: M. Schrrnner, Brunnenltr. ttlt.

163.	Mahnung zur strikteren Durchführung des Boykotts
        <pb n="358" />
        ﻿344

viel mehr als 10 Prozent der
beschäftigten Arbeiter orga-
nisiert — auf die Dauer auf-
bringen konnten, ohne daß
ihre eigene Aufgaben da-
runter litten. Das gleiche
war der Fall mit der Be-
schränkung des Verkehrs
und der Versammlungen
aus die „ringfreien" Lokale.
Mit Eintritt des Spät-
herbstes war wirkliche Lokal-
not zu gewärtigen. Lind
dabei herrschten trotzdem bei
einem großen Teil der sozia-
listischen Arbeiterschaft, die
sich selbst den Llnannehin-
lichkeiten des Boykotts mit
wahrhaft stoischem Opfer-
mut unterwarf, die weit-
gehendsten Vorstellungen
über die zunehmende Ver-
besserung seiner Aussichten.
Llnter anderem von den am
Boykott interessierten Brau-
ereien und deren Agenten
geflissentlich genährt, durften
sie nicht öffentlich widerlegt
werden; es wäre Wasser
auf die Mühle der Ringbrauereien und der Aufgabe, ihnen Zugeständ-
nisse abzuringen, im höchsten Grade verderblich gewesen. Eine demo-
kratische Massenpartei kann selbst im Kampf ihre Angelegenheiten nicht
samt und sonders hinter verschlossenen Türen erledigen, wie das die
paar Dutzend Direktoren der Ringbrauereien jederzeit vermochten. Diese
letzteren hatten im Kampf Solidarität üben gelernt. Durch Vertrag, den sie
streng einhielten, hatten sie für die Dauer des Boykotts jede Konkurrenz
unter sich ausgeschlossen und ebenso entschlossen waren sie nun, der
Kommission der Arbeiter kein Zugeständnis zu machen, durch das sie vor
ihren Arbeitern als Besiegte erschienen wären. Auer und Singer, neben
denen bei dieser Verhandlung von Delegierten der Arbeiter nur der Ver-
treter der Braucreiarbeiter Lilpert gelegentlich das Wort nahm, suchten
mit großem Geschick für die Arbeiter zu erwirken, was nur irgend den
Brauereien abzuringen war. Sie ließen die Forderung der Entschädigung
der Ausgesperrten für den Lohnverlust, die höchstens der Sieger dem
Besiegten aufdiktieren konnte, ganz fallen und die Forderung des 1. Mai
als Ruhetag, nachdem die Brauereien sie entschieden abgelehnt hatten,
zunächst auf sich beruhen, um desto zäher die grundlegenden Forderungen
zu verfechten: Anerkennung der Organisationen der Arbeiter, Verpflichtung
auf Vereinbarung eines Arbeitsnachweises mit den organisierten Arbeitern und

-er v-berschuft wird der B-yllott-Aomniisston für di, aurgrsperrlen
Krauerei-Arbeiter überwiesen.

164. Titelblatt eines Spottgedichtes aus die
Ringbrauereien
        <pb n="359" />
        ﻿345

Wiedereinstellung der
ausgesperrten Arbeiter.

Aber nur das erste davon
ward von den Brauereien
bedingungslos zugege-
ben. Bezüglich des Ar-
beitsnachweises verlang-
ten sie, daß von vornherein
ihnen das Recht zuge-
standen werde, unter den
ihnen vom Arbeitsnach-
weis zugewiesenen Ar-
beitern „nach eigenem
Ermessen" Auslese zu
treffen, und von dem An-
spruch auf Wiederein-
stellung sollten solche
Arbeiter ausgenommen
werden, welche sich be-
sonders aufsässig benommen und während des Boykotts die Brauereien
noch besonders zu schädigen versucht hätten, hartnäckig stritt man von
hüben und drüben stundenlang um dieses Recht des „Siebens", die
beiden erfahrenen Arbeitervertreter boten alles auf, es in dem Fall
der Ausgesperrten wenigstens einzuengen und in der Frage des Arbeits-
nachweises die Entscheidung der direkten Vereinbarung zwischen den
Brauereien und den organisierten Brauereiarbeitern vorzubehalten.
Aber die Brauherren waren in diesen Punkten nicht herumzubekommen.
So mußte denn schließlich die Verhandlung, über die alsdann ein
stenographisches Protokoll herausgegeben wurde, vertagt werden. In der
Zwischenzeit sollten die Brauereileitungen eine Liste derjenigen Arbeiter zu-
sammenstellen, die nach ihrer Meinung den Anspruch auf Wiederein-
stellung verwirkt hätten, und die Vertreter der Arbeiter sich mit ihren Mandat-
gebern über die beiderseitigen Zugeständnisse ins Einvernehmen setzen.

Das letztere ging nicht ohne heftiges Auseinanderplatzen der Geister
ab. Diejenigen, welche den wahren Stand der Dinge nicht übersehen konnten
oder durch Sonderinteressenten beeinflußt waren, fanden, daß Auer, Singer
und Kollegen bei der Verhandlung den Unternehmern viel zu weitgehende
Zugeständnisse gemacht hätten, und namentlich in einer Versammlung der
ausgesperrten Brauereiarbeiter ging es bös über die Arbeiterdelegation her.
Als Wortführer der Opposition trat der Brauereihilfsarbeiter Schneider
auf, der bei seinen Angriffen selbst vor groben Verdächtigungen der
Motive der Delegationsmitglicdcr nicht zurückschreckte. Alle Aufklärungen
Gerischs vom Partcivorstand und des Gcwerkschaftssekretärs Faber
konnten die Geister nur vorübergehend beruhigen. Eine von Schneider
beantragte Resolution, die, wenn nicht ausdrücklich in der Form, so doch
in der Sache ein Mißtrauensvotum gegen die Delegierten bedeutete, und nach
der die Ausgesperrten erklärten, „eher auf jeden Pfennig Unterstützung zu
verzichten, als von einzelnen Forderungen, wie die Anerkennung ihres (in
der Zwischenzeit eingerichteten) Arbeitsnachweises und die bedingungslose

165. Illustration aus „Die Bierprotzen"
        <pb n="360" />
        ﻿— 346 -

Wiedereinstellung der Ausgesperrten Abstand zu nehmen", wurde mit
großer Mehrheit angenommen.

Auf Grund dieser Weisung sollten die Kommissionsdelegierten bei der
nächsten Zusammenkunft mit den Unternehmern verhandeln. Oder vielmehr
nicht verhandeln, denn daß der Brauerring auf die so gestellten Forderungen
nicht eingehen würde, stand von vornherein fest. In der Tat waren die
Brauherren nicht weniger verbissen als ihre ausgesperrten Arbeiter und
machten ihrerseits deren Fehler wett. Als die Bevollmächtigten der
streitenden Parteien am 13. Oktober zur Fortsetzung der Verhandlungen
wieder zusammentraten, eröffneten die Vertreter des Ringes den Delegierten
der Arbeiter, daß von den Ausgesperrten, die noch keine Arbeit gefunden
halten, 33 auf einer Liste namhaft gemachte Arbeiter und von denen, die
einstweilen anderweitig Beschäftigung angenommen hatten, noch 5 bis 6
in den Ningbrauereien überhaupt nicht wieder Arbeit finden sollten. Das
machte den Arbeitervertretern die Antwort leicht. Singer und nach ihm
Auer erklärten ohne weiteres, daß sie unter keinen Amständen diese Pro-
skriptionsliste gutheißen würden. Was ihnen damit zugemutet werde, sagte
Singer, sei „kein ehrlicher, sondern ein ehrloser Friede", und Auer erklärte,
er würde es als Verletzung seiner Ehre betrachten, im Namen der Arbeiter
Vorschläge dieser Art in Betracht zu ziehen. Noch während er sprach,
füllte sich das Beratungszimmer mit ausgesperrten Brauereiarbeitern, die
um jeden Preis den Verhandlungen beiwohnen wollten. Das gab dem
Brauereidirektor Goldschmidt Anlaß, in Anknüpfung an die Bemerkung
Singers, er für seine Person wünsche, daß die Verhandlungen nunmehr
abgebrochen würden, dasselbe von seiner Seite zu erklären. So ging man
unverrichteter Sache auseinander.

Aufs neue waren damit Flugblattverbreitung, Masienversammlungen
und sonstige Agitation für den Boykott an der Tagesordnung. Es ward
nichts unterlassen, den Mut der Kämpfenden zu beleben. Als die Jahres-
abschlüsse der Ringbrauereien Rückgang der Dividenden zeigten; als Anfang
November ein in Dresden geführter Boykott gegen die dortige, mit dem
Schultheißunlernehmen verbundene Waldschlößchenbrauerei einen günstigen
Abschluß fand; als Mitte November bekannt wurde, daß die Saalbesitzer
von neuem an den Brauerring mit der Bitte um Beendigung des
Kampfes herangetreten waren, da ward aus alledem das Beste für die er-
folgreiche Durchführung des Boykotts herausgelesen. Aber die Opfer,
welche die Arbeiterschaft zu tragen hatte, wurden darum nicht geringer.
Immer mehr Gewerkschaften sahen sich in ihrer Aktionskraft gelähmt, schon
war es vorgekommen, daß für Zusammenkünfte keine passenden Lokale hatten
beschafft werden können, und am politischen Horizont war als Erbe des
preußischen Ministers Eulenburg die Amsturzvorlage vom Spätherbst 1894
aufgetaucht, für deren Bekämpfung die sozialistische Bewegung die Kon-
zentrierung aller Kräfte und die Befreiung aus den Fesseln der Saalsperre
dringend brauchte.

Da trat ein neuer Vermittler auf den Plan in der Person des
Magistratsassessors Dr. Freund, der als Vorsitzender der Invaliditäts-
und Altersversicherungsanstalt Berlin und des Zentralvereins für Arbeits-
nachweis oft mit Vertretern der organisierten Arbeiter zu tun hatte und
damals auch sich einer gewissen Beliebtheit bei ihnen erfreute. Freund
        <pb n="361" />
        ﻿Werthe Genossen!

Wie Ihnen durch-Versammlungen und Presse bekannt sein dürste, liegen die hiesigen Partei-
genossen im schweren Kampfe gegen das Brauerei-Kapital.

Die Brauerei-Protzen haben sich veranlasst gefühlt, als die Böttcher, auf ihre gute Organisation
sich verlassend, den i. Mai als Feiertag forderten, ca. 300 Böttcher ohne weiteren Grund über eine
bestimmte Zeit auszusperren. Als hierauf über eine Brauerei der Boykott von den Rixdorfer Parteigenossen
verhängt wurde, fand von den Brauerei-Protzen am 16. Mai die Aussperrung von 540 Brauerei-Arbeitern
in sämmtlichen Berliner Brauereien statt, ohne dass ein weiterer Grund vorhanden war, als dass die
organisirten Brauerei-Arbeiter die Böttcherarbeit nicht machen wollten. Als einziger Grund ist nur anzu-
nehmen, dass die Organisation der Brauerei-Arbeiter, auf Grund welcher bereits etwas bessere Verhältnisse
geschaffen waren, den Brauerei-Protzen ein Dorn im Auge war und dieselben nur auf den geeigneten
Moment warteten, um derselben den Todesstoss zu geben.

Parteigenossen! Diese 840 unschuldigen durch die Herrschsucht der Brauerei-Kapitalisten auf
das Strassen pflaster geworfenen Arbeiter sind bis jetzt, soweit dieselben nicht anderweitig Arbeit gefunden
haben, von der Berliner Arbeiterschaft unterstützt worden. Circa 80000 Mk. wurden bereits für den
Kampf zwischen Arbeit und Kapital geopfert. Da nun dieser Kampf, dessen Bedeutung nur durch den Ausdruck
„Klassenkämpf“ bezeichnet werden kann. seinem Ende voraussichtlich noch nicht entgegengeht, die Mittel
zur Unterstützung der unschuldig gemassregelten Arbeiter jedoch nicht mehr ausreichen, richten wir das
Ersuchen an alle Parteigenossen, uns doch mit Mitteln unterstützen zu wollen.

Parteigenossen! Die Opferwilligkeit der Berliner Arbeiter ist eine grosse, ca. 80000 Mark sind
bis jetzt aufgebracht und verbraucht worden, um die Ausgesperrten vor dem Verhungern zu schützen. Noch
440 Ausgesperrte mit 520 Kindern müssen unterstützt werden. Wir apelliren an Ihr Solidaritätsgefühl und
erwarten, Soviel es Dinen möglich ist, zur Unterstützung der Ausgesperrten beitragen zu wollen, bis der
Uebermuth der Brauerei-Kapitalisten gebrochen ist, denn nur ein endgültiger Sieg kann zum Ziele führen.

Geldsendungen würden Sie entweder an die Redaktion des „Vorwärts“ (Berliner Volksblatt),
Beuthstrasse 2 oder an die unterzeichnete Adresse zif richten haben.

Die Kommission

der Brauer und Brauerei-Hifsarbeiter

I. A.: Fr. Eiermann

Berlin O., Blumenstr. 38 (Restaurant Wiedemann).

166. Zirkular. Aufforderung zur materiellen Unterstützung der
ausgesperrten Brauereiarbeiter



Hatte dem Vorsitzenden des Vereins der Ringbranereien Roesicke bei der
Ausarbeitung eines Statuts für einen neuen Arbeitsnachweis im
Brauereigewerbe Beistand geleistet, der mit Rücksicht auf einen dem Boykott
ferngebliebenen und an Mitgliederzahl stark gewachsenen Verein von
Brauergehilfen von vornherein paritätisch geplant war, und Roesicke
hatte seine Kollegen im Brauerring dafür gewonnen, in der Frage des
Arbeitsnachweises auch den durch die Boykottkommission vertretenen
        <pb n="362" />
        ﻿348

Brauereiarbeitern weitgehende Zugeständnisse zu machen. Schon in den
Tagen zwischen den Verhandlungen vom 29. September und 13. Oktober
hatte am 8. Oktober in der Wohnung des Saalbesitzers Feuerstein und
unter dessen Vorsitz eine vertrauliche Besprechung über die Frage des
Arbeitsnachweises zwischen drei Direktoren des Brauerrings — Dr. Gold-
schmidt, Dr. Kaskel und Richard Roesicke — und Dr. Freund einerseits
und fünf Mitgliedern der Boykottkommission — Auer, Lilpert, Millarg,
Singer, Tröger — anderseits stattgefunden, und man war da fast über
alle wesentlichen Punkte zu einer Verständigung gelangt. Mit der Voll-
macht, die dort in Aussicht gestellten Zugeständnisse nun definitiv zu machen,
waren die Vertreter des Rings zur Verhandlung vom 13. Oktober
gegangen, wo es aber, wie oben geschildert, infolge des Präsentierens der
Ächtungsliste gar nicht erst zur Besprechung dieses Punktes kam. Indes
fiel die Angelegenheit des Arbeitsnachweises nicht zu Boden. Es spricht
für den Weitblick Roesickes, der nun mit Dr. Freund weiter an dem
Statut des von ihm und seinen Kollegen geplanten paritätischen Arbeits-
nachweises arbeitete, daß er zwar bei dessen Formulierung nur Vertreter
des arbeitswilligen — oder, wie er damals genannt wurde, „blauen"
Brauergehilfenvereins heranzog, aber es doch planmäßig für die Ver-
tretung aller Brauereiarbeiter einrichtete. Der Arbeitsnachweis sollte
von einem gleichmäßig aus Vertretern der Unternehmer und der Arbeiter
zusammengesetzten Kuratorium geleitet werden, ferner sollte den Antcr-
nehmern zwar das Recht der Zurückweisung ihnen vom Arbeitsnachweis
überwiesener Arbeiter zustehen, sie sollten aber verpflichtet sein, auf Ver-
langen dem Kuratorium die Gründe der Zurückweisung anzugeben und
vor ihm, das sich in diesem Fall durch Wahl eines unparteiischen Obmanns
als Schiedsgericht zu konstituieren habe, den Beweis für ihre
Behauptungen zu erbringen. Im Laufe des Monats Dezember wurden
die Beratungen über das Statut zu Ende geführt, und Dr. Freund, den
Roesicke veranlaßt hatte, das Amt des Obmanns zu übernehmen, erhielt
von den Leitern des Ringbrauereien-Vereins noch die Zusicherung, daß
schon bei der ersten Wahl der Beamten des Arbeitsnachweises auch die
ausgesperrten Arbeiter gleiches Wahlrecht haben sollten, falls bis dahin das
„normale Verhältnis" wiederhergestellt, das heißt der Boykott aufgehoben
sei. Auch sollte es den 33 als „unannehmbar" bezeichneten Arbeitern frei-
gestellt werden, sich nach Konstituierung des Arbeitsnachweises in dessen
Listen eintragen zu lassen, womit in jedem einzelnen Fall die Abweisung
vor das Schiedsgericht gebracht werden konnte. Mit alledem ausgestattet,
trat Dr. Freund am 22. Dezember an die Boykottkommission der Arbeiter
heran, die sich noch einige Zusicherungen betreffs Wicderanstellung von
Ausgesperrten geben ließ, im übrigen aber sich mit dem Statut rückhaltlos
einverstanden erklärte. Sie sehte dann ein Protokoll auf, das am 24. Dezember
vormittags von den Brauereidirektoren angenommen und am gleichen Tage
nachmittags 5 Ahr von Paul Singer, als dem Bevollmächtigten der
Kommission, und Richard Roesicke, als Bevollmächtigten der Ring-
brauereien, vor Dr. Freund unterzeichnet wurde. In seiner Weihnachts-
nummer vom 25. Dezember 1894 konnte der „Vorwärts" der Berliner
Arbeiterschaft die Kunde von der getroffenen Friedensabmachung und dem
Wortlaut des Friedensprotokolls mitteilen, mit dem Zusatz, daß die
        <pb n="363" />
        ﻿349

Arbeiter selbst nunmehr in
noch einzuberufendenVolks-
Versammlungen dieses gut-
zuheißen hätten, bevor der
Friede proklamiert werde.

Bei weitem nicht alle
Arbeiter nahmen diese Mit-
teilung als eine Weih-
nachtsgabe entgegen. Eine
starke Minderheit fand die
Zugeständnisse durchaus un-
genügend, und sie ward in
dieserEmpfindung nochdurch
die Hetzereien von Leuten be-
stärkt, die an der Fortsetzung
des Krieges ein geschäftliches
Interesse hatten. Schon in
der Versammlung der aus-
gesperrten Brauer und Brauereihilfsarbeiter, in der am 27. Dezember Paul
Singer die Friedensabmachungen verlas und ihre Bedeutung darlegte, machte
sich lebhafte Opposition geltend, deren Lauptwortführer wieder der Brauerei-
arbeiter Schneider war; indes ward es Singer nicht schwer, die gegen
den Friedensabschluß vorgebrachten Einwände zu entkräften, und so wurden
zwei gegen den Abschluß gerichtete Resolutionen, die von Brauern be-
antragt waren, schließlich abgelehnt. Nicht minder heiß ging es in der
Mehrzahl der 16 Volksversammlungen zu, die auf den folgenden Abend,
den 28. Dezember, einberufen waren, um über die Friedensabmachungen zu
beschließen. In verschiedenen davon sah es zeitweilig so aus, als ob
sich eine Mehrheit gegen den Vorschlag der Boykottkommission erklären
werde, und in einer — Charlottenburg — ward dieser in der Tat mit
kleiner Mehrheit abgelehnt, während im ersten Wahlkreis und in Nixdorf
nach heftigen Debatten die Beschlußfassung auf einen folgenden Abend ver-
tagt wurde. Kein Vorwurf, fast keine Verdächtigung blieb den Mitgliedern
der Kommission erspart. „Icberrumpelt" und „heimliche Abkartung" war
noch das geringste, was ihnen vorgeworfen wurde. Die Friedensbedingungen
wurden als „wertlos", als Protokollierung der „Niederlage" der Arbeiter,
das Friedensprotokoll als ein „Wisch" bezeichnet. Die Bedingungen seien
das Papier nicht wert, worauf sie ständen, das Statut des Arbeitsnach-
weises ward als „Lockspeise für die Ausgesperrten" als „hinterhältig" und der-
gleichen hingestellt. Selbst Rufe wie „Verrat" und „Judasse" fehlten nicht,
und bitter ward den ausgesperrten Brauern verargt, daß sie sich von ihrem
Widerspruch gegen den Friedensschluß hätten abbringen lassen. Indes die
Referenten — Augustin, Auer, Faber, R. Fischer, Pansen, Kiesel, Ledebour,
Mattutat, Millarg, Näther, Pfannkuch, Rob. Schmidt, Singer, Täterow,
Vogtherr, G. Wagner und Zubeil — blieben denen, die so sprachen, die Ant-
wort nicht schuldig. Sie gaben ihnen ein ungeschminktes Bild vom Stand
der Dinge, wiesen nach, daß bei den gegebenen Machtverhältnissen an eine
Besiegung der Ringbrauereien, die diese zur bedingungslosen Unterwerfung
notigen würde, nicht zu denken und infolgedessen auch eine Verlängerung

)n der letzten Zusammenkunft der ringfreien Brauereien
wurde folgender Beschluß gefaßl:

Oie Commission der Brauereiarbeiler wird beauftragt,
feftjustrllen. ob sämmtliche ringfreien Brauereien die im
September festgestellten Betrieb-, und Wohnbedingungen in
ihren Betrieben eingeführt Hadem Sollten sich Brauereien
finden, in denen die- nicht geschehen ist, so hat die Braurrcl-
ardelter-Lomiuisswn der 6otikoll - Commission Bericht
■ji, erstatten.

Nie GmjNott-ttoinmifsion ist ermächtigt, nach Fest,
stellung der thatsächlichen Verhältnisse, wenn nöthig, den
betreffenden Brauereien eine christ von acht Tage» zur
Einführung dieser Bedingungen zu stellen und, fall- diese
Bedingungen dann noch nicht erfüllt werden, die Brauereien
aus der- Liste der ringfreien Brauereien auszuscheiden und
diese dann zu boijlioUirm.

167. Kontrollebeschluß
        <pb n="364" />
        ﻿350

des Boykotts ins endlose ganz und gar nicht im Interesse der Arbeiter-
bewegung gelegen sei, und warnten davor, den Einbläsereien der an der
Fortsetzung des Boykotts interessierten Geschäftsleute Glauben zu schenken.
Etwas später erklärte Friedrich Engels in einem Brief, den der „Vorwärts"
im Auszug abdruckte, die englischen Arbeiter würden bis an die Decke der
Paulskirche springen, wenn sie einen Arbeitsnachweis zugebilligt erhielten,
wonach Unternehmer die Abweisung eines ihnen vom Nachweis zugesandten
Arbeiters vor einem Schiedsgericht zu rechtfertigen hätten. In dreizehn
von den sechzehn Versammlungen schlugen denn auch die Gründe der
Boykottkommission durch, mit meist überwältigend großen Mehrheiten wurden
die Friedensabmachungen gutgeheißen, und in der Nummer des „Vorwärts"
vom 29. Dezember ward das Ende des Bierboykotts mit folgender Be-
kanntmachung angezeigt:

„Auf Grund der in den gestrigen Volks-Versammlungen gefaßten
Beschlüsse ist der

Bierboykott für Berlin und Amgegend aufgehoben.

Parteigenossen! Nach achtmonatlichem Ringen hat der uns durch
das Anternehmertum aufgezwungene Kamps einen für uns höchst ehren-
vollen Abschluß gefunden. Dieser Ausgang ist einzig der kraftvollen
Tätigkeit der organisierten Arbeiter Berlins zu danken, ohne deren
unermüdliche Arbeit und hingebenden Opfermut es nicht möglich gewesen
wäre, den Boykott so, wie geschehen, durchzuführen und zu beenden.

Genossen! Wir halten uns für verpflichtet, allen, die uns in diesem
Kampfe so erfolgreich unterstützt haben, im Namen der Partei hierfür
zu danken. Wir haben die Aberzeugung, daß, wenn ähnliche Kämpfe in
Zukunft notwendig werden sollten, die Berliner Arbeiter in gleicher
Weise ihre Pflicht tun werden, um die Ehre, die Würde und die
Interessen der Arbeiterklasse zu wahren.

Loch die Sozialdemokratie!

Berlin, den 29. Dezember 1894.

Die Boykottkommission.

Gumpel. Lilpert. Mattutat. Millarg. Singer."

Nachträglich fand die Friedensabmachung auch in den Wahlkreisen
und Orten Annahme, wo die Abstimmung vertagt worden war oder ein
negatives Resultat ergeben hatte. In Rixdorf, dem Ort, wo der Boykott
seinen Anfang genommen hatte, hing man am zähesten an ihm. In der
auf den 30. Dezember anberaumten Fortsetzung der Versammlung vom
28. Dezember ging es fast noch stürmischer her, als am ersten Abend.
Aber die Argumente von Singer, Auer und Lilpert zugunsten des Be-
schlusses der Boykottkommission und die scharfe Zurückweisung, welche sie
den gegen sie ausgestreuten Verdächtigungen zuteil werden ließen, bestimmten
auch hier schließlich die Mehrheit der Genossen, der Beendigung des Kampfes
zuzustimmen.

Damit war die Opposition gegen die Friedensabmachung freilich noch
nicht völlig zum Schweigen gebracht. Namentlich bei den sozialdemokratischen
Gastwirten war sie noch sehr stark, ebenso bei den Brauergesellen, die
zu den Ausgesperrten gehört hatten. In ihrem Zorn versäumten diese es,
sich die Karten zur Wahl des Kuratoriums des neuen Arbeitsnachweises
zu besorgen, und klagten hinterher, daß die Friedensbedingungen nicht ein-
gehalten worden seien. Erst als eine von der Gewerkschaftskommission ver-
        <pb n="365" />
        ﻿



Antrag:

Nachdem der Verein der Branereieil Berlins und der Umgegend für den Falt
der Aufhebung des Bier-Boykotts folgende Zusicherungen ertheilt hat:

I.	Der Arbeitsnachweis, dessen Bestimmungen im beiliegenden Statut enthalten sind, wird am
1. Januar 1895 eingeführt.

II.	Diejenigen Arbeitnehmer, welche in Ausführung eines vom Verein gefaßten. Beschlusses am 15.
beziv. 16. Mai er. zur Entlassung gckonnneu sind, und noch keine Arbeit gefunden haben, werden
in die Listen des Arbeitsnachweises mit einem Vorzug vor den übrigen Arbeitnehmern eingeschrieben.

III.	Den 33 Arbeitern, welche bei den letzten Verhandlungen mit der Boykottkommission von den Ver-
tretern des Vereins namentlich bezeichnet worden sind, wird die Benutzung deS Arbeitsnachweises
zugestanden, jedoch mit der Maßgabe, daß diese Arbeitnehmer nicht in dieselben Brauereien, in
welchen sie vor dem 16. Mai er. beschäftigt waren, eingestellt werden.

IV.	Die unter II. bezeichneten Arbeitnehmer werden, obgleich sie sich außer Stellung befinden, aus-
nahmsweise bei der erstmaligen Mahl für das Kuratorium betheiligt. In Zukunft gelten hierfür
die Bestimmungen des Statuts.

V.	Die Vercinsbrauercien erklären sich bereit, unter ausdrücklicher Wahrung ihrer völligen Freiheit
bezüglich der Entlassung von Arbeitern, mit Rücksicht auf die lange Arbeitslosigkeit der unter II
bezeichneten Personen bei der im nächsten Frnbjahr aus Anlaß der Einstellung der Mälzerei
bevorstehenden Entlassung einer größeren Anzahl von Braucrgeselleu nicht in erster Linie die unter
II genannten Personen auszustellen.

VI.	Der Verein erklärt sich bereit, dahin zu wirken, daß bezüglich der Arbeitszeit und des Arbeits-
lohnes diejenigen Bestimmungen platzgreiscn, welche vor dem 16. Mai d. I. in den Vcreinsbetricben
in Kraft waren, wenn solche seitdem zu ungnnsten der Arbeitnehmer abgeändert sein sollten.

Vkl. Der Verein erklärt sich bereit, dahin z» wirken, daß die seit dem 1. Mai d. I. außer Arbeit be-
findlichen Böttchergcscllen bei eintretendem Bedarf nach Möglichkeit berücksichtigt werden. Gegen
die Betheiligung der Böttchergesellcn beim Arbeitsnachweis gemäß seinem Statut sowie die Theil-
nahme derselben bei der erstmaligen Wahl für das Kuratorium stehen Bedenken nicht entgegen.

beantragen die Unterzeichneten die Versammlung wolle beschließen:

„Der Bier-Boykott ist aufgehoben"

Berlin, den 28. Dezember 1894.

Aeustergerling.	Eckerlein.	Henke.	Krüger.	Pfund.	Srstin.
Auer.	Faber.	Hclbig.	Kubath.	Plaih.	Silberschmidt.
Augustin.	Feloentresf.	Hoch.	Liebknecht.	Pohl.	Singer.
Vuumgarlen.	Fischer.	Hübner.	Siegte.	Pötzsch.	Soyka.
Bebel.	Forgbert.	Heinrich.	Lock.	Raumann.	Spath.
Beyer.	Forstmann.	Hildebraudt.	Loose.	Retzeran.	Strehler.
Beißwänger.	Fritz.	Hilpert.	Mahle.	Roland.	Täterow.
Berger.	Gerisch.	Jäckel.	Masuch.	Schennemann.	Tausche!.
Bolze.	Geargi.	Kleinert.	Maitutat.	Schlichting.	Thiele.
Braun.	Gesche.	Koblenzer.	Millarg.	Otto Schmidt.	Thomas.
Busse.	Gnad!.	König.	Riederauer.	Robert Schmidt.	Timm.
Butziger.	Goerke.	Köpnick.	Otto.	Scholz.  Schröder.	Vogtberr.
Bökert.	Grauer.	Kvpp.	Peper.		Wendt.
Dost.	Eumpel.	Köppe».	Psannknch.	Schulze.	Werner.
Dohrmann.	Halsier.	R. Koppen.	Pfarr.	Schweizer.	Zaake.  Znbeil.

Max Badtnr. Berlin.





168. Antrag zur Aufhebung des Boykotts
        <pb n="366" />
        ﻿352

anstaltete Untersuchung ergab, daß die Schuld bei den Beschwerdeführern
oder deren Beauftragten lag, verstummte diese Anklage. Aber es gab auch
Beschwerden, die nicht völlig unbegründet waren. Die Friedensabmachungen
waren in bezug auf die Unterbringung der Ausgesperrten günstiger aus-
gelegt worden, als sich die Sache in der Praxis gestaltete. Man war eben
beim Friedensschluß schon mitten in der Mälzungsperiode, und da die
Arbeitswilligen von ihm nicht ausgeschlossen waren, konnte auch nur ein
geringer Teil der Ausgesperrten alsbald wieder in den Ringbrauereien eingestellt
werden. Roesicke und einige Gleichgesinnte im Brauereiring hatten es bei
ihren Kollegen nicht viel besser, wie Auer, Singer und Genossen bei
einem Teil der Arbeiter. Kurz, die Leiter des Brauereirings erklärten, daß
sie zwar den Ausgesperrten, die sich als einzelne an sie wenden würden,
nach Möglichkeit zur Beschäftigung verhelfen wollten, den Organisationen
gegenüber aber auf dem Buchstaben des Vertrags bestehen müßten. Das
führte zu neuen Diskussionen in der Presse, und immer schärfer hatte der
„Vorwärts" die Versuche der außerhalb des Ringes stehenden Brauereien
und ihrer Verbündeten zurückzuweisen, aus diesen Diskussionen Kapital zu
schlagen und die Gegensätze von neuem zu schüren. Ein Artikel „Nach-
klänge vom Boykott" in seiner Nummer vom 3. Januar 1895 ist für die
Beurteilung der Interessenkämpfe, die mit dem Boykott verbunden waren,
außerordentlich interessant.

Von anderen Artikeln über die Bilanz des Boykotts sind ein
Artikel Lermann Mattutats im damaligen Wochenblatt der Partei, des
„Sozialdemokrat", sowie ein Aufsatz Ignaz Auers „Rückblicke auf
den Bierboykott" im „Sozialpolitischen Zentralblatt" vom 31. Dezember
1894 besonders bemerkenswert. Mattutats Artikel kann als die Formulierung
der Auffassung der großen Mehrheit der Berliner Gewerkschaftskommission
betrachtet werden. Mattutat wie Auer bezeichneten unumwunden den Rixdorfer
Beschluß vom 6. Mar 1894, der den Boykott herbeigeführt hatte, als eine
große Torheit und erklärten es für einen zu bekämpfenden Mißstand, so
folgenschwere Entscheidungen den Zufälligkeiten von Volksversammlungen
zu überlassen, deren Teilnehmer sich in ihrer Mehrheit der Verantwortung,
die sie mit ihren Abstimmungen auf sich nehmen, im Moment meist gar
nicht bewußt seien, sondern bloß ihrer Stimmung folgten, wobei Mattutat
es scharf rügte, daß so viele Arbeiter sich noch durch tönende Worte be-
einflussen ließen. Beide Verfasser betonen ferner scharf die Gefahren eines
zu weit getriebenen Optimismus, der sich in Überschätzung der eigenen und
Llnterschätzung der gegnerischen Kräfte ergeht. Auer bezeichnet es des
weiteren als eine aus dem Kampfe zu ziehende Lehre, daß es „noch nicht
genug ist, einen Kampf mit aller Energie und Bravour zu führen, sondern
-aß auch in diesem Falle sich der Meister in der Bescheidung zeigt". „Der
Zweck des Kampfes", schreibt er, „ist der Friede. Gewiß, nicht der schimpfliche
Friede, oder der Friede um jeden Preis, immerhin aber der ehrliche und an-
ständige Friede." Dieser Friede sei aber hier schon im September zu erreichen
gewesen, als die Brau- und Mälzungsperiode noch bevorstand, die Situation
für die Ausgesperrten also viel besser war, wie drei Monate später. Die
Zusage der Brauherren, die Ausgesperrten in ihre Betriebe nach Bedarf
an erster Stelle wieder aufzunehmen, hätte im September einen praktischen
'Wert gehabt, habe jetzt aber „fast nur mehr eine theoretische Bedeutung".
        <pb n="367" />
        ﻿353

Daher sei es ein großer
Fehler der Ausgesperrten ge-
wesen, erklärt er nun öffentlich,
den zu den Anterhandlungen
vom Septeniber entsandten
Arbeitervertretern Forderungen
auf den Weg zu geben, von
denen man im voraus wußte,
daß die Brauherren sie unter
keinen Amständen bewilligen
würden. Lediglich das Auf-
treten der Gegner mit der
„schwarzen Liste" der 33 hätte
die Arbeitervcrtretcr aus einer
sehr peinlichen Situation ge-
rettet und es so möglich ge-
macht, daß schließlich die Ar-
beiterschaft doch Siegerin blieb.

Aber nicht jedesmal verlaufe
die Sache so günstig. Meist
unterlägen die Arbeiter, wenn
sie „den rechten Zeitpunkt für
den Friedensschluß versäumen".

Das sollten die Arbeiter aus
dem Verlauf des Berliner Bier-
boykotts lernen, dann werde auch
aus „ihren Fehlern der großen Kulturbewegung, deren Träger die Arbeiter
sind, Peil erwachsen". War aber die Arbeiterschaft wirklich die Siegerin?

Offenbar war sie es nicht in dem Sinne, daß sie dem Gegner das Knie
auf die Brust setzen konnte. Aber der Kampf hatte gezeigt, daß die sozialistische
Arbeiterschaft eine Macht war, mit der sich nicht spaßen ließ. In ihrer über-
großen Mehrheit hatte sie eine Willensprobe ersten Ranges in großartiger
Weise abgelegt. Was die Bilanzen der Brauereien nicht verrieten, das ver-
rieten oder vielmehr erzählten laut die Klagen der Gastwirte und namentlich
der Saalbesitzer, welch letztere beim Friedensschluß ziemlich unsanft als
nebensächliches Element behandelt wurden. Der Bierboykott ist kein Kampf
von zwei streng abgegrenzten Mächten gegeneinander. Die Verzweigung des
Schankgewerbes stellt eine Masse von Existenzen aller Art zwischen die
Streikenden, durch die er unendlich kompliziert und seine Durchführung mit
ungewöhnlichen Lärten verbunden wird. Das sozialistische Berlin hatte sie
willig auf sich genommen und, von etlichen Amgefallenen abgesehen, die nicht
zählten, mit eiserner Beharrlichkeit an ihm festgehalten, bis die Parole kam:
„Der Kampf ist zu Ende." An den Aushängen in den Fenstern Tausender
von Wirtschaften und keineswegs bloß von Proletarier-Wirtschaften: „Nur
boykottfreies Bier" hatte man es erkennen können, welche Macht die
Sozialdemokratie in Berlin geworden war. Es fehlten nicht die bürgerlicheil
Elemente, die sich im Kampf auf ihre Seite stellten, uild namentlich jüngere
Akademiker und andere junge Leute aus bürgerlichen Kreisen »lachten in
ziemlicher Anzahl gemeinsame Sache mit der Arbeiterschaft. Aber in der

Bernstein, Berliner Geschichte. III.	23

g		
i  m  s  8  11  U  8  B  m	Herausgegeben yjP'  Berliner Lokal- ^ A Kommission	^  für  v	w Berlin  v	Ar  V* /y und Umgegend.	1  I  n  8  M  m  m  m
m		m
m	Berlin, im Mai 1890.	
m	Verlag: Wilh. Werner, Berlin.	m
g		i

169. Titelseite des ersten Arbeiter-Verkehrs-
Almanach
        <pb n="368" />
        ﻿354

Hauptsache hatte sic die Macht- und Willensprobe selbst abzulegen, und
sie hat sie mit Ehren bestanden. Sie hat die Gegner genötigt, ihr einen
Frieden anzubieten, der ein Salutieren vor dieser Macht bedeutete. Denn
was auch das Geschick eines geschulten Sozialpolitikers und die kluge
Diplomatie eines weitblickenden Unternehmers zu dem Friedensschluß vom
23. Dezember 1894 beigetragen hatten, sie hätten der Mehrheit der
Ringbrauer nicht die Zustimmung zu ihm abgerungen, wenn diesen nicht
die Willenskraft und die wirtschaftliche Bedeutung der Arbeiterklasse in so
nachdrücklicher Weise fühlbar gemacht worden wäre.

Es liegt im Wesen der wirtschaftlichen Kämpfe unserer Zeit, daß sie,
was sonst ein Widerspruch wäre, eine Stärkung beider kriegführenden Mächte
zum Resultat haben können. Auch die Brauereien gingen stärker aus dem
Kampf hervor, als sie in ihn eingetreten waren. Eine anfangs noch ziem-
lich lose Verbindung hatte nun erst wirklich sich als fester „Ring" betätigt.
Für die ihm angehörenden Brauereien war die Zeit dahin, wo man sie
einzeln vornehmen und ihnen die Bedingungen diktieren konnte. Zunächst
waren im Gegenteil die Organisationen der Brauereiarbeiter die Schwächeren.
Die Zahl der organisierten Brauer war von etwa 1000 auf 450, die der
Brauereihilfsarbeiter von 700 auf 320 gesunken. Mit den Berufs-
organisationen der Arbeiter allein, die obendrein unter sich noch gespalten
waren, wäre der Brauereiring spielend fertig geworden. Die Zugeständnisse,
die er ihnen machte, waren von der Gesamtarbeiterschaft Berlins für sie
errungen worden. Das sahen die Verständigen unter ihnen schließlich ein
und ließen es sich nun angelegen sein, das Errungene nutzbar zu machen.
Die nächsten Jahre sahen wohl noch Einzelkämpfe mit verschiedenen der
ringfreien Brauereien, Streitigkeiten mit Brauereien aber, die dem Ring
angehörten, wurden von Organisation zu Organisation verhandelt und
entschieden. Der Guerillakrieg hatte in dieser Industrie seine Rolle
ausgespielt.

Das war das Fazit des großen Bierboykotts von 1894.
        <pb n="369" />
        ﻿Zwölftes Kapitel

Die gewerkschaftliche Bewegung der Handlungs-
gehilfen Berlins.

^ie von: Geiste der modernen Arbeiterbewegung erfüllte Agitation ließ,
wie schon im zweiten Band gezeigt wurde, auch die in rascher
Steigerung zunehmende Berufsschicht der Landlungsgehilfen Berlins
nicht unberührt. Angehörige der Landelsberufe finden wir von Anfang
an in der Arbeiterbewegung, aber sie blieben längere Zeit vereinzelte Aus-
nahmen. Je mehr aber der Großbetrieb auch im Kaufmannsgewerbe sich
Platz eroberte, je mehr sich die Fälle häuften, wo das Verhältnis von
Prinzipal und Gehilfe statt ein vorübergehendes, persönliches Abhängig-
keitsverhältnis Klassengegensätze zum Ausdruck brachte, um so mehr mußte
auch das Bestreben sich geltend machen und als zeitgemäß erweisen, für
die Landelsgehilfen Organisationen zu schaffen, die von dem gleichen Geist
erfüllt waren wie die freien Gewerkschaften, das heißt, die, ohne Partei-
charakter zu tragen, in sozialistischem und nicht in kapitalistischem oder dem
Kapitalismus ergebenen Geist geleitet wurden.

Im zweiten Band konnte von diesen Bewegungen nur beiläufig Notiz
genommen, auf ihre Schicksale und Erfolge aber nicht eingegangen werden.
Die ersteren sind aber interessant und die zweiten bedeutsam genug, um
Anspruch darauf zu haben, in dieser Geschichte näher behandelt zu werden.
Es handelt sich um eine Bewegung eigener Art, in vielem der Bewegung
der Lohnarbeiter verwandt, in Einzelheiten doch von ihr unterschieden.

Einer der Pioniere, die im Winter 1882/83 die ersten Grundlagen
zur Landlungsgehilfenbewegung Berlins gelegt haben und mit ihr in
steter enger Verbindung geblieben sind, August ^L in he, hat dem Verfasser
in liebenswürdiger Weise seine Aufzeichnungen und Sammlungen zur
Verfügung gestellt, und vornehmlich auf Grund ihrer soll die Bewegung
hier eine kurze Darstellung erfahren.

Im Anschluß an die große Agitation des Jahres 1883 für die Sonn-
tagsruhe im Landelsgewerbe ward am 18. November 1883 eine „Freie
Organisation junger Kaufleute" ins Leben gerufen, in deren ersten
Vorstand wir neben Karl Nosenthal und E. L- Friedrichs auch
Aug. Lintze finden. Ihr Programm bestand aus acht Punkten: Fest-
legung der gesetzlichen Kündigungsfrist als Mindestgrenze für Kündigungen,

23*
        <pb n="370" />
        ﻿356

Regelung des Lehrlingswesens und der Arbeitszeit, Regelung der Sonn-
tagsarbeit, Unterstützung in Fällen von Krankheit und Invalidität, Ver-
sicherung gegen Stellenlosigkeit, Diskussion und Regelung der Gehaltsfrage,
Stellungnahme zu allen die Gehilfen betreffenden Tagcsfragen. An der
Agitation für den Verein und sein Programm beteiligten sich neben den
Genannten als Redner besonders lebhaft Albert Auerbach, Leopold
Liepmann und Gustav Miecker. In einem kaufmännischen Fachblatt
„Lande! und Verkehr" fanden sie kurze Zeit ein Organ, das jedoch mit
Ende 1883 wegen Geldmangel sein Erscheinen einstellen mußte. Der
Verein aber zählte um diese Zeit schon 400 Mitglieder. Er fühlte sich
stark genug, die Agitation nach außerhalb zu tragen, knüpfte allerorts
Verbindungen an und hatte die Genugtuung, daß auf einem Kongreß kauf-
männischer Vereine, den er einberufen hatte und der Pfingsten 1884 im
Architektcnhaus in Berlin tagte, 30 Vereine durch 60 Delegierte ver-
treten waren und die Gründung eines Verbandes kaufmännischer Vereine,
sowie einer nationalen Krankenkasse für kaufmännische Angestellte beschloß.
Mit der Ausarbeitung der Statuten wurde die Berliner freie Organisation
beauftragt.

Bis dahin hatten die Behörden der Bewegung wenig in den Weg
gelegt. Der für damalige Verhältnisse glänzende Verlauf des Kongresses
hatte aber die Furcht der älteren, ganz im bürgerlichen Fahrwasser
schwimmenden kaufmännischen Vereine erweckt, daß die Bewegung ihnen
über den Kopf wachsen könne, sie verlegten sich nunmehr darauf, mit allen
Kräften gegen die neue Schöpfung zu agitieren, wobei der Lirschsche
„Verein der deutschen Kaufleute" sich besonders hervortat, gaben überall
herum, daß die Leiter der Organisation verkappte Sozialdemokraten seien
und erlebten den Triumph, daß die gleichfalls alarmierte Polizei einige
Versammlungen der Berliner Stanim-Organisation auflöste. Nun bekamen
die auswärtigen Vereine Angst, einer »ach dem anderen erklärte seinen
Rücktritt, und die Idee des Verbandes mußte als verfrüht aufgegeben
werden. Lediglich die geplante nationale kaufmännische Kranken- und
Sterbekasse konnte ins Leben treten. Ihr Statut erhielt Anfang 1885 die
Genehmigung der Aufsichtsbehörden, und ihr erster Vorsitzender wurde
August Linhe, der das Amt mit kurzer Unterbrechung die ganze Zeit
über bis in die Gegenwart versehen hat.

Im übrigen blieb die „Freie Organisation" auf sich selbst angewiesen,
warf aber darum durchaus noch nicht die Flinte ins Korn. Im Früh-
jahr 1885 rief sie ein neues Blatt, „Der Landlungsgehilfe, Organ
zur Wahrung der Interessen der konditionierenden Kaufleute", ins Leben,
das dreimal monatlich erschien und von Karl Rosenthal redigiert wurde.
Es war ein tapfer gehaltener Vorläufer des heutigen „Landlungsgehilfen-
Blatt", ward von der kleineren Vereinigung mit großer Opferwilligkeit
mehr als zwei Jahre, vom 10. Mai 1885, dem Datum seiner ersten
Nummer, bis Ende September 1887 am Leben erhalten und hat in dieser Zeit
viel fluchttragenden Samen ausgestreut. Die Freie Organisation ließ keine Ge-
legenheit vorübergehen, für ihre Grundsätze und Forderungen zu agitieren; auf
verschiedenen, von Behörden und amtlichen Personen veranstalteten Konfe-
renzen zur Beratung von Fragen des kaufmännischen Berufs finden wir auch
sie durck führende Mitglieder vertreten. Sie nimint gegen ein reaktionäres
        <pb n="371" />
        ﻿357

Denn ob der MeichSlag (1* Woniltl
WrotcfsotfjQji. troo alledem
Und ob bet lleulel teoglti
TOli Hur und Harn und aHcbeni,

Trotz alledem »mb altcbcn»

Trotz Dummheit, (!i|l und alledein
Wir lollse» doch: Die MenschUchle»
Bidlttl den Steg. Iratz alleren»!

Seid, gretllgraltz.

Gutachten des Ältestenkolle-
giums derBerlinerKaufmann-
schuft in Sachen der Kündi-
gungsfrist kräftig Stellung in
einer Broschüre: „Vertritt das
Ältestenkollegium die Gesamt-
interefsen der Berliner Kauf-
mannschaft?"; sie pocht mit
einer Eingabe, welche die Aus-
dehnung des Krankenver-
sicherungszwanges auf die
Handlungsgehilfen fordert,
ail die Türen des Berliner
Magistrats — zunächst aller-
dings noch vergebens, dagegen
machen in einer von ihr ver-
anstalteten großer» öffent-
lichen Versammlung, in der
A. Auerbach über die „So-
zialreform und der Kauf-
mannsstand" referierte, dessen
Referat und die Debatte einen
solchen Eindruck auf den an-
wesenden konservativen Ab-
geordneten Dr. Lartmann,
daß dieser erklärt, er habe von
den gekennzeichneten Zustän-
den bisher keine Ahnung ge-
habt, werde aber nun für die
Forderungen der Gehilfen ein-
treten. Ein am 3. März 1887

in Stettin gehaltener Vortrag Auerbachs: „Die Landlungsgehilfen-Be-
wegung in ihren Ursachen und Zielen" übt eine so zündende Wirkung,
daß sich sofort eine Mitgliedschaft konstituiert. Denunziationen der bürger-
lichen Presse, es handle sich um eine sozialdemokratische Gründung, haben
aber auch hier wiederum die Wirkung, daß die Beigetretenen hinterher
ängstlich werden und sich wieder zurückziehen. Aber auch in Berlin selbst
stellte sich ein verhängnisvolles Abflauen der Bewegung ein. Es war
die Zeit des Puttkamerschen Streikerlasses und der verschärften Spitzel-
wirtschaft. Sich häufende Versammlungsauflösungen und fortgesetzte
Denunziationen schüchterten einen großen Teil der Gewonnenen ein und
raubten dem Verein bei einer iin sozialen Denken sonst rückständigen Berufs-
schicht, wie es die große Mehrheit der Landlungsgehilfen waren, jede Werbe-
kraft. Ihn unter diesen Umständen fortsetzen wollen, hätte kraftvergeudende
Vereinsspielerei geheißen, und so ward am 8. Dezember 1887 in einer zu diesem
Zweck einberufenen außerordentlichen Generalversammlung die „Freie Organi-
sation junger Kaufleute" von ihren Schöpfern selbst zu Grabe getragen.

Sie sollte jedoch nicht lange ohne Nachfolger bleiben. Es kamen der
Tod Wilhelms I., die 99 Tage Friedrichs III., der Sturz Puttkamers,

Kollegen, Kolleginnen!

Noch ist die entscheidende Schlacht nicht geschlagen, noch gilt es
heiße Kämpfe führen, um die gesetzliche Einführung des 8 Uhr-SchlusseS
zu erringen. Immer lauter erschallt das Wuthgeheul der gcsammten
Unternehmerschaft darüber, daß man ihnen die Ausbeutung ihrer Lohn-
sklaven auf 15 Stunden täglich beschränken will.

Kollegen, Kolleginnen? Euch erwächst hieraus die Ausgabe,
unermüdlich die Agitation für. den 8 Uhr'"Schluß zu betreiben und
jede Gelegenheit zu benutzen, öffentlich "diese Eure Forderung zu
dokumentiren. Deshalb. Kollegen und Kolleginnen, ist es Eure Pflicht
vollzählig zu erscheinen in der am

Donnerstag, den 18. Juni 1890

Abends 9 Uhr

stattfindender»

GrchliWIichcliNkchmlMg

Cohns Festsälrn. Kruth Sir. 20/22.

Tagcs-Ordnung

i. Die Handlungs-Gehilfen und die neueste Gesetzgebung
Referent: Reichstag?'Abgeordneter Bogt her l

2	Diskussion.

3	Verschiedenes.

Drr JlfririMcusmiiitn im fiftiirur KandluW-Ethilsk»

Albert Wilde, Berlin 6.. Linie»-Straße 2,

170. Versammlungs-Einladung
        <pb n="372" />
        ﻿358

und gegen Ende 1889 zeigte es sich deutlich, daß das Sozialistengesetz in
der alten Form nicht werde fortleben können. Die Treugebliebenen sahen
die Zeit gekommen, das Werk von neuem aufzunehmen. Am 10. Oktober 1889
ward im alten Geist eine neue Organisation geschaffen, die den Namen erhielt:
„Freie Vereinigung der Kaufleute", und als führende Mitglieder sehen
wir wieder: A. Auerbach, A. Lintze, L. Liepmann, G. Miecker und K. Rosen-
thal, denen sich später u. a. Willy Friedländer, Berthold Key mann, Alb.
Kohn, Zul. Lissauer, Benno Maaß, Aug. Penn, Jul. Türk und Jakob
Wiebe in Agitations- und Verwaltungsarbeit zugesellen. Am 27. Oktober
1889 hielt sie ihre erste öffentliche Versammlung mit einem Referat Lintzes
über die Zustände in den Kolonialgeschäften ab, am 24. Januar werden
in einer von ihr gemeinsam mit den Organisationen der Lausdiener und
der Landels- und Transportarbeiter veranstalteten großen Versammlung,
nach Referaten von Vertretern aller drei Berufe, Resolutionen gefaßt,
welche die Bestimmung, daß die Geschäfte an Sonn- und Feiertagen
spätestens 12 Ahr mittags zu schließen sind, als Mindestforderung all dieser
Berufsgruppen bezeichnen und sich für Demonstrationen am 1. Mai zu-
gunsten des Achtstundentages aussprechen. Eine noch größere Versamm-
lung wurde am 24. Februar 1890 zur Erkämpfung der Sonntagsruhe der
Landelsgehilfen abgehalten. Sie zählte weit über 2000 Teilnehmer, die
dem Referenten Auerbach und dem in der Debatte das Wort nehmenden
Paul Singer begeistert zustimmten und eine aus den Sozialdemokraten
Lintze, Kannengießer und Rosenthal und dem Freisinnigen Noah
zusammengesetzte Deputation beauftragten, dem Minister von Berlepsch die
Resolution der Versammlung zu unterbreiten, selbst aber nach Lochrufen
auf die Sozialdemokratie unter Absingen der Arbeitermarseillaise aus-
einandergingen. Vor dem Minister, der die Deputation empfing, ent-
wickelten Lintze und Roscnthal, daß die Forderungen der Landelsgehilfen volle
Sonntagsruhe und gesetzliche Verkürzung der täglichen Arbeitszeit lauteten, die
Beschränkung der Verkaufszeit an Sonntagen könne nur eine Äbergangs-
maßregel sein. Berlepsch meinte, man könne in diesen Dingen dem Lund
den Schwanz nur stückweise abhacken, versprach aber, sich dafür einzu-
sehen, daß die Läden an Sonntagen keinesfalls über 3 Ahr mittags hinaus
offen gehalten werden dürften und daß über die Arbeitszeit im Landels-
gewerbe amtliche Erhebungen veranstaltet würden, was er denn auch ge-
halten hat. Es kam als erster, praktischer Erfolg des fast zehnjährigen,
mühevollen Kampfes für die Sonntagsruhe im Landelsgewerbe das Gesetz
vom 1. Juni 1891 zustande, das die Beschäftigung von Gehilfen, Lehr-
lingen und Arbeitern im Landelsgewerbe an Sonntagen auf fünf Stunden
im Tag beschränkt, und die Kommission für Arbeiterstatistik ward zu einer
Erhebung über die Arbeitszeit, Kündigungsfristen und Lehrlings-
verhältnisse im Landelsgewerbe veranlaßt, die sich bis zum Jahre 1896
hinzog.

Diese Erhebung ward von der „Freien Vereinigung der Kaufleute"
mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und nach Kräften behufs Förderung
einer wirksamen Gesetzgebung ausgenutzt. Der Minister ließ auch der
Vereinigung einen Fragebogen zugehen, und diese sorgte nach Kräften
dafür, die ungeschminkte Wahrheit ans Licht zu bringen. Sie hatte ein
neues, im sozialistischen Sinne gehaltenes Organ für Landelsgehilfen
        <pb n="373" />
        ﻿Handlungsgehilfen! Handlungsgrhilßnnen!

Der Reichstag hat den Gesetzentwurf der Regierung, der Eure tägliche Arbeitszeit
auf 14 Stunden festsetzt,- einer Kommission überwiesen. Diese hat Gegenvorschläge gemacht,
die thatsächlich eine Verbesserung des Regierungsantrages bedeuten. Kaum waren dieselben
bekannt, da erhob sich unter der Prinzipalität ein Sturm der Entrüstung, War doch ihre
Freiheit, Euch ausztzbeuten, in etwas beschränkt worden. Wußtet Ihr doch jetzt, wann,
unabhängig von der Laune her Chefs, Eure Ruhezeit beginnt: wann Ihr Euch Eurer
Familie, Eurer Erholung, Eurer Fortbildung widmen konntet.

Den» Anstur,n der Schreier droht die Regierung nach-,»geben. Alles wollen
jene der freien Vereinbarung überlassen! Keine gesetzliche Festlegung! Hohn und
Spott über die „freie Vereinbarung"! Was ist sie unserer Prinzipalität, ihr, die sich mit
Ruhe über Gesotz und Recht wegsetzt?!

Eine gesetzliche Sonntagsruhe besteht seit Jahren, So kümmerlich sie ist, wir
begrüßten sie als ersten Schritt zur Besserung unserer Lage, Doch wo ist sie hin? Heute,
nach kaum zehn Jahren, kümmern sich Eure Prinzivale nicht mehr un, jene Vorschriften, ver-
achten das Gesetz, schlagen den Ueberwachnngsorganen ein Schnippchen,

Und warum?	.

Weil jene Matzregeln nur halbe waren, Eure Sonntagsruhe nur eine
thrilweise.

Kollegen und Kolleginnen! „Noth lehrt beten", sagt das Sprüchwart, „aber Noth
lehrt auch kämpfen!"

Nur eine einheitliche Sonntagsruhe kann uns frommen! Nur die Ver-
kürzung unserer täglichen Arbeitszeit kann uns ein menschenwürdiges Dasein gewähren!

Darum, Kollegen und Kolleginnen, benutzt jede Gelegenheit, für Eure Rechte zu
demonstriren. Zeigt den gesetzgebenden Körperschaften, welches Eure Wünsche sind.

Erscheint alle in der am

Mittwoch, de« 20. September, Abends 8I2 Ahr

stattfindende»

Großen öffentlichen

öersammlung der Randeisangestellten

in der Berliner Reffouree, Kommandantenstr. 57.

Tages Krdnung.

1,	Vortrag des Reichstags-Abgeordneten pksnnleuvk über: „Der gesetzliche

Ladenschlutz".

2,	Vortrag des Kollegen Augua* Hintze: „Die Sonntagsruhe vor den

Stadtverordneten".

3,	Diskussion

Aköert Kohn.

Vertrauensmann der Berliner Handlungsgehilfe» und Gehilfinnen,
___________- schliemannftratze 11, II,

I|b StV|09. stiert sto&amp;n.	n.~ Druck- Maurer u. DU»ml«. SetUii.

171. Flugblatt zugunsten der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe
        <pb n="374" />
        ﻿360

Berlins ins Leben gerufen, „Der Kandels-Angestellte", das zweimal
monatlich herauskam und offen das sozialdemokratische Banner entrollte;
seine Redaktion wurde von 1892 bis 1894 durch Julius Türk, dann von
Benno Maaß und August Penn, und im Jahre 1898 von dem zu früh
verstorbenen Wilhelm Swienty geführt. Der „Kandels-Angestellte" nun
brachte das ministerielle Rundschreiben zum Abdruck und setzte in auf-
klärenden Artikeln seinen Lesern die Wichtigkeit der Erhebungen aus-
einander; der Vorstand der Vereinigung aber arbeitete auf Wunsch einer
Mitgliederversammlung, in der das Rundschreiben besprochen worden war,
behufs Veranstaltung eigener Erhebungen einen ganzen Arbeitsplan aus,
den er nach Genehmigung durch die Mitgliedschaft dann zur Ausführung
brachte. Es wurden Referate über die einschlägigen Fragen gehalten und
dann an 293 Mitglieder der Vereinigung Fragebogen versandt, von denen
bis zum 8. Oktober 1893 145 ausgefüllt zurückkamen. Diese Antworten,
die von Kaufleuten verschiedener Berufsklassen und Berufsabteilungen
herrührten, wurden nun systematisch zusammengestellt und auf Grund ihrer
wiederum nach eingehenden Besprechungen, die Antworten der Vereinigung
formuliert und dem Minister übersandt. Äber alles das berichtet genau
die von der Vereinigung herausgegebene Broschüre: „Der Kandlungs-
gehilfe und die Kaiserliche Sozialreform, eine Antwort an den
Minister v. Bötticher, betreffend die Arbeitsverhältnisse im Landels-
gewerbe" (Berlin 1893). Sie war von Alb. Auerbach ausgearbeitet, der
schon 1891 eine wirksame Agitationsschrift „Der Kaufmann und die
Sozialdemokratie" verfaßt hatte, aber von nun an in den Kintergrund
tritt. Für die mündliche Auskunft vor der Kommission für Arbeiter-
statistik, in der die Sozialdemokratie durch Kermann Molkenbuhr ver-
treten war, wurden von der Vereinigung als ihre Vertreter Otto Berger
und Jakob Wiebe bestimmt. Sie fanden dort einen Gesinnungsgenossen
in dem Vertreter der Nürnberger Vereinigung der Kaufleute, Emil Dörn-
berger-Fürth, und die drei traten bei den Vernehmungen, die vom
9. bis 20. November 1894 stattfanden, kraftvoll für die Forderungen der
Vereinigung ein.

Es dauerte bis zum Frühjahr 1896, bis die Reichskommission auf Grund
der Vernehmungen ihren letzten Bericht abfaßte, der bestimmte Vorschläge
enthielt, und erst im Jahre 1898 brachte die Reichsregierung einen Gesetz-
entwurf vor den Reichstag, in dem diese Vorschläge ohne wesentliche Ver-
änderung verarbeitet waren. Auch der Reichstag nahm keine erwähnens-
werte Veränderung an den vorgeschlagenen Bestimmungen vor, die Be-
mühungen der sozialdemokratischen Abgeordneten, sie zu verschärfen und zu
erweitern, blieben vergeblich. In ihrer endgültigen Gestalt ist die Vorlage
als „Gesetz vom 30. Juni 1900" proklamiert und der Gewerbeordnung ein-
verleibt worden. Sie bestimmt für Kandlungsgehilfen in Städten von über
20000 Einwohnern und Geschäften mit mindestens zwei Gehilfen und Lehr-
lingen eine Mindestruhezeit von 11 Stunden hintereinander (in kleineren
Städten und Geschäften mindestens 10 Stunden), eineinhalbstündige Mittags-
pause für Gehilfen und Lehrlinge, die ihre Mahlzeit außerhalb des Ge-
bäudes einnehmen, in dem die Verkaufsstelle liegt, Ladenschluß von 9 Ahr
abends bis 5 Ahr früh, und gestattet eine weitere Kerabsetzung der Zeit
für den offenen Verkauf, „sobald zwei Drittel der Geschäftsinhaber dies
        <pb n="375" />
        ﻿HMiNMWil titib HMkWSSkliilDiik»!

Die OrksKranKruKasse für Handlungs-
gehilfen und -Lehrlinge zu- Berlin, die vom hie-
figen Magistrat ant 25. November 1892 gegründet wurde
und deren Statuten 'am 14. Dezember 1892 durch den
Bezirksausschuß die Genehmigung fanden, soll durch einen

Beschluß des ObcrverwaltungSgcrichtS
werden.

Die formalen Bestimmungen des Gesetzes bieten für
diese lief einschneidende Maßnahme, welche die Interessen
der Beiheiligten auf das Empfindlichste schädigt, leider eine
Handhabe.

Nach tz.16 des Krankenverstcherungsgesetzes vom 10. April
1692 dürfen Öriskrankenkassen nur für Gewerbszw'eige und
Betriebsarten, aber nicht für bestimmte Personenkreise
gegründet werden.

D&gt;ä aber die Rechtsausfassung der betheiligten Behörden
trotzdem die Gründung unserer Kasse zuließ und die jetzt seit
5 Jahren bestehende Kasse sich so gut bewährt hat, finanziell
so gut fundirt' ist und alle anderen Kassen Berlins an
Leistungen Und Mohlsahrtsbestrebungen in hohem Maße
überragt, ist diese Auflösung ein empfindlicher Schaden für
die Handlungsgehilfen, -Gehilfinnen und '-Lehrlinge Berlins.

Die Wohlthat der Krankenversicherung wird durch diesen
Beschluß eine wesentliche Einschränkung erfahren. Die
SrlbflVerWaltNNA wird den Versicherungspflichtigen
genommen und sie werden den diversen Kassen gewerblicher
Arbeiter, entsprechend dem Betriebe, in welchem sie thätig
sind, angegliedert werden.

Der durch die Beitrage der Handlungsgehilfen rc.
geschaffene große Reservefonds von 170 000
Marli wird unter die anderen Kaffen vertheilt werden
und für die günstigen Bestimmungen unseres Statuts treten
die bedeutend ungünstigeren Statuten anderer Kassen in Kraft.

. Während es der gute finanzielle Stand unserer Kaffe
der Leitung gestattete, den Mitgliedern in liberalster Weise
kleine Heilmittel, hohe Krankengelder und eine unnntcr.
brochenS Unterstühungsdancr von 52 Wochen, vom ersten
Tage der Mitglledschaft ab. zu gewähren, sind die übrigen
Kassen durch die Bestimmungen ihrer Statuten und durch

ihren schlechteren Vermögensstand hierzu weder in der Lage,
noch werden die unserem Berusskreise ferner stehenden
betreffenden Verwaltungen bei der großen Zahl ihrer Mit-
glieder die von unserer Kassenlcitung stets beobachtete Für-
sorge und Rücksichtnahme auf den Einzelnen ausüben können.

Die wohlthätige Einrichtung der Gewährung von 'Land-
aufenthalten an Nckonvaleszenten wird ganz verschwinden
und nur das statutarisch festgesetzte Allcrnothwcndigstc ge-
leistet werden können, während unsere Mitglieder durch
den aus eigener Kraft erworbenen guten Ver-
mögrnsstsnd ein moralisches Anrecht auf
Weitergewährung -er Unterstützungen im
bisherigen Umfange haben.

Handlungsgehilfen und Gehilfinnen Berlins!

Eure Kaffe gewährt:

&gt;. Vrkttilirngrld für dir Dauer von

62 Wochen einschließlich dcrToiintngc bis zur
Höhe von 14 Mark nebst freier ilrzllichc«
Behandlung und Medizin.

2.	Kleine Heilmittel in Gestalt von Wein,
Cognac, Milch, Brillen, Bandagen, künstliche
Zähne und Plomben.

3.	Landanfrnchalt an Rrkronvalrs-

fEHfElt mit Gewährung von ein- bis einundtiu-
halbfachem Krankengeld.

Die Krankenkaffcn, denen Ihr wider Willen zugeführt
werden sollt, die Euren Reservefond unter sich vertheilen
und denen Ihr Eure Beiträge zahlen müßt, gewähren:

1.	Bedeutend geringeres Krankengeld bei einer Unter-
stützungsdauer von 13 bis höchstens 26 Wochen,
meist unter Fortfall der Sonntage.

2.	Kleine Heilmittel nur in sehr geringem Umfange.

3.	Keinen Landaufenthalt.

Es ist daher Eure Pflicht» Eure Interessen
zu wahren und gegen diese aus einer lückenhaften Gesetz-
gebung hervorgegangene und nicht im Sinne der gesetz-
gebenden Körperschaften liegende Auslegung des -Gesetzes
durch das Oberverwaltnngsgericht energischen Protest ein-
zulegen.

Es findet zu diesem Zwecke am

DonnrvMg. den 8. Juli, Abends 9 Mhv

in Cohii's Festsälen, Beuth-Straße 20,

Protest- Versammlung

statt,'für deren zahlreichen Besuch einzutreten Eure Schuldigkeit ist.

Der Vertrauensmann der Berliner DandlunMMrii imö --Gehilfinnen

sslöert Kehn, Schliemann-Strallc 1«.

Truck von Max Bading. Berlin SW.. Bcuthstrastr S-



l1

172. Protestflugblatt gegen die Auflösung der Ortskrankenkasse
        <pb n="376" />
        ﻿362

beantragen". Das sind nur kleine Verbesserungen nach so vieler Vorarbeit,
aber immerhin sind es Verbesserungen, und der rastlosen Agitation der Ver-
einigung und ihrer Nachfolgerin ist es in erster Linie zu verdanken, daß
im Jahre 1908 in Berlin der Achtuhrladenschluß den Neunuhrladenschluß
verdrängt hat.

Als in der Wintersession 1895/96 der mittelstandsretterische Entwurf
des Gesetzes wider den unlauteren Wettbewerb mit seinen, die Bewegungs-
freiheit der Landlungsgehilfen bedrohenden Konkurrenzklauseln vor den
Reichstag kam, berief die Vereinigung auf den 10. Januar 1896 eine
Protestversammlung ein, mit Paul Singer als Referenten. Sie füllte
die geräumigen Kellerschen Festsäle bis auf den letzten Platz und nahm
einstimmig eine geharnischte Resolution gegen den von Singer unter stür-
mischer Zustimmung gebrandmarkten Versuch an, durch die betressenden
Paragraphen des Gesetzes (§§ 9 und 10) die Landlungsgehilfen mittels
unerhört hoher Konventionalstrafen an der Verwertung ihrer Arbeits-
kraft zu behindern. Der Protest hat die Entfernung der anstößigen Para-
graphen aus dem Gesetz nicht erreichen können, aber er hat dazu bei-
getragen, daß sie eine Fassung erhielten, die der willkürlichen Deutung einige
Schranken setzt.

Mittlerweile waren an verschiedenen anderen Orten Deutschlands
Freie Vereinigungen von Kaufleuten ins Leben getreten, die in gleichem
Geist geleitet wurden wie der Berliner Verein und meist auch der von
ihm ausgehenden Propaganda ihre Gründung verdankten. Der Verein
hatte eine Agitationskommission, die sich speziell mit der Verbreitung
seiner Grundsätze beschäftigte. Längere Zeit ward die Verbindung der
örtlichen Vereine untereinander durch ein Vertrauensmännersystem be-
trieben, das dem der lokalistischen Gewerkschaften entsprach. Im Jahre
1896 hielt jedoch die Berliner Vereinigung die Zeit für gekommen, einen
nationalen Kongreß der gleichgesinnten Kollegen zu veranstalten. Die
Agitationskommission ließ die Einladungen ergehen, und in den Ostertagen
1896 tagte in Berlin im Saal der Berliner Ressource „der erste Kongreß
aller auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung stehenden Landlungs-
gehilfen und Gehilfinnen Deutschlands". Er war aus 22 Orten durch
28 Delegierte beschickt, darunter Fräulein Klara Laase-Berlin, M. Ioseph-
sohn-Lamburg, R. Lipinski-Leipzig und Dr. Max Qnarck-Frank-
furt a. Main. Der entschieden sozialistische Charakter des Kongresses
ward schon durch die Büsten von Marx und Lassalle symbolisch ver-
anschaulicht und außerdem durch Annahme einer Resolution bekräftigt,
in der es heißt, daß „nur die sozialdemokratische Partei die Interessen der
Landlungsgehilfen vertritt" und die Delegierten aufgefordert werden, in
allen Städten zu wirken, daß „offen der Anschluß an die allgemeine pro-
letarische Arbeiterbewegung und an die Sozialdemokratie proklamiert wird".
Eine Gegenresolution sprach sich nicht rundweg für den Anschluß an die
Sozialdemokratie aus, betonte aber gleichfalls die Notwendigkeit des Klassen-
kampfes für die Landlungsgehilsen und die Erziehung von Sozialdemokraten
durch den Klassenkampf. Neben Fragen des gesetzlichen Schutzes und der
Versicherung der Landlungsgehilfen beschäftigte den Kongreß auch die Frage
der Gründung eines Zentralverbandes derLandlungsgehilfenDeutschlands, der
ähnlich wie andere gewerkschaftliche Zentralverbände Anterstützungseinrichtungen
        <pb n="377" />
        ﻿An die

Handlungsgehilfen Berlins!

RoUegen!

Di, Handlungsgehilfen sind &lt;«» L°g»

ver FazraldrmoLraire übergrschwenkt!

Endlich kommt der freisinnigen Volkspartei diese Cr-
jkerMtniß. Sie sucht daher in letzter Stunde zu retten, was
iwch zu retten ist, um die wenigen ihr treu gebliebenen üuch
schon schwankenden Kollegen an ihr /verschlissenes Banner
zu fesseln.

Doch wie thut sie das? Unfähig, ein eigenes Flug,
ökatt zu verfassen, greift sie rn den bekannten Lngensäck der
„Freisinnigen Zeitung" und druckt den Extrakt derselben
als Flugblatt.

Kollegen! Die sozialdemokratische Partei soll sich erst
vor den Wahlen ‘ drs 8 Uhr-Ladenschlussev erinnert hohen:
so steht auf der ersten Seite des Machwerks! Ihr, die Ihr
unser Blatt, „Der Handels-Angestellte", gelesen habt. wißt,
daß. so lange diese Frage aus der Tagesordnung ist. wir,
die sozialdemokratischen Handlungsgehilfen, unentwegt für
diese Forderung eingetreten ' sind und daß sich im gleichen
Sinne der sozialdemokratische Parteitag zu Gotha 1896
entschieden hat. — Aber dir Abschreiber des Flugblattes
Sesne« 1-r alleine die Unwahrheit ihrer Behauptung.
Denn wie steht auf der zweiten Seite ihres Machwerks?
„Die Sozialdemokratie macht den Freisinnigen zum Vorwurf,
daß in der Kommission für das Handelsgesetzbuch ihre An-
träge auf Einführung eines MaximalarbeitStatzeS für
Handlungsgehilfen mit allen Stimmen gegen die der Sozial-
demokraten abgelehnt worden sei."

Die foziardemokratifche Partei hat bereits im
Jahre 1830 bei Vorlage eines Entwurfes, zu eiuem voll-
ständigen Arbeiterschutzgesrtz die Festlegung der Arbeitszeit
nLch für das HandekSgrwerbr gefordert und fcitd-m ist
r.nsrre Presse unausgesetzt dafür eingetreten.

Die frerstnurse NoU-.oparter dagegen hat sich in
der von den freisinnigen Kollegen zitirlen Rede Eugen Richters
Argen den gesetzlichen 8 Uhe-Laderrfchl«tz erklärt,
trotzdem der Herr alle Mißstände im Handelsgewerbe, die
nach den entsetzlichen Enthüllungen in der Kommission für
Ar'oeiterstatistik klar vor Allee Augen lagen, anerkennen
mußte. Und wie nennt das freisinnige Muchwer! eine solche
Stellungnahme? „Jeder Unbefangene wird zugeben müssen,
daß diese Stellung die Jnterrss« der Handlungsgehilfen in

jeder Beziehung berücksichtigt.- Wer lacht da? — Wir
wiederholen noch einmal den Vorwurf, daß Mitglieder der
freisinnigen Volkepartei bei Gelegenheit der Berathung des
Antrages Gemp auf Verschlechterung der Sonntagsruhe
im Abgeordnetenhause geschwiegen haben! Zum Eintreten
für die Interessen der Handelsangestellten bedurfte es bei
dieser Gelegenheit nur Mannesmuth. der auch diesmal den
14 Freisinnigen 'wieder fehlte.

Unerhört ist der Vorwurf, die sozialdemokratische Partei
habe ihre Anträge bei Berathung des Handelsgesetzbuches
nicht ernst gemeint! Wie würden die freisinnigen Mannes,
freien zetern, wenn wir einen solchen Borwurf bei irgend
einem Antrage der Freisinnigen in die Welt schleuderten! —
Die Freisinnigen sagen weiter, unsere Angriffe seien nnr aüü
dem Zusammenhange herausgerissen. Theile von Reden.

Gut? Lassen wir die Thaten sprechen.

Dir Irrlstunstzevr, beider Richtungen. HkLurmtett
gegen die gesetzliche Festlegung der Sonntagsruhe;
gegen die Einrichtung von kaufmännischen Schiedsgerichten
analog den Gewerbegerichlen;
gegett die Sitzgelegenheit für Verkäuferinnen;
gegrr» Beschränkung der Arbeitszeit für jugendliche Arbeiter
und Gehilfinnen;

gsgett MinimalründigungSfrist von 4 Wochen;
gegen Freigabe von zwei Stunden täglich für Kollegen in
gekündigter Stellung;

gegen die Festsetzung einer gesetzlichen Arbeitszeit im HandelS»
gewerbe, getreu den Worten Eugen Richters: „Die
freisinnige Vollspartet ist gegen die Einführung eines
allgemeinen Maximalarbeitstages." (Abc-Buch für
1893. S. 24.)

Die Frrlstrmrge». beider Richtungen. fttmwltn
füv die Konkurrenzklausel;

und fKe die Knebelparagrapheu 9 uud 10 des Gesetzes gegen
den unlauteren Wettbewerb.

Das find Thatsache». rmd Thatsache»« vshtu
eltte eindringliche Sprache.

Um diesen Verrath, an unseren vitalsten Interessen zu
verschleiern, glauben die Abschreiber des Flugblattes, auf
die Verhältnisse der Handlungsgehilfen im Zukunftsstaare.
natürlich wie er in ihrem Hirn spukt, hinweisen zu müssen.

Wie steht es aber in der Gegenwart?

Ist wirklich jeder Chef Handlungsgehilfe gewesen?
Kann wirklich jeder Handlungsgehilfe Chef werden?

, ; [ 173 und 174. Flugblatt zur Reichstagswahl 1898
        <pb n="378" />
        ﻿Getreu nach Eugen Richter erzählt das Flugblatt, auf
476624 im Waaren- und Produktenhandel stehende Ge-
schäftsbetriebe giebt es 520 646 Angestellte. Richtig!

Wie sieht eS mit diesen selbständigen Personen aber
auS. wen alles zählt die Statistik dazu'? Alle Grünkram-
händler. alle Kohleukeller. all« Milchhändler, alle Lumpen-
un) Produktenkcller und di- zehntausende von kleinen
Ladengeschäften, die ihre jämmerliche Existenz nur dadurch
fristen, daß die Frau dem Geschäft vorsteht, der Mann den
Hauptverdienst in der Fabrik oder dem Bureau erwirbt. —
Kollegen! Das ist die vielgerühmte Selbständigkeit!
So sehen die „Zukunftsbilder" der 42 freisinnigen Unter-
zeichnn des Flugblattes aus.

Handlungsgehilfen! Einzig und allein die So?lal-

drnrskratie ist für dir uou der freistrruige« Pslks-
Partei, abgelehnte« Forderungen stets ringetreteu.

Siehst unsere Interessen wahrgenommen mit gleichem Eifer,
mit gleichem Pflichtgefühl, wie die der Proletarier im Kittel
und in der Blouse.

Immer trauriger wird unser, Lage, immer geringer
unsere Entlohnung, immer entwürdigender die Behandlung'
seitens unserer Chefs, immer länger unsere Arbeitszeit.

- Die freisinnige Partei hat in langen Jahren be-
wiesen. daß sie weder gewillt, noch im Stande ist.
nnsere Interessen zu vertreten, datz wir für sie nur gnt
sind als Stimmvieh. Gebt daher die einzig gebührende
Antwort darauf am 16. Iuui und wählt Mann für
Mann nur

Sozialdemokraten.

Die Kandidaten der sozialdemokratischen Partei sind:

I. Wahlkreis: Redakteur H. Poetisch.

II. Wahlkreis: Schriftsteller Rieh. Fischer.
III. Wahlkreis: Rechtsanwalt Wolfg. Heine.

IV. Wahlkreis: Kaufmann Paul Singer.

V. Wahlkreis: Redakteur Roh. Schmidt.
VI. Wahlkreis: Redakteur W. Liebknecht

Teltow-BeeSkow-Storkow: Gastwirth Fritz Zubeil.
Nikde»Barnim: Arthur Stadihagen.

Dienstag, den Juni &gt;898, Abends 9 Uhr

Große öffentliche Versammlung

im

liOuisenstriäl. Concerthaus, Alte Jakobstr. 37.

@0B*6-®rb«nng:

I. Vortrag (Iber: „Die politischen Parteien und die Handluitksgehilsen'. 2. Diskussion,

Der Dertraneusman«
dir Berliner Handlungsgehilfen und -Gchilsiin-ru.

Aldrrt Kotzn, Schliemannstr, ff, II,

Aandlungsgehisten! Leset das Krgan, das Eure Antercssen einzig und allein
vertritt, den

„Handels-Angestellten".

(Expedition: Ekarlsite-iburg-RerNn, Pestalnzzi-Zkrssse 31.)

Redaklton und Verlag: Albert Kohn, Berlin di., Schliemannstr. 11. — Druck: '^tcnlrrr &amp; D'.mmicl, Berlin Ü-, Voutfen-Vferll

173 und 174. Flugblatt zur Reichstagswahl 1898
        <pb n="379" />
        ﻿haben und dadurch denjenigen Kollegen, die aus den alten kaufmännischen Ver-
einen ausschieden, einen Ersatz bieten solle. Die betreffenden Anträge fanden
keine Mehrheit, da namentlich die Berliner Delegierten sie als zum min-
desten verfrüht bekämpften, und als zu Pfingsten 1897 auf einer zu Leipzig
abgehaltenen Konferenz von Delegierten aus acht Orten Deutschlands doch
ein solcher Zentralverband beschlossen wurde, der dann am 1. Juli 1897
mit Lamburg als Zentralsitz ins Leben trat, hielten sich Berlin und einige
andere Städte mehr als ein Jahr noch abseits. Am 2. Oktober 1898 jedoch
beschlossen auch die Freien Vereinigungen dieser Orte, sich aufzulösen und
Mitgliedschaften des Zentralverbandes zu bilden. Das geschah, und der
erste Bevollmächtigte der Berliner Mitgliedschaft wurde Willy Fried-
länder, der dieses Amt bis zum Jahre 1906 in selbstlosester Weise ver-
sehen hat, Kassierer Arban, und neben diesen und den vorher schon ge-
nannten Streitern traten nun ganz besonders Ida Baar, Julius Kaliski,
Regina Kraus, Emil Rosenow und Georg Acko als Kämpfer für die
Bewegung in den Vordergrund.

Da derZentralverband sich im „Landlungsgehilfenblatt" ein eignesOrgan
geschaffen hatte, war mit Beitritt derVereinigung zum Verband „Der Pandels-
Angestellte" überflüssig geworden und stellte am 15. Oktober 1898 sein Er-
scheinen ein. Das „Landlungsgehilsenblatt" wurde damals in Berlin von
Leopold Liepmann redigiert.

Einen großen Erfolg erkämpften im Jahre 1897 die im Geist der
Arbeiterbewegung wirkenden Landlungsgehilfen bei der Delegiertenwahl für
die Ortskrankenkasse der Apotheker, Kaufleute ustv. Berlins. Die Ortskranken-
kaffc für Landlungsgehilfen, die bis dahin neben jener Kasse bestanden hatte,
war aufgelöst worden, und es galt nun, Einfluß auf die Verwaltung der erst-
genannten Kasse zu gewinnen. Zu diesem Zweck gingen die Mitglieder
der Vereinigung gemeinsam mit den Mitgliedern der Berliner Ortsstelle
des Verbandes der Landels- und Transportarbeiter vor und erreichten es,
daß die mit ihnen vereinbarte Delegiertenliste die große Mehrheit der
Stimmen erhielt. Die Ortskrankenkasse für Kaufleute, Landelsleute und
Apotheker ist die größte Ortskrankenkasse Deutschlands, sie war im Jahre
1905 auf über 90 000 Mitglieder angewachsen und hat unter der Leitung
des bald darauf zum Rendanten der Kasse gewählten Vertrauensmanns
der Landlungsgehilfen Albert Kohn und anderer den Interessen der An-
gestellten ergebenen Personen ganz Bedeutendes auf dem Gebiet der Sozial-
politik, speziell auch der Lygiene für ihre Mitglieder geleistet. Anter anderem
haben ihre Veröffentlichungen über die Wohnverhältnisse ihrer Mitglieder
die Anerkennung aller Sozialpolitiker gefunden. Allerdings sind der Ver-
waltung auch Angriffe von Unternehmern und Behörden nicht erspart
geblieben. Sie haben sie aber in ihrem Wirken nicht von der bcschrittenen
Bahn ablenken können. Bei den Erneuerungswahlen von 1902 erhielt die
Liste der beiden gewerkschaftlichen Verbände 2322, die der vereinten Gegner
aber nur 1057 Stimmen.

Ein weiterer Erfolg der rastlosen Agitation der nun im Zentralverband
organisierten Landlungsgehilfen Berlins war es, daß im Jahre 1903 endlich
die städtischen Behörden sich dazu entschlossen, den Krankenkassenzwang für
alle Angestellten einzuführen, die bis zu 2000 Mk. Iahresgehalt beziehen.
Lier waren es die sozialdemokratischen Stadtverordneten, die in der Gemeinde-
        <pb n="380" />
        ﻿366

Verwaltung das verfochten hatten, wofür der Zentralverband draußen in
Wort und Schrift agitierte.

Auch das 1904 zustande gekommene Gesetz über die kaufmännischen
Schiedsgerichte verwirklicht in abgeschwächter Gestalt eine Forderung, für
welche die sozialistischen Handlungsgehilfen lange agitiert hatten. Lind bei
den ersten Wahlen zu dem in Berlin errichteten kaufmännischen Schieds-
gericht gelang es im Jahre 1905 den im Zentralverband organisierten
Gehilfen, von 100 zu erwählenden Beisitzern 21 ihrer Liste durchzubringen,
fast doppelt so viel, als das Verhältnis ihrer Zahl zur Mitgliederzahl
aller übrigen — antisemitischen, liberalen und farblosen — Gehilfenvereine
zusammen ausmacht, die gleichfalls eigene Listen aufgestellt hatten. Das zeigt,
wie populär die Kandidaten des Zentralverbandes in den Reihen derjenigen
Gehilfen waren, die aus irgendwelchen Gründen sich dem Zentralverband
nicht anschließen mochten oder konnten. Aber das Wahlresultat gab vielen
Mut, und in dem einen Jahr von 1904 auf 1905 stieg die Mitgliederzahl
der Berliner Ortsstelle von 794 auf 1524.

Die ganze Zeit hindurch hat der Zentralverband die Agitation für den
Achtuhrladenschluß nicht ruhen lassen. Der Gedanke einer Liga für den
Achtuhrladenschluß, den im Jahre 1897 das Mitglied Berthold Leymann
in der damals noch als freie Vereinigung bestehenden Berliner Ortsstelle zu
verwirklichen versuchte, um die Agitation auf eine möglichst breite Basis
zu stellen, war zwar von der Leitung der Vereinigung als unzweckmäßig
abgewiesen und, da er auch sonst kein genügend starkes Echo fand, wieder
aufgegeben worden. Aber für die Sache selbst ward bei jeder sich bietenden
Gelegenheit in der Presse, in Versammlungen, in Flugschriften und durch
Schritte bei den Behörden gearbeitet, bis sie im Jahre 1908 zu einem
glänzenden Erfolge geführt wurde.

Es liegt im Wesen und den Verhältnissen des kaufmännischen Gewerbes
mit der großen Verschiedenheit der Geschäfte und dem starken Zustrom an
Arbeitskräften begründet, daß allgemeine Lohnbewegungen oder gar Streiks
von Gehilfen bei ihm bisher völlig ausgeschlossen waren und sich die Tätigkeit
der kämpfenden Gehilfenschaft vorwiegend darauf richtete, durch die Gesetz-
gebung und Verwaltung Verbesserungen zu erlangen. Aber ganz ohne
Kämpfe der ersteren Art ist die Geschichte der sozialistischen Landlungs-
gehilfen Berlins doch nicht, wenn sie sich auch bisher nur in kleinem Rahmen
abgespielt haben. Ein solcher Kampf war die Lohnbewegung der Adressen-
schreiber Berlins, die im Jahre 1903 unter Leitung des Verbandes sich
abspielte. Sie führte bei einem der größten der Adressenvcrlage, der Firma
Robert Teßmcr, zu einem Streik von 136 Adressenschreibern, der 21 Tage
dauerte und die Firma nötigte, die jammervolle Bezahlung ihrer Schreiber
wenigstens um etwas zu erhöhen. An die anderen Firmen (Schustermann
mit 150, Otto mit 60 und John mit 30 Schreibern) wurden dann auch Forde-
rungen gestellt und bei einer davon im Linblick auf den Streik ohne weiteres,
bei den anderen durch Vermittlung der Berliner Verbandsleitcr bewilligt.
Die Kosten des Streiks beliefen sich auf 6542 Mk., von denen 2608 Mk.
durch allgemeine Sammlungen aufgebracht, 1748 Mk. von den Berliner
Gewerkschaften und 1820 Mk. von der Zentralkasse des Verbandes bei-
gesteuert wurden, 166 Mk. verdienten die Ausständigen selbst durch Adressen-
schreiben auf einem improvisierten Bureau.
        <pb n="381" />
        ﻿2232:

OlM für bis IntmffcR btt KnubiMtzs-Gkiiilseil nnb GkhilfiiiNtst.

Drr Gondel«.Angebellte" eri&lt;te:ne am I. und Id. eine» sedcn Monat». Adonntn.enItPee!»: Viertel,dhrlled Ti Vlg. moneltt» 21 Pf,, sie! in» Hau». Einzelne Nummer Id Pfg.  Jpsertieul viedllbr beieögl sür die dgespoliene Veiilzellroder leren Kai:r.i SO Big. Ifti Srtrmfc. und Bers-mmIungd Lnzeige» 10 PI«.	• Rcbaftfion:  «erichl.rtraße 41. UL  i	Sprechstunden  | Soiinlo« 10-12 «iiT Barm, it	Expedition: Skrtln - «harlotttuburg. Peüalazzlstraße »I. 1.  ?ei, rtotlMSrneair tlr. H«.  der «edakelone  Donnerstag S—0 Uhr Abend«.	^ Bestellungen nehmen entgegen die ÜspedUtan. Eharlatlendueg tzebclazzisti. »1.1 alle Spediteure. die vuchdaiwlung Vorwärts. Berit» SW, «eu:l.Llrcie 2 und alle Vastanstailen stir tSOS unter Ae. »IW.  ! Zuschritten an die Rebatiion «nb zu richten nach Berlin N, verlchistr. «1,111. Geldlendungeu an den Vertag sJuI.VIslauerl. Lharlailendurg. stsesialezzitirbl I.	
Nummer 12. |	MMooch, den 15. Juni 1898.				VII. Jahrgang.

Rollegen: Auf znv M»«hl:

Morgen, am 16. Juni, füllt der entscheidende Schlag. Morgen wird da» deutsche Volk bestimmen, wem eS auf fünf lange Jahre
sein LLohl und Wehr anvertrauen will. In den letzten Wocheit ist unzählige Male ausgeführt worden, von welcher Bedeutung die diesmalige
Wahl ist, waS auf dem Spiele steht. Heute wird sich ein Jeder klar sein, wen, er seine Stimme zu geben hat.

.Handlungsgehilfen! Wir haben Euch gezeigt, wie Eure Interessen von den bürgerlichen Parteien verrathen und verkauft und mit
Führ« getreten worden sind. Ihr wistt. dost nur die SofialdrmoKrslic sich Eurer angenonunen hat, dast Ihr cö nur der SoriLldrmoKralir
zu verdanken habt, dasi das neue Handelsgesetzbuch wenigstens einige Vcrbcssernngen enthält.

Handlungsgehilfen! Ihr werdet darum auch morgen, am Wahltage, Eure Pflicht thun. Eure Pflicht! Die ist damit nicht gethan, daß
Ihr Euren Stimmzettel für den sozialdemokratischen Kandidaten abgebt. Die Säumigen aufrütteln, die Nachlässigen an die Urne holen, das- ist
der grvstcre und weitaus schwierigere Theil Eurer Pflicht! Kollegen! Jeder,- der sich morgen frei machen kann, stelle seine Dienste in den WahlburcauS
der sozialdemokratischc» Partei zur Verfügung und kann er sich -nicht frei machen, dann benutze er wenigstens die Mittagspause zur Arbeit.

Arbeitet jeder von Euch morgen mit Aufbietung aller Kräfte, thut jeder seilte Pflicht, dann werden tvir an, Abend stolz sagen können,
dag auch wir einen kleinen Theil zu dem Erfolge der Sozialdemokratie beigetragen haben.

Moetz die öojtal&amp;cmoluntic!

Li» »euer Anschlag.

Raum |c Ist in kaiiimauuischen Kreisen einer Frage ei»
so lebhafte» Interesse entgegengebracht worden, wie der
gegenwärtig aus der Tagesordnung stehende» Besteuerung
der Waarcnhäuser. Toi Ist auch garnicht verwunderlich.
Erhoffe» doch Tausende von Rleinkausleulen davon ihre
Rettung, glaubcn. sie doch, dost dainit dem Grostbclrieb im
Handel-gewerbe der Todesstoß versetzt wird. Nur da« Wie?
inacht ihnen noch Schwierigkeiten. Seit Monate» schon
sinnt man nach, wie die Waarenhäuser an, besten und
sichersten zu treffen sind; Dutzende von Vorschlägen sind
aufgetaucht. ebenso schnell aber wieder verworsen worden,
lieberail war schließlich ein Hi,i terthürche» vorhanden. Gewerbe-
steuer. Umsatzsteuer u. s. w. sind ju wenig radikale Miltes,
weil die Kontrolle zu schwierig ist. Nur ein Vorschlag ist
schließlich als diskutabel übrig geblieben:. Die Personal-

Der Vorschlag ist dem überschiauen Hirn drk Abgeord-
neten Botthein von der freisinnigen Vereinigung entsprungen
enb die Schutzgemeinschast sür Hände, und Gewerbe
in Zeitz hat nicht gezögert, demselben eine scsle Form zu geben.
Mc.» denkt sich die Sache so. daß 6 Angestellte in jedem
Geschäft steuersrei sein solle». Der 7. soll mit 60 Mark,
der 8. mit. 100 Mark, der 0. mit 300 Mark, der 10. mit
•100 Mark, der 11. mit 600 Mark, der 12. mit 700 Mark,
btt 13. mit 000 Mark u. s. io. pro Jahr besteuert werden.
Ein Geschält mit 13 Angestellten würde also sährlich
3000 Mark Steuer zu zahlen haben, ein solche» mit 30
bis 40 Angestellten ca. 10 000 DIark. Nimmt man an. daß ein
derartiges Geschäft einen Umsatz von ca. 800 000 Marl
tyct und eine» Reingewinn von 10pTt., also 30 000 DIark
abioirsl, so würde demselben immerhin noch ein Reingeivinn
von 20 000 Mark verbleibe». Die Waarenhäuser können
also dieser vesteuerung ruhig entgegensehen, anders dagegen
die Angestellten. Der Inhaber eines derartigen Waaren.
Hauses wird sich schön in Acht nehmen, auch nur ans einen
Pfennig seines bisherigm Profit« zu verzichlen; er wird
daraus bedacht sein, wie er de» durch die Steuer entstandenen
Verlust wieder wett mache» kann. Ge wird sein Personal
vermindern, die Gehälter herabsetzen, die Arbeits-
zeit verlängern, anstatt männlicher Arbeitskräfte weid-
liche und Lehrlinge anstellen. ES ist außer Frage, daß
dabei die heute schon über«»« schlechte Lage der Handlung«,
gehilsen zu einer gerade erbärmlichen ,»erden muß.

Wir haben cS stet» betont: Jede Maßregel zu Gunsten
de« selbständigen Kleirkausniannk stellt sich zuletzt als eine
Bedrückung der Angestellten heraus. D-a» war von
jeher so, weil unsere Gesetzgebung noch nie den Geist der
Zeit begriffen hat. noch nie Gesetze erlasse» hat. um die
wirthschastliche Entwickelung zu fördern, sondern nur um sie
auszuhallen, weil dieses Aushallen im Ingresse bestimmter
Kliqiun liegt. Von einer derartigen Bedrückung, wie e»
die Personalsten er sein würde, ist der deutsche Handlung»,
gehilsriistand jedoch noch nie betroffen worden, weder vor
den Zeit der vielgepriesenen Eozialrejvnn. noch nach der-

selbe,,. Die Personalsteuer würde geradezu eine Prämi.
darstellen aus möglichst .inljnfjp.e Ausbeutung, aus
möglichst geringe Entlohnung, auf möglichst lauge
Arbeitszeit.

Zu den Verfechten, der Besteuerung der Waarenhäuser
gehören auch bekanntlich die deulschnalionalen Hand.
lungSgehilsen. Ihre Agilalareu hebe» diese Forderung
immer al» ein wesentliche« Unterscheidungsmerkmal hervor.
Wir haben demgegenüber unzählige Male daraus hingewiesen,
daß eine Besteuerung deS Großbetriebes im HandelSgeioerbe den
Interessen der Handlungsgehilfen geradezu ins Gesicht schlägt.
Und die Entwickelung der Angelegenheit hat uns nu
Recht gegeben. Die Herren vom deutschnationälen
bände fangen nun auch au baü Absurde ihres Verlangens
einzusehen. Nicht, weil sie zu befferer Erkenntniß gekommen
sind, daS - ist bei diesen Leuten gaitj ausgeschlossen. Aber
die Bedrückungen und Verschlechlerungen. die die Personal-
[teuer in, (Befolge haben würde, liegen so klar auf der
Hand, daß selbst in dem durch kein Wölkchen wiffenschast-
licher Erkenntniß getrübten Gehirn der Mitglieder de«
deulschnalionalen Verbände» ein Licht ausgehen könnte. Die
. DeutscheHandelS-Wacht' spricht sieh darum gegen die Personal,
steuer au# und empfiehlt bei Ortsgruppen bc8 Verbände-
.Entschließungen' dagegen einzureichen, wie die» bereits die
Ortsgruppe in Zeitz gethan hat. Daß die antisemitischen
Handlungsgehilfen eS aber mit verschuldet haben, daß ein
derartige» Projekt überhaupt in Erwägung gezogen werden
konnte. daS wird der .H.-W. natürlich nicht einleuchten. —

Die Personalsteuer ist daS einzige Mittel, mit dem
die Waarenhäuser empfindlich getroffen werden können. Nach
den Wahlen wird ganj zweijelloS an seine Realisirung
gegangen werden, wen» dieselben der Reaktion die erhoffte
Stärkung bringen. Tragen wir Handlungsgehilfen unser
Theil dazu bei, daß dies nicht der Fall sein wird, treten
wir mit allen Kräften für die Muhl der sozialdemokratischen
Kandidaten ein: 1* mehr Sozialdemokraten gewählt werden,
desto größer wird die Gewißheit sein, daß auch dieser
neuest« Anschlag ersolgreich abgewehrt wird.

Dir Harmonie-Apostel
bei der „praktischen" Arbeit.

Wem, wir s-zialdeinoiralischen Haudtungtgehilsea bei der
öffentlichen Propaganda sür unsere Ideen unter bc„ Kollegen
austrete«, so t|! unfehlbar Immer ein Cegne« zur Stelle, btt
i,„3 beweisen will, wie herzlich „nNug wir vorgingen, wie wenig,
Erfolge wlr bisher erzielt. gegenüber den alten praktisch
thätigen kansmü,mischen Bertinen, welche dtth der Kollegen,chaft
sch»,, heute Ruhen brächten und mmnhem v.belstande ad.
g,Holsen hätten, wie wir nur tritiflten. nicht-, aber bestem könnten
and wie die sonstigen Cchlagworte noch olle heißen. Da» wird
“nb	"»getragen. mit dem Brusttöne

st'Usch» Uedcrzmgung u»!&gt; .»tgegen geschleudert, dag selbst
latlses.e vlalurrn stutzig werben und dev Ttraden der Dichter

Glauben schenken. — Wir wollen 'nun heute einmal -aii Hand
der Jahresberichte der Harmonie-Vereine, an Hand der eigenen
EingeftLndniise untersuchen. ns„» an den Behauptung,» Wahre»
ist und bald werden wir ttar sehen, wie dreist die Herren und
Herrchen austrete». die alle Ursache hälten zu schweige». Sich
der Geld, und Kräfte. Verzettelung, welche besonder« hier tn
Berlin von den Harmonie. Vereinen betriebe» wirb, lieber zu
schämen, al« davon noch vsteiillich grob Rühmen« zu machen.

Zuerst wird siet« mit der Stellenvermittelung geprahlt,
!lche doch de» Gehilfen ungeheuren Vortheil bringe, den
Stellungslosen Brod verschoste k. — Wer nun so glücklich ist,
Mitglied eine« der bet den Heeren EhesS so beliebten vereine ,ü
sein, habe diese Wohlthat ganz gratis, wer ei nicht sei. -werde
auch nicht zurückgestoben. müsse nur wie bei jedem Stellen,
verminter Vorschob, so hier .Einschreibegebühr' s^ißt, zahlen.

Also Ehre wem Ehre gebührt, zuerst Hera» mit' Dir. Du
Nettester der in Berlin bestehenden Vereine, der den Namen bef
Verein« junger Kaufleute von Berlin trägt. — Laut brr
Berus«, und Kewerbezählung de« Jahre« ISbö waren tn Berlin
im Handel thätig 12640b angestellte Personen. Diese
Grundzister wird man, bei den nachfolgende» Betrachtnngen im
Gedächtniß halten müssen.

Der Verein junger Kaufleute hat nun in dem der Zählung
entsprechenden Jahre vetmitlell 628 Stellen, worunter noch

100 auswärtige, die wir aber au« llourtoiste mit hinzu
.nen. Die Besetzung dieser winzigen Zahl schlechtest
dotlrter Vakanzen haben dem verein einen Zuschitst von
9Sb4 Mk. gekostet, so daß der Zuschuß sür jede besetzte
Stellung netto 1b Mk. 80 Pfg. beträgt. Geht man aber
der Cache ganz und gar aus den Grund und rechnet die
»470 Mk.. welche an Einschreibegebühren und Entschädigungen
te. von den Bewerbern erhoben wurden, hinzu, so kostet die
Besetzung jeder Stelle noch 8 Mk. 70 Pfg. mehr und kommt
aus den Betrag von 24 ivtk. 50 Pfg. rund per Stellung
zu stehen, eine enorm« Summe, deren Höhe sich die bei den Eheft
so sehr angesehenen Herren Vorstandsmitglieder wohl noch nie
rech! klar gemacht haben mögen. Die Geholter u&gt;n die Beamten,
die diese Riesenanzahl von Besetzungen vermittelten, betrugen ea.

Die MUgtiedttzohl bei Verein» betrug 1808. 886«, davon
erhielten durch die eigene Vermittelung 113 Bewerber ein

Äemenl. also 8.87»/, dee Mitglieder. Ein Lottospiel im
i, wenn einer von den 12» 000 Angestellten BttUuS
durch de» Verein junger Kausleule plazirt wird. Hier «J-Oiße
bafl Verhältniß auf noch nicht eiiihatb pro Le nt zusammen-
schrumpfen. Und derlei Spielerei soll von Irgend welchem
günstigen sozialen «instuß aus die Lage der Gchitsenschaft
sein? Tu« mögen die Herren glauben machen^ wem sie wollev-
Jeder Dr.cksähige wird bei solchen Resultaten ,u dem Schluffs
kommen: Packt Ihr Euch mit Eurer ganzen SteHenvenniNrlung
zusammen, so werden dal unter 1000 Angestellten Berlin« kaun»
süns fühlen, „och viel weniger bedauern oder vermissen. Mau
glaube aber beileibe nicht, wir Hütten ein besonder« schlechte«
Jahr heraulgegrissen.	„ _	...

• E» wurden durch den verein junger Kaufleute weiter besetzt:
1800: «83 Stellen darunter 102 emZwärtige. Zuschuß 10878 «k.
1807:7öv .	.	71	. .	. "vb .

trotzdem die Milgllederzahl gewachsen und der verrtu sich de«
stetrn Wohlwollen, der Herren llhes« weiter msttute.'

Wir bfirftn un« »der de« kläglichen kostenreicheu «esulMe»
kaum wundern, wenn wir oul der Vortragoltste de« letzte»
Jahre» «sehen. wonül sich dieser verein eigentlich beschäftig!

175. Titelseite einer Nummer des „Landels-Angestellten"
        <pb n="382" />
        ﻿368

Ohne Opfer kein Kamps, und so hat auch die Geschichte dieser ver-
hältnismäßig kleinen Verbindung ihre Liste von Verfolgungen. Die meisten
davon waren Maßregelungen ökonomischer Natur. Aber es fehlten daneben
nicht die politischen Prozesse. Albert Auerbach wurde wegen „Auf-
reizung zum Klassenhaß" zu 300 Mk. Geldstrafe, Wilhelm Swienty zu
50 Mk. Geldstrafe verurteilt, und August Lintze wurde vor Gericht gestellt,
weil er den geheimen Erlaß Posadowskys in Sachen der Zuchthausvorlage
als „gemein" bezeichnet haben sollte. Indes gelang es der Verteidigung
durch Wolfgang Leine, eine Verurteilung wegen Beleidigung eines Erlasses
zu verhindern.

Das Gesamtbild der Geschichte der Organisation der gewerkschaftlich
kämpfenden Landlungsgehilfen Berlins muß als überaus günstig bezeichnet
werden. Gegen fast unüberwindlich erscheinende Schwierigkeiten hat ein
kleines Läuflein Streiter durch mutiges Festhalten am einmal für richtig
Erkannten und unermüdliche Agitation sehr viel erreicht, tatsächlich sich
als das Salz bewährt, das die große, träge Masse der durch Vorurteile
aller Art von der Verfolgung großer sozialer Ziele abgelenkten Berufs-
kollegen immer wieder in Bewegung brachte. Mit winzigen Zahlen hat
sie lange Zeit rechnen müssen und wiederholt die Reihen sich lichten sehen.
Es waren nur 157 Mitglieder, die im Jahre 1898 die erste Berliner Orts-
stelle des Zentralverbandes bildeten. Zm nächsten Jahre waren es 270,
dann nacheinander 322, 369 und 1902 immer erst 472. Am Schluß unserer
Epoche aber sind es über 1500, und wenn sich der schnelle Zuwachs der
letzten drei Jahre nicht durchgängig als stichfest erwiesen hat, so stellt die
gewerkschaftliche Organisation der Landlungsgehilfen doch eine Truppe dar,
deren Zahl sich seitdem oberhalb von Tausend gehalten hat und fortfährt,
als Vorhut der Angehörigen ihres Berufes deren wirtschaftliche und all-
gemein soziale Interessen kraftvoller und mit größerem Weitblick zu ver-
fechten als alle Nebenorganisationen, und zugleich in dieser Bevölkerungs-
schicht, die dessen fast noch mehr bedarf als das industrielle Lohnproletariat,
das Licht sozialistischer Erkenntnis zu verbreiten.
        <pb n="383" />
        ﻿Obere 9\eü;e: Zucht, Liepmann, Fischer, Böske, Mars, Lackelbusch, Franke, Loch, Oppel. Mittlere Reihe: Seikel, Viktors, Wasewitz,
Zöchel, Lirsch, Ernst, Pohl, Schneider, Werner. Untere Reihe: Zung, Wengels, Panzeram, Bauschte, Baader, Wulf, Lutz, Thiel.

Dle letzten Vertrauenspersonen vor Gründung des Wahlvereins
        <pb n="384" />
        ﻿Dreizehntes Kapitel.

Die sozialdemokratische Frauenbewegung

Berlins.

3n noch höherem Grade als es im sogenannten bürgerlichen Recht der
Fall ist findet unsere Epoche die weibliche Bevölkerung Preußens
politisch entrechtet. Nicht genug, daß die Frau vom Wahlrecht zu
den gesetzgebenden und Verwaltungskörpern ausgeschlossen ist, verbot ihr
das preußische Vereinsgesetz des Reaktionsjahres 1850 sogar die bloße
Teilnahme an politischen Vereinen. Ein Verbot, das durch die weitgedehnte
Auslegung des Begriffs „politisch" von seiten der Behörden und Gerichte
für die sozialistische Frauenwelt noch erheblich verschärft wurde.

Diese doppelte Entrechtung bestimmte lange Zeit die Formen der sozial-
demokratischen Frauenbewegung Berlins. Die sozialistischen Frauen können
ihren Vereinigungen nicht nach freier Entscheidung diejenigen Formen und
Statuten geben, die ihnen zweckgemäß erscheinen, sondern müssen sie von
Rücksichten abhängig machen, die mit den vorgesetzten Zwecken nichts zu tun
haben. Das hatte selbst dort die Zuflucht zu Mischformen zur Folge, wo
wenigstens der Klassencharakter der Verbindung bestimmte Ausprägung
erhielt.

Schon der im zweiten Band erwähnte Arbeiterinnenverein, der von
Marianne Menzger und Johanna Wecker 1882 ins Leben gerufen
wurde, nannte sich, obwohl er sich rein wirtschaftliche Zwecke zum Ziel
setzte, recht unbestimmt „Frauen-Lilfsverein für Landarbeiterinnen". Sehen
wir uns die Aufgaben, die er sich stellt, näher an, so enthüllen sie sich uns
als gewerkschaftlich: Organisierung von Arbeitsnachweisen, Arbeitslosen-
unterstützung und ähnliches. Eine gemischte Verbindung mit gewerkschaft-
lichem Aufgabenprogramm — an diesem Widerspruch mußte die wohl-
gemeinte Schöpfung mit Notwendigkeit scheitern. Aber sie hatte doch nicht
umsonst existiert. Der Weg jeder neuen Bewegung geht über Fehlschlüge.
Es sind Streiterinnen dieses Vereins, die wir unter den Gründern des
„Vereins zur Wahrung der Interessen der Arbeiterinnen" finden,
der 1885 ins Leben tritt, einen großen Aufschwung nimmt und eine außer-
ordentlich fruchtbringende agitatorische Tätigkeit entfaltet. Er ist allerdings
gleichfalls noch allgemeiner Arbeiterinnenverein mit einem Programm,

Bernstein, Berliner Geschichte. III.	24
        <pb n="385" />
        ﻿370

das wesentlich gewerkschaftlichen Charafter trägt. Im Statut bezeichnet er
als seine Aufgabe „Äebung der geistigen und materiellen Interessen der
Mitglieder, insbesondere Regelung der Lohnverhältnisse, gegenseitige
Anterstützung bei Lohnstreitigkeiten, Aufklärung durch fachgewerbliche
und wissenschaftliche Vorträge, Beschaffung einer Bibliothek, Pflege der
Kollegialität durch gesellige Zusammenkünfte und Errichtung eines Arbeits-
nachweises". Aber er sucht die Lösung dieses Widerspruchs doch auf der
richtigen Linie. Er gründet besondere Kommissionen für die einzelnen
Berufszweige, und diese Kommissionen sammeln Material über die Lage
der Arbeiterinnen der betreffenden Industrien, bringen es an die Öffentlich-
keit und interessieren diese für die Aufbesserung der meist jämmerlichen Löhne
und Arbeitsbedingungen. Insbesondere unter den Arbeiterinnen der Kon-
fektionsbranchc wird eine lebhafte Tätigkeit entfaltet. Es werden Lohn-
verträge mit einzelnen Firmen vereinbart, es gelingt der Agitation, die
geplante Einführung eines Zolls auf englisches Nähgarn zu Fall zu bringen,
ihr sind die ersten Beschlüsse des Reichstags zugunsten einer amtlichen Er-
hebung über die Lohnverhältnisse in der Wäschefabrikation und der Kon-
fektionsindustrie zuzuschreiben, und auch die Einfügung gewisser Bestimmungen
gegen den Wucher mit Arbeitsmaterial (Trucksystem) in die Gewerbeordnung
ist auf sie zurückzuführen. EA kommt ferner damals auch schon zu einer rein
gewerblichen Frauenorganisation, dem Verein der Mäntelnäherinnen.
Einrichtungen für Rechtsschutz, ärztliche Lilfe und Arbeitsnachweisung werden
getroffen, Petitionen an die städtischen Behörden für weiblichen Fortbildungs-
unterricht und für Zulassung der Frauen zum Gewerbegericht werden in
Amlauf gesetzt, und durch Vorträge sozialpolitischen Inhalts werden die
Mitglieder über die Zusammenhänge der gesellschaftlichen Zustände und
die sozialen Bestrebungen der Zeit aufgeklärt. (Vergleiche darüber ins-
besondere die Schrift von Emma Ihrer, „Die Arbeiterinnen im Klassen-
kampf", Lamburg 1898, S. 12 ff.)

Aber diese aufklärenden Vorträge waren nicht nach dem Geschmack
der Obrigkeit, und als im Frühjahr 1886 der Puttkamersche Streikerlaß
das Signal zu schärferem Vorgehen gegen die Arbeiterbewegung gegeben
hatte, fielen ihm unter anderen auch die Arbeiterinnenvereine zum Opfer,
wie das in Band II dieses Werkes auf Seite 196 und 205 geschildert ist.

Damit tritt die Arbeiterinnenbewegung Berlins als solche wieder für
einige Zeit von der Öffentlichkeit zurück. Aber die Bewegung verflüchtigte
sich deshalb nicht. Als Mitglieder der 1884 gegründeten „Zentral-Kranken-
und Begräbniskasse für Frauen und Mädchen", die ihren Sitz in Osfen-
bach und, wie an vielen Orten im übrigen Deutschland, so auch in Berlin,
ihre Verwaltungsstelle hatte, fanden die Treugebliebenen Anlaß und Ge-
legenheit, zusammenzukommen und die angeknüpften Verbindungen aufrecht-
zuerhalten. Auch erzwang man sich durch zahlreiches Erscheinen in öffent-
lichen politischen Versammlungen von der Polizei das bis dahin den
Frauen wider das Gesetz verweigerte Recht zur Teilnahme an solchen Ver-
sammlungen. Auf dem Pariser Internationalen Sozialistenkongrcß von
1889 ließen sich die sozialistischen Frauen und Mädchen Berlins durch
Emma Ihrer und Klara Zetkin vertreten, und die Berichterstattung voin
Kongreß gab Gelegenheit, die zeitgemäß gewordene Wiederaufnahme der
öffentlichen Agitation und Organisation zu erörtern. Eine aus sieben
        <pb n="386" />
        ﻿1-	WZe- Alk UroKtmnmntr MMdk» m 20. gqnttrr 1890. -^g	is»j.  xt Arbeit^  )y	Zeitschrift	1 //  für Hit Merklseii Her Ivanen miü Mäüchkii Bes nrbeiteiiöen $üto.  fcvgnit aller auf dem Kode» der modernen Sebrilerbewegiiug stellende» VreeiniHnngrn der Arbrilerinnen.  -«o- Eintracht macht stark - SildnttA macht frei!  NkdaNion: Emma Ihrer. Velten (Mark). — Expedition und Verlag: E. Iensen &amp; (io., Hamburg, 35 Rosenstrahc.		
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Freunde und Freundinnen! Sorgt für die Verbreitung der „Arbeiterin"!		
Aufruf!  Wir lebten hier !» Dämm'ruug tief.  In unser',» Haupt das Denken schlies.  Wir schafften spät, wir schassten frühe.  Bei hartem Zwang, mit schwerer Mühe.  Dian hat von jeher uns gelehrt,  Daß wir nicht haben eig'nen Werth.  Nicht» darf für sich die Frau erstreben.  Für Mann lind Kind nur soll sie leben  So war'» gelehrt, so war'» geglaubt,  So ward der Frau da» Recht geraubt:  Da« Recht, zu wosten und zu denikn.  Da» cig'ne Schicksal selbst zu lenken.  .Doch plötzlich sind wir aufgewacht, —  Die bitt're Noth hat es vollbracht.  Sie pocht an uns'rcü Hirne» Schranken: Heraus Ihr schluuuucrnden Gedanken!  Sie spricht: Ermanne Dich, o Frau!  Ter Kraft im eig'nen Busen trau.  Wirf ab der Kette» schwere Bürde  Und fühle Deine Menschenwürde.  Im Lichte .sieh'n wir',' frei und frank.  O herbe Noth, Dir werde-Dank!  Dil hasi zu denke» uns gelehrt,  Du gabst die Kraft, die Dich zerstört-  Nicht mit deiti Mann, der unser Feind,  Der uns're Rechte schroff verneint;  Nur mit Genossen gleichen Streben» Geschlossen sei der Bund de» Leben»--  Dieselbe Pflicht, daffelbe Recht  Führt Mann und Weib nun in'» Gefecht,  Mil gleicher Kraft, mit gleichen Waste»  Ein schöne» Leben unü zu schaffen.  In Ost und West, in Nord und Süd. — Arbeiterinnen, hört da» Lied!  Erwacht und folget unser'» Bahnen  Hub führt zum Siege uns're Fahne:,.  So laßt unü wirken, dich! geschaart.  Nu» Frauen neuer, echter Art.  Daß siegessroh der Ruf erschalle:  Freiheit und gleiche» Recht für Alle!  . Obeustcliciider poetische Aufruf, von einer u»s»«r beliebtesten Genossinnen, ivrtcht bereits aus. welchen Zwecken unsere Zeitung dienen soll: dem Kampfe für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlecht» aus wirlbschastlrchem und Volt tischen, Gebiete! Wenn auch heute bereit» alle wahren VotlSfrcunde diesen Kamps mit zu c-em ihren machte,,, wenn die Arbeiterzeitungen auch eben- falls für die weiblichen Arbeiter ciutrclcn, so bat 11,18 doch bisher ei» eigentlicher Zusammenhalt gefehlt, denn eine völkische Tageszeitung ist nicht im Stand: uuS den Raum zu gewähren. den wir brauche», um	genau berichte» zu können über de» Stand der Arbeiterinnen-Bewegung und die Organisationen der- selben. Auch bcdüricn die Frauen ein Organ, das in verständlichster und schlichtester Weise de» Frauen die für da» ganzr Volk wichtigen Tagcsfraacn erläutert, da wir hier rin volles Verständniß nicht voraussetze» können, weil dem größten Theil dcr Fraucn bis jetzt die Vorbildung dafür fehlt.  Wir haben lang- gewartet, bevor wir aus de» von-allen Seiten laut gewordenen Wunsch, eine speziell für die Frauen bestimmte Zeitung hcraus- zuaeden. eingingen. Es ist aber nicht das erste Mal, daß ein solches Unternehmen versucht wird und guten Erfolg Hai. Bereits in der ersten Hülste der achtziger Jahre gab Frau Gm't.a»nic-Schack die „Slaaks- bürgcrii? heraus (Orgc.i für die Frauen undMäd- chcn des arbeitenden Volkes), und seil dieses nach lauin einjährige». Erscheinen cbcnsalls dem Socialisten- gesetz zum Ovsir fiel, verband • uns nur der gleiche Gedanke, das gleiche Strebe» mi, cinander, daS Streben nach der völligen Selbstständigkeit, auch dcr Frauen.  Und von alle,, Frauen und Mädchen, welche schon thätig- Milarbeiteriimcii in der ArbeilcrinNen- Bcwcauna sind, sowie von allen Männer», welche für die Befreiung de» arbeitenden Volkes eintreten, erwarten wir tbatkräftige Unterstützung dieses tlnlcr- nchincnS. Es stehen uns keine anderen Mittel zur Verfügung, als unsere Arbeitskraft, zu der jede einzelne Arbeiterin die eigene hinzusiigen möge, damit wir nicht SchiffbruÄ leiden mit unsern, Zeitunas- „„tcrnchmen, sondern bald beweisen können, was der weibliche Theil des Proletariats mi8 eigener Kraft vermag, wenn es gilt, den ärgsten Feind Aller, de» Unverstand zu bekämvscn und mit dicfcm dir moderne Ausbeutung der Frauen auf allen Gebieten.	-  „Was wollen die Fronen mit einer eigenen Zeitung?" wird man uns vielseitig-entgegenhalten, „sind nicht Arbeiterblättcr genug da, die des Lesens werth sind?" Gewiß! Doch gebt dem ländlichen Arbeiter, der abseits von aller.Kultur lrbt. eine voli- tische Zeitung, eine Fachzeirung in di- Hand und er wird ne bald wieder ungelesen sortlcgcn. weil daS Interesse für Dinge, die außerhalb fcincS.Gcstchls- kreiscs liege», bei ihm noch nicht geweckt- ist. Ganz ebenso bei den Frauen, die man bisher hinter den Hccrd, daS Waschfaß oder die Kindcrwicgc verwies, wen» sic sich außerhalb des HauscS umsehen wollten.  Wen» wir wollen, daß die Bewegung der grraucn erstarkt, müssen wir darauf bedacht sein, nicht nur die Jndnstricorbcitcrii, zu gewinnen, sondern auch die Hausfrau, denn die Letztere ist theilweisc ebenso ent- mündigt wie die Erstere.  Wir wollen nicht nur die materielle, sondern helfci^'^	Hebung der Frauen herbeiführen  Um die Frauen aber kanivsfähig zu machen, gut -S vor Allem die unwürdigen Fesseln, welche das weibliche Geschlecht einengen, abzustreiten, und dies tonnen wir nur. indem wir jederzeit unsere Selbstständigkeit beweisen, indem wir die Lücken unseres Wissen« auszufüllen versuche» und uns über AllcS zu unterrichten trachten, waS uns, in falscher Beurtheilung dcS weiblichen Geschlechts, vo» der bcnllgcn Gesellschaft vorcnihanen wird. Doch dieS kann nur durch Schriften geschehen, die sich ganz dem Verständniß der Mehrzahl der heutigen Franc» anvassen. Wir wollen Mittämvscrinncn werden für die Emanzivalio» des arbeitenden Volkes aller Länder. Vorerst aber müssen die Frauen selbst frei werden von allen Ausnaomebestimmungen!  S-tetS wollen wir kämpfen für Freiheit, Wahrheit und Recht!  An den Frauen,und Mädchen, für die dies« Zeitung ins Leben trift, wird cs nun liegen, selbst	energisch ,ür dieselbe einzutreten, dieselbe so viel als niöglich zu verbreiten und auch fleißige Ätiiarbciic- ri,iitci dafür zu fein, damit wir bald durch eine stattliche Anzahl Abonnciiiinnen ßic Verechiignng und Nothwendigkeit unserer Zeitung nachweisen können. Arbeiterinnen werbet für Eure Zeitung, cs gilt dem Kamps gegen die Sklaverei der Frauen!  Für die weitere Folge habt» wir uns um die  Milarbeit der bekannten Schriftstellerinnen  Frau El. Zetkin? Paris,  » Marx-Av'tliiig-London,  „ Kautskr,.  Guillaumc-Schack  beworben und erwarten wir bercilS für nächste Nummer einen Beitrag )u crhalicn.  Wir werden den Leserinnen auch UntcrhaltcndcS- bicleii. indem wir auch Nomane.und Novellen bringen, die unsere,-.. Anschguunaer. rmsvrcchcn -.:i:t-»/uL&gt;.ich- Bclehrung biete». Auch für Küche und Hauswirtb--' schüft werden wir in Znkunsl Interessantes und Wisseiiöwerlhes bringe» und überhaupt den Wünschen der Leserinnen „ach allein Richmiigen nach Möglich- keit Rechnung tragen.  Dir Rrdalriion.  AkoNncnieirts-KtstlingMkM.  „Die Arbeiterin" erscheint wöchentlich einmal und kostet vierteljährlich 1 Mark.  Ein Exemplar direkt per Kreuzband bezogen kostet 1 Mark-40 Pfennig.  Bei Einzelbezug, numiiieriiweisc, kostet die Num- mer 10 Pfennig.  Für Diejenigen, welche mininicriiweisc beziehen, ist moiiatliche Zahlung gestattet und zwar öö Psg. pro Exemplar.  Der Betrag ist nach EnTpsang der zweiten  Nu,linier per Poslanmcisniig oder in Bricsmnrkcn zu zahlen. Die ferneren Nummern werden ausnahmslos nur an Diejenigen gesandt, welche bczabll haben.  . Es emviichtl sich, in jeder Stadt eine Annahme- stelle für AboiiiicmentS zti errichte» und die Wahl der betrestciidcn Kslvortißun in öffentlicher oder Mit- gliederversammlung vvrznnchmc».	'  Weilers Exemplare dieser erste» Nummer stehen gerne zu Diensten.  Die Erprditis» der „Arbeiterin" Hamburg. Roscnsiraße 35.  Al, Die strrljt!. pahtiom litt ArbliwMItll!  An Bit Mwt to Al»M-«Ml&gt;istIiMllI  Indem wir Ihnen vorliegend die Probcniinimer des bereits auf dem Parlcikongrcß in Halle ange- kündigten ArbeitcrinnenorganS unterbreiten, bitte» wir Sic, auch in Ihren Kreisen für die Ver- breitung desselben thätig zu sein. Wo cS angebt, bitten wir das Proara MIN der Zeitung den  Ihnen nahe stehenden Frauenkrciscn zur Kenntniß zu bringen, auch die Bildung von Arbcitcnnncn- Vereincn ,m Anschlüsse daran in die Hand zu nehmen.  Im Voraus Dank.  Redaktion und Verlag.  Achtung!  An alle Empfänger ton Vro6e«am«ero  richten.wir die dringende Bitte, d&gt;e erhaltenen Rum»  „uro sofort ia Umlauf zu setzen! -  Redaktion und Verlag.

176. Titelseite der Probenummer: „Die Arbeiterin"

24»
        <pb n="387" />
        ﻿372

Personen bestehende Agitationskommission wird gebildet, die jedoch in den
folgenden Monaten noch viel mit polizeilichen Scherereien zu kämpfen hat.
Nachdem aber die Wahlen vom 20. Januar 1890, die Verkündigung der
Reform-Erlasse Wilhelms II. und der Sturz Bismarcks einen neuen Kurs
eingeläutet hatten, erwirkte am 10. Mai 1890 ein Besuch der Fraum
Ihrer und Leuschner beim Minister des Innern, Lerrn von Lerrfurth,
daß von da ab von Frauen für Frauen einberufene Versammlungen nicht
mehr untersagt wurden. And auch sonst können sich die Frauen nun etwas
mehr freier bewegen und verfehlen nicht, von dieser Möglichkeit Gebrauch
zu machen. Es ensstehen einige gewerbliche Arbeiterinnenvereine, ein „all-
gemeiner Arbeiterinnenverein für Berlin und Amgegend" wird gegründet,
der im Norden eine Filiale hat, und eine Sondergruppe ruft einen
„Arbeiterinnenverein sämtlicher Berufszweige Berlins und Amgegend"
ins Leben.

Alle diese Vereinigungen mußten jedoch im Linblick auf das preußische
Vereinsgesetz streng ihren „unpolitischen" Charakter betonen. Dagegen
erlaubte das Organisationsstatut, welches sich die deutsche Sozialdemokratie
im Oktober 1890 auf ihrem ersten Parteitag gab, den sie wieder unter dem
gemeinen Recht abhielt, den Frauen, als Mitglieder der Partei beizutreten.
Auf diesem Parteitag waren die Berliner sozialistischen Arbeiterinnen
wieder durch Emma Ihrer vertreten. Außerdem hatten noch Lamburg
in Frau Blohm, Magdeburg in Frau Gundelach und Gera in Frau
Steinbach weibliche Delegierte entsendet. Man ward sich dort über die
Notwendigkeit eines besonderen Organs für die sozialistische Arbeiterinnen-
bewegung klar, und als Resultat der Besprechung ward die Wochenschrift:
„Die Arbeiterin", ins Leben gerufen, die, von Emma Ihrer redigiert,
von Anfang 1891 ab in Lamburg herauskam. Noch war die Bewegung
indes zu schwach, aus eigenen Kräften ein Blatt zu erhalten. Nach
Iahresftist mußte „Die Arbeiterin" ihr Erscheinen einstellen, fand aber
sofort Ersatz in der „Gleichheit", die der Verlag von Dich in Stuttgart
übernahm, mit Klara Zetkin als Redatteurin, während Emma Ihrer
noch mehrere Jahre als Lerausgeberin zeichnete. Ebenso wie die „Arbeiterin"
vermochte auch die „Gleichheit" längere Zeit ihre Kosten nicht zu decken.
Sie ward aber von kräftiger Land gehalten und konnte so ununterbrochen
den geistigen Mittelpunkt bilden, der die Gewonnenen zusammenhielt und
immer wieder mit Agitationsmaterial versah. So langsam die Bewegung
sich hob, so war sie doch jetzt ein dauernder Bestandteil der kämpfenden
Sozialdemokratie geworden, dessen Pflege die Partei als ihre Pflicht und
ihr Interesse anerkannte.

And nicht nur die Partei. Auch in der Gewerkschaftsbewegung
hatte man die Notwendigkeit begriffen, sich mehr als vorher um die Orga-
nisierung der Arbeiterinnen zu kümmern. In schöner Weise hatte sich diese
Erkenntnis schon, wie wir gesehen haben — vgl. Bd. II, S. 330 —,
bei der Bildung der Berliner Streikkommission bekundet. In den aus
dreizehn Mitgliedern bestehenden geschäftsführenden Ausschuß wurden
drei Arbeiterinnen gewählt, obwohl die Zahl der organisierten Arbeite-
rinnen kaum den neunzigsten Teil der organisierten männlichen Arbeiter
ausmachte. Nun zog man aber aus der neuen Erkenntnis noch weitere
Konsequenzen.

24»
        <pb n="388" />
        ﻿Probenummer.



Die Gleichheit.

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen.

Herausgegeben von Emms Ihrer in Velten (Mark).

Die ,SI«I&gt;dh«il' «rlchrlnl »Ilr &gt;« Log» «IninOl. P«I-1 brr Summ«
10 PI., durch dir Poll beiog«, brlrSgl drr !tbemirm&lt;iit&amp;&lt;3)rri)
slnlsl|itl)rll&lt;0 oldir 8rfl«UßH» »ml.; uni« «tfiijban» Sü PI
J»j«lateii»r»i1 drr jwrlg»!poll&gt;ne Pelilzklle 2» PI.

StuLIßart

Samstag, den L8. Dezember
18SL.

Zuschriften an di« NedaNIon rer „SÄchhelt" s»id p&gt; richlrn
an Fr. Klara Eißnor iZeliin), SluIIga«. PvII^bi.h!.
Llrajie »«», IV. Die Skprdilion l-rsindr! sich in € lullgurl.
Fu«»l&gt;ach.LIr-ße &gt;2.

An die

dieser Runimer tritt „Die Gleichheit" an die Stelle
der vielen liebgewordene» Zeitschrift „Die Arbeiterin."
(Sgß&amp;l Wer „Die Arbeiterin" bisher und unter schwierigen
V Verhältnissen am Werk gesehen, der kennt mithin auch
das Programm, das sich „Die Gleichheit" stellt, die prinzipielle
Grundlage, auf der ihre Haltung fußt.

Allein in Folge veränderter äußerer Unistände hoffen wir. den
Wirkungskreis des Blattes beträchtlich zu erweitern, und für die
neu hinzukomnicnden Leser dürften einige Worte der Erklärung
nicht übersiüssig sein.

„Die Gleichheit" tritt für die volle gesellschaftliche Befreiung
der Frau rin, &gt;oie sie einzig und allein in einer im Sinne des
Sozialismus umgestalteten Gesellschaft möglich ist, wo mit der
ökonomischen Abhängigkeit eines Menschen von einem andere. Menschen
die Grundursache jeder sozialen Knechtung und Aechtung fällt. Sic
geht, von der Ueberzeugung aus, daß der letzie Grund der Jahr-
tausende alten niedrigen gesellschaftlichen Stellung des weiblichen
Geschlecht- nicht in der jeweiligen „von Männern.gemachten"
Gesetzgebung, sondern in den durch wlrthschaftliche Zustände
bedingten Eigenthumsverhältnissen zu suchen ist.

Mag man heute unsere gesammte Gesetzgebung dahin ab-
ändern, daß das weibliche Geschlecht rechtlich auf gleichen Fuß
mit dem männlichen gestellt wird, so bleibt nichtsdestoweniger für
die. große Masse der Frauen, die nicht so vorsichtig gewesen, eine
hohe Rente mit zur Welt zu bringen, die gesellschaftliche Versklavung
in härtester Form iveiterbestehen: ihre wirthschaftllche Abhängigkeit
von ihren Ausbeutern.

Dieser Ansfassung gemäß erblicht „Die Gleichheit" den Feind
der Gleichberechtigung deS weiblichen' Geschlechts weder in dem
Egoismus, noch in den Äorurtheilen der Männerwelt, sie predigt
nicht den Krieg von Geschlecht zu Geschlecht, sie glaubt nicht an
dir Messiasrolle einer zu Gunsten der Frauen veräudcrlen Gesetz-
gebung.

Soll damit eiwa gesagt sein, daß wir auf. den Kampf für die
rechtliche Gleichstellung der Frau mit den. Manne verzichten, so-
weit wir sie innerhalb der heutigen Gesellschaft erhalten können?
Mit Nichten und im Gegentheil. Wir fordern diese Gleichstellung,
wir werden nnt aller Energie für dieselbe eintreten, aber sie kann
nicht unser letztes Endziel sein, sie ist un» nur ein höchst werth-
volles, ja unerläßliches Mittel, dieses Ziel zu erreichen.

Kanu die volle Befreiung der arbeitenden Frau nur «-folgen
auf Grund einer völligen Umgestaltung der bestehenden Gesell-
schaftsverhältnisse, so ist damit auch die Haltung vorgeschrieben, die
sie in den heutigen gesellschaftlichen Kämpfen einzunehmen hat: Sie
muß theilnehmcn am Kampf der Arbeiterklasse gegen die kapitalistische
Gesellschaft, weil einzig und allein ein siegreiches Proletariat die
Macht mid den Willen besitzt, die Gesellschaft so umzugestalten,
daß jede wirthschastliche Abhängigkeit deS Menschen von dem

Leser!

Menschen ein Ende nimmt. In diesem Kampfe ober sind die
ausgedehntesten politischen Rechte. — die Arbeiterbewegung hak
dies bewiesen — vorzügliche und unentbehrliche- Waffen.

Die wohlhabende. Frau bedarf zu ihrer Emanzipation, ihrer
Befreiung blos der rechtlichen Gleichstellung mit dem Planne.

Die Frau des Proletariats dagegen bleibt, auch wenn sie
ihre rechtliche Gleichstellung mit dem Planne errungen, noch unfrei,
abhängig vom Kapitalisten. Sie muß deshalb olle Bestiebungcn
unterstützen, welche darauf abzielen, die Placht der Kapitoiisten-
klassr zu beschränken, die Macht der Arbeiterklasse dagegen zu er-
weitern: sie muß der Bourgeoisie alle die Konzessionen abzuringen
suchen, »velche geeignet sind, das Proletariat körperlich, geistig und
sittlich zu heben.

„Die Gleichheit" vertritt in erster Linie die Interessen der
Prolelarieriiinen, ohne Unterschied, ob dieselben dem Proletariat
der Kopfarbeit oder dem der Handarbeit angehöreu. Zwar sind
sich die Ersteren ihrer oft in gefälligere Formen gehüllten, aber
um so schwerer lastenden Klassenlage vielfach nicht bewußt oder
wollen dieselbe nicht cingesteheii. Allein wir sind davon über-
zeugt, daß ihnen allen, den Lehrerinnen, Buchhalterinnen, Schrift-
stellerinnen, Komptolristinnen re. durch die Entwichlung der wirth-
schaftlicheu Verhältnisse die Erkenntniß dieser ihrer Zugehörigkeit
zum Proletariat, die Erkenntniß der Nothwendigkei!. in Reih und
Glied der kämpscuden Arbeiter zu treten, ausgezwungcn wird.

Die große Masse der Proletarierinnen der Handarbeit ist ja
auch noch nicht zum Bewußtsein-ihrer Klassenlage, ihrer Psilchlcn
und Rechte erwacht, und trotzdem .— oder vielmehr gerade des-
wegen — ist sie c8, an welche sich '„Die Gleichheit" in erster
Linie wendet. Der Proletarierin, die nicht mehr blos für das
Haus und die Familie, sondern auch für den Kapitalisten arbeitet,
und die sich non' der Knechtschaft des letzteren zu befreien suche»
muß, liegen noch andere Pflichte» als die ob, welche früher aus-
schließlich ihr Leben und Sein beherrschten. Zu der gewissenhaften
Erfüllung dieser Psiichten muß die Frau erzogen werden. Dies
Ziel ist um so schwerer zu erreichen, als die Frau bis jetzt mit
ihren Interessen und Gefühlen ausschließlich im Hanse und nicht
im öffentlichen Leben wurzelte, nur der Familie, nicht der All-
gemeinheit ihr Interesse entgegenbrachte: Hier gilt es nicht blos
den Geist aufzuklären, vielmehr auch das Gemüth zu bilden, im
Herzen die rechte Wärme, die flammende Begeisicrung für die
neuen Ziele zu erwecken.

Von diesen Gesichtspunkten geleitet, tritt „Die Gleichheit"
an ihre Aufgabe heran, eine Zeitschrift für die Interessen der
Arbeiterinnen zu sein. Aber wie ein Blatt wird, daü hängt
nicht allein von der Redaktion und de», Verlag, sondern auch
von, Publikum ab. Möge uns daher die Symp-ubit nn'o Mit-
arbeit Aller zu Theil ivcrden, die mit uns die aleichen Ziele ver-
folgen.

Die Redaktion rrrrd der DerlaH«

177. Titelseite der Probenummer: „Die Gleichheit"
        <pb n="389" />
        ﻿374

Unser dem Sozialistengesetz hatten die meisten Fachvereine und Gewerk-
schaften ihre Statuten so formulieren müssen, daß die Frauen entweder
ausdrücklich oder doch faktisch aus ihnen ausgeschlossen waren. Daher
gründeten sich auch jetzt noch zuerst Sonderfachvereine für Arbeiterinnen.
Sie kamen aber nicht gut vorwärts, und als es immer deutlicher wurde,
daß die alte Vorsicht in diesem Punkte nicht mehr in gleichem Maße
geboten war, traten die sozialistischen Arbeiterinnen an die Gewerkschaften
derjenigen Berufe, in denen die Frauenarbeit eine Rolle spielte, mit der
Forderung heran, ihre Statuten so abzuändern, daß den Arbeiterinnen der
Beitritt in diese Gewerkschaften ermöglicht wurde. Wie zeitgemäß die For-
derung war, der fast überall entsprochen wurde, wie wenig Lebenskraft die
lediglich aus Arbeiterinnen bestehenden Fachorganisationen an den Tag
legten, geht daraus hervor, daß die Berliner Gewerkschastsstatistik für 1894
unter 20 Fachorganisationen mit weiblichen Mitgliedern nur eine aufweist,
die bloß aus solchen bestand, und diese Organisation — der Verein der
Buchdruckerei-Hilfsarbeiterinnen — ist auch die einzige, ausschließlich aus
Arbeiterinnen zusammengesetzte gewerkschaftliche Verbindung, die wir noch
in der Liste der Berliner Gewerkschaften für 1905 vorfinden. Von etwa
500 war ihre Mitgliederzahl inzwischen auf 1220 gestiegen, ein Zeichen
ganz außergewöhnlicher Lebenskraft, die jedoch zum Teil den besonderen
Verhältnissen des Buchdruckgewerbes zu verdanken ist. Am vorerst noch bei
der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen Berlins zu bleiben, so
waren nach der Gewerkschaftsstatistik für 1894 in diesem Jahre von 123749
in Berlin beschäftigten Arbeiterinnen erst 1410 oder 17« vom Hundert
organisiert. Für 1905 liegt keine erschöpfende Zusammenstellung der gewerk-
schaftlich organisierten Arbeiterinnen Berlins vor, wohl aber für das Jahr
1908. Sie weist in den Gewerkschaften, die in der Kommission vertreten
sind, 16 330 Arbeiterinnen auf — mehr als das Zehnfache der Zahl von
1894. Aber man darf nicht vergessen, daß in der Zwischenzeit auch die
Zahl der beschäftigten Arbeiterinnen Berlins um ein Vielfaches gestiegen
war, und daß diese Steigerung sich auch auf die Art der Beschäftigung
bezieht. Die Frauenarbeit ist in Industrien eingedrungen, wo sie früher
unbekannt war oder nur als ganz seltene Ausnahme vorkam. Nichts kann
dies eindrucksvoller veranschaulichen als die Tatsache, daß 1908 die größte
Zahl organisierter Arbeiterinnen nicht in einer derjenigen Industrien zu
finden ist, die als solche der weiblichen Arbeiter bekannt sind, sondern in
dem „männlichen" Gewerbe der Metallindustrie. 1894 zählte das
Metallgewerbe Berlins ganze 12 organisierte Arbeiterinnen, 1908 hat der
Metallarbeiterverband in Berlin 3564 weibliche Mitglieder.

Die zweitgrößte Zahl organisierter Arbeiterinnen weist 1908 die Buch-
binderei mit ihren Nebenindustrien (Kartonnagenfabrikation usw.) auf,
nämlich 3285, während 1894 es in diesen Gewerben nur 218 organisierte
Arbeiterinnen gegeben hatte. Das Verhältnis der weiblichen zu den männ-
lichen Mitgliedern der Organisation hat sich derart verschoben, daß während
1894 auf 940 männliche nur 210 weibliche Mitglieder kamen, im Jahre
1908 die Zahl der letzteren die der ersteren übersteigt. 3285 weibliche
stehen 2973 männlichen Mitgliedern gegenüber.

Erst an der dritten Stelle kommt mit 2183 organisierten Arbeiterinnen
die spezifische Frauenindustrie der Wäschefabrikation und Wäscherei,
        <pb n="390" />
        ﻿375

die weit mehr Arbeiterinnen beschäftigt als die
Dann kommen gemäß der Zahl der weiblichen
nach folgende Gewerkschaften:

Buchdruckereihilssarbeiterinnen............

Handels- und Transportarbeiter, II. Sektion

Textilarbeiter.............................

Schneider, l. Sektion......................

Tabakarbeiter..............................

Kürschner..................................

Handlungsgehilfen..........................

Fabrikarbeiter.............................

Hausangestellte............................

vorgenannten Industrien.
Organisierten der Reihe

Weibliche	Männliche
Mitglieder	Mitglieder
l 510	—
1254	16185
710	1 435
600	4 750
540	622
422	291
352	1 005
230	6195
295	5

Man beachte, wie sehr das Verhältnis der iveiblichen zu den männ-
lichen Organisierten von Gewerbe zu Gewerbe wechselt. Die Prozentzahl der
organisierten Arbeiterinnen wird eben nicht lediglich von der Prozentzahl
der weiblichen Arbeiterschaft des Gewerbes bestimmt, sondern auch von der
Natur der Arbeit, ihrer Bezahlung, der Rolle des Arbeitsverhältnisses
im Leben der Arbeiterin und noch vielen anderen sozialen Momenten.
Im allgemeinen kann man sagen, daß je mehr die gewerbliche Arbeit sich
von der häuslichen Arbeit der Frau unterscheidet, das heißt, je mehr sie in
vollem Sinne des Wortes Fabrik- oder Werkstattarbeit ist, sie auch
um so mehr das Denken und Empfinden der Arbeiterin den Gewerkschafts-
ideen zugängig macht. Ferner ist das gemeinsame Arbeiten mit Männern
ein großer gewerkschaftlicher Erziehungsfaktor, ganz besonders dort, wo die
Arbeit selbst sich der Arbeit der Männer nähert.

Im ganzen hatten im Jahre 1908 mehr als die Äälfte der Organi-
sationen, nämlich 38 von insgesamt 65, weibliche Mitglieder, während im
        <pb n="391" />
        ﻿376

Jahre 1894 von 87 Organisationen nur 20, oder weniger als ein Viertel,
weibliche Mitglieder hatten. Die Frau ist in der Gewerkschaftsbewegung
heimisch geworden, hat hier Bürgerrechte erworben und wird auch als gleich-
berechtigt anerkannt. Wie von ihrem ersten Tage an hat die Gewerkschasts-
kommission auch die ganze Zeit über Vertreter der Arbeiterinnen in ihrer
Mitte gezählt.

Im Lerbst 1892 ward von neuem ein Frauen-Bildungsverein
sozialistischer Tendenz ins Leben gerufen. Seine Gründung erfolgte am
24. Oktober 1892 in einer großen Versammlung, die von der Agitations-
kommission für Frauen veranstaltet war und August Bebel zum Refe-
renten hatte. Der Verein, dessen erste Vorsitzende Frau Leuschner wurde,
entfaltete eine rege Tätigkeit. Er gründete in dem Stadtteil Moabit und in
einigen Vororten (Friedrichsberg, Weißensee) Filialen, hielt in anderen
Wanderversammlungen ab und sorgte für gute Vorträge aus den verschiedenen
Wissensgebieten. Jm März 1893 beschloß der allgemeine Arbeiterinnen-
verein, sich mit dem Bildungsverein zu vereinigen, und dieser änderte, um
die Vereinigung möglich zu machen, seine Statuten entsprechend ab. Sein
Vorstand wurde erweitert und der Verein arbeitete noch zwei Jahre ruhig
weiter, als im Frühjahr 1895 die mittlerweile wieder anders abgestimmte
Polizei „auflösend" dazwischen fuhr. Es war die Zeit, wo die Amsturz-
vorlage auf der Tagesordnung stand. An die Vereine der männlichen Ar-
beiter ging man noch nicht heran, mit denen der Arbeiterinnen glaubte man
kürzeren Prozeß machen zu können. Der scharfe Wind kam damals vom
Westen her, aus den Gebieten der Eisenmagnaten. In Düsseldorf ward
1894 die dortige Frauenagitationskommission für einen Verein erklärt und
aufgelöst, und es stand außer Zweifel, daß man in Berlin dem Beispiel
folgen würde. Ein Teil der Genossinnen war sogar der Ansicht, man solle
die polizeiliche Auflösung gar nicht erst abwarten, sondern, nachdem das
Erkenntnis der Düsseldorfer Richter rechtskräftig geworden war, selbst die
Kommission auflösen und statt ihrer einzelne Vertrauenspersonen wählen.
Das schien aber anderen der Polizei zu weit entgegengekommen, es sei
richtiger, unerschrocken abzuwarten, was die Berliner Polizeigewaltigen tun
würden, und eine große Frauenversammlung, der die Frage vorgelegt wurde,
entschied mit großer Mehrheit in letzterem Sinne. Statt freiwillig abzu-
tteten, veranstaltete die Agitationskommission eine ganze Reihe von Protest-
versammlungen gegen die Amsturzvorlage und — ward daraufhin am
19. Februar 1895 richtig von der Polizei für einen „politischen Verein" erklärt
und aufgelöst. Dabei ging es natürlich nicht ohne peinliche Laussuchungen
ab, die auf die leitenden Mitglieder des Bildungsvereins für Frauen
ausgedehnt wurden, und am 30. März 1895 ward der damaligen ersten
Vorsitzenden des Vereins, Frau Anna Mesch, von Polizei wegen
mitgeteilt, daß der Verein für „politisch" befunden und demgemäß auf
Grund des Vereinsgesehes von 1850 aufgelöst sei. So sehr wurde, um
das Verbot möglich zu machen, der Begriff des Politischen gedehnt, daß
eine Erörterung der Frage der Abänderung der Gesindeordnung für
eine politische Erörterung erklärt wurde. And mit Bezug auf die
Agitationskommission wurde wiederum der Begriff „Verein" so gedehnt,
daß es für gleichgültig erklärt wurde, ob die Kommission „Vorsteher, Ordner
oder Leiter" gehabt habe oder nicht, ein Verein könne auch ohne dergleichen
        <pb n="392" />
        ﻿377

bestehen, die Mitglieder könnten sich, wie es im Erkenntnis des Reichs-
gerichts hieß, „gegenseitig selbst ausnehmen". Der grundsätzlichen Bedeutung
halber wurde die Berufung gegen die Auflösungserkenntnisse bis in die höchsten
Instanzen gebracht, blieb aber, wie der zitierte Spruch des Reichsgerichts
gezeigt hat, fruchtlos. Im November 1895 erfolgte der Köllerstreich
gegen die sozialdemokratische Partei, und für eine Reihe von Jahren war
die Schaffung irgendwelcher öffentlichen Organisation für die sozialistische
Frauenwelt Berlins wieder von der Tagesordnung abgesetzt.

Das hieß indes durchaus nicht, daß die Agitation nun einschlief. Sie
erlitt so gut wie keine Unterbrechung. Waren doch die Personen noch da,
die sich ihr gewidmet hatten, und weit entfernt, sie einzuschüchtern, konnten
die Nadelstiche der kleinlichen Verfolgungen auf sie nur aufstachelnd wirken,
zumal ihnen ja die Presse weiterhin zur Verfügung stand und auch das
Versammlungsrecht ihnen nicht mehr genommen werden konnte. Zu
fast allen Parteitagen hatten die Berliner Parteimitglieder auch weibliche
Delegierte entsandt, und das geschah auch weiterhin. Auf dem sozialdemo-
kratischen Parteitag des Jahres 1895 sind die sozialdemokratischen Frauen
Berlins durch Bertha Lutz und Martha Rohrlack vertreten, 1896 und
1897 sind die Delegiertinnen Berlins Fräulein Ottilie Baader, die nun
agitatorisch immer mehr in den Vordergrund tritt, und Frau Marie Greifen-
berg. Der Parteitag von 1896, der als einen besonderen Punkt der
Tagesordnung die sozialistische Agitation unter den Frauen behandelte,
nahm hierzu unter anderen eine Resolution an, die den Genossen empfahl:

„In allen Orten, wo es zu ermöglichen, in öffentlichen Versamm-
lungen die Wahl von weiblichen Vertrauenspersonen vorzu-
nehmen. Die Aufgabe dieser Vertrauenspersonen ist: Aufklärung unter
den proletarischen Frauen in politischer und gewerkschaftlicher Linsicht,
Erziehung zum und Stärkung des Klassenbewußtseins zu schaffen und
eine diesen Aufgaben entsprechende planmäßige Agitation zu betreiben."

Auf Grund dieser Resolution ward von den sozialistischen Frauen
Berlins im November 1896 Frau M. Wenzels zur Vertrauensperson
        <pb n="393" />
        ﻿378

für Berlin erwählt und ihr Mandat von Jahr zu Jahr erneuert. Im
Jahre 1900 schufen sich bei Gelegenheit des Mainzer Parteitags auf
einer von 20 Delegierten besuchten sozialdemokratischen Frauenkonferenz
die sozialdemokratischen Frauen Deutschlands ein Regulativ, kraft dessen
neben den örtlichen Vertrauenspersonen auch eine Zentral-Vertrauens-
Person für ganz Deutschland sowie Kreis-Vertraucnspcrsonen zu ernennen
waren. Das Amt der Zentral-Vertrauensperson ward Ottilie Baader
übertragen, und auch ihr Mandat ist in den späteren Jahren regelmäßig
erneuert worden. Mit Bezug auf das vom Mainzer Parteitag be-
schlossene neue Statut der sozialdemokratischen Partei Deutschlands nahm
im Jahre 1902 der Münchener Parteitag eine Resolution an, daß dieses
Statut das Recht der sozialdemokratischen Frauen auf eigene Vertrauens-
Personen nicht berühre. And dabei ist es den Rest unserer Geschichts-
periode über verblieben.

Die Mainzer sozialdemokratische Frauenkonferenz beschloß ferner die
Einführung einer aus fünf Genossinnen bestehenden Kommission zur veraus-
gabe volkstümlich gefaßter Flugschriften über Fragen von besonderem
Interesse für Arbeiterinnen. Die Wahl der Kommission ward den Berliner
Genossinnen übertragen, die dem Auftrag auch nachkamen. Doch löste sich
die gewählte Kommission nach verhältnismäßig kurzer Zeit wieder auf, da
sich über verschiedene Punkte Meinungsverschiedenheiten einstellten.

Ein anderer Beschluß der Mainzer Konferenz betraf die Frage der
Frauen-Bildungsvereine, wie solche wieder verschiedentlich gegründet
worden waren. Entgegen einer Minderheit, die sich diesen Gründungen
skeptisch gegenüberstellte, sprach die Konferenz sich für sie aus, voraus-
gesetzt, daß die nötigen Kräfte dafür am Orte vorhanden seien.

Zu den Ortschaften, an denen solch ein Verein geschaffen worden war,
gehörte auch Berlin. Pier hatte in den Jahren nach der Unterdrückung
des Fraucn-Bildungsvereins von 1892 das Bedürfnis nach einer festeren
Verbindung der sozialistischen Frauen, als sie das System der Vertrauens-
Personen ermöglichte, sich doch tviedcr eingestellt, und im Winter 1898/99
schien die Zeit gekommen, es von neuem mit einer entsprechenden Schöpfung
zu versuchen. Es waren insbesondere Frau Or. Marie Lofmann und
Emma Ihrer, die sich der Sache annahmen. In einer großen öffentlichen
Versammlung, in der die Genossin Frau Lily Braun einen einleitenden
Vortrag über: „Die Frau des 19. Jahrhunderts" hielt, ward am
24. Januar 1899 der „Verein für Frauen und Mädchen der
Arbeiterklasse" ins Leben gerufen. Nach seinem Statut setzte der
Verein sich den Zweck,

„seine Mitglieder durch Vorträge in alle Gebiete des Wissens ein-
zuweihen und ihr Wissen zu bereichern, ihnen Gelegenheit zu geben, sich
durch Lektüre fortzubilden und anregende Geselligkeit unter sich zu
Pflegen".

Dagegen wurde, wie Emma Ihrer ausführte, die nach Frau Braun
das Wort nahm, gemäß der noch geltenden Gesetzespraxis jede politische
Betätigung für außerhalb der Aufgaben des Vereins erklärt. Zutritt zum
Verein sollten alle über 16 Jahre alten weiblichen Personen haben, der
Beitrag 20 Pf. im Monat betragen. In den ersten Vorstand wurden
Frau Emmy Stock als erste und Frau Elise Panzeram als zweite
        <pb n="394" />
        ﻿180. Polizeiversügung. Schließung des „Frauen- und Mädchenbildungsvereins
des arbeitenden Volkes für Berlin und Llmgegend"
        <pb n="395" />
        ﻿380

Vorsitzende, Frau Wally Zepler als Schriftführerin und Frau Klotz sch
als Kassiererin gewählt, die sämtlich die ganze Zeit über in diesen Posten
verblieben, d. h. regelmäßig wiedergewählt wurden. Außer ihnen gehörten
dem Vorstand die Frauen Jordan und Kulicke, Frl. Petereit und
Frau Zach au an. Der Vorstand unterhielt stets Fühlung mit den sozial-
demokratischen weiblichen Vertrauenspersonen von Berlin und Amgegend, und
wenn der Verein auch nicht direkt in die politische Bewegung Angriff, so
ließ er es sich doch nicht nehmen, Geldmittel für die sozialistische Agitation
aufzubringen. Bis zum Jahre 1905 wurden von ihm in runder Summe
4000 Mk. diesen Zwecken zugeführt. Seinen Bildungsaufgaben hat er
durch Veranstaltung von Vorttägen, Kunstabenden und den Besuch von
Wohlfahrtsanstalten, wissenschaftlichen und Kunstinstituten entsprochen, die
Vorträge behandelten naturgemäß meist Fragen der Sozialpolitik und
sozialen Geschichte, doch fehlten auch nicht solche aus den Gebieten der
Kunst, Literatur und allgemeinen Wissenschaft, wie wir neben den Namen
bekannter Vorkämpfer der Sozialdemokratie auch denen von außerhalb der
politischen Sphäre wirkenden Vertretern von Kunst und Wissenschaft, wie
Wilh. Lolzamer, Th. Kappstein, Max Osborn und anderen be-
gegnen. Die Mitgliedschaft des Vereins, der lange Zeit der geistige
Mittelpunkt der propagandistisch tätigen Sozialistinnen Berlins war und
in der Ausbildung von Streiterinnen für die Befteiung der Arbeiterinnen
viel geleistet hat, hob sich allmählich bis auf tausend und geht erst wieder
zurück, seitdem den Frauen der Beitritt in die sozialdemokratischen Vereine
ermöglicht ist.

Besondere Erwähnung verdient eine Erhebung über die Lage der
Leimarbeiterinnen Berlins, die der Verein für Frauen und Mädchen der
Arbeiterklasse im Winter 1903/04 im Linblick auf den von der General-
kommission der Gewerkschaften Deutschlands auf den 7. März 1904 nach Berlin
einberufenen Allgemeinen Leimarbeiterschutz-Kongreß veranstaltete, und über
die eine sehr gute, von Frau Marie Lofmann herausgegebene Schrift:
„Aus der Berliner Leimarbeit" (Berlin 1904, Selbstverlag) Auskunft gibt.
Durch Versendung bezw. Verteilung von zweckmäßig abgefaßten Frage-
bogen und persönlichen Besuch von Leimarbeiterinnen nebst Amfrage er-
hielt der Verein 315 Antworten, deren Einzelheiten von den an der Er-
hebung beteiligten Mitgliedern systematisch zusammengestellt und in der
Denkschrift durch nähere Schilderungen der erfolgten Zustände eindrucks-
voll ergänzt wurden, so daß die Schrift, ttotzdem sie nur einen kleinen
Abschnitt aus der Welt von Not und Elend bloßlegt, die das Wort
„Leimarbeit" deckt, doch einen sehr verdienstlichen Beitrag zur Kenn-
zeichnung dieses Krebsschadens des modernen Wirtschaftslebens bildet.
„Sollten wir in der Tat das tiefste Elend nicht gefunden haben," heißt
es in der Schrift, „so ist das eine wahrhaft erschütternde Vorstellung an-
gesichts der trüben Bilder schwerer Not und hoffnungslosen Entbehrens,
welche unsere Blätter in zu reicher Fülle enthalten."

* *

*	d

Auf dem Leimarbeiterschutz-Kongreß selbst, der 'vom 5. bis 7. März
im Berliner Gewerkschaftshaus tagte und von 188 Delegierten besucht war,
wessen wir unter diesen Delegierten auch die meisten bekannteren Vor-
        <pb n="396" />
        ﻿381

kämpferinnen der Berliner
Arbeiterinnen - Bewegung.

Der Bildungsverein als
solcher entsandte keine Ver-
tretung. Eine allgemeine
Frauenversammlung Ber-
lins hatte Ottilie Baader,

Elise Panzeram, Paula
Thiede, MarthaTietz und
Klara Zetkin, eine Ver-
sammlung des Kreises Tel-
tow - Beeskow Jda Alt-
mann und Frau Agnes
Pause delegiert.

Auch eineAnzahl vonGe-
werkschasten Berlins hatten
weibliche Mitglieder mit
ihrer Vertretung auf dem
Kongreß betraut, der ja einer
Frage galt, welche die ar-
beitende Frauenwelt ganz
besonders betrifft. Er zählte
eine Anzahl hervorragen-
der Sozialpolitiker, sowie
auch Vertreter bürgerlicher
Frauenvereine zu seinen
Teilnehmern. Berechtigtes
Aufsehen erregte eine mit ihm verbundene Ausstellung von Erzeug-
nissen der Keimarbeit, auf der den ausgestellten Artikeln Angaben bei-
gegebcn waren über die Arbeitsbedingungen, unter denen sie hergestellt
waren. Das große Publikum bekam so einmal anschaulich zu Gemüte
geführt, was Keimarbeit heißt, und etwas wurden die Gewissen denn auch
in der Tat aufgerüttelt.

Auf die Verhandlungen des Kongresses selbst kann hier nicht ein-
gegangen werden. Ebenso	müssen	wir	darauf	verzichten,	das	Wirken von

Berlins Arbeiterinnen in	der	Gewerkschaftsbewegung	im	einzelnen zu

beleuchten. Sind im Prozentverhältnisse der Beschäftigten die Frauen auch
erheblich schwächer in der Bewegung vertreten als die Männer, so ist es
doch mittlerweile, wie wir gesehen haben, in der Gewerkschaftsbewegung
Berlins zu einer nach Tausenden zählenden Schar von weiblichen Mit-
kämpfern gekommen, und entsprechend groß ist die Zahl der Frauen, die
hier an verantwortlicher Stelle propagandistisch und verwaltend sich betätigen.

Dasselbe gilt von der politischen Bewegung, und zwar sowohl was
die Personen als was die Fälle der Betätigung anbetrifft. Schon im
dritten Jahr unserer Epoche, im Februar 1893, sehen wir bei Gelegenheit
der gerade ausgeschriebenen Wahlen zum Gewerbegericht, wie die Frauen-
Agitationskommission mit Erfolg die sozialistischen Arbeiterinnen Berlins
auffordert, die Wahl von Vertretern der kämpfenden Arbeiterschaft durch
Betätigung an der Wahlagitation zu unterstützen. Die Reichstagsauflösung

181. Titelblatt der Broschüre
„Die Arbeiterinnen im Klassenkampf"
        <pb n="397" />
        ﻿382

und die ihr folgende Reichstagswahl des gleichen Jahres wird zum Anlaß,
den Aufruf in entsprechend geänderter Form zu wiederholen, und der Erfolg
ist ein noch größerer. Lind nun geht keine Wahl, an der die Arbeiterschaft
teilnimmt, keine von ihr veranstaltete Demonstration, keine Lebensäußerung
irgendwelcher Art vorüber, an der sich nicht die sozialistischen Frauen in
immer größerer Zahl und in Übernahme von immer mehr Parteiarbeiten
mitwirkend betätigen. Sie stellen neue Rednerinnen, sie arbeiten in den
Komitees, sie beteiligen sich an allen Aufgaben der sogenannten Kleinarbeit,
dieser wichtigsten aller Parteiarbeiten. Wenn das Gesetz ihnen noch das
volle staatsbürgerliche Recht vorenthält und sie von den Wahlen zu den
öffentlichen Vertretungskörpern ausschließt, so sind sie wenigstens in der
sozialistischen Arbeiterbewegung Vollbürger in Tat und Recht.
        <pb n="398" />
        ﻿Vierzehntes Kapitel.

Die Berliner Arbeiter-Sanitätskommission
und der Boykott der Charite.

unausgesetzte Drängen der Sozialdemokraten in der Stadtverord-
netenversammlung auf eine durchgreifende Gesundheitspolitik der
Stadt Berlin fand während einer Reihe von Jahren eine wirkungs-
volle Ergänzung durch die Tätigkeit der Berliner Arbeiter-Sanitätskommission,
darunter den von dieser ins Werk gesetzten Boykott der Berliner Charits.

Den Anstoß zur Bildung der Arbeiter-Sanitätskommission gab am

8.	September 1892 eine Verhandlung in der Stadtverordnetenversammlung,
die sich um Vorbeugemaßregeln gegen Einschleppung und Verbreitung der
in Lamburg wütenden Cholera drehte. Der Magistrat forderte einen
Kredit von 800 000 Mk. für Durchführung einer Reihe von fanitäts-
polizeilichen Maßnahmen, gegen die sich, soweit sie gingen, nichts einwenden
ließ, die aber der Redner der sozialdemokratischen Fraktion, Dr. I. Zadek,
für bei weitem nicht ausreichend erklärte. Er verlangte, daß man aus den
Erfahrungen Hamburgs die Erkenntnis von der Notwendigkeit ziehe, durch ein
Gesundheitsamt allen sanitätswidrigen Verhältnissen Berlins nachzuspüren
und an den Leib zu gehen. Lind weiter forderte er, daß man für diese
Aufgaben die Arbeiterschaft hinzuziehe. Er verwies dabei auf Lamburg,
wo die Behörden selbst sich genötigt sahen, die organisierte Arbeiterschaft
um deren tätige Mitwirkung bei der Bekämpfung der Cholera-Epidemie zu
ersuchen, und wo diesem Gesuch von den Arbeitern in einer Weise entsprochen
wurde, die selbst den Gegnern bewundernde Anerkennung abrang, während
das Bürgertum in Scharen die Flucht ergriff.

Die Stadtverordnetenmehrheit wollte von diesen Vorschlägen nichts
wissen. Noch brannte den Berlinern das Feuer nicht auf den Nägeln,
und so glaubte man es bei den paar, vom Magistrat vorgeschlagenen
sanitätspolizeilichen Abwehrmaßregeln bewenden lassen zu können, die allenfalls
wohl die bürgerlichen Klassen vor der Cholera schützen konnten, aber für den
Schuh der viel stärker gefährdeten Arbeiter ganz und gar nicht ausreichten. Dies
veranlaßte Zadek, seinerseits die Berliner Arbeiterschaft zum selbsttätigen Ein-
greifen aufzufordern. In einem Aufruf, der im „Vorwärts" am 11. Sep-
tember 1892 erschien, kennzeichnete er unter Linweis auf die Lage der Dinge
in Lamburg die Weigerung der Berliner Komnmnalvertretung, aus den Lam-
        <pb n="399" />
        ﻿384

burger Vorgängen die gehörigen Folgerungen zu ziehen und für eine gebührende
Vertretung der Arbeiter in den Revier-Sanitätskommissionen Sorge zu
treffen. Noch sei das Übergreifen der Cholera-Epidemie auf Berlin nicht
ausgeschlossen, und so bliebe den Arbeitern wieder einmal nichts übrig, als
mit der Tat jvoranzugehen und sich selbst zu helfen. Der Aufruf schlug
ein. Im Laufe einer Woche meldeten sich über hundert Personen zur
Mitarbeit, darunter eine größere Anzahl Ärzte und auch verschiedene
technische Sachverständige. Nachdem zunächst ein provisorisches Komitee
aus den Arbeitern G. Dietrich, Rud. Millarg und Robert Schmidt,
dem Techniker L. Bauermeister und noch einigen Fachleuten die vor-
bereitenden Arbeiten in die Land genommen hatte, erfolgte am 6. Oktober 1892
die endgültige Konstituierung der Arbeiter-Sanitätskommission mit
Zadek als Vorsitzenden. Berlin wurde für die Zwecke der Organisierung derart
in acht Bezirke eingeteilt, daß der 1., 2., 3. und 5. Reichstagswahlkreis je einen,
der 4. und 6. Wahlkreis je zwei Bezirke bildeten. Die Mitglieder der
Kommission übernahmen es, jeder in seinem Bezirk als Kontrolleur einen
Teil der einlaufenden Beschwerden auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Zu
diesem Behufe erhielten sie eine gedruckte Anleitung und entsprechende
Frageformulare. Es wurde ihnen zur Pflicht gemacht, jede Übertreibung,
jedes tendenziöse Abweichen von der Wahrheit aufs strengste zu vermeiden,
da ein einziger falscher oder auch nur ungenauer Bericht den möglichen
Nutzen von hundert peinlich genauen Feststellungen zunichte machen könne.
Die Beschwerden wurden in der Regel von zwei Kontrolleuren unabhängig
voneinander und ohne daß der eine vom andern wußte, geprüft und deren
Berichte vorher verglichen, ehe auf Grund ihrer der betreffende Fall vor
die Öffentlichkeit gebracht wurde.

Die Kommission brauchte um Stoff zur Betätigung nicht bange
zu sein.

Schon in seiner Nummer vom 25. September 1892 hatte der „Vor-
wärts" eine ganze Liste von Mißständen in Arbeiterwohnungen zu ver-
öffentlichen, die zur Kenntnis der Gründer der Kommission gekommen
waren. Die meisten davon bezogen sich, wie es angesichts der Cholera-
gefahr nur natürlich war, auf den Zustand der Klosetts und enthüllten haar-
sträubende Versündigungen gegen die einfachsten Vorschriften der Reinlichkeit.
Es wurden verschiedene Fälle festgestellt, wo ein einziges Klosett für sieben
und mehr, in einem Fall sogar für 19 Laushaltungen herhalten mußte,
und daß diese Klosetts meist ekelerregend unsauber waren, braucht kaum
noch hinzugefügt zu werden. Vielfach waren sie auch bar aller Spül-
vorrichtungen und so gelegen, daß sie den ganzen ümkreis verpesteten.
Kurz, es zeigte sich sofort, daß die Arbeiter-Sanitätskommission keine
Minute zu früh ins Leben gerufen worden war.

Fast Woche für Woche veröffentlichte der „Vorwärts" nun Mitteilungen
der Kommission über sanitätswidrige Wohnungs- und Fabrikzustände. Außer
den Klosetts war auch oft die Wasserversorgung schändlich vernach-
lässigt. Des weiteren waren viele Wohnungen feucht und dunkel, wahre
Brutnester für alle möglichen Erkrankungen. Von Äberfüllung der Woh-
nungen gar nicht zu reden. Dann wurden auch andere Mißstände fest-
gestellt: die jammervollen Löcher, in denen Dienstboten, Lehrlinge oder
beim Prinzipal wohnende Arbeiter oft zu Hausen hatten; die Verpestung
        <pb n="400" />
        ﻿
        <pb n="401" />
        ﻿385

von Werkstätten und Wohnungen
durch Lagernlaffen faulender Gegen-
stände, ungenügenden Verschluß von
Senkgruben und dergleichen; die
manchmal aller Lygiene spottende
Beschaffenheit der Flüssigkeit, die
Trinkwasser vorstellen sollte, und
in der die chemische Untersuchung
in verschiedenen Fällen Reste von
Fäkalstoffen feststellte.

Die Veröffentlichungen der
Arbeiter-Sanitätskommission machten
denn auch nicht wenig Aufsehen und
wurden in den Kreisen der Laus-
besitzer sehr unliebsam empfunden.

Im „Vorwärts" an den Pranger
zu kommen, war keine sehr angenehme
Sache, zumal gegenüber den im
„Vorwärts" zur öffentlichen Kenntnis
gelangten Mißständen die Sanitäts-
behörden nicht passiv bleiben konnten.

So sah sich der Leiter der Medizinal-
abteilung des Berliner Polizei-
präsidiums, Medizinalrat Dr. Wer-
nt ch, veranlaßt, in der Vierteljahresschrift für gerichtliche Medizin und
öffentliches Sanitätswesen von den Veröffentlichungen der Arbeiter-Sanitäts-
kommission zu schreiben, sie bedeuteten einen „an sich nicht nur sachgemäßen,
sondern auch praktikablen und Nützliches verheißenden Weg". Viele „der regel-
mäßigen Kontrolle leicht zu entziehende Anzuträglichkeiten" seien so „öffentlich
besprochen und — wo erreichbar — abgestellt" worden. Es hätte zwar
an Übertreibungen nicht gefehlt, der „Agitationszweck" sei „unverhüllt"
zutage getreten, aber „die Einsicht, daß jedermann für das Gemeinwesen
einzutreten hat, sollte ferner nicht bloße Theorie der Sozialisten sein".

Im Frühjahr 1893 nahm die Arbeiter-Sanitätskommission eine
eigene Erhebung über Wohnungsverhältnisse Berliner Arbeiter vor, um
an einer Probe zu zeigen, was hinsichtlich der Erforschung des Wohn-
wesens in Berlin zu leisten war. Am sich nicht dem beliebten Vorwurf
der tendenziösen Leraushebung ausnahmsweise krasser Fälle auszusetzen,
wählte man eine verhältnismäßig neue, nach den Vorschriften der neuesten
Bauordnung errichtete Straße, die beim Görlitzer Bahnhof gelegene
Sorauerstraße, aus. Im Verein mit Dr. Alfred Blaschko arbeitete
Dr. Zadek Fragebogen aus, die später noch ergänzt und in Instruktions-
stunden den mit der Aufnahme Betrauten erläutert wurden. Eine Anzahl
von Studierenden der Medizin hatten sich neben Arbeitern für das Auf-
nahmewerk zur Verfügung gestellt, das am Sonntag, den 26. Februar 1893,
ausgeführt wurde. Die Auszählung des Materials besorgten junge Kauf-
leute unter Leitung von Dr. Ad. Braun, der auch die weitere Auf-
arbeitung der Ergebnisse leitete und ihre Veröffentlichung übernahm. Sie
erfolgte in seiner Schrift: „Berliner Wohnungsverhältnisse, Denk-
Bernstein, Berliner Geschichte. III.	25

182. Bereitwilligkeitserklärung zur
Tätigkeit im Dienste der Arbeiter-
Sanitätskommission
        <pb n="402" />
        ﻿386

schrift der Berliner Arbeiter-
Sanitätskommission", die als

6.	und 7. Lest der dritten
Serie der von Max Schippe!
herausgegebenen „Berliner
Arbeiter ° Bibliothek" im
Sommer 1893 erschien und
viel kommentirt wurde. Die
Sorgfalt und Sachlichkeit
der Erhebung wurden von
Freund und Feind aner-
kannt. Selbst der damalige
stellvertretende Polizeipräsi-
dentvon Berlin,Fried heim,
nahm Anlaß, im Kerbst 1893
in einer Sitzung der König-
lichen Sanitätskommission
den Vorständen der Revier-
Sanitäts-Kommissionen die
Denkschrift „zum eifrigen
Studium" zu empfehlen, da
sie „sehr viel Beachtens-
wertes" enthalte, und sein
Bedauern auszusprechen, daß
in den Sanitätskommissionen
„nicht auch Vertreter der
ärmeren Klassen sitzen".

Grobe Mißstände brachte
die Arbeiter - Sanitätskom-
mission auch hinsichtlich des
unter staatlicher Verwaltung stehenden Krankenhauses Charite an die
Öffentlichkeit, sowohl was die sanitären Zustände als auch, was die Be-
handlung der Patienten anbetraf. So ging man daselbst namentlich mit den
wegen Geschlechtskrankheiten der Charite überwiesenen Patienten in ent-
würdigender Weise um, und als in der Stadtverordnetenversammlung von
sozialdemokratischer Seite Protest dagegen erhoben wurde, hatte der Direktor
der Charite den Mut, zu behaupten, geschlechtskranke Arbeiter seien ja doch
„meist Zuhälter". Indes war die Kommission diesem Institut gegenüber
nicht völlig auf den guten Willen und die Tatkraft der Behörden an-
gewiesen. Die Charite, die mit der Universität verbunden ist, braucht die
Patienten für die Ausbildung der Studierenden, sie konnte also durch
Entziehung der ersteren empfindlich getroffen werden. Auf diesen Amstand
machte die Arbeiter-Sanitätskommission die Arbeiter und die Vorstände
der Arbeiterkrankenkaffen aufmerksam und zeigte ihnen, wie sie durch ge-
schlossenes Vorgehen die Leitung der Charite zwingen könnten, die er-
krankten Arbeiter anständig zu behandeln. Es ward, als alle Reklamationen
nichts halfen, im August 1893 die Boykottierung der Charite be-
schlossen. Eine Kommission der Krankenkassen stellte unter drei Rubriken
— Baulichkeiten, Krankenbehandlung und Neue Charite — eine Liste von

Anleitung.

Der Controleur erhält eine Legiiimalionskarie', um sich nötigenfalls
bnn Beschwerdeführer und eiwaigen für seine Angaben notwendigen Zeugen
gegenüber legitimsten zu sönnen. Diese Karle ist möglichst selten und nur,
wenn eine solche Legitimation von ihm gewünscht wird, vorzuweisen.

Der Controleur hat die ihm übertragene Untersuchung fa fchrreL
ev feilte Zeit gestattet» vorzunehmen. Zu diesem Behufe haj er
sich an Ort und Stelle persönlich von dem Tatbestände zu überzeugen,
wenn nötig mit Zuhilsenahine des Beschwerdeführers.

Sollte auä irgend welchen Gründen eine persönliche Inaugenschein-
nahme nicht möglich sein, so hat er dies in seinem Bericht zu vermerken,
sowie die Zeugen, von denen er die in dem Berichte initaeteilten Tat-
sache« erfahren hat. nebst ihreik Adressen zu nennen.

Der Controleur soll sich nicht darauf beschränken, die in der Beschwerde
angegebenen Punkte sowie die in dem Fragebogen vorgemerklcn Fragen zu
berücksichtige», er hat auch sein Augenmerk auf alle sonstiger,
«ichtise« sanitären Verhältnisse xu richten» die ihm am
Vrte der Unter such,nig rniL anderwärts anssatten.

In der Beschreibung etwaiger Uebelstande soll er keine übertriebene
oder tendenziös gefärbte Darstellung geben, sich auch möglichst wenig all-
gemeiner Ausdrücke — wie: groß, Nein, schrecklich, unbeschreiblich rc. —
bedienen, hingegen recht viel tatsächliche Details, unter Angabe von Maß
und Zahl beibringen.

Für jeden Bericht ist ein besonderer Bogen zu. verwenden.

Den Bericht Hot der Controleur noch an demselben Tage abzufassen
und am nächsten Tage dem instruirenden Arzte »u, einer vorher vereinbarten
Stunde persönlich zu überbringen.

Sollte nach Ansicht des Controleurs die Beschwerde sich durch eine
einsache Vorstellung bei dem Hauswirt, dem Unternehmer oder der Polizei
erledigen lassen, so hat er dies dem Arzte mitzuteilen; er selbst hat sich
jedes persönlichen Eingreijrns in die betr. Angelegenheit, sowie auch einer
selbständigen. Veröfsentlichung der von ihm ermittelten Tatsachen zu erii

Dritten Personen gegenüber ist er im Interesse der Sache zum strengsten
Slillschivcigen über seine Tätigkeit und die Ergebnisse seiner Untersuchung
verpflichtet.

183. Anleitung für die Kontrolleure der
Arbeiter-Sanitätskommission
        <pb n="403" />
        ﻿--Lt.





387

WUW JUWJUI. A^&lt;AAJiJUAJUUaJUlo*oU^

&lt;!- ■i‘jil|j-l'l'iMitü.‘-''.'»0..&gt;V‘TiiiTi\i7^,M;..i&lt;rl~.irr.7r.i..irii.i&gt;i'iiM?s.v,YinriminnriTttniiriuM;iii7nnnTiT»|^

Legitimations-Karte No.

/*

19 Forderungen zusammen,
und dann ward im Sep-
tember 1893 der Charite-
boykott ins Werk gesetzt.

Seine Durchführung stieß auf
mancherlei Schwierigkeiten,
trotzdem konnte die Arbeiter-
Sanitätskommission bald fest-
stellen, daß der Beschluß
kräftig befolgt wurde. Ein
im Dezember 1894 im
„Vorwärts" veröffentlichter
Bericht ergab folgenden Rück-
gang in den Einnahmen der
Charite, wobei noch zu berücksichtigen ist, daß bei einem Teil der Kranken-
kassen der Boykott schon im vierten Quartal 1893 seine Wirkung ausgeübt
hatte:

für 4 Quartale für die 3 ersten
1893 Quartale 1894

Inhaber. dieses äst Beauftragter der

Ärbeiter-Saaltäts-Commissioa.

=&gt;

_______________________________________!= &gt;

184. Legitimationskarte der Beauftragten
der Arbeiter-Sanitätskommission

Es hatten gezahlt:

Tabakarbeiter		174 Mk.		22 Mk.	
Goldschmiede		458	„	272	„
Gelbgießer		568	„	—	„
Bildhauer		1346	„	216	„
Mechaniker usw		1360		426	ff
Töpfer		1466	tr	90	„
Zimmerer		2 798		258	u
Schuhmacher		5 250		956	
Schneider		13 743		3 470	
affe der gewerblichen Arbeiter	52115	„	12 712	

zusammen 79 278Mk. 18 422Mk.

Der Boykott war mehr, als man seitens der Charite vorausgesehen
hatte, harte Tatsache geworden.

And so blieb er denn auch nicht wirkungslos. Im Oktober 1894
statteten verschiedene Staatsminister und eine Anzahl höherer technischer
Staatsbeamten gemeinsam der Charite einen Besuch ab, um sich, so ward
der Presse berichtet, durch den Augenschein davon zu überzeugen, ob und
inwieweit der Boykott gerechtfertigt sei. Ein offizieller Bericht über die Arteile,
die sie abgegeben, ist nicht veröffentlicht worden. Aber — eine Reihe der
Mißstände, um derentwillen der Boykott proklamiert worden war, wurden
abgestellt. Man gab nicht direkt zu, daß es infolge des Boykotts geschah,
aber man ließ es sich angelegen sein, die Steine des Anstoßes aus dem
Wege zu räumen. Wünsche der Krankenkassen wurden erfüllt und der
längst notwendig gewordene Neubau der Charite beschlossen.

Ähnlich war das Schicksal der anderen Agitationen der Kommission.
Ihre Wirkung war nicht immer eine unmittelbare; sie trat öfters unter
Formen ein, die nicht erkennen ließen, daß auch die Arbeiter-Sanitätskommission
mit den betreffenden Maßregeln etwas zu tun hatte. Diese erblickte eben
ihre Aufgabe in erster Linie darin, durch rückhaltlose Bekanntgabe von
Mißbräuchen einen Druck auf die Gewissen auszuüben und das Werk
derer zu ergänzen und zu erleichtern, die in den öffentlichen Vertretungs-

25»
        <pb n="404" />
        ﻿

■

	







I

m





388

Forderungen

der

Berliner Krankenkassen an die Charite.

A. Betreffs der Baulichkeiten:

1.	Außerdienststellling der hygienisch unbrauchbaren Krankenräumr.

2.	Beschaffung genügender Räumlichkeiten durch Reuerrichtung von Pavil-
lons und Baracken.

3.	Einrichtung von Nebenräumlichkeitrn in allen Kranken-Abtheilungen
für Wasch, und Bade- Einrichtung. KlosetS. intermistische Leichen-
Aufbewahrung re.

4.	Verbesserung der Ventilation?- und Heiz. Vorrichtungen ,n einer der
Neuzeit entsprechenden Weise.

6. Freundliche Ausstattung der Krankensäle und Schaffung von Räumlich'
keilen für die nichtbeitlägerigen Kranken.

3. Betreffs der Kranken-Behandlung:

1.	Unterstellung der Verwaltung und des gesaininten Wärterpersonals unter
die Oberleitung der Aerzte.

2.	Rekrutiruiig des ärztlichen Assistenten- und Unter-Assistenten-Personals
durch wissenschaftlichen Wettbewerb. Zn diesem Wettbewerb sind auch
Militärärzte zuzulassen.

3.	Anstellung eines ausreichenden und durchgebildeten Wärter-Personals.

4.	Freundliche und liebevolle Behandlung der Patienten von der Aufnahme
bis zur Entlasfuntz; Fortfall der militärischen Disziplin und des
Kasernentones.

з.	Beschaffung besserer, das heißt genügender, schmackhafter und abwechse-
lungsreicher Kost.

v. Schnelle Ausführung der ärztlichen Verordnungen in bezug auf Arzneien.
Extradiät rc.

1.	Völlige Freiheit der Kranken in bezug auf Verwendung-» Untezrichts-
und Demonstrationszivecke».

6. Völlige Freihcrt der Kranken in der Wahl ihrer Lektüre, Fortfall dex
religiösen und politischen Beeinflussung.

и.	Rechtzeitige Benachrichtigung vom Ableben eines Kranken an An-
verwandte und Kassenvorstände.

IO- Unbeschränkter Zutritt zu -den Krankenhaus-Räumen für Kassen-Vor-
stände und die Arbeiter-Kontrollkommission.

0 Sprzial-Forderungen für die Neue Charite:

1.	Wegfall aller gefängnisiartigen Einrichtungen und Maßregeln. Wegfall
aller Disziplinarstrafen, Gleichstellung der Geschlechtskranken mit allen
anderen Kranken in bezug auf Einpfang von Besnch"n, Ansgehrzeit,
Korrespondenz rc.

2.	Schonung des Schamgefühls der Patienten und Behandlung derselben
lediglich als-Kranker und nicht als Zuhälter.

3.	Absonderung der polizeilich eingelieferten Verbrecher, -Zuhälter und

Prostituirten von den übrigen Kranken.	*

4.	Ausführung der Operationen unter allen Kautelen ,nvder»er Operation?-
technik und damit Benutzung der der Wissenschaft zu Gebote stehenden
schmerzstillenden Mittel.

Me Kommission der Krankm-Kasse»
für den Noykott der Lharit«.

185. Forderungen der Berliner
Krankenkassen an die Charite

körpern und Amtsstuben für
eine wirksame Volkshygiene
kämpften.

Das aber hat sie eine
ganze Reihe von Jahren
mit Eifer und, wie wir
gesehen haben, nicht erfolg-
los getan. Es lag in der
Natur der Sache, daß eine
solche freiwillige, im Hin-
blick auf ganz bestimmte
Vorkommnisse ins Leben
getretene Körperschaft den
Anlaß ihrer Geburt nicht
ewig überleben konnte.

Kind der freien Ini-
tiative und auf freiwillige
Beiträge angewiesen, hat
die Arbeiter-Sanitätskom-
mission mit sehr bescheide-
nen Geldmitteln gewirt-
schaftet. Nur im ersten
Jahre flössen die Einnahmen
reichlich. Sie bestanden zum
größten Teil aus einmaligen
Geschenken von einzelnen
und Arbeitervereinen, Ge-
werkschaften, Krankenkassen
und geselligen Vereinen.
Der größte Teil derArbeiten
aber ward unentgeltlich ge-
leistet. So konnte die Kom-
mission am Schlüsse des
ersten Jahres, trotzdem sie

in diesem die Wohnungs-
erhebung in der Sorauerstraße vorgenommen und die Denkschrift dar-
über herausgegeben hatte, von einer Gesamteinnahme von 1006 Mk.
noch 350 Mk. vortragen. In der Liste der Kontrolleure und freiwilligen
Hilfsarbeiter finden wir neben gewerblichen Arbeitern auch eine nennens-
werte Anzahl von Kaufleuten und Angehörigen der akademischen Berufe,
unter den Ärzten, die für sie tätig waren, fehlt kaum einer der damals
oder später in der politischen Bewegung hervorgetretenen Mediziner.
So gehörten auch die zu früh verstorbenen Genossen Dr. Kurt Freuden-
berg und Dr. Schönweiler ihrem Aerztekollegium an.

In dem Maße als die Choleragefahr abnahm, erlahmte das Interesse an
der Kommission. Bis zum Jahre 1896 erscheinen ihre Berichte im „Vorwärts"
ziemlich regelmäßig, dann werden sie seltener, und schließlich tauchen sie nur
von Zeit zu Zeit noch auf. Eine formelle Auflösung der Kommission ist
nicht erfolgt, ihr letzter Bericht erschien im „Vorwärts" vom 15. März 1903.
        <pb n="405" />
        ﻿389

Die Tatsachen, die er mitteilt, zeigen, daß die Kommission auch damals
noch nicht überflüssig war, und sie wäre es selbst heute noch nicht. Aber
der Bericht konnte darauf verweisen, daß verschiedene Krankenkassen bei der
Kassenkontrolle regelmäßig auch die Wohnungen der Kranken inspizierten
und die dabei gefundenen Mißstände veröffentlichten, und daß insbesondere
die Ortskrankenkasse der Kaufleute in bezug auf Organisation dieser Inspektion
und in den Veröffentlichungen ihrer Ergebnisse vorbildliches leiste. Mit
anderen Worten, daß für die Arbeiter-Sanitätskommission nun schon
verschiedentlich Ersatz vorhanden war.

dir
        <pb n="406" />
        ﻿Fünfzehntes Kapitel.

Die Schöpfungen der Berliner Sozialdemokratie
für Bildung und Kunst.

1. Die Arbeiterbildungsschule.

3ch habe nie eine ähnliche Versammlung gesehen." So schrieb Wilhelm
Liebknecht im Januar 1891 begeistert über eine Versammlung, die
am 12. jenes Monats in Berlin in Lipps' Brauerei am Friedrichs-
hain getagt hatte. Es war dies eine Volksversammlung, die einberufen
worden war, um über die Gründung einer Arbeiterschule Beschluß zu
fassen, und sie war so stark besucht gewesen, daß der mächtige Saal in
allen seinen Teilen erdrückend besetzt war. Aber nicht die Massenhaftigkeit
des Besuchs war es, die Liebknecht zu jenem Ausspruch bewegte. Über-
füllte Versammlungen riesenhaften Amfangs waren für ihn nichts Neues.
Angewöhnlich aber war nach seiner Schilderung der Löhegrad weihevoller
Begeisterung, der sich in den Mienen der Versammelten malte, als Zweck
und Aufgabenprogramm der zu gründenden Schule vor ihnen entwickelt
wurden. Die Vorhut der Berliner Arbeiterschaft fühlte sich hingerissen
von dem Gedanken, daß nun ein Institut von ihr ins Leben gerufen
werden sollte, das dem bildungshungrigen Arbeiter Gelegenheit bieten
würde, für seine Ausrüstung mit den Elementen des Wissens das nachzu-
holen und systematisch zu erweitern, was ihm die so mangelhaft entwickelte
Volksschule nicht oder nur unzureichend gewährt hatte. Noch gab es in
der Arbeiterschaft viele, die in der Jugend selbst nicht einmal in den
elementarsten Lehrfächern leidlich ausgebildet waren, und ihnen sollte die
Arbeiterschule diesen Anterricht verschaffen. Zugleich aber sollte sie die
Stätte des Anterrichts in denjenigen Wissenszweigen sein, die in den
staatlich anerkannten Schulen teils überhaupt nicht und teils nur in
tendenziöser Färbung betrieben werden, wie Geschichte, Nationalökonomie,
Naturwissenschaft, Rechtswesen und ähnliches. In seiner fesselnden, durch
Beispiele aller Art belebten Vortragsweise hatte Liebknecht dies den
gespannt lauschenden Zuhörern vorgeführt, und so groß war die Begeisterung,
die seine Darlegung auslöste, daß sich mehrere tausend Arbeiter zur Teil-
nahme an der geplanten Bildungsanstalt meldeten, die dann den Namen
Arbeiterbildungsschule Berlin erhielt.
        <pb n="407" />
        ﻿Ihre Verfassung war einfach und demokratisch. Durch einen sehr
geringen Monatsbeitrag — 25 Pfennig — erwarb man die Mitgliedschaft,
und die Mitglieder wählten in einer Generalversammlung den Vorstand,
der für passende Räumlichkeiten zu sorgen, die Lehrkräfte zu beschaffen und
im Verein mit dem Ausschuß dieser Lehrkräfte den Lehrplan aufzustellen
hatte. Für dies und seine sonstige Geschäftsführung war der Vorstand
der Generalversammlung der Mitglieder verantwortlich, so daß bei diesen
die letzte Entscheidung lag. Das Anterrichtsgeld für die Lehrkurse wurde
so niedrig bemessen, nämlich 50 Pfennig pro Kursus, daß es selbst der
schlechtestentlohiite Arbeiter aufbringen konnte. Allerdings zeigte sich auch
bald, daß es zu gering war, um der Schule das Bestehen aus eigenen
Mitteln zu verbürgen. Aber durch Zuschüsse von seiten der Organisationen
und Gejchenke wohlhabender Genossen ward die Schule in den Stand
gesetzt, alle Wcchselfälle von Gunst und Angunst, denen sie ausgesetzt war,
zu überdauern.

And an ungünstigen Konstellationen hat es ihr nicht gefehlt. Es ist
allen Schöpfungen dieser Art eigen, daß nur bei einem Teil derer, die sich
durch einen Vortrag für sie entflammen lassen, die Kraft der Begeisterung
für dauernde Betätigung ausreicht. Angesichts der großen Zahl von An-
meldungen, deren sich die Schule in der ersten Zeit erfreute, hatte man
Lokale in allen Stadtgegenden fiir sie eingerichtet und einen sehr umfassenden
Anterrichtsplan für sie aufgesetzt, der auch Gegenstände wie Anatomie und
Physiologie enthielt. Aber man hatte nicht genug mit dem Einfluß der
Schwankungen des Arbeitsmarktcs auf die Ortsständigkeit gerade derjenigen
Elemente der Arbeiterschaft gerechnet, für welche die Schule vornehmlich
eingerichtet war, und hatte auch die ablenkende Wirkung der politischen und
gewerkschaftlichen Kämpfe auf die regeren Elemente unter den Arbeitern
unterschätzt. Schon ein erheblicher Teil der Meldungen der ersten Wochen
blieben bloße Meldungen, später aber ging es auch mit den Anmeldungen
selbst langsamer. Die Schülerzahl blieb bedeutend hinter den ersten
Schätzungen zurück, die Lehrfächer mußten beschränkt, die Schulräume ver-
mindert werden, und doch wollten Einnahmen und Ausgaben nicht ins
Gleichgewicht kommen. Es schien, als ob die Schule in neutralen Anter-
richtsgegcnständcn die Konkurrenz des gut fundierten und über ein eigenes
Gebäude verfügenden alten Landwerkervereins nicht werde bestehen können,
und es gab denn auch selbst unter den führenden Parteimitgliedern Leute,
die da meinten, man möge diejenigen, die flch in Deutsch, Rechnen, Natur-
geschichte usw. fortbilden wollten, ruhig dem Landwerkerverein überlassen,
und nur die spezifisch sozialpolitische Bildung von Partei wegen betreiben.
Zu denen, die so dachten und sich gelegentlich in diesem Sinne äußerten,
gehörte unter anderen Ignaz Auer.

Schließlich kam es im Jahre 1897 dahin, daß man sich ernsthaft die
Frage vorzulegen hatte, ob es nicht am besten sei, die Schule ganz auf-
zulösen. Aber wie es der Schule nie an einem Stamm begeisterter
Anhänger und Freunde gefehlt hatte, die keine Mühen und Opfer scheuten,
sie über Wasser zu halten, so hatte sie auch jetzt deren genug, welche nicht
von ihr lassen mochten, bis nicht alle Mittel versucht worden seien, sie auf
eine feste Basis zu stellen. And so ward in jenem Jahre eine völlige Neu-
organisation der Schule beschlossen. Die örtliche Dezentralisation der Schul-
        <pb n="408" />
        ﻿392

räume ward gänzlich fallen gelassen, die Schule in einem Lokal zentralisiert,
während die Lehrfächer auf Geschichte, Gesetzeskunde, Naturgeschichte, Volks-
wirtschaft und Redekunst beschränkt wurden. Der Lehrkursus ward auf
10 Stunden im Vierteljahr und das Anterrichtsgeld auf 1 Mk. für den
Kursus angesetzt.

Auf Grund dieses Programms, zu dem noch die Veranstaltung von
Vorträgen allgemeiner Natur, von Dichterabenden, Ausflügen usw. trat,
hat sich die Schule am Leben erhalten und schrittweise gehoben, so daß sie
allmählich ihren Lehrplan wieder erweitern und auch Kurse außerhalb ihres
Zentrallokals veranstalten konnte. Folgendes ihre Entwicklung seit der

Reorganisation:				Eintragung von Mitgliedern			Einnahme
				männlich	weiblich	zusammen	Mk.
1. April 1898 bis 31.		März 1899		412	47	459	2790
1.	„	1899 „	31.		1900	456	82	538	3091
1.	„	1900 „	31.	n	1901	562	72	634	3048
1.	„	1901 „	31.	„	1902	622	72	694	3039
1.	„	1902 „	31.	rr	1903	672	79	751	3141
1.	„	1903 „	31.	fr	1904	688	76	764	2775
1.	„	1904 „	31.		1905	911	90	1001	3792
1.	„	1905 „	31.	„	1906	1189	93	1282	4207
Man sieht, die Mitgliederzahl ist				ununterbrochen		gestiegen.	Wenn die

Rubrik der Einnahmen noch längere Zeit ein anderes Bild zeigt, so rührt
dies daher, daß die Posten „Geschenke" und „Jahresbeiträge", d. h. die
Llnterstützungszuwendungen, die im ersten dieser acht Jahre noch über ein
Drittel der Gesamteinnahme ausmachen, von 1900/1901 ab schrittweise in
ihrem Betrag zurückgehen. Die Einnahmen aus den einfachen Mitglieder-
beiträgen, aus Schul- und Bibliotheksgeld aber ergeben von Jahr zu Jahr
größere Summen, und im letzten Jahr machen die Zuwendungen noch nicht
den zwanzigsten Teil der Gesamteinnahmen aus; die Schule steht fast ganz
auf eigenen Füßen.

Die Lnterrichtskurse bestanden im letzten Quartal des Jahres 1905 in
Nationalökonomie, Naturerkenntnis, Geschichte, Gesetzeskunde, Rednerschule
und Nationalökonomie für Vorgeschrittene. Den Unterricht erteilten in
diesem Quartal M. Ä. Baege, Max Grunwald, S. Kahenstein und
Max Maurenbrecher. Von Lehrern, die in vorhergegangenen Jahren
Unterricht erteilt hatten, seien Ewald Vogtherr, Dr. Bruno Borchardt,
M. Großmann, Dr. Conrad Schmidt, Dr. Max Schütte, Dr. Rud.
Steiner genannt, und groß ist die Zahl derer, die in den freien Ver-
sammlungen der Schule Vorträge hielten.

Ihr Lokal hat die Schule auch nach der Reorganisation noch wieder-
holt wechseln müssen. Vom Jahre 1900 bis Ostern 1906 befand es sich
in den Räumen des Berliner Gewerkschastshauses, seit Oktober 1906 hat
die Schule, die nun größere Räume brauchte, als ihr im Gewerkschaftshaus
vermietet werden konnten, ihr Äauptlokal Grenadierstr. 37. Anträge an die
städtische Schuldeputation, ihr Schulräume der Stadt Berlin zur Ver-
fügung zu stellen, sind stets abschlägig beschieden worden. Sie blieb auf
die Kraftquellen angewiesen, welche die sozialistische Bewegung selbst ent-
wickelt, und ihre Geschichte ist ein weiteres Zeugnis von der großen
Entwickelungsfähigkeit dieser Quellen.
        <pb n="409" />
        ﻿393

2. Die Freie Volksbühne.

Mit weit geringeren materiellen Schwierigkeiten als die Arbeiter-
bildungsschule hat die „Freie Volksbühne" zu kämpfen gehabt, deren
Gründung noch in die Zeit des Sozialistengesetzes entfällt und im zweiten
Band unserer Geschichte geschildert worden ist. Aber dafür hat die „Freie
Volksbühne" andere Krisen zu überstehen gehabt, und gerade sie ist während
einer längeren Zeitspanne in ihrem Bestand unterbrochen worden.

Das Datum der ersten Theatervorstellung der „Freien Volksbühne" ent-
fällt in unsere Epoche, nämlich in den Oktober 1890. Das gewählte
Stück war Ibsens „Stützen der Gesellschaft", ein Drama, das, ohne
direkt sozialistisch zu sein, schärfere Töne in der Gesellschaftskritik anschlägt
und in der Charakteristik moderner Menschen größere Wahrheit an den
Tag legte als die überlieferte Dramatik. Gespielt wurde das Drama im
Ostend-Theater, einer bescheidenen Vorstadtbühne des östlichen Berlin, und
selbstverständlich von Berufsschauspielern. Denn nicht die Ausbildung von
Proletariern zu Schauspielern war der Zweck dieses Unternehmens, sondern
die Lebung des Arteils und Geschmacks der Arbeiter durch Vorführung
der besten Produkte der dramatischen Dichtung. Aber von Anbeginn an
wurden jedesmal möglichst gute Kräfte aus Berliner Theatern für diese
Vorstellungen geworben und durch einen Regisseur von Fach für das
Zusammenspiel eingeübt. Von der ersten Vorstellung an wurde ferner das
Prinzip durchgeführt, durch Erhebung eines Einheitspreises und Verteilung
der Plätze durch das Los den Einfluß des Geldes auf die Besetzung der
Plätze auszuschalten, ein Prinzip, das sich so gut bewährt hat, daß zu
keiner Zeit der Wunsch aufgetaucht ist, von ihm abzugehen oder an ihm
zu ändern. In gleicher Weise hat sich die Ansetzung der Vorstellungen
auf den frühen Sonntagnachmittag bewährt, und ebenso auch die Über-
wachung der Verlosung der Plätze und Aufrechterhaltung der Ordnung bei
Vorstellungen, Vorträgen und Festen durch von den Mitgliedern selbst
gewählte Ordner und Obleute.

An alledem ist nichts Wesentliches geändert worden. Dagegen mußte
die ursprünglich getroffene Einrichtung, die ausgewählten Stücke vor der
Aufführung in den Mitgliederversammlungen zu erläutern, aufgegeben
werden. Die Polizei leitete aus den Vorträgen das Recht her, den
Verein „Freie Volksbühne" unter das Vereinsgesetz zu stellen, und ließ
den Vorstand wissen, daß, wenn diese Vorträge fortgesetzt würden, der
Verein für „politisch" erklärt werden würde, was den Ausschluß der
Frauen zur Folge gehabt hätte. Lätten nicht schon prinzipielle Gründe
es zur Pflicht gemacht, so würde dieser eine Amstand allein dazu genötigt
haben, gegen die Verfügung der Polizei den Rechtsweg zu beschreitcn.
Aber der Entscheid des Oberverwaltungsgerichts gab der Polizei Recht,
und da die „Freie Volksbühne" ohne Heranziehung der Frauen ihren Zweck
nie erfüllen konnte, ward von diesen Vorttägen Abstand genommen. Statt
ihrer wurden den Mitgliedern fortan erläuternde Abhandlungen über die
zur Aufführung ausgewählten Stücke in gedruckten Bühnenheften zugestellt.
Dies wurde auch dadurch notwendig, da die Mitgliederzahl beständig
wuchs und ein immer größerer Prozentsatz der Mitglieder gar nicht in die
Lage kam, den Versammlungen beizuwohnen, in denen die erläuternden
        <pb n="410" />
        ﻿394

Vorträge gehalten wurden. Am diese Zeit konnte man auch dazu über-
gehen, größere und besser ausgestattete Theater zu mieten.

Größere Erregung als dieser Eingriff von außen hatte eine innere
Krisis zur Folge, zu der es im Sommer 1892 kam. Bis dahin hatte die
Leitung der „Freien Volksbühne" überwiegend aus Personen bestanden,
welche zu den „Jungen" der deutschen Sozialdemokratie gehörten und nach
dem Erfurter Parteitag vom Oktober 1891 sich der Gruppe der „Anab-
hängigen" angeschlossen hatten. Bruno Wille, der Vorsitzende, Bernhard
Kampffmeyer, der Schriftführer, und Karl Wildberger, der Kassierer
der „Freien Volksbühne", waren leitende Mitglieder der Bewegung der
„Anabhängigen", in deren Organ, „Der Sozialist", wie in ihren Versamm-
lungen die Partei auf das schärffte bekämpft wurde. Die übergroße
Masse der Mitglieder aber gehörten der sozialdemokratischen Partei an,
und so wurde es geradezu unvermeidlich, daß die Gegensätze in der einen
oder der anderen Form auch hier zu Zusammenstößen führten, da viele
Parteimitglieder es unangenehm empfanden, einen Vorstand zu haben,
dessen Mehrheit in ihren Augen Abtrünnige der Partei waren. Indes
scheute man doch davor zurück, Wille seines Amtes zu entsetzen, da man
ihm Verdienste um die „Freie Volksbühne," die ja in gewissem Sinne
sein Kind war, weder bestreiten konnte noch mochte. Dagegen ward in
der Generalversammlung vom 14. Juli 1892, während Wille einstimmig
wiedergewählt wurde, wenigstens an Stelle Karl Wildbergers ein Mit-
glied der sozialdemokratischen Partei, der Kaufmannsgehilfe Julius Türk,
zum Kassierer ernannt.

Damit war indes der Pecht in den Karpfenteich gesetzt. Julius Türk,
damals ein eifriger Sozialdemokrat und literarisch nicht unbegabt, kam bald
mit Wille und Kampffmeyer in Konflikt, und als der Streit weitere Kreise
zog, riefen diese in einem gegen Türk gerichteten Flugblatt die Mitglieder
zu Schiedsrichtern an. In einer zur Besprechung des Konflikts einberufenen
Generalversammlung, die am 4. Oktober 1892 stattfand, warfen sie Türk
und dessen Parteigängern vor, sie wollten die „Freie Volksbühne", die doch
lediglich eine volkspädagogische Bildungsstätte sein sollte, zu einer „partei-
politischen Anstalt" machen, eine Anklage, die von der Gegenseite als eine
Denunziation betrachtet und bezeichnet wurde und Proteste gegen die
„Äcrrschaft des Literatentums" in der „Freien Volksbühne" hervorrief. Bis
tief in die Nacht zog sich die sehr erregte Debatte hin und ward dann auf
den 11. Oktober vertagt. Als in dieser zweiten Versammlung verhältnis-
mäßig früh Debatteschluß angenommen wurde, obwohl Wille erklärt hatte,
Kampffmeyer habe noch wichtige Tatsachen anzuführen, traten die zwei
Genannten unter Niederlegung ihrer Ämter aus der „Freien Volksbühne"
aus, desgleichen sechs von den acht Mitgliedern des Sachverständigen-
Ausschusses und eine große Anzahl einfacher Mitglieder. Selbst Leute,
die im übrigen stramm zur Partei hielten, erklärten das gegen Wille und
Genossen beobachtete Verfahren nicht gutheißen zu können und traten vor-
übergehend aus der „Freien Volksbühne" aus. Ebenso nahm fast die ge-
samte bürgerliche Presse für Wille Partei. Aber hier sprach meist nicht echte
Anparteilichkeit, sondern Feindschaft gegen die Sozialdemokratie das Arteil.

Wille und seine Freunde riefen nunmehr eine „Neue Freie Volksbühne"
mit einem Statut ins Leben, das einen erheblich weniger demokratischen
        <pb n="411" />
        ﻿Air die

Mitglieder -n „Freien VolkMhnk."

Vir lintcrzcichnklc» hal'kit de:i Milstlitdern der
«Freie» VollSbühnr" die Mittheilung zu machen, dab
innerhalb de» Borslandr« Mniiung-verschicdenhcilen und
Strritigkeiten entstände» sind, welche ein weiteres Zusammen.
arbei&gt;Vi&gt; der Herren vr. Bruno Wille und Bernhard
Kampfsmeyer einerseits - sowie andererseits des Herr^.
Juliui Türk unmöglich machen. Die mehrsach ongr-
stellten Versuche, diese Elreirigkeilen gütlich beizulegen,
müsse» alS gescheitert betrachte! werden, besonders, da letztere
bereits vv» einer Seile in die Lesfrutlichkcit gebracht
worden sind und aus einen Artikel deS .BonvärtS' hin vcr-
kchicdene Mitglieder die Einberusung einer General.
Versammlung wünschten Weil min aber in der letzten
verrinigten Sitzung deS Vorstandes, der Ordner und
der AuSschuhmitglieder die Meinung zum Durchbruch kam.
daß eS vielleicht schwer sei. in der öffentlichen General-
Versammlung ein völlig klares Bild der Sachlage zu
entwerfen, »veil die parteiische Einzrldarstellt'.ug der
streitenden Parteien das Urtheil zu verwirrn, geeignet is,
llttö'TNlch' sortff bei dei-Erregung der Gemlttlier htsligr
Auoemandersetzungeii gesürchtei werden müßen, die der
Sache unseres Vereins nur ouk'S ernilliche schaden sönnen,
so wurde in der Sitzung vom 2K. September mil Ist gegen
1 Stimmen die Herausgabe dieses Flugblattes beschlossen,
welche- in völlig unparteiischer Weise di« Mitglieder über
die entstandenen Streitigkeiten ansklären soll, und mit
dessen Redaktion die Unterzeichnete» beauslragl sind. Wir
geben daher hiermit alle die Sache betreffenden münd-
lichen, schrjsrlichc» und gedruckte» Erklärungen der beiden
Parteien, welche vor allen in den VorstandSsitzunge»,
sowie in der Presse zum Borschei» gekommen sind, müsse»
aber bemerken, bah Herr Julius Türk trotz wiederholter
dringender Anssorderung sich geweigert hat, seine eigenen
Anschauungen und Erklänmgc» in diesen, Flugblatt nieder-
zulegen, sotzob wir im Wesentliche» nur aus seine Ber-
dsfcntlichung im.Vorwärts' und seine in den Vorstands.
Sitzungen ausgesprochenen Meinungen angewiesen sind.

Der Vorwurf, der von den Herren ^vr. Bruno
Wille und Bernhard Kampfsmeyer gegcff die Thätig,
keil de» Herrn Julius Türk in erster Reihe erhoben
wurde, besagt, baff von dem Letztere» der Versuch gemacht
worden sei, ausgesprochen und vorwiegend politische
Tendenzen in die.künstlerische und technische Leitung der
Volksbühne hineinzutragen. Wie weit dieser Vvrwurs
berechtigt sein kann, darüber haben &gt;vir sokgcr.de Er-
klärungen abzudrucken'

!. VrNLruug.

Herr Türk erklärte t&gt;&gt; einer Generalversammlung vor.
15. Januar 1392, fcaS der Lere'» .Frist Vo!!«büh..e' aus äsienlliche
Angeiegeuhesten einwirke» wolle. Diele «cubcrung Türk'« dild-.r
de» c'ieenstaud cincr «udschubsitzung. an welcher u. A. die Herren
vr. Richard Dehmet. vr. Mar Haide. Otto E. Haillcdrn.
vr. Fritz Mauldnec und Echändoss lheitnahmen. Herr
TÜrt verwte» in seiner Vertheidigung a»I drn Paragraphen I
de« Bcr«.i»I&gt;ai..I«, weiche:' dl« Auigabc der -Freien Bali«,
bühne' die Pjlrae ter Poesie in threr modernen Richiuna bc.
sliamtte. Herr Türk vcrjiand unler dieser modernen Richtung
besonders ein: sm!attst&gt;Ichc und sozialdemokralisäie Richtung. Dieser
Meinung Türk «, widersprach der Aueschub beinahe cinllinimig.
Durchweg war der Aueschub der Änliche, dal. dir Zivcck der
.Fnstn Ä-UÄnih»«' polltomme» von Türk veckanni werde.
Die „Freie Voit-ibühiic" bade da« moderne Leben i» seiner t"e.
lamm,heit darzustellen. Der A&gt;-.«jchub der .Freien voildbüd»«'
de Mars energisch da» Hineintragen paireipoUisschee Tendenzen von
Veilen Türt«.	-	. »	,,

Paul stzampssmeqer.

Bernhard Lampttmetier.

2- Srklörnug.

Z» vorkichei.de.. Worten bewerte lch. «ah Herr !IIcch:«r,»ün,!i
Heine, der I» jener Generalversammlung tiber die Entlchctdu-Ä'
de» Oberderwaltungdgerichi« dericdle, halle und »eben mir sah. di:-.
Red,- Türk'« durch «ine» Zwilchenes mir aezenüber a!« eine
llngeschickiichkctt bezelchnctr. und daß ich. Ihcilweiic weae» dteier
“ eine» s.irlsiischkn Sachverständigen, gegen Türk'« Ausjasiung

de« Vc-reinSzweckc» prolestir



3. Erklär»«-.

... Türk aus mich zu &gt;.»d üuberie ans ...eine Frage. ............ ....

t« handle sich um die prinzipielle Frage, dag zwei Vorstands-
mitglieder und ein gri-be«, Theil der Ordner au» .tlnabbängigen''
des,Luden und das, c» eine Epiltenisrag.- der .Freien Boiwbübne'
sei. dah Leun anderer politischer Farbe aewähi, würden, denn die
Sozia,demvlralr» stiebe.. sich an einer Leiluua durch so viele Un-
abhängige. Al« ich erwidrrle. r« sei doch eine U»ge«ch&gt;igtc,I. Wille.

.-insach an» solche» iSrvnbcn abzusehen. «»Igegnel« Türk achsclzuckend.
das, der verein notzdem geiäürdcl werde, wen» Wille wieder gcwä»i&gt;
.veiden loll'e. Wir selb» schien e» äuberst bedenklich. dab derarlige
Politische Gründe in da« u„po»'i!ll.e Unlernehmen der .Freien
Bo!k«büh,-.e' hin:inge:ragen würden, sch hie» e» aber gerade dc»b-G
jüi »ütztich. das, die Loche zur Diotussw» konime, dami. eine end-

tö.i^^-Ä«',aluhen »er -wirhohen StandMnI, der VoN&gt;'U:hp.tin
im Punjlc gel.au sesislcsie. Ja. änderte da» sogleich zu Tür-
und ttiunNele da« Weile«. sBi« hierher is, minie Tariicllung &gt;u
!rr irtztrn komblnieien Sitzung von Türk ia'.d!l al» richtig zugegcbei,
.vordem)^ ^ u,naulBtIlin. eidic» ich von Türk eine »ane. aus
der er mich dal. ihn, ci» VMlach.eu über d» Vorgänge in diese.
Versammlung „ach ...einem bene» Wiiicn abzugeben. Ich schrieb
ihm daraus, das. »ach meiner Ansicht einig« Vorwürle dort gegen
ihn erhoden worden &gt;vä«n. die ich sür nichl denürse» hatten td.inlc,
solche seien ober sa vo» W!i!e iogleich zurückgewstje» worden. Da-
gegen tzi.ie ich e» al» peinlich empinndc:., dab Türk, an!.»» seine
vor der Versammlung mir gegenüber geöubcc.e» Ansich.cn zu ver-
treten. selbst einen Voriianddpostci, angenommen bade, wa» iv.nier-
bin eine» Schein e,weste, al» bal-e ec ei» Doppelspiel «trtcden.
Nunmehr erhici. ich den ....... abgrdruek.e» Veils. Da dieser VricI

ausdrüeNich ausicr an ...ich »och a» sech» Mindere geiich.c, &gt;oar sdar-
un.cr noch zwei AuSschnbuiitgliedc,!.' Io hie» ich mich sür bc.rch.Igl,
ihn al«. einen csienen zu betrachten. Ta der Vries außerdem e,,.e
m.zwcideullg klare Angabe darüber mach,-, dab Türk allerding»
sund auch jcf.t al» BoriwndSn.itglied »ochs den ps'.ttischrn S'and-
pi.nkl für cn,scheidend diel, ...id i» seiner Wahl eine .ütel'.nng der
Ed« der sojialdenwkralischrn Parlei' g,ge,.über den .Uc.-.bhaogla.-.r''
sah. Io hiell ich ti cli «utsch-bmilglied sür meine PIttch!. den
.oisenen" Vries Bruno Sille zu übergeben, dami, er «egebenen
Faü« «ine Ti»I»ssion in einer konchiuirieu Sitzung über eine« der-
a.lige» SiandpunII anrege, der nach meiner Ansich! ein autzer-
ordcnllich gesiih,licke,, die Tendenz de« Unlkmehm-nS vbllig ver-
iindernder sei. Türt dal mir in der Folg«, nachdem.Witte sich
gelraenllich aus den Brtei bezogen, den Sorwnrs der Fndi»k«&gt;ivn
gknunbl. Ich bade ihn. geancworle,, dasc ich den Brlej sür «inen,
.osicnen' hatte und alio den «orwurj jurutwiese. Türt bat mit
nunmehr wieder geschrieben: dab er «S sogar sür ^rchau» selbst-
versliindtich g-hatten habe, dab ick den Blies auch.Witte zu lesen
«geben habe! Die Jndidkrelton desirdr nur darin, daß ich Witte
dai Recht einirDenuyung de» Brd ges^'-t
diele Spezialis.rung al« vdllig werlh!^ zuinch da e« '2^ "kiner
Ansichi in Cin« zusammen,LI!,, dag Witte de» Bttes und be
nutzle - weder lo.inle ich ihn daran hindern, noch auch lag &gt;'°ch
meiner «ussaffung übe,haup: ein Grund vor. ein^daran an-
Inüpscndc, enlschicden sehr werlhvolte und &gt;IL«nde Grbrlecunz M
einer kombü.tnen Sitzung zu unleidiüeten. Ich glaubte n.chl ander«.
°I» dab die Slreilsraoc. .ob politisch oder nicht poiMsch . in der
nüchsten kombtnirie» Sitzung ju cincr Resolution sührcn werdc. die
Tür,'« Auslassung °t« prinzipiell satsch sesisieUte. Dab. eh, eS,»
einer solchen Eidrrernng kam. Türk die ganz« Debatte vor cwc
Gei.eralocrian.mlung überiührlc. konnte ich nicht wissen — dir Folgen
falle aus ihn. Türk hat inzwischen vor der letz-.ea koinbinirkcn
Sitzung seinen Boewurs gegen mich dahü. erweileri. dab der Brief
überhaupt nicht au« sachlich«.-,, sondern lediglich au» »persöniich «&gt;.
HLssigcn- Gründe» we.le.gigeben sei.' woraus ich gca-.»wvrlcl habe,
dag ich diese Beschuldigung al« ' eine cittsch.cdcne Unwahrdei! de-
zeichnen und dami. werter« Brrhandtunge zwischen ihm und mir
abbrechen müsie.

Wttdclm Bdtsche.

4. Vrirf &gt;cs «aisi,rrs IsIi^S Türt.

v-riin. den kV. Juli IST«.

. In der crllen Erregung schrieb ich Ti, einen Bries, in ber ich
Dich b-t.Uidcr dii-Tonn-rstag-Pc-IammIiing ein tlrthett abzugeben:
Tu hast vorn g«au:wortck. ich daule Dir u.ch werde setz. Deinen

sch«ibc ick Dir an« zwei Gründen: I. Um Ar zu biiveiscii, dab
Dein Uriliril rin inlidicS ist, 2.- damit ui.se« Freunde in Friedrich«-
bagen: Adele, die Bertel'», die Hart'«, Lkdkbour einmal von anderen
Km-jonen' ai« Wilir uud seinen F«undrn Auslläru.^ über ge-
wisse Dinge erhalten. In Folge dessen beginne- ich .»eine Dar-
legungen mit einer Sri,» seine» Verhallen». Du schreib!,, .die
Beschuldistintge» — die Jn übrigen« Wille selbst Im Aesentlichen
zurücta-wiesen hat —' Da« tsl der ersle schwere Frnlmm. licber
Btzlschr! Wille bat gornichl« zniückgeniiesln. Au! ».eine di«!!:
HeranSsordcruug. zu erklären, ob ich noch meine Psilchl al« Au«.
schilsin.i^Ued geidan. niuble er. wenn er nicht acrabe d&gt;«Il lügen
.oull.c, zugeben, dab die Beschuldigung, ich tziliic „ich! meine Pfiicht
gelda». eine salsche &gt;oar. Sodann erklärte er. dab die Behauptung,
ich bätte Berichte au« dem.Vonviirt«" al« Protokolle abgeschrieben,
u.zzulo-ssrnd ,o&gt;.r Diese letztere- veha»p»...g war Io lächerlich nnd
dumm, dab ed seiner' Erkläwng gar „ich! bedun.c. Woraus e« a,.-
lam. roaien die Beschuldig»,.gen. dab ich ISS Mark gesorder, batte
und dab ich bc, ,„einen LianidaNonc» — pro Rächn,»lag S Mark
— die „Voiktzbühne' geschrtzpsl häric. Diese — vor Acbei.crst vor-

anenschwerwiegende» Beschuidigungen ha, er nicht zurück-
n. Ader er ha! n.chr grlha,:. Jlla. und deutlich ging au*
den Vc-twndl..»gcn hervor, das. meine «.«eg,rer ms! mciinr »audi.
dalur gcrcchnc. halten und sich voebcrci.c, hatten. Ich werde Dir
da»'später genau beivciicn. Wille stand den Verdandtmtewn „ich,
sein und trotzdem Hai er »ichi verhinden. da« mich seine Freunde,
Wiidberaer »nt. die Ordner, in den Schmutz zu zi-dcu gesucht,
der Ihr' Lebentzetcmrm zu sein schcinv . Aber uoch mdür. Witte
1 ikinei.Lübrebi cus.Pllhtzcrzt«'.. V hai.ciua Fdhisdlt
in der Kohrnmvwug' vemele», wie ,,r tetn Einziger hier. iu der
Persaminliing besitzt-' Die Spitze richtete sich »ar gegen mich. Da«
sagte Witte, irotzd-m er »&gt;»ble. tob ich 10 Fahre lang Ka!stier sn
Gcichäste» war. gegen die die .Volksbühne' ritz ttlipulanlsehe«
Unternehme» ist. da» tagt Witte, trotz»«.:, er wubte. dab der über,
aui günstige Drriraq mil dem 'Oiiendlbeeier von mir herrührie.
Ader noch mehr. Wille ha: i» der Versammlung eine moralU».-
Versumpsuüg gezeigt, vor der ich erschreck«. An der Genera!-
versa,»nitmig pro 1691 hatte'v. den Antrag gesiclki. den Vorstand
m&gt; dloe z» wählen, e« lag ihn, dan.al« daran, an Stelle Sart-
lebint« Bernhard Kanipssmever in de» Vorstand zu bringen.
Und at« die Ber«ommlu::z da« Spiel durchschaute und au« «inem
Gerccknigleiirgesiidl .doch Haritedcn wählt: — hätte Will: nichl da«
t-tich:-pici grsplcil. so wa« Harllcben enischiedc., durchgrsallea
— da lehnte irr nicht ab — i bewahre - er behielt trotz Harl»
l eheW-dt den Borsitz. Donnerstag richtete .sich hie Spitze gegen
mied, und .denn er mit mir »ich, zustimmen orb-i.-n kann, jo
mutz« er nqchirägtich lagen: .Rein, meine Heere», mit Tür« »arca
ich „ich, zuchmmen arbeuen. cuin«d«r. er oder ich.' Aber er hüre.e
sich vor der.-Attenialide. &lt;2t muh ihm also daran liegen, den Bor-
sitz zu behalten. ?toch u.ehr. Sein Antrag, de» Vorstand «a ttlau

B.ouhlen. erregt-.- nach den Ersahrungen im Vorjahr bestige»
ideispruch- Fes" schlägt er die bclannlr RcsoluN'on vor. .die Ber-

sammiung ts. Mi, den küns.Icrischen und lechnischen Leistungen de»
verein« einverstanden.' Die Resolution ,»ar eine Pression, dir Brr-
sammiung zur Wiederwahl Wrldbrrger'« z» erzwingen, «sin
andere» Motiv gab c» nicht. Denn wa« sühne Witte an.- er rr-

8h!« die RSubergejchichle von dem Artikel L. B.'S. Du. Bdtsche.

itte und ich kennen doch L. B. seil «raumer Zeit; wenn ein«
Fliege von einem Baume F.irdrichhagenst! z»m andre flirzl. Han»
ist da» sür' dir .VoUSbühn«' jo viel, al» wenn L. B. für-ein
Blatt, da« unter AuSschtub der Ocssenilichletl erschein!, einen Artikel
schreibt, in dem er weiter »ich!« sagt, aist dab viele Mirglicder
tdst eine srlbnändige Meinung haben) mit den Matznahmen de« Bor-
stande» unzusricden sind. Dem Witte ist dabei da» Berseheo s'ih
pasfin, nichl zu sagen, dab Hallleben in seiner Entgegnung brr-
Opposition gegen drn Vorstand die Lsticidignna politische Simpe.'
.. &gt;...	:--------■—	. Eia« nun d&gt;- Rrsa'"

n Sojü ge:

Arsoiulion
j“.	?'C ^r°.?' ^

erheben sich eine Anzahl Hände. .Du schrcibE .trotz der allseitiger.
Anrrkrnnnng. da« «r sWttdbcrger) vollaus sr.nr Pflicht al« dkassi«:
ersüllt habe.' Du Irrst, wenn Du glaubst, c» herrschte allseitige
Anerkennung: gewib. r» erhob sich tr'.nc Hand gegen ihn. rin Tbe.l
bei Aerl-ma.lung sür ihn. Daran» kannst Tu ader nur die groste
Wrwisiendailtgkcii de: unbcsangcnm Arbeiter erkennen. Wer ist vc»:&gt;
in der Lage? die Thäügkrit Wilddrrger'» zu übersedentz - Rur tie
Rrviso«», und da» wa«.. sei.« Freunde Wilhelm Werner und
Fnnt-Pötting. Bride sprachen aber lein Won. Ta» siehst Da
denn-gu« dem L'asicnderrch!'? Labien. Zahlen, nicht» attz Zahlen!
Willst Du -'an« der Menge der Zahlen elioa -ersehen, das, Witp»
beiger lüchiig war? Tic (ktnibc.Inng der «„»gaben mit der Ueber-
iragung in die ers« u.w dritte Abtheilung beweist jedeofall» ssrage
Bettelt! «ine grobe Brrworrcnhrü. E» bieth, also der Hymun»
Wille'« aus Äildbergrr. Tie Rede wo. ebenso lächerlich wie
lakllo«. .Den» ersten» versteh! Kille nicht» von einer stassensühning
und zweüen» ist e» lakiio». wtt.n de-, »orsitzcnde sstr scinen Sassi-.cr
spr-.cki. Die dritte. und Mette Unchrt'.chkcii Sitte'« bestanden in
zwei Verletzungen-der Statuten, sür bst Wille rechttick dastbar Ist.
E» wird der «..trag cingebrachr. da» Gehalt aus 80 Mark zu be-
lasse,-- Der Antrag iuvolvirt eine Slaluienänderimg. die nur von
einer Awridrittein.aiori.äi angenommen, werden kann. -Der Antrag'
wurde ohne Slatulenändernng' angenommen. Warum? Weil meaw
Gegner kalkuiiittn: Türk i.I ein aru.cr »eil. kur 90 Mark tan»

186. Erste Seite des Aufklärungs-Flugblattes des aus Anabhängigen bestehenden
Vorstandes an die Mitglieder
        <pb n="412" />
        ﻿Charakter trug, als das der „Freien Volksbühne". „Belehrt durch die Ent-
wicklung der alten „Freien Volksbühne", heißt es im Ausruf zu dieser
Gründung, „suchen wir unserem Verein eine derartige Verfassung zu geben,
daß eine Leitung durch künstlerische und technische Sachverständige für die
Dauer gewährleistet wird." Außer von den schon genannten „Anabhängigen"
war der Aufruf unterzeichnet von Wilhelm Bölsche, Ad. von Kanstein,
Maximilian Karden, Julius Kart, Otto Erich Kartleben, Wilhelm
Kegeler, Victor Kolländer, PaulKampffmeycr, Gustav Landauer,
Max Marschalk, Dr. Fritz Mauthner, Leopold Schönhoff, Ernst
von Wolzogen und anderen namhaften Schriftstellern und Künstlern.
Fast die ganze, an literarischen Talenten reiche Friedrichshagener Schrift-
stellerkolonie schlug sich auf die Seite des neuen Vereins, der es jedoch
trotzdem lange Jahre zu keiner rechten Blüte bringen konnte, sondern erst
in neuerer Zeit eine erhebliche Mitgliederzahl gewonnen, zugleich aber auch
an Farbe verloren hat.

Der alte Verein, der an Stelle Willes Franz Mehring zum Vor-
sitzenden wählte, überwand die Krisis so schnell, daß man sie an der zahlen-
mäßigen Entwicklung seines Mitgliederbestandes kaum herausmerkte. Er
hatte für den Besuch seiner Aufführungen sehr bald in Abteilungen ein-
geteilt werden müssen, die nacheinander die ausgewählten Stücke zu sehen
bekamen, da der Zuschauerraum keines Theaters groß genug war, alle Mit-
glieder an einem Abend zu fassen. Jetzt mußten Jahr für Jahr die Ab-
teilungen vermehrt werden. Sie beliefen sich im Jahre 1894 auf sechs von
je 1150 Mitgliedern, und schon war die Bildung der siebenten Abteilung
überschritten, der Verein über 8000 Mitglieder stark, als zur Zeit des
Systems Köller die Polizei im April 1895 einen neuen Streich gegen
ihn führte. Anter Berufung auf eine Verordnung des Polizeidirektors
Kinkeldey aus dem Reaktionsjahr 1850 über „öffentliche Vergnügungen"
verlangte das Berliner Polizeipräsidium vom Vorstand der „Freien Volks-
bühne", daß er alle Stücke, die der Verein aufzuführen beabsichtigte,
14 Tage vorher bei ihm einreiche. Das heißt, die Theaterzensur, die jener
Akas in Widerspruch mit dem Artikel 27 der preußischen Verfassung, der
sie auft-ob, wieder eingeführt hatte, sollte auch auf die Freien Bühnen aus-
gedehnt werden. Dagegen sich energisch aufzulehnen, hielten die Leiter der
„Freien Volksbühne" für Pflicht eines vom Geist der Arbeiterbewegung
erfüllten Instituts. Sie legten bei den Gerichten Verwahnmg ein, und da
die Polizei die Macht hatte, vorläufig die Anterwerfung unter ihre Ver-
ordnung zu erzwingen, wurden die Aufführungen der „Freien Volksbühne"
in der Zwischenzeit lieber freiwillig sistiert, als daß man dem Verlangen
der Polizei um Kaaresbreite entgegenkam. Demselben Empfinden folgend,
beschloß der Verein „Freie Volksbühne", als Anfang März 1896 der
Entscheid des Oberverwaltungsgerichts gegen ihn ausfiel, sich freiwillig auf-
zulösen. Das blühende Anternehmcn, das in so vielen Tausenden von
Arbeitern der Rcichshauptstadt Sinn und Verständnis für gute dramatische
Kost entwickelt hatte, verschwand für eine Weile von der Bildfläche.

Aber nur für eine Weile. Der Entscheid des Oberverwaltungsgerichts
hatte erklärt, die „Freie Volksbühne" sei so „locker organisiert", daß sie
bei ihrer großen Mitgliederzahl nicht als ein „bestimmter Kreis innerlich
untereinander verbundener Personen" betrachtet werden könne; lediglich ein
        <pb n="413" />
        ﻿397

Verein, von dem dies zutreffe, könne die Aushebung der polizeilichen An-
ordnung für seine Aufführungen beanspruchen. Damit war der Weg an-
gezeigt, auf dem man sich die Polizei möglicherweise doch vom Halse
halten konnte, zumal der Köllerkurs sein Ende erreicht hatte. Änd so ward,
als im Laufe des Zahres 1897 das Verlangen nach Wiederbelebung der
„Volksbühne" sich immer lebhafter geltend machte, ein neues Statut aus-
gearbeitet, das den Charakter des geschlossenen Vereins in aller Schärfe
zum Ausdruck brachte. Der Kerbst 1897 sah die „Freie Volksbühne"
wieder am Leben und Wirken. Nur kurze Zeit, und auch der alte Mit-
gliederstand war wieder erreicht und bald überschritten. Ein fast ununter-
brochenes Steigen kennzeichnet auch die Entwicklung des neuen Vereins.
Ende 1905 war seine Mitgliederzahl 11000.

Prinzipiell war in der Verfassung des Vereins nichts geändert. Ein
Vorstand mit einem Ausschuß zur Seite leiten ihn, die Generalversammlung,
die sie wählt, ist auch heute die entscheidende Instanz. Vorsitzender des
Vereins wurde Conrad Schmidt, während Mehring in den Ausschuß
gewählt wurde, jedoch infolge eines Konflikts persönlicher Natur nach
Jahresfrist aus ihm ausschied. Im Lest 44 des 14. Jahrgangs der
„Neuen Zeit" übte er an der neuen Leitung scharfe Kritik, auf die Conrad
Schmidt im Lest 48 des gleichen Jahrganges geantwortet hat.

Die Kontroverse drehte sich im wesentlichen darum, inwiefern die „Freie
Volksbühne" auch demjenigen Teil ihres alten Programms treu geblieben
sei, gemäß dem sie bedeutenden dramatischen Schöpfungen der Gegenwart,
denen sich um ihres kritischeil Inhalts willen die öffentlich subventionierten
und die der Spekulation dienenden Theater spröde oder absolut ablehnend
gegenüberstellen, eine Stätte darbieten sollte. Nun gibt es aber für die
Trefflichkeit eines Bühnenwerks keinen unbedingt objektiven Maßstab, jedes
Werturteil schließt subjektive Momente ein. Die geübteste Einzelpersönlichkeit
ist so wenig vor Mißgriffen geschützt, wie ein Ausschuß von Personen
mit ungleichmäßiger Ausbildung. Eine Versuchsbühne für dramatische
Anfänger, ein Abladeplatz für mangelhafte dramatische Produkte, bei denen
die Tendenz die Unvollkommenheiten decken soll, sollte die „Freie Volks-
bühne" nicht sein, sie sollte Gutes bieten, und da vieles geschrieben wird,
was der Grenze des Guten nahekommt, ohne sie zu erreichen, aber nur
wenig, was sie erreicht, ist es nicht lediglich vom Willen und Können der
Leitung abhängig, wieviel neues sie zur Aufführung bringt. Indes konnte
Schmidt nachweisen, daß unter der neuen Leitung verhältnismäßig mehr
neue und sozialkritische Dramen zur Aufführung gebracht worden waren,
als in gleicher Zeitspanne unter der früheren Leitung.

Dem Bestreben, dem neuen Guten die Bahn zu brechen, ist die „Freie
Volksbühne" treu geblieben, die Liste besserer Schöpfungen, denen sie zuerst
den Bühnenwcg geöffnet hat, ist eine sehr große. Aber in der Verwirk-
lichung dieses Strebens wurden ihr viele Schwierigkeiten in den Weg
gelegt, sowohl von den Direktionen der bürgerlichen Theater, wie von den
Schriftstellern selbst. Von den ersteren stoßen sich viele daran, Stücke als
Neuheiten zu erwerben, die schon auf der „Freien Volksbühne" gespielt
wurden, und von den letzteren gehen daher diejenigen, die schon einen ge-
wissen Namen haben, mit ihren Neuschöpfungen an der „Freien Volks-
bühne" vorbei. Auf die Neuheitenjagd kann sich diese nicht verlegen.
        <pb n="414" />
        ﻿398

Das muß man berücksichtigen, um ihre Leistungen in bezug auf thea-
tralische Darbietungen richtig zu würdigen. Aber mit ihnen erschöpft sich
das Wirken der „Freien Volksbühne" nicht. Neben den Theatervorstellungen
veranstaltet sie Kunstabende, die der Vorführung von Dichtwerken anderer
Gattung, Vorträgen literargeschichtlichen Charakters, musikalischen Auf-
führungen besserer Gattung dienen. Auf den verschiedensten Gebieten der
Kunst erschließt sie immer weiteren Kreisen der Arbeiterschaft das Verständnis
und den Genuß der besten Schöpfungen. Dabei vermeidet sie geflissentlich
den Abweg ins pedantisch Lehrhafte. Sie ist Schule durch das Beispiel
und nicht durch die Predigt. Sie ist geschaffen, bessere Erholung, besseren
Genuß zu bieten, als er dem Volk von der Spekulation und den offiziellen
Erholungsanstalten dargeboten wird. Sie ist freie Volksbühne auch in
dem Sinne, daß sie die Freiheit der Kunst nicht außer Augen, auch dem
Lumor, der fröhlichen Laune ihr Recht läßt. So ist sie ihren Mitgliedern
ans Herz gewachsen und sieht deren Kreis sich unausgesetzt verstärken. Mit
diesem Programm hat sie vorbildlich für andere Orte gewirkt und andere
Parteien und Körperschaften, die mit ähnlichen Schöpfungen vorgingen,
genötigt, ihrem Beispiel Rechnung zu tragen. Sie hat vor allem den Be-
weis geliefert, daß auch das Theater demokratisch aufgebaut werden kann,
ohne an Kunstwert zu verlieren — nein, um gerade dadurch an Kunstwert
zu gewinnen. Denn die „Freie Volksbühne" steht nach dem Arteil aller
Sachkenner in bezug auf den Kunstwert ihrer Aufführungen und Veran-
staltungen hoch über dem Durchschnitt aller von Staat, Gemeinden oder
bürgerlichen Vereinigungen patronisierten „Volkstheater".

3.	Andere Schöpfungen.

Der Arbeiter-Sängerbund. Für die Pflege der Kunst des Ge-
sanges besteht in Berlin der „Arbeiter-Sängerbund Berlins und
Amgegend", dessen Gründung am Vorabend des Ablaufs des Sozialisten-
gesetzes, am 14. September 1890, beschlossen wurde. Einen Monat später
ward der Bund, dem sofort 49 Vereine mit zusammen gegen 1200 Mit-
gliedern beitraten, konstituiert. Zehn Jahre später, im Oktober 1900, um-
faßte er 200 Vereine mit zusammen gegen 4500 Mitgliedern, und am
Ende unserer Epoche, im Jahre 1905, war zwar die Zahl der Vereine auf
194 gefallen, die Mitgliederzahl aber auf rund 7000, nämlich 5341 aktive
und 1659 passive Mitglieder, gestiegen. Eine Anzahl kleinerer Vereine
hatten sich zu einem großen Verein verbunden. Ihrer Zusammensetzung
nach waren 191 Vereine Männerchöre, zwei Vereine gemischte Chöre und
ein Verein ein Damenchor. 106 Vereine hatten ihren Sitz in Berlin,
88 in der Amgegend. Der Bund hat sich nach Gründung der „Lieder-
gemeinschaft" dieser Verbindung von deutschen Arbeiter-Sängervereinen,
angeschlossen, die es sich zur Aufgabe setzte, wahrhaft gute Chorgesänge
freiheitlicher Tendenz für Deutschlands Arbeiter-Sängerschaft herauszugeben,
und sich 1908 als „Deutscher Arbeiter-Sängerbund" konstituiert hat.

Dies der äußere Entwickelungsgang des Bundes. In bezug auf die
gesanglichen Leistungen der ihm angeschlossenen Vereine darf man sagen,
daß sie meist ein achtbares Mittelgut repräsentieren, einige Vereine aber
eine sehr hohe Stufe künstlerischen Vermögens erreicht haben und sowohl
        <pb n="415" />
        ﻿399

im wuchtigen Vortrag von
anfeuernden Freiheitsgesän-
gen wie in der Wieder-
gabe von Kompositionen,
die den weicheren Regungen
der Menschenseele Aus-
druck geben und größeren
Wechsel in der Abtönung
beanspruchen, wahrhaftVor-
zügliches darbieten. Der
Arbeiter-Sängerbund Ber-
lins hat stets dahin gewirkt,
durch die Kunst die Tendenz
zu heben, statt durch die Ten-
denz die Ansprüche der Kunst
zu ersetzen, und dieses Be-
streben ebenso wie seinekünst-
lerischenLeistungen sind denn
auch in der Fachkritik ge-
bührend anerkannt worden.

Seine Aufführungen ge-
nießen einen sehr guten Ruf,
die im Bund vertretenen
Vereine haben viel dazu
beigetragen, das künstlerische
Llrkeil unter ihren Mit-
gliedern und in der Arbeiter-
schaft zu fördern, und ihnen
gebührt das Verdienst, die
Feste der Berliner Arbeiter-
schaft verschönt, den in Ber-
lin tagenden Arbeiterkon-
gressen bei der Eröffnung
durch den weihevollen Vor-
trag von passenden Gesängen die Stimmung erhöht und den Trauer-
gefühlen, mit denen Berlins Arbeiterschaft ihre verdienten Kämpfer zu
Grabe geleitete, jenen ergreifenden Ausdruck gegeben zu haben, der allein
der mit Äingebung gepflegten Gesangskunst möglich ist. Mehr als 5000
geschulte Sänger — auch darin prägt sich die Stärke der Arbeiterbewegung
Berlins aus.

Die Heimannsche Bibliothek und Lesehalle. — Zwar nicht von der
sozialdemokratischen Arbeiterschaft selbst, aber von einem ihrer Mitkämpfer,
Lugo Leimann, ins Leben gerufen, organisiert und unterhalten, nimmt die
öffentliche Bibliothek und Lesehalle Berlin unter den Schöpfungen
der Sozialdemokratie Berlins für Bildung einen hohen Rang ein. Sie trägt
in ihrer Einrichtung und Führung keinen Parteicharakter, sondern steht der
Berliner Bevölkerung ohne Unterschied von Partei und Klasse zur
unentgeltlichen Benutzung frei, und berücksichtigt in der Auslegung von
Zeitungen und Zeitschriften alle Parteien, wenngleich selbstverständlich der

^um piMarmome-Foykott.

In der am 28. Februar d. I. abgehaltenen außerordentlichen
Generalversammlung gelangte nach mehrstündiger Debatte mit großer
Mehrheit der folgende Beschluß zur Annahme:

„Tie h-rungc außerordentliche Generalversammlung der Neuen
freien Volksbühne erklärt .ans Grund des ihr bekannt gegebenen Tat.
lachenmaterialö den seit 16 Jahren bestehende» Boykott der Phil-
harmonie für sachlich unbegründet und.im Jntcresse der Kunst,
bcflrebuiigcn der Arbeilerschasl für schädlich. Sie brdaucri die
wiederholt aus Grund irriger Voraussetzungen und ohne
genügende Prüfung erfolgte Ablehnung dcü Antrags aus. Aus-
hebung dieses Boykotts und erklärt sich mit dein bisherigen Verhalten
von Vorstand und Verwaltung in dieser Angelegenheit eint'er-

Ferner wurde gemäß einem Antrage Dr. Bruno WilleS beschlossen,
das den Abend einleitende Referat des ersten Vorsitzenden Dr. Eilltnger
als Flugblatt drucken zu lassen und an sämtliche Berliner Arbeiler-
organisakionen zu verteilen, damit die Haltung der Neuen freien Volks-
bühne verstanden werde. Demgemäß bringen wir im folgenden die
Ausführungen des Referenten in ihren wesentlichen Teilen wvllgclreu
zum Abdruck:

Zu den Sälen, die für die organisierte Arbeucrjchast Berlins geiverrl
sind, gehört seit hem Jahre 1890 auch die Philharmonie in der Brrnburgersträße.
Ter Boykott wurde damals verhängt, weil die Direktion der Philharmonie Den
Saal nicht zu polilijchen Versammlungen hergab. Ta jedoch angesehene Führer
der Arbeilerschasl, wie z. B- der verstorbene Abgeordnete Licdtnechl. ihrerseits
de» Boykott nicht beachteten, sondern ruhig auch weiterhin die in der Philharmonie
stattfindenden Konzerte besuchten, jo cntichlaß man sich nachträglich, die Phil-
harmonie für de» Besuch des Einzelnen frei zu geben, ftir Vereine
aber nach wie vor den Boykott ausrecht zu erhalten.

So stände» die Dinge sünjzehn Jahre lang, bis Ansang lUttst. Ui» diese
Zeit hatte sich unser künstlerischer Ausschuß mit den Vorbereitungen zu einer
Frier von Schillers !00. TodeStag z» beichäfligcn und gelangte zu der ein-
helligen Ansicht, daß wir. um die Feier ihres großen Gegenstandes wiirdig und
i» ivahrhnst künstlerischem Stile z» gestalten, durchaus den einzigen genügend
große» Ko uzerl,'aal gebrauchten, den Berlin bis zur stunde bei itzt« numlrch
eben die Philharmonie. Ja, loge ausdrücklich Konzert saal: denn das gerade
unterscheidet die Philharmonie von sämtliche» anderen großen Säle», die ,ich ii»
Besitze der großen Brauereien usw. bejinde», daß sie seil 25 Jahren ansjchließlich ein
K u » st i » st i l u i ist und weder ein Massenlokal für Bicrvcrlilguiig, noch ein
Lokal snr Verjammlungszwecke. Während des ganzen Jahre- dienen die
liehen Säle der Philharmonie, der große Saal, der Obcrlichtiaal, der Beelhoven-
inol fast ausschließlich rein künstlerijchen Vcranstaltnngc», nur wahrend der
Üarucvalszci» fiiiboi -dort auch eine tlieihe größerer Balljestlichkeitcn iratt. ES
war also von vornherein eine durchaus jchieje u»d jchabloiienhajle Auslassung,
wenn man die Philharmonie j. Zl. mit den großen VersamMungslokalcn und
Braucreisälcri in eine Kategorie stellte und demgemäß die Sperre über sie
verhängte.

'Ans diesen Standpunkt, nämlich, daß der Boykott der Philharmonie un-
begründet» überflüssig und für -Vereine, wie den unserigen, lediglich ein Hindernis
bei der Veranslaliinig größerer künstlerischer Feiern sei, — ans diesen Stand-
punkt stellte sich untere Verwaltung,' als sie vor Jahresfrist bei der Lokal-
lomulission die endliche Aushebung des Boykotts in aller Form beantragte«

Welches das Schicksal unsere- Antrages war, ist Ihnen bekannt. Er
wurde abgelehnt mit der Begründung, daß nach Aushebung dieses Boykotts
„die andere» Saalbcsitzer ihre Unterschriften zurückziehen könnten und die Be-

187. Aufhebungsmitteilung des Boykotts
über die Philharmonie
        <pb n="416" />
        ﻿400

Arbeiterpresse besondere Aufmerksamkeit zuteil wird, denn die große
Mehrzahl der Benutzer des Instituts gehören der Arbeiterklasse an. Aber auch
eine nicht geringe Anzahl von Angehörigen anderer Gesellschaftsklassen —
Beamte, Kaufleute, Lehrer, Studierte und Studierende — zählen zu seinen
Benutzern; sie machen zusammen sogar ein Viertel der eingeschriebenen Leser
aus. And es ist nicht wenig, was die am 25. Oktober 1899 nach mehrjähriger
Vorberatung eröffnete „Öffentliche Bibliothek und Lesehalle" darbietet. Die
Bücherei umfaßte im Jahre 1905 gegen 17 000 Bände belehrender und
schöner Literatur, von denen 1455 Bände als Nachschlagebibliothek
aufgestellt waren; die übrigen wurden an Benutzer ausgeliehen, und zwar
ohne Pfand oder Bürgschaft. Diese Bekundung von Vertrauen in die
besseren Eigenschaften der Leser hat sich sehr gut bewährt, es kommt äußerst
selten vor, daß ein ausgeliehenes Buch nicht zurückgegeben wird. Den
Besuchern der Lesehalle standen 529 Zeitungen und Zeitschriften jeder Art
und Richtung, darunter fast alle größeren deutschen Zeitungen von
Bedeutung, zur Verfügung. Schon im Jahre 1900 wurde die „Öffentliche
Bibliothek und Lesehalle" in einer Festschrift der städtischen Behörden über
Volksbibliotheken als das größte und am zweckmäßigsten eingerichtete
Institut dieser Art, das Berlin habe, bezeichnet. Seitdem ist sie aber
noch bedeutend erweitert und vervollkommnet worden. Die ursprünglich
für sie in der Alexandrinenstraße 26 eingerichtete Lokalität erwies sich nach
Ablauf der ersten sechs Jahre schon als zu klein, um den Besuchern der Lese-
halle in den Wintermonaten genügend Raum zu geben, und zur Zeit der
Abfassung dieses Buches finden wir das Institut in einem schönen Garten-
haus Adalbertstraße 41, das Äugo Äeimann auf einem von ihm für
diesen Zweck erworbenen Grundstück nach wohlüberdachten Plan hat erbauen
lassen und das mit größeren Räumen zugleich bessere Anordnung und Ein-
teilung des Ganzen möglich gemacht hat. Auch unter dem ästhetischen
Gesichtspunkt kann diese sozialdemokratische Schöpfung beanspruchen, unter
den Bibliotheken, die für den Gebrauch von Berlins Arbeiterschaft in
Betracht kommen, den ersten Platz einzunehmen.

Die Arbeiter-Radfahrer und -Turner. Die sich als Glied der großen
Arbeiterbewegung fühlenden Radfahrer Berlins, die der Sozialdemokratie
bei Wahlen und für anderes propagandistisches Werk unschätzbare Dienste
leisten, gehörten um 1905 in ihrer großen Mehrheit dem ein Jahr vorher
insLeben getretenenArbeiter-Radfahrerbund „Freiheit" an, eine Minderheit
dem im übrigen Deutschland dominierenden größeren Arbeiter-Radfahrer-
bund „Solidarität". Es sind reine Organisationsfragen, die zur Trennung
führten, beide Verbände huldigen den gleichen sozialen Anschauungen und
verpönen die Auswüchse des Sports. Die sozialistisch fühlenden Arbeiter-
Turner finden wir mit wenigen Ausnahmen im Turnverein Fichte. Von
einer kleinen Gruppe sozialistisch denkender Turner 1890 ins Leben gerufen,
hat es dieser Verein mit Überwindung großer Schwierigkeiten durch unermüd-
liche Arbeit bis auf über 2500 Teilnehmer im Jahre 1905 gebracht, nämlich
1285 Erwachsene, 679 Lehrlinge und 533 Schüler. Auch er verpönt das
Sporttreiben und leistet um so mehr in jener Pflege des Körpers, die die Seele
gesund und frisch erhält.
        <pb n="417" />
        ﻿Berlin XI!

’^'in BoV^V
Berlin V.

'9o

BerlinVI. .4

c9il Hirsc'

BerlinVU.

’f/-/ Le\'A'

Hannover-Linden

Berlin XI.

Berlin IX.

Die erste sozialdemokratische Fraktion des preußischen Landtages
        <pb n="418" />
        ﻿Sechzehntes Kapitel.

Die Entwicklung der sozialdemokratischen Presse

Berlins.

emäß dem Beschluß des Lalleschen Parteitages erschien das Berliner
l\l Volksblatt vom 1. Januar 1891 ab mit dem Obertitel „Vorwärts"
^ und der Bezeichnung „Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei".
In Übereinstimmung mit dieser Bezeichnung blieb das Blatt der Verwaltung
durch die Leitung der Gesamtpartei unterstellt. Der Parteivorstand hatte
die Mitglieder der Redaktion und Expedition anzustellen und gegebenenfalls
zu entlassen. Nur hinsichtlich der Chefredaktion des „Vorwärts" hatte der
Kongreß eine Ausnahme gemacht. Zum leitenden Redakteur bestimmte er
selbst Wilhelm Liebknecht, und zwar mit dem Zusah, daß dieser mit den
Mitgliedern des Parteivorstandes gleiches Recht haben solle. Das glaubte
man dem ältesten und bedeutendsten der in Deutschland lebenden geistigen
Vorkämpfer der Partei schuldig zu sein, und solange Liebknecht lebte, ist
es denn auch bei dieser Bestimmung verblieben.

Schwieriger war es, das Verhältnis des „Vorwärts" zu den Berliner
Genossen zu regeln. Er sollte mit der Eigenschaft als Zentralorgan der
Partei auch die verbinden, Organ der Berliner Genossen zu sein. Infolge-
dessen konnte es nicht ausbleiben, daß in den Reihen dieser das Verlangen
laut wurde, auf das Blatt, für das man warb und wirkte, auch unmittelbar
Einfluß zu erlangen. Es erhielt 1891 eine erste Genugtuung durch den
von Bebel formulierten Beschluß des Erfurter Parteitages, wonach dieser
sich damit einverstanden erklärte, daß

„die Berliner Genossen eine Kommission von 9 Mitgliedern wählen,
welche in Gemeinschaft mit dem Parteivorstand die Kontrolle des lokalen
Teils des „Vorwärts" zu übernehmen haben".

Für eine Reihe von Jahren genügte diese Vollmacht den Wünschen
Berlins. In dem Maße aber, als die Mitgliedschaften wuchsen und das
Parteileben sich reicher entfaltete, stiegen auch die Ansprüche der Berliner Mit-
gliedschaften an den „Vorwärts", und es machte sich das Bedürfnis geltend,
auf die Redaktion seines politischen Teils gleichfalls Einfluß zu gewinnen.
Die Besetzung der leitenden Stellen in der Redaktion und der Ver-
waltung und die Bestimmung ihrer Gehälter, alles das war nach Partei-

Bernstein, Berliner Geschichte. III.	26
        <pb n="419" />
        ﻿402

recht der Verfügung der Berliner Genossen vorenthalten, und so konnte
es nicht fehlen, daß gar manche Maßnahme, die sich darauf bezog, in
Berlin Mißstimmung erregte. Das kam wiederholt auf Parteitagen zum
Ausdruck, ohne daß jedoch zunächst am Rechtsstand etwas geändert wurde.
Als aber 1897 auf dem Hamburger Parteitag das Parteistatut wieder-
hergestellt wurde, das nach dem Köllerstreich vorübergehend außer Kraft
gesetzt worden war, ward, gemäß einem vom Parteivorstand mit den Berliner
Delegierten vereinbarten Antrag, dem § 17 des Statuts, der vom „Vorwärts"
handelt, folgender Satz eingefügt:

„Zur Kontrolle der prinzipiellen und taktischen Äaltun g des Zentral-
organs, sowie der Verwaltung desselben, wählen die Parteigenossen
Berlins und der Vororte eine Preßkommission, welche aus höchstens
zwei Mitgliedern für jeden beteiligten Neichstagswahlkreis bestehen darf.
Einwände der Preßkommission sind dem Parteivorstande zur Erledigung
zu unterbreiten. Von Anstellungen und Entlassungen im Personal der
Redaktion und Expedition ist der Preßkommission vor der Entscheidung
Mitteilung zu machen und ihre Einsicht einzuholen."

Zwei Jahre später, als der Parteitag zu Hannover das Parteistatut
abänderte, erhielt dieser Paragraph, nun § 18, eine neue Fassung, die das
Recht der Berliner noch erweitert. Es heißt darin: „Die Preßkommission
entscheidet in Gemeinschaft mit dem Parteivorstande über alle Angelegen-
heiten des Zentralorgans, insbesondere über Anstellungen und Entlassungen
im Personal der Redaktion und Expedition." Danach war die Preß-
kommission dem Parteivorstand in bezug auf den „Vorwärts" in jeder
Linsicht als gleichberechtigt zur Seite gestellt, was noch besonders durch
einen Schlußsatz verdeutlicht wird, der für Meinungsverschiedenheiten
zwischen Parteivorstand und Preßkommission die Heranziehung der Kontroll-
kommission mit der Bestimmung vorschreibt, daß in solchen Fällen jedes der
drei Organe je eine Stimme haben solle.

Bei dieser Verteilung der Vollmachten ist es alsdann verblieben.

Der Redaktionsstab des „Vorwärts" erfuhr im Laufe der Zeit manchen
Wechsel. Wilhelm Liebknecht, der bis zu seinem im August 1900
erfolgten Tode Chefredakteur war, brauchte bald einen politischen Redakteur
neben sich, der imstande war, ihn zu vertreten, wenn Pflichten der Agitation
ihn aus Berlin fortriefen. Diese Kraft ward in Bruno Schoenlank
gefunden, der aber schon im Jahre 1894 Berlin mit Leipzig vertauschte
und die Redaktion der „Leipziger Volkszeitung" übernahm. An seine
Stelle trat Adolph Braun, und ein Jahr später ward in Georg Ledebour
ein weiterer politischer Redakteur gewonnen. Als letzterer 1897 wieder aus-
trat, ward seine Stelle durch Georg Gradnauer ersetzt, und als die
preußische Regierung 1899 Adolph Braun als „lästigen Ausländer" aus-
wies, ward Kurt Eisner sein Nachfolger. Eisner und Gradnauer wurden
nach Wilhelm Liebknechts Tod im Jahre 1900 die Redakteure des politischen
Lauptteils des „Vorwärts", doch war dies keine eigentliche Chefredaktion,
vielmehr wurde nun die Leitung des Blattes kollegialisch von der Gesamt-
heit der Redakteure geregelt. Der Stab der Redakteure des politischen
Teils ward damals durch Äeinrich Ströbel vermehrt, und Redaktions-
mitglied für Volkswirtschaftsfragen ward an Stelle Conrad Schmidts,
der mehrere Jahre dies Gebiet bearbeitet hatte, Leinrich Cunow.
        <pb n="420" />
        ﻿188. Amschlagbild der von der Buchhandlung Vorwärts herausgegebenen

Romanzeitschrist „In Freien Stunden"	2«*



lulle uno

für das arbeitende Halb.

Inhalt:

SichehnlMdttldrkiuil-lMliljjg

Historischer Roman

Victor Hugo.

««»

Uiclor Hugo, (Biographie 1
Dies nnL Jenes.

Drst 1&gt; * 1896. * l.Iahrg.
preis: 10 Pfennig.

.Inhrg. /"■
nig. I

GrfchriiN jeden Sonnabend.
Dieriellahrspreis M. 1,20.
        <pb n="421" />
        ﻿404

Eine hervorragende Stelle nahm bis zum Jahre 1899 Ignaz Auer
in der Redaktion des „Vorwärts" ein. Er trug vor allem dafür Sorge,
daß den Staatsanwälten das Prozessiereil wider den „Vorwärts" nicht zu
leicht wurde. Eine Aufgabe, die dadurch notwendig wurde, daß es fast immer
in der Redaktion Mitglieder gab, die mit der Praxis von Preußens
Staatsanwälten und Richtern wenig vertraut und daher leicht geneigt
waren, sich in den Fußangeln irgendwelcher Gesehesparagraphen zu ver-
fangen. Es ist bekannt, daß zu ihnen auch Wilhelm Liebknecht gehörte,
der für Rechtsformalitäten nie viel Sinn hatte, und es war viele Jahre
Auers Aufgabe, ihm hierin ergänzend zur Seite zu stehen.

Aus der Reihe der Redakteure des „Vorwärts", die vorwiegend oder
ausschließlich für andere Rubriken als Leitartikel und Tagespolitik tätig
waren, seien genannt Emil Dierl-Roland (gest. 1899), August Enders,
August Iacobey (gest. 1899), Paul John, Samuel Kokosky (gest. 1899),
Karl Leid, Lugo Poetzsch, Robert Schmidt, Wilhelm Schröder und
Leinrich Wetzker.

Einige der hier und weiter oben genannten Redakteure sind heute an
anderen Blättern der Partei tätig oder wirken in anderer Berufstätigkeit
für die sozialistische Arbeiterbewegung. Dagegen haben drei Schriftsteller,
die längere Zeit zum Stab des „Vorwärts" gehörten und dann Stellung
in den Redaktionen bürgerlicher Blätter nahmen, nämlich Reinh. Cron-
heim, Max Pfund und Leopold Schön ho ff, zugleich mit der Tätigkeit
am „Vorwärts" auch ihre Beziehungen zur Partei gelöst.

Sehr groß ist die Zahl der Gelegenheitsmitarbeiter des „Vorwärts."
Von ihnen ist an erster Stelle der Altmeister des modernen Sozialismus,
Friedrich Engels zu nennen, aus dessen Feder der „Vorwärts" wieder-
holt Aufsätze veröffentlichen konnte. Von den politischen Führern und
hervorragenden Parlamentariern der Partei haben, neben Auer und Lieb-
knecht, insbesondere August Bebel und Paul Singer, dann aber auch
Richard Fischer und Hermann Molkenbuhr dem „Vorwärts" Artikel
oder sonstige Beiträge geliefert. Gelegenheitsmitarbeiter waren ferner Karl
Kautsky und Franz Mehring, und in den Jahren 1901 bis 1903 war
ständiger Mitarbeiter des „Vorwärts" Eduard Bernstein, der vorher von
London aus dessen englischer Korrespondent gewesen und von Moritz Beer
abgelöst worden war. Klara Zetkin, Boris Kritschewski und Otto Pohl
waren nacheinander Pariser Korrespondenten des „Vorwärts", Victor
Adler, Engelbert Pernerstorfer und Fritz Austerlitz schrieben ihm
Briefe aus Österreich, Antonio Labriola und später Oda Olberg Briefe
aus Italien, Ljalmar Branting Briefe aus Schweden.

Die Theaterkritik des „Vorwärts" ward längere Zeit hauptsächlich
von dessen Feuilletonredakteuren besorgt, später ward Conrad Schmidt sein
ständiger dramaturgischer Mitarbeiter. In §&gt;. Schmidtkunz hat er einen
geschulten Musikreferenten, in Ernst Kreowski und E. Schur geübte
Kritiker für bildende und darstellende Künste. Johann Nikolaus Krauß
redigierte lange Jahre sein Feuilleton und den Anterhaltungsteil. Das
Sekretariat der Redaktion führt seit dem Jahre 1892 Fritz Kunert.

Der im Oktober 1890 eingerichteten Buchhandlung des „Vorwärts" stand
bis zum Jahre 1902 Richard Fischer und von da ab Bernhard Bruns
vor. Die Expedition hatte die ganze Zeit über in Theodor Glocke ihren Leiter.
        <pb n="422" />
        ﻿405

Im Jahre 1902
beginnt die Herstel-
lung des „Vorwärts"
in eigener D rucke-
rei. Schon vorher
war er aus den:

Verlag von Max
Badin g in den Ver-
lag der Partei über-
gegangen, dagegen
war es noch längere
Zeit für unzweckmäßig
gehalten worden, in
Berlin größereMittel
der Arbeiterschaft in
einem Druckerciunter-
nehmen anzulegen und
alle Verantwortun-
gen eines solchen von
Partei wegenzuüber-
nehmen. Nachdem
aber die politischen
Verhältnisse sich in
einer Weise entwickelt
hatten, daß die für
jene Auffassung maß-
gebenden Bedenken
nicht mehr als stich-
haltig erachtet wer-
den konnten, ward im
Jahre 1901 von den
hierfür zuständigen Instanzen — Parteivorstand, Preßkommission, Neuner-
kommission— Gründung einer eigenen Druckerei des „Vorwärts" beschlossen
und ins Werk gesetzt. Es ward im Zeitungsviertel Berlins, in der Linden-
straße 69, ein passendes Grundstück erworben und auf ihm ein großes In-
dustriegebäude errichtet, bestehend aus Vorderhaus und drei großen, durch
Seitenflügel miteinander verbundenen Hinterhäusern, die zusammen Räum-
lichkeiten aller Art für Geschäftszwecke darbieten. Im Spätsommer 1902
ward dcrBau fertig, sodaß imOktober1902 der ganzeBetrieb des „Vorwärts":
Redaktion, Expedition, Druckerei, Buchhandlung dorthin übersiedeln konnten.
Die Verlegung in die erweiterten, bequemeren und bequemer zugänglichen
Räume erwies sich als unter allen Gesichtspunkten vorteilhaft, das Geschäft
hat sich in allen seinen Abteilungen fortgesetzt nur zu erweitern gehabt.

Mit bedeutend größerer Maschinerie, als die der Badingschen Druckerei,
ward die neue Druckerei des „Vorwärts" eröffnet. Zwei doppelbreite Drei-
decker-Maschinen amerikanischen Systems vermochten in der Stunde 20 bis
22 000 Exemplare des Blattes bis zur Stärke von 24 Seiten fix und fertig
zu liefern, während bis dahin die größte Leistung 11 000 Exemplare im
Llmfang von 16 Seiten gewesen war. Schon nach vier Jahren ward aber

Wider die
Pfaffenherrschaft

KultUrbilder aus den ReligloiiSkäinpfen
des 16. und 17. Jahrhunderts

Eniil Noscnow

Reich illustriert mit Bildern und Dokumenten au« der Zeit

Heft 21

Lest 20 Pf.
Gcsamtprelt IO Mt.

Buchhandlung Vorwärts
Berlin SW. 68. Lindenstraße 69
{ffrnfi Tmjanö

189. Umschlag der ersten Publikation in den von der
Buchhandlung Vorwärts herausgegebenen Kulturbildern
        <pb n="423" />
        ﻿406

eine noch leistungsfähigere Maschine bestellt: eine doppelbreite Vierrollen-
Rotationsmaschine, die in der Stunde bis elftausend 64 Seiten starke, bis
zweiundzwanzigtausend 32 Seiten starke oder bis vierundvierzigtausend 16
Seiten starke Exemplare liefert. Es war die stärkste bisher in Deutschland
gebaute Buchdruckmaschine, aber auch mit ihrer Lilfe konnten die steigenden
Ansprüche an die Druckerei nicht bewältigt werden, so daß eine weitere
32seitige Rotationsmaschine bestellt wurde, die für besseren Werkdruck ein
besonderes Farbwerk hat, wie denn überhaupt die Maschinen für den
Akzidenz- und Werkdruck des Vorwärts-Anternehmens unausgesetzt durch
vervollkommnete Exemplare ergänzt und vermehrt wurden. In ähnlicher
Weise dehnten sich Stereotypie, Buchbinderei und andere Nebenbeiriebe.
Da nun außerdem der Parteivorstand seine Bureaus in das Vorwärts-
gebäude verlegte, das Parteiarchiv der deutschen Sozialdemokratie dort
untergebracht wurde und auch der Zentralverband der sozialdemokratischen
Wahlvereine Groß-Berlins sowie das Parteisckretariat für die Provinz
Brandenburg daselbst sich einquartierten, gab es bis zur Zeit der Fertig-
stellung dieses Buches dort immer wieder neues Limziehen. Ursprünglich
an Privatgeschäfte vermietete Räume mußten aufgekündigt, für die juristische
Sprechstunde des „Vorwärts" Zimmer außerhalb des Gebäudes gemietet
werden. Alles das schildert anschaulich die Jubiläumsnummer, die der
„Vorwärts" am 31. März 1909 zur Feier seines 25jährigen Bestehens
als Berliner Volksblatt herausgab. In der kurzen Zeit seit der Gründung
der Vorwärtsdruckerei hatte sich deren technisches Personal wie folgt ver-
mehrt: Maschinenmeister von 5 auf 24, Maschinensetzer von 4 auf 16,
Landsetzer von 36 auf 88, Stereotypeure von 5 auf 11, Buchbinder und
Buchbindereiarbeiterinnen von 14 auf 44, Monteure von 2 auf 3, Lilfs-
arbeiter verschiedener Art von 22 auf 82, insgesamt von 88 auf 268 Personen.

Nur zu einem Teil ist diese Vermehrung des Personals Folge der
gesüegenen Auflage des „Vorwärts" und der Zunahme seiner Beilagen.
Sie ist auch in hohem Grade durch die außerordentliche Vermehrung der
Druckaufträge, die dem Geschäft zugehen, und die steigenden Auslagen der
Verlagsartikel der Buchhandlung Vorwärts nötig geworden. Die sozial-
demokratische Arbeiterschaft betrachtet es als eine Ehrensache, ihre Druck-
aufträge der Vorwärts-Druckerei zuzuwenden, die Schöpfung und Eigentum
ihrer Partei ist. Arbeiterverbindungen und einzelne Genoffen haben das
zur Gründung der Druckerei erforderliche Kapital von einer halben Million
Mark in Form von Darlehen vorgestreckt, und zu den Darlehnsgebern ge-
hörten auch Arbeiter, die ihr Erspartes für diesen Zweck herliehen. Schneller
jedoch als man es damals ahnen mochte, haben alle diese Darlehen zurück-
gezahlt werden können — zurückgezahlt, während jene großen Neuan-
schaffungen gemacht wurden! Die Vorwärts-Druckerei, heute eine der größ-
ten Druckereien Deutschlands, druckt außer dem „Vorwärts" einen großen
Teil der Auflage der Unterhaltungsbeilage „Neue Welt", deren Verleger
das Lamburger Parteigeschäft ist, ferner die Änterhaltungsschrift „In Freien
Stunden", viele Gewerkschaftsblätter und in Riesenauflagen allerhand Flug-
schriften und Flugblätter der Partei.

Die Entwickelung im Abonnentenstand des „Vorwärts" war keine
gleichmäßig schnelle. Beim Erlöschen des Sozialistengesetzes belief sich die
Auflage auf 25 000, hob sich dann bis zur Mitte der neunziger Jahre
        <pb n="424" />
        ﻿flrbeitendejugend

Moira Isschrift für die Interessen der jugendlichen Arkeiler und Arbeiterinnen.

Organ ge; verein; der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter Berlins und Umgegend.

Redaktion: K. Böttcher,  Uerlln Ul. so. Unsbathmtr. sb. Oos p&lt;.	VcreinSmitglieder erhalten die Zeitung unentgeltlich. Postabonnemciit exkl. Bestellgeld nicrteljährl 25» Psg.	Expedition: I. Wachsner,  Berlin n. S4. umrancnstram Nr.».«
Er. 9.	Festnummer tSOS.	l. Jahrgang.

der Jungen

Otto Krille

T

Mna hat die Mutter Not gefüugt
Kn ihrem dürren Leide.

Kus clendsdunkler Hütte Schoß,

Mit wunden Füßen, nackt und bloß.
Sind wir emporgestiegen.

Vor uns der fonnentrunk'ne Tag.

Nun geht's hinein mit Schwerterschlag
Zum Sterben oder Siegen.
        <pb n="425" />
        ﻿408

schrittweise bis auf 50 000 und blieb bis Ende des Jahrhunderts im wesent-
lichen auf diesem Stand. Dann seht ein etwas lebhafteres Steigen ein,
das zwar durch den Geschästsdruck der Jahre 1900/01 etwas verlangsamt,
aber nicht zum Stillstand gebracht wird. Schon im Laufe des Jahres 1902
geht es wieder schneller aufwärts, bis Mitte 1903 ist der Abonnentenstand
auf 78 500 gestiegen und Ende 1905 ist das erste hunderttausend nahezu
erreicht. Mit wenigen und obendrein ganz unbedeutenden Abweichungen hat
die Ziffer der Abonnenten des „Vorwärts" stets die Richtung nach auf-
wärts eingehalten.

Einen etwas anderen Lauf als die Linie der Auflage des „Vorwärts"
zeigt die Linie seiner Geschäftserträge. Allerdings ist auch ihre Tendenz
ein Aufsteigen zu immer größerer Höhe. Aber es kommt fünfmal vor,
daß die Überschüsse eines Jahres geringer sind als die des Vorjahres, und
der Ausstieg als Ganzes ist erheblich geringer. Während die Auflage sich
von 1890/91 bis 1905 vervierfacht hat, ist der Überschuß für dieses letztere
Jahr nur wenig höher als das Doppelte des Überschusses von 1890/91,
nämlich 84 528 Mark gegen 38 909 Mark. Der Ertrag des Blattes hängt
eben nicht lediglich von der Auflage ab, sondern wird durch Amstände mit-
bestimmt, die von der Verbreitung des Blattes unabhängig sind, wie
Wechselfälle in der Verwendung des Inseratenteils, Änderungen im Ver-
hältnis von Herstellungskosten und Abonnementspreis und ähnliches mehr.
So sehen wir den Abschluß für 1905/06 um nahezu 36 000 Mark oder
um 70 Prozent besser sich stellen, als der für 1904/05, obwohl der Zu-
wachs an Abonnenten auf nur etwas über 11 Prozent sich belief. Berück-
sichtigt man ferner, daß der Betrieb des „Vorwärts" nicht unter dem Ge-
sichtspunkte der Plusmacherei geleitet, sondern als Eigentum der Arbeiter-
schaft nach dem Grundsatz „keine Privilegien, aber anständige Löhne" ver-
waltet wird, so wird man es um so mehr zu würdigen wissen, daß das
Blatt im Laufe der 15 Jahre nahezu neunmalhunderttausend Mark für die
allgemeinen Zwecke der Arbeiterbewegung abgeworfen hat, in ge-
nauer Zahl 887 532 Mark.

Dazu kommen dann noch die Erträge der Buchhandlung Vorwärts.
Auch sie entwickelte sich unregelmäßig, denn auf Amsatz und Überschuß eines
buchhändlerischen Anternehmens und ihr Verhältnis zueinander wirken fast
noch mehr äußere Amstände ein, wie auf den einer Parteizeitung. Von
rund 66000 Mk. im Wert hebt sich der Jahresumsatz der Buchhandlung
in erst langsamer, zuletzt aber rascher Steigung auf 487000 Mk. im Ge-
schäftsjahr 1904/05, die Gesamtsumme des Amsatzes der fünfzehn Jahre
ist 2855000 Mk. Der Reingewinn der ersten beiden Jahre wird zur
Fundierung des Geschäfts zurückbehalten, vom Jahre 1893 ab aber kann
die Buchhandlung Vorwärts Überschüsse an die Parteikasse abführen, die
sich bis Ende unserer Epoche auf 191000 Mk. belaufen. Blatt und Buch-
handlung zusammen haben somit der Bewegung in den fünfzehn Jahren
eine Million und 78000 Mk. für Agitation und Kampf zugeführt. Was
sie inhaltlich für die Aufklärung und Anfcuerung geleistet haben, läßt sich
in Zahlen nicht abschätzen. Das Löchste an agitatorischer Arbeit des
„Vorwärts" wurde im Reichstagswahlkampf des Jahres 1903 geleistet.
Die Nummern, die der Wahl vom 16. Juni 1903 vorausgingen, konnten
an agitatorischer Kraft kaum überboten werden.
        <pb n="426" />
        ﻿Fünfundzwanzig Jahre.

Sli» Virttiljahehundert »oller Kampf und Sorg», oVcr ec-n Genugtuung
und Erfolg begleitet. ist verflossen, feit da« „Berliner AoUSblall",
der Vorläufer de« .Vonvätts", sein« Laufbahn begann. Dir ersten
5'ij Jahre der Sch andgi sehe« warn, vorüber; wcbrr polizeilich« Schilone
noch richterliche Grousanikclt, weder die durch die PoIijtitli-.VJff BiSinarck« und
‘patlfamnl verüble Dorjagang von Lao« und Lvf. noch die Blulurieilr der
da« AuLnahmegese» gegen die Sozialdemokrat!« handhabenden Justiz halten ver-
hindern können, daß di«' Arbeiter Berlin« kioy de« Mangel« öffentlicher Organi-
sationen weiter agitierten. sich in lleinerrn Kreisen zosanimensaiiden. Verbindungen
zioischen den genossen J.crpcCtfn und durch TScrl und c*[ifi de» Kamps gegen
die kapitalistische Gesellschaft sowie deren Werkzeuge. Polizei und Regl-rung.
eifrig fortsetzte». In dem in Zürich erscheinenden „Sozialdemokrat'' war da»
Organ geschossen wordc». da« auch die Berliner Parteigenossen über die Vor-
gange in der sozialistischen Well und vor allem in der soziaidemoiratischen Partei
Deutschland« aus dem Lausenden erhielt. Die Beziehungen zum „Sozialdemokrat"
waren gcrcgelt, seiur Verbi,ilung gesichert-, do.v übrige wurde durch Broschüren
und Fliigblätur besorgt, in deren prompter uud sicht!« Veibrrilung die Berliner
Parleigenosseti in erster Reihe räiiz waren.

So wurde der tägliche Kieinlrieg geräuschldo unter der Oberfläche mit
zäher Energie, oiibeuglainer Er.tschlvsscnhril und großem Des,fmk betrieben; eit'.
Kamps, dlffen Organisation so prompt knnNionierte. das) die politische Polizei
trotz Massenaufgebot« von .Nichlginkiem,»". wie der Minister Pultkamer
sei», Spitzel und Provokateur» bezeichnet», der Versolgtea nicht Lere werde» tonnte.
Freülch an Odfem ha« t» nicht gefehlt; di« Teilnehmer an Zusomiuenlünsten,
dir Verbreiter de« „Sozialdemokrat", die Vetteiler ron Broschüren und tzlug-
blältern mußten sehr häusig ihr» mutig,, opserbrrcite Arbeit mit Gesikngnisstrullii
und mit Ausweisung au« Berlin bezahlen.

Aber leine Gefahren, weder Gefangn!« noch Verbannung vermochten Kraft
und Mut der Genossen zu drechett; für jeden aueschetdenden Kämpfer traten
neu« Streiter «In; jede Lücke wurde sofort auegesülll; ein förmlicher Weeislreit
»nlspon» sich um die gefahrvollsten Posten. Jeder wollt« in der ersten Reihe fechten.

Bismarck Halle einsehen müssen, daß seine Spekulation mit dem Ausnahme-
gesetz gänzlich verfehlt und »rsolglo« blieb. Eüeber lvar e« gelungen, durch di«
Brutalität de« Ausnahmegesetzes die Arbriicrklassr zu gewaltsamen Angriffen
gegen dl« Slaatsgttvall zu veranlassen, woraus di» Machthaber wohl gerechnet
hallen, um die Arbeiterbewegung dann in einem Bluidadc ersticie» zu könne»,
noch hatt« man e« fettig belommen, di« verhaßtc Sozialdeinolralie lahm zu logen,
geschweige denn zu rernichlen. Wo« nicht öffentlich an Agitation, Verbreitung
von Literatur und Versammlungen geschehen lounte, wurde auf anderem Wrge
geleistet, wobei di« Sozialdemviralit stetig Anhänger gewann und sich, nainentlich
auch in Berlin, in immer stärkerem Mäh» entwickelte.

In dieser Situation verfielen Bismarck und seine Trabanten, die zur Zeit in
Berlin »inen heftigen Kamps gegen di« Fortschrittspartei und die Berliner
Kommunalvcrwoltung fühlten (die Biemarck, wie er meint», «in» zu hohe Mietosteuer
auferlegt hotte), aus die glorios» Idee, di« Sozialdemokratie könne durch ein«
mildere Londhadung de« Sozialistenaeseyr« von der Propagierung ihrer Grund,
sähe, von der zielbewußten Agitation gegen die bestehend« Gesellschaftsordnung
abgebracht werden und sich a!« Vorspann gegen die bürgerlichen Gegner der
Birmanischen Revision mißbrauchen lassen.

Im Verfolg dieser «bsuiden. durch keinerlei Landlung der Sozialdemokratie
gerechlfettiglrn Annahm« legt« die Regierung der Neugründung von Arbester-
bezirkSverclnen, deren Errichtung zur noch besseren Zusammrilsaffung der Genosse»
und zum Betriebe der Gemeinde- und ReichStagSwahlen notwendig wurde —
di« anderweit» Organisation blieb natürlich vollkommen iutakt — keine Linderniss«
in den Weg. Vielleicht glaubte man bei der Polizei dadurch besser hinter selche
Absichten zu kämmen, die in Rücksicht ans da« Sozialistkngrskh nicht öffenkiich in
den Arbeitervereinen verhandelt wcrden konnten.

Gleichzeitig wurde vcn bre Regierung d&lt;r Versuch gemacht, durch Be-
gründung einer Zeitung I» Berlin, di, den fchöuen Romen .Volk«freund"
erhielt, posizeilich abgestempelt, Arbeiicrfrrundlichleit zu verzapfen. Die Redakteure
und Mitarbeiter wurden au« der Pclizeilrixpc gespeist, eine Agitation für die
Vkrbreitiiog be« Blatte« in Arbciterlreisetl in Szene gesetzt und oCt« aufgeboten,
um durch dt» polizeiliche» .Vo!!«ftcund" der Sozialdemokrali« da« Wasser
abzugraben.

Im der drohenden Gefahr, das, Venvinvng i» Len eigenen Reihen hervor-
gerufen tverde. vorzubeugen, riilschlosscn sich die Berliner Genossen, trotz der Taclei,
und Gesahrrn dr« Sozialistengesetze« »in täglich erscheinende« Blatt für Berlin

Mit diesem Entschluß beginn! di« Geschichte de« „Berliner Voli«blali°",
da« später ln den „VvnvLtt«" ausging. Von den jährlich!,itcn, di« damol«
einem der Verbreitung sozialdemokraiischer Grundsätze und Forderungen gewidmelen
Arbesterblatt drohten. Ion» man sich heule lauin noch einen Begriff machen.
Tag und Nacht auf dem Posten, siel« in Sorge um die Weiterer istenz de« Blatte«,
in politischer und strafrechtlicher Beziehung nebo» der vor »ein* Gewalttat jurfles-
schchucr-den Regierung einer der Reaktion willfährigen Justiz gigenübecsichrud.

galt es. dir Klippen de« Sozialistengesetz,« klug zu vmlchisscu, bad»! aber mutig
und enksehlosskn die sozialdemokratischen Idee» „nd die Ardeitersocdeeungc» zu
vrrkrelcn, uw, Lerzen und Kopse de« Proletarier in drm Kämpf gegen Aua-
brulung und llnle:drückimg zu stählen. Diese n»!«e den damaligen Verhältnissen
doppelt schwierig« Ausgabe — stet« umlaneet von den Verbotzbestivin-ungen de«
Sozialistengesetze«, ganz abgesehen von den persönlichen Gefabro, für alle Ve-
lelligicn — hat da« „Berliner Dollkdlatl" Iren, kakirüslig und erfolgreich geleistet.
Anerkennung und Dank hierfür har e« erhalten. aU die Partei im Jahre &gt;890
brschlosi, daß et seinen mit Ehren getragenen Nomen im Titel Le« Zentralorgan«
writcrlühren soll».

Lire mögen einige biographische Natizeu über da« „Berlmci Volttblatl'
Platz finden. Lcrgestell! wurde da« untcr den, Sozialistengesetz erscheinend«
Organ in der Druckerei der Genossen Babing »nid Banchergcr, di« in hingeblnig«-
vollem Eifer die Inlcieffcn de« Blaitc« al« Verleger vcnratcn. Die erste Expedjiion
befand sich in einem kleinen unzulänglichen Laden. (iin daran grenzende«
Ziuimerchi» beberbei-gr« dir Redaliion. Bo» den ersten Redalteuren zitieren wir
au« de:» Gedächtnis eni!ge Genossen, deren Namen eine» guten Klang in der
Partei hadr», so jum Beispiel Lasenclever, Blv«. Rüdiger (der spater Infolge
seiner Tätigkeit ausgewiesen wurde), Baake und Tutzaver. Di: Expedition wurde
zuerst von dem Genosse» Ewald (ebenso!!« später ausgewiesen), spätre von dr»
Grnossc» Liesiändcr und Glocke geleit»!. Der erst« Berichterstatter war, soweit
ich mich erinnere, der an« Lossassc« Icitc» bclanntc Gerwsse v. Lofstettc». Laupt-
mitarbeiier ivarcn unsere unvergeßlichen Vorlänipser Auer und Liebknecht. In
dankbarer Etiimcning niuh hcrvorgehobtti Ivcrdcn, daß eine große^ltizahl
Genossen da» Blatt durch Arbeiten verschiedcnslcr Art nnlersiüht und ihm
dadurch s,tne Aufgabt, im Dienste der Sozialdemokratie ZU wirken. erleichtert
haben.

Dl« Berbrriinng de« .Berliner Volksblalis" mögen einige Zahlen illuslrlrren.
Es sing mit einer Auslage von 2000 Exemplaren an. Anfang 1885 war sie auf
«000 Exemplaren gestiegen; im Jahre 1638 erhöht«' sich die Äbonneiitenjiffer auf
II 000, uns nach den RcichSIagSwahlci, de« Jahres 1890 konnt» das Blatt In
einer Auflag« von 25 000 Exemplaren erscheinen. Die Zeit, In der da« „Berliner
VoUoblall" al« selbständige« Organ der Berliner Parlclgcnossc» d,m lämpsendcn
Prolrlariat seine Dienste grlcistcl hat, ist »ich» gar lang — und doch werde»
diese sechs Jahr« in der Geschichte der Berliner Sozialdemakravr unvergessen
bleiben, hinter den schwierigsten Verhälttiisse» hat e» unermüdlich, unter
Anspannung aller Kräsle. de» Kampf gegen die Biomarcksihe Reaktion
grfühtt.

Dank der durch die Tcilnahr.ie der Genossen stark unterstützten ttnsigen
Arbeit de« Berliner Parteiorgan« und vor ollem durch die in imnicr höherem
Maß« betriebene Agitation und Propagierung der Parlciziele wurde in
i«„en Jahren eine geistige Vettiksung der Parteigenoß«!, erreicht, die. durch
fleißige« Studium der Pattcililcraiur gesellig», sich auch bald änsicrsich in sehr
erfieulichein Uinsange erwies, indrm die Jahre lv8i. 1887 und 1890 uns einen
sehr erheblichen Elimmcnzuwach» bei bei« ReichologSwohlen brachten. Außer-
dem wurde die Periode der tommunalc» Tätigkeit in Berlin »ingelelt«« und
in fortschreitender Entwickelung gesördeit. Nachdem die Verhandlungen de«
Reichstag»« Jahr für Jahr Grlrgrnheil gibolrn hatten, die Londhadung
dt« Sozialistengesetze« z» brandinarlcn, und die von der Regierung In,
In- und Auslande, nauientlich von Berlin au«, betriebene Epitzelwirtschast
da« Reich ans« Aergste bloßgestelle halte, während zugleich die völlige Ersolg-
losiglei« de« Sozialistengesetzes offcnlundig zutage getreten war, fand sich —
da Bi-iniarck. zu jener Zeit in Konstil, mit dem jungen Kaiser, der sich In bezug
auf da« zu Ende gehende Ausnahmegesetz voUlommen passiv verhielt — in, Jahre
18S9 im RrichSlag« lrine Nlajorität mrhr für die Aerlängermig dr« Autnahmr-

gesetze^^ brutal« Machwerk junkerlicher Reaktion wurde saug- und klanglos
verscharr«, während die Sozialdeinolralie trotz dc« Ausnab-ncgesetze« innkrlich
gofestlgl und nach außen machtvoll crslarlt, stolzen Mute« den, Urheber de« Echand-
gesetzt« gegenüberzottclen vennocht«. Das Regimml Bismarcks war zu Ende.
Mi, dem Fall de« SozIaliiiengrseheL brach auch die polittsche Macht BiSmarch«
schmählich zusamincn.

Am l. Olloder 1890 trat da« Sozialistengesetz

Inzwlschcn waren all« Vorbereitungen getroffen worden, um die Partei
uamiltelbor nach Erlöschen de« Sozialistengesetze« wieder in öffentsiche Aktion
tret«» zn lasse». Der Entwurf »in»« neuen, den veränderten Verhältnissen
angepaßten Otgamsalionsstatul« ivar vou der Rcicholagssraltio» ausgearbeitet
worden, um als Grundlage für die a»f dr», Parteitage vorzuuehmeude Be-
ratung zu. diene». In stiller, aber doppelt emsiger Arbeit wurden die Aufgaben
erwogen, die der Partei harrten, und der Weg für den siegreichen'Vormarsch
dc« kampfbereiten sozlaldemolrailschen Proletariats geebnet.

Am 30. September war die Geltung und Wirtsainkeit der von der Sozial-
demokl-ari« niedergernngencn schmachrollen Gewallmaßregeln beendet, und schon
nach womg.-n Wochen, am 12.—18. Oltabcr, tagt« i» Lall» o. S. ein von der

191. Titelseite der Gedenknummer des „Vorwärts" zum Tage seines
25 jährigen Erscheinens
        <pb n="427" />
        ﻿410

192. Amschlagzeichnung
einer vom Verlag der Buch-
handlung Vorwärts heraus-
gegebenen Gedichtsammlung

Die Kehrseite des Bildes liefert die Ge-
schichte der Strafverfolgungen des „Vor-
wärts". In dessen oben erwähnter Jubiläums-
nummer gibt Paul Singer die Gesamtsumme
der Strafen, welche während der fünfundzwanzig
Jahre von 1884 bis 1909 über Redakteure
des „Vorwärts" verhängt wurden, auf rund
10800 Mk.Geldstrafen, lOIahre 18^ Wochen
Gefängnis, sieben Wochen Gefängnishaft und
drei Monate Festungshaft an. Weit mehr als der
entsprechende Prozentsatz kommen davon auf
unsere fünfzehn Jahre. Linker dem Sozialisten-
gesetz war man mit gerichtlichen Verfolgungen
der Presse, die man unter dem Lcnkerbeil wußte,
nicht gar zu schnell bei der Land gewesen,
und nach dem Jahre 1905 sind ihrer auch ver-
hältnismäßig wenig. Aber zwischen 1891 und
1905 regnete es zeitweilig Anklagen. So nament-
lich während des „Köller-Coups". In diese Zeit
fällt auch der Versuch, neben dem verantwort-
lichen Redakteur des „Vorwärts", dessen dama-
ligen Verleger, Max Bading, für den Inhalt
einer Nummer des „Vorwärts" — die auf rotem Papier gedruckte Nummer
vom 18. März 1895 — verantwortlich zu machen und zu verurteilen.

Im übrigen fällt die Geschichte des „Vorwärts" mit der Ge-
schichte der Partei zusammen. Seine Sprache ist grundsätzlich das Echo
der politischen Empfindungen der kämpfenden Genossen, seine äußere wie
seine innere Entwicklung spiegeln im wesentlichen nur die entsprechenden
Entwickelungen der Bewegung wider, deren Organ er ist. Mit ihrer
Ausbreitung steigt auch seine Verbreitung, und wie sie sich immer weiter
verzweigt und vertieft, nimmt auch er an Inhalt und eindringender
Behandlung der die Arbeiterklasse angehenden Fragen zu. Ohne mit den
gewerbsmäßigen Klatsch- und Sensationsblättern in Konkurrenz zu treten,
verselbständigt und verbessert er fortschreitend seinen Nachrichtendienst. Lind
wie er niemals aufhört, in erster Linie ein politisches Blatt zu sein, findet
er doch zugleich immer mehr Platz für Vorgänge und Fragen auf den Gebieten
von Kunst, Wissenschaft und schöner Literatur. Zu keiner Zeit hatte es
ihm an Mitarbeitern, die auch hierin auf der Löhe der Zeit standen, und
an Aufsätzen aus ihrer Feder gefehlt. Aber nie zuvor wurde diesen
Fragen und Erscheinungen soviel Aufmerksamkeit in seinen Spalten ge-
widmet, als in den Jahren, mit denen unsere Epoche abschließt, und daß
dies geschah und verlangt wurde, zeugt dafür, daß auch der geistige Löhe-
stand seiner Leser gestiegen war, von denen wir mit gutem Fug sagen
können, daß sie die Elite der Arbeiterschaft Berlins bilden.

In den Jahren von 1891 bis 1896 hatte Groß-Berlin neben dem
„Vorwärts" noch ein zweites sozialdemokratisches Blatt im „Volksblatt
für Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg". Es war ein
        <pb n="428" />
        ﻿411

tapferes kleines Blatt, dessen Redaktion zuerst Ioh. Nik. Krauß und dann
Johannes Nautmann führten und für das Gustav Keßler mehrere Jahre
hindurch wirkungsvolle Leitartikel und Notizen schrieb. Aber es konnte sich
nicht halten, da die Arbeiter in den großen Vororten bei Berlin es vor-
zogen, den „Vorwärts" zu lesen, und die kleineren Orte damals nicht
genügend Abonnenten für seinen Bestand aufbrachten. So stellte es
Ende 1896 sein Erscheinen ein und fand zunächst Ersatz in dem Agitations-
blatt „Die Fackel". Es war reich mit Verfolgungen bedacht worden.
Seine Redakteure machten sämtlich mit dem Gefängnis Bekanntschaft.
Am schwersten ttaf die Verfolgung Johannes Rautmann, der in den
Tagen des Köller-Kurses zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde.

Der Prozeß gehört zu den schwärzesten Kapiteln preußischer Justiz.
Am Sedantage 1895 hatte Wilhelm II. im Berliner Schloß einen Trink-
spruch zum besten gegeben, worin es hieß: „Eine Rotte von Menschen
nicht wert, den Namen Deutscher zu tragen, wagt es .... die uns
geheiligte Person des allverehrten verewigten Kaisers in den Staub zu
ziehen.... Dann rufe ich Sie, um der hochverräterischen Schar
zu wehren, um einen Kampf zu führen, der uns befreit von diesen
Menschen." Der „Vorwärts" hatte diese Sätze, die alle Welt auf die
Sozialdemokratie bezog und ja auch nur beziehen konnte, besprochen und
dabei bemerkt, es entspräche dem Geschmack seiner Redaktion nicht, irgend-
einen Teil ihrer politischen Gegner so zu benennen; handelte sie in dieser
Weise, so würde sie sich eine Strafverfolgung zuziehen. Wegen dieser, so
gemäßigten Antwort nun wurden Max Pfund vom „Vorwärts" und
I. Rautmann vom „Volksblatt für Teltow-Beeskow", das den Artikel
vom „Vorwärts" übernommen hatte, unter Anklage gestellt. Ihr Prozeß
ward mit dem des Vorwärtsredakteurs Dierl verkoppelt und dadurch
erreicht, daß die Sache vor den als Scharfrichter bekannten Landgerichtsrat
Brausewetter kam, der auch richtig mittels einer haarsträubenden
Drehung des Begriffs „Unverletzlichkeit der Person des Kaisers" Pfund
auf 9 Monate und Rautmann auf 12 Monate ihrer Freiheit beraubte.

Damals hatte der „Vorwärts" die famose „Kamel-Inschrift" in
der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu Charlottenburg ans Licht gebracht,
jene, vom Baurat Schwechten herrührende Inschrift, in der die Stadt-
verordneten Berlins frech als „Kamele" bezeichnet wurden, weil sie das
Geld der Stadt Berlin nicht für den Charlottenburger Tempel der Äohen-
zollernverherrlichung hatten hergeben wollen. Nun hatte Kaiser Wilhelm II.
ihr die Erträge seiner Komposition des Eulenburgschen „Sang an Aegir"
gestiftet und der Berliner Volkswih sie daraufhin „Aegir-Kirche" getauft.
Die Schwechtcnsche Inschrift ward von der Lofpresse als ein „erlaubter
Künstlerscherz" bezeichnet, für die bloße Wiederholung des Ausdrucks
„Aegir-Kirche" aber ward Dierl von dem Brausewetter auf 4 Monate
ins Gefängnis geschickt. Dies und die Verkopplung der zwei ganz ver-
schiedene Vorgänge behandelnden Prozesse kennzeichnen die damalige
politische „Gerechtigkeit in Preußen".
        <pb n="429" />
        ﻿Siebzehntes Kapitel.

Die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus

^^Vur einmal hat in unserem Zeitabschnitt Berlins Sozialdemokratie sich
an den Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus beteiligt. Auf
den Parteitagen von 1897 und 1898 gehörte die große Mehrheit
der Delegierten Groß-Berlins in Übereinstimmung mit ihren Mandatgebern
zu den entschiedensten Gegnern der Aufhebung des Beschlusses von 1893, der
für diese Wahlen strenge Enthaltung vorschrieb. Nachdem aber im Jahre 1900
der Mainzer Parteitag den Parteigenossen in Preußen es zur Pflicht
gemacht hatte, dort, wo die Beteiligung überhaupt möglich sei, sie auch aus-
zuüben, kamen die Sozialdemokraten Groß-Berlins diesem Beschluß, so
sehr sie ihn bekämpft hatten, mit musterhafter Disziplin nach.

Die Landtagswahlkreise Berlins decken sich nicht mit seinen Reichstags-
wahlkreisen. Es sind in der Stadt ihrer vier, von denen bis zur sogenannten
Reform von 1906 der erste drei, die anderen drei je zwei Abgeordnete zu
erwählen hatten. Der Landtagswahlkreis Teltow-Beeskow-Charlottenburg
fiel mit dem gleichnamigen Rcichstagswahlkreis so ziemlich zusammen und
wählte zwei Abgeordnete; der Reichstagswahlkreis Niederbarnim bildete
und bildet noch mit dem Reichstagswahlkreis Oberbarnim zusammen einen
Landtagswahlkreis, der drei Abgeordnete zu wählen hat. Bei den Wahlen
von 1898 hatten die vier Landtagswahlkreise Berlins freisinnige, die beiden
anderen Wahlkreise konservative Abgeordnete gewählt.

Nach dem Mainzer Parteitagsbeschluß hatte für Preußen der Partei-
vorstand der deutschen Sozialdemokratie das Zentralwahlkomitee zu bilden.
Eine von diesem einberufene Landeskonferenz, die am 26. April 1903 in Berlin
tagte, legte in einer Resolution eine Reihe von Bestimmungen über die bei der
Wahl zu beobachtende Taktik nieder und forderte die Genossen auf, überall
mit der Feststellung zu beginnen, an welchen Orten und in welchen Arwahl-
bezirken sozialdemokratische Wahlmannskandidaten aufgestellt werden könnten.
Auch wurde das Zentralwahlkomitee beauftragt, für rechtzeitige Herausgabe
einer billig gedruckten Zusammenstellung der Wahlvorschriften zu sorgen.

Diesem Auftrag ward durch Veröffentlichung einer von Leo Arons
verfaßten Broschüre: „Die preußischen Landtagswahlen, die gesetzlichen Be-
stimmungen nebst Erklärungen" entsprochen. Außerdem aber ward unter
dem Titel „Der preußische Landtag, Handbuch für sozialdemokratische
Landtagswähler", ein von Paul Hirsch, unter Mitwirkung von Partei-
genossen, verfaßtes Handbuch herausgegeben, das in übersichtlicher, reichlich
belegter Darstellung das Verfassungswesen Preußens, die Natur- und
        <pb n="430" />
        ﻿h'Zttustrirk'1

■^Knter BalÜüi^s -B erla Zr

des wahren Jacob

-»&gt;&gt; Kkich den Wnhlen zmn preußischen Tcindlrig.

Der Empfang de; dorischen Ireisums im preußische« Landtag seitens der agrarische« Majorität,

193. Karikatur auf den preußischen Landtag. Aus dem „Wahren Jacob
        <pb n="431" />
        ﻿414

Machtverhältnisse seiner Parteien und den Geist seiner Gesetzgebung und
Verwaltung schildert, unter Vorführung der Leistungen, Sünden und Unter-
lassungen dieser Gesetzgebung auf den verschiedenen ihr unterstehenden Arbeits-
gebieten.

So ausgerüstet traten kurz nach dem Dresdener Parteitag die Genossen
Groß-Berlins in den Wahlkampf ein, den das Zentralwahlkomitee mit
einem packenden Wahlaufruf eröffnete, der im „Vorwärts" vom 18. Oktober
1903 an der Spitze des Blattes abgedruckt ist. Außerdem wurden ver-
schiedene speziell auf Berlin bezügliche Flugblätter verbreitet, und selbst-
verständlich begleitete der „Vorwärts" den Wahlkampf mit anfeuernden
Artikeln und Notizen über die Bedeutung der Wahl. Ebenso ward wieder-
holt in großen Volksversammlungen, die in bezug auf Besuch und Be-
geisterung die hochgespanntesten Erwartungen rechtfertigten, für kräftige
Beteiligung an der Wahl agitiert. Am 6. November erfolgte in den vier
Landtagswahlkreisen Berlins die Aufstellung der Kandidaten. Es waren dies:
für	Berlin I	Bohn, W. Pfannkuch und Sb. Schubert;

„	„	II	Leo Arons und L. Silberschmidt;

„	„	III	August Bebel und G. Ledebour;

„	„	IV	Lugo Leimann und Paul Singer.

Für Niederbarnim und Oberbarnim kandidierten G. Freiwaldt, A. Stadt-
hagen und Bernhard Bruns, für Teltow-Beeskow-Charlottenburg Paul
Lirsch und Fritz Zubeil.

Mehr noch als bei der Reichstagswahl fiel bei der Landtagswahl die
Kleinarbeit ins Gewicht. Waren doch in Berlin allein in zwischen 1200
und 1500 Arwahlbezirken Wahlmannskandidaten aufzustellen und die Mann-
schaften für den Dienst bei der auf den 12. November angesetzten Arwahl
zu organisieren und zu instruieren. Lierbei bewährte sich nun die schon vor-
handene Gliederung nach Bezirken, die mit den Stadtbezirken zusammen-
fielen, auf das vortrefflichste. Auch die bei den Stadtverordnetenwahlen
gesammelten Erfahrungen kamen der Partei am Wahltage sehr zunutze.
And das Wahlergebnis war aufs neue ein Freund und Feind gleicher-
maßen überraschender Erfolg der Sozialdemokratie. Von insgesamt 6823
Wahlmännern Berlins waren nahezu ein Drittel, nämlich 2175, sozial-
demokratisch. Davon entfiel die Lälste auf den dritten Landtagswahlkreis,
der den ganzen sechsten und Teile des fünften Reichstagswahlkreises um-
faßt, und es konnte einen Augenblick zweifelhaft erscheinen, ob die Frei-
sinnigen in diesem Wahlkreis bei der Abgeordnetenwahl so viele eigene
Wahlmänner zum Wahltisch würden bringen können, um über Sozial-
demokraten und Konservative eine absolute Mehrheit zu erhalten. Zn der
Tat erhielten ihre Kandidaten bei dieser Wahl, die am 20. November 1903
stattfand, nur sieben Stimmen über die Lälste der Wahlmänner, wobei
noch angenommen werden muß, daß ein Teil konservativer Wahlmänner
gleich von vornherein für die Freisinnskandidaten gestimmt hatten, da an
einen Sieg der Konservativen hier nicht zu denken war, sondern nur die
Kandidaten der Sozialdemokratie in Frage kamen. Überhaupt hat das
Wahlsystem mit den drei Wählerklassen und der indirekten Wahl die Eigen-
tümlichkeit, daß bei Wahlmännern der ersten und selbst noch bei einem Teil
der bürgerlichen Wahlmänner der zweiten und dritten Klasse von einer
bestimmten Parteisarbe kaum die Rede ist. Sie werden von ihren Klassen-
        <pb n="432" />
        ﻿Zur Candtagswabl "Agitation.

Der vom 17. bis 21. September zu Mainz abgehaltene Parteitag der
sozialdemokratischen Partei hat folgenden Beschluß über die Wahlbethetligung
gefaßt:

„In denjenigen deutschenStaaten,. in welchen dass
D r eik l a s s e n - W a h ls y st em besteht, sind die Parteigenossen
verpflichtet, bei den nächsten Wahlen mit eigenen Wahl-
männern in die Wahlagi tattonet n zutreten.

Für die Landtagswahlen in Preußen bildet desr
Partei-Vorstand das Zentral-Wahlkomttee. Ohne dessen
Zustimmung dürfen die Parteigenossen in den einzelnen.
Wahlkreisen keine Abmachungen mit bürgerlichen Par-
teien treffen."

Durch diesen Beschluß ist der Weg, den die Sozialdemokraten bei der
nächsten Landtagswahl zu gehen haben, klar vorgez?tchner.

Demnach hat bei der künftigen Landtagswahl in allen Wahlkreisen
Wahlbetheiltgung stattzufinden. Es ist seitens aller Kreise bet der Nächsten
Landtagswahl der Versuch zu machen,, möglichst viel sozialdemokratische Wahl-
männer durchzubringen.

Bei der Verzwicktheit des Wahlverfahrens ist eS zweckmäßig, diese
Wahlbethetligung von langer Hand, möglichst schon jetzt, vorzubereiten. Dazu
g hört Folgendes:

Schon jetzt sehe man flch, wiewohl die Urwahlbezirke noch nicht festgestellt
find, in Anlehnung an die Urwahlbezirke von 1898 darnach um: in allen
Wahlbezirken zuverlässige Wahlmänner ausfindig zu machen. Man sehe die Liste
der Wahlvkretnsmitglieder darauf hin durch, stelle ein Tableau der künftig als
WahlmannSkandidaten zu Bezeichnenden auf, kontrolire dies Tableau von Quar-
tal zu Quartal, um in dem Augenblick der Ausschreibung der Wahl und der
Bildung der Urwahlbezirke gewappnet zu sein.

Die Auswahl der Wahlmänner ist schwierig, weil der Wahlmann in dem
Urwahlbeztrk wohnen muß. In den Bezirken, wo noch kein Wahlmann aus-
findig gemacht werden kann, suche man neue Mitglieder für die Sozialdemokratie
zu gewinnen. Die Br o t w u ch erp l ä n e bieten eine günstige
Gelegenheit auch für die Frauen zur Werbung neuer
Kämpfer für die sozialdemokratische Armee Die für den
Borstand und für die Mitglieder deriWahlveretne wie für die weiblichen Ge-
noffen sich hieraus ergebende Arbeit ist schwierig. Sie ist aber nicht schwieriger
als die Kleinarbeit, die insbesondere aus dem Lande seit vielen Jahren mit nicht
unerheblichem Erfolge von einzelnen Genossen verrichtet wird.

Wie die Wahlmänner auszuwählen sind und wie die nach Durchsicht der
1898er Listen noch offenen Bezirke zu erobern sind, läßt stch nicht schablonen«
mäßig für jeden Waylvcretn vorausbesttmmen. Nur das ist sür alle gleich-
mäßig nothwendig:	m	„ , „	.

1.	Durchsicht, wer voraussichtlich als Wahlmann aufgestellt werden kann,

2.	Bearbeitung derjenigen Bezirke, in denen zur Zeit kein Wahlmann

auffindbar ist, durch Agitation von Mund zu Mund sür die sozial-
demokratische Bewegung.	m

Die Vorbereitung zur Landtagswahl kann sich demnach in vielen Be-
zirken zu einer kräftigen Agitation für unsere Bewegung gestalten. Auch bet der
Landtagswahl ist und bleibt die Hauptsache: neue Kämpfer heranzuziehen.
Nur überzeugte Sozialdemokraten können als Wahlmänner aufgestellt werden.

Als Anknüpfungspunkte sür die Werbung neuer Kämpfer brauchen keines-
wegs nur Angelegenheiten herangezogen werden, die im preußischen Landtag zur
Erörterung gelangen. Nach wie vor hat stch als das wirksamste Agitations-
Mittel die Besprechung der den Einzelnen betreffenden Verhältniße erwiesen.
Man knüpft a» die Berhältniffe an, die dem Indifferenten oder zeitigen Gegner
geläufig find. Beispielsweise werden auf dem Lande oft Fragen, wie sie in dem
von der Agttationskommtsston sür die Provinz Brandenburg herausgegebenen
Fragebogen enthalten find, einen Anknüpfungspunkt ermöglichen.

Ferner bietet die drohende Vertheuerung allerNahrungs-
mittel eine außerordentlich günstige Gelegenheit zur Klarlegung des Klasjen-
sampscharakters unserer Gesetzgebung.

194. Erstes sozialdemokratisches Flugblatt zur preußischen Landtagswahl
        <pb n="433" />
        ﻿416

genossen kurzweg als „angesehene Mitbürger" gewählt, ohne daß ihnen ein
bestimmtes politisches Glaubensbekenntnis abverlangt wird.*) Dieser Am-
stand erschwert denn auch ungemein die Wahlstatistik, so daß eine ganz
sichere Landhabe für die Wahlstärke der Parteien nicht einmal durch die
Abstimmung der Wahlmänner bei der Abgeordnetenwahl geliefert wird.
Gewöhnlich erscheinen eine Anzahl Wahlmänner überhaupt nicht zur Wahl,
von den Gekommenen aber entscheidet sich ein Teil erst im Wahllokal,
welchen der Kandidaten sie ihre Stimmen zuwenden wollen.

In Berlin waren bei der Wahlmännerwahl 6823 Wahlmänner gewählt.
Von diesen stimmten bei der Abgeordnetenwahl 6383, also 440 oder über
6 Proz. weniger. Im ersten Wahlkreis blieben die dort gewählten 147
sozialdemokratischen Wahlmänner nach Parteibeschluß von der Abgeordneten-
wahl fort, weil ihre Stimmen auf diese in keiner Weise Einfluß ausüben
konnten. Im zweiten und vierten Wahlkreis blieben wiederum ein Teil der
konservativen Wahlmänner fort, während andere zur Wahl gingen und
freisinnig stimmten. Dies ist bei der nun folgenden Zusammenstellung im
Auge zu behalten.

Es stimmten Wahlmänner für die auf den betreffenden Listen an erster
Stelle stehenden Kandidaten:

sozialdemokratisch		freisinnig	konservativ
In Berlin l	—	803	127
„	„ &gt;l	487	909	—
„	„ HI	1099	1309	184
„	„ iv	530	929	—
Insgesamt	2116	3950	311

Die Abstimmung für die zweiten und im ersten Wahlkreis auch für den
dritten Abgeordneten ergaben nur ganz unbedeutende Abweichungen.

Die Tabelle zeigt, daß im dritten Wahlkreis nicht allzuviel an einem Sieg
der Sozialdemokratie fehlte. Es waren ihr dort in der zweiten Wählerklasse
so viele Wahlmänner zugefallen, daß dritte und zweite Klasse zusammen
immer noch eine Mehrheit von Wahlmännern für die Sozialdemokratie
ergaben. Lediglich die Plutokratie der ersten Klasse verschaffte den Frei-
sinnigen hier die Mehrheit. Im zweiten und vierten Wahlkreis hatte die
Sozialdemokratie in der dritten Wählerklasse die übergroße Mehrheit der
Wahlmänner und in der zweiten Wählerklasse immerhin eine ansehnliche
Minderheit.

Das war ein unerwartet glänzendes Resultat. Aber es stellt sich noch
glänzender dar, wenn man die Zahlen der Arwähler betrachtet, die in den einzel-
nen Kreisen für die Wahlmänner der drei kämpfenden Parteien gestimmt hatten.

Es erhielten nach der amtlichen Statistik Arwählerstimmen:

Sozialdemokraten		Freisinnige	Konservative	Bürgerliche  zusammen
In Berlin l	8 468	6 301	3181	' 9 484
„	„ II	29 803	4 612	31	4 643
„	„ HI	53 538	4 968	3 790	8 758
„	„ iv	30 341	4 852	112	4 964
Insgesamt	122 150	20 733	7114	27 847

*) Im Wahlbezirk, wo der Verfasser dieses Wähler war, stimmte ein Rentier, den die
Konservativen der zweiten Klasse als ihren Wahlmann aufgestellt hatten, seinerseits als Wähler
erster Klasse freisinnig. Anderwärts kamen noch drastischere Widersprüche vor.
        <pb n="434" />
        ﻿
        <pb n="435" />
        ﻿Wähler Berlins!

Nach dem heldenhaften Kampfe deS Volke- um seine
Freiheiten im Jahre 1848 wurde die konstitutionelle Ver-
fassung Preußens aus der Taufe gehoben. Alle fteiheitlich
Gesinnten atmeten erleichtert auf. Doch bald erstarkte die
Reaktion und im Jahre 1850 wurde mit Hilfe der Truppen
daS preußische Parlament- auseinandergejagt. Unter
brutalem Rechts- und Verfassungsbruch wurde das jetzige
Wahlsystein dem Volke aufgezwungen. Dieses System,
nicht einen Tag zu Recht bestehend. liefert die große Masse
der Wähler, d. h. über 85 Prozent der wahlberechtigten Bürger,
völlig der Herrschaft der Junker. Pfaffen und Groß-
kapitalistcn ans.

Die Sozialdemokratie will durch ihre Beteiligung
dieses elendste aller Wahlsysteme aus der Welt schaffen
und wird nicht eher ruhen, bis daß auch für dieses Parla-
ment das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahl-
recht errungen ist.

Was die Sozialdemokratie will und erstrebt.

Unnötig ist es. zwischen uns und den Wählern dies
zu erörtern, habt Ihr doch erst vor wenigen Wochen, am
!6. Juni hier in Berlin Euch zu vielen Hunderttausenden
für lins erklärt und die Worte, welche wir in unsern Flng-
blättcrn an Euch gerichtet, sie sind noch in ^Jedermanns
Munde.

Eine neue Gesellschaftsordnung ift's, die wir
erstreben, Not, Sorge und Elend wollen wir aus
der Welt bannen, die Produktion muh znm Wohl
der Gesamtheit, nicht für den Prosit des einzelnen
betrieben werden. Militarismus nnd Marinismns
bekämpfen wir, für Recht nnd Freiheit der Nation
streiten wir. Schon der heutige Staat müßte seine
einzige Airfgabc darin sehen, die berechtigten For-
derungen der Arbeiter zu erfüllen.

Der Liberalismus hat zu keiner Zeit es verstanden,
wirksam die Rechte der Wähler zu wahren. In der
Konflikts-Periode der 60 er Jahre hatte er das gesamte
preußische Volk hinter sich, er besaß damals die Mehrheit
im Abgeordnetcnhause. aber er lehnte eö ab, das elende
Wahlrecht abzuändern, noch konnte er die gesetzlosen Aus-
gaben von Geldern zu Kriegszwecken verhindern. — Im
Gegenteil, er kroch zu Kreuze, spaltete sich und erteilte
Bismarck Indemnität, zu deutsch gesagt: nachträgliche
Genehmigung für die gegen die Verfassung gemachten
Ausgaben. — Niemals seitdem hat er in wirksamer Weise
den Vormarsch der Reaktion verhindern können. Besonders
die Berliner Spielart. ^&gt;ie sogenannte freisinnige Volks-
Partei, ist wahrlich nicht zum Kampf gegen die Reaktion
befähigt. Während wir im Reichstage bei unserem Zoll-
kampfe auf die Hilfe der Barth und Schräder zählen
konnten, während der verstorbene große Gelehrte Mommsen
noch kurz vor seinem Ende betonte, gegen die Junker.
Segen die Reaktion sei Pflicht jedes freisinnigen Mannes
mit der Sozialdemokratie zu stehen, hält es Herr Richter

seine einzige Aufgabe, rmS gegenüber zu treten.

und so die Reaktion, deren schärfster Gegner wir. die
Sozialdemokraten sind, kräftig zu unterstützen: da3 ist
„freisinnige Politik.

Solchen Leuten dürfen wir fernerhin keinen ernst-
haften Kampf um die Rechte der Nation zutrauen, wir
finb verpflichtet, den Kampf mit dem preußischen Junker-
tum und den freisinnigen verkappten Reaktionären ebenso
aufzunehmen. wie wir denselben schon im Reiche mit der
gesamten Reaktion führen.

Ueber die Rechte der Gemeindeverwaltung, die Pflichten
der Schule gegen unsere Jugend und ihre Lehrer, den
Kampf gegen die Polizeiwillkür, das Koalationsrecht der
Arbeiter, über dies und vieles andere wird im Abgeordneten'
Haus entschieden. Da hinein wollen wir unsere Vertreter
senden, damit sie dort den Gegnern gegenüber nuer-
schrockcu dem Willen des Volkes Ausdruck geben.
So wie wir im Reichstage gegen den Zollwncher und
die Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel gekämpft,
so wie die Vertreter unserer Partei überall furcht-
los und ohne schwächliche Rücksicht den herrschenden
Klassen gegenübergetreten sind, so muß auch in diesem
muffigen Jnnkerparlament eine Stätte geschaffen werden,
von wo hinaus der Schrei nms Recht in die preußischen
Lande dringt. Darum wollen wir hinein in dies Paradies
für Junker und Pfaffen, den Forderungen des Volkes
ein Echo 31t geben. Dem sogenannten Berliner Freisinn,
der sich in der Stadtverwaltung erdreistete, öen Beginn
der Landtagswahl schon ans 2 Uhr nachmittags anzusetzen
nnd dadurch tausende von Arbeitern um den Verlust eines
halben Tagelohns brachte, dem Kommunalliberalismus.
welcher für die Forderung der Sozialdemokratie: den
Anfang der Wahl auf 5 Uhr zu bestimmen. nur Spott
und Hohn hatte, den satten Existenzen, welche auf die
Wahl der ersten lind eines Teiles der zweiten Abteilung
stets höheren Wert legten als ans die Abstimmung der
85 Prozent betragenden dritten Abteilung, muß durch die
Wahl sozialdemokratischer Wahlmänner wiederum (nie
Antwort gegeben werden, daß ihnen wie am glorreichen
16. Juni die Ohren gellen.

Wählt am »2. November

nur sozialdemokratische Wahlmänner.

Laßt Euch von der liberalen und reaktionären
Clique nicht die hinter verschlossenen Türen aufgestellten
Wahlmauns-Kaudidaten aufschwatzen; glaubt der Sippe
nicht. welche weiß machen will, wir agitieren einzig für
den „Umsturz", wir verhetzen fdie Vcvölkernngsklassen. und
wie sonst die schönen Vorwürfe noch lauten. Nein, mut«
voll ist die Sozialdemokratie. stets

für die Unterdrückten gegen ihre
Unterdrücker

eingetreten, hat di- schwachen Kleinen gegen die wer-
mächtigen Grahen, die Armen gegen die Reichen, dir
Ausgenutzte» gegen ihre Ausdeuter derteidigt. mit beit

195 und 196. Sozialdemokratisches Flugblatt zur Anvahl zum preußischen Landtag

Bernstein. Berliner Geschichte. Ul.

27
        <pb n="436" />
        ﻿gesetzlichen Mitteln, welche die heutige Verfassung, die
bestehenden Gesetze. Verordnungen und Zustände selbst
bieten. Die Sozialdemokratie ist gesetzlicher als der
Staat, besonnener alö die Verwaltung, gerechter
als Gerichte und Polizei! Sie will die preußischen
Landtagswahlcn trotz aller Schwierigkeiten benutzen, un,
bei den zahlreichen Gelegenheiten mitzusprechen, bei denen
i»n preußischen Landtage über daS

wirtschaftliche und geistige Wohl der
Bevölkerung

beraten und bisher in der volksfeindlichsten Weise ent-
schieden worden ist. Preußen wäre heute nicht in der
ganze», Welt so verrufen wegen seiner Volksbcdrnrkung,
wenn die bürgerlichen Parteien von rechts bis links in
den mehr als fünfzig Jahren des Bestehens des Landtags
als ..Volksvertretung", nur das mindeste ernsthaft für das
Dc-lkswohk getan hätten.

In jeden, Urwnhlbezirk Berlins treten nun bei dieser
Wahl unsere Parteigenossen mit sozialdcrnokratischen Wahl,
nwnnern in die Schranken; heran aus Werkstatt und
Fabrik, ans Comtoir und Laden. Furchtlos tretet zur
Abstimmung und wählt am 12. November die

Anhänger der Toziuldeniokratie,

der einzigen Partei, welche millionenstinttnig »»Wirklichkeit
das deutsche und preußische Volk vertritt.

Ihr aber. Parteigenossen, die Ihr Euch zu der freien,
sozialistischen Weltanschauung durchgerungen habt, die Ihr
weder Herren noch Knechte wollt, an Euch ergeht nochmals
Eurer Beauftragten Mahnung:

Wirkt n»»d agitiert all »"»berall, damit der
12. Novcnibcr gleichfalls ei» Siegcstag der
Berliner Sozialdemokratie werde.

Alle Kraft in dieser kurzen Spanne Zeit ein-
gesetzt für die Wahl unserer Anhänger.

Es lebe das Volk! Nieder mit der Reaktion!
Fort mit de»n altersschwache»» Freisinn!

Vas sozialdemokratische Aahlkomilee.

Minke für die Makler.

Die Wahlhandlung beginnt für die dritte Abteilung pünktlich 2 Uhr nachmittags, für die zweite
Klasse um 6 Uhr und für die erste Klasse un, 6 Uhr. Zu spät Kommende -dürfen nur dann wählen, wenn die
Wahlhandlung ihrer Abteilung noch nicht geschlossen ist.

Also piinfÜirfjft Attv Steile sein und das Wahllokal nicht eher verlassen, bis die Wahlhandlung
geschlossen, also auch etwa notwendige Stichwahlen erledigt sind.

Ter Magistrat übersendet jedem Wähler eine Auffordernng, welche gleichzeitig als beste Legitimation
gilt, doch genügt auch der Cteucrzettcl oder Militärpaß. besser aber ist die magistratliche Aufforderung.

—• -----Die dritte Abteilung wählt zuerst.	■

dann die zwiile und jiiltfcl die erste Abteilung, Es mutz daher jeder Wühle, darauf achte«, welcher Abteilung

er zugehört.

W* Stimmzettel liegt bei

Sic Wahlmänner-Kandidaten sind stets richtig in dev Abteilung zu nennen, für welche dieselben auf-
geftellt fitld.

Nedaition und Verlag: Eugen Trnst. Berlin N., «ckerstrabe 62. — Vorwärts Buchdruckerei Paul Dinger &amp; Eo.. Äerlin SW. 66.

195 und 196. Sozialdemokratisches Flugblatt zur Nrwahl zum preußischen Landtag
        <pb n="437" />
        ﻿419

Rur im ersten Landtagswahlkreis, d. h. im Westen und Südwcsten Berlins,
hatten die bürgerlichen Parteien zusammen eine Mehrheit, die aber auch
noch ziemlich schwach ist. In den anderen drei Kreisen aber ist die sozial-
demokratische Mehrheit gegenüber den beiden Parteien zusammen jedesmal
erdrückend. Rach den Wählerklassen abgeteilt, verteilten sich die Arwähler-
stimmen von Berlin, dieses als Einheit genommen, folgendermaßen:

	sozialdemokratisch		freisinnig	konservativ
Erste	Wählerklassc	222	3 508	412
Zweite	„	5 010	9 085	1 846
Dritte	„	116918	8140	4 856
	Insgesamt	122 150	20 733	7 114

Selbst in der zweiten Wählerklasse hatte die Sozialdemokratie somit
noch nahezu ein Drittel der Stimmen. Alle Klaffen und Wahlkreise zu-
sammengerechnet aber hatte sie, selbst wenn man die Arwählerstimmen der-
jenigen Wahlmänner mit berücksichtigt, die sich nicht an der Abgeordneten-
wahl beteiligten, 68,3 Prozent aller abgegebenen Stimmen, ein höherer
Prozentsatz als selbst bei der großartigen Reichstagswahl vom 16. Juni
des gleichen Jahres. Lind das bei offener, protokollierter Stimmabgabe,
überzeugender konnte die Befürchtung nicht widerlegt werden, daß es nicht
gelingen werde, für die Landtagswahl die Massen an den Wahltisch zu
bringen. Pier war eine Massenaktion, wie Berlin sie noch bei keiner
Abgeordnetenwahl erlebt hatte. And daß die 68 Prozent der Wähler auch
nicht einen Abgeordneten ihrer Gesinnung erhielten, daß die neun von Ber-
lin zu vergebenden Mandate sämtlich den Freisinnigen zufielen, die nur
11,59 Prozent der Arwählcr hinter sich hatten — konnte der Vergewaltigungs-
charakter des Dreiklassenwahlsystems eindrucksvoller festgestellt werden, als
durch die Demonstrierung dieser Tatsache?

Auch in den beiden zu Groß-Berlin gehörenden Vorortswahlkreiscn
erhielt bei der Arwahl die Sozialdemokratie die Mehrheit der Stimmen.

Im Kreise Niederbarnim wurden Arwählerstimmen abgegeben:

I. Klaffe II. Klaffe III. Klaff- Insgesamt
für sozialdemokratische Wahlmänner 63	1 059	12 599	13 721

„ freisinnige	„	372	634	283	1 289

„ konservative	„	666	1 458	3 503	5 627

Anders im Kreise Oberbarninr, mit denr zusammen Niederbarnim einen
Wahlkreis bildet. Dort erhielten die Konservativen auch die große Mehr-
heit der Arwählerstimmen und die erdrückende Mehrzahl der Wahlmänner.
Dank ihrer erlangten die Konservativen eine absolute Mehrheit über Liberale
und Sozialdemokraten zusammengenommen. Es wurden bei der Abgeordneten-
wähl für Nieder- und Oberbarnim 719 Konservative, 327 sozialdemokratische
und 316 liberale Wahlmännerstimmen abgegeben, und so erhielten die
Konservativen alle drei Mandate des Kreises — was man Volksvertretung
nannte.

Im Kreise Teltow-Beeskow-Charlottenburg sollte der Wider-
sinn des Wahlsystems noch krasser in die Erscheinung treten. In jedem der
zu ihm gehörenden drei Stadtkreise sowie im Kreise Teltow hatte die Sozial-
demokratie die Mehrzahl der Arwählerstimmen, nur in dem am schwächsten
von allen bevölkerten Kreise Beeskow-Storkow entfiel die Mehrheit der
Stimmen auf die Konservativen. Die Vertretung des Kreises aber ward,

27*
        <pb n="438" />
        ﻿420

dank der Haltung der Vereinigten Liberalen (Nationalliberale und Frei-
sinnige), auch hier konservativ. Folgendes die Verteilung der Arwählerstimmen
im ganzen Kreis:	,. Klaffe 11. Klaffe in. Klaffe Insgesamt -

für sozialdemokratische Mahlmänner	63	i 509	31 808	33 380

„ liberale	„	814	1 539	2 326	4 679

„ konservative	„	1 255	3 923	10 307	15 485

Für die sozialdemokratischen Wahlmänner hatten mehr als doppelt so
viel Arwähler gestimmt als für konservative, !unt&gt; über siebenmal so viel
als für liberale Wahlmänner. Von den insgesamt 2573 Wahlmännern
aber hatten bei der Abgeordnetenwahl die Konservativen 1010, die Libe-
ralen 836 und die Sozialdemokraten nur 654. Diese Gruppierung hätte
es indes immer noch möglich gemacht, den Heimfall der beiden Mandate
des Kreises an die Konservativen zu verhindern, wenn die Liberalen sich
dazu hätten entschließen können, mit den Sozialdemokraten eine Verein-
bamng dahin zu treffen, daß jede der beiden Parteien für einen eigenen
Kandidaten und einen der andern Partei stimmte. Im Hinblick auf diese
Möglichkeit hatte einige Tage vor der Wahl, am 14. November, der Vor-
stand des sozialdemokratischen Zentralwahlkomitees an den Wahlausschuß
der Vereinigten Liberalen einen Brief geschrieben, in dem es, nach einem
einleitenden Hinweis auf das Resultat der Arwahl, hieß:

„Wir sind nun bereit, auf Grund der Beschlüsse unserer Gesamt-
partei mit Ihnen in Verhandlungen über ein gemeinsames Vorgehen
einzutreten, und zwar würden wir für unser Eintreten zugunsten eines
Ihrer Kandidaten die Wahl eines sozialdemokratischen Abgeordneten
verlangen, während wir im Fall der Ablehnung dieser Forderung uns
bei der Stichwahl der Abstimmung enthalten würden."

Das war ebenso bündig wie offen und ehrlich, und Leute mit demokratischem
Empfinden hätten sich sagen müssen, daß derPartei, für die nahezu zweiDrittel
der Arwähler gestimmt hatten, das eine Mandat des Kreises von Rechts
wegen gebühre. Anders die Führer der Vereinigten Liberalen. Sie sandten
dem sozialdemokrattschen Zentralwahlkomitee folgende Antwort:

„Auf das gefällige Schreiben vom 14. d. M. erwidern wir Ihnen
ergebenst, daß unsere Wahlmänner auf die Namen der Leeren Justiz-
rat Reinbacher und Kammergerichtsrat Dr. Karsten gewählt sind, und daß
wir eine Änderung dieser Grundlage des ganzen Wahlkampfes vorzu-
nehmen nicht beabsichtigen.

Wir hoffen zuversichtlich, über die konservativen Gegner zu siegen,
und wir müssen der sozialdemokrattschen Partei die Verantwortung vor
den Wählern und dem preußischen Volk überlaffen, den Wahlkreis, der der
freiheitlichen Richtung mit Sicherheit erobert werden kann, fernerhin den
Reaktionären zu überlassen und dadurch namentlich auch der so dringend not-
wendigen gerechten Reform des Wahlrechts ein Lindernis zu bereiten."

Mit anderen Worten, die Partei, für die noch nicht der zehnte Teil der
zur Wahl gegangenen Arwähler des Kreises gestimmt hatten, und die nur
ein Drittel der Wahlmänner verttat, reklamierte die beiden Mandate des
Kreises für sich und verlangte die bedingungslose Abstimmung der Sozial-
demokraten für ihre Kandidaten in dem gleichen Atemzuge, wo sie zu
verstehen gab, daß sie eher den Wahlkreis den von ihr selbst so bezeichneten
„Reaktionären" überlassen würde, ehe sie den billigen Vorschlag der Sozial-
demokraten auf Abtretung eines der zwei Mandate in Betracht zog. Eine
        <pb n="439" />
        ﻿Aufruf

all alle national gefilmte« Wühler des Wahlkreises
Teltow-Beeskow-Siorkow-THMotterckMß.

Logische Gedankenfolge eines Wählers:

Wählt nur Wahimänner am &gt;2. November 1903, t»e ihre Stimme fm

Feilsch »nb Hammer

abgeben wollen, denn diese sind:

Unabhängig nach oben «nb unten;

Ihr Leben und Wirken ist im Wahlkreise bekannt;
Durch eigene Erfahrung sind sie berufen» praktische
Mittelstandspolitik zu treiben.

Ei- fnmtn sicher da» praktische Leben besser» -Xi. di- beide« Juristen» -»-Ich. di,

,-s-aaaai-a „liberalen Parteien" aufstellen.

Der nationalliberale Kandidat hat nach Anhörung einer Rede zur Reichstagswahl bet Herrn Hammer

öffentlich erklärt, 5|e der Ausführungen des Herrn Hamrner könne
er ohne weiteres unterschreibe».

Wozu also eine SlmderkandidatMf

Die Fortschritts- oder freisinnige Partei, mit der sich die Nationalliberalen verbrüdert haben, stimmte gegen alle»,
was Deutschland groß gemacht hat. sodaß Bismarck einst sagte: „Der Freisinn bekämpft alles, was Deutschland groß,
reich und eiutg gemacht hat."

Die Nationalliberalen unseres Kreises habe« gar keinen Anspruch daraus, ei« Mandat für sich alletu
haben zu wollen, denn sie erhielten bei den letzten Reichstagswahlen von 132 128 abgegebene» Stimmen	gftfJJC

&lt;^(p04 stimmen und nun verbünden sich die Nationalliberale» mit dem Freisinn» der bei uns im Wahlkreise hei
den Sieichstagswahlen unter B-rustri»'S Leitung tmme, für die Sozialdemokratie tte&amp;tittitn ist!!

Der Fluch Deutschlands war die Uneinigkeit!

Wühler! j-igl, dasi Ihr diesmal einig sein waü, gegen dir raie Gesahr! Soll man in Preußen mit Finger«

ans bcti Wahlkreis Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg zeigen? Soll in:
prcuhische» Landtage ein Sozialdemokrat einziehen?

197 und 198. Konservatives Flugblatt aus dem Wahlkreis Teltow-Beeskow-

Storkow-Charlottenburg
        <pb n="440" />
        ﻿Sie bowl» fteljlMtrig« Mchiiroge» liegen sich in unterem Wahlkreis in bett Haaren. Du Engen Richter
sich gegen die Kandidatur de, bekanmen De. Bernstein erllLri har. ho, man schnell Herrn «heinbncher -n Bernstein«
Stelle aufgestellk Di- fteistnnige geilung, da, Organ der WadenstrLmpfler. wirst den Sasftrftieflern. dem „Berliner D-gebla»"
und der „Berliner Volk-jeiinng' „raffinierte Verlogenheit" vor und Arthur Bernstein und der Handlanger de,
Herrn Eugen Richter, der bekannte Rrktoi Kopsch. zerfleischen fich in den Blattern de» Freist«,». weil Kopsch aus da«
Judentum de, Dr. Bernstein hingewiesen hat und nun wird schnell Juftigra» Rhrindacher au, der Versenkung gestalt.

ße £ff Sl Ulli steht die Wühler,chast diesem Schauspiel zu! lind der uatiauallilierale Parteitag in Hannoverk
Die .Kölnische Dolttzeiiung' schreib! über denselben:

„Dcr Geheime Kommerzienrat Luc in, hat den Wahlvorstand der naimnaliHeralen Partei
ersucht, ihn an» der Liste bet Wahlmünner für de» Landzerichttrat Hagemaon zu streichen. Er
degrLnde! diesen Schritt mit dem jüngst abgehaltenen nationalliberalen Parteitag in Hannover, wo der
Kamps gegen die Konservativen, sei e, selbst mit Hilfe der Sozialdemokratie, dringend empjohlen wurde!"

Und Lucius ist ein inst Abgeordnctcuhanse hochgeachteter Mann!

Heute nun ersucht der Borsttzeade de» nationaiilberalen OrlSvercin», also am 31, Oktober, 18 Tage
POt btt 2öasts, NM Adressen zue Eeleichleeung der Ausstellung liberaler Wahlmünner! Weiche jamrner-
|»lc Organisation! Dieser nationalliberale Vorsitzende ist ein Regierangsrat.

Also ei» RegieeongSral tritt für Freisinn und Nationalliberale eint Für dkk! Jttcifittll, der u».
mtttrjt in «niete« Wahlkreise die Sozialdemokratie Jahrzehnte unierstützt hat! Da mutz man doch ««»rasen:

„Rechter Hand, linker Hand, alles vertauscht!"

Zum Schluß «och ein Wort für die roten Brüder.

Die Ioztaldemokrati« lvill de» Einfluß der Junker und Pfaffen brechen. Dieser Einfluß ist in unserem Wahl'
kreise nie vorhanden gewesen.

Die Befreiung de« gesamten Menschengeschlechtes und die gesellschaftliche Umwandlung hSt Sekamitlich aus dem
Dresdener Parteitag begonnen' „Schulbube". ,Pfui'. „Lump" „Schuft'. ..bessere Schmücke" (Kerle. .die am.Vorwärts" ein
schmutziges Handwerk treiben") .mit Keulen schlagen, daß die Fetzen fliegen', .Zweideutigkeit'. ..Btträterei«. „schmutzige

Perfidie- u.j.w. u.j.w. Diese hübschen Nedeblüten verdeutlichen »rrö am beste», wie es im ZttkMtsts-

ftaate zugehen wird.

In Dresden haben sich die eiternden Geschwüre der Sozialdemokratie geöffnet.

C^ttt	fii§ AUktt	muß jeden anständigen Menschen ergreifen, der die

kssangrs" liest, die sich die „völkerbesreieiide Sozialdemokratie" unter frenetischem Geheul der Teilnehmer des Dresdner Partei»
tage» an den Kopf warfen. Diese Genossen wollen Christentum. Monarchie und da« Reich Kaiser Wilhelm I. durch ihren
ZukunftSsraal ersetzen?

Wer »lirst nicht an die Tchreckenstateu der Pariser Kommune denken?
Arbeiter! Bürger! das sind die Leute, denen Ihr Eure Groschen opfert!

Für diese Leute ist der Freisinn unseres Kreises bei der ReichStagSwahl eingetreten und mit diesem Freisinn gehen
die beiden Herren. Rhetrrdacher und Karsten, Ar« in Ar« zur Wahl?

Wähler!

Die Entscheidung kann für Euch nicht schioer sem.

Wir bitten Such, einmütig, soll der Wahilrri, nicht verloren lein, am ,r November für '£9stljlttt?.ttwep
einzutreten, die für

Pelisch «&gt;» Hammer

chre Stimme abgebe« wollen am 20. November.

Die Gefahr ist groß. Wir müssen im ersten Wahl-
gange siegen« sonst ist der Wahlkreis für immer verloren!

«•i-f nrt	e,r«aW.

197 und 198. Konservatives Flugblatt aus dem Wahlkreis Teltow-Beeskow-

Storkow-Charlottenburg
        <pb n="441" />
        ﻿423

solche Antwort mußte bei den letzteren den Beschluß noch befestigen, die
Liberalen ihrem Schicksal zu überlassen. Sie konnten den Drang zur Reform
des Wahlrechts bei Leuten unmöglich ernst nehmen, die sich so engherzig
auf den Buchstaben eben dieses Wahlrechts steiften. Es fehlte in den
Reihen der Liberalen nicht an Leuten, die von der Antwort ihres Wahl-
ausschusses wenig erbaut waren und bis zum letzten Moment sich bemühten,
eine Änderung herbeizuführen — noch am Tage der Abgeordnetenwahl
versuchten die Linksfreisinnigen Dr. Allstem und Fabrikbesitzer Stern eine
liberale Wahlmännerversammlung, die in der nächsten Nachbarschaft des
Wahllokals tagte, in diesem Sinne zu bearbeiten, — aber alle diese Schritte
erwiesen sich als vergeblich, und ebenso vergeblich waren Vermittlungs-
versuche der Professoren Delbrück, Lißt und anderer.

Trotz alledem sollte gerade im Kreise Teltow-Bceskow-Charlottenburg
das Eingreifen der Sozialdemokratie dem elenden Wahlsystem einen kräftigen
Stoß versetzen.

Für die Abgeordnetenwahl hatte die Regierung das Lokal „Neue
Welt" in der Lasenheide im Hinblick auf dessen großen Saal gewählt, der
aber auch nur knapp hinreichte, die 2500 Wahlmänner zu fassen. Der
Landrat des Kreises Teltow, von Stubenrauch, amtierte als Wahlkommissar
und hatte, um seinen Willen zur Anparteilichkeit zu dokumentieren, auch
zwei Sozialdemokraten, die Stadtverordneten Jäger und Wuhky-Rixdorf,
ins Wahlbureau berufen. Ein starkes Aufgebot von Schutzleuten umgab
das Lokal. Doch ließen die sozialdemokratischen Wahlmänner, die hier,
wie in den Berliner Wahlkreisen, die ersten am Platze waren, es nicht zu,
daß Polizisten in Aniform im Wahllokale selbst sich aufpflanzten. Schon
bei der Prüfung der Wahlmännermandate kam es zu erregten Szenen,
die aber noch beschwichtigt werden konnten. Am 1l2l\ Ahr vormittags
begann der eigentliche Wahlakt, und mit großem Jubel ward es von seiten
der Sozialdemokraten begrüßt, als der erste Wahlmann, der aufgerufen
wurde, seine Stimme für die Kandidaten Hirsch und Zubeil abgab. Dann
ging der Wahlakt weiter und es zeigte sich bald, daß er viel Zeit in An-
spruch nehmen sollte. 2600 Wahlmänner nacheinander einzeln aufrufen,
warten, bis sie an den Tisch treten und ihre Stimme protokollieren, das
ließ sich nicht in ein paar Stunden erledigen, zumal die sozialdemokratischen
Wähler gar kein Interesse daran hatten, den Wahlakt zu beschleunigen,
wohl aber ein sehr großes Interesse, das Wahlsystem mit seinen An-
geheuerlichkeiten unmöglich zu machen. Die meisten hatten sich genügend
verproviantiert, um zur Not den ganzen Tag im Wahllokal zubringen zu
können, und übereilten sich nicht gerade, wenn der Ruf an sie kam, mit dem
Vortreten und Wählen. Nach und nach ward Herr von Stubenrauch, der
gewöhnlich sich durch seine kaltblütige Ruhe auszuzeichnen pflegte, nervös
und nervöser, und schließlich ging er unter lautem Protest der Sozial-
demokraten dazu über, zu gleicher Zeit mehrere Wahlmänner aufzurufen
und, wenn Wahlmänner nicht schnell genug vortraten, außer der Reihe zu
rufen. Das widersprach dem Reglement und veranlaßte, als Einsprachen
nichts fruchteten, die sozialdemokratischen Beisitzer, das Wahlbureau zu ver-
lassen. Aber cs half selbst nicht allzuviel; denn nun ward es im Wahl-
lokal immer unruhiger, und die sozialdemokratischen Wahlmänner konnte
man nicht zwingen, im Sturmschritt an den Wahltisch zu laufen, ganz
        <pb n="442" />
        ﻿424

besonders, wenn sie sich zur Zeit des Aufrufs „zufällig" am entgegengesetzten
Ende des Saales befanden. So ward es denn 91/« Ahr abends, bis endlich
die Lauptwahl wenigstens zu Ende war. Sie ergab das oben schon mit-
geteilte Resultat, das eine Stichwahl notwendig machte. Sie mußte, gemäß
der Vorschrift des Gesetzes, im unmittelbaren Anschluß an die Lauptwahl
vorgenommen werden. Gültig waren für sie nur Stimmen, die für die
Kandidaten abgegeben wurden, welche an erster oder zweiter Stelle standen,
d. h. die konservativen und die liberalen Kandidaten. Aber nichtsdestoweniger
nahmen auch die sozialdemokratischen Wahlmänner an der Stichwahl teil.
Es machte ihnen Vergnügen, ihre Stimmen noch einmal abzugeben. Nur
ließen sie dabei ihrer Phantasie und Laune etwas Spielraum und nannten
alle möglichen Namen, die ihnen gerade durch den Kopf gingen: Eugen
Richter und dessen Sparagnes, den Knabenprügler Dippold, den Lerrn
Landrat von Stubenrauch und die Frau Landrätin, den „ollen ehrlichen
Seemann" und das Warenhaus Wertheim, und was dergleichen Einfälle
mehr waren. Das war alles ungültig, aber es mußte protokolliert werden.
Das Gesetz schreibt keinem Wähler vor, wem er seine Stimme geben darf
oder nicht darf, es regelt nur die Gültigkeit der Stimmen. So wurde es
immer später in der Nacht, und immer müder wurden die Seelen. Gar mancher
Wahlmann gab durch Naturlaute kund, daß er den Schlaf der Gerechten
schlief, manchen anderen verließen die Geister und er zog seiner Wege.
Der Morgen fing an zu grauen, aber der Wahlakt ging noch immer
maschinenmäßig vor sich. Es schlug sieben Ahr, als er endlich abgeschlossen
war. Mit 917 Stimmen hatten die Konservativen gesiegt, 615 Stimmen
waren in der Stichwahl auf die Liberalen gefallen, 544 Stimmen wurden
für ungültig erklärt. Es waren die gültigsten Stimmen: sie hatten in das
ganze verrottete Wahlsystem Bresche gelegt.

In der Begründung der Wahlrechtsänderung von 1906, die für
bestimmte Fälle die Fristwahl einführt und eine Anzahl Wahlkreise, dar-
unter eben diesen Wahlkreis Teltow-Beeskow-Charlottenburg, in kleinere
zerschlägt, erklärte am 23. März 1906 der Minister von Bethmann Loll-
weg ausdrücklich, die Änderung sei unbedingt nötig, denn der bisherige Zu-
stand ermögliche „in großen Wahlbezirken Obstruktionsgelüsten so viel
Angriffe gegen das ordnungsmäßige Zustandekommen des Wahlaktes selbst, daß,
wie allgemein erinnerlich, es nur einer übergroßen und auf die Dauer
nicht erträglichen Anstrengung der Wahlkommissare und Wahlvorsteher ge-
lungen ist, das Verfahren zu dem ordnungsmäßigen Abschluß zu bringen".

Das war nirgends so sehr der Fall gewesen wie hier. Nun war die
Wahlrechtsänderung von 1906 freilich ein klägliches Flickwerk. Sie sollte
das alte Wahlsystem befestigen. Aber zwischen Absicht und Ergebnis
gibt es oft eine große Kluft. Tatsächlich ist aus dem Flick ein großer Riß
geworden und der Ausspruch hat sich als Prophetenwort herausgestellt, den
am 20. November 1903 im Wahllokal für den dritten Berliner Wahlkreis,
als das Resultat der Abgeordnetenwahl verkündet war, entrüstete Sozial-
demokraten den ob ihres zu Anrecht erlangten Sieges glückseligen Freisinnigen
zuriefen: „Das ist das letztem«! gewesen, daß Ihr diesen Wahlkreis
bekommen habt!"

&amp;
        <pb n="443" />
        ﻿Achtzehntes Kapitel.

Die Entwicklung der Maifeier in Berlin.

der Beschluß des Pariser intenrationalen Sozialistenkongrefses von
1889, der die Arbeiter aller Länder aufforderte, am I.Mai jedes
Jahres für den gesetzlichen Arbeiterschutz zu demonstrieren, in Deutsch-
land zum erstenmal zur Ausführung gebracht werden sollte, kam cs darüber
zu dem schon im zweiten Band geschilderten Konflikt mit den „Jungen".
Weniger dramatisch gestalteten sich die Dinge im Jahre 1891 bei der ersten
Ausführung des Pariser Beschlusses nach dem Erlöschen des Ausnahme-
gesetzes. Erst in ihrer Folge kam es zu jener Zuspitzung des Gegensatzes,
die den Austritt eines Teiles der „Jungen" aus der Partei herbeiführte. Aber
ganz ohne Zwiespalt ging es auch bei der Maidemonstration des Jahres
1891 nicht zu.

Der Parteitag von Lalle, der erste Kongreß der Partei unter dem
gemeinen Recht, hatte in Sachen der Maidemonstration an seinem letzten
Tage eine von Liebknecht beantragte Resolution angenommen, wonach die
Maidemonstrationen zwar im allgemeinen am 1. Mai stattfinden, dort aber,
wo der Arbeitsruhe sich Lindernisse in den Weg stellten, die Llmzttge, Feste
im Freien und ähnliche Veranstaltungen auf den ersten Sonntag im Mai
angesetzt werden sollten. Da aber im Jahre 1891 starker Geschäftsdruck
herrschte, beschlossen, als die Zeit der Ausführung herannahte, die sozial-
demokratische Reichstagsfraktion und der Parteivorstand mit allen gegen
eine Stimme, den Genossen allgemein die Verlegung der Maifeier auf den
ersten Sonntag im Mai zu empfehlen, und diesem Rat wurde in Berlin
insoweit Folge gegeben, daß am 1. Mai von Demonstrationen durch Ver-
lassen der Arbeitsstellen nur wenig zu merken war. Die große Mehrheit
der sozialistischen Arbeiter Berlins hielt zwar am alten Datuin fest, begnügte
sich aber mit der Feier am Abend. In gegen vierzig, meist sehr stark
besuchten Versammlungen ward am Abend des I. Mai 1891 in Berlin für die
Arbeiterfordcrungen demonstriert. Jedoch fanden auch noch am 2. und 3. Mai
große Demonstrationsversammlungen statt, da nicht alle Vereine geeignete
Lokale für den Abend des 1. Mai hatten erlangen können oder sonst ver-
hindert waren, diesen Zeitpunkt zu wählen.

Bei alledem ging es indes auch im Jahre 1891 nicht ganz ohne Arbeits-
ruhe und Feier am Vormittag des 1. Mai ab. Im Norden Berlins, im
sechsten Berliner Reichstagswahlkreis, fand am Vormittag des 1. Mai im
        <pb n="444" />
        ﻿426

Erklärung

Saale zum Eiskeller eine
große Versammlung statt,
die Eugen Ernst zum Vor-
sitzenden und Karl Wild-
berger zum Referenten
hatte, beide damals Mit-
glieder der Opposition, und
der Geist der Opposition be-
herrschte dieganzeVersamm-
lung. Wildberger griff in
seiner Rede die Reichstags-
fraktion auf das schärfste an,
und in der Debatte ward er
darin von A. Kroll, Will).

Börner, Wilh. Werner
und Albert Auer dach kräf-
tig unterstützt. Nach Schluß
derVersammlung marschierte
die Mehrheit der Versam-
melten — gegen 2000 Per-
sonen — im Zuge durch die
Straßen, was immerhin
einen gewissen Eindruck
machte.

Im allgemeinen war
1891 die Beteiligung an den
Maidemonstrationen erheb-
lich stärker als im Vorjahr,
doch fehlte dem Ganzen der
einheitliche Zug, der sonst
die Veranstaltungen der
Berliner Arbeiterschaft aus-
zeichnet.

Im Jahre 1892 fiel der
1. Mai auf einen Sonntag.

Dadurch konnte die Feier in höherem Grade diesen einheitlichen Charakter
tragen, und stärker als in den Vorjahren war auch die Beteiligung an
den Versammlungen und Festlichkeiten. Alle größeren Lokalitäten, deren
man überhaupt habhaft werden konnte, waren gemietet worden, und aus-
nahmslos war der Besuch ein glänzender. Der Maitag war Volksfest
geworden.

Damit war aber die Maifeierfrage noch nicht gelöst. Wohl hatte der
Brüsseler internationale Sozialistenkongreß von 1891 bestimmt, daß die
Maidemonstrationen durchgängig ain I. Mai stattfinden sollten, und sich
grundsätzlich für Arbeitsruhe ausgesprochen. Zu letzterem aber war der Zu-
sah angenommen worden: „Soweit dies durch den Zustand in den einzelnen
Ländern nicht unmöglich gemacht wird", und damit war es der Auslegung
der Parteien in den einzelnen Ländern überlassen, nach Wunsch und Be-
dürfnis selbst zu bestimmen, ob bei ihnen die Arbeiksruhe „möglich" oder

parteivorstandcs zur Differenz der /Metallarbeiter
bei der H. 6.-6. die Maifeier betreffend.

1 Der Parkeivorstand erklärt, daß er ans Grund der Verhandlungen,
die er seiner Zeit mit der Generalkommission der Gewerkschaften, die
Maifeier betreffend, geführt hat. bereit ist. falls der Metallarbeiterverband
ihn darum ersucht, die finanziellen Opfer, welche die diesjährige Mai-
feier dem Verband auferlegte, nach Möglichkeit tragen zn helfet».

Die Form, in welcher der Parteivorstand diese Mittel aufbringt,
ist ausschließlich dessen Angelegenheit.

2.	Der Parteivorstand kann kein Urteil abgeben über die HandlungS-
weise der als Mitglieder des Metallarbeiterverbandes in der A. E.-G.
beschäftigten Parteigenossen, soweit diese ihren früher gefaßten Beschluß,
bei der Maifeier nicht zu arbeiten, selbst mißachteten.

Dieser Beschluß ist auf Grund der Vorschriften, welche der Metall-
ardeiterverband für seine Mitglieder bezüglich einer Entscheidung über
die Maifeier erließ, gefaßt worden. ES handelt sich also hierbei in
erster Linie um eine gewerkschaftliche Angelegenheit, zu der zunächst die
Gewerkschaft Stellung zu nehmen hat?

Der Parteivorstand ist aus Grund der Parteiorganisation oec-
pflichtet, abzuwarten, ob eine lokale Organisation den Antrag stellt,
ein Parteimitglied, das sich an der Nichteinhaltung deS in der A. E.-G.
gefaßten Beschlusses betreffend die Maifeier beteiligte, wegen ehrloser
Handlung mi3 der Partei auszuschließen. Wird ein solcher Antrag
gestellt, so ist der Parteivorstand verpflichtet, ein Schiedsgericht zusammen
zu berufen, zu dem er den Vorsitzenden ernennt.

Der Parteivorstand würde also, wenn er von sich auS.in einem
Falle wie den» vorliegenden ein Urteil fällte, von vornherein als Partei
erscheinen und die Unparteilichkeit des Schiedsgerichtsspruchs in Frage
stellen.

3.	Soweit der Parkeivorstand in der Lage ist, die Vorgänge, die
anläßlich der Maiseier mit dem Verhalten eines großen Teils der Mit-
glieder des MetdllarbeitervecbandeS, die in der A. E.-G. beschäftigt sind,
in Verbindung stehen, beurteilen zu können, glaubt er. daß auf beiden
Seilen, d. h. sowohl aus Seite der bei der Ä. E.-G- beschäftigten Mit-
glieder dcL MetallarbeitcrvcrbandcS. wie bei der Leitung desselben Ver-
sehen hegangen wurden. die eine unklare Situation herbeiführten.

Von diesen» GesichtSpilNkt auS und in Anbetracht deS Umstandes,
daß ei» größerer Konflikt zivischen dem Metallarbeiterverband und seinen
renitent geivordcne»» Mitgliedern, die bei der A. E.-G. beschäftigt sind,
für die Schar,'machcr eine ersehnte Gelegenheit wäre. eS zu einer Spaltung
in» Metallarbeitervcrbande zu treiben »»nd eine Kraftprobe mit den»
Unternehniertum hervorzurufen, empfiehlt der Parteivorftand aller auf-
zubieten, um einen solchen Konflikt zu vermeiden.

199. Erklärung des sozialdemokratischen Partei-
vorstandes
        <pb n="445" />
        ﻿
        <pb n="446" />
        ﻿428

„nicht möglich" war. Auf dem Parteitag der Deutschen Sozialdemokratie von
1892, der in Berlin tagte, ward für die Maifeier von 1893 die Arbcits-
ruhe mit 236 gegen 5 Stimmen abgelehnt; nicht einer der Delegierten der
sechs Wahlkreise Berlins stimmte für die Arbcitsruhe. Allerdings waren
die rabiatesten der „Jungen" mittlerweile aus der Partei ausgeschieden.

Trotzdem wurden am l. Mai 1893, der ein Montag war, auch von
Mitgliedern der Partei Maidemonstrationen am Vormittag abgehalten.
Es waren dies eine große politische Versammlung im Norden Berlins, die
wiederum im Eiskeller tagte, diesmal aber mit Wilhelm Liebknecht als
Referenten, und eine Anzahl Versammlungen gewerkschaftlichen Charakters.
Die Maurer und Putzer, die Maler, die Töpfer vom Baugewerbe,
die Schneider und die Glacehandschuhmacher von der Bekleidungs-
industrie feierten den 1. Mai aus eigenem Antrieb durch Arbcitsruhe. Alle
andern Gewerbe aber und die Wahlvereine hatten die Demonstration auf
den Abend angesetzt, nur daß bei den Wahlvereinen und verschiedenen
Gewerben die Festlichkeit schon am Nachmittag ihren Anfang nahm.

Dann kam im Sommer 1893 der Züricher internationale Kongreß, der
den Beschluß hinsichtlich der Arbeitsrnhe dahin verschärfte, daß er es den
Sozialisten überall zur Pflicht machte, die auf Verwirklichung der Arbeits-
ruhe gerichteten Bestrebungen zu unterstützen. Die deutsche Delegation
hatte gegen die Verschärfung gestimmt, nachdem die Resolution aber die
Mehrheit erlangt hatte, trug man ihr auch in Deutschland nach bestem
Können Rechnung. Freilich war die Geschäftslage noch sehr schlecht und
die Verpflichtung zur Arbeitsruhe um so weniger angängig, als viele Ge-
werkschaften an Mitgliedern verloren hatten. So nahm denn der im Perbst
1893 in Köln abgehaltene Parteitag mit allen gegen 3 Stimmen eine Re-
solution an, die erklärte, daß die deutsche Sozialdemokratie die allgemeine
Arbeitsruhe erstrebe, sie indes im Pinblick auf die schlechte Geschäftslage
nur denjenigen Organisationen empfehle, welche sie ohne Schädigung der
Arbeiterinteressen durchführen könnten.

Das war immerhin eine bestimmte Direktive, und wer war besser berufen,
zu entscheiden, ob in den einzelnen Gewerben und Werkstätten die Arbcits-
ruhe durchzuführen war, als die Gewerkschaften? Am 1. Mai 1894 halten
in Berlin fast alle Gewerkschaften am Vormittag ihre Maidemonstrationen
ab, während die sozialdemokratischen Wahlvereine Festlichkeiten veranstalten,
die am Nachmittag ihren Anfang nehmen und am Abend durch eine Fest-
rede ihre politische Weihe erhalten. Eine Einteilung, bei der es auch in
der Folge verbleibt. Wie sie sich fast ganz von selbst ergeben hat, wird sie
auch die folgenden Jahre als etwas Selbstverständliches, die Durchführung
der Arbeitsruhe als Angelegenheit der Gewerkschaften betrachtet. Dies um
so mehr, als sowohl die Festlichkeiten der Wahlvereine wie die Vormittags-
versammlungen der Gewerkschaften jetzt fast jedes Jahr sich größeren Be-
suches erfreuen. Die erst so umstrittene Maifcierfrage scheint die glücklichste
Lösung gefunden zu haben.

Da setzt um die Jahrhundertwende eine Gegenströmung ein. Wohl
sind die Gewerkschaften stark gewachsen, aber auch das Unternehmertum
hat sich in der Zwischenzeit immer geschlossener organisiert und nimmt in
verschiedenen Gewerben die Arbeitsruhe des 1. Mai zum Anlaß von
Maßregelungen im großen — meist Aussperrung für 3 bis 6 Tage.
        <pb n="447" />
        ﻿Gegenmaßregeln der Arbeiter
reißen hier und dort Ge-
werkschaften zu ungelegener
Zeit in kostspielige Kämpfe
hinein, und die Gewerk-
schaftsleitungen warnen in
Rundschreiben vor „unüber-
legten Schritten" und „leeren
Demonstrationen" bei der
Maifeier (Rundschreiben des
Vorstandes des Metall-
arbeiterverbandes vom Jahre
1900). Die Warnungen er-
fahren übertriebene Aus-
legung, schließlich wird jedoch
im Mai 1905 auf dem Kölner
Kongreß der freien Gewerk-
schaften Deutschlands vom
Referenten Robert Schmidt
und anderen offen der Ge-
danke ausgesprochen, die inter-
nationale Demonstration für
die Forderungen derArbeiter-
klasse statt von den Gewerk-
schaften am Vormittag all-
gemein am Abend des
1. Mai stattfinden zu lassen.

Das waren und sind freilich soweit erst Vorschläge, über die noch keine
Entscheidung getroffen ist. Aber der Referent stützte seinen Vorschlag unter
anderem auf Zahlenangaben, wonach die Durchführung der Arbeitsruhe in
Deutschland ohnehin hinter dem Wachstum der Arbeiterorganisationen zurück-
bleibe, und wenn das von ihm aufgezeigte Zahlenverhältnis von Teil-
nehmern an der Arbeitsruhe und Mitgliedern der Organisationen nicht für
Berlin zutrifft, das Verhältnis vielmehr hier ein günstigeres ist, als im
Durchschnitt Deutschlands, so ist doch auch hier in verschiedenen Gewerben
die gleiche Tendenz zu konstatieren. Im Jahre 1903 war die Zahl der
Arbeiter Berlins, welche am 1. Mai die Arbeit ruhen ließen, auf rund
50 000 gestiegen. Der Bericht der Berliner Gewerkschastskommission hebt
das mit Genugtuung hervor, und gewiß will diese Zahl schon etwas heißen.
Aber die Zahl der Mitglieder der an die Gewerkschastskommission ange-
schlossenen Organisationen war damals 120 000, und auf 218 000 belief
sich die Zahl der Stimmen, die bei der Reichstagswahl vom 16. Juni 1903
allein in den sechs Wahlkreisen Berlins für die Kandidaten der
Sozialdemokratie abgegeben wurden. Im Jahre 1905 zählten die freien
Gewerkschaften Berlins 224000 Mitglieder, an der Feier des 1. Mai
durch Arbeitsruhe aber beteiligten sich in jenem Jahr nicht viel mehr
Arbeiter, als im Jahre 1903. Ihre Zahl belief sich auf höchstens 60 000,
so daß die Differenz zwischen Feiemden und Organisierten bedeutend zu-
genommen hatte.

201. Maisestbild 1906
        <pb n="448" />
        ﻿430

Das soll nicht verschwiegen werden. Trotzdem wäre es jedoch sehr
voreilig, aus dieser Differenz auf eine abnehmende Beliebtheit der Maifeier
als Fest der Arbeiterklasse zu schließen. Ein so großer Zustrom von Mit-
gliedern, wie ihn die Gewerkschaften seit der Jahrhundertwende zu ver-
zeichnen hatten, braucht eben Zeit, um die Ideenwelt in sich aufzunehmen,
die den Angeworbenen zum opferbereiten Mitkämpfer im vollen Sinne des
Wortes macht, und grade in einer Reihe der größten Unternehmungen Berlins
war die Arbeitsruhe aus den schon entwickelten Gründen nun mit größeren
Opfern und Gefahren verbunden, als früher. Die absolute Zahl der Teilnehmer
an der Maifeier ist aber fast ohne Unterbrechung gestiegen. Jahre sehr
starken Geschäftsdruckcs haben ihre Zunahme gelegentlich verlangsamt, auch
stellt die Frage der Lokalitäten der vollen Durchführung der Maifeier
große Schwierigkeiten in den Weg. Masscnumzüge werden von den Be-
hörden am l. Mai nicht geduldet, größere Ausflüge ins Freie im voraus
zu veranstalten verbietet in dieser Jahreszeit das Klima. Im ganzen fleht
sich die Arbeiterschaft Berlins daher für ihre Maiveranstaltungcn auf
Saallokalitäten angewiesen, und diese stehen ihr in so großer Zahl, als nötig
wäre, den ganzen Kcerbann der Arbeiterbewegung zu fassen, nicht zur Ver-
fügung. Das zeigt sich ja auch bei Veranstaltungen, wie Wahlrechts-
demonstrationen, Proteste gegen Polizeiakte oder Steuerungerechtigkeiten, die
durch die Unmittelbarkeit ihres Zwecks die Geister besonders lebhaft anregen.
Stets fehlt es an der nötigen Anzahl großer Säle, und die Statistik der
in den gemieteten Sälen sich drängenden Massen liefert immer mehr nur
einen Anzeigcmaßstab für die wirkliche Werbekraft des Demolistrations-
gegenstandes.

hiernach ist auch die Teilnahme an der Maifeier zu bewerten. Es untersteht
nicht dem leisesten Zweifel, daß sie in den Kerzen der sozialistischen Arbeiter-
schaft tiefe Wurzel geschlagen hat. Sehen wir von den ersten Jahren ab,
und nehmen wir das Jahr, wo der Weltfeiertag der Arbeit zuerst in der
noch bestehenden Anordnung zwischen Partei lind Gewerkschaften gefeiert
wurde, als Ausgangspunkt, so hat sich die Zahl der in Berlin am 1. Mai
Arbeitsruhc Äbenden immerhin seit jenem Jahr vervierfacht. 1894 wurden
in Berlin von den Gewerkschaften 12 000 Feiernde festgestellt, 1905 dagegen
waren es zwischen 50- und 60 000. Die Zahl derer aber, die an den Nach-
mittags- und Abendfesten der Wahlvereine teilnahmen, beläuft sich auf
mehrere Kunderttausend. Lind welche Begeisterung bricht auf diesen Festen
neben allen Lustbarkeiten und Llntcrhaltungen immer wieder durch! Mit
welchem Jubel werden auf ihnen die Melodien der Arbeiterlieder begrüßt,
mit welcher Inbrunst die Massengcsänge mitgesungen, mit welch stürmischen
Zustimmungen die Festreden entgegengenommen, die den Sinn der Feier
darlegen! Es ist ein großer Irrtum, sie wegen der Verbindung mit den
Lustbarkeiten als „Kaffeekränzchen" gering einzuschätzen. Das Maifest soll
ein Fest der Freude sein, und um so mehr wird der Weltfeiertag der
Arbeiterklasse seinen Zweck erfüllen, je mehr er für die Heranwachsende
Arbeitergeneration den Wert und die Bedeutung erlangt, den die alten
Kirchenfeste für ihre Eltern und Voreltern gehabt hatten.
        <pb n="449" />
        ﻿Neunzehntes Kapitel.

Die Opfer und die Bilanz des Kampfes

die deutsche Sozialdemokratie alle Putschmacherei und Verschwdrungs--
/ spielerei grundsätzlich verwirft, sollten ihre Mitglieder nicht häufiger
vor Gericht kommen, als etwa die Mitglieder ihrer Bruderparteien
in Belgien, Dänemark, England, Frankreich, der Schweiz; denn wer die
sozialistische Presse dieser Länder liest und ihre sozialistischen Versammlungen
besucht, wird dort keiner wesentlich anderen und in verschiedenen dieser Länder
jedenfalls keiner milderen Sprache in bezug auf die Staatseinrichtungen,
die Regierungen und sonstigen Behörden begegnen, als sie in der sozial-
demokratischen Presse und den sozialdemokratischen Versammlungen Deutsch-
lands üblich sind. Aber wie selten konnnt es vor, daß in jenen Ländern
sozialdemokratische Redakteure oder sozialdemokratische Redner von Staats
wegen vor Gericht gestellt, und wie viel seltener noch geschieht es, daß sie
verurteilt werden. Dies und die Tatsache, daß Redakteure und Redner
in Deutschland schon selbstverständlich nach Möglichkeit auf die Praxis der
Gerichte Rücksicht nehmen, muß man im Auge behalten, um den richtigen
Maßstab zu haben für die Strafverfolgungen und Verurteilungen, von
denen die Geschichte der fünfzehn Jahre Berliner Arbeiterbewegung zu
erzählen weiß, die unser Buch behandelt.

Es entfällt in diese Epoche nicht ein einziger Prozeß gegen Sozial-
demokraten, bei dem auch nur die Anklage von geplanten Gewaltakten hoch-
verräterischen Charakters spräche, auf solche bloß andeutend hingewiesen
wiirde. Die einzigen Prozesse, die von Gewaltakten erzählen, betrafen
Arbeiter, die bei Streiks oder Aussperrungen Tätlichkeiten gegen Arbeits-
willige begangen oder Sachbeschädigungen verübt haben sollten, oder — in
einigen wenigen Fällen — Arbeiter, die sich Schutzleuten oder ähnlichen
unteren Beamten widersetzt hatten oder widersetzt haben sollten. Die
Masse der eigentlich politischen Anklagen und Verurteilungen aber beziehen
sich auf Landlungen, die man anderwärts entweder überhaupt nicht oder
nur in ganz extremen Fällen unter Anklage stellt: Beleidigung irgendwelcher
irdischen oder überirdischen Autoritäten: — Gottes und seiner Priester, des
Staatsoberhauptes, der Beamten oder des Leeres. Ihre Ahndung fängt
aber auch schließlich in Deutschland an, als überlebt betrachtet zu werden.
Mehr als zwei Drittel der Prozesse entfallen auf das erste Drittel unserer
Epoche, nach 1895 geht ihre Zahl auffallend zurück und erst der Anfang
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des neuen Jahrhunderts bringt mit dem China-Feldzug und dem Feldzug
in Südwestafrika stärkere Verurteilungen wegen Beleidigung von Kriegsherr,
Truppenführer oder Truppen. Von anderen gerichtlichen Verfolgungen
politischer Natur dagegen wird es verhältnismäßig still. Lediglich die Pro-
zesse wegen Überschreitungen der erlaubten Formen des Gewerkschaftskampfes
dauern in größerem ümfange an; wie denn überhaupt die Verurteilungen
von Arbeitern auf Grund solcher Anklagen in der Liste der Opfer des
Klassenkampfes einen großen Raum einnehmen.

Eine nach Möglichkeit erschöpfende Zusammenstellung aller Freiheits-
strafen, die im Bereich von Groß-Berlin von Anfang des Jahres 1891
bis zum Jahresschluß 1905 wegen politischer und gewerkschaftlicher Vergehen
verfügt wurden, ergibt in runden Zahlen die Verurteilung von 130 Personen
zu zusammen 45 Jahren Gefängnis. Es fehlen jedoch dabei die Verurteilungen
zu Äaftstrafen von unter einer Woche, sowie die nicht geringe Zahl der
Fälle, wo Geldstrafen durch Gefängnishaft abgebüßt wurden. Mit ihnen
würde die Summe der Freiheitsentziehungen sich auf gegen 60 Jahre
erhöhen. Was die verfügten Geldstrafen anbetrifft, so ist von ihrer Auf-
rechnung abgesehen worden, da Vollständigkeit hier noch schwerer zu erzielen
ist, als bei den Freiheitsstrafen, und die Geldstrafen noch wenig über die
Geldkosten besagen, die der Arbeiterschaft durch die polizeilichen und
gerichtlichen Verfolgungen auferlegt wurden, und die sich, da auch die
Prozesse hierhergehören, die mit Freisprechung endeten, zu ganz anderen
Beträgen summieren. Wir glauben nicht zu übertreiben, wenn wir die
Gesamtsumme aus über 100 000 Mark schätzen.

Mehr als ein Drittel der vorerwähnten 45 Jahre Gefängnis, nämlich
rund 18 Jahre, wurden Arbeitern wegen Vergehen im Koalitionskampf
auferlegt, gegen 10 Jahre waren Strafen für Preßvergehen oder was
Richter dafür erklärten, der Rest entfällt auf Verurteilungen für Reden in
Versammlungen, Ausrufe bei Zusammenstößen mit der Polizei und die
vereinzelten Fälle von Widerstand gegen Schutzleute bei solchen Zusammen-
stößen. Eine Aufzählung aller dieser Verurteilungen im einzelnen verbot
sich von selbst. Aber auch eine Aufzählung der gravierenderen Fälle von
Klassenjustiz stellte sich als nicht durchführbar heraus, weil es ihrer zu viele
sind, um sie alle vorzuführen, jede willkürliche Begrenzung aber falsche
Vorstellungen erwecken würde.

Es soll natürlich nicht geleugnet werden, daß ein Teil der ürteile nach
heutigem Recht gefällt werden mußten, daß Arbeiter durch Erbitterung über
unkollegialisches Landein, Redner durch Leidenschaftlichkeit sich zu Aus-
drücken und Schriftsteller durch Leichtgläubigkeit sich zu Beschuldigungen
verleiten ließen, die auch vor einem Tribunal von Sozialdemokraten nicht
bestehen würden. Aber selbst bei diesen Vorkommnissen kommt im Straf-
maß oft die Klassendenkweise der Richter zum Ausdruck, wie sich das unter
anderem zeigt, wenn genau dieselbe Landlung — sagen wir: handgreifliches
Vorgehen gegen Arbeitswillige bei gleicher Lage des Falles — das eine Mal
von dem einen Gerichtshof mit ein paar Tagen, das andere Mal von
einem anderen Gerichtshof mit ebensovielen oder selbst noch mehr Wochen Ge-
fängnis geahndetwird. Diese fast alltäglichenünterschiedein der Strafbemessung
lassen erkennen, wie sehr beim Richterspruch die persönlichen Vorurteile
und Stimmungen mitreden. Es sind keineswegs nur die größeren Freiheits-
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        ﻿
        <pb n="452" />
        ﻿Zwei Achtundvierziger.

Leonei Fe!ringer.

Zwei Marxianer sieht man bie&gt;

Die einstmals zu des Meislers Füssen
Ihr Leben suchten zu versüssen
Mit radikaler Theorie.

Es trennte sich bald ihr Lebenspfad —
Dieweil der Eine sich .entwickelt*.
Den Marx ins Praktische venniquelt
Als keck entschlossner Mann der That

Blieb treu der Andre seinem Licht.

Heut sitzt er hinter Kerkermauem —

Und dennoch — wollt ihr ihn bedauern?
Ich glaub', er tauscht mit jenem nick»

202. Karikatur aus dem „Narrenschiff"

Bernstein. Berliner Geschichte.

III.

28
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        ﻿434

strafen, die von Klassenjustiz erzählen, auch Verurteilungen zu Tagen und
Wochen kennzeichnen sich sehr oft als Ausfluß von Klassenrechtsprechung.
So wurde im Jahre 1897 in Berlin ein Maurer Zim als der Bedrohung
und Ehrverletzung schuldig zu einer Woche Gefängnis verurteilt, weil er
bei der Mitteilung an Kollegen, daß auf einem bestimmten Bau Forde-
rungen nicht bewilligt seien, hinzugefügt haben sollte: „Wenn ihr anfangt,
werdet ihr aus dem Verband herausgeschmissen". Nun weiß ein jeder,
daß die Zugehörigkeit zu einem Gewerkschaftsverband als elementarste
Pflicht die Ausübung der Solidarität im Lohnkampf bedingt; in den
Worten lag also nichts als die etwas derbe Formulierung einer Selbst-
verständlichkeit. And trotzdem begründen Richter, denen gut bekannt ist,
daß Anternehmervereine, studentische Verbindungen und unzählige andere
Körperschaften ungestraft genau nach gleichen Maximen verfahren, hierauf
eine Verurteilung zu Gefängnis. Daß es hier nur eine Woche verfügt,
macht das Arteil nicht weniger zu einem Klassenurteil, wie in einem anderen
Falle die Verurteilung zu einem Jahr und mehr. Im Dezember 1898
wird der bis dahin unbestrafte Maurer Rudolf Lahn vom Landgericht
Berlin II zu einem Monat Gefängnis verurteilt, weil er einem anderen
Maurer Karl Schulz erklärt haben sollte, daß, wenn er dem Verband nicht
beitrete, andere Maurer nicht mit ihm arbeiten würden. In der Ver-
handlung wurde die ihren Arheber als Muster von Engherzigkeit kenn-
zeichnende Bemerkung des Schulz, der Verband habe „weiter keinen
Zweck, als den Arbeitern das Geld aus der Tasche zu ziehen", von der
Mehrzahl der Mitglieder des Gerichts mit Leiterkeit und zustimmenden
Gebärden begrüßt und Schulz ermuntert, noch mehr auszusagen, dagegen
die Vereidigung der Entlastungszeugen des Lahn abgelehnt, obgleich selbst
der Staatsanwalt noch nach dem Verhör dieser Zeugen erklärt hatte, es
liege kein Grund vor, sie nicht zu vereidigen. Das war derselbe Klassen-
geist, der im September des gleichen Jahres in der vierten Strafkammer
des Landgerichts Berlin I den Maurer Loppe zu neun Monaten Ge-
fängnis verurteilte, weil er einen Streikbrecher bedroht und vor die Brust
gestoßen haben sollte. Loppe hat heftig bestritten, derjenige gewesen zu
sein, der den Stoß erteilt habe, aber selbst wenn man es für erwiesen
annimmt, daß er die Tat begangen, konnte nur Klassengeist sie mit dieser
Strafe ahnden. Gleichartige Gerichtssprüche der einen wie der anderen
Gattung spielen die ganze Epoche über, nur ist es wiederum charakteristisch,
daß sie sich nach den Kaiserreden von Bielefeld und Oeynhausen — 17. Juni
1897 und 6. September 1898 — mit ihren Ankündigungen eines Kreuzzugs
gegen die Belästigung von Arbeitswilligen ganz besonders häufen.

Daß auch bei den politischen Verfolgungen es nicht ohne Perioden
abgeht, wo Staatsanwälte und Richter sich außergewöhnlich eifrig darauf
bedacht zeigen, der Kritik in Wort und Schrift Zügel anzulegen, wurde
schon oben hervorgehoben. So zeichneten sich die Jahre 1893, 1894 und
1895 ganz besonders durch Verfolgungen und hohe Strafen wegen Be-
leidigungen himmlischer und irdischer Lerrscher und Trabanten aus. Von
Redakteuren des „Vorwärts" werden in diesen Jahren ob solcher Ver-
gehen August Enders zu IOV2 Monat, Max Pfund zu 9 Monat, Emil
Dierl-Roland zu 6 Monat, Robert Schmidt zu 5 Monat, Franz
Schulze zu 4 Monat Gefängnis verurteilt, von Redakteuren des damals
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herausgegebenen „Sozialdemokrat" Max Zachau zu 9 Monat und Max
Schippel zu 3 Monat, von Redakteuren des „Volksblatt für Teltow-
Beeskow" Rautmann zu 12 Monat und Gustav Keßler zu 3 Monat,
der Redakteur der „Gazeta Robotnicza", Josef Woicziköwski, zu 4 Monat
Gefängnis verurteilt. In diese Zeit fällt auch der Versuch, den Drucker
Max Bading für den Inhalt einer in seiner Druckerei hergestellten Druck-
schrift — die Märznummer des „Vorwärts" vom Jahre 1895 — un-
bekümmert darum verantwortlich zu machen, daß die Nummer vom ver-
antworlichen Redakteur regelrecht gezeichnet war. Dann beginnt eine mehr-
jährige Pause verhältnismäßiger Ruhe, bis das neue Jahrhundert wieder
einen Lage! von Verurteilungen über Redakteure des „Vorwärts" bringt.
Karl Leid wird zu zusammen 15 Monat, Paul John zu 13 Monat,
Julius Kaliski zu 8 Monat, Robert Schmidt zu 6 Monat und
Wilhelm Schröder zu 4 Monat Gefängnis verurteilt, von Strafen unter
3 Monat und Geldbußen gar nicht zu reden.

Indes gibt die Liste der Freiheits- und Geldstrafen nur ein Bild der
Opfer, die der Bewegung und ihren Streitern von Gegnern auferlegt
wurden. And sie gibt nicht einmal hierin ein vollständiges Bild, denn es
kommen zu den durch Gerichtsspruch verhängten Strafen noch hinzu die
Maßregelungen durch Prinzipale und Vorgesetzte in Form von Entlassung
aus der Arbeit, Übergehung bei Beförderungen und Gehaltsaufb esserungen
und ähnliche wirtschaftliche Schädigungen mehr. Es dürfen nicht übergangen
werden die seelischen und materiellen Schädigungen durch das Einstecken und
oft rücksichtslose Zurückhalten in Antersuchungshaft, wofür ein besonders
krasses, aber selbst in seiner Art durchaus nicht einzig dastehendes Beispiel
das im Jahre 1892 gegen Leinrich Peus beobachtete Verfahren war, der
trotz Linweises auf die stündlich zu erwartende Niederkunft seiner jungen Frau
in durch nichts gebotener Antersuchungshaft gehalten wurde, bis die arme
Frau ihren Kindsbettnöten erlegen war. Lierher gehört ferner die Aus-
stoßung Arthur Stadthagens aus dem Anwaltstand, bei der dessen
Schriftsätze über das gegen Peus geübte Verfahren eine große Rolle spielten.
And man kann nicht von Opfern reden, ohne der ungeheuren Summe
von Opfern an Geldmitteln unb Arbeitskraft zu gedenken, die den
Kämpfenden nicht auferlegt, sondern von ihnen für die verfochtene Sache
freiwillig dargebracht wurden. Auch ihnen gegenüber versagt die
statistische Berechnung, da der geringste Teil von ihnen zur öffentlichen
Kenntnis kommt und außerdem im Einzelfall nicht die Löhe der Leistung,
sondern ihr Verhältnis zur Leistungsfähigkeit des Darbringers die Größe
des Opfers ausmacht. Scheinbar unbedeutende Beiträge zu Sammlungen,
die Übernahme der Arbeit des Flugblattaustragens oder der Lausagitation,
von der Arbeit der Bezirks- und Abteilungsführer gar nicht zu reden, bedeuten
stets den Verzicht auf einen Bruchteil der nicht allzu vielen Genüsse, die
dem Arbeiter zur Verfügung stehen, in nicht wenigen Fällen aber auch
Opfer an Notwendigkeiten der Ernährung und Körperpflege. Man vergißt
das leicht, weil diese Opfer in so großer Zahl gebracht werden, daß sie
den meisten schon als Alltäglichkeiten erscheinen. Aber diese Alltäglichkeit
nimmt ihnen absolut nichts von ihrer Größe: ist doch vielmehr sie selbst
gerade einer der großartigsten Züge der Bewegung. Sie ist der sicherste
Beweis ihrer inneren Festigkeit, ihrer nicht zu lockernden Verankerung im

28»
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Volksleben. Die deutsche Arbeiterbewegung ist über die Phase längst
hinweg, wo melodramatisch ausfallende Opfer für sie Bedeutung haben
konnten. Sie erfordert nicht weniger, sondern sie fordert bloß andere Opfer,
wie sie ein anderes Heldentum als das der Preisgabe des Lebens in Momenten
der Aufwallung kennt. Ihre Leiden opfern ihr Leben unauffällig stückweise in
der Gestalt ruhiger Pflichterfüllung. Nicht die Gräber einer Zahl auserlesener
Toter, sondern ganze Reihen von Gräbern erzählen von diesem, zur
Alltäglichkeit gewordenen Heldentum der Pflicht.

Der Toten! Es ist unmöglich, wo von Opfern die Rede ist, nicht
derjenigen Kämpfer der Berliner Bewegung zu gedenken, die in der Zeit,
die wir behandelt haben, ins Grab gesunken sind. Aber ein Empfinden,
das man begreifen wird, lehnt sich dagegen auf, an dieser Stelle einzelne
Namen aus der langen, langen Liste der dahingeschiedenen Mitstreiter
herauszureißen. Wo soll man hier die Grenze ziehen, ohne willkürlich zu
verfahren, welchen Namen fortlassen, ohne Ungerechtigkeit zu begehen?
Das Gleiche gilt von den Leichenbegängnissen, welche die Arbeiterschaft
ihren besonders verdienten Vorkämpfern bereitete. Fast jedes Jahr sah
deren, manche ihrer mehrere. Als einzig in seiner Art ragt aus ihnen
das am 12. August 1900 erfolgte Leichenbegängnis Wilhelm Liebknechts
hervor. Hier war es nicht nur die Arbeiterschaft Berlins, hier war es
mit ihr die ganze, durch Deputationen aus allen Orten Deutschlands und
den Hauptorten des Auslandes vertretene Internationale der Arbeiter,
die dem verstorbenen „Soldaten der Revolution" einen Leichcnzug stellte,
wie ihn kein Fürst mit allem, bei der Bestattung der Mächtigen entfalteten
Schaugepränge, kein Führer der bürgerlichen Klassen, für deren Größen
die ganze, weit verbreitete Presse die Trommel rührt, jemals auch nur an-
nähernd gleich gewaltig und eindrucksvoll gehabt hatten. Ein Trauerzug von
zwischen 120 000 und 150 000 Teilnehmern, der durch ein Spalier von
vielen Lunderttausenden den fast fünf Stunden währenden Weg zum
Begräbnisplatz nahm, an der Spitze eine endlose Reihe von Wagen mit
Kränzen und Palmenzweigen, deren Schleifen mit ihren sinnreichen Wid-
mungen oft wahre Kunstwerke waren und wie sie in dieser Schönheit und
Fülle eine Arbeiterbewegung nur darbieten kann, die Lunderttausende um-
faßt, dem tiefen Eindruck dieser Demonstration der Liebe und Ver-
ehrung konnten selbst die Gegner das Zugeständnis nicht versagen, daß sie
etwas Beispielloses war. Das am 1. Ostertage des Jahres 1902 am
Grabe Liebknechts enthüllte prächtige Denkmal dieses Mitbegründers der
deutschen Sozialdemokratie zeigt den Nachkommenden in einer in Bronze
prächtig ausgeführten Büste seine charakteristischen, von Geist und Energie
durchleuchteten Züge.

Es ist unmöglich, nicht auch des fast spontan zu einer großartigen,
erschütternden Demonstration gewordenen Leichenbegängnisses zu gedenken,
das die Arbeiter Berlins am 2. September 1894 einem weiblichen Vor-
kämpfer, der tapferen Agnes Wabnitz, bereiteten, die den Ernst ihrer
Erklärung, daß sie einer ihr in einem Klassenurteil aufdiktierten längeren
Gefängnisstrafe sich nicht unterziehen werde, dadurch bekräftigt hatte, daß
sie, nachdem Nahrungsverweigerung ihr unmöglich gemacht war, ihrem
Leben freiwillig ein Ende setzte. Der Friedhof der freireligiösen Gemeinde,
auf dem die Reste der Verstorbenen beigesetzt wurden, war lange vor der
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angesetzten Zeit dicht besetzt, und zwei Stunden währte es, bis alle die
Kranzträger die von Einzelnen und Körperschaften gestifteten, meist mit
tiefroten Schleifen versehenen Blumenspenden auf dem Grabe niedergelegt
hatten. Draußen aber wogte die ganze Zeit über eine viele Zehntausende
zählende Menge, die durch ihr ernstes Verhalten den tiefen Eindruck der
Kundgebung noch steigerte.

In gleicher Weise wären noch viele bemerkenswerte Leichenbegängnisse
aufzuzählen. Die Bestattung des Veteranen Theodor Metzner und die
des jugendlich hoffnungsvollen Dichters und Kämpfers Emil Rosenow,
die des in gefährdeter Situation stets tatbereiten August Iacobey und
die des vielverfolgten knorrigen Gustav Keßler, sowie noch vieler Tapferer,
die sich in der einen oder anderen Weise ausgezeichnet hatten. Es scheint
indes angemessen, von den wenigen Vorgenannten abgesehen, in bezug auf
die Toten keine Ausnahme zu machen, sondern auch diesem Leere gegenüber
die demokratische Gleichheit obwalten zu lassen, denn sie verbürgt die größere
Gerechtigkeit. Llnsere Bewegung ist groß durch die Arbeit der Ungenannten.

Ja, es ist eine große Bewegung. Das zeigt die Bilanz der Ergebnisse
ihrer Arbeit. Wohin wir blicken, zeigt sie gegen den Anfang gewaltigen
Aufstieg. Kaum zehn Prozent der beschäftigten männlichen Arbeiter Berlins
sind am Anfang unserer Epoche gewerkschaftlich organisiert, am Ende ist
der Prozentsatz der Organisierten, trotz der Schwierigkeiten, die gerade die
Weltstadt der Organisationsarbeit entgegensetzt, auf gegen 30 Prozent
gestiegen, hat sich das Leer in absoluter Zahl mehr als verfünffacht. In
fast gleicher Weise ist die Armee der politisch organisierten Arbeiter Berlins
gestiegen. Sie belief sich zu Anfang auf kaum zehntausend und zählte am
Abschluß 41 700 Mitglieder bei bedeutend durchgearbeiteter Gliederung und
Zusammenfassung der Kräfte. Nicht minder groß ist die Zunahme der
Beteiligung der weiblichen Arbeiterschaft an der Bewegung. Für die
politische Bewegung läßt sich das nicht ziffernmäßig feststellen, weil in den
Wahlvereinen die Frauen noch nicht Mitglieder sein durften, in der
Gewerkschaftsbewegung aber ist die Zahl der organisierten Arbeiterinnen
von kaum 1 500 auf über 15 000 gestiegen, hat sie sich mehr als verzehnfacht.
Lind wir haben gesehen, wie sich in entsprechender Weise in den öffentlichen
Körperschaften die Vertretung der Arbeiterklasse gehoben hat. Wie von
den acht Reichstagsmandaten Groß-Berlins zu Anfang nur zwei, am
Abschluß aber sieben Besitz der Sozialdemokratie waren, wie in Berlins
Kommunalverkretung die Sozialdemokratie im Jahre 1891 erst ein Viertel,
Ende 1905 aber zwei Drittel der Mandate der dritten Wählerabteilung
erobert hatte und in den meisten Vororten ein gleiches, in einigen aber ein
noch günstigeres Verhältnis obwaltet. In den Gewerbegerichten Groß-
Berlins sind die Arbeitcrbeisitzer durchgängig Angehörige der sozialistischen
Arbeiterbewegung, im Berliner Kaufmannsgericht hat der auf dem Boden
der Arbeiterbewegung kämpfende Verband der Landlungsgehilfen eine starke
Vertretung. Wie das alles auf die ökonomisch-soziale Lage der Arbeiter
zurückgewirkt hat, soll zahlenmäßig nicht vorgeführt werden, weil das
ökonomische Leben durch Momente mit beeinflußt wird, die sich die Arbeiter-
bewegung nur zum Teil auf Rechnung sehen kann. Soviel aber ist sicher:
wenn der durchschnittliche Satz der Arbeitslöhne in allen Industrien und
Gewerben Berlins um bis zu 25 Prozent und darüber gestiegen ist, wenn
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        ﻿

- 439 -

die normale Arbeitszeit in den meisten Gewerben von 11 und 10 auf
9 Stunden und darunter gefallen ist, und wenn schließlich die Position des
Arbeiters in der Werkstatt eine wesentlich stärkere geworden ist, das
Rechtsbewußtsein des Arbeiters nicht bloß in bezug auf seine Stellung
imStaat, sondern—was noch bedeutsamer und im Zeitalter des Kapitalismus
schwerer zu erreichen ist— auch in bezug auf seine Stellung im Gewerbe
eine bedeutende Lebung erfahren hat, in vielen Fällen, wo vordem nichts
davon existierte, nunmehr wachgerufen ist und sich in wohltätiger Weise
geltend macht, dann ist das alles in hohem Grade die Frucht, ist es vielfach
überhaupt nur zu erreichen gewesen durch den Aufbau und das unablässige
organisatorische und agitatorische Wirken der vom sozialdemokratischen Geist
«füllten Berliner Arbeiterbewegung.

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Handlungsgehilfen! Handlvngsgehilfinnen!

Der Reichstag hat den Gesetzentwurf der Regierung, der Eure tägliche Arbeitszeit
auf 14 Stunden festsetzt,- einer Kommission überwiesen. Diese hat Gegenvorschläge gemacht,
die thatsächlich eine Verbesserung des' Regierungsantrages bedeuten. Kaum waren dieselben
bekannt, da erhob sich unter der Prinzipalität ein Sturm der Entrüstung. War doch ihre
Freiheit, Euch auszubeuten» in etwas beschränkt worden. Wußtet Ihr doch jetzt, wann,
unabhängig von der Laune der Chefs, Eure Ruhezeit beginnt: wann Ihr Euch Eurer
Familie, Eurer Erholung, Eurer Fortbildung widmen konntet.

Dem Ansturm der Schreier droht die Regierung nachzugeben. Alles wollen
jene der freien Vereinbarung überlassen! Keine gesetzliche Festlegung! Hohn und
Spott über die „freie Vereinbarung"! Was ist sie unserer Prinzipalität, ihr, die sich mit
Ruhe über Gesetz und Recht wegsetzt?!

Eine gesetzliche Sonntagsruhe besteht seit Jahren. So kümmerlich sie ist, wir
begrüßten sie als ersten Schritt zur Besserung unserer Lage. Doch wo ist sie hin.? Heute,
nach kaum zehn Jahren, kümmern sich Eure Prinzivale nicht mehr uni jene Vorschriften, ver-
achten das Gesetz, schlagen den Ueberwachnngsorganen ein Schnippchen.

Und warum?	»

Weil jene Maßregeln nur halbe waren, Eure Sonntagsruhe nur eine
theilweise.

Kollegen und Kolleginnen! „Noth lehrt beten", sagt das Sprüchwart, „aber Noth
lehrt auch kämpfen!"

Nur ein« einheitliche Sonntagsruhe kaun uns frommen! Nur die Ver-
kürzung unserer täglichen Arbeitszeit kann uns ein menschenwürdiges Dasein gewähren!

Darum, Kollegen und Kolleginnen, benutzt jede Gelegenheit, für Eure Rechte zu
demonstriren. Zeigt den gesetzgebenden Körperschaften, welches Eure Wünsche sind.

Erscheint alle in der am

Mittwoch, de» 20. September, Abends 8'|2 |U)t

stattfindende»

Großen öffentlichen

Ikrfammlung (kr kanüelsangWlten

in der Berliner Ressource, Kommandantenstr. 57.

Hages Krdnung.

l. Vortrag des Reichstags-Abgeordneten Pfannkuch über: „Der gesetzliche
Ladenschluß".

S. Dortrag des Kollegen August Hii.lze - „Die Sonntagsruhe vor den
Stadtverordneten".

3. Diskussion

Kköert Koyn.

Vertrauensmann der Berliner Handlungsgehilfen und Gehilfinnen.

_____________" gcl)lieiiiamiftrgjjc 11, II.

StSäiiiüii &gt;m&amp; «Klag: Alber, S»oön.	11.- Druck, Maurer u. DImmIck, BnU«.

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171. Flugblatt zugunsten der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe
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