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        <title>Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905</title>
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            <forname>Eduard</forname>
            <surname>Bernstein</surname>
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            <idno>1031122125</idno>
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        EDUARD/BERNSTEIN

Hie
Berliner  Arbeiterbewegung
von  1890  bis  1905

ILLUSTRIERT  MIT  BILDERN  UND
DOKUMENTEN  AUS  DER  ZEIT

J  •  H•  W•  DIETZ  NACHFOLGER
BERLIN  1924
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        Inhalts-Verzeichnis
Sette
Erstes  Kapitel:  Die  Entwicklung  der  inneren  Politik  Deutschlands  seit  1890  1
Zweites  Kapitel:  Die  soziale  Entwicklung  Berlins  von  1890  bis  1905  ....  57
Drittes  Kapitel:  Die  Parteiorganisationen  unter  dem  gemeinen  Recht  ...  73
Viertes  Kapitel:  Bemerkenswerte  Konferenzen  und  beratende  Versammlungen ­
  der  Sozialdemokratie  Berlins  118
Fünftes  Kapitel:  Die  bedeutsamsten  Demonstrationsversammlungen  der
Berliner  Arbeiterschaft  170
Sechstes  Kapitel:  Die  Wahlen  zum  Deutschen  Reichstag  in  Berlin  und  den
Vororten  194
Siebentes  Kapitel:  Die  Vertretung  der  Sozialdemokratie  Groß-Berlins  in
den  Kommunalverwaltungen  213
Achtes  Kapitel:  Die  Sozialdemokratie  in  den  Gewerbegerichten  und  den
Kaufmannsgerichten  Groß-Berlins  241
Neuntes  Kapitel:  Die  Gewerkschaftsbewegung  Berlins  259
Zehntes  Kapitel:  Die  bedeutsamsten  gewerkschaftlichen  Kämpfe  Berlins  .  .  287
Elftes  Kapitel:  Der  große  Bierboykott  von  1894  324
Zwölftes  Kapitel:  Die  gewerkschaftliche  Bewegung  der  Äandlungsgehilsen
Berlins  355
Dreizehntes  Kapitel:  Die  sozialdemokratische  Frauenbewegung  Berlins  .  .  369
Vierzehntes  Kapitel:  Die  Berliner  Sanitäts-Kommission  und  der  Boykott
der  Charitä  ;  383
Fünfzehntes  Kapitel:  Die  Schöpfungen  der  Berliner  Sozialdemokratie  für
Bildung  und  Kunst  390
Sechzehntes  Kapitel:  Die  Entwicklung  der  sozialdemokratischen  Presie
Berlins  401
Siebzehntes  Kapitel:  Die  Wahlen  zum  preußischen  Abgeordnetenhaus  ...  412
Achtzehntes  Kapitel:  Die  Entwicklung  der  Maifeier  in  Berlin  425
Neunzehntes  Kapitel:  Die  Opfer  und  die  Bilanz  des  Kampfes  431
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        Erstes  Kapitel

DieEnLwicklungderinnerenPoliLikDeutschlands
seit  1890.
1.  Der  Anfang  der  Ära  Caprivi.
Epoche,  die  mit  dem  Ableben  des  Sozialistengesetzes  für  die  deutsche
/  Sozialdemokratie  anhub,  zeichnete  sich  zunächst  durch  eine  merkbare
Ansicherheit  und  Anbeständigkeit  in  der  Politik  der  Regierung  aus.
Der  General  v.  Caprivi,  dem  Wilhelm  II.  nach  der  Entlassung  Bismarcks  das
Amt  des  Reichskanzlers  und  preußischen  Ministerpräsidenten  übertragen  hatte,
arbeitete  sich  überraschend  schnell  in  die  ihm  obliegenden  Aufgaben  ein  und
erwarb  sich  dabei  durch  die  Einfachheit  und  Gradheit  seines  Wesens  viele  Sympathien, ­
  die  durch  die  niedrigen  Angriffe,  mit  denen  die  Presse  der  Bismarckbrüderschaft ­
  den  Zorn  über  die  Entfernung  ihres  Leros  vom  Amt  an  ihm
ausließ,  nur  gesteigert  werden  konnten.  Auch  der  Landelsminister  v.  Berlepsch
erwarb  sich  in  reformfreundlichen  Kreisen  durch  verschiedene  Maßnahmen
Anerkennung.  In  den  Anfang  der  neunziger  Jahre  entfällt  der  Abschluß
einer  Reihe  von  Handelsverträgen,  durch  welche  die  hohen  Getreidezölle  —
Weizen  und  Roggen  von  5,00  auf  3,50  Mk.  pro  Doppelzentner  —  sowie  eine
Anzahl  anderer  Zölle  ermäßigt  wurden  und  der  Außenhandel  Deutschlands
eine  große  Steigerung  erfuhr.  In  Preußen  führte  1891  der  zum  Finanzminister ­
  ernannte  Miguel  eine  Steuerreform  durch,  welche  die  direkte  Einkommensteuer ­
  dadurch  etwas  verbesserte,  daß  die  Besteuerung  der  Einkommen
bis  zu  9OO  Mark  aufgehoben,  ein  schärferes  Einschätzungsverfahren  mit
bedingter  Verpflichtung  zur  Selbsteinschätzung  festgesetzt  und  die  Steuersätze
besser  abgestuft  und  für  die  höheren  Einkommen  heraufgesetzt  wurden  —
allerdings  mit  dem  noch  mäßigen  Satz  von  4  Proz.  als  Löchststeuer.  1893
ward  außerdem  als  Ergänzungssteuer  eine  Steuer  von  1 / 2  vom  Tausend  im
Jahre  auf  Vermögen  von  über  20  000  Mk.  eingeführt,  mit  Ausnahmebestimmungen ­
  für  Leute,  deren  Jahreseinkommen  6000  Mk.  nicht  übersteigt.
Ein  anderes  Werk  dieser  Steuerreform  war  die  Äberweisung  der  Erundund
  Gebäudesteuer  sowie  der  Gewerbesteuer  an  die  Kommunalverbände.
Im  Militärwesen  wurde  —  allerdings  erst  nach  der  Reichstagsauflösung
von  1893  —  die  zweijährige  Dienstzeit  für  die  Fußtruppen  durchgeführt.
Das  waren  alles  Maßnahmen,  die  zwar  nur  mäßigen  Fortschritt,  aber
doch  Fortschritt  bedeuteten.  Wenn  sie  die  sozialistische  Arbeiterschaft  in  ihrer
schroff  oppositionellen  Haltung  nicht  erschüttern  konnten,  so  war  dafür  nicht
nur  der  grundsätzliche  Gegensatz  gegen  das  kapitalistische  Wirtschaftssystem
maßgebend.  Wohl  führte  die  sozialdemokratische  Presse  Männern  wie
        <pb n="4" />
        2

Caprivi,  Berlepsch,  Boetticher  usw.  gegenüber  eine  andere  Sprache  als
gegenüber  den  Bismarck,  Puttkamer,  Eulenburg  und  Genossen,  aber  das
galt  lediglich  den  Personen,  von  denen  man  wußte,  daß  jeder  Tag  ihre
Entlassung  bringen  konnte.  Denn  gleichzeitig  wußte  man  auch  und  konnte
es  aus  Regierungserklärungen  immer  wieder  aufs  neue  bestätigt  erhalten,
daß  die  Reformen,  soweit  sie  nicht  aus  rein  technischen  Gründen  nbtig  geworden
waren,  nicht  als  Anfänge  einer  großen  und  systematischen  politischen  und
wirtschaftlichen  Reforinpolitik,  sondern  bloß  zu  dem  Zweck  ins  Werk  gesetzt
wurden,  der  Sozialdemokratie  möglichst  Abbruch  zu  tun.  Von  einer  Erweiterung
der  Volksrechte  war  nicht  die  Rede,  die  kleinen  Verbesserungen  sollten  im
Verein  mit  der  Arbeiterversicherung  das  Wunder  tun,  in  einer  Zeit  ununterbrochenen ­
  Wachstums  der  Arbeiterklasse  diese  von  der  Partei  ihrer  Klasse
abwendig  zu  machen.  Als  wenn  es  nie  einen  Dichter  gegeben  hätte,  der
eine  geschichtliche  Wahrheit  in  die  eindrucksvollen  Verse  niedergelegt  hätte:

„Noch  ist  kein  Fürst  so  hoch  gefürstet,
So  hoch  gestellt  kein  ird'scher  Mann,
Daß,  wenn  die  Welt  nach  Freiheit  dürstet,
Er  sie  mit  Freiheit  tränken  kann.

Daß  er  allein  in  seinen  Länden
Die  Schale  alles  Rechtes  hält,
Davon  den  Völkern  auszuspenden,
Soviel,  sowenig  ihm  gefällt."

Das  genau  Entgegengesetzte  bekamen  die  Arbeiter  vom  Träger  der
Krone  zu  hören.  Schon  in  der  Ansprache  an  die  Deputation  der  westfälischen
Bergleute  vom  16.  Mai  1889  hatte  es  nach  offizieller  Darstellung  geheißen:
„Sollten  aber  Ausschreitungen  gegen  die  öffentliche  Ordnung  und
Ruhe  vorkommen,  sollte  sich  der  Zusammenhang  der  Bewegung  mit
sozialdemokratischen  Kreisen  Herausstellen,  so  würde  ich  nicht  imstande
sein,  eure  Wünsche  mit  Meinem  königlichen  Wohlwollen  zu  erwägen.
Denn  für  Mich  ist  jeder  Sozialdemokrat  gleichbedeutend  mit
Reichs-  und  Vaterlandsfeind.  Merke  Ich  daher,  daß  sich  sozialdemokratische ­
  Tendenzen  in  die  Bewegung  mischen  und  zu  ungesetzlichem
Widerstande  anreizen,  so  würde  Ich  mit  unnachsichtlicher  Strenge  einschreiten ­
  und  die  volle  Gewalt,  die  Mir  zusteht  —  und  die  ist
eine  große  —  zur  Anwendung  bringen."
Solche  Betonungen  des  persönlichen  Regiments  und  der  Feindschaft
gegen  die  Sozialdemokratie  wiederholten  sich  in  wechselnden  Formen  immer
von  neuem,  ergänzt  durch  Berufungen  aus  die  Macht  des  Kaisers  und
Königs  über  die  Armee  und  mittels  der  Armee  über  die  Nation.  „Der  Soldat
und  die  Armee,  nicht  Parlamentsmajoritäten  und  -Beschlüsse  haben  das
Deutsche  Reich  zusammengeschmiedet,"  hieß  es  in  einer  Ansprache  vom
18.  April  1891,  und  „Mein  Vertrauen  beruht  auf  der  Armee."  Sieben
Monat  später,  am  23.  November  1891,  erfolgte  die  Rekrutenvereidigung
in  Potsdam,  bei  der,  nach  der  „Neißer  Zeitung",  der  Kaiser  den  Rekruten
der  Potsdamer  Garderegimenter  im  Anschluß  an  deren  Ableistung  des
Fahneneides  zurief:
„Ihr  habt  Mir  Treue  geschworen,  das  —  Kinder  Meiner  Garde  —
heißt,  ihr  seid  jetzt  Meine  Soldaten,  ihr  habt  euch  Mir  mit  Leib  und
Seele  ergeben;  es  gibt  für  euch  nur  einen  Feind  und  der  ist  Mein
Feind.  Bei  den  jetzigen  sozialistischen  Amtrieben  kann  es  vorkommen,
daß  Ich  euch  befehle,  eure  eignen  Verwandten,  Brüder,  ja  Eltern  niederzuschießen
  —  was  ja  Gott  verhüten  möge  —,  aber  auch  dann  müßt
ihr  Meine  Befehle  ohne  Murren  befolgen."
        <pb n="5" />
        88«

Szene
aus  dem  geistigen  Kampf  gegen  die  Sozialdenivkralie.

I.  Der  Kampf  mit  geistigen  Waffen  gegen  die  Sozialdemokratie  nach  dem
Fall  des  Sozialistengesetzes
Sinnbildliche  Darstellung  aus  dem  »Wahren  Ialob«
        <pb n="6" />
        4

Einige  Blätter  haben  den  Wortlaut  der  Rede  etwas  anders  gegeben,
aber  der  Sinn  ist  überall  der  gleiche,  überall  kehrt  die  Betonung  der
Pflicht  wieder,  gegebenenfalls  auf  die  eigenen  Angehörigen  zu  schießen
oder  zu  stechen,  und  eine  amtliche  Abstreitung  oder  Berichtigung  der  Rede
ist  nicht  erfolgt.  Zudem  sprach  die  Rede  ja  auch  nur  aus,  was  der  Sache
nach  allerdings  im  Fahneneid  eingeschlossen  ist  und  der  ganzen  Stellung
des  Leeres  im  Milirärstaat  entspricht.  Man  redet  nur  meist  nicht  gern  davon.
Wenn  Wilhelm  II.  es  doch  tat,  so  mußte  man  daraus  folgern,  daß  sein
Geist  sich  mit  dem  Gedanken  an  solche  Möglichkeiten  trug,  die  sich  die
Phantasie  dann  sehr  verschieden  ausmalen  konnte.  Dann  erfolgte  wieder,
am  24.  Februar  1892,  die  Rede  auf  dem  Brandenburgischen  Provinziallandtage,
  worin  es  hieß,  daß  die  „Nörgler"  das  beste  tun  würden,  wenn
sie  „den  deutschen  Staub  von  ihren  Pantoffeln  schüttelten  und  sich  unseren
elenden  und  jammervollen  Zuständen  auf  das  schleunigste  entzögen".  Muß
man  auch  bei  geschichtlicher  Wertung  all  dieser  Reden  sich  vor  Augen
halten,  daß  sie  zum  Teil  mehr  momentane  Ausschweifungen  eines  noch
unausgereiften  Geistes  waren,  als  sie  eine  beharrlich  festgehaltene  Politik
zur  Grundlage  hatten,  so  war  die  unmittelbare  Wirkung,  sobald  sie  bekannt
wurden,  doch  eine  andere.  So  konnte  nur  ein  Monarch  sprechen,  der  eine
Auffassung  von  seiner  Stellung  im  Staate  hatte,  die  mit  dem  Grundsatz ­
  des  Selbstbestimmungsrechtes  der  Völker  im  entschiedensten  Widerspruch
stand.  Für  die  Sozialdemokratie  ein  Anlaß,  ihrerseits  nun  um  so  stärker
jenen  Grundsatz  zu  betonen  und  allen  Arbeiterfreundlichkeit  zur  Schau
tragenden  Maßnahmen  der  Regierung  ein  gesteigertes  Mißtrauen  entgegenzusetzen. ­

Es  war  um  diese  Zeit,  daß  Georg  von  Vollmar  durch  einen  Vortrag,
den  er  am  1.  Juni  1891  in  einer  Parteiversammlung  der  Sozialdemokraten
Münchens  hielt,  einen  kleinen  Sturm  in  der  Partei  entfesselte.  Der  Vortrag
behandelte  das  Thema  „Die  nächsten  Aufgaben  der  Sozialdemokratie",
und  Vollmar  entwickelte  darin,  daß  trotz  allen  Schwankens  der  Regierung
eine  Abwendung  von  der  Bismarckschen  Politik  deutlich  zu  erkennen  sei.
Die  nunmehr  wieder  auf  den  allgemeinen  Rechtsboden  gestellte  Sozialdemokratie ­
  müsse  diese  Politik  auf  die  Probe  stellen.  Ohne  die  allgemeinen  Ziele
der  Partei  aus  dem  Auge  zu  lassen  und  unter  Festhaltung  ihrer  Grundsätze
empfehle  es  sich  daher,  die  Kraft  zunächst  auf  den  Kampf  für  die  Fortführung
des  Arbeiterschuhes,  insbesondere  für  den  Normalarbeitstag,  Sicherstellung
des  Koalitionsrechtes  der  Arbeiter,  strenge  Unparteilichkeit  der  Behörden
bei  Lohnkämpfen  der  Arbeiter,  Schaffung  eines  freien  Vereinsrechtes  mit
der  Gewährung  von  Korporationsrechten  an  die  Arbeiter,  Gesetzgebung
gegen  die  preissteigernden  Syndikate  und  Beseitigung  der  Lebensmittelzölle  zu
konzentrieren.  Genügten  einst  Leidenschaft  und  unbeugsamer  Trotz  für  den
Kampf,  so  handle  es  sich  jetzt  vor  allem  um  Besonnenheit,  kluges  Abwägen
und  zähe  2lusdauer.  „Dem  guten  Willen  die  offene  Land,  dem  schlechten
die  Faust."  Zm  Vorbeigehen  flocht  Vollmar  einige  kritische  Bemerkungen
gegen  übertriebene  Angriffe  auf  den  Dreibund  ein,  der  als  Mittel,  den
Frieden  zu  erhalten,  etwas  „verhältnismäßig  Nützliches"  sei.  Das  waren
nun  alles  Dinge,  über  die  man  ohne  sonderliche  Aufregung  hätte  diskutieren
können,  wenn  nicht  die  bürgerliche  Presse  die  Rede  mit  großem  Lärm
begrüßt  und  Vollmar  laut  als  den  Mann  gepriesen  hätte,  der  die  Sozial-
        <pb n="7" />
        5

dcmokratie  von  ihrem  unfruchtbaren
Rcvolutionarismus  zurückbringen
werde.  Wie  auch  bei  anderen
Gelegenheiten,  erzielte  diese  Presse
mit  ihren  Iubelartikeln  genau  das
Gegenteil  von  dem,  was  sie  ankündigte. ­
  In  der  Partei  wurde  man
nun  erst  auch  außerhalb  Münchens
auf  Vollmars  Rede  aufmerksam
und  las  viel  mehr  aus  ihr  heraus,
als  Vollmar  mit  ihr  beabsichtigt
hatte.  Den  oppositionellen  Elementen ­
  in  Berlin  und  an  anderen
Plätzen  Norddeutschlands  erschien
sie  als  der  handgreiflichste  Beweis
von  der  opportunistischen  Versumpfung ­
  der  Partei  und  wurde
denn  auch  von  ihnen  in  diesem
eoinne  gegen  die  Parteileitung  im
allgemeinen  ausgenutzt;  die  führenden ­
  Vertreter  dieser  aber,  vor  allem
Bebel,  Liebknecht  und  Singer,  erblickten ­
  jedoch  selbst  in  Vollmars
Ausführungen  die  Preisgabe  von
wichtigen  Kampfprinzipien  der
Partei.  Das  Zentralorgan  sowie
eine  Anzahl  von  Provinzblättern
nahmen  mehr  oder  weniger  scharf
gegen  Vollinar  Stellung,  und  auf
dem  zweiten  Kongreß,  den  die  Partei
nach  Erlöschen  des  Sozialistengesetzes ­
  abhielt,  kam  es  über  die
Vollmarsche  Rede  —  oder  vielmehr  die  Vollmarschen  Reden,  denn  Vollmar
hatte  auf  die  Angriffe,  die  die  vorerwähnte  Rede  erfahren  hatte,  am
6.  Juli  des  gleichen  Jahres  in  einer  zweiten  Versammlung  in  München
geantwortet  und  beide  Reden  im  Druck  erscheinen  lassen  —  zu  lebhaften
Auseinandersetzungen.

2.  Caprivis  Gesicht
beim  Bekanntwerden  der  Berliner
Reichstags  -  Wahlergebnisse  1893
Karrikalur  aus  den  „Berliner  Lustigen  Blättern-2,

  Die  ersten  Parteitage  der  deutschen  Sozialdemokratie  unter
dem  gemeinen  Recht.
Bevor  wir  in  der  Schilderung  des  allgemeinen  Ganges  der  deutschen
Politik  fortfahren,  folge  hier  ein  kurzer  Überblick  über  die  wichtigsten  Vorgänge ­
  auf  den  Parteitagen  der  deutschen  Sozialdemokratie  in  der  zu
betrachtenden  Zeitspanne.
Der  erste  Kongreß  der  Partei  nach  Ablauf  des  Sozialistengesetzes
hatte  vom  12.  bis  18.  Oktober  1890  in  Halle  a.  S.  stattgefunden  und
hauptsächlich  die  Organisationsfrage  geregelt.  Nach  dem  beschlossenen
Organisationsstatut  wurde  die  Zugehörigkeit  zur  Partei  von  Anerkennung
        <pb n="8" />
        6

der  Grundsätze  des  Parteiprogramms  und  Anterstützung  der  Partei  abhängig
gemacht,  ohne  daß  für  letzteres  ein  bestimmter  Beitrag  vorgeschrieben  wurde.
Den  Parteigenossen  in  den  einzelnen  Wahlkreisen  wurde  aufgetragen,  Vertrauensmänner ­
  zu  ernennen,  die  Zahl  und  der  Wahlmodus  aber  ihrem
Ermessen  anheimgestellt.  Die  Parteileitung  wurde  aus  zwei  Vorsitzenden
(August  Bebel  und  Paul  Singer),  zwei  Schriftführern  (Ignaz  Auer  und
Richard  Fischer),  einem  Kassierer  (Albin  Gerisch)  und  sieben  Kontrolleuren
zusammengesetzt,  zum  offiziellen  Parteiorgan  ward  das  „Berliner  Volksblatt"
bestimmt,  das  vom  1.  Januar  1891  an  den  Titel  „Vorwärts"  erhielt.  Von
weiteren  Angelegenheiten,  die  den  Kongreß  beschäftigten,  sind  die  Auseinandersetzungen ­
  mit  den  Vertretern  der  als  Bewegung  der  „Jungen"
bekannt  gewordenen  Opposition  zu  erwähnen,  die  aber  hier  noch  zu  keiner
entscheidenden  Beschlußfassung  führten.  Doch  zeigte  sich  schon,  daß  die
große  Mehrheit  der  Partei  der  Opposition  feindlich  gegenüberstand.  Einige
Anklagen  mehr  persönlicher  Natur,  die  Wilhelm  Werner,  der  meistgenannte
Wortführer  der  Opposition  in  Berlin,  gegen  die  Neichstagsfraktion  der
Partei  und  deren  Mitglied  Karl  Grillenberger  vorgebracht  hatte,  wurden
von  einer  vom  Kongreß  eingesetzten  Antersuchungskommission  einstimmig  für
unbegründet  erklärt,  und  der  Kongreß  schloß  sich  dem  Arteil  der  Kommission
mit  allen  gegen  24  Stimmen  an.  Eine  Resolution,  die  entgegen  dem
Tadel  der  Opposition  das  Verhalten  der  Reichstagsfraktion  guthieß,  wurde
sogar  gegen  den  einzigen  Werner,  der  sich  der  Abstimmung  enthielt,  einstimmig ­
  angenommen.
Der  zweite  Kongreß  der  Partei  brachte  nun  in  der  Frage  der  Opposition ­
  die  Entscheidung.  Er  tagte  vom  14.  bis  20.  Oktober  1891  in  Erfurt
und  hatte  als  wichtigste  Gegenstände  die  Frage  der  Taktik  und  die  Frage
des  Parteiprogramms  auf  der  Tagesordnung.  In  letzterer  Linsicht  wurde
mit  wenigen  Abänderungen  der  von  der  Redaktion  der  „Neuen  Zeit"
(Karl  Kautsky,  zum  Teil  unter  Mitwirkung  von  Ed.  Bernstein)  ausgearbeitete ­
  Entwurf  einstimmig  angenommen,  in  bezug  auf  die  Frage  der
Taktik  fand  eine  von  Bebel  beantragte  Resolution  einstimmige  Annahme,
die  in  den  Sähen  gipfelte,  daß  die  Eroberung  der  politischen  Macht  das
Hauptziel  der  Partei  sei,  aber  nicht  das  Werk  eines  Augenblicks  oder
Frucht  momentan  gelungener  Überrumpelung  der  Gegner  sein,  sondern
nur  durch  zähe  und  ausdauernde  Arbeit  und  geschickte  Benutzung  aller
Mittel  und  Wege  der  Propaganda  erreicht  werden  könne;  daß  kein  Grund
vorliege,  die  bisherige  Taktik  der  Partei  zu  ändern,  und  daß  die  Partei
von  ihren  Vertretern  verlange,  fest  und  entschieden  im  Sinne  des  Parteiprogramms ­
  zu  handeln  und,  ohne  auf  die  Erlangung  von  Konzessionen
seitens  der  herrschenden  Klassen  zu  verzichten,  immer  das  ganze  und  letzte
Ziel  der  Partei  im  Auge  zu  haben.
Nach  der  Absicht  des  Antragstellers  richtete  sich  die  Resolution  gleichzeitig ­
  gegen  den  Radikalismus  der  Opposition  wie  gegen  den  Geist  der
Vollmarschen  Reden.  Nachdem  Vollmar  dargelegt  hatte,  daß  er  einen
Unterschied  zwischen  den  Sätzen  der  Resolution  und  seinen  Ausführungen
nicht  finden,  dieser  vielmehr  durchaus  zustimmen  köime,  wurde  ein  Zusah
beantragt,  der  direkt  eine  Ablehnung  der  von  Vollmar  entwickelten  Taktik
aussprach;  er  ward  indes  nach  Beendigung  der  sehr  eingehenden  Debatte
zurückgezogen.  Die  Auseinandersetzung  mit  der  Opposition  hatte  die
        <pb n="9" />
        7

Wirkung,  daß  fünf  ihr  angehörende ­
  Delegierte,  nämlich
Albert  Auerbach,  Max  Baetge,
Adolph  Schultze,  Wilh.  Werner
und  Karl  Wildberger  es  ablehnten, ­
  einer  vom  Kongreß  zur
Untersuchung  ihrer  Anklagen  eingesetzten ­
  Kommission  Rede  und
Antwort  zu  stehen,  vielmehr  freiwillig ­
  auf  die  Zugehörigkeit  zur
Partei  verzichteten.  Indes  erklärte ­
  der  Kongreß  auf  Antrag
der  Kommission  noch  ausdrücklich ­
  mit  allen  gegen  elf  Stimmen
Werner  und  Wildberger,  und
ebenso  R.  Baginski  und  Otto
Lamprecht,  falls  sie  an  ihrer  Angriffsweise ­
  festhielten,  nicht  mehr
als  Parteigenossen  anzuerkennen.
Maßgebend  war  dafür,  daß  die
Genannten  nach  Ansicht  der  Kommission ­
  und  des  Kongresses  wiederholt
  verdächtigende  Angriffe  ausgestreut ­
  hatten,  ohne  Beweise  für
sie  zu  erbringen,  noch  sie,  wo  die  Unbegründetheit  fessstand,  zurückzuziehen.
Damit  war  die  Frage  der  Opposition  der  „Jungen",  soweit  die  Parteikongresse ­
  in  Betracht  kamen,  erledigt.  Über  die  Bewegung  selbst  wird  in
einem  besonderen  Kapitel  berichtet.  Lier  sei  nur  noch  erwähnt,  daß  der
vorerwähnte  Ausschluß  im  Jahre  1902  vom  Münchener  Parteitag  wieder
aufgehoben  wurde.
Von  Bedeutung  für  Berlin  war  der  Beschluß  des  Erfurter  Kongresses, ­
  der  den  Berliner  Genossen  das  Recht  einräumt,  durch  eine  von
ihnen  zu  ernennende  Kommission  von  neun  Mitgliedern  in  Gemeinschaft
mit  dem  Parteivorstand  die  Kontrolle  des  lokalen  Teils  des  „Vorwärts"
zu  übernehmen.
Der  dritte  Parteitag,  den  die  Partei  unter  den»  gemeinen  Recht  abhielt, ­
  fand  in  Berlin  statt.  Er  tagte  hier  vom  14.  bis  21.  Noveinber  1892
in  den  Konkordia-Festsälen,  deren  würdige  Ausstattung  die  Berliner
Genossen  sich  zur  besonderen  Aufgabe  gemacht  hatten.  Seine  bemerkenswertesten ­
  Beschlüsse  sind  eine  Resolution  gegen  den  Staatssozialismus,
die  diesen  für  konservativ,  die  Sozialdemokratie  aber  für  in  ihrem  Wesen
revolutionär  und  daher  mit  dem  Staatssozialismus  in  unversöhnlichem
Gegensatz  stehend  erklärte,  sowie  eine  Resolution  über  die  Genossenschaften, ­
  den  Boykott  und  die  gewerkschaftliche  Kontrollmarke,
die,  ohne  diese  Mittel  des  Arbeiterkampfes  zu  verwerfen,  doch  vor  übertriebenen ­
  Erwartungen  hinsichtlich  ihrer  Wirkungskraft  und  namentlich  vor
der  Auffassung  warnte,  mittels  der  Kontrollschutzmarke  die  gewerkschaftliche
Organisationsarbeit  überflüssig  zu  machen.  Bezüglich  des  Boykotts  erklärte
die  Resolution  sich  gegen  jeden  Versuch,  durch  dieses  Mittel  die  persön-
        <pb n="10" />
        I

Kr.  1.

Erscheint  tSstuch  nutzer  MsntagL
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In  der  Post-ZeituNgS-Preisliste
für  1891  unter  Nr.  S4«s.

c K2D&amp;gt;&amp;gt;25cx&amp;gt; s

S.Inhrg.

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müssen  bis  4  Nbr  Nachmittags  in
&amp;gt;er  Erpeditio»  abgegeben  werden.
Die  Expedition  ist  an  Wochentagen
bis  t  Uhr  Mittags  und  von  s  bis
1  Uhr  Nachmittags,  au  Sonn-  und
Festlagen  bi»  s  Uhr  Vormittags
geöffnet,
Lwnkprschevr  A«rS,Nv.  SL0S.

Berliner  VelksUatt
Zsntralorgan  der  sozialdemokratischen  Partei  Deutschlands.

Redaktion:  Muth-Straße  2.  ^  Donnerstag»  den  1.  Januar  1891.  n  ßrpeditio«:  ZLeuch  -  Straße  3,

Freih  eit
5 reiheit!  Freiheit!
Du  Wunderxort,  du  WiMderwort!
Du  Inbegriff  der  herrlichsten  der  Lieder,
Wie  klingst  du  in  des  Menschen  Seele  wieder  l
Ein  Wunderwort,  ein  Wunderhort,
Der  alles  Schönste  in  sich  birgt.
Der  alles  Schönste  aus  sich  wirkt!
Freiheit!  sie  wird  nicht  ohne  Mühe  dein  ;
Will  wie  ein  schönes  Weib  errangen  sein.

Zum  Urue«  Jahre  1891.

Nur  kämpfend  dringst  du  vor
Zu  ihrem  köstliche»  Eeiniß,
Nur  wenn  du  sagst:  Ich.  peiß,  ich  muß
Und  kann  nicht  anders!
Du  bist  nicht  frei,  wenn  du  das  Schlechte  willst.
Du  bist  nicht  frei,  wenn  du  erwählst.
Was  dir  bequeme  Freude»  schafft.
Ein  Sklave  bist-du  deiner  Leidenschaft.
Doch  führt  der  Weg-zur  Schönheit  auch  durch.  Noth,
Droht  er  im  Katupfe  'ftlbst  den  Tod,  —

Doch  im  erkennst  und  weißt,  du  mußt,
Und  vorwärts  gehst  du  mit  jauchzender  Lust,
Bleibst  deinem  Ziel  vollendet  treu,
Dana  bist  du  frei!
Die  Schönheit  ist  des  Werdens  Ende,
Die  Schönheit  ist  des  Werdens  Ziel,
Vollendetes  Gezwnngensein,
Den  Weg  zu  wandeln  vollbewußt
Rach  diesem  Ziel  ist  Freiheit!
Freiheit!  Leopold  Jacob?.

3um  Menen  Fstze!
Die  Jahreswende  bietet,  nach  allgemeiner  .und  sehr
natürlicher  Sitte,  den  Anlaß  zu  einem  Rückblick  in  die
Vergangenheit  und  zu  einem  Vorblick  in  die  Zukunft  —
wir  lassen,  die  Ereignisse  Und  Vorgänge  des  dem  Abschluß
zueilenden  Jahres  noch  einmal  vou-uns  vorübergehe«,  und
schaue«  dann  dem  kommende«  -Jahr  froh  ins  Angesicht.
Für  uns  Sozialdemokraten  ist  die  politische  Inventur-Aufnahme
  diesmal  eine  besonders  erfreuliche  Beschäftigung:
wir  haben  auf  eine  Reihe  großer  Erfolge  zurückzuschallen.
Als  einer  unserer  Abgeordneten  an,  Schluß  des
vorigen  Jahres  im  Reichstag  erklärte:  .Wir  haben  das
Sozialistengesetz  besiegt  —  die  nächste  Wahl  wird  «ine
Million  —  anderthalb  Millionen  Stimm  en
für  uns  ergeben",  da  glaubten  selbst  viele  Parteigenossen,
die  Prophezeiung  sei  zu  kühn.
Und  der  20.  Februar  1890  hat  sie  im  vollsten
Umfange  wahr  gemacht.
Der  20.  Februar  1890  ist  ein  weltgeschichtliches
Dalnni  —  er  bedeutet  den  endgiltigen  Sieg  der  sozialdemolratischen
  Idee  und  Weltanschauung  über  die  mechanische ­
  Gewalt  —  feie  Bankrotterklärung  des  Sozialistengesetzes, ­
  seiner  Urheber  und  des  Systems,  dem  es  entflossen. ­

Um  die  Tragweite  und  Bedeutung  des  Tags  voll
zu  begreifen,  müssen  wir  uns  ins  Gedächtniß  zurückrufen,
daß  heule  vor  12  Monaten  Fürst  Bismarck  noch  „fest
im  Sattel  saß",  daß  16  Tage  vor  dem  Wahltag  die
„Kaiserlichen  Erlaffe"  veröffentlicht  wurden,  die  aus  ben

Feuilleton.

Nachdruck  vrrborm.j  -  -  .  £
Der  Mama.
Roman  von  Arne  Garborg.
I.
Frau  Holmsens  Antlitz  zog  sich  in  die  Länge.  „Verstehen ­
  Sie  das,  Fra»  Mühlberg?"  sagte  sie.  Auch  Frau
Mühlberg  schien  etwas  verdutzt
„Wahrhaftig,  ich  kenne  mich  uiiht  ans  in  all  dieser
Weitschweifigkeit,"  erividerte  sie;  „ich  denke,  wir  uersliche»
es  noch  einmal,"
Sie  nahuien  das  schwierige  Dokument  wieder  vor  und
rersnihten  es  noch  einmal.  Frau  Holniseu  hatte  Kopfschmerze», ­
  daher  mußte  Frau  Mühlberg  die  Vorleserin
mache»;  wenn  mail  es  recht  bedachte,  war  diese  vielleicht
auch  die  Runenknudigere  von  beide».  Tenn  rund  und  dick
und  solide,  wie  fie  da  saß,  schien  sie  eine  Frau,  die  ein  Stück
in  der  Welt  herumgekommen.
Zum  Glück  hielt  Fanny  sich  ruhig;  sie  saß  auf  ihrem
Liiblmgsplatz  am  großen  Nähtische  neben  Mamas  Stuhl  und
arbeitete  an  einem  Kleide  für  ihre  Rosalie.
Frau  Mühlberg  begann:
„Die  geschiedene  Gattin  des  Exam.  juria  Andr.  Holmsen
hgt  sich  an  den  Unterzeichneten  mit  dem  Ersuchen  gewendet, ­
  bei  dem  Amtmann  daraus  hin  anzutragen,
daß  ihrem  vorgenannten  Manne  durch  obrigkeitliche  Resolution ­
  auferlegt  werde.  Beider  gemeinsaniem  Kinde  Fanny,
sur  deren  Alter  ein  Zeugniß  des  Pastors  beiliegt,  «inen
jährlichen  Sustentationsbeitrag  auszusetzen.  Dieies  Kind
sollte  nämlich  der  Vater  insolge  des  der  Auflösung  der  Ehe

ersten  Blich  einen  „Neuen  'Kurs"  der  Sozialreforin  zu  verheißen ­
  schienen,  und  ,die.ganz  geeignet  waren,  eine  nicht
durchaus  zielbewußte.„Partei  in-.Verwikrnug  zu  bringen.
Wir  hatten  alle  Parteien  gegen  uns  und  mußten  Front
machen  gegen  alle  und  —  unser  Kurs  blieb  immer  der
alte  —  vorwärts,  vorwärts  zum  Sieg!
--  Dev  2.0,iFebruar  sprengte  die  Koalition  der  Mok-Uoiisparteien,
  genannt  Kartell,  zerbrach  das  Sozialistengesetz ­
  und  warf  das  'Postament  um,  auf  welchem  der
größte  der  Demagogen  des  Kapitalismus  —  Fürst  Bismarck ­
  sein  Ich  aufgepflanzt  und  eine  Fainilieiidynaslie,
mit  erblichem  Hausmeierthum  zu  begründen  versucht  halte.
Am  18.  März  —  für  Gewalthaber  ein„ominöses
Düimu  —  wurde  das  Urtheil  des.  20.  Februar  an  dem
Urheber  des  Sozialistengesetzes  und  der  Millionärzüchtungs-Polstik
  vollstreckt:  er  kvikrde  lebendig  begraben.
Die  Nemesis  hatte  ihn  ereilt,  und  was  sie.  noch  übrig  ließ
an'  Sympathie  für  den  Gefallenen,'  das  zerstörte  dieser
selbst  in  wahnsinniger  Verblendung.  Nie  hat  falsche,  mit
allen  Listen,  Kniffen  und  Künsten  zu  ungeheuerlichen
Dimensionen  aufgeblähte  Größe  ein  jäheres  und  schmähe
sicheres  Ende  genommen.
Und  dem  Schöpfer  mußte  sein  Werk  folgen.  Nachdem ­
  das  Fiasko  der  internationalen  Ar
b  eit  e  rsch  utz-K  onferenz  aller  Welt  klar  geworden
war,  und  nachdem  die  deutsche  Sozialdemokratie  noch,  gemäß
dem  Beschluß  desJNternationalenArbeiterkongresses  zuParis,
trotz  aller  Hindernisse  von  oben,  trotz  des  verzweifetten
Widerstandes  der  Unternehmersippe  den  ersten  Mai
auch  für  Deutschland  zum  Festtag  der  Arbeit  erzii ­

  Grunde  liegenden  Vertrages,  dessen  Abschrift  mitsolgt,
ebenso  gut  wie  die  übrigen  Kinder  versorgen;  allein  da  er
keinen  Schritt  gethan  hat,  dieser  Pflicht  nachzukommen,  weiß
sich  die  Mutter,  welche  hier  in  dürjtigen  Umständen  lebt
keinen  anderen  Ausweg,  als  um  eine  amtliche  Resolution  in
Betreff  des  jährlichen  Beitrages  anzusuchen.
Wenngleich  er  es  als  zweifelhaft  betrachtet,  daß  die
Sache  durchführbar  sei,  hat  der  Gefertigte  es  dennoch  Frau
Holmsen  nicht  abschlagen  wollen,  dem  Herrn  Anitmami
dieses  Ansuche»  zuzustellen,  wobei  noch  bemerkt  wird,  daß
besagter  Herr  Holmsen  sich  z.  Z.  in  Christiania")  anshalten
  soll.
Stadtvogtei  zu  Kristiansborg,  den  14.  Dez.  1664.
D.  Broch.
An  den
Herrn  Amtmann  im  Oberlands-Amte,"
„Wird  dom  Herrn  Stiftsamtmann  in  Christiania  zur
Verfügung  gestellt.
Oberlands-Amt,  19.  Dezbr.  1864.
I»  Abwesenheit  des  Amtmanns:
Hj.  Aye.
„Wird  ’  samt  den  Beilagen  an  de»  Stadivogt  von
Chriftiailia  zu  vorbereitender  Behandlung  geschickt
Stift  von  Christiania,  80.  Januar  1866.
Im  Auftrag:  Joh.  Knap."
„Wird  dem  Stadtdiener  Engh  zu  der  gewöhnlichen  Behandlung ­
  übergeben.
Unterv.  v.  Chr.,  9.  Febr.  1865.
Für  den  Unteroogt:  Edv.  Olafse»."

I ")  Die  ungleichmäßige  Schreibung  von  Christiania,  Kristiania.
Kristiansborg  ist  zu  charatteristisch  sur  das  Schwanken  der
Bureaukratie  zwischen  Altem  und  Neuem,  um  nicht  getreu  beibehalten ­
  zu  werden.  Anm.  d.  Ueb.

hoben  hatte,,  an  dem  die  Arbeiter  aller  Länder  den
internationalen  Proletarierbinid  feiern  —
wurde  am  1.  Oktober  das  Sozialistengesetz  sang-  und
klanglos  —  nicht  begrabe»,  das  wäre  zu  viel  Ehre  gewesen, ­
  nein  verscharrst  bei  Seite  geschafft,  wie  irgend  ein
Ding,  das.  Ekel  einflößt.  —
M«  Sozialdemokratie  hielt  am  1.  Oktober  Rückschau'
und  Heerschau  —  und  am  Jahrestag  der  Entdeckung  von
Amerika  —  12.  Oktober  —  träfen  die  Erwählten  der
deutschen  Arbeiterklasse  zum  Ko-ngreß  in  Halle  zusammen, ­
  der  am  18.  Oktober,  dem  Jahrestag  der  Völkerschlacht ­
  von  Leipzig,  seine  Aufgabe:  die  Reorganisasion  der
Partei  vollendete.
Die  wunderbare  Einkracht,  die  aus  dem  Halleschen
Kongreß  waltete,  zerstörte  die  thörichten  Hoffnungen  unserer
Feinde  auf  selbstmörderischen  Bruderzwist  der  deutschen
Sozialdemokratie  —  dennoch  wurde  das  alberne  Lügenmärchen ­
  von  „Spaltungen"  von  'der  gegnerischen  Presse
gedankenlos  weiterverbreitet.  Unsere  Femde  nennen  das
„geistigen  Kamps".  »
Cs  ist  zwar  eine  alte  und  gute  Ersahrungsregel,  daß
man  den  Feind  nicht  verachten  soll;  es  ist  aber  wirklich
schwer,  unsere  Feinde  nicht  zu  verachten.  Haben  sie
jenials  den  Versuch  gemacht,  unsere  Ziele  vorurtheilslos
ins  Auge  zu  fassen,  mit  unserem  Programm  sich  bekannt
zu  machen?  Haben  sie  jemals  die  allgemeinen  Verhältnisse ­
  und  die  Fragen,  um  welche  der  politische  Parteikainpf
  sich  drehst  zu  erforschen  getrachtet?  Haben  sie
jenials  Ernst,  Würde,  Muth  in  dem  Kampfe  mit  uns  ge-„Wird

  dem  Herrn  Uniervogt  mit  dem  Bemerken  zugestellt, ­
  daß  der  Betreffende  d.  Z.  sich  in  Kristiansborg
aushäli.
'  Christiania,  6  März  1865.
Ehr.  Engh."
„Wird  dem  Stiftsamt.  von  Christiania  mit  ehrerbietiger
Hinweisung  aus  Vorstehendes  zurückgeschickt.
Uiitervogteiamt  von  Christiania,  den  8.  März  1865.
P.  Rawm,.
provisorischer  Leiter."
„Wird  dem  löblichen  Oberlands-Amte  zurückgestellt.
Stfftsauit  von  Christiania,  den  II,  März  1865.
Im  Auftrag:  Joh.  Knap."
„Wird  an  den  Herrn  Stadtvogt  in  Kristiansborg  mit
dem  Ansuchen  geschickt,  über  den  Vater  des  Kindes  die  üblichen ­
  Aukkläruuge»  zu  geben.
Oberlands-Amt,  de»  15.  März  1865.
Krohn."
„Andreas  Holmsen  ist  89  Jahre  alt,  nicht  beim  Militär,
arbeitsfähig,  doch-  augenblicklich  ohne  festen  Erwerb.
Ich  kann  nicht  umhin,  beizufügen,  daß  mir  berichtet
wurde,  er  wünsche  ailSzuivandern.  Die  Beilage»  folgen.
Etablvogtei  zu  Kristiansborg,  den  21.  März  1865.
D.  Broch."
An  den
Herrn  Amtmann  des  Oberlaiides-Dmtes."
„Wird  dem  Herrn  Stadwogt  in  Kristiansborg  mit
dem  Anstichen  zurückgestellt,  Frau  Holmsen  bekannt  zu  geben,
daß  das  Amt  nach  erfolgter  Einsichtnahme  in  den  beigelegten
Kontrakt  nicht  findest  daß  es  Mittel  giebt,  ihren  geschiedenen
Gatten  z»  irgend  einem  Beitrag  zur  Erhaltung  ihres  Kindes
zu  verpflichte»,
Oberlands-Amt,  den  26.  März  1885.
Krohn."

4.  Titelseite  der  ersten  Nummer  des  in  den  „Vorwärts"  umgewandelten  „Berliner  Vottsblatt".  1.  Januar  1891
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        10

liche  Überzeugung  oder  die  politische  Gesinnung  strafen  zu  wollen,  oder  die
äußere  Bekundung  einer  politischen  Meinung  oder  deren  Betätigung  zu
erzwingen.  Ferner  beschloß  der  Kongreß  eine  den  Antisemitismus
scharf  verurteilende  Resolution,  eine  Resolution  zur  Krisenfrage,  sowie
mit  236  gegen  5  Stimmen  eine  Resolution,  die,  unter  Hinweis  auf  den
herrschenden  großen  Geschäftsdruck,  die  Proklamierung  der  allgemeinen
Arbeitsruhe  für  den  1.  Mai  1893  für  undurchführbar  erklärte  und  dafür
empfahl,  die  Feier  am  Abend  des  ersten  Mai  abzuhalten.
Zn  der  Debatte  über  den  Boykott  und  die  gewerkschaftliche  Kontrollmarke
kam  es  zu  Auseinandersetzungen  zwischen  dem  Referenten,  Zgnaz  Auer,  und
dem  Vorsitzenden  der  Generalkommission  der  Gewerkschaften,  Karl  Legien,
die  gegensätzliche  Auffassungen  vermuten  ließen.  Diese  Auseinandersetzungen
wurden  nach  dem  Kongreß  brieflich  und  auch  in  der  Presse  fortgesetzt  und
nahmen  einen  sehr  gereizten  Charakter  an.  Demgemäß  ward  die  Frage
des  Verhältnisses  der  Parteigenossen  zu  den  Gewerkschaften  auf  die  Tagesordnung ­
  des  nun  folgenden  Parteitages  gestellt,  der  vom  22.  bis
28.  Oktober  1893  in  Köln  a.  Rh.  Sitzung  hielt.  Nach  Referaten  von
Auer  und  Legien  und  einer  sehr  lebhaften  Debatte,  in  der  die  Geister  hart
aneinander  gerieten,  ward  eine  Resolution,  die  es  für  die  Pflicht  jedes
Genossen  erklärte,  sich,  sofern  nicht  zwingende  Gründe  ihn  hindern,  der
Gewerkschaft  seines  Berufes  anzuschließen,  mit  169  gegen  29  Stimmen
abgelehnt,  und  darauf  die  Resolution  des  Referenten  angenommen,  die  es  für
Pflicht  der  Genossen  erklärte,  „unermüdlich  für  die  Erkenntnis  der  Bedeutung
der  gewerkschaftlichen  Organisationen  zu  wirken  und  mit  aller  Entschiedenheit
für  deren  Stärkung  einzutreten".  Bezüglich  der  Maifeier  nahm  der
Kongreß,  gemäß  den  inzwischen  auf  dem  Internationalen  Arbeiterkongreß
von  Zürich  in  dieser  Sache  gefaßten  Beschlüssen,  eine  von  Liebknecht  vorgelegte ­
  Resolution  an,  die  erklärte,  daß  die  Partei  die  allgemeine  Arbeitsruhe ­
  als  würdige  Feier  des  ersten  Mai  erstrebt,  bei  der  gegebenen  Wirtschaftslage ­
  aber  nur  denjenigen  Arbeitern  und  Organisationen  die  Arbeitsruhe ­
  empfehle,  die  dazu  ohne  Schädigung  der  Arbeiterinteressen  imstande
seien.  Der  Kongreß  wiederholte  nach  einem  eingehenden  Referat  Bebels,
das  später  erweitert  als  Broschüre  herausgegeben  wurde,  eine  schon  vom
Berliner  Kongreß  angenommene  Resolution  gegen  den  Antisemitismus,
und  erklärte  sich,  entgegen  einer  von  Ed.  Bernstein  in  der  „Neuen  Zeit"
entwickelten  Anregung,  einstimmig  gegen  jede  Beteiligung  an  den  Landtagswahlen ­
  in  Preußen  unter  dem  Dreiklassenwahlsystem.  Dagegen  fand  ein
Antrag  Annahme,  ein  Wochenblatt  der  Partei  herauszugeben.  Dieses
Blatt  trat  am  1.  Februar  1894  unter  dem  Titel  „Der  Sozialdemokrat"
in  Berlin  ins  Leben,  fand  indes  nicht  die  genügende  Verbreitung,  und  so
wurde,  laut  Beschluß  des  Breslauer  Parteitages  (1895),  sein  Erscheinen
mit  Ende  November  1895  wieder  eingestellt.
Über  die  nun  folgenden  Kongresse  mögen  summarische  Zusammenfassungen ­
  Bericht  geben.
Frankfurt  a.  Main  (21.  bis  27.  Oktober  1894).  Debatte  über  Budgetbewilligungen
  im  bayerischen  und  anderen  süddeutschen  Landtagen.  Eine
Resolution,  die  den  Abgeordneten  der  Partei  in  den  Landtagen  die  Verweigerung ­
  der  Budgets  zur  Pflicht  macht,  wird  mit  164  gegen  64  Stimmen
abgelehnt,  nachdem  ihr  mit  131  gegen  103  Stimmen  ein  Amendement  (Stadt-
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        11

Illustrirter  Siegesbericht
Per  „Freisinnigen  Zeiwng"  über  den  Kampf  Mischen  Eugen  Richter  und  Wilhelm  Liebknecht.

5.  Karikatur  auf  Eugen  Richters  Abfertigung  durch  Liebknecht
Aus  dem  .Wahren  Jakob"

Hagen)  angefügt  war.  das  die  Bewilligung  nur  verbieten  wollte,  soweit  sie
„eine  Anerkennung  der  Berechtigung  des  bestehenden  Klassenstaates  oder
ein  Vertrauensvotum  für  die  Regierung  enthält".  Da  dies  Amendement
die  Resolution  unklar  machte,  stimmten  nun  ihre  Verfasser  selbst  gegen  sie.
Beschlossen  wird  eine  von  Schoenlank  und  Vollmar  beantragte  Resolution,
die  ein  Agrarprogramm  der  Partei  und  die  Einsetzung  eines  Agrarausschusses ­
  zur  Ausarbeitung  eines  solchen  Programms  verlangt,  und  es
wird  ein  aus  15  Genossen  bestehender  Ausschuß  mit  dem  Mandat  gewählt,
dem  nächsten  Kongreß  Bericht  zu  erstatten.  Zur  Frage  der  Trusts,
Ringe  und  Kartelle  wird  eine  vom  Referenten  Schippe!  beantragte
Resolution  angenommen,  die  als  Gegenmittel  gegen  die  ausbeuterischen  und
Llnterdrückungstendenzen  dieser  kapitalistischen  Verbindungen  weitgehenden
Arbeiterschutz,  volle  Koalitionsfteiheit  der  Arbeiter  und  Demokratisierung
der  Reichs-,  Staats-  und  Gemeindeverwaltungen  verlangt.  In  der  Maifeierfrage
  wird  der  Kölner  Beschluß  wiederholt.
Breslau  (6.  bis  12.  Oktober  1895).  Mit  Bezug  auf  den  vom  Agrarausschuß
  ausgearbeiteten  Entwurf  eines  Agrarprogramms  nimmt  der
Parteitag  nach  mehrtägiger,  eingehender  Debatte,  die  sich  zeitweise  sehr
erregt  gestaltet,  mit  großer  Mehrheit  (158  gegen  63  Stimmen)  eine  von
Kautsky  beantragte  Resolution  an,  den  Entwurf  zu  verwerfen  und  den
Parteivorstand  zu  beauftragen,  unter  Berücksichtigung  der  Anregungen  der
Agrarkommission  eine  Anzahl  geeigneter  Genossen  mit  der  Abfassung
agrarpolitischer  Abhandlungen  der  Sozialdemokratie  zu  betrauen.  In  Sachen
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        —  12  —
des  Schwiharbeitsystems  und  der  Hausindustrie  wird  eine  vom
Referenten  Tiiniu  beantragte  Resolution  angenommen,  die  Ausdehnung
des  Arbeiterschutzes  auf  die  Lausindustrie,  Kontrollierung  dieser  durch
Aufsichtsbeamte,  die  mindestens  zur  Hälfte  aus  Arbeitern  bestehen  müssen,
verlangt  und  die  Genossen  auffordert,  den  Kampf  für  Beseitigung  dcs
Zwischenmeistersystems  und  für  Errichtung  von  Bctriebswerkstätten  nach
Kräften  zu  unterstützen.
Gotha  (I  I.  bis  16.  Oktober  1896).  Der  Parteitag  nimmt  Resolutionen
an  in  bezug  auf  den  Arbeitcrschutz  und  die  Frauenagitation,  wiederholt ­
  die  Maifeierresolution  der  früheren  Kongresse  mit  der  etwas
verschärften  Wendung  „der  Parteitag  macht  es  den  Arbeitern  und  Arbeiterorganisationen ­
  zur  Pflicht,  .  .  .  überall  da,  wo  die  Möglichkeit  zur
Arbeitsruhe  vorhanden  ist,  die  Arbeit  am  1.  Mai  ruhen  zu  lassen",
und  bestätigt  die  Maßnahmen,  welche  die  Reichstagsfraktion  aus  Anlaß
der  behördlichen  Schließung  der  für  einen  Verein  erklärten  Parteileitung  —
der  „Köller-Kurs"  (siehe  weiter  unten)  —  getroffen  hatte:  Einsetzung  eines
geschäftsführenden  Ausschusses  in  Hamburg  und  Übernahme  der
politischen  Leitung  der  Partei  durch  die  Reichstagsfraktion,  bis  die  Rechtsfrage ­
  durch  das  Reichsgericht  entschieden  sei.
Hamburg  (3.  bis  9.  Oktober  1897).  Die  Maifeier-Resolution  von
Gotha  wird  erneuert,  den  Beschlüssen  eines  in  Zürich  abgehaltenen  internationalen ­
  Arbeiterschutzkongresses  wird  zugestimmt,  die  Resolution
des  Kölner  Parteitags  betreffs  der  Wahlenthaltung  bei  den  preußischen
Landtags  wählen  wird  nach  eingehender  Debatte  mit  160  gegen  50  Stimmen
aufgehoben  und  mit  145  gegen  64  Stimmen  eine  von  Bebel  vorgeschlagene
und  vom  Kongreß  amendierte  Resolution  angenommen,  welche  die  Beteiligung ­
  an  den  nächsten  preußischen  Landtagswahlen  überall
dort  für  geboten  erklärt,  wo  die  Verhältnisse  eine  solche  den  Parteigenossen
ermöglichen,  Kompromisse  und  Bündnisse  mit  anderen  Parteien  jedoch  für
unstatthaft  erklärt.
Stuttgart  (3.  bis  8.  Oktober  1898).  Die  wichtigsten  der  von  diesem  Parteitag ­
  beschlossenen  Resolutionen  betreffen  die  Abrüstungsfrage  (Kritik  des
Abrüstungsvorschlags  des  Zaren  Nikolaus  II.),  das  Koalitionsrccht
(Antwort  auf  die  Tischrede  Wilhelms  II.  in  Öynhausen,  die  Zuchthausstrafe
für  die  Anreizung  von  Streiks  in  Aussicht  stellte),  die  Landtagswahlbcteiligung
  in  Preußen  (Freigabe  der  Entscheidung  über  Eintritt  in
den  Wahlkampf  an  die  Genossen  in  den  einzelnen  Wahlkreisen  und  Festsetzung ­
  der  Bedingungen  für  die  Unterstützung  von  Nichtsozialisten  in  Stichwahlen), ­
  den  Bergarbeiterfchutz  (Annahme  einer  von  Hermann  Sachse
begründeten  Resolution  zugunsten  eines  durchgreifenden  Bergarbeiterschutzes),
die  Attentate  und  die  Repressionspolitik  (Verwerfung  der  Attentate
auf  hochgestellte  Personen  und  Verurteilung  der  Ausnutzung  von  Attentaten
zu  politischen  ünterdrückungsmaßrcgeln),  sowie  die  Zoll-  und  Landelspolitik
  (entschiedene  Ablehnung  der  Schutzzöllnerei  und  Aufforderung,  bei
Handelsverträgen  im  Sinne  der  Verkehrsfreiheit  zu  kämpfen).  Zu  diesem
letzteren  Punkte  waren  zwei  Resolutionen  beantragt  —  die  eine  vom
Referenten  Schippe!,  die  andere  von  K.  Kautsky  —,  die  zwar  aus  die
gleichen  Forderungen  hinausliefen,  aber  in  der  Tonart  und  zum  Teil  auch
in  der  Begründung  von  einander  abwichen,  und  obwohl  Schippe!  schließlich
        <pb n="14" />
        13

seine  Resolution  zugunsten  der  von  Kautsky  eingebrachten  zurückzog,  nachdem
diese  auf  Vorschlag  von  Bebel  an  einer  Stelle  eine  weniger  unbedingte
Formulierung  erhalten  hatte,  war  der  Eindruck  der  Debatte  doch  der,  daß
über  die  verhandelte  Frage  noch  erhebliche  Meinungsverschiedenheiten
bestanden.  Zu  lebhaften  Erörterungen  gab  auf  dem  Kongreß  auch  eine
Rede  Veranlassung,  in  der  nach  Auffassung  von  verschiedenen  Genossen
der  inzwischen  in  den  Reichstag  gewählte  Genosse  Wolfgang  Leine  die
Bewilligung  von  Kanonen  für  Volksrechte  in  Aussicht  gestellt  haben
sollte.  Auch  Artikel  von  Eduard  Bernstein,  worin  dieser  sich  über  die
Wahrscheinlichkeit  einer  katastrophalen  Entwickelung  und  die  Bedeutung  des
Endziels  der  Partei  für  die  Taktik  geäußert  hatte,  sowie  eine  Zuschrift
des  Genannten  an  den  Kongreß  ließen  starke  Meinungsverschiedenheiten
zutage  treten.
Hannover  (9.  bis  14.  Oktober  1899).  Neben  einer  Resolution,  die
die  Aufforderung  zum  Kampf  wider  die  noch  nicht  erledigte  Zuchthausvorlage ­
  der  Regierung  wiederholt,  sind  die  Lauptresolutionen  des  Parteitages ­
  eine  von  Bebel  beantragte  und  in  sechsstündiger  Rede  begründete
längere  Resolution  über  die  Grundanschauungen  der  Partei  und  eine
von  Geyer  begründete  Resolution  über  die  Stellung  der  Partei  zum
Militarismus.  Zu  ersterer  hatte  das  im  Frühjahr  1899  erschienene
Buch  Eduard  Bernsteins:  „Die  Voraussetzungen  des  Sozialismus  und  die
Aufgaben  der  Sozialdemokratie"  Anlaß  gegeben,  und  die  nach  drcieinhalbtägiger,
  teilweise  sehr  scharfer  Debatte  beschlossene  Resolution  erklärt,  daß
die  bisherige  Entwickelung  der  bürgerlichen  Gesellschaft  der  Partei  keine
Veranlassung  gebe,  ihre  Grundanschauungen  über  diese  aufzugeben  oder
zu  ändern,  und  kein  Grund  für  sie  vorliege,  ihr  Programm,  ihre  Taktik,
oder  ihren  Namen  zu  ändern.  Zur  erneuten  Erörterung  der  Frage  des
Militarismus  hatte  ein  Aufsah  Nlar  Schippels:  „V9ar  Friedrich  Engels
milizgläubig"  Anlaß  gegeben.  Hier  erhielt  die  Diskussion  einen  noch
gereizteren  Charakter,  und  neben  der  Lauptresolution,  welche  rein  sachlich
das  Festhalten  am  Kainpf  wider  den  Militarismus  betont,  ward  noch  eine
Resolution  angenommen,  welche  erklärt,  daß  die  Ausführungen  Schippels
über  die  Militärfrage  im  Widerspruch  mit  den  Grundsätzen  der  Sozialdemokratie ­
  ständen.  Aus  dem  Vvrstandsbericht  an  den  Kongreß  verdient
hervorgehoben  zu  werden,  daß  die  Partei  im  Februar  und  März  1899
in  fünf  Wochen  über  88  000  Mk.  zugunsten  der  Angehörigen  von
neun  in  Löbtau  in  Sachsen  wegen  eines  unbedeutenden  Krawalles  zu
57  Jahren  Zuchthaus  und  4  Jahren  Gefängnis  verurteilten  Arbeitern
gesammelt  hatte.  Das  Löbtauer  Arteil  hatte  die  sozialistische  Arbeiterschaft
Deutschlands  mit  Recht  im  höchsten  Grade  erregt.
Mainz  (17.  bis  21.  September  1900).  Die  Teilnahme  Deutschlands  an
der  internationalen  Aktion  zur  Niederwerfung  des  Boxeraufstandes  in  China
gab  den  Anlaß,  die  Frage  der  Weltpolitik  auf  die  Tagesordnung  des  Kongresses ­
  zu  setzen.  Eine  von  Paul  Singer  eingebrachte  und  begründete  Resolution, ­
  welche  die  kapitalistische  und  militaristische  Welt-  und  Kolonialpolitik
verurteilt,  wird  einstimmig  angenommen,  und  ebenso  findet  eine  Resolution
gegen  Englands  Krieg  wider  die  Transvaalburen  Annahme.  Annahme
findet  auch  eine  von  R.  Calwer  beantragte  und  begründete  Resolution
über  die  Verkehrs-  und  Handelspolitik  der  Sozialdemokratie,
        <pb n="15" />
        14

6  und  7.  Verstorbene  Redakteure  des  „Vorwärts"
doch  findet  ein  Teil  der  Begründungsrede  Calwers,  worin  dieser  sich  für
Kündigung  des  Meistbegünstigungsvertrags  mit  den  Vereinigten  Staaten
ausspricht,  der  dem  Abschluß  günstiger  Landclsverträge  im  Wege  stehe,
starken  Widerspruch  und  hat  eine  Amcndierung  der  Resolution  zur  Folge.
Weiter  beschließt  der  Kongreß,  da  das  Verbot  der  Verbindung  von  politischen ­
  Vereinen  durch  Reichsgeseh  vom  Dezember  1899  in  Wegfall  gekommen ­
  war,  ein  von  I.  Auer  begründetes  neues  Organisationsstatut ­
  der  Partei  und  beschließt  auf  Antrag  Bebel,  daß  in  denjenigen
deutschen  Staaten,  wo  das  Dreiklassenwahlsystem  bestehe,  die  Genossen
bei  den  nächsten  Wahlen  mit  eigenen  Wahlmännern  in  die  Wahlagitation ­
  einzutreten  hätten.  Dem  Parteitag  war  eine  erste  Konferenz
sozialdemokratischer  Frauen  Deutschlands  vorausgegangen,  die  ein
Organisationsstatut  für  die  sozialdemokratischen  Frauen  Deutschlands ­
  schuf.
Lübeck  (22.  bis  28.  September  1901).  Es  wird  beschlossen:  eine  von
Südekum  beantragte  und  begründete  Resolution  zur  Wohnungsfrage,
eine  Resoluüon  Bebels  gegen  den  bekannt  gewordenen  Zolltarif-Entwurf
der  Reichsregierung,  eine  Resolution  Bebel,  welche  den  Vertretern  der
Partei  in  den  gesetzgebenden  Körpern  der  Einzelstaaten  die  Ablehnung
der  Gesamtbudgets  überall  dort  zur  Pflicht  macht,  wo  nicht  besondere
Ausnahmeverhältnisse  zur  Zustimmung  zwingen,  eine  Resoluüon  Fischer
und  eine  Resolution  Bernstein  über  das  Recht  der  Parteimitgliedschaften,
gewerkschaftlichen  Disziplinbruch  und  Sonderbündelei  durch  Ausschluß ­
  zu  beantworten  (Angelegenheit  der  Akkordmaurer  in  Lam  bürg).
Ein  Vortrag,  den  Ed.  Bernstein  im  Sozialwissenschaftlichen  Studcntenverein
  zu  Berlin  über  die  Frage  gehalten  hatte,  ob  wissenschaftlicher  Sozialismus ­
  möglich  sei,  gab  zu  einer  längeren  Debatte  Anlaß  und  endete  mit
Annahme  einer  Resolution  Bebel,  die  erklärt,  daß  Bernstein  durch  einseitige ­
  Kritik  der  Partei  sich  in  eine  zweideutige  Position  gebracht  und  die
Mißstimmung  eines  großen  Teils  der  Genossen  erregt  habe,  der  Parteitag
        <pb n="16" />
        15

8  und  9.  Verstorbene  Redakteure  des  „Vorwärts"

erwarte,  „daß  Bernstein  sich  dieser  Erkenntnis  nicht  verschließen  und  danach
handeln  werde".
München  (14.  bis  20.  September  1902).  Wichtigste  Beschlüsse:  Eine
von  Molkenbuhr  begründete  Resolution  betreffs  Ausdehnung,  Ausbau  und
Vereinheitlichung  der  Arbeiterversicherung,  eine  Resolution,  welche  die
Sondcrorganisation  der  Polnischen  Sozialistischen  Partei  in  Deutschland ­
  sür  ungerechtsertigt  erklärt,  sowie  eine  Resolution,  die  den  sozialistischen
Frauen  das  Recht  auf  eigene  Vertrauenspersonen  zuspricht.  Dem  Parteivorstand ­
  wird  ein  eingehendes  Referat  Lindemanns  über  Kommunalpolitik
zur  Verwendung,  ein  Referat  Bebels  über  die  für  1903  bevorstehende ­
  Reichstagswahl  zur  Herausgabe  als  Broschüre  überwiesen.
Die  Mitarbeiterschaft  hervorragender  Parteivertreter  an  den  „Sozialistischen
Monatsheften"  bildet  den  Gegenstand  einer  lebhaften  Debatte,  ohne  zu  einer
Beschlußfassung  zu  führen.
Dresden  (13.  bis  20.  September  1903).  Nach  langen  und  erregten
Debatten  wird  eine  Resolution  angenommen,  welche  für  die  Mitarbeit
von  Sozialisten  an  bürgerlichen  Blättern  gewisse  Regeln  aufstellt,
und  ebenso  eine  Resolution  gegen  revisionistische  Bestrebungen,
welche  die  auf  dem  Klassenkampf  beruhende  Taktik  der  Partei  in  eine
Politik  der  bloßen  Reformierung  der  bürgerlichen  Gesellschaft
abändern  wollen.  Zur  ersteren  Resolution  hatte  die  Mitarbeiterschaft  von
Georg  Bernhard,  Lily  Braun  und  noch  einigen  Parteigenossen  an
der  Lardenschen  „Zukunft"  und  eine  Polemik  der  Genannten  mit  Franz
Mehring,  zur  letzteren  eine  Anregung  Ed.  Bernsteins  Anlaß  gegeben,
die  Reichstagsfraktion  der  Sozialdemokratie  solle  ihren  Anspruch  auf  den
ihr  nach  ihrer  Stärke  gebührenden  Vizepräsidentenposten  geltend  machen
und  den  Gegnern  die  Ablehnung  nicht  durch  Verweigerung  von  Repräsentationspflichten
  erleichtern.  Die  Frage  war  durch  den  großen  Wahlsieg  der
Sozialdemokratie  vom  16.  Juni  1903  und  die  ihm  vorhergegangenen  Kämpfe
im  Reichstag  —  die  Obstruktion  der  Sozialdemokratie  gegen  die  Durch-
        <pb n="17" />
        16

10.  Ignaz  Auer  zur  Zeit  seiner
Tätigkeit  am  „Vorwärts"

peitschung  des  neuen  Zolltarifs  und  der.
Umsturz  der  Geschäftsordnung
des  Reichstags  von  seiten  der  konservativ ­
  -  klerikalen  Reichstagsmehrhei
—  aktuell  geworden.  Für  die  von  ihr
geübte  Obstruktion  sprach  der  Kongreß ­
  der  sozialdemokratischen  Fraktior
in  einer  besonderen  Resolution  Dan!
und  Anerkennung  aus.
Bremen  (18.  bis  24.  September
1904).  Der  Kongreß  setzt  eine  Kommission ­
  zur  Revision  des  Organisationsstatuts ­
  der  Partei  ein,  be
schließt  eine  von  Lindemann  be
antragte  Resolution  überK  o  m  m  u  n  a  l
Politik,  ein  von  Bebel  beantragter
Tadels  votum  gegenMaxSchippe.
wegen  der  Art  der  Behandlung  der
Frage  der  Lebensmittelzölle  in
Wort  und  Schrift,  ferner  eine  Resolution, ­
  die  Kampf  gegen  den  Alko
Holismus  verlangt,  eine  Resolution  für  Befreiung  der  Volksschul
aus  ihrer  Stellung  als  Magd  der  herrschenden  Klassen,  und  beauftragt  di  -
Reichstagsfraktion,  Anträge  auf  Beseitigung  der  Ausnahmegesetz
gegen  Landarbeiter  und  auf  Schaffung  eines  Fremdenrechts  ein
zubringen.
Jena  (17.  bis  23.  September  1905).  Der  Kongreß  beschließt  ein
neues  Organisationsstatut,  das  die  sozialdemokratischen  Vereine
der  Reichstagswahlkreise  zur  Grundlage  der  Parteiorganisation  nimmt
und  nur,  wo  keine  solche  Organisation  möglich  ist,  sowie  für  Frauen  das
System  der  Vertrauenspersonen  aufrecht  erhält.  Er  nimmt  in  einer  von
Bebel  begründeten  Resolution  nach  eingehender  Debatte  zum  politischen
Massenstreik  bejahend  Stellung,  drückt  den  Sozialisten  und  Arbeiter  i
im  Kampf  für  die  Revolution  in  Rußland  seine  Sympathie  aus.
Er  beauftragt  die  Reichstagsfraktion,  Gesetzentwürfe  für  Pandelshilfsarbeiter, ­
  für  Änderung  des  Militärstrafgesetzes,  für  Demokratisierung ­
  Elsaß-Lothringens,  für  Trennung  von  Staat  und  Kirche
einzubringen,  sowie  fortan,  statt  für  paritätische  Arbeitskammern,  für  Arbeiterkammern ­
  einzutreten,  und  bekräftigt,  nach  lebhafter  Debatte,  die  von  Kongreß ­
  zu  Kongreß  erneute  Resolution,  welche  zur  Feier  des  ersten  Mci
durch  Arbeitsruhe  auffordert.  Ein  Teil  der  Redner  hatte  dafür  gesprochen, ­
  die  Frage  einer  Abänderung  der  Maifeier  in  Erwägung  z  i
ziehen,  weil  die  Arbeitsruhe  den  Gewerkschaften  zwecklose  Opfer  aufhals.
Ein  Pressestreit  zwischen  der  Redaktion  der  „Neuen  Zeit"  und  d  r
Redaktion  des  „Vorwärts"  wird  durch  eine  Resolution  erledigt,  die  anerkennt, ­
  daß  der  Streit  sich  um  sachliche  Fragen  drehte,  aber  den  Ton,  in
dem  er  geführt  wurde,  mißbilligt,  und  die  Parteischriftsteller  auffordei,
ihre  Tätigkeit  in  erster  Linie  der  Austlärung  der  Genossen  und  der  B  .•
kämpfung  der  Gegner  zu  widmen.
        <pb n="18" />
        Dem  Jenaer  Parteitag  der  deutschen ­
  Sozialdemokratie  war  der  erste
Parteitag  der  sozialdemokratischen ­
  Partei  Preußens  vorausgegangen, ­
  der  vom  28.  bis  31.  Dezember ­
  1904  in  Berlin  tagte  und  von
148  Delegierten  besucht  war.  Dieser
Parteitag  faßte  nach  Referaten  von
Lugo  Leimann,  Art.  Stadthagen, ­
  Leo  Arons  und  Georg
Ledebour  Beschlüsse  über  einen
Wohnungsgesetz-Entwurs  der
Regierung  und  einen  Gesetzentwurf
dieser  gegen  kontraktbrüchige  Arbeiter, ­
  über  ein  Schulgesetz-Programm,
  sowie  über  die  Frage
des  Kampfes  für  das  gleiche
Wahlrecht  in  Preußen.  Die
Parteivertretung  von  Groß-Berlin
wurde  beauftragt,  spätestens  1906
einen  zweiten  preußischen  Parteitag
einzuberufen  und  diesem  Vorschlage
für  eine  Landesorganisation  dcrSozialdemokratie
  Preußens  zu  unterbreiten.
3.  Die  letzten  Jahre  der  Ära  Caprivi.
Wir  kehren  nunmehr  zur  Schilderung  des  allgemeinen  Ganges  der
Politik  im  Reich  und  in  Preußen  zurück.
Am  6.  Mai  1893  lehnte  der  Deutsche  Reichstag  mit  210  gegen  162
Stimmen  eine  Militärvorlage  der  Regierung  ab,  die  für  die  Einführung
der  zweijährigen  Dienstzeit  eine  Erhöhung  der  Friedenspräsenzstärke  um
nahezu  100  000  Mann  verlangte,  sowie  einen  Vermittelungsantrag  des
Zentrumsabgeordneten  von  Lucne,  der  die  Erhöhung  auf  70  000  Mann
gebracht  hätte,  worauf  die  Regierung  den  Reichstag  auflöste  und  auf
den  15.  Juni  1893  Neuwahlen  ausschrieb.  In  dem  nun  sich  abspielenden
Wahlkamps  wurden  von  Seiten  der  Gegner  der  Sozialdemokratie  die
Broschüren  Eugen  Richters,  worin  dieser  den  Sozialismus  als  unmöglich
hinzustellen  suchte,  in  vielen  Lunderttausenden  verteilt,  während  von  sozialdemokratischer ­
  Seite,  neben  anderen  Agitationsschriften,  das  Stenogramm  über
Reichstagsverhandlungen  vom  Januar  und  Februar  1893  über  den  Zukunftsstaat ­
  der  Sozialdemokratie,  bei  denen  diese  und  die  gegnerischen
Parteien  ihre  Lauptredner  ins  Feld  geschickt  hatten,  in  hunderttausend
Exemplaren  verbreitet  wurde.  Das  Resultat  war,  daß  die  Sozialdemokratie
ihre  Stimmen  von  1  427  000  auf  1  787  000  vermehrte  und  44  Vertreter
in  den  Reichstag  entsandte,  während  sic  1890  nur  35  Abgeordnete  durchgebracht ­
  hatte.  In  Berlin  eroberte  die  Sozialdemokratie  zum  vierten  und
sechsten  noch  den  zweiten,  dritten  und  fünften  Wahlkreis  und  vermehrte
ihre  Stimmen  von  126  000  auf  151  000.  Sonst  aber  ergaben  die
Wahlen  eine  für  die  Leeresvorlagen  der  Regierung  günstigere  Zusammen-
        <pb n="19" />
        19

13.  Karl  Kautsky  14.  Paul  Singer
Deutsche  Mitarbeiter  des  „Vorwärts"

sehnng  des  Reichstags.  Die  Freikonservativen,  Nationalliberalen  und
Antisemiten  kamen  um  zusammen  30  Äl!andate  verstärkt  in  den  Reichstag
zurück,  die  Zentrumspartei  verlor  10,  die  Freisinnspartei  29  Mandate.  Die
letztere  hatte  sich  noch  vor  der  Wahl  in  eine  der  Militärvorlage
feindliche  Mehrheit  irnd  eine  zum  Nachgeben  in  der  Militärfrage
geneigte  Minderheit  —  Bamberger,  Barth,  Rickert,  Schräder  usw.  —
gespalten.  Die  Mehrheit  nahm  unter  Führung  Eugen  Richters  den
Namen  Freisinnige  Volkspartei  an,  die  Minderheit  nannte  sich
Freisinnige  Vereinigung.  Keine  der  beiden  Gruppen  vermochte  in  der
Lauptwahl  einen  Abgeordneten  aus  eigner  Kraft  durchzubringen,  erst
in  der  Stichwahl  erlangte  die  Freisinnige  Volkspartei  —  damals  die
Wafserstiefler  genannt  —  24,  die  als  Partei  der  Wadelstrümpfler  bezeichnete
Freisinnige  Vereinigung  13  Mandate.  Der  auf  den  16.  Juli  1893  einberufene ­
  neue  Reichstag  bewilligte  nun  die  nach  den  Vorschlägen  des  Lerrn
von  Luene  umgestaltete  Militärvorlage  und  wurde  schon  am  15.  Juli  in
die  Ferien  geschickt,  damit  er  in  der  Wintersession  1893/94  die  durch  die
Leeresvermehrung  nötig  gewordenen  neuen  Einnahmequellen  bewillige.  In
diesem  Punkt  stieß  die  Regierung  aber  auf  einen  etwas  kräftigeren  Widerstand. ­
  Das  von  Miquel  ausgearbeitete  Steuerprogramm  wollte  den  Tabak
in  Gestalt  einer  Fabrikatsteucr  jährlich  45  Millionen  „bluten"  lassen,  eine
Weinsteuer  sollte  17  Millionen  ergeben,  teils  neue  und  teils  erhöhte
Stempelabgaben  sollten  35  Millionen  einbringen.  Jedoch  wurden  nach
langem  Verhandeln  nur  eine  Börsensteuer  und  später  noch  einige  der
2*
        <pb n="20" />
        20  -
Stempelabgaben  bewilligt,  dagegen
mußten  die  Vorlagen  betreffs  Tabak
und  Wein  zurückgezogen  werden.
Lim  die  gleiche  Zeit  erwuchs  der
Regierung  des  Perm  von  Caprivi
ein  gefährlicher  Gegner  in  dem  im
Februar  1893  gegründeten  Bund
der  Landwirte,  der  sich  die  politische ­
  Vertretung  der  Interessen  des
ländlichen  Grundbesitzes  zur  Aufgabe
gemacht  und  schon  auf  die  Wahlen
vom  Juni  1893  seinen  Einfluß  geltend
gemacht  hatte.
Nachdem  die  Mißernten  von
1890/91  überwunden  waren,  hatte  der
Fall  der  Getreidepreise  auf  dem
Weltmarkt  von  neuem  eingesetzt,  und
1893/94  erreichten  die  Preise  von
Weizen  und  Roggen  einen  Stand,
wie  sie  ihn  tiefer  seit  vielen  Jahrzehnten ­
  nicht  gehabt  hatten.  Weizen
fiel  bis  auf  135,  Roggen  bis  auf
118  Mark  die  Tonne.  Schon  ehe
es  dahin  kam,  schrieen  die  Agrarier
nach  Abhülfe  und  setzten  dem  Abschluß ­
  der  Handelsverträge  mit  Rumänien, ­
  Serbien  und  Spanien,  über  die  es  am  15.  Dezember  1893  zur  entscheidenden ­
  Abstimmung  kam,  sowie  namentlich  dem  am  16.  März  1894
zur  Abstimmung  gelangenden  Handelsvertrag  mit  Rußland  den  heftigsten
Widerstand  entgegen.  Nur  dadurch,  daß  die  sozialdemokratischen  Abgeordneten ­
  für  die  Verträge  stimmten,  konnten  diese  eine,  ohnehin  nur
sehr  knappe  Mehrheit  erlangen.  Llm  die  Agrarier  zu  versöhnen,  gewährte
man  ihnen  —  Gesetz  vom  14.  April  1894  —  die  Aufhebung  des  Inditätsnachweises
  bei  der  Getreideausfuhr,  eine  Maßregel,  dank
deren  der  Vertragszoll  für  Getreide,  der  sich  immer  noch  auf  3,50  Mark
für  den  Doppelzentner  belief,  im  Preis  des  heimischen  Marktes  gegenüber
dem  Weltmarktpreis  zum  vollen  Ausdruck  gebracht  ward.  Aber  dieses
„kleine  Mittel"  genügte  den  Agrariern  nicht,  und  ebensowenig  waren  sie
mit  der  Zusage  zufrieden,  ihnen  in  der  Gestalt  von  Landwirtschaftskammern ­
  eine  besondere  Interessenvertretung  einzurichten,  was  für  Preußen
durch  Gesetz  vom  30.  Juni  1894  auch  besorgt  wurde.  Die  ein  halbes
Jahr  nach  den  Reichstagswahlen  von  1893  erfolgten  Abgeordnetenwahlen
hatten  im  preußischen  Landtag  die  Zahl  der  konservativen  Abgeordneten
auf  209  erhöht,  die  der  Freisinnigen  bis  auf  20  vermindert.  Konservative ­
  und  Zentrum  hatten  hier  schon  Anfang  1892  durch  ihre  Packung
in  der  Schulfrage  Caprivi  veranlaßt,  sein  Amt  als  preußischer  Ministerpräsident ­
  niederzulegen,  worauf  der  den  Junkern  viel  genehmere  Graf  Eulenburg ­
  diesen  Posten  erhielt.  Mit  der  Junkerkammer  als  Deckung  führten
nun  die  Agrarier  eine  immer  herausforderndere  Sprache  gegen  Caprivi  und
        <pb n="21" />
        21

16.  Keir  Äardie  (London)  17.  Jules  Guesde  (Paris)
15  bis  17.  Ausländische  Mitarbeiter  des  „Vorwärts"

seine  Leute.  Der  Reichskanzler  „ohne  Ar  und  Kalm",  d.  h.  der  nicht  am
Boden-  und  Getreidcpreis  mitinteressierte  Staatsmann,  sollte  vor  ihnen  zu
Kreuze  kriechen  oder  er  werde  beseitigt  werden.  Schon  auf  der  Generalversammlung ­
  des  Bundes  der  Landwirte  vom  17.  Februar  1894  wurden
Drohungen  aller  Art  in  der  unverblümtesten  Weise  kundgegeben.  Dann
wurde  im  Reichstag  von  den  Konservativen  der  berühmte  Antrag  Kanitz
eingebracht,  wonach  das  Reich  das  Getreidehandelsmonopol  einführen,  d.  h.
als  einziger  Abnehmer  den  Landwirten  das  Getreide  zu  festen  Mindestpreisen ­
  abkaufen  sollte,  um  es  dann  durch  seine  Agenturen  dem  Publikum
wieder  zu  verkaufen.  Als  Verkaufspreis  sollte  der  Durchschnittspreis  der
Periode  von  1855  bis  1894  gelten,  lvas  für  Weizen  215  Mark,  fiir  Roggen
165  Mark  pro  Doppelzentner  ergeben  hätte.  Sowohl  die  Reichsrcgierung
wie  die  Rcichstagsmehrheit  fanden  den  junkerlichen  Agrarsozialismus  ungenießbar ­
  und  ließen  den  Antrag,  der  am  13.  April  1894  zur  Verhandlung
kam,  glatt  abfallen,  auch  die  Sozialdemokraten  stimmten  mit  der  ablehnenden
Mehrheit.  Aber  die  Agrarier  waren  nicht  so  leicht  kleinzukriegen.  „Wir
müssen  unter  die  Sozialdemokraten  gehen  und  der  Regierung  Opposition
machen",  hatte  schon  Ende  1892  einer  der  ihren,  der  Rittergutspächtcr
Ruprecht  auf  Ransen,  proklamiert,  und  „wir  müssen  aufhören  zu  klagen,
wir  müssen  schreien  und  schreien,  daß  es  bis  an  die  Stufen  des  Thrones
dringt".  Anker  die  Sozialdemokraten  gingen  sie  nun  freilich  nicht,  aber
Opposition  machten  sie,  daß  es  nur  so  eine  Art  hatte,  ^mentuch  an
der  Wilhelm  II.  am  Kerzen  liegenden  Vorlage  über  den  Rhein--kveier-
        <pb n="22" />
        Kanal,  der  das  Kulturwerk  eines  direkten  Wasserweges  zwischen  dem
Westen  und  dem  Osten  Deutschlands  verwirklichen  sollte,  kühlten  sie
ihr  Mütchen.  Sie  wußten  aus  Erfahrung,  daß  ihnen  im  Staate  der
Lohenzollern  kein  ernsthaftes  Leid  zugefügt  werden  würde,  daß  sie  als
Klasse  fester  saßen,  wie  die  Minister,  die  ihr  Amt  von  Königsgnaden  ausüben: ­
  ein  Klassenbewußtsein,  das  seinen  unverhüllten  Ausdruck  in  dem
famosen,  mit  tosendem  Beifall  aufgenommenen  Wort  des  Lerrn  von
Diest-Daber  gefunden  hat:  „Die  Minister  können  uns  —  sonst  was!"
Es  gehörte  zu  diesen  Kriegserklärungen  kein  besonderer  Mut,  von  allen
möglichen  Leuten  ward  auf  den  Sturz  Caprivis  hingearbeitet.  Namentlich
die  äußerst  rührige  Clique  um  Bismarck  tat  alles,  den  Nachfolger  des  im
Sachsenwald  Ränke  spinnenden  emeritierten  Reichskanzlers  herabzusetzen
und  zu  isolieren.  Die  Magnaten  der  Industrie  waren  höchst  unzufrieden,
daß  der  Landelsminister  von  Berlepsch  und  der  Minister  des  Innern  von
Bötticher  etwas  arbeitersreundliche  Sozialreform  betrieben;  das  ihnen  von
letzterem  auf  einem  Festmahl  zugerufene  „meine  Lerren,  wir  arbeiten  ja
nur  für  Sie"  entwaffnete  ihren  Zorn  nicht,  sie  wollten  auch  dem  Staat
gegenüber  die  „Lerren  im  Lause"  sein.  Den  Bureaukraten  und  Großherren ­
  im  Osten  paßte  Caprivis  versöhnliche  Polenpolitik  nicht,  sie  wollten
eine  Politik  der  starken  Faust  und  arbeiteten  den  Bestrebungen  des
Ministers,  wo  sie  konnten,  nach  Kräften  entgegen,  und  den  bismarckgläubigen
Philistern  ward  in  der  Lardenschen  „Zukunft"  offenbart,  daß  die  polenfreundliche ­
  Politik  der  preußischen  Regierung  in  Petersburg  sehr  verschnupft» ­
  werde  und  so  einen  weiteren  Beweis  für  die  diplomatische  Anfähigkeit ­
  Caprivis  liefere.  Andere  Elemente  der  besitzenden  Klassen  konnten
es  nicht  vertragen,  daß  die  Sozialdemokratie  sich  leidlich  frei  bewegen
durfte.  Das  alles  waren  nun  Leute,  die  in  den  Regierungsbureaus
einflußreiche  Verbindungen  hatten,  und  Caprivi  fand  sich  auf  Schritt
und  Tritt  von  Elementen  umgeben,  die  seiner  Politik  Steine  in  den
Weg  legten.
Da  brachte  eine  Amsturzvorlage,  für  die  der  preußische  Ministerpräsident
Eulenburg  die  Ermordung  des  Präsidenten  der  französischen  Republik,  Sadi
Carnot,  durch  den  italienischen  Anarchisten  Caserio  zum  Anlaß  genommen
hatte,  sowie  der  Empfang  einer  ostpreußischcn  Deputation  des  Bundes  der
Landwirte  durch  den  Kaiser  das  Faß  zum  Überlaufen.  Noch  am  6.  September ­
  1894  hatte  Wilhelm  II.  auf  dem  Festmahl  der  Vertreter  der  Provinz ­
  Ostpreußen  diesen  vorgerechnet,  daß  in  vier  Jahren  110  Millionen
Mark  aus  Staatsmitteln  für  Meliorationen  usw.  in  Ost-  und  Westpreußen
verausgabt  worden  seien,  die  Junker  ermahnt,  die  Angunst  der  Zeit  in
christlicher  Duldung  und  Loffnung  auf  bessere  Zeit  zu  ertragen,  und  eine
Opposition  preußischer  Adliger  gegen  den  König  für  ein  „Anding",  für
eine  Sache  erklärt,  die  „nur  dann  Berechtigung  hat,  wenn  sie  den  König
an  ihrer  Spitze  weiß".  Am  20.  Oktober  aber  empfing  Wilhelm  die  Vertreter
der  Organisation,  die  seinem  Kanzler  die  schärffte  Opposition  machte,  und  ließ
ein  paar  Loyalitätsbeteuerungen  als  Beweis  gelten,  daß  seine  Worte  beherzigt ­
  werden  würden.  Zugleich  begrüßte  er  die  Deputation  als  Anzeichen
dafür,  daß  „die  Ostpreußen,"  wozu  er  sie  aufgefordert,  „in  erster  Linie
ihrem  Könige  in  dem  Kampfe  für  Religion,  Sitte  und  Ordnung  folgen
würden".  Das  ging  auf  die  Eulenburgische  Vorlage,  gegen  die  Caprivi
        <pb n="23" />
        23

sich  anfangs  ablehnend  verhalten  und  dann  etliche  Abmilderungen  im
Bundesrat  durchgesetzt  hatte.  Der  alte  Militär  merkte,  was  die  Glocke
geschlagen  hatte,  und  reichte  seine  Entlassung  ein,  die  ihm  auch  unverzüglich
bewilligt  wurde.  Die  Ära  Caprivi  hatte  ihr  Ende  gefunden.
4.  Unter  der  Schaukelpolitik  des  Chlodwig  Hohenlohe.
Caprivi  war  den  Gegenminen  der  Eulenburg  und  Miquel  erlegen,
aber  die  Sieger  sollten  mit  leeren  Länden  ausgehen.  Als  Eulenburg,  wie
die  Form  dies  vorschrieb,  gleichzeitig  mit  Caprivi  um  seine  Entlassung  einkam, ­
  nahm  Wilhelm  II.  auch  sie  an,  und  statt  Miquels,  in  dem  manche
schon  den  Nachfolger  Caprivis  erblickt  hatten  und  der  sich  auch  mit
den  Agrariern  gut  zu  stellen  verstand,  ward  der  fünfundsiebzigjährige
Fürst  Chlodwig  Lohenlohe-Schillingsfürst  Reichskanzler.  Der
kluge  Aristokrat,  der  bis  dahin  Statthalter  von  Elsaß  -  Lothringen  gewesen
war,  bedang  sich  indes  aus,  Reichskanzler  und  preußischer  Ministerpräsident ­
  in  einer  Person  zu  sein.  So  war  er  wenigstens  nach  einer
Seite  hin  vor  Gegenminen  gesichert.  Im  übrigen  zeichnete  sich  seine
Amtsführung  durch  die  Tendenz  aus,  möglichst  nach  keiner  Seite  hin
anzustoßen  und  die  Stürmer  und  Dränger  durch  Hinhalten  wenigstens  zeitweise ­
  unschädlich  zu  machen.  Die  Agrarier  erhielten  zwar  ihre  wiederholt ­
  beantragte  Verstaatlichung  des  Getreidehandels  nicht,  auch  auf  die
verlangte  Einführung  der  Doppelwährung  —  die  verkappte  Silberwährung  —
mußten  sie  verzichten,  dafür  aber  ward  ihnen  ein  Börsengesetz  zuteil,  das
die  Effektenbörse  und  noch  mehr  die  Produktenbörse  verkrüppelte,  zugleich ­
  jedoch  Mitursache  wurde,  daß  der  Bankdiskont  sich  in  Deutschland  in
der  Regel  merkbar  höher  stellte  als  in  England  und  Frankreich  und  die  Großbanken ­
  in  fabelhaft  raschem  Wachstum  auf  Kosten  der  kleinen  und  mittleren
Bankiers  an  Ausdehnung  und  Macht  zunahmen.  Des  weiteren  erhielten
sie  neue  Geschenke  auf  dem  Gebiete  der  Branntwein-  und  Zuckersteuergesehgebung,
  Slaatshilfe  in  Gestalt  der  Zentralgenossenschaftskasse ­
  für  den  Personalkredit  und  von  staatlich  subventionierten  Korn-(Lager-)Läusern,
  sowie  ein  Fleischbeschau-und  Seuchengesetz,  das
faktisch  einem  Schutzzoll  auf  Vieh-  und  Viehprodukte  gleichkam,  überflüssig ­
  zu  sagen,  daß  sie  mit  diesen  Zuwendungen  durchaus  nicht  zufrieden
waren,  sondern  munter  weiter  „schrieen".
Den  Großen  der  Jndusttie,  die  gleichfalls  nicht  locker  ließen,  wurde  im
Juni  1896  der  ihnen  verhaßte  Lerr  von  Berlepsch  geopfert,  der  unter
andcrm  das  Verbrechen  begangen  hatte,  im  Februar  1896  den  Streik  der
Arbeiter  der  Wäsche-  und  Kleiderkonfektion  in  Berlin  für  gerechtfertigt  zu
erklären,  und  in  einer  Verordnung  über  Bäckereien  eine  Mindestruhe  für
Bäckergesellen  vorzuschreiben;  er  ward  durch  den  farblosen  Brefeld  ersetzt,
der  es  indes  den  Lerren  auch  nicht  recht  machen  konnte.  Noch  schlimmer  sollte
es  ihnen  mit  dem  Grafen  von  Posadowsky-Wehner  ergehen,  der  ein  Jahr
später  anstelle  des  Lerrn  von  Bötticher  Staatssekretär  des  Innern  wurde.
Man  könnte  sagen,  daß  ein  Minister,  der  es  nur  einigermaßen  mit  seinem
Amt  ernst  nimmt,  für  die  kapitalistischen  Scharfmacher  verloren  ist,  sobald
er  sich  genauer  mit  den  Verhältnissen  der  Industrie  und  der  Lage  der
Arbeiter  bekannt  gemacht  hat.  Der  Anfang  des  Grafen  von  Pos«  ow  y
schien  allerdings  den  Erwartungen  der  Scharfmacher  zu  entsprechen.
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        WscheMM  der  ZoMlümsklatischeil  Partei  DkiiWaOs.

Erscheint  feHtit  Domiodrnd  uitb  koJtl  fHr  SU  Mono!«  Frbrnor  »US  Wirr  dirritt  durch  dir  Erprditlou  nnlri  Arrnsdand  d-iogrn  für  So«  JnlonB  I  Work,  fl'c  Bus  JuoloitS  1,20  Work,
Ziir  §irlin  nrhmrn  fäimnIUche  Zrttnngo-Spediiiore  UUO  Oie  Grprdilion  Akonnrmrnts  fum  preise  voll  40  pfg.  pro  Mono!  frei  ins  Dono  eolgezen.  Dom  I.  April  od  drirögl  das  Aiionornirnt
durch  die  Poll  oder  in  Zrriin  durch  dir  Zrilnngs  Kprditrnrr  pro  RnoNoi  1,2«,  uuier  Krrnjdood  1.80  Work.

JWh

1.  Jahrg.

Redsktilln  und  Expedition:  Berlin  SW.  19,  Vrulh-Stratze  2.

3.  Februar  1894.

Zur  Einführung.  —  Der  18.  Januar.  —  BuS  Sachsen.
—  Der  bayerische  Landtag.  —  Der  Bericht  deö  rheinischen
KomitöS.  —  Die  Petition  der  Bergleute  in  Sachsen.
Zriminaldircktor  Dambach.  —  Ein  christlich-sozialer
Dichter.  —  8luö  der  englischen  Landagitatiou.  —  Die
Ritter  der  Arbeit.
Partcinachrichten.  Politisches.  —  Gewerkschaftliches.
Kastenwesen.  —  Vom  Lande.  —  Vermischtes.

Jur  Beachtung.
Wir  bitten,  die  Zeit  bis  zum  Erscheinen  der  nächsten
Nummer  zur  eifrige«  Werbung  von  Abonnenten  zu
benutzen.
Die  nächste  Nummer  wird  Sonnabend,  den
10.  Februar,  früh  in  den  Händen  aller  Abouneittcn
und  Kolporteure  i»  Deutschland  fein.
Die  Expedition  des  „Tozialdemokrat".

Zur  Einführung.
Zweimal  bereits  hat  die  deutsche  Arbeiterbewegung  über
Zcutralorgaue  nüt  dem  Namen  „Der  Sozialdemokrat"  verfügt. ­
  und  mit  der  Gründung  und  Entwicklung  beider  sind
inhaltreiche  Abschnitte  unserer  Partcigeschichte  ans  das  Engste
verknüpft.
Dex  voax  \\o&amp;amp;\  ^a§&amp;gt;  Bkcckt  c\\\tv
Vc\\Xä  ’\xv  XXjxnX  mxCö  r 5_o.Vt\\.  x\\\\&amp;lt;\ , t\\  Q;o\\o.Vt&amp;gt;c-c\\x&amp;gt;■
(ratie  Jj)ie  XassalleaiKr  d.  0of  statten  nah  v.  Schweitzer
zeichneten  im  Xejembcr  1864  die  erste  Nummer,  und  in
ihrem  Prograrnmartikel  nchnren  mit  die  erste  Stelle  politische
Forderungen  ein,  die  heute  längst  zur  Wirklichkeit  gswordcn
find.  „Wir  wollen  —  heisst  cs  da  —  nicht  ein  ohnmächtiges
und  zerrissenes  Vaterland,  machtlos  nach  außen  und  voll
Willkür  im  Innern  —  das  ganze,  gewaltige  Deutschland
wollen  wir  .  .  .  eine  wirkliche  Volksvertretung,  d.  h.  eine
solche,  welche  der  Stimme  des  Arbeiters  das  gleiche  Gewicht
giebt,  wie  der  des  Kapitalisten.  So  erstreben  wir  als
nächstes  Hauptziel  der  Arbeiterbewegung  das  allgemeine,
gleiche  und  direkte  Wahlrecht."  —  Nach  dem  Eingehen  des
„Sozialdemokrat"  im  April  1871  leitete  dann  Hasenclever
mnr.  Juli  ab  den  „Neuen  Sozialdemokrat"  im  Sinne  der
Lassallcaner,  bis  dann  der  Gothaer  Kongreß  im  Jahre  1876
als  cinriaes  Zentralorgan  den  „Vorwärts"  in  Leipzig  proklamirte,
  in  dessen  Redaktion  Hasenclever  eintrat.
Frei  von.  inneren  Gegensätzen,  unter  dem  Ansporn
des  allgemeinen  Wahlrechtes  und  der  errungenen  politischen
und  wirthschaftlichcn  Freiheiten  nimmt  die  Partei  einen
ungeahnten  Aufschwung,  bis  die  Schreckensherrschaft  der
Periode  des  Ausnahniezustandes  alles  zerschlägt  und  zertrümmert, ­
  was  irgend  an  Organisationen  und  Organen  der
deutschen  Arbeiter  vorhanden  war.  Erst  im  September  1879
bringt  es  die  Partei  wieder  zu  einem  Zentralorgan  —  selbst
diese  Bezeichnung  vereitelten  später  die  Gerichte!  —  und
wieder  war  eS  ein  „Sozialdemokrat".  Die  größte,  heldenhafteste ­
  Zeit  des  großen  heroischen  Emanzipationskampfcs
des  deutschen  Proletariats  spiegelt  sich  in  diesem  Blatte
getreulich  wieder,  das  —  nothgedrungen  auf  frembem  Boden,
erst  in  der  Schweiz,  dann  in  England  erscheinend  —  bis
zum  letzten  Augenblicke  in  unvergeßlicher  Weise  [eine  Ausgabe ­
  erfüllt  hat:  „rnckhalts-  und  rücksichtslos  für  die
Prinzipien  der  Sozialdemokratie  und  deren  Verbreitung  im
Volke"  und  „gegen  die  thörichte  und  verderbliche  Revolntions-
  und  Putfchmacherei"  einzutreten.  Mit  dem  Falle
des  Ausnahmezustandes  hat  dann  das  Blatt  die  Waffen
wieder  zurückgegeben  in  die  Hände  der  heimischen  Genossen.
Heute  haben  wir  in  Deutschland  ein  täglich  erscheinendes
Zentralorgay,  den  „Vorwärts"  —  eine  wissenschaftliche
Revue,  die  „Neue  Zeit"  —  und  daneben  eine  so  ausgebreitete ­
  und  entwickelte  Lokalpresse,  daß  von  dein  Bedürfnisse ­
  eines  neuen  Zcntralorgans  in  dem  alten,  alles  umfassenden ­
  Sinne  des  Wortes  nicht  die  Rede  sein  kann.
Wenn  trotzdcnl  ans  den  Parteitagen  immer  wieder  ein
Zentral-Wochenblatt  verlangt  und  schließlich  auch  mit  übergroßer ­
  Mehrheit  beschlössen  worden  ist.  so  waren  dabei
unseres  Erachtens  verschiedene  Wünsche  maßgebend.
Einmal  der,  eine  Uebersicht  über  die  vielvcrzweigie
Parteibewegung  und  die  wichtigsten  Parteiknudgcbunacu
  und  -Meinungsäußerungen  in,  In-  und
Auslande  zu  gewinnen  —  gedrängter  wie  in  einer  großen
Tageszeitung,  und  umfassender  wie  in  einem  Theil  der
letalen  Presse.  Je  vielseitiger  und  reicher  unser  Parteilcben
  wird,  desto  größer  wird  die  Nothwendigkeit  werden,

alle  wichtigen  Thatsachen,.  Urtheile  und  Anregungen  an
einer  Stelle  zu  sammeln,  an  der  sie  nicht  unter  dem  MltagSstoffe
  verschwinden,  wie  bei  einem  Tageblatte,  das  so  viele
andere  Aufgaben  noch  zu  erfüllen  hat.
Weiter  ist  immer  stärker  das  Bedürfniß  hervorgetreten,
für  alle  deutschen  Genossen  ein  gemeinsames  Organ  der
Diskussion  zu  besitzen.  Mit  ihrer  stetigen  Machterweiterung ­
  wächst  für  die  Sozialdemokratie  auch  das  Maß
der  politischen  Verantwortlichkeit.  Sie  wird  immer  mehr
mitbestimmend  in  Fragen,  die  sie  sonst  als  gleichgültignebensächlich ­
  behandeln  konnte,  weil  deren  Entscheidung
einzig  und  allein  bei  den  bürgerlichen  Parteien  lag.  Sie
wird  immer  enger  und  unlösbarer  verwebt  mit  allen
Strömungen  des  öffentlichen  Lebens.  Ihre  im  Programme
niedergelegten  einheitlichen  Grundanschammgen  hat  sie  auf
immer  mannichfaltigere  Verhältnisse  anzuwenden,  ihre
Taktik  stetig  sich  ändernden  Umständen  von  Neuem  anzupassen. ­
  So  wird  eine  freie,  allseitige  Diskussion  für
unsere  Partei  immer  mehr  zu  einem  Lebenselement,  um  ihr
die  geistige  Beweglichkeit  zu  erhalten,  um  in  allen  neuauftauchenden ­
  Fragen  die  richtigen  Entscheidungen  vorzubereiten ­
  und  bis  zu  allgemeiner  Zustimmung  zu  verbreiten.
Wenn  wir  uns  vorzugsweise  dieser  Seite  des  publizistischen
Wirkens  zuzuwenden  gedenken,  so  ist  damit  zugleich  gesagt,
daß  mir  in  erster  Linie  ein  Organ  der  praktische«
Agitation  sein  wollen.  Was  unsere  Parteiorganisationen
und  Gewerkschaften,  unsere  Vertretungen  im  Reiche,  den
Einzelstaaten  und  Gemeinden  beschäftigt,  was  als  Waffe
zum  Angriff  und  zur  Abwehr  in  den  täglichen  politischen  und
wirthschaftlichen  Kämpfen  dienen  kann,  was  unsere  eigene
Sräxbr  u\vb  Schwäche  rmd  die  untere*  ©t^ner  ausmacht.
i  \wvCi  Yoc&amp;amp;  \x\A%x;  r &amp;gt;&amp;lt;?,*\.oAn\vc.  V&amp;gt;x\X\\\\\wt  —
das  soff  mS  vorzugsweise  beschäftigen.  Dazu  gehört,  daß
mir  den  Qnteiefscnfon  stiften  rnn  erhol  b  der  bürger.
lichcn  Kreise  —  der  Agrarbewegung,  dein  Anti
semitismtts,  der  .Handwerkeragitation  —  ein  besonderes ­
  Augenmerk  zu  widmen  haben.
Das  sonst  übliche  Feuilleton  novellistischer  Art  denken
wir  regelmäßig  zu  ersetzen  durch  Darstellungen  aus  der  Geschichte ­
  früherer  Emanzipationskäulpfe.  durch  biographische
Skizzen,  durch  Schilderungen  aus  dem  Arbeiterleben,  durch
eine  Geißelung  der  von  unseren  Gegnern  im  „geistigen  Kampfe
gegen  die  Sozialdemokratie"  verübten  Lächerlichkeiten.  Wir
hoffen,  daß  so  neben  dem  Verlangen  nach  Orientirung  und
'Aufklärung  auch  das  nach  Unterhaltung  seine  Befriedigung
finden  werde  —  besonders  auch  bei  den  weiblichen  Arbeitern, ­
  deren  Besreiungsslreben  wir  ebenfalls  nach  Möglichkeit ­
  zu  fördern  suchen  werden.
Wie  weit  eS  uns  gelingen  wird,  diese  Ziele  zu  erreichen, ­
  hängt  wesentlich  von  der  Unterstützung  unserer
Parteigenossen  im  Inland  und  Ausland  ab.  Ein
Blatt  wie  das  unsrige  beruht  in  seinem  Leben  und  Einfluß
ganz  und  gar  auf  der  regen  Verbindung  mit  den  Parteifreunden ­
  an  allen  Orten.  Wir  hegen  keinen  Zweifel,  daß
sie  alles  thun  werden,  was  in  ihren  Kräften  steht,  um  das
Blatt  zu  dem  zu  machen,  was  es  nach  den  Hoffnungen  des
Kölner  Kongresses  sein  sollte.
Wir  selber  versprechen,  all'  unser  Können  in  den  Dienst
der  Partei  zu  stellen.
Und  damit  Glück  auf!
Auf  eine  treue  Waffenbrüderschaft!
Es  lebe  die  Sozialdemokratie!
Redaktion  niiti  ßp&amp;amp;tfiöii  des  „SoMtinskrat".

Der  19.  Januar.
Ster  ist  wahrhaftig  Jemand.  der  Piügel
WtbUJit  har  .  .  .  man  weih  blos  nlchr.  wer.
Pickwick'-  Dtencr.
Der  18.  Januar  war  diesmal  ein  merkwürdiger  Tag.
Nicht,  weil  er  für  Herrscherhäuser  seine  besondere
dynastische  Bedeutung-  hat  —  obwohl  cs  unter  Umständen
auch  für  das  Volk  wichtig  werden  mag.  daß  „unliebsame
Zwischenfälle"  auf]  leicht  erregbare  Monarchen  sicherlich
einen  doppelt  tiefen  Eindruck  machen,  wenn  sic  gerade  ans
den  Tag  stolzester  Erinnerungen  fallen.
Auch  das  ist  am  Ende  nicht  weiter  bemcrkenswerth,
daß  just  um  diesen  Tag  herum  alle  ehemals  „reichstreuen"
Blätter  der  Provinz  ihre  Leser  mit  anarchistischen  Grnselnachrichten
  einseiften  —  sodaß  man  unwillkürlich  zu  der
Frage  gedrängt  wurde:  Sollten  hier  ct&amp;gt;va  die  armen  Angstphilister
  allerorts  nach  einem  gemeinsamen  Plane  über  den
Löffel  barbiert  werden?  Wozu  und  woher  dieses  eifrige
Zusammentragen  von  Zündstoff  zu  einem  großen  Scheiterhaufen ­
  der  Freiheit  der  Arbeiter?

Und  woher  daS  seltsame  Zusammentreffen,  daß  gerade
am  16.  Januar  in  dem  Kernlande  der  Sozialdemokratie  und
der  Sozialistenfurcht  die  Erste  Kammer  sich  mit  dem  berüchtigten ­
  „Nothruf"  der  sächsischen  Gemeindevorstände  gegen
die  Arbeiterpartei  beschäftigte?  Was  man  ein  paar  Jahre
lang  nur  im  Stillen  zu  wünschen  wagte,  das  rief  man
an  diesem  Tage  zum  ersten  Male  wieder  in  alle  Himmelsrichtungen ­
  hinaus:  Ausnahmegesetze  gegen  die  Sozialdemokratie! ­
  Ausnahmegesetze  durch  das  Reich!  Die  Kammerherren ­
  sind  dem  Bismarck'schen  Rathe  gefolgt:  Schreien  Sie!
Schreien  Sie!
Und  fast  wird  man  an  ein  anderes  Bismarck'sches  Stichwort ­
  erinnert,  wenn  man  die  Berliner  Vorgänge  vom  18.  d.M.
ins  Auge  saßt.  Richt  vom  Schreien  handelt  dieser  Rath,
sondern  vom  Aderlässen.  Man  rufe  einen  Aufruhr  hervor
und  werfe  dann  den  Pöbel  nieder  —  .nach  diesem  Rezept
sollte  JuleS  Favre  vor  zwanzig  Jahren  mit  dem  Pariser
Proletariat  fertig  werden.  .  .  .
Wiederholen  wir  kurz  die  Ereignisse!
Es  ist  eine  Thatsache,  daß  die  ArbeiMosenversammlüng
unter  hervorragender  Mitwirkung  eines  Polizeiagcnten  genau
auf  den  preußischen  Krönungstag  einberufen  wurde.
Es  ist  eine  Thatsache,  daß  außer  der  gesummten  Polizei
in  Berlin  auch  Militärs  davon  unterrichtet  waren,  daß  an
dem  Tage  „etwas  passiren"  würde.
Es  ist  eine  Thatsache,  daß  der  Einbcrnfer  wie  der  in
Aussicht  genommene  Redner  in  der  großen  Arbcitslosenvcrsammluug
  nicht  erschienen  (ein  in  Arbciterkreiscn  nie  dagewesener ­
  Fall!);  fraglich  ist  nur,  ob  beide  direkt  oder  indirekt, ­
  durch  einfache  Zurückweisung  an  der  Thür  oder  durch
drohende  Verhaftung,  seitens  der  Polizei  daran  verhindert
‘„vooxbew
1  Es  ist  weitn  von  keiner  Seite  bestritten,  daß  die  Versammlung, ­
  auch  nachdem  sie  in  so  unerhörter  Weise  „nach
Hause  geschickt"  worden  war,  eine  musterhafte  Ruhe  bewahrte.
Es  ist  endlich  unumstößlich  bewiesen,  daß  an  diesem
Tage  in  den  Säbeln  und  den  Gummischläuchcn  der  UuU
sormirten  und  Geheimen  ein  unheimliches  Leben  erwachte  —
obwohl  thatsächlich  von  der  Polizei  bisher  auch  noch  nicht
ein  Fall  bekannt  gegeben  werden  konnte,  wo  irgend  ein
Arbeiter  durch  seinen  Widerstand  einen  Angriff  herausgefordert ­
  hätte.  Die  Behörden  „nntcrsnchen"  noch,  aber  sie
werden  nichts  finden.
Und  wenn  wir  endlich  dem  Metalldreher  Brandt  glauben
dürfen,  so  warnte  der  Polizcikommissar  Römer  schon  lange
vor  der  Versammlung:  „Brandt!  Brandt!  Gehen  Sie  nicht
in  die  Versammlung!  Es  giebt  Leichen!  ..."
Am  Krönungstage  die  Straßenschlacht!  In  der  Stunde,
wo  die  Kassandrarufe  aus  der  sächsischen  Ständekammer  das
Ohr  des  Spießbürgers  erreichten,  auch  die  prompte  Bestätigung
der  prophetischen  Worte  durch  den  Berliner  Draht,  an  dem
Herr  Neuß  sitzt,  der  gewöhnt  ist,  andere  an  das  Messer  zu
liefern,  und  der  dafür  in  Kissingen  dem  Grafen  Herbert
Bismarck  die  Ehre  seiner  Nachbarschaft  erweisen  durfte  .  .  .
Wahrlich,  entweder  hat  der  Zufall  an  diesem  Tage  in  seltsam
ingrimmiger  Laune  mit  dem  Leben  und  Glücke  von  Tausenden ­
  und  Millionen  gespielt  —  oder  das  Spiel  war  folgerichtig ­
  angelegt.  Und  wenn  es  nicht  so,  wie  cs  berechnet
war,  zu  Ende  ging,  dann  scheiterte  es  nwf  an  dem  für  alle
Gescllschaftsrettcr  unzugänglichen  und  darum  unberechenbaren
Faktor:  an  der  organisirten  Arbeiterschaft  Berlins.
Man  mag  sie  mit  Spitzeln  durchsetzen,  so  viel  man
will  —  die  Masse  ist  an  diesen  Drähten  doch  nicht  mehr
zu  bewegen.  Massenaktionen  entwachsen,  bei  freier  Diskussion ­
  in  Presse  und  Versammlungen  und  bei  freier  politischer ­
  Bewegung  überhaupt,  dieser  Beeinflussung  von  außen
ganz  von  selbst.  Nur  die  Klubs  und  Konventikel  werden
diesem  Einfluß  immer  und  immer  wieder  verfallen.
So  herrscht  denn  nicht  blos  Rathlosigkeit,  sondern
Heulen  und  Zähneklappern  in  den  Kreisen  derer,  die  nach
ihrer  Meinung  über  „die  besseren  Revolver"  verfügen.  Daß
nach  der  Annäherung  des  Fürsten  Bisnmrck  an  den  Kaiser,
die  zufällig  gerade  um  diese  Zeit  von  Friedrichsruhe  aus
erfolgt  sein  muß.  ein  Adjutant  und  eine  Flasche  alten
Meines  mit  einer  Bcsuchseinladung  nach  dem  Sachsenwälde
gingen  .  .  .  wir  glauben,  man  hatte  eine  andere  Mission
für  den  Vater  des  Sozialistengesetzes  in  Aussicht  --  in
Sachsen  sowohl,  wo  die  Bismarckschwärmerci  wie  die  Sozialdemokratie ­
  zu  Hanse  ist.  wie  auch  in  Berlin,  wo  die  vcr-'stimmten
  Anhänger  des  allen  Kurses  geradezu  auf  eine  Desorganisation ­
  in  der  Regierung  hinarbeiten.  Es  sind  wahrhaftig ­
  nicht  blos  die  Landräthe  in  den  Provinzen,  die
frondircn.
Ob  die  Berliner  Polizei  allen  fremden  Einflüssen  unzugänglich ­
  ist?  Sie  untersucht  im  Augenblicke  noch:  sie
weiß  nicht,  wie  c8  kam;  sic  weiß  nur,  daß  sie  noch  nie  in
eine  so  peinliche  Lage  gegenüber  der  gesammten  Bürger-18.

  Titelseite  der  ersten  Nummer  des  Berliner  „Sozialdemokrat"
        <pb n="25" />
        26

Noch  zur  Zeit  der  Amtierung  Böttichers  kam  im  Reichstag  die  von
Eulenburg  ausgearbeitete  Am  stürz  vorläge  in  der  von  Caprivi  gemilderten
Form  zur  Verhandlung.  Aber  nicht  Bötticher  verfocht  sie  vom  Regierungslisch, ­
  sondern  der  Iustizminister  von  Schönstedt,  der  Polizeiminister  von
Köller  und  —  bezeichnenderweise  —  am  lebhaftesten  der  Kriegsminister,
Lerr  Bronsart  von  Schellendorf.  Während  der  Reichskanzler  zur  Verteidigung ­
  des  reaktionären  Machwerks  nur  zweimal  kurz  das  Wort  nahm,
ließ  der  Vertreter  der  Bajonette  sich  nicht  weniger  als  neunmal  vernehmen.
Den  Geist  des  Entwurfs,  den  von  sozialdemokratischer  Seite  Auer,  Bebel,
Frohme  und  Singer  wirksam  zerzausten,  kann  man  daraus  ersehen,  daß
er  dem  Paragraph  130  des  Strafgesetzbuchs  einen  Zusatz  geben  wollte,
wonach  „beschimpfende  Angriffe"  auf  die  Religion,  die  Ehe,  die  Familie
und  das  Eigentum  mit  bis  zu  zwei  Jahren  Gefängnis  zu  bestrafen
sein  sollten.  So  die  schon  gemilderte  Vorlage,  womit  zur  Genüge  angezeigt
ist,  wie  der  ursprüngliche  Text  beschaffen  war.  Die  Vorlage  fiel,  weil  die
Nationalliberalen  sich  die  Kulturkämpferei  gegen  die  katholische  Kirche  nicht
unbequem  machen  lassen  wollten,  das  Zentrum  aber  auf  Bestimmungen  zum
Schutz  der  Kirche  bestand.  Als  es  in  der  zweiten  Lesung  zur  Abstimmung
kam,  konnte  nicht  ein  einziger  Paragraph  eine  Mehrheit  finden,  und  es
blieb  von  der  Vorlage  nichts  übrig,  als  die  Überschrift  und  die  leer
gelassene  Schlußphrase.  Dafür  veranlaßte  Lerr  von  Köller  das  Berliner
Polizeipräsidium,  den  Vorstand  der  Sozialdemokratischen  Partei  für  einen
politischen  Verein  zu  erklären,  und  ihn,  die  sechs  sozialdemokratischen
Wahlvereine  von  Berlin,  sowie  die  Preßkommission,  die  Agitationskommission
  und  die  Lokalkommission  samt  dem,  was  man  den  „Verein
öffentlicher  Vertrauensmänner  der  Sozialdemokratie"  zu  nennen  beliebte,
polizeilich  zu  schließen,  weil  sie  gegen  die  Paragraphen  8  und  16  des
preußischen  Vereinsgesehes  verstoßen  hätten.  Der  Erlaß  trug  das  Datum
des  29.  November  1895.  Er  war  die  Abschiedsgabe  des  Äerrn  von  Köller,
der  am  8.  Dezember  1895  aus  dem  Amt  schied  und  durch  den  Regierungspräsidenten ­
  von  der  Recke  ersetzt  wurde,  eine  keineswegs  bessere  Nummer.
Die  Gerichte,  vor  die  der  Polizeierlaß  kam,  stimmten  dessen  Auslegungen
nur  zum  Teil  zu  und  verurteilten  nur  einen  Teil  der  „Leiter"  der  gegcschlossenen
  „Vereine".  Die  Sozialdemokratie  aber  betrieb  nun  als  Antwort
im  Reichstag  die  Schaffung  eines  Reichsvereinsgesetzes  und  erreichte  es  auch,
daß  aufGrund  ihres  Antrags  ein  Kommissionsentwurf  desReichstags  zustandekam, ­
  der  trotz  großer  Mängel  doch  immerhin  erträgliche  Zustände  geschaffen
hätte.  Aus  dem  Entwurf  wurde  jedoch  nichts,  er  schmolz  zu  einem  „Notgesetz" ­
  zusammen,  das  vom  Reichstag  am  17.  Juni  1896  gegen  die
Stimmen  der  Konservativen  angenommen  wurde  und  dessen  einziger  Artikel
lautete:  „Inländische  Vereine  jeder  Art  dürfen  mit  einander  in  Verbindung
treten.  Entgegenstehende  landesgesetzliche  Bestimmungen  sind  aufgehoben."
Es  gelang,  der  Reichsregierung  das  Versprechen  abzudrängen,  wenigstens
dieses  Stückchen  Vereinsrecht  in  dieRcichsgesetze  aufzunehmen,  doch  dauerte  es
noch  über  drei  Jahre,  bis  der  Zusage  die  Ausführung  folgte.  Am  13.  Dezember
1899  ward  das  Notvereinsgesetz  amtlich  verkündet,  nachdem  sich  inzwischen
gezeigt  hatte,  daß  die  Sozialdemokratie  auch  ohne  es  auskam.
Einen  Druck  auf  seine  Annahme  hatte  die  sozialdemokratische  Reichstagsfraktion ­
  bei  den  Verhandlungen  über  das  Bürgerliche  Gesetzbuch
        <pb n="26" />
        27

ausgeübt,  dessen  Entwurf  im
Januar  1896  zum  zweiten
Mal  an  den  Reichstag  gelangt ­
  war  und  nun  endlich
Gesetz  werden  sollte.  Die
sozialdemokratische  Fraktion
tat  ihr  bestes,  in  das  Bürgerliche ­
  Gesetzbuch  und  das  mit
ihm  verbundene  Einführungsgesetz ­
  soviel  Schutz
der  ärmeren  Volksklassen
und  speziellderArbeiterklasse
hineinzubringen,  als  nur
möglich.  Da  für  die  Annahme ­
  des  ganzen  Gesetzes
unter  Umständen  es  auf  jede
Stimme  ankam,  fanden  sie
soweit  Entgegenkommen,  daß
verschiedene  arbeiterfeindliche
Bestimmungen  aus  dem  Entwurf ­
  entfernt  wurden  und  in
bezug  auf  andere  Fragen  —
wie  eben  in  bezug  auf  dasVereinsrecht
  —  Abhilfe  durch
besondere  Gesetze  zugesichert
wurde.  Die  Bemühungen,
durch  das  Bürgerliche  Gesetzbuch  eine  Beseitigung  der  halbfeudalen  Gesindeordnung ­
  Preußens  und  anderer  Staaten  zu  erlangen,  scheiterte  am  Versagen  der
Freisinnigen.  Wohl  nahm  auf  Antrag  der  Sozialdemokratie  der  Reichstag
am  11.  Dezember  1896  fast  einstimmig  eine  Resolution  zugunsten  baldtunlichster ­
  einheitlicher  Gestaltung  des  Arbeitsvertrags  im  Deutschen  Reich
an,  aber,  wie  so  manches  andere  „bald",  hat  sich  auch  dieses  noch  nicht
„tun"  lassen.
Das  Bürgerliche  Gesetzbuch  ward  am  1.  Juli  1896  vom  Reichstag
mit  222  gegen  48  Stimmen  angenommen.  Die  Sozialdemokraten  stimmten
mit  Nein.  Sie  verkannten  nicht,  daß  in  der  Vereinheitlichung  des  bürgerlichen ­
  —  man  sollte  eigentlich  sagen,  des  sozialen  —  Rechts  ein  großer
Fortschritt  lag,  der  auch  für  die  Arbeiterklasse  von  Bedeutung  war.  Aber
das  Gesetzbuch  läßt  soviel  Anrecht  gewordenes  Recht  absterbender,  überflüssig ­
  oder  schädlich  gewordener  Klassen  stehen  und  verstößt  gegen  so  viele  Ansprüche ­
  der  arbeitenden  Volksklassen,  der  Frauen  und  insbesondere  der  besitzlosen ­
  Frauen,  daß  die  Vertreter  der  Partei  der  Arbeiter  nicht  die  Verantwortung ­
  für  diese  und  andere  Angerechtigkeiten  auf  sich  nehmen  mochten,
die  in  der  Zustimmung  zu  dem  Gesetz  lag.  ,  ,  .
Die  Ära  Lohenlohe  läutete  für  das  Deutsche  Reich  den  Eintritt  m
die  sogenannte  Weltpolitik  und  in  Verbindung  damit  die  gestrigere
Pflege  des  Marinismus  oder  Flottenchauvinismus  ein.  Anter  Eaprivl
hatte  dieser  verhältnismäßig  stille  Tage  gehabt.  1890/91  bette,  sich
Flottenetat  —  fortdauernde  und  einmalige  Ausgaben  zusammen  T

Äugen  auf!
Die  Volksfeinde  gehen  um.  Mit  Lügen,  Verleumdungen.  Der»
dächtigungen  aller  Art  geht  eine  Garde  Hausiren.  die  für  die  „Zuchthansoarlage"
  eintritt.
Von  wem  ist  diese  Lügen-Garde  bezahlt?
Von  den  Junkern  und  Junkergrnossen,  von  der  Unternehmecklasse,
von  den  Kapitalisten  jeder  Art.  Weshalb  werden  die  gelben  Hefte  und
die  numerirten  Flugblätter  mit  schwerem  Geld  von  der  Unternehmerklasse
  hergestellt  und  bezahlt?  Weil  die  Unternehmrrklasse  Stimmung
für  die  Entrechtung  und  Verknechtung  der  arbeitsthätigen  Bevölkerung»
im  Interesse  der  Großgrundbesitzer,  Schlotbarone.  Börsenleute.  kurz  der
Kapitalisten  jeder  Art  machen  will.
Die  kapitalistischen  Unternehmer  sind  die  wahren  {Imßntrgler.
Sie  wollen  allen  Arbeitenden  das  Uerfammlnugsrecht.  daS  ■
Neveinsrecht,  das  Wahlrecht  rauben.  Sie  streben  einen  gemeine
gefährlichen  Zukunftsstaat  an.
In  diesem  junkerlichen  Zukunft-staat  soll  der  tu  ehrlicher  Acbekt
sich  Abrackernde,  ohne  jegliches  Recht  sein  und  Sklave,  Arbeitsvieh
des  „gnädigen  Herrn"  Krautjunker  oder  Schlotbarons  werden.  Der
Arbeiter  —  ob  er  geistig  oder  körperlich  arbeitet,  ist  gleich  —  soll  im
Zukunftsstaat  der  konservativen,  freikonservativen  und  nationalliberalen
Kapitalisten  schlimmer  daran  sein  wie  ein  Packesel.  Keinerlei  Recht,
nur  die  Pflicht,  sich  zu  Gunsten  des  Kapitalisten  abzurackern,  soll
er  nach  dem  Wunsch  der  Unternehmerklasse  haben.
19.  Erste  Seite  eines  Flugblattes  gegen  die
Zuchthausvorlage
        <pb n="27" />
        28

71,8  Millionen  Mark,  für  1894/95  waren  78,5  Millionen  angesetzt.
Caprivi  wie  auch  der  damalige  Staatssekretär  des  Marineamts  Lollmann
hatten  wiederholt  der  Ansicht  Ausdruck  gegeben,  daß  Deutschlands  Küsten
hinlänglich  geschützt  seien  und  ein  Bedürfnis,  im  Flottenbau  mit  irgend
einer  auswärtigen  Großmacht  in  Konkurrenz  zu  treten,  nicht  bestehe.  Das
sollte  nun  indes  anders  werden.  Jetzt  agitierten  die  Kolonialchauvinisten
und  Englandfresser  —  was  in  Deutschland  so  ziemlich  auf  das  gleiche
hinausläuft  —,  mit  aller  Macht  für  den  Bau  von  mehr  Kriegsschiffen,
und  von  oben  ward  dieser  Agitation  jeder  mögliche  Vorschub  geleistet.
Wilhelm  II.  hielt  den  Führern  der  regierungsfähigen  Parteien,  zu  denen
jetzt  das  Zentrum  gehörte,  Vorträge  über  die  Notwendigkeit,  die  Flotte
auf  einen  bedeutend  höheren  Stand  zu  bringen,  ließ  in  der  Wandelhalle
des  Reichstags  bildliche  Darstellungen  der  Flottenverhältnisse  der  Äauptländer
  ausstellen  und  nahm  verschiedene  Gelegenheiten  wahr,  in  Ansprachen
bei  Festakten  und  dergleichen  seinem  Verlangen  nach  mehr  Kriegsschiffen
Ausdruck  zu  geben.  Die  Agitation  steigerte  sich,  als  1895  das  Glückwunschtelegramm ­
  des  Kaisers  an  den  Präsidenten  Krüger  wegen  der  Niederschlagung ­
  des  Iamesonschen  Einbruchs  in  den  Transvaal  die  Beziehungen
zwischen  England  und  Deutschland  erheblich  verschlechtert  hatte.  Der
Reichstag,  dessen  Mehrheit  angesichts  der  Finanzlage  des  Reichs  keine
große  Neigung  hatte,  auf  einen  uferlosen  Flottenplan  sich  einzulassen,
wurde  eine  zeitlang  vom  Staatssekretär  des  Äußeren,  Freiherrn  von  Marschall,
und  dem  Marinesekretär  Lollmann  abwechselnd  mit  Beteuerungen  überschüttet, ­
  daß  die  Regierung  durchaus  nicht  die  Flotte  übermäßig  vermehren
wolle.  So  ließ  man  sich  zu  allerhand  kostspieligen  Bewilligungen  herumbekommen, ­
  bis  im  Frühjahr  1897  eine  Denkschrift  Lollmanns,  laut  der  außer
dem  Geld  für  schon  bewilligte  Schiffe  in  den  nächsten  vier  Zähren  für  Schiffsbauten ­
  eine  viertel  Milliarde  an  Kosten  nötig  werden  würde,  dem  Zentrumsführer ­
  Dr.  Lieber  den  Schmerzensruf  entlockte,  er  fühle  sich  als  „blamierter
Europäer".  Äollmann  aber,  dem  der  Reichstag  von  seinem  Schiffsprogramm
für  1897/98  einige  Schiffe  strich,  ging,  um  dem  Kontreadmiral  Tirpitz
Platz  zu  machen,  von  dem  schon  im  Sommer  1896  das  Gerücht  umlief,
daß  er  dem  Kaiser  einen  noch  kostspieligeren  Flottenplan  unterbreitet  habe.
Auch  Freiherr  von  Marschall,  der  letzte  hervorragende  Mitarbeiter  Caprivis,
schied  aus  seinem  Amt  und  wurde  durch  den  Freiherrn  Bernhard  von
Bülow,  bis  dahin  Botschafter  in  Rom,  ersetzt,  der  einen  den  Flottenschwärmern ­
  angenehmeren  Ton  auf  der  Ministerbank  anzuschlagen  wußte.
Die  Reichstagsmehrheit  ihrerseits,  der  der  Kaiser  im  Frühjahr  1895,
als  sie  sich  weigerte,  ein  Glückwunschtelegramm  an  Bismarck  zu  dessen
80.  Geburtstag  abzusenden,  in  einem  Telegramm  an  eben  diesen  Bismarck
seine  „tiefste  Entrüstung"  kundgegeben  hatte,  bekam  nun  in  einem  Telegramm ­
  des  Kaisers  an  den  Prinzen  Heinrich,  das,  wie  jenes  erste,  alsbald ­
  veröffentlicht  wurde,  ein  Wort  zu  hören,  von  „vaterlandslosen  Gesellen, ­
  die  die  Beschaffung  der  für  das  Deutsche  Reich  notwendigen  Kriegsschiffe ­
  zu  hintertteiben  wissen".  Etliche  Wochen  später  gebrauchte  der
Kaiser  auf  einem  Festmahl  bei  einer  Denkmalsenthüllung  in  Köln  das  Wort
„Der  Dreizack  (des  Meergottes)  gehört  in  unsere  Faust".  Noch  im
gleichen  Zahr  ward  ein  Kriegsschiff  nach  Haiti  entsandt,  um  Sühne  für
das  verletzte  Recht  eines  Deutschen  einzuholen.  Dann  aber  gab  die  Er-
        <pb n="28" />
        29.  Titelbild  einer  von  der  Buchhandlung  Vorwärts  herausgegebenen
Maifestnummer
        <pb n="29" />
        -  30  —
mordung  von  zwei  katholischen  deutschen  Missionären  in  Tsing-tau  Veranlassung, ­
  durch  das  in  Ostasien  stationierte  Geschwader  dieKafenstadt  Kiautschau
an  der  gleichnamigen  Bucht  besetzen  zu  lassen  und  behufs  verstärkter  Demonstration ­
  unter  dem  Kommando  des  Prinzen  Heinrich  eine  zweite  Flottendivision ­
  dorthin  zu  entsenden.  In  die  Abschiedsrcde  an  seinen  Bruder
flocht  der  Kaiser  die  später  viel  zitierten  Worte  ein:
„Sollte  es  aber  ja  irgendeiner  unternehmen,  uns  an  unserm  guten
Rechte  zu  kränken  oder  schädigen  zu  wollen,  dann  fahre  darein  mit  der
gepanzerten  Faust!  und,  so  Gott  will,  flicht  Dir  den  Lorbeer  um  Deine
junge  Stirn,  den  niemand  im  ganzen  Reiche  Dir  neiden  wird."
Zum  „Dreinfahren"  kam  es  jedoch  nicht.  Die  durch  den  japanischen
Krieg  erschöpfte  chinesische  Regierung  ließ  sich  auch  ohne  das  bewegen,
Deutschland  die  Bucht  von  Kiautschau  mit  etwa  540  Quadratkilometer  Landgebiet
  auf  99  Jahre  zu  verpachten  und  ihm  außerdem  auf  der  Kalbinfel  Schantung
  und  deren  Hinterland  gewisse  Rechte  einzuräumen.  Gegen  eine  friedliche,
.auf  Freundschaftsbeziehungen  gestützte  Pachtung  hätte  sich  unter  den  damaligen ­
  Verhältnissen,  wo  Rußland  China  vom  Norden  her  immer  stärker
bedrängte,  wenig  einwenden  lassen,  als  Einleitung  zur  Teilnahme  an  einer
Aufteilung  Chinas  war  sie  unter  allen  Umständen  zu  verwerfen,  da  vorauszusehen ­
  war,  daß  sie  alsdann  Deutschland  in  unabsehbare  Konflikte  hineinziehen ­
  mußte.  So  war  es,  zumal  die  auswärtige  Politik  Deutschlands  von
einer  Persönlichkeit  bestimmt  ward,  die  niemand  verantwortlich  war,  ganz
selbstverständlich,  daß  die  Sozialdemokratie  ihre  Zustimmung  zu  dem  Pachtvertrag ­
  versagte.  Tatsächlich  wurde  denn  auch  die  Pachtung  von  einem
großen  Teil  des  chinesischen  Volkes  als  das  Gegenteil  eines  freundschaftlichen ­
  Aktes  betrachtet  und  trug  mit  zur  Entfachung  jener  nationalen
Erhebung  vom  Frühjahr  1900  bei,  die  als  „Boxeraufstand"  bekannt
geworden  ist  und  in  deren  Verlauf  der  deutsche  Gesandte  von  Ketteler  von
einem  Soldaten  erschossen  wurde,  als  er  sich,  entgegen  dem  Rat  seiner
Kollegen,  in  dem  erregten  Peking  auf  der  Straße  sehen  ließ.  Es  erfolgte
von  seiten  Deutschlands  die  Waldersee-Expedition,  der  es  im  Verein  mit
den  Expeditionstruppen  der  anderen  Mächte  ein  leichtes  war,  die  Aufständischen ­
  niederzuschlagen,  deren  Kosten  aber  —  ganz  abgesehen  von  den
Verlusten  an  Menschenleben  —  weit  höher  waren,  als  der  Teil  der  China
auferlegten  Kriegsentschädigung,  der  auf  Deutschland  entfiel.
Die  Worte,  die  Wilhelm  II.  den  ausfahrenden  Offizieren  und  Truppen
auf  den  Weg  gab,  gingen  noch  weit  über  den  Satz  von  der  gepanzerten
Faust  hinaus.  In  der  Ansprache  an  die  aus  Bremerhaven  verschifften
Truppen  hieß  es  am  27.  Juli  1900:
„Ihr  wißt  es  wohl,  ihr  sollt  fechten  gegen  einen  verschlagenen,
tapferen,  gut  bewaffneten,  grausamen  Feind.  Kommt  ihr  an  ihn,  fo
wißt:  Pardon  wird  nicht  gegeben,  Gefangene  werden  nicht  gemacht.
Führt  eure  Waffen  fo,  daß  auf  tausend  Jahre  hinaus  kein  Chinese  mehr
es  wagt,  eirxen  Deutschen  scheel  anzusehen.  Wahret  Manneszucht."
Eine  offizielle  Lesart  gab  die  Worte  des  Kaisers  später  fo  wieder:
„Pardon  wird  euch  nicht  gegeben."  Ob  das  dem  Tatbestand  oder  einem
nachträglichen  Wunsche  entspricht,  kann  dahingestellt  bleiben.  Aber  verstanden ­
  wurden  die  Worte  so,  wie  sie  oben  stehen,  und  es  ist  genug  bekannt
        <pb n="30" />
        31

geworden,  was  befürchten
läßt,  daß  sie  auch  von  vielen
Soldaten  in  diesem  Sinne
befolgt  wurden.
Die  Expedition  nach
Kiautschau  hatte  die  Wirkung, ­
  daß  der  Flottenchauvinismus ­
  ungemein  zunahm. ­
  Für  die  Flotte  erwärmte ­
  man  sich  nun  auch
im  Zentrum  immer  mehr,
waren  es  doch  katholische
Missionare  gewesen,  für  die
in  China  Sühne  genommen
worden  war.  Ein  katholischer ­
  Prälat,  der  Bischof
Anzer,  hatte  für  die  Pachtung ­
  von  Kiautschau  in
Regierungskreisen  Stimmung ­
  gemacht,  und  so
mochten  seine  Glaubensgenossen ­
  nicht  mehr  abseits
stehen,  wenn  es  sich  um  Verstärkung ­
  der  Flotte  handelte.
Ebenso  trat  die  junge  und
sehr  rührige  Gemeinde  der
Nationalsozialen,  die
sich  im  Kerbst  1899  von
den  Evangelisch-Sozialen
getrennt  hatten,  für  Vermehrung ­
  der  Flotte  ein.  Es
Angehörige  der  sogenannten
Liebermann  von  Sonnenberg
ihnen  hinweg  in  der

DER  SOZIALISTISCHE
AKADEMIKER

I  Jahrg.

Berlin,  x.  Janüar  1895

No.  3

Redaktion:  J.  Sassenbach,  N.,  Invalidenstr.  145.

Was  wir  wollen.
Als  sich  zu  Anfang  dieses  Jahrhunderts  nach  langer  Zeit  der
Unterdrückung  in  der  .grossen  Masse  des  deutschen  Volkes  wieder  einmal
der  Gedanke  und  der  Wunsch  nach  der  vollen  Freiheit  der  Person  regte,
waren  die  deutsche  Studentenschaft  und  die  deutschen  Akademiker  die
wirksamsten  Vorkämpfer  dieser  Bewegung.  Die  Intelligenz  fonnulirte
die  Postulate  der  Demokratie,  sie  propagirte  sie  durch  Wort  und  That.
Die  deutsche  Studentenschaft  trieb  Politik  und  trieb  freiheitliche  Politik.
Seitdem  ist  ein  halbes  Jahrhundert  verflossen.  Die  Bestrebungen
der  damaligen  Opposition  haben  sich  —  wenn  auch  nur  sehr  zum  Theil
—  erfüllt.  Zwar  ist  die  Demokratie,  welche  .den  derzeitigen  Freiheitskämpfern ­
  als  das  Endziel  ihres  Strebens.  vorschwebte,  nicht  erreicht;
nur  die  Mitbestimmung  über  das  eigene  Schicksal  neben  dem  Willen
des  Herrschers  bat  sich  das  Volk  erkämpft,  und  die  in  Gestalt  einer
Konstitution,  welche  nnr  allzudeutlich  in  der  Beschränktheit  des  Wahlrechts, ­
  der  Press-  und  der  Versammlungsfreiheit  die  Eierschalen  des
Absolutismus  mit  sich  trägt.  Doch  vielleicht  war  es  gerade  dies,  was
die  Opposition  auch  gegen  diese  Staatsform  in  selbstbewussterer  Form
ins  Leben  rief.  Denn  die  volle  Freiheit  Adler  war  in  dieser  Verfassung
nicht  zu  finden,  und  das  erkannte  man,  auch  in  weiteren  Kreisen,  bald,
sie  war  überhaupt  durch  die  „politische"  Freiheit  allein  nicht  zu  erreichen.
Erfahrung  und  Ueberlegung  zeigten  denen,  die  die  Freiheit  als  ein  lustloses ­
  Schemen  auszugeben  nicht  inr  Stande  waren,  dass  die  wahre
Freiheit  nicht  in  der  offiziellen  Gleichheit  vor  dem  Gesetze,  sondern
auf  der  gleichen  Macht,  der  gleichen  wirthschastlicben  Mächt  beruht.
Diese  aber  kann,  das  würde  jener  gleichfalls  klar,  nur  in  einer  Sozialist!*
sehen  Gesellschaft  erreicht  werden;  die  politische  Freiheit  kann  nnr'ein
Mittel  sein,  um  jene  zu  erringen,  und.sich  selbst  durch  diese  zu  erhalten.
Im  Bewusstsein  dieser  doppelten  Forderung  bezeichnen  sich  daher  die
heutigen  Vertreter  des  altvererbten  Freiheitsideales  als  die  Partei  des
demokratischen  Sozialismus.

21.  Titelseite  der  ersten  Nummer  des
„Sozialistischen  Akademiker"

waren  das  Geistliche,  Lehrer  und  sonstige
freien  Berufe,  die  meist  bei  Stöcker  oder
angefangen,  aber  sich  immer  mehr  von
Richtung  zu  einem  liberalen  Sozialismus  hin
entwickelt  hatten  und  nur  noch  in  den  Fragen  der  Weltpolitik  und  was
damit  zusammenhing  nationalistischen  Ideen  huldigten.  Die  Naumann,
Gerlach,  Göhre  (der  bis  1900  zu  ihnen  gehörte),  Maurenbrecher  und
Genossen  gaben  sich  der  Vorstellung  hin,  durch  ihr  sozialpolitisch  radikales
Programm  der  Sozialdemokratie  bei  der  Arbeiterschaft  Boden  abgraben
und  eine  nationalsozialistische  Arbeiterpartei  gründen  zu  können,  und  wenn
ihnen  das  auch  nicht  gelang,  wenn  sie  dadurch,  daß  sie  der  Sozialdemokratie
als  Konkurrenzpartei  gegenübertraten,  bei  der  sozialdemokratischen  Arbeiterschaft ­
  vielmehr  das  Gegenteil  von  dem  bewirkten,  was  sie  zu  erzielen
strebten,  so  verfügten  sie  doch  über  genug  rednerisch  und  schriftstellerisch
begabte  Persönlichkeiten,  um  in  der  Welt  der  Akademiker  Anhang  zu
gewinnen.  .  .  „
Mittlerweile  hatte  in  Preußen  im  Mai  1897  der  Minister  von  -.e
Recke  ein  Vereinsgesetz  ausgearbeitet,  das  die  Sozialdemokratte  aus
neue  unter  das  Henkerbeil  gestellt  hätte.  Er  verlangte  für  die  p
        <pb n="31" />
        32

nicht  weniger  als  das  Recht,  Vereine  oder  Versammlungen,  deren  „Zweck
oder  Tätigkeit  den  Strafgesetzen  zuwiderläuft  oder  die  öffentliche  Sicherheit, ­
  insbesondere  die  Sicherheit  des  Staates  oder  den  öffentlichen
Frieden  gefährdet",  aufzulösen,  bezw.  zu  schließen.  Mit  diesen  Kautschukbestimmungen ­
  hätte  es  ganz  von  dem  guten  Willen  der  Regierung  abgehangen, ­
  jeder  Oppositionspartei,  ob  bürgerlich  oder  sozialistisch,  das
Wirken  in  geregelten  Vereinen  unmöglich  zu  machen,  zumal  Beschwerden
nicht  vor  den  ordentlichen  Gerichten,  sondern  im  Verwaltungsstreitverfahren ­
  ihre  Erledigung  finden  sollten.  Daß  dieses  ungeheuerliche  Gesetz
noch  nicht  ein  Jahr  später  im  preußischen  Landtag  hatte  eingebracht  werden
können,  nachdem  im  deutschen  Reichstag  der  Reichskanzler  die  Freigabe
der  Verbindung  politischer  Vereine  für  das  ganze  Reich  in  Aussicht  gestellt
hatte,  und  daß  dieses  Gesetz,  welches  die  Freigabe  der  Verbindung  politischer
Vereine  zum  blutigsten  Lohn  geinacht  hätte,  sehr  nahe  daran  war,  im
Landtag  angenommen  zu  werden  —seine  Ablehnung  kam  schließlich  mit
nur  vier  Stimmen  Mehrheit  zustande!  —  dieser  Vorgang  war  es,  der  in
der  Stellung  der  Sozialdemokratie  zur  Frage  der  preußischen  Landtagswahlen ­
  eine  vollständige  Amwälzung  zustande  brachte.  Run  erkannte  ein
großer  Teil  ihrer  führenden  Vorkämpfer,  Auer  und  Bebel  voran,  daß  die
bis  dahin  gepflegte  Enthaltungspolitik  nicht  mehr  fortgesetzt  werden  dürfe,
sondern  daß  man,  statt  in  Presse  und  Versammlungen  zu  protestieren,  dem
Landtag  direkt  zu  Leibe  gehen  müsse,  und  es  kamen  nach  lebhaften  Debatten
in  Presse,  Versammlungen  und  Komitees  die  bezüglichen  weiter  oben  verzeichneten ­
  Beschlüsse  der  Kongresse  von  Lamburg  und  Stuttgart  zustande,
welche  die  Beteiligung  der  Sozialdemokratie  an  den  Landtagswahlen  in
Preußen  zur  Folge  hatten.
Im  Spätherbst  1897  legte  Lerr  Tirpitz  seinen  Flottenplan  dem  Reichstag ­
  vor.  Danach  sollten  nicht  weniger  als  7  neue  Linien-  (Schlacht-)
Schiffe,  2  große  und  7  kleine  Kreuzer  zu  den  schon  bewilligten  Schiffsbauten
hinzukommen,  neben  allerhand  Ersatzbauten  und  Verstärkungen  des  Torpedobootbestandes, ­
  dazu  sollte  das  Friedenspersonal  der  Flotte  um  nahezu  die
Lälste,  nämlich  von  18  138  auf  26  637  Mann,  erhöht  werden.  Für  die
Fertigstellung  der  Bauten  waren  7  Jahre  vorgesehen.  Das  alles  wurde  vom
Reichstag  bewilligt;  mit  Ausnahme  der  Bayern  und  eines  halben  Dutzend
anderer  Widerspenstigen  stinnnte  das  Zentrum  für  die  Vermehrung,  die  die
einmaligen  Ausgaben  für  die  Flotte  um  nicht  weniger  als  408  Millionen
Mark  erhöhte  und  für  die  fortdauernden  Ausgaben  des  Marineetats  eine
Steigerung  von  jährlich  49  Millionen  Mark  vorsah.  Ja,  man  ging  so
weit,  die  Periode  für  die  Bauten  auf  ein  Jahr  weniger  anzusetzen,  als  die
Regierung  verlangt  hatte,  nämlich  auf  sechs  statt  auf  sieben  Jahre,  was
die  Ausgabe  pro  Jahr  entsprechend  erhöhte.  And  dies,  obwohl  es  die
Spatzen  von  den  Dächern  pfiffen,  daß  die  Vorlage  nur  erst  den  Anfang
des  Programms  der  Regierung  brachte.  So  sehr  hatte  die  Stimmung
umgeschlagen.  Das  Zentrum  war  Regierungspartei  geworden.
Am  28.  März  1898  war  die  Schlußabstimmung  über  das  Flottengesetz ­
  erfolgt  und  am  6.  Mai  ward  der  Reichstag,  dessen  Mandat  abgelaufen ­
  war,  geschlossen  und  der  Termin  für  die  Neuwahlen  auf  den  16.  Juni
1898  angesetzt.  Der  nun  entbrennende  Wahlkampf  fand  die  Sozialdemokratie
in  jeder  Linsicht  gerüstet.  Sie  verfehlte  nicht,  der  Arbeiterschaft  klar-
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        33

zumachen,  was  für  sie  auf  dem  Spiele  stand.  Ein  vom  II.  Dezember  1897
datierter  Geheimerlaß  des  neuen  Staatssekretärs  des  Innern,  Graf  Posadowsky, ­
  den  der  „Vorwärts"  am  15.  Januar  1898  veröffentlicht  hatte,  hatte
die  Behörden  aufgefordert,  dasjenige  Material  über  Ausschreitungen  bei
Streiks  einzusenden,  das  geeignet  sei,  eine  Vorlage  „gegen  Mißbrauch  der
Koalitionsfreiheit"  —  d.  h.  auf  Einschränkung  des  Koalitionsrechts  —  zu
begründen,  die  dem  neuen  Reichstag  bei  seinem  Zusammentritt  unterbreitet
werden  sollte,  und  in  der  Reichstagssitzung  vom  17.  Januar  gab  der
Minister  zu,  daß  dieses  Rundschreiben  auf  Wunsch  der  Unternehmer,
will  sagen  der  scharfmacherischen  Anternehmerverbände,  verschickt  worden
sei.  Vor  allem  entsprach  es  dem  Programm,  das  Wilhelm  II.  in  den
Tagen,  die  der  Ernennung  Posadowskys  vorausgingen,  am  17.  Juni  1897
bei  einer  Denkmalscnthüllung  auf  dem  Sparenberge  bei  Bielefeld  zun:
besten  gegeben  hatte  und  das  durch  das  halbamtliche  Wolffsche  Bureau
in  die  Welt  geschickt  worden  war:
„Schutz  der  nationalen  Arbeit  aller  produktiven  Stände,  Kräftigung
eines  gesunden  Mittelstandes,  rücksichtslose  Niederwerfung  jedes  Am
sturzes,  und  die  schwerste  Strafe  dem,  der  sich  untersteht,  einen  Rebenmenschen, ­
  der  arbeiten  will,  an  freiwilligem  Arbeiten  zu  hindern."
Es  kann  dahingestellt  bleiben,  wie  Posadowsky  damals  innerlich  selbst
zu  der  Sache  stand,  ob  das  Rundschreiben  von  ihm  sehr  ernst  gemeint
war  oder  bloß  den  allmächtigen  Zentralverband  der  Industriellen  zur  Ruhe
bringen  sollte.  Im  Reichstag  erklärte  er,  er  wäre  bereit,  mit  dem  Rundschreiben ­
  als  Wahlmanifest  vor  das  Land  zu  treten,  und  so  wurde  der
Kampf  für  Einschachtelung  des  Koalitionsrechts  eine  der  Wahlparolen  der
Negierung.  Weiter  hatte  Posadowsky  einen  wirtschaftlichen  Ausschuß ­
  eingesetzt  für  Vorarbeiten  zu  einem  neuen  Zolltarife,  der  für  die
1903  und  1904  zu  erneuernden  Handelsverträge  maßgebend  sein  sollte,
und  die  Zusammensetzung  des  Ausschusses  ließ  erkennen,  daß  es  auf  Erhöhungen ­
  der  Zölle  abgesehen  war,  worüber  Jndustrie-Schutzzöllner  und
Agrarier  handelseins  werden  sollten.  Man  nannte  dies  Handelsgeschäft  die
„Politik  der  Sammlung",  deren  Apostel  insbesondere  Lerr  Miguel
war,  und  die  Zöllnerei  selbst  hieß  nach  alten  Brauch  Schutz  der  nationalen
Arbeit.  Die  Kräftigung  eines  gesunden  Mittelstandes  aber,  von  der  die
Kaiserrede  sprach,  ward  in  Maßregeln  gegen  Warenhäuser,  Lausicrhandel,
und  Konsumvereine  erstrebt.  Für  diese  Dinge  kämpften  die  Konservativen,
Zentrumsleute,  Antisemiten  und  selbst  viele  Nationalliberale  bei  der  Wahl.
Gegen  die  Sozialdemokratie  suchte  man  außerdem  teils  in  gewohnter  Weise
Auszüge  aus  Reden  und  Schriften  auszuspielen,  die  den  Spießbürgern  in
allen  Klassen  Angst  einflößen  sollten,  teils  suchte  man  selbstkritische  Aufsätze
von  Sozialisten  als  Zeugnisse  gegen  den  Sozialismus  auszuspielen.  Auf  all
das  fand  aber  die  Sozialdemokratie  wirksame  Antworten,  und  so  war  von
allen  großen  Parteien  sie  die  einzige,  die  am  16.  Juni  1898  einen  Stimmenzuwachs ­
  verzeichnen  konnte.  Bei  einer  im  ganzen  noch  nicht  um  eineinhalb ­
  Prozent  gestiegenen  Wahlbeteiligung  wiesen  ihre  Stimmen  einen  Zuwachs ­
  von  14  Prozent  auf,  sie  stiegen  von  1  786  738  auf  2  107  076  oder
von  23,3  auf  27,2  der  Gesamtstimmen.  Im  ersten  Wahlgang  eroberte  sie
32,  bei  den  Stichwahlen  24  Mandate,  so  daß  nun  eine  sozialdemokratische
Fraktion  von  56  Mann  in  den  Reichstag  einzog.  Berlin  wählte  diesmal
Bernstein,  Berliner  Geschichte.  !f
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        34

nicht  sonderlich.  Die  Wahlbeteiligung  war  im  allgemeinen  geringer  als  1893,
Immerhin  war  die  Sozialdemokratie  die  einzige  größere  Partei,  die  einen
Stimmenzuwachs  verzeichnete,  ihre  Stimmen  mehrten  sich  von  151  000  auf
155  000.  Berlin  II  und  Berlin  V  gingen  vorübergehend  verloren.  Dafür
sandte  aber  jetzt  auch  der  zweite  Vorortswahlkreis,  Teltow-Beeskow-Charlottenburg,
  einen  Sozialdemokraten  in  den  Reichstag.  Zm  ganzen  zeigte  dieser
gegen  seinen  Vorgänger  ein  wenig  verändertes  Gesicht,  doch  hatte  sich  die
Linke  immerhin  um  etwas  verstärkt.  Verstärkt  war  auch  das  Zentrum  aus
der  Wahl  hervorgegangen,  es  konnte,  statt  96,102  Vertreter  mustern,  während
die  beiden  konservativen  Gruppen  zusammen,  statt  100,  nur  noch  79  Vertreter ­
  hatten.  Sechs  Vertreter  hatte  der  Bund  der  Landwirte,  fünf  der
diesem  seelenverivandte  Bauernbund  aufgebracht.  Bei  den  liberalen  Fraktionen ­
  und  ebenso  bei  den  Nationalitätengruppen  glichen  sich  Gewinne  und
Verluste  aus.  Nach  Lage  der  Dinge  war  in  diesem  Reichstag  das  Zentrum
.Jöerr  der  Situation.  Für  seine  wirtschaftlich  reaktionären  Tendenzen  konnte
es  mit  den  Konservativen  und  den  agrarisch-antisemitischen  Gruppen  eine
Mehrheit  bilden,  für  seine  politischen  Oppositionszwecke  hatte  es  in  den  linksliberalen ­
  Gruppen,  den  Nationalitätengruppen  und  der  Sozialdemokratie
Deckung.  Der  Regierung  wieder  machte  es  sich  dadurch  angenehm,  daß
cs  nicht  ganz  so  agrarisch  war  wie  die  Rechte  und  keine  radikale  Opposition
der  Linken  mitmachte.  Für  die  Beratung  des  in  Aussicht  stehenden  Zolltarifs ­
  ward  es  auf  diese  Weise  geradezu  unentbehrlich.
Auch  die  Ende  Oktober  1898  erfolgenden  Wahlen  zum  preußischen
Abgeordnetenhaus  führten  zu  einer  Stärkung  der  Position  des  Zentrums.
Die  Konservativen  und  die  Nationallibcralen  verloren  zusammen  17,  die
Polen  4  Stimmen;  das  Zentrum  gewann  5,  die  beiden  freisinnigen  Gruppen
15  Stimmen.  Mehr  als  vorher  waren  die  Konservativen  auf  die  Unterstützung ­
  des  Zentrums  angewiesen.  Der  Gewinn  des  Freisinns  war  zu
mehr  als  der  Lälste  der  Unterstützung  durch  Sozialdemokraten  geschuldet.
In  Breslau,  in  Görlitz,  in  Lagen  in  Westfalen  und  in  Magdeburg  hielten
die  sozialdemokratischen  Wahlmänner  das  Zünglein  der  Wage  in  der  Land
und  gaben  für  die  Kandidaten  des  Freisinns  den  Entscheid.  An  anderen
Orten  hatte  schon  bei  den  Arwahlen  die  Anterstühung  durch  Sozialisten,
genügt,  den  Freisinnigen  die  Mehrheit  der  Wahlmänner  zu  verschaffen.  Eine
beträchtliche  Anzahl  von  sozialdemokratischen  Wahlmännern  waren  in  Altona,.
Bielefeld,  Brandenburg,  Lalle  a.  S.  und  Linden  bei  Lannover  gewählt.
Am  letzteren  Ort  schien  cs  sogar  einen  Augenblick,  als  sollte  die  Sozialdemokratie ­
  die  Mehrheit  erhalten,  die  Klassengliederung  dieses  Industrievororts ­
  brachte  es  mit  sich,  daß  auch  Arbeiter  und  zu  den  Arbeitern
stehende  Geschäftsleute  in  erheblicher  Anzahl  Wähler  zweiter  Klasse  wurden,,
und  der  Wahlkreise,  wo  die  Dinge  ähnlich  lagen,  gab  es  noch  mehrere.
So  hatte  die  Probe,  ob  die  Sozialdemokratie  den  Kampf  unter  dem
Landtagswahlsystem  wirksam  führen  könne,  ein  durchaus  ermunterndes
Resultat  ergeben.  In  der  Masse  der  Wahlkreise,  so  namentlich  in  Berlin
und  Amgegend,  hatte  man  sich  noch  der  Wahl  enthalten,  teils  weil  man
überhaupt  gegen  die  Wahlbeteiligung  war,  teils  weil  die  Wahl  zu  schnell
auf  den  Stuttgarter  Parteitag  folgte,  von  dem  man  eine  bestimmte  Parolefür
  den  Wahlkampf  erwartet  hatte.  Der  Parteitag  war  aber  nicht  darüber
hinausgegangen,  den  Genossen  die  Teilnahme  an  der  Wahl  freizustellen.
        <pb n="34" />
        35

Die  Sozialdemokratie
ja  der  Steigerung.

'  s-22.

  Karikatur  auf  Reckes  Verfolgungen  der  sozialdemokratischen  Partei
„Lustige  Blätter"

Viceivirtd  Reche  t2um  sorialdemohratischen  EinJjeger):  Die  Geschichte  muss  ein  Ende  nehmen,  Sie  müssen  ’raus  aus  dem  Hause,
ooxialdemokrat:  Nee,  Rausschmeissen  ia  nich,  aber  steigern  können  Se  mir;  ihre  Vorgänger  haben  mir  ja  ooeh  von  Jahr
zu  Jahi  mächtig  jeateigert!

Es  sei  hierbei  bemerkt,  daß  das  Wahlsystem  in  den  Jahren  1891  und
1893  kleine  Änderungen  erfahren  hatte,  weil  die  Miquelsche  Steuerreform
seinen  ohnehin  plutokratischen  Charakter  noch  um  ein  sehr  Bedeutendes  zu  steigern
drohte.  Aus  diesem  Grunde  hatte  man  die  Bestimmung  eingefügt,  daß  in
den  Gemeinden,  die  in  mehrere  Arwahlbezirke  geteilt  sind,  die  Dreiteilung
der  Wähler  in  jedem  Arbezirk  besonders  vorgenommen  werde,  so  daß  also
auch  in  ärmeren  städtischen  Bezirken  Leute  mit  mäßigem  Einkommen  Wähler
zweiter  oder  selbst  erster  Klasse  werden  konnten.  Für  die  zur  Staatsein'
kommensteuer  nicht  veranlagten  Personen  wurde  bei  der  Dreiteilung  em
Steuersatz  von  3  Mark  in  Anrechnung  gesetzt,  die  Wirkung  dieser  Au  -
gleichsmaßregel  indes  dadurch  wieder  neutralisiert,  daß  bestimmt  wurde,  für
die  Steuerberechnung  neben  der  Staatssteuer  auch  die  Provinzial-,  ^re  ,
        <pb n="35" />
        Bezirks-  und  Gemeindesteuern  in  Anrechnung  zu  bringen,  was  natürlich
die  Steuersummen  der  Wohlhabenden  sehr  viel  stärker  ins  Gewicht  fallen
ließ  als  vordem.  Ja,  es  ward  sogar  bestimmt,  daß  dort,  wo  keine  direkten
Gemeindesteuern  erhoben  werden,  wie  z.  B.  in  den  Gutsbezirken,  die  bloß
veranlagten  Steuern  in  Anrechnung  zu  bringen  seien.  Alle  Versuche,
das  Wahlrecht  wirklich  zu  reformieren,  scheiterten  damals,  wie  auch  in  den
Jahren  1900,  1901,  1902  und  1903  die  Anträge  der  Freisinnigen  auf  Neueinteilung ­
  der  Wahlkreise  und  Einführung  der  geheimen  Wahl  im  Klassenlandtag ­
  glatt  zu  Boden  fielen.  Die  beiden  konservativen  Fraktionen  erklärten
kühl,  daß  ihnen  Dreiklassenwahl,  offene  Stimmabgabe  und  die  Ungleichheit
der  Wahlkreise  gerade  paßten,  die  Nationalliberalen  wollten  etwas  reformieren, ­
  aber  wußten  nicht  wo,  und  das  Zentrum  fand  die  Anträge  sachlich
berechtigt,  aber  —  nicht  zeitgemäß.  Es  mußte  erst  stärker  angeklopft
werden,  bis  die  von  der  Reaktion  des  Jahres  1849  aufgetürmte  Zwingburg ­
  ins  Wanken  kam.
Noch  vor  der  Landtagswahl,  am  6.  September  1898,  hatte  Wilhelm  II.
an  einer  Galatafel  im  Bad  Oeynhausen,  an  der  die  Spitzen  der  Behörden
und  die  Auswahl  der  Bourgeoisie  Westfalens  teilnahmen,  die  ein  Jahr
vorher  am  Sparenberg  (siehe  oben)  zum  besten  gegebene  Ankündigung
eines  Antistreikgesetzes  wiederholt.  Er  erklärte:
„Das  Gesetz  naht  sich  seiner  Vollendung  und  wird  den  Volksvertretern
noch  in  diesem  Jahre  zugehen,  worin  jeder  —  er  möge  sein,  wer  er  will,
und  heißen,  wie  er  will  —,  der  einen  deutschen  Arbeiter,  der  willig  ist,
seine  Arbeit  zu  vollführen,  daran  zu  hindern  versucht  oder  gar  zu  einem
Streik  anreizt,  mit  Zuchthaus  bestraft  werden  soll.  Die  Strafe  habe
Ich  damals  versprochen  und  Ich  hoffe,  daß  das  Volk  in  seinen  Vertretern ­
  zu  Mir  stehen  wird,  um  unsere  nationale  Arbeit  in  dieser  Weise,
soweit  es  möglich  ist,  zu  schützen."
Der  Stuttgarter  Parteitag  der  deutschen  Sozialdemokratie  beantwortete
diese  Kaiserrede  mit  einer  Resolution,  deren  wichtigste  Sätze  hier  ebenfalls
folgen  mögen:
„Der  Parteitag  erklärt  es  als  eine  der  ersten  Aufgaben  der  Gesetzgebung, ­
  allen  Arbeitern  das  Koalitionsrecht  zu  gewähren  und  es
gegen  die  unablässigen  Anschläge  des  Unternehmertums  sicherzustellen. ­
  Er  wendet  sich  daher  entschieden  gegen  die  Drohung  in  der
Tischrede  des  Kaisers  zu  Oeynhausen  am  6.  September  1898,  demnächst
der  Volksvertretung  einen  Gesetzentwurf  vorlegen  zu  lassen,  wonach  jeder
mit  Zuchthaus  bestraft  werden  soll,  der  „gar  zu  einem  Streik  anreizt".
Der  Parteitag  fordert  die  deutschen  Arbeiter  ohne  Unterschied  der
politischen  und  religiösen  Anschauungen  auf,  sobald  dem  Reichstag  eine
solche  oder  ähnliche  Vorlage  zugeht,  Protestversammlungen  zu  veranstalten ­
  und  die  Abgeordneten  zur  Stellungnahme  gegen  eine  solche
Vorlage  zu  drängen.
Der  Parteitag  erblickt  in  der  Kaiserrede  das  unzweideutige  Zeugnis,
daß  die  in  den  kaiserlichen  Erlassen  vom  4.  Februar  1890  in  Aussicht
gestellte  Sozialreform  seitens  der  Negierung  aufgegeben  ist.  Der
nunmehr  erst  im  richtigen  Licht  erscheinende  Erlaß  des  Grafen  Posadowsky
  zeigt,  daß  das  Reichsamt  des  Innern  statt  des  früher  in  Aussicht ­
  gestellten  „Schutzes  gegen  eine  willkürliche  und  schrankenlose  Ausbeutung ­
  der  Arbeitskraft"  eine  Politik  der  Unterdrückung  der
Arbeiterbestrebungen  auf  wirtschaftlichem  Gebiete  einleitet—,
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        //tfrxs  ^-f^p/  &amp;lt;~rmpr  / JL?‘f

s-&amp;lt;

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,&amp;amp;/r&amp;amp;  ‘^t**«**  ffr,p^l^t*}/
^L&amp;gt;  ^/-  *-&amp;lt;  ^

23.  Schließung  der  Berliner  Wahlvereine.  Gerichtliche  Bestätigung  der  Äöllerschen
Verfügung
        <pb n="37" />
        38

eine  Politik,  die  den  letzten  Arbeiter  über  das  Märchen  vom  „sozialen
Königstum"  aufklären  und  ihn  davon  überzeugen  muß,  daß  im  heutigen
Klaffenstaat  die  Regierung  immer  mehr  und  immer  deutlicher  die  Sachwalterin ­
  der  Kapitalisteninteressen  wird  und  allein  die  Sozialdemokratie
die  rückhaltlose  und  offene  Vertreterin  der  Arbeiterinteressen  ist."
Das  war  eine  kräftige  Antwort,  und  als  der  Moment  gekommen  war,
wurde  auch  in  ihrem  Sinne  gehandelt.
Am  6.  Dezember  1898  —  drei  Monate  nach  der  Oeynhausener  Rede  —
trat  der  neue  Reichstag  zusammen.  Es  dauerte  aber  noch  sechs  weitere
Monate,  bis  zum  5.  Juni  1899,  bevor  die  dort  von  Wilhelm  II.  angekündigte
Vorlage  an  den  Reichstag  gelangte.  Die  Verzögerung  begreift  sich,  wenn
man  das  Schriftstück  durchlieft.  Mit  vollem  Recht  erhielt  es  den  Titel  die
„Zuchthausvorlage".  Es  war  ein  Machwerk,  das,  wenn  es  Gesetz  geworden
wäre,  das  Koalitionsrccht  der  Arbeiter  fast  in  sein  Gegenteil  verkehrt  hätte.
Kaum  eine  der  Landlungen,  die  zu  einer  Kollektivaktion  der  Arbeiter  gegenüber ­
  den  Anternehmern  gehören,  wäre  danach  straffrei  geblieben,  von  der
Androhung  einer  Arbeitseinstellung,  sofern  solche  unter  Verstoß  gegen  die
Kündigungsfrist  eintrat  —  was  sich  ja  nie  voraussehen  läßt  —  bis  zur  „Ehrverletzung" ­
  gegen  Arbeitswillige,  welche  letzteren  in  der  Begründung  der
Denkschrift  als  besonders  nützliche  Elemente  des  Staates  bezeichnet  wurden.
Zur  Verfolgung  sollte  bei  Landlungen,  die  sonst  nur  auf  Antrag  des  Geschädigten ­
  verfolgt  werden,  im  Falle  von  Arbeitseinstellungen  kein  Antrag
erforderlich  sein,  wenn  die  Geschädigten  Arbeitswillige  waren.  Für  die  meisten
der  bezeichneten  Landlungen  war  Gefängnis  oder  Geldstrafe  bis  zu  1009  Mk.
angesetzt;  wo  aber  infolge  eines  Arbeiterausstandes  oder  einer  Arbeiteraussperrung ­
  „eine  Gefährdung  der  Sicherheit  des  Reichs  oder  eines  Bundesstaats ­
  eingetreten  war  oder  eine  gemeine  Gefahr  für  Menschenleben
oder  das  Eigentum"  herbeigeführt  wurde,  sollte  (§  8)  auf  Zuchthaus  bis
zu  drei  Jahren,  gegen  die  Rädelsführer  bis  zu  fünf  Jahren  zu  erkennen  sein.
Der  „Rädelsführer"  wurde  auch  bei  anderen  Paragraphen  gedacht,  und
ebenso  wurden  höhere  Mindeststrafen  für  Personen  angesetzt,  welche  sich  die
bedrohten  Landlungen  „zum  Geschäft  machen",  d.  h.  die  Vertrauensmänner
der  Arbeiter,  Gewerkschaftsführer  und  Gewcrkschaftsbcamte.  Daß  auch
Aussperrungen,  also  von  Llnternehmern  ausgehende  Maßnahmen,  in  das
Gesetz  einbezogen  werden  sollten,  hatte  selbstverständlich  nur  formelle  oderdekorative
  Bedeutung.  Auch  ohne  daß  man  das  Posadowskysche  Rundschreiben ­
  und  die  Reden  Wilhelms  II.  kannte,  kennzeichnete  sich  das  Gesetz
ohne  weiteres  als  gegen  die  kämpfende  Arbeiterschaft  gerichtet.
So  zögerten  denn  auch  die  Arbeiter  nicht,  ihre  Stimme  geltend  zu
machen.  Zn  allen  Teilen  Deutschlands  wurden  große  Protestversammlungen
abgehalten  und  Resolutionen  angenommen,  in  welchen  die  Zuchthausvorlage
entrüstet  zurückgewiesen  und  statt  ihrer  Schutz  und  Stärkung  des  Koalitionsrechts ­
  der  Arbeiter  verlangt  wurden.  In  Millionen  von  Exemplaren  wurden
Flugblätter  verbreitet,  welche  die  Arbeiter  über  die  wahre  Natur  der  Vorlage ­
  aufklärten.  Die  politische  und  die  gewerkschaftliche  Presse  ward  nicht
müde,  an  Beispielen  aus  der  Praxis  zu  zeigen,  wie  fast  überall  Polizei
und  Gerichte  schon  die  bestehenden  Strafbestimmungen  in  bezug  auf
Koalitionskämpfe  einseitig  gegen  die  Arbeiter  kehrten,  und  die  Generalkommission ­
  der  Gewerkschaften  Deutschlands,  deren  Sitz  damals  in  Lam-
        <pb n="38" />
        39

bürg  war,  gab  eine  von  —*•*-  Der  neueste  preußische  Waisenknabe.
Karl  Legten  verfaßte  c--»»
Schrift  „  DasKoalitionsgesetz
  in  Theorie  und
Praxis"  heraus,  die  ein
geradezu  erdrückendes
Material  gegen  die  Behauptungen ­
  der  Regierungsdcnkschrift
  erbrachte. ­
  Den  sozialistischen ­
  freien  Gewerkschaften ­
  traten  im  Protest
gegen  die  Vorlagen  die
Lirsch-Dunckerschen  und
die  christlichen  Gewerkvereine ­
  zur  Seite,  und  in
gleichem  Sinne  erhoben
bürgerliche  Sozialreformer ­
  aller  Schattierungen ­
  ihre  Stimme.  So
stark  war  die  Gegenbewegung, ­
  daß,  als  am
19.  Juni  die  Vorlage
im  Reichstag  zur  Verhandlung ­
  kam,  nur  die
Redner  der  konservativen ­
  Parteien  sich  rückhaltlos ­
  für  sie  erklärten.
Reben  den  Rednern
der  Sozialdemokratie
sprachen  sich  auch  die
des  Zentrums  und  der
freisinnigen  Gruppen
sowie  der  Rativnalliberale
  Bassermann  entschieden ­
  gegen  sie  aus,
allerdings  in  anderer
Tonart  und  Motivierung, ­
  und  Herr  Bassermann ­
  nicht  für  die  ganze
nationallibcrale  Partei.  Aber  der  Gesamteindruck  der  Debatte,  die  vier
Tage  in  Anspruch  nahm,  war  doch  ein  solcher,  daß  der  Regierungsentwurf ­
  nicht  einmal  einer  Kommission  überwiesen  wurde.  Am  20.  November ­
  1899  kam  er  in  zweiter  Lesung  zur  Verhandlung,  bei  welcher
Gelegenheit  der  von  den  Großindustriellen  beeinflußte  rechte  Flügel  der
Nationalliberalen  der  Regierung  zu  Lilfe  zu  kommen  suchte.  Indes  konnte
diese  Schutztruppe  das  Schicksal  der  Vorlage  nicht  retten,  sie  ward  na  )
kurzen  Erklärungen  der  Vertreter  des  Zentrums  und  der  Linken  g  a
abgelehnt.

*03^*
24.  Monolog  aus  dem  Reichstag
Der  ungeschützte  Arbeitswillige:  Wat  mach'ick  nu?
Aus  der  Kulturdestille  haben  sie  mir  rausjeschmissen,  Posadowsky
  is  'n  Jcizkragen  un  siebt  nischt  mehr,  bleiben  nur  noch
Mirbach,  Klinckorvströin,  Stumm  im  det  preußische  Lerrenhaus,
  die  halten  feste  zu  mir,  —  also  auf  nach  dem  Dönhoffplatz! ­
  „Wahre  Jakob".
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        ..&amp;lt;Sr

—  40  -
Zu  mehr  konnten  sich  die  Lerren  vom  Zentrum  und  Freisinn  jedoch
nicht  verstehen.  Anträge  der  Sozialdemokratie,  das  Koalitionsrecht  dev
Arbeiter,  von  dem  erwiesen  war,  daß  es  nur  erst  ganz  unzulänglich  bestand,
nun  auch  sicherzustellen,  wurden  am  1.  Dezember  1899  unter  Mitwirkung
derselben  Parteien  abgelehnt,  die  mit  der  Sozialdemokratie  die  Regierungsvorlage ­
  verworfen  hatten.  Dagegen  nahm  der  Reichstag  fünf  Tage
darauf  in  letzter  Lesung  das  schon  oben  erwähnte  „Not-Vereinsgeseh"  an,
das  "für  ganz  Deutschland  alle  Bestimmungen  aufhob,  die  politischen
Vereinen  verboten,  untereinander  in  Verbindung  zu  treten.  Damit  war
wenigstens  den  Gewerkschaften  eine  größere  Bewegungsfreiheit  ermöglicht,
als  ihnen  bis  dahin  zustand.
Was  die  Agitation  der  Arbeiterschaft  gegen  die  Regierungsvorlage
ungemein  stärkte  und  der  sozialdemokratischen  Propaganda  überhaupt
großen  Nachdruck  verlieh,  war  das  im  Februar  1899  ergangene  Lirteil  im
Prozeß  gegen  neun  Maurer  in  Löbtau,  die,  von  einem  Richtschmaus
komniend,  auf  einem  Ban  im  Streit  mit  dem  Bauherrn,  der  ihnen  den
Zutritt  verwehren  wollte,  Gewalttätigkeiten  verübt  hatten.  Sieben  von
ihnen  waren  zu  durchschnittlich  acht  Jahren  Zuchthaus,  zwei  zu  je
vier  Jahren  Gefängnis  verurteilt  worden.  Wenn  je,  so  war  in  diesem
Erkenntnis  des  Dresdener  Schwurgerichts,  vor  dem  die  Sache  verhandelt
war,  der  Ausdruck  Klassenjustiz  am  Platze.  Denn  wenn  die  Arbeiter
sich  auch  straffällig  gemacht  hatten,  so  rechtfertigte  doch  nichts  eine  Verurteilung, ­
  die  über  das  Maß  der  Bestrafung  gewöhnlicher  Raufereien
hinausging.  Die  Maurer  hatten  den  Bauherrn,  der  auf  sie  aus  einem
allerdings  blind  geladenen  Revolver  geschossen  hatte,  so  geschlagen,  daß  er
mehrere  Tage  das  Bett  hüten  mußte,  aber  weder  ihm  noch  sonst  jemand
war  ein  ernsthaftes  Übel  zugefügt  worden.  Wenn  trotzdem  jene  furchtbaren ­
  Strafen  verfügt  wurden,  so  stand  das  in  so  schreienden,  Widerspruch ­
  zu  dem  Verhalten  der  Gerichte,  wo  vornehme  Raufbolde  in  Betracht
kommen,  daß  der  Spruch  überall,  wo  Arbeiter  zu  denken  angefangen  hatten,
die  tiefste  Entrüstung  Hervorrufen  und  die  Gemüter  mehr  als  je  für  den
politischen  und  gewerkschaftlichen  Kainpf  anstacheln  mußte.
Das  hatte  aber  um  so  mehr  zu  bedeuten,  als  unter  dem  Einfluß  der
Eaprivischen  Handelsverträge  die  Entwickelung  Deutschlands  zum  Industriestaat ­
  gerade  in  dieser  Zeit  Riesenfortschritte  machte.  Zwischen  1882  und  1895
hatte  die  landwirtschaftliche  Bevölkerung  Deutschlands  um  700  000  Köpfe
abgenommen,  die  industrielle  um  4  200  000  Köpfe  sich  vermehrt,  in  der
Industrie  aber  entfiel  der  Zuwachs  auf  die  Arbeiterklasse,  die  mit  ihren
Angehörigen  von  8,7  Millionen  auf  12,9  Millionen  Köpfe  gestiegen  war.
Lind  dieser  Entwickelungsgang,  der  sich  ähnlich,  wenn  auch  nicht  in  gleicher
Schroffheit,  im  Lande!  und  Verkehr  vollzogen  hatte,  —  von  einer  Gesamtzunahme ­
  um  1  400  000  entfiel  eine  Million  auf  die  Arbeiter  dieser  Berufsgruppen ­
  —  nahm  unausgesetzt  in  der  gleichen  Richtung  seinen  Weg.  Die
Industrieorte  wuchsen  mit  einer  Schnelligkeit,  die  vielfach  an  amerikanische
Vorgänge  erinnert,  und  die  Arbeiterschaft  nahm  einen  immer  breiteren
Raum  in  der  Öffentlichkeit  ein.  Die  Arbeitseinstellungen  nahmen  an  Zahl
und  Ausdehnung  zu,  und  öfter  als  früher  fanden  die  Arbeiter  bei  ihren
Kämpfen  bürgerliche  Elemente  auf  ihrer  Seite,  wofür  ein  besonders  bekannt
gewordenes  Beispiel  die  Unterstützung  der  Hafenarbeiter  Hamburgs  bei
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        Drbeiler,  Hanüwerker,  Psririgenossen!
Schon  wiederhab  ist,  '«  Luch  der  Ausruf  ergangen,  davon  abzulassen,  die  gegnerischen  Parteien
dadurch  zu  unterstützen,  dost  Jgr  deren  Zeitungen  haltet.  Indem  Ihr  bei  den  Wahlen  einem  Sozialdemokraten
Eure  Stimme  gebt,  beweist  Ihr,  daß  Ihr  die  Ueberzeugung  habt,  nur.  ein  Sozialdemokrat  kann  wirklich  die
Interessen  den  arbeltenden  Volke»  vertreten.  Wenn  Ihr  diese  Ueberzeugung  aber  habt,  so  ist  e»  Eure  Pflicht,
die  Partei  auch  in  jeder  anderen  Hinsicht  zu  unterstützen,  in  erster  Kinir  jedoch  die  Narteipresse  f«
adonnire«.  Wie  siehst»  nun  aber  damit  au»?  Der  6.  Wahlkrei»  hat  bei  der  letzten  Wahl  SS  Ovo  sozialdemokratische ­
  Stimmen  abgegeben,  und  kaum  der  fünfte  Theil  davon  ist  aus  unftre  Presto  abonnirt.  Da»
must  ander»  werden.  Wir  misten  wohl,  daß  ja  Mancher  durch  die  schlechten  wirtschaftlichen  Verhältnisse
davon  abgehalten  wird,  aber  wie  Viele  sind  nicht  da,  welche  in  vollständigsr  Berkeummg  der  Lage  abonnirt
sind  auf  gegnerische  Zeitungen,  und  so  sich  lind  Ihre»  Interesse  ins  Gesicht  schlage».
Genosse«!  Gerade  die  Ereigniste  der  letzten  Zeit  haben  e»  klar  bewiese»,  dast  wir  »nS  nnr  aus
nn»  selbst  verlassen  können,  daß  keine  andere  Hoffnung  mehr  da  ist,  was  wir  allerdings  schon  oft  gesagt.
Wenn  Ihr  also  eine  Zeitung  abonnirt,  die  die  klaffenden  Klaffengegensätze  durch  Harmonie-Geplärr  zu  vertuschen ­
  sucht,  so  zahlt  Ihr  Euer  Geld,  um  Euch  jeden  Morgen  etwas  sorlügc«  zu  lasten.  Kaun  Euch  da»
Bischen  Klatsch,  da»  in  diesen  Zeitungen  enthalten  ist  —  und  das  den  einen  Tag  erzählt  und  de»  andern
Tag  widerrufen  wird  —,  kann  Euch  da»  dazu  bringen,  di«  fortwährenden  Fußtritts  und  Demüthigungen,
denen  Ihr  im  politischen  Theil  dieser  Zeitungen  ausgesetzt  seid,  rubig  hinzunehmen?
Sollen  sich  unsere  Gegner  denn  noch  imuier  sreue».  daß  sie  es  verstehen,  dem  Volke  Sand  in  die
Bügen  zu  streuen  und  e»  über  die  wahre  Erkenntniß  der  Klastcnlage  hinwegzutäuschen?
Wollt  Ihr  Euch  noch  länger  zum  Spielball  der  Kapitalisten  machen?
Das  könnt  Ihr  nicht  wollen;  dann  macht  aber  auch  einmal  Ernst  und  entfernt  dir  K  lütter
«ms  E-rrem  Kante,  die  wohl  Euer  Geld  haben  wollen,  aber  bei  jeder  Gelegenheit  Euch  verhöhnen
und  verspotten.
Unterstützt  Eure  Preffe,  leset  und  verbreitet  dieselbe,  die  in  dem  Kampfe  für  Euch  und  Erire  Interessen
so  schwere  Opfer  bringen  muß.  Erkennt,  daß  je  größer  die  Zahl  der  Abonnenten  unierer  Zeitungen  ist,  je
größer  auch  die  Mach!  derselben  wird,  und  dast  man  umsoweniger  unsere  geringen  Rechte  zu  beschneiden  wagen
wird,  je  größer  die  Zahl  Derjenigen  ist,  die  für  die  Partei  einzutreten  gewillt  sind.
Wir  rufen  Euch  deshalb  zu:
HeVsrrrs  Mit  derr  gegnerischen  Zeitungen  aus  Eurem
Haushalt!
Der  8.  Kertiaer  Wahlkreis  hat  nun  den  Vertrieb  der  Parleiblätter  in  eigene  Regie  übernommen. ­
  wodurch  es  möglich  ist,  die  Zeitung  pünktlicher  und  regelrechter  zu  besorgen,  wle  seitens  der  Prioatkpediteure.
  Aber  such  dem  Unwesen-  Kinder  in  der  zartesten  Jugend  zum  Austragen  der  Zeitungen  zu
benutzen,  konnten  wir  sofort  ein  Ende  bereiten  und  den  Austrägern  einen  besseren  Lohn  zahlen.  Während
die  Privatspediteure  höchstens  15  Pf.  Botenlohn  pro  Exemplar  zahlen,  geben  wir  20  Ps.  —
Zur  weiteren  Entwickelung  unserer  Presse  bedürfen  wir  aber  der  Hilfe  aller  Arbeiter,  »Nb  falls
dieselben  unsern  Mahnruf  nicht  ungehörl  verhallen  lassen,  werden  wir  in  allernächster  Zeit  mit  ungleich  besseren
Resultaten  hervortreten  können,  zum  Aergerniß  aller  unserer  Gegner.
Wir  geben  nachstehend  die  Filialen  der  Parteiregie  bekannt,  weiche  auch  nach  dem  Umzug  am
l.  Oktober  gültig  sind.  Außerdem  liegen  i»  allen  Lokalen,  wo  sich  Zahlstellen  des  WahlvcreinS  befinden,
Listen  aus  zur  Ausnahme  von  Abonnenten  aus
„Vorwärts",  Berliner  Volksblatr,  Central-Orgtm  der  sozialdemokratischen  Partei  Denischlands.
Monatlich  ftei  in»  Hau»  1,10  Mk.
„Der  Sozialdemokrat",  Central-WochenblaU  der  sozialdemokratischen  Parlei  Denischlands.  Monatlich
frei  ins  Hans  40  Ps.
„Wahre  Jacob".  „Süddeutscher  Postillo«",  „Glühlichter",  sowie  sämmiuch-Parteiliteratur


Filiale  I.
Moabit  bei  Kempek,  Lübeckerstraße  16.
Filiale  II:
Wedding  und  Oranienburger  Borstadt  bei  Siokzenbmg,  Wiesenstr.  14.
Filiale  M-Gesundbrunnen
  und  Rosenthaler  Vorstadt  bei  Haßmann,  Grünthalerstraße
  67  und  WofenLHak.  Granseerstraße  6.
Filiale  IV:
Schönhauser  Vorstadt  bei  Mars,  Kastanien-Allee  96.
Redaktion  Imd  Verla«  von  Frch  Wdschowi«.  »nt-nftr.  17.  —  Druck  von  SS.  Schrtnner,  Brunnens».  164.

25.  Agilationsflugblatt  zur  Verbreitung  der  sozialdemokratischen  Presse  m  Berlin
        <pb n="41" />
        —  42

fei«

■

Gelegenheit  der  großen  Aussperrung  vom  Sommer  1900  war.  Diese
Unterstützung  ist  keineswegs  immer  uninteressiert,  neben  ehrlicher  Sympathie
ist  auch  oft  Berechnung  auf  die  Arbeiter  als  Wähler,  Zeitungsleser,  Käufer
usw.  im  Spiel,  aber  so  oder  so  ist  sie  als  wiederholt  auftretende  Erscheinung ­
  die  Folgewirkung  des  Wachstums  der  Arbeiterklasse  an  Zahl
und  sozialer  Schwerkraft.
Einen  erheblichen  Riß  erhielt  indes  das  freundschaftliche  Verhältnis
zwischen  bürgerlichen  Reformern  und  Arbeiterschaft,  als  im  Jahre  1900  eine
neue  Flottenvorlage  großen  Stils  von  der  Regierung  dem  Reichstage
präsentiert  wurde.  Noch  Anfang  1899  hatte  der  Marinesekretär  von  Tirpitz
im  Reichstag  die  feierliche  Erklärung  wiederholt,  die  bei  Bewilligung  der
Flottenvermehrung  von  1898  regierungsseitig  abgegeben  war,  nämlich,  daß
man  an  keine  neue  Flottenvorlage  denke.  Aber  das  Jahr  war  noch  nicht
zu  Ende,  da  flocht,  am  11.  Oktober  1899,  der  deutsche  Kaiser  in  eine  in
Hamburg  aus  Anlaß  des  Stapellaufs  des  Linienschiffs  „Kaiser  Karl  der
Große"  gehaltene  Rede  die  Worte  ein,  die  nun  in  ganz  Deutschland
kolportiert  wurden:  „Bitter  not  ist  uns  eine  starke  deutsche  Flotte."
Im  Dezember  1899  gestand  der  Reichskanzler  dem  Reichstag,  es  handle
sich  darum,  die  Schlachtflotte  und  die  großen  Auslandsschiffe  zu  verdoppeln,
das  Küstengeschwadcr  dagegen  zu  beseitigen,  und  am  26.  Januar  1900
gelangte  dann  auch  die  entsprechende  Vorlage  an  den  Reichstag,  nachdem
sie  im  Bundesrat  einstimmige  Annahme  gefunden  hatte.  Wieder  wurde,
und  mit  weit  größeren  Mitteln  und  weit  umfassenderem  Apparat  als  zwei
Jahre  vorher,  eine  Bearbeitung  der  öffentlichen  Meinung  ins  Werk  gesetzt.
Der  Flottenverein  arbeitete  mit  Hochdruck,  unzählige  Broschüren  und
Flugblätter  wurden  im  Volk  verbreitet,  mit  Bildern  aller  Art  ward  auf
Bahnhöfen  und  in  Schaubuden  auf  die  Gemüter  eingewirkt,  in  den  Schulen
wurden  den  Kindern  Vorträge  über  die  Wichtigkeit  einer  großen  Flotte
gehalten,  und,  um  rächt  zurückzubleiben,  entschlossen  sich  eine  Anzahl  Professoren ­
  —  Brentano,  Sombart,  Wagner,  Schmoller  usw.  —  ins  Volk  zu
gehen  und  in  Volksversammlungen  vor  den  Arbeitern  den  Segen  zu  verkünden,
der  der  Arbeiterklasse  Deutschlands  von  einer  verstärkten  Flotte  in  Aussicht
stehe.  Indes  war  der  Liebe  Mühe  umsonst.  Man  hörte  die  Gelehrten
ruhig  an,  blieb  ihnen  aber  die  Antwort  nicht  schuldig,  die  immer  wieder
in  die  Worte  auslief:  Wir  glauben  euch  nicht!
Soweit  die  von  der  sozialdemokratischen  Bewegung  erfaßte  Arbeiterschaft
in  Betracht  kam,  blieb  die  Agitation  erfolglos.  Der  so  beliebte  Hinweis  auf
die  viele  Arbeitsgelegenheit,  die  der  Flottenbau  schaffen  werde,  verfehlte  selbst
in  denjenigen  Städten  seinen  Eindruck  auf  die  Arbeiter,  für  die  er  in  der
Tat  Vorteile  in  Aussicht  stellte.  Sonst  aber  war  die  Schlacht  für  die
Regierung,  soweit  die  Parteien  im  Reichstag  in  Betracht  kaincn,  von
vornherein  gewonnen,  da  das  Zentrum  marinefromm  geworden  war.  Es
handelte  sich  im  Grunde  nur  darum,  den  Abgeordneten  die  Rechtfertigung
der  Bewilligung  vor  der  Wählerschaft  zu  erleichtern.  Nur  über  die  Dcckungsftage
  wurde  ernsthaft  debattiert,  denn  die  Rechnung,  die  nun  zu  begleichen
war,  war  nicht  gering.  Nach  der  Regierungsvorlage  handelte  es  sich  um  eine
Mehrausgabe  von  insgesamt  über  fünf  Milliarden  Mark,  die  zwar  auf  eine
Anzahl  von  Jahren  verteilt  werden  sollte,  aber  doch  den  Jahresbedarf  für
die  Marine  um  Hunderte  von  Millionen  heraufsetzte.  Woher  diese  nehmen?
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        43

26.  Vier  Bocktin-Steinmasken  für  den  Reichstag
Aufgenommen  nach  der  Veröffentlichung  des  1200v  Mark-Briefes.  „Wahre  Jakob"

Von  Reichssteuern  auf  Einkommen  und  Vermögen  wollten  die  Regierungen
nichts  wissen,  Steuern  auf  den  Konsum  der  Massen  hätten  die  Flottcnbewilligung
  unpopulär  gemacht,  und  so  fing  man  an,  Steuern  zu  erdenken,
die  scheinbar  nur  abgegrenzte  Kreise  fassen  oder  jedenfalls,  wie  Steuern  auf
den  Schiffs-  usw.  Verkehr,  sich  nicht  in  Belastung  bestimmter  Waren  umrechnen ­
  lassen.  Phantasiesteucrn  aller  Art  wurden  in  Vorschlag  gebracht,  aus
denen  schließlich  nach  vielem  Lin  und  Ler  ein  Strauß  von  Steuern  ausgewählt ­
  wurde,  von  denen  die  am  wenigsten  anfechtbaren  —  erhöhte  Abgaben
auf  auswärtige  Weine,  Liköre  usw.  —  die  geringsten  Erträge  brachten,
die  einträglichsten,  wie  die  Verdoppelung  des  Anteils  des  Reichs  an  der
Ausbeutung  des  Spieltriebs  durch  die  staatlichelr  Lotterien,  um  so  anfechtbarer ­
  waren.  Neben  der  Erhöhung  der  Stcmpelabgaben  auf  Wertpapiere
und  der  Steuer  auf  den  Kandel  in  solchen,  wurde  mit  der  Einführung  einer
Stempelsteuer  auf  Schiffsfrachturkundcn  das  Gebiet  von  Vcrkehrsabgaben  aufs
neue  betreten,  die  zuletzt  doch  den  Konsum  treffen,  ohne  sich  auf  einzelne  Artikel
berechnen  zu  lassen.  Alles  das  versprach  jedoch  erst  eine  Mehreinnahme
von  ungefähr  50  Millionen,  die  kaum  die  ersten  Ausgabeerhöhungen  deckten.
Indes  ward  auf  diese  Weise  in  Form  von  Steuern,  die  noch  wenig  Aufregung ­
  hervorriefen,  das  dünne  Ende  eines  Keils  eingetrieben,  dessen  dickes
Ende  erst  später  folgen  sollte.  Am  die  Wähler  vollends  zu  beruhigen,
ward  dem  Flottengesetz  die  Bestimmung  eingefügt  (§  6),  daß,  sobald  vom
Jahre  1901  ab  die  Mehrkosten  für  die  Flotte  die  Summe  von  53,7  Millionen
im  Jahr  übersteigen  würden,  der  Fehlbetrag  „nicht  durch  Erhöhung  oder
Vermehrung  der  indirekten,  den  Massenverbrauch  belastenden  Reichsabgaben
  aufgebracht"  werden  dürfe.  Jeder  Einsichtige  konnte  sich  jedoch  voraussagen, ­
  daß  diese  Bestimmung  sich  im  Bedarfsfall  sehr  leicht  umgehen  ließ
oder  auch  einfach  umgestoßeir  werden  konnte,  wie  das  denn  auch  in  mäßigen!
Amfangc,  womit  aber  das  Beispiel  gegeben  wurde,  1906  geschehen  ist.
Zunächst  erfüllte  sie  indes  bei  vielen  ihren  Zweck,  zumal  der  damals  m
Südafrika  spielende  Krieg  zwischen  England  und  den  Burenstaaten  U L
antienglische  Stimmung  in  Deutschland  auf  die  Spitze  getrieben  ha  e.
Gegen  England  half  nach  allgemeiner  Auffassung,  für  die  ganz  ejon  e
die  Nationalsozialcn  agitierten,  nur  eine  starke  Flotte.
        <pb n="43" />
        44

Von  der  Flottenvorlage  der  Regierung  strich  der  Reichstag  nur  die
geforderte  Vermehrung  der  Auslandsflotte,  ein  belangloser  Abstrich,  da  die
Ausführung  des  bewilligten  Programms  anderthalb  Jahrzehnte  erforderte,
die  Zwischenzeit  aber  hinlänglich  Gelegenheit  bot,  diesen  Teil  wiederherzustellen. ­
  Im  übrigen  wurde  ein  Schiffsprogramm  bewilligt,  das  die  Schlachtflotte ­
  auf  vier  Geschwader  von  je  8  Linienschiffen,  8  großen  und  24  kleinen
Kreuzern,  nebst  zwei  Flottenflaggschiffen,  sowie  eine  Erhöhung  der  Materialreserve ­
  um  2  große  Linienschiffe,  der  Besatzung  um  30  000  Mann  bringen
und  bis  zur  Fertigstellung  im  Jahre  1917  nicht  weniger  als  4352  Millionen
Mark  kosten  sollte.  Bei  der  Endabstimmung  —  am  12.  Juni  1900  —
ward  das  Flottengesetz  mit  201  gegen  103  Stimmen  angenommen.  Wie
wenig  es  den  marinistischen  Tendenzen  der  Regierenden  eine  Grenze  setzte,
zeigte  das  im  Danktelegramm  des  Kaisers  wiederkehrende  „Run  aber  weiterarbeiten!" ­
  Im  Etat  für  1906  erschien  denn  auch  der  Posten  für  die  Auslandsflotte ­
  und  wurde  selbstverständlich  bewilligt.
Kaum,  daß  das  Flottengeseh  von  1900  angenommen  war,  trafen  die  Nachrichten ­
  aus  China  ein,  die  den  Anlaß  zu  der  schon  besprochenen  China-Expedition
gaben.  Da  in  China  nur  wenig  Ruhm  zu  holen  war,  gingen  die  mitinteressierten ­
  Mächte  gern  darauf  ein,  daß  ein  deutscher  Leerführer  den
Oberbefehl  über  die  vereinten  Straftruppen  erhielt,  und  Graf  Waldersee
ward  als  „Weltfeldmarschall"  unter  einem  Aufwand  von  tönenden  Reden
und  Schaustellungen  nach  Ostasien  entsandt,  die  die  Welt  weit  mehr  in  Erstaunen ­
  versetzten  als  seine  militärischen  Verrichtungen.  Daß  die  deutschen
Soldaten,  wie  übrigens  die  Soldaten  der  anderen  Mächte,  bei  den  Scharmützeln ­
  mit  Chinesen  ihren  Mann  standen,  soll  anerkannt  werden.  Daß  aber
ein  Teil  von  ihnen  unter  dem  verrohenden  Einfluß  des  Krieges  mit  einem
Volk,  dessen  Sprache  und  Kultur  sic  nicht  verstanden,  Landlungen
begingen,  die  durch  die  Notwendigkeiten  des  Krieges  nicht  zu  rechtfertigen
waren,  ist  durch  viele  Soldatenbriefe  vom  Kriegsschauplatz  in  glaubwürdiger
Weise  bekundet  worden.  Wenn  die  China-Expedition,  bei  der  über  500  Deutsche
teils  auf  den»  Schlachtfeld  und  teils  im  Lazarett  ihr  Leben  ließen  und
Tausende  für  ihre  Lebenszeit  zu  Krüppeln  oder  Patienten  wurden,  Deutschland ­
  keine  materiellen  Vorteile  eintrug,  so  war  das  noch  hinzunehmen.  Viel
schlimmer  ist,  daß  der  Name  des  Deutschen  als  Kriegsmann  unter  kulturellen
Gesichtspunkten  schweren  Schaden  gelitten  hat.
Bei  der  China-Expedition  hatte,  wie  bei  der  Agitation  für  die  Flotte,
Wilhelm  II.,  unterstützt  durch  den  Minister  des  Auswärtigen,  Bülow,  den
Dirigentenstab  geschwungen,  der  altersschwache  Lohenlohe  hatte  nicht  mehr
dreinzureden.  Seine  Rolle  als  Aushilfskanzler  war  ausgespielt,  er  mußte
gehen.
5.  Fünf  Jahre  der  Ära  Bülow.
Bald  nach  Einleitung  der  China-Expedition  legte  Fürst  Chlodwig  Lohcnlohe
  fein  Reichskanzleramt  nieder  und  an  seine  Stelle  trat  am  17.  Oktober ­
  1900  der  ein  Jahr  vorher  in  den  Grafenstand  erhobene  Bernhard
von  Bülow,  bis  dahin  Minister  des  Auswärtigen.  Als  solcher  hatte  er
sehr  viel  stärker  als  seine  Vorgänger  nationalistische  Töne  angeschlagen  und
sich  als  ein  gewandter  Parlamentsredner  offenbart,  der  seine  Reden
wirksam  zuzuspitzen  verstand.  Aus  der  Rechten  sah  man  ihn  nicht  ungern.
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        45

weil  man  wußte,  daß  er  bereit  war,  den
Agrariern  ein  gutes  Stück  entgegen-,
zukommen,  die  Liberalen  wiederum
sprachen  von  einem  Staatsmann
mit  moderner  Weltauffassung,  und  in
der  Tat  legte  der  neue  Kanzler  Wert
darauf,  nach  rechts  und  links  Sträußchen ­
  zu  verteilen.  Er  bedachte  auch
das  Zentrum  mit  einigen  Artigkeiten
und  gab  selbst  den  Sozialdemokraten
zu  verstehen,  daß  er  mit  sich  reden
lassen  werde,  wenn  sie  sich  weniger
ungebärdig  aufführen  würden.  Kurz
nach  seiner  Ernennung  zum  Kanzler
ward  im  Reichstag  von  sozialdemokratischer ­
  Seite  der  Regierung  ein
von  der  Leipziger  Volkszeitung  veröffentlichter ­
  Brief  des  Generalsekretärs
des  Zcntralvcrbands  der  Industriellen,
Dr.  Bueck,  vorgehalten,  worin  zu
lesen  war,  daß  man  sich  im  Reichsamt
des  Innern  von  der  genannten  Organisation ­
  der  Scharfmacher  des  deutschen  Unternehmertums  12  000  Mark  zur
Agitation  für  die  Zuchthausvorlage  hatte  geben  lassen,  und  Graf  Bülow
zögerte  nicht,  zu  erklären,  die  Sache  sei  ungehörig,  er  würde  sie,  wenn  sie
vor  ihn  als  Reichskanzler  gebracht  worden  wäre,  nicht  geduldet  haben-Llngchörig
  war  die  Sache  freilich,  aber  man  kann  sich  nachträglich  des
Verdachts  nicht  entschlagcn,  daß  der  Brief  von  den  Äerren  vom  Zentralverband ­
  damals  absichtlich  in  die  Öffentlichkeit  lanciert  worden  war,  um
das  Reichsamt  des  Innern,  mit  dem  man  unzufrieden  zu  werden  anfing,
bloßzustcllen.  Der  schuldige  Beamte  war  der  Geheimrat  Woedtke.
In  der  Frühjahrssession  des  Jahres  1900  erlitt  im  Reichstage  die
Zentrumsfraktion  bei  dem  Versuch,  aus  einem  Gesetz  gegen  Kuppelei  und
dergleichen  ein  Gesetz  zur  Puritanischen  Fesselung  der  Kunst  zu  machen,
eine  empfindliche  Niederlage.  Es  handelte  sich  um  die  sogenannte  Lex
Leinze,  einen  Entwurf  der  Erweiterung  des  Strafgesetzbuches,  zu  dem  im
Jahre  1891  eine  strafrechtliche  Prozeßverhandlung  wider  einen  Zuhälter  den
Anlaß  gegeben  hatte.  In  diesen  Entwurf  nun,  der  sich  von  Session  zu
Session  hingeschleppt  hatte,  hatte  das  Zentrum  mit  Lilfe  von  Antisemiten
und  Konservativen  Paragraphen  hineingebracht,  wonach  für  Schriften,
Abbildungen,  Schaustellungen,  Aufführungen,  Vorträge  usw.  Strafen  von
bis  zu  einem  Jahr  Gefängnis  sollten  verhängt  werden  können,  wenn  sie,  „ohne
unzüchtig  zu  sein,  das  Schamgefühl  gröblich  verletzen"  oder  ihre  Schaustellung ­
  „Ärgernis  erregt".  Der  Antrag,  der  diese  Kautschukbegriffe  in
die  Gesetzgebung  hineinbringen  wollte,  wurde  von  den  Antragstellern  erst
am  Abend  vor  der  dritten  Beratung  des  Gesetzes  bekanntgegeben  und
sollte  in  dieser  kurzerhand  durch  Majoritätsbeschluß  zur  Annahme  6^  ra  )
werden.  Lim  Kunst  und  Wissenschaft  vor  der  ihnen  drohenden
zu  retten,  setzten  nun  die  sozialdemokratischen  Abgeordneten,  hcerm  voi

27.  Karikatur  auf  die  Lex  Arons
„Der  Wahre  Jakob"
        <pb n="45" />
        bürgerlichen  Linken  bis  zu  den  Nationalliberalen  unterstützt,  dem  Vorhaben
durch  immer  neue  Abänderungsanträge,  Veranstaltung  von  Auszählungen
und  namentlichen  Abstimmungen  einen  hartnäckigen  systematischen  Widerstand ­
  entgegen,  der  sich  vom  13.  März  an  eine  Woche  hinzog  und  damit
endete,  daß  die  klerikal-konservative  Mehrheit  vor  der  Minderheit  die  Segel
strich  und  die  angefochtenen  Bestimmungen  fallen  ließ.  Ein  in  der  literarischen,
künstlerischen  und  wissenschaftlichen  Welt,  in  der  man  einen  „Goethebund"
zur  Verteidigung  der  bedrohten  Rechte  der  Kunst  usw.  gegründet  hatte,
mit  fast  einhelligem  Jubel  aufgenommenes  Resultat.  Alles,  was  sich  fürliberal
  hielt,  freute  sich  über  diesen  gelungenen  Obstruktionsfeldzug  der
Sozialdemokratie.
Es  sollte  indes  nicht  lange  dauern,  bis  ein  zweiter  und  viel  wichtigerer
Obstruftionsfeldzug  der  Sozialdemokratie  einer  wesentlich  anderen  Stimmung
begegnen  sollte.
Anfang  1901  wurde  der  vom  Grafen  Posadowsky  zur  Vorberatung
eines  neuen  Zolltarifs  eingesetzte  wirtschaftliche  Ausschuß  mit  seinen  Arbeiten
fertig,  und  bald  darauf  erblickte  ein  entsprechender  Zolltarif-Entwurf  der
Regierung  das  Licht  der  Welt.  Er  ging  am  23.  Juni  1901  dem  Bundesrat
und  fünf  Wochen  später  dem  Reichstag  zu.  Seine  Grundzüge  gegenüber
dem  alten  Tarif  waren  eine  bedeutend  größere  und,  wie  anerkannt  werden  muß,
für  seinen  Zweck  auch  systematischere  Spezialisierung  der  Tarifsätze,
Erhöhung  fast  aller  Zölle  auf  Landwirtschaftsprodukte  und  eines  großen
Teils  der  Zölle  auf  Industrieprodukte,  sowie  die  Festsetzung  von  Mindestzöllen ­
  auf  Getreide,  Vieh,  Fleisch  und  andere  landwirtschaftliche  Erzeugnisse, ­
  die  sehr  bedeutend  über  die  Sätze  des  bestehenden  Vertragstarifs
hinailsgingen.  Er  stellte  also  eine  Verteuerung  der  notwendigsten  Lebensmittel ­
  des  Volkes  und  außerdem  ungünstigere  Handelsverträge  für  die
deutsche  Industrie  in  Aussicht  und  war  damit  ein  Triumph  der  Agrarier  und
der  mit  ihnen  verbündeten  Magnaten  der  Industrien  der  Roh-  und  Halbfabrikate. ­
  Diese  letzteren,  die  fast  alle  syndiziert  siild,  waren  durch  die
Auslandszölle  weniger  bedroht,  weil  die  Beherrschung  des  heimischen
Marktes  es  ihnen  ermöglicht,  zu  Schleuderpreisen  zu  exportieren.  Das
können  aber  die  deutschen  Fertigindustrien  nicht  oder  nur  durch  sehr  viel
stärkeren  Druck  auf  die  Löhne,  und  sie  beschäftigen  die  große  Masse  der
Arbeiter.
Damit  war  die  Stellung  der  Sozialdemokratie,  soweit  sie  nicht  schon  durch
ihre  allgemeinen  Tcndeirzen  vorgezeichnet  war,  zu  dem  neuen  Zolltarif
gegeben.  Die  Partei  der  Arbeiter  mußte  alle  Mittel  in  Anwendung
bringen,  den  Tarif  nicht  Gesetz  werden  zu  lassen  oder  wenigstens  zu  erwirken,
daß  dieses,  so  tief  in  die  Erwerbsgelegenheiten  der  großen  Volksmasscn
einschneidende  Gesetz  nicht  eher  zur  endgültigen  Abstimmung  kam,  bis  nicht
den  Wählern  erst  noch  Gelegenheit  gegeben  war,  sich  über  es  zu  äußern,
sind  das  geeignete  Mittel  war  die  parlamentarische  Obstruktion,  wie  sie  in
allen  Ländern  bei  solchen  Gelegenheiten  zur  Anwendung  kommt  und  wie
sie  im  preußischen  Landtag  die  junkerlichen  Agrarier  immer  noch  der  Kanalvorlage ­
  der  Regierung  gegenüber  praktizierten.
Schon  in  der  ersten  Tagung  des  1898  gewählten  Landtages  hatten  die
Agrarier  der  Regierung  Trotz  geboten  und,  allen  Zuredens  und  Drohens
ungeachtet,  ain  19.  August  1900  die  ganze  Kanalvorlage  abgelehnt.  Darauf
        <pb n="46" />
        Au  den  Waffen!  Zu  den  Muffen!
Schrei'n  die  Junker  und  die  Pfaffen,
weil  der  Feind,  der  Sozialist,
Kampfbereit  im  Anmarsch  ist.

Alle  Mann  sind  aufgeboten
Gegen  die  verhaßten  Rothe»,
Lehrer,  Psaff'  und  Polizei,
Bauern,  Knechte  sind  dabei.

Mit  dem  Flegel  und  dem  Knüppel
Will  man  schlagen  sie  zum  Krüppel,
Daß  ein  jeder  Sozialist
Es  sein  Lebtag  nicht  vergißt.

Seht,  so  sind  die  „geist'gen'  Waffen
Dieser  Vrdnungsschaar  beschaffen,
wer  nicht  geistig  kämpfen  kann,
Der  fängt  mit  dem  Knüppel  an.

28.  Karikatur  auf  die  geistigen  Waffen  im  Kampfe  gegen  die  Sozialdemokratie
Aus  dem  „Süddeutschen  Postillon»
        <pb n="47" />
        48

hatte  die  Regierung  etliche  Beamte,  die  mit  den  „Kanalrebellen"  gegangen
waren  —  2  Regierungspräsidenten  und  20  Landräte  —  zur  Disposition
gestellt.  Da  sie  es  aber  nicht  wagte,  den  Landtag  auszulosen  und  einmal
gegen  ihre,  selbst  wenn  sie  trotzen,  noch  geliebten  Junker  die  Wähler  aufzurufen, ­
  blieben  die  um  Kanitz  und  Wangenheim  unerschüttert,  zumal  sie
im  Ministerium  selbst  heimliche  Verbündete  hatten,  darunter,  wie  es  hieß,
den  sich  zurückgesetzt  fühlenden  Miqucl.  Anfang  1901  brachte  die  Regierung
den  Entwurf  wieder  ein,  diesmal  verzuckert  durch  Bestimmungen  über
Kanalbauten,  Meliorationen,  Flußregulierungen  und  dergleichen  für  Ostclbien.
  Aber  die  Agrarier  blieben  hartnäckig;  ihnen  war  das  Kanalprojekt
ein  wertvolles  Erpressungsmittel,  von  dem  sie  nach  der  Parole  Gebrauch  zu
machen  suchten:  „Ohne  Kanitz  keine  Kähne!"  Ohne  erst  die  Schlußabstimmung ­
  abzuwarten,  schloß  die  Regierung  die  Tagung,  ließ  aber  nun
Miguel  ziehen,  der  sich  gründlich  abgenutzt  hatte.  Mit  ihm  gingen  der
Landelsminister  Brefeld  und  der  Landwirtschaftsminister  Ernst  Lammerstein-Loxten.
  An  die  Stelle  des  letzteren  trat  der  vergnügte  Pusar  von  Podbielski,
  der  bis  dahin  Reichspostsekretär  gewesen  war,  Finanzminister  wurde
Herr  von  Rheinbaben,  ein  sachkundiger  Bureaukrat,  aber  nicht  mehr,
Minister  des  Innern  Lans  von  Lammerstein-Loxten,  und  das  Landelsportefeuille
  erhielt  der  nationallibcrale  Abgeordnete  und  Großindustrielle
Moller-Brackwede.  Die  Ernennung  des  letzteren  war  ein  Kompliment  an
die  Adresse  der  Industriefeudalität,  die  Übertragung  des  Portefeuilles  für
die  Landwirtschaft  an  Podbielski  eine  Verbeugung  vor  den  Agrariern,  die
auch  gnädigst  entgegengenommen  wurde,  ohne  daß  die  Lerren  an  ihrer
Taktik  ein  Deut  änderten.  Sie  schrien,  daß  der  Tarifentwurf  der  Regierung
die  berechtigten  Forderungen  der  Landwirtschaft  unerfüllt  lasse,  das  heißt,
daß  die  Mindestzölle  auf  Getreide,  Vieh  usw.  noch  viel  zu  niedrig  seien,
und  setzten  sich  in  Positur,  durch  kräftige  Opposition  neue  Zugeständnisse  zu
erpressen.
Das  war  die  Situation,  welche  die  sozialdemokratische  Reichstagsfraktion
vorfand,  als  sie  den  Kampf  gegen  den  Zolltarif  aufnahm.  Eine  Zeitlang
hatte  sie  in  diesem  die  freisinnigen  Fraktionen  zur  Seite.  Position  für
Position  des  Tarifs  wurde  von  den  sozialdemokratischen  Mitgliedern  der
Kommission,  an  die  der  Entwurf  verwiesen  war,  einer  gründlichen  Erörterung
unterzogen,  und  da  der  Tarif  946  Nummern  zählte,  zogen  sich  die  Verhandlungen ­
  so  lange  hin,  daß  man  sich  genötigt  sah,  die  Kommission  selbst
während  der  Sommerferien  des  Jahres  1902  täglich  sechs  Stunden  tagen
zu  lassen,  damit  die  Sache  nur  vorwärts  kam.  Erst  am  6.  Oktober  ging
die  Kommissionsberatung  zu  Ende  und  kam  der  Tarif  im  Plenum  zur
zweiten  Lesung,  die  geschäftsordnungsmäßig  ebenfalls  eine  Spezialberatung  ist.
Selbstverständlich  setzte  die  Sozialdemokratie  hier  ihren  Kampf  fort,  wobei
zu  bemerken  ist,  daß  Gewerbetreibende  aller  Industriegruppen  den  Reichstag
mit  Zuschriften  über  die  ihnen  vom  Tarif  drohenden  Schädigungen  überschütteten ­
  und  Anspruch  auf  Prüfung  ihrer  Vorhalten  hatten.  Da  vollzog
die  freisinnige  Volkspartei  unter  Führung  Eugen  Richters  eine  Schwenkung.
Vor  versammeltem  Reichstag  griff  Richter,  statt  die  aus  Zentrum,  Nationalliberalen, ­
  Freikonservativen  und  einem  Teil  der  Konservativen  bestehende
Zollmehrheit,  die  links  von  ihm  sitzenden  Zollgegner  an,  indem  er  ihnen
sinnlose  Obstruktion  vorwarf,  die  sich  keine  Mehrheit  gefallen  lasse.  Dies
        <pb n="48" />
        49

bestärkte  die  Mehrheit  in  der  Absicht,  durch  Änderung  und  Vergewaltigung ­
  der  Geschäftsordnung  die  Minderheit  lahmzulegen.  Sie
änderte  den  Modus  der  namentlichen  Abstimmungen  dadurch,  daß  an  Stelle
des  Aufrufs  Kartenabgabe  gesetzt  wurde  (Lex  Aichbichler),  genehmigte
und  verwirklichte  dann  einen  Antrag  Kardorf  und  Genossen,  über  den
ganzen  Zolltarif  mit  seinen  946  Positionen,  wie  er  von  der  Kommission
an  das  Laus  gekommen  war,  unter  Lerabsetzung  der  Zölle  aus  einige
Nummern  —  Bedarfsartikel  der  Landwirtschaft  —  in  einer  Abstimmung
zu  beschließen,  gab  dem  Präsidenten  das  Recht,  das  Wort  zur  Geschäftsordnung ­
  zu  verweigern  und  beschränkte  zugleich  die  Redezeit  für  Bemerkungen ­
  zur  Geschäftsordnung  auf  fünf  Minuten  (Lex  Gröber).  Der
Antrag  Kardorf,  den  Laband  und  andere  Staatsrechtslehrer  rundheraus
für  einen  Rechtsbruch  bezeichnet  haben,  sowie  die  Lex  Gröber  wurden
nun  gegen  die  Minderheit  in  der  rücksichtslosesten  Weise  unter  fortgesetzten ­
  Verstößen  gegen  Geschäftsordnungsbestimmungen  in  Anwendung
gebracht,  und  schließlich  wurde  nach  sehr  stürmischen  Sitzungen  das  ganze
Gesetz  samt  Tarif  in  der  Nacht  vom  13.  zum  14.  Dezember  1902  am  Ende
einer  18stündigen  Sitzung  in  dritter  Lesung  mit  202  gegen  100  Stimmen
angenommen.  Zur  Minderheit  gehörten  neben  den  Sozialdemokraten  und
den  beiden  freisinnigen  Gruppen  auch  der  extreme  Flügel  der  Agrarier,
die  Lauptredner  für  das  Gesetz  hatte  das  Zentrum  gestellt.  Gegen  den
„Umsturz  im  Reichstag"  protestierten  die  Sozialdemokraten  Berlins  in
Riesenversammlungen,  die  von  hochgradiger  Kampfstimmung  Zeugnis
ablegten.
In  der  Frühjahrssession  des  Jahres  1902  ward  eine  von  der  Sozialdemokratie ­
  wiederholt  verlangte  Seemannsordnung,  die  freilich  noch  viel
zu  wünschen  übrig  läßt,  sowie,  in  Verbindung  mit  der  Annahme  der
Brüsseler  Zuckerkonvention  vom  5.  März  1902,  die  dem  Anfug  der
Ausfuhrprämien  ein  Ende  machte,  ein  Zuckersteuergesetz  angenommen.
Desgleichen  fand  ein  Süßstoffgesetz  Annahme,  welches  die  Lerstellung
und  den  Vertrieb  von  Sacharin  und  ähnlichen  Süßstoffen  in  Deutschland
grundsätzlich  verbietet,  den  Bezug  durch  Apotheken  für  Leilzwecke  zwar  ausnimmt, ­
  jedoch  außer  bei  Apothekern,  die  aber  über  ihren  Sacharinverbrauch
Buch  führen  müssen,  schon  den  bloßen  Besitz  von  mehr  als  50  Gramm  solcher
Süßstoffe  unter  Strafe  stellt.  Es  war  ein  „Ausgleichsgeschenk"  für  die  Zucker
fabrizierenden  Landwirte,  die  sich  in  bezug  auf  den  Beitritt  Deutschlands  zur
Zuckerkonvention  so  gebärdeten,  als  geschehe  ihnen  damit  ein  Anrecht  und  nicht
eine  Wohltat.  In  der  Frühjahrssihung  des  Jahres  1903  wurde  ein
Kinderschutzgesetz  und  ein  Gesetz  gegen  die  Verwendung  weißen  Phosphors
beschlossen,  denen  die  Sozialdemokratie  zustimmen  konnte,  sowie  eine  Novelle
zum  Krankenversicherungsgeseh,  welche  durch  Ausdehnung  der
Krankenunterstützung  die  Krankenversicherung  an  die  Invalidenversicherung
angliedert.  Sie  tut  dies  jedoch  in  Verbindung  mit  Bestimmungen,  die  die
Selbstverwaltung  der  Kassen  schädigen,  und  allerlei  sonstigen  Angerechtigkeiten, ­
  so  daß  die  Sozialdemokratie  dem  Gesetz  ihre  Zustimmung  versagen  mußte.
Endlich  brachte  die  Schlußtagung  des  Reichstags  auch  noch  eme
Ergänzung  des  Wahlreglements  für  die  Reichstagswahlen,  welche  &amp;gt;e
Abgabe  der  Stimmzettel  in  amtlich  gelieferten  Amschlägen  und  noch  einig
andere  Maßnahmen  zum  Schutze  des  Wahlgeheimnisses  vorschrci
Bernstein,  Berliner  Geschichte.  III.
        <pb n="49" />
        —  50  -
der  die  Sozialdemokratie  zustimmte.  Indes  hat  sich  gezeigt,  daß  unter  Amständen ­
  gerade  die  Amschläge  als  Landhabe  benutzt  werden  können,  die
Abstimmung  der  Wähler  zu  kontrollieren,  nämlich  wenn  die  Wahlurne  so
konstruiert  ist,  daß  sich  die  hineingesteckten  Amschläge  der  Reihe  nach  aufeinanderschichten.

Am  30.  April  1903  ward  der  Reichstag  geschlossen  und  die  Neuwahl
auf  den  16.  Juni  anberaumt.  In  dem  Wahlkampf,  der  von  seiten  der
Partei  mit  größerer  Kraft  als  je  geführt  wurde,  spielten  selbstverständlich
der  neue  Zolltarif  und  die  mit  seiner  Beratung  uud  Annahme  verknüpften
Vorgänge  eine  hervorragende  Nolle,  zumal  das  endgültige  Schicksal  des
Tarifs  von  der  Stellung  des  Reichstags  zu  den  auf  Grund  seiner  abzuschließenden ­
  neuen  Handelsverträgen  bedingt  war.  Große  Protest-Versammlungen
  der  Sozialdemokratie  gegen  die  Gewaltakte  der  Reichstagsmehrhcit
  hatten  der  Wahlagitation  wirkungsvoll  vorgearbeitet.  Das  Wahlergebnis ­
  selbst  stellte  sich  für  die  Sozialdemokratie  überaus  günstig,  es  übertraf ­
  die  nicht  geringen  Erwartungen,  die  man  in  der  Partei  bezüglich  seiner
gehegt  hatte,  noch  um  ein  Bedeutendes.  Bei  allgemein  starker  Wahlbeteiligung ­
  —  es  stimmten  75,8  Prozent  der  eingeschriebenen  Wähler
gegen  67,8  im  Jahre  1898  —  erhielt  sie  31,7  Prozent  aller  abgegebenen
Stimmen  (1898:  27,2  Prozent),  in  absoluter  Zahl  3  010  771,  fast  um
die  Lälfte  mehr  als  1898.  Nahezu  im  gleichen  Verhältnis  stieg  die  Zahl
der  erlangten  Mandate,  es  wurden  in  der  Lauptwahl  56  und  bei  den
Stichwahlen  25,  zusammen  81  Sitze  gewonnen.  Die  drei  linksliberalen
Gruppen  waren  dagegen  von  50  auf  36  Vertreter  zusammengeschmolzen.
Überhaupt  hatten  namentlich  die  kleineren  Parteigruppen  —  neben  den
Linksliberalen  die  Bauernbündler,  Antisemiten  und  Welfen  —  die  Kosten
des  Wahlkampfes  zu  tragen  gehabt,  während  das  Zentrum,  die  beiden
konservativen  Fraktionen  und  die  Nationalliberalen  in  fast  unveränderter
Vertreterzahl  zurückkehrten.
Das  Stärkeverhältnis  zwischen  der  Rechten  und  Linken  des  Reichstages ­
  hatte  sich  nur  wenig  verschoben,  aber  bei  der  Linken  überwog  nun
vollständig  die  schärfere  Tonart.
Glänzend  hatte  Berlin  gewählt.  Die  Mandate  der  fünf  Wahlkreise
Berlin  II  bis  Berlin  VI,  sowie  die  der  beiden  Vorortswahlkreise  wurden
im  Sturm  genommen,  und  es  fehlten  nur  wenige  hundert  Stimmen,  so
wurde  auch  Berlin  I  in  der  Stichwahl  erobert.  Die  sozialdemokratischen
Stimmen  Berlins  stiegen  im  ersten  Wahlgang  aus  218000,  die  der  beiden
Vorortskreise  auf  zusammen  112000.
Dieser  gewaltige  Wahlsieg  der  Sozialdemokratie  machte  begreiflicherweise
das  größte  Aufsehen.  Konnten  sich  selbst  die  Gegner  der  Wucht  seines  Eindrucks ­
  nicht  entziehen,  so  war  die  Freude  im  sozialdemokratischen  Lager  um
so  allgemeiner.  In  der  ersten  Begeisterung  wurden  von  einigen  gar  zu  kühne
Erwartungen  an  ihn  geknüpft,  andere  urteilten  kühler,  aber  durchgängig
überwog  das  Gefühl,  daß  die  Partei  eine  Kraftprobe  abgelegt  habe,  auf  die
sie  stolz  sein  dürfe  und  die  der  Arbeiterschaft  allerorts  erhöhte  Zuversicht ­
  einflößen  müsse.  Im  großen  und  ganzen  war  das  auch  der  Fall,
es  traten  aber  kurze  Zeit  nach  der  Wahl  Vorkommnisse  ein,  welche
die  Gemüter  erheblich  herabstimmten.  Ein  Aufsatz  von  Ed.  Bernstein
entwickelte  unter  Linweis  auf  die  Vergewaltigung  der  Geschäftsordnung.
        <pb n="50" />
        I

—  51  —

29.  Karikatur  aus  dem  „Kladderadatsch"  auf  den  Reichstagsabgeordneten
und  ehemaligen  Schankwirt  Genossen  Fritz  Zubeil

im  aufgelösten  Reichstag  die  Ansicht,  die  Sozialdemokratie  werde  nur
zweckmäßig  handeln,  wenn  sie  im  neuen  Reichstag  die  ihr  nach  ihrer  Stärke
zukommende  Vertretung  im  Präsidium  beanspruche  und  den  Gegnern  die
Verweigerung  nicht  dadurch  erleichtere,  daß  sie  für  ihren  Kandidaten  es
von  vornherein  ablehne,  an  den  üblichen  Besuchen  des  Präsidiums  beim
Kaiser  teilzunehmen.  Obwohl  nun  in  dem  Artikel  ausdrücklich  das  Festhalten ­
  am  republikanischen  Standpunkt  der  Sozialdemokratie  betont  war,  ward
er  in  liberalen  Blättern  als  Bekennerschaft  zur  „Loffähigkeit"  gepriesen  und
versetzte,  da  die  große  Mehrheit  der  Sozialdemokratie  im  Lande  zuerst
nur  durch  den  Kanal  dieser  Blätter  den  Vorschlag  zu  hören  bekam,
viele  Genossen  in  großen  Anmut.  Die  Mißstimmung  wurde  erhöht  durch
Preßstreitigkeiten  zwischen  Franz  Mehring  und  einigen  Parteimitgliedern,
welche  im  Rufe  des  Revisionismus  standen  und  es  mit  den  Interessen  der
Sozialdemokratie  für  verträglich  hielten,  an  der  Wochenschrift  „Zukunft"
mitzuarbeiten,  obwohl  deren  Herausgeber,  Maximilian  Lar  den,  sich  politisch
wenig  taktfest  gezeigt  hatte.  Leftig  angegriffen  wurde  namentlich  ein  Artikel
Georg  Bernhards  in  der  „Zukunft",  „Parteimoral"  betitelt,  worin  —  allerdings
in  Verteidigung  der  Führer  der  Sozialdemokratie  gegen  einen  Kritiker  —  es
als  allgemeine  Regel  des  politischen  Lebens  und  darum  auch  berechtigtes
Verfahren  von  seiten  dieser  Führer  hingestellt  wurde,  in  Linblick  auf  w
erst  Lalbgewonnenen  der  Masse  der  Partei  nicht  die  volle  Wahrheit  u  e&amp;lt;,
Zwecke  ihrer  taktischen  Maßnahmen  zu  sagen.  Aber  auch  Artikel  von  P-  9/
W.  Leine  und  G.  v.  Vollmar  erregten  Anstoß,  und  so  kam  es  aus
        <pb n="51" />
        52

im  September  in  Dresden  abgehaltenen  Parteitag  zu  den  oben  schon  erwähnten
Auseinandersetzungen,  in  denen  die  bittersten  Vorwürfe  hin  und  herflogen
und  manche  scharfen  Worte  gebraucht  wurden,  die  in  ruhiger  Stunde
schwerlich  gefallen  wären,  die  aber,  wie  der  ganze  Streit,  von  den  Gegnern
der  Sozialdemokratie  mit  Wohlbehagen  breitgetreten  und  gegen  die
Partei  ausgespielt  wurden.  Die  auch  von  vielen  der  Beteiligten  nachträglich ­
  bedauerten  Debatten  fanden  ein  recht  häßliches  Nachspiel,  als  Lerr
Larden  aus  Ärger  darüber,  daß  die  des  Verkehrs  mit  ihm  Bezichtigten
nicht  für  ihn  eingesprungen  waren,  sondern  ihn  mehr  oder  weniger  abgeschüttelt ­
  hatten,  nun  in  breiten  Artikeln  über  sie  Herzog  und  sie  der  Anwahrhaftigkeit ­
  zieh.  Es  entspann  sich  eine  unerquickliche  und  sehr  lange  sich
hinziehende  Preßpolemik  im  „Vorwärts",  die  namentlich  bei  der  Masse  der
Berliner  Genossen  die  Mißstimmung  gegen  diejenigen,  die  man  für  Revisionisten ­
  hielt,  noch  erheblich  verschärfte.
Alles  das  verhinderte  selbstverständlich  nicht,  daß  die  Sozialdemokratie  bei
der  zwei  Monate  nach  dem  Dresdener  Parteitag  erfolgenden  Landtagswahl  in
Preußen  wieder  einmütig  kämpfte,  so  daß  sie,  trotz  der  großen  Angunst  des  perfiden ­
  preußischen  Wahlsystems,  das  es  ihr  unmöglich  machte,  in  allen  Wahlkreisen ­
  den  Kampf  aufzunehmen,  nur  zehntausend  Arwählerstimmen  weniger
erhielt  als  wie  die  stärkste  aller  übrigen  Parteien.  Es  wurden  für  sie
314  149,  für  die  Konservativen  324  157  Stimmen  abgegeben.  Während
aber  die  ersteren  143  Mandate  erhielten,  ward  der  Sozialdenwkratie  keines
zuteil.  Schuld  daran  war  indes  nicht  ausschließlich  das  System,  sondern
die  Äaltung  der  freisinnigen  Parteien,  die  durchgängig  lieber  den  Konservativen ­
  zum  Sieg  verhalfen,  als  sich  mit  der  Sozialdemokratie  zu  verständigen ­
  oder  in  der  Stichwahl  für  deren  Kandidaten  zu  stimmen.  Das
hatte  dann  zur  Folge,  daß  auch  die  Sozialdemokraten  ihrerseits  bei  den
Stichwahlen  die  Freisinnigen  ihrem  Schicksal  überließen,  so  daß  das  Endresultat ­
  der  Landtagswahl  von  1903  eine  Verringerung  der  Mandate  der
Freisinnigen  war.  Ein  typisches  Beispiel  ist  Breslau.  Dort  hatten  1898
die  Sozialdemokraten  den  Freisinnigen  ohne  Gegenleistung  den  Sieg  verschafft. ­
  Nun  aber  verlangten  sie,  die  ja  die  Lälfte  der  Wähler  Breslaus
hinter  sich  hatten,  von  den  Freisinnigen  die  Abtretung  wenigstens  des  einen
der  drei  Mandate,  und  einer  der  drei  1898  Gewählten,  Herr  Gothein,
unterstützte  das  Verlangen  als  gerechtfertigt  und  erklärte  sich  bereit,  zugunsten ­
  eines  Sozialdemokraten  auf  sein  Mandat  zu  verzichten.  Aber  es
gelang  ihm  nicht,  die  Mehrheit  seiner  Parteimitglieder  für  diese  demokratische
Politik  zu  gewinnen.  Man  ließ  es  im  Gegenteil  ruhig  darauf  ankommen,
daß  die  Vertretung  Breslaus  klerikal-konservativ  lvurde.  And  so  war  es
anderwärts  auch.
Auch  in  Berlin  hatte  jetzt  die  Sozialdemokratie  den  Kampf  bei  der
Landtagswahl  aufgenommen.  Genaueres  über  das  Resultat  findet  der
Leser  in  einem  besonderen  Kapitel.  Lier  sei  jedoch  erwähnt,  daß  es  im
höchsten  Grade  ermunternd  ausfiel.  Es  fehlte  damals  schon  wenig  an  der
Wahl  von  sozialdemokratischen  Vertretern  für  den  Norden  Berlins.
Der  neue  Landtag  bewilligte  der  Regierung  nach  vielen  Verhandlungen
endlich  im  Jahre  1905,  im  Verein  mit  anderen  Verbesserungen  der  Wasserstraßen, ­
  auch  die  Fortführung  des  begonnenen  Stücks  vom  Mittellandkanal.
Doch  wurde  ihm  Hannover  als  Grenze  gesetzt,  damit  das  geheiligte  Ost-
        <pb n="52" />
        ^  Der  „wahre"

Arbeilerschuh.

vom  «Schutz  -er  Arbeit"  wurde  viel  versprochen,
Galt  5,  abzugraben  uns  im  Volk  den  Boden,
Gelästert  wurden  keck  die  .Volksverhehsr".
Und  mancher  Bannfluch  traf  die  bösen  „Bothen"
Sie  sollten  schuld  sein,  daß  in  unsrem  Volke
Zufriedenheit  noch  Linkehr  nicht  gehalten,
weil  sie  geschürt  den  Alassenhaß  der  Menge,
weil  ste  das  Volk  in  Arm  und  Reich  gespalten.

Vas  Volk  vernahm  die  schönen,  stolzen  Worte
Und  harrte  zweifelnd  ans  die  großen  Thaten,
Doch  immer  größer  wurden  hie  Erfolge
Der  vielgeschmähten  rothen  dcmokratcn,
Denn  was  zum  «Schutz  der  Arbeit"  Man  geschaffen.
Erwies  sich,  wenn  ma»  es  besah  bei  Lichte,
Gewöhnlich  nur  als  Fessel  für  die  Arbeit
Und  ewig  blieb's  die  nämliche  Geschichte.

Der  Proletar,  der  kühn  für  seine  Recht«
Gekämpft  im  Bund  mit  seinen  Leidgenoffen.
Geächtet  ward  er  von  de»  Unternehmern
Und  von  dem  Staate  ward  er  ausgeschlossen.
Geschötztwardnurdas.Schwarzbeiii'braound  bieder
Das  seinem  Herrn  gehorcht  bei  jedem  Winke
Und  in  den  Rücken  fällt  der  Arbeit  «ämpfern  —
Das  ist  der  «Schutz  der  Arbeit"  ohne  Schminke.

Druck  und  Verlag  jpok  tsl.  Ernst  in  München.

30.  Karikatur  auf  die  Zuchthausvorlage
„Süddeutscher  Postillon"
        <pb n="53" />
        54

elbien  von  ihm  verschont  blieb.  Auch  sehten  die  Junker  es  durch,  daß  die
Benutzung  dieser  Wasserstraße  möglichst  verteuert  wurde.  Der  große  westfälische ­
  Bergarbeiterstreik  des  Jahres  1905  hatte  eine  Novelle  zum  Preußischen
Berggesetz  zur  Folge,  die  den  Arbeitern  einige  Zugeständnisse  macht  (Verbot
des  „Nullens",  Arbeiterausschüsse,  Zulassung  von  Vertretern  der  Arbeiter
bei  Begutachtung  der  Förderung),  sonst  aber  so  weit  hinter  ihren  Forderungen
zurückbleibt,  daß  sie  das  Verlangen  nach  einem  Reichsberggesetz  nur  gesteigert
hat.  Am  den  Einfluß  der  Regierung  im  Rat  der  westfälischen  Grubenlords ­
  zu  stärken,  ließ  sich  Minister  Möller  vom  Landtag  gegen  70  Millionen
Mark  zum  Ankauf  von  Aktien  des  Libernia-Anternehmens  bewilligen,  verfuhr ­
  in  der  Sache  dabei  aber  so  maßlos  ungeschickt,  daß  er  bald  darauf
sein  Amt  niederlegen  mußte.  Er  hatte  den  Magnaten  von  Kohle  und
Eisen  den  Pelz  waschen  wollen,  ohne  ihn  naß  zu  machen;  die  aber  gaben
ihm  zu  verstehen,  daß  er  ihnen  den  Staub  wegzublasen  habe.  Worauf
der  lange  Möller  flog  und  durch  den  bisherigen  Oberpräsidenten  Delbrück
ersetzt  wurde.  Am  dieselbe  Zeit  bekamen  das  Ministerium  des  Innern  in
Lerrn  von  Bethmann  Lollweg,  das  Justizministerium  in  Lerrn  Beseler
und  das  Landwirtschaftsministerium  in  Lerrn  von  Arnim-Kriewen  ebenfalls ­
  neue  Vorsteher.
Der  neue  Reichstag  bewilligte  als  eine  seiner  ersten  Taten  Kredite  für
die  Niederschlagung  des  in  Südwest-Afrika  ausgebrochenen  Aufstands  der
Lerero.  Da  sich  auf  Grund  der  ersten  Nachrichten  aus  dem  Aufstandgebiet ­
  nichts  Genaues  über  die  Arsachen  des  Aufstands  feststellen  ließ,
sondern  nur  die  Tatsache  vorlag,  daß  deutsche  Ansiedler  und  ihre  Angehörigen ­
  getötet  worden,  andere  in  Lebensgefahr  waren,  hielt  es  die
sozialdemokratische  Reichstagsfraktion  nicht  für  richtig,  die  Kredite  zu  verweigern, ­
  konnte  aber,  als  Gegnerin  des  Systems,  nach  dem  die  Kolonien  verwaltet ­
  und  die  Eingeborenen  auf  ihnen  behandelt  werden,  die  Mittel  auch  nicht
bewilligen  und  übte  daher  bei  der  ersten  Beratung  der  Regierungsvorlage
motivierte  Stimmenenthaltung.  Als  später  genauere  Nachrichten  eintrafen,
aus  denen  hervorging,  daß  die  Lerero  durch  höchst  wucherische  Praktiken
von  Ländlern  und  deren  Anterstützung  durch  deutsche  Behörden  zum  Verzweiflungskampf ­
  getrieben  worden  waren,  da  lehnten  die  Sozialdemokraten
die  Mittel  für  die  Kriegsführung  ab,  indem  sie  verlangten,  daß  mit  den
Lereros  friedlich  verhandelt  und  ihren  Beschwerden  abgestellt  werde.  An
dieser  ablehnenden  Laltung  hielten  sie  auch  bei  den  nachfolgenden  Kreditforderungen ­
  für  den  Krieg  in  Südwest-Afrika  um  so  mehr  fest,  als  die
Art  der  Kriegsführung  ihren  Protest  in  mehr  als  einer  Linsicht  herausforderte. ­
  Abgesehen  von  den  Verlusten  an  Menschenleben  hat  dieser  Krieg
dem  deutschen  Volk  weit  über  300  Millionen  Mark  gekostet.
Gesetzgeberisch  brachte  die  Session  von  1904  ein  Gesetz  über  die  Errichtung ­
  von  Kaufmannsgerichten  und  ein  Gesetz  über  die  Entschädigung ­
  unschuldig  Verhafteter.  Obwohl  die  Sozialdemokratie
anerkannte,  daß  beide  Gesetze  Forderungen  entsprachen,  die  sie  oft  erhoben
hatte,  und  sich  alle  Mühe  gab,  ihnen  einen  wahrhaft  fortschrittlichen
Charakter  zu  geben,  mußte  sie  wegen  Ausschluß  der  Frauen  und  Ansetzung
viel  zu  hohen  Alters  für  die  Wählbarkeit  gegen  die  Kaufmannsgcrichte  und
wegen  Einfügung  von  allerhand  Kautschukparagraphen  auch  gegen  das  Entschädigungsgesetz ­
  stimmen.
        <pb n="54" />
        55

Vreis  20  Pfennig

Sozialdemokratische  Agitations-Bibliothek
Zeitbilder  aus  dem  KlaTsenstaat
II.
Der  Zukunstsstaat
der  Junker
Mameuffeleien  gegen  die  Sozialdemokratie  im
preußischen  Herrenhaus  am  I  I  und  lZ.Mai  1904

Dem  Reichstag  des
Jahres  1905  lagen  die  ersten
Handelsverträge  vor,die
auf  Grund  des  neuen  Zolltarifs ­
  abgeschlossen  waren,
nämlich  mit  Österreich,  Rußland, ­
  Italien,  Rumänien,
Serbien  und  der  Schweiz.
Wie  zu  erwarten  war,
brachten  sie  sehr  erheblich
verschlechterte  Bedingungen
für  die  deutschen  Exportindustrien,und ­
  zwar  eben  weil
ihnen  die  höheren  Mindestzölle ­
  des  Tarifs  auf  Getreide, ­
  Vieh  usw.  zugrunde
lagen.  Damit  verstand  es
sich  für  die  Sozialdemokratie
von  selbst,  daß  sie  abzulehnen ­
  waren,  und  demgemäß ­
  hat  die  Fraktion
denn  auch  in  der  von  ihr  beantragten ­
  namentlichen  Abstimmung ­
  gestimmt.  Unser
summarischer  Überblick  über
die  politische  Entwickelung
Deutschlands  und  den  allgemeinen ­
  Gang  seiner  sozialdemokratischen ­
  Bewegung  in
den  fünfzehn  Jahren,  die
uns  beschäftigen,  wäre  damit ­
  zu  Ende.  Ein  Punkt
sei  indes  noch  hervorgehoben.
Während  der  hier  behandelten  Epoche  beschäftigten  wiederholt  Prozesse
die  öffentliche  Meinung,  die  tiefen  Einblick  in  die  sozialen  Zustände  gewährten
und  außer  in  der  sozialdemokratischen  Presse  auch  im  Reichstage  und  je
nachdem  auch  in  den  städtischen  Vertretungen  von  der  Sozialdemokratie
beleuchtet  wurden.  Hierher  gehört  aus  dem  Jahre  1891  der  gegen  den
Zuhälter  Äeinze  und  seine  Frau,  eine  Prostituierte,  wegen  Mordes  geführte
Prozeß,  der  allerhand  Greuel  des  Zuhältertums  und  der  Prostitution  ans
Licht  zog  und  in  Wilhelm  II.  den  Wunsch  erweckte,  dem  Übel  mit  Strafgesetzen ­
  und  Polizcimaßnahmcn  zu  Leibe  zu  gehen;  welchem  Wunsch  verschiedene ­
  verunglückte  Vorlagen  an  den  Reichstag  und  schließlich  die  farblose ­
  Lex  Heinze  von  1900  ihr  Entstehen  verdankten.  Ferner  der  Prozeß
gegen  den  Bankier  Sternberg  wegen  geschlechtlichen  Mißbrauchs  von
Kindern,  der  Spielerprozeß  der  Harmlosen  und  ähnliche  Sitten-  oder  rlnsittenprozesse
  mehr.  Dann  eine  Reihe  großer  Betrugsprozesse,  wie  er
Prozeß  gegen  den  Bochumer  Großindustriellen  Baare  wegen  Lieser  j
von  „geflickten"  Schienen  an  den  Staat  und  seine  Parodie,  er  p

Mit  Einleitung  und  Anmerkungen  von  Kurt  6«ancr
3.  unveränderle  Auflage

Berlin  1904
Verlag:  Expedition  der  Buchs-  g  n  dl  tut  g  Vorwärts
(Th.  Glocke  in  Berlin)

31.  Titelblatt  einer  Agitationsbroschüre
Verlag  der  Buchhandlung  Vorwärts
        <pb n="55" />
        Ahlwardt-Löwe  wegen  angeblicher  Lieferung  unbrauchbarer  Gewehre  —
„Iudenflinten"  —  an  den  Staat,  sowie  die  Bloßstellung  des  vorgenannten
Baare  und  anderer  Kapitalisten  wegen  grandioser  Steuerhinterziehungen  und
allerhand  Prozesse  gegen  Schwindclbanken  und  Bankenschwindel,  der  größte
davon  der  Prozeß  des  frommen  Posbankiers  Sanden  und  seiner  Pelfer  aus
Anlaß  des  Zusammenbruchs  der  Pommernbank.  Ferner  Prozesse  wegen
grober  Übergriffe  von  Polizei  und  Militär,  wie  die  Erschießung  von  Leuten
aus  dem  Zivilstande  durch  Wachtposten  (Prozeß  Lück,  1892)  oder  betrunkene
Militärs  (Fall  Brüsewitz,  1899),  die  Prozesse  Marschall  von  Bieberstein
gegen  die  Literaten  Leckert-Lühow  (1896)  und  den  Polizeikommissar  Tausch
(1897),  welche  die  Amtriebe  der  politischen  Polizei  bismarckischer  Zucht  ans
Licht  brachten,  der  Prozeß  gegen  den  Verfasser  des  Romans  „Aus  einer
kleinen  Garnison",  der  das  Ränkespiel  und  die  Ehebruchsbelustigungen  von
Offizieren  der  Garnison  Forbach  schildert  und  die  Kriecherei  des  Bürgertums ­
  vor  dem  doppelten  Tuch  illustriert,  sowie  Enthüllungen  über  die  schmählichen ­
  Liebesdienste  der  preußischen  Behörden  gegenüber  der  zarischen  Polizei,
über  die  Bespitzelung  und  Ausweisung  von  Russen  und  russischen  Staatsangehörigen, ­
  über  praktisch  auf  Auslieferung  hinauslaufende  Abschiebungen
von  russischen  Sozialisten,  über  die  Ausweisung  von  Dänen  aus  Nordschleswig
und  die  sinnlosen  Anternehmungen  der  preußischen  Regierung  zur  gewaltsamen ­
  Germanisierung  der  polnischen  Provinzen  Preußens  usw.  usw.  —
All  das  ward  von  der  sozialdemokratischen  Reichstagsfraktion  in  geeigneter
Form  im  Reichstag  zur  Sprache  gebracht,  verschiedenes  aber  außerdem  in
Protestversammlnngen  inr  Lande  gegeißelt,  wobei  Berlin  sich  stets  seiner
Pflichten  bewußt  zeigte.  Wir  werden  auf  einige  dieser  Versammlungen
in  anderem  Zusammenhang  zurückkommen,  die  sehr  summarische  Aufzählung
gibt  aber  ein  Bild  davon,  wie  wenig  die  fünfzehn  Jahre  nach  der  Einscharmng
  des  Sozialistengesetzes  für  die  Sozialdemokratie  Jahre  politischen
Stillebens  gewesen  sind.  —
        <pb n="56" />
        Zweites  Kapitel.
Die  soziale  Entwicklung  Berlins  von  1890-1905

große  Aufschwung,  den  die  Bevölkerung  Groß-Berlins  in  der
)  Epoche  von  1875  bis  1890  genommen  hatte,  wurde  in  den  folgenden
fünfzehn  Jahren  der  absoluten  Zahl  nach  noch  übertroffen.  Latte
sich  die  Einwohnerschaft  Berlins  mit  den  29  Vororten  seines  näheren  Amkreises ­
  damals  um  nahezu  800000  Seelen  gehoben,  so  zeigt  die  Bevölkerungsziffer ­
  von  1905  einen  Zuwachs  gegen  1890  um  mehr  als  eine  Million  Seelen,
nämlich  von  1  863  000  auf  2  943  000.  Der  Löwenanteil  dieses  Zuwachses
entfällt  jetzt  aber  auf  die  Vororte.  Berlin  selbst,  das  heißt  die  Lauptstadt  mit
den  ihr  1861  angegliederten  Außenteilen  Gesundbrunnen,  Wedding,
Moabit,  hat  zwar  in  der  Periode  1890  bis  1905  noch  um  462  000  Einwohner ­
  zugenommen,  aber  so  ansehnlich  diese  Zahl  ist,  steht  sie  doch  hinter
der  Zuwachsziffer  der  fünfzehn  Jahre  von  1875  bis  1890  —  614  000  —
schon  erheblich  zurück,  was  sich  noch  drastischer  im  Rückgang  der  Zuwachsrate ­
  ausprägt,  die  von  63,7  Prozent  auf  29,3  Prozent  gefallen  ist.  Die
Lauptstadt,  wie  sie  als  kommunale  Einheit  dem  Gebiet  nach  abgegrenzt  ist,
nimmt  einen  immer  kleiner  werdenden  Bruchteil  des  von  ihr  angezogenen
Bevölkerungsstroms  auf.  Innerhalb  ihres  Weichbildes  fallen  immer  mehr
Stadtteile  jener  Entwicklung  anheim,  die  man  als  Citybildung  bezeichnet:
bisherige  Wohnhäuser  werden  in  Geschäfts-  oder  Jndustriegebäude  verwandelt, ­
  die  entweder  nur  noch  vereinzelte  Lausdiener  oder  Aufseher  zu
Bewohnern  haben  oder  aber  überhaupt  nicht  mehr  als  Wohnstätten  dienen,
sondern  Nachts  leer  stehen  und  der  Obhut  von  Schließgesellschaftcn  oder
von  Privatwächtern  anvertraut  sind.  Infolge  dieser  Amwandlung  weisen
die  betreffenden  Stadtteile  denn  auch  einen  ununterbrochenen  Rückgang
ihrer  Bevölkerungsziffer  auf.

Alt-Berlin.  .  .
Alt-Cölln  .  .  .
Friedrichswerder
Dorotheenstadl  .
Friedrichsstadl  .
Neu-Cölln  .  .  .

zählten  Einwohner

die  Stadtbezirke:

1875

1890

1905

30  465

23  507

13  732

15  308

12  483

8  588

9176

5  636

3  436

18  788

16  364

9  402

72  865

68136

49  961

6817

6  424

4237

Lat  hier  überall  der  Rückgang  schon  vor  1890
andere  Stadtteile,  wie  z.  B.  das  Spandauer  Viertel,

eingesetzt,  so  haben
zwar  zwischen  1875
        <pb n="57" />
        und  1890  noch  Bevölkerungszuwachs  zu  verzeichnen  gehabt,  aber  von
1890  bis  1905  ein  Abnahme  sich  vollziehen  sehen,  die  den  Bevölkerungsstand ­
  noch  hinter  die  Zahl  von  1875  zurückgeworfen  hat.  And  selbst  in
denjenigen  Stadtteilen,  die  im  ganzen  noch  die  steigende  Tendenz  innehalten,
in  den  Außenvierteln  des  Nordens,  Ostens,  Südens  und  Nordwestens,
verlangsamt  sich  der  Zuwachs.  Das  Läusermeer  hat  sich  fast  über  den
ganzen  Boden  Berlins  ausgebreitet,  es  sind  nur  noch  Oasen,  die  ihm
innerhalb  des  alten  Weichbildes  der  Stadt  zur  Eroberung  offenstehen.
So  muß  denn  der  größte  Teil  des  Menschenstroms,  den  die  Hauptstadt ­
  anzieht,  sich  in  die  Vororte  ergießen,  und  das  bewohnte  Gebiet  dieser
dehnt  sich  immer  gewaltiger  aus.  Von  den  Vororten,  deren  Wachstum
zwischen  1875  und  1890  im  siebenten  Kapitel  des  zweiten  Bandes  dieser
Geschichte  vorgeführt  wurde,  haben  die  sechs  dort  als  Arbeitervororte
bezeichneten  Ortschaften  nunmehr  zusammen  um  mehr  als  das  Dreifache  an
Bevölkerung  zugenommen,  ein  Wachstum,  dessen  Prozentzahl  die  der

zweiundeinhalbmal  größere  war.

Es  hatten

Einwohner:

Boxhagen  mit  Rummelsburg

1875

1890

1905

und  Lichtenberger  Kietz  .  .
Lichtenberg  mit  Friedrichsberg

2  712

I  I  038

33  003

und  Wilhelmsberg  .  .  .

12  379

22  905

55  365

Pankow

3  937

6  998

29  066

Reinickendorf

4  976

10  064

22  430

Rixdorf

15  323

35  702

153  520

Weißensee  u.  Reu-Weißensee

2  904

19  804

37  606

Insgesamt:

42  231

106  511

330990

Ein  geradezu  phänomenales  Wachstum.  And  doch  wird  es  durch  das
Anwachsen  der  als  gemischt  bevölkert  bezeichneten  Vororte  noch  übertroffen.
Sie  zeigen  uns  die  folgenden  Einwohnerzahlen:

1875

1890

1905

Charlottenburg

25  847

76  859

239  547

Wilmersdorf

2  367

5  164

63  568

Schöneberg

7  467

28  721

140  992

Steglitz

5  467

12  530

32  832

Tempelhof  mit  Lasenheide

2  205

5  248

10  583

Insgesamt:

43  353

128  522

487  522

Lier  hat  sich  die  Bevölkerung  in  fünfzehn  Jahren  nahezu  vervierfacht,
ebenfalls  eine  größere  Zuwachsrate,  als  sie  die  gleichen  Ortschaften  in  den
vorhergegangenen  fünfzehn  Jahren  verzeichneten.
Zählen  wir  die  zehn  Ortschaften  zusammen,  so  zeigt  sich  uns  ein
Gebiet,  das  im  Jahre  1875  von  85  584  Personen  bewohnt  war,  im
Jahre  1905  von  818  512  Menschen  bevölkert,  fast  die  zehnfache  Zahl  und
nur  noch  wenig  entfernt  von  der  Million.  Drei  der  Orte,  Charlottcnburg,
Rixdorf  und  Schöneberg,  haben  in  der  Zwischenzeit  Stadtrang  erhalten
und  sind  in  der  Tat  der  Bevölkerung  nach  heute  Großstädte,  auch  Lichtenberg ­
  sowie  Wilmersdorf,  welch  letzteres  1875  erst  2367  Einwohner  zählte,
sind  heute  Städte  und  eifern  ihnen  nach.  Alle  die  genannten  Orte
sind  dabei  so  eng  mit  Berlin  zusammengewachsen,  daß  sie  für  das
        <pb n="58" />
        60

Verkehrsleben  einfach  nur  Stadtteile  des  letzteren  bilden.  Ihr  Straßennetz ­
  geht  unvermittelt  in  das  Straßennetz  von  Berlin  über.  Charlottenburg
und  Schöneberg  sind  im  wesentlichen  nur  Aussttahlungen  von  Berlin-West,
und  eine  Anzahl  ihrer  Postämter  gehören  auch  demgemäß  zum  Zentralamt
dieses  Stadtteils.  Rixdorf  bildet  die  Verlängerung  des  Südostens,  Boxhagen, ­
  Friedrichsberg,  Rummelsburg  sowie  Lichtenberg  mit  Nebenorten
die  des  Ostens  von  Berlin,  Pankow  und  Reinickendorf  wachsen  mit  den
nördlichen  Stadtteilen  Berlins  zusammen,  und  Weißensee  ist  nur  noch
durch  einen  ganz  schmalen,  sich  immer  mehr  verengernden  Streifenunbebauten ­
  Bodens  vom  Nordosten  Berlins  getrennt.
And  nicht  nur,  daß  diese  Orte  mit  Berlin  verwachsen  sind,  gliedern
sich  an  ihre  Verlängerung  von  Berlin  hinweg  wieder  andere  Orte  an,  die
vordem  isoliert  liegende  Dörfer  und  Flecken  waren,  nun  aber  gleichfalls
in  rascheres  Wachstum  eingetreten  sind.  Ähnliches  gilt  auch  von  den  meisten
Orten,  die  zwischen  den  genannten  großen  Ausstrahlungen  Berlins  liegen.
In  der  ganzen  Amgebung  dehnt  und  reckt  es  sich.  Lier  werden  frühere
Dörfer  zu  Wohnkolonien  für  bestimmte  Schichten  des  bessergestellten
Bürgertums  mit  ihrem  Anhang,  dort  erstehen  in  Masse  Wohnquartiere
für  Kleingewerbetreibende,  Beamte  und  die  um  Lohn  arbeitenden  breiten
Volksklassen,  und  einige  dieser  Orte  entwickeln  sich  zugleich  zu  Produktionsstätten ­
  von  Bedeutung.  Bis  über  den  zweimeiligen  Amkreis  von  Berlin
hinaus  sind  aber  alle  Orte  in  der  einen  oder  andern  Weise  organisch  mit
der  Hauptstadt  verbunden,  die  so  einem  Polypen  mit  immer  weiter  sich
ausstreckenden  Fangarmen  zu  vergleichen  ist.  Was  von  den  Fangarmen
erfaßt  wird,  hört  auf,  ein  Organismus  für  sich  zu  sein  und  bezieht  sich  in
seinen  Lebensäußerungen  immer  stärker  auf  Berlin  als  Zentralkörper,  der
rückwirkend  seinerseits  aber  auch  in  immer  größere  funktionelle  Abhängigkeit
von  jenen  Außenteilen  gerät,  ohne  sie  in  seiner  jetzigen  Gestatt  nicht  atmen,
sich  nicht  &amp;gt;nehr  lebenskräftig  regen  könnte.
Anter  dem  Gesichtspunkt  wirtschaftlicher  Zusammengehörigkeit  ist  daher  als
Berlin  nicht  mehr  nur  die  diesen  Namen  tragende  Stadtgemeinde  zu  verstehen, ­
  sondern  mit  ihr  das  ganze  Konglomerat  von  großen  und  kleinen
Orten,  das  im  meilenweiten  Amkreise  um  sie  herum  sich  gruppiert.  Soweit
ein  zwei  Meilen  fassender  Radius  vom  Zentrum  aus  es  umschreibt,  wird
es  heute  von  der  Statistik  als  das  größere  oder  Groß-Berlin  bezeichnet
und  hatte  1905  eine  Bevölkerung  von  3201849  Seelen.  Rechnet  man
dagegen  zur  Stadtgemeinde  Berlin  die  beiden  Reichstagswahlkreise  hinzu,
die  Berlin  umgeben,  nämlich  die  Wahlkreise  Niederbarnim  und  Teltow-Becskow-Storkow-Charlottenburg,
  so  erhält  man  ein  Groß-Berlin,  das  1905
3,3  Millionen  Seelen  umfaßte.  And  dieses,  nicht  nur  den  ehemaligen  weiteren
Polizeibezirk  Berlin,  sondern  auch  das  Groß-Berlin  der  statistischen  Einteilung ­
  an  geographischer  Ausdehnung  und  Bevölkerungszahl  noch  übertreffende ­
  Gebiet  wird  in  der  hier  zu  behandelnden  Zeit  für  eine  Anzahl
politischer  Zwecke  das  Groß-Berlin  der  Sozialdemokratie.
Wenn  aber  aus  dem  Groß-Berlin  der  Polizeiverwaltung  und  auch
aus  dem  Groß-Berlin  der  Statistik  Orte  weggeblieben  sind,  die  wirtschaftlich
noch  zu  Berlin  gehören,  so  umfaßt  dagegen  das  sozialdemokratische  Groß-Berlin
  eine  Reihe  von  Ortschaften,  die  mit  der  Lauptstadt  in  keiner  wesentlich
anderen  Beziehung  stehen,  wie  irgendwelche  sonstige  Ortschaft  der  Monarchie.
        <pb n="59" />
        61

Reben  Luxusvororten,  Jndustrievororten  und  Arbeiterwohnvororten  gehören
Zum  sozialdemokratischen  Groß-Berlin  auch  noch  eine  Anzahl  richtiger  Dörfer
und  Landstädte.  Aber  dies  ist  selbstverständlich  nicht  die  Folge  von  irgendwelcher ­
  Willkür  von  seiten  der  Partei.  Lier  war  es  ganz  einfach  die
bestehende  Wahlkreiseinteilung,  bei  der  man  sich  um  organische  Beziehungen
nicht  gekümmert  hatte,  die  jene  Abgrenzung  vorschrieb.  Da  die  beiden  Reichstagswahlkreise, ­
  die  Berlin  umgeben,  zu  mehr  als  zwei  Dritteln  ihrer  Bevölkerung ­
  organisch  zu  Berlin  gehören,  mußte  der  restliche  Teil  mit  in  das
Groß-Berlin  der  Sozialdemokratie,  die  sich  nach  Wahlkreisen  gliedert,  einbezogen ­
  werden.
Wie  verteilt  sich  nun  die  Bevölkerung  von  Berlin  und  Amgegend
nach  Berufen  und  Klassen,  und  wie  hat  sich  ihre  Berufs-  und  Klassengliederung ­
  in  den  Jahren  entwickelt,  die  wir  hier  zu  betrachten  haben?
Eine  besondere  zusammenfassende  Statistik  für  eines  der  drei  als  Groß-Berlin
  bezeichneten  Gebiete  gibt  es  hierüber  nicht,  wohl  aber  liegen  vergleichsfähige ­
  Zahlen  für  die  größten  hierher  gehörigen  Orte  und  Bezirke  vor.
Aber  die  Entwickelung  der  Fabriken  sowie  der  den  Fabriken  gesetzlich
gleichgestellten  gewerblichen  Betriebe  geben  uns  die  Berichte  der  Gewerbeinspektoren ­
  für  den  Jnspektionsbezirk  Berlin  Auskunft,  der  bis  1900  aus
Berlin  und  Charlottenburg  bestand,  seitdem  aber  auch  Rixdorf,  Schöneberg ­
  und  Wilmersdorf  umfaßt,  so  daß  er  unter  dem  Gesichtspunkt  der  Einwohnerschaft ­
  mehr  als  drei  Viertel  von  Groß-Berlin  darstellt.  In  der  ersten
Epoche,  von  1890  auf  1900,  sehen  wir  in  Berlin  und  Charlottenburg,  während
die  Bevölkerung  um  etwas  über  25  Prozent  zunimmt,  die  Zahl  der  Fabriken
und  fabrikmäßigen  Betriebe  von  5186  auf  9774,  das  heißt  um  88,5  Prozent,
und  die  der  in  diesen  Unternehmungen  beschäftigten  Arbeiter  von  159505
auf  229228,  das  heißt  um  43,7  Prozent  sich  vermehren.  In  der  zweiten
Epoche,  von  1901  auf  1905,  vollzieht  sich  in  dem  vergrößerten  Inspektionsbezirk ­
  folgende  Entwickelung:
&amp;gt;Ml  ,905  frÄ!
Gesamtbevölkerung  2  295  000  2  574  000  12,2
Fabriken  und  fabrikmäßige  Anlagen  ...  10  740  13  646  27,1
Zn  diesen  Betrieben  beschäftigte  Arbeiter.  233  762  285  915  22,3
In  beiden  Epochen  hat  sich  sowohl  die  Zahl  der  Fabriken  wie  die  der
in  ihnen  beschäftigten  Arbeiter  schneller  vermehrt  als  die  der  Gesamtbevölkerung, ­
  aber  in  beiden  Epochen  ist  zugleich  die  Zahl  der  Fabriken  und
fabrikmäßigen  Anlagen  schneller  gestiegen  als  die  Zahl  der  in  ihnen  beschäftigten ­
  Arbeiter.  Der  Durchschnitt  der  Zahl  der  Arbeiter  pro  Betrieb
ist  jedesmal  zurückgegangen.  Er  war  1890  für  den  damaligen  Zählungsbezirk ­
  31  Arbeiter  pro  Betrieb,  1905  aber  nur  21  Arbeiter  pro  Betrieb.
Das  bedeutet  indes  durchaus  noch  nicht  einen  entsprechenden  Rückgang
oder  auch  nur  Stillstand  in  der  Entwickelung  zum  Großbetrieb,  sondern
gibt  nur  die  Tatsache  wieder,  daß  immer  mehr  ehedem  außerhalb  des
Fabrikgesetzes  stehende  Kleinbetriebe  zu  Motorenbettieben  sich  entwickelt
haben,  die  nun  dem  Fabrikgeseh  unterstehen.  Es  ist  ein  technischer  Aufstieg, ­
  der  es  bewirkt,  daß  die  Durchschnittsgröße  der  Fabriken  in  einer
Epoche  plötzlich  verringert  erscheint,  in  der  tatsächlich  in  Berlin  mehr  no  )
als  im  Staatsdurchschnitt  die  Groß-  und  Riesenbetriebe  an  ut l
Amfang  steigend  zunehmen.  Wohl  wird  in  dieser  Zeit  mancher  ''rop-
        <pb n="60" />
        --—

  62

betrieb  oder  manche  Abteilung  eines  Riesenbetriebes  in  die  entfernteren
Vororte  Berlins  verlegt.  So  wandern  d^e  Borsigschen  Werkstätten  von
Moabit  nach  Tegel,  so  Teile  der  Siemensschen  Werke  nach  Westend,
Betriebe  der  Allgemeinen  Elektrizitätsgesellschaft  nach  Oberschöneweide,
und  andere  Werke,  wie  unter  anderem  große  Abteilungen  der  Schwarhkopffschen
  Maschinenfabrik,  ziehen  noch  weiter  ins  Land  hinaus.  Teils  lassen
die  steigenden  Bodenpreise  es  als  vorteilhaft  erscheinen,  das  alte  Fabrikterrain
zu  parzellieren  und  die  Fabrik  nach  außen  zu  verlegen,  teils  nötigt  die
Unmöglichkeit,  angrenzende  Grundstücke  für  die  nötig  gewordene  Betriebserweiterung ­
  zu  erwerben,  zur  Verlegung  von  Betrieben,  teils  schreiben
sonstige  technische  oder  Verkehrsbedingungen  die  Wanderung  vor.  Trotzdem
aber  haben  bis  in  die  neueste  Zeit  auch  in  Berlin  mit  Vororten  die  Großbetriebe ­
  an  Zahl  und  Amfang  zugenommen.  In  Berlin  vermehrten  sich  die
stehenden  und  beweglichen  Dampfmaschinen  zusammen  bis  1905  auf  1576  mit
123  028  Pferdekräften.  In  den  Vororten  vollzog  sich  in  der  gleichen  Zeit
eine  Vermehrung  auf  911  bewegliche  und  unbewegliche  Dampfmaschinen  mit
zusammen  72  415  Pserdekräften.  Zahlen,  die  denen  der  größten  Industrieorte ­
  Deutschlands  gleichkommen.
Alles  in  allem  gibt  indes  die  Statistik  der  Fabriken  und  fabrikmäßigen
Betriebe  nicht  nur  ein  sehr  farbloses  und  trockenes,  sondern  auch  ein  sehr  unvollständiges ­
  Bild  von  der  gewerblichen  Entwickelung  Berlins  und  seiner
Bevölkerung.  Außer  seinen  großen  und  weltbekannten  Fabriken  in  den  verschiedenen ­
  Zweigen  der  Metallverarbeitung,  insbesondere  des  Maschinenbaues
und  der  Instrumentenfabrikation,  den  großartigen  Etablissements  der  Lolz-,
Leder-  und  Textilstoffverarbeitung,  der  Masse  bedeutender  chemischer,  optischer,
graphischer  usw.  Fabriken,  beherbergt  Berlin  unzählige  kleine  und  mittlere
Werkstätten,  die  der  Fabrikinspektion  nicht  unterstehen,  sowie  ganze  Armeen
von  Leimarbeitern,  darunter  namentlich  solche  der  hier  zu  ganz  besonderer
Bedeutung  gelangten  Kleider-  und  Wäschekonfektion.  Die  Zahl  der  Arbeiter
und  Angestellten  all  dieser  Gewerbe  ist  erheblich  größer  als  die  der  Fabriken
und  fabrikmäßigen  Betriebe.  Wie  sich  die  Arbeiterzahl  Berlins  in  ihrer
Gesamtheit  in  der  Zeitperiode  vermehrt  hat,  die  dieses  Buch  behandelt,
läßt  sich  unter  anderem  an  der  Entwickelung  der  Krankenkassen  Berlins  verfolgen, ­
  die  auf  Grund  des  Krankenversicherungsgesetzes  eingerichtet  oder
ihm  angepaßt  sind.  Freilich  sind  diese  Kassen  in  bezug  auf  die  in  ihnen
Versicherten  nicht  örtlich  so  abgegrenzt,  daß  eine  gesonderte  Betrachtung
Berlins  und  anderer  Orte  möglich  wäre,  aus  denen  sich  Groß-Berlin
zusammensetzt.  Denn  da  in  der  Regel  der  Ott  der  Beschäftigung  und
nicht  der  Wohnort  für  die  Bestimmung  der  Versicherungsstelle  maßgebend
ist,  haben  wir  in  Berlin  versicherte  Arbeiter  in  Vororten,  und  je  nachdem
in  Berlin  wohnhafte  Arbeiter  in  Kassen  der  Vororte  zu  suchen.  Für
unsre  Betrachtung  ist  das  aber  kaum  ein  Nachteil.  Bungen  doch  unter
diesen  Amständen  die  Zahlen  der  Krankenkassen  Berlins  nur  um  so  stärker
das  Fluten  des  gewerblichen  Lebens  zur  Anschauung.  Die  Krankenversicherung
umfaßt,  neben  den  eigentlichen  Lohnarbeitern  und  den  schlechter  bezahlten
Schichten  der  Angestellten  in  Gewerbe  und  Landel,  auch  einen  großen  Teil  der
sogenannten  Lausgewerbetreibenden,  und  wie  sehr  die  Zahlen  der  Versicherten
sich  denZahlen  der  von  der  Berufszählung  ermittelten  Personen  annähem,  zeigt
ein  Blick  auf  die  beiderseitigen  Ergebnisse  der  Statistik  von  Ende  1890.
        <pb n="61" />
        Haus-Ordnung
für  das

em
Wicfenstratze  55-59.

I.  Da-3  Asyl  darf  von  einer  und  derselben  Person  innerhalb  vier  Wochen  nicht  öfter  als
viermal  hintereinander  benutzt  werden.
Ä.  Die  Benutzung  findet  statt:
&amp;amp;)  im  Witter  (twia  i.  Oktober  bis  i.  Avril)  von  Abcllds  5  bis  Morgens  ?  llhr,
b)  im  Sommer  (i.  Avril  bis  i  Ok-b-r)  von  Abends  6  bis  Morgens  6  Uhr.
Wer  das  Asyl  des  Morgens  früher  verlassen  will.  hat  dies  Abends  vorher  bei  der
Ausnahme  zu  melden.
3.  Di-  S-MM-lh-Le  wird  !M  Winter  nm  3.  im  Sommer  um  5  Uhr  Nachmittags  geöffnet.
4.  Betrunkene  oder  mit  Ekel  erregenden  sichtbaren  Krankheiten  behaftete  Personen  werden
nicht  in  das  Asyl  aufgenommen.
5.  Die  Angabe  des  Namens  und  der  sonstigen  persönlichen  Verhältnisse  wird  von  Personen,
welche  das  Asyl  benutzen  wollen,  nicht  gefordert.  Dieselben  sind  berechtigt,  während  ihres
Aufenthaltes  im  Asyl  jede  Auskunft  in  dieser  Beziehung,  mag  sie  gefordert  werden  von  wem  sie
wolle,  zu  verweigern.  Eine  Ausnahme  hiervon  findet  nur  statt  bei  Vornahme  von  Zählungen,
welche  zu  statistischen  Zwecken  gesetzlich  vorgeschrieben  sind.
6.  Wer  das  Asyl  benutzt,  har  sich  während  seines  Aufenthalts  daselbst  den  Anordnungen
der  Hausbeamten  zn  fügen.
7.  Nach  den»  Eintritt  und  vor  dem  Verlassen  mntz  jeder  Besucher  sich  Hände  und  Gesicht
waschen.  Die  Benutzung  der  Badeeinrichtnng  wird  dringend  empfohlen.  In  den  Fällen,  wo  der
Hausinspektor  es  anordnet,  must  der  betreffende  Asylist  ein  Bad  nehmen.  Während  des  Badens
werden  die  Kleider  desinsicirt.
8.  Jedem  Besucher  wird  seine  Lagerstätte  für  die  Nacht  angewiesen,  welche  er  sPälksttW
in  Witter  ca  8  Uhr.  in  Sommer  am  10  Uhr  -!»zm&amp;gt;-bm-i&amp;gt;  ha».  In  den  Dche-mi-«  ist
jedes  rvhestörende  Geräusch  zu  vermeiden.
9.  Oberkleider  und  Schnhzeug  sind  beim  Einnehmen  der  Lagerstätte  abzulegen  und  die  Kleider
am  Bettpfosten  aufzuhängen.
10.  In  der  Ehhalle.  welche  auch  zur  Ansbesserung  von  Kleidungsstücken  und  Schuhzeug
benutzt  werden  kann,  ist  gesittete  nicht  zu  laute  Unterhaltung  gestattet.  Ausdrücklich  V§rÜ0tekl
ist  bei  Strafe  sofortiger  Ausweisung  aus  dem  Asyl  alles  Lärmen,  Kartenspiel,
Labakrauchen  und  Branntweiutriuken.
II.  Das  Waschen.  Baden,  sowie  die  Reinigung  der  Kleider  findet  nach  Anweisung  der  Hausbeamten ­
  statt.
12.  Abends  wird  eine  Suppe  mit  Brot  gereicht.  Morgend  Kaffee  nebst  einer  Schrippe.
13.  Die  Benutzung  des  Asyls  ist  unentgeltlich.
14.  Zuwiderhandlungen  gegen  die  Hausordnung  können  vom  HauSinspektor  mit  Ausweisnng
aus  dem  Hans  bestraft  werden.
Berlin,  1.  Dezember  1898.
Der  Vorstand
Ser  Berliner  üfyl-üerelns  für  Obdatölofe.
33.  Plakat.  Hausordnung  für  das  Männer-Asyl  des  Berliner  Asyl-Vereins
für  Obdachlose
        <pb n="62" />
        Nach  der  Volkszählung  vom  1.  Dezember  1890,  die  zugleich  in  ziemlich
weitem  Maße  Berufszählung  war,  wurden  in  der  Stadt  Berlin  als  Gewerbtätige
  in  abhängiger  Stellung  (Angestellte,  Gehilfen,  Gesellen,  Arbeiter,  Lehrlinge) ­
  282627,  als  selbständige  Gewerbetreibende  ohne  Arbeiter  110389
Personen  gezählt,  zusammen  396656  Personen.  Auf  Grund  des  Krankenversicherungsgesetzes ­
  waren  dagegen  Anfang  1891  371919  Personen  in  den
Krankenkassen  Berlins  versichert,  also  kaum  25  000  Personen  weniger.  Da
damals  schon  ein  nennenswerter  Bruchteil  der  in  Berlin  beschäftigten  Arbeiter
in  den  Vororten  wohnte,  hätte  man  eher  das  umgekehrte  Verhältnis  erwartet.
Indes  sind  hier  in  der  Zahl  der  Berufstätigen  die  Angestellten  in  Pandel
und  Gewerbe  einbegriffen,  von  denen  ein  großer  Prozentsatz  nicht  versicherungspflichtig ­
  ist,  und  ebenso  werden  von  den  Gewerbetreibenden  ohne  Gehilfen
stets  eine  sehr  große  Zahl  von  der  Versicherung  nicht  erfaßt.  So  war  es
möglich,  daß  Berlin  weniger  Versicherte  als  abhängige  Berufstätige  hatte.
Trotzdem  nun  beide  Umstände  noch  1905  fortbestanden,  ist  die  Zahl  der
nach  dem  Krankenversicherungsgesetz  Versicherten  mittlerweile  bis  auf
737  500  angewachsen.  Das  sagte  nicht,  daß  Berlin  in  dem  Maße
proletarischer  geworden  sei,  wie  es  nach  dieser  Gegenüberstellung  erscheinen
würde.  Diese  Folgerung  ist  nicht  aus  ihr  zu  ziehen.  Wohl  aber  geht
aus  ihr  hervor,  in  wie  hohem  Maße  die  Industrialisierung  und  Ausdehnung
des  Geschäftslebens  gerade  in  der  Stadt  Berlin  in  den  dazwischenliegenden
Jahren  zugenommen  hat.  Zwar  wachsen  auch  in  den  Vororten,  die  eigene
Orts-  usw.Krankenkassen  haben,  die  Zahlen  der  dortVersicherten,  aber  sie  halten
mit  den  Versicherungszahlen  des  eigentlichen  Berlin  keinen  Vergleich  aus.
Das  „kleine"  Berlin  ist  das  umfassende  geschäststätige  Zentrum  des
ganzen  Komplexes,  der  sich  Groß-Berlin  nennt.  Pier,  in  Berlin  selbst,  laufen
die  Pauptadern  des  Geschäftslebens  des  größeren  Berlin  zusammen,  hier  sind
die  Masse  der  Fabriken  und  Werkstätten,  der  Magazine  und  Läden,  der
Schreib-  und  Arbeitsstuben  des  Weltstadt-Polypen.  And  wenn  die  des
Morgens  unausgesetzt  in  Berlin  einfahrenden  vielen  Vorortzügc  und  Straßenbahnen ­
  mit  ihrer  Fülle  von  Fahrgästen  es  auf  das  greifbarste  veranschaulichen,
welche  Armeen  von  in  Berlin  Arbeitenden  draußen  in  den  Vororten  wohnen,
so  hat  ihrerseits  die  Gewerbezählung  vom  12.  Juni  1907  für  unsre  Epoche
eine  Vermehrung  der  gewerblich  abhängigen  Bevölkerung  der  Hauptstadt ­
  nachgewiesen,  welche  die  ihrer  Gesamtbevölkerung  beträchtlich  übersteigt. ­
  Mit  andern  Worten,  daß  Berlin  am  Ende  der  uns  beschäftigenden
Periode  noch  weit  mehr  „Proletarierstadt"  geworden  ist,  als  es  zu  Anfang
derselben  war.
Aber  das  heißt  natürlich  nicht,  daß  es  in  dieser  Zeit  etwa  im  Verhältnis ­
  ärmer  geworden  sei  als  zu  Anfang.  Im  Gegenteil.  Wer  die
Steuerlisten  für  Berlin  durchgeht,  wird  vielmehr  finden,  daß  die  Zahl  der
Zensiten  mit  höherem  als  proletarischem  Einkommen  sich  zwischen  1890  und
1905  im  Verhältnis  weit  stärker  vermehrt  hat  als  die  Gesamtbevölkerung.
Wir  müssen  hier,  um  vergleichsfähige  Zahlen  zu  gewinnen,  von  der  Steuerveranlagung ­
  für  das  Jahr  1892/93  ausgehen,  der  ersten  Veranlagung  nach
dem  Einkommensteuergesetz  vom  24.  Juni  1891.  Vom  Jahr  der  ersten
Veranlagung  —  Anfang  1892  —  an  bis  zum  Anfang  1905  hat  sich  die
Bevölkerung  Berlins  von  1  606  617  auf  1  988  809,  d.  h.  um  23,8  vom
Hundert,  vermehrt.  In  der  gleichen  Zeit  stieg  die  Zahl  der  mit  mehr  als
        <pb n="63" />
        Speisenausgabe  im  Berliner  Asylverein  für  Obdachlose

Sammelraum  für  Frauen  im  Berliner  Asylverein  für  Obdachlose
        <pb n="64" />
        65

3000  Mk.  steuerpflichtigen  Einkommens  eingeschätzten  Personen  („physische
Zensiten")  in  Berlin  von  43  846  auf  57  006,  d.  h.  um  30  vom  Lundert.
In  bestimmte  größere  Einkommensgruppen  eingeteilt,  zeigten  sie  folgendes  Bild:
Einkommen  1892/93  1905/06  v^LunVert
über  3  000  bis  5  000  Mk.  20  826  26  669  '  28,1
„  5  000  „  9  000  „  10  051  15  534  54,5
„  9  000  „  20  500  „  8  198  9  167  11,8
„  20  500  „  40  000  „  2  866  3  245  13,2
„  40  000  „  100  000  „  1  416  1  707  20,5
„  100000  Mk.  489  684  39&amp;lt;j

Insgesamt:  43  846  57  006  30
Es  sind  danach  drei  von  den  sechs  Gruppen,  die  wir  hier  betrachten,
stärker  gewachsen  wie  die  Gesamtbevölkerung,  und  drei  hinter  ihr  in  der
Zunahme  zurückgeblieben.  Ersteres  gilt  von  den  zwei  Gruppen  des  noch
ziemlich  bescheiden  lebenden  Mittelstandes  und  der  Gruppe  der  ganz  Reichen,
letzteres  von  den  drei  Gruppen  des  oberen  Mittelstandes  in  seinen  verschiedenen ­
  Abstufungen,  jener  Gesellschaftsschicht,  an  die  man  zuerst  denkt,
wenn  das  Wort  Bourgeoisie  gebraucht  wird.  Anscheinend  ständen  wir
somit  vor  einem  relativen  Rückgang  dieser  Klasse.  Indes  bezieht  er  sich
eben  nur  auf  das  eigentliche  Berlin  und  erklärt  sich  hier  daraus,  daß
Berlin  in  immer  höherem  Grade  Mitglieder  der  Klasse  der  Wohlhabenden
an  die  dem  Luxuswohnen  bestimmten  Vororte  abgibt.  In  den  Monatsberichten ­
  des  Statistischen  Amts  der  Stadt  Berlin  findet  man  oft  sehr
interessante  Feststellungen  über  diesen  Auszug  von  Zensiten  der  oberen
Steuerstufen  in  die  Luxusvororte.  Er  ist  das  Ergänzungsstück  der  eben
gekennzeichneten  fortschreitenden  Citybildung  im  inneren  Berlin.  Von  einigen
besonders  günstig  gelegenen  Stadtvierteln  im  Westen,  Süden  und  Nordwesten ­
  abgesehen,  wird  das  alte  Berlin  von  Jahr  zu  Jahr  mehr  Stadt
des  Erwerbs.  Die  Rentiers  ziehen  nach  Schöneberg,  Charlottenburg,  Grunewald
  und  weiter  hinaus,  desgleichen  in  wachsender  Zahl  die  Großkaufleute
und  Großfabrikanten,  deren  Vermögen  in  Berlin  gemacht  wird.  Der  „Zug
nach  dem  Westen",  wo  die  eleganten  Quartiere  sich  ständig  mehren,  nimmt
immer  größeren  Amfang  an.  An  das,  was  vor  fünfzehn  Jahren  noch
„Berlin-West"  war,  hat  sich  ein  „weiteresBerlin-West"  angeschlossen,  an  dieses
ein  „noch  weiteres"  und  so  fort.  Dies  ist  auch  der  Grund,  weshalb  die
Zensiten  mit  großen  Vermögen  in  Berlin  Stadt  nur  in  bestimmten
Vermögensklassen  zunehmen,  in  anderen  aber  abnehmen.  Es  wurden
nämlich  seit  1895,  wo  die  Vermögenssteuer  zuerst  zur  Erhebung  kam,  in
Berlin  veranlagt  Zensiten  mit:

Vermögen

1895

1905

Zu-  oder  Abi
in  Prozen

bis

zu  32  000  Mk.

22  593

29  648

+13,23

von

32  000  bis  52  000  Mk.

7  089

7  786

-f  9,83

52  000  „  100  000

8  913

8  704

—  2,34

100  000  „  200  000

6  406

6  041

—  5,70

200  000  „  500  000

4  880

4  386

—  10,12

500  000  „  1  000  000

ff

1692

1  551

—  8,33

1  000  000  „  2  000  000

760

773

-j-  1/71

über  2  000  000  Mk.

445

535

-1-  20,22

Zusammen:

52  778

59  424

+12,59
5

Bernstein,  Berliner  Geschichte.  III.
        <pb n="65" />
        s&amp;gt;»»WWSMWM«ä

—  66  -
Die  ganz  Neichen,  die  in  den  eleganten  Villen  und  Wohnhäusern  der
Linden  und  des  Tiergartens  ihr  Quartier  haben,  nehmen  in  Berlin  noch
zu,  und  ebenso  die  Zensiten  mit  bis  zu  52  000  Mark  Vermögen,  in  deren
Reihen  wir  eine  große  Anzahl  jener  Geschäftsinhaber  zu  suchen  haben,
die  noch  im  gleichen  Lause  wohnen,  wo  sie  ihr  Geschäft  betreiben,  was
für  die  Inhaber  größerer  Geschäfte  und  Betriebe  immer  weniger  zutrifft.
Die  wohlhabende  Mittelschicht  der  Kaufleute  und  Fabrikanten  vielmehr
wohnt  nur  noch  ausnahmsweise  in  Berlin  selbst.  Ihr  Vermögen  erscheint
nicht  in  den  Steuerrollen  der  Lauptstadt,  sondern  in  der  Mehrheit  der  Fälle
in  denen  der  Vororte  mit  besseren  Etagenhäusern  und  mäßig  teuren  Villen.
Vor  allem  kommt  da  Charlottenburg  in  Bettacht.  In  dem  Jahrzehnt
von  1895  bis  1905  hat  sich  die  Zahl  seiner  Zensiten  mit  über  100  000  Mk.
Vermögen  von  1983  auf  4641  vermehrt,  nahezu  auf  das  zweiundeinhalbfache
  oder  um  134  Prozent.  Der  Steuerertrag  der  nach  den  Vermögen
berechneten  Ergänzungssteuer  stieg  von  381  765  Mk.  auf  1  036  092  Mk.
oder  um  171,1  Prozent,  was  erkennen  läßt,  daß  die  höheren  Vermögen  in
stärkerem  Verhältnis  gestiegen  sind,  als  die  mäßigen  Vermögen.  In
Schöneberg,  für  das  gesonderte  Zahlen  seit  1899  vorliegen,  wo  es  Stadtgemeinde ­
  wurde,  ist  von  jenem  Jahre  bis  1905,  also  in  sechs  Jahren,  die
Zahl  der  Zensiten  mit  über  100  000  Mk.  Vermögen  von  710  auf  1902,
bezw.  um  167,8,  der  Ertrag  der  Vermögenssteuer  von  110  842  auf
281  395  Mk.  oder  um  153,9  Prozent  gestiegen.  Dagegen  hat  Rixdorf,  das
gleichzeiüg  mit  Schöneberg  Stadt  wurde,  nur  einen  Aufstieg  dieser  Zensiten
von  133  auf  203  (52,6  Prozent)  und  des  Vermögenssteuerertrages  von
17  983  auf  30  770  Mk.  (71,1  Prozent).
Auch  diese  kleine  Zusammenstellung  läßt  aufs  deutlichste  erkennen,  wie
sehr  Berlin  und  die  Orte  in  seinem  Amkreis  organisch  zusammengehören.
Da  wohnt,  so  erzählen  diese  trockenen  Zahlen,  der  Besitzer  irgendeines
großen  gewerblichen  Anternehmens  der  Lauptstadt  in  einer  Villa  im
Gmnewald,  sein  erster  Geschäftsführer  in  einer  Etagenwohnung  am
Kurfürstendamm  in  Charlottenburg,  andere  gut  bezahlte  Angestellte  in
Schöneberg,  Wilmersdorf  oder  in  einer  der  besseren  Wohnsttaßen  Berlins.
Das  mittlere  Beamtenpersonal  verteilt  sich  in  bescheideneren  Wohnungen
ähnlich,  ist  aber  je  nachdem  auch  in  den  nördlich,  östlich  oder  südöstlich
gelegenen  Vororten  zu  finden,  und  dort  haben  wir  je  nach  der  örtlichen
Lage  der  Geschäftsräume  des  Anternehmens  dessen  Arbeiterpersonal  samt
den  schlechter  bezahlten  Angestellten  zu  suchen.  Am  Tage  sind  mit  wenigen
Ausnahmen  alle  die  Bezeichneten  in  verschiedener  Intensität  und  Dauer
in  Berlin  im  Unternehmen  selbst  beschäftigt.  Nachts  aber  steht  dieses  leer,
und  wie  die  Bevölkerungsstatistik,  für  die  nicht  das  Arbeiten,  sondern  das
Wohnen  und  Übernachten  den  Maßstab  bilden,  nichts  von  den  Menschen
weiß,  die  dort  am  Tage  schaffen,  so  sagt  uns  auch  die  Statistik  der
Einkommensteuer  nichts  davon,  welches  im  einzelnen  die  Einkommen  sind,
die  dort  ihren  Arsprung  haben.  Die  Einkommen  verteilen  sich  auf  das
breite  Gebiet  des  großen  Berlin  und  noch  darüber  hinaus.  Denn  mehr
als  je  hat,  wie  die  Liebe,  von  der  Carmen  singt,  das  Geld  „leichte  Flügel".
Lediglich  hinsichtlich  der  Anternehmungen,  die  Kollektivkörperschaften
privatrechtlichen  Charakters,  d.  h.  Aktiengesellschaften  verschiedener  Art,  gehören,
gibt  uns  seit  der  Miquelschen  Steuerreform  die  Steuerstatistik  Auskunft  über
        <pb n="66" />
        68

ihr  Vermögen  und  ihre  finanziellen  Erträge.  Lier  stoßen  wir  denn  auch  unter
beiden  Gesichtspunkten  auf  ein  Wachstum,  das  stärker  ist,  als  das  der
Bevölkerung.  Wie  durchgängig  in  der  kapitalistischen  Welt,  nimmt  auch
in  Berlin  die  Kollektivform  der  Änternchmung  und  der  Gesamtbetrag  des
Kollektivkapitals  in  schneller  Steigerung  zu.  1892/93  zählte  Berlin  242  nichtphysische ­
  Zensiten,  1905  war  ihre  Zahl  auf  383,  das  heißt  um  über
58  Prozent  gestiegen.  Die  Zahl  der  nichtphysischen  Zensiten  in  den
Vororten  Berlins  ist  dagegen  ziemlich  gering.  Wenn  der  Aktionär
frei  ist  „wie  der  Vogel  in  der  Luft",  so  ist  die  Aktiengesellschaft  in  den
meisten  Fällen  an  den  Ort  gebunden  und  wechselt  ihn  nur  unter  dem  Druck
besonderer  Ll  instand  e.
Absolut  an  den  Ort  gebunden  ist  nur  wenig  noch  in  unserer  Zeit.
Wie  aus  den  oben  entwickelten  Gründen  eine  Reihe  von  Fabriken  und
fabrikähnlichen  Anlagen  in  die  nördlichen  und  östlichen  Vororte  gewandert
sind,  so  hat  Berlin  eine  Anzahl  von  Bildungs-  und  Kunststätten,  die  ihrer
Natur  oder  Größe  nach  zur  Lauptstadt  gehören,  an  das  im  Westen  gelegene
Charlottenburg  abgegeben.  So  vor  allem  die  Technische  Lochschule  und  die
Lochschulen  für  die  bildenden  Künste  und  die  Musik,  sowie  die  physikalischtechnische ­
  Neichsanstalt.  Charlottenburg  beherbergt  das  Ausstellungsgebäude
der  Sezession  und  hat  neuerdings  auch  ein  erstes  Rechtsinstitut,  das
preußische  Oberverwaltungsgericht,  erhalten.  Zwei  Theater  großstädtischen
Charakters  liegen  auf  Charlottenburger  Gebiet,  und  ein  ebensolches  Theater
hat  neuerdings  auch  Schöneberg.  Im  ganzen  freilich  nimmt  jedoch  gerade
das  Theater  einen  immer  größeren  Raum  in  Berlin  ein.  Jahr  für  Jahr
erstehen  hier  neue  Theater,  jedes  Genre  fast  hat  mehrere  Bühnen,  die  es
kultivieren,  und  ganz  besonders  der  Nordwcsten  Berlins  entwickelt  sich  zu
einem  großen  Theaterzentrum.  Neben  den  Stätten  des  Dramas  in  seinen
verschiedenen  Abtönungen  und  Formen  samt  vielen  Stätten  der  Musikpflege ­
  breiten  sich  auch  die  sogenannten  Spezialitäten-  und  Ausstattungstheater ­
  immer  mehr  aus,  sowie  die  Musikhallen  und  Kabaretts,  wie  sich  nach
französischem  Vorbild  neuerdings  die  teuren,  aber  keineswegs  immer  künstlerisch
höher  gearteten  Znterhaltungslokale  jener  Gattung  nennen,  für  die  um  die
Zeit  von  1870  der  Ausdruck  Tingeltangel  geschmiedet  worden  war,  und
neben  der  anspruchsvollen  neueren  Abart  bestehen  von  diesen  Lokalen  nicht
wenige  in  ihrer  ursprünglichen  Gestalt  auch  heute  noch.  Ähnliches  kann
von  den  öffentlichen  Tanzlokalen  Berlins  gesagt  werden.  Sie  erhalten  sich
in  allen  möglichen  älteren  Formen,  aber  daneben  kommt  ein  neues  Genre
mit  noch  größerem  Luxus  und  natürlich  auch  höheren  Preisen  auf,  ohne
darum  weniger  Markt  für  Prostitution  aller  Art  zu  sein.  Der  Grundzug
der  modernen  Entwicklung  macht  sich  auch  hier  geltend:  während  sich  das
Durchschnittsniveau  in  bezug  auf  Ausstattung  hebt,  vergrößern  sich  die
Abstände.  Manches  in  den  Stätten  der  Erholung  und  des  Genusses  zeigt
Spuren  eines  verbesserten  Geschmacks;  selbst  in  den  billigeren  Lokalen  sieht
es  besser  aus  als  früher,  die  dumpfen  Kellerwirtschaften  verschwinden  und
Luft  und  Licht  kommen  mehr  zu  ihrem  Recht.  Aber  die  Verbesserungen
in  den  Wirtschaften,  wo  der  Arbeiter  verkehrt,  sind  winzig  im  Vergleich  zu
der  Steigerung  des  Luxus  in  den  Restaurationen  und  Lotels  der  oberen
Schichten  der  besitzenden  Klassen.  Die  Zahl  und  der  innere  Reichtum
dieser  Llnternchmungen  nimmt  unausgesetzt  zu.
        <pb n="67" />
        69

Berlin  ist  Arbeitsstadt  geblieben  und  gleichzeitig  Freuden-  und  Fremdenstadt ­
  ersten  Ranges  geworden.  Noch  in  den  siebziger  Zähren  des  19.  Jahrhunderts ­
  wurden  seine  Darbietungen  in  bezug  auf  Kunstanstalten,
Vergnügungsetablissements,  technische  und  Verkehrscinrichtungen  fast
nur  von  preußischen  Provinzlern  aufgesucht;  in  neuerer  Zeit  aber  zieht
es  immer  mehr  Gäste  aus  anderen  Ländern  an  sich.  Im  Jahre  1890
wurden  schon  505  482  Fremde  in  Berlin  gemeldet,  im  Jahre  1905  aber
waren  es  eine  volle  Million  —  in  genauer  Zahl  1  004  774.  In  fünfzehn
Jahren  hat  sich  der  Fremdenverkehr  verdoppelt.  Im  Durchschnitt  beherbergt
Berlin  in  seinen  Lotels,  Pensionen  und  dergleichen  monatlich  100000  Fremde.
Verdoppelt  oder  sogar  mehr  als  verdoppelt  hat  sich  aber  auch  die
Inanspruchnahme  des  jetzt  in  der  Fröbelstraße,  im  Nordosten  Berlins
gelegenen  städtischen  Obdachs  für  nächtliche  Obdachlose.  Im  Jahre  1890
ward  es  von  227  896  Personen  in  Anspruch  genommen,  1905  belief  sich
die  Zahl  auf  581  680  Personen,  nachdem  sie  1904  schon  658  353  Personen
betragen  hatte.  Da  Vergleiche  einzelner  Jahre  leicht  ein  falsches  Bild
ergeben,  weil  der  wechselnde  Geschäftsgang  sich  hier  natürlich  besonders
stark  geltend  macht,  mag  eine  Zusammenstellung  der  ersten  und  der
letzten  fünf  Jahre  seit  Neueinrichtung  des  städtischen  Obdachwesens  —

24.  Oktober  1887  —  uns  eine  Vorstellung  von  dem  Elend  geben,  welches
die  Hauptstadt  birgt.  Es  benutzten  das  städtische  Obdach  für  nächtliche
Obdachlose:
Jahr  Besuch  Jahr  Besuch
1888  223  909  1901  526  567
1889  205  703  1902  603  487
1890  227  396  1903  589  606
1891  317  849  1904  658353
1892  308  535  1905  581  680

Durchschnitt  1888/92  256  678  Durchschnitt  1901/05  591  939
Auch  der  Durchschnitt  von  je  fünf  Jahren  zeigt  für  unsere  Periode
eine  Steigerung  auf  erheblich  mehr  als  das  Doppelte  der  Gäste  des  Obdachs.
Das  Jahr  1905  zeichnete  sich  durch  ganz  besonders  günstigen  Geschäftsgang
aus,  es  darf  daher  aus  dem  bedeutenden  Rückgang,  den  es  in  bezug  auf
die  Zahl  der  Gäste  des  Obdachs  aufweist,  noch  kein  Schluß  hinsichtlich  der
Entwicklung  der  sozialen  Verhältnisse  gezogen  werden.
Wenngleich  anerkannt  werden  muß,  daß  die  Grundsätze,  nach  denen
das  städtische  Obdach  geleitet  wird,  und  die  Behandlung,  welche  die
Obdachlosen  dort  erfahren,  gegen  früher  etwas  besser  geworden  sind,  und
daß  wenigstens  einige  der  schreiendsten  Äbelstände  des  ehemaligen  „Ochsenkopf" ­
  Abhilfe  gefunden  haben,  so  ist  die  Leitung  doch  noch  weit  von  echter
Äumanität  entfernt  und  ist  für  Sauberkeit  und  gute  Lust  noch  lange  nicht
genügend  gesorgt.  Es  herrscht  noch  immer  im  wesentlichen  der  alte  Polizeigeist, ­
  der  sich  keine  andere  Disziplin  als  die  unter  der  Fuchtel  strammer
Aufseher  vorstellen  kann.  ,
Das  aus  Privatmitteln  errichtete  und  möglichst  frei  vom  Polizeigeist
gehaltene  Asyl  des  Asylvereins  fiir  Obdachlose  in  der  Wiesenstraße  iin
Norden  Berlins,  im  Volk  die  „Wiesenburg"  genannt,  hat  eine  im  Verhältnis ­
  noch  stärkere  Zunahme  seiner  Frequenz  zu  verzeichnen  als  das  stad  0  )
Obdach.  Seine  Besuchszahlen  waren  (Männer  und  Frauen  zusammen-.
        <pb n="68" />
        Jahr  Besuch  Jahr  Besuch
1888  123  877  1901  315  364
1889  124  150  1902  314  654
1890  123  519  1903  308  867
1891  127  083  1904  308  786
1892  127  759  1905  309  359

Durchschnitt  1888/92  125  278  Durchschnitt  1901/05  311  406
Äier  ist  die  rasche  Steigerung  vornehmlich  dem  Amstand  geschuldet,
daß  das  frühere  Asyl  der  Gesellschaft,  an  dessen  Stelle  im  Jahre  1897
das  jetzige  getreten  ist,  erheblich  weniger  Raum  darbot  als  dieses.  Am
dem  immer  stärkeren  Andrang  Genüge  leisten  zu  können,  wurde  von  der
Gesellschaft  1896/97  ein  neues  Asyl  gebaut,  das  mit  dem  dazugehörigen
Grund  und  Boden  über  750000  Mark  gekostet  hat.  Das  1905  in  Angriff
genommene  und  1907  vollendete  neue  Frauenasyl  dieses  Vereins  kostete
mit  dem  Grundstück  nahezu  900  000  Mark.
Man  kann  für  statistische  Zwecke  nicht  schlechthin  die  Zahlen  des  Asylvereins ­
  mit  denen  des  städtischen  Obdachs  zusammenstellen.  Denn  bei  den  sehr
verschiedenen  Grundsätzen,  nach  denen  die  Anstalten  geleitet  werden,  sind  es
nicht  durchweg  die  gleichen  Leute,  die  sie  aufsuchen;  es  geht  mancher  in  die
„Wiesenburg",  der  das  städtische  Obdach  meidet.  Da  indes  derselbe  Mensch
nicht  zugleich  in  beiden  Anstalten  nächtigen  kann,  ergibt  die  Zusammenrechnung ­
  doch  einen  Anhalt  für  die  Zunahme  der  Obdachbedürftigen
Berlins.  Wäre  das  Asyl  des  Asylvereins  nicht  vergrößert  worden,  so
würde  der  Andrang  beim  städtischen  Obdach  einfach  ein  noch  stärkerer
gewesen  sein,  als  wie  er  sich  jetzt  darstellt.  Ziehen  wir  also  beide  Zahlen
zusammen,  so  erhalten  wir  für  die  erste  Periode  (1888/92)  einen  Durchschnitt ­
  von  381  956  und  für  die  zweite  (1901/05)  einen  solchen  von
903  345  Besuchern  im  Jahr,  was  auf  den  Tag  für  die  erste  Periode  rund
1040  und  für  die  zweite  Periode  rund  2470  Besucher  ergibt.  Damit  ist
die  Zahl  der  jeweilig  Asylbedürftigen  natürlich  nicht  erschöpft,  da  es  vor
beiden  Anstalten  gewöhnlich  einen  großen  Prozentsatz  von  Leuten  gibt,  die
wegen  Äberfüllung  oder  aus  andern  Gründen  zurückgewiesen  werden,  viele
Obdachlose  aber  sich  den  Asylen  fernhalten.  Nicht  das  Bedürfnis  nach
Obdach,  sondern  die  Größe  der  Anstalten  und  die  Anterkunftsbedingungen
bestimmen  heute  die  Besucherzahl.  Wie  stark  aber  das  Bedürfnis  ist,
zeigt  das  Anschwellen  der  Besuchsziffern,  sobald  Vergrößerung  der  Anstalten ­
  eintritt.  Bis  1887  bewegte  sich  die  Zahl  der  Besucher  des  städtischen
Asyls  um  100  000,  von  1888  ab,  d.  h.  seit  Eröffnung  des  neuen  Obdachs,
ist  205  000  die  niedrigste  Zahl.  Dies  leitet  mit  Notwendigkeit  zu  dem
Schluß,  daß  in  den  Jahren  vorher  täglich  200  bis  300  Personen  hatten
im  Freien  nächtigen  oder  ihre  letzten  Pfennige  für  Schlafgeld  hingeben
müssen,  die  nun  in  den  Asylen  Obdach  fanden.  Die  polizeilichen  Einlieferungen ­
  wegen  Obdachlosigkeit  liefern  für  ihre  Zahl  keinen  Anhaltspunkt,
weil  sich  die  meisten  Obdachlosen  der  Polizei  zu  entziehen  wissen.  Jedenfalls ­
  aber  hat  mit  der  Vergrößerung  der  Asyle  die  Zahl  der  Einlieferungen
wegen  Obdachlosigkeit  merklich  abgenommen.  1890  waren  es  9189,  1905
dagegen  3511  solcher  Fälle.
Zurückgegangen  ist  in  dieser  Zeit  auch  die  Zahl  der  wegen  Prostitution
unter  die  sogenannte  sittenpolizeiliche  Kontrolle  gestellten  weiblichen  Personen.
        <pb n="69" />
        71

Sie  belief  sich  im  Jahre  1890
auf  3713,  im  Jahre  1905  auf
3287  Personen.  Der  Rückgang
entfällt  jedoch  erst  auf  die  zweite
Lälfte  der  fiinfzehn  Jahre.  In
der  ersten  Zeit  findet  im  Gegenteil ­
  noch  Zunahme  statt,  und
zwar  so  erheblich,  daß  1892
4364,  1893  sogar  4663  Personen ­
  unter  Kontrolle  standen.
Seit  Ende  des  Jahrhunderts
aber  geht  die  Zahl  der  „Kontrollmädchen"
  ununterbrochen  zurück. ­
  Von  1901  ab  ist  die
Entwickelung  die  folgende:
Unter  fittenpolizeiliche  Kontrolle ­
  waren  gestellt

flrbcitcr=Gc$undl)eit$=ßibliotl)ck
JT  hirftwagegcten  unter  Leitung  van  's
Dr.  mcd.  Zadch  'V

in  der  Arbeiterfamilie

Von
Dr.  3uUan  pVarfeuse

1901  .  .

4147  weibl.  Pers.

1902  .  .

3976  „  „

1903  .  .

3815  „  „

1904  .  .

3709  „  „

1905  .  .

3287  „  „

preis  20  Pfennig

Berlin  1908

Verlag:  Buchhandlung  Vorwärts
lLans  Weder.Berlin)

Berlin  SW.  68

Für  denjenigen,  der  den
Gesundheitsschutz,  den  die  sittenpolizeiliche ­
  Kontrolle  erwirkt  für  zz.  Titelblatt  einer  im  Verlag  der  Buchsehr
  problemattsch,  dre  durch  sie  .  m  ..  ...  ....
bewirkte  moralische  Entwürdi-  ^»"lung  Vorwärts  erschienenen  Broschüre
gung  aber  für  ebenso  zweifellos
wie  ruchlos  hält,  ist  dieser  Rückgang  höchst  erfreulich.  Ob  ihm  ein  ebensolcher
Rückgang  der  weiblichen  Prostitution  überhaupt  entspricht,  muß  dagegen  als
zweifelhaft  bezeichnet  werden.  Die  sogenannte  Sittenpolizei  hat  immer  nur
einen  Teil  der  vom  täglichen  oder  häufigen  Verkauf  ihres  Körpers  lebenden
Frauen  unter  ihre  Kontrolle  genommen.  Wie  viele  sie  hat  laufen  lassen,  weil  ihr
teils  die  Lust,  teils  aber  auch  geradezu  die  Möglichkeit  fehlte,  auf  dem  ihr
unterstehenden  Gebiet  radikal  vorzugehen,  darüber  gehen  die  Schätzungen  auseinander, ­
  doch  herrscht  Einstimmigkeit  darüber,  daß  die  wirkliche  Zahl  der
Prostituierten  die  der  eingeschriebenen  Prostituierten  um  ein  vielfaches  —
manche  nehmen  an,  bis  auf  das  Achtfache  —  übersteigt.  Die  Polizeistatistik ­
  läßt  uns  also  bezüglich  des  wirklichen  Standes  der  Dinge  auf
diesem  Gebiete  im  dunkeln.  Es  sprechen  aber  viele  Amstände  dafür,  daß
die  weibliche  Prostitution  in  Berlin,  wenn  nicht  der  absoluten  Zahl  nach
zurückgegangen,  so  doch  im  Verhältnis  zur  Bevölkemngszunahme  zurückgeblieben ­
  ist.  Ein  erheblicher  Teil  der  engen  Straßen,  die  mit  ihren  verfallenen ­
  Läufern  wahre  Brutnester  der  Prostitution  waren,  sind  von  der
Bildfläche  verschwunden,  dagegen  haben  sich  die  Erwerbsmöglichkeiten  für
Frauen  sehr  bedeutend  vermehrt  und  im  Durchschnitt  auch  etwas  verbessert, ­
  und  damit  hat  sich  das  Selbstgefühl  der  Frauen,  insbesondere  sowei
sie  von  der  Arbeiterbewegung  erfaßt  sind,  ganz  wesentlich  gehoben,
muß  auf  die  Dauer  der  Prostitution,  soweit  sie  sich  aus  diesen  o
        <pb n="70" />
        72

rekrutiert,  Abbruch  tun.  Es  scheint  denn  auch,  wenn  man  von  dem  Treiben  irr
der  Friedrichstadt  absieht,  die  Straßenprostitution  in  Berlin  abgenommen
zu  haben.  Was  sich  aber  auf  der  Friedrichstraße  und  ihren  Nebenstraßen
allabendlich  an  Prostitution  cinfindet,  das  ist  zu  einem  guten  Prozentsatz
aus  allen  Teilen  Deutschlands  und  selbst  des  Auslands  zugereist.  Berlin
ist  auch  in  diesem  Punkt  jetzt  —  Weltstadt.
Hauptstadt  der  Vergnügungen  und  Hauptstadt  der  Arbeit,  das  ist  das
Berlin,  nrit  dem  wir  es  nun  zu  tun  haben.  Könnte  man  eine  Statistik
der  Menschen  aufmachen,  die  in  Berlin  von  den  Vergnügungen  Und  was
man  dafür  hält,  leben,  cs  würden  ganze  Armeen  znsaminenkommen.  Mit
der  Zahl  der  Menschen,  die  nur  dem  Genuß  leben,  mußte  natürlich  auch
die  Zahl  der  Menschen  zunehmen,  die  von  der  Arbeit  für  das  Vergnügen
und  von  der  Ausbeutung  der  Vergnügung  Suchenden  leben.  Aber  es
ist  das  nur  Ein  Faktor  der  Steigerung  dieser  Armee.  Das  ganze  überhastete ­
  Leben  unserer  Zeit,  die  intensivere  Art  der  Arbeit,  die  veränderte
Art  des  Wohnens  in  den  die  Menschen  immer  weiter  von  der  Natur
entfernenden  Mietskasernen  —  alles  das  schafft  die  nervöse,  nach  Abwechselung ­
  und  starken  Reizen  drängende  Stimmung,  die  den  zunehmenden
Anlockungen  gegenüber  widerstandslos  ist.  Hierher  gehört  auch  die  Ausbreitung, ­
  die  das  Wetten  in  Berlin  gefunden  hat.  Ehedem  wetteten,  außer
den  Sportsleuten  selbst,  fast  nur  noch  die  Angehörigen  der  Fleischerzunft.
Der  Anfang  des  zwanzigsten  Iahrbunderts  findet  in  Berlin  das  Wetten
so  verbreitet,  daß  selbst  in  den  Volksvierteln  Barbiere,  Gastwirte  und
Zigarrenhändler  in  wachsender  Zahl  sich  veranlaßt  sehen,  die  Nennlisten
zu  abonnieren  und  dies  durch  Aushänge  bekanntzugeben.  Die  mit  dem
Wetten  verbundenen  sozialen  Gefahren  werden  wohl  manchmal  übertrieben,
daß  aber  solche  Gefahren  bestehen,  kann  niemand  leugnen.  Seine  starke  Ausbreitung ­
  muß  daher  als  ein  übles  Symptom  der  Entwickelung  bezeichnet
werden.  Sie  würde  zu  sehr  Pessimistischen  Schlüssen  nötigen,  wenn  Berlin
nicht  zugleich  damit,  daß  es  eine  .Hauptstadt  der  Arbeit  ist,  die  größte
Hauptstadt  der  Arbeiterbewegung  wäre.
        <pb n="71" />
        Drittes  Kapitel

Die  Parteiorganisationen  unter  dem  gemeinen
Recht.
1.  Die  Verfassung  der  Organisationen  und  ihre  Wandlungen.
ls  das  Sozialistengesetz  abliest  hatte  Berlin  bereits  seine  öffentliche
zZJk  sozialdemokratische  Organisation  in  Gestalt  sozialdemokratischer  Wahlvereine ­
  für  die  verschiedenen  Wahlkreise  der  Hauptstadt,  nur  daß  neben
ihnen  das  System  der  „Korpora"  in  nun  altgewohnter  Weise  fortbestand.
Änd  dabei  ist  es  in  der  ersten  Zeit  nach  dem  Ablauf  des  Gesetzes  noch  eine
gute  Weile  geblieben.  Denn  man  traute  dem  Frieden  nicht  so  recht  und
hatte  keine  Neigung,  innere  Parteiangelegenheiten  vor  der  überwachenden
Polizei  zu  verhandeln.  Die  Wahlvereinc  widmeten  sich  fast  nur  der
Agitation  sowie  der  Diskussion  allgemeiner  Fragen,  Parteifragen  in  engerem
Sinne  in  ihnen  zu  verhandeln  verbot  dagegen  schon  die  Rücksicht  auf  das
preußische  Vcreinsgesetz,  das  jede  Verbindung  politischer  Vereine  miteinander ­
  verbot.  Aus  dem  gleichen  Grunde  hatte  ja  auch  der  Parteitag  von
Lalle  im  neuen  Organisationsstatut  für  den  Zusammenhalt  der  Partei  das
System  der  Vertrauenspersonen  eingeführt.  Die  betreffenden  Paragraphen
des  Organisationsstatuts  lauteten:
„8  3.  Die  Parteigenoffen  in  den  einzelnen  Reichstagswahlkreisen
wählen  in  öffentlichen  Versammlungen  zur  Wahrnehmung  der  Parteiinteressen ­
  eine  oder  mehrere  Vertrauenspersonen.  Die  Art  der  Wahl
dieser  Vertrauenspersonen  ist  Sache  der  in  den  einzelnen  Kreisen
wohnenden  Genossen.
8  4.  Die  Wahl  der  Vertrauenspersonen  erfolgt  alljährlich,  und  zwar
im  Anschluß  an  den  vorausgegangenen  Parteitag.
Die  Vertrauenspersonen  haben  ihre  Wahl  mit  Angabe  ihrer  genauen
Adresse  sofort  der  Parteileitung  mitzuteilen.
tz  5.  Tritt  eine  Vertrauensperson  zurück  oder  tritt  sonstwie  eine
Vakanz  ein,  so  haben  die  Parteigenossen  umgehend  eine  Neuwahl  vorzunehmen ­
  und  davon  entsprechend  8  4  Absatz  2  der  Parteileitung  Mitteilung ­
  zu  machen.
8  6.  Da,  wo  aus  gesetzlichen  Gründen  die  in  den  vorstehenden  Paragraphen ­
  gegebenen  Vorschriften  unausführbar  sind,  haben  die  Parteigenossen ­
  den  örtlichen  Verhältnissen  entsprechende  Einrichtungen  zu  treffen.
Die  Parteizugehörigkeit  selbst  war  nach  Paragraph  1  des  Statuts
ganz  allgemein  von  Anerkennung  der  Grundsätze  der  Partei  und  rin  erstützung
  der  Partei  abhängig  gemacht,  die  Entscheidung  darüber,  ob  &amp;gt;c  z
        <pb n="72" />
        74

Genüge  geschehe,  nach  Paragraph  2  den  Genossen  der  einzelnen  Orte  oder
Reichstagswahlkreise  mit  dem  Vorbehalt  der  Berufung  an  Parteileitung
und  Parteitag  überlassen;  grober  Verstoß  gegen  die  Parteigrundsähe  sowie
ehrlose  Landlungen  sollten  nach  eben  diesem  Paragraphen  den  Verlust  der
Parteizugehörigkeit  begründen.  Mit  diesen  Bestimmungen,  die  den  einzelnen
Orten  oder  Wahllreisen  jede  wünschbare  Freiheit  in  der  Gestaltung  ihrer
Organisation  und  Regelung  ihrer  Angelegenheiten  ließen,  glaubte  man,
Verfolgungen  auf  Grund  der  in  Preußen  und  anderen  deutschen  Staaten
bestehenden  Verbindungsverbote  nach  Möglichkeit  vorgebeugt  zu  haben.
And  solange  Caprivi  Reichskanzler  war,  sind  denn  auch  solche  Verfolgungen
unterblieben.
So  wurden  denn  in  Berlin,  wie  übrigens  auch  sonst  in  Preußen  und
den  in  bezug  auf  das  Vereinsrecht  gleichgestellten  Staaten,  die  Wahlvereine
lediglich  für  die  Aufklärung  und  die  Werbearbeit  benutzt,  je  nachdem  ward
auch  ihnen  die  letzte  Entscheidung  über  die  Aufstellung  von  Kandidaten  zum
Reichstag  und  anderen  Vertretungskörpern  zugewiesen.  Aber  die  Vorbesprechungen ­
  über  solche  Kandidaten,  über  Delegationen  zu  den  Parteitagen,
über  Agitationsfragen,  Wahl  der  Vertrauenspersonen  und  sonstige  wichtige
Angelegenheiten  des  Parteilebens  wurden  außerhalb  der  Wahlvereinsversammlungen ­
  veranstaltet,  und  die  beliebteste  Form  dafür  waren  die  überlieferten ­
  Korporazusammenkünfte.  Nur  daß  sie  jetzt  in  der  Form  von  Konferenzen ­
  von  Vertrauensmännem  der  Wahlkreise  stattfanden.  Dies  nicht
in  regelmäßigen  Perioden,  sondern  je  nach  Bedürfnis.
Selbstverständlich  wurden  diese  Besprechungen  nur  noch  einige  Jahre
mit  dem  gleichen  Geheimniskram  umgeben  wie  in  den  schlimmen  Tagen  des
Ausnahmegesetzes.  In  einzelnen  Wahlkreisen,  so  z.  B.  im  zweiten  Berliner ­
  Reichstagswahlkreis,  ging  man  ziemlich  bald  dazu  über,  die  Korporaversammlungen ­
  als  Konferenzen  der  Sozialdemokratie  des  Kreises  („Kreiskonferenz") ­
  polizeilich  anzumelden.  Im  allgemeinen  war  man  jedoch  der
Ansicht,  daß  die  Polizei,  die  sich  in  den  angemeldeten  Versammlungen
regelrecht  einstellte,  bei  diesen  Besprechungen  nichts  zu  suchen  habe,  und
unterließ  die  Bekanntgabe.  Da  mußte  man  sich  denn  freilich  durch  gute
Vorsorge  gegen  Überraschungen  schützen  und  war  geschult  und  gewitzt
genug,  es  zweckentsprechend  zu  besorgen.  Die  Polizei  wußte,  daß  die  „Korpora" ­
  noch  stattfanden,  ehe  sie  aber  dazu  kam,  eine  Sitzung  der  Vertrauensmänner ­
  zu  überraschen  und  dann  aufzulösen,  war  diese  aufgeflogen  oder  in
eine  harmlose  Zusammenkunft  verwandelt.
An  die  Stelle  des  sozialdemokratischen  Zentralkomitees  von  Berlin,
das  unter  dem  Sozialistengesetz  eine  so  große  Rolle  gespielt  hatte  und  dessen
letzte  Sitzung,  vom  Mitglied  Leinrich  Wörmer  einberufen,  am  ersten
Sonntag  des  Jahres  1891  stattfand,  trat  nun  das  Institut  der  gemäß  dem
Parteistatut  zu  ernennenden  Vertrauenspersonen.  Je  nach  ihrer  Größe
wählten  die  einzelnen  Wahlkreise  Berlins  bis  zu  vier  Vertrauenspersonen,
und  zwar  wurden  als  erste  für  diesen  Posten  gewählt  die  Genossen:
August  Tätervw  (Berlin  I),  L.  Kleinert  (Berlin  II),  Stephan  Fritz
(Berlin  III),  O.  Leindorf  und  R.  Wengels  (Berlin  IV  Osten),
L.  Blaser  und  Fritz  Zubeil  (Berlin  IV  Südosten),  Carl  Gabbert
(Berlin  V),  Franz  Fischer,  Jul.  Grasnick,  W.  Martin  und
Fr.  Schwabe  (Berlin  VI.)
        <pb n="73" />
        36.  Erste  Protokollierte  aus  dem  Protokollbuche  des  III.  Berliner  Reichstagsw  h  I
        <pb n="74" />
        76

Ihre  Aufgabe  war,  den  Verkehr  mit  der  Leitung  der  Gesamtparter
aufrechtzuerhalten  und  in  kürzeren  Zwischenräumen  zur  Besprechung  solcher
Berliner  Parteiangclegenheiten  zusammenzukommen,  welche  eine  einheitliche
Regelung  nötig  erscheinen  ließen,  wie:  die  Veranstaltung  von  größeren
Demonstrationen,  die  Stellungnahme  zu  Boykottvorschlägen  und  Streiks
von  Bedeutung,  die  Bestimmung  über  wichtige  Finanzfragen,  Wahlen
und  dergleichen  mehr.  Neben  ihnen  amtierten  noch  Spezialkommissionen  für
solche  bestimmte  Zwecke,  wie  die  Sicherung  von  Versammlungslokalen  für
die  Arbeiterschaft  und  die  dazu  erforderlichen  Maßnahmen  gegen  Lokalbcsitzer,
die  systematische  Besorgung  der  Agitation  in  der  Provinz  Brandenburg
und  die  Kontrolle  über  die  „Berliner  Volkstribüne"  sowie  auch  über  den
„Vorwärts"  innerhalb  der  Vollmachten,  welche  der  Parteimitgliedschaft
Berlins  auf  den  Parteitagen  der  Gesamtpartei  in  bezug  auf  das  Zcntralorgan
eingeräumt  wurden.  In  diese  Kommissionen  —  Lokalkommission,  Agitationskommission, ­
  Preßkommistion  —  entsandte  jeder  Wahlkreis  zwei  Vertreter.
Überblickt  man  das  alles  und  vergleicht  man  es  mit  der  Organisation,
wie  sie  unter  dem  Sozialistengesetz  bestanden  hatte,  und  der  Ausbildung  der
Organisation  seit  der  1899  erfolgten  Aufhebung  des  Verbindungsverbots,
so  wird  man  zu  der  Erkenntnis  gedrängt,  daß  Wortlaut  und  Handhabung
des  Gesetzes  auf  den  Ausbau  der  Organisationen  einen  sehr  viel  geringeren
Einfluß  gehabt  haben  als  das  Wachstum  der  Bewegung  selbst  und  die
sich  damit  einstellenden  neuen  Bedürfnisse.  Die  aus  Größe  und  Zwecken
der  Bewegung  sich  ergebenden  Bedürfnisse  bestimmen  das  Wesen  der
Organisation,  das  Gesetz  hat  nur  Einfluß  auf  die  äußere  Form.  Wir
werden  denn  auch  sehen,  daß,  was  das  Wesen  der  „Korpora"  ausmachte,
alle  Wandlungen  des  Gesetzes  und  seiner  Handhabung  überdauert  hat.
Die  Abgrenzung  der  Arbeitsgebiete  zwischen  Vertrauenspersonen  und
Wahlvereinen,  wie  sie  in  den  ersten  Jahren  eingehalten  wurde,  war  der
Entwickelung  der  Vereine  nicht  sonderlich  günstig.  Sie  wurden  danach
meist  als  untergeordnete  Organe  aufgefaßt,  als  bloße  Werbekörper  für  die
durch  die  Vertrauensmänner  vertretene  Parteiorganisation.  Da  die  Parteifragen, ­
  welche  die  Geister  lebhafter  beschäftigten,  meist  in  Versammlungen
behandelt  wurden,  die  von  den  Vertrauenspersonen  einberufen  wurden,  übten
die  Wahlvereine  längere  Zeit  nur  eine  mäßige  Anziehungskraft  aus.  Kein
Wunder,  daß  man  das  dort  allmählich  unliebsam  empfand  und  auf  Mittel
zu  sinnen  anfing,  wie  die  Wahlvereine  zu  weiterem  selbständigen  Leben
gebracht  werden  könnten.  Reibungen,  wie  sie  beim  Nebeneinanderbestehen
von  Organisationen  für  wesentlich  gleiche  Zwecke  unvermeidlich  sind,  hatten
gleichfalls  die  Wirkung,  daß  in  den  Wahlvereine»  sich  ein  Drang  zur
Erweiterung  der  Arbeitssphäre  geltend  machte.  Man  erkannte  an,  daß  das
System  derVertrauenspersonen  eine  durch  die  vereinsgesetzlichen  Bestimmungen
notwendig  gemachte  Einrichtung  war,  mochte  aber  nicht  auf  Grund  seiner
bevormundet  werden.  Denn  die  Korporas  der  Vertrauenspersonen  konnten
nicht  im  gleichen  Maße  die  Demokratie  durchführen,  wie  die  Wahlvereine ­
  es  bei  sich  taten,  Amgekehrt  mußte  sich  bei  denjenigen,  welche
eine  Ausdehnung  des  Arbeitsgebietes  der  Wahlvereine  gerade  wegen  der
Gefahr  der  Reibungen  mit  dem  Vertrauensmännersystem  für  untunlich
hielten,  die  Frage  erheben,  ob  die  Organisation  besonderer  Wahlvereine
für  die  einzelnen  Wahlkreise  Berlins  überhaupt  einen  Zweck  hatte.  So  oder
        <pb n="75" />
        77

so  erschien  der  Zustand,  wie  er  sich  zunächst  herausgearbeitet  hatte,  doch  für
die  Dauer  unhaltbar,  und  in  den  beteiligten  Kreisen  beschäftigte  man  sich
in  vertraulichen  Besprechungen  bald  mit  der  Frage  der  Reorganisation
des  Berliner  Parteilebens.
Eine  Frucht  dieser  Besprechungen  war  ein  Entwurf  zur  Abänderung
des  Statuts  für  den  Wahlverein  des  vierten  Berliner  Reichstagswahlkreises, ­
  den  eine  Gruppe  von  Mitgliedern  dieses  Vereins  im  Lerbst  1893
ausarbeitete  und  in  einer  Denkschrift  begründete,  die  zuerst  im  „Vorwärts"
vom  26.  November  1893  und  dann  im  Separat-Abzug  als  Flugschrift
veröffentlicht  wurde.  Die  wesentliche  Neuerung,  die  der  Entwurf  vorschlug,
bestand  in  einem  solchen  Ausbau  der  Gliederung  des  Wahlvereins,  der
ein  stärkeres  örtliches  Leben  seiner  Glieder  möglich  machte  und  damit  dem
Verein  selbst  mehr  Leben  und  Betätigung  einzutragen  versprach.  Es  sollte
der  Wahlverein  für  die  Durchführung  der  Vereinsarbeit  in  vier  als
„Viertel"  bezeichnete  Abteilungen  eingeteilt  werden,  die  Viertel  selbst  aber
wieder  in  Bezirke  zerfallen,  die  sich  möglichst  mit  den  Stadtbezirken
decken  sollten.  So  wenig  wie  die  Bezirke,  sollten  die  „Viertel"  besondere
Vereine  bilden.  Für  die  ersteren  sollte  in  der  Generalversammlung  des
Wahlvereins  je  ein  Bezirksführer  pro  Bezirk  gewählt  werden,  der  die
Beiträge  einzukassieren,  gesellige  Zusammenkünfte  der  Mitglieder  des  Bezirks ­
  zu  veranstalten  und  Helfer  für  Flugblätterverbreitung  und  dergleichen
heranzubilden  habe,  die  Viertel  sollten  durch  je  zwei  Beisitzer  im  Vorstand  des
Wahlvereins  vertreten  sein  und  regelmäßige  Viertelsversammlungen  für  den
Meinungsaustausch  über  parteipolitische  und  sonstige  Fragen  von  Interesse
abhalten,  bei  denen  in  der  Regel  einer  der  Beisitzer  des  Vorstandes  den
Vorsitz  führen  werde.
Die  Denkschrift,  die  von  P.  Böhm,  G.  Ledebour  und  H.  Mattutat
als  Beauftragten  unterzeichnet  ist,  empfiehlt  die  „Viertels"-Einteilung  auch
für  den  zweiten  und  sechsten  Wahlkreis,  die  Organisierung  der  Bezirke  füralle
  Wahlkreise  Berlins.  Für  den  zweiten  Wahlkreis  sollten  ebenfalls
vier,  für  den  sechsten  Wahlkreis  im  Anschluß  an  die  dort  schon  bestehende
Gliederung  sechs  Viertel  gebildet  werden.
Aus  dem  begründenden  Teil  der  Denkschrift  seien  folgende  Sähe
herausgehoben,  die  das,  was  oben  über  die  Momente  gesagt  wurde,  die
zur  Reorganisation  drängten,  teils  bestätigen  und  teils  ergänzen:

„Da  die  wichtigeren  Partei-Angelegenheiten  alle  durch  die  Vertrauensmänner ­
  ihre  Erledigung  fanden,  konnte»  bisher  die  Wahlvereine  zu
keinem  rechten  Leben  gelangen  und  blieben  bedeutungslos  für  die  Ent-Wickelung
  der  Partei.  Das  hat  dazu  beigetragen,  daß  die  Parteigenossen
ihr  Bedürfnis  des  persönlichen  Zusammenschlusses  vielfach  durch  gesellige
Vereine  mancher  Art  zu  befriedigen  suchten  und  dadurch  wieder  vom
politischen  Leben  abgezogen  wurden  I"

Es  wird  nun  dargetan,  daß  von  den  Befferungsvorschlägen  das  Vertrauensmännersystem ­
  unberührt  bleiben  müsse,  da  es  ein  wesentlicher  Bestandteil ­
  der  Organisation  der  Gesamtpartei  sei  und  nur  durch  Beschlüsse  dieser
abgeändert  werden  könne.  Die  Besserung  könne  nur  die  Wahlvereine  betreffen.
„Da  war  dann  zunächst  die  Vorfrage  zu  erledigen,  ob  es  '"cht  angebracht ­
  sein  würde,  nach  Auslösung  aller  sechs  Wahlvereme  er
einen  einzigen  neuen  Wahlverein  an  deren  Stelle  zu  ,eyen.

neuen
        <pb n="76" />
        78

Von  anderer  Seite  war  auch  noch  angeregt  worden,  die  Wahlvereine
durch  eine  größere  Anzahl  von  Bezirksvereinen  zu  ersetzen.
Beide  Vorschläge  erschienen  bei  näherer  Prüfung  untauglich.  Im
Organisationsstatut  der  Partei  find  die  Reichstagswahlkreise  als  Organisationseinheiten ­
  (z.  B.  für  die  Beschickung  der  Parteikongresse  und  die
Wahl  der  Vertrauensmänner)  festgehalten  worden;  auch  bilden  die
Wahlen  zum  Reichstag  und  die  Vorbereitung  dazu  eine  der  wichtigsten
Aufgaben  der  Parteiorganisationen."
Alle  diese  Gründe  machten  es  wünschenswert,  daß  die  Parteigenossen
in  den  Wahlkreisen  „durch  eine  einheitliche  und  umfassende  Organisation
an  ein  dauerndes  Zusammenarbeiten  gewöhnt  werden".  Nachdem  hierüber
grundsätzliches  Einverständnis  erzielt  war,  hätten  die  Unterzeichner  das  Probestatut ­
  ausgearbeitet,  das  nun  in  seinen  Einzelheiten  entwickelt  und  erläutert
wird.  Nicht  durchgängig,  aber  doch  in  der  Hauptsache  wurden  die  Vorschläge ­
  alsdann  auch  im  Wahlverein  des  vierten  Wahlkreises  verwirklicht.
Der  Verein  beschloß  im  Jahre  1894  eine  Statutenänderung,  und  im
Paragraph  4  des  neuen  Statuts  finden  wir  die  Viertelseinteilung  gerade
so  beschrieben,  wie  sie  der  Entwurf  vorgesehen  hatte.  Ebenso  verhielt  es
sich  hinsichtlich  der  Bezirksführer.  Dagegen  wird  der  Vorstand  des  Wahlvereins, ­
  statt  von  6  auf  11,  wie  es  im  Entwurf  vorgeschlagen  war,  nur
von  6  auf  8  Mitglieder  erweitert.  Ein  Beisitzer  pro  Viertel  schien  zu

genügen.
Ehe  indes  dies  neue  Statut  sich  längere  Zeit  erproben  konnte,  ward
es  durch  „höhere  Gewalt"  wieder  außer  Kraft  gesetzt.  In  den  andem
Wahlkreisen  hatte  man  von  Abänderung  der  Statuten  Abstand  genommen
und  nur  das  Bezirksführersystem  gemäß  den  entwickelten  Vorschlägen  stärker
ausgebildet.  Darüber  indes  weiter  unten.
Wie  sich  nun  die  sozialdemokratischen  Wahlvereine  Berlins  in  bezug
auf  Mitgliederzahl  und  Einnahmen  und  Ausgaben  entwickelten,  läßt  sich  für
die  ersten  fünf  Jahre  nach  dem  Fall  des  Sozialistengesetzes  rechnerisch
genau  nicht  mehr  zusammenstellen.  Das  Material  dafür  ist  seinerzeit
unter  der  Wirkung  des  Polizeistreichs  des  Ministers  v.  Köller  gegen  die
Sozialdemokratie  teils  sofort  und  teils  nachträglich  beseitigt  worden.  Aus
den  Berichten,  die  zu  jener  Zeit  im  „Vorwärts"  über  die  Generalversammlungen ­
  der  Vereine  erschienen,  ist  es  nur  unvollkommen  zu  ermitteln,  die
Zahlenangaben  sind  oft  sehr  widerspruchsvoll,  den  Berichterstattern  liefen
bei  Notierung  der  in  den  Versammlungen  verlesenen  Zahlen  arge  Verwechselungen ­
  unter.  Auch  die  Abrechnungen  des  Parteivorstandes  der
deutschen  Sozialdemokratie  über  die  von  den  einzelnen  Orten  an  ihn  abgeführten ­
  Beiträge  lassen  eine  sichere  Schlußfolgerung  auf  die  Entwickelung
der  Wahlvereine  und  Parteimitgliedschaften  Berlins  nicht  zu.  Diese  Abrechnungen ­
  sind  überhaupt  erst  vom  Jahre  1893  den  gedruckten  Berichten
an  die  Parteitage  einverleibt  worden.
Sie  zeigen  für  die  drei  Jahre  vor  dem  Köllerschen  Polizeistreich
folgendes  Bild.  Von  Berlin  gelangten  an  den  Parteivorstand:
Mk.  Mk.
Vom  1.  Oktober  1892  bis  30.  September  1893  .  .  37  281  23  353
„  1.  „  1893  „  30.  „  1894.  .  24  820  6  017
1.  „  1894  „  31.  August  1895.  .  36  024  12267
        <pb n="77" />
        79

Hiernach  müßte  die  Partei
in  Berlin  im  Jahre  1893/94
gegenüber  dem  vorhergegangenen ­
  Jahr  einen  großen  Rückgang ­
  erlitten  haben.  Es  war
in  der  Tat  ein  Jahr  starken
Geschäftsdrucks  und  damit  verbundener ­
  großer  Arbeitslosigkeit, ­
  trotzdem  war  von  einem
erheblichen  Rückgang  der  Bewegung ­
  doch  keine  Rede.  Die
Abnahme  der  Beittagssummen
erklärt  sich  vielmehr  einfach  daraus, ­
  daß  das  Jahr  1893  eine
Reichstagsauflösung  mit  darauf ­
  folgender  Wahl  eines  neuen
Reichstags  gebracht  hatte,  und
daß  in  Berlin  außergewöhnliche ­
  Beträge  in  Versammlungen, ­
  auf  Listen  usw.  sowohl ­
  für  den  Kampf  am
Orte  selbst  als  auch  für  den
Wahlfonds  der  Gesamtpartei
aufgebracht  wurden.  Daher
fielen  sowohl  die  von  den
Verttauensmännern  an  die
Parteileitung  abgeführten  Beiträge ­
  als  die  dieser  aus  Berlin
von  einzelnen  Personen  oder  Gruppen  übersandten  freiwilligen  Spenden
in  diesem  Jahr  ganz  besonders  reichlich  aus,  und  so  zeigt  das  folgende
Jahr  eine  gewisse  Erschöpfung.  Auf  diese  folgt  aber  im  nächsten  Jahr
schon  eine  Erholung,  kraft  der  die  Parteibeiträge  in  einer  Höhe  einlaufen, ­
  die  der  des  Wahljahres  nahezu  gleichkommt.  Dabei  ist  zu  bemerken,
daß  die  Abrechnung  für  das  in  Frage  kommende  Jahr  —  1894/95  —  nur
11  Monate  umfaßt,  da  von  jener  Zeit  ab  der  Kassenbericht  für  die  Parteitage ­
  nicht  mehr  mit  Ende  September,  sondern  mit  Ende  August  abgeschlossen
wird.  Das  nun  folgende  Jahr  bringt  wieder  einen  Rückgang,  der  auf
Rechnung  des  noch  zu  besprechenden  Polizeistreichs  zu  setzen  ist,  aber  im
Geschäftsjahr  1896/97  übersteigen  die  Beiträge,  die  Berlin  abliefert,  ttotzdem
  hier  u.  a.  Tausende  von  Mark  für  den  bedeutsamen  Stteik  der  Hamburger ­
  Hafenarbeiter  gesammelt  wurden,  den  Höhepunkt  des  Wahljahres  1893,
und  im  Jahr  1897/98,  das  wieder  eine  Reichstagswahl  sich  vollziehen  sieht,
schnellen  sie  um  50  Prozent  in  die  Höhe,  und  auf  diesem  Höhepunkt  bleiben
sie  auch  im  Jahre  1898/1899.  Die  betteffenden  Zahlen  sind:

Parteibettriige

Sonstige  Beiträge

Mt.

Mk.

1895/96  .

.  .  .  31542

5  639

1896/97  .

.  .  .  37  804

3  792

1897/98  .

.  .  .  56  659

13  044

1898/99  .

.  .  .  57  628

5  647

Statut

des

Sozialdemokratischen
Waytvereins

des

4.  Berliner  Keichstags-Wahlkreises
(Eiid-Osten).

Gestiftet  im  Juli  1896..

Lerlag:  Der  Lorjiand  des  DeretnS.
Druck;  IanIS-ewIkl  &amp;amp;  Duiti,  Dresdener  Cirafce  38.
N__  D

37.  Titelblatt  eines  Mitgliedsbuches
        <pb n="78" />
        80

Da  in  den  Parteibeiträgen  stets  die  Erträge  einer  größeren  Anzahl
freiwilliger  Sammlnngen  (Verkauf  von  Parteibons,  Einnahmen  der  Tellersammlungen ­
  und  dergleichen)  eingeschlossen  sind,  ist,  wie  schon  bemerkt,  ein
Rückschluß  von  ihrem  Steigen  und  Fallen  auf  eine  genaue  proportionclle
Bewegung  der  Organisationsstärke  in  all  den  Jahren  nicht  angängig.  Man
darf  aber  soviel  folgern,  daß  jedenfalls  von  1896  ab  die  Zahl  der  organisierten ­
  Parteimitglieder  in  Berlin  ganz  erheblich  zugenommen  hat.
Die  Jahresbilanzen  der  sozialdemokratischen  Wahlvereine  Berlins  für
das  fünfte  Jahr  nach  Ablauf  des  Sozialistengesetzes  —  1.  Oktober  1894
bis  30.  September  1895  —  stellten  sich  nach  den  im  „Vorwärts"  veröffentlichten ­
  Berichten  wie  folgt:
1.  Wahlkreis.  Vortrag  134,80  Mk.  Einnahme  770,37  Mk.  Ausgäbe
  725,24  Mk.
2.  Wahlkreis.  Einnahme  mit  Vortrag  6  783,32  Mk.
3.  Wahlkreis.  Vortrag  335,34  Mk.  Einnahme  4666  Mk.  Ausgabe ­
  3750  Mk.
4.  W  a  h  l  k  r  e  i  s.  Einnahme  22  744,41  Mk.  Ausgabe  22  699,4!  Mk.
(davon  ca.  13  100  Mk.  an  die  Parieikasse).
5.  Wahlkreis.  Einnahme  2419,12  Mk.  Ausgabe  2217,70  Mk.
6.  W  a  h  l  k  r  e  i  s.  Einnahme  10  632,82  Mk.  Ausgabe  7255,69  Mk.
Für  diesen  Verein  wird  die  Mitgliederzahl  angegeben.  Sie  belief  sich
Ende  November  1895  auf  5487  Personen.
Da  fiel  der  „Köller-Coup".  Nachdem  im  Mai  1895  der  Antrag  der
Reichsregierung  abgelehnt  worden  war,  das  Strafgesetzbuch,  das  Preßgeseh
und  das  Militärstrafgesetz  mit  Verschärfungen  der  Paragraphen  gegen  Aufreizung ­
  zur  Gewalt,  Ungehorsam  usw.  auszustatten,  faßte  man  im  preußischen
Ministerium  im  stillen  den  Entschluß,  wenigstens  im  Geltungsbereich  der
schwarz-weißen  Pfähle  etwas  zu  tun,  und  die  Pandhabe  bot  das  Vereinsgesetz ­
  des  Reaktionsjahres  1850  mit  seiner  Verbotsbestimmung  gegen  die
Verbindung  politischer  Vereine.  Man  verlegte  sich  zunächst  darauf,  das
dazu  nötige  Belastungsmaterial  zu  sammeln  und  zu  vervollkommnen.  Dieser
Aufgabe  unterzog  sich  der  Polizeikommissar  von  Schöne  unter  Anspannung
des  ganzen  Stabes  von  Spitzeln,  über  welchen  die  politische  Abteilung  der
Berliner  Polizei  verfügt.  Man  arbeitete  und  sammelte  bis  zum  Kerbst  1895,
und  kaum  ivar  der  sozialdemokratische  Parteitag  für  jenes  Jahr  —  der
Breslauer  Parteitag  —  vorüber,  da  war  die  anscheinend  tödliche  Schlinge
zugezogen.  Der  25.  November  1895  sah  die  ganze  politische  Polizei
Berlins  samt  Kilfsmannschaften  vom  frühen  Morgen  an  auf  den  Beinen,
überall  Laiissuchung  vorzunehmen,  wo  man  hoffen  konnte,  Material  für
strafbare  Verbindungen  innerhalb  der  Sozialdemokratie  aufzutreiben.  Auf
dem  Bureau  des  Parteivorstandes,  in  der  Redaktion  des  „Vorwärts",  in  den
Privatwohnungen  der  Abgeordneten  Bebel  und  Singer  sowie  bei  fast  sämtlichen ­
  Parteigenossen,  die  in  der  Berliner  Parteibewegung  ein  Vertrauensamt ­
  innehatten,  bei  den  Vorstandsmitgliedern  der  Wahlvereine,  bei  den
Mitgliedern  der  Lokalkommission,  der  Preßkommission,  der  Agitationskommission ­
  und  selbstverständlich  bei  den  Vertrauenspersonen  der  Partei,
wurde  gehaussucht.  Wer  nach  dem  Anlaß  zur  Kaussuchung  fragte,  erhielt
den  Bescheid,  es  handle  sich  um  den  Nachweis,  daß  die  Paragraphen  8
und  14  des  Vereinsgesetzes  vom  11.  März  1850  verletzt  worden  seien,  und
        <pb n="79" />
        M  MM«  M

Der  Zentralvorstand  von  Groß-Berlin  1905
        <pb n="80" />
        81

was  nur  irgend  darauf  aussah,  als  könne  es  einen  solchen  Nachweis  unterstützen, ­
  wie  Kassenbücher  der  Wahlvereine,  Abrechnungstabellen  von  Sammlungen ­
  für  irgendwelche  Zwecke,  Sammellisten,  Notizbücher,  Sammelbons
sowie  in  vielen  Fällen  auch  Privatbriefe,  wurde  beschlagnahmt.  Wo  man
nicht  gründlich  genug  gesucht  zu  haben  glaubte,  ward  einige  Tage  später
noch  Nachhaussuchung  gehalten.  So  am  27.  November  bei  Stefan  Fritz,
dem  Vertrauensmann  für  den  dritten  Berliner  Reichstagswahlkreis,  und
am  29.  November  bei  Paul  Singer.
An  diesem  letzteren  Tage  war  man  auf  dem  Polizeipräsidium  so  weit,
auf  das  Vorspiel  die  eigentliche  Landlung  folgen  zu  lassen.  Sie  wurde
tags  darauf  durch  den  Reichs-  und  Staatsanzeiger  bekanntgegeben  und
lautete:  ,  .  ,
Bekanntmachung.
Es  wird  hiermit  zur  öffentlichen  Kenntnis  gebracht,  daß  nachstehende
Vereine:

der  Berliner  Mitglieder  der
sozialdemokratischen  Partei
Deutschlands,

1—6.  Die  sechs  sozialdemokratischen  Wahlvereine  fürdiesechs
Berliner  Reichstags-Wahlkreise,
7.  die  Preßkommission
8.  die  Agitationskommission
9.  die  Lokalkommission
10.  der  Verein  „öffentlicher
Vertrauensmänner"
11.  der  Parteivorstand  der  sozialdemokratischen  Partei
Deutschlands
auf  Grund  des  8  8  der  Verordnung  über  die  Verhütung  eines  die  gesetzliche
Freiheit  und  Ordnung  gefährdenden  Mißbrauchs  des  Versammlungs-  und
Äereinsrechts  vom  11.  März  1850  vorläufig  geschlossen  sind.
Jede  fernere  Beteiligung  an  diesen  Vereinen  oder  an  etwaigen  Neubildungen, ­
  welche  sachlich  als  Fortsetzungen  derselben  erscheinen,  wird  nach
8  16,  1c  mit  Geldstrafe  von  15—150  Mk.  oder  mit  Gefängnisstrafe  von
8  Tagen  bis  zu  3  Monaten  bestraft.
Berlin,  den  29.  November  1895.
Der  Polizeipräsident,
von  Windheim.

Wie  die  Leitung  der  Gesamtpartei  diesen  Streich  parierte,  ist  an  anderer ­
  Stelle  geschildert.  In  den  Reihen  der  Berliner  Sozialdemokratie
herrschte  ebenfalls  keinen  Augenblick  Zweifel  darüber,  daß  man  sich  durch
den  Polizeistreich  nicht  im  geringsten  einschüchtern  lassen  dürfe.  Lier,  wo
man  der  Polizeiherrschaft  unter  dem  Sozialistengesetz  Trotz  geboten  hatte,
war  man  am  allerwenigsten  geneigt,  sich  unter  dem  gemeinen  Recht  den
Launen  der  Polizei  zu  unterwerfen.
Schon  am  10.  Dezember  1895  legte  die  Arbeiterschaft  Berlins  in  zwölf
großen  Volksversammlungen  Protest  gegen  die  Polizeimaßregel  ein.  Als
Referenten  sprachen  in  diesen  Versammlungen,  die  sämtlich  überfüllt  waren,
Ignaz  Auer,  Richard  Fischer,  Albin  Gerisch,  Georg  Ledebour,
Wilhelm  Liebknecht,  Albert  Schmidt,  Paul  Singer,  Arthur  Stadthagen,
  Franz  Tutzauer,  Ewald  Vogtherr  und  Fritz  Zubeil.  Ihre
Reden,  die  das  Polizeisystem  und  die  Rechtsungleichheit  in  Preußen
geißelten,  fanden  durchweg  begeisterte  Zustimmung,  und  mit  ebensolchen
Begeisterungsausbrüchen  ward  in  allen  Versammlungen  einstimmig  die  na  )-stehende
  Resolution  angenommen:  e
Bernstein,  Berliner  Geschichte.  III.
        <pb n="81" />
        82

„Die  heute  versammelten  Berliner  Sozialdemokraten  erklären:
Die  seitens  der  Polizei  verfügte  Schließung  der  sozialdemokratischen ­
  Vereine,  Kommissionen  und  Vertrauenspersonen  in  Berlin  ist
ein  weiterer  Schritt  auf  der  durch  die  Umsturzvorlage  klar  gezeichneten
Bahn  zu  Ausnahmemaßregeln  gegen  die  in  der  sozialdemokratischen
Partei  politisch  organisierte  Arbeiterklasse.
Diese  von  der  Regierung  an  Stelle  der  versprochenen  Sozialreformgesetze ­
  für  die  Arbeiter  vollzogenen  Maßnahmen  schließen  sich
organisch  den  Tendenzprozessen  an,  die  in  jüngster  Zeit  gegen  die  Sozialdemokratie ­
  eingeleitet  und  von  den  Vertretern  der  herrschenden  Klassen
mit  Jubel  begrüßt  wurden,  weil  diese  darin  den  Anfang  zur  Verwirklichung ­
  ihrer  offen  ausgesprochenen  Absicht  erblicken,  das  sogenannte
gemeine  Recht  gegen  die  Sozialdemokratie  anders  gehandhabt  zu  sehen,
als  gegen  die  bürgerlichen  Parteien.
Die  Versammelten  protestieren  gegen  diese  Politik,  die  geeignet
ist,  die  Arbeiterklasse  von  dem  Boden  der  gesetzlichen  Agitation  abzudrängen, ­
  und  verpflichten  sich,  allen  Verfolgungen  zum  Trotz  nach  wie
vor  für  die  Forderungen  der  Sozialdemokratie  einzutreten  und  unentwegt ­
  weiterzukämpfen,  bis  die  Befreiung  der  Arbeiterklasse  vom  Doppeljoche ­
  der  ökonomischen  Ausbeutung  und  politischen  Knechtung  errungen  ist.
Die  Versammelten  sehen  in  dieser  neuesten  Polizeimaßregel  einen
abermaligen  Beweis  für  die  Notwendigkeit  der  Beseitigung  eines  Zustandes, ­
  bei  dem  es  in  der  Äand  der  Behörden  liegt,  der  einen  Partei
zu  gewähren,  was  der  anderen  versagt  wird.
Die  Versammelten  erwarten,  daß  die  Parieivertretung  im  Reichstage ­
  entsprechende  Maßregeln  zur  Änderung  dieses  dem  gleichen  Recht
aller  Staatsangehörigen  widersprechenden  Zustandes  ergreifen,  und  betrauen ­
  bis  auf  weiteres  mit  der  Besorgung  der  für  den  Berliner
Wahlkreis  notwendigen  Parteiagitation  den  Genossen  "
Die  Parteimitglieder,  auf  welche  in  den  einzelnen  Wahlkreisen  die
Wahl  fiel,  waren:  Bohne  (Berlin  I),  Fr.  Kihing  (Berlin  II),  W.  Börner
(Berlin  III),  Otto  Galle  (Berlin  IV)  und  Klose  (Berlin  VI).  Im  fünften
Wahlkreis  ließ  der  überwachende  Polizist  die  Vornahme  der  Wahl  nicht
zu,  so  daß  hier  die  Lücke  erst  später  ausgefüllt  wurde.  Aber  so  wenig  wie
in  den  anderen  Wahlkreisen  wurde  in  diesem  die  Schlagfertigkeit  der  Sozialdemokratie ­
  auch  nur  einen  Augenblick  durch  den  Polizeistreich  unterbrochen.
In  formeller  Einsicht  konnte  dagegen  der  Protest  die  Aktion  von  Polizei
und  Gerichten  selbstverständlich  nicht  aufhalten.  Schon  am  11.  November
erklärte  die  fünfte  Strafkammer  des  Landgerichts  I  die  von  der  Polizei  verfügten ­
  vorläufigen  Schließungen  für  hinlänglich  begründet  und  beschloß,  daß
sie  bis  zum  erfolgten  gerichtlichen  Erkenntnis  aufrechtzuerhalten  seien.  Die
für  diesen  Beschluß  sehr  bezeichnende  Begründung  lautete:
„Daß  die  zu  I,  1—6  aufgeführten  Wahlvereine  als  Vereine  im
Sinne  der  Verordnung  vom  I  I.  März  1850  anzusehen  sind,  kann  keinem
Bedenken  unterliegen.  Das  Gericht  hat  dies  auch  bezüglich  der  übrigen,
von  dem  Königlichen  Polizeipräsidium  geschlossenen  Organisationen
angenommen,  da  auch  auf  diese  die  Begriffsbestimmung  eines  Vereins
als  einer  nicht  bloß  vorübergehenden,  sondern  auf  längere  Dauer  berechneten ­
  Vereinigung  mehrerer  Personen  zur  Verfolgung  bestimmter  gemeinschaftlicher ­
  Zwecke  unter  einer  Leitung  zutrifft.  (Vergleiche  Entscheidungen ­
  des  Reichsgerichts  in  Strafsachen,  Band  13,  Seite  277,
Band  18,  Seite  172.)  Daß  insbesondere  eine  Kommission,  die  auf  Grund-
        <pb n="82" />
        38.  Vorladung  aus  den  Zeiten  des  Köller-Coups
        <pb n="83" />
        84

von  Beschlüssen  einer  Versammlung,  welche  sich  als  eine  Vereinsversammlung ­
  nicht  darstellt,  zur  Ausführung  von  Beschlüssen  dieser  Versammlung ­
  gewählt  ist  und  zusammentritt,  als  „Verein"  aufgefaßt  werden
kann,  ist  in  dem  zuletzt  zitierten  Urteil  eingehend  ausgeführt,  daß  sämtliche ­
  geschlossene  Vereine  bezweckten,  politische  Gegenstände  in  Versammlungen
  zu  erörtern,  kann  nach  Lage  der  Sache  keinem  Zweifel
unterliegen.  Es  ist  auch  durch  das  vorliegende  Material  ein  für  das
gegenwärtige  vorbereitende  Stadium  der  Sache  ausreichender  Anhalt
für  die  Annahme  erbracht,  daß  sämtliche  Vereine  gegen  die  Bestimmung
des  §  8b  der  Verordnung  vom  II.  März  1850  verstoßen  haben,  indem
sie  untereinander,  also  mit  andern  Vereinen  gleicher  Art,  zu  gemeinsamen ­
  Zwecken  in  Verbindung  getreten  sind.  Der  Verein  „öffentliche
Vertrauensmänner"  hat  auch  der  Bestimmung  des  8  8  a  a.  a.  O.  zuwider
Frauenspersonen  als  Mitglieder  aufgenommen.  Der  8  21,  Absatz  2,
wonach  Wahlvereine  den  Beschränkungen  des  8  8  nicht  unterliegen,
trifft  auf  die  zu  l,  1—6  aufgeführten  Vereine  nicht  zu,  weil  unter  Wahlvereinen
  im  Sinne  des  8  21,  Absatz  2,  nur  solche  zu  verstehen  sind,
welche  die  Vorberatung  bestimmter  bereits  anstehender  oder  bevorstehender ­
  Wahlen  zum  Gegenstände  haben,  nicht  auch  solche,  welche
darüber  hinaus  allgemeine  politische  Zwecke  verfolgen.  Letzteres  ist  bei
den  geschlossenen  sechs  sog.  Wahlvereinen  zweifellos  der  Fall,  in  dem
Statut  der  Wahlvereine  für  den  II.,  IV.,  V.  und  VI.  Reichstagswahlkreis
ist  dies  sogar  klar  zum  Ausdruck  gebracht.  Hiernach  war  die  vorläufige
Schließung  der  Vereine  (8  8  a.  a.  O.)  zulässig.  Die  Sachlage  bietet  auch
keinen  Anlaß,  die  im  8  16  a.  a.  O.  vorgesehene  richterliche  Bestätigung
zu  versagen.
Berlin,  den  II.  Dezember  1895.
Königliches  Landgericht  I,  Strafkammer  5.
(gez.)  Schenck.  Leydel.  Regeler."
Die  Sache  kam  nun  vor  den  Untersuchungsrichter,  der  unzählige  Verhöre ­
  aufnahm,  bis  er  am  1.  Februar  1896  so  weit  war,  die  Voruntersuchung
für  abgeschlossen  zu  erklären,  worauf  die  Akten  an  die  Staatsanwaltschaft
wanderten.  Am  22.  Februar  beantragte  der  Oberstaatsanwalt  Drescher
bei  der  Strafkammer  des  Landgerichts  l,  gegen  nicht  weniger  als  47  Personen ­
  das  Lauptverfahren  zu  eröffnen,  am  8.  April  beschloß  die  Kammer
diesem  Antrag  gemäß;  es  dauerte  aber  noch  gut  fünf  Wochen,  bis  es  zur
öffentlichen  Gerichtsverhandlung  kam.  Sie  begann  am  15.  Mai  1896  und
nahm  drei  Tage  in  Anspruch,  nämlich  den  15.,  16.  und  18.  Mai.  Ihr
Ende  war  die  Verurteilung  von  15  Personen  zu  Geldstrafen  zwischen
30  und  75  Mark  sowie  die  gerichtliche  Schließung  des  Parteivorstandes
und  der  sozialdemokratischen  Wahlvereine  des  2.,  4.,  5.  und  6.  Berliner
Reichstagswahlkreises.  Nicht  geschlossen  wurden  die  Wahlvereine  des  1.  und
3.  Berliner  Reichstagswahlkreises  sowie  die  verschiedenen  obengenannten
Zweckkommissionen.
Die  58  Folioseiten  umfassende  Anklageschrift  gibt  sehr  eingehend  über
die  Arbeitsweise  der  Berliner  Organisationen  Auskunft.  Man  hatte
auf  der  Polizei  genau  die  Veröffentlichungen  der  Partei  und  Vereine
studiert,  allerhand  vertrauliche  Rundschreiben  in  die  Land  bekommen  und
war  durch  Spitzel  über  viele  intime  Vorgänge  des  Parteilebens  informiert.
Es  liegt  nun  auf  der  Land,  daß  es  stets  eine  Sache  der  juristischen  Begriffsauslegung ­
  ist,  wo  bei  einem  Zusammenwirken  von  Menschen  die  ge-
        <pb n="84" />
        39.  Erste  Seite  der  Anklageschrift  gegen  Auer  und  Genossen
        <pb n="85" />
        legentliche  oder  periodische  Zusammenkunft  aufhört  und  der  „Verein"  anfängt.
Die  §8  8  und  16  des  Preußischen  Vereinsgesetzes  von  1850,  welche  den
politischen  Vereinen,  sofern  sie  miteinander  in  Verbindung  treten  würden,
Bestrafung  der  Leiter  und  gerichtliche  Schließung  androhten,  waren  Produkte ­
  der  Reaktion  gegen  die  Revolution  von  1848  und  speziell  dazu  geschaffen ­
  worden,  die  demokratischen  Volksparteien  jener  Gärungsepoche  in
ihrer  Bewegung  möglichst  zu  hemmen.  In  diesem  Sinne  sind  sie  damals
und  weiterhin  stets  angewendet  worden,  während  die  größere  oder  geringere
Strenge  ihrer  Anwendung  durch  Zweckmäßigkeitsrücksichten  bedingt
war.  Mit  anderen  Worten,  dieses  Gesetz  war,  was  die  beiden  Paragraphen
anbetrifft,  von  seinen  Arhebern  gar  nicht  als  Festsetzung  eines  alle  Staatsbürger ­
  gleichmäßig  treffenden  Rechts  beabsichtigt  worden,  noch  ward  es
jemals  von  den  Regierungen  als  solches  behandelt.  Sie  haben  es  den
politischen  Parteien  gegenüber  stets  ungleichmäßig  angewendet,  es  ist  praktisch
stets  ein  Ausnahmegesetz  gegen  die  extremeren  Oppositionsparteien  gewesen. ­
  Solche  Parteien  wären,  sobald  Regierungen  und  Gerichte  es  für
zweckmäßig  hielten,  das  Gesetz  im  Geiste  seiner  Arheber  gegen  sie  ins  Spiel
zu  bringen,  als  organische  Körper  stets  unmöglich  gewesen,  wenn  sie  es
nicht  fertig  brachten,  seine  Lemmungsvorschriften  auf  irgendeine  Weise  zu
umgehen.  Dazu  aber  waren  sie  um  so  mehr  veranlaßt,  als  demokratische
Parteien  nicht  ohne  Selbstverwaltung  ihrer  örtlichen  Mitgliedschaften  existieren
können.  Es  ihnen  verwehren,  heißt  ihnen  verbieten,  ihrer  Natur  gemäß  zu
leben,  und  Gesetze,  die  auf  derartiges  abzielten,  sind  stets  umgangen  worden
und  werden  stets  umgangen  werden.  Das  ist  in  kurzen  Worten  die  innere
Geschichte  des  preußischen  Vereinsgesetzes,  und  das  war  auch  das  Leitmotiv ­
  des  Prozesses,  mit  dem  wir  es  hier  zu  tun  haben.
Auf  die  Prozeßverhandlung  selbst  einzugehen,  versagen  wir  uns.  Dagegen ­
  folgt  weiter  unten  eine  Abschrift  aus  der  Anklageschrift,  die  auf  Grund
von  Polizeiberichten  ein  anschauliches  Bild  vom  Leben  der  inneren  Organisation ­
  der  Sozialdemokratie  Berlins  gibt.  Die  so  geräuschvoll  in  Szene
gesetzte  Aktion  endete  mit  der  Verurteilung  von  fünfzehn  Angeklagten  zu
mäßigen  Geldstrafen,  während  die  große  Mehrheit  der  Angeklagten  freigesprochen ­
  wurde.  Das  entsprach  dem  Arteil  hinsichtlich  der  Vereine.
Bezüglich  der  Lokalkommission  erklärte  das  Erkenntnis,  daß  sie  nicht  als
politische  Körperschaft  im  Sinne  des  Gesetzes  anzusehen  sei;  bei  den  beiden
anderen  Kommissionen  und  den  Wahlvereinen  von  Berlin  l  und  Berlin  III
ward  das  Veweismaterial  für  ihre  Verbindung  mit  anderen  politischen  Vereinen ­
  für  nicht  zureichend  erachtet,  und  hinsichtlich  der  Vertrauenspersonen
ward  erkannt,  daß  sie  nicht  als  Verein  betrachtet  werden  könnten,  da  sie
keine  ständige  Leitung  gehabt  hätten.
Das  war  ein  für  die  Polizei  verblüffend  ungünstiger  Ausgang  des
Prozesses.  Bezüglich  der  Vertrauenspersonen  hatte  freilich  schon  die  Anklageschrift ­
  verraten,  wo  der  schwache  Punkt  in  der  gegen  sie  gerichteten
Aktion  sich  befand.
„Die  Tätigkeit  der  einzelnen  Vertrauenspersonen  in  ihrem  eigenen
Kreise  —  schließt  die  Anklageschrift  —  ist  nur  angeführt  worden,  um  ihre
Bedeutung  und  ihren  Einfluß  im  eigenen  Kreise  hervorzuheben.  Daß  sie
im  eigenen  Kreise  vielfach  leitende  Stellungen  eingenommen  haben,  ist  für
die  ihnen  in  der  vorliegenden  Anklage  zur  Last  gelegte  Straftat  ohne
        <pb n="86" />
        87

Interesse.  Die  letztere  wird  darin  erblickt,  daß  sie  als  Vertrauenspersonen
untereinander  einen  Verein  gebildet  haben  und  als  Leiter  eines  solchen
Vereins  mit  anderen  politischen  Vereinen  in  Verbindung  getreten  sind."
Da  aber  die  Vertrauenspersonen  sich  keine  ständige  Leitung  gegeben
hatten,  sondern  bei  ihren  Zusammenkünften  jedesmal  nur  eine  Leitung  für
die  betreffende  Sitzung  wählten,  fiel  die  Behauptung,  daß  sie  einen  Verein
gebildet  hätten,  zu  Boden  und  damit  auch  die  gegen  sie  gerichtete  Anklage.
Ganz  unbeabsichtigt  hatte  die  Anklageschrift  vielmehr  gezeigt,  wie  es  die
Vertrauensmänner  machen  mußten,  um  nicht  leicht  gefaßt  werden  zu  können.
So  konnten  diese  und  die  anderen  Zweckkommissionen  nun  in  alter
Weise  ruhig  fortarbeiten.  Bald  hatte  Berlin  auch  seine  sozialdemokratischen
Wahlvereine  wieder  vollständig.  Am  26.  Juni  1896  ward  ein  neuer
sozialdemokratischer  Wahlverein  für  den  zweiten  Reichstagswahlkreis,  am
9.  Juli  1896  ein  solcher  für  den  fünften  Reichstagswahlkreis  konstituiert,
und  am  14.  Juli  1896  erhielt  der  vierte  Berliner  Rcichstagswahlkrcis
zwei  sozialdemokratische  Wahlvereine,  der  eine  davon  für  den  Osten,  der
andere  für  den  Südosten  Berlins  innerhalb  der  Grenzen  des  Kreises.  Von
der  Wiederaufnahme  der  Viertels-Einteilung  in  die  Statuten  wurde  Abstand
genommen,  ebenso  sagen  die  neuen  Statuten  nichts  von  der  Einrichtung  der
Abteilungs-  und  Bezirksführer.  Im  sechsten  Reichstagswahlkreis  war  schon
im  April  1896,  also  noch  vor  der  Gerichtsverhandlung,  ein  „Sozialdemokratischer ­
  Verein  Vorwärts"  ins  Leben  gerufen  worden,  der  seinen  Zweck
sehr  gut  erfüllte;  daher  wartete  man  hier  mehr  als  ein  Jahr,  bis  man  es
den  anderen  Wahlkreisen  nachmachte.  Vom  Juni  1897  ab  hatte  aber  auch
dieser  Wahlkreis  wieder  seinen  sozialdemokratischen  Wahlverein,  dessen
Statut  sich  obendrein  in  nichts  von  dem  Statut  des  aufgelösten  Vereins
unterschied.
Das  alles  hätte  sich  wahrscheinlich  weniger  glatt  gemacht,  wenn  nicht
die  politische  Situatioir  eine  für  Polizeiaktionen  ungünstige  Atmosphäre
geschaffen  hätte.  Wir  sind  am  Vorabend  des  Prozesses  des  Staatssekretärs ­
  Marschall  von  Bieberstein  gegen  den  Polizeikommissar  Tausch
und  dessen  Hintermänner.  Auch  konnte  man  in  der  Reichsregierung  sich
nicht  kurzerhand  über  die  Tatsache  hinwegsetzen,  daß  nur  durch  die  von  den
Sozialdemokraten  geleistete  Unterstützung  die  Handelsverträge  von  1893  im
Reichstag  gegen  den  heftigen  Widerstand  der  Konservativen  durchgebracht
worden  waren,  und  ebenso  war  die  Sozialdemokratie  ein  wichtiger  Faktor
für  die  Gestaltung  des  Bürgerlichen  Gesetzbuches  geworden,  das  gerade
im  Reichstag  zur  Beratung  stand.  Sie  spielte  überhaupt  jetzt  eine  ganz
andere  Rolle  im  öffentlichen  Leben  als  früher.  Es  kam  keine  Frage  von
Bedeutung  auf  die  Tagesordnung,  über  die  man  nicht  auch  die  Stimme
der  Sozialdemokratie  hören  wollte;  man  diskutierte  jetzt  ernsthaft  mit  ihr,
erörterte  ihre  Theorien  eingehend  in  den  akademischen  Hörsälen  und  wissenschaftlichen ­
  Zeitschriften,  und  der  veränderte  Ton  dieser  Diskussionen  ließ
auch  die  richterlichen  Kreise  nicht  unberührt.  Man  begriff,  daß  gegen  diese
Partei  mit  kleinlichen  Polizeischikanen  nichts  auszurichten  war.
Als  am  11.  Februar  1896  die  Polizei  eine  im  Restaurant  Möhrmg,
Admiralstraße,  tagende  „Korpora"  des  zweiten  Berliner  Wahlkreises  aufho  ,
.zu  der  als  „Geburtstagsfeier"  eingeladen  worden  war,  hatte  »e,
.trotzdem  die  Untersuchung  den  wahren  Charakter  der  Zusammenkuns  erg  ,
        <pb n="87" />
        40  und  41.  Zwei  Seiten  aus  der  Anklageschrift  gegen  Auer  und  Genoffen
mit  Auszügen  aus  den  Spitzelberichten
        <pb n="88" />
        40  und  41.  Zwei  Seiten  aus  der  Anklageschrift  gegen  Auer  und  Genossen
mit  Auszügen  aus  den  Spielberichten
        <pb n="89" />
        90

nur  eine  Anzahl  von  Verurteilungen  zu  Geldstrafen  zur  Folge.  Die  Verhandlung, ­
  die  am  11.  September  des  bezeichneten  Jahres  stattfand,  stellte
nur  wieder  die  Polizei  und  insbesondere  den  Polizeikommissar  Schöne
bloß,  der  durch  Bedrohung  mit  Dunkelarrest  und  ähnliche  Gewaltmittel
von  einigen  der  Verhafteten  Geständnisse  erpreßt  hatte.  Sonst  aber  konnten
sich  die  Organisationen  fortan  ziemlich  ungestört  entwickeln  —  natürlich
immer  noch  mit  mindestens  formaler  Beobachtung  der  Bestimmungen  des
preußischen  Vereinsgesetzes.  Es  blieb  also  das  System  der  Vertrauens-Personen
  neben  den  Wahlvereinen  noch  in  Kraft.  Alle  auf  die  Gesamtpartei
bezüglichen  Aktionen,  wie  namentlich  die  Veranstaltung  von  Versammlungen
zur  Wahl  von  Delegierten  für  die  Kongresse  der  Partei,  fielen  den  Vertrauenspersonen ­
  anheim.  Das  blieb  auch  noch  eine  Weile  bestehen,  als
Ende  1899  durch  das  „Notvereinsgesetz"  des  Deutschen  Reiches  das  Verbot ­
  der  Verbindung  politischer  Vereine  für  ganz  Deutschland  aufgehoben
wurde  und  der  Mainzer  Parteitag  der  deutschen  Sozialdemokratie  ein
Organisationsstatut  beschloß,  welches  den  Parteigenossen  in  den  einzelnen
Orten  oder  Wahlkreisen  anheimstellte,  die  Vertrauenspersonen  nach  eigenem
Befinden  entweder  in  Vereins-  oder  Parteiversammlungen  zu  wählen.  Die
Partcibewegung  ausschließlich  in  die  Wahlvereine  zu  verlegen,  erschien,  wie
anderen  Mitgliedschaften,  so  auch  der  Mehrheit  der  Sozialdemokraten  Berlins
deshalb  nicht  sofort  ratsam,  weil  das  preußische  Vereinsgesetz  die  Aufnahme
von  Frauen  in  politische  Vereine  verbot  und  die  Form  noch  nicht  gesunden
war,  die  unter  den  neuen  Verhältnissen  den  sozialistischen  Frauen,  deren
Agitation  sich  immer  kräftiger  und  erfolgreicher  regte,  die  Teilnahme  an  der
Erörterung  und  Regelung  von  Parteiangelegenheiten  in  dein  ihnen  zukommenden ­
  Maße  am  besten  zu  sichern  versprach.
Es  ist  hier  der  Ort,  auf  die  Entwickelung  des  Geistes  der  Statuten  der
sozialdemokratischen  Wahlvereine  Berlins  während  der  Periode,  die  uns
beschäftigt,  einen  Blick  zu  werfen.  Die  Geschichte  dieser  Statuten  ist  ein
Stück  aus  dem  noch  nicht  genügend  gewürdigten  Kapitel  der  Geschichte  der
modernen  Arbeiterbewegung,  das  man  ihre  Verfassungsgeschichte  nennen
könnte.  Die  Arbeiterbewegung  ist  überall  ihrem  Wesen  nach  demokratisch,
die  Demokratie  liegt  ihr,  könnte  man  sagen,  im  Blute,  ist  ihre  Natur.
Aber  auch  die  Demokratie  hat  ihre  sehr  verschiedene  Formen  und  ihre
Probleme,  und  gerade  weil  die  Arbeiterbewegung  ihrer  Natur  nach  demokratisch ­
  ist,  ist  es  ebenso  lehrreich  wie  interessant,  im  einzelnen  zu  verfolgen,
wie  sie  unter  bestimmten  Verhältnissen  andere  Formen  für  die  Verwirklichung ­
  des  demokratischen  Gedankens  wählt,  beziehungsweise  neue  Formen
dafür  entwickelt  und  zu  neuen  Begriffen  darüber  geleitet  wird,  was  das
Wesen  der  Demokratie  ausmacht.
Was  diejenigen  Fastoren  anbetrifft,  die  vornehmlich  die  Form  einer
Organisation  bestimmen,  so  hat  sich  in  der  ganzen  Zeit,  von  der  dieser  Band
handelt,  hinsichtlich  der  Zusammensetzung  und  Zwecke  der  Wahlvereine  gar
nichts,  hinsichtlich  der  Natur  und  Stärke  der  gegnerischen  Organisationen
nur  Unwesentliches  geändert.  Gewechselt  haben  nur  die  Gesetze  und  die
Gesetzespraxis,  und  geändert  hat  sich  durch  Wachstum  die  Größe  der  Organisationen, ­
  wenn  auch  nicht  in  allen  Organisationen  in  gleichem  Maße.  Wie
die  Wahlkreise  von  Groß-Berlin  verschiedenartig  sich  ausdehnen,  so  auch
die  sozialdemokratischen  Wahlvereine  in  diesen  Wahlkreisen,  und  mit  dem
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        91

»-SBX»  -S3LS-  -ÄSSS-  K  -NkW-  M  -ÄSBS--SBE-  -NYM-Wk«-«

A

Legitimations-Karte  JXj\\

sozialdemokratische  Partei
6.  Berliner  Reichstags  -Wahlkreises.

I
$
-««S-^krS-WtXS-M  -««-  »-Nk«s-  -S8«S"^LÄ6-^8S-  N

Größenabstand  der  ersteren  voneinander ­
  wächst  oder  ändert
sich  auch  der  Größenabftand
der  letzteren.  Die  Entwickelung
der  Wahlkreise  nach  der  Bevölkerungsziffer ­
  wird  eine  Zusammenstellung ­
  der  Ziffern  für
die  Wahlen  von  1890,  1898
und  1907  am  besten  veranschaulichen. ­
  Die  Ziffern  für
die  Wahlen  vom  25.  Januar
1907  eignen  sich  deshalb  am
besten  für  den  Vergleich,  weil
das  Datum  ihrer  Aufstellung  dem  Datum,  mit  dem  diese  Geschichte
abschließt,  näher  liegt,  als  das  Datum,  das  den  Ziffern  der  Wahlen  von
1903  zugrunde  liegt.  Die  Ziffern  der  Wahlen  des  Jahres  1898,  das  just
die  Mitte  zwischen  Anfang  und  Ende  der  Periode  bildet,  ermöglichen  einen
Rückschluß  auf  die  Frage,  ob  Beschleunigung  oder  Verlangsamung  der
Zunahnie  oder  gar  Rückgang  in  der  Bevölkerung  der  einzelnen  Wahlkreise
sich  vollzieht.

Dtrnoki  UL  Sohrinner.  Berlin  S.  Bruiruenstr.  164.

42.  Legitimationskarte

Es  zählten  Einwohner:
Berlin  l
„  II
„  III
„  IV
„  V
„  VI
Niederbarnim
Teltow-Beeskow-Etorkow-Charlottenburg

Gesamtzahl

Wahlen  von

Wahlen  von

Wahlen  von

1890

1898

1907

91  397

90  576

75  944

269  923

328  644

337  957

133  496

123  607

119  183

324  989

400  422

527  454

128  263

137  427

149  567

359  704

586  926

786  873

149  488

238  745

434  259

249  091

505  585

959  289

l  706  351

2  41  l  932

3  390  526

Der  erste  und  dritte  Wahlkreis  zeigen  jedesmal  Rückgang,  der  zweite
zeigt  zwischen  1890  und  1898  beträchtliche  Zunahme,  in  der  folgenden
Periode  aber  fast  Stillstand.  Mäßige  Zunahme  zeigt  jedesmal  Berlin  V,
starkes  Wachstum,  aber  nicht  in  gleichmäßig  steigendem  Verhältnis,  Berlin  VI,
während  Berlin  IV  und  mehr  noch  die  beiden  Vorortswahlkreise  ihre  Bevölkerung ­
  schon  in  der  ersten  Periode  sehr  bedeutend,  in  der  zweiten  aber
noch  um  eine  erheblich  größere  Zahl  zunehmen  sahen.
Es  liegt  auf  der  Land,  daß,  soweit  nicht  schon  die  räumliche  Ausdehnung ­
  des  Wahlkreises  dies  erheischte,  Wahlvereine  in  Kreisen  mit  vielen
hunderttausend  Einwohnern  anders  gegliedert  sein  mußten,  wie  Wahlvereine
in  Kreisen  mit  unter  oder  verhältnismäßig  wenig  über  hunderttausend  Einwohnern. ­
  Konnten  die  Wahlvereine  des  ersten,  dritten,  fünften  und  selbst  noch
der  des  zweiten  Berliner  Reichstagswahlkreises  sich  die  reine  Zentralisation
erhalten,  so  hielten,  wie  wir  gesehen  haben,  die  Sozialdemokraten  des
vierten  Wahlkreises,  nachdem  man  vor  dem  Köllerstreich  das  Viertclsystem
probiert  hatte,  es  für  das  beste,  eine  Teilung  der  Organisation  in  zwei
Wahlvereine  vorzunehmen,  wovon  der  eine,  der  die  Bezirke  nördlich  von
der  Spree  umfaßte,  die  Nebenbezeichnung  Ost,  der  für  die  Bezir  e  &amp;gt;u  cy
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        von  der  Spree  aber  die  Nebenbezeichnung  Süd  oft  erhielt.  Zm  sechsten
Neichstagswahlkreis  hätte  auch  die  Zweiteilung  nicht  genügt,  hier  finden
wir  jedoch  schon  im  Statut  der  Periode  vor  dem  Köllerstreich  folgenden
Organisationsplan  des  sozialdemokratischen  Wahlvereins
im  6.  Berliner  Reichstagswahlkreis.
8  1.
Der  6.  Berliner  Reichstagswahlkreis  wird  in  6  Abteilungen  eingeteilt, ­
  und  zwar  in:  Schönhauser  Vorstadt,  Rosenthaler  Vorstadt,.
Oranienburger  Vorstadt,  Wedding,  Gesundbrunnen  und  Moabit.  Für
jede  Abteilung  wird  ein  Abteilungsführer  vom  Vorstande  vorgeschlagen.
8  2.
Jeder  Abteilungsführer  ernennt  nach  den  in  seiner  Abteilung  vorhandenen ­
  Wahlbezirken  die  Bezirksführer;  jedoch  bedürfen  beide  der
Bestätigung  der  Versammlung.  §  g
Die  Bezirksführer  haben  sich  den  Anordnungen  der  Abteilungsführer ­
  zu  fügen.  ^  4
Die  Abteilungsführer  haben  das  Recht,  an  den  Vorstands-Sitzungen
teilzunehmen.  §  5
Die  Gesamt-Organisation  steht  unter  Leitung  des  Vorstandes  und
ist  diesem  über  alle  vorkommenden  Arbeiten  Bericht  zu  erstatten.
Diese  Einteilung,  wie  übrigens  auch  die  des  vierten  Wahlkreises,
setzte  nur  fort,  was  schon  unter  dem  Sozialistengesetz  durchgeführt  worden
war  und  wofür  die  Anfänge  sich  noch  weiter  zurückverfolgen  lassen.  Linker
etwas  anderen  Bezeichnungen  finden  wir  sie  schon  in  der  Zeit  vor  dem
Sozialistengesetz  in  Kraft,  als  die  Sozialdemokratie  Berlins  offiziell  nur
einen  Verein  oder  nur  eine  einheitlich  geleitete  Mitgliedschaft  bildete.  Bei
Wahlen  ward  damals  die  Arbeit  in  Berlin  IV  südlich  der  Spree  einem  anderen
„Äauptmann"  unterstellt,  als  in  Berlin  IV  nördlich  der  Spree,  und  ebenso
hatten  Moabit  und  Gesundbrunnen  eigene  Lauptleute.  Es  waren  eben
die  räumlichen  und  später  auch  die  Bevölkerungsverhältnisse,  die  hier  und  dort
die  Teilung  zum  Gebot  machten.  Aber  selbst  als  das  Sozialistengesetz  noch
nicht  bestand,  konnte  die  Teilung  nicht  im  Statut  vorgesehen  werden.  Zn
der  Ära  Tessendorf  wäre  jede  Abteilung  mit  Sicherheit  für  einen  selbständigen
Verein  erklärt  und  jeder  ermittelte  Verkehr  zwischen  den  Abteilungen  als
Verstoß  gegen  den  Paragraph  8b  des  preußischen  Vereinsgesetzes  von  1850
geahndet  worden.  Es  kennzeichnet  die  anders  geartete  Situation,  daß  selbst
zur  Zeit  des  Köllerstreichs  Polizei  und  Staatsanwaltschaft  ihren  Verfolgungseifer ­
  immerhin  nicht  so  weit  treiben  dursten.
Dem  Verfassungsgedanken  nach  spricht  aus  dem  Bau  der  Organisationen
ein  durchaus  zentralistischer  Geist.  Die  Gliederung  geht  funktionell  und
rechtlich  von  der  Zentralinstanz  nach  den  Teilen  und  nicht,  wie  es  dem
föderativen  Prinzip  entsprochen  hätte,  von  den  örtlichen  Gruppen  nach  der
Zentrale  hin.  Nicht  die  Bezirke  selbst,  sondern  die  Abteilungsführer
bevollmächtigen  die  Bezirksführer,  und  nicht  die  Abteilungen  setzen,  sei  es
durch  das  Mittel  von  Bezirksführerkonferenzen  oder  in  Vollversammlungen
der  Mitglieder  der  Abteilung,  die  Abteilungsführer  in  ihr  Amt  ein,  sondern
der  Vorstand  des  Wahlvereins  schlägt  sie  der  Wahlvereinsversammlung
vor,  und  diese  bestätigt  die  Ernennung,  wie  sie  auch  die  Ernennung  der
        <pb n="92" />
        Z.  Berliner  QQiablkrcie
Zentralwablbureau  i  Sophien  straße  6  bei  JYUjnzer,  Mmt  III,  8367

Hnwcisung
für  die  Abteilungs-  und  Bezirks-Führer  betreffs  Vorbereitungen
und  Organisation  zur  Reichstagswahl.

Für  die  Abteilungs-Führer.
8  &amp;gt;•
Die  Abteilungsführer  haben  im  Zentrum  des  Abteilungsbezirks  ein  Lokal  zu  wählen,  von  dem  aus  alle  Arbeiten.
Beaufsichtigung  und  Leitung  der  Organisation  am  Tage  der  Wahl  leicht  und  ungehindert  erfolgen  kann.  Erfordernis  ist,
daß  im  Lokal  ein  Telephon-Anschlnß  besteht.
§  2.
Der  Abteilungsführer  hat  dafür  zu  sorgen,  daß  für  jeden  Wahlbezirk  ein  zuverlässiger  Parteigenosse  jvezirkSführerj
die  Leitung  der  Wahlarbeiten  übernimmt.
§3-3m
  Besitz  des  Abteilungsführers  befinden  sich  je  zwei  Wählerlisten  für  jeden  Bezirk;  die  Hauslisten;  für  jeden
Wähler  zwei  mit  genauer  Adresse  versehene  Kuverts,  auf  denen  links  oben  die  Nummer  des  Wählers  aus  der  Wählerliste
übertragen  ist.
Ein  größerer  Posten  Kuverts  ohne  Adresse;  Zettel,  die  eine  Aufforderung  zur  Wahl  für  säumige  Wähler  enthalten ­
  und  eine  genügende  Zahl  von  Stimmzetteln.
8  ».
Das  im  §  3  genannte  Material  hat  der  Abteilungsführer,  gut  geordnet,  füx  jeden  Bezirk  gesondert  zu  halte»».
Die  mit  Adressen  versehenen  Kuverts  sollen  die  zweite  und  dritte  dringlichere  Aufforderung  an  die  säumigen
Wähler  und  einen  Stimmzettel  enthalten.
Die  Kuverts  sind  mittelst  Querbändern,  nach  Läufern  zusammengebändelt  und  der  Nummer  der  Wählerliste  nach  in
Kartons  geordnet,  aufzubewahren.
§5.
Am  Tage  der  Wahl  treffen  sich  die  Bezirksführer  mit  ihren  Lülfskrästen  um  6  Uhr  früh  im  Abteilungsbureau.
Lier  werden  eine  Wählerliste,  Block  und  Stimmzettel  an  die  Lülfsleute  gegeben.
Lim  9  Uhr  hat  sich  jeder  Bezirksführer  mit  den  Hülfsleuten  in  das  Wahllokal  zu  begeben.
8  6.
Der  Abteilungsführer  hat  Sorge  zu  tragen,  daß  ein  ununterbrochener  Verkehr  durch  Abholen  der  Blockzettel
zwischen  dem  Wahllokal  und  dem  Abteilungsbureau  stattfindet;  alle  Störungen,  Mangel  von  Hnlfskräften,  Verstöße  gegen
bas  Wshlreglcmcnt  sind  sofort  an  das  Zentralwahlbnreau  zu  melden;  wenn  möglich,  sind  Radfahrer  für  diese  Botendienste ­
  zu  benutzen.
§  7.
Der  Abteilungsführer  hak  durch  geeignete  Hülfskräfte  die  auf  dem  Vlockzettel  angegebenen  Ziffern  (die  Wähler,
welche  gewählt  haben)  in  der  Wählerliste,  sowie  in  der  Hausliste  aufzusuchen  und  durch  einen  blaue»»  Strich  in  die  dafür
freigelassene  Rubrik  anzuzeichnen,  zum  Zeichen,  daß  der  Wähler  seine  Stimme  abgegeben  hat.
Desgleichen  sind  aus  den  Kartons  die  für  diesen  Wähler  bestimmten  Kuverts  herauszunehmen,  sodaß  nur  die
.Kuvetts  der  säumigen  Wähler  in  der,  Kartons  verbleiben.
8  8-Die
  erste  Anfforderung  an  säumige  Wähler  (Schleppen)  »vird  a,n  Tage  der  Wahl  10  Minute»  vor  i2  Uhr
erlassen.  Die  Lülfsleute  nehmen  die  Lauslisten  zur  Land  und  eine  Anzahl  Knvertö  ohne  Adresse,  die  eine  Aufforderung
zur  Wahl  und  einen  Stimmzettel  enthalten,  um  an  jeden  Wähler,  der  seine  Stimme  noch  nicht  abgegeben  hat,  die  Aufforderung ­
  zu  übermitteln.  Es  soll  möglichst  versucht  werden,  mit  dem  Wähler  persönlich  in  Berührung  zu  treten.
Spätestens  um  '/jti  Uhr  ist  diese  Arbeit  beendet  und  die  Lauslistc  wird  geordnet  und  vervollständigt  im  Abteilungbureau.

8  9.
Die  zweite  Aufforderung  an  die  säumigen  Wähler  erfolgt  um  4  Uhr  mit  adressierten  Kuverts.  Um  Uhr
nfolgt  die  letzte  Aufforderung  in  derselben  Art.

43  und  44.  Zirkular  an  die  Abteilungs-  und  Bezirkssichrer
        <pb n="93" />
        Für  die  Bezirks-Führer.
8  10.
Jeder  Bezirksführer  hat  sich  für  den  Tag  der  Wahl  mindestens  vier  HülfSkräfte  sicher  zu  besorgen,  die  sich  sämtlich
mit  persönlicher  Legitimation  zu  versehen  haben.  Es  sind  das  ein  Listeuführer,  ein  Blockführer  und  zwei  Stimmzettelverteiler.
  In  Bureaus  mit  mehreren  Eingängen  müssen  entsprechend  mehr  Stimmzettelverteiler  aufgestellt  werden.
ß  n.
Der  Listenführer  soll  versuchen,  mit  dem  Blockführer  möglichst  in  der  Nähe  des  Wahltisches  Platz  zu  bekommen
Tritt  der  Wähler  an  den  Wahltifch  heran  und  nennt  seine  Wohnung  und  Namen,  so  hat  der  Listenführer  schnell  in  der
Wählerliste  den  Wähler  aufzusuchen  und  mit  einem  Klanen  Strich  in  der  freien  Rubrik  anzudeuten,  daß  der  Betreffende
gewählt  hat.
Zu  gleicher  Zeit  schreibt  der  Blockfuhrcr  die  Nummer  und  den  Namen  des  Wählers  aus  der  Wählerliste  auf  den
Block  und  gibt  einem  durch  Kontrollkarte  legitimierten  Boten  die  Blockzettcl.  die  von  diesem  in  das  Abteilungsbureau
befördert  werden.
§  xz
Um  2  Uhr  ist  der  Listeuführer  durch  den  Blockführcr  abzulösen,  eventuell  ist  aus  dem  AbkcilungSburcau  Ersatz  zu
stellen.  Um  4  Uhr  hat  der  Listeuführer  seinen  Posten  wieder  zu  übernehmen.
8  13.
Die  Ablösung  der  Stimmzcttelverkeiler  erfolgt  je  nach  den  vorhandenen  Äülsskräften  vom  Abteilungsbureau.
Niemand  hat  Stimmzettel.  Liste  oder  Material  an  Personen  abzugeben,  die  sich  nicht  durch  eine  Kontrollkarte  legitimieren.
8  14.
Nach  Schluß  der  Wahlhandlung  wohnt  der  Listenführcr  und  Blockführer  der  Stimmenauszählung  bei  und  füllt  die
ihm  übergebene  Zählkarte  gewissenhaft  aus.
Die  Karte  ist  sofort  an  daS  Abteilungübureäu  zu  geben,  hier  wird  das  Ergebnis  zusammengestellt  und  sodann
dem  Zenttalbureau  übermittelt.  Ergeben  sich  in  einem  Wahllokal  kleine  Dlffereirzen  (ein  oder  zwei  Stimmen)  bei  der
Auszählung,  so  ist  das  vorläufige  Resultat  immerhin  sofort  mitzuteilen.  es  muß  aber  ein  Parteigenosse  zurückbleiben,  der
dos  korrigierte  Resultat  zu  übermitteln  hak.
Ist  Aas  Resultat  im  Ableilungsbureau  vollständig,  so  ist  das  Ergebnis  sofort  dem  Zenttalbureau  zu  überbringen.

Der  Vorstand  des  sozialdemokratischen  Vereins.

43  und  44.  Zirkular  an  die  Abteilungs-  und  Bezirksführer

Bezirksführer  bestätigt.  Zum  Teil  war  es  das  Gesetz,  das  diese  zentralistischen
Bestimmungen  notwendig  machte.  Bei  einem  Aufbau  der  Organisationen
nach  streng  föderalistischen  Grundsätzen,  das  heißt  auf  Grundlage  der
Selbständigkeit  der  Einzelteile  und  ihrer  föderativen  Verbindung  untereinander, ­
  konnte  jede  einzelne  Bezirkungsorganisation  und  ebenso  jede
Abteilung  durch  richterlichen  Entscheid  für  einen  Verein  im  Sinne  des
Gesetzes  erklärt  werden.  Aber  die  zentralistische  Verfassung  entsprach  zugleich ­
  auch  der  Auffassung  des  Begriffs  „Demokratie",  wie  sie  der  deutschen
Sozialdemokratie  seit  den  Tagen  Lassalles  eigen  geworden  war.  Lassalle,  von
seiner  aus  der  Antike  und  der  Legelschen  Philosophie  geschöpften  Staatsidee ­
  geleitet,  hatte  den  föderativen  Gedanken  als  Bourgeoisliebhaberei
bekämpft,  und  auch  von  marxistischer  Seite  ward  dieser  später  als  kleinbürgerliche ­
  Schrulle  verspottet.  Die  straffe  Zentralisation  galt  als  die
dem  Geist  und  den  Interessen  der  Arbeitermassen  entsprechende  Form.
Wie  jedoch  in  der  Gesamtpartei  die  persönliche  Spitze,  die  Lassalle  der
ersten  Zentralisation  gegeben  hatte,  und  auch  sonst  manche  Zuspitzung  dieser
letzteren  hatte  aufgegeben  werden  müssen  und  trotz  zentralistischer  Form
und  Leitung  ein  starkes  Eigenleben  der  Mitgliedschaften  sich  entwickelt  hatte,
so  bedeuteten  auch  hier  die  zentralistischen  Bestimmungen  nicht,  daß  den
        <pb n="94" />
        95

Bezirken  und  Abteilungen  Führer  aufgezwungen  wurden,  gleichviel  ob  sie
ihnen  genehm  waren  oder  nicht,  sie  bezeichneten  nur  den  formellen
Instanzenweg.  Im  tatsächlichen  Geschäftsgang  machte  sich  die  Sache
vielmehr  meistens  doch  so,  daß  die  Bezirksführer  von  den  Bezirken,  die
Abteilungsführer  von  den  Abteilungen  gewählt  wurden;  die  Ernennung  der
ersteren  durch  die  Abteilungsführer  und  dieser  durch  den  Vorstand  mit  der
Bestätigung  durch  die  Vereinsversammlung  gab  der  Wahl  nur  die
formelle  Sanktion  und  hatte  außerdem  den  Zweck,  die  getroffenen
Wahlen  der  öffentlichen  Kontrolle  zu  unterstellen.  Auch  konnte  in
Stadtbezirken,  wo  es  nur  erst  wenige  Mitglieder  gab,  die  Ernennung  des
Bezirksführers  dadurch  notwendig  werden,  daß  unter  den  Mitgliedern  selbst
keine  geeignete  Person  zu  finden  oder  für  den  Posten,  der  ja  vielerlei
Arbeit  erheischt,  zu  gewinnen  war.  In  solchen  Fällen  mußte  manchmal
ein  außerhalb  des  Bezirks  wohnhafter  Genosse  veranlaßt  werden,  das
Bezirksführeramt  für  jenen  Bezirk  zu  übernehmen  und,  wenn  es  ging,  auch
in  ihn  überzusiedeln,  oder  es  mußte  an  irgendeinen  im  Bezirk  wohnenden
Genossen  ein  Appell  ergehen,  sich  dem  Amt  zu  unterziehen.
Was  das  zitierte  Statut  des  sechsten  Berliner  Neichstagswahlkreises
hinsichtlich  der  Bezirks-  und  Abteilungsführer  ausdrücklich  bestimmte,  das
ward  in  anderen  Wahlkreisen  in  gleicher  Weise  oder  ähnlich  geübt,  auch
ohne  daß  im  Statut  davon  die  Rede  war.  Für  die  sogenannte  Kleinarbeit, ­
  wie  Erheben  der  Beiträge,  Verteilung  und  Austragen  der  Flugblätter, ­
  Besorgung  der  Agitation  in  Läufern  und  Wohnungen,  Kontrolle
der  Gastwirtschaften,  die  auf  die  Arbeiterkundschaft  berechnet  waren,  und
ähnliches  mehr,  war  die  Gliederung  in  Unterabteilungen  nach  Bezirken  und
Bezirksgruppen  überall  unentbehrlich,  und  sie  ward  mit  um  so  größerer
Abstufung  und  Arbeitsteilung  durchgeführt,  je  größer  der  Verein  war.
Die  größte  Abstufung  gab  es  natürlich  in  den  beiden  Vorortswahlkreisen
  mit  ihren  Hunderten  von  selbständigen  Ortschaften.  Lier  war  es
gar  nicht  anders  möglich,  als  daß  mindestens  jede  größere  Ortschaft  ihren
eigenen,  sich  selbst  verwaltenden  sozialdeinokratischen  Verein  hatte,  und  so
lange  das  preußische  Verbindungsverbot  bestand,  konnten  die  gemeinschaftlichen ­
  Angelegenheiten  der  Sozialdemokratie  dieser  Kreise  nur  in  freien  Zusammenkünften ­
  von  Vertrauensmännern  der  verschiedenen  Orte  besprochen  und
geregelt  werden.  Nachdem  aber  das  Verbot  gefallen  war,  wurde  für  den
größten  dieser  Wahlkreise  alsbald  ein  Zentralwahlverein  gegründet,  welcher
die  Gesamtheit  der  örtlichen  Wahlvereine  des  Kreises  umfassen  und  mit
ihnen  einen  halb  föderalistisch,  halb  zentralistisch  aufgebauten  Organismus
bilden  sollte.
So  sagt  sein  Statut  in  seinem  ersten  Paragraph:
„Alle  im  Reichstagswahlkreise  Teltow  -  Beeskow  -  Storkow  -  Charlottenburg ­
  bestehenden  sozialdemokratischen  Arbeitervereine  bilden  einer,
über  den  ganzen  Wahlkreis  sich  erstreckenden  Zentralwahlverein
unter  dem  Namen  „Sozialdemokratischer  Zentralwahlverein  für  den
Reichstagswahlkreis  Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg."  Sitz  des
Vereins  ist  der  Sitz  des  Zentralvorstandes."
Diesen  Zentralwahlverein  hatte  nach  §  3  seines  Statuts  ein  aus  fünf
Personen  —  ein  Vorsitzender  und  dessen  Stellvertreter,  ein  Schriftführer,
ein  Kassierer  und  ein  Beisitzender  —  bestehender  Zentralvorstand  zu  leiten.
        <pb n="95" />
        96

Der  Beisitzende  war  zugleich  Vertrauensperson  des  Kreises  im  Rahmen
der  Gesamtpartei.  Kontroll-  und  Beschwerdeinstanz  waren  drei  Revisoren,
die  außerdem  im  Verein  mit  dem  Vorstand  als  Schiedsgericht  zu  fungieren
hatten,  wenn  in  einzelnen  Ortschaften  des  Kreises  parteischädigende  Streitigkeiten ­
  obwalteten  (§  4).  Zentralvorstand  und  Revisoren  waren  von  der
Zahresgeneralversammlung  des  Kreises  zu  wählen  und  hatten  dieser  Bericht ­
  zu  erstatten,  ebenso  wählte  die  Generalversammlung  die  Vertreter  des
Kreises  in  der  Preß-,  Agitations-  und  Lokalkommission  von  Groß-Berlin
(§  13  des  Statuts).  Der  Zentralvorstand  ernannte  an  Ortschaften,  wo  die
Bildung  von  Wahlvereinen  nicht  angängig  war,  auf  Vorschlag  der  dortigen
Genoffen  Materialempfänger  und  Beitragssammler  zur  Führung
der  Parteigeschäfte  (§  10),  und  diese  Beitragssammler  vertraten  ihre  Ortschaften ­
  in  der  Generalversammlung  des  Kreises,  in  welche  die  örtlichen ­
  Wahlvereine  je  drei  Mitglieder  delegieren  durften,  und  in  der  ferner
sowohl  die  Mitglieder  des  Zentralvorstandes  wie  die  vom  Kreis  in  die  drei
vorbenannten  Zweckkommissionen  von  Groß-Berlin  entsandten  Delegierten
Sitz  und  Stimme  hatten  (§  11).  Bei  Ausschließungen  aus  den  örtlichen
Wahlvereinen  war  die  Generalversammlung  dieser  Vereine  die  erste,  der
Zentralvorstand  des  Kreises  die  zweite  und  die  Generalversammlung  des
Kreises  die  dritte  Berufungsinstanz  (§8).  Vom  Mitgliedsbeitrag,
der  auf  20  Pf.  im  Monat  angesetzt  war,  hatten  die  örtlichen  Vereine  und
örtlichen  Beitragssammler  unter  vierteljährlicher  Rechnungsablegung  zwei
Drittel  an  den  Zentralverein  abzuführen,  der  alle  gemeinsamen  Ausgaben
des  Kreises  für  Agitation  usw.  bestritt.  Mehr  als  ein  Drittel  der  Einnahme ­
  aus  Mitgliederbeiträgen  durfte  nur  mit  Genehmigung  des  Zentralvorstandes ­
  für  örtliche  Zwecke  verwendet  werden  (§  15).  Einnahmen  aus
dem  Verkauf  von  Parteibons  (ä  10  Pf.),  die  vom  Zentralvorstand  des
Kreises  den  Vereinen,  Beitragssammlern  und  Materialcmpfängern  behufs
Abgabe  an  Mitglieder  zum  Vertrieb  im  persönlichen  Verkehr  übergeben
wurden,  mußten  dem  ersteren  ohne  Abzug  vierteljährlich  abgegeben
werden  (§  17).
Das  Statut  des  Kreiswahlvereins  enthielt  des  weiteren  noch  Bestimmungen ­
  über  außerordentliche  Generalversammlungen,  Gewährung  von
Rechtsschutz  bei  Verfolgungen  auf  Grund  der  Parteitätigkeit  und  machte
(§  19)  den  Mitgliedern  den  Anschluß  an  die  gewerkschaftlichen  Organisationen
ihres  Berufes  zur  Pflicht,  worauf  auch  bei  Wahlen  (von  Beamten,
Delegierten  usw.)  Rücksicht  zu  nehmen  sei.  Ein  besonderer  Paragraph
enthielt  ziemlich  genaue  Vorschriften  über  die  Art,  wie  die  örtlichen  Wahlvereine ­
  ihre  Geschäfte  führen  sollten.  Er  lautet:
8  9.
„Die  Wahlvereine  übernehmen  sämtliche  Parteigeschäste  ihres
Ortes  und  teilen  letzteren  je  nach  den  Verhältnissen  in  Bezirke  ein,
welchen  ein  vom  Vorstande  zu  ernennender  Bezirksführer  vorsteht.
Die  Bezirke  sind  möglichst  den  Grenzen  der  jeweiligen  Gemeinde-Wahlbezirke
  anzupassen.
Die  Bezirksführer  bilden  sich  zur  Bewältigung  aller  ihnen  obliegenden
  Arbeiten  Anterbezirke,  in  welchem  sie  je  einen  Obmann  ernennen, ­
  der  seinerseits  wiederum  für  Hilfskräfte  bei  Wahlen,  Flugblattverbreitungen ­
  oder  sonstigen  Veranstaltungen  des  Wahlvereins  in
agitatorischer  Beziehung  zu  bestimmter  Zeit  Sorge  zu  tragen  hat."
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        97

-  !

Zähk-Karte  für  den  Wahl-Bezirk  M
fiftenfütir«:  ,.&amp;lt;2Zau.~ 7

Eingeschriebene ­

Wühler.

Abgegebene ­

Stimmen.

Sozialdemo ­
 ­


Deutschfrei
 ­


Konservative. ­


Christlich
soziale.

Centrum.

Zersplittert. ­


Ungültig.

K/6

$0

66

//

1

*6

6

£

DIrft  Karle  gilt  »nr  für  das  Endresultat.

45.  Ausgefüllte  Zählkarte  von  einer  Reichstagswahl

Nach  alledem  ist  der  Geist  der  Kreisorganisation  als  fast  durchgängig
zentralistisch  zu  bezeichnen,  und  dies  spiegeln  auch  die  Statuten  der  örtlichen ­
  Wahlvcreine  dadurch  wider,  daß  sie  sich  in  den  Hauptpunkten  kurzweg ­
  auf  das  Statut  des  Zentralwahlvereins  berufen.  So  lauten  die  §8  5,
7  und  8  des  Statuts  des  diesem  Kreise  angehörenden  Wahlvereins
Schöneberg:
„Die  Erwerbung  und  der  Verlust  der  Mitgliedschaft,  die  Löhe
des  Eintrittsgeldes  und  die  monatlichen  Beiträge  werden  nach  den
88  6,7  und  8  des  Statuts  des  Zentralwahlvereins  bestimmt."  —  „Pflicht
eines  jeden  Mitgliedes  ist  es,  sich  an  allen  Parteiarbeiten  des  Vereins
zu  beteiligen  (88  9  und  17  des  Statuts  des  Zentralwahlvereins)."  —
„Die  Verwaltung  der  vom  Vereine  aufgebrachten  Gelder  wird  nach
8  15  des  Statuts  des  Zentralwahlvereins  geregelt."
Die  Abhängigkeit  der  örtlichen  Wahlvereine  vom  Zentralwahlverein
wurde  auch  noch  dadurch  zum  Ausdruck  gebracht,  daß  die  ersteren  sich  mit
Bezug  auf  ihren  politischen  Zweck  gleichfalls  kurzerhand  auf  das  Statut
des  letzteren  beriefen.  Der  Paragraph  1  der  örtlichen  Wahlvereine  im
Kreise  Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg  lautete:  „Der  Verein,
dessen  Sitz  .....  ist,  dient  der  Förderurig  der  Sozialdemokratie  gemäß
§  2  des  vorstehend  abgedruckten  Statuts  des  Zentralwahlvereins."  Die
Bestiinmungen,  die  das  eigene  Leben  des  örtlichen  Wahlvereins  betrafen,
waren  auf  das  Notwendigste  beschränkt.  Sie  betrafen  die  Zusammensetzung ­
  und  Wahl  des  Vorstandes  sowie  der  Revisoren,  die  Festsetzung
des  Tages  der  monatlich  abzuhaltenden  regelmäßigen  Vereinsversammlungen
und  der  vierteljährlich  abzuhaltenden  Generalversammlungen,  die  Behandlung
eingebrachter  Anträge  und  den  Leimfall  des  Vereinsvermögens  an  den
Zentralwahlverein  im  Falle  der  Auflösung  des  örtlichen  Vereins.
Soweit  war  alles  streng  zentralistisch  geordnet.  Indes  schon  die
Bestimmung,  daß  jeder  örtliche  Wahlverein  unbekümmert  um  die  Zahl
seiner  Mitglieder  drei  Delegierte  in  die  Generalversammlung  des  Kreises
entsenden  durfte,  trug  in  das  Statut  ein  Stück  Föderalismus  hinein,  und
dem  Prinzip  des  Föderalismus  entsprach  es  auch,  daß  der  örtliche  Wahlverein
  in  bezug  auf  die  Wahl  seiner  Leiter  und  Beamten  vollständig
unabhängig  war;  sie  waren  seine  Angestellten  und  nicht  die  des  Zentra  -
Bernstein,  Berliner  Geschichte.  III.  7
        <pb n="97" />
        98

Wahlvereins.  Dann  aber  ließ  auch  das  Statut  des  Zentralwahlvereins  den
örtlichen  Wahlvereinen  allerhand  Spielraum  für  die  Entwickelung  eines
eigenen  inneren  Lebens,  und  je  mehr  diese  Vereine  wuchsen,  um  so  mehr
wirkte  das  praktische  Bedürfnis  und  das  natürliche  Bestreben  nach  Selbstbestimmung ­
  dahin,  die  örtliche  Selbstverwaltung  zu  steigern.  Die  örtlichen
Wahlvereine  hielten  eigene  Agitationsversammlungen  ab,  nahmen  zu  Parteiftagen
  selbständig  Stellung,  führten  ihre  Wahlkämpfe  selbständig  und  waren
namentlich  frei  in  der  Auswahl  ihrer  Kandidaten  für  die  örtlichen  Vertretungskörper ­
  und  die  Bestimmung  ihrer  Wahltaktik.  Diese  Einschränkung
oder  sagen  wir  lieber  diese  Begrenzung  des  Zentralismus  war  notwendig,
sollte  er  nicht  zum  engen  und  geisttötenden  Bureaukratismus  ausarten.
Indes  waren  es  weniger  vorgefaßte  theoretische  Anschauungen,  welche  zu
ihr  führten,  als  die  erfahrungsmäßig  gewonnene  Einsicht  in  die  Erfordernisse
eines  gesunden,  nach  allen  Seiten  hin  sich  kräftig  entfaltenden  Lebens  der
Partei.  Nicht  nach  einem  fertigen  Schema,  sondern  schrittweise,  wie
das  Bedürfnis  selbst  sich  einstellte,  erhielt  der  Organismus  die  Form  einer
methodischen  Verbindung  zentralistischer  und  föderativer  Einrichtungen,  und
gewöhnlich  hatte  das  Statut  nur  zu  sanktionieren,  was  sich  in  der  Praxis
verschiedentlich  schon  selbst  Bahn  gebrochen  hatte.
Sehr  viel  später  wie  der  Wahlkreis  Teltow-Beeskow-Storkow  schuf
sich  der  Wahlkreis  Niederbarnim  einen  Zentralwahlverein,  dessen  Statut
sich  heute  in  keinem  wesentlichen  Punkt  voin  Statut  des  erstgenannten  Kreises
unterscheidet.  Das  Verhältnis  der  örtlichen  Wahlvereine  des  Kreises  zum
Kreiswahlverein  ist  hier  das  gleiche  wie  dort.
Dies  der  äußere  oder  formale  Entwickelungsgang  der  Organisation
der  Sozialdemokratie  Groß-Berlins.  Ihr  inneres  Leben  läßt  sich  schwer
in  Kürze  so  veranschaulichen,  daß  es  dem  Leser  unmittelbar  vor  Augen
tritt.  Lier  muß  die  Phantasie  nachhelfen,  und  wer  auch  nur  einige
Erfahrung  im  Partei-  und  Vereinsleben  hat,  dem  wird  es  nicht  schwer
fallen,  auf  Grund  des  hier  gegebenen  Bildes  von  der  Gliederung  der
Organisation  sich  das  Zusammenwirken  der  Glieder  vorzustellen.  Im
gewöhnlichen  Verlauf  der  Dinge  lag  in  Berlin  in  den  ersten  Jahren  nach
Ablauf  des  Sozialistengesetzes  der  Schwerpunkt  des  Parteilebens  bei  den
Vertrauensmännern  und  den  „Korporas",  verschob  sich  aber  dann  immer
mehr  nach  den  Wahlvereinen  der  einzelnen  Wahlkreise  hin,  wobei  die
Teilung  von  Berlin  IV,  außer  bei  der  Reichstagswahl,  fast  wie  eine  Teilung
in  zwei  selbständige  Kreise  wirkte.  Nach  Aufhebung  des  Verbindungsverbots ­
  sind  die  sieben  sozialdemokratischen  Wahlvereine  der  Lauplstadt
ganz  selbständige  politische  Körper,  die  nur  für  gewisse  gemeinsame
Agitations-  usw.  Zwecke  begrenzte  Vollmachten  an  die  für  diese  Zwecke
eingesetzten  Kommissionen  abgeben,  während  in  den  beiden  Vorortswahlkreisen ­
  der  Schwerpunkt  zwischen  Kreiswahlverein  und  Ortswahlverein  zu
liegen  kommt.  In  Berlin  geben  die  Wahlvereine  bezw.  deren  Vorstände
den  Abteilungsführern  und  diese  den  Bezirksführern  die  auf  die  Besorgung
der  Parteigeschäfte,  die  Vorbereitung  von  Wahlen  usw.  bezüglichen
Weisungen,  was  sich  in  der  Regel  so  macht,  daß  erst  der  Vorstand  die
Abteilungsführer  zu  einer  erweiterten  Sitzung  einladet  und  dann  diese  in
ihren  Abteilungen  Sitzung  mit  den  Bezirksführern  abhalten.  In  deir
Vorortswahlkreisen  tritt  in  solchen  Fällen  für  den  Verkehr  zwischen  Kreis-
        <pb n="98" />
        7*

f  Arbeiter!  Parteigenossen!

.D  Seit  Zwei  Jahren  macht  sich  eine  furchtbare  Krisis
-A  im  Wirtschaftsleben  bemerkbar,  deren  tfnöe  noch  nicht
»  abzusehen  ist.  Hunderttausende  von  Arbeitern  bemühen
^  sich  vergeblich  um  Arbeit,  um  sich  und  ihre  Familie  vor
^  dem  Verhungern  zn  schützen.  In  sinnloser  Weis"  wurde.
wie  das  im  Wesen  der  privatkapitalistischen  Pr^ouktionßg*
  weise  liegt,  in  den  Jahren  des  Aufschwungs  ins  Blaue
^  hinein  gearbeitet.  Menschen  und  Maschinen  wurden  bis  an
3  die  Grenze  des  möglichen  ausgenutzt.  Die  MLllwrien-O
  Profite  steckte»  die  Unternehmer  in  die
H  Taschen,  die  Arbeiter  gingen  leer  aus.
Au8  Furcht,  ihr  Prosit  könnte  ihnen  durch  Lohnforderungen
£  geschmälert  werden,  suchten  die  Unternehmer  Sturm  zu
siS  laufen  gegen  das  Koalitionsrecht  derselben  Arbeiter,  auf
v»  die  sie  heute  durch  Lohnkürzungen  die  Folgen  der  Krisis
w  abwälzen.
Klingt  es  nicht  wie  Hohn,  wenn  man  unter  den
I?  heutigen  Verhältnissen  von  einer  gesicherten  Existenz  der
s*  Arbeiter  spricht?  Welcher  Arbeiter  ist  denn  davor  geschützt.
**L  ^ )on  morgen  auf  die  Straße  gesetzt  und  dem  Untergange
preisgegeben  zu  werden?  Aber  nicht  nur  die  privaten
ig-  Unternehmer,  nein,  auch  die  Gemeinden,  die  den  Privaten
!tr  mit  gutem  Beispiel  vorangehen  sollten,  der  Staat  und
iS  das  Reich,  deren  Betriebe  Musterbetriebe  sein  sollten  —
A.  sie  alle  predigen  und  bethätigen  daS  nackte  Unternehmero
  interesse  Und  die  wenigen  Ausnahmen,  die  wirklich  ein
'Äö  ^^2  für  die  Arbeiter  haben,  stehen  den  heutigen  Zuständen
.Z  ohnmächtig  gegenüber.  Dem»  diese  Zustände  sind  eine
o  Folgcerscheinnng  ber  kapitalistischen  Wirtschafts-^
  ordnnng,  sie  werden  erst  mit  dieser  verschwinden,
•g-  Pflästerchen.  wie  sie  weltfremde  Ideologen  und  Ethiker
«  empfehlen,  köniwn  das  Uebel  wohl  verkleistern,  aber  nicht
t*  heilen
Ü  .  Hub  um  das  Mag  des  Elends  voll  zu  machen,  um
2  die  Leiden  des  arbeitenden  Volkes  bis  zur  Unerträglichkeit
A  »n  steigern,  sich  selbst  aber  noch  mehr  zu  bereichern,  haben
die  Unternehmer,  unterstützt  von  Junkern  und  Pfuffen.
*-*  durch  fortgesetzte  Gewaltstreiche,  trotz  des  zähen  Wider-,8
  standeS  der  Arbeitervertreter  im  Deutsche»  Reichstage,  den
Wucher-tarif  dem  Volke  als  Weihnachtsgabe  dargebracht
£  Im  Kampfe  gegen  Brot-  und  Flcischwucher  hat
„S?  ~  abgesehen  von  einzelnen  Ideologen  und  Eingängern  —
^  nur  eure  Partei  ihren  Mann  gcstauden.  die
xA  Sozialdemokratie.  Die  reaktionäre  Mehrheit  des
Reichstages  aber  hat  sich  nicht  gescheut,  den  Fluch  der
L  Volksausbeutung  auf  sich  zu  laden,  und  die  angeblichen
VolkSfrennde  unter  Führung  des  freisinnige«  Helden
*2  Eugen  Richter  haben  der  Reafnon  hilfreiche  Hand
geleistet  und  sind  zv  Verrätern  an  de?  Sache  des  Volkes
geworden.

Arbeitskollegen!  Mit  einem  Schlage  hat
Euch  die  gesetzgebende  Körperschaft  des  Deutsche»
Reiches  die  geringen  Lohnerhöhungen,  die  Ihr
vielleicht  in  der  Zeit  der  Prosperität  nach  heißen,
aufopfernden  Kampfe»  errungen  habt,  wieder  entrissen. ­
  Die  parlamentarischen  Kämpfe  der  letzten  Monate
sollten  auch  dem  Jndiffcrcüteslen  die  Augen  öffnen  und
ihn  lehren,  sein  Recht  zu  gebrauchen.  Die  Erfahrung
lehrt,  daß  Ihr  vereinzelt  nichts  seid  und  nur  in  festgeschlossenen
  Reihen  etwas  erreichen  könnt.  Aus  dieser
Erkenntnis  heraus  schließt  Ihr  Euch  pflichtgemäß  (Suren
gewerkschaftlichen  Organisationen  an.  um  den  Ausbeutungsgelüsten ­
  der  Unternehiner  wenigstens  einigermaßen  entgegentreten
  zu  können.  Aber  die  gewerkschaftliche  Bewegung
allein  genügt  nicht  zur  Befreiung  der  Arbeiterklasse  aus
den  Fesseln  des  Kapitalismus.  Ihr  »nützt  Euch  auch
politisch  organisieren,  damit  Ihr  Einfluß  ans  die
Gesetzgebung  gewinnt  und  erfolgreich  gegen  Ausbeutung ­
  und  Vergewaltigung  ankämpfen  könnt.
Ihr  bildet  die  ungeheure  Mehrheit  des  Volkes  und  keine
Macht  ist  im  stände.  Euch  Eure  Rechte  auf  die  Dauer
vorzuenthalten,  sofern  Ihr  sic  nur  entschlossen  Und  zielbewußt ­
  gebraucht.
Politische  und  gewerkschaftliche  Bewegung
müssen  Hand  in  Hand  gehen.  Was  nützt  Euch  das
Koalitiousrecht.  wenn  eö  nur  auf  dem  Papier  steht,  aber
seine  praktische  Ausübung  durch  gekünstelte  GesetzesauSIegung
  vereitelt  wird,  ohne  daß  sich  im  Parlament
ein  flammender  Protest  gegen  eine  solche  Entrechtung
erhebt  Was  nützen  Euch  Lohnaufbesserungen,  wenn  sie
doppelt  und  dreifach  wett  gemacht  werden  durch  eine
Klassengesetzgebung,  der  daS  Interesse  der  Besitzenden  als
höchstes  und  einziges  Gesetz  vor  Augen  schwebt.  Erinnert
Ihr  Euch  nicht  mehr  der  12  000  Mark-Affaire.  die  aufs
deutlichste  gezeigt  hat.  daß  die  Regierimgsverlretcr  nichts
sind  als  die  Handlanger  der  Kapitalistenklique.
Noch  einmal  rufen  wir  Euch  zu:  organisiert  Euch
nicht  nur  gewerkschaftlich,  sondern  auch  politisch.
Welcher.  Partei  Ihr  Euch  anzuschließen  habt,  darüber
kann  kein  Zweifel  bestehen.  Die  wahre  Vertretung  der
Arbeiterinteressen  bietet  einzig  und  allein  die  Sozialdemokratie. ­
  Alle  anderen  Parteien  sind  im  Grunde  ihres
Herzens  arbeiterfeindlich,  wohl  betteln  die  Herren  bei  den
Wahlen  um  Eure  Stimmen,  aber  wenn  sie  gewählt  sind,
dann  keimen  sie  Euch  nicht  mehr  und  in  den  Stunden
der  Entscheidung  lassen  sie  Euch  im  Stich.  Laßt  Euch
nicht  von  denen  bethören,  die.  sei  es  in  Unkenntnis  der
thatsächlichen  Vorgänge,  sei  es  um  Euch  wieder  zu  Sklaven
zu  machen,  die  Aufforderring  zur  Abkehr  von  der  Sozialdemokratie ­
  an  Euch  richten.  Von  jeher  hat  nur  die  Sozial-46

  und  47.  Propagandaflugblatt  zum  Eintritt  in  die  Wahlvereine
        <pb n="99" />
        Demokratie  Eure  Rechte  vertreten,  aber  sie  stand  innner
allein,  wenn  sie  das  volle  und  uneingeschränkte  Koal-tionSrecht
  und  einen  wirkliche»  Arbeitcrschutz  verlangte.
Kein«  Trennung  von  der  Sozialdemokratie,
wie  es  u»sre  Gegner  so  sehnlichst  wiinschen,  —  im
Gegenteil,  ein  innigerer  Anschluß  L«  sie  —  das
sei  Eure  Parole.  Glaub!  nicht  Eure  Pflicht  erfüllt  zu
haben,  wenn  Ihr  ab  und  zu  bei  den  Wahlen  Eure
Stimme  für  einen  Sozialdemokraten  abgebt,  sondern
tretet  den  sozialdemokratische»  Wahlvereineu  bei.
Das  ist  Eure  Pflicht.  Der  geringe  Beitrag  van  W  Pf,
monatlich  gestattet  es  auch  dem  wirtschaftlich  schlecht
gestellten  Arbeiter,  seiner  Pflicht  der  Organisation  gegenüber ­
  nachzukominen.

Arbeitskollege»!  Ein  Jahr  heißen  Kampfer  steht
uns  bevor,  Ihr.  die  Ihr  täglich  seht,  welch»  Macht  eine
Organisation  im  wirischastlichen  Kampfe  bedeutet,  tretet
ein  in  die  politische  Organisation.  Denen  aber,
die  bereits  politisch  organisiert  sind,  rufen  wir  zu:
Werbt  neue  Käinpfer,  agitiert  in  zäher  SS:;?»
daner  ans  den  Arbeitsstätte»,  in  de»  Zusammenkiinfie»,
  im  geselligen  Beisammensein  sür  die
Sozialdemokraiie  und  sür  deren  Organisationen:
den  sozialdemokratischen  Wahlverrinr-r,
Mit  Flaunnenroorten  wendet  Euch  an  die  noch
nicht  Aufgeklärten,  laßt  den  Eifer  nicht  erkalten,
es  zelt  sllr  unsere  große  Sache  zu  kämpfe«.  Immer
und  immer  predigt  mit  warmem  Herzen:

Hinein  in  die  politische  Organisation,  hinein  in  die
soziaidernokratischerr  WahlVerrine.

Sie  fozlal&amp;amp;föoiäratlfclies  Vertrauensleute  Berlins.

Aufnahme  von  Mitgliedern  nehme»»  federzeit  entgegen

1.  Wahlkreis:
Georg  Weihnacht,  Erünstr,  21.
Ernii  G8«ther,  Bischoffir.  12.
Gnstao  Rirdtkr,  FlenSburgerstr.  24
2.  Wahlkreis:
Süden:  Ford.  Ewald,  Schönleinstc.  8
Südwest:  Paal  Kcholz,  Barutherstr,  22.  Erke
Zossenerstraße.
Westen:  Gskar  Knmkr,  Bülowstr.  8S,
».  Wahlkreis:
Mlh.  Korner,  Rittcrftr.  IS.
Ernst  Ker.  Mte  Jakobsw.  US,
Wart!«  Mrscha,  Adalbertstc,  24.  Eingang  Engel-Ufer,

In  den  Vororten  Berlins  ersuchen  wir
Orte  bestehenden  Wahlverei»  zu  ivendcn.

4.  Wahlkreis:
Südosi:  Kau!  Koh«,  Lausitzer  Platz  14/15.
G.  Kchrrls,  Admiralstr,  40a  MostbuserLhor)
W.  Erde.  Cuvrystr.  25,
Osten:  Kr.  Thiritzr,  Pallisadenstr.  52.
5.  Wahlkreis.
%eo  ziepurau«,  Linienstr,  242  !
6.  Wahlkreis:
Ramio«,  Schönhauser  Allee  135,
Sachgä«grr,  Swmemündcrstr,  34.
KhenÄroth,  Badstr.  42/43,
Tausche!,  Wiesensir,  29,
Kahrom,  Ravenestr,  6,
Kaiser.  Pflugsir.  8.
Fischer,  Waldstr.  8.
die  Genossen,  sich  an  den  in  dem  betreffenden

Außerdem  werden  in  asten  mit  diesbezüglichen  Plakaten  belegten  Lokale»  Mitglieder,  ausgenommen.


Se:«rt»ortLch  für  RedaMvrr  «nd  »erlag:  Lugen  Tr  „st.  Berlin  Ae«er&amp;gt;mrniir.  s,  -  Druck:  Bsrwörv  BuchdrEet  Daul  -Singer  »  Berlin  SW,  ca

46  und  47.  Propagandaflugblatt  zum  Eintritt  in  die  Wahlvereine
        <pb n="100" />
        101

wahlverein  und  Ortsorganisation  (Wahlverein  oder  Beitragssammler)  die
vertrauliche  Kreiskonferenz  als  Bindeglied  hinzu.  Die  Konferenzen  der
Vertrauenspersonen  Groß-Berlins  aber  finden  ihren  Ersatz  in  Konferenzen
der  Kreiswahlvcreinsvorstände,  und  was  die  ehemalige  Gesamtkorpora  besorgte, ­
  wird  nun  in  öffentlichen  Delegiertenversammlungen  Groß-Berlins
verhandelt  und  erledigt.
Am  es  an  einem  Beispiel  lebendig  zu  veranschaulichen.  Während  die
Delegiertenversammlung  die  parlamentarische  Vertretung  Groß-Berlins
bildet,  sind  die  Konferenzen  der  Wahlvereinsvorstände  die  Vollziehungsinstanz. ­
  Nehmen  wir  an,  auf  einer  solchen  Konferenz  werde  der  Beschluß
gefaßt,  im  Anschluß  an  irgendwelches  Vorkommnis  oder  auch  bloß  behufs
Aufrüttelung  der  Geister  wieder  einmal  eine  Flugblaktverbreitung  in  Groß-Berlin
  ins  Werk  zu  sehen.  Man  einigt  sich  über  Natur  und  gegebenenfalls ­
  auch  über  den  Verfasser  des  Flugblattes,  oder  überträgt  es  bestimmten
Personen,  einen  geeigneten  Verfasser  zu  gewinnen.  Dann  wird  das  Datum
der  Verbreitung  festgesetzt  und  für  rechtzeitigen  Druck  und  Ablieferung
Sorge  getragen.  Ist  all  das  geordnet,  dann  ergeht  an  die  Abteilungsführer ­
  die  Weisung,  den  Bezirksführern  ihrer  Abteilung  mitzuteilen,  daß
sie  sich  mit  den  zur  Lilfsarbeit  —  hier  also  Austragen  —  bereiten  Mannschaften ­
  („Kilfsmannschaften")  aus  ihrem  Bezirk  an  dem  bestimmten  Tage
zu  bestimmter  Stunde  für  die  Flugblattverbreitung  in  ihren  bezüglichen
Lokalen  zusammenzufinden  haben.  Anter  dem  Sozialistengesetz  und  noch
einige  Zeit  später  erfuhren  weder  der  Abteilungsführer,  damals  „Äauptmann"
genannt,  noch  der  Bezirksführer  („Vertrauensmann")  und  noch  weniger
das  einzelne  Mitglied  vorher  etwas  über  den  Zweck  der  Einberufung.  Sie
erhielten  nur  Mitteilung,  sich  für  irgendwelchen  Zweck  bereitzuhalten,
und  erst  iin  letzten  Moment  wurden  den  Lauptleutcn  die  für  ihren  Stadtteil ­
  bestimmten  Flugblätter  zur  Auslieferung  an  die  Vertrauensmänner  übergeben, ­
  die  mit  ihren  Mannschaften  gleich  nach  Empfang  sich  an  die  Arbeit
des  Austragens  zu  machen  hatten.  Die  Geheimhaltung  des  Zweckes,  die
notwendig  war,  solange  mit  Konfiskation  des  Flugblattes  und  Verhaftung
der  Verbreiter  gerechnet  werden  mußte,  fiel  dann  nach  und  nach  hinweg,
jeder  erfuhr  vorher,  wozu  er  einberufen  ward,  und  schließlich  wurde  sogar
im  „Vorwärts"  offiziell  mitgeteilt,  daß  an  dem  und  jenem  Tage  in  Groß-Berlin
  eine  allgemeine  Flugblattverbreitung  stattfinden  werde  und  alles  sich
bereitzuhalten  habe.  Auch  erhielten  die  Abteilungsführer  und  die  Bezirksführer ­
  die  auf  sie  entfallenden  Pakete  Flugblätter,  da  es  sich  jetzt  um  ganz
andere  Mengen  handelte  und  auch  die  Flugblätter  selbst  ausführlicher
waren,  früher  zugestellt.  Sonst  aber  blieb  der  Verlauf  der  Abwickelung
des  Anternehmens  im  ganzen  der  gleiche.  Zu  ein  und  derselben  Stunde
ging  und  geht  man  überall  daran,  die  Flugblätter  in  die  Wohnungen  zu
tragen,  und  in  wenigen  Stunden  ist  ganz  Berlin  mit  dem  Aufruf  der
Sozialdemokratie  versehen.  In  dieser  Hinsicht  ist  die  Maschine  nur  immer
mehr  vervollkommnet  worden.
In  anderen  Punkten  aber  brachte  das  reichere  innere  Parteileben,  das
die  Öffentlichkeit  der  Bewegung  erlaubte,  und  die  geschilderte  stärkere  Verselbständigung ­
  der  an  Mitgliedern  immer  mehr  zunehmenden  einzelnen  Wahlkreise ­
  auch  mancherlei  Reibungen  und  erschwerten  Geschäftsgang  mit  si  ).
And  so  kam  in  den  Kreisen  der  im  Mittelpunkt  der  Bewegung  stehen  cn
        <pb n="101" />
        102

Parteimitglieder  der  Gedanke  auf  und  fand  immer  mehr  Anklang,  durch
Bildung  eines  umfassenden  Zentralverbandes,  eines  nach  einheitlichen  Gesichtspunkten ­
  gegliederten  „Verbandes  der  Verbände",  die  organisatorische  Einheit
von  Groß-Berlin  wiederherzustellen.
2.  Berlins  Sozialdemokratie  um  1895  im  Spiegel  der
Polizeiberichte.
Es  gehört  nicht  viel  dazu,  das  Getriebe  einer  Organisation  zu  bespitzeln, ­
  die  ihre  Mitglieder  nach  vielen  Tausenden  zählt  und  nach  demokratischen ­
  Grundsätzen  arbeitet.  Daher  konnte  es  kein  Wunder  nehmen,
daß  nach  dem  Köllerstreich  die  Polizei  der  Staatsanwaltschaft  ein  recht
umfangreiches  Material  über  Vertrauensmännersitzungen  und  dergleichen
zuzustellen  hatte.  Es  umfaßt  mit  allen  schriftlichen  und  gedruckten  Beweisstücken ­
  mehrere  Bände  und  ward  von  der  Staatsanwaltschaft  in  der  Anklageschrift ­
  recht  anschaulich  verarbeitet.  So  ist  das  betreffende  Stück  aus
dieser  Arkunde  für  unsere  Geschichte  von  besonderem  Interesse  und  soll
daher  wörtlich  hier  Aufnahme  finden.
Die  Anklageschrift  beschreibt,  nach  einerziemlich  in  die  Einzelheiten  gehenden
allgemeinen  Einleitung  über  die  Organisaüon  der  Partei  und  ihre  Anterorgane,
  die  Verbindung  der  Parteileitung  mit  den  örtlichen  Organisationen.
Sie  kennzeichnet  die  Tätigkeit  der  Preßkommission,  der  Agitationskommission
sowie  der  Lokalkommission  in  allgemeinen  Zügen,  ohne  mehr  zu  sagen,  als
was  oben  schon  über  diese  Körper  gesagt  wurde,  und  widmet  sich  dann
eingehend  der  Beleuchtung  der  Tätigkeit  der  Vertrauensmänner  und  ihrer
Beziehungen  zu  den  Wahlvereinen.  Dieser  Abschnitt,  in  dem  wir  dort,
wo  es  sich  um  unpolitische  Vorkommnisse  handelt,  die  Namen  und  Zahlen
durch  Punkte  ersetzen,  lautet:
V.  Die  sechs  Berliner  Wahlkreise  und  die  Vertrauenspersonen.
Die  Wahlkreise  der  Vertrauenspersonen  werden  in  einem  gemeinsamen
Abschnitt  behandelt,  um  Wiederholungen  zu  vermeiden,  da  die  Tätigkeit  derselben ­
  vielfach  in  einander  übergreift  und  sich  gegenseitig  ergänzt.
In  jedem  Berliner  Reichstagswahlkreis  besteht  ein  sozialdemokratischer
Wahlvorstand.  Die  Statuten  sämtlicher  6  Wahlvereine  sind  dem  Königlichen
Polizei-Präsidium  eingereicht;  die  Mitglieder  des  Vereins  werden  regelmäßig
nach  den  Vorschriften  des  Vereinsgesetzes  mitgeteilt.  Der  Vorstand  besteht
aus  Vorsitzenden,  Schriftführern,  Kassierern  und  Beisitzern.  Er  wird  in  öffentlicher ­
  Versammlung  gewählt.  Zur  Kontrolle  der  Kaffenführung  werden  Revisoren ­
  öffentlich  gewählt.  Die  Geschäfte  des  Vorstandes  sind  in  den  Statuten
genau  angegeben.  Jedes  Mitglied  des  Wahlvereins  erhält  ein  Mitgliedsbuch,
in  welchem  durch  Einkleben  einer  Marke  über  den  monatlichen  Beitrag  von
20  Pfennigen  quittiert  wird.  Die  Beiträge  werden  an  bestimmten  Zahlstellen
des  Wahlkreises  entgegengenommen  und  an  den  Kassierer  des  Kreises  abgeführt. ­
  Den  Vorsitz  in  den  Vorstands-  und  Vereinsversammlungen  führt  der
Vorsitzende.  Zur  besseren  Durchführung  der  Agitation  und  zur  Erleichterung
der  Vereinsarbeit  sind  in  den  meisten  Wahlkreisen,  namentlich  den  größeren
(2.,  4.,  6.)  Unterabteilungen  gebildet.  Es  zerfallen  die  Kreise  in  sogenannte
Viertel  und  diese  wiederum  in  Bezirke,  denen  die  Abteilungs-  (oder  Viertels-)
und  Bezirksführer  vorstehen.  Vgl.  den  Organisationsentwurf,  Bd.  l.  Bl.  124.
Neben  dieser  öffentlichen  Organisation  besteht  noch  eine  sogenannte
innere  Organisation,  welche  vor  dem  Königlichen  Polizei-Präsidium  geheim
        <pb n="102" />
        103

gehalten  wird.  Sie  wird
durch  dieVertrauensmänner
geleitet.  Diese  werden  in
öffentlichenVersammlungen
von  den  einzelnen  Kreisen
gewählt.  Ihre  Zahl  ist  nach
der  Größe  der  Wahlkreise
verschieden.  Wie  oben  bereits ­
  ausgeführt,  find  die
Vertrauenspersonen  durch
das  Hallenser  Organisationsstatut ­
  zunächst  zu
dem  Zwecke  eingeführt,  um
die  verbotene  Verbindung
zwischen  der  Parteileitung
und  den  Wahlvereinen  herzustellen. ­
  Diese  Tätigkeit
erforderte  besonders  zuverlässige ­
  und  mit  denVerhältniffen
  genau  vertraute  Personen. ­
  Durch  das  geheime
Zirkular,  Bd.  I,  Bl.  14,
war  ihnen  verboten,  Vertrauensämter ­
  in  ihrenWahlvereinen
  zu  bekleiden;  sie
durften  und  mußtendagegen
einfache  Mitglieder  der
Wahlvereine  sein.  Vermöge
ihrer  genauen  Kenntnis  der
agitatorischen  Bestrebungen
der  Parteileitung  waren  sie  zur  Leitung  der  inneren  (geheimen)  Organisation
besonders  geeignet.  Diese  letztere  bestand  neben  den  Vertrauensmännern
und  deren  Stellvertretern  aus  Gruppenführern  und  Bezirksführern.  Entsprechend ­
  der  öffentlichen  Organisation  waren  die  meisten  Kreise  auch
in  der  inneren  Organisation  in  Bezirke  eingeteilt,  denen  die  Gruppenführer
vorstanden,  die  Gruppen  wieder  in  Bezirke,  welche  ihre  eigenen  Führer
hatten.  In  vielen  Fällen  waren  die  Bezirks-  und  Gruppenführer  dieselben ­
  Personen,  wie  in  der  äußeren  öffentlichen  Organisation  die  entsprechenden ­
  Führer.  Die  innere  Organisation  war  zunächst  zu  dem  Zwecke
eingeführt,  um  bei  einer  etwaigen  Auflösung  der  Wahlvereine  sofort  in  Tätigkeit ­
  treten  zu  können.  In  Wirklichkeit  ist  dieses  auch  nach  der  am  29.  November
1895  erfolgten  Schließung  der  Vereine  der  Fall  gewesen.  Ihre  Tätigkeit  erstreckte ­
  sich  alsdann  auch  auf  Angelegenheiten,  deren  Erledigung  in  der  Öffentlichkeit ­
  nicht  zweckmäßig  erschien.  So  befaßte  sie  sich  mit  der  Bewilligung  von
Unterstützungen  an  einzelne  Mitglieder,  mit  der  Fällung  von  Schiedssprüchen
bei  Streitigkeiten  oder  Anzeigen  unehrenhafter  Landlungen  der  einzelnen  Mitglieder, ­
  mit  der  Regelung  von  Unterschlagungen  eingezogener  Beträge,  mit  der
Verbreitung  von  verbotenen  Schriften  und  namentlich  mit  der  geheimen  Vorwahl ­
  der  Vorstandsmitglieder  der  einzelnen  Kreise.  In  der  inneren  Organisation ­
  wurden  sogenannte  Corpore-Versammlungen  abgehalten,  an  welchen  die
Gruppen-  und  Bezirksführer  —  häufig  auch  Mitglieder  des  Wahlvorstandes  —
teilnahmen  und  in  denen  der  Vertrauensmann  den  Vorsitz  führte.  Innerhalb
der  inneren  Organisation  wurde  besonders  eifrig  Geld  gesammelt.  Zu  diesem
Zwecke  wurden  in  der  Druckerei  des  „Vorwärts"  sogenannte  Sammewono

Statut  unii  OMmgsdich
des
Sozialdemokratischen
Lentral-wahlvereins
für
Fertoiv-Neeskoiv-Storkorv-Kyartottenöurg.

Wahlverein  für
ßharlott-nkurg.
Druck:  Otto  Gverke,  Charlottenluirg,  DaNstr.  (59.

48.  Titelblatt  des  Statuts  und  Quittungsbuches
des  Sozialdemokratischen  Zentral-Wahlvereins
für  Teltow  -  Beeskow  -  Storkow  -  Charlottenburg
        <pb n="103" />
        104

hergestellt  und  durch  den
Reichstags  -  Abgeordneten
Fischer  an  die  Vertrauenspersonen ­
  der  einzelnen
Wahlkreise,  von  diesen
wiederum  an  ihre  Anterführer
  verteilt,  welche  gegen
Aushändigung  eines  Bons
10  Pfennige  in  Empfang
nahmen  und  an  den  Vertrauensmann ­
  ablieferten,
welcher  seinerseits  die  gesammelten ­
  Beiträge  an  den
Kassierer  der  großen  Parteileitung ­
  abführte.  Diese
Beiträge  sind  nicht  zu  verwechseln ­
  mit  den  monatlichen ­
  Mitgliederbeiträgen,
welche  seitens  des  Wahlvereins ­
  öffentlich  an  den
besonderen  Zahlstellen  erhoben ­
  wurden.
Zu  erwähnen  ist  noch,
daß  sämtliche  in  den  öffentlichen ­
  Wahlvereins  -  Versanimlungen
  vorgenommenen ­
  Wahlen  zum  Vorstande ­
  des  Wahlvereins,
zu  der  Preß-,  Lokal-,  Agitations-Kommission, ­
  zu  den
Delegierten  für  Parteitage
usw.  von  den  geheimen
Corpore-Versannnlungen  vorbereitet  wurden,  damit  nur  zuverlässige  Personen
in  die  Vertrauensstellungen  hineinkommen  sollten.  Die  öffentliche  Wahl  war
alsdann  nur  eine  äußere  Form.
Welchen  bedeutenden  Einfluß  die  Vertrauenspersonen  auf  die  Parteiangelegenheiten
  gehabt  haben,  geht  aus  dem  Entwurf  zur  Reorganisation  der
Sozialdemokratischen  Wahlvereine  Berlins,  Bd.  I,  Bl.  125,  hervor.  In  demselben ­
  wird  darüber  Klage  geführt,  daß  wegen  der  Bedeutung  der  Vertrauensmänner ­
  die  einzelnen  Wahlkreise  zu  keinem  rechten  Leben  kommen  können  und
für  die  Entwickelung  der  Partei  einflußlos  bleiben.  Gerade  diese  Erkenntnis
hat  in  den  meisten,  namentlich  den  größeren  Wahlkreisen  zur  Einführung  der
neuen  Organisation,  der  Einteilung  in  Viertel  und  Bezirke  mit  besonderen
Führern,  den  Anlaß  gegeben.  Dadurch  ist  es  auch  erklärlich,  daß  diese  Führer
vielfach  mit  den  bereits  eingearbeiteten  und  bewährten  Organen  der  Vertrauensmänner
  (d.  h.  der  sogenannten  inneren  Organisation)  identisch  sind.
Reben  der  Arbeit  im  eigenen  Wahlkreise  entfalteten  die  Vertrauensmänner ­
  noch  eine  sehr  eingehende,  die  sämtlichen  Berliner  Wahlkreise  umfaffende
  Tätigkeit.  Die  Vertrauenspersonen  aller  6  Wahlkreise  vereinigten
sich  vielfach  in  gemeinschaftlichen  Versammlungen,  welche  abwechselnd  von  den
Vertrauenspersonen  der  einzelnen  Kreise  einberufen  wurden.  In  diesen  Versammlungen ­
  wurde  stets  ein  Vertrauensmann  zum  Vorsitzenden  gewählt
meistens  der  Einberufer  —,  welcher  die  Verhandlungen  und  Abstimmungen
leitete.  Es  wurden  hier  politische  Angelegenheiten  aller  Art  erörtert,  die  Er-8

  l.
Alle  im  Reichstagsmahlkreise  T.-B.-St.-Ch.
bestehenden  sozialdemokratischen  Arbeiter-  rc.-Vereine ­
  bilden  einen  über  den  ganzen  Wahlkreis  sich
erstreckenden  Centralwahloerein  unter  dem  Namen
„Sozialdemokratischer  Centralwahloerein  für  den
Reichstagswahlkreis  Teltow  -  Bceskow  -  Storkow-Charlottenburg".
  Sitz  des  Vereins  ist  der  Sitz
des  Centralvorstandes.
8  2.
Zweck  des  Vereins  ist  die  Förderung  aller
derjenigen  Bestrebungen,  welche  aus  dem  Programm ­
  der  sozialdemokratischen  Partei  Deutschlands ­
  entspringen,  ferner  die  Unterstützung  aller
Bestrebungen,  welche  die  Hebung  der  Arbeiterklasse ­
  im  Allgemeinen  bezwecken.
Dies  soll  erreicht  werden  durch:
a.  Agitation  im  Sinne  der  Sozialdemokratie.
b.  Vorträge  und  Diskussion  über  politische,
rvirthschaftliche  und  wissenschaftliche  Fragen.
c.  .  Vorbereitung  und  Leitung  von  Wahlen.

49  und  50.  Zwei  Seiten  aus  den  Statuten  des
Sozialdemokratischen  Wahlvereins  für  Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg
        <pb n="104" />
        105

d.  Besprechung  von  Wahlen  zur  Delegation
von  sozialdemokratischen  Parteitagen  und
Arbeiterkongressen.
e.  Vertrieb  von  Flugblättern  und  sonstigen
geeigneten  Schriften.
8  ö.
Mit  der  Leitung  des  CentralwahlvereinZ
wird  ein  Centralvorstand  von  b  Personen  betraut.
Derselbe  besteht  aus  einem  Vorsitzenden  und  dessen
Stellvertreter,  einem  Kassircr,  einem  Schriftführer
und  einem  Beisitzer.  Der  Beisitzer  fungirt  als
KreiSvcrtrauensperson.
8  4.
Zur  Kontrolle  des  Centralvorstandes  sind
alljährlich  3  Revisoren  zu  wählen,  die  außerhalb
des  Sitzes  des  Zentralvorstandes  wohnen  niüssen.
An  diese  sind  alle  Beschwerden  über  den  Centralvorstand
  zu  richten,'  auch  bilden  sie  im  Verein  mit
dem  Centralvorstand  das  Schiedsgericht  bei
parteischädigenden  Streitigkeiten  in  den  einzelnen
Orten  sWahloereinen).
8  5.
Die  den  Centralverein  bildenden  Vereine
führen  den  Namen:  „Sozialdemokratischer  Wahlfahrungen ­

  über  die  bisherige
  Organisation  und
Agitation  ausgetauscht  und
Beschlüsse  über  die  weiter
einzuschlagenden  Wege  gefaßt. ­

Derartige  Versammlungen ­
  haben  stattgefunden:
1.  Am5.Dezember1894:
Äirtenstr.  10.
Gegenstand  der  Beratung: ­
  Hergäbe  von  Sälen
an  die  Partei.  Antrag  auf
Abhaltung  vonArbeitslosen-Versammlungen.

Nach  dem  „Vorwärts"
haben  am  18.  Januar  1895
diese  Versammlungen  der
Arbeitslosen  stattgefunden.
2.  Am  20.  Dezember
1894:  Ackerstr.  145.
Gegenstand  der  Beratung: ­
  Antrag:  Am  11.  Januar ­
  1895  13  Protestversammlungen ­
  gegen  die  Umsturzvorlage ­
  abzuhalten.  —
Debatte  über  Neuregelung
des  Broschürenbetriebs.  —
Beschluß  über  Erscheinen
einer  Broschüre  betreffend
Proportionalwahlen.
Nach  dem  „Vorwärts"  haben  die  Protest-Versammlungen  am  11.  Januar
1895  stattgefunden.  Einberufer  waren:  „die  Vertrauenspersonen".
3.  Am  14.  Januar  1895:  Naunynstr.  86.
Gegenstand  der  Beratung:  Die  zu  1  erwähnten  Arbeitslosen-Versammlungen
  sollen  nicht  am  16.  Januar  1895,  wie  ursprünglich  festgesetzt  war,
sondern  am  18.  Januar  1895  stattfinden.
4.  Am  19.  April  1895:  Naunynstr.  86.
Gegenstand  der  Beratung:  Abrechnung  über  die  rote  Märznummer;
381  Mk.  Überschuß  werden  der  Parieikasse  überwiesen.  —  Die  Ausgabe  der
Maifest-Nummer  soll  für  Berlin  am  27.  April  erfolgen.  —  Antrag  Stadthagen ­
  auf  Gründung  eines  Reserentenvereins  wird  abgelehnt.  —  Diäten  der
Reichstags-Abgeordneten  sollen  festgestellt  werden.  —  Vorsitzender:  Schulze.
5.  Am  17.  Mai  1895:  Oranienstr.  121.
Gegenstand  der  Beratung:  Änderung  des  Formulars  für  die  Lokalsperre.
6.  Am  30.  Mai  1895:  Schwedterstr.  33.
Gegenstand  der  Beratung:  Diäten  der  Reichstags-Abgeordneten.  Vertrauensmann ­
  Schulze  soll  wegen  seiner  Bestrafung  Revision  einlegen;  die  Kosten
sollen  aus  dem  Überschuß  der  roten  Märznummer  gedeckt  werden.
7.  Am  4.  Juli  1895:  Luisenstr.  5,  Vorsitzender  Hübner.
Stadtverordneten-Wahlen  betreffend.  —  Beschwerde  über  .  •  •  ♦  •  •  •
wegen  unsittlicher  Handlungen.  —  Beschwerde  gegen  die  Stadlverordne
wegen  der  Ehrung  von  Langerhans.

49  und  50.  Zwei  Seiten  aus  den  Statuten  des
Sozialdemokratischen  Wahlvereins  für  Teltow-Beeskow-Storkow-Charloltenburg
        <pb n="105" />
        m

m

K

—  106  -
8.  Am  12.  Juli  1895:  Lindenstr.  106,  Vorsitzender  Fritz.
Gegenstand  der  Beratung:  Nochmals  Beschwerde  gegen  die  Stadtverordneten ­
  wegen  Langerhans.  —  Beschwerde  gegen  G
9.  Am  16.  August  1895:  Königsbergerstr.  7,  Vorsitzender  Baumgarten.
Gegenstand  der  Beratung:  Kosten  der  Delegierten  zur  Leichenfeier  für
Engels.
10.  Am  1.  August  1895:  Lindenstr.  106,  Vorsitzender  Fritz.
Gegenstand  der  Beratung:  Diätensrage.  —  Am  13.  August  1895  sollen
Versammlungen  zum  Agrarprogramm  abgehalten  und  die  Delegierten  zum
Brandenburger  Parteitag  gewählt  werden.
Nach  dem  „Vorwärts"  haben  diese  Versammlungen  stattgefunden;  die
Beschlüsse  sind  so  gefaßt,  wie  die  Vertrauensmänner  vorher  beschlossen  hatten.
Einberufer  der  Versammlungen:  „Die  Vertrauenspersonen."
11.  Am  23.  August  1895:  Oranienstr.  121,  Vorsitzender  Fritz.
Anträge  für  den  Parteitag.  —  Diese  Anträge  werden  in  den  Versammlungen ­
  der  6  Wahlkreise  am  17.  September  1895  angenommen.  Vgl.
„Vorwärts."
12.  Am  4.  September  1895:  Lindenstr.  106,  Vorsitzender  Schulze.
Gegenstand  der  Beratung:  Unterstützung  für  den  in  Konkurs  geratenen
Genossen  —  Das  Telegramm  an  die  Pariser  Genossen  wird  genehmigt. ­
  Vgl.  „Vorwärts"  vom  3.  September  1895.  —  Am  17.  September
1895  sollen  Versammlungen  der  Wahlkreise  stattfinden  und  die  Anträge  zum
Parteitag  gestellt  werden.
Die  Versammlungen  haben  am  17.  September  1895  stattgefunden.  Einberuser:
  „Die  Vertrauenspersonen."  Vgl.  „Vorwärts"  vom  17.  September  1895.
13.  Am  13.  September  1895:  Äirtenstr.  10,  Vorsitzender  Lübner.
Gegenstand  der  Beratung:  Die  Preß-Kommission  soll  vierteljährlich
Bericht  erstatten.
Anträge  zum  Parteitag.
14.  Am  26.  September  1895:  Perlebergerstr.  28.
Gegenstand  der  Beratung:  Anträge  zum  Parteitag,  Festsetzung  der  Abreise
der  Delegierten  zum  Parteitag  in  Breslau.
Die  Abreise  ist  erfolgt,  wie  festgesetzt.
15.  Am  8.  Oktober  1895:  Iüdenstr.  36.
Gegenstand  der  Beratung:  Kommunalflugblatt  soll  am  13.  Oktober  verbreitet ­
  werden.  —  Am  18.  Oktober  1895  soll  eine  Versammlung  in  Kellers
Festsälen  stattfinden.  —  Am  24.  Oktober  1895  sollen  in  den  6  Wahlkreisen
Parteiversammlungen  stattfinden.  Wahl  der  Vertrauensmänner  usw.
Das  Flugblatt  ist  am  13.  Oktober  verteilt  worden  und  die  Versammlungen ­
  haben  stattgefunden.
Außer  diesen  Versammlungen,  an  denen  nur  Vertrauenspersonen  teilgenommen
  haben,  sind  von  den  letzteren  auch  eine  Anzahl  anderer  Versammlungen ­
  einberufen  worden,  an  welchen  sich  Mitglieder  der  verschiedensten
anderen  Vereine  beteiligt  haben.
Anker  anderem  haben  stattgefunden:
1.  Am  2.  Oktober  1894  in  der  Expedition  des  „Vorwärts",  Beuthstr.  2.
Teilnehmer:  a)  Parteivorstand:  Bebel,  Singer,  Auer,  Gerisch,  Pfannkuch;
b)  Lokal-Kommission:  Scholz;  c)  Preß-Kommission;  d)  Vertrauenspersonen:
Täterow,  Werner,  Fritz,  Baumgarten,  Schulze,  Pfarr,  Augusttn,  Schlichting,
Waschowsky.
Gegenstand  der  Beratung:  Bier-Boykott.
        <pb n="106" />
        107

JCi

44.  Kommunal'filablkzirh.

V

Montag,  den  31.  Oktober,  abends  8  V-  Uhr
Qeffetitl.  Volks'Versammlung
im  Saale  der
Brauerei  „Patzenhofer“,  Turmstr.  2S\26
Tages-Ordnung:
1.  Vortrag  des  Stadtverordnete»  Hermann  Schubert  über:
Die  Sünden  des  Treislnns  auf  dem  gebiete  der  Schule.

2.  Diskussion.

8»  recht  zahlreichem  Besuch  ladet  ein

Der  Einberufen

Somäag  Buchdrua-r-I  und  B-rIaoS-n!&amp;gt;a!,  P-Ul  EiNü-i  &amp;amp;  Io.  Berlin  SW.  (B.  Andensir.  09.

U  i  C  i

51.  Landzettel.  Einladung  zum  Besuch  einer  Kommunalwählerversammlung ­


2.  Am  18.  Oktober  1894:  Stallschreiberstr.  29.
Teilnehmer:  a)  Preß-Kommission,  b)  Vertrauensmänner.
Gegenstand  der  Beratung:  Am  6.  November  1894  sollen  Parteiversammlungen ­
  abgehalten  werden  mit  dem  Thema:  Bericht  über  Parteitag,  Wahl
der  Vertrauensmänner,  der  Preß-,  Lokal-Kommission  usw.
Diese  Versammlungen  haben  stattgefunden  am  6.  November  1894.  Einberuser:
  „Die  Vertrauenspersonen."
Verbreitung  eines  Flugblattes  zur  Verschärfung  des  Bierboykotts  am
11.  November  1894.
Die  Verbreitung  des  Flugblatts  hat  am  genannten  Tage  stattgefunden.
3.  Am  11.  Ottober  1894:  Beuthstr.  2.
Teilnehmer:  a)  Parteivorstand:  Bebel,  Singer,  Auer,  Pfannkuch,
Gerisch;  b)  Preß-Kommission;  c)  Lokal-Kommission:  Scholz;  d)  Vertrauens-Personen,
  wie  am  2.  Ottober  1894.
Gegenstand  der  Beratung:  Bier-Boykott.  Vgl.  „Vorwärts"  vom
16.  Oktober  1894.
4.  Am  10.  November  1894:  Beuthstr.  2.
Teilnehmer:  a)  Parteivorstand:  Bebel,  Singer,  Auer,  Pfannkuch,
Gerisch;  b)  Preß-Kommission;  c)  Lokal-Kommission;  d)  Vertrauenspersonen.
Gegenstand  der  Beratung:  Bier-Boykott.  —  Erscheinen  der  Gustav  Adolf-Broschüre.
  —  Erscheinen  des  Parteitags-Protokolls.  Vgl.  „Vorwärts"  vom
15.  November  1894.
5.  Am  14.  November  1894:  Stallschreiberstr.  29.
Teilnehmer:  a)  Parteivorstand:  Singer;  b)  Vertrauenspersonen.
Gegenstand  der  Beratung:  Verschärfung  des  Bier-Boykotts.

*&amp;lt;*aq
        <pb n="107" />
        Zur  Reorganisation

der

SoMemkiiUihm  Wchlmeine

Berlins.

Ko«der-Abdruck  aus  Dr.  278  des  „Konvilrls"
vom  23.  November  1893.

6.  Am  23.  Dezember
1894:  Beuthstr.  2.
Teilnehmer:  a)  Parteileitung: ­
  Singer,  Auer,
Gerisch;  b)  Pretz-Kommission;
  c)  Lokal-Kommission;
d)  Vertrauensmänner.
Gegenstand  der  Beratung: ­
  Verlegung  der  Arbeitslosen-Versammlungen;

Aufhebung  des  Bier-Boykotts. ­

7.  Am  1.  Februar  1895:
Oranienstr.  121.
Teilnehmer:  a)  Parteivorstand ­
  :  Gerisch,  Pfannkuch;
  b)  Preß-Kommission;
c)  Lokal-Kommission;  d)
Vertrauensmänner:  u.  a.
Augustin.
Gegenstand  der  Beratung: ­
  Abhaltung  der  Feier
des  18.  März.  Vgl.  „Vorwärts" ­
  vom  17.  März  1895.
—  Abhaltung  der  Maifeier.
Vgl.  „Vorwärts"  vom
l.Mai  1895.  —  Die  Freigabe ­
  der  Säle  wird  den
einzelnen  Wahlkreisen  überlasten. ­
  —  Einige  Bier-Boykott-Angelegenheiten.

8.  Am  22.  Februar  1895
Stallschreiberstr.  29.
Teilnehmer:  a)  Parteivorstand:  Pfannkuch;  b)  Vertrauenspersonen.
Am  28.  Februar  1895  sollen  8  Protestversammlungen  gegen  die  Tabaksteuer
  abgehalten  werden.
Dieselben  haben  stattgefunden  am  28.  Februar  1895.
Einberufen  durch  die  „Vertrauenspersonen".  Vgl.  „Vorwärts"  vom
28.  Februar  1895.

K«rU»  1802.
Buchdrück-rei  von  Max  Bading
SW n  Beuth  »Straße  2.
52  und  53.  Titelblatt  und  erste  Seite  der
Broschüre  über  die  Reorganisation  der  Sozialdemokratischen ­
  Wahlvereine  Berlins

9.  Am  3.  März  1895:  Bülowstr.  59.
Teilnehmer:  a)  Parteivorstand:  Gerisch;  b)  Preß-Kommission;  c)  Vertrauenspersonen: ­
  u.  a.  Werner  und  Schlichting.
Gegenstand  der  Beratung:  Es  soll  eine  rote  Märznummer  erscheinen.
(Beschlagnahmt  am  16.  März  1895  in  517  Exemplaren.)  —  Antrag  über  einheitliche ­
  Regelung  der  Abendkonzerte.

10.  Am  5.  September  1895:  Oranienstr.  51.
Teilnehmer:  a)  Parteivorstand:  Gerisch  und  Pfannkuch;  b)  Vertrauenspersonen. ­

Gegenstand  der  Beratung:  in  Konkurs;  soll  ...  Mk.  geschentt,
  ...  Mk.  leihweise  erhalten.
11.  Am  1.  Oktober  1895:  Rathauskeller.
Teilnehmer:  a)  Parteivorstand:  Singer;  b)  Vertrauenspersonen:  Fritz,
Augustin,  Georgi,  Baumgarten,  Pfarr,  Lübner.
        <pb n="108" />
        109

Gegenstand  der  Beratung: ­
  Am  15.  Oktober  1895
soll  eine  Versammlung  abgehalten ­
  werden,  in  welcher
die  Stadtverordneten  berichten ­
  sollen.
Lat  stattgefunden:
Koppensir.  29.
Es  soll  ein  Flugblatt
über  die  Kommunalwahlen
verbreitet  werden.
Ist  am  13.  Oktober  1895
verbreitet.
*
In  dem  Spezialband
„Vertrauenspersonen"  ist
eine  Anzahl  Ausschnitte
aus  dem  „Vorwärts"  zusammengestellt, ­
  in  denen
„die  Vertrauenspersonen"
zu  öffentlichen  Versammlungen^ ­
  der  6  Wahlkreise
mit  derselben  Tagesordnung
und  zu  derselben  Zeit  in
verschiedenen  Lokalen  auffordern. ­
  Diese  Inserate
können  nur  nach  vorheriger
Verabredung  erlassen  sein.
Von  besonderer  Wichtigkeit ­
  ist  die  Depesche,
welche  „die  sozialdemokratischen ­
  Vertrauensmänner
Berlins"  am  2.  Septeinber
1895  an  die  französischen  Sozialdemokraten  in  Paris  gerichtet  haben,  in  welcher
sie  den  französischen  Genossen  als  Protest  gegen  Krieg  und  Chauvinismus  Gruß
und  Landschlag  senden.  Es  ist  charakteristisch,  daß  diese  Depesche  von  den  Vertrauenspersonen ­
  ausgegangen  ist.  Sie  beweist  einerseits  die  Bedeutung,  welche
man  den  Vertrauensmännern  beilegen  mutz,  andererseits  die  enge  Zusammengehörigkeit ­
  derselben  untereinander.
Rach  vorstehendem  Sachverhalt  sind  die  Vertrauenspersonen  als  sehr
wichtige  Glieder  der  inneren  Organisation  der  Wahlvereine  aufzufassen,  welche
unter  sich  einen  besonderen  Verein  bilden  und  unter  einer  Leitung  zu  gemeinsamen ­
  bestimmten  Zwecken  in  Versammlungen  sich  verbinden.  Dieser  Verein
umfaßt  die  Vertrauenspersonen  sämtlicher  6  Berliner  Wahlkreise;  die  Leitung
wechselt  in  den  jedesmaligen  Versammlungen.

lLeit  längerer  Zeit  hat  sich  unter  den  Berliner  tAenossen  das
'Bedürfniß  fühlbar  gemacht,  das  Parteileben  kräftiger  zu  gestalten.
Man  ist  zu  der  Ueberzeugung  gekommen,  daß  die  gegenwärtig
in  der  Reichshauptstadt  vorhandenen  Parteiorganisationen  ihrem
Zweck  nicht  genügen  .  können.  Bekanntlich  bestehe»»  nebeneinander, ­
  völlig  getrennt,  zweierlei  Organisationen  in  ganz  Deutschtand.
  Die  eine.  das  Berlrauensmännersystem.  beruht  auf  dem
Örganisatiollsstatut  der  Partei.  Es  wird  bedingt  dadurch,  daß
die  Vereinsgesetze  der  verschiedenen  deutschen  Staaten  dem  Verkehr ­
  von  Vereinen  untereinander  mancherlei  Beschränkungen  anserlegen, ­
  oder  ihn.  »vie  in  Preußen,  ganz  verbieten.  Der  Vorstand
der.Partei  kann  nach  der  in  Preußen  gegenwärtig  maßgebenden
Gesetzesauslegung  nicht  mit  Vereinen,  sondern  nur  mit  einzelnen ­
  Personen  in  Verbindung  treten.  Das  hat  zur
Einrichtung  des  Vertrauensmännersyslems  geführt.  In  jedem
Reichstags-Wahlkreise  »vcrden  nach  Abhaltung  der  Parteitage  in
öffentlicher  Volksversa»ninluug  ein  oder  mehrere  Vertraucns-»nänner
  gewählt,  die  mit  dein  Parteivorstand  in  ständiger  Korrespondenz ­
  stehen  und  im  Wahlkreise  zur  Erledigung  aller  Partei-Angelegenheiten
  (Wahlen  zu  Kongressen  n.  dgl.)  erforderlichen
Falls  öffentliche  Versammlungen  einzuberufen  haben.
Neben  diesen  Vertrauensmännern  und  ganz  unabhängig  von
ihnen  bestehen  nun  noch  überall  politische  Vereine,  in  Berlin
für  jeden  der  sechs  Wahlkreise  ein  Wahlverein.  Da  die  nnchliaerkN
  Partei-Angelegenheiten  alle  durch  die  Vertrauensmänner
ihre  Erledigung  fanden.  ionnten  bisher  die  Wahlvereino»  zu
keinem  rechten  Lehen  kommen  und  blieben  bedeutungslos  für  die
Entwickelung  der  Partei.  Das  hat  dazu  beigetragen.  daß  die
Parteigenossen  ihr  Bedürfniß  t'es  persönlichen  Zusammenschlüsse»
vielfach  durch  gesellige  Vereine  mancher  Art  zu  befriedigen
suchten  »nid  dadurch  wieder  vom  politischen  Leben  abgezogen

52  und  53.  Titelblatt  und  erste  Seite  der
Broschüre  über  die  Reorganisation  der  Sozialdemokratischen ­
  Wahlvereine  Berlins

Linsichtlich  der  einzelnen  Wahlkreise  ist  folgendes  zu  bemerken:
1.  Wahlkreis.
Den  Vorstand  des  Wahlvereins  bilden  die  Angeschuldigten  Pohlitz  (seit
etwa  2  Jahren)  als  Vorsitzender  und  Petermann  (seit  1890)  als  Kassierer.
In  den  beiden  Generalversammlungen  des  Wahlvereins  am  23.  Apru
und  23.  Oktober  1895  hat  Pohlitz  den  Vorsitz  geführt,  Petermann  den  Kapenbericht
  erstattet.  In  beiden  Versammlungen  ist  der  Beschluß  des  or»  ,
        <pb n="109" />
        110

je  100  Mk.  durch  den  Vertrauensmann  an  den  Kassierer  der  Parteileitung
abzuführen,  genehmigt  worden.  In  sämtlichen  Wahlkreisen  werden  diese  von
dem  Vorstand  an  den  Vertrauensmann  behufs  Ablieferung  an  die  große
Parteikasse  gezahlten  Summen  bezeichnet:  „Zur  Agitation."
In  dem  bei  Petermann  beschlagnahmten  Kassenbuch  findet  sich  eine
Summe  mit  100  Mk.  als  „zur  Agitation  abgeliefert"  verzeichnet.  Bei  Petermann ­
  sind  auch  2  Quittungen  von  Gerisch  und  Pfannkuch  —  Mitglieder  der
Parteileitung  —  vorgefunden,  auf  welchen  über  die  Ablieferung  kleiner  Beträge
an  die  Parteikasse  dem  Kassierer  Petermann  eine  Bescheinigung  erteilt  wird.
Vertrauensmann  des  1.  Wahlkreises  ist  der  Angeschuldigte  Täterow
(seit  Bestehen  der  neuen  Organisation),  stellvertretender  Vertrauensmann:  der
Angeschuldigte  Felgentreff  (seit  Lerbst  1894).
Täterow  hat  in  einer  Quittung  vom  31.  Oktober  1894  den  Empfang  von
100  Mk.  von  Petermann  bescheinigt,  offenbar  dieselbe  Summe,  deren  Ablieferung ­
  „zur  Agitation"  in  der  Generalversammlung  im  Oktober  1894  beschlossen ­
  ist  und  deren  Zahlung  im  Kassenbuch  des  Wahlvereins,  wie  vorhin
erwähnt,  vermerkt  ist.  Täterow  hat  auch  selbst  auf  Sammelbons  Geld  gesammelt ­
  und  an  die  Parteikasse  abgeführt.  Dem  Wahlverein  hat  er  als  einfaches ­
  Mitglied  angehört,  jedoch  einmal  einer  Sitzung  des  Wahlvereins  vorgesessen, ­
  als  beide  Vorsitzende  fehlten.  Daß  er  auch  auf  andere  Weise  mit
dem  Wahlvorstande  in  enger  Beziehung  gestanden  hat,  geht  aus  einem  von
ihm  geschriebenen,  bei  Pohlitz  beschlagnahmten  Briefe  hervor,  in  welchem  er
dem  1.  Wahlkreise  die  Mitteilung  macht,  daß  dieser  am  18.  März  1895  keine
Vereinsversammlung  abhalten  solle,  da  für  diesen  Tag  mehrere  große  öffentliche ­
  Versammlungen  geplant  seien,  eine  Kenntnis,  welche  er  offenbar  nur  aus
einer  Versammlung  sämtlicher  Vertrauensmänner  haben  konnte  —  jedenfalls
der  am  1.  Februar  1895  Oranienstr.  121  stattgesundenen.  —
Felgentreff  hat  die  Geschäfte  des  Vertrauensmanns  nur  dann  geführt,
wenn  Täterow  behindert  war.  Er  hat  Versammlungen  einberufen  und  Referenten ­
  bestellt,  auch  auf  Sammelbons  Geld  eingezogen.
Im  1.  Wahlkreis  sind  etwa  8  Corpora-Versammlungen  festgestellt  worden.
In  den  meisten  hat  Täterow  den  Vorsitz  geführt.
2.  Wahlkreis.
Im  2.  Wahlkreis  war  der  Angeschuldigte  Antrick,  Vorsitzender  (seit  einem
halben  Jahre),  Lange,  Schriftführer  (seit  Juli  1895)  und  Griese,  Kassierer  (seit
August  1895)  des  Wahlvorstandes.
Aus  dem  Kassenbuch,  dem  Protokollbuch  und  den  beschlagnahmten
Quittungen  geht  hervor,  daß  auf  Beschluß  des  Vorstandes  und  verschiedener
Vereinsversammlungen  vielfach  große  Summen  an  die  Agitationskommission
für  die  Provinz  Brandenburg  und  die  Frauen-Agitationskommission  gezahlt
sind.  Griefe  hat  geständigermaßen  wiederholt  derartige  Beträge  an  die  Vertrauenspersonen ­
  abgeführt,  Antrick  hat  in  Versammlungen,  in  welchen  Beschlüsse ­
  auf  Ablieferung  von  Beiträgen  an  die  Parteikasse  gefaßt  sind,  den
Vorsitz,  Lange  das  Protokoll  geführt.
Lervorzuhebe»  ist,  daß  der  Angeschuldigte  Kiesel  —  früher  Vorsitzender  des
6.  Wahlkreises  —  ausweislich  des  Protokollbuchs  und  der  Ausschnitte  aus  dem
„Vorwärts"  im  2.  Wahlverein  einen  Vortrag  über  die  in  seinem  Wahlkreise
gemachten  Erfahrungen  hinsichtlich  der  neuen  Organisation  gehalten  hat.
Vertrauensmänner  des  2.  Wahlkreises  waren  Werner  und  Schlichting
(seit  Oktober  1892  bezw.  seit  1894).
Zahlreiche  Quittungen  und  die  Kassenbücher  ergeben,  daß  Werner  vielfach,
Schlichting  in  einigen  Fällen,  Geld  von  dem  Kassierer  des  Wahlvereins  erhalten ­
  und  an  die  Parteikasse,  auch  an  die  Agitationskommission  für  die  Provinz
Brandenburg  abgeführt  hat.  Eine  Anzahl  von  Briefen  und  Karten  beweist
        <pb n="110" />
        111

ReichsLagswahl  1907
m  Legitimations-Karte  «®
für  Radfahrer
Beim  Ein-  und  Ausfahren  vorzuzeigen
l  -  -  )
»«««»«&amp;gt;«  tvtKuiuuBii  MnO»m»«u*i»Hit,  lnn»  •  n.
54.  Legitimationskarle  der  bei  der  Mahl  für  die  Partei  tätigen
Radfahrer

den  Verkehr  zwischen  Werner  und  anderen  Vereinen,  wie  Lokalkommission,
Frauen-Agitationskommisston  usw.,  sowie  seine  Verbindung  mit  anderen  Vertrauenspersonen. ­
  Er  hat  auch  Versammlungen  einberufen,  geleitet  und  Geld,
welches  er  auf  Bons  gesammelt  hatte,  an  die  Parteikasse  abgeführt.
Als  Vertrauensperson  des  2.  Kreises  ist  auch  Frau  Scholtz  im  Oktober
1894  gewählt  worden.  Eine  spezielle  Tätigkeit  hat  sich  ihr  bei  der  Kürze  ihrer
Vertrauensstellung  nicht  nachweisen  lassen.  Da  sie  jedoch  als  Mitglied  des
2.  Wahlkreises  zu  erachten  ist,  hat  sie  gegen  8  16  Absatz  3  des  Vereinsgesetzes
verstoßen.
Etwa  18  Corpore-  und  Gruppenführersitzungen  sind  im  2.  Wahlkreise
festgestellt  worden.  Den  Vorsitz  hat  in  vielen  Fällen  Werner  geführt.
Z.  Wahlkreis.
Für  den  dritten  Kreis  waren  seit  Januar  1894  die  Angeschuldigten
Kräker:  Vorsitzender,  Mahle:  Schriftführer,  Darndt:  Kassierer,  Fritz  und
Georgi:  Vertrauenspersonen.
Es  sind  Beiträge  durch  den  Vertrauensmann  Fritz  an  den  Parteivorstand
abgeliefert.  In  der  Versammlung  vom  November  1895  gibt  Fritz  den  Betrag
von  3750  Mk.  an.  Aus  verschiedenen  Listen  und  Abrechnungen  geht  hervor,
daß  nicht  nur  an  den  Parteivorstand,  sondern  auch  an  die  Agitations-  und
Lokalkommission  Geld  durch  den  Kassierer  Larndt  gezahlt  ist.  Ausweislich
des  Protokollbuchs  ist  in  der  Generalversammlung  vom  19.  Juli  1895  beschlossen, ­
  300  Mark  an  die  Parteikasse  abzuführen.  Vorsitzender  dieser  Versammlung ­
  war  Kräker,  Schriftführer:  Mahle.  Einzelne  an  Larndt  gerichtete
oder  von  demselben  geschriebene  Karten  weisen  auf  einen  Verkehr  mit  anderen
Wahlkreisen  hin.
Fritz  hat  auf  Bons  Geld  gesammelt  und  an  die  Parteikasse  abgeführt.
Bei  Georgi  ist  ein  geheimes  Zirkular  des  Parteivorstandes  gefunden.
Die  Corpore-Versammlungen  sind  von  Fritz  geleitet.
4.  Wahlkreis.
Den  Vorstand  des  4.  Wahlkreises  bildeten:  Erbe  als  Vorsitzender  (seit
Derbst  1894),  Runge  als  Schriftführer  (seit  Frühjahr  1894),  Zabel  als  Kassierer
(seit  Januar  1894).  Vertrauenspersonen  waren  die  Angeschuldigten  Baumgarten,
  Thielke,  Wenzels,  Gertschke,  Schulze,  Bolze.
        <pb n="111" />
        112

Nach  dem  von  Zabel  geführten  Kassenbuch  und  dem  von  Runge  geführten
Protokollbuch,  sowie  nach  den  Erklärungen  von  Erbe,  Baumgarten,  Thielke
und  Wenzels  sind  vielfach  von  dem  Wahlverein  durch  die  drei  zuletzt  genannten
Vertrauenspersonen  Beiträge  an  die  Parteikasse  gezahlt.
Ein  bei  Erbe  beschlagnahmter  Brief  ergibt  eine  Verbindung  mit  dem
2.  Wahlverein.  —  In  einer  Versammlung  am  22.  Mai  1894  hat  der  damalige ­
  Vorsitzende  des  6.  Wahlkreises,  Angeschuldigter  Kiesel,  über  die  Vorzüge
der  im  6.  Wahlkreise  durchgeführten  Organisation  gesprochen.  Vgl.  oben:
2.  Wahlkreis.
Ein  wichtiger  Beweis  für  die  Verbindung  der  verschiedenen  Vereine  unter
einander  ist  die  vom  29.  November  1893  im  Vereinshaus  „Süd-Ost",  Waldemarstraße ­
  75,  stattgehabte  Versammlung  des  4.  Wahlkreises.  Der  Schutzmann
Schulz  hat  dieser  Versammlung  beigewohnt.
Es  waren  dazu  sämtliche  Wahlvereinsvorstände  der  sechs  Kreise  und
sämtliche  Vertrauenspersonen  geladen;  desgl.  auch  der  Parteivorstand.  Von
letzterem  war  Gerisch  erschienen.  Von  den  hier  interessierenden  Vertrauenspersonen ­
  nahmen  teil:  Taeterow,  Felgentreff,  Werner,  Wenzels,  Schulze,
Pfarr,  Maschowsky,  Augustin,  Lelbig  und  Bolze.  Zum  Vorsitzenden  wurde
Wenzels  gewühlt.  Gegenstand  der  Beratung  war  der  im  „Vorwärts"  vom
26.  November  1893  veröffentlichte  Entwurf  „Zur  Reorganisation  der  sozialdemokratischen ­
  Vereine  Berlins"  Bd.  I,  Bl.  124,  welcher  später  in  allen
größeren  Wahlkreisen  eingeführt  ist.
Dafür,  daß  die  Vertrauensmänner  einen  innigen  Zusammenhang  unter
einander  gehabt  haben,  so  daß  sie  als  selbständiger  Verein  zu  erachten  sind,
ist  der  bei  Baumgarten  beschlagnahmte  Brief  der  Buchhandlung  des  „Vorwärts" ­
  vom  10.  Mai  1895  von  Bedeutung.  In  demselben  wird  mitgeteilt,
daß  das  3.  Lest  der  Umsturzvorlage  an  „die  Vertrauensleute  Berlins"
zur  Ausgabe  gelangt.
In  einem  bei  Schulze  beschlagnahmten  Notizbuch  findet  sich  ein  Vermerk
über  eine  Vertrauensmänner-Sitzung  vom  15.  November  bei  Zubeil.
Die  sechs  Vertrauenspersonen  haben  Versammlungen  einberufen,  Geld
aus  Bons  gesammelt  und  an  die  Parteikasse  abgeführt.
Schulze  hat  das  von  ihm  gesammelte  Geld  auch  teilweise  an  die  Agttationskommission
  für  die  Provinz  Brandenburg  abgeliefert  und  an  letztere
Kommission  auch  im  Aufträge  des  Wahlvereins  Beiträge  gezahlt.
Im  Kerbst  1895  ist  auch  die  Angeschuldigte  Fräulein  Baader  zur  Vertrauensperson ­
  gewählt  worden.  Sie  hat  sich  von  dem  Angeschuldigten  Thielke
für  120  Mk.  Sammelbons  geben  lassen.  Im  Übrigen  gilt  von  ihr  das  bezüglich ­
  der  Frau  Scholtz  im  2.  Wahlkreis  Gesagte.
Die  Corpore-Versammlungen  find  meistens  von  Baumgarten  geleitet.
5.  Wahlkreis.
Im  5.  Wahlkreise  ist  Drescher  etwa  2  Jahre  lang  bis  April  1895  Vorsitzender ­
  gewesen;  später  ist  er  stellvertretender  Vertrauensmann  geworden.
Richter  ist  bis  November  1895  Kassierer  gewesen,  alsdann  zum  Vertrauensmann ­
  gewählt.  Lllbner  ist  von  Kerbst  1894  bis  dahin  1895  Vertrauensmann
gewesen.  Wie  diese  drei  Angeschuldigten  einräumen  und  durch  die  bei  Richter
und  Kübner  beschlagnahmten  Quittungen  und  Posteinlieferungsscheine  erwiesen
wird,  hat  Richter  zu  der  Zeit,  als  er  Kassierer  und  Drescher  Vorsitzender  war,
mehrfach  größere  Beträge  auf  Beschluß  des  Vorstandes  an  Kübner  gezahlt,
welcher  sie  seinerseits  an  den  Parteikassierer  Gerisch  oder  an  die  Agitationskommission ­
  für  die  Provinz  Brandenburg  ablieferte.  Kübner  hat  ferner  gemeinsam ­
  mit  den  Vertrauenspersonen  der  anderen  Wahlkreise  zu  öffentlichen
Versammlungen  in  den  einzelnen  Kreisen  eingeladen.  Der  Betrag  für  diese
Inserate  im  „Vorwärts"  wurde  von  dem  Vertrauensmann  Schulze  (4  Wahl-
        <pb n="112" />
        113

Ereis)  auf  die  einzelnen  Kreise  verteilt  und  von  den  Vertrauensleuten  eingezogen. ­
  Vgl.  die  bei  Äübner  gefundene  Quittung  über  24  Mk.  im  Spez.-Bd.  IX.
Bei  dem  Angeschuldigten  Teufert,  welcher  im  November  1895  zum  Vertrauensmann ­
  gewählt  war,  sind  3000  Stück  Sammelbons  beschlagnahmt;  er
hat  auch  eine  öffentliche  Versammlung  einberufen.
Der  im  Oktober  1895  neu  gewählte  Vorstand:  Buchhändler  Lermann
Gumpel  (Vorsitzender),  Kaufmann  Adolf  Adler  (Kassierer)  und  Konditorgehilfe
Richard  Lohlfeldt  (Schriftführer)  haben  bis  zu  der  Schließung  der  Vereine
wegen  Kürze  der  Zeit  noch  keine  besondere  Tätigkeit  entfalten  können.
6.  Wahlkreis.
Der  Angeschuldigte  Ernst  war  Vorsitzender  des  Wahlvereins  seit  Oktober
1895.  Sein  Vorgänger  war  der  Angeschuldigte  Kiesel.  Kassierer  war  seit
Oktober  1895  Kröhn,  Schriftführer  seit  Frühjahr  1895  Schumann.
Vertrauenspersonen  waren:  Waschowski  seit  Lerbst  1893,  Brinkmann
seit  Oktober  1895,  Augustin  seit  Lerbst  1893,  Pfarr  seit  Lerbst  1891,  Lelbig
seit  Lerbst  1893.
Auf  Beschluß  des  Vorstandes  sind  vielfach  bedeutende  Summen  an  den
Parteivorstand  und  an  die  Agitationskommisston  für  Brandenburg  abgeführt,
und  zwar  durch  die  genannten  5  Vertrauenspersonen.  Die  letzteren  haben
auch  selbständig  auf  Bons  Geld  gesammelt  und  an  dieselben  Adressen  abgeführt. ­
  Sie  sind  in  regen  Verkehr  mit  einander  getreten  und  haben  in  öffentlichen ­
  Versammlungen  gemeinschaftlich  Rechnung  gelegt.  —  Bei  Augustin  ist  eine
Abrechnung  vorgefunden,  auf  welcher  die  Postgebühr  für  das  Telegramm
an  die  Sozialdemokraten  in  Paris  zum  2.  September  1895  in  Anrechnung
gebracht  ist.  —  Bei  Kiesel  und  Pfarr  sind  gedruckte  Rechenschaftsberichte  des
6.  Kreises  über  Land-Agitation  vom  1.  September  1894  bis  31.  August  1895
beschlagnahmt;  aus  denselben  stehen  Augustin,  Lelbig,  Pfarr,  Waschowski  als
Revisoren  verzeichnet.  —  An  Augustin  hat  der  Parteikassierer  Gerisch  eine
Aufstellung  sämtlicher  Beiträge  des  6.  Wahlkreises  für  die  Parteileitung  vom
1.  Januar  1894  bis  1.  April  1895  gesandt.  —  Ein  bei  Pfarr  gefundener  Brief
aus  Wittenberg  beweist  die  Verbindung  zwischen  Agitations-Kommission,
6.  Wahlkreis  und  Parteivorstand.
Einzelne  Corpore-Versammlungen  sind  von  Waschowski  geleitet  worden.  —
Soweit  die  Zusammenstellung  des  Staatsanwalts.  Die  Berichte  erklären ­
  sich  selbst,  jeder  Zusatz  könnte  nur  Wiederholung  von  schon  Gesagtem
(ein.  Wir  sehen  das  reguläre  Leben  einer  politischen  Partei  vor  uns,  und
wenn  dieses  Leben  sich  zum  Teil  „geheim"  abspielte,  so  war  das  nur  deshalb ­
  ungesetzlich,  weil  das  Gesetz  widersinnig  war.  Es  hätte  die  Partei
&amp;gt;nit  Laut  und  Laaren  verbieten  müssen,  wenn  es  verhindern  wollte,  daß
sie  sich  ihrer  Natur  gemäß  entfalte.  Daß  das  Erste  unmöglich  war,  hatten
die  Gesetzgeber  gelernt,  nun  mußten  sie  lemen,  daß  organisches  Leben  nur
seinen  eigenen  Gesehen  gehorcht.
3.  Die  Wandlungen  in  den  Programmen  der  sozialdemokratischen
Wahlvereine.
Noch  einige  Worte  über  die  Entwicklung  der  polittschen  Paragraphen
in  den  Statuten  der  sozialdemokratischen  Wahlvereine  Berlins.  So  sehr
der  Lauptzweck  dieser  Vereine  prinzipiell  der  gleiche  blieb,  so  finden  wir
ihn  doch  in  den  Statuten  zu  verschiedenen  Zeiten  anders  bezeichnet.  Die
stärkere  Sicherheit  wird  zum  Anlaß,  den  Zweck  der  Vereine  im  Statut  zu
schärferer  Ausprägung  zu  bringen.  Lind  im  gleichen  Sinne  werden  auch
Bernstein,  Berliner  Geschichte.  II'.  ®
        <pb n="113" />
        114

Verband  der  Sozialdemokratischen  Wahlvereine
Berlins  und  Umgegend.
Der  Kassierer.

55.  Parteistempel
die  Bestimmungen  über  die  Aktionsmittel  und  die  Bedingungen  der  Mitgliedschaft ­
  im  Laufe  der  Zeit  anders  gefaßt.
Die  Geschichte  der  Statuten  der  Wahlvereine  von  drei  Berliner  Reichstagswahlkreisen ­
  mag  dies  veranschaulichen.  Die  stärkste  Veränderung  weist
das  Statut  des  in:  April  1889  gegründeten  sozialdemokratischen  Wahlvereine
für  den  ersten  Berliner  Reichstagswahlkreis  auf.  Seine  Einleitungsparagraphen ­
  lauten  in  der  ersten  Fassung:
„§  1.
Zweck  des  Vereins  ist  die  Erzielung  volkstümlicher  Wahlen.
8  2.
Dieses  Ziel  soll  erreicht  werden:
a)  durch  tatkräftige  Agitation  bei  den  Wahlen;
b)  durch  wissenschaftliche,  im  volkstümlichen  Sinne  gehaltene  Vorträge,
und  durch  Abhaltung  von  Versammlungen  in  politischer  Beziehung;.
c)  durch  Verbreitung  von  Flugblättern.
8  3-Mitglied
  des  Wahlvereins  kann  jeder  vollberechtigte  Bürger  Berlins
werden,  welcher  sich  im  Besitz  der  bürgerlichen  Ehrenrechte  befindet."
Deutlich  zeigt  sich  hier  noch  der  Einfluß  des  Ausnahmegesetzes,  unter
dessen  Walten  das  Statut  geschaffen  wurde.  Die  Ausdrücke  sind  so  gewählt,
daß  sie  weitere  oder  engere  Auslegung  erlauben,  und  die  Mitgliedschaft
wird  von  Bedingungen  abhängig  gemacht,  die  Zeugnis  davon  ablegen,  wie
sehr  noch  aus  die  Gerichte  Rücksicht  zu  nehmen  war.
Das  Statut  blieb  über  zehn  Jahre  in  Kraft.  Der  Wahlverein
Berlin  I  konnte  in  seiner  alten  Verfassung  selbst  den  Köllerstrcich  überdauern. ­
  Erst  im  Jahre  1901  gab  er  sich  ein  neues  Statut.  Dort  aber
wird  im  ersten  Paragraph  nicht  mehr  als  Zweck  bloß  die  „Erzielung  volkstümlicher ­
  Wahlen"  hingestellt,  sondern  heißt  es  nun  politisch  bestimmter  und
weitergreifend:  „der  Verein  bezweckt,  die  Grundsätze  und  Ziele  der  Sozialdemokratie ­
  zu  fördern."  Die  Änderung  des  zweiten  Paragraphen  ist  nicht
wesentlich,  immerhin  ward  auch  er  ettvas  bestimmter  gefaßt,  und  der  dritte
Paragraph  macht  die  Aufnahme  in  den  Verein  nicht  mehr  vom  Besitz
bürgerlicher  und  sonstiger  „Rechte"  abhängig,  sondern  läßt  jeden  zu,  der
die  Bestrebungen  der  sozialdemokratischen  Partei  Deutschlands  anerkennt.
Diesem  neuen  Statut  wurde  als  Anhang  ein  „Organisationsplan"
beigegeben,  der  dem  uns  schon  bekannten  Bilde  entspricht.  Wir  finden
Berlin  l  in  sechs  Abteilungen  mit  je  einem  Abteilungsführer  eingeteilt.
Die  Abteilungsführer,  die  Sitz  und  Stimme  in  den  Vorstandssitzungen
des  Vereins  haben,  werden  vom  Vorstand  ernannt  und  ernennen  ihrerseits
        <pb n="114" />
        115

die  Bezirksführer;  in  beiden  Fällen  aber  bedürfen
die  Ernennungen  der  Bestätigung  durch  die  Generalversammlung ­
  des  Vereins.  —
Das  Statut  des  ebenfalls  schon  1889  gegründeten
Sozialdemokratischen  Wahlvereins  für  Berlin  IV
lautete  gleich  zu  Anfang  bestimmter  als  das  Statut
des  Vereins  für  Berlin  I,  wir  begegnen  aber  auch  bei
ihm  der  Tendenz,  sich  auf  Rechtsvorschriften  zu  berufen.
Als  Zweck  des  Vereins  wird  (§  1)  geradeheraus  56.  Parteistempel
angegeben:  „die  Herbeiführung  sozialdemokratischer
Wahlen".  Etwas  diplomatischer  klingt  es  dagegen,  wenn  §  2  erklärt,  daß
das  gesteckte  Ziel  erreicht  werden  soll  „durch  tatkräftige  und  planmäßige
Ausübung  der  durch  die  Wahl-,  Versammlungs-,  Vereins-,  Preß-  und
sonstige  Gesetzgebung  gewährten  staatsbürgerlichen  Rechte,  insbesondere:
1.  durch  Vorbereitung  auf  kommende  Wahlen  vermittelst  Werbung  von
Mitgliedern,  Veranstaltung  von  wissenschaftlichen  und  politischen  Vorträgen
und  Besprechungen  in  den  Vereinsversammlungen,  Benutzung  der  Presse;
2.  nach  erfolgter  Wahlausschreibung  durch  Leitung  der  Wahlbewegung.
Zum  Beitritt  befähigt  wird  erklärt  (§  3)  jeder  volljährige  Bürger,  der  sich
mit  den  Grundsätzen  des  Vereins  einverstanden  erklärt."  Die  geschickte
Fassung  all  dieser  Sätze  zeigt,  daß  diejenigen,  die  das  Statut  ausarbeiteten,
in  der  Rechtspraxis  gute  Erfahrungen  hatten.
Es  wurde,  wie  im  vorigen  Kapitel  erwähnt,  im  Jahre  1894  abgeändert.
Der  Zweck  der  Änderung  —  Erweiterung  der  Arbeitssphäre  des  Vereins  —
kommt  auch  in  der  neuen  Fassung  der  das  Programm  bildenden  Sätze  des
Statuts  zum  Ausdruck.  Im  §  1  wird  als  Zweck  des  Vereins  jetzt  ganz
allgemein  angegeben,  „die  sozialdemokratischen  Bestrebungen  zu  fördern",
was  geschehen  solle:
„1.  durch  Erörterung  aller  das  Gemeinwohl  und  das  Parteiinteresse
berührenden  Angelegenheiten;  2.  durch  Vorbesprechung  aller  politischen
und  Parteiwahlen;  3.  durch  Verbreitung  sozialdemokratischer  Ideen  in
allen  Bevölkerungskreisen,  insbesondere  durch  unentgeltliche  Verteilung
sozialdemokratischer  Literatur  an  die  Mitglieder;  4.  durch  Errichtung
einer  Bibliothek,  die  in  erster  Reihe  dazu  bestimmt  ist,  die  Vereinsreferenten ­
  mit  wissenschaftlichem  Material  für  ihre  Vorträge  zu  versehen; ­
  und  5.  durch  Pflege  der  Geselligkeit  unter  den  Mitgliedern."
And  Mitglied  kann  „jeder  werden,  der  sich  mit  den  Grundsätzen  des  Vereins
einverstanden  erklärt".
Rach  Erledigung  des  Köllerstreichs  von  Ende  1895  schuf  sich  der  vierte
Berliner  Reichstagswahlkreis,  wie  wir  gesehen  haben,  zwei  Wahlvereine:
Berlin  I  V  Ost  und  Berlin  IV  Süd  -  Ost.  Diese  Vereine  erhielten  aber
übereinstimmend  lautende  Statuten.  Jeder  von  ihnen  bezweckte  danach  in
seinem  Teil  des  Wahlkreises  den  Zusammenschluß  der  Parteigenossen  zu
fördern  und  für  die  Grundsätze  und  Forderungen  der  Sozialdemokratie  neue
Anhänger  zu  gewinnen:  „1.  durch  Abhaltung  von  Versammlungen,  2.  durch
Verbreitung  sozialistischer  Literatur  und  der  Parteipresse,  3.  durch  Besprechung ­
  von  Tages-  und  Parteifragen  und  öffentlichen  Wahlen."  Fähig
zur  Mitgliedschaft  ist  in  beiden  Vereinen,  „wer  das  sozialdemokratische
Parteiprogramm  anerkennt".  Den  späteren  Auflagen  des  Statuts  war
        <pb n="115" />
        ozlaldemokratUciw  -
ünterltützungsfonds
Quittung
über  freiwillig  gezahlte
Lv  Pfennig  =

[Verband  dl

d  X/  e  rb  an  dji

|"b  e  r  1  i  n  s  "

Die  verschiedenen  Parteibeitragsmarken  seit  dem  Jahre  1890

auch  das  (Erfurter)  Parteiprogramm  der  deutschen  Sozialdemokratie  einverleibt. ­
  Auch  das  Statut  des  Sozialdemokratischen  Wahlvereins  für  den
sechsten  Berliner  Reichstagswahlkreis  ist  schon  zu  Anfang  unserer  Periode
recht  bestimmt  gefaßt.  Es  gibt  als  Zweck  des  Vereins  an,  „alle  aus  dem
Programm  der  sozialdemokratischen  Partei  sich  ergebenden  Bestrebungen
zu  fördern  und  der  Verwirklichung  zuzuführen,"  und  als  Mittel  zur  Erreichung ­
  dieses  Zieles:  „1.  Beteiligung  an  öffentlichen  Wahlen,  insbesondere
Reichstagswahlen  und  2.  Propaganda  innerhalb  aller  Kreise  der  Bevölkerung,
insbesondere  durch  Verbreitung  sozialdemokratischer  Literatur  und  durch
Abhaltung  von  Versammlungen  zur  Besprechung  öffentlicher  Angelegenheiten ­
  im  Sinne  des  sozialdemokratischen  Programms."  And  wenn  im
Paragraph,  der  von  der  Zulassung  zur  Mitgliedschaft  handelt,  hier  gleichfalls ­
  nur  von  gesetzlichen  Voraussetzungen  —  Überschreitung  des  18.  Lebensjahres ­
  und  Besitz  der  bürgerlichen  Ehrenrechte  —  die  Rede  ist,  so  heißt  es
dafür  in  einem  andern  Paragraph  (5):  „Pflicht  eines  jeden  Mitgliedes  ist
es,  an  allen  Arbeiten  des  Vereins  und  der  Partei  (Flugblätter  verteilen ­
  usw.)  teilzunehmen."  Das  im  Jahre  1900  abgeänderte  Statut  kennzeichnet ­
  Zweck  und  Mittel  in  etwas  anderer  Zusammenstellung  der  Sache
nach  unverändert,  läßt  aber  hinsichrlich  der  Mitgliedschaft  nun  gleichfalls
die  Bezugnahme  auf  gesetzliche  Qualifikationen  fallen  und  sagt  nur  (§  4)
kategorisch:  „Mitglied  kann  jeder  werden,  der  das  Programm  der  sozialdemokratischen ­
  Partei  Deutschlands  anerkennt  und  diese  Partei  nach  jeder
Richtung  hin  zu  unterstützen  gewillt  ist."
Ähnlich  ist  die  Entwicklung  der  bezüglichen  Sätze  in  den  Statuten  der
sozialdemokratischen  Wahlvereine  der  anderen  Wahlkreise  Berlins.  Durchgängig ­
  wird  der  Charakter  der  Partcibestrcbungen  bei  jeder  neuen  Statutenrevision ­
  bestimmter  hervorgehoben,  und  überall  wird  die  Verpflichtung  auf
diese  Bestrebungen  zur  einzigen  Bedingung,  die  das  Statut  für  die  Auf-
        <pb n="116" />
        117

nähme  in  den  Verein  vorschreibt.  Das  hieß  nicht,  daß  man  die  gesetzlichen
Vorschriften  nun  vollständig  außer  Beobachtung  ließ.  Was  das  Vereinsgesetz ­
  direkt  verbietet.  —  wie  bis  in  die  neueste  Zeit  die  Aufnahme  weiblicher ­
  Personen  oder  die  Aufnahme  von  Lehrlingen  —  davon  wird  nach
wie  vor  in  der  Praxis  Abstand  genommen,  um  sich  nicht  zwecklos  der
Gefahr  der  Auflösung  durch  die  Behörden  auszusetzen.  Man  fügt  sich
in  diesen  Dingen  der  Macht  der  herrschenden  Gewalten.  Aber  man  treibt
die  Unterwerfung  nicht  soweit,  durch  Satzungen  des  selbstgeschaffcnen  Statuts
dem  Eindruck  Vorschub  zu  leisten,  als  habe  man  sich  die  engherzige  Auffassung, ­
  der  jene  beschränkenden  Vorschriften  entflossen  sind,  gewissermaßen
nun  auch  zu  eigen  gemacht.  And  gleicherweise  ist  es  als  Verwahrung  gegenüber ­
  der  heutigen  Gesetzgebung  und  Rechtspraxis  und  als  Vorbehalt  des
Rechts  der  unabhängigen  Nachprüfung  aufzufassen,  wenn  überall  die  Bestimmung ­
  gestrichen  wird,  daß  der  in  den  Verein  Aufzunehmende  im  Besitz
der  „bürgerlichen  Ehrenrechte"  sein  muß.
        <pb n="117" />
        Viertes  Kapitel.

Bemerkenswerte  Konferenzen  und  beschließende
Versammlungen  der  Sozialdemokratie  Berlins.

C^ber  die  als  Korporen  bezeichneten  geheimen  Konferenzen  der  Bezirksführer
  der  Sozialdemokratie  Berlins  sind  regelrechte  Protokolle  nicht
geführt  worden.  In  der  ersten  Zeit  wäre  jedes  solche  Protokoll,  sobald
es  der  Polizei  in  die  Hände  fiel.  Material  für  Prozesse  gewesen.  Äber  diejenigen ­
  Beschlüsse,  auf  die  man  in  einer  folgenden  Sitzung  noch  einmal  zurückkommen ­
  wollte,  wurden  nach  Bedürfnis  in  unauffälliger  Weise  Notizen
niedergeschrieben,  und  diese  Notizen  wurden  nach  Erledigung  möglichst  bald
wieder  vernichtet.  So  ist  es  denn,  wie  für  die  Zeit  des  Sozialistengesetzes,
so  auch  für  die  späteren  Jahre,  unmöglich,  eine  Geschichte  selbst  nur  der
wichtigsten  Korporasitzungen  zusammenzustellen.  Es  kann  nur  schlechthin
wiederholt  werden,  daß  die  Erledigung  solcher  Parteigeschäste,  die  in  der
Öffentlichkeit  entweder  gar  nicht  oder  nur  halb  oder  andeutungsweise  erörtert ­
  werden  konnten,  in  Korporen  erfolgte.  Die  Kontrolle  der  Geschäftsführung ­
  der  Vertrauenspersonen,  die  Feststellung  der  Vertrauenswürdigkeit
von  Personen,  die  für  wichtigere  Parteiämtcr  in  Aussicht  genommen
waren,  wie  überhaupt  die  Vorberatung  von  öffentlich  vorzunehmenden
Wahlen  für  Parteiämtcr  und  Delegationen,  sowie  von  sonstigen  Parteiangelegenheiten, ­
  über  die  zwar  in  öffentlichen  Versammlungen  Entscheidung
zu  treffen  war,  die  aber  doch  zu  bedeutungsvoll  erschienen,  als  daß  man
die  Entscheidung  den  Zufällen  des  Besuchs  solcher  Versammlungen  hätte
aussetzen  mögen  —  das  waren  im  wesentlichen  die  Verhandlungsgegenstände ­
  der  Korporen.  Der  Sache  nach  begegnen  wir  daher  dem  meisten,
was  die  Korporen  beschäftigte,  in  den  öffentlichen  Versammlungen  oder
den  öffentlich  veranstalteten  Konferenzen  wieder.
Versammlungen  oder  Konferenzen.  Es  ist  für  unsere  Geschichte
geradezu  unmöglich,  zwischen  Versammlungen  und  Konferenzen  begrifflich
streng  zu  unterscheiden.  Dem  Begriff  nach  ist  die  Konferenz  eine  Zusammenkunft ­
  zur  Beratung  bestimmter  Angelegenheiten,  das  Beraten  ist  hier
das  wesentliche,  die  Demonstration  kann  ganz  fehlen  und,  wo  das  nicht
der  Fall  ist,  jedenfalls  nur  Beiwerk  sein.  Tatsächlich  wurden  aber  hier
Beschlüsse,  die  sonst  das  Ergebnis  von  Beratungen  zu  sein  pflegen,  oft
ohne  Debatten  in  Versammlungen  gefaßt,  die  im  übrigen  Agitations-
        <pb n="118" />
        119

oder  Demonstrationsversammlungen ­
  waren.  And
doch  waren  diese  Beschlüsse
mehr  als  bloße  Versammlungsentscheidungen. ­
  Soweit ­
  sie  in  Betracht  kamen,
war  die  öffentliche  Versammlung ­
  eben  nur  die
Schlußsitzung  einer  Konferenz, ­
  deren  erste  Sitzungen
ursprünglich  Korporen  und
später  Besprechungen  der
Bezirks-  und  Abteikungssührer
  gewesen  waren.  Da
es  nun  nicht  möglich  ist,
diese  letzteren  zu  verzeichnen, ­
  müssen  wenigstens
die  bezüglichen  öffentlichen
Versammlungen  erwähnt
werden,  und  so  läßt  es
sich  gar  nicht  umgehen,
im  Kapitel,  das  den  Konferenzen ­
  gilt,  auch  von  Zusammenkünften ­
  zu  berichten, ­
  die  entweder  schlechthin ­
  als  öffentliche  Versammlungen ­
  einberufen
wurden  oder  sogar  zu  drei
Vierteln  Demonstrations-Versammlungen
  waren.
ZwischcnKonferenz,  öffentlicher ­
  Parteiversammlung
und  Volksversammlung  besteht  insofern  kein  ausschließender  Gegensatz.
Ihre  Aufgaben  laufen  ineinander  über,  und  die  Einreihung  in  das
Kapitel  der  einen  oder  anderen  Gruppe  darf  nicht  so  aufgefaßt  werden,
als  liege  ihr  eine  streng  schematische  Anterscheidung  zugrunde.  Anter
welchem  Gesichtspunkt  Versammlungen  oder  Zusammenkünfte  dem  Verfasser
wichtiger  erschienen,  danach  wurden  sie  der  einen  oder  anderen  Gruppe
zuerteilt.
Schon  die  Parteiversammlungen,  die  nach  dem  Parteitag  von  Lalle
in  Berlin  veranstaltet  wurden,  um  die  Beschlüsse  jenes  Parteitags  zu
erörtern  und  die  Wahl  der  Vertrauenspersonen  zu  vollziehen,  die  das  in
Lalle  beschlossene  Parteistatut  vorschrieb,  illustrieren  das  oben  Gesagte.
Wir  haben  sie  als  den  Abschluß  von  Konferenzen  zu  betrachten,  auf  denen
Beratung  über  die  zu  wählenden  Vertrauenspersonen  gepflogen  worden
waren.  Das  gleiche  gilt  von  zwei,  am  3.  und  9.  Juli  1891  im
Saale  des  Feenpalastes  —  jetzt  Palast-Theater  —  abgehaltenen  großen
Versammlungen,  die  über  die  Frage  der  Beschickung  des  auf  Mit  e
August  1891  nach  Brüssel  einberufenen  Internationalen  Sozra.

Die  MWbipifltn
der
Berliner  Opposition.

Für  den  Parteitag
I»s»wmkngkl&amp;gt;illl  »ach  di»  Kklichlen  di«  „Karwärk"

Fartei-Iorstand.

Kerl!«  .1891.
Verlag  der  LxpeLUlon  bt»  „Vorwärts",  Berliner  volksbla».
(Th.  ©lotse.)

58.  Titelblatt  der  Antwort  des  Parieivorstandes
auf  die  Anschuldigungen  der  Berliner  Opposition
        <pb n="119" />
        —  120  —
listenkongresses  zu  befinden  und  zu  der  Tagesordnung  dieses  Kongresses:
Stellung  zu  nehmen  hatten.
Von  diesen  Versammlungen  hatte  die  erste  einen  ungemein  bewegtem
Verlauf  genommen,  so  daß  sie  vor  Erledigung  der  Tagesordnung  abgebrochen ­
  werden  mußte.  Aber  auch  in  der  hierauf  einberufenen  zweiten
Versammlung,  die  von  über  viertausend  Personen  besucht  war,  ging  es
sehr  stürmisch  zu.  Der  Amstand,  daß  auf  Anraten  des  Parteivorstandes
die  Maifeier  für  1891  statt  am  1.  Mai,  am  ersten  Sonntag  im  Mar
gefeiert  worden  war,  hatte  bei  dem  kampflustigeren  Teil  der  Sozialdemokraten ­
  Berlins  starke  Anzufriedenheit  erregt,  und  da  der  Brüsseler  Kongreß
unter  anderem  über  die  Art  der  Feier  autoritativ  zu  entscheiden  hatte,  ward
die  Diskussion  der  Frage,  für  welchen  Tag  und  Charakter  der  Feier  die
Berliner  Delegierten  in  Brüssel  stimmen  sollten,  den  Wortführern  der
Opposition  ein  Anlaß,  aufs  neue  mit  Anklagen  gegen  die  nach  ihrer  Ansicht ­
  überopportunistische,  im  Parlamentarismus  erschlaffte  Führung  der
Partei  hervorzutreten.  Diese  Auffassung  vertraten,  meist  mit  mehr  Wärme
als  Geschick,  Richard  Baginski,  E.  Biester,  Wilhelm  Werner  und
Karl  Wildberger,  während  August  Bebel  und  Richard  Fischer  den
von  der  Parteileitung  eingenommenen  Standpunkt  verteidigten.  Die  sehe
lebhaften  Auseinandersetzungen  endeten  in  der  zweiten  Versammlung  damit,
daß  mit  überwältigender  Mehrheit  eine  Resolution  angenommen  wurde,
welche  sich  dafür  aussprach,  daß  die  Berliner  Delegierten  in  Brüssel  die
Grundsätze  der  bis  dahin  von  der  Partei  geübten  Taktik  vertreten  sollten.
Die  Maifeier  solle  als  Fest  der  Arbeit  und  des  Protestes  unbedingt  aufrecht ­
  erhalten,  aber  die  Bestimmung  über  die  Art  und  den  Charakter  der
Feier  den  einzelnen  Ländern  überlassen  bleiben.  Nur  etwa  200  Lände
erhoben  sich  gegen  die  Resolution.  Zu  Delegierten  wurden  die  Klavierarbeiter ­
  Robert  Schmidt  und  Fritz  Zubeil,  sowie  die  Näherin  Ottilie
Baader  gewählt,  die  alle  drei  in  ihren  Ansichten  durchaus  der
schärferen  Tonart  zuneigten.  Linsichtlich  des  Datums  der  Maifeier  hatte
die  Meinung  die  Oberhand,  daß  unter  den  gegebenen  Verhältnissen  der
erste  Sonntag  im  Mai  der  geeignetste  Tag  für  sie  sei.
Trotzdem  die  Niederlage,  die  sie  auch  hier  wiederum  erlitten  hatte,  überwältigend ­
  war,  streckte  die  Opposition  indes  noch  nicht  die  Waffen.  In
der  Versammlung  vom  3.  Juli  hatte  August  Bebel  geäußert,  er  werde
auf  dem  bevorstehenden  Parteitag  —  Erfurt  —  dafür  Sorge  tragen,  daß
klare  Bahn  zwischen  der  Opposition  und  der  Partei  geschaffen  werde.
Wolle  oder  könne  die  Opposition  sich  nicht  in  die  Taktik  der  Partei  schicken,
so  werde  ihr  Gelegenheit  gegeben  werden,  eine  eigene  Partei  zu  gründen.
Das  war  als  Drohung  mit  Ausschluß  aus  der  Partei  aufgefaßt  worden,
und  zum  Teil  daraufhin  verfaßte  die  Oppositton  ein  Manifest  „An  die  sozialdemokratischen ­
  Parteigenossen  Berlins",  das  bald  nach  der  Versammlung  vom
9.  Zuli  herauskam  und  zum  Motto  den  Ausspruch  St.Simons  hatte:  „Erinnere
Dich,  mein  Sohn,  daß  man  begeistert  sein  muß,  um  große  Dinge  zu  vollbringen." ­
  Es  war  von  Ernst  Müller,  Schmidstraße  39,  Berlin,  als  für  den
Inhalt  verantwortlich  gezeichnet,  war  aber  Kollektivarbeit  von  Karl  Wild  -
berger  im  Verein  mit  Albert  Auerbach,  Paul  Kampffmeyer,  Brune
Wille  und  einigen  anderen.  In  scharfer,  jedoch  trotz  mancher  Äbertreibunger
nicht  unwürdiger  Sprache  geschrieben,  war  es  ein  ganzer  Anklageakt  geger
        <pb n="120" />
        59—62.  Anklageflugblatt  der  Berliner  Opposition  gegen  die  sozialdemokratische
Reichstagsfraktion

An  die
Sozialdemokratischen  Parteigenossen  Berlins.
itlottO*  Erinnere  Dich,  mein  Zahn,
daß  man  begeistert  sein  Rsnfj,
nm  große  Dinge  rn  vaübringcn.
Sk.  Simon.
Eine  Anzahl  Genossen,  aus.  allen  Berliner-  RcichMgswahlkreisen.  welche  unter  dem  Sozialistengesetz  sehte  Gefahren
und  Opfer  scheuten,  nur  die  Ideen,  der  Sozialdemokratie  unter,  der  Arbciterbcvölkernng  zu  verbreiten,  und  denen,  neben  bet
siegreichen  Macht  dieser-Ideen  selbst,  die  heutige  Stärke  der  Pattei  wesentlich-.zu  verdanken  ist,-  kann  cs  nicht  länger  äfft  ansehen,
  wie  der  revolutionäre  Geist  dieser  Bewegung  seitens  einzelner  Führer  systematisch  crtMet  wird.
Es  wäre  Verrath  all,  ber  uns  heiligsten  Sache,  wenn  wir  noch  länger  müßig  -zusehen  wollten,  wie  die  Diktatur  jedes
demokratische  Denken  und  Fühlen  erstickt  —  wie  die  ganze  Bewegung  ^  immer  mehr  ver-flachf  und  schon  jetzt  zur  puren  Reform.
Partei  kleinbürgerlicher  Richtung  heraügcsnnkcn  ist  —  wie.die  Revolution-  von  der  Tribüne  des  Reichstages  herab-  feierlichst
abgcschtvorcn  wird,  'und  täglich  alles  geschieht,,um  einen  Ausgleich  zwischen  Proletariern-  .und  -Bourgeois  herbeizuführen.  Wenn
Lassalle  und  Liebknecht  damals  Recht  hatten,  als  ste.  von  der  Fortschrittspartei  behaupteten,  daß  sie  sich  während  der  preußischen
Koiisliktszeit  todt  geredet  habe,  dcmst.  trifft-dies  auch-heute  wieder  auf  die  sozialdemokratische-Reichstagsftakikün  Zn.
Wir  wenden  uns  mit  diesem  Flugblatt..hauptsächlich  üü  die  überzeugten  und  zielbewußten  Genossen,  und  erst  in
zweiter  Reihe  an  Diejenigen,  welche  es  nur  dem  Ramen  nach  sind  Und  da  möchten  wir  die  Ersteren  hier.  gleich  zu  Anfang
fragen:
.Wer  von  Euch.fühlt  heute  noch  diese  glühende  Begeisterung  in  sich  Angesichts  der  sogenannten
Arbcitcrschub'.  rmb  Versicherungsanträge,  welche  uns  vordem  alle  Hindernisse  überwinden  half  und  uns-trotz
unserer  geringen  Anzahl  der  Regierung  und  übrigen  gesetzmachcndeN  Gesellschaft  so  oft  furchtbar  erschciucu  ließ?-'
.Aber'  —  hören  wir  hier  Manche,  sagen  —  „im  Interesse  der  Partei  mutz  jeder  Genosse  der  Majorität  sich
nnierordnen,  auch  wenn  diese  Majoritätsbeschlüsse  der  eigenen  Ansicht  schnurstracks  entgegen,  stehn
Diese  Ansicht  ist  grundfalsch  und  müh  schließlich  zur  politischen  Korruption  führen.
Die  Majorität  einer  politischen  Partei-  ist  sehr  oft  eine  rein  zufällige  und  setzt  sich,,  auch  bei  der  -Sozialdemokratie
namentlich  seil  den  letzten  Wahlen,  aus  den  verschiedensten  Interessengruppen  zusammen.  Majoritätsbeschlüsse  konnnen  daher
fast  immer  mit  Rücksicht  aus  andere  Parteien  und  Gesellschaftsklassen  zu  Stande,  und  haben  sehe  oft  mit  den  Prinzipien,  der
eigenen  Partei  nicht  nur  sehr  wenig  gemein,  sondern  sie  laufen  diesen  Prinzipien,  öfter  schnurstracks  zuwidcf,  und  ebnen  so
den  Boden  einer  Schwenkung  nach  rechts,  die  leider  von  den'Meisten  erst  darin  bemerkt  wird,
wenn  sie  vor  der  vollendeten  Thatsache  stehen.
Der  Sache  seihst  schadet  man  also  nicht,  wenn  man  die  Parteileitung  und  die  nach  unserer  Ansicht  falsche-  und  verkehrte ­
  Taktik  der.  Partei  bekämpft.
Die  Disziplin  wird  bedingt.durch  die  Organisation;'über  bcidem.  aber  muß  für  'jeden  Parteigenossen  in  erster
Linie  das  Prinzip,  die  Idee  des  revolutionären  Sozialismus  stehen.  In-den  meisten  Fällen  hat  nun  dcr.Sozialismus  und
auch  die  Demokratie  fast  nichts  gemein  nut  dem,  was  unsere  Vertreter  jm-Reichstage  den  herrschenden-  Klaffen  ubdisputirerr
wollen,  wie  wir  weiter  unten  beweisen  werden.
Die  sozialdemokratische  Bewegung  in  Deutschland  ist  von  Anfang-an  eine  durch  und  durch  revolutionäre  und
proletarische  gewesen,  der  gegenüber  alle  übrigen  Gesellschaftsklassen  als  die  .Eine  reaktionäre  Masse'  noch  bis  vor  ganz
kurzer  Zeit  von  jedem  Parteigenossen  bezeichnet  wurde.
Deshalb  ist  -auch  jeder  Versuch,  diese  non  Natur  rein  proletarische  Bewegung,  mit  Rücksicht  auf  das
Mittlere  unb  Kleinbürgerthunt,  weniger  revolutionär  erscheinen  zu  lassen,  ein  Verrath  an  der  Sache  des  Proletariats.
Dieser  Vorwurf  sann  durch  keinerlei  Gründe  wie  .Verbreitung  der  sozialdemokratischen  Ideen'  beseitigt  werden,
Mil  wir  ganz  genau  wissen,  daß.  ili  .aben  genannten  Gesellschaftskreisen  nicht  die  Ideen  des  demokratischen  Sozialismus  es
sind  —  wenn  sie  überhauvt  gepredigt  werden  —,  welche  den  Bauer  und  Kleinhandwerkec  ac.  .bestimmen,  bei  der  Wahl  einem
        <pb n="121" />
        59—62.  Anklagcflugblatt  der  Berliner  Opposition  gegen  die  sozialdemokratische
Reichstagsfraktion

Sozialdemokrat«»  seine  Stimme  zu  geben,  sondern  es  entspricht  einfach  dem  Juiercss-nstandpunkt  jener  Leute,  die  sich  bedrückt
und  geknechtet  fühlen,  und  daher  glauben,  daß  die  Sozialdemokraten  doch  eigentlich  weniger  Rücksicht  auf  Regierung  und  Geldprotzenihum
  zn  nahmen  brauchen  und  der  Sozialismus  vorläufig  noch  in  weitt  Ferne  gerückt  sei.
Den  JndpstricarbLitern  und  »virklichen  Sozigldemokraten  .kann  cs  demnach  ziemlich  glcichgiltig  sein,  ob  bei  der
Reichstagswahl  in  Hirtterpomruern  600  oder  1000  Stimmen  für  uns  abgegeben  werden:  einmal,  weil  es  falsch  ist.  die  vorgeschrittene
  Arbeiterschaft  auf  die  Bekehrung  der  zurückgebliebensten  Ländcrstriche  zu  vertrösten,  und  zum  andern,  weil  es  ein
Betrug  wäre,  wenn  man  die  Genossen  glauben  zn  machen  versucht,  daß  innerhalb  der  heutigen  Gesellschaft  mit  Hilfe  de»
Parlamentarismus,  durch  Majoritätsbeschlüsse  die  Sozialisirnng  der  verschiedensten  Klassen  herbeizuführen  sei.
Die  soziale  Revolution  wird  dort  entschieden,  wo,  sie  zuerst  begonnen  hat:  in  den  Industriezentren,  wo  die  Proletarisixung
  schon  seit  40  Jahren  mit  Riesenschritten  vorwärts  schreitet,  unbekümmert  um  die  Zustimmung,  der  für  alle  Zukunft
ff,differenten  Landbevölkerung.
Freiwillig  werde»  dir  besitzenden  £HnßVit  niemals  »utf  ihre  Privilegien  verzichten  und  so
lange  es  eine  besitzende  Klasse  giebt,  wird  r»  auch  die  nöthige  Anzahl  Knechte  geben,  welche
auf  Kvnmndo  bereit  sind,  für  ihre  Henker  itzr  Klut  za  verspritzen.
Ein  eben  solcher  Unsinn  ist  es  auch,  das  Volk  glauben  zu  machen,  daß  den  Königen  ihr  Handwerk  schließlich  zu
ichwer  werden  könnte  und  dieselben  eines  Tages  erklären  würden,  daß  auch  sie  ans  ihre  Vorrechte  freiwillig  verzichtete».  Wo
das  bisher  wirklich  geschah,  da  geschah  es  zu  Gunsten  des  Kronprinzen  oder  auch  eines  andern  Bevorrechteten,  um  dem  Volk
Sand  in  die  Augen  zu  streuen  und  Hoffnungen  zu  erwecken,  d^e  sich  niemals  erfüllten.
Ebenso  verhält  e§  sich  mit  dem  .Hineinwachsen"  der  heutigen  Gesellschaft  in  den  sozialistischen  Staat,  der  ohne  jede
Betriebsstörung  alsdann  über  Nacht  nur-  proklamirt  zu  werden  braucht  und  in  England  eingeutlich  schon  heute  proNanitrt
werden  fönnte.  Diejenigen,  welche  solchen  Blödsinn  in  die  Menge  schleudern,  hätten  wirklich  kein  Recht,  von  politischen  Kindsköpfen
  zu  sprechen  und  zu  schreiben.  Sie  selbst  find  weit  schlimmeres  als  das.
Wir  sind  daher  der  Ansicht,  daß  cs  äst  sich  schon  taktisch  falsch  ist.  wem,  eine  Zentralstelle  die  Haltung  der  Genossen
an  den  verschiedensten  Orten  in  asten  Dingen  zn  bestimmen  hak.  Es  ist  ganz  undenkbar,  daß  die  Genossen  in  Berlin  und
andern  Industriestädten,  denen  der  Sozialismus  schon  seit  30  Jahren  gepredigt  wird,  nur  der  Parteidisziplin  wegen,  in  allen
takrischeu  Fragen  Rücksicht  ans  das  zuttickgebliebeuste  Dorf  und  den  an  seine  Scholle  gefesselten  Bauer  zu  nehmen  gezwungen
sind.  Hier,  wo  der  Kampf  ums  Dasein  auf  dem  Schlachtfelde  der  Jndustriv  täglich  Hunderte  von  Menschenleben  fordert,  die
durch  Arbeitslosigkeit.  Ueberanstrengnng,  Noth  und  Elend  'und  alle  damit  verbundenen  Begleiterscheinungen  langsam  dahin
siechen  und  vor  der  Zeit  zu  Grunde  gehen  —  hier  rechnet  um»  nicht,  -  sondern  man  fühlt  instinktiv,  daß  etwas
anderes  als  bisher  geschehen  muß,  wenn  nicht  Äerztveiflung  in  den  Reihen  der  bewährtesten  Kämpfer  platzgreifen  soll.
Wir  können  auch  nicht  verstehen,  daß  alljährlich  nationale  und  internationale  Eongresse  mit  schweren  Opfern  zustande
kommen:  nur  um  die  dort  gefaßten  Beschlüsse  bei  der  ersten  Gelegenheit  unter  irgend  einem  Vorwand  wieder  umzustoßen,  wie
dieß  mit  der  Maifeier  schon  zweimal  geschah  und  mit  dem  Verhalten  bei  Stichwahlen  rc.  schon  öfter.
Als  die  Partei  noch  jung  war  und  nur  ans  Proletariern  bestand,  da  wiire  eine  Taktik
wie  die  heutige  ganz  unmöglich  gewesen.
Die  einfache  Thatsache,  daß  diese  Taktik  dennoch  möglich  ist.  beweist  schon  allein,  daß  die  Pattei  ans  Elementen  sich
zusammen  setzt  und  geleitet  wird,  die  zum  Theil  ganz  andere  Ziele  verfolgen.  keincnfalls  aber  identisch  sind  mit  jenen,  die
Gut  und  Blut  ihrer  Ueberzeugung  zn  opfern  stet?  bereit  waren  und  noch  sind.
Was  nun  die  Zweckinäßigkeit  des  Parlamentarismus  betrifft,  der  heute  das  Mädchen  für  Alles  ist,  so  deckt  sich
auch  heute  noch  unsere  Ansicht  darüber  mit  der  des  Geuoffen  Liebknecht,  welche  derselbe  in  seiner  Broschüre:  .Die  politische
Stellung  der  Sozialdemokratie"  festgelegt  hat  und  die  wir  hier  wöttlich  folgen  lassen.
In  Bezug  auf  den  Reichstag  schrieb  Liebkneck)t  damals,  es  war  im  Jahre  1309.  unter  Andern,  folgendes:
.Einen  direkten  Einstuß  ans  die  Gesetzgebung  kann  unser  Reden  nicht  ausüben.  Den  Reichstag  können
wir  durch  Reden  nicht  bekehren.  Durch  unser  Reden  können  wir  keine  Wahrheiten  unter  die  Massen  werfen
die  wir  anderweitig  nicht  viel  besser  verbreiten  könnten.  Welchen  praktischen  Zweck  hat  also  das  Reden
im  Reichstag?  Keinen.  Und  zwecklos  reden,  ist  Thoren  Vergnügen.
Nicht  Ein  Vorhcil?  Und  mm  auf  der  andern  Seite'die  Nachtheile:  Das  Prinzip  geopfert,  der  ernste  politische
Kampf  zur  parlamentarischen  Spiegelfechterei  herabgewürdigt,  das  Volk  zu  dem  Wahn  verführt,  der  Bismarck  fche
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        59—62.  Anklageflugblatt  der  Berliner  Opposition  gegen  die  sozialdemokratische
Reichstagssraktion

Reichstag  sei  zur  Losung  der  sozialen  Frage  berufen.  —  Und.  wir  sollen  aus  praktischen-Gründen  parlcp.
meuteln?  Nur  der  Werralh  oder  die  KurzstchligKeil  kann  .  es  unS  zumuthm.'
Und  an  einer  andern  Stelle  schreibt  Liebknecht:
.Der  Sozialismus  ist  keine  Frage  der  Theorie  mehr,  sondern  einfach  eine  Machtfrage.-  die  Ist,  keinem  Parla»
larncnt,  die  nur  auf  der  Straße,  auf  dem  Schlachtfelde,  zu  lösen  ist,  gleich  jeher,  andern  Machksrüge.
Damit  vergleiche  man  nun  die  jämmerlichen  Gesetzentwürfe  und  die  kläglichen  Reichstagsteden,  welche  die  FrÄktkött
Und  Liebknecht  mit.  inzwischen  verbrochen  hak.
Auf  was  ist  nur»  diese,  für  Jeden  sichtbare  Schwenkung  zurückzuführen?
Die  Führer  sage»,  daß  sie  bei  ihrem  Vorgehen  Rücksicht  auf  das  Kleinbürgerthuür  rc.  .zu'  nehmen  gezwungen  seien,
um  die  Partei  zu  $ti,er  volksthüintichen  zu  »nachen  und  die  breite  Mass?  hinket  sich  zu  hahett.  Wir  übet  sind  der  Ansicht,
baß  Ulan  mit  dieser  breiten  Masse  nur  sich  selbst  und  Andere  tauscht.  Die  Masse  wttd  im  gegebenen  Augenblick  eben  so
rasch  abfallen,  wie  sie  gekommen  ist.  »veil  ihr  nicht  »»»ehr  wie  Alles  fehlt,  wäs  eine  SdZialdemckkratische  HWWhaW  beseelen
muß.  Die  Masse  kann  schließlich  Jeder  habe»»,  der  es  versteht,  sich  überall  dön  Verhältnissen  anzupassen.  wie  die  üntifemitische
Agitation  dies  auf  das  Deutlichste  beweist.
Deshalb  ist  auch  dir  neue  tzaktik  in  dieser  Hinsicht  nichts  weiter,  als  ein  Kompromik  mlt  der  Masse,  auf  Kosten
Lrs  Prinzip'-.
Wir  alle  glaubten,  daß  nach  Allshören  des  Sozialistengesetzes  und  dem  Einzug  von  33  Sozialdemokraten  ist  den
Reichstag  die  Agitation  prinzipieller  betrieben  und  die  Gesetzentwürfe  und  Anträge  unsererseits  weiter  als  bisher  geheü
m  ritzte».  und  das  gerade  Gegentheil  trat  ein,
Rach  den»  Entwurf'unserer  Fraktion  soll  der  8stündige  Arbeitstag  erst  mit  dem  Jahre  1868  Gesetzeskraft  erlangen,
krotzdern  auf  dein  internationalen  Kongreß  in  Paris  1880  beschlossen  würde,  daß  der  8stündige  Arbeitstag  schon  jetzt  überall
von  der  Gesetzgebung  zu  fordern  sei.  Wie  verträgt  es  sich  aber  außerdem  mit  der  Demokratie,  daß  der  Reichstag  im  JaHr'v
1890  etwnS  beschließen  und  zum  Gesetz  erheben  soll,  »vas  erst  sin  Jahre  -1996  Gesetzeskraft  erlangt?  In  unserem  Hrogramck
fordert»  wir  alljährlich  Neuwahlen  und  halten  es  für  unstatthaft,  daß  die  jeweiligen  Vertreter  des  Volkes  irgend  etwas  festlegen, ­
  »vas  erst  Lu  einer  Zeit  zu  Recht  bestehen  soll,  »vo  unter  Umständen  Bessere  oder  auch  Schlechtere,  jedenfalls  aber  Andere
die  Vertretung  ausüben.  Wie  verträgt  es  sich  ferner  mit  der  Dernokratie,  wenn  im  Reichstage  Seitens  unserer  Fraktion  bei'
Berathung  der  Gewerbenovelle  der  Antrag  gestellt  »vird,  daß  das  Eiflbezichen  verschiedener  Gewerbe  unter  dieses-  Gesetz  durch
Kabinetsordre,  also  den  Kaiser  persönlich,  geschehen  soll,  und  nicht  durch  den  Reichstag  oder  der  Zustimmung  desselben?
Auch  das  ist  ein  Zugsständniß  au  die  Krone,  welche-  -sich  von  unserem  Standpunkte  durch  '  nichts'  rechtfertigen  läßt,
auch  dann  nichts  wenn  man  Grund  zur  Annahme  hätte,  daß  der  Träger  der  Krone  volksfreundlicher  als  die  Volksvertret,«kg
selber  wäre.
Feind  des  Mitilarisinus  in  jeder  Form,  verstieg  sich  dennoch  Bebel  im  vorigen  Jahre  so  weit,  -  daß  er  der
Regierung  feine  Unterstützung  versprach,  wenn  sie  in  Anbetracht  des  rauchlosen  Pulvers,  anstatt  der  bisherigen  blanken  Uniform
ganz  schwarze  Uniformen  anschaffen  wollte.  waS  er  später  dainit  rechtfertigte,  daß  ja  auch  diese  vermiitderte  Treffsicherheit  deö
Feindes  den  bei  der  Armee  sich  befindenden  Genossen  zu  Gute  käme.  Wer  so  argumentirt,  kann-  schließlich  alles  rechtfertigen.
Auch  die  Junker  behaupten,  daß  die  hohen  Getreidepreise  dem  landwirthschastlichen  Arbeiter.an  seinem  Lohne  und  somit  'dem
Volke  zu  Gllte  kämen.  Wenn  die  Regierung  etliche  hundert  Millione»»  zuin  Kasernen-  »ind  Festungsbau  verlangt,  dann  behauptet ­
  auch  sie,  daß  dadurch  Arbeitsgelegenheit  geschaffen  mürbe  und  der  weitaus  größte  Theil  dieser  verlangten  Summen  doch
wieder  in  die  Laschen  der  Arbeiter  z»»rücksiieße.  Dasselbe  behauptet'  'der  Zünftler,  wenn  es  sich  um  öffc»tt!iche  Arbeiten
handelt,  gleichviel  welchem  Z»veck  sie  dienen.
Das  höchste  in  dieser  Beziehung  leistete  in  den  letzten  Tagen  der  ehemals  als  radikal  bekannte  Avg.  v.  Wollmar.
Wenn  die  Regierung  nun  immer  noch  kein  Einsehen  hat  und  dem,  mit  unstreitig  ftaatsmännischem  Talent  miSgestattekeir
Genossen  den  Marschalöstab  nicht  verleiht,  dann  hat'er  sich,  sicher  das  erste  Anrecht  auf  das  zunächst  frei  werdende  Minister-Portefeull
  durch  seiner  Münchener  Rede  vom  Montag,  den  1.  Juni,  erworben.  Richt  bloS  die  Natidnalliberalcn  und  Freisinnigen, ­
  auch  wir  haben  jetzt  unsern  StaatSma:»»».  Und  da  thut  man  noch  empört,  »venu  »vir  vo&amp;gt;»  Korruption  sprechen?  Da-Wort
  ist  viel  zu  gut.  denn  die  Handlungen  einzelner  grenzen  nahezu  an  Verrath.
So  hat  sich  such  die  Agttotisn  gegen  die  Getreidezölle  durch  nichts  von  dem.  ent  dir  Freisinnigen  die  Aufhebung
bebegründen,  unterschiedn!.
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        Mir  keiner  Silbe  wurde  der  einzig  richtige  Standpunkt,  den  schon  Carl  MaA  18-49  in  seiner  Brüsseler  Rede  vertrat,
  von  unsern  Abgeordneten  erwähnt.  Die  Agitation  zum  Reichstag  und  allen:  was  damit  zusammenhängt,  welche  bisher
stets  als  Mittel  zum  Zweck  betrachtet  wurde,  ist  jetzt  Selbstzweck  geworden,  und  dies  alles  'blos,  uni  das  Linsengericht  eines
sogenannten  Arbeiterschutzgesetzes,  das  viel  eher  ritt  Schutzgcsctz  der  Unternehmer  genannt  zu  werden  verdient  und  durch  sden
neu  hinzugekommenen  Contraktbruchparagraphcn  all  die  sogenannten  Vortheile,  welche  dem'Arbeiter  scheinbar  aus  dem  übrigen.
Gesetz  erwachsen,  zehnfach  wieder  aushebt.
Der  praktische  Erfolg  steht  also  Durchaus  in  gar  kcjncm  Verhältniß  zu  den  Opfern,  welche'  die  Partei  deshalb  zu
.bringen  verpflichtet  ist.  Nicht  Unehrljchkeit  werfen  wir  aber  deshalb  den  Führern  vor,  sondern  allzu  große  Rücksichtnahme  auf
alle  möglichen  Machtfqltoren,  hervorgegangen  aus  der  veränderten  Lebensstellung  und  der  zu  geringen  Fühlung  mit  dctn
Proletaricrelend/  dem  Pulöschlag  des  gequälten  Volkes.
Wer  aber  bis  jetzt  immer  noch  hoffte,  daß  die  Taktik  sich  bald  ändern  könnte,  den  dürsten  dle  Auslassungen  Bebcl's,
sowie  seine  offene  Kriegserklärung.  an  alle  Diejenigen,  tvclche  in  Zukunft  nicht  Ordre  pariren,  in  der  Fccnpalast-Versanmüung
vom  Freitag,  3.  Jttli,  eines  Besseren-belehrt  haben.
Betreffs  der  pllgenieinen  Feier  ain  1.  Mai  wußte  auch  Bebel  diesmal  nichts  weiter  anzuführen,  als  daß  jedenfalls
in  Folge  dessen  noch  heute  10  ODO  tejite  Arbeit  hätten,  wenn  die  Fraktion  nicht  noch  rechtzeitig  -erkannt,  daß  bei  der  eingetretenen ­
  Krisis  eine  Kraftprobe  der  Partei  nicht  angebracht  sei.  Verhält  sich  denn  das  aber  wirklich  so.  oder  leidet  auch  diese
Ansicht  an  deinselbcn  Grundfehler  wie  alle  übrigen  oben  angeführten  Maßnahmen  der  Partei?-  Das  Uatemehmerthnm  hat
schon  immer,,  wö  es  sich  stark  genug,  fühlte  -und  Zeit,  und  .Umstände  günstig  -waren,  fach'geweroliche  Md  politische  Organisationen. ­
  der  Arbeiter  zu  sprcitgen  versucht  und  jeden  überzeugungstrcnen  Arbeiter  zu  maßregeln  verstanden,  lange  bevor  der
1.  Mai  als  ein  gegen.das  Untcrtlchmcrthum  gerichteter  Wcltfcii-rtäg  vom  internationalen  Kongreß  proklaulirt  war.
Wenn  man.  aber  zugiebt.  daß  das  Unternchmerihum'  stark  genug  ist,  um  bei  einer  derartigen  Kraftprobe  des  Prolclariüts.Hunderltausende
  von  Arbeitern,,  auf  das  Pflaster'  zp  werfen,  dann  ist  cs  sicherlich  auch  stark  genug,  unter-den  gleich
günstigen  Vechälnissen  jede  Betheiligung  an  dieser  -Demonstration  überhaupt  in  gleicher  Weise  zu  ahnden,  .auch  wenn  'dieselbe
auf  einen  Soltntag  'fälst,  ha  die  Bedeutung  ja.'dicselbc  sein  soll.
-ÄbeL-auch'bic.  Demokratie  bekam  von  Bebel-in  dieser  Versamurliüig  einen  so  derben  Faustschlag  ins  Gesicht,  daß
wir  noch,  jetzt  nicht  begreifen  können,  wie.  ein  Mann  an  einem'Abend,  ja.in  einer  Stunde  Alles  das  zertrümmern  kann,  was
er  fest.25  Jahren  selber  mit  aufgebaut  und  in  Wort,  .und  Schrift  so  tapfer-und  energisch  vertrat.
Ein«  eigene.  Parte!  sollen  Diejenigen  sich  grüüden,  welche  nicht  blindlings  mjt  allem  einverstanden-  sind,  was  die
Parteileitung.für  gut  befindet.  Ist  denn  das  nicht  die  Regierung  in  einer  anderen  Form?  Glaubt  henit.auch  Bebel  hcntc
schon,  daß.,  er  die  Unzufriedenheit  wird  beseitigen  können,  wettn  er  einige  Wortführer  dieser  Unzufriedenen-beseitigt?
Wir  sind  heute,  was  wir  vor  10  und  15  Jahrri:'  schon  waren,  und  werden  auch  in  Zukunft  dasselbe  -sein:  überzeugte ­
  Sozialisten  und'  .wirkliche-Demokraten.
Wir  betrachtn  uns  nach  wie  vor  zur  sozialdemokratischen  Partes  gehörig  und  lassen  uuB  weder  von  den  Leitern.
Unserer-  Partei,  »loch  von  -sonst  jemand  zu  etwas  drängen,  was  gegen  unsere  Uebcrzcugitng  streitet.
Auch  liegen  zwischen  dem  Reichstag  und  her  Revolution  auf  dem  Gendarmemnarkt  noch  mebrerc  Mittelstraßcn,  welche
nach  unserer  Ansicht  rascher  zum  Ziele  führen.  Trotzdem  wir  schließlich  auch  vor  der  äußersten  Conscqucnz  dcS  einmal  für
richtig  Erkannten,  tticht  zurückschrecken  würden,  trotz  aller  demagogischen  Verhetzung  untf  Angstmeierci.
Wir  erwarten  aber  attch  von  denjenigen  Patlcigenossm,  welche  mit  unS,  namentlich  unter  dem  Sozialistengesetz,  für
die  Verbreitung  unserer  Ideen,  so  tapfer  kämpften,  daß  sic  sich  endlich  aufraffen  und  wieder  mit  uns  der  Vcrftmipfnng  entgegen
  trete,!.
Dann  wird  auch  die  alte  Begeisterung  wiederkehren,  welche  die  Thatkraft  stählt  -  und  alle  Schwierigkeiten  überwinden
  Hilst.
Hoch  dir  internationale  revolutionäre  Sozialdemokratie!

LcrcmuoorMch  fsir  Redaction  und  Lkrlogi  Hrnst  Müller,  LnII».  Schmlviftr.  39.  Dnicl:  v u 8°  JReufnbmflcrftr.,  30.

59—62.  Qlnflctgefhigblatt  der  Berliner  Opposition  gegen  die  sozialdemokratische
Reichstagssraktion
        <pb n="124" />
        125

die  damalige  Führerschaft  der  Sozialdemokratie  Deutschlands,  ein  Kriegsruf
der  äußersten  Linken  der  Partei  für  Wiederaufnahme  der  radikalsten  Traditionen ­
  der  Sozialdemokratie.  Obwohl  die  revolutionäre  Linke,  hinter  der
in  Berlin  zeitweilig  fast  die  ganze  „innere  Bewegung"  stand,  durchaus
nicht  nur  aus  jugendlichen  Personen  bestand,  sondern  Leute  aller  Altersklassen ­
  in  ihren  Reihen  zählte,  kam  nun  doch,  und  zwar  zuerst  in  der  bürgerlichen ­
  Presse  die  Bezeichnung  „die  Jungen"  für  sie  auf;  denn  gegenüber ­
  den  Auer,  Bebel,  Liebknecht,  Singer  waren  die  führenden  Vertreter
der  Opposition  allerdings  „junge  Leute".
Wie  ohne  weiteres  begreiflich,  schenkte  ein  Teil  der  bürgerlichen  Presse
diesen  „Jungen"  alsbald  starke  Beachtung  und  ein  gewisses  Wohlwollen.  Man
vermied  es  zwar,  rund  heraus  für  sie  Partei  zu  nehmen,  erklärte  aber,  das,
was  sie  verlangten,  doch  nur  die  folgerichtige  Anwendung  dessen  sei,  was
die  alten  Führer  stets  gepredigt  hätten;  die  letzteren  hätten  nur  nicht  die
Ehrlichkeit  oder  den  Mut,  die  Konsequenzen  ihrer  Lehren  zu  ziehen.  And
als  Wilhelm  Liebknecht  das  Wort  fallen  ließ,  nachdem  der  Parteitag  gesprochen ­
  haben  werde,  würden  diejenigen,  die  sich  seinen  Beschlüssen  nicht
fügten,  „fliegen",  gebärdeten  sich  namentlich  die  reaktionären  Blätter  höchst
entrüstet  über  solche  „Parteidiktatur".  Nun  wäre  die  Drohung  sicherlich
besser  unterblieben,  aber  das  Pharisäertum  in  der  sittlichen  Entrüstung
jener  Presse  lag  zu  offen  zutage,  als  daß  sie  auf  die  sozialistische  Arbeiterschaft ­
  Berlins  größeren  Eindruck  hätte  machen  können.  Sie  schadete  vielmehr ­
  den  „Jungen"  eher  noch,  als  daß  sie  ihnen  von  irgendwelchem  realen
Vorteil  gewesen  wäre.
Es  fanden  nun  im  August  und  September  1891  noch  verschiedene
Versammlungen  in  Berlin  statt,  die  zu  Zusammenstößen  zwischen  Vertretern
der  offiziellen  Parteitaktik  und  Vertretern  der  Opposition  führten.  So  am
25.  August  eine  große  Versammlung  im  Wahlverein  des  sechsten  Berliner
Reichstagswahlkreises,  in  der  das  Vorstandsmitglied  Albin  Gerisch  über
Kritik  und  Disziplin  referierte.  Die  Darlegung  Gerischs,  daß  das
Prinzip  der  Disziplin  und  die  Forderung  freier  Kritik  durchaus  vereinbar
seien,  solange  die  Kritik  sachlich  bleibe,  daß  aber  die  von  der  Opposition
geübte  Kritik  dieses  Maß  überschreite,  rief  eine  lebhafte  Debatte  hervor.
Der  Schriftsetzer  Eugen  Ernst  bekannte  sich  mit  Wärme  zur  Opposition,
indem  er  betonte,  daß  sie  durchaus  von  ehrlichem  Wollen  beseelt  sei  und
nur  aus  innerster  Überzeugung  die  Laltung  der  Parteileitung  als  schädlich
bekämpfe.  Ihm  entgegnete  in  längerer  Rede  Ignaz  Auer,  der  die
Maßnahmen  der  Parteileitung  verteidigte  und  insbesondere  die  Bedeutung
des  Parlamentarismus  hervorhob,  während  für  die  Opposition  noch  der
Arbeiter  E.  Börner  Stellung  nahm.  Die  Versammlung  wurde  schließlich
vertagt  und  am  1.  September  im  Saal  zum  Eiskeller  fortgesetzt.  An  diesem
Abend  erklärte  zunächst  Eugen  Ernst,  in  Antwort  auf  einen  in  der  ersten
Versammlung  geäußerten  Vorhalt,  daß  er  nicht  der  Verfasser  des  Flugblattes ­
  der  Opposition  sei,  kritisierte  dann  eingehend  das  Auftreten  der  einzelnen ­
  Parteiführer  als  zu  weit  getriebenen  Parlamentarismus,  sowie  die  Abwiegclei
  in  der  Maifeierfrage,  und  faßte  den  leitenden  Gedanken  der  Kritik
in  den  Satz  des  Flugblattes  der  Opposition  zusammen:  „Nicht  Anehrlichkeit
werfen  wir  den  Führern  vor,  sondern  zu  weit  getriebene  Rücksichtnahme
nuf  allerhand  Machtfaktoren,  hervorgegangen  aus  ihrer  veränderten  Lebens-
        <pb n="125" />
        126

stellung  und  der  zu  geringen  Fühlung  mit  dem  Proletarierelend."  Auer
antwortete  aufs  neue  in  längerer  Rede,  zum  Teil  unter  lebhaften  Zwischenrufen ­
  von  seiten  der  Opposition,  für  die  sodann  Eugen  Ernst,  Wilh.
Werner,  E.  Börner  und  P.  Litfin  das  Wort  nahmen,  bis  nach  Mitternacht ­
  noch  einmal  Vertagung  beschlossen  wurde.  Am  9.  September  kam
man  im  Kolberger  Salon  ein  drittes  Mal  zusammen,  und  hier  verlas  Ignaz
Auer,  nachdem  zuerst  Karl  Wildberger  von  der  Opposition  gesprochen
hatte,  jenes  Verzeichnis  der  aus  dem  Flugblatt  der  Opposition  herauszulesenden ­
  Anklagen,  das  später  dem  Erfurter  Parteitag  als  Grundlage
für  die  Auseinandersetzung  mit  der  Opposition  vom  Parteivorstand  mit
der  Parole  unterbreitet  wurde:  Beweisen  oder  zurücknehmen!  Dann
ging  Auer  die  Anklagen  im  einzelnen  durch,  Vertreter  der  Opposition
antworteten  ihm,  und  erst  nach  1  Ahr  nachts  konnte  endlich  die  Debatte
geschlossen  werden.  Mit  großer  Mehrheit  —  ungefähr  tausend  gegen  etwa
hundert  Stimmen  —  fand  eine  von  A.  Iacobey  beantragte  Resolution
Annahme,  die  folgenden  Wortlaut  hatte:
„Die  heutige  Versammlung  erklärt:
1.  Die  Befürchtung,  daß  die  sozialdemokratische  Partei  durch  die
bisher  geübte  Taktik  einer  Versumpfung  entgegengeht,  entbehrt  jeder
Begründung.
2.  In  Erwägung,  daß  innerhalb  der  sozialdemokratischen  Partei  von
jeher  die  freie  Meinungsäußerung  gewaltet  hat,  ist  die  Versammlung
der  Ansicht,  daß  dieselbe  auch  ferner  bestehen  wird.  Dagegen  erkennt
die  Versammlung  eine  organisierte  Opposition,  falls  eine  solche  bestehen
sollte,  nicht  an,  nachdem  die  Zwecklosigkeit  einer  solchen  in  den  letzten
drei  Versammlungen  deutlich  nachgewiesen  ist."
Gleichfalls  mit  großer  Mehrheit  ward  eine  von  Karl  Poffmann
beantragte  Resolution  angenommen,  die  erklärte,  daß  das  Recht  der  Kritik
das  wichtigste  Recht  des  einzelnen  Genossen  und  die  unentbehrliche  Triebfeder ­
  der  Weiterentwicklung  der  Gesamtpartei  sei,  jeder  Mißbrauch  dieses
wertvollsten,  unentbehrlichsten  und  schwerwiegendsten  Rechts  aber  die  Partei
aufs  ttesste  schädige  und  es  daher  „aufs  schärfste  zu  verurteilen  sei,
daß  von  Parteigenossen  Behauptungen  persönlich  verleumderischen  Inhalts
ohne  genügend  vorhandene  Beweise  in  die  Welt  gesetzt  werden,  gleichviel
ob  dieselben  sich  sofort  als  unwahr  Herausstellen  oder,  noch  schlimmer,  wenn
der  Betreffende  nicht  in  der  Lage  ist,  ihre  Anwahrheit  sofort  beweisen  zu
können".  Die  Versammlung  erwarte,  schloß  die  Resolution,  daß  die  Parteigenossen
  „sich  ihrer  Verantwortlichkeit  der  Partei  gegenüber  wieder  vollbewußt ­
  werden  und  sich  aller  Behauptungen  enthalten,  von  deren  Tatsächlichkeit ­
  sie  sich  nicht  vorher  überzeugt  haben".  And  von  einer  dritten
Resolution  —  Antragsteller  Duchateau  —  ward  der  erste  Teil,  der  der
Fraktion  „das  vollste  Vertrauen  der  Versammlung"  aussprach,  wiederum
mit  allen  gegen  etwa  hundert  Stimmen  angenommen,  während  der  zweite
Teil,  der  die  Erwartung  aussprach,  daß  die  Fraktion  die  Wünsche  der
Opposiüon  prüfen  und  auf  dem  Erfurter  Parteitag  zum  Gegenstand  der
Beratungen  machen  werden,  keine  unbestrittene  Mehrheit  erlangen  konnte.
Das  war  unter  den  gegebenen  Amständen  ein  bedeutsamer  Sieg  der
Parteileitung.  Mit  dem  gleichen  Resultat  endete  vier  Tage  darauf  —  am
13.  September  —  eine  nach  dem  Feenpalast  einbemfene  allgemeine  Partei-
        <pb n="126" />
        Der  Sozialist.
Organ  der  unabhängigen  Sozialisten.
Redaktion  und  Expedition:  Alts  Zakodstraße  91,  Hof  3  Treppen.

»Der  Sozialist"  erschein,  wöchentlich  einmal.
aeo,»prell:  Monatlich  »0  ps.  vierteljährlich,  dtirch  die  post  bezogen  I  Mk.  ro  ps.  ohne  Bestellgeld;  direkt  per  Kreuzband  I  Mt.  c
Inserlionrprei»  pro  ^gespaltene  peiilzeile  &amp;gt;»  Ps.

o  Pf.  —  Linzel-Nummer  (Ö  Pf.

M  I.

Sonntag»  6cu  15.  November  1891.

I  &amp;gt;.  Jahrgang.

Inhalt:  AbounemeiilS-EIülodmig.  —Unftr  Zweck  —
Gcgcn  den  Slslal8jojioliJmu4..  —  Vom  Kampf  btt  Partei-Itlluiifl
  gegen  die  Opposition.  —  Nach  dem  Parteitag.  —
Depesche  oder  Postkarte.  —  Zur  Bewegung.  —  Zur  Abwehr. ­
  —  Abrechnung.  —  Inserate.

Alionncirrenls-Einlnduirg.
.Der  Sozialist'  tritt  mir  hcntigcr  Nummer  znm
erste»  Male  an  die  Ocfscntlichkeit.  Er  wendet  sich  in  erster
Linie  an  die  unabhängig  denkenden  Sozialisten  und  an
olle  Diejenigen,  denen  eine  Klärung  der  sozialistischen  Prinzipien ­
  am  Herzen  liegt.
.Der  Sozialist'  erscheint  am  Sonnabend  jeder  Woche
zum  Preise  von  40  Pf.  pro  Monat;  siir  Monat  November
20  Ps.  Bei  Bezug  durch  die  Post  beträgt  der  vierleljähriiche
  SbonnemenISprci»  I  Mk.  20  Ps.;  direkt  per  Kreuzband ­
  l  Mk.  60  Ps.  Die  Einzel-Nummer  kostet  10  Pf.
Bestellungen  nehmen  alle  Postanslalten.  Kolporteurc
und  ZcitungS-AnSlräger  enlgcgcn.
Wir  bitten  Gleichgesinnte,  sich  die  Verbreitung  deö
.Sozialist'  angelegen  sei»  z»  lassen  und  Probenummern
nach  Bedarf  von  \iii-3  zu  verlange».
Die  Expedition  des  „Sozialist"
grrtin  §..  fttr  Jnkobstr.  91,  gof  «&amp;gt;.

lHuscr  Zweck.
f  Wer  die  Vorgänge  der  leijlc»  Zeit  ansvicrlsam  bcobm.j.'.k,
  den  wird  uns«  Erscheine»  nicht  überrasche»
Innerhalb  der  sozlaldeinokratischc»  Partei  machte  sich
bercitb  ivährcnd  der  lebte»  Tage  de»  AuSnahm-geseheS  eine
licsgchcnde  Gählntig  gellend.  Die  Parieiverhälluisse  dräng-,
len  schon  damals  zu  einer  Klärung,  Anzeichen  innczcr
Korrnplion  riese»  in  ntanchei»  Genossen  das  Gcsühl  de«
Unbehagens  »nd  der  Mißstimmung  wach.  Die  NcichitagSsraklion
  enlsernle  sich  iuuner  mehr  vdn&amp;gt;  rein  proletarischen
Boden;  sie  begatt»  Im  Lager  de»  Kieinbürgerthumr  unterzntaitchcir.
  At,  die  Endziele  de»  SozialiSnutS  kehrte  ste  sich
inöglichst  wenig;  vielmehr  stichle  sie  iiti  PosstbiliSinuS  dar
Heil  der  Arbellerklasse.  Etat!  ans  dem  Boden  de»  LlasscnkamvseS
  zu  verharren,  schickte  sie  sich  a».  di«  SescbeSstickeret
im  Große»  zn  betreiben.  Nicht  di,  prinzipielle  Propaganda,
sondern  da»  Paclaineni  imirde  ihr  Ideal;  nicht  der  rcvo-Ptiiotiärcn
  Bcwegnug,  sonder»  der  Sozialreson»  widmete
man  seine  Kräfte.  Z»  alledem  knin  noch  die  Diklalttr  der
Parteileitung,  die  jedes  selbständige  Denke»  der  Genosse»
erstickte.  Wie  ein  eiserner  Druck  lastete  die  hcrauSgebildetc
Zentralisation  ans  der  freien  Bewegung  des  Proletariat».
Scho»  daittolS  lirste»  sich  einzelne  Slitnmcn  vernehme»,
«elä)e  vor  dem  Weiierschreile»  aus  dem  cittgeschlagenen
Wege  warnte».  Sic  übtet,  an  den  Misiltäiidcti  nickt,attSlosc
Kritik  und  machte»  aus  da«  Vcrhängiiibvolle  der  neuen
Taktik  ausmcrksanr  So  ersülllen  sie  ihre  Pflicht  ,1»  Genossen. ­
  Aber  der  Geist  der  Diklatur  war  noch  zu  »tüchtig;
die  eiserne  Zentralisation  hielt  die  Masse»  »och  zu  sehr  geknedc»
  —  dir  den  Arbeitern  eingedrillte  Disziplin  erllüric
die  Mahnrufe  für  Hochverrolh  an  der  Partei  I  Man  «erkündete:
  .Disziplin  geh!  über  das  Prinzip!'  und  die  Menge
nickte  dazu  mit  dem  Kopse.  Die  Kritiker  wurden  der  Berüchtlichmachung
  sozlaldcinokralilchcr  Slaalscinrichlungcn  für
schuldig  besundcn  —  man  stempelte  sie  nach  alter  Manier
zu  Polizeispitzeln  und  räudige»  Schnsen.  Die  selbst  von
der  bürgerlichen  LescllschasI  zugelassen-  Vertheidigung  wurde
ln  diesem  Falle  dadurch  verhinderl,  das,  mün  die  Angrklagten
einfach  niederschrie.  Noch  iticnialS  hat  sich  die  brutale  MajoriiütShcrrschafl
  so  verderblich  gräustert,  als  gerade  damal«.
Und  itoch  nie  zelglc  sich  die  Mache  geschickter  Demagogen
drntllcheri  So  wurde  die  erste  Regung  der  Opposition  in
Dresden,  Magdeburg  und  Berlin  niedergeworfen.
Der  Parlcilag  zu  Halle  hieb  all'  diese  Mastregein  gut.
Die  Opposillon  hotte  man  bi»  aus  einen  Genossen  von  vornherein ­
  von  jenem  Kongrelle  sernzuhallea  gewußt.  Aus  dcmjclben

  wurde  die  Zciitralisalion  woinSgllch  »och  enger-geschmiedet. ­
  die  Diklatur  noch  mveitert.  Im  Parieivorstand
schuf  man  eine  Behörde,  deren  Macht  und  Ei»fl»b  inzwischen
  klar  geworden  Ist.  Die  Parleiorgauisallon  hat  sich
als  Fessel  jsir  jede  selbständige  Bewegung,  für  jeden  freien
Meinungsaustausch  erwiesen;  sie  niacht  ihre  Mitglieder  zu
willenlosen  Werkzeugen  einer  von  der  Diktaiur  approbirlen
DiSzivlltt.  Und  wer  sich  nickst  unterordnet,  der  .stiegt  einsach
  hinaus'  -  wie  cS  nach  berühmtem  Muster  heiß,.
Auch  sonst  ist  Alle«  so  gclommcii,  wie  c«  die  Opposillon
bei  ihren,  ersten  -  Anslrclcn  erwartete.  Die  Partei  befindet
sich  im  schönsten  PosstbiliSinuS.  Ihre  seiiherige  RclchSlagS-IHLIIgkcil
  hat  dies  ans  daS  Bestimmteste  gelehrt.  Man
denke  doch  mir  m&amp;gt;  die  Bernlhimgen  deS  ArbcilerschntzgcsctzeS!
ES  war  ein  Jammer,  wie  sich  dicicnigcn  gcbcrdeie»,  die  das
Proletariat  zu  vcttrclcn  vorgaben  —  bcschänicnd  für  eine
Arbeilerpuclei!  Wenn  e«  noch  etncS  Beweises  für  den  kleinbürgerlichen
  Charakter  der  heutigen  Sozialdeniokraiie  dcdursl
hällc:  die  pnrlnmcntnrijche  Berlrelinig  selbst  hat  ihn  i»  dieser
Periode  hnnderlsnch  erbracht!
ES  war  daher  mir  natürlich,  daß  sich  die  Opposition
imuirr  lcbhaster  geltend  machte.  Und  ebenso  erklärlich  war
e«.  dab  die  Zusammenstöße  mit  der  Parteidillaliir  gerade
zu  jener  Zelt  am  hcsligstcn  ersotglcti,  alS  der  Internationale
Ärbellerkongreß  zn  Brüssel  beschickt  tverdcii  sollte.  Allen
ehrlichen  Gcnossctt  mußte  daran  liegen,  die  sozialistischen
Prinzipien  aus  dem  Kongresse  »»verwässert  und  unverfälscht
vertreten  zu  sehen.  Sic  vermochten  jedoch  nicht  zu  hindern,
daß  auch  hier  die  kleinbürgerlichen  Beslrebiingen  biumphirlcii.
Aber  der  Stclü  war  nun  unaushallsai»  i»'S  Rallen  gebracht.
Der  Kampf  wurde  immer  erregter.  Man  sachte  die  Opposition ­
  niederzuschreien;  man  verleumdete  sie,  so  viel  mna
tonnte;  man  erklär,«  sic  für  Polizeiinnchc  —  kurz:  man
bol  alle  Mittel  auf.  um  dir  Minderheit  z»  unterdrücken.
Und  babei  halten  die  ParteihLuptliNge  und  ihre  Kreaturen
die  Slirn,  zn  ertlären:  das  Recht  der  strllif  und  der
freien  Meinungsäußerung  sei  nicht  gcsührdel!
WaS  vorher  bereits  feststand,  geschah  ans  dein  Erfurter
Parteitage:  man  sordcrlc  den  Ausschluß  der  Opposition  —
natürlich  Initiier  üit  Interesse  der  freien  Meinungsäußerung!
Piait  verbreitete  nnler  bei,  Dctcgiricn  eineAnklageschrift
gegen  die  Hochverrülhcr.  die  nach  allcil  Regel»  staaiSanivaltschastlichcr
  LcrdrchnngSknnst  abgesaßl  tvar.  Die  Angeklaglen
zogen  ej!  jedoch  vor,  selbst  ihren  AuSlrllt  z»  erkläre».  DaS
hinderte  de»  Parlcilag  aber  keineswegs,  sic  hinlcrhcr  noch
Immer  scierlich  ouSznjchlirßcn  —  auf  Bclreibrn  derselben
Herren,  die  einst  selbst  daS  Recht  der  Opposition  für  sich
in  Anspruch  genommen!  Jehl  inöchte  man  natürlich  dir
Bedeulmig  de»  Vorganges  abschwächen.  Die  Acwalllgc»
de»  ParlcivorstandeS  bchanvlc».  der  Ausschluß  richte  sich  mir
gcgcn  die  Personen  Werner  und  Wildbcrgcr  -  nickst  gegen
die  Opposition.  ES  muß  weil  gckomme»  sein,  wein,  man
die  Genossen  durch  solche  Spicgelfcchtcrci  zn  täusche»  ivagl!
Wer  de»  Verhandlungen  de«  Parteitages  gefolgt  ist.  weiß,
daß  Ihaijächlich  die  Opposition  als  soichc  ausgeschlossen
wurde;  daS  Volum  richtet  sich  ivider  die  abweichende  Meinung ­
  —  mögen  auch  »och  so  viele  Parlcibüllcl  das  Gegentheil ­
  gläubig  nachbeten!  Man  stempelte  Kritik  undAnsichten
der  Oppostlio»  zu  Bcrlcnmdnngcn,  uni  mit  staotSanwalt-Ichaslilcher
  Logik  sagen  zck  können:  die  Opposition  wurde
wegeik-  Verleumdung  der  Partei  ausgeschlossen.  Und
daß  er  wirklich  die  abweichende  Meinung  war.  welche  man
auSsließ,  daS  Hai  Herr  Singer  in  einem  milKbiufttcii  Augenblicke
  selbst  verrathen.  Er  sagte  im  vierten'  Berliner  Wahlkreise ­
  gelegentlich  der  Berichterstattung  über  dr»  E-rsurlrr
Parteitag:  .Seien  wir  sroh,  daß  wir  die  Nörgler
an  der  dlsherigen  Taktik  loSgrivordeii  sind.'
Nachdem  nun  d,e  Oppostiioa  außerhalb  der  Panelorganisalion
  steht,  muß  sie  die  Propaganda  sür  die  Ideen
de«  Sozialismus  aus  eigene  Hand  betreiben.  Sie  wird
selbständig  und  unabhängig  operircu.  In  Berlin  hat  sich
die  Opposillon  bereit«  zu  einem  .Verein  »»abhängiger  Sozialisten' ­
  znsammkttgcschaart,  und  gleiche  Vereinigungen
werden  in  anderen  Jndustrlczenlrcn  enistehen.  Uebcrall  deginnt
  man  einzusehen,  daß  '  t«  unmöglich  ist.  Im  engen
Rahmen  der  sozialdemokratische»  Organisalion  noch  todter
erfolgreich  für  die  Befreiung  deS  Proletariats  zu  wirken.
Mit.diesem  Zusammenschließen  aller  unabhängig  denkende»
Sozialisten  ist  er  aber  nichk  allein  gethan.  Um  die  Prinzipien ­

  deS  Sozialismus  verfechten,  den  klcinbürgerlich-posffbilistlschcn
  Bestrebungen  der  Sozialdemokratie  entgegenarbeiten
»nd  alle  Angriffe  abwehren  zu  kömien  —  dazu  bedarf  es
in  'erster  Linie  deS  bcwührlcstcn  KampsmillcIS:  der  Presse.
Die  Parteiprcssc  hat  sich  unsShig  erwiesen,  alle  Meinungen
der  Genosse»  znm  Ausdruck  zu  bringen.  Sie  folgt  in
ihrer  Haltung  nur  der  parleibchördlichcn  Mnrschrouic  nnd
wag!  «S  nicht,  Andersdenkende»  Raun,  zu  gewähren.  Und
sie  muß  derartig  schablonenhasl  werden,  iveil  über  ihr  die  -
Zensur  deS  ParlcivorstandeS  schwebt.  DaS  Recht  der  sozial
dcinokralischcu  NcichSregicrung,  die  Haltung  der  Prcffe  -  zu
koiitroNiren  -  dieses  Recht  führt  zur  Knebelung  dcS  freie»
Wortes,  raubt  der  Publizistik  Lust  und  Licht,  sodast  hier
eine  Versumpfung  „oll,wendig  eintreten  muß.  ES  Ist  also
unmöglich,  nnscrc  Anschauungen  im  Rahmen  der  Parleipresse
  zur  Grllung  zu  bringen,  »nd  daher  uiachke  sich  sür
die  unabhüngigcn  Sozialisten  ein  eigenes  Organ  nöthig.
Wir  werden  unsere  Ausgabe  zu  crsüllcn  suchen,  indem
wir  unS  der  Hauplsache  nach  von  folgenden  Grundsähen
leiten  lassen.
Unser  Ziel  ist  die  wlrlhschastliche  nnd  damit  die  io
ziale  Besrcinng  der  Arbeiterklasse.  Wir  bckämpsen  Hnrschast
»nd  KncchlschasI  in  jeder  Form,  die  »laicricllc.  wie  die
geistige.  Dies  wird  möglich  durch  die  Aushebung  de»  bürgerlichen ­
  PrivatelgenihinnS.  InSbejonderc  durch  Lergcscll  schallung
  der  ProdnkiionSniiitcl.  An  Stelle  bcB  bculigcn  Sozial- ­
  nnd  WirtbschaslSzustandrS  tritt  da«  gemeinsame  Eigen
lhum,  die  gemeinsame  Produliion  und  die  gemeinsame  Kmi--snnilion
  —  wie  dict  schon  nu°  der  Tendenz  der  gejchichl-,
lieben  Enlwicktnng  hervorgeht
Diese«  Ziel  allein  hat  für  eine  strrilg  -  ioziolistische
Bewegung  «IS  Gnindlage  zu  bicnciu  Ausgabe  der  Agitation ­
  ist  cS,  da«  Prolclariat  dafür  vorzubcrrilm,  eS  zu
orgaiiistrcn  für  die  Bcsrciung.  ES  ist  klar,  daß  die  Bewegung ­
  durch  nnd  durch  rcvuiullonär  sein  must,  da  eine
freiwillige  Abdankung  der  Bourgeoisie  mnuögUch  crwarlct
tverdcii  kann.
Wir  verwerfe»  alle  Koinpromisse  mit  den  beerschendra
Klaffen  »nd  jrdcS  Entgcgenlommc»  seitens  der  Aibeiicr.
Uiitcrhandlnngcn  mit  der  Bourgeoisie  cmsm-cckicil  einer  orolelarlsch-rcvolulioiiären
  Bcivegung  nicht.  Darin»  bleiben  wir
Gcgncr  der  gesetzgeberisch  -  varlnmcninrisckirn  Thäligkcil;  die
Erlnhrung  hat  gclchrl,  daß  dirsclbc  «»abwendbar  zur  »ncrnpiion
  nnd  zum  PossibiliSnins  führt.  Man  muß  scsthallcn.
daß  das  Parlanient  eine  Instllntio»  Ist.  durch  welche  die
Bourgeoisie  ihre  Herrschafi  Über  daS  Proletariat  ausübt.
Hier  elwaS  sür  die  Arbcttcr  ertrotzen  ober  erbetteln  zu
tvollcn.  ist  daher  einfach  umnöglich.  Je  weiter  sich  die
bürgerliche  Gesellschaft  entwickelt,  desto  klaffender  werden  die
Klaffe,igcgcnsätze  zwischen  Bourgeoisie  »nd  Proletariat.  Der
Boden  sür  die  Unlcrhandliingen  mit  der  Bourgeoisie  schwinde, ­
  Immer  »uehr  nnd  Immer  hcsliger  muß  der  Kiaffrukamvs
  enldrcnnen.  So  wird  dar  Proleiarial  in  stcigciideni
Pkäßc  gezwungen,  der  herrschenden  Klasse  gegenüber  eine
rein  abwehrcndc  Taktik  einzuschlagc»;  die  positive  Pkitarbeil
an  der  Gcjehgcbiing  wird  mehr  den»  je  zur  iinmSglichkft.
Und  wenn  das  Prolclariat  einst  In  die  Lage  kommt,  eine
portamenlarischc  Mehrheit  bilde»  zn  können,  so  wird  iB
daraus  verzichten,  weil  &amp;lt;S  bnini  sein  Ziel  auf  einem  weit
kürzeren  Wege  zu  erreichen  vermag.
U»S  erscheint  der  geiverfschaflllch  -  sozialistischc  Klaffe»'
kanws  alS  die  ziveckmäßigstc  Forni,  unter  welcher  ber  Arbeiter ­
  heule  der  Bourgeoisie  gcgcnübertrett»  tan».  Er  hält
zugleich  die  Waffen  in  Muß.  fördert  die  Orgaiiisatlo»  »nd
die  Propaganda,  stärkt  daS  SolidarilälSgcsbht  und  beschleunigt
den  Konzenlrationkprozeß  deS  Kapitals,  indem  er  namentlich ­
  de»  Kteinbettieb  vernichten  Hilst.
Dl/Beseitigung  deS  Kleinbürger,  und  Kleinbauer»«,»!»«
hallen  wir  für  eine  der  Vorbedingungen  de«.  Sozialismus.
Die  wirihschastliche-  Entwicklung  räumt  bereits  damit  ans,
und  wir  werden  den  Untergang  dieser  Elemente  nur  zu  de
jchkcnnigen  suchen.  Da«  ist  eine»  der  wicht  igstc»  ttu-erschcidungLincrkmalc
  ztvischen  Mi»  und  der  osslziellc»  Soztatdcniokratic.

Innerhalb  der  proletarischen  Betvegnng  selbst  werden
Wir  jede  zwangsweise  Zculralisniio»  bckSiupfen.  -weil
durch  diese  OrganisalionSfonn  die  Machlbesngmffc
den  Händen  Einzelner  HLufen  nnd  somit  stet*  d&amp;gt;c  ©c.aiir
dn  Diktatur  droht.  Der  selbständigen  Beweg,mg  ^niciaer
Glieder  n:uß  da«  zentralistische  Prinzip  auf  ftdeu  0-a»

63.  Titelseite  der  ersten  Nummer  des  „Sozialist"  1891
        <pb n="127" />
        128

Versammlung,  in  der  die  zum  Brüsseler  Internationalen  Kongreß  entsandten ­
  Delegierten  Berlins  über  den  Kongreß  Bericht  erstatteten.  Eine
Resolution  —  Antragsteller  Bombten  —,  die  speziell  gegen  Wilhelm
Liebknecht  gerichtet  war  und  dessen  Verhalten  gegenüber  dem  antiparlamentarischen ­
  holländischen  Sozialisten  Domela  Nieuwenhuis  tadelte,  erhielt  nur
einige  wenige  Stimmen,  eine  Resolution  Niederauer,  welche  den  Ausschluß ­
  der  Anarchisten  vom  Brüsseler  Kongreß  mißbilligte,  weil  es  „die
Hauptaufgabe  der  internationalen  Sozialdemokratie  sein  muß,  alle  organisierten
Arbcitergruppen  in  ihre  Reihen  zu  ziehen",  ward  mit  allen  gegen
IO  Stimmen  abgelehnt,  und  gegen  diese  Minderheit  eine  Resolution
Kohlmann  angenommen,  laut  der  die  Versammlung  sich  mit  dem  Verhalten ­
  der  Delegierten  in  Brüssel  und  den  Beschlüssen  des  Brüsseler
Kongresses  einverstanden  erklärte.  In  der  gleichen  Versammlung  wurde
die  Delegiertenwahl  für  den  Erfurter  Parteitag  vorgenommen,  sie  ergab,
daß  von  15  der  Gewählten  nur  einer  Parteigänger  der  Opposition  war.
Es  war  dies  der  Tapezierer  G.  Niederauer,  der  neben  P.  Gumpert
für  Berlin  V  gewählt  wurde.  Außerdem  wurden  gewählt:  Für  Berlin  l
Th.  Mehner,  B.  Stabernack  und  A.  Taeterow;  für  Berlin  II
Ferd.  Kleinert  und  Frau  Emma  Ihrer;  für  Berlin  III  W.  Börner
und  St.  Fritz;  für  Berlin  IV  Frau  Rohrlack,  G-  Tempel  und  Robert
Wenzels  und  für  Berlin  VI  Frau  v.  Lofstetten,  Leinrich  Peus
und  Adolf  Scholz.
Die  Stellungnahme  des  Erfurter  Parteitages  zur  Bewegung  der
„Jungen"  ist  im  ersten  Kapitel  dieses  Buches  geschildert.  Sie  hatte  die
Wirkung,  daß  mit  den  fünf  schon  in  Erfurt  aus  der  Partei  Ausgetretenen
noch  eine  ganze  Anzahl  Mitglieder  der  Berliner  Opposition  der  Partei
den  Rücken  kehrten.  Noch  während  der  Parteitag  beriet,  fand  —  anr
20.  Oktober  —  eine  von  den  Oppositionsführern  in  das  Lokal  „Zur
Ressource"  einberufene  Versammlung  statt,  in  der  Albert  Auerbach,
Wilhelm  Werner  und  Karl  Wildberger  die  Vorgänge  in  Erfurt,
die  ihnen  den  Anlaß  zum  Austritt  aus  der  Partei  gegeben  hatten,  im
Lichte  ihrer  Auffassung  mit  dem  Erfolg  schilderten,  daß  die  große  Mehrheit ­
  der  von  600  bis  700  Personen  besuchten  Versammlung  einem  von
W.  Liefländer  gestellten  Antrag  zustimmte,  der  zur  Gründung  eines  Vereins ­
  zur  Vertretung  der  Grundsätze  der  Opposition  aufforderte.  Ein  einmütiger ­
  Protest  der  noch  in  Erfurt  weilenden  Berliner  Delegierten  gegen
die  Versammlung  erschien  im  „Vorwärts"  vom  21.  Oktober  —  zu  spät,
um  auf  diese  Versammlung  selbst  einwirken  zu  können.  Nachdem  aber  der
Parteitag  beendet  war  und  in  den  verschiedenen  Wahlkreisen  Berichterstattung ­
  der  Delegierten  erfolgte,  wurden  in  all  den  betreffenden  Versammlungen ­
  (Berlin  VI  am  25.  Oktober,  Berlin  II,  III,  IV  und  V  am
29.  Oktober  und  Berlin  I  am  4.  November)  mit  erdrückenden  Mehrheiten
Resolutionen  angenommen,  die  sich  mit  den  Beschlüssen  des  Parteitages
einverstanden  erklärten  und  das  Verhalten  der  Ausgetretenen  scharf  verurteilten. ­
  Von  den  letzteren  ward  dagegen  am  8.  November  in  einer  von
über  500  Personen  besuchten  Versammlung  in  Joels  Festsälen,  in  der
Richard  Baginski  Vorsitzender  und  Albert  Auerbach  Lauptredner
waren  und  zu  deren  Teilnehmern  u.  a.  Otto  Erich  Lartleben,  Paul
Kampffmeyer,  Bruno  Wille,  Karl  Schneidt  und  viele  andere  Angehörige
        <pb n="128" />
        129

der  literarischen  Berufe  gehörten,  ein  „Verein  unabhängiger
Sozialisten"  konstituiert,  und  acht  Tage  darauf  erschien  die  erste  Nummer
des  Wochenblattes  „Sozialist",  das  den  Antertitel  führte:  Organ  der
unabhängigen  Sozialisten".  Nach  diesein  Antertitel  ward  von  nun  ab  auch
die  ganze  Bewegung  benannt,  die  von  den  treibenden  Geistern  der
Opposition  ins  Leben  gerufen  war;  sie  hieß  fortan  kurzweg  „Bewegung
der  Unabhängigen".
Ihre  wenig  erbaulichen  weiteren  Schicksale  haben  uns  hier  nicht  zu
beschäftigen.  Sie  wiederholen  alles  in  allem  die  in  der  deutschen  Sozialdemokratie
  vorher  schon  wiederholt  gemachte  Erfahrung,  daß  selbst  von  denjenigen ­
  Parteimitgliedern,  die  oppositionellen  Rednern  aufs  lebhafteste  zustimmen, ­
  solange  diese  im  Rahmen  der  Partei  Opposition  machen,  stets  nur
ein  sehr  kleiner  Teil  mit  ihnen  geht,  wenn  sie  sich  dazu  hinreißen  lassen,
aus  der  Parteiorganisation  auszuscheiden.  Zu  den  führenden  Mitgliedern
der  Bewegung  der  Anabhängigen  gehörten  begabte  Redner  und  geübte
Organisatoren.  Aber  gegen  dieses  in  der  deutschen  Sozialdemokratie  wirkende ­
  politische  Gravitationsgesetz  erwiesen  sich  ihre  Kräfte  als  unzureichend,
zumal  da  sie  der  Taktik  der  Partei  keine  bestimmte  und  überzeugende
Politik  gegenüberzustellen  hatten.  Ihre  Opposition  beruhte  nicht  auf  anderen
Grundanschauungen,  als  wie  die  alten  Parteiführer  sie  vertraten,  sondern
auf  Ausstellungen  in  Einzelheiten,  und  mit  bloßen  Ausstellungen  gründet
man,  wenn  sie  nicht  der  Ausfluß  eines  tieferen  Gegensatzes  sind  —  und
dagegen  verwahrten  sich  grade  in  der  ersten  Zeit  die  Anabhängigen  sehr
lebhaft  —,  keine  neue  Partei.  Sie  konnten  im  vorliegenden  Falle  um  so
weniger  gegen  die  alte  Partei  verfangen,  als  deren  Lauptführer  in  Erfurt
aufs  schärfste  gegen  Georg  von  Vollmar  Stellung  genommen  hatten,  der
in  München  in  den  Eldoradoreden  diejenige  Politik  empfohlen  hatte,  von
der  die  Auerbach,  Werner  usw.  behaupteten,  daß  die  Partei  sie  mit  Wissen
und  Willen  jener  Parteiführer  triebe.  Was  in  dieser  Hinsicht  Bebel,
Liebknecht  und  Singer  in  Erfurt  Vollmar  gegenüber  geltend  gemacht  hatten,
war  ungemein  geeignet,  diejenigen  Sozialdemokraten  Berlins  zu  befriedigen,
die  mit  der  Opposition  gegangen  waren,  weil  sie  in  der  Tat  glaubten,  daß
die  Partei  in  Gefahr  sei,  sich  im  Parlamentarismus  zu  verlieren.  Nun
hatten  die  Vertreter  des  Parteivorstandes  erklärt,  daß,  wenn  die  Frage
laute:  Vollmars  Vorschlag  oder  die  Politik  der  Zungen,  sie  dann  immer
noch  eher  zu  den  Jungen  gingen.  Besonders  Bebel  hatte  sich  über  die
Nähe  des  Sieges  der  Sozialdemokratie  so  hoffnungsfreudig  ausgesprochen,
wie  der  feurigste  Revolutionär  es  nicht  anders  wünschen  konnte,  und  als  er,
nach  Berlin  zurückgekehrt,  am  13.  Dezember  in  der  Brauerei  Friedrichshain
in  einer  Rede  über  Taktik  seine  Ansichten  über  die  Stellung  zur  Regierung,
zu  den  Parteien  und  dem  Parlamentarismus  entwickelte,  ward  ihm  daher  der
ungeteilte  jubelnde  Beifall  der  vieltausendköpfigen  Menge  zuteil.  And  ähnlich ­
  ging  cs  in  anderen  Versammlungen  zu,  tvo  Liebknecht,  Singer,  Auer,
Grillenberger  und  andere  Führer  der  Partei  über  grundsätzliche  Fragen
oder  Fragen  der  Tagespolitik  referierten.  In  ersterer  Hinsicht  interessierten
besonders  diejenigen  Versammlungen,  in  denen  das  in  Erfurt  beschlossene
neue  Parteiprogramm  von  Liebknecht,  Schippe!  und  anderen  erklärt  wurde.
Die  einleitenden  Sätze  des  Programms,  die  den  Gang  der  Wirtschastsentwicklung
  vorauszeichnetcn,  erhielten  dadurch  eine  starke  praktische  ^»e-Bernstetn,
  Berliner  Geschichte.  III.  9
        <pb n="129" />
        130

deutung,  als  sie  zur  Beurteilung  von  Formen  des  Arbeiterkampfes  herangezogen ­
  wurden,  zu  denen  die  Partei  damals  teils  als  Ratgeberin  der
Arbeiterklasse  und  teils  durch  aktive  Teilnahme  Stellung  zu  nehmen  hatte.
Der  Geschäftsdruck,  der  1890  eingesetzt  hatte,  hatte  im  folgenden
Jahre  weiter  um  sich  gegriffen,  während  Mißernten  die  Lebensmittelpreise
in  die  Höhe  trieben.  Die  Lage  der  Arbeiter  verschlechterte  sich  zusehends
und  gestaltete  sich  vielfach  zu  direkter  Notlage.  Große  Streiks,  darunter
der  zehnwöchige  Kampf  der  Buchdrucker,  der  über  zwei  Millionen
Mark  gekostet  hatte,  und  ein  langwieriger  Kampf  der  Zigarrenarbeiter
gingen  verloren,  die  Gewerkschaften  gingen  in  bezug  auf  die  Mitgliederzahl
zurück  —  von  über  300  000  im  Jahre  1890  fiel  die  Zahl  der  Mitglieder
der  freien,  d.  h.  sozialistischen  Verbände  schrittweise,  bis  sie  im  Jahre  1893
mit  230000  ihren  Tiefstand  erreichte.  Da  war  es  kein  Wunder,  daß  sich
in  dieser  Zeit  Zweifel  an  der  Leistungsfähigkeit  des  Gewerkschaftskampfes
im  allgemeinen  einstellten  und  auf  andere  Mittel  gesonnen  wurde,  die  Anternehmerklasse
  zu  Zugeständnissen  zu  nötigen.  Während  bei  den  Unabhängigen,
von  denen  ein  Teil  sich  dem  Anarchismus  zuzuwenden  anfing,  der  Gedanke
an  Straßendemonstrationen  und  dergleichen  Boden  faßte,  begann  man  in
den  Reihen  von  Gewerkschaftlern,  die  zur  Sozialdemokratie  hielten,  sich  für
das  in  Amerika  aufgekommene  Mittel  der  gewerkschaftlichen  Kontrollmarke ­
  zu  erwärmen,  und  das  ihr  wesensverwandte  Mittel  des  Boykotts
zählte  hüben  und  drüben  Anhänger,  die  sich  von  ihm  die  größten  Wirkungen ­
  versprachen,  wenn  nur  die  Arbeiterschaft  gehörig  zu  seinem  Gebrauch
erzogen  und  angefeuert  werde.  Das  Stück  Wahrheit,  das  in  diesen  Ideen
lag,  wurde  aber  dadurch  kompromittiert,  daß  die  Heißsporne  des  Boykotts
und  der  Kontrollmarke  so  sprachen,  als  ob  diese  Mittel  die  Macht  noch
schwacher  Gewerkschaften  jederzeit  um  ein  Bedeutendes  steigern  könnten,  und
die  Neigung  erzeugten,  für  sonst  nicht  zu  gewinnende  Streiks  einzelner
Gewerkschaften  die  Gesamtarbeitcrschaft  zum  Boykott  aufzurufen.
So  gab  es  vielerlei  Anlaß,  die  Wirtschaftslage  und  Wirtschaftsentwicklung
  in  öffentlichen  Versammlungen  eingehend  zu  behandeln.  Schon
am  21.  Januar  1892  sprach  Bebel  in  einer  Riesenversammlung  im  Feenpalast ­
  über  das  Thema:  „Was  lehren  uns  die  letzten  großen  Streiks?",
am  21.  Februar  desselben  Jahres  behandelte  er  im  Feenpalast  das  Thema:
„Niedergang  des  Kleinbetriebes",  und  am  16.  März  das  Thema:  „Ursachen
und  Wirkungen  der  Krisen".  In  allen  diesen  Vorträgen  kam  seine  Auffassung ­
  über  das  rasche  herannahen  der  Zeit  zum  Ausdruck,  wo  der
Kapitalismus  seinen  Aufsaugungsprozeß  so  weit  vollzogen  haben  werde,
daß  es  für  ihn  selbst  keinen  Ausweg  aus  seinen  Widersprüchen  mehr
geben  werde.  Diesem  ermutigenden  Ausblick  in  die  Zukunft  entsprach
jedoch  mit  Notwendigkeit  ein  starker  Pessimismus  hinsichtlich  der  unmittelbaren ­
  Möglichkeiten  des  wirtschaftlichen  Kampfes  der  Arbeiterklasse.  Innerhalb ­
  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung,  so  lautete  der  Schluß  der
Rede  Bebels  vom  21.  Februar,  würden  die  Aussichten  der  Arbeiter  bei
ihren  Lohnkämpfen  immer  ungünstiger  werden.  Sie  müßten  zwar  fortfahren, ­
  sich  gewerkschaftlich  zu  organisieren,  da  schon  das  bloße  Vorhandensein
einer  kräftigen  Organisation  die  Unternehmer  abhalte,  manches  zu  tun,  was
sie  sich  unorganisierten  Arbeitern  gegenüber  erlauben  würden,  die  Arbeiter
müßten  aber  erkennen,  daß  sie  über  diese  Kämpfe  hinaus  noch  weitere  Ziele,.
        <pb n="130" />
        131

0rutullinieti

für  «ln  gtuiklulam«  Zutaifirccsiarbeiit»  der  Partei  uitd  du
öetwrklAafi«  tu  den  ttädtlten  Kelätstaatunble»  tu  dir
Prent«?  Braadesburg.

die  Beseitigung  des  Kapitalismus
selbst,  sich  zur  Aufgabe  zu  stellen
hätten.  Das  lautete  hinsichtlich
der  Gewerkschastssache  nicht  sehr
tröstlich,  entsprach  aber  so  sehr  der
in  der  sozialistischen  Arbeiterschaft ­
  Berlins  vorherrschenden
Stimmung,  daß  dieVersammlung
diesen  Darlegungen  begeisterten
Beifall  zollte  und  eine  in  ihrem
Sinne  lautende  Resolution  einstimmig
  annahm.  Nicht  anders
wie  Bebel  sprach  sich  IgnazAuer
am  26.  Januar  1892  in  einer  Versammlung, ­
  die  von  der  Lokalkommission ­
  Berlins  zur  Erörterung ­
  der  Boykottfrage  veranstaltet
worden  war,  über  die  Möglichkeiten ­
  der  Gewerkschaftsbewegung
aus.  Latte  er  doch  schon  im
Juli  1890  in  dem  bemerkenswerten
Artikel  „Gewehr  bei  Fuß!"  dringend ­
  dazu  aufgefordert,  die  Streiklust ­
  einzudämmen,  und  dieselbe
skeptische  Note  klang  in  seinem
Referat  wieder,  das  er  im  Lerbst
1892  auf  dem  Berliner  Parteitag ­
  der  deutschen  Sozialdemokratie ­
  hielt.  Des  weiteren  trug
der  gerade  in  Berlin  stärker  als
anderwärts  spielende  Streit
zwischen  lokalistisch  und  zenttalistisch
  organisierten  Gewerkschaften ­
  viel  dazu  bei,  den  Glauben
an  eine  große  Zukunft  der  Gewerkschaftsbewegung ­
  zu  erschüttern,
und  diese  ungünstige  Stimmung  kommt  in  vielen  Referaten  und  Debatten
zum  Ausdruck,  die  sich  in  jener  Zeit  in  Berlin  mit  der  Gewerkschaftsfrage
befaßten  oder  auf  sie  Bezug  nahmen.
Am  so  eifriger  widmete  man  sich  der  politischen  Agitation  und  Organisation, ­
  und  immer  weiter  in  die  Provinz  hinaus  streckt  sich  Berlins
Sozialdemokratie  ihr  Arbeitsgebiet.  Am  15.  Mai  1892  tagte  in  den
Arminhallen  die  erste  größere  sozialdemokratische  Parteikonferenz
für  Berlin  und  die  Provinz  Brandenburg.  Sie  war  von  54  Delegierten ­
  aus  20  Wahlkreisen  besucht  und  wählte  Fritz  Zubeil  und  Ferdinand
Ewald  zu  ihren  Vorsitzenden.  Ihre  Debatten  drehten  sich  vornehmlich
um  Fragen  der  Agitation  in  den  ländlichen  Bezirken  und  unter  den  Frauen.
Es  ward  beschlossen,  die  drei  bereits  ins  Leben  gerufenen  Zeitungen:
„Brandenburger  Zeitung",  „Märkische  Volksstimme"  und
9*

Die  Agitations-  und  Organisationsleitungen  übernehmen  die
moralische  Verpflichtung,  soweit  das  ohne  Gefährdung  der  örtlichen
Organisationen  möglich  ist,  durch  Ihre  Funktionäre  unter  den  Mitgliedern ­
  und  Anhängern  für  die  Beteiligung  an  den.  Arbeiten  und
der  Agitation  zu  den  nächsten  Reichstagwahlen  zu  wirken.
Um  der  Bewegung  den  Charakter  der  Einheitlichkeit  zu  sichern,
informiert  die  örtliche  Parteileitung  erstere  von  Zeit  zu  Zeit  über
die  wichtigsten  Fragen,  insbesondere  die  der  Taktik.
HB.
In  der  Praxis  hätten  die  Arbeiten  in  folgendem  zu  geschehen:
a)  Beteiligung  an  der  Wahlarbeit,
d)  Agitation  für  den  sozialdemokratischen  Kandidaten,
c)  Agitation  für  Presse  und  Literatur,
et)  Aufbringung  von  Geldmitteln.
t)  Hilfeleistung  und  Besorgung  von  Lokalen  zu  Versammlungen ­
  und  Besprechungen.
IE«.
Um  diese  Tätigkeit  ln.  bie  Wege  zu  letten,  empsiehtt  es  sich:
1.  Dah  die  Gewerkschüstsagitatoren  angewiesen  werden,  in
der  nächsten  Zelt,  ihre  Anhänger  ständig  In  geeigneter
Weise  auf  di«  Wichtigkeit  der  Wahlen  aufmerksam  zu
machen  und  in  allen  Zusammenkünften  ebenfalls  in  ge--igneter
  Welse  nach  dieser  Richtung  hin  zu  wirken;
2.  die  Agitationsleitungen  mögen  in  geeigneter  Form  die
Vorstände  der  örtlichen  Organisationen  für  obige  Tätig,
keil  zu  interessieren  versuchen;
3.  soweit  es  möglich  durch  die  Fachpresse  für  vorstehendes
zu  wirken.
IV.
Um  den  örtlichen  Parteileitungen  alle  Kräfte  zur  Dersüb-ng
stillen  zu  können,  ist  zu  empfehlen,  daß  die  Gewerkschafisvorständc
jedes  einzelnen  Ortes  alle  vertrauenswürdigen  Mitglieder  bezeichnen ­
  —  insbesondere  in  Dörfer»  —  um  diese  als  Stützpunkte
bei  der  Hausagklation  und  Flugschriftcnvcrbrciliing  verwenden  zu
können.  Falls  mehrere  an  einem  Orte  wohne«,  sind  sic  l»  persönliche ­
  Verbindung  zu  bringen.
V.
Diese  Regeln  wollen  die  Organisationen  nach  Möglichkeit
versuchen,  inne  zu  halten.  Die  Durchführung  derselben,  unter
Anpassung  der  Eigenart  des  Berufes  ist  "Aufgabe  jeder  Orgautsation
  selbst.

v«urcr»D&amp;gt;tum&amp;gt;».«

64.  Zirkular  an  die  Vertrauensmänner
in  der  Provinz  Brandenburg
        <pb n="131" />
        132

„Volksblatt  für  Teltow-Bceskow-Storkow"  nach  Kräften  zu  unterstützen ­
  und  den  Gastwirten  auf  dem  Lande,  die  Maßregelungen  dafür  erleiden ­
  sollten,  weil  sie  ihre  Räume  Sozialdemokraten  zur  Verfügung  stellten,
Rechtsschutz  zuteil  werden  zu  lassen.  Ferner  ward  eine  aus  sieben
Mitgliedern  bestehende  ständige  Agitationskommission  eingesetzt.  Auf
einer  am  10.  September  in  Berlin  abgehaltenen  Konferenz  ward  außerdem
noch  eine  Lokalkommission  für  die  Provinz  Brandenburg  gewählt.
Als  im  Frühjahr  1893  der  Reichstag  plötzlich  aufgelöst  wurde,  ward
auf  einer  schnell  einberufenen  Konferenz  aus  der  Agitationskommission  für
die  Provinz  Brandenburg  ein  Zentralwahlkomitee  gebildet,  das  im
Verein  mit  örtlichen  und  Kreiskomitees  den  Wahlkampf  in  der  Provinz
leitete.  Eine  größere  und  regelrechte  sozialdemokratische  Provinzialkonferenz
für  Berlin  und  Brandenburg  konnte  erst  wieder  im  Spätsommer  1894
abgehalten  werden.  Sie  tagte  am  16.  September  jenes  Jahres,  war  von
58  Delegierten  aus  30  Orten  beschickt,  und  beschäftigte  sich  eingehender
mit  der  Agrarfrage,  die  mittlerweile  in  der  Gcsamtpartei  zur  Debatte
gestellt  war  und  einen  Punkt  der  Tagesordnung  des  nach  Frankfurt  a.  M.
einberufenen  Parteitages  der  Gesamtpartei  bildete.  Auf  Antrag  Dr.  Lux
beschloß  die  Konferenz,  von  der  Partei  die  verausgabe  einer  eingehenden
beschreibenden  Untersuchung  der  ländlichen  Verhältnisse  zu  verlangen,
und  ferner  stimmte  sie  einem  von  Artur  Stadthagen  formulierten  und
ausführlich  begründeten  Programm  von  Forderungen  des  ländlichen
Arbeiterschutzes  zu,  das  unter  anderem  ländliche  Schiedsgerichte  forderte, ­
  die  zu  zwei  Dritteln  aus  Vertretern  der  Arbeiter  bestehen  tlnd,
außer  zur  schiedsrichterlichen  Tätigkeit,  auch  dazu  berufen  sein  sollten,  jährlich
durch  Ortsstatut  Bestimmungen  über  die  höchste  Arbeitszeit  und  die
Sonntagsruhe  der  Landarbeiter  anzuordnen.  Das  Agrarprogramm
dagegen,  das  die  vom  Frankfurter  Parteitag  eingesetzte  Agrarkommission
ausarbeitete  und  im  Spätsommer  1895  bekanntgab,  ward  von  der  etwas
später  tagenden  1895er  sozialdemokratischen  Provinzialkonfercnz  für  die
Provinz  Brandenburg  verworfen.  Die  Konferenz,  die  63  Teilnehmer
zählte,  stimmte  einem  Antrag  des  Wahlkreises  Niederbarninr  zu,  wonach
der  bevorstehende  Parteitag  der  deutschen  Sozialdemokratie  ersucht  werden
sollte,  einen  prinzipiellen  Gegner  des  Agrarprogramms  als  Korreferenten
für  die  Beratung  des  Programms  zu  bestellen,  das  Agrarprogramm  abzulehnen, ­
  die  Tätigkeit  der  Agrarkommission  für  erledigt  zu  erklären  und
den  Beschluß  des  Frankfurter  Parteitags  zu  wiederholen,  der  die  von  der
vorjährigen  Konferenz  gestellten  Anträge  über  den  ländlichen  Arbeiterschutz
zum  Parteibeschluß  erhob.
Die  Verhandlungen  der  Brandenburgischen  Provinzialkonferenzen  Jahr
für  Jahr  im  einzelnen  durchzugehen,  fällt  aus  dem  Rahmen  einer  Geschichte
der  Berliner  Sozialdemokratie  heraus.  Denn  den  größten  Teil  dieser  Verhandlungen ­
  füllen  Erörterungen  über  die  Verhältnisse  der  einzelnen
Provinzialwahlkreise  und  der  für  die  Provinz  herausgegebenen  Zeitungen,
Broschüren  und  Flugblätter  aus,  die  keinen  direkten  Bezug  auf  die
Berliner  Bewegung  haben.  Die  organische  Verbindung  zwischen  Berlin
und  der  Provinz  Brandenburg  bestand  vielmehr  im  wesentlichen  darin,
daß  Berlin  der  Provinz  finanziell  und  agitatorisch  half,  soviel  es  nur  vermochte. ­
  Die  Wahlkreise  Berlins  setzten  regelmäßig  größere  Summen  für
        <pb n="132" />
        134

die  Agitationsarbeiten  der  Provinzialkommission  aus,  und  die  größeren  von
ihnen  übernahmen  außerdem  noch  den  größten  Teil  der  Agitationsarbeit
in  den  ihnen  zunächst  liegenden  Wahlkreisen  der  Provinz  auf  ihre
Rechnung.  Wenn,  sozial  betrachtet,  die  Hauptstadt  fortgesetzt  aus  der
Provinz  Kräfte  an  sich  zog,  so  stellt  sich  hier  unter  dem  Gesichtspunkt  der
politischen  Organisations-  und  Erziehungsarbeit  das  Bild  so  dar,  daß
geistig  und  finanziell  die  Hauptstadt  durchaus  der  gebende  Teil  ist.
Wie  stark  letzteres  der  Fall  war,  zeigt  die  der  Provinzialkonferenz
von  1894  erteilte  Abrechnung  der  Agitationskommission,  vorgetragen  von
deren  Mitglied  Otto  Antrick.  Danach  hatten  zu  den  im  ganzen  etwas
über  zwölftausend  Mark,  welche  die  Kommission  seit  ihrem  Bestehen  vereinnahmt ­
  hatte,  die  sechs  Wahlkreise  Berlins  an  direkten  Zuschüssen  aus
ihren  Fonds  4882  Mark  beigetragen,  neben  den  freiwilligen  Beittägen,
die  auf  Listen  usw.  in  Berlin  für  die  Agitation  in  den  verschiedenen  Wahlkreisen ­
  aufgebracht  worden  waren.  And  so  blieb  das  Verhältnis  die  ganze
Zeit  über,  von  der  unser  Buch  handelt,  wie  folgende  Zusammenstellung
aus  den  Finanzberichten  der  Agitationskommission  für  die  letzten  vier
Jahre  unserer  Epoche  zeigt.
Die  Kommission  vereinnahmte:
m  Von  den  Aus  anderen
Geschäfts,ahr  Wahlkreisen  Berlins  Quellen
1901/1902  5  200  Mk.  5  470  Mk.
1902/1903  10  000  „  32  370  „
1903/1904  6  750  „  8149  „
1904/1905  7  800  „  9  740  „

In  das  Jahr  1902/1903  entfällt  eine  Reichstagswahl,  und  für  diese
überwies  der  Parteivorstand  der  deutschen  Sozialdemokratie  der  Agitationskommission ­
  für  die  Provinz  Brandenburg  finanzielle  Beihilfe  im  Gesamtbetrag ­
  von  24  193  Mk.,  daher  die  hohe  Einnahme  der  Kommission  in
jenem  Jahr.  Aber  die  fünf  Berliner  Wahlkreise  außer  Berlin  I  verausgabten, ­
  neben  ihren  Überweisungen  an  die  Agitationskommission,  die  in
den  obigen  10  000  Mark  einbegriffen  sind,  noch  über  15  000  Mark  für  die,
von  ihnen  direkt  betriebeneAgitation  in  den  einzelnen  Wahlkreisen  derProvinz.
Auch  die  beiden  Vorortswahlkreise  Niederbarnim  und  Teltow-Beeskow-Charlottenburg
  haben  in  den  späteren  Jahren  direkte  Beiträge ­
  an  die  Agitationskommission  abgeführt,  und  Nicderbarnim  gab  bei
der  Reichstagswahl  von  1903  noch  370  Mark  für  Wahlagitation  in  Oberbarnim ­
  aus.  Die  eigenen  Einnahmen  der  Agitationskommission  aber
setzten  sich  aus  dem  Erlös  für  verkaufte  Exemplare  des  von  ihr  herausgegebenen ­
  Agitationskalenders  „Märkischer  Landbote"  und  des  Agitationsblattes ­
  „Die  Fackel",  namentlich  aber  aus  den  Erträgen  der  Kalender-Inserate
  zusammen,  denen  bei  den  Ausgaben  größere  Posten  für  die  Verstellung ­
  dieser  beiden  Publikationen  gegenüberstehen.  Tatsächlich  bringt,
außer  bei  allgemeinen  Reichstagswahlcn,  Berlin  die  ganzen  Kosten  der
Agitationskommission  auf,  die  denn  auch  in  Berlin  ihren  Sitz  hat,  und  auf
den  Konferenzen  für  die  Provinz  Brandenburg  ist  Berlin  stets  durch
Delegierte  seiner  Wahlkreise  vertreten.  Wo  die  Verhandlungen  dieser
Konferenzen  über  Agitations-  und  Lokalfragen  hinausgreifen,  wird  im
folgenden  auf  sie  Bezug  genommen  werden.
        <pb n="133" />
        135

Von  den  politischen  Versammlungen ­
  Berlins,  die  nicht  in  besonderen ­
  Rubriken  behandelt  werden,
ist  aus  dem  Jahre  1892  noch  von
Bedeutung  eine  am  29.  Februar
im  Saal  „Sanssouci",  abgehaltene
Versammlung,  in  der  Paul
Singer  über  die  Frage  der
Handelsverträge  sprach.  Es  handelte ­
  sich  damals  um  die  ersten
Handelsverträge  des  Kanzlers
Caprivi,  die  durch  Ermäßigung  der
Zölle  aufGetreide  und  andereLandwirtschaftsprodukte
  Zugeständnisse
andererLänder  (Österreich,  Belgien,
Schweiz  usw.)  in  bezug  auf  Industriezölle ­
  erwirkten.  Obwohl  die
Verträge  immer  noch  die  Getreidezölle ­
  in  der  ansehnlichen  Löhe  von
3Va  Mark  pro  Doppelzentner  hielten, ­
  stimmten  die  Sozialdemokraten
ihnen  im  Reichstag  dennoch  zu,  da
sie  wenigstens  eine  Verbesserung
gegenüber  dem  alten  Zustand
bedeuteten,  und  den  grundsätzlichen
Charakter  dieser  Abstimmung  legte
Singer  in  ausführlicher  Rede  unter
lebhafter  Zustimmung  der  Versammlung ­
  dar.  Neben  einer  Resolution, ­
  die  dieser  Zustimmung  Ausdruck  gab,  ward  auch  eine  Resolution
angenommen,  welche  die  Sozialdemokratie  dagegen  verwahrte,  daß  sie  absichtlich ­
  Straßentumulte  veranstalte.  Versammlungen  von  Arbeitslosen
hatten  zu  Zusammenstößen  der  begreiflicherweise  gereizten  Teilnehmer  mit
der  Polizei  geführt,  und  dafür  wollten  Reaktionäre  die  Sozialdemokratie
verantwortlich  machen.  Diese  aber  wies  den  Vorwurf  auf  das  Entschiedenste ­
  zurück,  da  sie  es  in  der  Tat  an  Abmahnungen  gegen  das  Lcrausfordern
  der  Polizei  und  dergleichen  nicht  hatte  fehlen  lassen.
Im  Jahre  1893  gab  die  Berichterstattung  der  Delegierten,  die  von
Berlin  zum  Kölner  Parteitag  entsandt  worden  waren,  Gelegenheit,  die  in
Köln  so  lebhaft  erörterte  Frage  des  Verhältnisses  von  Partei  und  Gewerkschaft ­
  und  der  Zukunftsaussichten  der  Gewerkschaften  nun  auch  in  Berliner
Parteiversammlungen  aufs  neue  zu  besprechen.  Kann  man  die  betreffenden
Versammlungen  nicht  als  Konferenzen  im  engeren  Sinne  dieses  Wortes
bezeichnen,  so  unterscheiden  sie  sich  doch  von  der  Mehrheit  der  im  Iahresverlauf
  abgehaltenen  Versammlungen  dadurch,  daß  in  ihnen  eine  bestimmte
Frage  von  größter  Tragweite  in  einer  Vielheit  von  Versammlungen  gleichzeitig ­
  und  im  Hinblick  auf  bedeutungsvolle  praktische  Entscheidungen  verhandelt ­
  wurde.  Man  findet  die  Berichte  über  sie  im  „Vorwärts  vom
19.  November  1893  und  den  folgenden  Nummern.  Sie  zeigen,  daß  auch

Sozialistische  Bibliothek.
Herausgegeben  von  Hermann  Tristler.
H-ft  I.

Der
Parlamentarismus
und  die
Arbeiterklasse.

Hermann  T  e  i  st  l  e  r.

preis  15  *1f.

Berlin  8.
Jtrudi  an#  .Verlag:  pa»l  petrradarf,  Alle  Sakodstr.  91.
1894.

66.  Titelseite  einer  antiparlamentarischen
Broschüre
        <pb n="134" />
        136

unter  den  Sozialdemokraten  Berlins  die  Meinungen  hinsichtlich  jener  Frage
recht  weit  auseinandergingen,  daß  Anhängern  der  pessimistischen  Auffassung
Bebels  Vertreter  der  Anschauung  gegenüberstanden,  daß  die  Gewerkschaften
auch  dem  zentralisierten  Kapital  gegenüber  noch  manche  Siege  zu  verzeichnen
haben  würden.  Überall  aber  endeten  die  Debatten  mit  einmütiger  Annahme
der  Kölner  Resolution,  das  heißt  mit  Zustimmung  dazu,  daß,  welches
auch  die  weitere  Zukunft  der  Gewerkschaften  sei,  sie  in  der  Gegenwart  für
den  organisierten  Widerstand  der  Arbeiter  gegen  den  Druck  auf  ihre  Löhne
und  sonstigen  Arbeitsbedingungen  unentbehrlich  seien  und  der  Anschluß  an
die  Gewerkschaft  seines  Berufes  daher  die  Pflicht  jedes  sozialdemokratischen
Arbeiters  sei.
Den  Charakter  von  Konferenzen  trugen  auch  Volksversammlungen,  die
sich  Ende  1893  mit  der  Frage  des  Verhältnisses  der  Berliner  Charit^  zu
den  Ortskrankenkassen  beschäftigten  und,  zugleich  mit  einer  Boykottbewcgung
gegen  die  Charitch  eine  lebhafte  Teilnahme  am  Werk  einer  um  die  gleiche  Zeit
ins  Leben  gerufenen  Berliner  Arbeiter-Sanitätskommission  zur  Folge
hatten,  über  die  ein  anderes  Kapitel  berichtet.  Das  gleiche  gilt  von  dem
großen  Kampf,  den  die  Arbeiterschaft  Berlins  im  Jahre  1894  mit  dem
Verein  der  Berliner  Bierbrauereien  führte  und  der  nach  siebenmonatiger
  Dauer  mit  einem  starken  Erfolg  der  Arbeiter  endete.  Dieser  nach
■Umfang  und  Art  der  Führung  seinesgleichen  suchende  Kampf  gab  wiederholt ­
  zu  Massenversammlungen  der  Sozialdemokratie  Berlins  Anlaß,  von
denen  die  meisten  allerdings  mehr  ins  Kapitel  der  Demonstrationen  gehören.
Nur  in  einigen  der  Versammlungen,  die  am  28.  Dezember  1894  das  Ende
des  Kampfes  —  des  großen  Bierboykotts  —  proklamierten,  führten
Meinungsverschiedenheiten  über  die  Annehmbarkeit  der  Friedensbedingungen
zu  scharfen  Auseinandersetzungen.  Darüber  jedoch  im  betreffenden  Kapitel  selbst.
Aufsehen  weit  über  Berlin  hinaus  und  lebhafte  Debatten  verursachte
eine  Versammlung  des  zweiten  Berliner  Reichstagswahlkreises,  in  der  am
14.  November  1894  August  Bebel  scharfe  Kritik  am  Frankfurter  Parteitag ­
  wegen  dessen  Ergebnislosigkeit  in  der  Frage  der  Budgetbewilligung
der  Bayern  übte  und  vor  Nachgiebigkeit  gegenüber  den  sich  nach  seiner
Ansicht  in  der  Partei  breitmachenden  spießbürgerlichen  Tendenzen  warnte.
Ignaz  Auer  und  Richard  Fischer,  die  gleichfalls  in  der  Versammlung  das
Wort  nahmen,  erklärten  Bebels  Urteil  über  den  Frankfurter  Kongreß  für
zu  weit  getriebene  Schwarzseherei,  unterstützten  aber,  wie  in  Frankfurt  so
auch  hier  seine  Stellungnahme  gegen  gewisse  partikularistische  Tendenzen  der
Süddeutschen  sowie  gegen  deren  Zugeständnisse  an  mittelbäuerliche  Interessen,
und  die  Versammlung  nahm  einstimmig  folgende,  von  Bebel  beantragte
Resolution  an:
„Die  Versammlung  der  Parteigenossen  des  zweiten  Wahlkreises  bedauert,
  daß  der  Parteitag  sich  nicht  entschließen  konnte,  unseren  Genossen
in  den  Landtagen  in  bezug  auf  die  Abstimmung  über  das  Budget
eine  bestimmte  Direktive  zu  geben,  die  um  so  notwendiger  war,
da  die  Anzeichen  sich  mehren,  daß  die  Zerfahrenheit  und  die  Unklarheit  über
die  Einheit  der  Interessen  und  Grundsätze  in  der  Zunahme  begriffen  sind.
Die  Versammlung  legt  entschieden  Protest  ein  gegen  die  Auslassungen
in  dem  Artikel  der  „Münchener  Post"  vom  30.  Oktober  d.  I.,  überschrieben ­
  „Betrachtungen  über  den  Parteitag",  in  welchem  unter  dem
        <pb n="135" />
        Inon  Verlag  und  Cjpebltlon:
Carl  Divrmick.
rrlln  S..  Lulseouser  11

September  1899.

Erichemi  monatlid)  einmal.  j|
DrrlS  bei  Stnzeltuimmer  10  VI.  !j  1  SastttfslPlf
'flbonntmnii  fflt  das  Ouartol  25  Pj.  ;|  *  8  ^

Euer  Wunsch  ifl  erfüll«,  oor  Euch  lieg,
..Die  Fackel".
d:«  Zeitung  für  dir  A^kaebemeten  und  llmeiörückien
aus  dem  Lande,  für  den  Landarbeiter.  de»  Kleinbauer,
den  Handwerker,  die  erioerbSlhöiig,  Bevölkerung
«&amp;gt;chi  ohn«  Lpler  haben  Eure  ArbeilSbrüder  m  der
Tlodl  di«  Zeiniug  geschaiie».  Sn  Euch  ist  c«  jefjl,  b&amp;gt;eiclb«
  zu  erhallen  »nd  zu  einem  ivilkiamen  Ikoinoiinillel
gegen  da«  Unrecht  „i  jeder  Form  und  kür  d&amp;gt;«  B'-reiung
der  arbritSihätigen  Bevölkerung  auszubauen
„Tis  Fackel"  a»,rd  Euch  jeder  Zeit  «&amp;gt;o  kreuer
freund  und  Beraiher  fem.  Eie  wird  Euch  all«  Monate
--iNinal  Aufklärung  über  da»  bringen,  wa«  der  Stadt
nsrgehl  Ihr  werter  in  den  Bcrichlen  au»  dem  ReichSiog
  eriahren.  ob  die  iozialdeinokralischen  Abgeordneten
&amp;gt;Lr  die  Interessen  der  Arbeiter  kämpfen,  de»  Herren
6 rundlich  die  Sahrhe»  lagen,  gegen  Verlchlechlerung
e»  besiehenden  Zusla&amp;gt;,de«  und  für  Beleingung  der
elenden  Lage  der  Waste  Land  und  Siad,  «inlrelen
Auch  iveebel  Ihr  au«  den  Berichten  «riehen,  ob  daö
Dirken  t&amp;lt;r  konlervalivei,  und  anderen  Abgeordneten
arbeilerficundlich  &amp;gt;l«.  ob  dies»  für  nach  größere  Entrechtung ­
  und  Verelendung  de«  Volk«  einireren.  ob  sie  da«
Zniereste  eine«  kleinen  Häusle.n«  Wohlhabender  oder
da«  Interesse  der  «esammihei,  wahrnehmen  lieber  olle
bedeutende,,  Borkommniste  &amp;gt;m  polistichen  Leben  wird
-Di»  Factcl"  belehrende  Arukel  bringen  Hauptsächlich
aber  wird  &amp;gt;°i«  berrchien  über  Euer  Elend,  über  Sure  Aach,
über  di«  unwürdig,  Behandlung,  d&amp;gt;e  Euch  oll  von
Srovgrundbeslgern  und  anderen  Soo»al&amp;gt;Ilen  zu  Tljeil
wirb,  über  b,e  naurigen  wohi,ung«verl&amp;gt;älrniste  au&amp;gt;  dem
Land«  und  &amp;gt;n  der  Siadi,  über  d"  tibermäßigr  Au«,
deulung  der  Ahr  ausgelegt  seid  Unbarmherzig  und
eülkstchiulo«  wollen  wir  diejenigen,  die  ihre  Arbeiter
ichlechi  behandeln,  ihnen  den  bedungene»  Lohn  »ich,
rrchlig  auSjable»  oder  sonst  ihren  oerNaglichen  Verostichlungen
  hch  en,ziehen.  ,n  der  „Fackel"  an  de»
»langer  der  ösfenisichen  Mr»nurg  stellen  und  &amp;gt;o  dazu
d'iiragen.  Euer  Loo»  errräglichee  zu  machen.
K'ch'  &amp;gt;nn  keoiich  und  iklarlch.  w&amp;gt;e  konleroanv»
Blauer  tl  Ihun.  um  Euch  »r  Unerfahren  hei,  zu
erliolrrn.  werden  wie  die  CoalleN  der  ..Fackel"
lullen,  sondern  in  Eure  und  Eure«  LeidenSgenosien
naurigen  wirlhlchaslsichen  Lag«  und  in  die  wirchschasi.
liche  lkage  der  Wohlhabenden  und  Mächtigen,  in  Unter,
brücknng  und  Uedcrniulh  will  „Tic  Dackel"  hinein,
leuchten  und  Such  Mittet  und  Wege  weilen,  wie  Ahr
Eure  Loge  bester»  körn»
Eicher  wird  „Die  3arfel"  durch  unerichrockeile«  Ein.
irrt«»  für  die  Geologie»  und  Gedrückte»,  die  linnen  und
Ausgebeutete»,  de»  Zorn  -nancher  reicher  Herren  auf  sich
lade»  Da«  muh  Euch  aber  gerade  ein  Ansporn  lein.
ständiger  Leier  und  Abonnent  der  „Fackel"  zu
werde"  und  bei  Euren  ArbeilSbrübern  aus  dem  Lande
und  »&amp;gt;  der  Iiadt  neu«  Aboiinenlen  für  „Die  Fackel"
Ta  „Tie  Fackel"  nur  1V  Pfennige  für  einen
Monat  und  nur  25  Piennige  für  ein  Vierteljahr
koste«,  ( o  ist  Jeder  von  IZucki  ln  der  Lage,  iie  ,u
?Ib«r  nicht  nur  Leser.  ,»chi  nur  Abonini».  &amp;gt;ondern
auch  Mitarbeiter  brr  „ftactft“  sollt  und  müht
.ihr  werden.  Alle  bi»  Leiden,  die  Ihr  zu  eevulden  habt,
die  Ungerechtigketteii  und  Draiigsalirungen.  di»  Euch  zu
werden,  theilt  der  „%actet'°  vertrauensvoll
bf«  W  oh  r  h  »i  t  gemäh  mit  In  den  Spalten
unserer  „Fackel"  werde,,  Eure  Klagen  ein  tausendfache«
Echo  linde»,  da«  gellend  &amp;gt;nah»e»d  in  den  Lbren  Eurer
Ctidlet  wicdcrhallen  soll.
Drum  auf,  Ihr  ArbellSIeuie  &amp;gt;n  Stad,  und  Land,
werdel  für  Euer  Blatt  und  aboiiiun  alle  Man»  für
Mann  „Die  Fackel".  &amp;lt;£«  mir  d.c  trägen  Malle»  Eurer
ArbeitSdiüder  au«  dem  Schlaf  zu  rütteln.  Eure  berech-Iiglcn
  Forderungen  nach  Verbesterung  Eurer  elenden
Lage  den  Befistende»  eindrzickSvoller  als  bisher  zuru.
rufen.  Mit  der  Fackel  der  Waheheir,  mü  dem  «lärm
Sich«  der  Aufklärung,  „ul  dem  zündenden  Funke»  ber
Agitation  wollen  wir  hineinlenchte»  in  die  Hohlen,  wo
di«  lluwissenheti  und  da«  Elend,  und  rn  d„  Paläste,
in  denen  Uebermmh  Protzemhum  und  Eigennützigkeit
Hausen-Loht
  Such  durch  Sur»  Arbeitgeber,  durch  Den»,
barmen.  Pfarrer  ober  sonst  wen  nick«  einschüchtern.
C u»«  jeden  Fall  oerjuchier  VeeinNustuiig  an  Haltet
:  Blot«  allen  Verfolgungen  zu»,  Trost  hoch  RnkUo«
känrpsl  den  Kamps  mit,  oamrr  Ihr  und  Eure  Kmder  als
freie,  gleichberechtigt«  Menschen  einer  glücklicheren  Zukunsl
enigegengehen.

Was  iDoOni  wir?
Aus.  Alle,  die  Ihr  dchhstlig  vom  frühen  Morgen
dl«  ln  die  Ipktze  Nach«  hinein  Euch  plag«,  ohne  soviel
»h  erringen.  ba&amp;amp;  Ihr  und  Eure  Familien  Euren  b«.
scheidenkn  Wunsch  ersülleu  könn«:  theilzunehmen  an  den
Errungenschasien  der  Kultur.  Die  lürperltchrn  und
geistigen  Fähigkeiten  zur  Blüthe  und  Emsaltuna  zu
bringen,  ist  Menschenrecht.  Wie  komm«  t«.  daß  dir»  Rech,
»Ol  Taufenden  und  Abertausenden  vorenthalten  wird?
Wie  ist  ci  möglich,  bat»  Ziel  zu  erreichen  dost  jeder

ein  menschenwürdiges  Dasein  führe?  Wa«  ist  ew
menschenwürdige«  Dasein?  Ein  Doleln  wie  es  dem
Sland  der  Kullur  eulsprichr:  Theilnahme  Aller  an  den
Errungenschasien  der  Rullur.  Nolv  schmiedn  zusammen.
Ihr  alle,  di«  in  ber  Sladl  oder  aus  dem  Lande,  ln  der
Werkstatt  oder  aus  dem  ncker.  in  dre  Grube  oder  in
der  Fabrik,  zu  Wasser  oder  zu  Load«  mühselig  da«  zum
Lebensunterhalt  Nothwendigst»  erardeilcn  müht  —  Ihr
könnt  ein,  Besserung  Eurer  Lage  derbeisühren.  wenn
nicht  dieselben  Entbehrungen  unter  denen  Ihr  leide«,
da«  Erbe  Eure,  Kinder  sein  soll.  Im  Jnleresse  Eurer
selbst,  im  Jiikereste  Eurer  Familie,  ün  Jnterrssr  Eurer
Kinder  müssen  alle  Erwerbölhällgen  &amp;lt;n  dem  friedlichen,
aber  «nerglschen  und  rastlosen  Kamps  zur  Erringung
besserer  Lebensbedingungei,  zusammenhalken.
Hab«  Ihr  und  Eure  Kinder  »ich,  ein  Recht  aus
»in  menschenwürdige«  Dasein?  Aus.  znm  Kamps  gegen
die  Umerdrückang  Eurer  Rechte  gegen  di,  Urbennach«
bei  Kapitals,  gegen  den  Hochmuth  des  Unternehmer,
ihum«.  gegen  die  Fortdauer  der  bestehenden  Verhällniffe.
gegen^  di«  Ungerechligkeil  ber  bestehenden  Berhüliniss,
das  ist  der  Mahnruf,  der  immer  lauker  und  krälttger  in
alle»  Ländern  an  olle  Arbeiter  ergeht,  die  Ardeiler
kämmest.  Wenig  vermag  der  Einzelne.  Alles  ein
planvolles,  rostlo!»«  Znsamm,»  Hollen  allrr
Nolerdrückirn
Die  Fahne  in  diesem  Kamps  hoch  zn  hasten  gegen
die  Ungerechtigkeit  in  jeder  Form  zu  lämpsen  and  die
Fahre  zur  Erringung  eine«  mrujchenwürdtgen  Daseins
voranzukrogen.  ist  unser  Beilreben  Nicht  den  Einzelnen
wachen  wir  veramworllich  für  die  Zustünde  Die  Ge*
iellschoitSordmiug  leibst  hüng«  ab  von  der  Produlllontweis»,
  hüngl  ad  von  den  geschichtllch  gewordene»  Zustünden
  Aber  sie  ist  nicht  ewig,  kan»  nicht  ewig  so  sein
wie  sie  Ifl;  e«  ändert  und  wechselt  alle«  Beschleunigung  de»
Wechsels  planvolle  Herbeiführung  eine«  anderen  Gesell.
IchasiSzuslande«  ist  möglich.  Wir  lagen  nicht  Utopien,
uiirrjüllbore»  Träume:,  nach  Wir  streben  an.  wa«
aothwkiidlg  ist.  danit.  All»  rin  menichenwürdlge«
Leben  haben.  DaS  ist  nothwendig  und  möglich
Wir  streben  an.  wa«  geschichtllch  naturnothwend.g
ist.  W!&amp;gt;  streben  an  bi«  Heebeisührung  eine,
GelellfchasiSordtiung  in  der  man  nicht  ihr.  um
nur  zu  arbeiten,  sondern  arbeitet  um  zu  ,H,n
»Wer  nicht  arbeiten  will  lall  auch  nicht  esse».'  logt
die  Bibel.
Blickt  um  Euch!  Millionen  fleihtget  braver
Mrnichen  irifien  bei  kargem  Lohn  kümmerlich  ihr  Doset»
und  einige  Zehnianiende  aibeirrn  nicht  oder  minder
schwer  wir  ,enr  -  st,  werden  aber  von  Tag  zu  lag
Wie  komm«  da«?
Jen«  befinden  fick  &amp;gt;m  Besih  von  'Vorrechten  sie
sind  im  Besitz  der  Ärbeiiswerkzenge.  der  Fodriken.  der
Bergwerke,  des  Großgrundbesitze«,  kurz  aller  Produlrion«-mittel.
  ohnr  deren  Besitz  Güier  nicht  erieugi  werden
können.  Wa«  nützt  dem  Fleißlgslen  die  Lust  und  Fähig,
keil  zu  arbeiten,  wenn  er  ArbeUsmiiiel  nicht  vefitzt?
Kann  er  dann  je  ein  Freier  werden?  Frei  ist  er  nach
dem  Gesetz,  aber  auch  tret  von  ollen  Miiirlg.  sein«
ArbeiiSkros:  zu  verwerthen,  ohne  fit  an  andere  zu  verdingen. ­

Verdingen  muh  heute  die  übtegrotz«  Anzahl  Menschen
an  die  Wenigen,  die  wohlhckdrnd  sind,  ihre  Arbeilsirast.
um  ihr  Leben  fristen  zu  köiuirn  und  durch  ihre  Arbeit
den  Reichthum  der  Wenigen  noch  zu  vermehren  Vermehre» ­
  den  Reichlhum  derer  die  ohne  dl,  körperliche
und  geistig»  Arbeil  der  Arbeiter  nicht  der  geistigen  und
sonstige»  Genüsse  ihellhoslig  werden  könnien.  di,  sie  sey«
baden  und  die  die  große  Meng»  entbehrt.
Aus  der  Ardetr  AUei  beruht  bl«  t)enilge
Kultur  —  sollen  dl,  Errungenschaften  dee  Kullur  nicht
Allen  zu  theil  werden?  Soll  es  ewig  so  bleiben,  daß
da  darb!,  wer  arbeitet,  daß  Bildung  und  grillige  Erhebung ­
  der  großen  Meng-  voreiitholicu  bleibt?  Nein
und  abermals  netnI  ES  ist  »ich«  nothwendig  und  tt
bars  nickst  fein,  wenn  nicht  de»  Mensche»  Natur  zu  der
de»  Tiere«  herabsiuken  soll
Aber  wie  erreichen,  wa»  wir  erstreben?  Wl,  soll
t!  ander«  werden?  Sann  es  anders  werden?  oder  sind
wir  verdamm!  wenig  Herren  zu  haben  und  ein  Heer  von
Sklaven  ewig  zu  bleiben?
Ausklüruiig  über  seine  wahren  Jnieressen  thu,  den
Unleidrücklen.  die  den  weitaus  größten  Theil  der  Landbevölkerung ­
  bilden,  in  erster  Reibe  noth.  Noch  stehen
gar  viele  abseits  von  dem  großen  Komps«,  der  da«  Ende
dieses  JvhrhunderlS  durchzillerl  und  mit  dem  Siege  der
Arbeit  im  lommenden  Jahrhundert  abschliekeu  wird
Der  Arbeit!  Wer  ist  denn  ArbeUtr?  Jed-r
der  geistig  odt:  körperlich  zum  Nutzen  der  Allgimeiuhett
Arbeit  schasst.  Der  flrbeiier'  aus  dem  Land«,  -der  kleine
Bauer,  der  Lehrer,  der  Beamte,  der  Fobrilarberier.  der
Schisser,  der  Handwerker,  der  Händler:  sie  oll«  verrichten ­
  Arbeit  im  Interesse  der  Gesammthest.  Arbeit  für

die  menschliche  Gesellschosi.  Arbeit,  durch  welche  die
Zwecke  der  menschlichen  Gesellschast  gefördert  werde».
Ob  hlnieto»  Pslug  unier  btennender  Sonne  de,
Arbeitet  fich  abrackert  oder  aber  ob  geistige
Arbeit  oetrich,»«  wird,  ändtti  oa  dem  Begriss
der  Arbeit  des  ?Irbelier»  nichts
Aufklärung'  Ist  die  arbeitende  Brvblkerung  eist
aufgeklärt,  ist  stt  zur  Erkenntniß  ihrer  Lage  und  der
Wahrheit  erst  gelangt,  io  wird  sie  auch  die  Macht  zu
erringen  verstehen,  ihre  berechligre  Forderung  zur  Ersüllung
  zu  bringen,  ein  menschenwürdiges  Dasein  für
Alle  lluserr  Gegner  die  Gegner  der  Arbeit,  die  Gegner
der  Kultur,  di«  Gegner  der  Gerrchilzleit  vrrsuchen  dir-Bevölkerung.
  Iiiöde!  andere  aus  dem  Lande,  gleich  urimündigen
  Kinder»  übe,  dir  wlchrigsten  Fragen  und  Borkommniste
  künstlich  in  Unkeaotniß  zu  erhallen,  ihr  Lügen
und  Verleumdungen  auszullschen  und  die  unerschrockene
Stimme  ber  Wahrheit  und  de«  Recht«  zu  ersticken.
Doch  vergeblich  I  Do«  Volk  Hai  ein  Recht,  die  Wachen ­
  zu  hören,  die  Wahrheil  lennen  zu  lernen.'  Eö
dürstet  nach  Wahrheit,  noch  jenem  unveZälschren  Wissen,
ohn»  welch»«  lein  Sieg  Machthaber  versolgteo  UNS
&amp;gt;2  Jahr»  lang  wurde  dl«  Auebrettiing  unserer  Lehrer,
in  Deutschland  aus  Grund  LeS  Sozialisten-GesetzeS  durch
Gewaltmlitel  zu  hindern  versucht.  Tausend«  wurden
aus  ihrer  Heimo'.h  uuSgewieseu.  in  Kesänanisse  gebracht,
drangsaliert  mit  allen  Mitteln,  welch»  jene«  Gesetz  an
die  Hand  gab  Durch  hügcngrstndel.  durch  dezahlle
Schulte,  durch  Spttzrl  suchte  man  Berboechen  denen  an.
zubichle»  die  nie  etwa«  andere«  gethan,  a!«  für  ihre
Ueberzeugung  einzutreten  sucht,  man  zu  Gewaltthätigkeiten ­
  ouijureizeii.  ivahrend.der  Arbeiter  lehr  wohl  weiß,
nicht  Gewalt.  Ausklärung  Ist  unser»  Waise.
Aufgehetzt  wurden  durch  d,e  verlogen«  Presse  der  Gegner
und  durch  ihönchl»  Maoßnahmrn  mancher  Ordnungö-Helden
  Viele  der  Unausgeklärren  zu  Gewallthütigkelle»
gegen  d&amp;gt;»  Arbeiter  leidst.  Aber  weder  der  Knüttel  noch
de,  Büttel,  weder  Södel  noch  Flinle  vermag  eine  wahr»
Idee  zo  tbeen  All  jenen  Praktiken  und  Knifsen  unserer
Gegner,  ihren  Brutaliiüle»  ihrer  Heuchelei,  ihren  Spitzeln,
ihrer  Urderichwemmung  de»  Lande«  mit  Strömen  voll
Lügen  Verdrehung  und  Wiuddeurelei  setzen  wir  d"
eine  Waste  entgegen  da«  Streben  nach  Wahrheit  und
nach  Verbreitung  der  Wahrheit  in  allen  Schichten  der
orbütent-m  Bevölkerung
Siegen  wird  die  Sozlaldemolrone  weil  auf  ihre,
Seile  die  Wahrheit,  die  Gerechtigkeit,  va«  Interesse  der
Allgemeinheit  und  der  Kultur
Wie  will  fie  Iht  Ziel  rtielchen?
Ruhig,  planvoll  untersucht  sie  die  Ursachen  de»
deuligen  Elend«.  Wie  brr  vernünftige  Arzt  „ach  dm
Ursachen  rin«  Kranlyrit  soruhi.  so  untersucht  ft«  bit
Gründe  der  elenden  wirlhIchaslUchen  Lage.  Do  zeigr
sich  denn  nichi'drr  Einzelne  von  Euch,  der  rastlo«  von
früh  bis  spät  sich  abrackerl.  ist  Schuld  an  seiner  lraurigeo
Lage  leine  elende  Lag»  nl  vielmehr  die  Folge  von  Zu&amp;gt;
iiändm  die  er  nicht  geschossen.  Wenige  Ausnahmen
ändern  nicht«  an  der  Regel.
Kann  der  Heine  Monn  basüi.  daß  er  nicht  !r&amp;gt;
reicher  Wiege  geboren,  kann  er  dasür.  daß  er  darben
muß  und  an  den  Errungenschosien  der  Kullur  nicht  vollm
The,!  ha,  kann  rr  dasür.  daß  ihm  die  Arbeilömirtel
nicht  zu  Gebote  stehen,  kann  rr  dasür.  daß  er  sein«
Arbeilölra»  gegen  geringen  Lohn  verdingen  muß.  um  fein-Leben
  zu  friste«?
Kann  der  Hondweike«  dasür.  daß  die  Mach,
de»  Großlaplial«  ihm  da«  Lebentlichl  auSbläst?
Kann  der  Kleinbauer  dafür,  baßer  trotz  harter
Ärdeii  Im  Schweiße  srineS  Angesicht«  nichts  schafft,  kann
er  dafür,  daß  der  Großgrundbesitzer  dllliglr  als  er
produzlN.  kann  er  dafür,  daß  der  Großgrundbesitzer
sein  grsährlichsler  Stonfment.  tonn  et  dafür.  daß  der
Großgrunddrsiyer  die  Arbeil-krast  Anderer  bi«  zum  letzten
Tlppelchen  ausbeutet,  gegen  schlechten  Lohn  und  noch
lchlechiere  Behaadlung?  Kann  er  dafür,  daß  die  Hag-Maschine,
  die  Särmaschine.  die  Pslugmaschine  dem  Grotz--grunddesitzer
  zu  Gebote  stehen?
Kann  der  kleine  Mann.  der  Handwerker  d«»
Bauer,  ürr  Arbeiter  dasür.  daß  leine  Erl»«»«-ruinict
  wird?
Nein,  in  lausend  Fällen  nein)
Das  Großlapiial.  fei  «4  in  Fadrikm.  sei  »
Bergwerk,  sei  eS  im  Großgrundbesitz,  lei  cS  ia  Hypolheteu.
(et  cS  in  Werlhpapieren.  sei  eS  an  der  Dürst  o^r  w
sonst  angelegt,  hat  in  der  heutigen  G-IellschaslSordnunz
die  Eigeuschost.  daS  kleine  Kapital  auszusangeu.
Wie  die  «offertropsm  sich  vereinigen  zu  Büchen
zu  Flüsieo  und  Ströme-,  und  dem  Meere  dann  »-fl«»
°  stießen  heute  alle  zu  Silber  und  Gold  um,«w«dew»
lieben:  23er  da  bat.  dem  &amp;gt;?&amp;gt;rd  gerben.  m W*
treffe»  die  Kleinen  aus'  der  BolkSmund
Volt-mund  hat  Recht.  Die  Großen  habe-  tua  S-««

67.  Titelseite  der  ersten  Nummer  der  „Fackel'
        <pb n="136" />
        138

Vorgeben  „berechtigte  Bestrebungen"  zu  vertreten,  dem  spießbürgerlichen ­
  Partikularismus  Vorschub  geleistet  wird,  was  notwendig  die
Zerstörung  der  Einheit  der  Partei  zur  Folge  haben  muß.
Die  Versammlung  protestiert  ferner  gegen  den  Artikel  der  „Münchener ­
  Post",  der  in  Nr.  41  des  „Sozialdemokrat"  abgedruckt  ist  und  in
dem  es  am  Schluß  wörtlich  heißt:  „Sollten  die  Verhältnisse  der  einzelnen
  Länder  aus  taktischen  Gründen  zeitweise  ein  getrenntes
Marschieren  notwendig  machen,  so  werden  wir  unsere  Gegner  doch
immer  vereint  schlagen,  und  das  scheint  uns  die  Hauptsache  zu  sein."
Die  Versammlung  sieht  in  diesen  Auslassungen  das  bewußte  Bestreben, ­
  die  Genossen  der  einzelnen  Länder  in  künstlichen  Gegensatz
zueinander  zu  bringen,  das  die  schärfste  Zurückweisung  verdient."
Zur  Rede  Bebels,  die  in  den  bayerischen  Parteiorganen  sehr  heftige
Erwiderungen  hervorrief,  in  denen  von  einer  „Schilderhebung  Bebels"  gesprochen ­
  wurde,  ward  überall  in  der  Parteipresse  Stellung  genommen,  und
ebenso  beschäftigten  sich  eine  Reihe  von  sozialdemokratischen  Parteiversammlungen ­
  Berlins  mit  ihr.  Während  aber  im  Lande  die  Meinungen
geteilt  waren,  stellte  sich  Berlin  fast  einmütig  auf  die  Seite  Bebels.  Nur
hier  und  da  legten  aus  Süddeutschland  stammende  Genossen  für  ihre  Landsleute ­
  ein  Wort  ein.
Im  Jahre  1895  spielte  um  die  Zeit  des  Breslauer  Parteitages  die
Agrarfrage  eine  große  Rolle  in  den  sozialdemokratischen  Parteiversammlungen ­
  Berlins.  Es  wird  vor  und  nach  dem  Parteitag  lebhaft  über  das
von  der  Agrarkommission  der  Partei  entworfene  Agrarprogramm  diskutiert,
wobei  die  Gegner  des  letzteren  stets  in  der  großen  Mehrheit  sind.  Ferner
tritt  in  diesem  Jahre  die  Frage  der  Heranziehung  der  Frauen  zur  Agitation ­
  und  zur  Organisationsarbeit  stärker  in  den  Vordergrund.  Im  Jahre
1896  nimmt  um  die  Zeit  des  Parteitages  ein  in  der  Redaktion  des  „Vorwärts" ­
  spielender  Konflikt  das  Interesse  der  Berliner  Mitgliedschaften  in
Anspruch.  Wilhelm  Liebknecht  hatte  einen  in  seiner  Abwesenheit  im  „Vorwärts" ­
  erschienenen  Artikel,  der  sich  gegen  Max  Quarck  in  Frankfurt  am
Main  richtete,  öffentlich  von  sich  abgewiesen  und  dadurch  eine  Kollektiverklärung ­
  der  anderen  Redakteure  hervorgerufen,  an  die  sich  ziemlich  scharfe
Auseinandersetzungen  knüpften.  Sie  wurden  in  Berliner  Parteikreisen  lebhaft
besprochen  und  fanden,  als  der  Parteitag  herannahte,  einen  Niederschlag
in  dem  nach  lebhafter  Debatte  am  17.  September  beschlossenen  Antrag  des
dritten  Reichstagswahlkreises,  daß  die  Redaktion  des  „Vorwärts"  zu  allen
wichtigen  Parteifragen  Stellung  zu  nehmen  habe  und  Artikel  einzelner
Redakteure  von  diesen  zu  zeichnen  seien.
Im  Jahre  1897  ist  es  die  Frage  der  Beteiligung  an  den
preußischen  Landtagswahlen,  welche,  wie  im  übrigen  Preußen,  so
auch  in  Berlin  zum  Gegenstand  bewegter  Auseinandersetzungen  wird.
Nachdem  Bebel  und  Auer  sich  öffentlich  für  die  Beteiligung  ausgesprochen
und  vielfach  Zustimmung  gefunden  hatten,  die  sich  in  Anträgen  an  den
kommenden  Parteitag  niederschlug,  mußte  selbstverständlich  auch  Berlin
zur  Frage  Stellung  nehmen.  Sie  wurde  in  vielen  Zusammenkünften  diskutiert ­
  und  beschäftigte  dann  den  Parteitag  für  Berlin  und  die  Provinz
Brandenburg,  der  am  12.  September  1897  in  Kellers  Festsälen  tagte  und
von  66  Delegierten  besucht  war,  die  26  Kreise  vertraten.  Das  Referat
über  sie  hielt  Max  Schippel,  der  sich  für  die  Beteiligung  aussprach,  und
        <pb n="137" />
        139

in  der  sich  lange  hinziehenden
Debatte  stellten  sich  die  Genossen
Alschner,  Apelt,  Graßmann, ­
  Lissauer,  Stadthagen, ­
  Timm  undDr.  Wehl
auf  seine  Seite,  während  ihm
als  Lauptgegner  Georg  Ledebour
  entgegentrat,  unterstützt
durch  die  Genossen  Dornbusch, ­
  Joachim,  Kiesel,
Wagner  und  Zubeil.  Die
Gegner  der  Beteiligung  fürchteten ­
  hauptsächlich,  daß  diese
zu  Kompromissen  mit  gegnerischen ­
  Parteien,  und  zwar  gerade ­
  mit  den  in  Berlin  ja
ganz  besonders  verhaßten  Freisinnigen, ­
  führen  würden,  auch
von  den  Rednern,  die  für  die
Beteiligung  eintraten,  erklärten
sich  verschiedene,  darunter  namentlich ­
  Artur  Stadthagen,
gegen  jeden  Kompromiß.  Es
wurde  eine  Resolution  von
Berlin  III  und  Teltow-Bceskow,
  daß  der  Parteitag  den
Kölner  Beschluß  von  1893
gegen  Wahlbeteiligung  aufrecht ­
  erhalten  möge,  mit  46
gegen  21,  und  eine  zweite
Resolution,  wonach  die  Entscheidung  des  Parteitags  über  Aufhebung  des
Kölner  Beschlusses  vom  Beschluß  einer  vorherigen  Konferenz  der  preußischen
Delegierten  abhängig  gemacht,  diesen  letzteren  aber  empfohlen  werden  solle,
gegen  die  Aufhebung  zu  stimmen,  mit  31  gegen  26  Stimmen  abgelehnt,
dagegen  ward  schließlich  mit  33  gegen  25  Stimmen  ein  Antrag  Stadthagen
und  Genossen  angenommen,
„dem  Parteitag  die  Aufhebung  des  Kölner  Beschlusses  betreffs
Wahlenthaltung  zu  empfehlen,  aber  keinem  bürgerlichen  Wahlmann  oder
Kandidaten  die  Stimme  zu  geben,  der  nicht  die  Gewähr  dafür  leistet,
daß  er  mindestens  eintritt  für  Einführung  des  allgemeinen,  gleichen,
direkten  und  geheimen  Wahlrechts  für  Landtag  und  Gemeinde,  für  Beseitigung ­
  aller  partikularrechtlichen,  die  freie  Ausübung  des  Vereins-,
Versammlungs-  und  Koalitionsrechts  beschränkenden  Bestimmungen,
Aufhebung  aller  gegen  die  ländlichen  Arbeiter  und  das  Gesinde  bestehenden ­
  Ausnahmerechte."
Als  drei  Tage  später,  am  15.  September,  in  den  sechs  Wahlkreisen
Berlins  Parteiversammlungen  über  die  Beschlüsse  der  Provinzialkonferenz
und  den  bevorstehenden  Parteitag  Beratung  hielten,  zeigte  sich,  daß  in  der
Äauptstadt  die  große  Mehrheit  der  Genossen  Gegner  des  auf  der  Brandenburger ­
  Konferenz  gefaßten  Beschlusses  waren.  Nur  im  ersten  Relchstags-Krrliig

  rm  Artpr  Staltn  C,  $Im#ÄlMti.6L

68.  Amschlagseite  des  Volkskalenders  „Der
märkische  Landbote"
        <pb n="138" />
        -  140  -
Wahlkreis  ward  eine  Resolution  angenommen,  welche  jenen  Beschluß  wiederholte ­
  und  außerdem  verlangte,  daß
„überall,  wo  durch  die  Beteiligung  der  Sozialdemokratie  Einfluß  auf  die
Gestaltung  der  Wahl  vorhanden  ist,  sozialdemokratische  Wahlmänner
aufzustellen  sind."
2m  zweiten  Wahlkreis  faßte  man  überhaupt  keinen  Beschluß,  im  dritten
erklärte  man  sich  dafür,  daß  die  Entscheidung  über  die  Frage  den  preußischem
Delegierten  überlassen  werde,  im  vierten,  fünften  und  sechsten  Wahlkreis
dagegen  wurden  Resolutionen  beschlossen,  die  sich  mehr  oder  minder  schroff
gegen  die  Wahlbeteiligung  aussprachen.  Im  ersten,  dritten  und  fünften
Wahlkreis  wurden  bei  dieser  Gelegenheit  noch  Beschlüsse  gefaßt,  die  Erweiterung ­
  der  Rechte  der  Berliner  Preßkommission  in  bezug  auf  die  Kontrolle
des  „Vorwärts"  und  ein  Mitbestimmungsrecht  Berlins  bei  der  Anstellung
von  Redakteuren  forderten.
Als  im  Sommer  1898  Neuwahlen  für  den  preußischen  Landtag  bevorstanden, ­
  fand  am  23  August  eine  von  den  Vertrauenspersonen  Berlins
einberufene  allgemeine  Pacteiversammluag  statt,  um  die  Frage  zur  Entscheidung ­
  zu  bringen,  ob  man  gemäß  der  vom  Äamburgcr  Parteitag  in
dieser  Sache  gefaßten  Resolution  sich  an  der  Wahl  beteiligen  solle  oder
nicht.  Diese  Resolution  hatte  die  Beteiligung  als  dort  für  geboten  erklärt,
wo  die  Verhälmisse  eine  solche  den  Parteigenossen  ermöglichten,  die  Entscheidung ­
  darüber,  ob  dies  der  Fall  sei,  aber  den  Genossen  in  den  einzelnen
Kreisen  überlassen.  Ein  Zusatz  dazu  verbot  außerdem  das  Abschließen  von
Kompromissen  oder  Bündnissen  mit  gegnerischen  Parteien.  Da  nun  in
Berlin  die  Möglichkeit  eines  Wahlsieges  ohne  Bündnis  nicht  bestehe,  so
sei  auch,  führte  der  Referent  der  Versammlung,  G.  Ledebour,  aus,  die
Wahlbeteiligung  in  Berlin  nicht  durch  die  Verhältnisse  gerechtfertigt,  sondern
Wahlenthaltung  zu  empfehlen.  Seine  Ausführungen  wurden  in  der  Versammlung ­
  für  durchschlagend  befunden,  und  cs  ward  eine  in  diesem  Sinne
lautende  Resolution  beschlossen,  die  außerdem  noch  betonte,  daß  die  bürgerlichen ­
  Oppositionsparteien  die  auf  sie  in  den  letzten  Jahren  gesetzten  Hoffnungen ­
  schwer  enttäuscht  hätten  und  die  Arbeiter  nach  wie  vor  auf  ihre
eigenen  Kräfte  angewiesen  seien.  Dieser  Resolution  schloß  sich  auch  am
28.  August  eine  Kreiskonfercnz  des  Wahlkreises  Tcltow-Bceskow-Charlottenburg
  mit  35  gegen  17  Stimmen  an.
Am  27.  Dezember  1898  fand  in  Wilkes  Restaurant  die  erste  Konferenz,
sozialdemokratischer  Gemeindevertreter  der  Provinz  Brandenburg  statt.  Sie
war  von  46  Gemeindevcrtretern,  darunter  33  von  Groß-Berlin,  besucht  und
arbeitete  ein  ganzes  kommunalpolitisches  Programm  aus,  dessen  Text  im
Kapitel  über  die  Kommunalpolitik  der  Berliner  Sozialdemokratie  zu  finden
ist.  Auf  Antrag  Paul  Singers  wurde  beschlossen,  diese  Konferenzen  alle
zwei  Jahre  zu  wiederholen.
Von  den  Konferenzen  des  Jahres  1899  verlangten  sowohl  die  Konferenz
des  Kreises  Teltow-Beeskow-Charlottenburg  (3.  September)  wie  die  Konferenz ­
  der  Provinz  Brandenburg  (17.  September)  wiederum  eine  stärkere
und  systematisch  betriebene  Agitation  unter  den  Frauen.  In  Berlin  war
am  11.  Januar  von  einer  stark  besuchten  Volksversammlung  nach  einem
Referat  der  Genossin  Lily  Braun  die  Gründung  eines  „Vereins  für
Frauen  und  Mädchen  der  Arbeiterklasse  zur  Förderung  des  Wissens  und
        <pb n="139" />
        69  und  70.  Flugblatt  gegen  die  sozialdemokratische  Landagitation

♦

Wenn  einmal  ein  biederer  Landbewohner  in  eine  große  Stadt  Eommt,  so  ereignet  es  sich  nicht
selten,  daß  irgend  ein  fcingekleideter  Herr  an  ihn  herantritt  und  sich  mit  der  größten  Liebenswürdigkeit
erbietet,  ihm  die  Sehenswürdigkeiten  der  Stadt  zu  zeige».  Arglos  nimmt  in  vielen  Fallen  der  Landbewohner ­
  das  Anerbieten  an,  und  er  ist  von  der  Zuborkommenheit  des  Städters  entzückt.  Dieser  führt
ihn  ins  Museum,  zeigt  ihm  die  schönen.  Plätze  und  Gebäude  und  macht  ihm  schließlich  den  Vorschlag,  gemeinsam ­
  ein  Glas  Bier  zu  trinken,  um  sich  von  den  Strapazen  zu  erholen.  Bei  dieser  Gelegenheit  wird
dann  zum  Zeitvertreib  ein  Spielchen  gewacht,  uniu  der  unerfahrene  Landbewohner  muß  dann  zu  seine»!
Schaden  erfahren,  daß  er  einem  Schwindler  in  die  Hände  gefallen  ist,  der  ihm  im  „Kümmelolättchen"
seine  ganze  Barschaft  abgenommen  hat.  Man  hat  für  solche  Betrüger  den  Namen
Bauernfänger.
Leute,  die  sich  di-  Unwisienheit  anderer  zu  nutze  machen,  giebt  es  indessen  nicht  nur  in  den  großen
Städten,  sondern  ihr  könnt  sie  auch  auf  dem  Lande  treffen.  Nur  machen  sie  hier  ihr  Geschäft  nicht  mit
dem  Kümmelblattchen-Spiel,  sondern.mit  Flugblättern,  die  mit  Unwahrheiten  und  Entstellungen  eure
Köpfe  verwirren  und  euch  aufhetzen  sollen.  Ei»  solches  Flugblatt  ist  kürzlich  mit  der  Uebcrschrift:  „Wie  die
Junker  den  Bauern  helfen"  von  den  Socialdemokraten  verbreitet  worden.  Wie  der  Bauernfänger  in  der  großen
Stadt,  so  geht  auch  der  Bauernfänger  auf  dem  Lande  vor.  Hinter  einen,  harmlosen  Aeußern  und  allerlei  verlockend ­
  wirkenden  Worten  wird  die  eigentliche  Bauernfängerei  verborgen.  Die  Socialdemokraten  verschweigen
nämlich  immer,  wenn  sie  auf  „Bauernfang"  ausgehen,  ihren  Hauptgrundsatz:
die  Abschaffung  alles  Grundeigentums.
Hat  nun  aber  etwa  die  Socialdemokratie  auf  diese  ihre  erste  und  wichtigste  Forderung  verzichtet,  euch,  der
ländlichen  Bevölkerung,  zu  liebe?  Der  naive  Gemüthsmensch,  der  das  glaubt,  müßte  erst  noch  geboren
werden.  Nein,  die  Unterdrückung  dieses  springenden  Punktes  ist  nichts  weiter  als  cm  Mittel  zum  Zweck,
um  euch  im  Unklaren  zu  halten  über  die  wahren  Ziele  der  Socialdemokratie.
Statt  dessen  wird  euch  lang  und  breit  eine  Borlesung  über  die  Grundsteuer-Erlaffe  und  die  Rückzahlung ­
  der  Grundsteuer-Entschädigungen  nach  freisinnigem  Muster  gehalten,  um  den  Klcinbesitz  vom
Großbefltz  zu  trennen.  Zu  diesem  Zwecke  wird  natürlich  auch  angeführt,  daß  die  Interessen  des  Großbesitzes ­
  und  des  Klelnbesitzcs  verschieden  seien.  Als  ob  ihr  Bauern  nicht  wüßtet,  daß  eine  gute  Ernte  und
cmgeimsseye  Preise  für  die  Boden-Erzeugnisse  für  euch  dieselbe  Bedeutung  haben,  wie  für  den  Rittergutsbesitzer! ­
  Recht  erheiternd  wirkt  die  Aufforderung  an  euch  Bauern,  das  nächste  Mal  einen  Socialdcinokraten
  zu  wählen.  Dieser  würde  gewiß  eure  Jntereffcn  vertreten.  Entspricht  das  der  Wahrheit?

Lind  die  Socialdemokraten  wirklich  Freunde  der  Bauern?
Uni  diese  Fragen  zu  beantworten,  wollen  wir  einige  socialdemokratische  Führer  selbst  reden  lassen.
„Wir  brauchen  die  Bauern  nicht,  um  eine  Revolution  zu  machen,  aber  keine  Revolution  kann  sich  halten,
wenn  die  Bauern  dagegen  sind,"  schrieb  der  Abgeordnete  Liebknecht  schon  vor  25  Jahren.  Sieht  das
nach  Theilnahme  aus?  Wird  nicht  vielmehr  klar  ausgesprochen,  daß  die  Socialdemokraten  euch  Bauen!
nur  gewinnen  wollen,  weil  sie  ohne  euch  ihr  Ziel,  den  gewaltsamen  Umsturz  unsers  Staates,  nicht  erreichen ­
  können?
Das  Schicksal  der  schwer  käinpfenden  Bauern  selbst  ist  den  Aposteln  der  rothen  Glückseligkeit  völlig
jjleichgiltig.  Das  hat  der  socialdemokratische  Abgeordnete  Smippel  im  Januar  1895  offen  herausgesagt,
indem  er  im  „Socialpolitischen  Centralblatte"  schrieb:  „Die  Bauern,  diese  unhaltbaren  Existenzen,  kMistüch
über  Wasser  zu  heben,  um  sie  dann  umso  sicherer  dem  Ertrinken  zu  überliefern  —  diese  scheußlichen  Uebergangszustände
  von  der  alten  bäuerlichen  Familien-Naturalwirthschaft  auch  nur  einen  Augenblick  länger  zu
konservieren,  dazu  kann  sich  di-  Socialdemokratie  auch  durch  die  größte  Sympathie  für  Schuldsklaven  und
„Schwache"  nie  und  mmnicr  verleiten  lassen."  —  Das  ist  der  wahre  socialdemokratische  Jakob,  wie  cr
sich  in  den  Worten  ihrer  Führer  euch  Bauern  gegenüber  zeigtl  WaS  die  Socialdemokraten  euch
sagen,  sind  alles  nur  Flausen  daraus  berechnet,  euch  als  Sturiubock  gegen  die  bestehende  Ordnung  auf  den:
Lande  zu  benutzen.  Haben  die  Socialdemokraten  diesen  Hauptzweck'  erreicht,  so  loiirdc  euch  die  zuerst  anscheinend ­
  so  mitleidige  und  hilfsbereite  Socialdemokratie  einfach  im  Elend  verkommen  lassen.  Da»  ist  s°
sicher,  wie  zweimal  zwei  vier  ist.  „Nur  die  allergrößten  Kälber  wählen  ihren  Metzger  selber!"  Das  wißl
ihr  Bauern  sehr  genau,  und  darimi  werdet  ihr  nie  einen  Soeialdemokraien  in  den  Reichstag  schicken.
        <pb n="140" />
        Sind  sie  Freunde  der  Landarbeiter?

Elan,  ihr  Landarbeiter,  was  will  die  Socialdemokraüe  von  euch?  Man  sollte  meinen,  daß,  wer
dem  Bauern  Netze  stellt,  auch  vor  dem  Arbeiter  nicht  stille  hält.  Und  in  der  That,  es  ist  so.  Auch  ihr
Landarbeiter  werdet  von  den  Socialdenwkraten  schmählich  h  ntergangen.  Um  schöne  Worte  sind  die  Socialdemokraken
  allerdings  nicht  verlegen.  Sie  sagen  zu  euch:  „Wie  wir  Socialdemokraten,  wenn  wir  gewählt
sind,  uns  für  die  Arbeiter  und  kleinen  Leute  ins  Zeug  legen,  davon  berichten  die  Zeitungen  bei
jeder  Session."
Das  ist  sehr  richtig!  Was  aber  die  Zeitung  hierüber  berichten,  das  hüten  sie  sich  hinzuzusetzen.
Da  wollen  wir  denn  ein  wenig  nachhelfen.  Als  die  letzte  ReichstagSsession  beendet  war,  da  hieß  es  unter
den.socialdemokratischen  Wählern:  „Was  haben  unsere  48  Abgeordneten  eigentlich  geleistet?  Große  Summen,
die  wir  im  Schweiße  unseres  Angesichts  sauer  verdient  haben,  sind  ihnen  von  der  Partei  an  Diäten
zugewandt,  und  für  die  paar  Reden  gegen  den  Umsturz  und  gegen  den  Tabak  hätten  5  Abgeordnete  genügtl"
Groß  war  damals  die  Unzufriedenheit  unter  den  getäuschten  Wählern.  Goldene  Berge  hatten  di-  socialdemokmtischen
  Herren  den  Arbeitern  vor  den  Wahlen  versprochen:  als  sie  aber  gewählt  waren,  hatten  sic
die  Versprechungen  vergesien.
Nichts  haben  die  Socialdemokraten  für  die  Arbeiter  gethanI
Wenn  sich  daher  die  Socialdemokraten  eine  Arbeiterpartei  nennen,  so  ist  das  der  reine  Humbug!
Das  hat  nicht  nur  die  letzte  Reichstagssession  gezeigt.  Als  Kaiser  Wilhelm  I.  am  17.  November  1881  in
seiner  großen  Botschaft  verkündete,  daß  er  den  Hilflosen  und  Schwachen  beistehen  wolle,  da  hätte  eine  Partei,
die  wirklich  das  Interesse  der  Arbester  und'  nur  dieses  Interesse  wahrnehmen  wollte,  freudig  zustimmen
und  sich  in  den  Dienst  oieser  guten  Sache  stellen  müssen.  Was  aber  thaten  die  Socialdemokraten?  Sie
wiesen  die  Hand,  die  der  Kaiser  als  rechter  sursorglichcr  Vater  seinem  Volk-  bot,  zurück.  Der
Kamps  bis  aufs  Messer  wurde  angekündigt  und  fortgeführt.  Di«  socialdemokratischen  Abgeordneten  stimmten
gegen  das  Kranken-  und  Unsallversicherungsgesetz,  gegen  daS  AltcrS-  und  Jnvaliditätsgesetz  und  gegen  alle
die  denkwürdigen  Gesetze,  die  im  Lauf-  der  Jahre  euch  Arbeitern  »um  Segen  geschaffen  sind!

Das  ist  die  Arbeiterfreundlichkeit  der  Socialdemokratie!

Und  nun,  ihr  Arbeiter,  was  versprechen  denn  die  Socialdemokraten  euch  weiter  noch?  Das  Land
eurer  Herren?  Freilich  thun  die  Socialdemokraten  immer  so,  als  ob  sic  das  Land,  das  sie  euren  Arbeitgebern ­
  dann  weggenommen  haben,  euch  zu  eigen  geben  wollten.  DaS  wäre  doch  wenigstens  noch  ein  Verspreche», ­
  wenn  auch  ein  verrücktes.  Aber  in  Wirklichkeit  denken  die  Socialdemokraten  gar  nicht  daran,  euch
zu  Herren  und  Grundbesitzern  zu  machen.  Nicht  einmal  ein  Eigcnhaus  oder  einen  einzigen  Morgen  Land
oder  ein  Stück  Garten  gönne  !  euch,  nicht  einmal  ein  Schwein  im  Stall  oder  eine  Kuh  oder  eine  Ziege.

Es  soll  so  dann  niemand  mehr  etwa«  sein  eigen  nennen.  Denn  aller  Grund  und

»nationalen  Produktiv-Genossenschaft"  oder  wie  sie  sonst  heißen  mag,  d,  h.  in  Wahrheit  den  socialdemokratischen ­
  Regierern,  vielmehr  Nichtregierer»  und  Partei-Tyrannen  gehören.  Was  heißt  das?
Das  heißt,  ihr  Arbeiter  sollt  nach  wie  vor  im  Schweiße  eures  Angesichts  arbeiten,
aber  ihr  sollt  keinen  Lohn  mehr  bekommen,  sondern  einen  sogenannten  Antheil  am  Gewinn.  Eure
Einnahme  wird  also  allein  vom  Zufall  de»  Gewinnes  abhängen.  Wenn  nun  aber  cinnial  ein  Hagelschlag ­
  die  Ernte  vernichtet,  wenn  Regengüsse  die  Ernte  verfaulen  lassen,  wovon  sollt  ihr  Arbeiter  dann
leben?  Zu  vertheilen  giebt  es  dann  nichts,  wenn  kein  Gewinn  da  ist!  Ja,  darüber  zerbrechen  sich  die
Socialdemokraten  nicht  weiter  den  Kvpfl
Aber  was  soll  nun  erst  werden,  wenn  alle  Wirlhschasten  im  Lande  leinen  Gewinn  mehr  abwerfen,
wenn  große  Krisen  durch  ausländische  Konkurrenz  entstehen?  Woher  soll  die  Verwaltung  die  Mittel
nehmen,  die  Menschen  zu  ernähren?  Reiche  Leute,  die  extra  aebrandschatzt  werden  könnten,  wird  es  doch
im  socialdeniokratischen  »ZukunstSstaatc"  nicht  mehr  geben.  Diese  Phantasie-Wirthschaft  würde  ein  schnelles
und  furchtbares  Ende  nehmen.

Lin  schrecklicher  Hungertod  würde  die  Folge  sein!

Wenn  euch  daher  die  Socialdemokraten  aufbinden  wollen,  daß  sie  euch  als  rettende  Engel  kommen,
so  weist  ihnen  die  Thür!  Nichts  als  Lügen  sind  es,  mit  denen  sie  euch  nahen.

Ls  sind  Wölfe  in  Schafskleidern!

Bklteg  und  Druck  der  SchrislenvertrirbLanfletk,  &amp;lt;S.  w.  b.  Berlin  SW.‘*

69  und  70.  Flugblatt  gegen  die  sozialdemokratische  Landagitation
        <pb n="141" />
        143

der  Pflege  der  Geselligkeit"  beschlossen  worden,  der  sofort  ins  Leben  trat
und  heute  noch  besteht.  Auch  ein  Vortrag  von  Klara  Zetkin,  „Der  Student
und  das  moderne  Weib",  förderte  mit  der  Agitation  unter  der  akademischen
Jugend  zugleich  die  sozialistische  Propaganda  unter  den  Frauen.  In  der
erwähnten  Konferenz  des  Kreises  Teltow-Beeskow  wurde  ferner  in  einer
Resolution  von  neuem  die  Forderung  gestellt,  daß  die  Preßkommission
Groß-Berlins  gleichberechtigt  mit  dem  Parteivorstand  über  die  Verwaltung
und  Führung  des  „Vorwärts"  zu  bestimmen  haben  solle.  Die  Konferenz
des  Kreises  Niederbarnim  (9.  September)  nahm  zu  der  Debatte  über  das
im  Frühjahr  1899  erschienene  Buch  Ed.  Bernsteins  „Die  Voraussetzungen ­
  des  Sozialismus  und  die  Aufgaben  der  Sozialdemokratie"  durch
Annahme  einer  von  Artur  Stadthagen  vorgeschlagenen  und  begründeten
Resolution  Stellung,  die  den  nach  Hannover  einberufenen  Parteitag  zu
erklären  ersucht,  daß  „keinerlei  Grund  zur  Änderung  der  Grundanschauungen
und  der  Taktik  der  Partei"  vorliege  und  von  jeden:  Vertreter  der  Partei
verlangt  werden  müsse,  daß  er  das  Endziel  Vergesellschaftung  in  den
Vordergrund  stelle,  und  daß  jedem  Versuch  der  Vertuschung  des  Klassenkamp/charakters
  entgegenzutreten  sei.
Der  Lannoversche  Parteitag  hat,  wie  an  betreffender  Stelle  berichtet,,
einer  von  Bebel  abgefaßten  Resolution  zugestimmt,  die  den  gleichen  Gedanken ­
  Ausdruck  gibt.  Im  Absah  3  dieser  Resolution  nun  heißt  es:
„Ohne  sich  über  das  Wesen  und  den  Charakter  der  bürgerlichen
Parteien  als  Vertreter  und  Verfechter  der  bestehenden  Staats»  und
Gesellschaftsordnung  zu  täuschen,  lehnt  sie  (die  Partei)  ein  Zusammengehen ­
  mit  solchen  von  Fall  zu  Fall  nicht  ab,  sobald  es  sich  um  Stärkung
der  Partei  bei  Wahlen  oder  um  Erweiterung  der  politischen  Rechte  und
Freiheiten  des  Volkes  oder  um  eine  ernsthafte  Verbesserung  der  sozialen
Lage  der  Arbeiterklasse  und  die  Förderung  von  Kulturaufgaben  oder
um  Bekämpfung  arbeiter-  und  volksfeindlicher  Bestrebungen  handelt.
Aber  die  Partei  bewahrt  sich  überall  in  ihrer  Tätigkeit  ihre  volle  Selbständigkeit ­
  und  Unabhängigkeit  und  betrachtet  jeden  Erfolg,  den  sie  erringt, ­
  nur  als  einen  Schritt,  der  sie  ihrem  Endziel  näher  bringt."
Kierin  erblickten  die  Delegierten  Berlins  ein  bedenkliches  Zugeständnis
an  den  Gedanken  einer  Politik  der  Bündnisse  oder  Kompromisse,  und  so
lehnten  sie  demgemäß  diesen  Passus  ab.  Er  ward  aber  vom  Kongreß  mit
sehr  großer  Mehrheit  —  205  gegen  insgesamt  34  Stimmen  —  angenommen,
was  von  einem  Teil  der  Berliner  Delegierten  für  so  schwerwiegend  erachtet ­
  wurde,  daß  sie  —  F.  Ewald,  O.  Franke,  Ad.  Koffmann,
F.  Koppe,  M.  Menzel,  Gust.  Schmidt,  K.  Schubert  und  A-  Sellin
—  nun  in  der  Schlußabstimmung  gegen  die  Resolution  Bebel  stimmten.
Sie  gaben  jedoch  eine  Erklärung  zu  Protokoll,  daß  sie  mit  Ausnahme  des
Punktes  3  durchaus  auf  dem  Boden  dieser  Resolution  ständen.  Sechs
Berliner  Delegierte,  die  für  die  Resolution  gestimmt  hatten  —  Eugen
Ernst,  Otto  Goerke,  Karl  Kauschild,  Karl  Leid,  Rudolf
Millarg  und  Marg.  Wengels  —  erklärten  wiederum  ihrerseits  im
Verein  mit  Wilh.  Liebknecht,  Paul  Singer  und  Artur  Stadthagen,
daß  ihre  Abstimmung  für  die  Resolution  Bebel  nicht  als  Abstimmung  für
die  Beteiligung  an  den  preußischen  Landtagswahlen  bettachtet  werden  dürfe.
Gleich  den  ganzen  Debatten  um  die  Frage  der  Grundanschauungen  und
        <pb n="142" />
        144

der  Taktik,  die  den  Parteitag  von  Lannover  drei  und  einen  halben  Tag
beschäftigt  hatten,  bildeten  diese  Abstimmungen  den  Gegenstand  sehr  lebhafter ­
  Erörterungen  in  den  Versammlungen,  in  denen  am  24.  Oktober  1899
die  Delegierten  Berlins  über  den  Parteitag  Bericht  erstatteten.  Lbcrall
erklärte  man  sich  mit  großer  Mehrheit  mit  seinen  Beschlüssen  einverstanden;
wenn  es  auch  nicht  ganz  an  Rednern  fehlte,  die  in  dem  einen  oder  anderen
Punkt  sich  zu  den  Artschauungen  Bernsteins  oder  seiner  Verteidiger  bekannten, ­
  so  blieben  das  doch  vereinzelte  Stimmen.  Mit  großer  Genugtuung ­
  ward  in  den  bezeichneten  Versammlungen  davon  Kenntnis  genommen,
daß  der  Kongreß  den  Wünschen  der  Berliner  Parteimitgliedschaften  in
bezug  auf  die  Erweiterung  der  Aufsichts-  und  Einspruchsrechte  der  Preßkommission
  Berlins  hinsichtlich  des  „Vorwärts"  Folge  gegeben  habe.
Mit  dem  Jahre  1900  trat  das  Pohcnlohesche  Notvereinsgesetz  in  Kraft,
die  Bestimmungen  der  einzclstaatlichen  Vereinsgesetze,  die  politischen  Vereinen ­
  verboten,  niiteinander  in  Verbindung  zu  treten,  fielen  hinweg,  und
verschiedene  Bestimmungen  im  Organisationsstatut  der  Gesamtpartei,  die
nur  der  Rücksicht  auf  jene  Verbote  ihre  Existenz  verdankten,  wie  auch  allerhand ­
  Vorbeugemaßnahincn  im  Aufbau  der  örtlichen  Organisationen
wurden  damit  überflüssig.  Naturgemäß  steht  daher  in  diesem  Jahre  die
Organisationsftage  im  Vordergrund  der  Beratungen  sowohl  der  Generalversanunlungen
  der  Wahlkreise  Berlins  (14.  August)  als  auch  der  Kreiskonferenzen
  der  Vorortswahlkreise  —  Niederbarnim  9.  Januar,  19.  August
und  10.  Oktober,  und  Teltow-Beeskow-Charlottenburg  19.  August
und  den  9.  Dezember.  Für  den  letzteren  Wahlkreis  ward  als  Resultat  der
Beratungen  am  9.  Dezember  1900  der  Zentral-Wahlverein  des  Kreises
gegründet,  der  am  1.  Januar  1901  ins  Leben  trat.  Seinen  ersten  Vorstand
bildeten:  Otto  Goerkc,  erster  Vorsitzender,  Bruno  Borchardt,  zweiter
Vorsitzender,  Paul  Pirsch,  Schriftführer,  Will).  Eberhardt,  Kassierer
und  Schnell,  Beisitzer.  In  Niederbarnim  begnügte  man  sich  vorläufig
damit  —  Konferenz  vom  20.  Oktober  1900  —  den  Kreis  in  zwölf  Bezirke
einzuteilen  und  für  jeden  dieser  Bezirke  einen  Bezirkswahlverein  zu  gründen.
In  verschiedenen  Versammlungen  wird  die  Frage  der  Beteiligung  an  den
Landtagswahlen  aufs  neue  besprochen,  und  der  Wahlkreis  Teltow-Beeskow-Charlottenburg
  beschließt  am  19.  August,  nach  Referaten  von  P.  Pirsch
für  und  Fr.  Zubeil  gegen  Beteiligung,  mit  31  gegen  28  Stimmen  einen
von  Pirsch  formulierten  Antrag,  der  bevorstehende  Parteitag  möge  „der
bisherigen  ünklarheit  in  der  Frage  unserer  Taktik  bei  den  Landtagswahlen
in  Preußen  ein  Ende  machen  durch  den  Beschluß  allgemeiner  und  selbständiger ­
  Beteiligung  der  sozialdemokratischen  Parte!  bei  den  nächsten  preußischen ­
  Landtagswahlen".  Dagegen  stimmt  am  gleichen  Tage  der  Wahlkreis ­
  Niederbarnim  auf  seiner  Konferenz  einem  von  Stadthagen  vorgelegten ­
  Antrag  an  den  Parteitag  zu,  die  Entscheidung,  ob  eine  Beteiligung
an  den  preußischen  Landtagswahlen  vorzunehmen  sei,  den  einzelnen  Wahlkreisen ­
  zu  überlassen.
Der  Parteitag  —  Mainz  —  lehnte  diesen  letzteren  Antrag  ab  und
nahm  mit  163  gegen  66  Stimmen  einen  von  Bebel  gestellten  Antrag  an,
daß  in  denjenigen  deutschen  Staaten,  wo  das  Drciklassenwahlsystem  bestehe,
die  Parteigenossen  verpflichtet  seien,  bei  den  nächsten  Wahlen  mit  eigenen
Wahlmännern  in  die  Wahlagitation  einzutreten.
        <pb n="143" />
        DemofaslfJe.  Sozldlisnnts.
m»  kreis  Foisdumfl.  «&amp;lt;«

Das

neue  üloirfagsblatt

Berliner  sozialistische  JVIontagoecbau.

»:  «-I11—7.
CdtjtWJ:  Sät  I,  Ux  SW?.

6duard  Bernstein.

©xp«KHoa&amp;gt;
Berilo  SB.,  Sdjützea-Simtt  R

fir.  11.

I

BsrHn,  dsa  Jl.  3iril  WO*.

I

SnseTQie  **  ‘«“JfS*

|  SaKrg.  I.

DEPESeKEW.
Vom  Xrbgsschnphft  ln  Oslaslea
ticQcn  unS  zwei.  den  Japanern  gsinfllgr
  MelLungen  vor.  Die  eine.  anS
Tokio,  oeilätlg!  offiziell  die
Stfäung  KoipiilgS  durch  di,  Zapourr.
Tokio,  10  Juki,  (klmtlichc  Nit.
-teil»ng.)  General  Oku  meldet:  Die  zweit«
Armee  begann  ik.ro  auf  die  Äoietzung  Kaipingz
  hinzielenden  pperaNone»  oni  6.  Juli.
Nachdem  die  Stullen  successive  au«  ihre»  Siellimgs«
  vertrieben  worden  wäre»,  wurden
»alpin,  und  die  benachbarten
Sähen  am  9.  Juli  von  den  Javanorn
  besetzt.
S ach  der  zweilen  Depesche,  allerdings  ouB
lAer  Queue,  haben  die
Japaner  ein  zweite»  Fort  von  Dort  Arthur
,  Benommen.
Tschifn,  10.  Juli.  lRekdiina  de»  Renterichen
  Bureaus.)  Au»  Port  Arthur  hier
ringetrofsene  chinesische  Dlchuakensützrer  berichten. ­
  dich  am  5.  d.  M.  die  Seiche»  von
über  Svo  Nüssen,  worunter  iiü,  dlesenih«»
hon  zwei  hohen  russischen  Ossizieren  befanden. ­
  von  Chinesen  nach  Dort  Arthur  gebrach«
wurden,  und  daß  «in  Teil  der  j  a  p  o  n  ischen
  Truppen  61»  in  eine  Entfernung ­
  von  6  lengllschen  &amp;lt;?)  Red.)
Meilen  nach  Port  Arthur  nach
Eroberung  oineS  zweiten  Forts
auf  östlicher  Seile  vorgerückt
f  e  i  e  Ein  Teil  der  Beamten  der  russischchinesischen
  Bank  tu  Port  Arthur  ist  gestern
in  Tschisu  angekommen  und  sagt  au»,  dah  di«
Berhällniss»  in  der  Stadt  unverändert  seien.
Die  ganze  lebte  Woche  wäre  »eben  Meilen
von  der  Stadt  entfernt  schwer  gekämpft  worden. ­
  Die  Mannschasl  von  geilern  «ingelroffenen
  Dschunken  berichtet,  sie  bäite  gestern
morgen  Beschützfener  in  der  Höb«
von  Port  Arthur  gehört.
Fortfchritt  der  inlernatiouole»  Schiedö-Pari»,
  S.  Juli.  Der  Minister  de«  Aeu-Here».
  D  e  l  r  a  s  I  e  e  und  der  Glclnnb:?  von
Schn,«-  *  n  und  Norwegen  Hoven  heute
einen  SchiedSgerichtsverlrag  unterzeichnet,
welcher  entsprechend  den  mit  England,  Italien. ­
  Spanten  und  den  Niederlanden  abgeschlossenen ­
  abgcsaht  ist.
Wollen  sie  selbst  backen?
Nom,  10.  Juli.  Die  Bäckergeiellen  beschlossen ­
  in  den  AuSstand  zu  treten.  Die  Behörden ­
  haben  die  notwendigen  Mabregeln  getroffen. ­
  um  die  Stadl  vor  Mangel  an  Brvl
j»  bewahre».
Militärfireik  in  Montenegro.
Ätfinjf,  10.  Juli.  (Meldung  des  Wiener
St.  K.  Telegr.-Korr.-Bureau«.)  Nach  hier  eingetrossenen
  Nachrichten  erhielt  eines  von  denbeiden
  in  Tanzt  bei  Vodaorica  liegenden  Bataillounen
  Befehl,  nach  Mlct  I»  Garnison  zu
gehen.  Nachdem  da»  Bataillon  in  Slutari  angekommen
  war.  weigerte  eß  sich  im  Einvernehmen ­
  mit  den  Offizieren  wegen  Nichtbezahluug
  de»  Solde*  weiter  z»  marschieren.  Alke
Osiizierc  wurden  vcrhaflct.  Der  Kouverneur
von  Skutari.  welcher  einen  Aufruhr  der  Garnison ­
  befürchtet,  ist  bemüht,  das  zur  Bezahlung
  dev  Soldes  notwendige  Geld  cniszu-(Fortfehung
  de:  Depeschen  auf  der  dritte»

Spitzel  an)  Sfeatesisisier.
Im  Winter  1890  fand  In  Strcfmi  einer
teuer  «rohen  Sozialtstenorozesse,  -hott,  an»
welchem  man-dazum»!  l»  Oeiierkrich  noch  die
imvorticrte  sozialistiiche  Bewegung  zu  er-Iilcken
  hasste.  Der  Prozeh  ist  in-  der  poinilchen
Sozialdemokralie  bekannt  al»  der  Prozeß
WaninSti  »nd  Genosie».  Angcllagk  waren
NS  Personen,  darimter  M  Runen  aus  Wolbv-rien
  lUkraine!,  zumeist  Etnd'ricndc  vom
polytechnische»  Institut  In  Petersburg,  die  in
Äailzlen  bei  der  AgitatlonSärbeit  verhaltet
worden  waren.  Es  siel  de»  Angeklagten
während  der  verhandln»«  aus.  daß  Ne  der
»reiße  »ach  »nie:  irgend  einem  Vorwand«
durch  eine  bestimmte  Tür  de»  BerhandlungSsaalcS
  hinauSgcsührt  wurden,  ohne  dab  Ile
«ich  dies  sonderbare  verjähren  erklären  konnten. ­
  Endlich  fand  einer  von  ihnen  den  wahre»
Grund  an».  ES  war  nämlich  eine  Dovoelisir
ml«  rlner  tlekeii  Nische.  In  dicker  Nische  aber
befand  sich  alö  freiwillige:  HclserSbclser  der
österrclchilchen  Polizei  und  zugleich  al»  Spion
tlir  den  eigenen  Dienst  ein  riilüichrr  Klink,
lionär,  dcr  unter  den  Vorgefi!hri.'n  »feine"
Leute  agnoscierte.  Natürlich  kam  cd  nun  zu
schwerer  Insultier»»»  de»  Srlappicn,  brr
nur  durch  die  Iiistizkoldaten  vor  wetteren
Mihhandlungen  gemsitzt  werden  konnte.
Dieser  Iunkiionär  aber  war  kein  anderer,  als
der  bcutige  Generaiaewailigc  von  Rußland.
&amp;lt;Bt.  Erzellen,  der  WiTnifitt  de»  Innern,  Herr
von  Vietzwe.  daniatL  noch  SiaatSanunlt
tn  Warichaa.
Mit  dem  gelchttdertcn  Spihclftück,  dessen
5 ch  die  Polen  „och  beute  sehr  genau  er,
rnarn,  iNhrlc  «Ich  der  piovideniiellc  Btaal«-.
man»  in  der  außerrullikchen  Welt  ein.  Sr  ist
leinen,  Charakter  getreu  geblieben.  Sr  ist
auch  heut«,  wo  er  an  der  Spitze  der  Brrwalln»«
  dx»  größten  Staates  'der  Welt  steht,
nicht»  anderes  al«  der  größte  Polizeispitzel
der  Gelt.  Seine  Polilik  trägt  oSe  die  Merkmale ­
  dcr  polizeiliche»  Abstammung  an  sich,
die  Polizei  im  inacchiaveNisilsckcn  Sinne  betrachlcl,
  all  das  Verbrechertum  lm
Dienste  der  Ordnung.-  Ich  kiabe  in
ganz  Rußland  nicht  einen  einzigen  Menschen
gesprochen,  der  zur  Bezeichnung  de«  Plehwe.
scheu  CharallerS  andere  Anddrlickc  gewählt
lliilie  al»  lene,  die  zur  Bezeichnung  der
untersten  Linie  der  moralischen  Ezistcu»
dienen.  Nach  den  Aeußerungen,  die  mir  in
geradezu  unerhörter  Einmütigkeit  über  ihn
gemacht  worden  sind,  will  Ich  versuchen.  Oie*
da»  Bild  de»  Herrn  Plehwe  zu  zeichnen.
Mau  dar!  Nirmaudem  Unrecht  tun.  ES
loll  daher  betont  werden,  dah  !&amp;gt;n  Lande  der
allgemeinen  ftäullichicit  Herrn  Plehwe  doch
dcr  eine  Vorzug  nedigcril&amp;amp;nit  wirb.  Saß  er
absolut  unbestechlich  sei.  kl»  Pscüwe  km)  sich
noch  ulchi  einmal  dir  Bcrdächllguna  bcrangcwagt,
  die  Ions,  auch  nicht  der  Großkiiriicn
schont.  Aber  die  Mulle»  wissen  ihm  illr  lene
Ctgenlchai»  wenig  Dank.  Denn  Plehwe  gilt
-IS  weit  ärgere»,  denn  al»  ein  Bcrlchwender
oder  Wlistling.  Er  gilt  ulk  Bösewich»  ohne
Skrnpcl,  alö  polltlicher  Sadist.  alS  Bluthund
und  ralstnierlcr  Betrüger.  Dabei  «IS  Cyniker
ohne  lebe  Gesinnung,  als  Dabanauc.  und
gakichspleler,  für-  den  da»  politische  Metier
»nd  da»  Spiel  mit  Mcnichculcbcn  nicht»  ist
al»  ein  angenehmer  Nervenreiz:  kurz.  alS
Tiger  in  Menschengestalt.  Dabei  Ist  er  von
den  bezauberndsten  Manieren,  ein  Charmeur
„nd  Causeur  mit  dem  Irenherzigsiev  GesichiionSdruck.

Seine  unglaubliche  Iallchhel»  Ist  do«
ibei  alle  diejenigen  klagen,  die

eich).  Ist  ein

-  .Jede»  Wort,  da»  ..
eine  Lüge."  ist  die  Bemerkung,  die
_...  meiste»  über  ihn  härt.  Ta»  Berbrcchcr»chc
  seiner  Taktik  besteht  nicht  nur
darin,  baß  er  dem  Zaren  einrede»,  die  Rcvoluiion
  stehe  vor  der  Türe,  und  ihn  durch  Droh,
bricse,  Proklamationen  u.  a.,  die  er  in  die
innersten  Gemächer,  ia,  In  die  Slocktaschen
schmuggeln  läßt,  i»  sorlwäbrcndcr,  nerven,
zcrstürendcr  Angst  erhält,  sonder»  »och  mehr
darin,  baß  ei  saklllch  Unruhen  provoziert,  um
( «  alS  Argumente  benützen  und  seine  Position
Hrtoi  zu  kiinnen:  daß  er  fortwährende  Nonspirationcn
  entdeckt  »nd  die  angeblichen  Teiluehmer
  in  der  iurchtbarsten  Weise  maßregelt,
um  keine  UnentbcbilichscU  zu  erweisen.
TaS  ganze  Arsenal  der  Polizeikuiiststücke,
di«  ie  in  Despotien  verübt  worden  sind,  „m
Autokraten  i»  ivillsährige  Werkzeuge  ihrer
Prälorianer  zu  verwandeln,  ist  von  Plchwc
geplündert  worden,  um  lein  System  bis  zur
Lollk-mmcnhcii  ouSzubanen.  Insbesondere

^esährNV..,..
enibezrltchkeit  de»  Herrn"ylchwe  —~ii  "er.
härten.  Daß  die  tiilchcncwer  Mordtolen  in
seinem  Auftrage  verübt  wnrden,  brzwelscli  iu
Rußland  kein  Diensch:  der  EynISmu»,  mit
dem  er  Eruschewan.  den  Hauplhetzer  au»
Bcsiarabicn,  guSzelchueic,  ml«  dem  ei  de»  von
einen!  Lehreilmigrcß  insultierte»  '  Agitator
SiDnin  In  Schutz  nahm,  sind  eben  so  viele
schamlose  Zugeständnisse  seiner  Tat,  die  er
auch  nur  vor  dem  AuSlande.  nicht  aber  vor
leine»  Getiene»  verkenguet.
Jede  Kleinigkeit  greis,  er  auf.  um  eiue
Aksäre  daraus  z»  machen.  In  Warschau  find
Mitgliedern  eine»  aomItecS,  Sa»  für  «lncii
pdliilsche»  SanllätSziig  ngch  dem  '  «riegvichaurbitz
  Sammlungen  eingeleitet  hatte,  von
Studenten  die  Fenster  elugcworscn  worden.
Sosort  langte  der  tescgraviiilchc  Besetzl  ei»,
die  Sache  auf  brelkeltcr  Basi«  z»  nnlcrsuchen,
und  wenn  nicht  die  tiicschädigleu  dcr  Polizei
jede  Plithllle  verweigert  hätlen.  wären  wieder
ein  paar  Dutzend  kecke  Demonsiianicn  -  na»
Sibirien  geschickt  worden,  dam.l  dag  Borhandenfei»
  einer  voluischcn  vieri-lntion  dar-B
 '  I,  werbt»  könne.'  Ein  rnssstcher  Rcbak»
.  besten  Blatt  wegen  Abdrucks  eine»  revo-Inlionärcn
  Bedichi»  »erboten  worden  war,
wurde  bei  dcr  obersten  Zcnfuibehärbe  im
Ministerium  de»  Inner»  vorstellig,  um  die
tkilanbuiS  des  WledcierscheuicuS  zu  ec-IgNgen.
  Der  Herr  SeltlouSibes  crklärle  dem
Ncdgiteur.  einem  ruilikchen  Edelmann,  wörtlich, ­
  er  mvste-bep,  Minister  intiltzile.-,.  dotz.ihm.
da»  revalnlionSr«  vedlchl  von  den  Inden  in«
Blatt  gelchmuggett  wordr»  sei,  dann  werde
er  svsorl  ,nieder  die  Erlandnit!  erhalten.
Bon  einer  Seite,  von  der  Ich  eine  solche
Angabe  niemals  erwartet  hätte»  von  einem
bochkonservaliven  Nristokrateitziwtavene  einer
Exzellenz  Im  Staatsdienst:  wuzde  mir  allen
Ernstes  crllnrl,  daß  nur-  Ptthwe  im  Bunde
mit  Alexesew  den  Srteg  -durch  abstchtltchc»
Hinbalten  der  Japaner  .hcransbelchwoien
stabe,  wett  er  durch  tbn  nur  um  so  nuent.
bchrlicher  geworben  sei.  Ja.  ielbst  die  An.
bentnng  wurde  mir  gemacht,  daß  die  Rihilisic»,
  die  «lerander  ».  gerade  im  Moment
loteten,  da  er  die  VrrsasinngSnrkunde  zur
Uiilerlchrsfl  Irrtig  auf  drin  Tische  liegen  hatte,
nicht  ganz  ohne  Hille  der  Polizei  den  Weg
„nn  Woge»  de»  Kaisers  gefunden  Ritten.  Der
Gehille  Lori»  MclikowS  aber,  der  Manu,  der
den  Entwurf  ausgearbeitet  hatte,  und  d«r  am
beste»  wußte,  wie  nabe  bis  Untcizcichiuing
dcr  Urtnndc  bevorstand,  die  e»  zn  verhüten
galt,  ici  lein  auderrr  gewesen  al»  —  Plehwe.
Sein  Fnsttnlt  treibe  ihn  aus  die  Seile  der
Reaktionäre.  Denn  iu  einem  konstitniionellen
Elnaie  lei  illr  Leute  leine»  Kaliber»  weniger
K ere  Verwendung.  In  Antisemitismus.
i  er  nqtstrlich  jedem  jstdttchcn  Besucher
gegenüber  in  Abrede  stellt,  mache  er  nur,  weil
lehr  hochgestellte  und  elnslußieiSe  Perionen.
wie  die  «aiicrlii-Witwc.  v'..o',:!:!ri:  a'.n:
und  andere  anS  der  Generation  Alexanders ­
  III.  iaualische  Antilrmiken  llstd.  Auch
sein  AnlilemilivmuS  !r&amp;gt;  nicht  echt:  nicht»  sei
echt  bei  tbm,  al»  der  Spielehrgetz,  sich  Io  lange
alS  möglich  zu  behanptrn  »nd  bi»  Neesenkitzel
  eine»  Seiltänzei»  zu  baben,  der  Uber
oufgcnflauzlcn  Basonetten  ans  Sem  gespannten ­
  Seile  jongliert.
Da»  ist  da«  Bild  d«S  Minister»  de«
ä nuern,  wie  Ihn  die  dlsenlliche  Meinung  ln
uxlano  zeichnet.  Ich  muß  gestehen,  imch
metnrui  Geschmack  Ist  diese  ZclLnnnn  !o
wenig,  wie  der  Man».  Ader  während  d&amp;gt;«
nroßcn  ruMIchc»  Romandichtcr  vor  allem
Meister  in  der  Verwendung  bee  Abtönungen
lind.  arbeitet  die  politische  dlsenlliche  Meinung
gern  mit  den  kiärlsic»  garbe»,  mit  den  blutigsie»
  Superlativen.  Al»  Richtrufsc  wird  man
wohl  daran  »i»,  Herrn  Plehwe  auö  dem
Uebcr-nenschcnsormat  etwaS  in»  alltäglich
McnichNche  »»  übertragen,  und  da  kommt  im.
merbln  ei»  etwa»  aniereS  Bild  heran».
Ich  denke  e»  mit,  wie  folgt!  Pichn»
kommt  von  der  SlaatSanwalt.  und  Polizelkarrirre.
  Etwa»  von  dieiem  Ursprung  hasiet
jedem  an.  der  von  dort  seine»  AuSgang  ge.
nonnncn  hat.  GcrichlSprälidciiten,  die  SiaatSaiiwälte
  gewesen,  sind  die  Schrecken  dcr  Advokale»
  durch  ihre  lugnlsllorlschc  Manier
und  durch  tbrc  Neigung,  in  jedem  Beschuldig,
ten  schon  einen  Uebeiwicscncn  zu  erblicken.
Die  Brschäittgung  ferner  mil  den  Polizei.
Agenic»  ist  am  wenigsten  geeignet,  zur  Skrupulosiläi
  zu  erziehen.  Mair'»r!»»ere  Nch  nur
de»  Pn!!kammer,chcn  WarleS:'  -  .GcnUcm-n
gehen  sich  Illr  diesen  Dienst  nicht  her."  Dt»

beständige  Furcht  vor  Attentaten,  die  bei
einem  Ehes  der  russischen  Polizei  wohl  br-C
 det  ist  -  Plehwe  läßt  sich  seine  periSu-Ueberwachuug
  jährlich  800IX»  Rubel
kosten  —  trägt  auch  nicht  dazu  bei.  iemaode»
menschenfreundlicher  zn  machen.
Bet  Plehwe  und  anderen  kommt»»  allen
üblen  Einslüssen  noch  der  hinzu,  daß  iielich
alS  NtchNnsien  -  Plehwe  ist  poinisch-lclttschjüdischen
  Ursprung»  —  bnrch  besonderen  rul».
schen  ShanpiniSmuS  hervortun  müncn,  um
sich  uiwcodüüiig  zu  erhalten.  Groß  ab"  ist
an  Plcbwe  gar  nicht«,  i-inc  ganze  Ministei.
täligkei«  weist  nicht  eine  etnziye  bemerken

bchaurien  will  und  Ilai  ......  ..  .  .
da»  Jntrlgiienspiel  seiner  Rivalen  mit  alle»
laudeüttbltchen  Mitteln  zu  burchtrruzc».
„Voils  laut!"  Wahrheitsliebe  ist  im  allge.
meinen  keine  Eigenkämit  dcS  iogcnannic»
öljcnklichcu  Lebens  In  Rußland.  E»  wäre
daher  unbillig,  Herr»  Plehwe  Verlogenhei:
als  ein  besonderes  Laster  anzurechnen.  eBU
ist  bei  ihm  nur  in»  belondt
Man  wird  «»geben  müssen,,  daß  auch  l°

Maßlose  eutb°S

  Bild  noch.weil  davon  kntscrnt  ist,  ein
-rfreullchr»  i»  sein.  Füg,  man  zu  dielc-.
Zügen  noch  die  eewielene  Tatsache  hinzu,  daß
Herr  Plehwe  seine  eigenen  polniso-en  Pflegeeitern,
  die  ihn  iozukage«  von  der  Straßc  ansgelesen
  und  erzogen  batten,  dem  Grneialgouveruchir
  »rastn  Pkuiowiew  briinnzirrlc.  Idaß
  sie.-»um  Drück-für  fbr«.  Wobilak.guuh.  S&amp;gt;-lttrstn
  geschickt  wurden,  daß  also  Plcbwe  fein-.
Karriere  mit  einer  Handlung  deS  inlomgen
Undanks  »nd  Verrat«  begonnen  hat  —  siehe
Strnwe'S  OSwobolchdicnic'  —  ko  wirb  man
KV  «Ä,rÄ*!i
verzlchlen  zu  können.
Das  Bezeichnendste  aber,  was  ich  über  »ad
System  Pkebwe  hülle,  war  doch  die  Antwort,
die  ich  erhtiH.  als  ich  einen  recht  hochangestcllten
  Mann  fragte,  ob  denn  eine  Beilerung
zu  erwarten  sti.  wenn  Plehwe  einmal  von
feinem  unausbleiblichen  Schicksal  ereilt  wor-.Neiu."
  lauleic  dies«  Antwort.  .So  wohlverdient ­
  auch  jedes  Schicksal  siir  thu  stln
wird,  gebossen  wird  unk  damit  nicht.  Ein
anderer  Man»,  da«  ist  alles.  Pledw«  ist  nur
in  idealer  AuSvrUgunn,  waö  da«  Loiicin  verlangt.
  Der  Polizeiiiaat  brauchl  Poliz-!-jeelr»,
  und  cr  findcl'sie  immer.  Plehwe  &amp;gt;»
rnit  allen  Lastern  außer  dem  der  Vestrchlichkeit
  behaltet,  aber  cr  ist  durchaus  kein  Unikum
  in  dcr  ruMlchen  Bcamtenweik.  Und  e»
ist  durchaus  »ich!  wahrscheinlich,  daß  etwa»
BcflercS  nachkammen  würde.  Wenn.  «an»
Rußland  holst  (wörllich!!.  daß  ihm  bald  der
GarauS  gemacht  werde,  io  ist  e»  nicht,  wen
man  davon  sich  eine  Besserung  dcr  Zuk.ande
verspräche,  sondern  weil  man  dom  irgend  eine
Genugtuung  erleben  will,  wrun  bas  Mas
einer  dieser  Bestien  voll  Ist.  Ein  Phttantroo
nnd  Recht«!!,und  wird  aber  Io  wenig  I«  Minister ­
  beb  Innern  unter  dem  AbloluttSmuS
werden,  wie  er  da«  «edürsntS  hatte,  gferlrlchter
  zu  werben.  Rur  ein  anderes  ««Neu.
kann  mt»  andere  Männer  bringen.  Da«  Salgrnsystcm
  verträgt  ^joSaBj
Der  Bersasser  de«  vorstehenden  ia«  «Ine
längere  poiitilche  Studlcureist  in  Rußland
hinter  sich,  die  ihn  in«,  «ngehdriae»  alle.
Klaffen  und  Parteien  in  veibindimg  brachte
Er  «l  ei»  Morset  Beobachter,  dessen  Urteile
eine  um  so  stärkere  Sprache  sprechen,  al»  d  &amp;gt;
Mann  weder  Sozialist  »och  Revolutionär  ist.
Selbst  in  seiner  abgetönten  Darstellung  Ist
baö  Bild  de»  Herrn  v.  Plehwe
unabhängig  gesinnten  Deutschen  die  Röte  Do
Scham  In  da»  Gesicht  ,U  treiben  bei  dem  Gedanken. ­
  baß  deutsche  Gerichte  und  bcutsch-B-amte
  in  Anioruch  genommen  «erden,  em
System  zu  unterstützen,  beffr»  anserwSvi.er
Rrpräsrnlanl  dieser  g-sinm„,g-l°se.  kavoartige
  StreSer  mit  ber&amp;gt;&amp;gt;  Spitzel-  und  Drnnn
zianIen-Jnstiukl  Ist-  In.  fe'»««
Lande  weist  die  üsseutlichc  Meinung  mit  ol»-gern
  auf  ihn.  und  hi  Deutschland  stellt  man
Deutsche  vor  Gericht  °l»  Hochoerräter  ^
-  Plebwe.  Welch  eine  Ehre  kür  da,  *&amp;gt;■&amp;lt;»
Me  W  f  at -

71.  Titelseite  einer  Seite  des  „Neuen  Montagsblattes"

Bernstein,  Berliner  Geschichte.  III.

10
        <pb n="144" />
        146

Eingehend  beschäftigte  sich  die  vorerwähnte  Kreiskonferenz  mit  der  Frage
der  Organisation  der  Landarbeiter  und  beschloß  die  Ausgabe  von  Fragebogen ­
  über  deren  Löhnungs-  und  Wohnungsverhältnisse,  ihre  vertraglichen
Verpflichtungen  und  sonstige  ihre  Lage  beleuchtende  Punkte.  Das  gleiche  tat,
nach  einem  Referat  Stadthagcns  über  den  Gegenstand,  am  28.  August
1900  die  Parteikonferenz  für  Berlin  und  die  Provinz  Brandenburg.
Aus  der  großen  Zahl  von  sozialdemokratischen  Partei-  und  Volksversammlungen, ­
  die  Berlin  im  Jahre  1900  sah,  beschäftigten  sich  zwei
speziell  mit  dem  nach  Paris  einberufenen  Internationalen  Sozialistenkongreß ­
  für  jenes  Jahr.  Die  erste  davon  fand  am  4.  September  statt
und  galt  der  Wahl  von  Delegierten  für  den  Kongreß.  Es  wurde  beschlossen, ­
  als  Vertreter  der  Sozialdemokratie  Berlins  drei  Delegierte  nach
Paris  zu  senden,  und  mit  großen  Mehrheiten  wurden  Stephan  Fritz,
Franz  Kohke  und  August  Taeterow  dazu  gewählt.  Außerdem  sandten
auch  die  Metallarbeiter  Berlins  noch  eigene  Delegierte  nach  Paris.
Es  war  die  Zeit,  wo  der  Eintritt  Al.  Millerands  in  das  Ministerium
Combes  -  Waldeck-Rousseau  die  Gegensätze  in  der  französischen  Sozialdemokratie ­
  sehr  verschärft  hatte,  und  man  erwartete  vom  Kongreß,  daß  er  zu
dieser  Frage  Stellung  nehmen  und  womöglich  den  Konflikt  schlichten  werde.
Es  ist  nur  begreiflich,  daß  dieser  Fall  und  die  mit  ihm  verbundene  grundsätzliche ­
  Frage  auch  die  Sozialisten  Berlins  lebhaft  beschäftigten.  Ein  Teil
von  ihnen  hielt  zwar  die  Art,  wie  Millerand  den  Eintritt  ins  Ministerium
vollzogen  hatte,  für  falsch,  den  Eintritt  selbst  aber,  wenn  er  mit  Zustimmung
und  unter  der  Kontrolle  der  Partei  erfolgt  wäre,  unter  den  in  Frankreich  gegebenen ­
  Amständen  für  zulässig  oder  mindestens  entschuldbar.  Andere  aber  vertraten ­
  schroff  die  Meinung,  daß  ein  Sozialdemokrat  unter  keinen  Amständen  in
einem  bürgerlichen  Ministerium  Platz  nehmen  dürfe,  und  verwarfen  ebenso
entschieden  jedes  Gegenseitigkeitsbündnis  der  Sozialdemokratie  mit  bürgerlichen
Parteien  mtd  damit  auch  den  Pakt,  der  damals  beim  republikanischen  Block
Frankreichs  zwischen  demIaurässchenFlügel  der  französischenSozialdemokratie
und  der  Linken  der  republikanischen  Parteien  bestand.  Der  Pariser  Kongreß ­
  nahm  indes,  wie  bekannt,  eine  vermittelnde  Resolution  an,  die  ohne
die  Beteiligung  von  Sozialisten  an  einem  bürgerlichen  oder  aus  bürgerlichen
und  sozialdemokratischen  Elementen  gemischt  zusammengesetzten  Ministerium
absolut  zu  verfemen,  sie  doch  nur  für  außergewöhnliche  Fälle,  d.  h.  als  Ausnahme, ­
  zulässig  erklärte.  Für  diese  Resolution  hatte  auf  dem  Kongreß  als
Redner  der  deutschen  Delegation  Ignaz  Auer  gesprochen,  der  mit  Paul
Singer  von  der  Partei  nach  Paris  entsandt  war,  und  die  deutsche  Delegation
hatte  demgemäß  abgestimmt.  Dies  vor  allen  Dingen  bildete  das  Disklissionsthema
  in  der  Versammlung,  in  der  die  Berliner  Delegierten  am
l  6.  Oktober  1900  über  die  Ausübung  ihres  Mandats  Bericht  erstatteten.
Nachdem  zu  Anfang  1900  die  Sozialdemokratie  Berlins  in  einem
Teil  der  19  großen  Volksversammlungen,  in  denen  sie  gegen  die  damalige
Flottenvorlage  der  Regierung  protestierte,  die  Versuche  der  nationalsozialen
Gelehrten,  sie  für  eine  nationalistische  Politik  zu  gewinnen,  schroff  zurückgewiesen ­
  hatte,  fanden  gegen  Ende  1900  in  Berlin  stark  besuchte  sozialdemokratische ­
  Versammlungen  statt,  in  denen  der  bis  dahin  nationalsoziale
und  freiwillig  von  seinem  Pfarramt  zurückgetretene  ehemalige  Pastor  Paul
Göhre  Vorträge  über  „Christentum  und  Sozialdemokratie"  hielt  und  seinen
        <pb n="145" />
        147

Anschluß  an  die  Sozialdemokratie  öffentlich  kundgab,  und  am  27.  und
28.  Dezember  1900  tagte  in  Berlin  die  zweite  Konferenz  der  sozialdemokratischen ­
  Gemeindevertreter  der  Provinz  Brandenburg.
Von  Fragen,  die  im  Jahre  1901  die  Sozialdemokratie  Berlins  stärker
beschäftigten,  steht  im  Vordergrund  der  Entscheid  eines  vom  Parteivorstand
eingesetzten  Schiedsgerichts  in  Sachen  von  fünfzig  Parteimitgliedern  in
Hamburg,  die  sich  in  ihrem  Gewerbe  —  es  waren  Maurer  —  gegen  ihre
Berufsorganisation  vergangen  hatten  und  gegen  die  daraufhin  Anträge  auf
Ausschluß  aus  der  Partei  gestellt  worden  waren.  Die  Betreffenden  hatten  im
Gegensatz  zu  einer  von  den  organisierten  Maurern  Hamburgs  unternommenen
Aktion  zur  Unterdrückung  der  Akkordarbeit  zuerst  fortgefahren,  im  Akkordlohnsystem ­
  zu  arbeiten,  und  hatten  dann,  von  ihrer  Organisation  bedrängt,
zu  ihrer  Verteidigung  eine  Sonderverbindung  geschaffen,  deren  Mitglieder
auf  Bauten  arbeiteten,  die  vom  Maurerverband  für  gesperrt  erklärt  wurden.
Das  Schiedsgericht,  dem  die  Sache  unterbreitet  wurde  und  dem  Ignaz
Auer  präsidierte,  hatte  das  Verhalten  der  Akkordmauer  zwar  für  tadelnswert ­
  erklärt,  aber  das  vom  Parteistatut  für  den  Ausschluß  aus  der
Partei  erforderte  Moment  der  Ehrlosigkeit  nicht  in  ihm  finden  und  daher
auch  dem  Ausschlußantrag  nicht  Folge  geben  können.  In  Gewerkschaftskreisen
  nahm  man  diesen  Entscheid  nun  begreiflicherweise  sehr  übel  auf,
aber  auch  sonst  stieß  er  in  der  Sozialdemokratie  auf  Opposition.  Es  erschien
vielen  als  ein  unhaltbarer  Zustand,  daß  gewerkschaftlich  organisierte  Arbeiter
in  die  Lage  kommen  sollten,  in  der  Partei  mit  Leuten  als  Kameraden
zusanimen  arbeiten  zu  muffen,  die  sie  in  der  Gewerkschaft  als  Sonderbündler
aufs  schärfste  zu  bekämpfen  hätten.  In  den  Parteiversammlungen,  die  sich
mit  dem  für  1901  nach  Lübeck  einberufenen  Parteitag  befaßten,  ward  in
ganz  Berlin  wie  in  den  Nachbarorten  diese  Frage  eingehend  diskutiert.
Im  allgemeinen  bedauerte  man  den  Spruch  des  Schiedsgerichts,  verkannte
aber  nicht,  daß  dieser  nach  dem  Wortlaut  des  Parteistatuts  nicht  anders
hatte  ausfallen  können.  Nur  der  erste  Wahlkreis  und  die  Kreisversammlung ­
  von  Teltow-Beeskow-Charlottenburg  faßten  Beschlüsse  gegen  den
Schiedsspruch,  im  zweiten  und  vierten  Wahlkreis  wurden  bestimmt
formulierte  Anträge  hinsichtlich  seiner  überhaupt  nicht  gestellt,  im  dritten  und
sechsten  Wahlkreis  wurden  Anträge,  die  sich  gegen  ihn  aussprachen,  abgelehnt, ­
  und  der  fünfte  Wahlkreis  sowie  der  Wahlkreis  Niederbarnim  stellten
es  ihren  Delegierten  anheim,  gemäß  ihrer  auf  dem  Parteitag  geivonnenen
Überzeugung  ihre  Abstimmung  einzurichten.  In  Lübeck  stimmten  die
Delegierten  Berlins  dann  mit  einer  Ausnahme  für  die  dort  beschlossene
Kompromiß-Resolution,  die  anerkannte,  daß  den  schiedsrichterlichen  Instanzen
keinerlei  Vorwurf  gemacht  werden  könne,  und  es  den  örtlichen  Mitgliedschaften ­
  überließ,  selbst  die  Mittel  anzuwenden,  die  ihnen  notwendig
erschienen,  um  den  Maurerverbaud  in  feinem  Kampf  gegen  die  Hamburger
Akkordmaurer  zu  unterstützen.
In  einigen  der  erwähnten  Versammlungen  —  Berlin  IV,  Berlin  VI
und  Niederbarnim  —  wurden  auch  Beschlüsse  gegen  Ed.  Bernstein  wegen
eines  Vortrags  „Wie  ist  wissenschaftlicher  Sozialismus  möglich?"  gefaßt,
den  der  Genannte  im  Sozialwissenschaftlichen  Studentenverein  gehalten
hatte.  In  Berlin  IV  (Süd-Ost)  fand  ferner  eine  Resolution  Annahme,
die  eine  Aussprache  des  Parteitages  über  diejenigen  gewerkschaftlichen
        <pb n="146" />
        148

Zenkralverbände  verlangte,  welche  in  bezug  auf  die  Maifeier  sich  den
Beschlüssen  der  internationalen  Kongresse  zu  entziehen  suchten  oder  ihnen
direkt  entgegenhandelten.  In  der  Tat  zeigte  sich,  während  die  internationalen
sozialistischen  Kongresse  die  Feier  des  1.  Mai  durch  Arbeitsruhe  immer
stärker  betonten,  in  den  Reihen  der  führenden  Gewerkschaftsvertreter  eine
gewisse  LInlust,  zur  Arbeitsruhc  aufzufordern  oder  zu  ermutigen.  Man  fand,
daß  diese  den  Organisationen  Opfer  auferlege,  mit  denen  ihr  propagandistischer ­
  Effekt  in  keinem  Verhältnis  stehe.  An  die  Arbeitsruhe  knüpften
sich  stets  Kämpfe  mit  den  Unternehmern,  die  nun,  wo  man  von  Organisation
zu  Organisation  über  Tarife  verhandelte,  vom  reinen  Gewerkschaftsstand-Punkt
  aus  als  zwecklos  oder  störend  erschienen.
Aus  dem  am  8.  September  190  l  tagenden  Parteitag  für  die  Provinz
Brandenburg  konnte  festgestellt  werden,  daß  die  1899  für  die  Agitation
unter  der  Landbevölkerung  von  der  Agitationskommission  ins  Leben  gerufene
Monatszeitung  „Die  Fackel,"  nachdem  sie  in  den  ersten  13  Monaten
ihres  Bestehens  in  141  000  Exemplaren  verbreitet  worden  war,  in  den
darauf  folgenden  11  Monaten  einen  Absah  von  148  000  Exemplaren
gefunden  hatte.  Im  übrigen  besprach  diese,  von  6p  Delegierten  aus
26  Wahlkreisen  besuchte  Konferenz  die  Vorarbeiten  für  die  Beteiligung
an  den  kommenden  preußischen  Landtagswahlen.  Trotzdem  Berlin  bis
zuletzt  gegen  die  Beteiligung  sich  erklärt  hatte,  nahm  man,  nachdem  die
Partei  endgültig  es  den  Parteigenossen  zur  Pflicht  gemacht  hatte,  in  den
Wahlkampf  einzutreten,  loyal  die  Durchführung  dieses  Beschlusses  in  die
Land  und  rüstete  rechtzeitig,  um  es  nun  auch  im  Kampf  an  nichts  fehlen
zu  lassen.
Die  Beschlüsse  des  Lübecker  Parteitags  wurden  bei  der  Berichterstattung ­
  über  diesen  in  allen  Berliner  Wahlkreisen  mit  Befriedigung  entgegengenommen. ­
  Zu  Ehren  der  österreichischen  Parteimitglieder  Viktor
Adler  und  Engelbert  Pernerstorfer,  die  dem  Lübecker  Parteitag  beigewohnt ­
  hatten  und  auf  der  Rückreise  einige  Tage  in  Berlin  verweilten,
fanden  zwei  große  Volksversammlungen  statt,  die  eine  am  30.  September ­
  im  Saal  zum  Eiskeller,  die  andere  am  1.  Oktober  im  Saal  der
Bockbrauerei.  Linker  gespannter  Aufmerksamkeit  schilderten  die  beiden  Vertreter ­
  der  österreichischen  Arbeiterschaft,  denen  selbstverständlich  ein  begeisterter
Empfang  bereitet  wurde,  den  Berliner  Arbeitern  die  Kämpfe  und  Kampfbedingungen ­
  der  Sozialdemokratie  in  der  Habsburgischen  Monarchie.  Das
Jahr  1902  fand  die  Sozialdemokratie  Berlins  schon  stark  von  dem  Ausblick
auf  die  im  Jahre  1903  fällig  werdenden  Neuwahlen  für  Reichstag  und
Landtag  beherrscht,  und  außerdem  fesselte  der  im  Reichstag  geführte  Kampf
wider  die  Zolltarifvorlage  der  Regierung  mit  den  erhöhten  Zöllen  auf
Lebensmittel  wiederholt  ihre  Aufmerksamkeit.  Die  Versammlungen,  zu
denen  er  Anlaß  gab,  trugen  indes  ausschließlich  Demonstrationscharakter
und  gehören  daher  in  ein  anderes  Kapitel.  In  den  Wahlkreiskonferenzen
sind  es  hauptsächlich  Detailfragen  der  Agitation  und  Organisation,  welche  die
Verhandlungen  ausfüllen.  Streitfragen  von  grundsätzlicher  Bedeutung  treten
in  diesem  Kampfjahr  nicht  in  den  Vordergrund,  doch  verdient  es  erwähnt  zu
werden,  daß  in  den  Wahlkreisversammlungen,  die  sich  —  am  21.  August  —
mit  der  Provinzialkonferenz  und  dem  Parteitag  für  1902  befassen,  Anträge
gestellt  werden,  die  verlangen,  daß  die  Frage  des  Kampfes  wider  den
        <pb n="147" />
        Am  Pranger.

72.  Illustriertes  Flugblatt.  Reichstagswahl  1907
        <pb n="148" />
        -  150  —
Alkohol  auf  dem  Parteitag  behandelt  werden.  Die  Arbeiter-Abstinenten-Bewegung
  wagt  sich  stärker  hervor,  doch  finden  die  Anträge  noch  keine
genügende  Unterstützung,  um  zur  Verhandlung  zu  kommen.  Auf  der
Konferenz  für  Berlin  und  die  Provinz  Brandenburg  —  31.  August  1902
—  kann  die  Agitationskommission  von  einer  Agitationsleistung  berichten,
die  alle  früheren  in  Schatten  stellt.  Sie  hatte  über  400  Versammlungen
veranstaltet,  zu  denen  263  Referenten  gestellt  wurden,  die  „Fackel"  war  in
149  000,  der  Agitationskalender  in  220  000  Exemplaren  verbreitet  worden.
Die  Konferenz  beschloß,  daß  während  des  Kampfes  für  die  Reichstags-Wahl
  die  Agitationskommission  das  Zentralwahlkomitee  für  die  Provinz
Brandenburg  bilden  solle,  und  nahm  im  weiteren  Verlauf  ein  Referat  von
Leo  Arons  über  die  Landtagswahlen  entgegen,  das  in  die  Empfehlung
auslief,  die  Festsetzung  von  ins  einzelne  gehenden  Vorschriften  über  die
Führung  des  Kampfes  bei  der  Landtagswahl  erst  nach  der  Reichstagswahl
vorzunehmen,  dagegen  mit  der  Agitation  für  die  Reichstagswahl  nach
Möglichkeit  auch  die  für  die  Landtagswahl  zu  verbinden  und  die  notwendigen ­
  Besprechungen  über  die  Wahltaktik  usw.  nicht  dem  allgemeinen
Parteitag  zu  überlassen,  sondern  dafür  einen  besonderen  preußischen  Parteitag ­
  einzuberufen.  Die  Versammelten  stimmten  dem  zu,  und  im  Frühjahr ­
  1903  wurden  in  den  Wahlkreisen  Berlins  und  der  Vororte  die
Wahlen  zu  dieser  Preußenkonferenz  vorgenommen,  die  am  26.  April  1903
im  Berliner  Gewerkschastshaus  tagte.  Anter  Hinweis  auf  den  die  Landtagswahlen ­
  betreffenden  Beschluß  des  Mainzer  Parteitags  und  unter  Betonung ­
  des  Grundsatzes,  daß  bei  allen  Wahlen  die  Agitation  zur  Aufklärung ­
  der  Massen  im  Vordergrund  zu  stehen  habe,  bestimmte  dieser
Parteitag  in  einer  vom  Referenten  Leo  Arons  beantragten  Resolution,
es  müsse  „ohne  Rücksicht  auf  etwaige  materielle  Erfolge"  überall  dort  in
die  Wahl  eingetreten  werden,  wo  überhaupt  die  Aufstellung  sozialdemokratischer ­
  Wahlmänner  möglich  sei.  Es  sei  „sofort  mit  der  Feststellung  zu
beginnen,  an  welchen  Orten  und  in  welchen  Arwahlbczirkcn  sozialdemokratische ­
  Wahlmannskandidaten  aufgestellt  werden  könnten".  Weiter  wurden
die  sozialdemokratischen  Gcmeindevertreter  aufgefordert,  allerorts  darauf  zu
dringen,  daß  die  Arwahlbezirkseinteilung  möglichst  bald  veröffentlicht  werde,
und  daß  die  Verwaltungsbehörden  die  Stunde  des  Beginns  der  Arwahlen
auf  den  späten  Nachmittag  oder  den  Abend  festlegen.
Eine  Neuheit  im  Wahlkampf  war  die  Bildung  und  Agitationsarbeit
eines  besonderen  sozialdemokratischen  Wahlvcreins  für  Frauen.
Die  Versammlung,  in  der  diese  bemerkenswerte  Organisation  konstituiert
wurde,  fand  am  20.  April  1903  statt  und  konnte  den  Beitritt  von  227  Mitgliedern ­
  feststellen.  Eine  genau  vier  Monate  später,  am  20.  August,  abgehaltene ­
  sozialdemokratische  Frauenversammlung,  die  sich  mit  dem  bevorstehenden ­
  sozialdemokratischen  Parteitag  befaßte,  forderte  in  einer  Resolution,
daß  bei  allen  Wahlrechlskämpfen  des  Proletariats  das  Frauenwahlrecht
gefordert  und  in  der  Agitation  grundsätzlich  festgehalten  und  mit  allem
Nachdruck  vertreten  werde.  Außerdem  wurde  in  dieser  Versammlung  ein
Gegenstand  besprochen,  der  durch  eine  Bemerkung  Ed.  Bernsteins  in
einem  Artikel  über  Folgerungen  aus  den  Ergebnissen  der  Reichstagswahlen
zur  Stteitfrage  geworden  war,  nämlich  die  Anregung,  die  sozialdemokratische
Reichstagsfraktion  solle  den  ihr  nach  ihrem  Stärkeverhältnis  zukommenden
        <pb n="149" />
        151

Posten  des  Vizepräsidenten  reklamieren  und  den  Gegnern  die  Verweigerung
nicht  dadurch  erleichtern,  daß  sie  die  Beteiligung  des  Vizepräsidenten  an
dem  offiziellen  Besuch  des  Präsidiums  beim  Kaiser  von  vornherein  strikte
ablehne.  Es  wurde  von  den  Versammelten  der  Vorschlag  sehr  abfällig
kritisiert,  aber  von  einer  Beschlußfassung  hinsichtlich  seiner  abgesehen.
Anders  in  einem  Teil  der  Parteiversammlungen  der  einzelnen  Wahlkreise, ­
  die  am  25.  August  behufs  Stellungnahme  zum  Parteitag  und  Wahl
der  Delegierten  stattfanden.  Mit  der  einzigen  Ausnahme  von  Berlin  I
nahmen  alle  Berliner  Wahlkreise  in  mehr  oder  weniger  scharf  formulierten
Beschlüssen  zu  der  Anregung  Stellung,  und  zwar  durchgängig  ablehnend.
Einige  Kreise  (Berlin  II,  III  und  VI)  verlangten  zwar,  daß  die  Fraktion
den  Vizepräsidenten  reklamiere,  zugleich  aber,  daß  sie  jede  Bedingung,  „zu
Los  zu  gehen",  ablehne.  Berlin  IV  nahm  außerdem  einen  Antrag  an  den
Kongreß  an,  daß  dieser  die  Art,  wie  Bernstein  die  Frage  in  der  Öffentlichkeit
erörtert  habe,  für  eine  Taktlosigkeit  erklären  und  „ihm  und  seinen  Mitschuldigen" ­
  scharfe  Mißbilligung  ausdrücken  solle.  In  der  Resolution  von
Berlin  II  und  Berlin  VI  wird  die  Überzeugung  ausgesprochen,  daß
„die  Anregung  der  ganzen  Frage  aus  einer  maßlosen  Überschätzung  des
Parlamentarismus  entstanden  ist,  daß  die  Frage  wohl  für  bürgerliche
Kreise  ein  so  großes  Interesse  haben  könnte,  aber  nicht  für  die  sozialdemokratische ­
  Partei".
Eine  zweite  Frage,  die  in  all  den  bezeichneten  Versammlungen  zur
Sprache  gebracht  wurde,  war  die  der  Mitarbeiterschaft  von  Sozialdemokraten
an  bürgerlichen  Blättern,  worüber  der  Parteivorstand  Thesen  ausgearbeitet
und  zur  Diskussion  gestellt  hatte.  Lierzu  nahmen  indes  nur  der  zweite  und
vierte  Wahlkreis  in  Resolutionen  Stellung.  Im  zweiten  Wahlkreis  gelangte ­
  mit  geringer  Mehrheit  ein  Antrag  des  wegen  Mitarbeit  an  der
„Zukunft"  scharf  angegriffenen  Georg  Bernhard  zur  Annahme,  der  die
Frage  durch  die  Sätze  des  Parteivorstandes  nicht  für  erschöpft  erklärte,  es
vielmehr  den  örtlichen  Organisationen  vorbehalten  wissen  wollte,  je  nach
Lage  des  Falles  zu  entscheiden.  Eine  Minderheit  von  Parteimitgliedern
dieses  Wahlkreises  —  Paul  Scholz  und  194  Genossen  —  sprach  dagegen
in  einer  Erklärung  ihre  volle  Übereinstimmung  mit  den  Sätzen  des  Parteivorstandes ­
  und  die  Erwartung  aus,  daß  der  Parteitag  sie  zu  den  seinen
machen  werde.  Im  vierten  Wahlkreise  ward  in  einer  Resolution  verlangt,
„Stellung  zu  nehmen  gegen  diejenigen  Genossen,  welche  als  Mitarbeiter ­
  an  gegnerischen  politischen  und  sogenannten  unparteiischen
Zeitungen  das  Ansehen  der  Partei  schädigen  und  fortgesetzt  der
Propaganda  unserer  Ideen  und  der  Verbreitung  unserer  Parteizeitungen
schwere  Lindernisse  in  den  Weg  legen".
In  allen  Versammlungen,  außer  in  Berlin  V,  wurden  außerdem  an
jenem  Abend  Resolutionen  gefaßt,  die  eine  andere  Neuregelung  der  Vertretung ­
  der  Reichstagsfraktion  auf  den  Parteitagen  verlangten.  Nach  dem
bestehenden  Statut  hatten  die  Reichstagsabgeordneten  schon  auf  Grund
ihres  Reichstagsmandats  Sitz  und,  außer  in  Abstimmungen  über  die
parlamentarische  Tätigkeit,  auch  Stimme  auf  den  Parteitagen,  und  dies
wünschte  man  dahin  abgeändert,  daß  die  Fraktion  nur  durch  eine  Delegation
von  begrenzter  Zahl  vertreten  sein  solle.
        <pb n="150" />
        152

In  den  Diskussionen  über  die  bezeichneten  Fragen  kain  eine  äußerst
gereizte  Stimmung  gegen  die  als  „Revisionisten"  bekannten  oder  für  solche
erachteten  Parteimitglieder  zum  Ausdruck,  die  sich  aus  der  Tragweite  der
Vorkommnisse,  auf  die  sse  sich  unmittelbar  bezog,  nicht  hinlänglich  verstehen
läßt.  Sie  muß  als  Wiederausbruch  von  Verstimmungen  über  weiter
zurückliegende  und  unerledigt  gebliebene  Konflikte  begriffen  werden,  die
durch  jene  Vorkommnisse  und  unerquickliche  Zeitungspolemiken  frische
Nahrung  erhalten  hatten.  Gegen  die  sozialistischen  Mitarbeiter  an  der
„Zukunft"  Maximilian  Karbens  war  aus  dem  einen  oder  anderen  Grunde
auch  sonst  Mißtrauen  vorhanden,  während  die  Erregung  über  den  Vorschlag ­
  hinsichtlich  der  Vizepräsidentenfrage  zu  einem  Teil  auf  Auslegungen
zurückgeführt  werden  muß,  wonach  er  als  eine  Konzession  an  das  Gottesgnadentum
  erschien.
In  gleicher  Stimmung  und  Auffassung  wie  Berlin  nahmen  die  Kreiskonferenzen ­
  der  beiden  Vorortswahlkreise  zu  den  bezeichneten  Vorgängen
Stellung.  Doch  ließ  es  die  Versammlung  des  Kreises  Teltow-Beeskow-Charlottenburg
  nicht  bei  der  Negation  bewenden.  In  einer  längeren,  von
Fritz  Zubeil  eingehend  begründeten  Resolution  forderte  sie  die  Reichstagsfraktion ­
  auf,  durch  ausgearbeitete  Gesetzentwürfe,  denen  umfassende  Begründungen ­
  und  Denkschriften  beizugeben  seien,  „die  unermeßliche  Schöpferkraft ­
  des  demokratischen  und  sozialistischen  Prinzips  für  die  aktuelle  Gesetzgebung ­
  fruchtbar  zu  machen.  Eine  solche  Tätigkeit  zeige  unter  anderem  die
Grenze  und  Schranke,  wo  innerhalb  der  gegenwärtigen  Gesellschaftsordnung
entscheidende  Verbesserungen  unmöglich  werden",  und  wirke  dadurch  aufklärend
über  und  für  das  sozialdemokratische  Programm.  „And  zu  dieser  Grenze
und  Schranke,  von  der  wir  noch  weit  entfernt  sind,  zu  gehen  und  alles
mögliche  wirklich  zu  machen,"  heißt  es  ferner,  „ist  unsere  Aufgabe  in  der
Tagespolitik,"  und  zu  diesem  Zwecke  „und  zugleich  im  Interesse  der
Stärkung  des  Parlamentarismus"  wird  die  obige  Tätigkeit  empfohlen.
Auf  dieser  Generalversammlung,  die  am  30.  August  1903  in  Köpenick
tagte,  waren  32  Orte  mit  75  Delegierten  vertreten.
Die  Generalversammlung  von  Berlin  und  Provinz  Brandenburg  für
1903,  die  acht  Tage  darauf  —  am  6.  September  —  in  Berlin  zusammentrat, ­
  ratifizierte  in  einer  längeren,  von  Art.  Stadthagen  begründeten
Resolution  die  vorerwähnten  Beschlüsse  hinsichtlich  der  Mitarbeiterschaft
an  bürgerlichen  Blättern  und  protestierte  außerdem  dagegen,  daß  die
damalige  Redaktion  des  „Vorwärts"  eine  Einsendung  August  Bebels
nicht  hatte  veröffentlichen  wollen,  sowie  gegen  das  Eingreifen  Wolfgang
Keines  bei  der  Reichstagswahl  im  Wahlkreise  Marburg-Frankenburg,
das  in  der  Aufforderung  bestanden  hatte,  in  der  Stichwahl  für  den  Sozialliberalen ­
  von  Gerlach  gegen  dessen  konservativen  Gegner  zu  stimmen.
Der  weitere  Inhalt  der  Resolution  bezog  sich  auf  Agitations-  und
Organisationsfragen  und  traf  in  letzterer  Linsicht  namentlich  Bestimmungen,
die  geeignet  erschienen,  die  Lücken  in  der  bestehenden  Organisation  auszufüllen. ­
  Wie  schon  im  Vorjahr  hatte  auch  diesmal  die  Polizei  darauf
bestanden,  daß  die  weiblichen  Delegierten  sich  aus  dem  Sitzungssaal  entfernten, ­
  so  daß  diese  auf  den  Tribünen  Platz  nehmen  mußten,  und  wie  im
Vorjahr  wurde  auch  diesmal  in  einer  Resolution  gegen  den  Polizeiakt
Protest  erhoben.  Die  Resolution  forderte  das  Bureau  auf,  den  Beschwerde-
        <pb n="151" />
        10  Pfennig

Wird  jetzt  nur  noch  I  X  &amp;gt;m  Jahr«  gemocht.  aber
grünbllch  —  alte  }lummcni  5  Pfennig  billiger  —
Ädonneiile»  ISnncn  nur  noch  jung«  MSdcll  werden,
Alt«  Schraubrn-Alionnentinnen  find  jetzt  grade
genug  da.

Kaziürnfreie

Trltorver

Inserate,  je  vermanjchler  je  Ueber,  »serdca  nur
noch  pfundiveife  angenommen;  jede  unnütz«  Qualfcherct
ersuchen  wir  zu  unterlassen.  —  preise  werde»  auSg-tnobe»
  durch  .langen  Leknrich".

Rote

üben

Umnmer

Lokal  -  zentralisiertes  Organ  der  konservativ-revolutionären  Lronkrach-Archistett
St-gltt,.  d-n  SS.  Znli  1905

Zur  Beachtung  k
Mehrere  unserer  Abonnenten  find  bedauerlicherweis«
  in  ihrer  Schulbildung  soweit  zurückgeblieben,
daß  sie  ans  den  Zeilen  unserer  Zeitung  etwas  ganz
anderes  herauslesen,  als  wirtlich  darin  steht.  Dieser
Umstand  hat  nun  dazu  beigetragen,  daß  einige  von
unseren  Leser»,  die  sich  ganz  besonders  getroffen
fühlten,  so  in  Apfrcgnng  geriete«,  daß  sie  in
schonungsloser  Weise  eine  Um-  und  Verarbeitung
unserer  Redakteure  mittelst  Fäusten,  Knüppel»,  Viergläsern,
  Stuhl-  und  Tischbeinen  vornähme».  Noch
vor  wenigen  Tagen  konnte  man  einen  unserer
Redaklionskollcgcn  mit  dem  'rechten  Arm  in  der
Binde  umherlaufen  sehen.
Llm  nun  ähnlichen  liebenswürdigen  Angriffen
».'.iS  dem  Wege  zu  gehen  und  nicht  !»  die  Lage
verseht  zu  werden,  von  den»  Recht«  der  Notwehr
Gebrauch  zu  machen,  haben  wir  Beranlassung  genvmmen,
  unsere  RcdaktionSrkiume  zu  verlege».
Dieselben  befinde»  sich  vom  hcii.uacn  Tag«  ab
bis  auf  weiteres  13,7  Meter  unter  der  Erdoberfläche,
unweit  des  ttcbcrgangcö  vom  Festplay  zur
Festwiese.  Der  Eingang  zu  diese»  unterirdischen
Räumlichkeiten  ist  mir  Strauch  und  grünem  Nase»
bedeckt  und  nur  bei»  Mitgliedern  unserer  Redaktion
bekannt.
Wir  richte»  deshalb  hiermit  das  Ersuchen  an
einen  jede»,  der  de»  Ueberaang  passiert,  recht  vorsichtig ­
  zu  sein  und  nicht  durch  zu  weites  Abschwenken
feinem  sicheren  Ttnrze  mit  daraufsolgenden»  Tode
enigegenzugehen.'
gchhlion  und  gering  der  „ttttnur  gelt  gäben“.

Befehl  J  Es  wird  hiermit  den  Lesefrihen  der
ehemaligen  -  „KreiS-Rübc"  kund  getan,  daß  diese
Zeitung  von  seht  an  den  Namen  „Rote  Rüben"
trägt,  da  frühere  besagte  „KreiS-Rübc"  einen  also
spottschlcchken  Charakter  trug,  daß  eS  für  unseren
KrelS,  der  durch  dir  Roten  schon  so  verbumfiedelt
worden  ist,  eine'wahre  Affenschande  gewesen  ist.
Wir  werden  hinfilro  jede  Schandtat  und  Verhonepipelung
  mit  Feuer,  Schwefel  unb  Rhabarber
zu  rächen  wissen,  eventuell  durch  eine  gepanzerte
Backpfeife.  Der  Landgraf!
Bekanntmachungen.  Da  i»  unserm  „Brudervaicrlande",
  dem  heiligen  Rußland,  di«  nötige
Ordnung  und  Llntcrtanentreue  direkt  vermanscht
worden  ist,  und  zwar  von  janz  geruchlose»  Menschen,
die  sich  den  Rainen  „Rammulukionüre"  zugelegt
haben,  ist  cs  an  der  Zeit,  daß  wir  darum  unsere
Sozis  etwas  auf  die  frechen  Fingern  klopfen,  noch

mehr  aber  auf  ihr  Rlesenmaul.  Wir  geruhen  somit
zu  bestimmen,  daß  vom  24.  Juli  ab  jede  Muddclci
unserer  Kreisuntertancn  mit  den  Sozis  aufzuhören
hat.  Sämtliche  Klosetts  sind  streng  zu  beobachten,
ob  sich  dort  Zeitungen  oder  sonstiges  rote  Geschreibsel
vorfindet.  Bei  Äorfindung  derartiger  gefährlicher
Sachen  ist  das  Klosett  sofort  polizeilich  zu  schließen
und  Anzeige  zu  erstatten.  I  starkes  Aufgebot  von
kosakcnähnuchen  Grndärmen  steht  immer  zur  Verfügung, ­
  unter  dem  schneidigen  Kommando  des
Laiidgendärmclandabends  -  Abgeordneten  Lämmer.
ES  ist  geradezu  eine  Kreiswohltätigkeitsbestrebuna.
wenn  so  eine  Portion  dreister,  elender,  infamer,
vaterlandSlosrr  Rotbuben  um  die  Ecke  gebrach:
werden.

Zu  der  goldigen  Lochzeit  dcS  Kronprinzen  von
Teltow-Nudelburg  und  seinem  Weibe,  der  allerdurchlvchtigsten
  Prinzessin  Coronna-Astewiy,  soll  zu
deni  LochzeitSgesthenk  —  eine  goldene  Bratpfanne
mit  Musik  »nö  Räder  —  noch  viel  Geld  gefainmelr
werden.  Pumpen  könne»  wir  nischt  mehr,  da  das
Automobil  schon  genug  Geld  kostet/  Ich  befehle
daher,  wenn  cs  Euch  auch  schlver  fällt,  an  dem
demnächst  erscheinenden  Gerichtsvollzieher  pro  Kopf,,
ob  Säugling,  ob  GrciS,  2,75  Mk.  abzuliefern,
widrigenfalls  sofort  mit  voller  Wucht  zur  Pfändung
geschritten  wird.  Am  Lochzcilstagc  selbst  hat  jeder
abwechselnd  2  paar  Knobländer  und  2  Brödchcn
zu  liefern.  Ein  Llnteroffizler  wird  zu  jedem  Familienvater ­
  kommen  und  feststelle»,  ob  er  fingen  kam:.
Jeder,  der  dazu  imstande  ist,  hat  dann  :n  der  Kirche
zu  erscheinen  und  zwar  in  apfelsincnfarbigein  Strohhui

Der  Löwe  von  Teltow.
(87.  Fortsetzung.)
,  Töff!  köff!  Eine  Staubwolke,  ein  riesiger
Gestank  und  jumm  ist  ein  entsetzliches  Dings  vorbei.
Am  WaldcSrand«  sitzt  ein  Pärchen.  Sie  hält  ihn
fest  umschlungen,  und  angstvoll  tönt  ihre  Frage:
„Jacki,  Lieber,  was  war  denn  das?"  —  „Aber,
Kunigunde,  da§  war  der  Löwe  von  Teltow  und  sein
Wüsteittier.  Denlv  daran:  Wüstenkönig  ist  der
Löwe,  -  will  er  'mal  durch  Teltow  fliegen,  -  läuft
er  nicht  nach  der  Lagune,  —  um  im  Grase  'rum  zu
kriechen,  --  sondern  nimmt  die  große  Kanne,  -
gießt  Benzin  aufs  Auko-Pfannle  -  und  durchackert
  rund  und  nett  -  Teltow  wie,  so  'n  Brautnachtsbett."
  —  „Jacki,  Geliebter,  ich  hab'  'ne  Idee,
der  Löwe  muß  mir'n  Schäferstündchen  schenken."  -
«Kunigunde,laß  dich  umarmen,  mein  Geldbeutel  lacht."
Eine  Zeitlang  hört  man  nichts  wie  Knautschen
und  Küssen  der  beiden  anständigen  Wiesenpieper.
Ein  reich  ausgestattetes  Zimmer.  In  einem
weichen  Plüschsofa  ruht  der  Löwe  von  Teltow.
Behaglich  lauscht  er  bei  wcitgeöffnctcm  Fenster  dem
Liede  der  Finken.  Da  wird  ihm  ein  Telegramm
von  einem  schmucken  Gendarm  übergeben.  Der  Löwe
erbricht  cS:  „New  Bork  —  Lamburg.  Komme  zwei
Stunden  früher,  5  Ahr  nachmittags,  Bahnhof
Friedrichstraße.  Erkennungszeichen  sechs  Rosen  am
Busen,  du  fünf  Rosen.  Deine  Nichte  Dora."  —
Ein  Schmunzeln  huscht  über  das  Gesicht  des  Löwen.

Ein  herrlicher  Nachmittag.  Bahnhof  Friedrich,
straße,  5  Uhr.  Ein  hochfeines  Automobil  steht  vor
dem  Bahnhof.  Mir  blitzenden  Augen  hält  der  Löwe

Ausschau.  Da  naht  sich  ein  wunderhübsches  Kind,
sechs  Rosen  am  Gürtel.  Sck)vn  von  weitem  ein
eleganter  Knix  und  „Guten  Tag,  OnkelchenI"
Schmunzelnd  hilft  sie  der  Löwe  ins  Auto,  »achdem
  durch  einige  Küsse  die  Nichte  als  solche  festgestellt ­
  worden  war.
An  der  Bordschwelle  steht  ein  elegant  gekleideter
Lcrr  mit  zwei  riesigen  Koffern.  „Onkclchen,"  flötet
die  unwiderstehliche  Nichte,  „selbstverständlich  fährst
ou  nicht,  ich  habe  meinen  Chauffeur  mitgebracht".
Eigentlich  nicht  recht  damit  einverstanden,  aber
widerstandslos  dem  süßen  Gesiötc  gegenüber  Überläßt
  der  Löwe  dem  Chauffeur  die  Führung.
Fort  gebt  cS  in  flottem  Tempo  nach  der  Wegbeschreibung ­
  deS  Löwen.
„Doris,  ich  muß  dir  doch  verschiedene  Sehenswürdigkeiten ­
  zeigen,  «he  du  dein  vorläufiges  Leim
betrittst."  —  „Du  hast  rech«,  Onkelchen,  liebes,  liebeö
Onlelchen,  ich  trink'auch  gar  zu  gern  euer  echtes  Bier."
Das  war  silr  unsern  Löwen  eine  schmeichelnde
Anerkennung  und  noch  dazu  aus  Fraueumund.  In
aufgeräumtester  Stimmung  ging  es  durch  di«  Preußenkneipe,
  Räuberhöhle,  Blumensäl«,  Cafä  Keck,Baucnischänke,
  Nachtasyl  und  endlich  Dressel,  separates
Ziininer.  Ach,  eine  herrliche  Richte  war  es  doch,
ein  Slaatsmädcl,  so  frei  und  ungebunden.  Er  konnte
sich  gar  nicht  satt  «rissen,  und  wieder  und  immer
wieder  hielt  sie  ihm  ihr  Mündchen  bin.  Er  erzählte
ihr  u.  a.,  wie  schrecklich  schwer  cS  ihm  gefallen,  ein
Auto  zu  erlangen,  ivie  man  das  Geld  durchaus
nicht  bewilligen  wollte.  Nur  seiner  größten  Beredsamkeit ­
  gelang  es.  nur  mit  dem  LimveiS  auf  Kultur
und  den  dringende»  Fortschritt  die  Summe  flüssig
zu  machen.  (Liner  Flasche  Sekt  nach  der  andern
wurde  der  LalS  gebrochen,  bis  eben  Onkclchen  in
den  Armen  der  Nichte  leg,  scelig,  hochbeglückt.

Von  Zeit  zu  Zeit  entfuhr  cs  ihm  seufzend:
„Wenn  bloß  die  Olle  nischt  erfährt!"  Doch  ein
kräftiger  Kuß  schloß  ihm  stets  den  Mund.  So  hatte
sich  der  Löwe  noch  nie  amüsiert.  Endlich  mußte
man  an  den  Leimweg  denken.  Doch  der  Löwe  allein
konnte  nicht  mehr  richtig  vorwärts;  so  half  denn
der  Chauffeur  in  liebenswürdiger  Weis«  Onkelchen
in  die  Kutsche  bringen.  Dann  ging  cS  fort  in
sausendem  Trabe  nach  Teltow.

MorgcnS  7  !lhr.  Zn  Teltow  steht  vor  einem
feinen  Lause  ein«  geschloffene  Droschke.  „Luk  —  ju,
kleine  Dora".  löut  cS  auS  dein  Innern  heraus,  „huck
—  ju,  kleine  süße  --  huck  —  ju."  —  Endlich  gelmgt
es  dem  Droschkenkutscher,  de»  Löwen  hcrauSzubekommen.
  Durch  den  Lärm  eilen  schließlich  erschrecken
  Madame  und  Fräulein  Nichte,  die  gestern
drei  Stunden  später  gekomure»,  herbei.  Linker  einem
liebevolle»  Empfang  der  Gattin  wankt  der  Löwe  «ns
LauS.  Am  andern  Tage  hieß  cS:  der  Löwe  ist
gesundheitshalber,  da  er  sich  ein  Bein  gebrochen  hak,
auf  «ine  Erholungsreise.

Pfeilgeschwind  saust  auf  staubiger  Chaussee  em
hochfeines  Automobil  dahin;  darin  sitzen  —  Kum;
gunde  und  Jacki.  Seelenvergnügt  klcpperl  Jacki
mit  dem  Kies,  und  Kunigunde  entwirft  ein  -y-*«-grämn»
  an  den  Löwen:  „Basel,  Schweiz,  ckkacy
herrlicher  Fahrt,  iin  Besitz  einer  anständigen  Summe,
steh«  dir,  süßes  Onkclchen.  dein  Kr.-AutomoMl  w
ctwaS  unwohl  gewordcneir  Zustande  auf  dem  Po  -
dainer  Glilcrbahnhof  zur  Verfügung.  Tanjeno
Dank,  viele  Küsse.  Dein«  Doris."
(Fortsetzung  folgt.)

73.  Titelseite  einer  humoristischen  Festzeitung  vom  jährlichen  Sommerfest
des,Wahlvereins  Teltow-Beeskow
        <pb n="152" />
        —  154  —
weg  zu  beschreiten,  und  wiederholte  die  Betonung  des  Kampfes  für  das
Stimmrecht  der  Frauen.  Den  Schluß  der  Parteikonferenz  bildete  ein  ausführliches ­
  Referat  von  Leo  Arons  über  die  Landtagswahl  in  der
Provinz  Brandenburg,  das  eine  Reihe  von  Leitsätzen  vorschlug,  denen
die  Konferenz  mit  großer  Mehrheit  zustinnnte.
Die  Beschlüsse  des  Dresdener  Parteitags  der  deutschen  Sozialdemokratie ­
  in  bezug  auf  die  Frage  der  Mitarbeiterschaft  und  die
revisionistischen  Tendenzen  sind  bekannt.  Sie  fanden  in  Berlin  in  allen
Wahlkreisen  die  Zustimmung  der  großen  Mehrheit  der  Parteimitglieder.
Zuerst  nahmen  —  am  24.  September  —  die  weiblichen  Parteigenossen  zu
ihnen  Stellung,  die  durchaus  bejahend  ausfiel.  Die  Versammlung  beschloß
weiterhin,  an  Stelle  des  sozialdemokratischen  Frauenwahlvereins  für  die
Reichstagswahl,  der  bis  auf  938  Mitglieder  angewachsen  war,  nunmehr,
nachdem  die  Reichstagswahl  vorüber,  einen  sozialdemokratischen  Frauenwahlverein ­
  für  die  Landtagswahl  treten  zu  lassen.
Am  29.  September  1903  fanden  die  Versammlungen  der  einzelnen  Wahlkreise ­
  Berlins  statt,  in  denen  über  den  Dresdener  Parteitag  Bericht  erstattet  wurde.
Sie  nahmen  meist  einen  noch  erregteren  Verlauf,  als  die  am  Vorabend
des  Parteitags  abgehaltenen  Versammlungen.  Wie  die  Debatten  in  Dresden
einen  weit  heftigeren,  weit  verbitterteren  Charakter  getragen  hatten,  als  man
vorausgesehen  hatte,  so  fiel  nun  auch  ihr  Nachhall  in  Berlin  aus.  Besonders ­
  stürmisch  verliefen  die  Debatten  im  zweiten  Wahlkreis,  wo  August
Bebel  Mitglied  war  und  —  da  mehrere  Versammlungen  stattfinden
mußten  —  wiederholt  zu  längeren,  von  starker  Leidenschaft  erfüllten  Reden
das  Wort  nahm.  Vergiftend  spielte  in  die  Debatten  hinein  die  Rückwirkung
von  Artikeln  Maximilian  Lardens  über  seine  sozialdemokratischen
Mitarbeiter,  in  denen  diese  der  Anwahrhastigkeil  und  aller  möglichen
sonstigen  moralischen  Mängel  geziehen  wurden.  And  um  die  Mißstimmung
in  der  Berliner  Sozialdemokratie  aufs  höchste  zu  steigern,  entspann  sich  im
„Vorwärts",  der  die  Artikel  Lardens  aus  Verlangen  reproduziert  hatte,
im  Anschluß  an  alle  diese  Dinge  eine  endlose  Zeitungsfehde  in  Gestalt  von
Einsendungen,  die  sich  auf  persönliche  Angelegenheiten  bezogen.  Es
herrschte  eine  gegenseitige  Gereiztheit  vor,  die  an  die  schlimmsten  Zeilen
des  Bruderzwistes  zwischen  Lassalleanern  und  Eisenachern  erinnerte.  Die
Agitation  für  die  Landtagswahlen,  die  im  Novenibcr  1903  stattfanden  und
bei  denen  in  Berlin  so  Glänzendes  geleistet  wurde,  trug  viel  dazu  bei,  den
üblen  Eindruck  jener  Streitereien  zu  verwischen,  aber  es  blieb  doch  ein
Rest,  der  noch  lange  nachwirkte.
Im  Jahre  1904  fand  in  Berlin  ein  Kongreß  für  Leimarbeiter  statt,
zu  dem  die  sozialdemokratischen  Frauen  und  Mädchen  am  8.  Februar  in
einer  großen  Versammlung  Stellung  nahmen  und  Delegierte  wählten.
Ebenso  gab  der  im  Juni  1904  in  Berlin  versammelte  und  hauptsächlich
bürgerlichen  Charakter  tragende  Internationale  Frauenkongreß  den
sozialdemokratischen  Frauen  Berlins  Gelegenheit  zu  einer  Kundgebung.
Es  geschah  dies  am  14.  Juni  in  einer  Versammlung,  in  der  Lily  Braun
über  Frauenstimmrecht  und  Sozialdemokratie  referierte.  Am  2.  August
behandelte  eine  große  sozialdemokratische  Versammlung,  die  im  Feenpalast
tagte,  die  Tagesordnung  des  nach  Amsterdam  einberufenen  Internationalen ­
  Sozialistenkongresses.  Man  wünschte  von  ihm  nament-
        <pb n="153" />
        155

Erschteivl  mvrraMch  ebtttuü

ür.6  fUDlftM

AbsnüLMentspretS  für  das  Quartal  M  Pfermtg  h!
CLpsdtttsur  jll
Richard  Schmidt,  Berli«  SW.  68,  Lvrdeusir.  Co  jg

U.  Wrgsng

74.  .Heutiger  Titelkopf  der  „Fackel"

lich  eine  Entscheidung  in  der  Frage  der  Maifeier  herbei,  da  hinsichtlich
der  Frage  der  Arbeitsruhe  wieder  viel  Streit  entstanden  war.  Die  Versammlung ­
  stimmte  mit  großer  Mehrheit  einer  Resolution  zu,  gemäß  der
die  Delegierten  Berlins  beauftragt  wurden,  dafür  zu  wirken,  daß  die
allgemeine  Arbeitsruhe  als  die  würdigste  Art  der  Maifeier  bezeichnet
werde  und  daß  auf  dieser  Feier  neben  dem  Achtstundentag  und  den  anderen
Forderungen  des  Arbeiterschutzes  der  Völkerfrieden  und  die  allgemeinen
sozialdemokratischen  Forderungen  energisch  betont  würden.  In  gleicher
Weise  nahm  am  6.  August  die  Kreiskonserenz  von  Niederbarnim  zur
Maifeier  Stellung.  Vom  deutschen  Parteitag  wünschte  diese  Konferenz,
daß  er  die  Frage  der  Volksschule  und  die  Frage  Kartelle  und  Koalitionsrecht ­
  auf  die  Tagesordnung  setze,  ferner,  daß  er  bei  Änderung
des  Organisationsstatuts  die  Vertretung  der  Wahlkreise  auf  den  Parteitagen ­
  nach  dem  Verhältnis  der  organisierten  Genossen  ordne  und
sich  von  neuem  für  die  Beseitigung  der  Ausnahmegesetze  gegen  Landarbeiter ­
  und  Gesinde  ausspreche.  Auch  die  behufs  Stellungnahme  zum
Parteitag  einberufenen  Parteiversantmlungen  Berlins,  die  am  23.  August
tagten,  sowie  die  am  28.  August  in  Zossen  tagende  Generalversammlung
des  Kreises  Teltow-Beeskow-Charlottenburg  stellten  die  Forderung,  die
Volksschule  auf  die  Tagesordnung  des  Kongresses  zu  setzen,  und  in  den
meisten  Versammlungen  wünschte  man  dazu  Leo  Arons  als  Referenten.
Ebenso  nahmen  die  meisten  dieser  Versammlungen  in  bezug  auf  die  Organisation ­
  der  Partei  Resolutionen  an,  die  auf  eine  Verschärfung  der
Zentralisation  abzielten.  Nur  in  Berlin  ll  wurde  der  Antrag,  die
Vertretung  auf  den  Parteitagen  im  Verhältnis  der  Zahl  der  organisierten
Genossen  zu  ordnen,  abgelehnt.  Abgelehnt  wurde  ferner  in  Berlin  III  und
Berlin  V  der  im  ersten  Wahlkreis  von  Dr.  Friedeberg  gestellte  Antrag,
die  Frage  des  Generalstreiks  auf  die  Tagesordnung  des  Kongresses  zu
setzen.  Dagegen  schloß  sich  Berlin  I  einem  Antrag  der  Genossen  von
Elbing  und  Potsdam-Osthavelland  an,  der  Propaganda  unter  den  zur  Armee
einberufenen  Proletariern  und  Aufklärung  der  künftigen  Soldaten  über
ihre  Pflichten  gegenüber  dem  „inneren  Feind"  verlangte.  In  Berlin  V
fand  der  Antrag  eine  Mehrheit,  die  Alkoholfrage  auf  die  Tagesordnung
zu  sehen.  Berlin  III  und  Berlin  IV  nahmen  Anträge  an,  die  verlangten,  daß
den  Parteigenossen  eindringlich  zur  Pflicht  gemacht  werde,  bei  Stichwahlen ­
  nicht  für  die  Freisinnigen  zu  stimmen,  und  in  Berlin  IV
        <pb n="154" />
        156

wurde  ferner  mit  Mehrheit  der  Antrag  an  den  Parteitag  gestellt,  zum
Verhalten  Max  Schippels  in  Zoll-  und  Landelsfragen  Stellung  zu
nehmen  und  eventuell  Schippels  Ausschluß  aus  der  Partei  herbeizuführen. ­

Es  bezog  sich  das  auf  einen  Vortrag  über  Landelspolitik,  den  Max
Schippe!  im  Dezember  1903  im  Wahlverein  des  dritten  Berliner  Reichstagewahlkreiscs
  gehalten  hatte.  Schippe!  hatte  darin  den  Standpunkt  der
Zollfreunde  in  einer  Weise  dargestellt,  die  als  eine  Anerkennung  der  Zollpolitik ­
  der  Schutzzöllner  erschien,  und  an  diesen  Vortrag,  über  den  im
„Vorwärts"  an  auffälliger  Stelle  berichtet  worden  war,  hatte  sich  eine
große  Debatte  geknüpft.  Es  wurde  in  den  Zusammenkünften  der  Sozialdemokraten ­
  Berlins  sehr  viel  über  ihn  gesprochen,  und  auch  in  der  Presse
rief  er  eine  lebhafte  Polemik  hervor.  Die  Stimmung  der  Mehrheit  der
Genossen  war  Schippe!  überaus  ungünstig,  wenn  auch  viele  einen  Ausschluß ­
  für  eine  zu  starke  Maßregel  hielten.  Man  machte  Schippe!  namentlich ­
  das  zum  Vorwurf,  daß  er,  statt  offen  mit  seinen  Ansichten  herauszurücken, ­
  unausgesetzt  in  Wort  und  Schrift  Material  für  die  Gegner  der
von  der  Partei  verfochtenen  Handelspolitik  zusammentrage.  Eine  Resolution,
die  in  diesem  Sinne  gegen  Schippe!  wegen  Zweideutigkeit  scharfen  Tadel
ausspricht,  fand  auf  dem  Parteitag  —  Bremen  —  nach  längerer  Debatte
eine  große  Mehrheit.
Es  mag  hierbei  erwähnt  werden,  daß  im  Jahre  1904  Ed.  Bernstein,
nachdem  ihm  im  Anschluß  an  die  Dresdener  Vorgänge  die  Mitarbeiterschaft
  am  „Vorwärts"  gekündigt  war,  in  Berlin  eine  sozialdemokratische
Montagszeitung,  „Das  Neue  Montagsblatt",  ins  Leben  rief.  Diese
Gründung  gab  zu  verschiedenen  Besprechungen  von  Parteimitgliedern  Anlaß. ­
  Die  Zentralinstanzen  der  Berliner  Parteiorganisation,  denen  der  Genannte ­
  von  ihr  Mitteilung  gemacht  hatte,  einigten  sich  auf  eine  Erklärung,
daß  sie  das  Blatt  als  eine  Privatangelegenheit  betrachteten,  welche  die
Partei  in  keiner  Weise  berühre.  Im  Gegensatz  dazu  erklärten  Ende  April
die  Vertrauensmänner  des  Wahlkreises  Berlin  IV  (Ost)  auf  Antrag  von
Ad.  Loffmann,  daß  sie  in  der  .Herausgabe  der  Zeittmg  durch  Ed.  Bernstein ­
  einen  „Verstoß  gegen  die  Interessen  der  Partei"  erblickten  und  daher
die  Genossen  aufforderten,  die  Zeitung  „weder  durch  Abonnement  noch  durch
Einzellauf  zu  unterstützen".  Dieser  Beschluß  rief  eine  Gegenerklärung
der  Vettrauensleute  der  andern  Wahlkreise  Berlins  sowie  des  Wahlkreises
Berlin  IV  (Südost)  hervor,  worin  betont  wird,  daß  das  Blatt  Bernsteins
kein  Konkurrenzunternehmen  gegen  ein  Parteiorgan  sei  und  damit  eine
neutrale  Laltung  ihm  gegenüber  selbstverständlich  sei.  Dann  heißt  es  weiter:
„Ob  ein  Parteigenosse  das  Blatt  durch  Kauf  oder  Abonnement
unterstützt,  ist  seine  Privatangelegenheit,  über  die  niemand  zu  bestimmen
hat.  Sollte  sich  die  Sachlage  ändern,  so  würden  wir  von  neuem  Stellung
nehmen,  haben  aber  zurzeit  keine  Veranlassung,  „Befürchtungen"  oder
„Vermutungen"  Rechnung  zu  tragen."
Schließlich  wird  dann  noch  das  Bedauern  darüber  ausgesprochen,  daß
die  Verttauensmänncr  von  Berlin  IV  (Ost)  als  einzelne  vorgegangen
seien,  statt  ihre  gegenteilige  Anschauung  einer  Gesamtsitzung  der  Vertrauensmänner ­
  vorzulegen.  Das  „Neue  Montagsblatt"  konnte  sich  indes  nicht
halten  und  stellte  im  November  1904  sein  Erscheinen  ein.
        <pb n="155" />
        Das  Attentat

auf  Las

»ereins-  „«-&amp;gt;  Herfammlungsrechi.

In  ihrer  Vereinigung  haben  von  jeher  vis  Schwachen  rrrrv  Uukcrdvlltkien
  eines  der  wirksamsten  Mttel  erblickt,  um  ihre  Roth  in  der  Gegenwart
lindern  und  um  sich  endlich  einmal  zu  einer  lichteren  Zukunft  emporzuringen.
Schon  vor  Jahrhunderten  kannten  und  beherzigten  unsere  Voreltern  die  Lehre,  daß
wohl  ein  Knabe  einen  einzelnen  Pseil  zu  zerknicken  und  zu  zerbrechen  vermag,
"aß  aber  ein  Bündel  von  Pfeilen  selbst  von  einem  Riesen  nicht  einmal  gebeugt,
geschweige  denn  zerbrochen  werden  kann
Die  Herrschenden  und  von  der  Unterdrückung  and  Aurbcuttmg  Lebenden
haben  freilich  gerade  aut  diesen  Gründen  die  Vereinigung  der  Schwachen  von
jkher  gefürchtet  und  gehaßt  und  auf  jede  Mise  zu  vereiteln  gesucht.  Durch
unse^  ganze  Geschichte  läuft  es  wie  ein  rother  Faden:  auf  Seite  der  Schwachen
der  immer  wieder  mit  neue»  Stärke  hervorbrechende  Trieb  zum  brüderlichen  Zukammcnschlleben
  —  aus  Seile  der  Herrschenden  der  immer  wiederkehrende  Versuch,
dw  Zusammenschluß  der  Schwachen  zu  verhindern  und  zu  zersprengen.
Man  lagt,  in  srüheren  Jahrhunderten  habe  vaü  Weint  Haudtverk,  als
es  noch  einen  goldenen  Boden  hatte,  wirthschafchich  und  politisch  den  Ton  angegeben
  und  das  ganze  öffentliche  Leben  nach  seine,»  Ingressen  und  Anschauungen
gemodelt.  Daß  ist  richtig.  Aber  auch  die  Handwerker  der  mittelalterlichen  Städte
haben  sich  erst  gegen  Rechtlosigkeit  und  Verfolgung  «mporkSnipsen  müssen,  und  sie
haben  bas  durch  ihre  Organisationen,  die  Zünsie  und  Gilden,  gethan.  Diese
bildeten,  al«  st«  noch  nicht  verknöchert  und  überlebt  waren.  Kampforganisaltouen
»es  in  den  Städten  aufblühenden  und  sich  rasch  vermehrenden  Handwerks  und  sie
erstrebten  kehr  bald  größere  politische  Rechte  kür  ihre  Mitglieder  und  die
Falbststandigkei»  nnd  Freiheit  zur  Regelung  ihrer  wirthschaftlichen
Verhältnisse.  Die  prtoiiegirlen  Stadtherren.  die  Patrizier,  die  ihre  Alleinherr.
»Haft  gesährdet  sahen,  iraien  ihnen  überall  mit  der  ganzen  zähm  Verbissenheit  entgegen,
i  til  der  alle  Privilrgirten  gegen  den  .Umsturz"  ihrer  Vorrechte  kämpfen:  Kaiser
Friedrich  Hl.  verbot  sogar  für  da«  Reich  all«  diese  Verein»:.  Trotzdem  wuchsen
und  gediehen  sie.  und  Kaiser  und  Patrizier  hatten  bald  nicht  die  Macht  mehr,  ble
r J«9fgini0  einzudämmen  und  in  ihrem  aus  der  ganzm  Linie  stegreichcn  Vordrängen
auszuhallen.  So  brachen  bi»  mlllelalltrllchen  Handwerker  durch  ihre  Vereivignogerr
  in  laugen  und  eidilienen  Kämpfen  dl,  Zwingherrschast  der  allen  adeligen
und  reichen  Srschlcchier
Heute  herrscht  dl«  groß«  Iuduftrtc,  da»  große  Kapikai.  von  dem  da«
Handwerk  mehr  und  mehr  verdrängt  worden  ist.  Doch  auch  unser  Fabrikanten«
thnrn  Hai  einst  seine  Vereine  gründen  und  abwechselnd  in  verschiedene!»  Klein,
staaien  sein«  Wanbcrversamwluugen  abhatten  müssen,  um  gegen  bi«  elende
Kleinstaaterei  mtt  ihren  beengenden  Fesseln  aus  «irthkcholtlichem  und  voll»
lischein  Gebiet  sich  avsznlehneu.  '.Ind  diese  Auflehnung  gegen  die  geheiligt,
alte  Krähwinkel«.Ordnung"  haben  damals  dl,  Regierungen  genau  so  bekämpft,
wte  fte  hent«  Kia  vereine  und  Veclvmmlungn,  der  Arbeiter  befehden  EU  1H40
dn  filslgemdncT  Deutscher  Jndustrieverel»  ,ur  Wahrung  der  industitellen  Interessen
,in  der  Istentlichm  Dletnung  und  bei  den  Regierungen  de»  Zollvereins"  gegründet
wurde,  verboten  Preußen  und  Vaperv  di«  Bildung  von  Zwelgverdnen  Di«
Erstrrbung  dncö  vollständig  «inhdiitchen  WirthschastSgebieieS.  üb«  die  Grenzen
aller  Kleinstaaten  hinweg,  ig  de»  liberalen  Führen»  dn  Grsßindastd,  lang-  8«**
ol»  .Umsturz"  und  Landesvcrca'.d  ongerrch«!  worden
Wie  damals  bin  emporkommenden  Fabrikherren  und  großen  Kauslcutev.  so
gehl  k»  henir  den  HtbcUeta.  Dl«  großen  Kapitalisten  herrschen  heut«  und
wichen  die  hruttgen  Zustünde  in  olle  Ewigkeit  unangetastet  sehen.  Die  Arbeiter
strelxw  einer  besseren  WitthschaslSordnung  zu.  in  der  nicht  nur  alle  Errungen,
föaftcn  des  Großbetriebe«  erhallen  unb  vermehrt  werden  wie  bisher,  sondern  ln
k«r  auch  alle  Forlschrttt«.  all«  Eüi-rvermehrung  den  arbeit,ndeu  Schichten,  nicht
ölo»  dem  Kapital  zu  Gut«  kommen.  Die  Arbeite:  wollen  auch  heule  schon  auS  eigener
Kraft  ihr«  Log-  verbessern.  Diesen  Verlust  seiner  uneingeschränkten  Dorrechie
kstrchiet  das  Kapital,  und  da  di,  Vervirx»  ustd  W-niserii'nlungev  eines  ba
te.lchtiast.'N  Mittel  kür  deu  Aufun-m-na-üinL  l&amp;gt;L&amp;gt;  ISt&amp;amp;tiieK  Kad,  darum  sind  den»  i

vereinSrecht  fast  in  allen  Elkzelsiaar?-  DaüfchlanbS  «ich  hsps  nach,  vis  Fwgel
beschnitten  und  selbst  die  kläglichen  Neste  sucht  man  vvch  rvelres
verstlirrrmela.
Die  deutschen  Arbeiter  haben  allerdings  feit  dem  Norddeutsche»  Bunde  «cf
dem  Papier  btt  volle  KoalilioriSsrcihclt,  die  ihnen  den  g-m-inssmen  Kampf
um  HSHere  Löhne  und  kürzere  ArbellSzett,  um  menschlichere  Bchandlung  erlaubt.
Aber  besteht  diese  volle  Koalitionsfreiheit  auch  in  Wirklichkeit?  HSr.o'  bi:
Existenz  der  Gcvrer?fchafton  nicht  von  bcn  wechselnder!  Ansichten  der  Behörden
ob.  well  alle  möglichen  BeralhungSg,genstände,  welche  die  Gewerkschaften  garnicht
übergehen  können,  für  politisch  erklärt  werden  und  darum  zu  unerträgliche-.
Beschränkungen  der  Arbeiterorganisation«!  führen?  Löst  mm  jeuralz
Fabrikanlenverrine  aus,  weil  sie  Pelitionci!  an  die  Regierungen  unb  Volke.
Vertretungen  senden,  neue  Zölle  unb  Liebesgaben,  billigere  Gütertarif!,  bestimm!!
Gesetze  und  GesetzeSabänderungcu  fordern?  Di-  mirihschasilichen  Verbände  dr:
Arbeiter  lausen  in  ähnlichen  Fällen  fortwährend  Gefahr,  daß  ihnen  von  oben
herab  daS  Lebenslicht  auSgedlofen  wird.  Dazu  sind  ihnen  öffentliche  Sammlungen. ­
  öffentliche  Ausrufe  erschwert;  ihre  Gelder  sind  rechtlich  lange  nicht  so
sichergestellt  wie  etwa  die  der  Mltengescllschafken  und  ähnlicher  KaptlalSveretnigimgen.
Die  kann  nurn  demnach  sin  Deutschland  von  wirthschaftiiichsr  ÄottliUonC*
sreiheil  der  Arbeite»  reden!
Und  nun  gar  von  der  Freiheit  zu  politischer  Bereinigung  und  Versammlung ­
  &amp;gt;  Freilich,  im  Jahre  1848  und  kurz  daraus  hat  man  diese  Freiheit
in  den  nlnsten  Verfassungen  all«,  Bürgen,  feierlich  zugesichert.  .All«
Preußen  sind  berechttg«.  sich  ohne  vorgängige  obrigkeitliche  Erlaubniß  friedlich  und
ohne  Waffen  »u  geschloffenen  Näuuicn  zu  versaeuwel.-r  All-  Preußen  haben
daS  Recht,  sich  zu  solchen  Zwecken,  welche  den  Strafgesetzen  nicht  zmvlderl-uifen.
in  Gesellschaften  zu  vereinigen",  —  so  heißt  tO  tn  der  preußischen  VerfassnugS-Urkunde
  Doch  was  ist  aus  ähnlichen  Versprechungen  überall  in  den  Jahren  der
Reaktion  geworden?
In  Eisaß-Lothriogen.  Meckttiil  urg-Dchwrrin  und  Mecklenburg-Sirelltz  ist  die
Begrüvbnng  von  politischen  Vereinen  gänzlich  von  der  Genehmigung  der
Behörden  abhängig  gemacht.  In  Rudolstadt  ist  die  Begründung  ebenfalls  hex
|  behördlichen  Genehmigung  unterstellt,  dir  zu  versagen  ist,  wenn  vt«  Zusamr-iMsetzung,
  dn  Zweck  oder  die  Wirksamkeit  d-S  künftigen  (I)  Verein»  mtt  dem  be&amp;gt;
rüchligten  allen  AundeStagSbeschluß  von  1854  nicht  vereinbar  erscheinen  Schließlich
sind  die  pottlischrn  Vereine  und  solche,  welche  über  Gemeindraiigelegeiihetteu  &amp;amp;:•
rachen,  überhaupt  verboten  in  R-uß  ältere  Linie  I  Ebenso  sind  in  Lttrubu.g.
Hissrn.  Walbeck,  wie  in  Rudolsiabt,  Schoumburg-Lippe  und  Sondeiöbausrn  wegen
ihr-!,  .Gefahr  für  dt,  öffentliche  Sicherheit"  als  ordnungswidrig  verboten  all:
Arbetlerverein»  und  Verbrüderungen,  wrlche  politische  (I),  soztaltstisch«  oder
kommunisttsch»  Zwecke  verfolgen  &amp;gt;
Versarnuiinugen  dürfen  überhaupt  »tut  mit  «brigkeitiicher  Drlattboisj
stallstndrn  tn  Elsaß-Lothringen,  Mecklenburg-Schwerin  und  Mecklenburg-Strelch
Reust  üllere  Linie  verbietet  alle  Versammlungen,  welch-  zur  Förderung  von
.Umsturz"  brstrebungrn  bestimmt  sind.  Sachsen  «uiersagt  Versammlung«,  in
denen  G-setzerübertrelungen  und  unsittliche  Handlungen,  sowie  die  Üluffordenmz
und  Anreizung  dazu,  zur  Behändlunz  gelangen  sollen.  Ferner  giebt  t&amp;amp;  noch
vorherig«  Verbote  in  Mtenburg,  Baden.  Homburg.  Bremen  n.  s.  f.  Dazu  kommt
bi«  aurg,dehntest»  AnslSsnngobefugnlß  der  Psltzd,  dir  vielfach  überhaupt  ohne
jede  Begrenzung  ist.  so  in  Alteiiburg,  Meiningen  und  Weimar.
Die  Frauen  werden  säst  überall  noch  schlechter  bchandilt  wie  di«  MSiincr
Sir  werden  zwar  heute  genau  so  wi«  die  Männer  crbarmnngSlcS  iu  d«t  Svube'.
de»  Erwerbslebens  hlneingeschleuderl;  oder  vielmehr,  si»  werden  infolge  ihrer
größeren  Hülslosigkett  vom  Kaptiot  sogar  doppelt  anSgebentrt  und  haben
daher  doppell  Anlaß,  sich  gcwrrkichastltch  und  politisch  zu  organtsirea  —  gewerrschaslllch,
  um  ihre  LsbenSlago  fo  writ  als  «uögilch  durch  eige,ee  Kraft  zu  tzcdvi  —
politisch,  um.  wo  dt«  dgrne  Lrujt  versagt,  di«  E«sotzgd&amp;gt;rms  zu  ihrem  Schutz«,  zum

75.  und  76.  Agitationsflugblatt  zum  Kampf  für  das  bedrohte  Vereins-  und
Versammlungsrecht
        <pb n="156" />
        Schütz«  de»  genzen  Nachwuchses  ottftrea  Volke»  auftuforöem.  Aber  wo  nüt|cn
die  vaeerdrück'm  grauen  sich  Ira  öffettllidjen  Leben  frei  rühren  «  Dar  gesetzliche
Verbot  der  Mitgliedschaft  van  Frauen  in  politischen  Vereinen  besieht
ln  Anhalt,  Bayern,  Draunschweig,  Lippe-Detmold,  Preußen  und  Reuß  j.  L.  In
ven  nämlichen  Staaten,  weiter  in  den  beiden  Mecklenburg  isi  den  Frauen  auch
die  Theilnahme  an  den  Vereinssitzungen  und  -Versaiiimlungc»»  untersagt.
Mit  anderen  Warten:  das  Kapital  darf  die  Frauen  sck/rankeiiloser  ausnützen  wie
Mals  früher,  wo  die  alte  Sille  und  die  alle  Rechtsordnung  die  Frauen  dagegen
fchützle;  aber  die  Ausgebeuteten  dürfen  sich  zu  ihrem  Schutze  noch  genau  so  wenig
zusammenfinden,  wie  lemalS  früher
Wird  ferner  die  Heranwachsende  Generation  nicht  bereits  m  viel
lüngeren  Jahren  gezwungen.  sich  ielbsisländig  durch  die  Well  zu  schlagen?  Bedarf
sie  deshalb  der  Theilnahme  an  de»  schützenden  Organisationen  der  Arbeiler  nicht
viel  dringender  wie  vordem?  Erjorder,  zudem  die  IpSIeie  Betheiligung  der  jungen
L-uie  an  Kassen-,  an  GeioerbegenchtS..  LandlagS-  und  ReichSlagSwahlen  nicht  eine
längere  Vorschule,  wie  sie  nur  Vereine  und  Bersniumlungen  bieten?  Ansialt  die
Gesetze  den  veränderten  Verhältnissen  besser  anzupassen,  will  man  heule  die
Rechte  der  Minderjährigen  noch  verkürzen&amp;gt;
Die  B-chür&amp;gt;-en  machen  natürlich  von  ihren  Befugnissen  sehr  verschieden  Ge.
brauch.  Aber  wo»  bleibt  nach  alledem  von  der  nach  1848  durch  die  Verfassungen
und  durch  feierlich,  Erklärungen  verbürgten  „Assoziativ,iSsreihcit"  noch  übrig?  Für
die  Bevorrechteten  freilich  meist  noch  alle«,  für  dt«  Arbeiter  sehr  wenig
oder  wich  garnicht».
Doch  die  Zeit  der  AnSnahmeges-hgebnng  gegen  die  Arbeit  hat
unsere  Kapitalisten  derart  verwöhnt,  daß  sie  i»  ihrer  Gier  nach  ungestörter  Herr-Ichaft
  und  nach  ungemessenem  Reichthum  noch  wettere  Fesseln  für  die  Arbeiter
verlange«.  Herr  v.  Stumm  —  König  StUUlM,  wie  man  ihn  mit  Recht
nenm  —  hat  hier  die  Führung  in  dem  UnterdrückungSjeldzug  übernommen.
Schoo  Anfang  1399  erklärte  er  im  Reichstage:
^)ch  erkläre  mich  vollkommen  bereit,  im  preußifchen  Landtag
mitzuwirken,  daß  das  Vereins-  und  Versammlung-recht  einer  Revision
unterzogen  wird.  Wie  brauchen  beispiel-wrife  in  Preußen  nur  eine
ähnlich«  Bestimmung  einzuführen,  wie  sie  in  Bayern  besieht,  wo  es  in
Artikel  l»  heißt:  Jede  Polizeibehörde  ist  befugt.  Vereine  zu  schlichen,
wenn  dieselben  di«  religiösen,  sittlichen,  gesellschaftlichen  Grundlagen  de»
Staate-  zu  untergraben  suchen.'
Dieser  Wunsch  des  bchioßherrn  von  Neunkirchrn  ist  bann  tn  der  Borlage
ves  preußischen  Ministers  des  Innern  v  d.  Recke  auch  tn  Erfüllung  gegangen.
Wo-  der  Minister  ursprünglich  alle»  nach  geplant  Hai,  weiß  man  nicht  genau;
sicher  WJ  nur.  daß  eO  derartig  war.  daß  selbst  die  sreskonservaliven  Schlot,  und
Lmdsunker  erklärten,  sie  könnten  nicht  mitthun.  Wo»  schließlich  Herr  o.  b.  Recke
doch  noch  verlangte,  war  hinreichend,  alle  Arbeiter-Bereis»  nrrd  »Der»
fnwmlnag-n  von«  Gntdünkvv  des  Behörden  abhängig  zu  machen,
vom  Gutdünken  der  politische«  Polizei,  deren  wahrer  Charakter  nicht  erst
durch  den  Prozrtz  Tausch  enthüllt  za  werden  braucht»  —  Vereine  sollten
geschloffen  werden  kömim.  wen»  sie  bla  .öffentliche  Sicherheit"  ober
bea  .öffentliche»  Frieden"  gefährde».  Unter  denselben  Borauksetzungen
w^ren  Versautwlnng-n  «-.nfznlöseuk  Ueber  welche»  Streben  der  Arbeiter
haben  dir  Wortführer  lies  Kapital»  nicht  schon  gezetert:  es  „gefährde  den
Frieden"  unter  den  einzelnen  DefellschafUklasfen!  Die  Ruhs  deck  voll«»
Ocldsaikck  von  Zugrsräuduiffau  an  die  varbeoda  Arbeit,  boO  war  für
Wsjö  ßfule  tauen  gleichbedeutend  mit  dem  öffentlichen  Frieden.  Jeder,  d-r  die
Keichm  an  Ihre  fozialen  Pflicht,»  mahnte,  war  von  je  ein  Wühler  und
Feiev-uSstörer.  Was  für  den  einzelnen  Menschen  baS  Gcrvifl«,  ist.  dort»» ­
  Snt-ii  ttotbt  r-nd  über  dal,  Schlecht  sich  empört,  das  ist  für  die  Herrschenden
horte  bis  &amp;lt;Zoziald«mski.orie,  und  diese  Stimme  deck  Eietoiffesg  wollen
di«  Reichen  «ersticke»,  weil  sie  dieselbe  fürchtsni
D«  prrnHtsche  Vorschlag  ging  iu  seiner  Am  sogar  noch  über  boS  !
Gozialistsnglistch  hirrauv.  DleseS  gestattete  zwar  orich  VetetnSauflösungen
ds  Lvstrebungm,  welch,  den  öffentlichen  Friede«,  gefährden,  aber  nur  mit  der
ÖtnjufäguEß,  daß  diese  Bestrebungen  «ms  dm  .Umsturz"  brr  bestehenden  LtaatSüJib
  S«stÜfchastöor&amp;gt;i2aug  biujklcn  müßten.
Die  Freikorrfervotivro  Im  Wgeorduetcnhause  haben  dann  gar  noch  «Le
ü&amp;lt;.'S«NÄne  Redewendung  ausgegeben  und  offen  die  Feindseligkeit  gegen  AllrÜ.
■sjh9  ehrlich  arbeitet,  zum  Ausdruck  gebracht.  Si,  wendeten  sich  tn  ihrem
llrckmg  aLSschlteßllch  gegen  .Lozialdcmoiralm.  Sqlaliünr  und  Kommunist^",
dis  sie  fü:  polirtsch  vogelfvei  und  geächtet  erklärten

Das  Adgcordnktenhaus  hat  zwar  das  Anlinnen  juruckgewielm.  jedoch  hatten
die  Kanservaltven  Ihre  Partie  noch  nicht  für  verloren.  Die  Kommission  des
Herrenhauses  besürworicl  die  Herstellung  des  allen  Sozialistengesetzes.  beschränk
auf  Anarchisten  und  Sozialdemokraten.  Der  verfolg»  Plan  Ist  nur  zu  durch,
sichtig.  Die  im  Antrag  tm  Abgeordnelcnhause  mit  einbezogmen  Sozialisten
und  Kommumsien  sind  im  Antrag  der  Kommission  de»  Herrenhauses  gestriirn.
um  dir  sozialen  Richtungen  christlicher  und  bürgerlicher  Observanz  zu  beruhigen,
dagegen  soll  die  Verbindung  der  Anarchisten  and  Sozialdemokraten  die  Rich'.rgkeU
der  vagen  Behauptung  erweisen,  di,  Sozialdemokrati-  arbekle  am  Umsturz  se,
bestehenden  Staat»,  und  Gesellschaftsordnung.  Ohne  Zweifel  felgt  das  Herrenhaus ­
  den  Spuren  seiner  Kommission.  Die  Abwendung  der  reaktionären  -Leiabi
liegt  in  den  Händen  der  Nationalliberalen,  denselben  ManneSmuth  zuzutrauen,
wäre  thörichte  Hoffnung.
Arbeiter  und  Kleinbürger!  Wißt  Ihr  noch  au»  btt.  zwölf  Jahren  vor
Bonrgeois-Schrcrrenöhcrrschast  unter  dem  So-.talisiengcjetz,  wo?  wlüe
Vollmachten  an  die  Behörden  bedeuten?  Als  Ihr  camatS  crp  politisch  »»»!&amp;gt;.
todt  gemacht  wart,  wißt  Ihr  noch,  tn  welch  schamloser  SWie  tne  Kartellparreier.
sich  durch  Zölle  und  Liebe-gaben  bereicherten,  wahrend  Euch  immer  «ehr
LebenSmittelzölle  mid  Verbrauchssteuern  aufgehalst  wurden?  M«  man  Esch
geknebelt  hatte,  erinnert  Ihr  Euch  noch,  wie  man  durch  die  Verlängerung  oer
Wahlperioden  Eure  kargen  politischen  Rechte  noch  weiter  hefchsirr?
Fichr  nicht  die  Polizei  mit  rauhn  Faust  jedesmal  dazwischen,  wenn  Ihr  die
Erhöhung  Eurer  Ausgaben,  wie  sie  durch  Zölle  und  neue  Steuern  eingetreten
war.  jum  Theil  wenigsten-  wieder  «mSgleichen  wolltet  durch  eine  Aufbesserung
Eurer  Löhne?
Dasselbe  wollen  die  tn»  Dtumm  jetzt  vor»  Renew  erreichet»,
und  da  man  im  Reichstage  kein  neues  Kr.ebelgefetz  gegen  die  Arbeiter  z:&amp;gt;  Standr
brmgen  sann.  so  wenden  sich  die  „Reichösreuude",  die  Gegner  de-  „PartiknlariSwnö",
  an  die  Dunkelkammern  der  Siiizelstaaten  und  wühle»  hier  nr
lichtscheuer  Beschäsiigkett  gegen  die  letzten  Bollwerke  der  Freiheit.  Da«  preußisch«
HerrcnhauS.  jahrzehntelang  selbst  von  Nationalliberalen  al»  alte  Ruine  ver&amp;gt;
höhnt  und  oerspollet,  schickt  sich  an.  dle  politische  Flihr,l»g  drS  arisgckläneu
Deutschland  zu  übernehmen!  Wie  h-rabg«?omMeo  sind  doch  unsere  herrschenden
Parteien  I
Aber  toa»  beim  Hinblick  auf  solche  Zustände  so  rtej  beschämend  wirkt,  gieb»
e»  auf  der  anderen  Seite  für  dle  Arbeiter  nicht  Anlaß,  aus  die  tm  Reiche  mit
tmtltnb  Opfern  errungene  politische  Stellung  stolz  zu  sein?  Wo  das  al!ge«
ßtcitrc  Wahirechl  seinen  Einfluß  gellend  macht,  da  wagt  man  heule  de»
Lolk-verrretung  kein,  ähnlichen  reaktionären  Zumutungen  mehr  zu  machen.  Wo
die  Vertreter  der  Arbeiter  in  größer»  Zoh.'  sitzen,  da  gehl  die  Rraktts»
dem  Kampse  feig  au»  dem  Weg;  nur  kl  der  Smupslust  der  Klasse«'  »&amp;gt;.nd
Lensu-wahlen,  da  fühlt  sie  sich  ihrer  Ernte  noch  sicher.
Doch  gerade  darum  hasst  die  Reaktion  da«  allgemein«  Wahlrecht  1»
Reiche.  Sie  wird  die  Art  an  diese»  Recht  legen,  sowie  ihr  bi,  Zeit  dazu  günstig
scheint.  Sie  lauert  nur  ans  einen  Vorwand;  sie  hofft  auf  Mngstwahlr«
wie  1873  oder  !L37.  und  wenn  e»  damit  nicht  geht,  auf  einen  Staatsstreich,
auf  dl»  Umwälzung,  auf  dir  Revolution  von  oben.
Mit  dem  Vereins-  und  VerfaueminngÄrrcht  tv  Prrerßen  fäsgt
man  an,  mit  den,  Wahlrecht  tm  Reiche  fehl  man  die  Grdroffelang
aller  poiiiikchco  Rechte  deS  Drbrittt«  »red  deS  kloiae»  Marrue»  frrt.
Darum  darf  di«  Erregung,  welch«  der  peeufiisch«  Derrlnsgesetzentmurs  tm
ganzen  Reiche  hervorrief,  nicht  erlöschen,  wenn  da«  Gesetz  erledigi  sein  wird.  Sie
muß  zum  Sturme  angesachl  werden  und  alle  Schwachen  und  Unterdrückien  antreibe-,
zu  doppelter  Thätigkeit  für  di«  Partei  der  Arbeiter,
für  di,  So;ia!S,mokratir,
für  das  nLgeWeine  Wahlrecht.
Dst  heul«  durch  dar  Volk  gehende  Erregung  muß  bei  den  Nächsten
Wähle»!  aufflammen  zu  einem  vernichtenden  Strafgericht  gegen  alle  Paririen,
dle  setzt  sich  an  der  Kuoörlung  der  Arbeit  betheiligeo.  Polizeiminlsirr  v.  b.  Recke
sprach  ta  preußischen  Landtage  von  der  „Abrechnn,eg"  der  Wählt:  mit  lhrev
Mgeoidneten  Nun  wohl,  wir  fordern  auch  zu  dieser  Abrcchrmug  aus.  aber
sie  soll  ganz  ander«  au-fallen.  al»  sie  sich  die  Urheber  de:  letzten  reaktionäre»
Pläne  gedacht  haken.  Sie  soll  so  unzweideutig  sei»,  daß  allen  derartigen  Arbeiter,
feinden  die  Lust  zu  femeren  .T-nten"  vergeht.

Bereitet  die  nächsten  Wahlen  vor!  Sorgt  für  eine
WopliiRU  kr  foplkmolitötif^n  ÄinmenM!
Das  fei  Eure  Nnfivllrf  anf  das  Attentat  gegen  die  Bolkssreiheit,
daS  dann  das  letzte  in  Deutschland  gewesen  fein  wird.

EL  Sr»l»  tx  ean»iirc.®ia»WUtL  —  Druck:  Caatwser  vuchdruckrret  tnb  t3«ü:a8a»BaU  «utt  »  So.  in  «laaiutj.

75  und  76.  Agitationsflugblalt  zum  Kampf  für  das  bedrohte  Vereins-  und
Versammlungsrecht
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        159

Die  Konferenz  der  Provinz  Brandenburg  für  1904,  auf  der  eine  Verbreitung ­
  der  „Fackel"  in  166  500  Exemplaren  festgestellt  wurde,  behandelte
fast  nur  Organisationsfragen  und  übergab  einen  längeren  Entwurf  der
Agitationskommission  sowie  die  zu  ihm  gestellten  Anträge  einer  aus
26  Kreisvertrauensleutcn  bestehenden  Kommission  mit  der  Weisung,  Schritte
für  eine  straffere  Organisation  der  Provinz  einzuleiten.
Am  13.  November  fand  in  Tempelhof  bei  Berlin  im  Anschluß  an
die  Kreiskonfercnz  des  Wahlkreises  Teltow-Beeskow-Charlottenburg  die
Generalversammlung  des  Zentralwahlvereins  dieses  Kreises  statt.  Es
konnte  festgestellt  werden,  daß  die  angeschlossenen  Wahlvereine  von  32  auf
34,  die  Mitgliederzahl  von  8350  auf  10  112  gestiegen  sei  Die  Kosten
der  Landtagswahl  in  diesem  Kreise  berechneten  sich  auf  11  913  Mk.  Ein
Antrag  Boxheimer,  der  eine  Reihe  von  immer  wiederkehrenden  Wünschen
und  Anträgen  zusammenstellte,  die  sich  auf  die  Verwaltung  und  Erscheinungsart ­
  des  „Vorwärts"  bezogen,  ward  der  Preßkommission  überwiesen.
Am  13.  Dezember  1904  fanden  in  allen  Wahlkreisen  Berlins  Versammlungen ­
  statt,  die  sich  mit  der  Wahl  von  Delegierten  zum  ersten
Parteitag  der  Sozialdemokratie  Preußens  beschäftigten,  und  in  den
Tagen  vom  28.  bis  31.  Dezember  1904  tagte  dieser  Kongreß  im  großen
Saal  des  Berliner  Gewerkschaftshauses,  der  von  der  organisierten  Sozialdemokratie ­
  Berlins  für  diesen  Zweck  aufs  beste  hergerichtet  und  mit  allem
ausgestattet  war,  was  die  Delegierten  brauchten.  Außerdem  wurde  zu  Ehren
der  Delegierten  am  Abend  des  ersten  Sihungstages  ein  großer  Festkommers
in  der  „Neuen  Welt"  und  am  Nachmittag  des  dritten  Tages  eine  Sondervorstellung ­
  von  Gorkis  „Nachtasyl"  im  „Kleinen  Theater"  veranstaltet.
Die  Berliner  Genossen  ihrerseits  folgten  den  Verhandlungen  des  Parteitags, ­
  der  von  148  Delegierten  mit  Mandat  und  17  Teilnehmern  ohne
Mandat  besucht  war,  mit  gespanntestem  Interesse.  Es  standen  vier  Punkte
auf  der  Tagesordnung:  der  Wohnungsgesetzentwurf  der  preußischen  Regierung, ­
  über  den  LugoÄeimann,  der  Gesetzentwurf  wider  den  Kontraktbruch ­
  landwirtschaftlicher  Arbeiter,  über  den  Artur  Stadthagen,  der
Schulgesetzentwurf,  über  den  Leo  Arons,  und  das  Landtagswahlrecht,
worüber  Georg  Ledebour  referierte,  und  an  jedes  der  Referate  schloß  sich
eine  Debatte.  Bei  den  ersten  drei  Punkten  war  sie  fast  nur  ergänzender
Natur,  beim  letzten  gab  es  zugleich  eine  lebhafte  Polemik,  die  sich  vornehmlich ­
  darum  drehte,  ob  im  Kampf  für  das  allgemeine  und  gleiche  Wahlrecht
in  Preußen  gewisse  Kampfes  formen,  wie  Straßendemonstrationen,
zweckmäßig  und  durchführbar  seien  oder  nicht.  Doch  stieß  der  Gedanke,
gegebenenfalls  auf  der  Straße  zu  demonstrieren,  der  in  der  Diskussion  von
Ed.  Bernstein-Berlin,  Karl  Lofmann-Bielefeld,  Karl  Liebknecht-Berlin
und  Paul  Löbe-Breslau  verfochten  wurde,  auf  starken  Widerspruch,  und
so  wurde  von  einem  Zusatzantrag  zur  Resolution  des  Referenten  der  auf
solche  „Massendemonstrationen"  abzielende  Schlußsatz  abgelehnt.  Aber
darüber,  daß  der  Kampf  mit  aller  Energie  zu  führen  sei,  herrschte  natürlich
volle  Übereinstimmung.  Der  Parteitag  ward  allseitig  als  ein  großer  Erfolg
betrachtet,  die  Referate  und  die  Diskussion  hatten  den  Beweis  geliefert,
daß  Landeskonferenzen  der  Sozialdemokratie  Preußens  unabweisbare  Notwendigkeiten ­
  geworden  waren,  und  wenn  man  auf  diesem  ersten  Parteitag
noch  davon  absah,  eine  besondere  Landes-Organisation  für  Preußen  zu
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        160

schaffen,  so  geschah  dies  nur,  um  die  Sache  nicht  übers  Knie  zu  brechen.
Es  ward  beschlossen,  den  Parteitag  schon  nach  zwei  Jahren  zu  wiederholen ­
  und  dann  die  Organisationsfrage  zu  beraten.  Mit  der  Veranstaltung
dieser  zweiten  Zusammenkunft  wurden  die  Berliner  Parteigenossen  betraut,
denen  der  von  Paul  Singer  und  Oskar  Schütz-Breslau  präsidierte
Parteitag  seinen  besonderen  Dank  für  die  Unterstützung  seiner  Arbeiten
und  alle  ihm  sonst  erwiesene  Gastfreundschaft  aussprach.
Bei  der  Berichterstattung  über  den  Preußentag,  die  am  17.  Januar  1905
in  den  Wahlkreisen  Berlins  erfolgte,  ward  in  allen  Versammlungen  dem
Gefühl  der  Zufriedenheit  mit  den  Arbeiten  des  Kongresses  freudiger  Ausdruck ­
  gegeben.  Lier  und  da  erörterte  man  auch  die  Fragen  der  Straßendemonstrationcn
  und  des  politischen  Streiks,  jedoch  noch  wesentlich  als
abstrakte  Fragen  bloßer  Möglichkeiten.  Da  brach  Rußlands  Revolution
aus  mit  ihren  gewaltigen  Massenstreiks,  und  die  überraschenden  ersten
Erfolge  dieser  letzteren  wirkten  auch  auf  Deutschland  zurück.  In  21  großen
Volksversammlungen,  die  sämtlich  überaus  stark  besucht  waren,  gaben  schon
am  9.  Februar  1905  die  Arbeiter  Berlins  ihrem  solidarischen  Empfinden
für  den  russischen  Freiheitskampf  Ausdruck,  immer  mehr  richteten  sich
die  Augen  nach  Rußland,  und  es  ist  nur  begreiflich,  wenn  in  der  ersten
Begeisterung  übertriebene  Erwartungen  an  den  dortigen  Kampf  geknüpft
und  aus  den  ersten  Erfolgen  der  russischen  Streiks,  bei  denen  ja  die  Arbeiter
die  große  Masse  des  Bürgertums  auf  ihrer  Seite  hatten,  übertriebene
Folgerungen  abgeleitet  wurden.  Sie  fanden  leidenschaftliche  Vertreter  in
einigen  schriftstellerisch  und  rednerisch  begabten  Genossen,  und  die  so  geschaffene ­
  Stimmung  machte  sich  auch  in  Gewerkschaftskreisen  bemerkbar.
Aber  aus  Gewerkschaftskreisen  kam  auch  die  erste  Gegenströmung.
Maßgebende  Leiter  der  deutschen  Gewerkschaftsbewegung  erblickten  in
der  Propagierung  der  Maffenstreikidee  eine  Schädigung  der  organischen  Entwicklung ­
  der  Gewerkschaften,  und  auf  dem  Kongreß  der  freien  (sozialistischen)
deutschen  Gewerkschaften,  der  zu  Pfingsten  1905  in  Köln  tagte,  fand  mit
allen  gegen  eine  Stimme  eine  von  Th.  Bömelburg  beantragte  Resolution
Annahme,  die  „alle  Versuche,  durch  die  Propagierung  des  politischen  Massenstreiks ­
  eine  bestimmte  Taktik  festlegen  zu  wollen,  entschieden  zurückweist".
Weniger  noch  der  Wortlaut  der  Resolution,  als  die  zu  ihrer  Motivierung
gehaltenen  Reden,  erregten  in  denjenigen  Parteikreisen,  in  denen  die  obengeschilderte ­
  Stimmung  obwaltete,  lebhaften  Anwillen,  und  das  zeigte  sich
unter  anderem  in  einem  Teil  der  Versammlungen,  in  denen  am  22.  August  1905
die  Sozialdemokraten  Berlins  in  den  verschiedenen  Wahlkreisen  zum  bevorstehenden ­
  Parteitag  der  Gesamtpartei  Stellung  nahmen.  Von  einer  anderen
Seite  her  behandelte  am  23.  August  1905  in  einer  von  3—4000  Personen
besuchten  Versammlung  im  Feenpalast  die  Frage  ».  R.  Friedeberg.  Er
entwickelte  in  einem  Vortrag  über  „Weltanschauung  und  Taktik  des  deutschen
Proletariats"  einen  antiparlamentarischcn  Sozialismus,  den  er  als  „Anarcho-Sozialismus"
  bezeichnete  und  dessen  Aktionsprogramm  in  der  Idee  des
großen,  umwälzenden  Generalstreiks  gipfelte.  Eine  in  diesem  Sinne
formulierte  Resolution  fand  in  der  stark  von  lokalistischen  Gewerkschaftlern
besuchten  Versammlung  Annahme,  rief  aber  in  sozialdemokratischen  Kreisen
nun  eine  Ablenkung  der  Kampflinie  in  der  Richtung  gegen  links  hervor.
Noch  vor  dem  Zusammentritt  des  Parteitags,  der  vom  17.  bis  23.  Sep-
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        Märkische  Dolkslkmme
Sozialdemokratisches  Grgan  für  die  Provinz  Brandenburg
€&amp;lt;f4rfal  &amp;gt;:,.!»  all  brr  e&amp;gt;:&amp;gt;  «4  „&amp;gt;  |r}h|n  irt  kijri  lintrtUW  l,SOB»..««UL  IO  |  Jtfnili.  «•  bnstlhi  r„-  -&amp;gt;&amp;lt;  feiet.  eiln  kl*  10  |be  I,  *ir  CortlHra  rüiejnjn
ulth  -  »O*  »u  »'»  ‘KiH  .lerWfUrii«  1,50  B*.  etttUl«  M  Cf*.I  frit,  ,,„n,  ».[mir  Mbl.  -  »-&amp;gt;  J.lcill.Ufiri*  listet'  fl,  »le  HrfnUe«,  |elHKÜ(  ,»a  ».Hl  »IM  Ulf»
Sit  fulirtliMftrl»  fir  JifinU  „f.-efell  ufrrn  »rrCelliimnliU  &amp;lt;»,»&amp;lt;-,.  Jre-.lfrrt  i.  brtri,l  t0  »f.  fl,  M&amp;gt;  «jilrtlstv  »iIIIkU,  rtn  In»  »n*.
CofiktÜiCmj  Hüllt  «ikNIche  OclMletasr*  OcttM.  -  Riboftlon  r-d  a;;eMl!en  ttrttk*«.  En  Bmiliil»  l».  -  gernlgtecher  SU.  *Ä

Nr.  224.

Cottbus,  Sonnabend,  den  25.  Septeniber  1909.

20.  Jahrg.

Durch  du  flniemoMMlnglüd  stad,  bei  Yrz-Buchhelj
fr^O  Villen»  schwer  certegi  rosrtcn».
0»  Stoticoiejin  In  Veqinui«  1?  tla,ÜiS»lln
öbolita  otflorber.

Met  bl«  fUstlostlt  ci.

&amp;gt;*  bringt  orjiMUbe  CmWConjcn
Ilo  s„in  Siiij,  »üfow».
t»Wr£  ourtti

Zknirumsksmarilllr.
Wad»  bet  acbnupluno  beit  fnllonltvuatlwn  flrelherrn
tisn  Sibfl*  lull  bis  «crjiinblflimo  zwljqrn  3«m,nm  ,,nd
stonfeivailven  slbcr  die  Rcich«flnanzrelon»  bcbaid»  ««lest
i.'oibcn  fein,  bab  man  b.-ii  üibrenben  ®ilg!lcbttn  beibtr
.  :55 MUn .  k i c  Ucücijcugu,ig  brlzubirngen  ucn'uch-e:  gfltii
JMort  liabc  durch  bk  SlobimbtrcrclfliUffc  ba«  SJctlinucn
tr«  uni  Irr  J  uirwirdrrbtii,glich  ucrlcren,  ei  mllprichr  feinen
vjnnlitjdi,  wenn  bei  8icld)iloii;la  „bei  die  WcidMliHÄiurclortn
  fisltjc.
fiolibilfi»[UI|rtnbi  3flnKT.au)  chnh  erttaii  bisst
..ich,ich.  .fpwtll  unsere  Parirlleituag  In  velinchl
fomnn  für  ircl  eifimbe«.  (St  seh,  sich  bamll  ln  ilcmfldj
(.jarftn  Slbetlpnicl)  ju  bet  ienlervailve»  Preise,  die  öl«,
brr  bei,,  VaNmitl.  bah  die  stenlcn-ailven  bei  der  fXelrtj«.
rinujtefacir.  bin  SciAiliitjIcr  gtitUrit  hin«»,  fiel»  r.itt
•'s»  Clr.wa.iib  Noenscit.  der  VlbRa.ig  bea  gl.rfieu  Aulen.
&amp;lt;  l  nl»i  non  b.i,  »onfrnmilveii  vcranlahi.  ienberi,
.:nlfcr  grwünlchi  Ireiben,  riese  Darsirllung  wird
diel»  »rurrdlngö  durch  eine»  VI«,lief  der  ailltonieiaanen
.MörNlchen  Vallözeilung'  drllLNgi.  lu  -weichem  die  gibt»
—jgi  "—'—  ■eitUclibi  allj"  : —

Ravembrr-fluirigue  i

...  slfcnbeaineT
'leise  bla&amp;amp;grlegt  Werben.  Vlallirlich  schied,  da«  nwrillebc
rnlrumibl.nl  alle  Schuld  dem  srurslen  BMow  zu.  ei
debauvlel.  ba»  da»  derAchllgie  .Pall,  Pelezravh-Jnleiv-.elv
  «au,  de»  pyUufettu  und  Qmcmicnen  bei  Äelchilan,-•er«
  enllbriiSert  babe.  Tai  Ranuflelpi  bei  I„,en&amp;gt;!e»i  sei
&amp;gt;«N  L'laschlnenlchrlfi  flrsch,leben  gewesen,  die  ch.-schlchie  do»
.einet  llnlefi,l!»!ril  sei.  iilchi«  oli  eine  faule  «»irede.
"i  würbe»  beel  Vlblchrlsien  badan  grwachl.  wsvan  |e  eint
&amp;gt;  n  den  besäumen  @;bclmr«t  Sllclimd,  bet  dafür  .  ln  die
jatc  gelchickl  wurde,  die  anbete  an  den  Unler-iaaltfefre«
,.-&amp;lt;U  Slinitld)  nliifl.  iOclbc  befiJMRlru  bl,  Mchilnlel,  bei
\fnball«,  und  ba&amp;gt;  Sdjilflflfli  ging  bann  an  bin  Jiltflen
'3"Iota  jmü'I,  bet  lit  PublUalla»  «ich,  btanllanbew.  &amp;lt;Sf
soll  legst  juver  »  ber/chw0  n  g  l  i  che  Dtief

(I  t  b«  n  b  ei  STV» : i  er  *  Vö  f  &amp;gt;  lg  e"i  n  I  g~  e  t  i  i  »&amp;gt;...
'  Stil  af«  baS  Lnieidliidi'nlchl  die.  gefvünschle  Witfvnl,
e^zfefn.  fei  Jatfl  Süln».  fa  cr|dlill  tx&amp;gt;I&amp;gt;  Z.-ninuni-vlaN
weilet,  bei  Teile  grlvnmgen  »nb  bade  bl«  Pseile  auf  den
rtaifet  viast-in  fassen.  SeltSfm  tont  da«  TJeiWUnif  zwlfch«n
  »all«  -und  NanM  zetsiilil,  watlibet  sich,  ein«
res«,  AilgNeder  bet  taisetlichtn  s-Wille,
  seht  bfiillioV  auisfrachen.  ttli  Bs.Iaw  tum
ALrz  um  feine  ttniln'iuuf,  dal.  habe  bet  Nasser,  ge.  ,
•äst:  ^eht  „ich,-,  und  sa  traf  ihn  «sl  chei  brr  Reich5-  '
imanitesarm  bai  -«erhLiiRnii.
'  Li  bebarl  feinet  neuen.  Lalfa&amp;lt;l&amp;gt;en.  »m  zu  beweisen,
da»  bl-  tzalluug  Biilatrü  In  der  Ravembe,lilfe  nichii  weu&amp;gt;«et
  al«  einwandfrei  war.  Tie  Darliellnng  der  ,£|3rtischen
  Ooirawllunft-  ifl  daher  uue  inleielfanl  durch  die
-leslere.  dle  sie  aus  idre  Urheber  zurüchsallen  lähl.  Hier
wirb  besiaiigl.  wai  schau  as,  behnui'lel  warben  Ifi.  die
liihalifeaeu  SRoRaateu  hei  S-ase  bah»  ihre  verl.-hunaen  ,n
den,  «alfet  und  z»  lg!,eben,  der  laiferlichen  flamme
-°  uihl.  um  tm  3iiter.tse-.be«  oiiiRefdielleteii.  eachedLrfre.,'-otn
  Zenlerem«  d-m  fieirt^fainler  ein  »ein  tu  flefltn.  Tic
Miwatjen  fteeteu  verstehen  sich  auf  die  ^aifa-mle  .deafa
jul  wie  aut  di:  Hcmmtt-3airlfluc,  unk  die  «-«arilfa  all,
chnen  genau  tbtnfcbiti  wie  bet  Pariamenlariiinni.  we
ei  daraus  anlauiml,  zu  jclgen,  daß  iilcinaub  Im  Reiche
bet  Mach!  de«  ZruIrumS  rfchrrn  bars,  ahne  sich  dabei  d...
»&amp;gt;engen  zu  breche».  Zu  diesem  Zweck  ha«  mau  «ifdelm
den  flloeltcn  In  de:  brrfjünfluliaolltn  Meinung  deftiiill,  bah
feine  sellfame  «rl.  eutwarNge  Paliiif  &amp;gt;u  i,eiben,  die  einzig
richilge  Mid  dem  Reiche  färderflche  sei.  L'ai  lieg!  auch
den  pniriaiifchen  Znrieulnidcrre»  daran,  da»  dai  "  ''
Tchaden  leide,,  wenn  mit  die  Nische  iriiimphien!

Die  EutrechNing  ist.im  Gauge!

SJimbrirai  gifobKn  SJefeijIQff«  ln  die  Ta,lag«  ml,  h!u«iu,»aib«rl»n.
Nebie  d!«  »rlnzlal'O«  Sl-N-ag  d«5  lSunbriiali  ,u  d«a&amp;gt;  Lau
i  ll&amp;gt;  Ich«»  Beeschledea,«  In  dl»  OcN«arll&amp;lt;dlile  gebeuugnu  Rach
b«n  Mlililwngin  de«  «Sihelmial«  De.'  DGumaaa.  «iuil  Mlu
eeefasfee,  de«  Linie«.  Hai  b«e  BunbeSeal  der  Verlage  .In  Ihren
gwadlegeubea  «.stlmm-agen  zugefUmmiV  Dagegen  habe  diefeide
In  ihren  Einzelheiten  jum  Teil  ,ile|  «ingreifendr  Biubetungen'
-  •  ex  flfjl  teilt  ■Etajeflet  Dr.  Silrt-€eralo.  bet  elxasglii  an
UMt^üuiiR  der  Vorlag«  diieiilg,  „ar.  mil.  bah  nach  ftintn
»  gnfaeiuailoaen  bl,  Rrich5r&amp;gt;erstcheruaR«a,baut.g  auch  ln  brr
floffung,  bi,  sie  Im  ©anbeltol  «Ihall,»  und  in  bei  fie  on  b«a
»«UVfiaa  ßdanjrn  wirb,  den  Verschlag  brr  Haibierrmg  b«r
Cllmmen  in  b«n  »tanfenfaffeiisrgoneii  unb  bet  Nraafnia,-rslcheiu&amp;gt;,ai.
bkiieSg«  «»lhali,»'wirb.
Wrr  noch  bl,  Öffnung  »«Haie  hatt«,  blt  Regle,»lg  werbe
btt  oeraldjtintin  «elu!..lle  bi«  vaelage  een  (oft  agm  Seiten
fobt«a  Hai.  einige«  Qielj3c  fchenlen.  bei  ist  titlet  rnnSuf-hl.  !
Srgleruug  will  ,(  wage»,  eine  neue.  In  ihren  fl.lgcn  n
ich,  ab,usehenbe  Cnlreehiung  der  «Irbeileriehafr
crluebeii  Serabr  die  grjlault  fialtlcning  »re  Rechte  mit  dem
sonstigen  dnnaulealifcheu  veiwerie  Ist  .  der  frringeub,  Vmrf  be:
ganzen  Veeiax:.  Nab  irfltbe  lehre,e  nech  |o  viele  Verbisse,nagen
bringen  (die  ste  aber  in  V-irllichieie  aichl  Hali,  ble  velruignug  '
LeibstbwwLiwng  der  Aebeiier  in  hga  flrnnlenlaßen  egach!
ftalrouif  eoBlammen  unbiilmatet
Mi,  diesem  Echriue  !  ee.-ei!l  bi«  Regienmg  nur.  bah  Ihr  die
Münlche  der  Vranlagllnlisten  Richllchnm  nub  Veiehi  find.  Die
ganze  Vailage  auch  i»  brr  neuen  Sellale  brckl  ,1ch  genau  nNe'  bei  '
.Richlliuln,'.  die  bet  Zemralondaud  denlscher  Jnbulliieller  a»
t\  Tlieber  I»S7  enl  itlnet  »eriixer  Tagung  aulg,stell,  Han  fl,
benlelbe»  hl.-st  e«  l&amp;lt;jiigllch  de,  steanlenlasten,
.Dabei  eiv«,&amp;gt;  sich  »er  gemiale.-rbaub  uamend  de»  eai
ihm  «rrrielenrn  giaglrn  nnb  hrbenieiibstc»  Telia  der  drmschrflndnfleie
  derr»,  die  0ii»r  der  Defa.n&amp;gt;beNe«ge  zu  den  llemcke,.
lag»  nullet,  be,  bibhnlgen  Dnuelk  ,n  hbewehmeu.  lese,,
b,e  ee,bündele»  Regierungen  bet  flnbuftrl«  die  SicheeheU  gebe,
Welten,  daß  In  dem  ldesetzeulu-uele  «dee  die  -Relerm  »&amp;lt;!
flraulcnto(f«ii  BebeUgeb.t  uob  TIebeUneheuei  In  den  »enstiuden
unb  caeueraloer|o»icilungc,i  ,e  die  (Alf»  bei  Olimmen  füge«
Dl«  -„bündele»  Regle,mgei,  li»b  aen  diel.-»  grrqui«
rrtnati  flinger  breit  abgewichen.  Die  ,Sc|loliefoeui*  ,«anbei:  mir
ble  Dege,  ble  Ibe  ble  Nnleenehmee  «eezelchaea.  wie  Ichan  Ri
Yavenlalie«  der  Veh&amp;gt;erb»e,bn»agr,Rere!le  bew:&amp;gt;&amp;gt;i.
gs,e  die  Ä,bei,erschall  erwichi!  daran«  nun  ble  ANichi.  feie,
energisch  &amp;gt;u  einen  VKnrrbrlanwf  g.-g-u  blt  nea.-sten  tralllcuäieii
Nnlchlig:  .elninlteten..  C«  h  anbei,  sich  um  eine  fl  rage.  a--g
  Mistirnen  deutschn  VJibcelec  bliest  bueillgi  such.

Tagksi'.bcrslchi.
Deutschland.
fStrlln,  0-J.  Siblcmber.  Glu»  Berliner  ffettu'i'onbrnj
octbrtüei  dl»  N-chrlchi.  daß  ra»  dir  i&amp;gt;re»b&amp;gt;!chiu  Negiern».-,
ein  Slelairdramiriigese-  varhereini  wird,  da»  dem
r.'emdla!&amp;gt;«  schau.  bei  seiner  nächsten  Tagung  zur  Beeolu
eerpelegl  werden  wird.  Da»  viesest  fast  die  Rechn  n...
Pflichtteil  hee  preubifchen  Slaaübeamieu  regeln,  niidesandeee
fall  ei  dl«  Areujen  festlegen.  Innerhalb  deren  dl,  rgüiische
ivefüiigung  der  vmihlfchen  Tlaaiidegmle»  zulässig  sein  fast.
Au  der  8!u3ärb,l:„„g  de«  besehe»  säst  in  erster  Linie  de,
preussische  Finanz,ninisier  v.Rhembaden  ÜUsgeu  -’lnteil  nehmen.
—  L&amp;gt;«  Pfarrer  im  Z  sonst«  l«4  {Jcnlrum«.  Drfiruullich
Hai  die  ZenlrnmSsnhrrr  Tri,»born  geradezu  gizivungeu
weedeu  wüsten,  seine»  Mählern  den  parlamrnlarischrn
Deelihl  n&amp;gt;  rrstalle».  Sink  Rrihr  van  ZrulnimS-Naiioriilifeln
balle»  en'gestchiS  der  Erlegung,  die  die  neuen  Girmen
hervorrief,  der  DarfeileiNiug  dringende  Varlmllnngr»  gemachi.
Wie  stch  jehl  he,au«stest,.  Hai  die  Varletleiuuig  darauf  ein
oeeiouliche»  Zlrlnlar  an  iie  fflarfleljee  bet  Psarrbezlifi
gefaubl,  worin  sie.  behaupte,,  daß  Trliuber»  durch  friuc
l&amp;gt;ni!nmcmorl|&amp;lt;b«  längtest  |o  angrgrlsteu  f.h  dag  der  Besuch
v."5 ä  Danaiorluma  für  ihn  in  Äurstchl  «toamnun  fei  An
diese»  DlSrchtn  gleu.ble  I»  Köln  len,  vernünfilaer  Mensch,
denn  Uruibaru  Hai.nach  Erscheine»  de»  Ziest,Iura  »ach  dem
«uchanstischen  lfangreUe  In  Köln  »au  Ansang  hsS.Eude  bei-«ewahul
  und  die  weil,  Meise  nach  B,eilen  zun,  rralheMe».
läge.ge,„acht,  ans  d«m  et  durch  fcltVc.  sprudelnde  Lustigst!,
-  Btrfnsten  61«  «lallen  6a»  Schiff?  ©etjeimcal  &amp;gt;
Dr-  Wehiieeh  der  langsUhelge  Präsident  dee  Zweiten  stamme;  '
und  Führer  brr  »onfiroatloeii  ln  Sachsen  wird  nicht  wilder
5 m  Lmibiag-  kandidier»',  lle  Hai  eine»  VriZ  on  den
arstzeiideu  de»  Dahifnife»,  den  ee  bi«hee  omrele»  dal,
gesandt!  er  fchühl  lÄefmihheitirst-tstchfen  »gr.  ^  Wahr.
Icheinilch  h:a&amp;gt;  ee  ak.e.  di.  «elnech!,„m.  dost  d.e  -stonse:
oaiiv'.tt  in  Lik  LüNdigglwühi  nichi  wledir  'die  Mazerirgl

r  dann,  nicht  tolcbir  zum  Prüsthaben

  werben,  und  d«
benten  gewählt  trieb.
—  Tie  «it-stchiin  fiel  »en  ftchstfchen  Liruhiag»«
wähle«.  De:  Tesamlvaestand  de»  RenfrrontUieu  Lande?,
otrtm«  für  da«  Königreich  Sachsen  beschöftigle  stch  um
Danuerlfa,  mil  de,,  sächsische»  Loudlagin-ahlrw  Bei  der
bklrgeuheii  unlerhle»  mau  stch  auch  übte  da»  «Resultat,  dai
bit  Wahlen  carauSstchtllch  znlige»  werden.  L«  wuede  de:
sicheren  CrwaNuug  Aulbeuck  gegeben,  best  die  Kanseroaiive,,
im-(slnfiigm  Caubiage  jweiseiie»  wieder  die  stärkste  graflian
sein  würden,  wenn  e»  auch  „ugeioib  fei  ob  st«  wieder,  wie
früher,  die  Mrhrhejl  erlange,,  würbe».  Wer  die  zweitftnrflle
  Frakliail  bilde»  wirb,  darüber  war«,,  di«  Hrnen
i'u  Zweifel  Die  Mehrheit  aahm  an.  daß  e«  di,  fe-inibrmakralische
  fein  werbe,  da  st«  «»  wohl  auf  .mit,besten«
26  Rbgeardneie  dringe»  bütflr.  Da  I»  de»  weiiau»  meist-,,
Kreisen  2  aber  auch  «  Kaudidain,  aufgrsiellt  Warden  sind,
fa  wird  angenamme».  duff  wenigflen«  »0  Slichwahie»  stch
Noiireubig  mache»  werden.
Tie'  iehien  »er  «tuen  Stenern
lene»  .flill  dem  1.  Cftebii  In  flrnll.  unk  zwai  I
dir  0  d)  r  et  |t  t  m  p  r  i  n-e  u  e  x.  die  Branntweinst«
  wc.r.ür  Höhung,  dir  Sleurr  aus  Bei  euchtungSmitlel
  und  di«  S  t  r  -  i  ch  h  01,  st  «  n  «r.
La»  die  Beanmweinstkuer  betrifft,  so  wild  die  Serbroudrent
  gabf  dem  der  Iimerhald  der  Kimlingenl»  hetge-'
Ilrllleu  Ritahelmengr  vew  00  Pfennig  aus  1,00  Mars.  lut
p.-n  außerhalb  de«  Sanllngcnta  hergestellte»  Alf  ah  ei  VC»
TO  Pleimig  nu|  -1,30  Mars  erhöht  lut  he»  Liter  Ailohoi.
Del  Lä»I»hrf»U  für  »»«ILndilche  flabrilatr  wird  eben  sali«
erhöt».  Branntwein  und  »leauntweiuladrifaie,  dle  stch  am
i.  Ortobee  Un  Pest,  Bon  handlet»  befinde»,  sind  mil
50  Pfennig  pia  Liier  Blieb«,  .»achzuvetsleuern.
Dle  Steuer  auf  fl  &amp;lt;  I  c  u  d)  I«  »  o  «•  m  111«t
itlllt  die  «iniitiiuer  zu  Wr)glüblom»en  ,»»  10  Pleimig
da«  Slllei,  die  V-ennsliile  «»  eletinsehen  Bagenlampen  I»,I
v»  Piennig  dl«  ,u  1  Mail  für  da»  Kilogramm,  gül
-tliifehe  «luhlanipen  &amp;gt;md  Beennee  „I  svlrven  ist  dld
teile  «lumm«  „»ieeichledeit  nach  der  ttaitfMet.-.
Ti«  Zünd  wate»  st,  uer  detrilg,  file  Zündhölzer
,d  bergteiche»  Zündstabdir,,  au«  Sirahdalmm  ad»  au«
Pappe  &amp;gt;»  vehöt,niste»  »  di»  Isj  Piennig.  file  Zündteil»,er,
  au»  Liearii,  und  Aach«  in  Schachtn»  für  i«  20
Cllid  0  Piennig.  U«  werben  In  Zutuns,  nur  »ach  hergcstrltt
  Sirrlchhalzpasttr  zu  IQ  Schachtel»,  jede  Schachtn
wird  etwa  Wi  Hi»!««  enlhallen.  »a«  Patcl  wird  2«  dl*
IO  Vlenulg  fasten.  f7ür  afle  am  t.  Cftobcr  vorhandene»
Verrate  lein  Rachveisieuerung  rin.
Die  Sche  &amp;lt;1  sleu  «t  beleg!  alle  Sched»  irnh  Qniiiun-.
  über  »eldlummen.  die  au«  T&amp;lt;pesile»guihaden  gezai-I,
werden,  mil  lü  Piennig  Sieuet.  Die  Sieuer  trägt  dir
(empsänger  bei  beide«  oder  Schecks.  Pastscheck«  „na
Sdirrfü.  dir  dem  Aechseidrefrhr  »ntrrlirgrn.  dleibrn  de»
der  Steuer  belreit.  AI«  Sch«ckste»ip«l  werden  tztempelmar.

CS  wär«  defffr,  trlr  hälfen  mU  ik»  Preuße»
nithiS  zu  tun.
Dpi,  dem  bayerische!,  Zenieumr-Abgeatdileieii  Iel  wurde
lürzlich  bthaiipiei.  er  hab«  i„  einer  Versammlung  gesagl  «I
wäre  ihm  lieber,  wen»  Bayern  nsteiii  gediieb«»  und  »ichi
dem  Siaolenduiid«  Deuische»  Reich  belgeirelen  wär«.
Zegi  anöffeiiilicht  Herr  Z  r  I  I»  der..Germ«»!»'  «In»
.B,-richtig,mg^,  wanach  er  nur  gesagt  hade»  wlst:
,WIi  in  Bm-er»  st»d  manchmal  der  Meinung,  we-.m
wie  für  unk  allti»  wären,  wenn  wie  mil  de»  Prenn.-n
iiidzl».  zu  lim  häfieih  dann  wäre»  wir  «igemlich  de,,.-r
dar»».  Ich  will  «iihl  darauf  eingehe»,  all«»  Hai  sein«
jwri  Selten,  wie  habe»  Übt  einmal  ei»  einige»  Deiillchiand
  und  fei»  ueeuüuillger  Denlscher  wird  seizl  sagen,
rna»  soll«  dar  Deuische  Reich  wiebee  auslösen.  Da»
ging«  auch  gar  „Ichi:  e«  kan»  fei«  einzelner  ®imke»j«r.Ji
tun,  iva»  «  »III.  er  musi  sich  dem  Lanzen  fügen.'
Mir  den  .Preußen'  isi  »aisiellch  61«  pienßischt  Bnrfgu,
IroJU  uufd-HIe  Zuuisrsippe  chemeint.
Zun,  Blcrkrftg.
m  habe»  auch  dl«,  nradgebeuben.ylrftemeN  de»  .veri,belle,sckmli
  ,,,  de«  von  den  yrillner  «i-.uerelen  un»
"icldiloffenen  VleN-rrlSerhöhimg  Slrllung  «
saÄ:-r&amp;amp;‘
sie,  BrrUn.r  «owerlschafiUemmlstln  I
R  11  p  (u  11  o  u  11,  t  vier  fragt  an:
'  .Dle  Seillncr  «idel-.erlchöfi  lehnt  die  «bwälzuna
.veanstenee  a„,  dl«  steusmntmrn  In  lebe,  sil  e-,
llchf»  y.oit  «ab  P,«il,  Wirt  bet  v-w»»leh»pz.

77.  Titelseite  der  Märkischen  Volksstimme

Bernstein,  Berliner  Eeschichke.  III.

11
        <pb n="160" />
        162

tember  1905  in  Jena  tagte,  fand  am  12.  September  in  einer  Versammlung ­
  des  Wahlvereins  des  sechsten  Berliner  Wahlkreises  eine  Disputation ­
  über  „Weltanschauung  und  Taktik"  statt,  in  der  von  sozialdemokratischer ­
  Seite  Rehbein  als  Hauptredner  gegen  Friedeberg  auftrat.  In
Jena  selbst  wurde  nach  einem  mit  großer  Verve  vorgetragenen  Referat
August  Bebels,  dem  eine  lange  und  lebhafte  Debatte  folgte,  mit  überwältigender ­
  Mehrheit  eine  von  Bebel  beantragte  Resolution  angenommen,
in  welcher  der  Massenstreik  als  politisches  Kampfmittel  anerkannt  wird.
Aber  Bebel,  der  im  Referat  beiläufig  gegen  l)r.  Friedebergs  Generalstreikidee ­
  polemisiert  hatte,  wandte  sich  in  seinem  Schlußwort  auch  gegen  Rosa
Luxemburg,  die  mit  dem  Ausspielen  des  „russischen  Vorbildes"  in  Deutschland ­
  besonders  stark  operierte,  und  bald  trat  diese  Frage  wieder  in  den
Hintergrund.  Sie  wäre  vielleicht  von  Anfang  an  ruhiger  erörtert  worden,
wenn  sie  nicht  mit  der  Frage  jenes  Stückchens  Generalstreik  innerlich  verwandt ­
  gewesen  wäre,  das  Arbeitsruhe  am  1.  Mai  heißt  und  gegen  das
der  Gewerkschaftskongreß  in  Köln  ebenfalls  Stellung  genommen  hatte.
Auf  die  Mehrheit  der  in  der  Partei  tätigen  Sozialdemokraten  Berlins
wirkte  jener  Beschluß  wie  eine  Herausforderung,  und  das  ttat  in  den  Versammlungen, ­
  die  sich  auf  den  Parteitag  bezogen,  besonders  lebhaft  hervor.
Eine  der  Lauptaufgaben  des  Jenaer  Parteitages  war  die  Schaffung
eines  neuen  Organisationsstatuts  für  die  Partei.  Eine  vom  Bremer  Parteitag ­
  behufs  Ausarbeitung  eines  Entwurfs  eingesetzte  Kommission  hatte  das
Ergebnis  ihrer  Beratungen  im  Frühjahr  1905  bekanntgegeben,  und  bald  ward
ihr  Werk,  wie  anderwärts,  so  auch  in  Berlin,  lebhaft  diskutiert.  Öffentlich
geschah  dies  zuerst  im  Wahlverein  des  zweiten  Berliner  Reichstagswahlkreises, ­
  wo  Wilhelm  Pfannkuch  am  20.  Juni  ein  Referat  über  den
Kommissionsentwurf  hielt.  Der  Entwurf,  der  in  den  meisten  Punkten  später
Annahme  fand,  stellte  den  Aufbau  der  Partei  mehr  noch  als  es  bisher  der
Fall  auf  eine  föderative  Basis;  der  Wahlverein  des  Reichstagswahlkreises
ist  die  Grundeinheit  der  Organisation,  diese  Wahlvereine  schließen  sich
nach  Bezirken  (Provinzen)  zu  Bezirksverbänden  und  diese  zu  ganzen  Landesverbänden ­
  zusammen  —  alles  in  voller  demokratischer  Selbstverwaltung.
Aber  der  Föderalismus  ist  nicht  absolut.  Das  zentralistische  Element  vertreten ­
  der  Parteitag  und  die  von  diesem  gewählten  Parteiinstanzen  (Parteivorstand ­
  und  Parteikontrollcure),  nur  daß  das  Recht  der  Vertretung  auf
dem  Parteitag  den  Organisationen  nicht  nach  Mitgliederzahlen  zugesprochen
ward,  sondern  jeder  Wahlkreis  höchstens  drei  Delegierte  entsenden  durfte.
Gegen  diesen  Punkt  namentlich  wendete  sich  eine  starke  Opposition  in  Berlin,
da  auf  Grund  seiner  in  der  Tat  die  Riesenwahlvereine  Berlins,  die  soviel
für  die  Partei  leisten,  gegenüber  sehr  wenig  leistenden  Vereinen  schlecht
davonkommen.  Ein  weiterer  Stein  des  Anstoßes  für  einen  großen  Teil  der
Berliner  Genossen  waren  die  Bestimmungen,  gemäß  deren  der  „Vorwärts"
Zentralorgan  der  Partei  bleiben  und  vom  Parteivorstand  im  Verein  mit
der  Berliner  Preßkommission  verwaltet  werden  sollte.  Lind  schließlich  machte
sich  auch  von  neuem  Opposition  gegen  die  Bestimmung  Luft,  wonach  die
Reichstagsabgeordneten  schon  kraft  ihres  Reichstagsmandats  auf  den  Kongressen ­
  Sitz  und  Stimme  haben  sollten.  All  das  ttat  in  den  Versammlungeil ­
  vom  22.  August  zutage,  die  dem  Patteitag  galten,  wenn  es  auch
nicht  in  allen  Versammlungen  durchdrang.  Im  vierten  Wahlkreis  z.  B.
        <pb n="161" />
        -  163  -
erhielt  der  Antrag,  daß  der  „Vorwärts"  ausschließlich  Organ  der  Berliner
Organisationen  sein  sollte,  keine  Mehrheit.  Aber  in  den  Reihen  der  Funktionäre ­
  der  Berliner  Organisationen  war  die  Mehrheit  doch  für  diese  Anträge. ­
  Anders  im  übrigen  Deutschland.  In  Jena  blieben  die  bezeichneten
Wünsche  der  Berliner  samt  und  sonders  unerfüllt.  Durchgängig  stimmte
die  Mehrheit  des  Kongresses  den  betreffenden  Vorschlägen  des  Entwurfs
zu.  In  einem  Teil  der  Berliner  Versammlungen,  die  sich  mit  dem  Parteitag ­
  befaßten,  ward  auf  eine  Polemik  Bezug  genommen,  die  gerade  um  jene
Zeit  zwischen  der  Redaktion  des  „Vorwärts"  auf  der  einen  Seite  und  den
Redaktionen  der  „Neuen  Zeit"  und  der  „Leipziger  Volkszeitung"  auf  der
anderen  Seite  spielte.  Gegensätze  zwischen  den  bezeichneten  Redaktionen
bestanden  schon  lange  und  sie  wurden  vielfach  so  aufgefaßt,  als  ob  die
Redaktion  des  „Vorwärts"  bezw.  deren  Mehrheit,  „revisionistisch"  gesinnt
sei,  während  die  anderen  beiden  Redaktionen  als  marxistisch  bekannt  waren,
und  diese  Gegensätze  galten  in  vieler  Augen  als  gleichbedeutend  mit  gemäßigt ­
  und  radikal.  Der  Verfasser  hält  im  konkreten  Fall  diese  Gegenüberstellung ­
  für  irrig,  aber  da  sie  nun  einmal  in  Berlin  vorherrschend  geworden ­
  war  und  die  Mehrheit  der  leitenden  Parteimitglieder  Berlins  auf
der  als  marxistisch-radikal  bezeichneten  Seite  standen,  ward  es  begreiflicherweise ­
  von  ihnen  sehr  unangenehm  empfunden,  daß  im  Berliner  Organ  das
umgekehrte  Verhältnis  obwalten  sollte.  Nicht  zum  wenigsten  um  dieses
Amstandes  willen  war  man  neuerdings  wieder  aus  den  Gedanken  zurückgekommen, ­
  vom  Parteitag  für  die  Berliner  die  volle  Verfügung  über  den
„Vorwärts"  zu  fordern.  Das  wurde  nun  abgelehnt,  aber  in  der  Besetzung
der  Redaktion  trat  nach  Jena  doch  eine  Änderung  ein.
Die  damit  verbundenen  Vorgänge  spielten  während  der  letzten  Monate
des  Jahres  1905  und  wurden  damals  in  sensationeller  Form  vor  die
Öffentlichkeit  gebracht.  Schon  in  Jena  hatte  August  Bebel  am  ersten
Vcrhandlungstag  namens  des  Parteivorstandcs  erklärt  (ProtokollS.  187/188),
daß  dieser  bereit  sei,  mit  den  Berliner  Parteigenossen  zu  beraten,  wie  dem
auch  von  ihm  für  unhaltbar  erkannten  Zustand  hinsichtlich  der  Redaktion
des  „Vorwärts"  am  besten  abzuhelfen  sei.  In  dieser  stünden  Mehrheit
und  Minderheit  sich  sehr  gereizt  gegenüber,  und  da  die  Berliner  Genossen
zur  Redaktionsminderheit  das  größere  Vertrauen  hätten,  müßte  gesucht
Werden,  das  Mehrheitsverhältnis  zu  ändern.
In  der  Tat  standen  sechs  Mitglieder  der  Redaktion,  nämlich
P.  Büttner,  Kurt  Eisner,  Georg  Gradnauer,  Jul.  Kaliski,
Wilhelm  Schröder  und  Leinrich  Wetzker  auf  ziemlich  gespanntem
Fuß  zu  den  anderen  vier  Redakteuren:  Leinrich  Cunow,  Paul  John,
Karl  Leid  und  Leinrich  Ströbel.  Vor  allem  hatten  sich  die  Beziehungen ­
  der  vier  politischen  Redakteure  Eisner  und  Gradnauer  einerseits ­
  und  Cunow  und  Ströbel  andererseits  so  zugespitzt,  daß  ein  gut
kollegialisches  Zusammenarbeiten  kaum  noch  möglich  erschien.  Irgendwie
mußte  hier  Abhilfe  getroffen  werden.
Als  der  Parteitag  vorüber  war,  fanden  zu  diesem  Behufe  zunächst
Beratungen  zwischen  dem  Partcivorstand  und  den  leitenden  Komitees  der
Berliner  Parteiorganisation  statt.  Am  zweiten  Oktober  1905  fand  eine
gemeinsame  Sitzung  statt,  zu  der  die  letzteren  —  die  Preßkommission,  die
Vertrauensleute,  die  Vorsitzenden  der  acht  Wahlvereine,  die  Agitattonsn-
        <pb n="162" />
        kommission  für  Berlin  und  die  Provinz  Brandenburg  usw.  —  den  Parteivorstand ­
  eingeladen  hatten,  um  seine  Vorschläge  zu  dieser  Angelegenheit
entgegenzunehmen.  Vom  Parteivorstand  wurde  erklärt,  daß  er  noch  keine
Zeit  gehabt  habe,  darüber  zu  beraten,  und  es  fand  ein  vorläufiger
Meinungsaustausch  statt,  bei  dem  von  Vertretern  der  Berliner  dem  Parteivorstand ­
  der  Vorwurf  gemacht  wurde,  er  wolle  die  Sache  anscheinend  auf
die  lange  Bank  schieben,  statt  sein  Versprechen  zu  halten.  Der  Parteivorstand ­
  wies  dies  als  unbegründet  zurück,  und  es  ward  auf  den  6.  Oktober
eine  Sitzung  von  Parteivorstand  und  Preßkommission  angesetzt,  die  bestimmte ­
  Vorschläge  vereinbaren  sollte.  In  dieser  Sitzung  schlug  der
Parteivorstand  vor,  zwei  Mitgliedern  der  Redaktionsmehrheit  —  Büttner
und  Kaliski  —  zu  kündigen,  den  für  radikal  bekannten  Genossen
A.  Fülle  einzustellen,  die  Redaktionsmitarbeit  Art.  Stadthagens  zu
erweitern  und  Rosa  Luxemburg  als  feste  Mitarbeiterin  für  wöchentlich
zwei  Leitartikel  anzustellen.  Den  zu  kündigenden  Redakteuren  solle  anderweitiger ­
  Ersah  geboten  oder  verschafft  werden.  Seitens  der  Preßkommission
ward  diese  Änderung  für  ungenügend  erklärt.  Es  sollten  außer  Büttner,
dem  die  früher  von  ihm  innegehabte  Stelle  als  Korrektor  anzubieten  sei,
zwei  der  stärker  am  Konflikt  beteiligten  Mitgliedern  der  Mehrheit  gekündigt
werden,  und  zwar  schlug  man  hierfür  Georg  Gradnauer  und  Heinrich
Wetzker  vor.  Der  Parteivorstand  konnte  sich  dem  nicht  gleich  anschließen,
und  es  kam  daher  an  jenem  Abend  noch  zu  keinem  bestimmten  Beschluß.
Dem  Wunsch  der  Redaktionsmehrheit,  zu  den  Beratungen  hinzugezogen
zu  werden,  ward  nicht  entsprochen,  sondern  beschlossen,  so  lange  die  Beratungen ­
  auf  die  Mitglieder  der  Komitees  zu  beschränken,  bis  diese  sich
über  die  Hauptpunkte  der  zu  treffenden  Änderungen  einig  geworden  seien.
Dieser  letztere  Beschluß  führte  zu  einem  Konflikt,  der  alsbald  in  die
Öffentlichkeit  getragen  wurde.  Ehe  die  Vorbesprechungen  noch  zu  Ende
waren,  erneuerte  die  Redaktionsmehrheit  das  Verlangen,  daß  man  sie  zu
den  Besprechungen  hinzuziehe,  und  auf  den  ablehnenden  Bescheid  erfolgte
ein  gereizter  schriftlicher  Meinungsaustausch  darüber,  ob  die  Redakteure
statutengemäß  zu  diesem  Verlangen  berechtigt  seien  oder  nicht.  Während
er  spielte,  ward  —  am  20.  Oktober  —  vom  Parteivorstand  und  den
Berliner  Komitees  der  Beschluß  gefaßt,  einfach  der  ganzen  Vorwärtsredaktion
  zu  kiindigen,  den  Gekündigten  anheimzustellen,  sich  um  Wiederanstellung ­
  zu  bewerben,  und  dann  unter  den  Bewerbern  Auslese  zu  treffen.
Den  sechs  Redakteuren  aber  —  die  anderen  vier  hatten  sich  dem  Verlangen ­
  nicht  angeschlossen  —  ward  eröffnet,  daß  ein  Rechtsanspruch,  zu
den  Beratungen  der  Komitees  hinzugezogen  zu  werden,  für  sie  nicht  bestehe ­
  und  sie  sich  daher  vorläufig  zu  bescheiden  hätten.  Zn  der  Erregung
über  diesen  Bescheid  reichten  sie  am  Abend  des  21.  Oktober  kollektiv  selbst
ihre  Kündigung  ein  und  machten  diesen  Schritt  im  politischen  Teil  der
am  folgenden  Tag  —  einen  Sonntag  —  herauskommenden  Nummer  des
„Vorwärts"  bekannt.  Dies  steigerte  die  gereizte  Stimmung  auf  der  Gegenseite, ­
  und  am  23.  Oktober  beschlossen  Parteivorstand  und  Berliner
Komitees  in  einer  Vollsitzung  nach  längerer  Debatte  mit  allen  gegen  acht
Stimmen,  die  Kündigung  kurzerhand  zu  akzeptieren.  Nun  folgende  Auseinandersetzungen ­
  im  „Vorwärts"  hatten  das  Resultat,  daß  der  Parteivorstand ­
  und  die  Preßkommission  am  Sonnabend,  den  28.  Oktober,  abends.
        <pb n="163" />
        165

78.  Titelseite  der  den  Delegierten  zum  Berliner  Parteitag  1892  gewidmeten
Festzeitung

den  sechs  Redakteuren  die  Mitteilung  zugehen  ließ,  daß  auf  ihre  lveitere
Tätigkeit  in  der  Redaktion  verzichtet  werde  und  das  noch  bis  zum  Ablauf
des  Kündigungstermins  ihnen  zukommende  Gehalt  zu  ihrer  Verfügung
stehe.  Diese  Mitteilung  erschien  in  der  Nummer  des  „Vorwärts"  vom
29.  Oktober  zugleich  mit  der  Kundgabe,  daß  die  Genossen  Lans  Block,
Georg  Davidsohn  und  Wilh.  Düwell  zunächst  in  die  Redaktion  eingetreten
  seien.  Im  „Vorwärts"  vom  31.  Oktober  veröffentlichten  der  Parteivorstand ­
  und  die  Berliner  Preßkommission  eine  längere  Erklärung,  in  der
sie  die  Gründe  ihres  Vorgehens  genauer  darlegten  und  die  Vorhalte
zurückwiesen,  welche  die  sechs  nun  ausgeschiedenen  Redakteure  in  einer  »n
        <pb n="164" />
        166

„Vorwärts"  vom  26.  Oktober  veröffentlichten  Erklärung  gegen  sie  erhoben
hatten.  Die  nun  folgenden  Nummern  des  „Vorwärts"  brachten  noch  Erklärungen ­
  und  Berichtigungen  einzelner  der  Beteiligten,  die  lediglich  die
gereizte  Stimmung  illustrieren,  in  der  Äußerungen  hinüber  und  herüber,
wie  stets  bei  solchen  Konflikten,  falsch  aufgefaßt  oder  gedeutet  wurden.
Es  braucht  kaum  erst  gesagt  zu  werden,  daß  diese  Vorkommnisse  das
größte  Aufsehen  machten  und  in  den  Berliner  Parteimitgliedschaften  lebhhaft
besprochen  wurden.  Dabei  wendete  sich  das  allgemeine  Arteil  in  der  Partei
gegen  die  sechs  entlassenen  Redakteure.  Daß  sie  ihre  Kollektiv-Kündigung
kurzerhand  der  Öffentlichkeit  übergeben  hatten,  ward  als  ein  grober  Verstoß
gegen  die  Rücksichten  betrachtet,  die  sie  der  Partei  schuldeten,  ja,  als  ein
verwerflicher  Disziplinbruch,  der  die  später  gegen  sie  ergriffenen  Maßregeln
rechtfertigte,  und  in  der  Tat  muß  dieser  Schritt,  so  begreiflich  er  dem
Psychologen  ist,  als  eine  arge  Verfehlung  bezeichnet  werden.  Von  seiten
der  Parteiinstanzen  ist  später  festgestellt  worden,  daß  bei  ihnen  die  Absicht
bestand,  nach  Erledigung  der  unter  ihnen  gepflogenen  Vorbesprechungen  auch
mit  den  Redakteuren  zu  konferieren,  und  daß  die  Ausführung  dieser  Absicht ­
  nur  durch  die  Schritte  dieser  vereitelt  worden  sei.  Soweit  wären  die
Instanzen  denn  auch  in  ihrem  Recht  gewesen.  Es  ist  aber  klar,  daß,  wenn  man
dies  den  Redakteuren  von  Anfang  an  auseinandergesetzt  hätte,  es  bei  diesen
schwerlich  zu  der  Erregung  gekommen  wäre,  die  sie  zu  jenem  Schritt  trieb.
Aber  Konflikte  dieser  Art  spielen  sich  selten  ab,  ohne  daß  auf  beiden
Seiten  Verstöße  begangen  werden.  Sogar  die  formale  Korrektheit  kann
dort,  wo  menschlich-kollegiale  Beziehungen  in  Frage  kommen,  materielles
Anrecht  werden.  Für  den  nicht  sehr  genau  und  direkt  Anlerrichteten  wird
es  dann  immer  schwer  sein,  ein  völlig  zutreffendes  Arteil  über  Recht  und
Anrecht  zu  gewinnen.  And  in  dieser  Lage  befand  sich  damals  die  große
Masse  der  Berliner  Parteimitglieder.  Daher  mochten  selbst  von  denjenigen, ­
  die  das  Vorgehen  gegen  die  sechs  Redakteure  für  zu  scharf  hielten,
nur  wenige  bis  zu  einem  formellen  Protest  gehen,  eben  weil  man  auch  das  Verhalten ­
  der  Redakteure  nicht  billigen  konnte.  So  blieb  es  bei  einigen  ganz  vereinzelten ­
  Kundgebungen,  wie  einer  Protestäußerung  einer  am  29.  Oktober
stattgefundenen  Generalversammlung  des  Zentralwahlvercins  des  Kreises
Teltow  -  Beeskow  -  Charlottenburg  und  einer  ähnlichen  Erklärung  Berliner
Mitglieder  des  Vereins  Arbeiterpresse.  Die  übergroße  Mehrheit  der  Parteimitglieder ­
  Groß-Berlins  bedauerte  die  Form  der  Lösung  des  Konflikts,
nahm  aber  diese  selbst  um  so  eher  als  unvermeidlich  gewordene  Tatsache
hin,  als  ja  nun  der  innere  Gegensatz  in  der  Redaktion  des  „Vorwärts"
gehoben  war.  Die  neueingestellten  Redakteure  nahmen  zu  den  Parteifragen
die  gleiche  Stellung  ein,  wie  die  zurückgebliebenen.  Ein  sympathisches
Moment  bei  dem  Konflikt  war  das  offensichtliche  Bestreben  der  beteiligten
Parteiinstanzen,  jede  ökonomische  Schädigung  irgendeines  der  sechs  Redakteure ­
  zu  vermeiden.  Von  vornherein  handelte  es  sich  eben  um  eine
rein  politische  Maßnahme,  die  nichts  von  einer  Maßregelung  an  sich
haben  sollte.  Eine  von  Georg  Gradnauer  im  Namen  der  secks  ausgeschiedenen ­
  Redakteure  im  „Vorwärts"  vom  10.  Dezember  1905  veröffentlichte ­
  Erklärung  führt  aus,  daß  es  diesen  ferngelegen  habe  und  fernliege,
die  subjektiv  guten  Absichten  des  Parteivorstandes  und  der  Preßkommission
in  Zweifel  zu  stellen.
        <pb n="165" />
        Wvcmöenbuvger  JerLung.
»M«it  fit  G  u&amp;gt;  «tsthM-ck
Ruppiu,  Tempil«  r-ud  angrenzende  Kreise.
»«SS-*  Organ  für  dir  "3S{iS‘
Sarfe  Interessen  der  arbeitenden  Klassen  LL.'L'tLLPL
uiKTj?  s  —-  wk-  .sH.
S:t  Liefern^  durch  den  vri-ftri^c  Für  die  Aedaktion  »eronlwortlich:  F.  Ewald.  Druck  und  Verlag:  F.  Ewald  in  vrandenbmg  c.  H.  «.-kk-mezeile  25  Pf.
&amp;lt;*’«  Hau«.  frtcbflllion  und  Sxpedill-n:  El.  «nnenslraße  SÄ.  -  Expedition  in  Ralhinow:  H.  Kaymllng,  Sl.  Baustraße  &amp;gt;5.

itr.  I.  vounnstaa,  den  1.  Januar  1891.  5.  Zahrg.

Des  Ncujahrsiages  wegen  erscheint
die  nächste  Nummer  dieser  Zeitung  am
Freitag  Mend.
Abonnements  Einladung.
Vom  I.  Januar  ob  erschein!  die  „Brandenburger
Heilung".  sowie  da«  „Raihenowcr  VollLblalt"  unter  dem
gemeinsamen  Titel  „Brandenburger  Zeitung.  Voll«blr.t&amp;gt;
kür  Ost.  und  Wcsthivelland,  Ruppln.  Tcmplin  und  angrenzende ­
  Kreise"  in  bedeutend  vergrößertem  Formal.
Unsere  Zeitung  will  dem  Volle  ein  gewlffeuhaster  Führer
sei»  in  dem  lobenden  Kampse  der  PaNeien.  Sie  wird  nur
da«  eine  Ziel  in,  Auge  haben:  mit  alle»  zu  Gebote  stehenden
gesetzliche»  Mitteln  dir  Bcsrcimia  der  Arbeiter  an«  den
FZscln  de«  Kapiiallsmu»  zu  erwirken.  Sie  wird  ein  Hort
für  nde  Bedrängten,  eine  Waffe  gegen  olle  Unlcrdrückcr
'seiiit  sie  wird  stet»  zu  finden  sein  aus  der  Seite,  die  für
Wahrheit,  Freiheit  und  Gerechtigkeit  kämpft.  Sie  wird
außer  belehrenden  Leitartikeln  eine  umfangreiche  Politische
Uebersicht,  sowie  Sozialpolitische«  bringen:  ebenso  werden
wir  ein  spannende»  Feuilleton  au«  der  Feder  eine«  berühmten
Schriftsteller«,  Lokale»  und  Vermischte»  bringen,  sodaß  auch
die  Frauen  bedacht  sein  werden.
Wir  eröffne»  vom  I.  Januar  ab  ein  neue»  Abonneinenl
zuul  Preise  von  9)1.  1.75  vierreljährllch  frei  in'«  Hnu«.
inonailich  M.  0,60,  durch  die  Post  bezogen  9)1.  1,90,  beim
Abholen  an»  unserer  Expedition  vierteljährlich  M.  1,50  oder
monollich  M.  0.50.
Unsere  Zeitung  dars  in  keinem  Haushalt  fehlen,  darum
aus!  tkue  Jeder  seine  Schuldigkeit.
Die  Redaktion  und  Expedition.

Wer'denkt  an  ihn  noch,  wer  noch  fragt:
Wa«  niag  di«  Meinung  Bitmarck'ä  sein?
Und  wär  er  auch  vom  An»  gejagt,
Sein  Wort'könnt'  doch  Bcwicht  noch  leih'n.
Roch  ruht  er  nicht  in  seinem  Grab,  -
Doch  Mehr  tt»  todt'  ist  .•«  verschollen  -
Wer  gieb!  mit  ihn,  sichjetzt  noch  ab,
Mag  er  nun  grollen  oder  schmollen.
„Fn  seine»  Nicht«  durchbohreudcm  Gefühl'
Wie  klein,  wie  Ileinlich  er  sich  zeigt!
Kaum  für  den  Spott  ein  würdig  Ziel  —
Man  zuckt  die  Achseln  und  man  schweigt.
Unb'bit  Partei,  die  so  verhaßte.
Die  Jener  z»  vernichten  glaubt'.
Die  er  mit  Acht  und  Ban,r"umsaßie.
Wie  hebt  sie  heut  stolz  ihr.  Haupt'
Un«  trägt  nicht  eure'Emzelwelle
Empor  wie  leichten  Meereischaum.
Die  jetzt  im  Glanz  empor  sich  schwelle.
Und  die  im  Nu  verschlingt  der  Raum.
Wir  ivuneln  lies  aus  feilem  Grunde.
Wir  wachsen  in  dem  ®hmu  der  Zeiten.
Und  Well'  aits  Welle,  Stund  auf  Slundi
Wird.machtlo»  über  un»  hingleiten.
Wir  sind  die  Men  schwer»,  unvcrzag!
Führt  un«  ihr  Geist  pu  n«uen  Siegen  -
Wer  gegen  sie  zu  kämplcn  wag«.
Ob  früh.  ob  spat,  muß  uniciliczen.
Mag  tu  dem  Strom  der  Zellen'  schwinden
Nun  da«  vergangene  F»hr  dahin.
Da«  arnc  wird  bereit  »n«  finden
Zu  neuem  Kamps  mit  mulh'gem  Wntl.

Unwiffensteil  und  Sklave!  zu  erhallen,  sic  politisch  und
ökonomisch  aurznbeulcn  —  nach  dem  Griindsatzc  de«  „Theile
und-herrsche!"  die  Klaffet!  mit  eiiianbrr  zu  verhetzen,  io
würde  sich  Jeder  entsetzt  »o»  ihnen  adioenden  oder  vielmelti
sich  berufen  fühlen,  solche»  Feindest  der  Menschheit  nnd  der
Menschstchkcis  gründlichst  da«  Handwerk  zu  lege».  Allein
die  „umwälzenden  Elcnicnte"  werfen  einen  Schafspelz  über
Ihr  Wolk»sell  —  sie-  neunen  sich  Freunde  der  Ordnung,
Vertheidiger  der  Zivilisation  »nd  bezeichnen  —  mit  dem
bekannte»  Diebskniff  —  Diesctiigen  al»  „Umstürzler",  welche
ihrem  gemeingefährlichen  Treiben  entgegentreten.
-  In  Frankreich  ist  soeben  von  dein  Hexenkel  der  „»mivülzenden
  Elemente"  der  Deckel  abgehoben  loorde»  und  wir
sehen  da«  lichtscheue  Gesindel  „an  der  Arbeit"  —  wie
Bienen'in  einem  gläsernen,  Gebän«.
Schatten  wir  hin!  .
Frankreich  hnt  eine  Regierung,  welche  non  Ott  Mehrhei,
  m  französische»  Volle»  an  die  Splde  de«  Siaal»  ge.
stell,  worden  ist  -  die  legitimste  -  versaffung».  und  gesctzniäßigste
  Negierung,  die  'ich  denken  läßt  —,  eine  Negierung.
nelAe  da«  hohe  Verdienst  hat.  dir  ..umwälzenden  TIemenIc
zwei  Jahrzehnte  lang  in,  Za»»,  gehalten  und  den  inneren
und  äußeren  Frieden  im«  Jahrzehnte  lang  beivahr!  zu
haben  Allein  da«  gerade  hat  den  Haß  der  „umwälzenden
Elemente"  erreg,.  Sie  schloffen  sich.  «ratz  gegenseitige!
Abneigung,  scsi  aneinander  »nd  bildeten  eine  Perschwärung.
zum  Umsturz  der  Slank»ocd»»»g:  sie  suchten  sich  eine,  in
allen  Lastern  crsahrenc,  mit  allen  Hunden  gchetzle  „katili.
narische  Eristenz"  au»,  und  gaben  diesen,  Verworfenen
Millionen  über  MiNIonen,  aus  daß  er  sein  Amt  in  der
Regierung  dazu  mißbrauche,  uN,  die  Veste  der  otaot«.
ocdnung  ihren  Feinden  z»  übersteseni,  «Ine  „blniigc  Revolution" ­
  durchzusühren  '  nd  Frankreich  in  vie  unsagbaren
Schreckniffe  de»  Büigerkriea»  und  elneaDclllricgkzu  stürzen.
Eine  schuftigere  Verschwörung  ist  nie  angezettelt,  ein
scheußlichere»  Attentat  aus  die  Staat«,  «nd  GesellschaslSard.
nunfl  nicmal«  geplant  worden.
Und  die  Verschwörer?  Waren  c«  Sozialdemokraten?
Mit  Nichten!
E«  waren  Legllimlsten.  Orlcaniste»,  Bonnparllstr»,
Klerikale  —  Junker.  Bourgrola  »nd  Pfaffen!
Da«  ist  da»  saubere  Kleeblatt.  Kein  Leugnen  möglich  :
die  Boitloiiger.Eiilhüllungrii  erlaube»  nicht,  den  lcisestrn
Zweisei  Die  Verbrecher  sind  übcrsührt.  aus  frischer  That
Und  die  »äiiiliche»  „umwälzenden  Elemente",  die  soeben
in  Frankreich  diese  schmachvolle  Rolle  gespielt  hoben,  sind
auch  in  ollcu  Übrigen  Kulturländer»  thätig.
Neulich  laffeii  wir  in  den  Zeitungen,  wie  die  Tessiner
Bourgevi»  die  Regierung  ihre»  Lande»  umgestürzt  haben  —
und  jeden  Tag  lesen  wir  in  den  Zeiltingen,  wie  unsere  deutsche ­
  Bourgeoisie  gegen  die  Politik  der  kaiserlichen  Erlaffc"
konspirirt  und  rebellin  »nd  durch  ihre  Habsucht  »nd  Eng-Prosit

  Nklljohr!
Äii  des  Zahns  Wendr.
Ein  ?oh&amp;gt;  ist  »ine  kurze  Frist,
Eine  Welle  in  dem  Aber  der  Zen.
Di»  nur  zu  bald  verschlungen  ist
Pom  Ozean  der  Ewigkeit.
Wie  viel  doch  birgt  der  kurze  Raum.
Wo«  faßle  nicht  ba«  einz'ge  Fahr'
Wa«  zu  Beginn  man  ahnic  kaum.
Stellt  heut'  stch  als  vcrgauge»  dar
Der  „große"  Mann,  den  zu  Beginn
De»  Fahre»  nian  noch  so  bewundert.
Und  de»  die  Schmeichelei  stelll'  hin
Al«  Herkule«  seine»  Fahrhunderl«  -

Gegen  die  ninwälrende«  Elemente
mit  ollem  Nachdnick  vorzugehen,  ist  um  so  nothwendiger,  al»
sie  setzt  eine  wahrhast  dämonische  Rührlgleit  einwickeln  und
Himmel  und  Hölle  (namentlich  die  letztere)  ln  Bewegung
setze»,  »in  die  Ziele  ihre»  geinetngesäbrlichcii  Streben«  und
Thun»  zu  erreichen.  Die  Gefahr,  in  welche  die  bürgerliche
Gesellschaft  und  die  ganze  Zivililalion  durch  diese  „umwälzenden ­
  Elcmenie"  gebrachl  wird,  ist  hauptsächlich  deshalb
so  groß.  weil  dieselben  mit  wahrhast  lcuffischer  Geschicklichkeit ­
  ihre  wahre  Natur  verbergen  und  ifuxni  abschreckend
häßlichen  Antlitz  eine  gleißende  Marie  vorgehängt  haben,
durch  welche  sich  Leichtgläubige  leichl  belhören  taffen
In.  sagten  diese  Deniagogen  und  Anarchisten,  &amp;gt;va»  sie
»'ollen  -  iaglcn  sic,  daß  ihr  Dichten  und  Trachte,t  daraus
gerichtet  sei,  die  Maffe  ihrer  Mitmensche»  in  Abhängigkeit.

Dir  Schlange  im  Paradies.
Roman  In  zwei  Binden
von  Nr.  Leopold  Ritter  von  Eacher-Masoch.
ä?I  (Fortsetzung.)
E«  war  ziemlich  dunkel  ous  der  Bühne,  al«  sie  au«  der
Garderobe  zurückkehrte.  in  einem  dünnen  Mäntelchen  und  mit
einem  Schleier,  der  verschiedene  kleine  Riffe  hatte,  vor  dem
hübschen,  frischen  Gesicht.  Da»  Halbllch,  mochte  Kami  unter,
neymend.
.Werden  Sie  sich  nicht  erkälten,  niein  Fräulein?*  begann
St  zärtlich.
„0,  nein,  ich  bin  gar  nicht  verwöhnt."
„Aber  Sie  erlauben  doch.  daß  Ich  Ihnen  einen  Pelz  zu
Füßen  lege?"
„Gewiß,  aber  jetzt  gehen  wir  sonpiren,  ich  bin  hungrig."
Sie  »ahm  seinen  Arm  und  geleitete  ihn  di:  kleine,  stille
Treppe  hinab.
„Ich  denke,  wir  essen  zusammen  ein  Bralhnh»  mit  Compol."
logte  sie.
„Und  lriickeu  eine  Flasche  Champagner."
Sie  blickte  ihn  vergnüg!  an.  „Ich  sehe,  daß  ich  c«  niii
einem  Cavaiier  zu  thun  habe."
Sergiu«  -zeigte  sich  erst.  al«  Zenobia  da«  Theater  verließ.
.Wo  ist  Nalalja  f  fragte  er,  „Ich  habe  sic  nicht  gesehen."
„Sie  ist  zu  Hause  gebliebru."
^Natürlich  allein."  mvlderle  Zenobio  „Derllebie  lieben
die  Einsamkeit,  und  Ich  glaube,  sic  liebt  Sic."
Sergiu»  schwieg.
„Me  unglücklich  Sic  aittschen!"  spottete  Zenobia,  „kommen
Sii,  ich  will  versuchen,  Sie  zu  trösten."  Sic  nahm  seine»  Arm.
Man  souvirle  zusammen  Im  Hotel  de  l'Enropc  und  kehr!
dann  im  Schlitten  zurück.  Die  Nach!  war  kalt.  ober  ruhig  und
sternenklar.
Zcuobla  subr  mit  Eerain«.  Ex  sah  aber  neben  ihr  wie  ei»
Alaun  au«  Stein.
Am  tolgende»  Vormittag  fand  sich  Karol  mit  einem  großen
Vougnei  in  der  Wohnung  der  Schauspieler!»  ein.
»Wir  wollen  jetztj  den  Pelz  kauscn,"  begann  er  schüchiern.

„Sie  erlauben  e»  mi,  doch?  Ich  babe  aus  dem  Theaterzettel
gelehen,"  fuhr  er  etwa)  kühne,  kork.  „Sie  spielen  heute  nicht"
„Nein.  ich  bin  frei"
Durste  ich  e«  wagen,  wenn  Eie  nicht»  Andere«  vorhaben
ich  bitte  Sie.  meine  Einladung  nicht  ungnädig  aufzunehmen."
„Wozu  so  viele  Worte.'
'Wenn  e«  Ihnen  Vergnügen  macht"
»Natürlich  Ich  freue  mich  daraus."
Fräulein  Jaru»kow«ka  vollendete  ihre  Toilette  »nd  ging
dann  Arm  in  Aim  mit  dem  stiahlcnden  Karol  In  die  Stadt.
Ei  führte  sic  zueis«  zu  einem  jttdische»  Kürschner,  wo  sie  ein-»
Pel,  von  schwarzem  Sammt  mit  gilt«  wählte  und  gleich  anbchielt,
  dann  zu  einer  dinrel.naan  ck«  blocke«,  bei  der  er  ihr'einen
goldgestickten  Baschttl  verehrte,  und  schließlich  zum  Zuckerbäcker.
Hier  bewirthete  er  sic  mit  FIcischpastrIchen  »nd  Liqucur.  Dann
ginge»  sic  in  bester  Stimmung  i»  das  Cinicbrhau«.  in  dein  seine
Dlerde  stauben,  und  Koiol  befahl,  einzuspannen.
C«  währte  nicht  zehn  Minuten,  suhr  der,  Schlitten  vor,
Karol  hob  Fräulein  Jar»»k°w«ka  hinein,  hüllte  sic  lorgsani  In
die  warmen  Felle  und  saß  ,etzt  an  Ihre,  Seile  mit"  der  Miene
»ine«  siegreichen  Feldherrn,  der  In  da«  jubelnde  Rom  einzieht
Die  Heine  Schauipiclrrin  drückte  seinen  ?lrn,  I»  aufrichtiger
Glückseligkeit,  de.  Tag  war  so  schön,  die  Sonne  leuchtete  so
srcundltch,  der  Schnee  siimmcite  wie  ein  M-e-  von  kleinen  Dia-Manien,
  und  sic  da»-  sich  sei,  langer  Zeit  wieder  einmal  sät,
gegeisin  »nd  konnte  sich  zum  ersten  Male  in  ihrem  Leben  in
einen  warmen  Pelz  schmiegen.  Da«  »Ne«  war  so  hübsch
Sie  sah  Karol  von  der  Seite  an,  dann  ergriff  sic  plötzlich
die  Zügel  und  sang  mit  lavier,  scöhlicher  Stimme  da«  Lwd  von
der  Tcojka')
32.  Allein  za  Hanse.
„Tie  Heimalh.  da«  gute  Daterhaii«
ist  preisgegeben  »nd  verloren."
Bdoibm  Slister.
Indeß  war  Nalolia  in  dem  großen,  stillen  Hause  allein.
Sie  freute  sich.der  Einsamkeit,  ste  konnte  endlich  ivicdcr  einnwl
beim  Fenster  sitzen,  träume»,  ihre»  Gedanken  nachhänge,,.  Er
toaren  keine  srühlichcn  Bilder,  die  bei  Ihr  einkehrten.  Sic  halte
')  Da»  Dretg'ipami  --  lussifcheo  Bollälstd.

stch  In  den  Stithl  zurückgelehnt  und  ihre  Hände  in  den  Schoost
gefaltet.  Aus  ihrem  schönen  Antlitz  lag  eine  teile  Trauer,  eine
schmerzliche  Hoffnungkloflgle!!.  Ihr  sestgeschloffener  Mund  trotzte
noch.  aber  die  großen,  blauen  Auge»  schwömme»  in  einem  sanften,
elegischen  Lichte.  Draußen  lag  der  Schnee,  er  bedeckte  Erde  und
Dächer.  Bäume  und  Büsche  mit  seinem  richlgen  weißeii  Glanz
An  den  Scheiben  blühten  die  Wunderblumen  de»  Winter«.  Der
Wind  strich  über  Hügel  und  Fläche,  eine  große,  selerl-chc  Melodie
zog  aus  feinen  Schwingen  einher,  der  ferne  Elchcni^ld  brauste
mächtig  "&amp;gt;il  seinen  cuttaubicu  Riesenkroncn.  d,c  Bäume  de»
Garten«  stimmten  ml,  ein.  und  die  Nclnen  Sträucher  erklangen.
»I«  wären  sic  ml,  gausend  »ledlsche»  Schellen  behängen.
Oben  sang  die  Wetterfahne,  und  im  halbdunklen  Semach«
gab  der  alte.  grüne  Kachelofen  verdrießliche  Antwort.  ,
Zwei  irrende  Lichter  zeiglcn  sich  hinlrr  der  Scheuer,  die
Augen  eine«  Wolsc«.  der  den  Edelhos  umschlich  und  wieder  verschwand. ­
  al«  die  riesigen  Hunde  wüthend  zu  bellen  begannen.
Im  gauzen  Hanse  herrschte  jetzt  wieder  Duiiliiheil  und
Stille.  Keine  Lampe  brannte,  kein  Licht,  nur  da«  Feuer  im
Ojen.  Man  Höne  lange  nicht«  al»  da«  Tick-Tack  der  massiven
Siockuhr,  da«  heute  ebenso  gravitätisch  zu  hören  war.  al»  zur
Zc!,.  wo  hier  bezopste  Herren  und  Damen  mit  gepudertem  Haar
ein-  und  auLaingen.  ,,  ,,  .
An  solchen  langen,  stillen  Wiiilerabende»  ist  e«.  «•»
draußen  Alle»  todt  wäre  »nb  innerhalb  der  grauen  Mauern  w  »
Todte  beseelt  und  gesprächig  würde.  CE«  ist  dann  unhetmtni.
in  die  dunkle  Flucht  der  Zimmer  hineinzublicken  »nd&amp;gt;  og«r  W
Wchste  und  «oblbekannlcste  wird  un»  für  Augenblicke,rcm°
und  säst  schauerlich.  Alle  Gegenstände,  die  un«  &amp;gt;'"'3$™'  "
scheinen  größer  und  in  die  Ferne  gerückt,  so  daß  sich
in  Säle.  Säle  In  düstere  Dame  verwandeln.  Alt«^Zeilen  werden
lebendig,  die  Geister  der  B-bst-rb-t:en  scheinen  !le.se  *«.«■»
zu  wandeln,  flüsternd«  Stimmen  sind  in  der  Lust.  un
diiicklcn  Winkeln  lchclnc»  ?lngen  aus  «y«  gerichted  .  ^
Nalalja  erlchauer.e  leise,  aber  Ux\Irfl"#;,  *“«  '
der  alten  Uhr  sprach  ibrMnth  i*.  #•»»  ^,&amp;gt;5
»nd  mit  dem  letzten  Schlag  zog  l-&amp;gt;cht  und  &amp;gt;r,  herüber:
hübsche  Melodie  Weber«  durch  dw  off-»-T&amp;gt;M"  ^öbet
„Einsam  bin  lck,  nicht  allein^.  Dann  deg  -  (&amp;lt;[ne  heKe.
zu  krachen,  und  da«  Hc.mchin  erhob  im  vemauc.  ,

79.  Titelseite  der  Brandenburger  Zeitung
        <pb n="166" />
        168

Mit  viel  weniger  Reibung  als  die  Änderung  in  der  Besetzung  der
Redaktion  des  „Vorwärts"  vollzog  sich  Ende  1905  eine  bedeutungsvolle
Änderung  in  der  Organisation  der  Sozialdemokratie  Groß-Berlins,  nämlich
die  Zusammenfassung  seiner  Wahlvereine  in  einen  großen  einheitlich
geleiteten  Verband.  Auch  gegen  sie  gab  es  hier  und  dort  Opposition,
aber  sie  war  unpersönlich  und  trat  nirgends  störend  hervor.
Noch  ehe  der  Vorwärtskonflikt  zum  Ausbruch  gekommen  war,  hatte
am  15.  Oktober  1905  in  Berlin  die  Parteikonferenz  für  Berlin  und  die
Provinz  Brandenburg  getagt.  Außer  der  Entgegennahme  des  Jahresberichts, ­
  der  in  allen  Rubriken  gute  Fortschritte  verzeichnen  konnte,  und  der
Erledigung  sonstiger  laufender  Geschäfte,  galten  seine  Beratungen  wiederum
der  Organisationsfrage.  Ein  Statutenentwurf,  den  die  von  der  vorjährigen
Konferenz  eingesetzte  Kommission  ausgearbeitet  hatte,  fand  im  Prinzip  Zustimmung, ­
  mittlerweile  hatte  aber  der  Jenaer  Parteitag  dadurch  eine  neue
Situation  geschaffen,  daß  das  von  ihm  beschlossene  Statut  der  Gesamtpartei
die  Bildung  von  ganzen  Bezirks-  oder  Provinzialverbänden  vorschrieb.
Demgemäß  wurde  beschlossen,  der  Agitationskommission  den  vorgelegten
Entwurf  und  die  auf  ihn  bezüglichen  Anträge  als  Material  zu  überweisen
und  sie  im  übrigen  zu  beauftragen,  sich  mit  den  Vertretern  der  verschiedenen
Wahlkreise  der  Provinz  über  die  Einzelheiten  des  Statuts  für  den  zu
gründenden  Verband  zu  verständigen.
Am  dieselbe  Zeit  wurde  in  Berlin  und  seinen  Nachbarwahlkreisen  die  von
einigen  Genossen  seit  längerer  Zeit  erstrebte  Bildung  des  Verbandes  Groß-Berlin
  in  Konferenzen  der  Vorstände  und  Vertrauenspersonen  eingehend  beraten. ­
  Wie  schon  an  anderer  Stelle  bemerkt,  stieß  der  Gedanke  bei  einen»
Teil  der  Parteimitglieder  auf  Gegnerschaft,  die  hauptsächlich  in  der  Furcht
wurzelte,  daß  die  Zentralisation  das  selbständige  Leben  der  einzelnen  Wahlkreise ­
  beeinträchtigen  werde.  Es  fanden  darüber  lebhafte  Auseinandersetzungen
in  den  einzelnen  Wahlkreisen  statt,  die  Einwände  schlugen  jedoch  bei  der  großen
Mehrheit  der  Vertrauenspersonen  nicht  durch.  In  20  Sitzungen  ward  von  einer
zu  diesem  Zweck  eingesetzten  Spezialkommission  der  Statutenentwurf  des  zu
gründenden  Verbandes  Punkt  für  Punkt  sorgfältig  durchberaten  und  der
so  zustande  gekommene  Entwurf  ward  dann  den  Wahlvereinen  der  einzelnen
Wahlkreise  zur  Durchberatung  vorgelegt.  Nachdem  diese  erfolgt  war,  ward
auf  den  17.  Dezember  eine  Delegiertenversammlung  für  Groß-Berlin  einberufen, ­
  die  endgültig  über  die  Gründung  des  Verbandes  Beschluß  fassen  sollte.
Nach  dem  Entwurf,  dessen  Behandlung  in  den  Wahlvereinen  gezeigt  hatte,
daß  seine  Annahme  in  der  Laupsache  im  voraus  als  sicher  zu  betrachten  war,
sollte  der  Verband  föderativ  aus  den  Wahlvereinen  der  acht  Neichstagswahlkreise
  von  Groß-Berlin  derart  aufgebaut  werden,  daß  für  jeden  Wahlkreis
ein  Kreiswahlverein  die  Grundeinheit  zu  bilden  hatte.  Am  dieser  Vorschrift
Genüge  leisten  zu  können,  wurde  im  Kreise  Niederbarnim  am  3.  Dezember
1905  von  einer  Delegiertenversammlung  dieses  Kreises  die  Gründung  eines
Kreiswahlvereins  an  Stelle  der  bisherigen  Föderation  der  Bezirksverbändc
beschlossen,  und  ebenso  vollzogen  am  15.  Dezember  die  beiden  Wahlvereine
Berlin  IV  Ost  und  Südost  ihre  Vereinigung  zu  einem  Wahlverein  des
vierten  Berliner  Reichstagswahlkreises.
Nachdem  so  die  Grundlage  für  den  zu  schaffenden  Verband  hergestellt
war,  fand  am  17.  Dezember  1905  im  großen  Germaniasaal  in  der  Chaussee-
        <pb n="167" />
        169

straße  die  konstituierende  Delegiertenversammlung  statt.  Leopold  Liepmann
  hielt  das  einleitende  Referat,  das  in  großen  Amrissen  die  geschichtliche ­
  Entwicklung  der  Organisation  der  Sozialdemokratie  Berlins  vorführte
und  die  Gründe  für  die  geplante  neue  Form  auseinandersetzte.  Dann  folgte
die  Beratung  des  Statutenentwurfs,  dessen  einzelne  Paragraphen  meist
ohne  Widerspruch  angenommen  wurden.  Nur  bei  einigen  wenigen  Punkten,
wie  z.  B.  bei  dem  Satz,  der  von  der  Lerausgabe  eines  Mitteilungsblattes
des  Verbandes  handelt,  wurden  Einwände  erhoben,  die  aber  von  der
großen  Mehrheit  der  Delegierten  nicht  für  triftig  erachtet  wurden,  und  nach
erledigter  Einzelberatung  ward  das  Statut  als  Ganzes  einstimmig  angenommen. ­
  Einstimmig  wurden  bei  der  Wahl  der  ersten  Beamten  Eugen
Ernst  zum  ersten  Vorsitzenden,  Leopold  Liepmann  zum  ersten  Schriftführer ­
  und  mit  Mehrheit  Emil  Böske  zum  ersten  Kassierer  gewählt.
Dann  richtete  nach  erfolgter  Konstituierung  des  Vorstandes  Paul  Singer
im  Namen  des  Parteivorstandes  der  deutschen  Sozialdemokratie  eine  Ansprache ­
  an  die  Anwesenden,  die  ihnen  seinen  und  seiner  Kollegen  warm
empfundenen  Glückwunsch  zu  der  geschaffenen  Organisation  ausdrückte.  —
Mit  einem  stürmischen  Loch  auf  die  Partei  und  den  Verband  und  dem
Absingen  der  Arbeitermarseillaise  schloß  diese  bedeutungsvolle  Konferenz
der  Sozialdemokratie  Berlins.  Sie  hat  ein  Verfassungswerk  zum  Abschluß
gebracht,  durch  welches  die  organisatorische  Leistungsfähigkeit  und  Schlagfertigkeit ­
  der  Partei  in  der  Reichshauptstadt  auf  eine  bis  dahin  unerreichte
Löhe  gesteigert  werden  konnte.
        <pb n="168" />
        Fünftes  Kapitel.

Die  bedeutsamsten  Demonstrationsversammlungen ­
  der  Berliner  Arbeiterschaft.

3 u  allen  Ereignissen  und  Erscheinungen  des  öffentlichen  Lebens  Stellung
zu  nehmen,  die  für  die  politischen,  wirtschaftlichen  und  allgemein
sozialen  Verhältnisse  der  von  ihr  vertretenen  Volkselemente  von
größerer  Bedeutung  sind,  ist  Aufgabe  und  zugleich  das  lebhaft  empfundene
Bedürfnis  jeder  entwickelungskräftigen  Partei.  Eine  Riesenliste  von  Demonstrationsversammlungen ­
  der  sozialistischen  Arbeiter  Berlins,  die  in  unseren
Zeitabschnitt  entfallen,  veranschaulicht  dies  aufs  deutlichste.  Sobald  eine
Frage  von  Bedeutung  für  Wohlstand  und  Recht  der  arbeitenden  Klaffen
auftaucht,  finden  wir  auch  die  sozialdemokratische  Bevölkerung  der  Hauptstadt ­
  auf  dem  Plan,  ihr  Arteil  und  ihre  Forderungen  bezüglich  ihrer  kundzugeben ­
  —  zu  ihr  „Stellung  zu  nehmen",  wie  man  es  in  der  Arbeiterschaft
gern  bezeichnet.
Es  verbietet  sich  aus  verschiedenen  Gründen,  alle  diese  Kundgebungen
einzeln  hier  aufzuzählen  und  auf  die  Einzelheiten  derer  einzugehen,  die  zu
erwähnen  sind.  Ihre  Zahl  ist  zu  groß  und  sie  sind  in  ihrem  formalen
Verlauf  nicht  unterschieden  genug,  als  daß  eine  wahllose  Aneinanderreihung ­
  aller  mit  Beschreibungen  ihres  Verlaufs  nicht  ermüdend  wirken
müßte,  statt  den  Eindruck  hervorzurufen,  der  ihrem  charakteristischen  Grundzug ­
  entspricht:  das  Bild  kraftvoller  Lebensregung.  Ebenso  würde  aber
auch  eine  bloß  summarische  Zusammenstellung  abschwächend  wirken.  Zahlen
sind  blutlos  und  können  daher  allein  das  Leben  nicht  widerspiegeln.  Wir
werden  also  auch  hier  einen  Mittelweg  gehen  und  mit  einer  gewissen  Auswahl ­
  die  wichtigsten  Kundgebungen  in  gegliederter  Zusammenstellung  und
kurzgefaßter  Kennzeichnung  ihrer  Natur  vor  uns  vorüberziehen  lassen,  ohne
auf  die  Reden  Bezug  zu  nehmen,  die  bei  diesen  Demonstrationen  gehalten
wurden,  so  glänzende  oratorische  Leistungen  darunter  zu  verzeichnen  wären.
Aber  jede  Auswahl  ist  in  Gefahr,  parteiisch  und  damit  ungerecht  zu  werde».
„Alle  oder  keine"  hieß  es  hier,  und  so  konnte  die  Entscheidung  nur  auf
„keine"  lauten.
Im  allgemeinen  sind  dabei  zwei  Arten  von  Demonstrationen  zu  unterscheiden: ­
  regelmäßig  wiederkehrende  und  Gelegenheits-Demonstrationen.  Zu
den  ersteren  gehören  die  Feier  des  Maitages  der  Arbeit  und  die  Demonstrationen ­
  am  18.  März,  zu  denen  bis  gegen  Schluß  unserer  Epoche  auch
        <pb n="169" />
        171

noch  die  Feier  des  Todestages ­
  Ferdinand  Lassalles
trat.  Die  letzteren  knüpfen
meist  an  größere  Notstände,
Lohn-  und  andere  wirtschaftliche ­
  Kämpfe  der  Arbeiterschaft, ­
  Maßnahmen
der  Staats-  und  Kommunalbehörden ­
  an  oder  beziehen
sich  auf  für  dringend  erachtete ­
  Forderungen  an  Gesetzgebung ­
  und  -Verwaltung,
auf  einschneidende  Gesetzesvorlagen, ­
  Fragen  der  auswältigen
  Politik,  auf  besondere ­
  Jubiläen  der  Arbeiterbewegung ­
  und  sonstige
wichtig  erscheinende  Ereignisse ­
  verschiedener  Natur.
Kundgabe  des  Protestes,
Betonung  von  Forderungen
und  die  Bekräftigung  von
Grundsätzen,  das  ist,  zusammengefaßt, ­
  der  Zweck
der  überwiegenden  Mehrheit
unserer  Demonstrationen.
1.  Demonstrationen  in  Sachen  der  Gesetzgebung.
Die  erste  größere  Demonstration,  die  in  Berlin  unter  dem  gemeinen
Recht  abgehalten  wurde,  fand  am  5.  November  1890  statt  und  galt  dem
Protest  der  Mitglieder  freier  Äilfskassen  gegen  einen  von  der  Regierung
eingebrachten  Entwurf  zur  Abänderung  des  Krankenversicherungsgesetzes,
der,  wenn  nicht  die  Existenz,  so  doch  die  Entwickelung  der  freien  Pilfskassen
stark  zu  bedrohen  schien.  Da  die  sozialdemokratische  Arbeiterschaft  damals
den  Ortskrankenkassen  meist  noch  mit  ziemlichem  Mißtrauen  gegenüberstand,
mußten  ihr  die  erhöhten  Verpflichtungen,  welche  nach  jener  Regierungsvorlage ­
  den  freien  Lilfskassen  auferlegt  werden  sollten,  selbst  wenn  sie
sachlich  zu  rechtfertigen  waren,  als  verwerflich  erscheinen,  denn  die
sozialistische  Arbeiterschaft  hat  zu  aller  Zeit  ihre  Anabhängigkeit  höher  eingeschätzt ­
  als  bloße  materielle  Verbesserungen.  Dies  zum  Ausdruck  zu  bringen,
war  der  Hauptzweck  jener  Demonstration.
Sie  eröffnete  die  Reihe  derjenigen  Kundgebungen,  die  direkt  auf  Vorlagen, ­
  Aufgaben  und  Maßnahmen  der  Gesetzgebung  sich  beziehen.
Bleiben  wir  daher  zunächst  bei  dieser  Gruppe.
Zu  einer  ganzen  Reihe  von  Protestdemonstrationen  gegen  eine  Gesetzgebungsvorlage ­
  gab  im  Anfang  1892  der  Schulgesetzentwurf  des
preußischen  Kultusministers  von  Zedlitz-Trühschler  Anlaß,  der  die  Volksschule ­
  vollständig  verpfaffen  wollte.  Gegen  dieses  reaktionäre  Machwerk,
wonach  unter  anderen  die  Errichtung  neuer  Simultanschulen  direkt  verboten.

80.  Titelseite  einer  Broschüre  über  den
Arbeitslosenprozeß
        <pb n="170" />
        dagegen  den  Behörden  die  Beseitigung  bestehender  Simultanschulen
erleichtert  werden  sollte,  legte  am  27.  Januar  1892  eine  große  Berliner
Volksversammlung  geharnischten  Protest  ein,  und  weitere  Protestversammlungen ­
  der  Berliner  Arbeiterschaft  folgten  in  den  nächsten  Tagen.  Der
Sturm,  der  auch  die  bürgerlich-liberalen  Kreise  der  Bevölkerung  und  einen
Teil  der  Bureaukratie  erfaßte,  war  so  stark,  daß  der  Zedlitzsche  Entwurf
zurückgezogen  werden  mußte,  und  mit  ihm  verschwand  auch  sein  Arhebcr
aus  dem  Ministerium,  um  fortan  als  Oberpräsident  in  der  höheren  Verwaltung ­
  für  seine  Ideen  zu  wirken.
Gegen  Ende  1892,  am  7.  Dezember,  protestierte  die  sozialdemokratische
Arbeiterschaft  Berlins  in  neun  großen  Volksversammlungen  gegen  die
Militärvorlage  des  Grafen  Caprivi,  die  zwar  die  zweijährige  Dienstzeit ­
  für  die  Fußtruppen,  zugleich  aber  auch  eine  bedeutende  Erhöhung  der
Friedenspräsenzstärke  des  Leeres  vorsah  und  um  derentwillen,  da  das
Zentrum  und  die  Freisinnigen  nicht  alles  bewilligen  wollten,  was  die
Vorlage  verlangte,  der  Reichstag  am  6.  Mai  1893  aufgelöst  wurde.
Für  die  absolute  Ablehnung  der  Vorlage  durch  die  Sozialdemokratie
war  neben  ihrer  grundsätzlichen  Stellung  zum  Militarismus  auch  der
Llmstand  maßgebend,  daß  nach  der  Steuerpraxis  der  Rcichstagsmehrheit
die  bedeutenden  Mehrkosten  der  Militärvorlage  durch  indirekte  Steuem
anfzubringen  waren.  Unter  anderem  drangen  Mitteilungen  über  eine  in
Aussicht  genommene  Erhöhung  der  Biersteuer  in  die  Öffentlichkeit,  und
gegen  diesen  Plan  protestierte  am  11.  Dezember  1892  eine  große  Versammlung ­
  der  Böttcher  und  Brauer  Berlins.  Man  ließ  ihn  übrigens
bis  auf  weiteres  wieder  fallen.  Dafür  tauchte,  nachdem  der  neugewählte
Reichstag  die  Leeresvermehrung  bewilligt  hatte,  in  der  Wintersession  1893/94
neben  anderen  Steuerprojekten  das  Projekt  einer  Erhöhung  der  Tabaksteuer ­
  in  greifbarer  Gestalt  auf,  und  wollte,  trotzdem  es  in  fast  allen
Parteien  Gegner  fand,  für  eine  ganze  Weile  nicht  das  Feld  räumen.  Am
7.  Oktober  1894  protestierten  in  fünf  großen  Versammlungen  die  Tabakarbeiter ­
  Berlins  gegen  die  Bedrohung  ihrer  Industrie.
Latten  in  den  letzten  zwei  Fällen  die  Arbeiter  besonderer  Industrien
sich  ihrer  Laut  gewehrt,  so  gab  die  famose  Eulenburg-Köllersche  Umsturzvorlage ­
  wieder  Anlaß  zu  einer  großen  Protestaktion  des  ganzen  sozialistischen ­
  Berlin  ohne  Unterschied  von  Beruf  und  Klassenzugehörigkeit.  Zn
16  glänzend  besuchten  Volksversammlungen  wurde  am  I  I.  Zanuar  1895
von  der  Tribüne  herab  und  durch  Zurufe  und  Abstimmung  der  Versammelten
erklärt,  daß  sie,  wie  cs  in  der  überall  einmütig  angenommenen  Resolution
hieß,  in  der  Vorlage  ein  „neues  Sozialistengesetz"  und  eine  Bestätigung
der  Anfähigkeit  der  herrschenden  Klassen  erblickten,  durch  Reformarbeit
wahrhaft  kulturell  zu  wirken,  daß  sie  gegen  die  Bestrebungen,  die  auf  Linkerdrückung
  von  Freiheit  und  Gerechtigkeit  hinausliefen,  energisch  Protest  erhöben ­
  und  jeden,  der  im  Reichstag  dem  Machwerk  zustimme,  für  einen
Feind  der  Kultur  und  des  Volkes  betrachteten.
Die  Vorlage  fiel,  und  es  kam  im  Spätherbst  1895  der  Köller-Streich.
Wie  schnell  und  kräftig  ihn  die  Arbeiterschaft  Berlins  parierte  und  von
ihrer  prompt  erfolgten  Antwort  in  zwölf  Volksversammlungen  ist  in
einem  anderen  Kapitel  (Kapitel  3,  S.  81  ff.)  geschildert.  Der  Vollständigkeit
halber  sei  jedoch  dieses  besonders  eindrucksvollen  Protestes  auch  hier  gedacht.
        <pb n="171" />
        Oer  IW.icht«  Mnn  aus  d-r  «SerSftatt  in  der  Versammlung  der  Ordramjofrtunde.
81.  Satirische  Illustration  aus  einer  illustrierten  Agitationszeitschrift  der
Buchhandlung  Vorwärts
(Vgl.  die  Ansprache  Wilhelms  ».  vom  6.  Dezember  1902)
        <pb n="172" />
        174

Als  im  Jahre  1896  das  Bürgerliche  Gesetzbuch  im  Reichstag  zur
Annahme  kam,  wurden  von  sozialdemokratischer  Seite  stark  besuchte  Franenversammlungen
  veranstaltet,  in  denen  gegen  die  Bestimmungen  des  Gesetzbuchs ­
  protestiert  wurde,  durch  welche  insbesondere  die  Frauen  und  Mädchen
der  Arbeiterklasse  rechtlich  und  in  sonstiger  Linsicht  benachteiligt  wurden.
Gegen  die  Lex  Recke  zur  Erwürgung  des  Vereinsrcchts  in  Preußen,
die  im  Frühjahr  1897  das  Licht  der  Welt  erblickte,  legten  im  Mai  und
Juni  jenes  Jahres  verschiedenartige  Versammlungen  der  Berliner  Arbeiter
Protest  ein.  Den  Anfang  machten  am  20.  Mai  14  große  Volksversammlungen, ­
  die  von  der  politischen  Partei  veranstaltet  waren,  und  an  sie  schlossen
sich  in  den  nun  folgenden  Wochen  weitere  Proteswersammlungen,  insbesondere ­
  am  9.  Juni  eine  Reihe  gewerkschaftlicher  Massenversammlungen,
an,  die  alle  der  Abwehr  jenes  Reaktionsversuches  gewidmet  waren.
Am  21.  Februar  1898  protestierten  fünf  gewerkschaftliche  Massenversammlungen ­
  in  Berlin  und  ebensolche  Versammlungen  in  Charlottenburg ­
  und  Schöneberg  sowie  in  den  folgenden  Tagen  Gewerkschaftsversammlungen ­
  in  Nixdorf  und  Spandau  gegen  das  fünf  Wochen  vorher  vom
„Vorwärts"  bekanntgegebene  geheime  Rundschreiben  des  Grafen  Posadowsky
  vom  13.  Dezember  1896,  das  von  den  Behörden  und  Unternehmern
Gutachten  darüber  einforderte,  ob  nicht  ein  erhöhter  Schutz  gegen  „Mißbrauch ­
  des  Koalitionsrcchts  seitens  der  Arbeiter"  notwendig  sei.  Ein  zweites
Mal  traten  1898  die  Berliner  Gewerkschaften  mit  Proteswersammlungen  in
Aktion,  als  am  5.  September  Wilhelm  II.  in  Oeynhausen  ein  Zuchthausgesetz ­
  gegen  „Verführung  zum  Streik,  Streikzwang  und  dergleichen"  ankündigte, ­
  und  als  die  angekündigte  Zuchthausvorlage  am  1.  Juni  1899
vor  den  Reichstag  gebracht  wurde,  antwortete  am  7.  Juni  die  Berliner
Arbeiterschaft  in  19  bis  zum  Erdrücken  gefüllten  Massenversammlungen  mit
geharnischtem  Protest  gegen  dieses  „Produkt  krassesten  Klassenvorurteils"
und  „Attentat  auf  das  Koalitionsrecht".  Die  überall  mit  Begeisterung
angenommene  Resolution,  in  der  der  Gesetzentwurf  solchermaßen  gekennzeichnet ­
  wurde,  hob  noch  besonders  als  Beweis  für  dessen  „Feindseligkeit
gegen  die  berechtigte  Selbsthilfe  der  Arbeiter"  den  Satz  aus  seiner  Begründung ­
  hervor,  daß  es  sich  gerade  bei  den  Arbeitswilligen  „um  ruhige,
in  die  Staatsordnung  sich  schickende,  für  den  Staat  besonders  nützliche ­
  Elemente  handelt,  welche  in  ihren  mit  den  Staatsinteressen  zusammenfallenden ­
  persönlichen  Interessen  wirksam  zu  schützen  eine  wichtige  und  dringliche ­
  Aufgabe  der  Staatsgewalt"  sei.  Auch  in  diesem  Falle  folgten  die
Vororte  dem  Berliner  Beispiel,  und  ebenso  hielten  noch  die  Arbeiter  einzelner ­
  Berufe  besondere  Protestversammlungen  ab.
Nachdem  schon  gelegentlich  einer  Vorlage  auf  Erhöhung  der  deutschen ­
  Kriegsflotte,  die  im  Winter  1897/98  zur  Verhandlung  und  Annahme ­
  kam,  in  Berliner  Volksversammlungen  Protest  erhoben  worden
war  (so  unter  anderen  am  1.  Februar  1898),  gab  die  noch  keine  zwei
Jahre  später  —  am  26.  Januar  1900  —  dem  Reichstag  unterbreitete
neue  Flottenvorlage,  wonach  die  Schlachtflotte  und  der  Bestand  an
großen  Auslandsschiffen  des  Reichs  verdoppelt  werden  sollten,  das
Signal  zu  einer  besonders  eindrucksvollen  Gegendemonstration.  Am  7.  Februar ­
  1900  fanden  in  Berlin  und  einigen  Vororten  —  andere  Vororte
folgten  tags  darauf  und  weiterhin  —  19  große  Volksversammlungen  statt.
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        175

die  gegen  die  erneute  Flottenvermehrung  ihre  Stimme  erhoben.  Es
sind  dies  die  Versammlungen,  die  bekannte  Gelehrte  und  nationalistische
Politiker  als  Anwälte  der  Flottenvermehrung  auftreten  sahen,  ohne  daß  es
jedoch  diesen  „Flottenprofessoren"  gelang,  die  Berliner  Arbeiter  umzustimmen.
Die  überall  gegen  vereinzelte  Stimmen  beschlossene  Resolution  begründete
die  Verwerfung  mit  dem  Linweis,  daß  das  Ergebnis  der  Vermehrung  der
Flotte  erhöhte  Reibungen  mit  anderen  Ländern  und  erhöhte  Steuern  für
das  Volk  bedeuten  werde.
Gegen  eine  damals  an  den  preußischen  Landtag  gelangte  und  von
diesem  auch  zum  Gesetz  erhobene  Steuervorlage,  die  die  Geschäftsumsätze ­
  der  Warenhäuser  einer  Sondersteuer  unterwirft,  protestierten
am  9.  März  1900  die  Landelsangestellten  Berlins  in  einer  Massenversammlung. ­

In  den  Jahren  1901,  1902  und  1903  sind  es  die  Vorgänge,  die  sich
an  die  Vorberatung,  Beratung  und  Durchpeitschung  des  neuen  Zolltarifs ­
  knüpfen,  welche  Protestversammlungen  der  Berliner  Arbeiterschaft
zur  Folge  haben.  Schon  gleich  nachdem  die  ersten  Nachrichten  über  die
Zollerhöhungen  bekannt  wurden,  welche  der  im  Reichsschatzamt  ausgearbeitete
Tarifentwurf  dem  Reichstag  vorschlagen  sollte,  nahmen  die  Arbeiter  Berlins
am  21.  Januar  1901  in  26  Volksversammlungen  Resolutionen  gegen  die
geplante  Erhöhung  der  Getreidezölle  an,  in  denen  die  Lebcnsmittelzölle
  als  die  schwerste  und  ungerechtfertigteste  Belastung  des  Volkes,  sowie
als  Erschwerungen  des  Güteraustausches  der  Nationen  bezeichnet  wurden
und  ihre  gänzliche  Beseitigung  gefordert  wurde.  Am  20.  September  1901
fand  eine  Protestversammlung  von  Arbeiterfrauen  statt  gegen  die  Verteuerung ­
  von  Milch  und  Fleisch  durch  agrarische  Ringe  und  die  von  den
Agrariern  erwirkten  Grenzsperren;  das  Aufschnellen  der  Fleischpreise  während
des  Jahres  1902  führte  im  Äerbst  1902  zu  verstärkten  Protestäußerungen
in  diesem  Sinne.  Am  11.  September  1902  fanden  in  Berlin  17  Protestversammlungen ­
  größten  Stils  statt,  in  denen  eine  sehr  starke  Erbitterung
über  den  „FleischWucher"  zutage  trat  und  erneuter  Protest  gegen  die
neuen  Lebensmittelzölle  erhoben  wurde;  Versammlungen  gleichen  Charakters
folgten  im  zweiten  Teil  des  September  und  im  Oktober  in  Vororten  und
Nachbarorten,  und  am  10.  November  beschäftigten  sich  aufs  neue  zehn
große  Versammlungen  in  Berlin  mit  der  Abwehr  gegen  die  Verteuerung
der  Lebensmittel  unter  Betonung  des  Werts  der  Arbeiterkonsumvereine  in
diesem  Kampfe.  Am  letztgenannten  Tage  und  am  11.  November  fanden
außerdem  zwei  große  Arbciterinnenversammlungen  statt,  in  denen  die  Vorkämpferin ­
  der  österreichischen  Arbeiterinnen,  Frau  Adelheid  Popp  aus
Wien,  referierte  und  die  gleichfalls  das  Thema  der  Fleischnot  auf  der
Tagesordnung  hatten.
Mittlerweile  hatten  die  Kämpfe  um  den  Zolltarif  im  Reichstag  zur
gewaltsamen  Abänderung  der  Geschäftsordnung  durch  die  schutzzöllnerische
  Reichstagsmehrheit  geführt.  Sie  ward  von  der  Sozialdemokratie
Berlins  mit  einem  Massenprotest  beantwortet,  der  das  bis  dahin  größte
Aufgebot  für  eine  Aktion  dieser  Art  in  Bewegung  brachte.  In  28  Volksversammlungen, ­
  die  sämtlich  vor  Beginn  überfüllt  waren,  protestierte  am
4.  Dezember  1902  die  Arbeiterschaft  Berlins  gegen  die  verfassungswidrige
Zerttümmerung  der  Geschäftsordnung  des  Reichstags,  durch  die  eine  er-
        <pb n="174" />
        176

schöpfende  Beratung  des  Zolltarifs  in  seinen  Einzelheiten  gewaltsam  verhindert ­
  und  das  Recht  der  Minderheit  mit  Füßen  getreten  worden  sei.
„Die  Arbeiterschaft  Berlins",  heißt  es  in  der  Resolution,  „Protestiert
entrüstet  gegen  diesen  parlamentarischen  Staatsstreich  der  Mehrheit,  gegen
die  Vergewaltigungen  und  Beschimpfungen  und  spricht  den  Vertretern  der
Sozialdemokratie,  als  den  wahren  Volksvertretern,  ihren  Dank  und  ihre
Bewunderung  aus  fiir  die  unermüdliche  Tapferkeit,  mit  der  sie  die  Interessen ­
  des  Proletariats  gegen  die  Anschläge  der  Junker,  Pfaffen  und  Scharfmacher ­
  verteidigt  haben."  Nachdem  der  Zolltarif  in  der  Nacht  vom  13.  zum
14.  Dezember  durchgejagt  war,  vertagte  sich  der  Reichstag,  so  daß  eine
unmittelbar  darauf  veranstaltete  Antwort  der  Berliner  Arbeiterschaft  in  seiner
Abwesenheit  erfolgt  wäre.  Kaum  jedoch,  daß  der  Reichstag  wieder  zusammengetreten ­
  war,  wurde  in  32  Volksversammlungen  in  verschärfter  Form  gegen
die  verfassungswidrige  Art  der  Fertigstellung  dieses  Gesetzes  protestiert  und
die  Wählerschaft  aufgefordert,  den  Protest  dadurch  wirksam  zu  machen,  daß
sie  bei  der  bevorstehenden  Reichstagswahl  die  Sozialdemokratie  nach  Möglichkeit ­
  in  ihrem  Kampf  unterstütze.
Zum  großen  westfälischen  Bergarbeiterstreik  von  1905  nahmen  am
24.  Januar  1905  die  Berliner  Arbeiter  in  28  Versammlungen  Stellung,
indem  sie  den  Streikenden  ihre  Sympathie  ausdrückten,  ihnen  materielle
Lilfe  in  Aussicht  stellten,  die  dann  auch  in  reichlichem  Amfange  von  Berlin
geleistet  wurde,  ein  Reichsberggesetz  verlangten,  das  den  Arbeiter  in  bezug
auf  Löhnung,  Arbeitszeit,  Gesundheitsschutz  usw.  sicherstellen  müsse,  und
die  Forderung  der  Verstaatlichung  der  Bergwerke  wiederholten.
Am  8.  August  1905  fanden  wiederum  26  Volksversammlungen  in
Sachen  der  Fleischvcrteuerung  statt,  die  insbesondere  die  Aufhebung
der  Grenzsperre  verlangten.  Am  3.  November  protestierten  die  Tabakarbeiter ­
  Berlins  gegen  die  in  der  famosen  Reichsfinanzreform  des
Staatssekretärs  v.  Stengel  vorgeschlagene  Erhöhung  der  Tabaksteuer.
Am  21.  November  demonstrierte  eine  große  Versammlung  von  Gastwirtsgehilfen ­
  für  Ausdehnung  des  Arbeiterschutzes  im  Gastwirtsgewerbe, ­
  und  am  17.  Dezember  protestierten  die  Brauereiarbeiter
gegen  die  in  der  Stengelschen  Vorlage  gleichfalls  verlangte  Erhöhung
der  Brausteuer.
Damit  ist  die  Reihe  der  wichtigsten  Demonstrationen,  die  entweder
ausschließlich  oder  doch  in  erster  Linie  an  die  Adresse  der  Gesetzgeber
gerichtet  waren,  erschöpft.  Es  kann  selbstverständlich  hier  nicht  ihre  mittelbare ­
  oder  unmittelbare  Wirkung  auf  die  Gesetzgebung  untersucht  werden.  Wer
sich  aber  mit  der  Geschichte  der  Gesehgebungsmaterien  beschäftigt,  auf  die
sie  sich  bezogen,  der  wird  sich  überzeugen,  daß  zwischen  den  Demonstrationen
und  dem  Gang  der  Gesetzgebung  ein  viel  engerer  Zusammenhang  besteht,
als  es  mancher  sich  vorstellen  mag.  Gewiß  wird  eine  einzelne  Oppositionspartei ­
  nur  ganz  ausnahmsweise  durch  Versammlungen  die  Geschgebungs-Mehrheit
  direkt  und  sofort  zu  Maßnahmen  in  ihrem  Sinne  bewegen.  In
der  Regel  ist  schon  viel  erreicht,  wenn  es  ihr  gelingt,  eine  öffentliche
Meinung  zu  schaffen  oder  zu  verstärken,  deren  Einfluß  sich  auch  die
Mehrheitsparteien  und  die  auf  sie  gestützten  Gesetzgeber  nicht  entziehen
können.  Doch  sind  immerhin  eine  ganze  Anzahl  von  Gesetzesentwürfen,
gegen  welche  die  Berliner  Versammlungen  Protestresolutionen  faßten
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        177

—  man  denke  z.  B.  an  die  Amsturzvorlage,  die  Lex  Recke,  das  Zuchthausgesetz ­
  —  in  der  Folge  entweder  ganz  beseitigt  oder  im  Sinne  oder
wenigstens  in  der  Richtung  des  Protestes  abgeändert  worden,  und  ebenso
sind  gesetzgeberische  Maßnahmen  ganz  oder  teilweise  verwirklicht  worden,
zugunsten  deren  die  Berliner  Arbeiter  demonstriert  haben.
Selbstverständlich  waren  in  den  meisten  dieser  Fälle  die  Berliner  Demonstrationen ­
  nicht  die  einzigen  im  Lande,  aber  sie  waren  in  den  häufigsten
Fällen  die  bei  weitem  größten  und  wirkungsvollsten,  und  gewöhnlich  war  es
auch  Berlin,  das  den  anderen  Ortschaften  das  Signal  gab.  Aber  den  Anteil
nun,  den  die  Demonstrationen  an  der  Gestaltung  des  Schicksals  der  einzelnen
gesetzgeberischen  Maßnahmen  hatten,  werden  die  Schätzungen  auseinandergehen, ­
  in  dem  einen  oder  anderen  Fall  wird  man  ihn  vielleicht  äußerst
gering  ansetzen  müssen.  Aber  damit  würde  der  allgemeine  Wert  der
Demonstrationen  noch  nicht  verneint  werden.  Wie  vielfach  in  Natur  und
Wirtschaft,  so  braucht  es  auch  in  der  Politik  oft  des  Zusammenwirkens
sehr  vieler  Kräfte,  sehr  viel  scheinbarer  Verschwendung,  um  bestimmte
Resultate  zu  erzielen.
2.  Demonstrationen  an  die  Adresse  der  Behörden.
Zum  Teil  noch  an  die  Gesetzgebung,  vornehmlich  aber  an  die  städtische
Verwaltung  und  die  Staatsbehörden  als  Verwaltungsorgane  richteten  sich
die  Demonstrationen,  die  in  Zeiten  größeren  Geschäftsdrucks  meist  in  Form
von  Versammlungen  von  Arbeitslosen  stattfanden  und  von  den  bezeichneten ­
  Körperschaften  Abhilfe  verlangten.  Diese  Versammlungen
waren  fast  ausnahmslos  sehr  stark  besucht  und  führten,  da  die  Polizei  bei
ihnen  ganz  besonders  scharf  aufzutreten  pflegte,  während  der  Zustand  der
Arbeitslosigkeit  naturgemäß  die  Gemüter  der  unter  ihm  Leidenden  nicht  kalt
läßt,  wiederholt  zu  Zusammenstößen  von  Deinonstrierenden  mit  der  Polizei.
Schon  das  Jahr  1891  sah  in  seinem  Beginn  solche  Arbeitslosenversammlungen. ­
  Der  Geschäftsausschwung,  der  um  das  Jahr  1888  eingesetzt ­
  hatte,  hatte  nicht  lange  vorgehalten.  Verschärft,  wenn  nicht  zum
Teil  verursacht  durch  das  damalige  starke  Steigen  der  Getreidepreise  stellte
sich  schon  im  Laufe  des  Jahres  1890  neuer  Geschäftsdruck  ein  und  mit
ihm  ganz  besonders  während  des  Winters  bittere  Not  bei  den  Beschäftigungslosen. ­
  Es  fanden  daher  am  13.  Januar  1891  in  zwei  großen  Sälen
Berlins  Arbeitslosenversammlungen  statt,  die  ungemein  stark  besucht  waren
und  Resolutionen  annahmen,  in  denen  die  Zahl  der  Arbeitslosen  Berlins
aus  70  000  angegeben  wurde.  Die  Resolutionen  stellten  an  die  Behörden
die  Forderung,  durch  beschleunigte  Inangriffnahme  schon  beschlossener
und  notwendiger  Bauten,  Beschäftigung  von  Arbeitslosen  bei  der  Straßenreinigung ­
  usw.  der  Arbeitslosigkeit  zu  steuern  und  zur  Linderung  der  Not
wenigstens  den  Kindern  in  den  Volksschulen  täglich  zwei  Portionen  warmes
Essen  verabfolgen  zu  lassen.  Die  Resolution  kam  in  Forin  einer  Petition
am  22.  Januar  vor  die  Stadtverordnetenversammlung,  ward  aber  von
dieser  mit  großer  Mehrheit  abgelehnt,  worauf  am  28.  Januar  von  neuem
zwei  Arbeitslosenversammlungen  —  die  eine  in  der  Lippsschen  Brauerei  im
Nordosten,  die  andere  in  der  Bockbrauerei  im  Süden  Berlins  —  stattfanden, ­
  welche  beide  noch  stärker  besucht  waren  als  die  ersten,  und  sich  mit
der  Widerlegung  und  Zurückweisung  der  Einwände  befaßten,  die  von  den
Bernstein,  Berliner  Geschichte.  III.  ^
        <pb n="176" />
        178

Wortführern  der  bürgerlichen  Parteien  in  der  Stadtverordnetenversammlung
gegen  die  Angaben  und  Forderungen  der  Petition  ins  Feld  geführt
worden  waren.  Sie  legten  diese  Abwehr  in  Resolutionen  nieder,  die  aufs
neue  und  eindringlich  die  Forderung  auf  Abhilfe  erhoben.  Aber  das
Resultat  blieb  das  gleiche.  Auch  die  zweite  Petition  ward  am  12.  Februar
von  der  Stadtverordnetenversammlung  abgelehnt.  Noch  herrschte  im  Roten
Lause  die  Manchesteridee  fast  unbeschränkt.  Die  freie  Konkurrenz,  das  sich
selbst  überlassene  Walten  der  wirtschaftlichen  Kräfte  sollten  durch  keine  irgendwie ­
  durchgreifenden  Gegenmaßregeln  beeinträchtigt  werden,  dann  werde  die
Peilung  um  so  schneller  kommen.  Mit  Trostesworten  dieser  Gattung  und
dem  Pinweis  darauf,  daß  in  äußersten  Fällen  Almosen  verabfolgt  werden
würden,  wurden  die  Arbeitslosen  abgespeist.
Die  Peilung  kam  aber  nicht  so  schnell.  Der  Winter  1891/92  sah  noch
größeren  Notstand  und  demgemäß  in  erhöhtem  Grade  den  Drang,  für  Abhülfe ­
  zu  demonstrieren.  Am  8.  Januar  1892  fanden  denn  auch  in  den  glcicken
Räumen  wie  im  Vorjahr  wieder  zwei  große  Arbeitslosenversammlungen
statt,  die  die  Forderung  auf  Abhilfe  erhoben.  Sie  nahmen  äußerlich  eiuen
ruhigen  Verlaus  und  —  blieben  von  den  Behörden  unberücksichtigt.  Zum
Teil  deshalb  endete  eine  gegen  sieben  Wochen  später  veranstaltete  Demonstration ­
  arbeitsloser  Bauhandwerker  weniger  harmlos.  Nach  Schluß
der  Versammlung,  die  der  Auflösung  verfiel,  zogen  Trupps  meist  jüngerer
Arbeitsloser  und  solcher  junger  Burschen,  die  sich  überall  einfinden,  wo  es
außergewöhnliches  gibt,  in  die  innere  Stadt  nach  den  Linden  und  dem
Schloß  zu.  Anterwegs  und  auf  dem  Schloßplatz  kam  es  zu  Zusammenstößen
zwischen  den  einzelnen  Trupps  und  den  sie  auseinandertreibenden  Schutzleuten,
wobei  den  letzteren  aus  der  Menge  heraus  mit  Steinwürfen  geantwortet
wurde.  Auch  wurden  einige  Läden  mit  Nahrungsmitteln  geplündert.
Das  alles  entsprach  so  wenig  der  von  der  Sozialdemokratie  verfochtenen
und  den  Arbeitern  eingeprägten  Verhaltungsweise,  daß  sich  in  sozialistischen
Kreisen  sofort  der  Verdacht  regte,  Lockspitzel  müßten  bei  der  Sache  die
Land  im  Spiele  gehabt  haben,  und  der  „Vorwärts"  gab  dem  auch  unverhohlen ­
  Ausdruck  und  sprach  sich  über  die  Teilnehmer  an  den  Trupps  höchstwegwerfend
  aus.  Es  seien  fast  nur  halbwüchsige  Burschen  und  von
zweifelhaften  Gestalten  geführtes  Straßengesindel  —  „Ballonmützen"  —
gewesen.  Das  ward  ihm  sehr  verargt,  und  namentlich  die  damals  noch
ziemlich  zahlreichen  Unabhängigen  zogen  in  ihrem  Organ  und  in  Versammlungen ­
  heftig  gegen  diese  vermeintliche  Beschimpfung  notleidender  Proletarier
los.  Indes  waren  es  tatsächlich  fast  nur  junge  Leute,  die  wegen  der  Exzesse
sistiert  wurden  und  später  —  am  19.  und  22.  März,  am  9.  und  26.  April
und  am  2.  und  3.  Mai  1892  —  vor  Gericht  kamen,  das  ungemein  hohe
Strafen  über  sie  verhängte.  Der  „Vorwärts"  hatte  zu  starke  Verallgemeinerung ­
  geübt,  aber  nicht  unrichtig  geurteilt,  wenn  er  behauptete,  daß
die  eigentlichen  Arbeitslosen  bei  den  Zügen  in  die  innere  Stadt  gar  nicht
beteiligt  gewesen  seien.  Daß  dies  auch  die  Meinung  vieler  Arbeiter  war,
zeigte  sich  in  einer  zweiten  Versammlung  arbeitsloser  Bauhandwerker,  die
ani  12.  März  1892  im  großen  Saal  der  Brauerei  Tivoli  stattfand.  Es
kam  daselbst  wegen  der  Behauptungen  des  „Vorwärts"  zu  lebhaften  Auseinandersetzungen ­
  mit  den  Unabhängigen,  aber  nur  eine  Minderheit  der
Versammlung  stimmte  den  Angriffen  dieser  auf  den  „Vorwärts"  bei.
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        180

Große  Arbeitslosendemonstrationen  gab  es  auch  in  den  Wintermonaten
  der  nun  folgenden  Jahre  1892/93,  1893/94  und  1894/95.  Teils
hielten  die  beschäftigungslosen  Angehörigen  bestimmter  Berufe  Arbeitslosenversammlungen ­
  ab,  teils  veranstalteten  die  Vertrauensmänner  der
politisch  organisierten  Arbeiterschaft  allgemeine  Arbeitslosenversammlungen.
3m  letzteren  Falle  mußten  nach  und  nach  immer  mehr  Säle  genommen
werden,  um  die  Zahl  der  zu  erwartenden  Teilnehmer  zu  fassen.  Dabei
war  es  Regel,  daß  man  die  Arbeitslosenversammlungen,  um  ihnen  ihren
wahren  Charakter  zu  sichern,  d.  h.  um  erkennen  zu  lassen,  daß  die  Besucher
wirklich  beschäftigungslos  waren,  in  die  Arbeitsstunden  eines  Werktages
verlegte,  so  daß  cs  in  Arbeit  stehenden  Personen  schwer  möglich  war,  an
ihnen  teilzunehmen.  Anfang  1893  fanden  an  zwei  Tagen  —  am  18.  und  am
25.  Januar  —  je  vier  solcher  Versammlungen  statt,  die  jedesmal  die  Säle
füllten.  Sie  waren  von  sozialdemokratischer  Seite  einberufen  und  nahmen
einen  ruhigen  Verlauf.  Anders  eine  im  Jahre  1894  von  anarchistischer
Seite  ebenfalls  auf  den  18.  Januar  einberufene  Arbeitsloscnversammlung.
Sie  sollte  im  Saale  der  Brauerei  Friedrichshain  stattfinden  und  hatte  so
starken  Besuch,  daß  der  mächtige  Saal  schon  lange  vor  der  Eröffnung  überfüllt ­
  war,  konnte  aber  nicht  eröffnet  werden,  weil  der  Einberufer,  der
Schlosser  Rodrian,  ausblieb.  Es  hieß  damals,  daß  er  kurz  vor  der  angesetzten ­
  Zeit  plötzlich  verhaftet  werden  sollte.  Die  Versammelten  wurdeir
nun  von  einem  Genossen  des  Einberufers  ersucht,  das  Lokal  in  aller  Ruhe
wieder  zu  verlassen.  Sie  kamen  dem  auch  willig  nach.  Als  aber  die  sich
langsam  aus  dem  Saal  entfernenden  Massen  draußen  nicht  schnell  genug
auseinandergingen,  ließen  die  an  verschiedenen  Stellen  postierten  Polizeioffiziere ­
  Berittene  in  sich  stauende  Laufen  hineinreiten  und  mit  Gummischläuchen ­
  und  flachen  Säbeln  Schläge  austeilen.  Selbst  die  Berichterstatter ­
  der  bürgerlichen  Blätter  hatten  übereinstimmend  den  Eindruck,
daß  für  die  Gewaltsamkeiten  der  Polizei  kein  zwingender  Anlaß  im
Verhalten  der  Menge  vorlag,  daß  im  Gegenteil  die  Polizeimaßnahmen ­
  meist  erst  Stauungen  verursachten,  und  daß  in  Einzelfällen  sogar
Arbeiter  und  sonstiges  Publikum  von  andrängenden  Polizisten  anderwärts
postierten  Polizeimannschaften  geradezu  wie  in  eine  Falle  entgegengetrieben
Wurden.  Liberale  Zeitungen  verschiedener  Schattierungen  äußerten  sich  kaum
weniger  scharf  wie  die  anarchistischen  und  sozialdemokratischen  Blätter  über
die  Polizei,  und  so  mußten  am  8.  und  9.  Mai  1894  die  Redakteure  Grüttefien
und  Paul  vom  „Berliner  Tageblatt",  der  Redakteur  Wißberger  von
der  „Berliner  Zeitung"  und  der  Redakteur  Wilhelm  Schütte  von  der
„Allgemeinen  Fahrzeitung"  neben  den  sozialistischen  Redakteuren  Robert
Schmidt  („Vorwärts"),  Max  Zachatl  („Sozialdemokrat")  und  Gustav
Keßler  (Volksblatt  für  Teltow-Beeskow)  sowie  dem  anarchistischen  Redakteur
Harnisch  vor  dem  Landgericht  Berlin  erscheinen,  um  sich  gegen  die  Anklage
zu  verteidigen,  die  Polizei  im  allgemeinen  und  den  Polizeipräsidenten  im
speziellen  schwer  beleidigt  zu  haben.  Bei  der  Verhandlung  legte  der  Vorsitzende, ­
  der  Landgerichtsdirektor  Brausewetter,  eine  so  hochgradige  Unfähigkeit ­
  an  den  Tag,  seine  Geringschätzung  der  Presse  und  Feindseligkeit
gegen  die  Sozialdemokratie  zu  bemeistern,  daß  dies  allein  ihn  als  untauglich ­
  zum  Richter  kennzeichnen  mußte.  Wahrscheinlich  war  aber  der  später
in  Wahnsinn  verfallene  Mann  schon  damals  nicht  normal.  And  unter
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        181

der  Anleitung  dieser  Persönlichkeit  wurden  die  Angeklagten  Grüttefien,
Paul  und  Schütte  zu  beträchtlichen  Geldstrafen,  Larnisch,  Keßler,  Schmidt,
Wißberger  und  Zachau  zu  Gefängnis  von  zwei  bis  fünf  Monaten  verurteilt, ­
  obwohl  ihre  Behauptungen  durch  Aussagen  von  Polizisten  selbst
als  zutreffend  erwiesen  wurden.  Übereifer  und  Ungeschick  der  Polizei
waren  schuld  gewesen,  daß  viele  gutwillige  Passanten  in  der  brutalsten
Weise  gemißhandelt  worden  waren.
Mehr  noch.  Der  von  einigen  der  erwähnten  Blätter  geäußerte  Verdacht, ­
  daß  Lockspitzelei  bei  der  Sache  im  Spiel  gewesen  sei,  hatte  schon  vorher
Bestätigung  erhalten  durch  das  am  23.  Januar  1894  in  einer  Anarchistenversammlung ­
  abgelegte  Bekenntnis  des  Metalldrehers  Emil  Brandt,
daß  er  sich  vom  Polizeikommissar  Röber  zu  Spitzeldiensten  scheinbar  habe
anwerben  lassen,  und  daß  das  Geld,  das  er  von  diesem  erhalten  habe,
unter  anderem  dazu  benutzt  worden,  den  —  in  sehr  scharfen  Ausdrücken
gehaltenen  —  Aufruf  zu  der  Arbeitsloscnversammlung  zu  drucken.  Als
Zeuge  vernommen,  bekannte  Brandt  weiterhin,  daß  er,  von  Röber  nach
Mitteilungen  gedrängt,  diesem  allerhand  abenteuerliche  Dinge  über  den
Zweck  der  Demonstration  erzählt  und  Andeutungen  von  einem  Zug  durch  die
Straßen  und  dergleichen  fallen  gelassen  habe.  Ging  nun  daraus  auch  nicht
hervor,  daß  Brandt  im  Aufträge  des  Röber  den  „Lockspitzel"  gemacht
hatte,  so  bestätigte  es  doch  jedenfalls,  daß  Brandt  mit  Polizeigeld  Aufrufe ­
  in  die  Welt  gesetzt  hatte,  die  auf  jüngere  Leute  wie  Lockspitzelarbeit
wirken  mußten,  während  die  Polizei  auf  Grund  der  Angaben  dieses  unsicheren
Kantonisten  —  und  wahrscheinlich  auch  von  Berichten  berufsmäßiger  Spitzel
—  Maßnahmen  traf,  die  einen  Plan  voraussetzten,  von  dem  die  große
Masse  der  Demonstrierenden  nichts  wußte.  Außerdem  gaben  die  Polizeizeugen
  zu,  daß  Agenten  der  Polizei  in  Zivil  sich  unter  die  Menge  gemischt
hatten,  um  diese  zu  verwirren.  Damit  waren  die  tatsächlichen  Unterlagen
für  die  Behauptungen  der  Presse  nachgewiesen;  ihr  Arteil  strafen,  hieß
unter  diesen  Amständen  Vergewaltigung  der  Freiheit  der  Meinungsäußerung. ­

Vier  Tage  nach  der  Demonstration  vom  18.  Januar,  am  22.  Januar ­
  1894,  kam  im  Deutschen  Reichstag  eine  Interpellation  der  sozialdemokratischen ­
  Fraktion  in  Sachen  des  Notstandes  zur  Verhandlung,  bei  welcher
Gelegenheit  vom  Regierungsvertreter,  Staatssekretär  v.  Bötticher,  anerkannt
wurde,  daß  ein  Notstand  vorhanden  sei,  der  die  Betroffenen  „recht  hart"
bedrücke,  aber  jedes  Eingreifen  des  Reichs  abgelehnt  wurde,  da  man  über
die  Größe  des  Notstandes  und  seine  Stärke  in  den  einzelnen  Industrien  keine
genügende  Informationen  habe.  Am  Abend  des  22.  Januar  nahmen  die
Arbeiter  Berlins  in  fünf  großen  Volksversammlungen  Bericht  über  die
Reichstagsdebatte  entgegen,  die  sich  übrigens  noch  am  23.  Januar  fortspann, ­
  und  legten  gegen  die  Antätigkeit  der  Regierung  und  der  bürgerlichen
Parteien  scharfen  Protest  ein.  In  einer  dieser  Versammlungen,  im  großen
Saal  des  Eiskeller,  ließ  der  jugendliche  Dr.  Ladislaus  Gumplowih,  damals
Anarchist,  heute  aber  ein  geschätztes  Mitglied  der  polnischen  sozialistischen
Partei,  in  seiner  Entrüstung  über  das  lässige  Verhalten  der  Vertreter  von
Staat  und  Gesellschaft  gegenüber  der  Notlage  großer  Volksschichten  scharfe
Worte  über  den  Staat  als  Polizist  der  Ausbeuter  fallen,  wofür  er  aus  der
Versammlung  heraus  verhaftet  lind  dann  zu  der  ungeheuerlichen  Strafe  von
        <pb n="179" />
        182

anderthalb  Jahren  Gefängnis  verurteilt  wurde.  Eine  am  23.  Januar  im
Saal  der  Brauerei  Friedrichshain  abgehaltene  Versammlung,  die  sich
gleichfalls  mit  der  Notstandsfrage  befaßte,  verfiel  der  polizeilichen  Auflösung. ­
  Außer  etlichen  kleinen  Abhilfsmaßnahmen  städtischer  Behörden
geschah  nichts,  dem  Notstand  zu  Leibe  zu  gehen.  Zum  Glück  für  die
Arbeiter  brachte  endlich  das  Jahr  1895  einen  Llmschwung  im  Geschäftsgang, ­
  und  für  etliche  Zeit  war  die  Arbeiterschaft  Berlins  jeder  größeren
Sorge  für  Arbeitslose  ledig  und  konnte  den  nun  eingetretenen  und  fünf
Jahre  währenden  industriellen  Aufschwung  zum  Ausbau  ihrer  Organisationen
ausnutzen.  Als  dann  im  Jahre  1900  wiederum  der  Rückschlag  kam,  fand
er  die  organisierten  Arbeiter  in  der  Lage,  eine  gute  Weile  selbst  für  ihre
Beschäftigungslosen  zu  sorgen.  Anfang  1901  —  am  21.  Januar  —
hielten  die  Metallarbeiter  Berlins  eine  Arbeitslosenversammlung  ab,  der
am  3.  September  1901  eine  zweite  Versammlung  Arbeitsloser  dieses  Berufs
folgte.  Am  18.  November  des  gleichen  Jahres,  vormittags,  fanden  in
Berlin  acht  allgemeine  Arbeitslosenversammlungen  statt,  die  sämtlich  sehr
stark  besucht  waren,  und  im  Anschluß  daran  in  den  nächsten  Tagen  noch
Arbeitslosenversammlungen  in  Nachbarorten.  Auch  die  ersten  Monate  des
Jahres  1902  brachten  noch  einige  solcher  Versammlungen,  dann  aberzeigten
sich  Spuren  einer  erneuten  Besserung  des  Geschäftsganges  und  so  ward
von  Fortsetzung  dieser  Agitation  Abstand  genommen.  Ohne  daß  wirklicher
Notstand  vorlag,  veranstaltete  man  keine  Notstandsagitation.
Was  der  Arbeiterschaft  Berlins  fernerhin  wiederholt  Anlaß  zu  Protestdemonstrationen ­
  gab,  war  die  Verteuerung  der  Lebensmittel  durch  die
agrarische  Zollpolitik  und  sonstige  agrarpolitische  Maßnahmen  der
Reichs-  und  Staatsbehörden.  Im  Jahre  1891  stiegen  die  Getreidepreise
auf  eine  Löhe,  die  sie  seit  Mitte  der  siebziger  Jahre  nicht  gehabt  hatten.
Am  16.  Januar  forderten  eine  große,  auf  Tivoli  abgehaltene  Volksversammlung ­
  und  am  5.  Juni  acht  nicht  minder  stark  besuchte  Volksversammlungen ­
  Außerkraftsetzung  der  Getreidezölle,  die  wie  eine  Kopfsteuer  die
ärmeren  Volksklassen  bedrückten.  Die  Caprivischen  Landelsverträge  brachten
zwar  nicht  die  Beseitigung,  aber  immerhin  eine  Ermäßigung  der  Getreidezölle, ­
  und  im  übrigen  sorgten  bessere  Ernten  für  niedrigere  Preise,  wie
auf  dem  Weltmarkt,  so  auch  proportionell  in  Deutschland.
Erst  als  im  Jahre  1898  die  von  den  Agrariern  auf  Grund  von  Übertreibungen ­
  der  Seuchengefahr  durchgesetzte  verstärkte  Grenzsperre  gegen
die  Vieheinfuhr  zu  einer  erheblichen  Verteuerung  gerade  der  Fleischnahrung
der  kleinen  Leute,  des  Schweinefleisches,  gefiihrt  hatte,  regte  sich  die
Arbeiterklasse  Berlins  von  neuem  zum  Protest,  und  am  26.  Oktober'1898
demonstrierten  in  zwei  großen  Versammlungen  die  Arbeiterfrauen  Berlins,
am  8.  November  die  Arbeiterfrauen  Schönebergs  gegen  die  künstliche
Fleischverteuerung.
Das  Jahr  1900,  das  den  Löhe-  und  Wendepunkt  einer  wirtschaftlichen ­
  Prosperitätsperiode  von  ungewöhnlich  langer  Dauer  bildete,  trieb
auch  zwei  Begleiterscheinungen  solcher  Aufschwungsperioden  auf  ihre  Löhe:
Teuerung  der  Wohnungen  bezw.  Mangel  an  Wohnungen  für  die
Arbeiterklasse  und  Teuerung  notwendiger  Lebensmittel,  wozu  in  neuerer
Zeit  noch  die  Verteuerung  des  wichtigsten  Leizmaterials,  der  Kohle,
kommt.  Der  durch  die  Zölle  in  monopolähnliche  Lage  versetzte  Grundbesitz
        <pb n="180" />
        83.  Erste  Seite  eines  antisemitischen  Flugblattes  gegen  die  Sozialdemokratie

Ausruf!
3n  der  Blüthezeit  des  alten  Athen  bestand  dort  ein  Gesetz,  nach  dem  jeder  Bürger  rechtlos  wurde,
der  für  Las  Gemeinwesen  in  den  Zeiten  der  Gefahr  nicht  kräftig  eintrat.  Das  war  ein  gutes  Gesetz,  denn
es  führte  schnelle  Entscheidung  und  längere  Zeiten  der  inneren  Ruhe  herbei.
In  unseren  Tagen  beendet  sich  unser  deutsches  Vaterland  in  einer  Zeit  der  größten  Roth  und
Gefahr,  und  jeder  Deutsche  mutz  sich  dessen  bewirstt  sein,  von  welcher  Seite  die  Noth  gesteigert  wird
und  die  Gefahr  unaufhaltsam  hereinbricht.  Es  Mte  doch  füglich  keinen  deutschen  Mann  geben,  der  geneigt
wäre,  unser  Jahrtausende  altes  und  doch  immer  neu  und  kräftig  pulsirendes  Deutschthmn  preiszugeben
und  es,  wenn  es  von  fremdem  Recht  und  von  freinder  Sitte  unterdrückt,  eingeschränkt  oder  auch  nur  bedroht
ist,  nicht  mit  allen  Mitteln,  ja  selbst  mit  Darangabe  von  &amp;lt;8ut  und  Blut  zu  retten  und  zu  befreien.
Leider  aber  gilt  für  so  Viele  noch  immer  das  alte  Wort:  „Was  mich  nicht  brennt,  das  lösche  ich
Nichts  Ursprünglich  ist  es  ja  aus  altgermanischem  Trotze  und  Selbständigkeitsgefühl  hervorgegangen,  doch
heute  ist  es  der  Ausdruck  einer  unverantwortliche»  Kurzsichtigkeit.  Wenn  die  Gefahr  Dir  auch
heute  noch  nicht  unmittelbar  auf  den  Leib  rückt,  so  brauchst  Du  doch  nicht  lange  auf  sie  zu  warten.  Denn
wenn  die  Bürger  zusehen,  wie  Socialdemokraten  und  Freisinn  stch  im  öffentlichen  Leben  breit  machen,  wie
jedes  Amt  von  ihnen  besetzt  wird,  dann  können  zum  Schaden  des  soliden  Bürgers  nur  die  Geschäfte  storiren,
welche  von  den  Machthabern  geschützt  werden,  und  was  sind  dies  für  Geschäfte?  Ramschbazare  und  die  Börse.
Tausende  von  solide»  Existenzen  sind  vernichtet  worden.  Vielleicht  schon  morgen  kommst  Du
an  die  Reihe,  und  wenn  nicht  mehr  Du,  daun  gewiß  Deine  Familie,  Deine  Kinder!  —
Und  wie  verhält  sich  der  solide  Bürger  bei  dieser  Gefahr?  Das  lehren  uns  die  Wahlen.  Bei  der
letzten  Rcichstagswahl  im  6..Berliner  Wahlkreise  haben  z.  B.  65  808  Wähler  stch  betheiligt  und  80422
sind  zu  Hause  geblieben.  Die  Vorfrucht  der  Sozialdemokratie,  der  Freisinn,  hatte  sich  garnicht  bei  der
Wahl  bethätigt  und  unser  Kandidat,  Herr  Rechtsanwalt  Ulrich,  hat  nur  lO  490,  das  Centrum  1116,  die
Sozialdemokratie  63  896  Stimmen  erhalten,  wer  sind  nun  die  90  422  Wähler?  Die  solidesten,  die  sich  um
keine  Politik  kümmern;  ist  das  recht?  Die  Sozialdemokratie  geht  munter  vorwärts,  jeder  Arbeiter  in  den
Verbänden  zahlt  20  Pfennig  pro  Woche,  d.  h.  in  6  Jahren  also  zu  einer  Reichstagswahl  62  Mark.  Was
giebt  der  Leser?  Fast  nichts.  Hierdurch  kann  die  Sozialdemokratie  viele  Agitatoren  re.  unterhalten,  große
Gewerkschaftshäuser  bauen,  wo  die  Herren  nur  auf  den  Knopf  drücken,  um  die  Arbeiter  antreten  zu  lassen
und  bald  hier,  bald  dort  einen  Streik  zu  veranlassen.  Kann  durch  das  Verhetzen  die  Lage  der  Arbeiter
dauernd  gebessert  werden?  oder  werden  dadurch  nur  die  allgemeinen  Verhältnisse  in  die  Höhe  getrieben?
z.  B.  die  jetzige  Wohnungsnoth,  ist  der  Kapitalmarkt  allein  daran  Schuld  oder  auch  die  lautesten  Schreier
über  die  Wohnungsnoth?  Ein  Bau,  welcher  vor  15  Jahren  40  000  Mark  Arbeitslohn  kostete,  kostet  heute
65000  Mk.,  dazu  kommt,  daß  ein  Maurer  damals  700  bis  800  Steine  an  einem  Tage  vermauerte,  heute
aber  nur  300  bis  400  Steine,  d.  h.  eine  Verdopplung  des  hohen  Lohnes:  also  ein  Bau,  welcher  früher
40000  Mark  kostete,  erfordert  heute  130  000  Mark  Arbeitslohn.  Die  Folge  davon  ist.  daß  cs  sich  für
Niemand  mehr  lohnt,  Arbeiterwohnungen  zu  bauen.  Das  sind  die  Folgen  der  Hetzereien.
Wenn  der  Freisinn  die  Majorität  in  Preußen  hätte,  würden  die  Beamten  den  Unterschied  fühlen:
keine  Gehaltszulagen,  keine  Pension,  das  ist  des  Freisinnigen  Prinzip.  Wie  der  preußische  Kultusminister
        <pb n="181" />
        184

und  das  einem  Monopolverband  nahekommende  Kohlensyndikat  hielten  die
hohen  Preise  auch  noch  fest,  als  die  Geschäftskonjunktur  sich  zum  schlechteren
wendete.  So  erhoben  denn  am  7.  November  1900  in  zehn  großen  Versammlungen ­
  die  Arbeiter  Berlins  die  Forderung  an  Staat  und  Gemeinden, ­
  durch  bestimmte  durchgreifende  Gegenmaßregeln  dieser  Monopolwirtschaft ­
  das  Handwerk  zu  legen.
3.  Politische  und  gewerkschaftliche  Gelegenheitsdemonstrationen.
Eine  große  Zahl  von  Demonstrationen  der  Arbeiter  Berlins  galt  bedeutsamen ­
  Vorgängen  und  Kämpfen  in  einzelnen  Gewerben.  Auch
die  wichtigsten  dieser  Kampfäußerungen  seien  hier  aufgezählt.
Am  19.  April  1891  protestierte  eine  große,  im  Fcenpalast  abgehaltene
Volksversammlung  gegen  den  bis  dahin  geheim  gehaltenen  Bund  der
großen  Metallindustriellen  Berlins,  der  auf  Achtung  der  sozialistisch  und
gewerkschaftlich  sich  betätigenden  Arbeiter  abzielte  und  nach  seinem  Vorsitzenden, ­
  Fritz  Kühnemann,  dem  Mitinhaber  der  großen  Maschinenbau-
  und  Gießerei-Firma  Rösscmann  &amp;amp;  Kühncmann,  den  Beinamen
„Bund  derKühne  männer"  erhielt.  Was  die  Arbeiterschaft  noch  besonders
empörte,  war  die  Beteiligung  von  Staatswerkstätten  an  diesem  „Komplott".
Der  Winter  1891/1892  sah  einen  Kampf  im  deutschen  Buchdruckgewerbe,
wie  ihn  dieses  gleich  ausgedehnt  und  hartnäckig  bis  dahin  nicht  gekannt
hatte.  12  000  Gehilfen  kämpften  zehn  Wochen  für  eine  Verkürzung  des
Arbeitstages  auf  iteun  Stunden.  Am  6.  Januar  1892,  nachdem  der
Kampf  schon  über  acht  Wochen  gedauert  und  nahezu  zwei  Millionen
Mark  an  Llnterstützungsgeldern  gekostet  hatte,  drückten  die  Berliner  Arbeiter
in  vier  großen  Volksversammlungen  den  streikenden  Buchdruckern  ihre
sich  auch  sofort  in  Taten  umsetzende  solidarische  Gesinnung  aus.
Am  19.  Januar  1892  protestierte  eine  große  Versammlung  von
Handlungsgehilfen  und  -Gehilfinnen  gegen  den  Beschluß  des  Magistrats
und  der  Gewerbedeputation  der  Stadtverordnetenversammlung,  die  Arbeitszeit ­
  im  Berliner  Handelsgewerbe  an  Sonntagen  in  der  vollen  Dauer  fortbestehen ­
  zu  lassen,  welche  das  Zusatzgesetz  von  1891  zur  Gewerbeordnung
—  das  Arbeiterschutzgesetz  des  neuen  Kurses  —  als  die  höchste  zulässige
Arbeitszeit  bestimmt  hatte.
Am  13.  März  1892,  dem  Jahrestag  des  Todes  von  Karl  Marx,
hielt  die  Arbeiterschaft  Berlins  zu  Ehren  des  gefeierten  Vorkämpfers  eine
große  Gedächtnisversammlung  im  Saale  des  Feenpalastes  ab.  Lind  am
1.  Oktober  desselben  Jahres  feierte  sie  im  gleichen  Saale  die  Erinnerung
an  den  Ablauf  des  Sozialistengesetzes.  Am  24.  September  1893  hatte  sie
die  Freude,  den  Mitbegründer  der  Marxschen  Gesellschaftstheorie,  Marx'
treuen  Freund  und  Fortsetzer  Friedrich  Engels  persönlich  begrüßen  zu
dürfen  und  veranstalteten  zu  seinen  Ehren  einen  großen  Kommers.  Im
Jahr  1894,  wo  der  große  Bierboykott  spielte,  wurden  während  dieses
Kampfes  wiederholt  große  Demonstrationen  veranstaltet,  die  stets  eine
Vielheit  von  Sälen  (am  18.  Mai  9,  am  1.  Juni  13,  am  11.  Juli  31,  am
27.  Juli  39,  am  24.  August  37  und  am  16.  Oktober  27  Säle)  füllten.
Am  24.  September  1894  fanden  im  Hinblick  auf  die  ausstehende  Gewerbegerichtswahl ­
  11  Versammlungen  von  Wählern  zum  Gewerbegericht  statt,
die  gegen  den  juristisch-formalistischen  Betrieb  dieser  Gerichte,  zugleich  aber
        <pb n="182" />
        185

WOFÜR  DIE  INDIRECTEM
STEUERN  GEBRAUCHT
WERDEN

84.  Vergleichende  Darstellung  der  Verteilung  der  Steuerlasten  und  der  Verwendung ­
  der  Steuererträgnisse.  Flugblattillustration
auch  gegen  die  Einrichtung  weiterer  Jnnungsschiedsgerichte  protestierten.
Im  Jahre  1895  wurden  am  18.  Januar  zur  Erinnerung  an  die  weiter  oben
geschilderten  Gewalttaten,  welche  die  Polizei  ein  Jahr  vorher  am  Friedrichs-Hain
  verübt  hatte,  acht  Arbeitslosenvcrsammlungen  veranstaltet,  und  am
28.  Februar  1895  ward  in  acht  Volksversammlungen  gegen  die  damals
geplante  Erhöhung  der  Tabaksteuer  protestiert.  Auch  eine  am  11.  Juni
abgehaltene  Protestversammlung  der  Gewerbegerichtsbeisther  aus  der
Arbeiterklasse  ist  zu  erwähnen,  in  der  Protest  gegen  ein  Erkenntnis  des
Landgerichts  Berlin  erhoben  wurde,  wonach  die  Kolonnenführer  im  Puhergewerbe,
  die  im  Akkord  arbeiten  und  andere  Arbeiter  in  ihrer  Kolonne
auszahlen,  als  —  selbständige  Anternchmer  zu  betrachten  sein  sollten.  Ein
Erkenntnis,  das  sich  denn  auch  nicht  aufrechterhalten  ließ.
Am  28.  Oktober  1895  leiteten  vier  große  Demonstrationsversammlungen
der  Schneider  Berlins,  in  denen  gegen  das  Schwitzarbeitssystem  und
insbesondere  die  üblen  Wirkungen  der  Leimarbeit  in  der  Schneiderei  Stellung
genommenwurde,  eineBewegung  ein,  dic  großeWellen  schlagen  und  bedeutendes
Aufsehen  machen  sollte:  den  Kampf  der  Schneider  und  Schneiderinnen  der
Konfektionsgeschäfte  Berlins  und  anderer  Städte  Deutschlands.  Er
spielte  sich  in  den  ersten  Monaten  des  Jahres  1896  ab  und  gab  zu  wiederholter ­
  Veranstaltung  von  Simultan-,  d.  h.  zur  gleichen  Zeit  in  größerer-Zahl
  tagenden  Versammlungen  der  Arbeiter  dieser  ausgebreiteten  Industrie
Anlaß.  Die  Tagung  des  Internationalen  Frauenkongresses  in  Berlin
wurde  im  September  1896  sozialistischerseits  zur  Gelegenheit  genommen^
        <pb n="183" />
        186

in  drei  großen  Demonstrationsversammlungen  —  23.,  26.  und  27.  September ­
  —  den  Gegensatz  zwischen  Arbeiterinnenbewegung  und  bürgerlicher
Frauenbewegung  scharf  zu  kennzeichnen,  und  am  8.  Dezember  1896  gaben
die  Arbeiter  Berlins  in  sechs  ungewöhnlich  stark  besuchten  Versammlungen
ihrer  Solidarität  mit  den  einen  harten  Kampf  führenden  Lafe  narbeitern
Hamburgs  Ausdruck,  die  selbstverständlich  zugleich  in  tatkräftiger  Unterstützung ­
  bestand.
Ein  polizeilicher  Übergriff  gegen  ein  achtbares  Mädchen  aus  der
Arbeiterklasse  (Elise  Köppen)  ward  am  11,  18.  und  19.  Januar  1898  in
großen  Protestversammlungen  der  Frauen  und  Mädchen  der  Arbeiterklasse
mit  Resolutionen  beantwortet,  die  Aufhebung  der  Ausnahmebestimmungen
verlangten,  durch  welche  die  Frauen  als  unmündig  und  minderwertig  hingestellt ­
  werden,  und  am  22.  Januar  1899  beantwortete  eine  große  Volksversammlung ­
  die  Maßregelung  von  24  Setzern  der  Druckerei  des  „Berliner
Lokal-Anzeiger"  mit  der  Verhängung  des  Boykotts  über  dieses  Blatt,
ein  Beschluß,  der  alsdann  in  den  Versammlungen  der  Wahlvereine  und
vielen  sonstigen  Arbeiterversammlungen  bekräftigt  wurde.  Die  von  der
Reichsregiening  im  Jahre  1899  betriebene  Verstaatlichung  bezw.  Unterdrückung ­
  der  Privatposten  führte  am  19.  Februar  1899  eine  Protestversammlung
  der  Angestellten  der  Berliner  Packetfahrt-Gesellschaft  herbei.
Indes  setzte  die  Regierung  mit  Lilfe  von  Versprechungen,  die  dann  im
Jahre  1906  gebrochen  wurden,  die  Verstaatlichung  durch.  Am  9.  Mai  1900
protestierten  die  Arbeiter  des  Baugewerbes  in  Berlin  in  vier  großen  Versammlungen ­
  gegen  die  Aufnahme  der  Streikklausel  in  die  Verträge  der
Stadt  mit  den  Bauunternehmern  (die  Streikklausel,  wonach  ein  Streik  die
Unternehmer  ihrer  kontraktlichen  Verpflichtungen  enthebt,  wirkt  geradezu  wie
eine  Prämie  auf  Verweigerung  von  Lohnverbesserungen  u.  dergl.).  Am
16.  Dezember  1902  erhoben  die  Metallarbeiter  Berlins  in  vier  Riesenversammlungen ­
  Protest  dagegen,  daß  Arbeiter  aus  den  Kruppschen  Werken
entlassen  worden  waren,  weil  sie  eine  Ergebenheitsadresse  an  den  Kaiser  nicht
hatten  unterschreiben  wollen,  die  ihre  Spitze  gegen  die  Sozialdemokratie  richtete.
Im  Jahre  1903  protestierten  die  Arbeiter  Berlins,  am  13.  Oktober,
in  der  Zeit  des  Wahlkampfes  zum  preußischen  Landtage,  gegen  die  Festsetzung ­
  der  Wahlzeit  durch  die  Behörden  aus  den  frühen  Nachmittag,  was
beim  damals  noch  allgemein  obwaltenden  System  der  Terminswahl  vielen
abhängigen  Wählern  die  Wahlbeteiligung  unmöglich  machte.  In  Rixdorf,
wo  die  Wahlzeit  gar  auf  den  Vormittag  verlegt  worden  war,  fanden  am
19.  Januar  ebenfalls  drei  große  Protestversammlungen  statt,  und  aus
gleichem  Grunde  gab  es  auch  in  anderen  Nachbarorten  Berlins  solche
Demonstrationen.  Den  25.  Jahrestag  der  Proklamierung  des
Sozialistengesetzes  feierte  die  Arbeiterschaft  Berlins  am  21.  Oktober
1903  in  14  großen  Volksversammlungen,  in  denen  zumeist  solche  Parteimitglieder ­
  sprachen,  welche  den  Kampf  wider  das  Ausnahmegesetz  von
Anfang  an  mit  durchgekämpft  hatten.  In  23  Volksversammlungen  bekundeten ­
  die  Berliner  Arbeiter  am  17.  Dezember  1903  ihre  Solidarität
mit  den  in  Sachsen  —  Crimmitschau  und  Nachbarorten—  heldenhaft
für  den  Zehnstundentag  kämpfenden  Textilarbeitern,  und  wieder  bewiesen
reiche  Geldspenden  die  Echtheit  der  in  den  Versammlungen  kundgegebenen
Empfindungen.
        <pb n="184" />
        85  und  86.  Flugblatt  an  die  Beamten

Neichstagswähler  des
5.  Berliner  Wahlkreises!

Beamte!

Die  ReichstagSlvahl  steht  vor  der  Tür!
Mit  den  verlogensten  Mitteln  versucht  man
seitens  der  bürgerlichen  Parteien  die  Wähler  einzufangen. ­
  Insbesondere  sind  es  die  „kleinen
Beamten",  gegen  welche  echte  Bauernfängerstückchen
  verübt  werden.  Konservative  und  Freisinnige ­
  fliehen  jetzt  über  von  Beamtenfürsorge.
Auch  die  Regierung  gesellt  sich  diesem  Bunde  zu,
indem  sie  die  Nachricht  verbreitet,  sie  hätte  beabsichtigt, ­
  die  Gehälter  für  eine  Reihe  von  Beantten
auszubessern.  Dies  aber  ist  nichts  als  eine  dreiste
Wahllüge,  ein  Wahlmanöver  der  allerpliimpcsten
  Art,  denn  in  deni  dem  Reichstag
noch  vor  seiner  Auslösung  überreichten  Etat
für  1807  ist  von  keiner  Gehaltsaufbesserung
größeren  Stils  die  Rede.  Die  vorgesehenen
Aufbesserungen  beziehen  sich  lediglich  auf
höhere  Beamte.
Aus  ihre  Beamteufreundlichkeit  besann
sich  die  Regierung  erst  jetzt,  kurz  vor  der
Wahl,  um  die  Beamten  für  die  Freisinnigen
oder  Konservativen  zu  kapern,  welche  bisher
noch  in  keinem  Falle  für  diese  eingetreten  sind.
Einzig  die  sozialdemokratische  Reichstagssraktion
beschäftigte  sich  eingehend  und  nachdrücklich  mit
den  Gehalts-  und  Acbeitsvcrhältnissen  der  Postbeamten ­
  rc.  rc.  Alljährlich  sind  bei  der  Etatsberatung ­
  die  Mihstände  in  der  Poswerwaltung
rückhaltlos  besprochen.
Die  grohe  Zahl  der  Postproletarier,  die  bei
schwerer  Arbeit,  langer  Arbeitszeit  und
kargem  Lohn  im  Dienste  des  Staates  die
Millioncnübcrschüssc  jährlich,  vom  frühen
Morgen  bis  in  die  sinkende  Nacht  erarbeiten
müssen,  haben  einzig  bei  den  sozialdemokratischen ­
  Abgeordnete»  eine  energische  Vertretung
ihrer  Interessen  gesunden.  Die  übermäßige
Arbeitszeit,  die  mangelnde  Sonntagsruhe, ­
  der  für  die  Mehrzahl  der  Unterbeamten
  fehlende  Erholungsurlaub,  die

kärgliche  Entlohnung  der  nicht  sestangestellten
  Unterbeamten,  die  unzu
reichende  Gehaltssätze  der  etatsmäßig
Angestellten,  die  lange  Wartezeit  bis
zur  Anstellung,  die  häufig  schroffe  Be
Handlung  durch  die  Vorgesetzten,  kurz
alle  Klagen  und  Beschwerden  der  Unterbeamten ­
  wurden  einzig  von  den  Sozialdemokraten ­
  vertrete».
Sie  waren  es,  auf  deren  Antrag  im  Jahre  1897
bet  Bundesrat  vom  Reichstag  aufgefordert  wurde,
das  AnsangSgehalt  aller  etatsmäßig  angestellten
Poftunierbeamten  wesentlich  zu  erhöhen,  sowie  eine
entsprechende  Steigerung  der  GchaltSskala  eintreten
zu  lassen.  Die  Regierung  ist  dem  nicht  nachgekommen, ­
  dagegen  hat  sie,  einem  andern  Beschluß
der  konservativ  -  klerikal  nationalliberal  -  freisinnigen ­
  Reichstagsmajorität  nachkommend,
vorgeschlagen,  das  Gehalt  der  Staatssekretäre
von  24  000  aus  36  000  Mk.  zu  erhöhen.
In  dieser  Mißachtung  der  Notlage
der  Unterbeamten  fand  die  Regierung,  wie  bei
allen  ihren  beamtcnfeindlichcn  Bestrebungen,
die  Unterstützung  der  bürgerlichen
Parteien,  die  davor  warnten,  die  Beamten
noch  „begehrlicher"  zu  machen  und  die  Gehälter
als  der  „Lebensstellung  und  Geburt"  der
Beamten  entsprechend  bezeichneten.
Der  konservative  Führer  Gras  Limburg
Stirum  sprach-sogar  von  dem  „groben  Unfug",
den  die  Beamten  mit  ihren  Petitionen  treiben
und  bezeichnete  dies  einzige  Hülfsmittel  der  Beamten
  als  „eine  Art  von  Sport"  und  am
3.  Mai  1900  erklärte  der  Minister  von  Thielen
im  preußischen  Landtag!
„ES  ist  soweit  gekommen  —  mit
rühmlichen  Ausnahmen  —,  daß  die
einzelnen  Beamtenkategorien  es  für
ihre  Pflicht  gegen  Weib  und  Kind
und  gegen  sich  selbst  erachten,  nur  ia
        <pb n="185" />
        85  und  86.  Flugblatt  an  die  Beamten

nicht  auszuhören  und  locker  zu  lassen
in  dem  Wettbewerb  uni  die  Steigerung ­
  der  Beämtenbesoldungen."
Der  Staatsminister  a.  sD-  Falk  erließ  als
r^berlandesgerichtspräfident  an  ihm  unterstellte
Beamte  ein  Rundschreiben,  in  dem  es  heißt:
„Dieses  gemeinschastliche  Vorgehen ­
  ....  erscheint  ule  eine  nicht  zu
duldende  Untergrabung  der  dienstlichen ­
  Ordnung.
Einer  Weisung  des  Herrn  Justizininistcrs
  entsprechend  untersage  ich  daher
hiermit  die  Beteiligung  an  der  Petition
bei  Vermeidung  disziplinarischer  Maßregeln." ­

So  wird  den  Beamten  das  Pctitionsrecht
verkümmert,  gar  nicht  zu  reden  oon  den  Maßnahmen, ­
  mit  denen  dem  Koalitionsrecht  z«
Leibe  gegangen  wird.
Jahrelang  haben  die  Kämpfe  zwischen
Postvcrwaltung  und  dcnPostbcamtenvercinen
gedauert.  Offen  lvird  den  Beainten  erklärt,
sür  Euch  gilt  der  Spruch:  „Wessen  Brot  ich
Beamte!  Denkt  bei  der  Stimmabgabe  am  25.  Januar  daran,  gebt  den  Herren  die
Quittung  Wählt  sozialdemokratisch,  wählt
Lodert  Svdmiät.
Von  den  bürgerlichen  Parteien  habt  Ihr  nichts  zu  ersvarten  als  die
weitere  Verkümmerung  der  Euch  vcrsasjnngsgemäß  zustehenden  Rechte.
Stimmt  für  die  Partei,  welche,  wie  für  alle  Ausgebeuteten  und  Unterdrückten,  so
auch  sür  die  gering  besoldeten,  ihrer  Rechte  beraubten  Beamten  eintritt.  Wählt
Lodert  Svdmiät.
Die  Wahl  ist  geheim,  kein  Spitzel,  kein  illngeber  ist  in  der  Lage,  Euch  zur  Rechenschaft ­
  zu  ziehen.
Wählt,  so  wie  es  Eurer  liesinnersten  Ueberzeugung  entspricht,  Ivählt  sozialdemokratisch,  wählt
Lodert  Svdmiät.
Das  sozialdemokratische  Wahlkomitee.
Lrrantw-rtttch:  Otto  Welk.  Srrlsswaiderstr.  «5.  -  Druck:  Borwürt«  «uchdruckrrr«  und  «erlag«anstatt  Paul  Singer  4  Io..  Berlin  SW.  68.  Liildenftrotzi«.

esse,  dessen  Lreo  tcy  finge."  Aus  freien,
unabhängigen  Staatsbürgern  sucht  nirrU
gefügige,  abhängige  und  willenlose  Bediente
zu  machen,  die  mau  durch  Redensarten  Ipie.  dem
„oft  erprobten  gesunden  Sinn  der  Beamten" ­
  oder  von  dem  „Bewußtsein  ihrer
Benmtenstellung  und  Beamtcnpfticht"
dazu  bringen  will,  bei.  den  Wahlen  ihren  ärgsten
Feinden  zum  Siege  zu  verhelfen.
Genau  so  sehr  ivie  der  kleine  Handlverker  und
der  Arbeiter  leidet  unser  Beamtenstand  unter  der
iubireftcix  Steuergesetzgebung,  der  Zollpolitik  des
Deutschen  Reiches,  welches  die  notwendigsten
Lebensmittel  zugunsten  kleiner  aber  mächtiger
Cliquen  verteuert.  Ja  noch  mehrk  Der  Arbeiter
ha!  durch  seine  GcwcrkschastSorganisation  die
Möglichkeit,  sich  allzu  hoch  steigender  Verteuerung
seiner  Bedarssmittel  zu  erwehren.  Durch  das
Mittel  der  Streiks  ist  er  in  der  Lage,  sein  Einkommen ­
  bei  eintretenden  Aeuerungsverhältnissen
zu  heben.  Der  Beamte  aber  bleibt  auf  seiner
Gehaltsstufe,  gleichviel  wie  tief  die  Kauflraft
des  Geldes  finkt  bezw.  die  Preise  der  Waren
        <pb n="186" />
        m

—  189  -
Im  Winter  1903/04  zeigte  sich  die  preußische  Regierung  in  einem
Grade  als  Lelferin  der  russischen  Polizeiwirtschaft,  wie  es  selbst  in
den  schlimmsten  Reaktionszeiten  nicht  ärger  gewesen  war.  Russische  Flüchtlinge ­
  wurden  in  einer  Weise  an  die  russische  Grenze  abgeschoben,  die  sich
von  direkter  Auslieferung  nur  durch  die  grausamere  Form  unterschied,
Russen  wurden  der  russischen  Polizei  von  der  deutschen  Polizei  als  Verbreiter ­
  von  in  Rußland  —  nicht  in  Deutschland  —  verbotenen  Schriften
denunziert,  und  als  in  Berlin  lebende  russische  Studenten  es  wagten,  gegen
ihre  Bespitzelung  Protest  zu  erheben,  wurde  eine  größere  Anzahl  von  ihnen
auf  einen  Schub  ausgewiesen.  Gegen  diese  Einleitung  einer  „moskowitischen
Ära  in  Preußen"  nun  protestierte  am  10.  Januar  1904  in  Berlin  eine
polnische  Volksversammlung,  der  am  11.  Februar  und  am  18.  Februar
zusammen  15  große  allgemeine  Protestversammlungen  folgten,  die  gegen
den  „Russenkurs  in  Preußen-Deutschland"  und  das  Treiben  der
russischen  Polizei  in  Deutschland  leidenschaftlich  Stellung  nahmen  und  den
russischenFreihcitskämpfcrn  ihre  tiefempfundene  Sympathie  und  Bewunderung
ausdrückten.  Nachdem  dann  am  22.  Januar  1905  die  zarische  Polizei  in
Petersburg  gegen  friedlich  mit  einer  Bittschrift  vor  den  Palast  des  Zaren
ziehende  Arbeiter  jene  Metzelei  verübt  hatte,  die  zum  Signal  für  die  folgenreiche ­
  revolutionäre  Erhebung  im  Zarenreich  wurde,  blieben  auch  die
Arbeiter  Berlins  nicht  stumm.  In  21  großen  Volksversammlungen  wurde
am  9.  Februar  1905  der  flammenden  Entrüstung  der  Arbeiter  Berlins
über  jene  Schlächterei  Worte  verliehen  und  zugleich  ward  mit  freudiger
Genugtuung  die  kraftvolle  Tätigkeit  der  russischen  und  russisch-polnischen
Sozialisten  im  Kampf  gegen  den  Zarismus  und  seine  Diener  begrüßt  und
die  Forderung  erhoben,  daß  Preußen-Deutschland  nun  endlich  sein  unwürdiges ­
  Verhalten  zur  russischen  Freiheitsbewegung  aufgebe.
Äus  dem  Jahre  1904  sind  noch  größere  Demonstrationen  zugunsten
der  im  Frühjahr  jenes  Jahres  einen  großen  Lohnkampf  führenden  Bäcker
und  der  im  Lochsommer  gegen  eine  Aussperrung  sich  wehrenden  Former
der  großen  Maschinenfabriken  zu  erwähnen.  Für  die  Bäcker  demonstrierten ­
  am  18.  Mai  7  große  Volksversammlungen,  für  die  Former  am
17.  August  15  Metallarbeiterversammlungen.  Ein  im  Lerbst  1905  spielender
großer  Lohnkampf,  der  ebenfalls  Metallarbeiter  Berlins  betraf,  nämlich
der  Kampf  von  Arbeitern  der  beiden  größten  Elektrizitätswerke  Berlins
für  mäßige  Verbesserung  der  Lohnsätze,  den  die  kapitalmächtigen  Firmen
mit  einer  großen  Aussperrung  beantwortet  hatten,  rief  eine  imposante
Gegenäußerung  der  Berliner  Arbeiterschaft  gegen  diese  Maßregelung  hervor. ­
  In  25  sehr  stark  besuchten  Volksversammlungen  erklärte  sie  am
5.  Oktober  ihre  Solidarität  mit  den  kämpfenden  Arbeitern  und  ihre  Verurteilungen ­
  des  Vorgehens  jener  Werksleitungen.  Keine  politische  oder
gewerkschaftliche  Demonstration,  aber  eine  bedeutsame  kulturelle  Kundgebung ­
  stellte  die  großartige  Feierlichkeit  dar,  welche  im  Mai  1905  das
Kunstinstitut  der  Berliner  Arbeiter,  die  „Freie  Volksbühne,"  zur  Erinnerung
  an  Friedrich  Schiller,  den  hundert  Jahre  vorher  verstorbenen
großen  deutschen  Dichter  des  deutschen  Volkes,  abhielt.  Der  gehobene  Ton,
der  auf  dieser  Feierlichkeit  obwaltete,  und  die  geistige  Löhe  der  von  Engelbert
Pernerstorfer  gehaltenen  Festrede  waren  der  Kulturbestrebungen  Schillers
durchaus  würdig.
        <pb n="187" />
        190

4.  Demonstrationen  an  Gedenktagen.
Damit  schließt  dieAufzählung  der  wichtigsten  Gelegenheitsdemonstrationen
der  Berliner  Arbeiterschaft.  Von  den  drei  regelmäßig  wiederkehrenden
Demonstrationen,  die  zu  Anfang  dieses  Kapitels  aufgezählt  wurden,  verlor  die
Lassallefeier  unter  dem  gemeinen  Recht  bald  den  Charakter  einer  Äußerung
des  Kampfes,  den  sie  unter  dem  Ausnahmegesetz  getragen  hatte,  und  nahm
zeitweise  mehr  volksfestmäßige  Züge,  zeitweise  mehr  das  Wesen  einer  ruhigen
Gedenkfeier  an,  um  schließlich  ganz  einzuschlafen.  Der  neu  herangewachsenen
Generation,  die  vor  immer  mehr  Fragen  sich  gestellt  sieht,  welche  zu  Lassalles
Zeiten  unbekannt  waren,  ist  der  Name  des  großen  Agitators  zwar  noch
ein  großes  Symbol,  aber  eben  vorwiegend  ein  Symbol.  Er  weckt  keine
tieferen  Gefühlsregungen  mehr  und  hat  keine  unmittelbare  Beziehung  zu
den  jeweiligen  Zeitkämpfen  der  Arbeiterklasse.  So  mußte  auch  der  Reiz
dieser  Feier  für  die  Massen  immer  mehr  an  Kraft  verlieren.
Das  ist  auch  mit  der  Feier  des  18.  März  geschehen,  soweit  sie  der
Erinnerung  an  die  Pariser  Kommune  galt.  Es  gab  eine  Zeit,  wo  auch
die  deutsche  Sozialdemokratie  am  18.  März  mehr  der  Kommune,  als  der
deutschen  Revolution  von  1848  gedachte.  Die  Kommune  war  ja  wesentlich
eine  Arbeitererhebung  gewesen,  die  Märzrevolution  dagegen  wesentlich
noch  Sache  des  Bürgertums.  Aber  der  Kampf  der  Kommune  war
schließlich  doch  eine  zu  spezifisch  französische  oder  vielmehr  lokale  Pariser
Angelegenheit,  um  Nichtftanzosen  auf  die  Dauer  mehr  sein  zu  können,  als
eine  tragische  Erinnerung,  deren  Eindruckskrast  auf  die  Gemüter  um  so
mehr  abblassen  mußte,  als  neue,  nicht  minder  tragische,  aber  für  die  heutige
Arbeiterbewegung  wichtigere  Kämpfe  das  Interesse  auf  sich  lenkten.  Wäre
der  18.  März  nur  der  Gedenktag  der  Pariser  Kommune,  so  wäre  seine
Feier,  wie  anderwärts  in  Deutschland,  so  auch  in  Berlin  allmählich  eingestellt ­
  worden.
Aber  der  18.  März  ist  zugleich  der  Jahrestag  der  Berliner  Barrikadenkämpfe ­
  von  1848,  die  für  Preußen  den  Sturz  des  Absolutismus  besiegelten
und  in  denen  es  fast  ausschließlich  Arbeiter  waren,  welche  ihr  Blut  für  die
Freiheit  und  Selbstbestimmung  der  Staatsbürger  ließen.  Aus  diesem  Grunde
hat  er  an  lebendigem  Interesse  fiir  die  Sozialdemokratie  Berlins  im  Laufe
der  Zeit  nicht  verloren,  sondern  eher  gewonnen.  Die  sozialdemokratische
Arbeiterschaft  Berlins  betrachtet  die  Toten  des  Mürz  als  ihre  Toten,
und  deren  Gräber  im  Friedrichshain  am  18.  März  zu  schmücken,  ist  ihr
eine  Lerzenssache,  mit  der  sich  zugleich  das  Bestreben  mischt,  die  Übernahme ­
  des  politischen  Erbes  der  Märzgefallenen,  die  Fortsetzung  des
Kampfes  gegen  die  politische  Klassenherrschaft  in  allen  ihren  Formen  zu
bekunden.  Zeitweise,  je  nachdem  der  politische  Kampf  sich  gestaltet,
tritt  dies  letztere  Moment  der  Kampfesdemonstration  sogar  mit  besonderer
Schärfe  hervor,  aber  ein  Stück  davon  trägt  jede  Märzfeier.  Änd  bei  jeder
fast  gibt  es  Reibereien  zwischen  Polizei  und  Demonstranten.  Den  Besuch
der  Gräber  ganz  zu  verbieten,  hat  man  fteilich  nicht  unternommen,  das
wäre  als  ein  zu  kompromittierendes  Zeichen  der  inneren  Schwäche  erschienen.
Aber  man  sucht  ihn  durch  peinliche  Sicherheitsmaßregeln,  die  scheinbar  dem
Schutz  der  Wege  und  Gräber  gelten  —  eine  Sorge,  die  man  an  einem  solchen
Tage  ruhig  der  Selbstordnung  der  Manifestanten  überlassen  könnte  —  möglichst
zu  erschwer«,.  Ein  Massenaufgebot  von  Polizei  in  jeder  Gestalt,  zu  Fuß
        <pb n="188" />
        87.  Illustriertes  Flugblatt  zur  Reichstagswahl  1907
        <pb n="189" />
        192

und  zu  Pferde,  in  Aniform  und  Zivil,  an  sichtbaren  Stellen  und  im  Linkergründe,
  das  ist  die  regelmäßig  wiederkehrende  Begleiterscheinung  der  Grabschmückung ­
  am  18.  März.  Dazu  ein  kleinlicher  Kampf  der  Polizei  gegen
„aufreizerische  Abzeichen"  am  Gräberschmuck,  gegen  Schleifen  mit  Inschriften ­
  revolutionären  Charakters,  und  ganz  besonders  gegen  Schleifen  im
anstößigen  Rot.  Solche  umstürzlerischen  Schleifen  sofort  mit  der  Schere
zu  entfernen  und  zu  konfiszieren,  ist  eine  Lauptsorge  der  Polizei,  und  daß
diese  Art  „Schneidigkeit"  stets  Zeichen  von  Bitterkeit  oder  Lohn  auslöst,
ist  selbstverständlich.  Ebenso  selbstverständlich  bei  dem  Geist  der  Berliner
Arbeiterschaft  ist  aber  auch,  daß  diese  Polizeiakte  sich  als  das  Gegenteil
dessen  bewähren,  was  ihnen  Zweck  verleihen  könnte:  statt  abzuschrecken,
feuern  sie  an.
Von  Jahr  zu  Zahr  wird  lange  Zeit  der  Besuch  der  Märzgräber
immer  stärker,  ein  immer  reicherer  Blumenschmuck  zeugt  von  der  zunehmenden ­
  Leistungsfähigkeit  der  Arbeiterbewegung.  Zeitereignisse  bringen
ihn  in  einzelnen  Jahren  auf  eine  Löhe,  wie  ihn  die  bürgerliche  Demokratie
selbst  zur  Zeit  ihrer  größten  Blüte  nicht  zu  erwirken  vermochte.  So  wurden
im  Jahre  1894,  nachdem  am  18.  Januar  die  Polizei  am  Friedrichshain
die  weiter  oben  berichteten  Prügelszenen  aufgeführt  hatte,  am  18.  März
über  500  Kränze  auf  den  Märzgräbern  niedergelegt,  teils  von  Vereinen
und  Klubs,  teils  von  Arbeitern  bestimmter  Werkstätten  auf  Grund  von
Sammlungen  gestiftet.  Es  ist  nicht  übertrieben,  die  Zahl  der  so  an  dieser
Kranzspende  Beteiligten  auf  mindestens  50  000  einzuschätzen.  Ein  Teil
der  Kränze  ist  sehr  kostbar  —  für  die  Opfer  des  Freiheitskampfes  ist
nichts  zu  teuer.  Lieber  wird  auf  einen  sonstigen  Genuß  verzichtet,  als  daß
man  hier  sparte.  Lerrliche  Blumen  und  Schleifen  bedecken  den  einfachen
Rasen,  unter  dem  die  Märzgefallenen  ruhen,  lakonische  Inschriften  in
Prosa  oder  Versen  geben  die  Gedanken  kund,  welche  die  Stifter  beseelen.
Der  ernsthafteste  Zusammenstoß  zwischen  der  Polizei  und  der  Volksmasse, ­
  die  zu  den  Märzgräbern  pilgerte,  fand  am  18.  März  1892  statt.
Durch  Übereifer  und  brutales  Gebaren  der  Polizei,  in  deren  Leitung  noch
der  Geist  der  Ära  Bismarck  starken  Einfluß  hatte,  wurden  die  Massen,
unter  denen  viele  Arbeitslose  waren,  aufs  äußerste  gereizt.  Sie  widersetzten  sich
den  Befehlen  der  Polizei,  es  gab  auch  Versuche,  Polizisten,  die  besonders
schroff  vorgingen,  aufzuhalten,  worauf  die  berittene  Polizei  mit  blanker
Waffe  auf  die  Menge  einhieb  und  sie  so  gewaltsam  auseinander  trieb.
Natürlich  fehlten  auch  Verhaftungen  nicht,  und  einer  der  Verhafteten,
der  Maurer  Karl  Neumann,  ward  wegen  „Aufruhrs"  zu  einem  Jahr
Gefängnis  verurteilt.  Der  Effekt  der  Polizeiaktion  aber  war,  daß  im
folgenden  Jahre  —  1893  —  der  Besuch  des  Friedrichshain  ein  noch  bedeutend ­
  stärkerer  war,  als  das  Jahr  vorher.  Indes  kam  es  trotz  des
gesteigerten  Besuchs  zu  keinem  Zusammenstoß,  die  Polizei  bemühte  sich
ersichtlich,  die  Massen  nicht  zu  reizen.
Dagegen  griff  in  diesem  Jahr  die  Presse-Abteilung  der  Polizei  staatsrettend ­
  ein.  Von  sozialdemokratischer  Seite  war  für  den  18.  März  eine
„Festzeitung"  auf  rotem  Papier  herausgegeben  worden  und  ebenso
waren  die  Märznummern  des  „Volksblatt  für  Teltow-Beeskow"
und  des  von  den  Unabhängigen  herausgegebenen  „Sozialist"  auf  rotem
Papier  gedruckt  worden.  Das  erhöhte  ihre  Staatsgefährlichkeit  in  bcn
        <pb n="190" />
        193

Augen  der  Polizei  in  so  hohem  Grade,  daß  all  diese  Blätter  polizeilich
beschlagnahmt  wurden.  Noch  einmal,  im  Jahre  1896,  ward  eine  Märzzeitung ­
  der  Sozialdemokratie  Berlins  konfisziert,  aber  der  Polizei  fiel  nur
die  zweite  Auflage  dieser  Festnummer  in  die  Lände,  die  erste  war,  als  die
Beamten  sie  beschlagnehmen  wollten,  schon  vollständig  vergriffen.  Eine  gewisse ­
  geschäftliche  Schädigung  war  alles,  was  die  Polizeimaßregel  erzielte.
Wie  der  Besuch  der  Gräber,  so  stieg  auch  lange  Zeit  mit  der  Zahl
der  Versammlungen  und  Feste,  die  auf  den  Abend  des  18.  März  angesetzt
wurden,  der  Besuch  dieser  Veranstaltungen.  Jeder  Wahlkreis  hatte
mindestens  eine,  die  größeren  Wahlkreise  aber  hatten  mehrere  Versammlungen ­
  oder  Feste,  die  oft  sehr  eindrucksvoll  verliefen.  Einen  Löhepunkt  erreichte ­
  die  Gedenkfeier  am  18.  März  1898,  dem  50.  Jahrestag  der  Revolution. ­
  Dagegen  wurde  in  den  beiden  letzten  Jahren  unserer  Epoche  von
besonderen  Versammlungen  zur  Würdigung  des  Revolutionstages  abgesehen, ­
  da  um  die  gleiche  Zeit  große  Demonstrationen  für  unmittelbare
Kämpfe  die  Arbeiterschaft  in  Anspruch  nahmen,  so  daß  es  Überspannung
der  Kräfte  geheißen  hätte,  zu  schnell  darauf  neue  Versammlungen  in  großer
Zahl  an  einem  Tage  folgen  zu  lassen.  Aber  hinsichtlich  des  Besuchs  der
Gräber  blieb  es  beim  alten,  gerade  in  den  letzten  beiden  Jahren  waltete
die  Polizeischere  besonders  eifrig  an  den  Kranzschleifen.
Es  bliebe  nun  noch  übrig,  die  Entwicklung  der  dritten  Gruppe  regelmäßig ­
  wiederkehrender  Demonstrationen  zu  gedenken,  nämlich  der  Begehung
des  internationalen  Festtages  der  Arbeiterklasse,  der  Feier  des
1.  Mai.  Ihr  aber,  die  nach  und  nach  die  andern  regelmäßigen  Demonstrationen ­
  an  Amfang  und  Bedeutung  überflügelt  hat,  sei  ein  besonderes
Kapitel  gewidmet.

Bernstein,  Berliner  Geschichte.  III.

lZ
        <pb n="191" />
        Sechstes  Kapitel.
Die  Wahlen  zum  Deutschen  Reichstag  in  Berlin
und  den  Vororten.

0 ie  Zeitpcriode  vom  Oktober  1890  bis  zum  Ende  des  Jahres  1905
sah  drei  allgemeine  Erneuerungswahlcn  für  den  Deutschen  Reichstag:
die  Wahlen  vom  15.  Juni  1893,  die  Wahlen  vom  16.  Juni  1898
und  die  Wahlen  vom  16.  Juni  1903.  Die  politischen  Konstellationen,
unter  denen  diese  Wahlen  vor  sich  gingen,  sind  im  zweiten  Kapitel  geschildert. ­
  Es  mag  indes  hier  daran  erinnert  werden,  daß  der  Wahlkamps
von  1893  unter  dem  Zeichen  des  Streites  um  oder  wider  die  von  der
Sozialdemokratie  rundweg  abgelehnte  Caprivische  Militärvorlage  stand,  die  Erhöhung ­
  der  Friedenspräsenzstärke  des  Leeres  als  Ausgleich  für  die  Lerabsetzung
  der  Dienstzeit  forderte;  daß  den  Wahlen  von  1898  große  Flottenbewilligungen ­
  und  die  Besetzung  der  Kiautschou-Bucht  vorausgegangen
waren,  während  die  Wahlen  von  1903  die  Antwort  auf  die  Stellung  der
Parteien  zum  neuen  Zolltarif  zu  geben  hatten,  den  die  klerikalkonservativ-nationalliberale
  Koalition  unter  Vergewaltigung  der  Geschäftsordnung ­
  des  Reichstags  im  Dezember  1902  gegen  die  Obstruktion  der
Sozialdemokratie  zur  Annahme  gebracht  hatte.  Dazu  kamen  in  der  inneren
Politik  jedesmal  Fragen  des  Koalitionsrechts  der  Arbeiter,  des  Arbeiterschutzes ­
  und  der  allgemeinen  politischen  Gesetzgebung.
Von  Beschreibung  der  Versammlungen,  die  in  Berlin  und,  wo  es
nur  irgend  möglich  war,  in  den  Vororten  bei  Gelegenheit  dieser  Wahlen
von  seiten  der  Sozialdemokratie  abgehalten  wurden,  kann  hier  abgesehen
werden,  ebenso  von  Schilderung  der  großen  Wahlarbeit,  die  in  Gestalt  von
Flugblätterverbreitung,  Lausagitation,  Organisation  und  Besorgung  des
Schlepperdienstcs  am  Wahltage  jedesmal  geleistet  wurde.  Prinzipiell  ist
cs  immer  dasselbe  Bild  bewunderungswürdiger  Opferwilligkeit  und  Tatkraft,
welches  sich  dabei  darbietet.  Nur  wächst  von  Jahr  zu  Jahr  die  Zahl  der
freiwilligen  Lelfer,  und  die  Organisation  des  Wahlkampfs  wird  immer
systematischer  betrieben.  Die  im  dritten  Kapitel  geschilderte  Gliederung  der
Organisationen  bewährt  sich  aufs  trefflichste,  der  Wahlkampf  findet  die
Partei  jedesmal  in  der  Lauptsache  schon  „schlachtbcrcit".  Die  Konstellation
der  Parteien  ist  durchgängig  die  gleiche:  in  Berlin  hat  dort,  wo  die
Wahlkreise  nicht  schon  Besitz  der  Sozialdemokratie  sind,  diese  mit  den
Freisinnigen  um  die  Mandate  zu  ringen,  in  den  zwei  Vorortswahlkreisen
sind  die  Konservativen  die  stärksten  Gegner.  Die  Bollwerke  der  letzteren  sind
        <pb n="192" />
        195

Heute

die  Dörfer  und  Landstädte,
und  dort  gibt  es  auch
bei  der  Agitation  für  die
Sozialdemokratienoch  aller-Hand
  dramatische  Episoden.
Indes  darf  man  so  brutale
Gewaltakte,  wie  sie  1890  ins
Werk  gesetzt  worden  waren,
nun  doch  nicht  mehr  unternehmen. ­

So  können  wir  uns
denn  hier  daraufcheschränken,
  die  Ergebnisse  der  Agitationsarbeit ­
  hinsichtlich  der
für  die  Sozialdemokratie
bei  den  Reichstagswahlen
abgegebenen  Stimmen  vorzuführen. ­
  Für  ihre  Veranschaulichung ­
  genügt  es  indes ­
  nicht,  bloß  die  Ziffern
der  drei  genannten  Wahlen
zu  berücksichtigen.  Zur  Vervollständigung ­
  des  Bildes
müssen  wir  erstens  noch  die
Ziffern  des  Wahlkampfes
von  Jahre  1890  heranziehen, ­
  das  die  von  uns  zu
betrachtende  Periode  einleitet, ­
  da  sie  den  Ausgangspunkt ­
  abgeben  für  die
Berechnung  und  Bewertung ­
  der  vollzogenen  Entwicklung ­
  der  zu  betrachtenden ­
  Wahlkreise.  Es  scheint
aber  ferner  angemessen,  die
Ergebnisse  der  Reichstagswahlen ­
  vom  25.  Januar
1907  gleichfalls  zum  Vergleich ­
  heranzuziehen.  Denn
wenn  auch  dieses  Datum  schon  etwas  weiter  außerhalb  des  Zeitabschnitts
liegt,  dem  der  vorliegende  Band  gewidmet  ist,  als  das  Datum  der
Wahlen  von  1890,  so  ist  seine  Entfernung  vom  Zeitpunkt,  mit  dem
dieses  Buch  abschließt,  doch  nicht  so  groß,  wie  die  Zeitdifferenz  zwischen
diesem  und  dem  Datum  der  Wahlen  von  1903.  Die  Wahlen  vom
Januar  1907  zeigen  besser  als  die  Wahlen  vom  Juni  1903,  wie  groß  in
Berlin  die  politische  Kraft  der  Sozialdemokratie  Ende  1905  war.
Es  sind  also  fünf  allgemeine  Reichstagswahlen,  deren  Ergebnisse  in
Berlin  wir  zu  vergleichen  haben.  Betrachten  wir  zunächst  die  Gestaltung
des  Stimmenverhältnisses  der  Parteien  in  der  Äauptstadt  selbst.
13»

ist  der  Tag  der  Abrechnung  erschienen;  fjcntc,  am  25.  Januar,  muß  die
Wählerschaft  Deutschlands  Protest  erheben  gegen  die  bisherige  Regierung»-Politik
  mit  ihren  Lebcnsmittclzöllen,  mit  ihrer  Flcischvcrtcuernng,
mit  ihren  indirekten  Steuern,  die  die  kleinen  Leute,  Arbeiter,
Angestellten,  Handels-  und  Gewerbetreibenden,  Handwerker  und
kleinen  Beamten  am  stärksten  belasten;  heute  ntuß  der  Mittelstand
Protest  erheben  gegen  eine  Negierung,  die  durch  Beseitigung  der  Zwei-Pfennig-Postkarte
  bewies,  daß  sie  an  Treu  und  Glauben  nicht  denkt,
wenn  es  gilt  die  Mittel  für  ihre  uferlose  Flottcnpolitik,  für  die  unsinnige
Art  ihrer  Kolonialpolitik  aufzubringen  —  ohne  dem  Großkapital  und
dem  Großgrundbesitz  wehe  zu  tun.  Und  jetzt,  wo  der  Freisinn  sich
den  bisherigen  Regierungsparteien  angeschlossen,  wo  der  nach  der  Verfassung ­
  allein  verantwortliche  Reichskanzler  mit  allen  von  ihm  abhängigen
Räten  schon  im  ersten  Wahlgang  in  höchsteigener  Person  für  den  Frei-'
sinnigen  stimmt,  kann  die  Stimmabgabe  für  den  Freisinnigen  kein
Protest  sein.
Darum  müssen  Sie  heute  für  den  Kandidaten  der  Sozial«
demokratic  stimmen.
Der  Kandidat  der  Sozialdemokraten  ist
.  Le»  Arons
Brücken-Allee  3.
Ihr  Wahllokal  befindet  sich
StralaueMr.  3-6  bei  Kolter.
Wir  bitten  Sic.  sich  sobald  als  irgend  möglich  zum  Wahllokal
zu  begeben.  Die  Wahl  ist  geheim,  das  amtliche  Kuvert  erhalten  Sie
im  Wahllokal.  Einen  Stimmzettel  für  unseren  Kandidaten  haben  wir
diesem  Ausruf  beigelegt.
ßas  sozialdctnohrailsche  Wahikcmitee
für  öm  1.  Berliner  Steieksfags-Wahlkreis.
Philipp  Bernstein,  Kürschnermstt.,  Neinickendorscrstr.  1)
Karl  Fahrow,  Gastwirt,  Ravcnestr.  6.
Herin.  Heyse,  Gastwirt,  Boyenstr.  19.
Paül  Wysocki,  Barbier  u.  Friseur,  Dalldorferstk.  2.

Letzte  Mahnung  an  die  Wähler
Retchstagsflugblatt  1907
        <pb n="193" />
        196

1.  Die  sechs  Berliner  Wahlkreise.
Berlin  I.

Jahr

Sozialdemokraten ­


Freisinnige ­


Konservative ­


Andere  Parteien
QtntfVitm

Zersplittert ­


1890

3588

6674

4688

—

223

58

Aachwahl

2924

5928

2317

Der  Ethiker  National-Egidy
  liberale

18

1893

4069

5270

2834

1770  1040

249

61

Stichwahl

5248

7065

—

Rational-Sozial

1898

3635

5667

2126

1008

279

41

Stichwahl

4002

8385

—

—

—

—

1903

5315

4266

2923

—

278

62

Stichwahl

6233

6607

—

Bodenresormer

—

1907

5042

6067

972

780

271

42

Stichwahl

4607

8064

—

—

—

—

Der  Wahlkreis,  der  die  innere  Stadt  lnit  ihren  vielen  älteren  Lausern,
die  Quartiere  der  oberen  Bureaukratie,  sowie  das  von  der  Geldaristokratie
bewohnte  Tiergartenviertel  umsaßt,  zeigt  keine  gleichmäßige  politische  Entwicklung, ­
  da  allerhand  Ambauten  in  verschiedenen  der  zu  ihm  gehörenden
Stadtviertel  die  soziale  Gliederung  seiner  Bewohnerschaft  bald  nach  der
einen  und  bald  nach  der  andern  Seite  verschoben  haben.  Zum  erstenmal  kam
in  ihm  die  Sozialdemokratie  im  Jahre  1893  in  die  Stichwahl,  ein  bis  dahin
von  vielen  für  undenkbar  gehaltener  Erfolg,  der  sich  aber  nun  von  Wahl
zu  Wahl  wiederholen  sollte.  Die  höchste  Stimmenzahl  erhielt  die  Sozialdemokratie ­
  hier  im  Jahre  1903.  Nur  wenige  hundert  Stimmen  fehlten  ihr
in  der  Stichwahl  jenes  Jahres  zum  vollen  Siege.  Die  Wahl  von  1907
brachte  im  ersten  Wahlgang  einen  gegen  die  Lauptwahl  von  1903  geringen
Rückgang,  der  sich  durch  zahlreichen  Ambau  von  verfallenen  Wohnhäusern
der  alten  Stadt  in  Waren-  und  Industriehäuser  —  die  „Citybildung"  von
Alt-Berlin  —  zur  Genüge  erklärt.  Der  viel  erheblichere  Rückgang  in  der
Stichwahl  ist  vornehmlich  darauf  zurückzuführen,  daß  das  Stimmenverhältnis
in  der  Lauptwahl  einen  Sieg  in  der  Stichwahl  für  ausgeschlossen  erkennen  ließ.
Kandidaten  der  Sozialdemokratie  waren  in  diesen  Kämpfen:  1890
Gottfried  Schulz,  Zigarrenhändler,  1893  Aug.  Taeterow,  Schneider,
1898  L.  Poetzsch,  Gastwirtsgehilfe,  und  1903  sowie  1907  Leo  Arons,
Priva,gelehrter.  Berlin  ll.

Jahr

Sozialdemokraten ­


Freisinnige ­


Konservative ­


Anders  Parteien

Zersplittert


Nakionalliberale  Zentrum

1890

20  225

18  245

14165

50

397

126

Stichwahl

23  381

24  965

—

1893

26  667

14  544

13218

3056

566

316

Stichwahl

29  359

19  847

—

—

—

—

1898

26269

16127

11359

—

755

174

Stichwahl

28  547

28  562

—

—

—

Nachwahl
11.4.99

Antisemiten

24320

17  442

5267

148

—

16

Polen

1903

34995

16  064

10  603

179

1059

54

1907

35  286

25  618

3  852

245

1272

39
        <pb n="194" />
        An  die
Wähler  des  5.  Berliner  Keichstags-Wahlkreises.
Arbeiter!  Handwerker!  Mitbürger!

Am  15.  Juni  hat  der  Kandidat  der  Sozialdemokratie
im  5.  Berliner  Wahlkreis  die  meisten  Stimmen  auf  sich
vereinigt.  Die  Wähler  haben  damit  bekundet,  daß  sie  kein
Vertrauen  mehr  zu  dem  bisherigen  Vertreter  des  Kreises  haben,
der  kaum  ein  Drittel  der  abgegebenen  Stimmen  erhielt,  kein
Vertrauen  zu  dem  sterbenden  Freisinn,  der  widerstandsunfähig
«ich  «icht  ein  einziges  MlandaL  «rungm  hat.
In  Stadt  und  Land,  in  Werkstatt  und  Fabrik,  wo  irgend
nur  politisch  denkende  Männer  weilen,  haben  sie  sich  zu
Millionen  der  Fahne  der  Sozialdemokratie  zugewandt ­
  und  von  überall  erklingt  der  Ruf  in'ü  Ohr  der  Mäch-Ligen
  und  Neichen.  Schafft  menschenwürdige  Zustände,
gebt  Freiheit  und  Gleichheit  in  politischer  und  sozialer  Beziehung. ­
  —  Keine  neuen  Steuern,  -  keine  Erhöhung  der  'Lasten
des  Volkes,  keinen  Mann  und  keinen  Groschen  dem
Moloch  des  Militarismus.
Wähler!  Zwischen  Euch  und  uns  bedarf  es  nicht
vieler  Worte;  Ihr  wißt,  was  wir  wollen,  wir  haben  Euch  in
unseren  Flugblättern  und  Versammlungen  unsere  Forderungen
an  den  heutigen  Staat  und  unser  Programm  genügend  auseinandergesetzt. ­
  Wir  haben  Euch  gewarnt,  den  gruseligen,  selbstgemalten
  Zukunftsbildern  der  Richter  und  Genosien  zu  trauen.
—  Ihr  glaubtet  uns  und  habt  unserem  Kandidaten  eine
imposante  Stimmenzahl  zugewandt;  nach  eine  letzte  Anstrengung ­
  und  der  Sieg  ist  unser!
Arbeiter!  Handwerker!  Kleine  Beamte  und
Geschäftsleute?  Wer  nimmt  sich  Eurer  thatkräftig  an?
Wer  kämpft  unablässig  und  allein  für  eine  .Berdefferung
Eurer  Lage,  den  großen  Herren,  den  Schlotbaronen
und  Krautjunkern,  dem  hohen  Beamtenthum  und  der
deulschfreisinni^en  Vetterwirthschaft  im  rothen  Hause
rum  Tr°c?  Einzig  und  allein  die  Sozialdemokratie! ­

Die  Sozialdemokratie  ist  eingetreten  für  einen  wirklichen
Arbeilerschutz,  für  den  Schutz  der  Kinder  und  Frauen,  für  die
Sonntagsruhe  der  kaufmännischen  Angestellten,  für  Vereinsfreiheit
  und  besiere  Bezahlung  der  kleinen  Beamten,  für
Beseitigung  der  das  Volk  ausplündernden  Zollwirthschaft.
Allein  die  Sozialdemokratie  hat  ernstlich  den  Militarismus
bekämpft,  der  durch  feine  ungeheuren  Anforderungen  an  die
Steuerkraft  des  Volkes,  durch  den  die  Selbstständigkeit  ertödtenden
  Drill,  durch  feine  Soldalen-Mißhandlungen  und  seinen
Paradepomp,  durch  unerträgliche  Gut-  und  Blulsteuern  die
Wehr-  und  Nährkraft  des  deutschen  Volkes  gefährdet  Das
Volksheer,  das  wir  fordern,  ist  die  einzige  Bürgschaft ­
  deü  Friedens  und  der  Freiheit.
Wähler!  Wie  sähe  es  im  Deutschen  Reiche  aus,  wenn'
der  Deutsch-Freisinn  an'ü  Ruder  käme.  Ein  lehrreiches
Beispiel  habt  Ihr  an  der  Vetterwirthschaft  und  dem
Cliquenwesen  im  rother,  Hause.  Wer  deklamirt  im
Reichstage  gegen  die  indirekten  Steuern  und  zieht  von  den

Berliner  Steuerzahlern  die  härteste  und  ungerechteste  indirekte ­
  Steuer,  die  Miethssteuer,  ein,  die  den  Arbeiter
und  den  kleinen  Gewerbetreibenden  am  schwersten  bedrückt?.
Wer  schädigt  die  kleinen  Unternehmer  und  die  Arbeiter  durch
die  Lotterwirthschast  des  Submissionswesens,  dah
nur  dem  mit  Magistrat  und  Stadtverordneteumehrheit
  versippten  und  verschwägerten  Groß-Kapitalisten
  den  Beutel  füllt?  Der  deutsche  Freisinn  ist
es,  der  andererseits  den  arbeilerfreundlichen  Antrag  der  Sozialdemokratie. ­
  den  bei  städtischen  Arbeiten  Beschäftigten  -von
stadtwegen  menschenwürdigen  Lohn  und  Arbeitszeiten  auszubedingen,
  von  den  Commisstonären  des  Gelvsackcs
niederstimmen  ließ.  Wer  hatte  für  die  blasse  Noth  nur  Hohn
und  Spott,  wer  hat  den  Nothstand  geleugnet,  wer  hat  nach
erbitterter  Gegenwehr  sich  die  klägliche  Aettclsuppe  der  Wärme»
stuöcn  abringen  lasten?  Wieder  und  immer  wieder  der  Deutsch-Freisinn,
  der  im  rothen  Hause  ohne  das  Feigenblatt  der  Demokratie ­
  nur  die  nackten  Interessen  des  Westhes  vertritt.
Brutal  nach  unten,  knechtisch  nach  oben,  quiltirt  der
Deutsch-Freisinn  den  Fußtritt,  welchen  ihm  die  Mächtigen  gegeben,
durch  Stiftung  eines  kostspielige»  Nrurrk-MruunenS,  errichtet ­
  ans  Kosten  der  Steuerzahler.  Wer  begeistert  sich  mit
Mannesmuth  vor  Königsthronen  für  die  Nirderlegung  der
Schloßfreiheit,  für  den  groben  Lotterie-Unfug,  für  den  Ententeich?
Das  sind  stets  und  ständig  die
Knopstöch-Ualrioten.
Wähler?  Entreißt  den  6.  Wahlkreis  btcjtfft
Leuten,  die  in  Berlin  ausgespielt  haben.  Geht  frühzeitig ­
  und  vollzählig  zur  Urne  und  wählt  Mann  für  Mann
den  Kandidaten  der  Sozialdemokratie,  den  Klavier-Arbeiter
Mobert  KchmiÄk.
Wähler!  Die  Sozialdemokratie  allein  ist  eine
wahre  Volkspartei,  sie  fordert  die  Volksherrfchaft,  sie  will,
daß.  das  Volk  selbst  seine  Geschicke  lenke.  Sie  fordert,,  da»
die  Gleichheit  vor  dem  Gesetz  kein  leerer  Schall,  sondern
eine  lebendige  Wirklichkeit  sei.  Deshalb  beküinpft  sie  die
Klassenherrschaft,  deshalb  tritt  sie  ein  für  politische
Freiheit  und  für  soziale  Reform,  deshalb  ist  sie  geschworene
Gegnerin  des  Militarismus,  an  besten  Statt  sie  die  Volksbemafsmmg
  setzen  will..
Darum  fort  mit  dem  Militarismus!  Fort  mit  dem
Kapitalismus!  Fort  mit  den  indirekte»  Steuern!  Gebet
einhellig  Eure  Stimme  den  Kandidaten  der  Sozialdemokratie,
dem  Mann  aus  dem  Volke,  dem
Kkavieraröciter
Robert  Schmidt.

Unsere  Versammlungen  finden  statt:
Donnerstag,  den  22.  Zuni,  Abends  8  Uhr  in  Mrauerei  Iriedrichshain  (Lips).
Referent:  Reichstagsabgeordneter  Dr.  Wrrmo  Kchönkank.
Areilag,  den  23.  Juni,  Abends  8  Zlhr;
1.  Germania-Säle,  Chaufleestr.  103.  Referent:  Reichstagsabgeord.  Jaul  Singer.
2.  Schützenhaus,  Linienstr.  5.  Referent:  Reichstagskandidat  Aoöert  Schmidt.
S-raiü«--rlll4  Nr  SkbaWoii:  N«d.  Drescher,  Lmrn-Sirchr  äO.  Dr-L:  M.  Schrimiir,  Ln»mca-Str&amp;lt;ch«  !64 -

89.  Sozialdemokratisches  Flugblatt  für  die  Stichwahl  im  5.  Berliner  Reichstags-Wahlkreis
  1893
        <pb n="195" />
        198

Der  Wahlkreis,  in  dem  die  Sozialdemokratie  schon  vor  dem  Fall  des
Sozialistengesetzes  in  die  Stichwahl  gekommen  war,  ward  1893  zum  ersten-I
  mal  von  ihr  erobert.  Im  Jahre  1898  brachte  in  der  Stichwahl  ein  win-!
  ziges  Mehr  an  Stimmen  den  Freisinnigen  den  Sieg,  doch  mußte  die  Wahl
'  für  ungültig  erklärt  werden,  lind  in  der  Nachwahl  erhielt  die  Sozialdemoi
  kracke  gleich  im  ersten  Wahlgang  die  absolute  Mehrheit.  Desgleichen  bei
den  Wahlen  von  1903  und  1907.  Das  letzte  Jahr  zeigt  auch  die  höchste
*  sozialdemokratische  Stimmenzahl,  während  im  Jahr  1903  der  höchste  Prozentsatz ­
  sozialdemokratischer  Stimmen  erzielt  wurde.
Kandidat  der  Sozialdemokratie  war  1890  Konstantin  Ianiszewski,
:  damals  Buchbinder,  und  von  1893  ab  Richard  Fischer,  Geschäftsführer.

Berlin  IH.

Jahr

Sozialdemokraten ­


Freisinnige ­


Konservative ­


Andere  Parteien

Zersplittert


Rationalliberale

1890

12  287

11566

174

229

—

172

Stichwahl

12  945

13  637

—

—

—

—

Konservat.-Anttsemiten


Zentrum

1893

12  732

7  919

4  534

979

318

94

Stichwahl

14  068

9  700

—

—

—

—

1898

11411

8  031

3  809

—

377

86

Stichwahl

12  766

11415

—

—

—

—

1903

15124

5  804

3  673

—

462

—

1907

14259

9  404

1656

—

443

147

Der  Wahlkreis  wurde  1893  zum  erstenmal  von  der  Sozialdemokratie
erobert  und  ist  seitdem  in  ihrem  Besitzstand  verblieben.  Das  Jahr  1903
°  zeigt  die  höchste  absolute  und  relative  Stimmenzahl  für  die  Sozialdemokratie. ­
  Auch  hier  verdrängen  Umbauten  viele  Arbeiter  aus  ihren  Wohnungen, ­
  während  an  eine  Zunahme  der  Wohnhäuser  nicht  zu  denken  ist,  da
von  allen  Seiten  dicht  bebaute  Quartiere  den  Wahlkreis  umgeben.
Sozialdemokratische  Kandidaten  waren  1890  Karl  Wildberger,
!  Tapezierer,  1893  Ew.  Vogtherr,  Kaufmann,  und  von  1898  ab  Wolfgang ­
  Leine,  Rechtsanwalt.

Berlin  IV.

Jahr

Sozialdemokraten ­


Freisinnige ­


Konservative ­


Andere  Parteien

Zersplittert ­


Zentrum

1890

40  709

14  267

189

696

130

Konservat.-Antisemiten


1893

46  356

9  768

7  469

869

499

1898
1903

45  293
68  758

7811

7  273

1256

Polen

334

9  006

8  651

1988

832

59

1907

82  039

15  708

6  601

2  708

1  313

87

Eiserner  Besitzstand  der  Sozialdemokratie  —  das  ist  die  Devise  dieses
Wahlkreises.  Nur  1898,  ein  Jahr,  das  für  alle  Parteien  eine  schlechte
Wahlbeteiligung  aufwies,  brachte  der  Sozialdemokratie  einen  Stimmenrückgang, ­
  der  indes  zu  unbedeutend  war,  um  irgendwie  ins  Gewicht  zu
fallen.  Sonst  ist  hier  nur  beständiger  Zuwachs  zu  verzeichnen,  der  mit
seinem  sprunghaften  Charakter  die  phänomenale  Bevölkerungszunahme  des
Kreises  illustriert,  und  ohne  Unterbrechung  ist  der  relative  Stimmenanteil
        <pb n="196" />
        Händler,  Haufirev!
nt  Meitsg,  öm  24.  ö.  U.  findet  von
18—6  Khr  üie  Kichwshl
in  unserem  5.  Berliner  Reichstagswahlkreise  statt.
Ihr  habt  zu  entscheiden,  ob  uns  der  Kandidat  der  freifkUNige«  Wolksparksl»  fyv*  Stcdt«-schul-Insvektor

Dr.  Zwick
oder  sein  sozialistischer  Gegenkandidat,  Herr  Schmidt,  in  den  nächsten  5  fahren  im  Reichstage
vertreten  soll.  —
Was  hat  Herr  Schmidt  für  uns  geleistet?  Als  er  im  Zähre  \893  um  unsere  Stimmen
warb,  da  versprach  er  freilich,  für  UNS  eintreten  zu  wollen!  Als  aber  im  Reichstags  die  uns  so
schwer  drückende  Novelle  zur  GewerdeordltUNg  vorlag,  da  wußte  Herr  Schmidt  mancherlei  zu  Gunsten
der  Theaterunternehmungen,  aber  nichts  für  uns  zu  sagen!
Kollegen!  Keine  Partei  ist  mit.  ber  Entschiedenheit  und  mit  dem  Geschick  für  uns  im
Parlament  eingetreten,  wie  zu  allen  Zeiten  die
Freisinnige  Volkspartei!
Sie  trat  der  polizeiliche«  Ueberwachung  unseres  Standes  entgegen,  die  uns  wegen  mannig»
facher  Umtriebe  der  Sozialdemokratie  seitens  der  Regierung  auferlegt  wurde!
Die  freifinuige  BolksparLei  kämpfte  energisch  gegen  die  ungerecht  hohe  Tteuerdelastung
unseres  Gewerbes.
Aber  die  Sozialdemokratie  will  gar  nicht  unser  Wohlergehen;  im  Gegenteil  erklärte  ihr  größter
Führer,  daß  der  Ruin  des  kleinen  Mannes  durch  das  Großkapital  ein  gutes  Werk  wäre!
Nicht  unsere  Wohlfahrt,  nur  unsere  Stimmen  will  die  Sozialdemokratie.
Und  der  Zweck  heiligt  ihr  die  Wittel!  Hat  üe  es  doch  nicht  verabscheut,  in  einem  Berliner
Nachbarwahlkreise  sogar  Antisemitismus  zu  treiben!
Kameraden,  wer  die  Minderung  der  unerträglichen  Steuern  anstrebt,  wer  seinen  Beruf  in
Ehren  hält  und  nicht  geneigt  ist,  unwahrhaftigen  Versprechungen  zu  trauen,  der  wähle  am  2d.  M.  Herrn
vr.  Zwick.
Adolf  Färber.  Herma«;!  Lachmann,
Handelsmann,  Praylaserfir.  9.
HehrbtlmerAr.  13«.
Albert  Koste,
Grenaöierstr.  5.
Verantwortlich  für  Redaktion  und  vertag:  H.  Lachmann,  prenzlauerstr.  9.  Druck  von  Alb.  Lehmann,  Berlin  C.,  lHünjftr.  20.
90.  Freisinniges  Flugblatt  zur  Stichwahl  im  V.  Berliner  Neichstagswahlkreis  1898
        <pb n="197" />
        —  200  —
der  Sozialdemokratie  an  der  Gesamtzahl  der  abgegebenen  Stimmen  in
diesem  Wahlkreis  gestiegen.
Sozialdemokratischer  Kandidat,  bezw.  Vertreter  des  Kreises  ist  die
ganze  Zeit  über  Paul  Singer  gewesen,  der  1884  hier  zum  erstenmal  gewählt ­
  worden  war.
Berlin  V.

Jahr

Sozialdemokraten ­


Freisinnige ­


Konservative ­


Andere  Parteien

Zersplittert ­


1890

7  234

10  059

4  324

Zentrum
224

54

Stichwahl

8  701

11502

—

—

—

—

1893

9  729

7  840

5143

—

255

95

Stichwahl

11245

9272

—

—

1898

10  025

7  085

Antisemiten
3286

339

301

Stichwahl

10899

10  957

—

—

—

1903

14  568

6  496

3210

—

470

103

1907

15  029

9  217

1  555

160

474

113

In  diesem  Wahlkreis  liegen  die  Dinge  ähnlich,  wie  in  Berlin  III.  Er
ward  1893  in  der  Stichwahl  erobert,  ging  1898  mit  winziger  Stimmendifferenz
  verloren,  ward  1903  gleich  im  ersten  Wahlgang  zurückerobert  und
1907  gut  behauptet.  Das  günstigste  Stimmenverhältnis  ward  auch  hier
1903  erzielt.
Kandidat  der  Sozialdemokratie  war  1890  Alb.  Auerbach,  Kaufmann, ­
  und  von  1893  ab  Robert  Schmidt,  gelernter  Klavierarbeiter.

Berlin  VI.

Jahr

Sozialdemokraten ­


Freisinnige ­


Konservative ­


Andere  Parteien

Zersplittert


Zentrum

1890

42  274

14195

10836

Rational587 ­



—

89

liberale

1893

51  569

12  593

15  338

320

968

—

426

1898

58  778

10  603

15  554

—

1748

—

345

Nachwahl
30.  10.  1900
1903

53  895

—

10  486

—

1246

Polen

85

79  478

14146

14  813

—

2  476

589

147

1907

99  560

21  110

13  053

—

4  057

990

163

Sieht  man  von  der  Nachwahl  des  Jahres  1900  ab,  die,  wie  fast  alle
Nachwahlen,  Ausnahmeerscheinungen  zeitigte,  so  hat  in  diesem,  zum  eisernen
Bestand  der  Sozialdemokratie  gehörenden  Riesenwahlkreis  bei  jeder  Wahl
die  sozialdemokratische  Mehrheit  absolut  und  relativ  zugenommen.  Seine
Bevölkerungszunahme,  die  noch  bedeutender  ist,  als  die  Zunahme  von
Berlin  IV,  hieß  jedesmal  in  steigendem  Maße  Vermehrung  der  sozialdemokratischen ­
  Wählerschaft.  Nur  sehr  mäßig  und  in  wechselnder  Verteilung
nehmen  die  Stimmen  der  nichtsozialistischen  Parteien  zu.  Die  freisinnige
Partei  hat  1898  ihren  Tiefstand,  so  daß  sie  bei  der  Nachwahl  von  1900
den  Kampf  gar  nicht  erst  aufnimmt;  seitdem  hat  sie  sich  langsam  erholt.
Nicht  unwesentlich,  wenn  sie  auch  für  den  Wahlausgang  bedeutungslos
bleiben,  sind  die  Zentrumsstimmen  gestiegen.  Auch  für  polnische  Kandidaten
werden  neuerdings  zunehmend  Stimmen  abgegeben;  sie  beliefen  sich  1903
auf  589,  1907  auf  990.  Die  Konservativ-Antisemiten  haben  im  Gegenteil
seit  1893  nur  Rückgang  zu  verzeichnen.
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        m

91  und  92.  Sozialdemokratisches  Flugblatt  für  den  VI.  Berliner  Neichstagswahlkreis

An  die  Wähler  des  6.  Berliner
Reichstagswahlkreises.

Wie  der  Silvesterrausch  in  die  trübselige  Katerstimmmrg  überseht, ­
  hat  der  Reichskanzler  Fürst  Bülow  seinem  patriotischen
PosaunensLoß  vom  13.  Dezember  einen  wehleidige«  Appell
die  konservativen  und  liberalen  Parteien  zur  Bildung
eines  Regierungskaptellö  rmchfolgen  lassen  und  zwar  als
Brief  an  den  Neichsverband  zur  Bekämpfung  der  Sozialdemokratie. ­
  Verständlich  ist  dieser  Notschrei.  Denn  der  Wirr-,
warr  unter  den  Regierungsparteien  wuchs  riesengroß.
Mit  unvermuteter  Schnelligkeit  hatten  die  geschichtlichen
Ereignisse  beit  Widersinn  der  vorgeblichen  Gründe  für
die  Neichstagöauflösuug  erwiesen.  Am  13.  Dezember
hatte  der  Reichskanzler  die  kritiklose  Unterwerfung  des  Reichstags ­
  unter  das  Kommando  des  Gcneralstäbk  und  des  Militärkabinetts
  verfangt.  Der  Krieg  gegen  die  300  im  Felde
stehenden  HsstSntotten  sollte  noch  auf  Jahre  hinaus  ein  Heer
von  8000  Mann  erforderlich  machen.  Als  die  Mehrheit  des
Reichstags  sich  dieser  militaristischen  Parole  nicht  fügen  wollte,
wurhe  die  Auflösungsorder  aus  Brickcburg  verlesen.  Genau
gwci  Wochen  später,  am  27.  Dezember,  wurde  in  Berlin  die
Nachricht  bekannt,  daß  der  Hauptstamm  der.aufständischen
t ottentotten,  die  -Sondelszwarts,  sich  ergeben  haben.  Die
rgebung  dieser  armseligen  150  Mann  hat  aber,  selbst  nach
Lern  Eingeständnis  der  Offiziösen,  dem  sogenannten  Kriege
tatsächlich  ein  Ende  gemacht.
Noch  vor  wenigen  Tagen  suchte  die  freisinnige  VolkSpartci
  ihre  neugebackene  Militärfrömnngkeii  dadurch  zu  betätigen. ­
  daß  sie  gegen  die  Sozialdemokratie  zu  Felde  zog  mit
der  Phrase:  „Unsere  kämpfenden  Jungen  in  Afrika  lassen  wir
nicht  im  Stich  !"  Die  Ergebung  der  BondelSzwarts  hat  in
Liese  patriotische  Pauke  ein  Loch  geschlagen.  Man  denke  nur:
was  wäre  im  Reichstag  geschehen,  wenn  die  Ergebung  der
BondelSzwarts  14  Tage  früher  bekannt  geworden  wäre?  Der
Reichskanzler  hätte  feine  unheilverkündende  Ausmalung  der
Gefährdung  des  Deutschen  Reiches  durch  die  300  schrecklichen
Hottentotten  herunterschlucken  müssen.  Er  hätte  froh  sein
müssen,  noch  weit  weniger  bewilligt  zu  erhalten,  als  das
kompromiszbegicrige  Zentrum  sowieso  bewilligen  wollte.  ES  wäre
zu  keiner  Reichstagsauslösung  gekommen,  und  die  Freisinnigen
hätten  sich  die  Blamage  ersparen  können,  sich  dem  GeneralstabsabsolutiSnnrS
  für  nichts  und  wieder  nichts  zu  untetlverfen.
Uns  Sozialdemokraten  allerdings  kann  c§  ja-mir  höchst
willkommen  sein,  daß  die  Gegner  in  ihrer  Verblendung  einen 1
Tag  der  Abrechnung  heraufbeschworen  und  uns  selbst  dazu
die  günstigsten  Waffen  in  die  Hand  gedrückt  haben.  Hat  doch'
in  der  KriegSfragc  selbst  der  Gang  der  Ereignisse  die  Nichtigkeit ­
  der  sozialdemokratischen  Stellungnahme  vollcnff  bestätigt.
Wir  haben  von  jeher  die  Auffassung  vertreten,  daß  diesem
frivol  von  den  Weißen  heraufbeschworenen  Krieg  durch
menschenfreundliches  Entgegenkommen  gegen  die  Eingeborenen
längst  ein  Ende  gemacht  werden  konnte-  Noch  im  Mat  v.  I.
hatte  sich  der  Reichstag  durch  Annahme  einer  sozialdemokratischen ­
  Resolution  auf  unseren  Standpunkt  gestellt.  Im
Dezember  waren  das  Zentrum  halb,  die  Freisinnigen  -  ganz
umgefallen.  Möchte  aber  noch  irgend  jemand  bestreiten,  daß
die  Hottentotten  durch  Zusicherung  -der  Existenzsicherheit  in
Ausführung  jener  Mairesolution  weit  früher  bereits  zur
Waffenniederlegung  hätten  bewogen  werden  können?  Statt
besten.ist  der  Krieg  auf  Grund  der  Deimlinaschcn  Niederhetzrmgsstvatsgie
  weiter  geführt  worden.  Rücksichtslos  ist
deutsches  Gut  und  Blut  vergeudet  worden.  In  den  drei
Jahren,  die  der  Krieg  währt,  hat  er  uns'  nahezu  400  Millionen ­
  Mark  »md  2&amp;lt;M&amp;gt;0  Menschenleben  gekostet.  Zehntausend,: ­
  von  Eingeborenen  sind  im  Kampfe  gefallen  oder
durch  Hunger  und  Durst  dahingerafft.
Noch  menschenleerer  als  früher  ist  das  Wüsten-  und
Eteppenland  von  Deutsch-Südwestafrika  geworden.
Dennoch  sollen  abermals  Millionen  über  Millionen  dort
vergeudet  werden.  Plant  doch  die  Negierung  auch  für

FriedcnSzditen  die  dauernde  Beibehaltung  einer  Truppenmacht
  von  5000  Man«,  so  daß  uns  nach  den  bisherigen
Erfahrungen  dieses  Gebiet  dann  jährlich  einen  Neichszuschust
von  mindestens  40  Millionen  Mark  kosten  wird,  ohne
irgend  welche  Aussicht,  daß  die  Kolonie  jemals  auch  nur-ihre
Verwalkmgslosten  aufbringen  wird.  Aber  das  alles  soll  da§
deutsche  Volk  kritiklos  dem  Gutdünken  deS  Generalstabs  und
diesen  Bülow.  Dernburg  u.  Co.  überlassen,  die  gerade  in  der
Beurteilung  und  Behandlung  der  Dinge  in  Südwestasrika
ihre  völlige  Unfähigkeit  erwiesen  haben?
Nein  l  Aus  den  zahllosen,  Skandalen  in  allen  Kolonien,
die  von  schnrählicher  Mißhandlung  der  Eingeborenen  wie  von
der  Ausbeutung  jener  Eingeborenen  und  des  deutschen  Volkes
selbst  durch  habgierige  Spekulanten  immer  von  neuem  Zeugnis
ablegen,  drängt  sich  uns  die  Lehre  auf.  das;  endlich  ein  Euds
gemacht  werden  mrrst  mit  dieser  kapitalistischen  Kolonialpolitik, ­
  die  uns  keinen  Nutzen,  sondenr  nur  Schaden  bringt,
schweren  Schaden  materieller  und  moralischer  Art.
In  seinem  SUvesterbricf  wirft  Bülow  denn  auch  die  Süd-Westafrika-Maske
  vom  13.  Dezember  ab  und  gesteht  offen  ein,
daß  er  schon  im  Frühjahr,  als  verschiedene  Kolonialforderungen
durch  die  Reichstagsmchpheit  abgelehnt  wurden,  den  Plan  gefaßt
  habe,  es  zu  einem  Bruch  mit  dem  Reichstag  zu  treiben,
wenn  sich  die  Situation  wiederholen  sollte.  Damit  gesteht  er
ein.  daß  es  ihm  nicht  sowohl  auf  die  Durchsetzung  einer  6c*
stimmten  Kolonialforderung  ankommt,  als  auf  eine  Machtprobe
zwischen  der  junkerlich  -  bureaukratisch  -  militärische«
Rcgierungscligne  und  der  Volksvertretung.  Es  handelt
sich  jetzt  um  die  Frage,  ob  bei  nns  der  Regierungsabsoltttismus
  herrschen,  oder  ob  des  Volkes  Willen  das
höchste  Gesetz  sein  soll  in  deutschen  Landen.
In  diesem  Kampf  hat  die  Regierung  sich  zu  den  übrigen
reaktionären  Parteien  auch  noch  die  Freisinnigen  als  Schutz  -
truppe  der  Reaktion  gesichert.  Sie  will  nun  den  Kampf
führen  gegen  Sozialdemokratie,  Zentrum,  Welfen  und  Polen.
Der  Reichskanzler  sagt  in  seinem  Silvesterbrief  auSdrückiich:
„Die  Sozialdetziokrätie  stelle  ich  voran".  Da  hat  er  recht,
denn  nur  von  der  Sozialdemokratie  ist  ein  ernstlicher  Widerstand ­
  gegen  dieses  reaktionäre  Gelichter  zu  erwarten.  Scheut
der  Kanzler  doch  nicht  vor  dem  Staatsstreich  zurück.  Denn
anders  ist  seine  Drohung  mit  dem  Degen  Vonaparteö
nicht  zu  verstehen.
Alle  diese  krampfhaften  Drohungen  sind  Eingebungen  der
Furcht  vor  dem  wachsenden  Einfluß  und  der  wachsenden  Macht
der  Sozialdemokratie.  Es  ist  ja  längst  bekannt,  daß  diese
Furcht  in  den  beschränkten  Köpfen  der  schnapsjunkerlichen  und
schlotjunkerlicheu  Scharfmacher  den  Plan  eines  Wahlrechtsraubcs
  ausbrütet.  Je  gewaltiger  das  Emanzipationsheer  des
Proletariats,  die  Sozialdemokratie,  anschwillt,  je  klarer  und
entschlossener  sie  ihrem  Ziele,-  der  Befreiung  des  Volkes
von  jedweder  Ansbeutnug  und  Unterdrückung,  zustrebt,
um  so  leichter  wird  sie  alle  solche  volksfeindlichen  Pläne  zuschanden ­
  machen.  Jeder  Ncichstagswähler,  der  sein  Wahlrecht ­
  vor  der  Antastung  durch  freche  Staatöstreichplans
sichern  will,  must  deshalb  einem  Sozialdemokraten  seine
Stimme  geben,
Aber  nicht  nur  um  diese  große  Frage  der  Vollswahl
handelt  cs  sich,  auf  allen  Lebensgebieten  haben  wir  die  Reaktion
zu  bekämpfen.
Im  engsten  Zusammenhange  mit  der  blut-  und  geldvergendenden
  Kolonialpolitik  und  der  abenteuerlichen  Weltpolitik ­
  überhaupt  stehen  Militarismus  und  Mariniömuo
mit  ihren  steigenden  Rüstungen  zu  Wasser  und  zu  Lande.
Darin  geht  in  der  Tat  Deutschland  aller  Welt  voran  trotz  der
andauernden  Beteuerungen  seiner  Friedensliebe.  Werden  doch
jetzt  wieder  im  Etat  für  4007  für  das  Landheer  niajt
weniger  als  790  Millionen  Mark  (gegen  das  Vormyr
51  Millionen  Mark.  mehr),  gefordert;  für  die  Man-
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        91  und  92.  Sozialdemokratisches  Flugblatt  für  den  VI.  Berliner  Reichstagswahlkreis

201  Millionen  Mark  (liicsjt  21 fl / 4  Millionen  Mark).
Dazu  kommen  noch  für  Militär-  und  Marine  -  Pensionen
über  100  Millionen  Mark.
Man  muß  aber,  um  die  ganze  Wucht  dieser  Nüstungs'kostcn
zu  ermessen,  noch  in  Betracht  ziehen,  daß  auch  fast  die  gesamte
Reichsschuld  für  RüstungS-.  und  Kriegszwecke  aufgenommen
ist,  und  zwar  in  der  Hauptsache  während  der  Negierung  des
gegenwärtigen  Kaisers.  1888  hatte  das  Deutsche  Reich
,21  Millionen  Mark  Schulden.  Sie  sind  bis  1906  auf  nahezu
4000  Millionen  Mark  angewachsen.  Für  1007  wird
eine  neue  Anleihe  von  204  Millionen  Mark  geplant.
Die  deutschen  Steuerzahler  haben  an  die  Gläubiger  des  Reichs
jährlich  1301/2  Millionen  Mark  Zinsen  zu  zahlen.  So
geht.  eS,  Volldampf  voraus,  in  die  fünfte  Schulden-Milliarde
  hinein.  Es  ist  endlich  Zeit,  daß  dieser  uferlosen
Geldvergendung  für  militärische  Zwecke  mit  der  daraus
resultierenden  Pumpwirtschaft  ein  Ende  gemacht  wird.  Aber
nur  die  Sozialdemokratie  hat  sich  als  unbedingter  Gegner  diese»
ganzen  Systems  bewahrt.
Gleichzeitig  mit  den  Schulden  sind  aber  auch  die  Steuern
angewachsen,  die  das  Volk  für  jene  militärischen  und  inarinistischcN
  Zwecke  aufbringen  muß.  Nachdem  im  Jahre  1902
der  neue  Hochschuhzöllnerische  Zolltarif  die  Lebensmittel  des
Volkes  verteuert  hatte,  meist  um  den  Agrarier»  die  Taschen
zu  füllen,  zum  geringeren  Teil  um  die  ReichScinnahmen  zu
erhöhen,  hat  in  diesem  Frühjahr  der  Reichstag  abermals  für
180  Millionen  Mark  neue  Steuern  bewilligt.  Nur  zum
kleinen  Teil  treffen  sie  die  Wohlhabenden,  z.  B.  durch  die
Erbschaftssteuer  und  die  Tanticmensteucr;  aus  die  Schultern
der  Minderbemittelter!  ist  wieder  die  Hauptlast  gewälzt  durch
Erhöhung  der  Bierstener,  die  Zigaretteustencr,  die  Fahrkartenstcuer
  und  die  Erhöhung  des  Ortsportoö  für  Postkarten ­
  und  Drucksachen.
Das  sind  an  sich  schon  schlinnne  Bürden,  aber  in  ihrer
Suche  nach  Geld  zur  Fütterung  des  unersättlichen  Militarismus
haben  die  Steuerweisen  jetzt  schon  lüsterne  Blicke  aus  die
Tabakstencrerhöhung  und  die  Wchrstencr  geworfen.
Die  Sozialdemokratie,  steht  allen  indirekten  Steuern
grundsätzlich  ablehnend  gegenüber.  Sie  sucht  eine  Steuer«
reforiu  durch  Verminderung  der  unnötig  hohen  Lasten  für
Heer  und  Marine  anzubahnen.  Die  unverincidlichen  Ausgaben ­
  »vill  sie  aber  durch  direkte  Steuern  nach  Maßgabe  des
Vermögens  und  Einkommens  aufbringen,  also  durch  Einkommcnstcner,
  Vernkögenssteuer  und  Erbschaftssteuer.
Das  gegenwärtige  Reichssteuersystcm  belastet  die  Acrmerens
zu  gunsten  der  Reichen.  Es  ist  hohe  Zeit,  daß  dieser  Unzerechtigkeit'
  ein  Ende  gemacht  wird.
Wie  das  ganze  Steuersystem  auf  eine  verkappte  Ausbeutung ­
  der  breiten  Volksmassen  hinauskommt,  so  wirken  auch
andere  Maßregeln  der  Regierung  in  der  nämlichen  Richtung.
Die  Fleischtencrung,  unter,  welcher  das  Volk  seit  Jahresfrist
zu  leiden  hat,  rührt  nicht  nur  her  von  der  Zollcrhöhung,  sie
wird  noch  künstlich  gefördert  durch  die  Grenzsperre,  zu  der
die  angebliche  Seuchengefahr  den  Vorwand  liefert.  Vergeblich
haben  wir  die  Regierung  zur  Beseitigung  der  Sperre  aufgefordert. ­
  Sie  stützte  sich  in  ihrem  Widerstand  auf  die  nämliche
Mehrheit  der  Vrotwuchcr-  und  Flcischwucherpartcien,  die  am
14.  Dezember,  in  der  AdventSnacht  deS  JahreS  1902  den
Wuchertarif  bewilligt  hat.  Auch  über  die  LebenSmittelwncherer
  iinifr  daS  Volk  Gericht  halten  am  25.  Januar!
Zu  guter  Letzt  hat  die  Regierung  auch  noch  ihre  Arbeiterfeindlichkeit
  offenbart  in  dem  Gesetz  über  die  eingetragenen
Bernfsvereine,  das  mit  dem  Köder,  den  Gewerkschaften
verinögensrechtliche  Vorteile  zu  verschaffen,  diese  Arbeitervereine
verlocken  will,  sich  unter  die  knebelnde  und  entnervende  Vormundschaft ­
  der  aintierenden  Bureaukratie  zu  stellen.  Die  Arbeiter ­
  bekommen  da  einen  Vorgeschmack,  was  ihnen  aus.  der

geplanten  obrigkeitlichen  „Reform  der  Kraukenkassettgesetze"
erblühen  würde,  näniljch  die  Zerstörung  der  Selbstverwaltung, ­
  zu  der  eine  Anzahl  Scharfmacher,  darunter  auch  der
freisinnige  Dr.  Mugdan,  die  Regierung  aufzuhetzen  suchen.
Angesichts  aller  dieser  arbeiterfeindlichen  Pläne  müßte  jeder
Arbeiter,  der  auch  nur  einen  Funken  Ehrgefühl  in  der  Brust,
alles  aufbieten,  um  die  Sozialdemokratie  zu  stärken,  damit  sie
im  Reichstag  mit  größerem  Erfolg  noch  als  bisher  den  Kamps
für  die  Arbciterinteressen  führön  kann.  Zeigen  doch  fast  täglich
Vorkommnisse  des  öffentlichen  Lebens  von  den  drakorrischeu
Urteilen  der  Gerichte  in  Arbeitskonflikten  bis  zu  der  polizeilichen ­
  Haudabhackerci  in  Brcölan  und  den  Polizeicxzeffen
in  Nürnberg  und  Hamburg,  was  die  deutsche  Arbeiterschaft
von  den  Handlangern  der  herrschenden  Klassen  zu  erwarten  hat.
Der  "sozialpolitischen  Reaktion  verbindet  sich  das  Treiben
der  Ncaktionsfinsterlinge  im  Schulwesen.  das  der  Landesgesetzgebung
  vorbehalten-  ist.'  In  daS  Reichsrccht  greift'  aber  der
Sprachcnkamps  gegen  Polen  und  Dänen  über,  der  eine
derartige  Erbitterung  unter  jenen  anderssprachigen  Volksteilen
hervorgerufen  hat.  daß  es  schon  zu  einem  Streik  der  polnischen
Schulkinder  gekommen  ist.  Die  Rcgieruiigsorganc  gehen  dagegen ­
  niit  dem  ungesetzlichen  Mittel  vor.  solche  Kinder  den  Eltern
zu  nchnieu  und  iu  Fürsorgeerziehung  zu  geben.  Auch  diese
brutalen  llnterdrückungsversnche  bekämpft  die  Sozialdemokratie.
Sie  erstrebt  die  Völkerverbrüderung,  nicht  Völkcrfeindschaft.
In  dein  Kampfe.  den  die  Sozialdemokratie  für  des  Volkes
Recht  und  deS  Volkes  Wohl  zu  führen  hat,  schließen  sich  mehr  und
mehr  alle  anderen  Parteien  zu  einem  Bunde,  gegen  die  Sozialdemokratie, ­
  gegen  die  einzig  wirkliche.Volkspo--iei  zusammen.
Von  den  junkerlichen  Kandidaten  Podbiclski  ljnd  Oldenburg-Januschan
  bis  zu  den  neuerdings  militärfromm  gewordenen
Freisinnigen,  schließt  sich  Ring  an  Ring.  Haben  ,  doch  Freisinnige, ­
  Nativnallibcrale  und  Konservative  schon  gemeinsame ­
  Kandidaten  konservativer  Färbung  gegen  die  Sozialdemokratie ­
  aufgestellt,  so  in  B.reslau  und  in  Gotha.  Wer
deshalb  diesen  reaktionären  Ring  bekämpfen,  wer  für  die  Befreiung ­
  des  Volkes  von  jedweder  Ausbeutung  und  Unterdrückung
wirken  will..der  gebe  am  25.  Januar  seine  Stimme  dem  Kandidaten ­
  der  Sozialdemokratie
Georg  Ledebour,
der  seit  mehr  als  sechs  Jahren  den  6.  Berliner  RcichStagZwahlkreis
  im  Reichstage  vertreten  hat.
Bleibe  keiner  am  Wahltage  daheim!  Es  muß  nicht  nur
der  Wahlsieg  errungen,  es  muß  auch  eine  möglichst  hohe
Stimmcnzahl  sür  die  sozialdemokratischen  Kandidaten  aufgebracht ­
  werden  als  flammender  Protest  des  Volkes:
gegen  die  grenelvolte  Kolonialwirtschaft;
gegen  die  abenteuerliche  Weltpolitik;
gegen  die  Vergeudung  von  Milliarden  für
Militarismus  und  Marinismus;
gegen  die  wucherische  Lebensmittelverteuerung  ;
gegen  die  Anschläge  zur  Knebelung  der  Gewerkschaften ­
  und  .Krankenkassen;
gegen  die  tückischen  Pläne  zur  Entrechtung  des
Volkes;
gegen  das  bureaukratische  Regierungssystem  und
seinen  Auswuchs,  das  persönliche  Regiment
und  für  dicBcfrcinngdesVolks  von  jedemDrnck;
für  die  Demokratisierung  unseres  Staatswesend ­
  von  Grund  ans;
für  Sozialismus  und  Völkerverbrüderung!
Das  sozialdemokratische  Wahlkomrtee.

Zur  Förderung  der  Wahlagitation  finden  in  den  nächsten  Tagen  folgende  Versammlungen  statt:
Montag,  de»  7.  Januar,  abends  8  Uhr:
Fröbel,  Schönhauser  Allee  148-  Groterjan,  Schönhauser  Allee  130

Dienstag,  den  8.  Januar,  abends  8  Uhr:
Swrnemünder  Gesellschaftshaus,  Swinemünderstr.  42
Cösliner  Hof,  Cöslinerstr.  8  —  Artushof,  Perlebergerstr.  26
Kronenbrauerei,  Alt-Moabit  47—49.

■"  Lelar.Uvorilich:  Lllth.  Frchlhaler,  N.,  Garlenplatz  1.—  Srutf:  Dorwür!»  Dlichdrurl-:»«  uui&amp;gt;  LcNag»anIia!t  Paul  Tinger  &amp;amp;  Lo.,  Berlin  SW.  dH  Sinbca/Uajj*  i&amp;gt;S^
        <pb n="200" />
        Kandidat  und  Vertreter  der  Sozialdemokratie  war  hier  bis  1900  Wilhelm ­
  Liebknecht,  von  der  Nachwahl  vom  30.  Oktober  1900  ab  Georg
Ledebour,  Schriftsteller.
2.  Die  beiden  Vorortswahlkreise.

a)  Niederbarnim.

Jahr

Sozialdemokraten ­


Konservat.
bzw.  Reichsp.

Freisinnige ­


Zentrum

Landwerker
bzw.Antis.

Polen

Zersplittert ­


1890

13362

11482

4  223

126

297

—

24

Stichw.

15  411

15  025

—

—

—

—

—

1893

17  044

I  I  095

3  726

187

2  748

—

24

Stichw.

18  710

17  853

—

—

—

—

—

1898

23  017

13  888

4  244

638

409

—

142

1903

38  364

20  415

4  040

853

—

260

48

1907

57  867

34  694

50

1590

—

481

179

Der  die  nördlichen  und  östlichen  Vororte  Berlins  umfassende  Wahlkreis ­
  wurde  in  der  Stichwahl  des  Jahres  1890  zum  erstenmal  für  die
Sozialdemokratie  erobert,  und  seitdem  ist  das  Mandat  für  diesen  Kreis
im  Besitz  der  Partei  verblieben.  1893  mußte  noch  einmal  ein  Stichwahlkampf ­
  ausgcfochten  werden,  bei  den  drei  folgenden  Wahlen  aber
ward  der  Sieg  schon  sofort  im  ersten  Wahlgang  erkämpft.  Sowohl  im
Jahre  1903  wie  im  Jahre  1907  entfielen  über  60  Proz.  der  abgegebenen
gültigen  Stimmen  auf  den  Kandidaten  der  Sozialdemokratie,  womit  denn
auch  dieser  Kreis  den  Anspruch  auf  den  Titel  „eiserner  Bestand  der
Sozialdemokratie"  erworben  hat.  Die  Entwicklung  der  Sozialdemokratie
in  den  bedeutenderen  Ortschaften  des  Kreises  wird  durch  folgende  Zahlen
illustriert:

Ortschaft:

1890

1893

1898

1903

1907

Boxhagen-Rummelsburg

.  789

1454

1  655

2  456

6  319

Friedrichshagen

608

862

940

1223

2  682

Lichtenberg-Friedrichsberg  .

.  2  331

2  856

4  297

6159

8  807

Pankow

419

724

1212

2  343

3  762

Reinickendorf

.  995

1  139

1  161

2103

3  382

Weißensee  (Neu-  und  Alt-)

.  1525

2  674

3  339

4  203

5  423

Kandidat  und  Vertreter  der  Sozaldemokratie  ist  in  diesem  Kreise  seit
1890  Rechtsanwalt  und  später  Schriftsteller  Arthur  Stadthagen.

b)  Teltow—Beeskow—Storkow—Charlottenburg.

Jahr

Sozialdemokraten ­


Freisinnige


Konservative ­


Andere  Parteien

Zersplittert


1890

19169

7  437

22  087

Zentrum
225

925

Stichwahl

22  839

—

28  945

—

—

—

1893

31424

8  253

18  487

416

Antisemiten
7  786

67

Stichwahl

36330

—

29  987

—

—

--1898



42  699

11392

28441

1  232

2  080

355

Stichwahl

51967

—

46  361

—

—

—

1903

73  854

11711

36  703

2  013

Nationalliberale

7  623

1  000

1907

104104

39  066

52  490

2  866

—

1  069

Der  Wahlkreis,  der  zirka  280  Ortschaften  im  Westen,  Süden  und
Südosten  Berlins  umfaßt  und  heute  der  bevölkerteste  aller  Reichstagswaht-
        <pb n="201" />
        93  und  94.  Sozialdemokratisches  Flugblatt  für  den  Wahlkreis  Teltow-Beeskow-
Storkow-Charlottenburg

Ein  ernstes  Wort  m  letzter  Stande!
Mahler  des  Wahlkreises
Teltow  Keeskow-StorkowCharLotteirkurg!

Der  Tag  der  Entscheidung  stehs  bevor.  .  Am  Dienstag
den  18.  Juni  sollt  Ihr  durch  Eure  Stimmabgabe  er.
klären,  wen  Ihr  sür  würdig  erachtet,  für  di-  nächsten  fünf
Jahre  den  größten  Wahlkreis  im  deutschen  Reichstage  zu
vertreten.
Soll  di-  Gesetzgebung  loeiter  im  Dienst  der  Agrarier
und  der  Grobkapitalisten  stehen  oder  sollen  endlich  Ges-ne
J»  Gunsten  der  Gesamtheit,  Gesetze  im  Interesse
r&amp;gt;cs  arbeitenden  Volkes  geschossen  werden?  Das  Wohl
und  Wehe  des  deutschen  Volker  hängt  von  der  Gesetz,
gebnng  ab.
Ein  einziges  Gesetz  kann  Sunderttansende  brotlos
niaiben.  kann  Millionen  schwer  schädigen,  nur  damit  eine
La-  dvoll  Besitzender  sich  die  Taschen  süllt.  Tie  Höhe  der
i!cbeusmittclprcise,  die  Höhe  der  Stenern,  Freiheiten
und  Siechte  des  Volkes,  der  Geschäftsgang  der  Industrie ­
  und  des  Handels  —  die  Existenz  und  somit
das  Wohlergehen  eines  je!»-»  einzelnen  hängen  von
den  Gesetzen  ab.  die  im  neuen  Reichstage  zustande  komnien.
Deshalb  muß  sich  ein  jeder,  dem  sein  eigenes
Wohl  und  das  Wohl  seiner  Familie  am  Herzen
liegt,  fragen:
Wen  mahle  ich?
Vier  Kandidaten  sind  es.  die  sich  Euch  präsentiert
haben.  Die  Konservativen  schlagen  Euch  vor.  einen  Mann
zu  wählen,  der  den  weitesten  Kreisen  unbekannt  ist,  einen
Mann.  der  zu  seiner  Empfehlung  nur  anzuführen  weiß,
daß  er  sich  durch  Tüchtigkeit  und  Fleiß  zu  bescheidene»,
Wohlstand  in  treuer  Arbeit  eniporgerungeu  habe,  daß  er
unabhängig  sei  und  daß  er  sich  gern  und  mit  Stolz  an
seine  Dienstzeit  bei  der  Garde  erinnere,  und  der  im  übrigen
Len  sogenannten  Mittelstand  zu  retten  verspricht.
Durch  dies  Versprechen  glaubt  der  konservative
Kandidat  die  Geschäftsleute  einsangen  zu  können.  -In
Wirklichkeit  aber  giebt  es  nur  ein  Mittel,  den  kleinen
*  Leuten  zu  helfen,  das  ist  die  Verringerung  der  Steuerlasten. ­
  Der  Kandidat  der  Konservativen  trägt  mit  die
Verantwortung  dafür,  daß  dem  Volke  immer  neue  Lasten
aufgebürdet  und  daß  die  Lebensrnittel  immer  mehr
verteuert  werden.  Wer  es  wirklich  ernst  mit  den  kleinen
Leuten  meint,  der  muß  dafür  sorgen,  daß  die  Arbeiterschaft
kaufkräftiger  wird.  Wer  aber  für  höhere  Steuern,  für
Vermehrung  der  Heeres-  und  Flottenausgaben  eintritt,
der  trägt  zur  Verarmung  der  Massen  bei  und  meint  es
nun  und  'nimmer  ernst  mit  seinen  Versprechungen,  dem
Mittelstand  zu  helfen.
Der  Kandidat  der  Freisinnigen  Volkspartei  hat  sich
kaum  die  Mühe  genommen,  sich  den  Wählern  vorzustellen,
er  glaubt  selbst  nicht  an  seinen  Sieg.  Und  in  der  Tat
kann  niemand,  dem  das  Wohl  der  Gesaintheit  am  Herzen
liegt,  für  ein  Mitglied  derjenigen  Partei  eintreten,  die  der
Sozialdemokratie  in  ihrem  Kampfe  gegen  den  Zolltarif ­
  to  den  Rucken  gefallen  ist  und  dadurch  den

Sieg  der  DolksauSbeuter  herbeigeführt  hat.  Die
Freisinnige  Volkspartei  hat  besonders  in  der»letzten
Neichstagssession  eine  so  traurige  Rotte  gespielt,  daß
kein  deutscher  Arbeiter,  ja  überhaupt  kein  Mann,  der  noch
einen  Funken  demokratischer  Gesinnung  besitzt,  ihren  Kandidaten ­
  wählen  kann.
Auch  der  uationallibcrale  Kandidat  kann  unmöglich
die  Stimme  eines  denkenden  Arbeiters,  Beamten,  Handwerkers ­
  oder  kleinen  Geschäftsrnannes  erhalten.  Die
nationalliberale  Partei  ist  die  Vertreterin  nackter  Nuternehmerinteressen,
  sie  hat  jeden  Verrat  des  Reichstages ­
  an  den  Rechten  des  Volkes,  jedes  Attentat
ans  die  werktätige  Bevölkerung  gern  und.  freudig
mitgemacht,  sie  hat  ihre  liberale  Vergangenhell  längst  verleugnet ­
  und  stimmt  mit  Hurrah  für  alle  Hecrcö-  und
Flotte,rvorlagcn,  für  neue  Lcbenömittelzölle,  wie  sie
dann  auch  Arm  in  Arin  mit  den  Junkern  und  Pfaffen
die  Redefreiheit  im  deutschen  Reichstage  unterdrückt
und  der  Regierung  gehorsamst  den  Wnchcrtarif  apportiert
  hat.
Die  Interessen  der  Gesamtheit  werden  einzig
und  allein  wahrgenommen  von  der  Sozialdemokratie, ­
  deren  Kandidat  •
Stadtverordneter
Fritz  3nUnl--Berlin
den  Wahlkreis  Teltow  -  Beeökow  °  Storkow  -  Eharlottcnburg
bereits  seit  einem  Jahrzehnt  im  Reichstage  vertreten  hat
und  unter  Hintansetzung  seiner  eigenen  Person  stets  mannhaft ­
  und  unerschrocken.  für  das  Wohl  des  Volkes  gekänrpft
  hat.
Die  Sozialdemokratie  ist  die
Partei  des  gesamten  werktätigen
Volkes!
.  Ein  Mann  ans  dem  arbeitenden  Volke,  der
ferne  Interessen  wahrnehmen  will,  kann  nur  einen
Sozialdemokraten  wählen..
.  Die  Sozialdemokratie  allein  kämpft  mit  Entschiedenheit ­
  gegen  die  wahnsinnigen  Ausgaben  für
Militarismus  und  Marinisrnris!
Die  Sozialdemokratie  ist  der  beste  Schntzdamrn
gegen  die  Gelüste  der  Beutepolitikcr!
Die  Sozialdemokratie  ist  die  Partei  der
Arbeiter,  sowohl  der  Industrie-  und  Landarbeiter  als
auch  der  kleinen  Handwerker,  Geschäftsleute  und
Landleute.  ..
Die  Sozialdemokratie  hat  sich  auch  der  niederes
Beamten  stets  mit  aller  Entschiedenheit  angenommen.
        <pb n="202" />
        93  und  94.  Sozialdemokratisches  Flugblatt  für  den  Wahlkreis  Teltow-Beeskow-
Storkow-Charlottenburg

Der  Sieg  det  Sozialdemokratie  ist  die
Seste  Gewähr  dafür,  vast  nur  gute  Handelsverträge ­
  abgeschlossen  werden,  die  einzige
„Weltpolitik",  von  der  die  gesamte  Industrie
und  das  ganze  Volk  Vorteile  haben.
Der  Sieg  der  Sozialdemokratie  ist  die  Garantie
des  Friedens,  bürgt  die  Solidarität  der  Nation
in  sich  und  der  Nationen  rrr  Nationen?
Der  Sieg  der  Sozialdemokratie  bedeutet  das
Ende  der  BeuLepoliLik,  macht  dem  Fortschritt  die
Bahn  frei,  öffnet  der  Freiheit  die  Pforten!

Der  Sieg  der  Sozialdemokratie  ist  dev  Sieg
der  Kultur,  er  wird  das  Volk  geistig,  wirtschaftlich
uud  sozial  auf  eine  höhere  Stufe  heben!
Wer  daS  will,  wer  das  Interesse  deS
arbeitenden  Volkes  wahr  ne  hm  en  will,  der

wähle  den

iuuiMftt  der  ZgjillldkWkrlllik:

Stadtverordneten

Fritz  Zubeil  Berlin

Das  Geheimnis  der  Wahl  ist  gesichert!
Keine  Stimmzettel-Spitzelei  mehr!

Vach  dreißigjährigem  Strauben  hat  sich  die  Regierung
endlich  entschlossen,  die  verfassungsmätzige  Geheimhaltung  der
Wahl  zu  sicherm.
Zur  großen  Wut  der  Konservativen,  welche  diese  ..Verschärfung" ­
  des  gcheimen  Wahlrechts  als  Klosetgesctz  verhöhnten,
  hat  die  Regierung  eine  Verordnung  erlassen,  welche
zum  ersten  Male  eine  wirtlich  geheime,  wirklich  freie  Wahl
gewährleistet.
Jeder  kann  diesmal  furchtlos  den  Mann  seiner
UrLrrzeugrrüg  wählen.  Niemand  kann  seine  Abstimmung
controllieren.  Kein  Gutsherr.  Inspektor.  Fabrikleiter  u.  s.  w.
kann  mehr  die  Arbeiter  mit  kenntlich  gemachtem  Wahlzettel
zur  Urne  marschieren  lassen.
„  Jedermann  nehme  sich  in  der  Tasche  von  Hause  einen
sozialdsurokratischeu  Wahlzrttel  ins  Wahllokal  mit.  Er
»nutz  ungefähr  S  zu  12  Ccntimcter  groh  sein.
Wesentliche  Abweichungen  in  der  Zettelgröße
  machen  die  Wahl  migilttg!
Jm-Wahllokal  empfängt  er  ein  amtliches  Wahlkouvcrt.
die  olle  gleich  sind  und  keinerlei  Kennzeichen  haben  dürfen.
Mit  dem  Wahlkouvert  geht  jeder  einzeln  in  einen  Ncbeuraum
  oder  au  einen  durch  einen  Verschlag  abgetrennten
Lisch.  Hier  steckt  der  Wähler,  nnbeobachtct  von  jedermann,
seinen  sozialdemokratischen  Zettel  in  den  Umschlag  und
schließt  ihn  wie  einen  Brief;  Zukleben  ist  nicht  notwendig,
aber  zu  empfehlen.
Darauf  übergiebt  der  Wähler  das  Kouvert  mit  Zettel  dem
Wahlvorsteher.
Der  Wahlvorsteher'  darf  keinen  Zettel  annehmen,  der
nicht  vorher  an  der  vor  Zuschauern  geschützten  Stelle  in
den  Umschlag  gelegt  ist.

Man  achte  daraus,  vatz  der  Nebenranm  oder  der  Tisch
so  beschaffen  ist.  daß  wirklich  niemand  beobachten  kann,  was
für  einen  Zettel  der  Wähler  ins  Kouvert  steckt.
Ungesetzliche  Jsolierräuine  mache,,  die  Wahl
ungiltig!
Der  Wahlvorsteher  hat  die  Kouverts  in  geschlossene
Gefaste  (Urnen),  die  oben  einen  Spalt  haben,  zu  legen.
Ungesetzliche  Wahlgefäße  machen  die  Wahl
„ngiltig!
Die  Wahlhandlung  dauert  diesmal  von
IO  bis  7  Uhr.
Niemand  bars  aber  seine  Stimme  nach  7  Uhr  abgeben,
and,  wenn  er  vor  7  Uhr  im  Lokal  ist.  Es  empfiehlt  sich  also,
nicht  im  letzten  Augenblick,  sondern  so  früh  wie  möglich  zu
erscheinen,  damit  jeder  seine  Stimme  bis  7  Uhr  abgeben  kann.
Eure  Arbeitgeber  können  Euch  bei  diesen  Wahlen  nicht
mehr  für  die  Betättgung  Eurer  sozialdemokratischen  Ueberzeugung ­
  besttafen.
Die  Sicherung  des  Wahlgeheimnisses  schätzt
vor  Rache!
Niemand  kann  Euch  kontrollieren,  zur  Urne  führen,  dis
Zettel  Eurer  Feinde  aufzwingenl
Ihr  wählt  frei!  Ihr  wählt  sozialdemokratisch!

BeranhsortL?,  ßj  tzöerdard»  «rarlottmbur-  SStetUr.  84  —  Druck:  Vorwärts  Buüdruckcrei  und  SerlegSanslatt  PmU  Singer  &amp;amp;  So,  Berlin  ßW.&amp;lt;&amp;amp;  Lindenstr.  CA
        <pb n="203" />
        206

kreise  Deutschlands  ist  —
er  zählte  1907  gegen  eine
Million  Einwohner
und  248160  eingeschriebene
Wähler  —,  ward  von
der  Sozialdemokratie  zum
erstenmal  im  Jahre  1893,
und  zwar  in  der  Stichwahl, ­
  erobert.  Auch  1898
siegte  die  Sozialdemokratie
erst  in  der  Stichwahl,  1903
und  1907  dagegen  gleich
im  ersten  Wahlgang.  Die
Zahl  der  sozialdemokratischen ­
  Stimmen  ist  ununterbrochen ­
  gestiegen,  aber  ihr
Verhältnis  zur  Gesamtheit
der  Wähler  der  nichtsozialdcmokratischen
  Parteien
war  1907  weniger  günstig
als  1903.  Die  großen  westlichen ­
  Nachbarorte  Berlins ­
  :  Schöneberg,Wilmersdorf ­
  und  Charlottenburg,
sowie  eine  Reihe  anderer
Ortschaften  im  Westen  der
Lauptstadt  nehmen  neuerdings ­
  von  Jahr  zu  Jahr
in  einem  Maße  an  wohlhabenden ­
  und  kleinbürgerlichen ­
  Einwohnern  zu,  daß
dieser  Zuwachs  zusammengenommen ­
  nicht  mehr  viel  hinter  dem  proletarischen  Zuwachs  des  Kreises
zurückbleibt,  der  vor  allem  das  südöstlich  gelegene  Nixdorf  und  einige
andere  Ortschaften  im  Südosten  Berlins  anschwellen  läßt.  Dieser  bürgerliche ­
  Zuwachs  erklärt  das  bemerkenswerte  Wachstum  der  freisinnigen
Stimmen  von  1903  auf  1907.  Da  die  rein  ländlichen  Orte  und  Landstädtchen, ­
  die  Domänen  der  Konservativen,  in  der  Einwohnerzahl  keine
oder  kaum  nennenswerte  Zunahme  erfahren,  läßt  sich  die  Zeit  voraussehen, ­
  wo  nicht  mehr  die  Konservativen,  sondern  die  Freisinnigen  die  zweitstärkste ­
  Partei  im  Kreise  sein  werden.  Auch  hier  hat  das  Zentrum,
wie  überhaupt  in  Groß-Berlin,  von  Wahl  zu  Wahl  mehr  Stimmen  erhalten, ­
  und  das  gleiche  gilt  von  den  Polen,  die  1903  815  und  1907
930  Stimmen  verzeichnen  konnten.
Äber  die  Bewegung  der  Sozialdemokratie  und  die  Wahlergebnisse  in  den
einzelnen  Ortschaften  des  Kreises  geben  die  in  Broschürenform  veröffentlichten ­
  Berichte  des  ihn  umfassenden  sozialdemokratischen  Zentralwahlvereins,
sowie  die  in  mehreren  Auflagen  erschienene  Schrift  von  Paul  Lirsch:
„Die  Sozialdemokratie  im  Wahlkreise  Tcltow-Beeskow-Storkow-Charlotten-2.

  Berliner  IBcid)slags-iüal)lhreisl
Jeder  Arbeiter
mutz  bei  der  heutigen  Reichstags-Wahl
  an  die  Wahlurne  gehen  und
für  den  Arbeiterkandidaten
Mchllli»  Mer
stimmen.
Gewählt  wird  heute  von  10  Uhr  vorm,  bis  7  Uhr  nachm.
Geht  frühzeitig  zur  Wahl.  die
Gegner  bieten  alles  auf.
Punkt  7  Uhr  wird  der  Wahlakt
geschlossen;  wer  um  7  Uhr  nicht  gewählt ­
  hat.  geht  seiner  Stimme  verlustig. ­
  Tut  heute  Eure  Pflicht,
dann  ist  der  Sieg  unser.
Das  sozialdemokratische  Wahlkomitee.
I.  H.  Werner.
Äonvällp  1Uich»nilt,kci  und  flfrfuflMnllnll  Du  ul  Stnzri  4  (So.  tlcilln  8W.  6S,  Embcnlttnfer  o&amp;gt;

95.  Letzte  Mahnung  an  die  Wähler
        <pb n="204" />
        bürg"  wertvolle  Auskunft,  die  den  nun  folgenden  Zusammenstellungen^
gründe  gelegt  ist.
In  den  größeren  Orten  des  Kreises  hat  sich  die  Stimmenzahl
Sozialdemokratie  von  Lauptwahl  zu  Lauptwahl  wie  folgt  entwickelt:

1890

1893

1898

1903

1907

Rixdorf

3  982

6  508

10  063

17  563

29  339

Charlottenburg  ....

3  868

6  537

9  808

16119

22187

Schöneberg

1  653

3  083

5  627

10  662

14  133

Wilmersdorf

367

621

1  338

2  800

4  730

Köpenick

1  568

2  031

2160

2  941

3  891

Groß-Lichterselde  .  .  .

220

559

776

1  792

2  335

Steglitz

631

995

1071

1982

3123

Britz

556

737

720

1  145

1  149

Adlershof

336

568

924

1  230

1381

Neuendorf

186

294

347

556

894

Nowawes

685

1  093

1  124

1  498

1616

Friedenau

153

323

437

923

1  383

Tempelhof

373

524

528

940

1  181

Treptow

130

182

424

894

1  951

Zehlendorf

195

316

399

703

889

Mit  Ausnahme  der  obenanstehenden  Ortschaften  Charlottenburg,
Rixdorf,  Schöneberg  und  Wilmersdorf,  die  heute  eigene  Stadtkreise
sind,  werden  die  im  vorstehenden  aufgezählten  Orte  dem  Kreise  Teltow  zugezählt. ­
  Der  Kreis  Beeskow-Storkow  umfaßt  keinen  Ort  von  Bedeutung,
und  nur  in  sieben  ihm  zugehörcndcn  Ortschaften  wurden  bisher  mehr  als
hundert  Stimmen  für  Kandidaten  der  Sozialdemokratie  erzielt.  Folgendes
die  Entwicklung  dieser  Orte  unter  dem  Gesichtspunkt  der  Stimmenzahlen
der  Sozialdemokratie.  Es  wurden  für  sozialdemokratische  Kandidaten
Stimmen  abgegeben  in

1890

1893

1898

1903

1907

Beeskow  ....

20

69

68

112

130

Ketschendorf  .  .  .

63

80

107

217

264

Markgrafpieske.  .

96

80

112

131

126

Niederlehme.  .  .

14

49

64

143

163

Rauen

43

76

104

132

149

Spreenhagen.  .  .

46

63

80

88

109

Storkow  ....

58

49

51

119

183

Die  günstigste  Entwicklung

für  die  Sozialdemokratie

zeigt  der

Ort
Ketschendorf,  ein  Flecken  in  unmittelbarer  Nachbarschaft  der  Stadt
Fürstenwalde,  die  selbst  zum  Wahlkreis  Frankfurt  a.  O.-Lebus  gehört.
Ketschendorf  ist  stark  von  Industriearbeitern  und  Schiffern  bewohnt,  das
ebenfalls  nahe  bei  Fttrstcnwalde  gelegene  Rauen  beherbergt  viele  Arbeiter,
die  in  Braunkohlengruben  beschäftigt  sind.  Markgrafpieske  und
Spreenhagen  zählen  viele  Bauarbeiter,  Niederlehme,  das  an  einem
in  die  Spree  einmündenden  See  liegt,  hat  Ziegelei-  und  Fabrikarbeiter,
Beeskow  und  Storkow  sind  kleine  Kreisstädte  mit  ein  wenig  Industrie.
Interessant  ist  ein  Vergleich  der  Entwicklung  des  Kreises  Teltow  ohne
die  ihm  nach  mehr  oder  weniger  langer  Zeit  zugerechneten  Städte  Rixdorf,
Schöneberg  und  Wilmersdorf  mit  der  Entwicklung  des  Kreises  Bceskow-Storkow.
        <pb n="205" />
        208

In  Teltow  erhielten  Stimmen:

Jahr

Sozialdemokraken  Freisinnige  Konservative

Andere  Parteien

1890

8  026

3151

12  500

39

1893

13331

3  654

10  379

3  328

1898

14238

3  061

14  024

1383

1903

24110

2  753  1
1  529  *1

18  566

984

1907

30  678

10  704

23173

888

Die  parteipolitische  Entwicklung  des  Kreises  Beeskow-Storkow  war

dagegen:

Jahr

Sozialdemokraten

Freisinnige  Konservative

Antisemiten

Ändere  Parteien

1890

1273

866  4133

—

801

1893

1344

536  3  255

1515

1

1898

1625

301  3  896

163

13

1903

2  600

176  5  014

—

5

1907

3  037

684  5  898

—

31

Im

Kreise  Teltow

ohne  die  obengenannten  drei

Städte  ist  der

prozentuale  Anteil  der  sozialdemokratischen  Stimmen  an  der  Gesamtzahl
der  abgegebenen  Stimmen  bis  1903  ohne  Unterbrechung  gestiegen,  1907
zeigt  dagegen  gegen  1903  einen  relativen  Rückgang.  1903  hatte  die
Sozialdemokratie  die  absolute  Mehrheit  aller  Stimmen,  1907  aber  nur
46,9  Prozent.  Ähnlich  die  Entwicklung  in  Beeskow-Storkow.  Dort  hatte
die  Sozialdemokratie  1890  im  ganzen  nur  zwischen  einem  Fünftel  und  einem
Sechstel,  1903  dagegen  schon  ein  Drittel  aller  gültigen  Stimmen,  im
Jahre  1907  aber  war  der  Anteil  wieder  etwas  geringer  und  stellte  sich  nur
auf  31,5  Prozent.  Auch  in  Schöneberg  beobachten  wir  von  1880  bis
1903  einen  fortgesetzten  Aufstieg  des  Prozentsatzes  der  auf  die  Sozialdemokratie ­
  entfallenden  Stimmen,  von  1903  auf  1907  aber  eine  prozentuale
Abnahme.  Ebenso  zeigen  Charlottenburg,  Wilmersdorf  und  selbst  Rixdorf
1907  gegen  1903  einen  Rückgang  im  Prozentverhältnisse  der  sozialdemokratischen ­
  Stimmen.  In  diesen  drei  Orten  war  aber  auch  vorher
schon  die  Entwicklung  in  diesem  Punkt  eine  unregelmäßige  gewesen.  Es
ist  nicht  ohne  Interesse,  dies  im  einzelnen  zu  verfolgen.  Es  erhielt  die
Sozialdemokratie  von  je  100  abgegebenen  gültigen  Stimmen

1890

1893

1898

1903

1907

In  Chartottenburg  .  .

40,19

46,07

45,96

51,60

47,69

„  Rixvorf  ....

74,51

79,48

80,33

83,53

78,60

„  Scköneberg  .  .  .

51,56

51,65

54,58

57,76

50,11

„  Wilmersdorf.  .  .

47,35

52,36

39,92

42,90

38,09

Der  Hauptgrund  für  diese  Schwankungen  ist  oben  bereits  hervorgehoben ­
  worden,  sie  sind  in  erster  Linie  aus  dem  Wechsel  in  der  Zusammensetzung ­
  der  Bevölkerung  dieser  Orte  zu  erklären.  Sie  alle  zeigen
in  der  Tabelle  der  absoluten  Zahlen  einen  unausgesetzten  Aufstieg  der
Sozialdemokratie  und  das  trifft  auch  für  die  überwiegende  Mehrzahl  der
großen,  mittleren  und  kleinen  Ortschaften  der  beiden  vorerwähnten  Kreise  zu.
Aber  der  Zuzug  wechselt  in  sehr  vielen  den  Charakter,  und  damit  verschiebt ­
  sich  das  Prozentverhältnis  der  Parteien.  Besonders  interessant  ist
unter  diesem  Gesichtspunkt  die  Entwicklung  der  Parteien  in  Wilmersdorf.
*)  Nationalliberale,  die  bei  dieser  Wahl  selbständig  vorgingen.
        <pb n="206" />
        1890  ist  der  Ort  noch
vorwiegend  Dorf,  es
werden  in  ihm  im  ganzen
nur  775  Stimmen  abgegeben. ­
  Bauern  und  Arbeiter,
darunter  viele  in  Berlin
beschäftigte  Bauarbeiter,
teilen  sich  darin,  die  Konservativen ­
  erhalten  356,
die  Sozialdemokraten  367
Stimmen,  nur  52  Stimmen
entfallen  auf  die  Freisinnigen. ­
  Zunächst  wird
nun  Wilmersdorf  immer
mehr  Arbeitervorort,
1893  sind  die  Sozialdemokraten ­
  stärker  als  die  andern
Parteien  zusammengenommen, ­
  sie  haben  von  367
auf  621  zugenommen,  die
Konservativen  mit  den
Antisemiten  zusammen  nur
von  356  auf  480,  die  Freisinnigen ­
  gar  nur  von  52
auf  81.  Nun  setzt  aber
die  Bebauung  der  den
eleganten  Quartieren  Charlottenburgs
  und  Schönebergs ­
  benachbarten  Baustellen ­
  ein,  in  rascherer
Proportion  als  die  Arbeiterschaft ­
  wächst  die  bürgerlicheBevölkerung,und  die  Sozialdemokratie  wird
bei  den  Wahlen  wieder  überstimmt.  1907  haben  die  Sozialdemokraten  4730,  die
Konservativen  4392,  die  Freisinnigen  3138  Stimmen,  158  Stimmen  zersplittern
sich.  Natürlich  ist  die  Bewegung  der  Stimmenstärke  der  Parteien  nicht  ausschließlich ­
  auf  die  Klassengliederung  der  Bevölkerung  zurückzuführen.  So  war
bei  den  Wahlen  von  1903  die  Stoßkraft  der  Sozialdemokratie  ungewöhnlich
stark.  Im  Kampf  wider  den  Zolltarif  von  1902,  der  auch  bürgerliche
Interessen  schwer  traf,  hatte  sie  die  größte  Energie  bewiesen,  sie  hatte  die
schärffte  Sprache  wider  den  Agrarwucher  gefunden,  es  lag  daher  vielen,
die  sich  benachteiligt  sahen,  nahe,  der  Partei  der  entschiedensten  Opposition
die  Stimme  zu  geben.  Die  Wahlen  der  Jahreswende  1906/07  vollziehen
sich  unter  verzweifelten  Kraftansttengungen  der  bürgerlichen  Parteien,  die
sozialdemokratische  Lochflut  einzudämmen.  Bülow  hat  seine  Paarungsrede ­
  gehalten,  Dernburg  eine  hoffnungsreiche  Zukunft  der  deutschen  Kolonien
ausgemalt,  die  Parole  „Befreiung  von  der  Zentrumsherrschaft"  das
protestantische  Empfinden  aufgestachelt  und  so  gelingt  es,  Bürger  und  Kleinbürger, ­
  die  sich  sonst  nicht  um  die  Wahlen  zu  kümmern  pflegen,  in  Massen
an  die  Wahlurnen  heranzubringen.  Zum  Zuwachs  der  Klassen  durch

Liibbenerstrasse  9,  bei  Rate].
Die  Mahlzeit  ist  von  10  Uhr  früh  bis  7  Uhr
abends.  Rach  7  Uhr  dürfen  keine  Stimmzettel
mehr  abgegeben  werden.  Deshalb  gehen  Sir  möglichst ­
  s-sort  zur  Wahl.
Bas  sozialdemokratische  WahlMiee.

Die  auf  das  Kuvert  geschriebene  Zah!  ist  die  Wähler-Nummer,
  die  dem  Wahlvorsteher  bei  Abgabe  des  Stimmzettels
zwecks  Erleichterung  des  Nachschlagenß  anzugeben  ist.

97.  Mahnung  an  die  säumigen  Wähler
        <pb n="207" />
        211

Arbeiter!  yartetgcnossew!
Heute  ist
Heichstagswahl!
Wir  rufen  Euch  in  letzter  Stunde  zu:
WtT  Tut  Sure  fflieht!  "WE
und  gebt  Eure  Stimme  dem  Kandidaten  der
Sozialdemokratie:  Arthur  Stadthagen  l
Da»  foxial-rm-kratische  Wahtkomttee.
Vorwärts  Buchdruckerci  und  VerlagSrmftalt  Paul  Singers  Ci.,  Per'üo  SW.  68,  Linden  st?.  69-98.
  Letzte  Mahnung  an  die  Reichstagswähler  Niederbarnim

naturgemäße  Vermehrung  und  Zuwanderung  kommt  die  politische  Mobilmachung ­
  von  Reserven  aus  ihren  alten  Beständen.
So  sind  die  bei  der  Wahl  vom  25.  Januar  1907  erfolgten  Verschiebungen ­
  der  Parteiziffern  zu  erklären.  Im  ganzen  stimmen  bei  den
Reichstagswahlen  in  Berlin  und  Umgebung  die  Wähler  heute  gemäß  der
großen  Klassenscheidung:  die  Arbeiter  für  die  Sozialdemokratie,  die  Wähler
aus  den  anderen  Klassen  für  die  eine  oder  die  andere  der  bürgerlichen  Parteien. ­
  Aber  es  gibt  stets  Äberläufer,  und  große  Schichten  von  Wählern
stehen  ihrer  Klassenlage  nach  zwischen  den  großen  Gruppen,  bereit,  heute
sich  dieser  und  morgen  ,  jener  zuzugesellen.  Ohne  Leranziehung  der  politischen ­
  Momente,  die  dem  Wahlkampf  seinen  besonderen  Stempel  aufdrücken, ­
  würde  jeder  Rückschluß  aus  der  Stimmenverteilung  auf  die  Stellung
der  Klassen  irrig  ausfallen.
Es  ist  daher  nicht  nur  wünschenswert,  sondern  auch  sehr  wohl  möglich,
daß  die  nächste  Reichstagswahl  in  allen  vier  Orten  wieder  größere  Prozentsätze ­
  für  das  sozialdemokratische  Wählerkontingent  ergibt.  Aber  sie  werden
den  prinzipiellen  Charakter  des  Bildes  nicht  ändern.  Charlottenburg,  Schöneberg, ­
  Wilmersdorf  bleiben  bis  auf  weiteres  Stätten,  wo  das  wohlhabende
Bürgertum  sich  in  wachsender  Masse  ansiedelt,  wie  Rixdorf  Lochburg  der
Sozialdemokratie  bleibt,  auch  wenn  durch  sein  Wachstum  ein  größerer  Einschlag ­
  bürgerlicher  Elemente  herangezogen  werden  sollte.  Die  mächtig  emporblühende ­
  Arbeiterstadt  im  Südosten  Berlins  darf  sich  rühmen,  einen  höheren
Prozentsatz  sozialistischer  Stimmen  aufgebracht  zu  haben,  als  irgend  ein
anderer  Ort  im  Wahlkreis.  Keiner  der  49  Wahlbezirke  Rixdorfs,  der  nicht
der  Sozialdemokraüe  mehr  Stimmen  gebracht  hätte,  als  den  anderen  Parteien ­
  zusammen.  Von  kleineren  Orten,  die  annähernd  gleiches  von  sich
sagen  können,  seien  Adlershof,  Alt-Glienicke,  Köpenick,  Grünau,  Loherlehme,
14*
        <pb n="208" />
        212

Johannisthal,  Mariendorf  und  Marienfelde,  Neuendorf  bei  Potsdam  und
Nowawes,  Niederschöneweide,  Schenkendorf  bei  Königs-Wusterhausen  und
Treptow  genannt.  Einige  dieser  Orte  haben  sich  aus  reinen  Landgemeinden
zu  Jndustriedörfern  entwickelt,  andere  haben  Fabriken  entstehen  sehen,  wo
früher  kleinbürgerliche  Betriebe  vorherrschten,  und  wieder  andere  sind  aus
Vergnügungsplätzen  zu  Wohnstätten  der  in  der  Nachbarschaft  beschäftigten
Arbeiter  geworden.  Immer  stärker  macht  sich  die  wirtschaftlich-soziale  Amwälzung ­
  in  den  örtlichen  Verhältniffen  geltend,  immer  mehr  Orte  zieht  sie
aus  der  Abgeschlossenheit  und  dem  Stilleben  in  das  bewegte  Treiben  der
großen  Verkehrswirtschaft  hinein.
Der  Kandidat  der  Sozialdemokratie  war  1890  in  diesem  Kreise  Buchdrucker ­
  Wilhelm  Werner,  seit  1893  ist  sozialdemokratischer  Kandidat  und
Vertreter  Fritz  Zubeil,  gelernter  Klavierarbeiter,  dann  Gastwirt  und  heute
Expedient.  *  .
Überblicken  wir  nun  das  Gesamtbild  der  Ergebnisse  der  in  unsere  Periode ­
  entfallenden  Reichstagswahlen  Groß-Berlins,  so  erzählt  es  uns  von
einem  Aufschwung  der  sozialdemokratischen  Stimmen,  der  das  phänomenale
Wachstum  der  Bevölkerung  dieses  politischen  Zentrums  noch  weit  hinter  sich
läßt.  Eine  Gegenüberstellung  der  Wahlstärke  der  drei  großen  politischen
Gruppen  Sozialdemokratie,  Liberalismus  (Freisinnige  und  Nationalliberale)
  und  Konservatismus  (Konservative,  Mittelständler,  Antisemiten
und  Zentrum)  zu  Beginn  und  Abschluß  der  Periode  ergibt  folgendes  Bild:

1890

1907

Absolute

Prozentuale

Zunahme

Zunahme

Liberalismus.  .  .

86  945

128240

+  41295

47,4

Konservatismus.  .

68175

130277

+  62105

91,1

Sozialdemokratie

158  848

412  998

+  254  150

160,0

Während  die  Sozialdemokratie  ihre  Stinnnen  fast  verdreifachte,  konnten
Liberalismus  und  Konservatismus  die  ihren  nicht  einmal  verdoppeln.  Zu
Anfang  der  Periode  hatte  die  Sozialdemokratie  schon  mehr  Stimmen,  als
die  zwei  anderen  Gruppen  zusammen,  erhielt  aber  von  den  acht  Mandaten
Groß-Berlins  nur  zwei.  Am  Ausgang  aber  fielen  ihr  sieben  Mandate  zu,
während  bei  zahlengerechter  Verteilung,  soweit  Groß-Berlin  allein  in  Betracht
kam,  ihr  nur  fünf  von  den  acht  Mandaten  gebührt  hätten.  Das  ist  jedoch
nur  eine  winzige  Entschädigung  für  die  ungerechte  Verteilung  der  Mandate
im  Reich.  Lerrschte  für  das  ganze  Reich  zahlengerechte  Verteilung,  so
würde  Groß-Berlins  Sozialdemokratie  im  Jahre  1907  statt  sieben  über
fünfzig  Reichstagsmandate  erhalten  haben.  In  diesem  Soll  erst
veranschaulicht  sich  die  Größe  des  Werks  ihrer  von  Wahl  zu  Wahl  sorgfältiger ­
  ausgebauten  Organisation  und  einer  mit  steigender  Wucht  betriebenen
Wahlarbeit.
j0
        <pb n="209" />
        Siebentes  Kapitel

Die  Vertretung  der  Sozialdemokratie
Groß-Berlins  in  den  Kommunalverwaltungen.

a)  Die  sozialdemokratischen  Vertreter  in  der  Berliner
Stadtverordnetenversammlung.
6 ozialistenrein  war  die  Stadtverordnetenversammlung  Berlins  gewesen,
als  das  Gesetz  gegen  die  gemeingefährlichen  Bestrebungen  der
Sozialdemokratie  ins  Leben  trat.  Als  es  erlosch,  zählte  sie  elf
Sozialdemokraten  in  ihren  Reihen.  Es  waren  dies:
Für  den  11.  Bezirk:  Fritz  Zubeil,  Tischler.

„

„

12.

„

Paul  Singer.

„

„

13.

„

Otto  Klein,  Zigarrenhändler.

„

14.

„

Artur  Stadthagen,  Rechtsanwalt.

,,

„

15.

,,

Franz  Tutzauer,  Möbelhändler.

„

„

24.

„

Gustav  Tempel,  Gastwirt.

,,

„

27.

„

Otto  Leindorf,  Gastwirt.

,,

„

35.

,,

Robert  Lerzfeldt,  Expedient.

,,

,,

37.

„

Johann  Gnadt,  Droschkenkutscher.

„

„

41.

,,

Ew.  Vogtherr,  Kaufmann.
Emil  Gründel,  Gastwirt.

„

„

42.

„

Da  Berlin  damals  im  ganzen  126,  die  dritte  Wählerklasse  42  Stadtverordnete ­
  zu  wählen  hatte,  bildete  die  sozialdemokratische  Fraktion  zwar  nur  erst
ein  Elftel  der  Kommunalvertretung  Berlins,  aber  schon  ein  Viertel  der  Vertretung ­
  der  dritten  Abteilung  der  Kommunalwähler.  Der  vierte  Teil  derjenigen
Stadtverordneten,  die  sich  Vertreter  der  übergroßen  Mehrheit  der  wahlfähigen ­
  Bevölkerung  Berlins  nennen  durften,  waren  Sozialdemokraten.
Selbst  dies  entsprach  nicht  der  tatsächlichen  Stärke  der  Sozialdemokratie  in
Berlin,  sondern  war  nur  dem  auf  Unterdrückung  der  Stimme  der  Abhängigen
berechneten  reaktionären  Wahlsystem  geschuldet.  Von  der  Mehrheit  der
Stadtverordnetenversammlung  aber  ward  die  sozialdemokratische  Fraktion
kaum  nach  Maßgabe  ihrer  Zahl  im  Lause  behandelt.  Auch  ward  das
Mandat  Gründels  auf  formale  Gründe  hin  kurzerhand  für  ungültig  erklärt.
Indes  es  verging  nun  fast  keine  allgemeine  Wahl,  die  nicht  eine  Vermehrung ­
  der  sozialdemokratischen  Vertretung  brachte.  Gemäß  den  Bestimmungen ­
  der  preußischen  Städteordnung  scheiden  aus  den  Stadt-
        <pb n="210" />
        214

verordneten-Kollegien  alle  zwei  Jahre  ein  Drittel  der  Abgeordneten  jeder
Klasse  oder  „Abteilung",  wie  der  gesetzliche  Titel  lautet,  aus,  so  daß  in
den  Bezirken,  in  denen  die  Ausscheidenden  gewählt  waren,  Neuwahlen
—  Ergänzungswahlen  genannt  —  stattzufinden  haben.  Die  erste  Ergänzungswahl ­
  unter  dem  gemeinen  Recht  fand  nun  für  die  dritte  Wählerklasse
am  17.  November  1891  statt.  Sie  brachte  der  Sozialdemokratie  eine  sehr
erhebliche  Vermehrung  der  Stimmen  und  zwei  neue  Mandate.  Paul
Singer  und  Artur  Stadthagen,  die  sich  der  Neuwahl  zu  unterziehen
hatten,  wurden  mit  bedeutend  erhöhter  Stimmenzahl  wiedergewählt,  im
27.  Bezirk  wurde  an  Stelle  von  O.  Peindorf,  der  sein  Mandat  niedergelegt ­
  hatte,  I.  Lenke  gewählt,  und  neugewählt  wurden  in  der  Lauptwahl
Löhne  (25.  Bezirk),  G.  Sabor  (26.  Bezirk)  und  L.  Borgmann
(34.  Bezirk),  in  der  Stichwahl  Dr.  I.  Zadek  (10.  Bezirk).  Im
40.  Bezirk  war  Th.  Mehner  in  Stichwahl  gekommen,  unterlag  aber
nach  heißem  Kampf  der  Übermacht  der  vereinten  Gegner.  Bei  der
Lauptwahl  erzielte  in  allen  14  Bezirken  der  dritten  Abteilung  die  Sozialdemokratie ­
  14  964  gegen  16  442  gegnerische  Stimmen,  in  den  sieben
Bezirken,  wo  Sozialdemokraten  gewählt  wurden,  war  deren  Stimmenzahl
zusammen  10  581  gegen  4913  Stimmen  der  Gegner.
So  war  die  sozialdemokratische  Fraktion  im  Roten  Lause  auf  14  Mitglieder ­
  gestiegen.  Das  änderte  sich  auch  nicht,  als  am  9.  Juni  1892  drei
ihrer  Mitglieder  —  Löhne,  G.  Sabor  und  Franz  Tutzauer  —  ihre
Mandate  niederlegten.  Sie  hatten  sich  bei  der  Beerdigung  des  am  16.  Mai
1892  verstorbenen  Oberbürgermeisters  Max  von  Forckenbeck  am  Leichenzug
beteiligt,  und  dies  war  von  den  organisierten  Parteimitgliedern  Berlins  als
ein  Verstoß  gegen  die  grundsätzliche  Stellung  der  Partei  in  Resolutionen
verurteilt  worden,  die  den  Rücktritt  notwendig  machten.  Indes  ging  die
Loffnung  der  Gegner,  die  betreffenden  Stadtverordnetenbezirke  nun  der
Sozialdemokratie  wieder  entreißen  zu  können,  nicht  in  Erfüllung.  Nach
einem  sehr  heftigen  Wahlkampf,  in  dem  die  unabhängigen  Sozialisten  der
Sozialdemokratie  geräuschvoll  entgegentraten  und  sich  nach  Kräften  bemühten,
die  Wahl  der  von  diesen  nunmehr  aufgestellten  Kandidaten,  Bernh.  Bruns
(26.  Bezirk),  Th.  Mehner  (15.  Bezirk)  und  Jul.  Wernau  (25.  Bezirk)
zu  verhindern,  wurden  diese  mit  Glanz  an  die  Stellen  ihrer  ausgeschiedenen
Parteigenossen  gewählt.
Die  Ergänzungswahlen  des  Jahres  1893  brachten  eine  Vermehrung
der  Gruppe  der  Sozialdemokraten  um  drei  weitere  Mitglieder,  nämlich
Gieshoit  (36.Bezirk),J.Tolksdors(16.Bezirk),  Wilke(23.Bezirk).  Ferner
fand  in  zwei  Bezirken  ein  Personenwechsel  statt.  Im  13.  Bezirk  trat  an
Stelle  O.  Kleins  Gottfr.  Schulz,  im  37.  Bezirk  ward  Joh.  Gnadt  durch
Franz  Gleinert  erseht.  Wiedergewählt  ward  Ew.Vogtherr,  dessenMandat
erloschen  war.  Im  9.  und  29.  Bezirk  waren  die  Parteimitglieder  Kiehing
und  Gumpel  in  Stichwahl  gekommen,  aber  unterlegen.  In  den  sechs  Wahlbezirken, ­
  in  denen  Sozialdemokraten  gewählt  wurden,  wurden  für  diese  8702
gegen  4069  gegnerische  Stimmen  erzielt,  in  allen  14  Bezirken  der  dritten
Abteilung  zusammen,  in  denen  Ergänzungswahlen  stattfanden,  wurden
12111  sozialdemokratische  gegen  13  391  gegnerische  Stimmen  abgegeben.
Einen  ungünstigen  Ausgang,  was  die  Mandate  anbetraf,  nahm  die
Ergänzungswahl  des  Jahres  1895.  Zwar  ward  der  Sitz  für  den  42.  Bezirk
        <pb n="211" />
        215

Dro  MKrneVl-FnlrtzLifZ.
28ä3  Baurath  Schwechten  einen  „Scherz"  ts

»t  rP :£  ee!-^)nfchrlfi  hctt  nunmehr  endlich  eine  Auslassung  von  «zuständiger"  Seite  im  Gesolge  gehabt,  eine
Auslassung,  die  allerdmgS  aucb  darnach  ist.  Die  bürgerlichen  Preßoraane  veröffentlichen  eine  ihnen  vom  Erbauer
der  Kira)e,  dem  B  au  rath  Schwechten,  zugesandte  Erklärung  des  folgenden  Inhalts:
«Mit  der  von  dem  „Vorwärts"  mit  so  viel  unwahren  und  tendenziös  aufgebauschten  Zusätzen  versehenen
Nachricht  über  die^  ans  die  Stadtverordneten  sich  beziehende  Inschrift  an  einer  Thür  der  Kaiser  Wilhelm-Gedächtniß-Kirche
  verhalt  es  sich  folgendermaßen:  Entgegengesetzt  den  Mittheilungen  des  «Vorwärts"  ist  die
betreffende  Thür  die  von  den,  Altar  am  weitesten  entlegene.  Das  betreffende  Relief  ist  als  Entwurf  nach
den  Bildern  aus  der  Bibel  von  Schnorr  v.  CarolSfeld  nur  begonnen,  an  einer  durchaus  dunklen  Stelle,  so
daß  eS  den  Angen  des  Kirchenbesuchers  ganz  entzogen  war  und  noch  heute  ist.  Daß  das  Relief  Porträts  enthalte,
ist  unwahr;  die  Inschrift  ist  eine  Nachahmung  eines  bei  altromanischen  und  gothischen  Bauten  fast
'überall  sich  findenden  Architekten-Scherzes.  Die  Fertigstellung  des  Reliefs  wurde  durch  die  Einweihung ­
  der  Kirche  unlerbrochen  und  nimmt  jetzt  noch  eine  längere  Zeit  in  Anspruch.  Der  nur  skizzirte
Entwurf  ist  von  der  V  a  u  k  o  m  m  i  s  s  i  o  n  noch  nicht  einmal  besichtigt  worden,  und  es  war  derselben  der
daraus  befindliche  Scherz  vollständig  unbekannt.  Daß  der  Scherz  sich,  wie  der  „Vorwärts"  erzählt,  auch  auf
den  Oberhofmeister  Freiherrn  v.  Mirbach  bezöge,  ist  selbstverständlich  unwahr."
Mas  Herr  Schwechten  dem  «Vorwärts"  gegenüber  Unwahrheiten  nennt,  muß  der  Leser  errathen,  wir  haben  es
nicht  herausgefunden.  übrigen  verlohnt  es  sich  nicht,  ernsthaft  darauf  einzugehen.  Selbst  die  «Vosfische  Zeitung"
sieht  sich  gemüssigt,  die  merkwürdige  Ehrenrettung  auS  der  Jeder  des  Bauleiters  mir  folgenden  bitteren  Worten
zu  begleiten:
«An  der  Beurtheilung  der  Sache  wird  durch  diese  Erklärung  nichts  geändert.  Es  kommt  nicht  auf
-das  Relief,  sondern  auf  die  Inschrift  an  und  diese  enthält  nicht  einen  Scherz,  svudern,  eingrobeBejchimpfung
  derB  erline  r  Stadtverordneten-  Versammlung,  und  eS  wäre
nicht  ohne  Interesse,  den  Vorüber  dieses  Scherzes  und  feine  etwaigen  Theilnehmer
kennen  zu  lernen."  a

99.  Die  Kamel-Inschrift  in  der  Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Aus  dem  .Vorwärts"

durch  A.Iacobey  wiedererobert,  dafür  ging  aber  der  15.  Bezirk  (Th.Mehner)
verloren.  Sonst  fand  nur  ein  Personenwechsel  statt,  indem  für  den  24.  Bezirk
an  Stelle  G.  Tempels,  der  nicht  wieder  kandidierte,  Paul  Dupont  gewählt
wurde.  Wiedergewählt  wurden  die  ausscheidenden  Mitglieder  Fr.  Zubeil
(11.  Bezirk),  G.  Schulz  (13.  Bezirk)  und  Rob.  Lerzfeldt  (35.  Bezirk).
Das  Stimmenverhältnis  war  in  den  fünf  Bezirken,  die  sozialdemokratisch
wählten,  8888  sozialdemokratische  gegen  5141,  in  allen  14  Bezirken  12  691
sozialdemokratische  gegen  14  173  gegnerische  Stimmen.
Einen  Mandatsverlust,  dem  kein  Gewinn  gegenüberstand,  brachte  das
Jahr  1897.  Im  10.  Bezirk,  den  bis  dahin  Dr.  I.  Zadek  vertreten  hatten
aber  aus  Gesundheitsrücksichten  nicht  weiter  vertreten  konnte,  ging  das  ,
erst  in  der  Stichwahl  eroberte  Mandat  wieder  verloren.  2n  4  Bezir  en
        <pb n="212" />
        216

(3.,  32.,  38.,  40.)  kam  die  Sozialdemokratie  in  Stichwahl,  konnte  aber  die
Sitze  auch  nicht  erobern.  Im  12.,  14.,  25.,  26.  und  34.  Bezirk  wurden
Paul  Singer,  A.  Stadthagen,  I.  Wernau,  B.  Bruns  und  L-Borgmann
  mit  12  281  gegen  4334  Stimmen  wiedergewählt,  und  zum
erstenmal  entfielen  von  den  in  allen  14  Bezirken  der  dritten  Abteilung
abgegebenen  Stimmen  mehr  auf  die  Kandidaten  der  Sozialdemokratie,  als
auf  die  der  Gegner  zusammengenommen,  nämlich  20  179  gegen  19  485.
Das  letztere,  das  Überwiegen  der  sozialdemokratischen  Stimmen,  ward
von  nun  an  die  Regel,  und  zwar  bald  in  noch  ganz  bedeutend  stärkerem
Verhältnis.  Das  große  Wachstum  der  Bevölkerung  Berlins  und  namentlich
das  Entstehen  ganz  neuer  volkreicher  Stadtviertel  auf  bisher  unbebautem
städtischen  Gebiet  hatte  die  Schaffung  neuer  Stadtbezirke  und  eine  entsprechende ­
  Vermehrung  der  Vertreterzahl  für  die  Stadtverordnetenversammlung ­
  unumgänglich  gemacht.  Sie  erfolgte  im  Jahre  1898  in  der  Weise,
daß  für  jede  Abteilung  oder  Klasse  sechs  Stadtverordnete  mehr  zu  wählen
waren  und  die  Gesamtzahl  der  Stadtverordneten  von  126  auf  144  stieg.
Zugleich  mit  der  Bildung  neuer  Wahlbezirke  fand  auch  eine  Llm-Numerierung
  eines  Teils  der  alten  Wahlbezirke  und  eine  andere  Auslosung
der  Wahlbezirke,  die  Hausbesitzer  zu  wählen  hatten,  statt,  so  daß  die  im
Vorhergehenden  enthaltenen  Angaben  über  Wahlbezirk  und  Vertreter  für
die  nunmehr  einsetzende  Periode  nicht  mehr  passen,  sondern  eine  neue
Zusammenstellung  notwendig  wird,  die  weiter  unten  folgt.
Die  Wahl  von  1899  brachte  der  Sozialdemokratie  eine  glänzende  Entschädigung ­
  für  die  Enttäuschungen  der  beiden  vorhergegangenen  Wahlen.
Gleich  im  ersten  Wahlgang  eroberte  sie  fünf  von  den  neugebildeten  Bezirken,
nämlich  den  43.,  44.,  46.,  47.  und  48.  Bezirk,  dazu  einen  der  älteren  Bezirke
—  den  40.  Bezirk  —  und  kam  in  zwei  älteren  Bezirken  —  Bezirk  6  und  7  —
sowie  im  sechsten  der  neugebildeten  Bezirke  —  Bezirk  45  —  in  die  Stichwahl. ­
  Bei  dieser  ward  sie  freilich,  wie  dies  ja  heutzutage  meist  bei  Stichwahlen ­
  der  Fall  ist,  von  den  vereinten  Gegnern  geschlagen,  dagegen  wurden
noch  sechs  Bezirke,  die  vorher  schon  sozialdemokratischer  Besitz  gewesen
waren,  aber  nun  ihre  Vertreter  neu  zu  wählen  hatten,  gleich  im  ersten
Wahlgang  glänzend  wiedererobert.  Für  den  am  30.  August  1899  verstorbenen ­
  August  Iacobey  hatte  im  jetzt  48.,  früher  42.  Bezirk
W.  Pfannkuch  kandidiert.  Am  6.  November  legte  Ew.  Vogtherr  sein
Mandat  nieder,  und  etwas  später  trat  auch  der  im  44.  Bezirk  gewählte
R.  Millarg  von  seinem  Platz  zurück.  Für  beide  fand  am  14.  Februar
1900  Nachwahl  statt,  bei  der  im  35.  Bezirk  der  sozialdemokratische  Kandidat
Em.  Wurm  sofort  gewählt,  im  44.  Bezirk  Th.  Glocke  in  Stichwahl  kam,
die  am  9.  März  1900  auch  dort  den  Sieg  brachte.  Nach  Erledigung  all
dieser  Wahlen  und  gemäß  der  neuen  Numerierung  bestand  im  Frühjahr
1900  die  sozialdemokratische  Stadtverordnetenfraktion  nunmehr  aus  folgende«
22  Personen  als  Vertreter  für  die  beigefügten  Bezirke:

R.  Augustin  .  .  .

.  47.  Bezirk

Fr.  Gleinert  .  .

L.  Borgmann  .  .

-  27.  „

Th.  Glocke  .  .

Bernh.  Bruns  .  .

-  25.  „

Lugo  Leimann  .

Paul  Dupont  .  .

-  24.  „

Rob.  Lerzfeldt  .

Ferd.  Ewald  .  .  .

.  43.  „

Aug.  Lintze  .  .

Dr.  K.  Freudenberg

-  40.  „

Ad.  Loffmann  .

38.  Bezirk
44.  „
26.  „
36.  „
46.  „
27.
        <pb n="213" />
        217

R.  Koblenzer  .

.  .  33.  Bezirk

Tolksdorf  .  .  .

.  15.  Bezirk

W.  Pfannkuch  .

.  .  48.  „

Jul.  Wernau

.  2.  „

Gottfr.  Schulz

.  -  12.  „

Fritz  Wilke  .  .

.  21.  „

Paul  Singer.  .

.  .  13.  „

Em.  Wurm  .  .

.  35.  „

Art.  Stadthagen

.  -  14.  „

Fritz  Zubeil  .  .

.  10.  „

Das  Mandat  von  Th.  Glocke  wurde  wegen  eines  Formfehlers  angefochten, ­
  aber  erst  am  3.  Oktober  1901  für  ungültig  erklärt,  so  daß  die
Ersatzwahlmit  den  für  diesesIahr  erforderlichen  Ergänzungswahlen  zusammenfiel. ­
  Bei  diesen  ward  der  Sitz  mit  großer  Mehrheit  —  2302  gegen  1552
Stimmen  —  aufs  neue  erobert,  und  ebenso  behauptete  die  Sozialdemokratie
in  allen  Bezirken,  wo  für  ihre  Vertreter  Ergänzungswahlen  stattzufinden
hatten  —  neben  dem  44.  der  10.,  12.,  23.,  35.,  36.  und  48.  Bezirk  —,  mit
großen,  meist  geradezu  erdrückenden  Mehrheiten  ihre  Positionen.  Außerdem
aber  eroberte  sie  den  letzten  der  neuen  und  fünf  der  alten  Bezirke,  nämlich
den  45.,  sowie  den  9.,  11.,  22.,  32.  und  34.  Bezirk,  so  daß  die  Fraktion
von  22  auf  28  Mitglieder  anwuchs.
Die  neugewählten  sozialdemokratischen  Stadtverordneten  waren:  Emil
Basner  (23.  Bezirk),  Dr.  Alfred  Bernstein  (9.  Bezirk),  Dr.  R.  Friedeberg ­
  (22.  Bezirk),  Karl  Liebknecht  (32.  und  45.  Bezirk),  Th-  Metzner
(11.  Bezirk),  Lerm.  Ramlow  (34.  Bezirk)  und  Dr.  Weyl  (36.  Bezirk),
letzterer  an  Stelle  von  R.  Lerzfeldt,  der  nicht  wieder  kandidierte.  Wiedergewählt ­
  waren  Glocke,  Pfannkuch,  Schulz,  Wurm  und  Zubeil.
Karl  Liebknecht,  der  in  zwei  Bezirken  gewählt  war,  nahm  für  den  45.  Bezirk
an,  und  bei  der  im  32.  Bezirk  am  11.  Dezember  erfolgenden  Nachwahl
wurde  an  seiner  Stelle  der  Redakteur  des  „Vorwärts"  Karl  Leid  gewählt.
Eine  weitere  Nachwahl  ward  dann  im  11.  Bezirk  notwendig,  als  am
20.  August  1902  Theodor  Metzner  verschied.  Sie  fand  am  5.  November
1902  statt  und  ergab  die  Wahl  des  Sozialdemokraten  Emil  Voigt  mit
1552  gegen  767  Stimmen.
Auch  die  Ergänzungswahlen  des  Jahres  1903  brachten  eine  Vermehrung
der  sozialdemokratischen  Mandate.  Die  Neugewählten  waren:  Otto  Antrick
(8.  Bezirk),  Franz  Kotzke  (28.  Bezirk),  Paul  Schneider  (24.  Bezirk)  und
Lermann  Schubert  (31.  Bezirk).  Ein  fünftes  Mandat,  das  damals  erobert
war,  die  Wahl  Em.  Kerfins,  mit  788  gegen  743  Stimmen  (17.  Bezirk),
ward  später  auf  unbedeutende  Formfehler  hin  für  ungültig  erklärt,  und  als
im  November  1905  Nachwahl  stattfand,  ging  es,  trotz  erhöhter  sozialdemokratischer
  Stimmenzahl,  wieder  an  die  Gegner  verloren.  Im  5.  Bezirk  war  der
sozialdemokratische  Kandidat  Lerm.  Werner  in  Stichwahl  gekommen,
unterlag  aber  in  dieser  mit  1197  gegen  1587  Stimmen.  Die  sozialdemokratischen
Stadtverordneten,  deren  Mandate  zu  erneuern  waren  —  Augustin,
Borgmann,  Bruns,  Ewald,  Gründel,  Singer,  Stadthagen  —
wurden  sämtlich  wiedergewählt,  die  meisten  davon  nahezu  einstimmig.  So
erhielten  Stimmen:

47.  Bezirk  Augustin

2100

gegen

2  gegnerische  Stimmen.

25.  „  Bruns

3437

„

31  „  „

43.  „  Ewald

3043

„

87  „  „

13.  „  Singer

2901

„

62  „  ,,

14.  „  Stadthagen  3005

tt

91
        <pb n="214" />
        218

Im  24.  Bezirk  war  das  Verhältnis  ebenso  beschaffen:  der  hier  zum
erstenmal  zur  Wahl  stehende  Sozialdemokrat  P.  Schneider  erhielt  2901
gegen  36  Stimmen,  und  mit  gleichem  Stimmenverhältnis  waren  schon  1901
-er  12.,  34.,  35.,  36.  und  48.  Bezirk  teils  erobert  und  teils  behauptet
worden.  In  den  Stadtvierteln,  wo  die  Arbeiterbevölkerung  überwiegt,  waren
Gegenkandidaturen  gegen  die  Kandidaten  der  Sozialdemokratie  aussichtslos
geworden.
Im  Jahre  1904  wurden  einige  Veränderungen  in  den  Personen  notwendig. ­
  Am  14.  April  legte  Dr.  Kurt  Freudenberg,  durch  hochgradiges ­
  Leiden,  dem  er  nur  zu  früh  erlag,  genötigt,  und  am  8.  September
Dr.  R.  Friedeberg  sein  Mandat  nieder.  Für  den  ersteren  ward  am
31.  Mai  1904  im  40.  Bezirk  Dr.  Leo  Arons,  für  Friedeberg  (22.  Bezirk)
am  23.  November  Rob.  Wenzels  gewählt.  Am  30.  Mai  erneuerten
außerdem  die  Wähler  des  32.  Bezirks  mit  glänzender  Mehrheit  das  Mandat
von  Karl  Leid,  dem  in  einem  Prozeß  wegen  Majestätsbeleidigung  zugleich
mit  Verurteilung  zu  Gefängnis  seine  aus  öffentlichen  Wahlen  hervorgegangenen ­
  Rechte  aberkannt  worden  waren  —  vier  Jahre  später,  als
das  vom  Daily-Telegraph  veröffentlichte  Pseudo-Interview  Wilhelms  II.
die  nationalistischen  Gefühle  des  deutschen  Philisters  verletzte,  würde
die  gleiche  und  gleichheitliche  Anwendung  dieses  Strafmittels  für
dasselbe  Delikt  sämtliche  deutsche  Vertretungskörper  in  Einsiedeleien  verwandelt ­
  haben.
„Acht  Bezirke  behauptet,  in  drei  Bezirken  das  Mandat  erobert  und
in  vier  Bezirken  der  Sozialdemokrat  in  Stichwahl,"  das  war  das  Ergebnis
der  letzten  Stadtverordnetenwahl  Berlins,  die  noch  in  unsere  Periode
entfällt:  die  Ergänzungswahl  vom  8.  November  1905.  Die  eroberten
Bezirke  waren:  3.  Bezirk  Ioh.  Sassenbach,  16.  Bezirk  Dr.  I.  Zadek,
20.  Bezirk  Waldeck  Manasse.  Behauptet  wurden  ohne  Personenwechsel
der  15.,  21.,  26.,  27.,  33.,  40.  und  46.  Bezirk.  Im  38.  Bezirk  ward  an
Stelle  von  Franz  Gleinert,  der  sein  Mandat  niedergelegt  hatte,  Karl  Mars
gewählt.  Stichwahlen  waren  im  1.,  6.,  7.  und  30.  Bezirk  nötig.  Sie
endeten  zwar  überall  mit  dem  Sieg  der  Gegner,  brachten  aber  im  7.  und
30.  Bezirk  die  sozialdemokratischen  Stimmen  denen  der  Gegner  sehr  nahe,
im  ersteren  erhielt  I.  Sassenbach  1080  gegen  1351,  im  7.  Bezirk  Rechtsanwalt ­
  Jos.  Lerzfeld  1312  gegen  1583  Stimmen  der  Gegner.  Im  17.  Bezirk,
wo  die  Nachwahl  stattfand,  die  durch  die  Annullierung  des  Kerfinschen
Mandats  nötig  geworden  war,  wurden  997  gegen  1208  gegnerische  Stimmen
abgegeben.
Insgesamt  war  das  Stimmenverhältnis  bei  den  vier  Ergänzungswahlen
nach  der  Neueinteilung  von  1899  das  Folgende  gewesen:

1899

Sozialdemokraten

26  877,

Gegner  19  588

1901

33  599,

„  10  249

1903

26  894,

„  8  854

1905

„

30  681,

„  10  573

Da  m  den  gleichen  Bezirken  immer  nur  alle  sechs  Jahre  gewählt  wird
kann  auch  nur  d.e  Vergleichung  der  Wahlen  vom  sechsten  Jahr  nach  jedem
der  früheren  Wahljahre  e.nen  genaueren  Maßstab  für  das  Anwachsen  der
sozialdemokratischen  Stimmen  im  Verhältnis  der  gegnerischen  Stimmen  liefern.
        <pb n="215" />
        100  und  101.  Allgemeines  sozialdemokratisches  Flugblatt  an  die  Wähler  der
dritten  Abteilung

Aus  zur  Stadtoerordnetenwahl!
Wähler  der  3.  Abteilung!

Noch  einmal  wenden  wir  unS  an  Euch,
Arbeiter,  Handwerker,  Kleingewerbetreibende,
die  Ihr  nicht  daS  Glück  habt,  durch  die  Größe
Eures  Geldbeutels  in  der  ersten  oder  zweitenAbteilung.
  wählen  zu  dürsen,  die  Ihr  aber  desto
mehr  durch  Eure  Arbeit,  Euren  Fleiß  und  Eure
Intelligenz  zur  Erhaltung  des  GcmeindewcscnS
beitraget.  Noch  einmal  wollen  wir  Euch  mahnen,
Euer  einziges  Hecht,  das  Ihr  in  der  Gemeinde
habt,  zu  wahren.  Jeder  mache  es  sich  zur
Pflicht,  »m  Sonnabend  sein  Wahlrecht  auszuüben! ­

Wer  der  geeignetste  Kandidat  für  die  Wähler
der  dritten  Abteilung  ist,  das  sollte  eigentlich
nicht  mehr  zweifelhaft  sein,  Drei  Parteien  ringen
um  den  Besitz  der  Mandate:
1.  die  im  bürgerlichen  Wahlausschuß  vereinigten ­
  Gegner  eines  jeder»  Fortschritts'in
unserm  Staats-  und  Gemeindelcben;
2.  die  Liberalen:
3.  die  Sozialdemokratie.
Kann  ein  Wähler  der  dritte»  Abteilung
cineni  Kandidaten  des  vereinigten  bürgerlichen
Mahlauvschulses  die  Stimme  geben?
Darauf  gibt  es  nur  eine  Antwort:-  Pein!
Die  Kandidaten  des  vereinigten  bürgerlichen
Wahlausschusses,  an  deren  Spitze  der  Rcicholjigenurrband
  und  der  Dans-  und  Grundbesitze ­
  rvcrrin  stehen,,  werde:»  nur  die  Interessen
der  Besitzenden  vertreten.
Sie  sind  dagegen,  daß  den  Steuerzahlern
ei»  gerechtes  Wahlrecht  gegeben  wird!
sic  sind  dagegen,  daß  den  minderbemittelten
Bevölkerungsklassen  das  Recht  gegeben  wird,
mitzureden  über  das  Wohl  des  Ecmrindewesens;

sie  sind  gegen  alle  Einrichtungen,  die  der
allgemeinen  Kolkswohlfiihrt  dienen  solle»!
sie  sind  für  eine  weitere  Einschränkung  de»
Mahirechts  (Herabsetzung  der,Wahlzeit)!
sie  sind  wohl  zu  finden,  wenn  eS  sich  um
die  Erhöhung  der  Gehälter  der  höheren  Keamten'
  handelt,  dagegen  wird  der  Daum  auf
jeden  Groschen  gedrückt,  der  den  »uteren  Beamten ­
  und  den  Arbeitern  gegeben  werden  soll',
sie  treten  in  allererster  Linie  stets  für  die
Interessen  der  Haus-  und  Grundbesitzer  ein
und  stellen  die  Interessen  der  übrigen  Einwohnec
  hintenan.
Solchen  Männern,  und  wenn  sie  auch  das
Klaue  vam  Himmel  herunter  versprechen  und

erklären,  ein  „warmes  Herz"  zur  die  Mruderbemittelten
  zu  haben,  könnt  Ihr  unmöglich  Eure
Stimnre  gcticn.
Kann  denn  nun  ein  Wähler  der  dritten  Abteilung ­
  einem  Kandidaten  der  „Liberalen"  seine
Stimme  geben?
At:ch  hier  lautet  die  Antwort:  Nein!
Die  „Liberalen"  treten  in  diesem  Wahlkampf
zum  ersten  Mal  selbständig  auf.  Früher  haben
dieselben  Leute  Hand  in  Hand  mit  ihren  reaktionären ­
  Freunden  der  übrigen  bürgerlichen  Parteien
gearbeitet,  um  der  Sozialdemokratie  entgegenzutreten,- ­
  Die  „Liberalen"  glauben,  daß  für  sic  jetzt
in  Schöneberg  der  Zeitpunkt  gekommen  ist,  uin
die  Herrschaft  im  Stadtparlament,  von.  ihren  bürgerlichen ­
  Freunde,t  zu  übernehmen  und  allein  zu
führen.  Durch  weitgehende  Versprechungen
und  hochtönende  Worte  suchen  sie  auch  die
minderbemittelten  Bevölkerungsschichten  für  sich  zu
ge:vi:nien,  Fn  den  rosigsten  Farben  wird  den
Wählern  vargcmalt,  was  alles  von,  den  „Liberalen"
getan  wird,  und  wieviel  mehr  sie  noch  tun  werden,
Ivenn  sic  erst  an  der.  Herrschaft  sind.
Wer  die  Entwicklungsgeschichte  der  .Liberalen
auch  nur  einigermaßen  kennt,  der  wird  sich  sofort
darüber  klar  sein,  daß  die  großen  Versprechungen
der  „Liberalen"  niemals  gehalten  werden.  Die
„Liberalen  werden,  wenn  sie  erst  über  die  Majorität
in  unserem  Stadlpartament  versügen,  genau  so,
wie  sie  cs  in  anderen  Städten  tun,  die  Interessen
der  unteren  Bevölkerungsklassen  hinter  die
Interessen  der  Besitzenden  stellen,
Ein  oberflächlicher  Blick  aus  die  Kandidatenliste ­
  .  der  Liberalen  zeigt  uns  das  mit  aller
Dcullichkcil,  Sind  diese  Männer  wirklich  im
Stande,  Eure  Interessen  zu  vertreten?
Kanu  von  einem  „Liberalen",  der  erklärt,
daß'  die  Rechte  der  Hausbesitzer  unantastbar
sein  solle»,  verlangt  werden,  daß  er  in  wirksamer
Weise  für  die  -Mieter  eintritt?
Kann  man  zu  einem  „Liberalen",  der  vor
kurzer  Zeit  noch  Mitglied  der  so  sehr  verschriene« ­
  Hausbcscherfraktiorr  war,  denn
wirklich  Vertrauen  haben?
Arbeiter,  Handwerker,  Parteigenossen  l
Ihr,  die  Ihr  Euch  alle  in  schwerer  Arbeit  das
Notdürftigste  zum  Leben  erringen  müßt:  Ihr,
die  Ihr  jahraus  jahrein  im  Dienste  des  Kapitals
fronen  müßt',  Ihr,  die  Ihr  durch  Eurer  Hände
Arbeit  alle  Reichtümer  und  Werte  schasst,  Ihr
könnt  nur  einem  Soziaidemokraten  Eure
        <pb n="216" />
        100  und  101.  Allgemeines  sozialdemokratisches  Flugblatt  an  die  Wähler  der
dritten  Abteilung

stimme  geben,  wenn  Ihr  wollt,  bas;  Gurr
Interessen  wirksam  und  machtvoll  vertreten  Werden.
Die  Sozialdemokratie  hat  es  sich  überall  zur
Aufgabe  gemacht,  den  schiveren  Kamps  ans  alle»
Erbieten  der  Nolboniohlsahrt  zu  sichren.  In
unseren  vorhergehenden  Flugschriften  haben  wir
bereits  klar  gelegt,  was  sich  die  Sozialdemokratie
als  Ziel  gesetzt  hat  und  was  die  Sozialdemokratie
in  unserem  Stadlpartamcnt  geleistet  hat!  Jeder
prüfe  selbst,  ob  daraus  der  Vorwurf  zutrifft,  den
uns  die,  „Liberalen"  machen:  „Wir  treiben  einen
iiserloseir  Radibaliomus  und  lassen  uns  nur
vom  Neid  der  besitzlosen  Klasse»  leiten,"
Wir  treten  für  das  Wohl  der  Allgemeinheit
ein!  Um  das  zu  erreichen,  ist  eS  aber  notwendig,
daß  von  unten  heraus  angefangen  wird,  und
den  Äetitzlose»  daS  gegeben  ivird,  was  ihnen
heute  von  der  bürgerlichen  Gesellschaft  vorenthalten ­

  wird.  Kein  bürgerlicher  Kandidat  ist  frei
und  unabhängig  genug,  um  imstande  zu  sein;&amp;lt;.nn
das  Wohl  der  grotzen  Mehrheit  der  Schöneberger
Einwohnerschaft  das  ztt  tun,  Niao  die  Sozialdemobratie
  ans  ihre  sahne  geschrieben  hat.
Sein  Arbeiter,  Handwerber  und  Kleingewerbetreibender ­
  darf  am  Sonnabend  von  der
Wahl  zurückbleiben:  Ein  jeder  erscheine  an  der
Wahlurne  und  gebe  seine  Stimme  nur  für  die
soziaidemobratischen  Kandidaten  ab.  Lasse  sich
niemand  von  der  Ausübung  seines  Wahlrechts
zurückhalten.  Es  kommt  aus  jede  Stimme  an.
Eine  einzelne  Stimme  kan»  unter  Umständen  den
Ausschlag  geben,  denbe  beiner,  es  werde  auch
ohne  ihn  geizen.  Bedenke  ein  jeder,  dah  von
gegnerischer  Seite  alles  mögliche  ansgeboten
ivird,  um  der  Sozialdemokratie  den  Sieg  zu  vcr&amp;lt;
eilein.

rlüttelt  jeden  Säumigen  aus  und  gebt  Eure  Stimme  de»  Kandidaten  der  Sozialdemokratie:

Schriftsteller  Eduard  Bernstein,

Mechaniker  Richard  Gabriel.

Die  Wahl  findet  statt  am
Sonnabend,  den  2.November,  von  vormittags  11  bis  abends  8  Uhr.
Ihr  Wahllokal  befindet  sich:
bderssir.  S,  Turnhalle  der  Gemeindeschule.
Ufer  nicht  bis  8  ühr  im  Aahllokal  anwesend  Mt,  geht  feines  Wahlrechts  verlustig.
Als  srgitiraation  bringe  ein  jeder  die  mm  Magistrat  zugesandte  Whlrrkarle  mit,  wes  nicht  in  den  fiept;  einer
laschn,  gelangt  ist,  der  uersrhe  pch  mit  einer  grniigendrn  anderen  fegitiinntion  |Strnrr;rttrl,  lüüitärpnpirrr  usw.j.
Wahlberechtigt  ist  jeder,  der  i»  der  im  August  v.  I.  a»sgestellte»  Wählerliste  dieses
Bezirks  eingetragen  ist,  auch  wen»  er  während  dieser  Zeit  auS  dem  Bezirk  verzogen  ist.
Das  sozialdemokratische  Wahlkomitee.

Freitag,  den  1.  November,  abends  8  Uhr:
8  öfjentl.  Komtnunaiwähier-Versamttilungen
in  Obit’s  Westfalen,  ffleiningerftr.  8;
Cindenparh,  FjauptUr.  13;  Whelmshof.  Ebersltr.  80.
Tagesordnung:
Die  Aufgaben  der  Sozialdemokratie  in  der  Gemeinde.
Referenten:
Stadtverordn.  DttjtSnl-Berlin;  Stadlverordn.  Schubert-Berlin;  Reichstagsabgeordn  2tlde»»BerIin.
Zum  Besuche  einer  dieser.  Versammlungen  sind  Sie  hiermit  freundlichst  eingeladen.,  "Wf8
V.randvottlich:  Ae  kl  WoIIer  mann.  SchSnedere.  Martin  Lulhrrsir.  HO.  —  Druck:  Ar-rw.i.tü  «uchdu/tsnei  uild  BerlohSr,nilalt  Baut  k.in^er  fi  ^04'JBi'tün  SWlW.
        <pb n="217" />
        221

Es  wäre  also  hier  das  Jahr  1905  mit  dem  Jahr  1899  zu  vergleichen.  Im
letzteren  Jahre  fanden  aber,  wie  an  betreffender  Stelle  bemerkt,  außer  den
Ergänzungswahlen  in  den  älteren  Bezirken,  deren  Mandat  erledigt  war,
Wahlen  in  allen  neugebildeten  Bezirken,  zusammen  21  Wahlen  statt,  während
in  späteren  Jahren  immer  nur  16  Bezirke  Ergänzungswahl  hatten.  Es  müssen
daher,  um  das  Verhältnis  von  1905  zu  1899  richtig  zu  erkennen,  nur  die
16  Bezirke  verglichen  werden,  in  denen  beide  Male  Wahlen  erfolgten.  Für
sie  ergibt  sich  nun  folgende  Gegenüberstellung:
1899  Sozialdemokraten  18  599,  Gegner  15  149
1905  30  681,  „  10  573
Sozialdemokraten  +  12  082,  Gegner  —  4  576
Einem  Rückgang  der  gegnerischen  Stimmen  um  4576  steht  eine  Zunähme
  der  sozialdemokratischen  Stimmen  um  12  082  gegenüber.  Von  55,2
gegen  44,8  ist  nur  allein  in  diesen  sechs  Jahren  das  Verhältnis  der  sozialdemokratischen ­
  Mehrheit  auf  74,3  gegen  25,7  vom  Hundert  gestiegen.  Ein
glänzender  Abschluß.  And  je  weiter  wir  den  Vergleich  nach  rückwärts  fortsetzten, ­
  um  so  Heller  würde  sich  der  Fortschritt  der  Sozialdemokratie
hervorheben.
Wie  viel  Arbeit  bergen  aber  auch  diese  Zahlen!  Immer  mehr  Eifer
wurde  darauf  verwendet,  vor  der  Wahl  keinen  Wähler  ohne  Flugblatt  und
während  der  Wahl  keinen  säumigen  Wähler  ohne  Mahnung  an  seine
Wahlpflicht  zu  lassen.  Daher  wächst  auch  von  Wahl  zu  Wahl  die  Zahl
der  Wahlarbeit  Verrichtenden,  steht  ein  immer  größerer  Prozentsatz  von
Organisierten  und  Organisatoren  hinter  den  Wählern  der  Sozialdemokratie.
Nur  so  war  es  zu  erreichen,  daß  ungeachtet  der  großen  Angunst  des  Wahlsystems ­
  am  Ausgang  unserer  Epoche  die  sozialdemokratische  Fraktion  der
Berliner  Stadtverordnetenversammlung  von  48  Mandaten  der  dritten  Wählerklasse
  nahezu  drei  Viertel,  nämlich  35,  innehatte.  Das  ist  ein  günstigeres
Verhältnis,  als  es  dem  Anteil  der  Partei  an  den  bei  Reichstagswahlen
in  Berlin  abgegebenen  Stimmen  entspricht,  der  im  Jahre  1903  sich  auf218238
von  326780,  also  gerade  auf  zwei  Drittel  belief,  und  fast  genau  so  war  das
Verhältnis  im  Jahre  1907  :  251215  von  insgesamt  379373  Stimmen.  Der
Anterschied  rührt  natürlich  daher,  daß  bei  der  Reichstagswahl  alle  Wähler
ohne  Anterschied  des  Einkommens  in  einer  Klasse,  bei  der  Stadtverordnetenwahl ­
  aber  die  Wohlhabenden  und  Reichen  in  gesonderten  Klassen  wählen.
Das  schafft  der  Sozialdemokratie  in  der  dritten  Klasse  notwendigerweise  eine
günstigere  Position.  Wie  wenig  diese  aber  als  Ausgleich  für  die  Angerechtigkeit
der  Klassenwahl  betrachtet  werden  kann,  zeigt  die  Verteilung  der  Sümmen  bei
der  Reichstagswahl  an.  Würde  die  Stadtvertretung  nach  dem  Reichstagswahlrecht, ­
  das  ja  auch  noch  nicht  völlig  demokratisch  ist,  und  auf  Grund  der
zahlengerechten  Verteilung  der  Mandate  gewählt,  so  müßte  die  Sozialdemokratie ­
  statt  35  nicht  weniger  als  96  Sitze  im  Rathaus  von  Berlin
innehaben.  Selbst  wenn  ihr  alle  Mandate  der  dritten  Abteilung  zugefallen
wären  —  was  aber  bei  der  eigentümlichen  Gliederung  einiger  Wahlbezirke
nicht  zu  erwarten  war  —,  wäre  sie  immer  noch  um  100  Prozent  der
erlangten  Mandate  untervertreten,  das  heißt:  erst  im  Besitz  der  Hälfte
der  Mandate  gewesen,  die  ihr  nach  demokratischem  Recht  hätten  zufallen
müssen.
        <pb n="218" />
        222

b)  Die  sozialdemokratische  Vertretung  in  den  Vororten.
Wenn  aber  in  Berlin  nicht  einmal  die  Eroberung  aller  Mandate  der
dritten  Wählerklaffe  zu  erreichen  war,  so  ist  dies  Werk  dagegen  in  einer
Anzahl  von  Vororten  Berlins  möglich  gewesen.  Dort  liegen  eben  die
Dinge  einfach  so,  wie  sie  in  Berlin  in  den  Stadtvierteln  des  Nordens,
Nordostens,  Ostens,  Südostens  und  zum  Teil  noch  des  Südens  und  des
Nordwestens  beschaffen  sind:  die  Arbeiterschaft  bildet  die  erdrückende
Mehrheit  der  Bevölkerung.  Sobald  einmal  das  Eis  gebrochen  war  und
die  Sozialdemokratie  in  den  Vororten  dem  Beispiel  Berlins  folgte  und  den
Kampf  um  die  Vertretung  in  der  Gemeinde  aufnahm,  wurden  —  mit
wenigen  Ausnahmen,  die  sich  durch  Veränderungen  in  der  Zusammensetzung ­
  der  Bevöllerung  erklären  —  daher  auch  hier  von  Wahl  zu  Wahl
bessere  Erfolge  erzielt.
Man  darf  jedoch  nicht  meinen,  daß  das  Verhältnis  der  Arbeiterwähler ­
  zu  den  bürgerlichen  Wählern  allein  schon  die  Aussichten  der
Wahl  bestimmt.  In  den  kleinen  Ortschaften  war  ursprünglich  überall
—  und  ist  verschiedentlich  selbst  heute  noch  —  die  große  Mehrheit  der  Arbeiterschaft ­
  so  verschüchtert  und  der  politischen  Selbständigkeit  so  ungewohnt,
daß  sie  sich  nur  sehr  schwer  dazu  bewegen  ließ,  ihre  Stimmen  für  sozialdemokratische ­
  Kandidaten  oder  auch  nur  für  einfache  Arbeiterkandidaten  abzugeben. ­
  In  kleinen  Gemeinden  kann  sich  die  ökonomische  Übermacht  eben
ganz  anders  geltend  machen  als  in  der  Großstadt,  und  so  hat  denn
di«  Vorschrift  der  öffentlichen  Stimmabgabe  hier  auch  zumeist  eine  weit
größere  Beschränkung  der  Wahlfteiheit  zur  Folge.  Ferner  ist  in  den
kleinen  Ortschaften,  die  unterhalb  einer  gewissen  Bevölkerungszahl  bleiben,
von  kommunalem  Leben  so  wenig  zu  spüren,  daß  der  Antrieb  der  Arbeiter,
an  ihm  teilzunehmen,  meist  auch  nur  ein  sehr  geringer  ist.  Das  Lerkommen
beherrscht  die  Geister,  nur  ausnahmsweise  und  nur  in  kleinen  unauffälligen
Dosen  wird  an  ihm  geändert.  Das  lähmt  die  Gemüter,  und  viel  besser
stand  es  auch  lange  Zeit  selbst  in  der  Masse  der  oberhalb  der  Linie  befindlichen ­
  Gemeinden  nicht.  Kurz,  es  wäre  durchaus  irrig,  anzunehmen,
daß  in  den  Vorortsgemeinden  mit  überwiegender  Arbeiterbevölkerung  die
Arbeit  für  die  Vertretung  in  der  Gemeinde  von  vornherein  eine  leichtere
gewesen  sei.  Sie  war  im  Gegenteil  vielfach  eine  sehr  viel  schwerere,  als  in  Berlin.
Viel  Intelligenz  und  Verwaltungsarbeit  wirkt  unauffällig  an  kleinen  Orten,  die
abseits  vom  Verkehr  liegen,  oder  hat  den  Grund  zu  Vertretungen  gelegt,
die  dann,  nachdem  die  betreffenden  Gemeinden  stärkere  Bevölkerung  erhalten ­
  hatten,  auch  eine  bedeutende  Wirkung  ausüben  konnten.  Man  begreift
  aber  ohne  weiteres,  daß  es  nicht  angeht,  diese  Entwicklung  nun  für
jeden  in  Betracht  kommenden  Ort  im  einzelnen  hier  vorzuführen.  Es  muß
dem  Leser  anheimgestellt  werden,  was  mit  den  Unterschieden,  wie  sie  durch  die
Größe  der  Orte  und  die  soziale  Gliederung  ihrer  Bewohner  gegeben  sind,
für  alle  Orte  ohne  Ausnahme  gilt,  auf  jeden  einzelnen  anzuwenden.
Überall  hat  man  klein  angefangen,  anfänglich  Niederlagen  und  gelegentlich
auch  einmal  Rückschläge  erlitten,  überall  mußte  ein  mühsames  Erziehunzswerk ­
  geleistet  werden,  und  wo  immer  nur  Mitgliedschaften  der  Sozialdemokratie ­
  von  einiger  Stärke  bestanden,  ist  es  geleistet  worden.  So
konnten  denn,  am  Abschluß  unserer  Epoche,  d.  h.,  da  die  Landgemeinden
        <pb n="219" />
        223

Bürger  Berlins!
Heute  ist  MImorimteilWhll
Tut  Eure  Pflicht  und  gebt  Eure  Stimme  ab
für  den  Kandidaten  der  Sozialdemokratie!
Rüttelt  die  Säumigen  auf!
Agitiert  bei  Euren  Arbeitskollegen,  im  Freundeskreis,
überall  wo  Ihr  Gelegenheit  dazu  habt!
Welche  Bezirke  zur  Wahl  stehen,  ist  aus  dem
„Vorwärts"  zu  ersehen!
w  Heute  -*■
geben  die  Aahier  Berlins  die  Antwort!
Vorwärts  Buchdruckerei  und  Verlagsanstalt  Paul  Singer  &amp;amp;  To..  Berlin  SW.  68.  vindcnstr.  69.
102.  Allgemeine  sozialdemokratische  Aufforderung  zur  Stimmabgabe
bei  der  Stadtverordnelenwahl

zu  Anfang  des  Jahres  ihre  Ergänzungswahlen  haben,  Ende  März  1906
die  beiden  Vorortswahlkreise  Berlins  zusammen  in  46  Ortschaften
160  sozialdemokratische  Gemeindevertreter  aufweisen.  And  zwar  hatten:
Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg  in  27  Ortschaften
105  sozialdemokratische  Gemeindevertreter,
Niederbarnim  in  17  Ortschaften  55  sozialdemokratische  Gemeindevertreter. ­

Von  all  diesen  Orten  steht  das  zum  Wahlkreise  Teltow-Beeskow  usw.
gehörende  Rixdorf  in  bezug  auf  die  Zahl  von  Sozialdemokraten  in  der
Kommunalvertretung  obenan.  In  wenig  über  einem  Menschenaller  vom
einfachen  Dorf  zu  einer  großen  Stadt  emporgewachsen,  der  öbauptwohnort
der  Arbeiterschaft  im  Südosten  von  Berlin,  hatte  Rixdorf  damals
20  sozialdemokratische  Stadtverordnete.  Die  Mandate  der  dritten  Abteilung
waren  sämtlich  im  Besitz  der  Partei  der  arbeitenden  Klassen,  und  beiläufig
sei  bemerkt,  daß  hier  drei  Jahre  später  auch  Mandate  der  zweiten  Wählerklasse
der  Sozialdemokratie  zugefallen  sind.
Der  Entwicklungsgang  der  sozialdemokratischen  Vertretung  Rixdorfs
war  der  folgende  gewesen.  Nachdem  das  Kommunalwahlgesetz  von  1891
verkündet  war,  traten  die  Parteimitglieder  im  Jahre  1892  zum  ersten  Male
in  die  Wahlen  der  Gemeindevertreter  ein  und  erzielten  im  ersten  Sturm  die
Wahl  von  sechs  Sozialdemokraten:  Gustav  O  st  e  rm  a  n  n  und  Bernhard  Schenk,
Tischler,  Gustav  Müller,  Zigarrenhändler,  Albert  Wurbs,  Klempner,
Bildhauer  Karl  Schröder,  und  August  Schimkaal,  Gastwirt.  Die
Mandate  von  Ostermann  und  Wurbs  wurden  nach  der  Wahl  kassiert,  wer
        <pb n="220" />
        die  erst  nachträglich  vorgenommene  Auslosung  der  Bezirke  das  Resultat
gehabt  hatte,  daß  die  Bezirke,  in  denen  sie  gewählt  waren,  durch  „Ansässige"
vertreten  sein  mußten.  In  der  Nachwahl  gelang  es  jedoch  der  Sozialdemokratie, ­
  in  dem  Schlossermeister  Karl  Schulze  und  dem  Putzer  Lahn
Kandidaten  aufzustellen,  die  zu  den  Ansässigen  gehörten,  und  die  Mandate
für  sie  zurückzuerobern.  Bei  den  Ergänzungswahlen  von  1894  wurden
zwei  weitere  Kandidaten  der  Partei,  Zimmermeister  Rob.  Lesse  und
Gastwirt  Aug.  P  apke,  und  bei  den  Wahlen  von  1895  an  Stelle  von  Müller,
Schenk,  Schröder  und  Schulze,  die  wegen  Zustimmung  zu  Ausgaben  für
nationalistische  Zwecke  ihre  Mandate  auf  Versammlungsbeschluß  hatten
niederlegen  müssen,  die  Parteimitglieder  Kull,  Schristgießer,  Ostermann,
  Tischler,  Retzerau,  Maler,  und  Thomas,  Schriftsetzer,  gewähtt.
1898  wurde  Rixdorf  Stadtkreis  und  seine  Vertretung  in  der  Gemeindeversammlung ­
  auf  48  Mitglieder  erhöht.  Bei  der  ersten  Wahl  zum  neuen
Kollegium  ward  die  dritte  Klasse  wiederum  ausschließlich  durch  Kandidaten
der  Sozialdemokratie  besetzt,  die  nun  eine  Fraktion  von  16  Mitgliedern
bildeten,  und  jede  weitere  Wahl  bestätigte  nur  dies  Verhältnis.  Die  ersten
sozialdemokratischen  Gemeindevertreter  des  Stadt  gewordenen  Rixdorf
waren:  Wilh.  Conrad,  Kassenbeamter,  Aug.  Dohrmann,  Tischler,
L.  Lerrmann,  Zigarrenmacher,  Wilh.  Jäger,  Klempner,  Konst.  Janiszewsky,
  Buchdruckereibesitzer,  Karl  Keller,  Dachdeckermeister,  Wilh.
Köpke,  Gastwirt,  Paul  Mitschke,  Steinmetz,  Wilh.  Münzer,  Steinmetz, ­
  Gust.  Ostermann,  Spediteur,  Rich.  Preßler,  Gastwirt,  Emil
Retzerau,  Maler,  Wilh.  Sy,  Tischler,  Dr.  R.  Silberstein,  Arzt,
Willy  Wach,  Berichterstatter,  und  Emil  Wutzky,  Schriftsetzer.
Linsichtlich  der  Zahl  der  sozialdemokratischen  Vertretung  in  der  Gemeinde ­
  schließt  sich  Berlins  größte  Nachbarstadt,  Charlottenburg,  an
Rixdorf  an.  Mit  den  Ergänzungswahlen  des  Jahres  1905  wuchs  die
sozialdemokratische  Fraktion  dort  auf  13  Mitglieder.  Das  Verhältnis
dieser  zur  Gesamtvertretung  war  aber  wesentlich  ungünstiger,  als  in  Rixdorf.
Denn  in  Charlottenburg  hat  die  dritte  Klasse  24  Stadtverordnete,  so  daß
die  genannte  Zahl  der  sozialdemokratischen  Mitglieder  nur  einen  über  die
Lälfie  der  Vertretung  der  dritten  Klasse  ausmacht.  And  auf  wesentlich
mehr  ist  in  dieser  Stadt,  die  sich  rühmen  kann,  das  zahlungsfähigste
Gemeinwesen  der  preußischen  Monarchie  zu  sein,  beim  jetzigen  Wahlsystem
kaum  zu  rechnen,  da  in  verschiedenen  Stadtbezirken  die  Arbeiter  selbst  in
der  dritten  Klasse  die  Minderheit  der  Wähler  sind.  Gewerbetreibende,
Beamte,  Angehörige  der  fteien  Berufe  bleiben  mit  einer  Steuerleistung,
die  sie  anderwärts  zu  Wählern  erster  oder  mindestens  zweiter  Klasse  machte,
hier  Wähler  der  dritten  Klasse.  Selbst  bei  der  Reichstagswahl  konnte  es
die  Sozialdemokratie  in  Charlottenburg  noch  nicht  zu  einer  Stimmenmehrheit
bringen.  Anter  diesen  Amständen  war  die  Eroberung  von  13  Mandaten
der  dritten  Klasse,  die  im  ganzen  24  Stadtverordnete  zu  wählen  hat,  schon
eine  sehr  bemerkenswerte  Leistung.  Die  Entwicklung  der  sozialdemokratischen
Stadtverttetung  in  Charlottenburg  war  die  folgende:
Die  Wahl  des  Jahres  1893  brachte  die  ersten  Sozialdemokraten  ins
Charlottenburger  Rathaus,  Gustav  Beyer  und  Lerm.  Wernicke,  die  bis
1899  ihr  Mandat  ausübten,  dann  aber  nicht  wieder  kandidierten  und  durch
Kurt  Baake  und  Paul  Lirsch  ersetzt  wurden.  Einige  Wahlerfolge  des
        <pb n="221" />
        225

Jahres  1895  wurden  durch  Ungültigkeitserklärung  vernichtet,  und  bei  der
Nachwahl  unterlagen  unsere  Genossen.  Erst  1901  ward  eine  Vermehrung  der
Vertreter  erzielt,  und  zwar  gleich  um  sechs,  nämlich  Dr.  Bruno  Borchardt,
Karl  Zander,  Wilh.  Mickler,  Ferd.  Pasche,  Gust.  Scharnberg  und
Heinr.  Vogel.  Das  Jahr  1903  brachte  drei  neue  Vertreter:  Ed.  Dörre,
August  Sellin  und  Dr.  G.  Zepler.  1905  wurde  die  Fraktion  um  zwei
Mitglieder  verstärkt:  W.  Bartsch  und  Hugo  Klick,  verlor  aber  Kurt
Baake,  dessen  Mandat  abgelaufen  war.  Bei  einer  Ersatzwahl  war  indes
noch  der  Genosse  Paul  Liebe  gewählt  worden,  so  daß  am  Abschluß  unserer
Epoche  Charlottenburg  eine  sozialdemokratische  Fraktion  von  dreizehn  Mitgliedern ­
  im  Rathaus  hatte.  Erwähnt  sei  hierbei,  daß  Hirsch  und  Vogel
1903  ihre  bis  dahin  innegehabte  Mandate  aufgaben,  um  als  Hausbesitzer
in  Bezirken  zn  kandidieren,  die  für  solche  ausgelost  waren.  Nur  dadurch
konnte  die  Vertretung  der  Partei  auf  die  bezeichnete  Stärke  gebracht  werden.
Auch  der  drittgrößte  Ort  des  Reichstagswahlkreises  Teltow-Beeskow-Charlottenburg,
  das  1897  zum  Stadtkreis  erhobene  Schöneberg  entwickelt
sich  in  der  Mehrheit  seiner  Bezirke  zunehmend  zur  Wohnstätte  mehr  oder
weniger  wohlhabender  Bevölkerungsschichten,  neben  denen  selbst  in  den
Hinterhäusern  vorwiegend  kleinbürgerliche  Elemente  sich  ansiedeln.  Der
Ausbau  der  so  schnell  emporschießenden  Stadt  geschieht  fast  nur  in  der
Gestalt  von  Häusern,  die  auf  diese  Klassen  berechnet  sind,  und  so  werden
in  einigen  Stadtvierteln  die  Aussichten  für  die  Sozialdemokratie  eher
schlechter  statt  besser.  Es  waren  daher  am  Abschluß  unserer  Epoche  nur
9  von  20  Mandaten  der  dritten  Klasse  Besitzstand  der  Sozialdemokratie.
Der  Entwicklungsgang  der  sozialdemokratischen  Vertretung  war  hier  der
folgende  gewesen:
Zum  erstenmal  bekam  Schvneberg,  damals  noch  Landgemeinde,  in,
Jahre  1892  sozialdemokratische  Gemeindevertrcter.  Es  waren  dies  der
Maurer  Paul  Hackelbusch  und  der  Töpfer  Schmidt.  Bei  den  zwei
folgenden  Wahlen  —  1894  und  1896  —  unterlagen  die  Kandidaten  der
Sozialdemokratie.  Dann  wurde  Schöneberg  Stadt,  und  bei  der  ersten
Wahl  in  seine  Stadtverordnetenversammlung  drangen  —  im  November
1897  —  wieder  zwei  Sozialisten  durch:  der  Gastwirt  Ernst  Obst  und  der
Maurer  Fritz  Masuch.  Die  Ergänzungswahl  von  1899  brachte  keine
Veränderung  in  der  Vertretung,  dagegen  wurden  1901  drei  weitere
Sozialisten,  nämlich  W.  Bäumler,  Spediteur,  Gustav  Däumig,  Maurer,
und  Gustav  Hoffmann,  Tischler,  gewählt,  und  Masuch  durch  Reinhold
Küter,  Lagerhalter,  ersetzt.  1902  ging  das  Mandat  von  Ernst  Obst,  der
im  Parteiinteresse  seinen  sicheren  Sitz  für  einen  zweifelhaften  vertauscht
hatte,  bei  einer  Nachwahl  verloren,  doch  ward  dafür  in  einer  anderen
Nachwahl  ein  neuer  sozialdemokratischer  Vertreter  gewählt:  Karl  Panser,
Maurer,  und  als  später  das  Mandat  Däumigs  annulliert  wurde,  weil
in  dessen  Bezirk  ein  Hausbesitzer  zu  wählen  war,  ward  dort  Obst,  der
mittlerweile  ein  Haus  erworben  hatte,  an  Stelle  von  Däumig  aufgestellt
und  gewählt.  Bei  der  Wahl  von  1903  ward  zu  den  aufgezählten  sozialistischen ­
  Vertretern  Karl  Wollermann,  Schriftsetzer,  hinzugewählt,  und
1905  erhielt  G.  Däumig  ein  neues  Mandat.  Außer  ihm  wurden  von
Sozialdemokraten  damals  noch  Richard  Gabriel,  Mechaniker,  und,  in
Nachwahl,  Karl  Magnan,  Schriftsetzer,  zu  Stadtverordneten  gewählt.
Bernstein,  Berliner  Geschichte.  IN.  15
        <pb n="222" />
        226

Doch  ward  das  Mandat  Gabriels,  da  er  kein  Lausbesitzer  war,  der  Bezirk
aber  einen  Lausbesitzer  wählen  sollte,  dessen  bürgerlichem  Gegenkandidaten
zuerkannt,  der  knapp  ein  Drittel  der  Stimmen  erhalten  hatte,  die  auch
für  Gabriel  abgegeben  waren.
Die  drei  nächst  großen  Orte  des  Wahlkreises:  Groß-Lichtcrfeldc,
Steglitz,  Wilmersdorf  sind,  obwohl  es  in  ihnen  an  Arbeitern  nicht  fehlt,
der  Sozialdemokratie  direkt  ungünstig.  Dasselbe  gilt  von  dem  unweit
Lichterfelde  gelegenen  Villenort  Zehlendorf.  In  diesen  Ortschaften  stellen
das  wohlhabende  Bürgertum  mit  seinem  Anhang,  die  bessergestellte
Beamtenschaft  und  allerhand  sonstige  von  der  Sozialdemokratie  nur
ausnahmsweise  zu  erfassende  Elemente  die  Mehrheit  der  Wählerschaft.
So  konnte  denn  bisher  einzig  in  Steglitz  Einzug  in  die  Gemeindevertretung ­
  erkämpft  werden.  Änd  selbst  dort  erst  für  einen  Sozialdemokraten,
während  bei  der  Reichstagswahl  von  1903  ebendaselbst  über  48  Prozent
der  abgegebenen  Stimmen  —  1981  von  4296  —  auf  die  Sozialdemokratie
entfielen.
Ein  ganz  anderes  Bild  gewinnen  wir,  wenn  wir  uns  einer  zweiteir
Gruppe  von  größeren  Ortschaften  des  Kreises  zuwenden,  von  denen  zwei
weiter  hinaus  im  Südwesten,  vier  im  Südosten  Berlins  liegen.  Diese
Orte  konnten  sich  im  Jahre  1905  darin  Rixdorf  an  die  Seite  stellen,  daß
auch  in  ihnen  die  Sozialdemokratie  über  alle  Mandate  der  dritten  Wählerklasse ­
  verfügte.  Es  waren  dies:
Gesamtvertretung  Sozialdemokraten

Adlershof

12

4

Britz

12

4

Köpenick

36

12

Johannisthal

9

3

Nowawes

18

6

Teltow

12

4

In  Markgrafpieske  (Kreis  Beeskow-Storkow)  gehörten  von  18  Sitzen
5,  in  Trebbin  von  18,  in  Krausnick  (wie  vorher)  und  in  Treptow-Baumschulenwcg
  von  je  12  Sitzen  3  der  Sozialdemokratie.  Je  zwei  sozialdemokratische ­
  Gemeindevertreter  hatten  die  Orte  Alt-Glienicke,  Ruhlsdorf
und  Zernsdorf,  und  je  einen  außer  dem  schon  erwähnten  Steglitz  noch
Dahlewitz,  Deutsch-Wusterhausen,  Groß-Besten,  Ketschendorf,  Klein-Besten,
Marienfelde,  Ren-Zittau,  Rauen,  Schenkendorf  bei  Großbeeren  und
Schenkendorf  bei  Königs-Wusterhausen.
Interessant  ist,  daß  gerade  in  den  kleineren  der  aufgezählten  Gemeinden
sozialdemokratische  Mandate  in  der  zweiten  Wählerklasse  erkämpft  wurden,
nämlich  zwei  in  Markgrafpieske  und  je  eines  in  Krausnick  und  Ren-Zittau.
Und  ferner  ist  cs  der  Erwähnung  wert,  daß  in  nicht  weniger  als  11  dieser
27  Orte  des  Wahlkreises  die  Sozialdemokratie  in  der  Lage  war,  die  widersinnige ­
  reaktionäre  Bestimmung,  wonach  die  Lälfte  der  Gemeindevertreter
Lausbesitzer  sein  müssen,  durch  Aufstellung  von  solchen  zunichte  zu
machen.  So  hatte  Rixdorf  nicht  weniger  als  10,  Köpenick  6,  Charlottenburg  5,
hatten  Adlershof,  Krausnick,  Markgrafpieske,  Nowawes  und  Schöneberg
je  3,  Britz,  Johannisthal,  Teltow  je  2  und  Alt-Glienicke,  Steglitz,  Trebbin,
Treptow-Baumschulenweg  und  Zernsdorf  je  einen  sozialdemokratischen
        <pb n="223" />
        An  die  Wähler  der  dritten  Abtheilung  des
23.  Rommunalwahlbezirks.

Arbeiter,  Kleinbürger,  Parteigenossen!
Am  Mittwoch,  den  6.  WovemSer  finden  die  ErgänzungSwahleg  kur  das  Parlament  der  Gtadl  Pettm.'  für
die  Stadtoerordnetenoersammlung,  stall.
Das  ungerechteste  aller  Wahlsysteme,  daS  PreiKlassenwahlsyssem,  beiuirit  es,  daß  1460  Geldsäcke  dasselbe
Recht  und  denselben  Einfluß  haben  wie  300  000  ihrer  ärmeren  Mitbürger.  Dieses  schändliche  Wahlsystem  bedingt  cs,
daß  die  städtische  Verwaltung,  ein  Vorrecht  der  Reichen,  zu  deren  Gunsten  und  in  deren  Interesse  geleitet  wird.
Brüderlich  vereint  ist  da  alles  Reaktionäre.  Kulturfeindliche,  Ausbeuterische,  alles.  maS  von  der  Unterdrückung
seiner  Mitmenschen  lebt.  Als  einziger  Gegner  tritt  in  den  Kamps  der
Sozialismus  mit  feinen  Idealen
mlt  der  Aufhebung  der  Klassenherrschaft,  mit  dem  gleichen  Recht  für  Alle,  für  Alle  dle  gleiche  EuNvickluugSmügtlchleit.
für  alle  das  Recht  an  den  Kulturgütern  theilzuhaben.  Voll  und  ganz  aus  dem  Boden  dieser  Anschauung  steht  der
Kandidat  unseres  BeznkeS.  der  Genosse  Emil  Banner.  Der  Liberalismus  hat  feine  Ideale  längst  vergessen!
Wie  Junker,hum  und  Schlotbarone  den  Staat  beherrschen  und  die  Gesetzgebung  zur  Ausbeutung  und  Nieder-Haltung
  der  breiten  Volksschichten  benutzen,  so  herrscht  der  alt  gewordene  Liberalismus,  jetzt  baar  oller  Ideale,  in  den
Städten  und  benutzt  seine  llebcrmacht  in  den  Stadtparlamentcn  rücksichtslos  zur  Förderung  der  allercnghcrzigstcn  Klassenintercssen.

Wo  sst  das  gleiche  Recht  auf  Bildung  geblieben,  dieser.Grundpfeiler  aller  wahren  Kulturentwicklung  eineß
Volkes?  Wo  ist  daö  gleiche  Recht  für  alle  Bürger  eines  Gemeinwesens,  ihre  Stimme  znr  Geltung  zu  bringen?  Wo
ist  das  demokratische  Bewußtsein  des  Liberalismus  geblieben,  des  Liberalismus,  der  schweifwedelnd  die  Hand  küßt,
die  ihm  eine  Oh,-feige  nach  der  andern  versetzt,  sodaß  die  „Berliner  Selbstverwaltung"  bereits  ansängt  zum  Gespött ­
  zu  werden?  Was  ist  bisher  zum  Schutz  der  arbeitenden  Aevölkerung  gegen  Krankheit  und  ßleud  geschehen,
was  zur  Erhöhung  der  Lebenshaltung  der  breiten  Volksschichten?  Als  Gnade  und  Barmherzigkeit,  als  Wohlthat,  für
die  untcrthänigst  gedankt  werden  iriuß,  wird  daö  Wenige  gewährt,  was  überhaupt  geleistet  wird,  und  deshalb  wirb
auch  ehr-  nnd  rechtlos,  wen  das  Unglück  trifft,  städtische  Wohlthaten  annehmen  zu  müssen.  WaS  ist  geschehen,
um  die  ungeheure  Entwicklung  deS  Verkehrswesens,  der  BcleuchtnngS-  und  Kraftanlagen  unserer  Riesenstadt  dem  Interesse ­
  der  Allgemeinheit,  dienstbar  zu  machen?  Statt  der  Uebcrsührung  in  die  Gemeindeverwaltung  eine  Ausbeutung
Aller  zu  Gunsten  einiger  Pnvilegirten,  die-schamlos  genug  vielfach  inmitten  der  Stadtoertretung  selbst  sitzen  und
Millionenreichlhümer  aufhäufen  aus  diesen  der  Allgemeinheit  entzogenen  Schätzen.
Deshalb  handelt  es  sich  bei  dieser  Wahl  nicht  blos  um  den  Streit  zweier  Parteien,  um  einige  Sitze  im  Stadtparlament. ­
  sondern  cs  steht  Weltanschauung  gegen  Weltanschauung.
5&amp;gt;etr  JU'afTciUtampf
«st  cs,  der  hier  gekämpft  wird  wie  überall,  wo  daS  Proletariat  in  die  Arena  deS  Wahlkampfes  eintritt.  Ob  nach  wie
vor  der  eine  ein  Knecht  deS  Anden,  sein  muß,  ob  ungestraft  der  Reiche  den  Armen  soll  schrankenlos  weiter  ausdeuten
dürfen,  ob  nach  wie  vor  Millionen  von  Proletariern  elend  vor  der  Zeit  zu  Grunde  gehen  müssen,  oder  ob  alle  Bürger
eines  Staates,  eines  Gemeinwesens  gleichberechtigt,  ob  die  Güter  diesiw  Erde  Allen  zugänglich  sein  sollen,  die  mit  ihren
Geistes-  oder  Körperkräften  dieselben  schaffend  mehren  Helsen,  darum  handelt  cS  sich!  DaS  ist  die  Bedeutung  dieser  Wahl,
das  die  Bedeutung  jeder  Stimmabgabe  für  den  sozialdemokratischen  Kandidaten,  ein  feuriger  Protest  gegen  das
namenlose  Anrecht,  geg«n  das  entsetzliche  Kkend,  welches  die  Klassenherrschaft  seit  Jahrtausende»  üver  die
Menschheit  gekracht  bat.
Deshalb  ein  Afui  Jedem,  der  am  Tage  der  Wahl  feige  zurücksteht,  der  nicht  wagt  in  öffentlicher  Stimmabgabe ­
  und  frei  heraus  seine  Ueberzeugung  zu  bekennen.  Nicht  nur  um  ein  Mandat  handelt  cS  sich,  sondern  darum,
daß  der  proletarische  Hedauke  zum  Siegj  geführt  wird,  daß  in  offeriern  Kainpse  Jeder  für  seine  Ueberzeugung  mannhaft ­
  eintritt  und  durch  seine  Stimmabgabe  feierlich  erklärt'
Als  Proletarier  habe  ich  Zeit  meines  Lebens  darben  und  hungern  müssen-  als  Proletarier  bin  ich  ausgeschlossen
gewesen  von  allen  Kulturgütern  der  Nation.  Bildung.  Lebensgenuß,  Sicherheit  de«  Erwerbes,  Schutz  gegen  Krankheit
nnd  allzusrühen  Tod,  bisher  ein  Eigenthum  der  herrschenden  Klassen,  auch  mir  und  meinen  Kindern  soll  cS  zu  Theil
werden,  im  Kampfe  für  und  mit  meiner  Klasse  will  ich  es  erringen.  Diese  eine  Waffe  de«  Proletariats,  die  Solidarität
und  die  feste  Bekundung,  daß  eS  anders  werden  soll  und  nmß,  sie,  wird  uns  an&amp;gt;  6.  November  zuin  Sieg  führen.
Parum,  auf  zur  Wahl  Parteigenossen.  Ahr  Arbeiter,  KleiuLürger.  Alle,  die  Ihr  darbt  und  entrechtet
seid!  Tretet  ein  für  den.  der  Eure  Interessen  mit  aller  Hingabe  vertreten  wird,  für  den  Genossen
Emil  Basner.
Das  sozialdemokratische  Maikomitee.

103.  Sozialdemokratisches  Flugblatt  zur  Wahl  im  23.  Kommunalwahlbezirk
        <pb n="224" />
        228

„Hausbesitzer".  Doch  fehlt  es  auch  nicht  an  Fällen,  wo  die  Aussonderung
bestimmter  Bezirke  für  die  Vertretung  durch  einen  Hausbesitzer  die  Aufstellung ­
  sozialdemokratischer  Kandidaten  unmöglich  oder  die  Wahl  von
Sozialdemokraten  ungültig  machte.  Ähnlich,  wie  es  in  dieser  Hinsicht  in
Charlottenburg  und  Schöneberg  zuging,  ging  es  auch  in  Mariendorf,
Wilmersdorf  und  noch  anderwärts  zu.
*  *
*
Niederbarnim,  der  Reichstagswahlkreis  der  Vororte  im  Norden  und
Nordosten  Berlins,  umfaßt  keine  Großstädte  im  Stil  von  Charlottcnburg,
Rixdorf  und  Schöneberg.  1905  zählten  nur  7  Ortschaften  dieses  Kreises
über  10  000  Einwohner.  An  ihrer  Spitze  steht  Lichtenberg-Friedrichsberg,
das  Ende  1905  über  55  000  Einwohner  zählte.  3hm  folgen:  Weißensee,
Boxhagen-Rnmmelsbnrg,  Pankow,  Reinickendorf,  Friedrichsfelde-Karlshorst,
und  Oranienburg.  Wir  unterlassen  es,  die  Entwicklung  der  Vertreterschaft
dieser  Orte  in  ähnlicher  Weise  zu  verfolgen,  wie  bei  den  Hauptorten  des
Wahlkreises  Teltow  -  Beeskow  -  Storkow  -  Charlottenburg.  Nicht,  daß  sie
weniger  interessant  wäre,  als  jene,  aber  sie  bietet  prinzipiell  nur  das  gleiche
Bild.  So  hat  Lichtenberg-Friedrichsberg,  wenn  auch  nicht  in
gleichem  Grade,  mit  ähnlichen  Schwierigkeiten  zu  kämpfen,  wie  Schöneberg,
und  konnte  daher  bis  1905  nur  8  von  15  Mandaten  der  dritten  Klasse
erobern.  In  Weißensee  dagegen  waren  am  Abschluß  unserer  Epochen
7  von  8  Mandaten  der  dritten  Klasse,  in  Boxhagen-Rummelsburg
nnd  Pankow  je  die  dort  zu  vergebenden  8  und  in  Reinickendorf  die
6  Mandate  der  dritten  Wählerklasse  im  Besitz  der  Sozialdemokratie.  In
Friedrichsfelde-Karlshorst,  welche  Orte  einen  starken  Prozentsatz  bemittelter
Einwohner  und  auch  viele  am  dortigen  Rennplatz  interessierte  Geschäftsleute ­
  beherbergen,  waren  nur  erst  2  Mandate  erkämpft,  und  ganz  unvertreten
ist  die  Sozialdemokratie  noch  im  spießbürgerlichen  Oranienburg.  Von
kleineren  Orten  sind  Erkner,  Friedrichshagen,  Borsigwalde-Wittenau  und
Waidmannslust-Lübars  mit  je  3  Mandaten  zu  nennen.  Je  2  Gemeindevertreter ­
  hatten  neben  Friedrichsfelde-Karlshorst  noch  Herzfelde,  Mahlsdorf, ­
  Oberschöneweide  und  Schönbeck-Fichtenau  und  je  1  Schönfließ,
Stralau  und  Tegel.
c)  Das  kommunale  Wirken  der  Sozialdemokratie.
Was  nun  die  Tätigkeit  der  Sozialdemokratie  in  den  Gemeinden  anbetrifft, ­
  so  haben  es  die  sozialdemokratischen  Vertreter  selbstverständlich
nirgends  am  guten  Willen  fehlen  lassen,  im  Sinne  der  sozialdemokratischen
Grundsätze  auf  die  Gemeindeverwaltungen  einzuwirken.  Aber  durchgängig
einer  Mehrheit  gegenübergestellt,  die  durch  den  Wall  der  preußischen
Klassengesehgebung  davor  geschützt  war,  einer  sozialdemokratischen  Mehrheit ­
  weichen  zu  müssen,  und  sich  zum  Äberdruß  in  Notfällen  noch  durch
die  Äberwachungsvollmachten  der  Regierung  gedeckt  wußte,  stießen  sie  dabei
auf  einen  Widerstand,  der  oft  absolut  unüberwindlich  schien,  und  in  vielen
Fällen  hat  sich,  namentlich  in  der  ersten  Zeit,  das  Klassenwahlsystem  in  der
Tat  als  ein  Eisenpanzer  für  Klassenvorurteil  und  Klassenegoismus  erwiesen. ­
  Aber  die  Tätigkeit  der  Sozialdemokratie  in  den  Kommunen  ist
trotz  dieses  großen  Hemmnisses  nicht  wirkungslos  geblieben.  Schon  die
        <pb n="225" />
        229

Eilt  sehr!

Eilt  sehr!

Geehrter  Herr!
Heute  ist  Stadtverorduetemoahl  in  46.  Bezirk.

Agitation  bei  den  Wahlen,
bei  der  ja  immer  wieder  die
Grundsätze  einer  demokratischen ­
  Kommunal  -  Politik
unter  dem  Gesichtspunkt  der
Arbeiterklasse  in  den  Vordergrund ­
  gestellt  wurden,  und
die  unermüdliche  Betonung
dieser  Grundsätze  von  seiten
der  gewählten  Vertreter  in
den  Gemeinde  -  Versammlungen ­
  übten  auf  die  Länge
der  Zeit  denn  doch  eine  gewisse ­
  erzieherische  Wirkung
aus,  zumal  die  allgemeine
soziale  Entwicklung  die  sozialistischen ­
  Argumente  unterstützte. ­
  Das  ist  ja  die  große
Kraftquelle  der  sozialistischen
Agitation,  daß  sie  die  entscheidenden ­
  Tatsachen  des
Entwicklungsganges  der
Kulturvölker  für  sich  hat.
So  kann  in  unserer  Zeit
kein  Wahlsystem  den  Geist
der  Verwaltungskörper  so
konservieren,  daß  er  gegen
die  Rückwirkungen  des
draußen  flutenden  Lebens
und  die  Sprache  der  durch
diese  geschaffenen  neuen  Bedürfnisse ­
  und  Rechtsbegriffe
sozusagen  hermetisch  geschützt
wäre.  Was  lebt,  was  seine
Lebenskraft  aus  den  tatsächlichen  Verhältnissen  zieht,  das  drängt  als  öffentliches ­
  Bewußtsein  durch  die  Poren  selbst  der  festesten  Mauern,  durch  alle
Ritzen  und  Spalten  von  Türen  und  Fenstern  hindurch  in  die  Ratssäle
und  die  Amtsstuben  hinein.  Dies  um  so  mehr,  als  selbst  die  konservativsten
Parteien  bei  Gelegenheiten,  wo  das  System  der  Klassenwahl  sie  nicht
deckt,  mit  der  breiten  Volksmasse  zu  rechnen  haben.  So  nahmen  denn  mit
dem  Wachstum  der  Arbeiterklasse  und  ihrer  Organisationen  die  Gemeindebehörden ­
  den  Forderungen  der  Arbeitervertreter  gegmüber  —  die  einen
früher,  die  andern  später,  die  einen  mit  größerem,  die  anderen  mit  geringerem
Verständnis  —  nach  und  nach  eine  weniger  starr  ablehnende  Laltung  ein,
als  in  der  ersten  Zeit,  und  ergriffen  hier  und  da  sogar  einmal,  durch  das
Beispiel  anderer  Orte  angeregt,  für  irgendeine  Neuerung  auf  diesen  Gebieten ­
  selbst  die  Initiative.  Dazu  nötigte  auch  gelegentlich  die  Sozialpolitik
des  Reiches,  bei  der  die  Agitation  der  Sozialdemokratie  zugestandenermaßen
die  hauptsächliche  Triebkraft  gebildet  und  sozialen  Begriffen  Kurs  gcge  cn

Sie  haben  3hr  Wahlrecht  noch  nicht  ausgeübt!
Auf  3hre  Stimme  kommt  es  heute  an!
Eilen  Sie  zur  Wahl!  Sie  tragen  sonst  mit  die  Ver.
ontwortung.  wenn  der  Vertreter  der  Werktätigen  Bevölkerung,  de«
Kandidat  der  Sozialdemokratie,  unterliegt.  Geben  Sie  sofort  Ihre
-Stimme  ab  für  den
Stadtverordneten  Dr.  R.  Mmeeht
Thomafiusstraße  15«
Sie  sind  eingetragen  unter  der  auf  dem  Kuvert  vermerkten
Nummer,  die  Sie  dem  Wahlvorsteher  bei  Abgabe  Ihrer  Stimme
zwecks  Erleichterung  des  Nachschlagens  angeben  wollen.
Ihr  Wahllokal  befindet  sich
Perlebergerstratze  26,  „Artus-Hof".
Kleiner  Parterre-Saal.
Versehen  Sie  sich  mit  ausreichender  Legitintation  —  die  vom
Magistrat  zugesandte  Wahlkarte.  Ihren  Steuerzettel,  Militärpapiers
oder  Mietskontrakt.  Bei  der  Frage  nach  der  Wohnung  ist  die  am
l.  Juli  dieses  Jahres  innegehabte  anzugeben.
Ihre  Stimme  ist  die  eine,  auf  die  eS  ankommt.  Darum
kommen  Sie  sofort,  eilen  Sie,  um  obengenannten  Kandidaten
der  Sozialdemokratie  zu  wählen!
Hochachtungsvoll
Dar  sozialdemokratisch«  Wahlkvmiter.

104.  Letzte  Mahnung  an  die  säumigen  Wähler
        <pb n="226" />
        230

gegen  welche  sich  früher  der  Klassengeist  des  kleinen  und  mittleren
Bürgertums  fast  noch  mehr  sträubte,  als  die  neufeudalen  Tendenzen  der
etwas  weiter  blickenden  großen  Bourgeoisie.
Dieser  Entwicklungsgang,  das  meist  widerwillige,  zögernde  und  in
Halbheiten  sich  kundgebende  Zurückweichen  des  bürgerlichen  Vorurteils  und
Klassenegoismus  vor  den  mit  zunehmender  Kraft  andrängenden  politischen
und  sozialen  Ideen  der  Arbeiterdemokratie  wird  in  klassischer  Weise  veranschaulicht ­
  durch  die  Denkschrift,  die  Paul  Hirsch  unter  dem  Titel:
„25  Jahre  sozialdemokratischer  Arbeit  in  der  Gemeinde"  zur  25.  Wiederkehr ­
  des  Tages  geschrieben  hat,  wo  zum  erstenmal  sozialdemokratische
Vertreter  in  das  Berliner  Rathaus  einzogen.*)  In  überaus  reicher
Dokumentierung  wird  da  gezeigt,  wie  auf  allen  Gebieten  der  kommunalen
Betätigung,  von  der  Betonung  des  Selbstverwaltungsrechts  und  der
sonstigen  politischen  Rechtsansprüche  der  Gemeinde  angefangen  bis  zu
den  Einzelnheiten  der  kommunalen  Aufgaben  in  bezug  auf  Arbeiterpolitik ­
  und  allgemeine  Sozialpolitik,  Wohnungspolitik  und  Verkehrspolitik,
Schulpflege  und  Gesundheitspflege,  Steucrwcsen  und  Wirtschaftspolitik,
Armenfürsorge  und  Kunstpflege,  die  sozialdemokratischen  Stadtverordneten
Pionierarbeit  verrichtet  und  in  harten,  aber  unermüdlich  geführten  Kämpfen
bahnbrechend  gewirkt,  die  Widerstände,  wenn  nicht  bis  zur  völligen  Ohnmacht ­
  gebrochen  —  davor  schützt  sie  das  Klassenwahlrecht  —  so  doch  zur
moralischen  und  immerhin  in  vielen  Punkten  bis  zu  einem  gewissen  Grade
auch  tatsächlichen  Kapittllation  besiegt  haben.
„Auf  dem  Gebiete  der  Verkehrspolitik,"  schreibt  Hirsch  im  Vorwort, ­
  „ist  die  Reichshauptstadt,  deren  Vertreter  Jahrzehnte  hindurch  ihre
Straßen  und  Plätze  privaten  Erwerbsgesellschaften  zur  Ausbeutung  überlassen ­
  haben,  im  Begriff,  endlich  die  Bahnen  zu  wandeln,  die  die  Sozialdemokraten ­
  ihnen  längst  vorgezeichnet  hatten,  und  eigene  Linien  zu  bauen.
Auf  dem  Gebiete  des  Volksschulwesens  sind  erfteuliche  Fortschritte  zu
verzeichnen,  Fortschritte,  die  in  erster  Linie  den  Sozialdemokraten  zu  danken
sind.  Sind  sie  es  doch  gewesen,  die  als  erste  im  Roten  Lause  den  Ansturm ­
  gegen  die  den  Geist  und  Körper  schädigende  gewerbliche  Nebenbeschäftigung ­
  von  Schulkindern  unternommen  haben!  Sind  sie  es
doch  gewesen,  auf  deren  Anregung  die  Anstellung  von  Schulärzten  zurückzuführen ­
  ist!  Oder  werfen  wir  einen  Blick  auf  das  wichtige  Gebiet  der
städtischen  Arbeiterpolitik  I  Die  städtischen  Körperschaften,  die  vor
noch  gar  nicht  langer  Zeit  Maßnahmen  zur  Bekämpfung  der  Arbeitslosigkeit ­
  als  nicht  zu  ihrem  Pflichtenkreis  gehörend  rundweg  abgelehnt
haben,  beraten  heute  in  gemischter  Deputation  dieses  schwierige  Problem.
Die  Frage  der  Gewährung  eines  Ruhegehalts  und  einer  Hinterbliebenenversorgung ­
  für  städtische  Arbeiter,  eine  Frage,  die,  als  sie  die
Sozialdemokraten  vor  20  Jahren  auswarfen,  einfach  als  indiskutabel  bezeichnet ­
  wurde,  ist  heute  —  wenn  auch  noch  nicht  in  zufriedenstellender
Weise  —  gelöst.  In  der  Steuerpolitik  begegnen  wir  sozialdemokratischen
Spuren,  die  Einführung  der  Grundwertsteuer  ist  das  Werk  der  Sozialdemokratie, ­
  die  Wertzuwachssteuer,  deren  Notwendigkeit  wenigstens  vom

*)  25  Jahre  sozialdemokratischer  Arbeit  in  der  Gemeinde.  Die  Tätigkeit  der  Sozialdemokratie ­
  in  der  Berliner  Stadtverordnetenversammlung.  Auf  Grund  amtlicher  Quellen  geschildert ­
  von  Paul  Kirsch.  Berlin  I9V8,  Verlag  Buchhandlung  Vorwärts.  IX,  552  S.  gr.  8«.
        <pb n="227" />
        105.  Bürgerliches  Flugblatt  zur  Mahl  im  23.  Kommunalwahlbezirk

Zur  Stadtverordnetenwabl  im  23.  fiemeindebezirk.
III.  Abteilung
Wähler!  —
Am  6»  November  ist  in  unserm  Bezirk  die  Wahl  eines  Stadtverordneten  in  der  III.  Abteilung  vorzunehmen.
Wieder  habest  die  in  dieser  Klasse  wählenden  Bürger  die  Entscheidung  zu  treffen,  ob  sie  von  einem  Anhänger  der  Sozialdemokratie ­
  oder  von  einem  liberalen,  wirklich  fortschrittlichen  Manne  im  Stadtparlament  vertreten  sein  wollen.
Die  Tätigkeit  der  Sozialdemokratie  in  unserer  Stadtvertretung  ist  bisher  eine  ebenso  unfruchtbare  gewesen  wie
ihre  sonstige  Tätigkeit  in  den  Parlamenten.  Ihre  Praktik  besteht  darin,  alle  liberalen  Forderungen  zu  bekriteln  und  das
ist  ja  sehr  bequem  —  masslos  zu  überbieten.  Andererseits  schreiben  sie  alle  Fortschritte,  die  durch  die  Arbeit  liberale*
Männer  erzielt  worden  sind,  unberechtigterweise  auf  ihr  eigenes  Konto.
Wenn  auch  Prof.  Wagner  im  parteiischen  Stöckerfanatismus  unser  Berlin  die  rückschrittlichste  Stadt  der  Welt
genannt  hat,  so  muss  doch  jeder  Unbefangene,  jeder  der  die  rapide  Entwickelung  Berlins  in  den  letzten  Jahrzehnten  .miterlebt ­
  und  aus  eigener  Anschauung  kennen  gelernt  hat,  zugeben,  daß  tatsächlich  in  Berlin  unter  liberaler  Herrschaft  große
kulturelle  Errungenschaften  erzielt  worden  sind.  D»s  müssen  selbst  die  Sozialdemokraten  zugeben  und
haben  es  auch  bisweilen  zugegeben.  Und  wenn  sie-  das  Erreichte  nur  ihrer  eigenen  Tätigkeit  zuschreiben,  so  ist
das  Unwahre-  dieser  Behauptung  schon  damit  erwiesen,  dass  die  sozialdemokratischen  Stadtverordneten  ja  im  Roten  Hause
nur  eine  kleine  Minderheit  bilden,  die  ohne  die  liberale  Mehrheit  nichts  durchzusetzen  vermag.
Alles  was  bisher  für  das  Wohl  der  Gesamtheit  seitens  der  Stadtvertretung  geleistet  worden  ist  verdanken
wir  der  liberalen  Mehrheit  in  der  Stadtverwaltung.  Wir  gestehen  aber  offen,  daß  wir  mit  dem  Erreichten  noch  lange
nicht  zufrieden  sind.  Auf  allen  Gebieten,  besonders  aber  im  Verkehrswesen,  muß  noch  für  Verbesserungen  und  Reformen
gesorgt  werden.  Gerade  dazu  aber  brauchen  wir  liberale  Stadtverordnete,  die  schaffend  mitarbeiten  und  nicht  wie  die
Singer  und  Genossen  zu  allem  nur  den  Kopf  schütteln  und  damit  jeden  wirklichen  Fortschritt  unmöglich  machen.
Wähler!  -—
Die  Sozialdemokratie  brüstet  sich  stets,  wenn  die  Wahlen  herannahen,  als  die  Vertreterin  der  berechtigten  Interessen ­
  aller  Stände,  ln  ihrem  Parteiprogramm  aber  bekennt  sie  sich  als  einseitigste  Klassenpartei,  und  in  Dresden  net
August  Bebel:  Ich  will  der  Totfeind  der  bürgerlichen  Gesellschaft  sein  so  lange  ich  lebe!  Diese  antinationale  Sozialdemokratie ­
  gilt  LS  zu  bekämpfen.  Dazu  muß  das  gesamte  Bürgertum  sich  zusammenschließen  gegen  den  gemeinsamen ­
  Feind.
Auch  zahlreiche  Arbeiter  haben  bereits  erkannt,  dass  ihr  Heil  nicht  im  Klassenkampte  liegt,  sondern  im  friedlichen
Zusammenarbeiten  aller  Klassen  und  Stände,  die  im  Berufsleben  aufeinander  angewiesen  sind.  Wir  Liberalen  verwerfen
den  einseitigen  Klassenstandpunkt  und  erstreben  eine  Besserung  der  Lage  der  Arbeiter  auf  friedlichem  Wege,  durch  Vereinbarungen ­
  und  langfristige  Tarifverträge  mit  den  Arbeitgebern."  Wir  und  mit  uns  viele  Tausende  Berliner  Arbeiter  haben
eingesehen,  daß  die  fortwährenden  Arbeitskämpfe  auch  die  Arbeiter  aufs  Schwerste  schädigen  und  daß  sie  vor  allem  den
Ruin  bedeuten  für  zahlreiche  kleine  Meister  und  Arbeitgeber,  die  sich  ebenso  sauer  durch  ihrer  Hände  Arbeit  ihr  Brot
verdienen  wie  die  Arbeiter.  Die  Folge  ist  schließlich  nur  die  Stärkung  der  großen  Unternehmer,  während  die  kleinen  zu
Grunde  gehen.  Uhd  auch  die  kleinen  Geschäftsleute  und  Gewerbetreibenden,  deren  Kunden  die  Arbeiter  sind;  werden  durch
die  oft  leichtsinnig  unternommenen  Streiks  in  ihrer  ganzen  Existenz  bedroht.  Das  aber  gerade  ist  es,  was  wir  auf's
schärfste  verurteilen.  W"  Liberalen  wollen  ruhige,  stetige  Arbeitsverhältnisse  schaffen  und  glauben  damit  am  besten
das  Interessse  aller  schaffenden  Stände  wahrzunehmen.
—  Wähler!
Unser  Kandidat,  der
Bauunternehmer  Ewald  Topp
ist  in  weiten  Kreisen  Berlins,  insbesondere  auch  in  unserem  Wahlbezirk,  als  ein  Mann  bekannt,  der  sich  in  zahlreichen
Ehrenämtern  große  Verdienste  um  die  Allgemeinheit  erworben  hat.  Durch  seine  emsige  Mitarbeit  bei  vielen  gemeinnützigen
Veranstaltungen  hat  er  bewiesen,  daß  er  ein  Herz  hat  für  die  Bedürfnisse  der  minderbegüterten  Stände.  Er  ist  ein  Mann  des
Mittelstandes  der  aus  eigener  Kraft  sich  emporgearbeitet  hat  und  daher  aus  eigener  Erfahrung  dje  Wünsche  der  arbeitenden
Stände  kennt.  Unser  Kandidat  wird,  gemäß  dem  Programm  der  Freisinnigen  Volkspartei,  u.  a.  eintreten  für:
Ausbau  der  Selbstverwaltung,  Steifnackigkeit  gegen  die  Uebergriffe  der  staatlichen  Bureaukratie  und  des  ßyzantismus.
Fürsorge  für  alle  Zweige  des  Unterrichtswesens  und  Unabhängigkeit  der  Schule  von  Pfaffentum  und  Klerikalismus.
Stetige  Besserung  der  gesundheitlichen  Verhältnisse,  insbesondere  der  Wohnungsverhältnisse  der  Reichshauptstadt.
Ausbau  der  Verkehrswege  durch  Brückenbauten  über  die  Spree,  Untergrundbahnen  etc.
Wähler!  —-----  —  —
Die  Möglichkeit,  diesen  Bezirk,  der  noch  vor  einigen  Jahren  liberal  gewählt  hat,  der  Sozialdemokratie  wieder
abzuringen,  wird  niemand  bestreiten,  der  weiß,  wieviel  tausende  von  Arbeitern  der.  sozialdemokratischen  Tyrannei  müde
sind.  Gerade  jetzt,  wo  die  Reichsregierung  offen  erklärt  hat  in  liberale  Bahnen  einzulenken,  ist  es  Pflicht  jedes
Liberalen,  auch  wenn  er  bisher  unter  dem  alten  Kurs  entmutigt  beiseite  stand,  wieder  hoffnungsfreudig  von  seinem
Wahlrecht  Gebrauch  zu  machen.  Wenn  am  6.  Novbr.  alle  nichtsozialdemokratischart  Wähler  ihre  Pflicht  und  Schuldig*
keit  tun,  so  ist  die  Wahl  unseres  Kandidaten  sicher.  Wer  einen  Mann  zum  Vertreter  unseres  Bezirks  haben  will,  der  eintritt
für  die  berechtigten  Interessen  aller  Stände,  für  einen  wahrhaften  sozialen  Fortschritt  im  Berliner  Kommunalleben,  der
wähle  am  6.  Cs'ovember  den
Bauunternehmer  Ewald  Topp.
Das  liberale  Wahlkomitä.
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        232

Magistratskollegium  erkannt  ist,  bedeutet  ein  wichtiges  Zugeständnis  an  die
Sozialdemokraten,  kurz  und  gut,  allüberall  zeigt  sich  das  Wirken  der  Vertreter ­
  des  Proletariats."  (Kirsch,  Vorwort,  S.  VIII  u.  IX.)
Der  große  Amfang  des  Kirschschen  Buches  beweist  die  Anmöglichkeit,
im  Rahmen  eines  einzelnen  Kapitels  eine  auch  nur  einigermaßen  erschöpfende ­
  Zusammenstellung  der  sozialdemokratischen  Arbeit  in  der  Gemeinde
anschaulich  vorzuführen.  Das  war  nur  in  einer  gesonderten  Arbeit  möglich,
und  es  ist  mir  eine  Freude,  diejenigen,  die  die  Geschichte  des  kommunalen
Wirkens  der  Sozialdemokratie  in  ihren  Einzelheiten  keirnen  zu  lernen
wünschen,  aus  das  mit  so  viel  Liebe  und  sachkundigem  Eindringen  bearbeitete
Kirschsche  Buch  verweisen  zu  können.  Es  ist  ein  Ehrendenkmal  für  die
Männer,  welche  von  der  Berliner  Arbeiterschaft  mit  dem  Mandat  betraut
wurden,  ihre  Ideen  und  Interessen  im  Roten  Kaufe  zu  vertreten,  und
dieser  Aufgabe  in  so  hohem  Grade  nachgekommen  sind.
Das  Programm,  mit  dem  am  2.  Januar  1884  die  ersten  sozialdemokratischen ­
  Stadtverordneten  in  die  Kommunalvertretung  Berlins  eingezogen
waren,  war  noch  ein  sehr  bescheidenes  gewesen.  Man  findet  seinen  genauen
Wortlaut  im  zweiten  Band  dieser  Geschichte  auf  S.  118  mitgeteilt.  Es
verlangte  gründliche  Reform  der  Mietssteuer,  Aufhebung  der  unteren
Steuerstufen  und  Ablehnung  jeder  Erhöhung  dieser  Steuer,  bis  sie  im
Sinne  der  Arbeiterpartei  reformiert  sei,  sowie  Ablehnung  aller  Anleiheforderungen ­
  und  Ersatz  der  Anleihen  durch  direkte  Einkommensteuer,  Übernahme ­
  gewinnbringender  Anternehmungen  örtlichen  Charakters  in  den
Gemeindebetrieb  und  energisches  Eintreten  für  das  demokratische  Wahlrecht.
Wenn  hier  nur  die  Reform  der  Mietssteuer  verlangt  wird,  so  betonte
doch  schon  beim  erstenmal,  wo  der  entsprechende  sozialdemokratische  Antrag ­
  verhandelt  wurde,  nämlich  am  28.  Februar  1884,  Paul  Singer  bei
seiner  Begründung  die  grundsätzliche  Forderung  der  Abschaffung  dieser,
die  Steuerzahler  ungleich  treffenden  Steuer.  Der  Antrag  selbst  verlangte ­
  Wegfall  der  Besteuerung  von  Wohnungen  im  Mietspreise  von
300  Mk.  und  abgestufte  Steuersätze  —  3‘/a,  6V2  und  8Va  vom  Kundert  —
für  Wohnungen  zu  höheren  Mietspreisen.  Von  beidem  wollte  aber  die
große  Mehrheit  der  bürgerlichen  Stadtverordneten  nichts  wissen.  Sie  nennen
sich  in  Berlin  freisinnig,  aber  der  Berliner  „Kommunalfreisinn"  war
damals  und  noch  lange  mit  wenigen  Ausnahmen  wesentlich  rückständiger
als  die  Freisinnsparteien  im  Reichstag  und  im  Landtag.  Es  dauerte  bis
zum  Jahre  1889,  daß  auch  nur  die  Ermäßigung  der  Mietssteuer  (von  6 2 / 3
auf  3  vom  Kundert)  für  Wohnungen  von  unter  300  Mk.  Mietswert
erzielt  werden  konnte.  Die  sozialdemokratische  Fraktion  ließ  aber  in  ihrem
Kampf  nicht  nach.  Im  Jahre  1890  verlangte  ein  Antrag  Zubeil  weitere
Ermäßigung,  sowie  Vorbereitung  der  gänzlichen  Beseitigung  der  Mietssteuer, ­
  fand  aber  nur  insoweit  Berücksichtigung,  als  die  Steuer  fiir  Wohnungen ­
  von  301  bis  600  Mk.  auf  5  vom  Kundert  ermäßigt  wurde.
Schritt  für  Schritt  wehrte  sich  die  Mehrheit  dagegen,  auf  diese  Steuer  zu
verzichten.  Roch  im  Jahre  1892  zog  sie  es  vor,  die  Einkommensteuer
herabzusehen,  statt  auch  nur  eine  weitere  Ermäßigung  der  Mietssteuer  eintreten ­
  zu  lassen.  Da  kam  den  Sozialdemokraten  die  Miquelsche  Steuerreform ­
  zu  Kilfe.  Schon  das  Einkommensteuergesetz  von  1891  ließ  erkennen,
daß  die  Einnahmen  aus  der  Einkommensteuer  erheblich  steigen  würden.  And
        <pb n="229" />
        233

so  änderte  die  sozialdemokratische ­
  Fraktion  ihre  Taktik
und  erklärte,  nunmehr  gegen
jedes  weitere  Lerumflicken
an  der  Mietssteuer  zu
stimmen;  es  gäbe,  wie  Singer
es  am  5.  November  1890
bezeichnete,  nur  noch  eine
Reform  dieses  „Steuermonstrums," ­
  und  das  sei  seine
vollständige  Abschaffung.
Das  Kommunalabgabengeseh
  vom  14.  Juli  1893,
das  jede  Neueinführung  der
Mietssteuer  verbot  und  ihre
Forterhebung  von  der  Genehmigung ­
  durch  die  Regierung ­
  abhängig  machte,
nötigte  die  Stadtverordnetenmehrheit, ­
  auf  die  ihr
ans  Lerz  gewachsene  Steuer
zu  verzichten.  Am  6.  Dezember ­
  1894  nahm  sie  einen
Antrag  des  Magistrats  an,
der  nun  das  vorschlug,  was
zehn  Jahre  vorher  von  den
Sozialdemokraten  gefordert,
damals  aber  als  unannehmbar ­
  bezeichnet  worden  war.
Wenn  in  diesem  Falle
-  die  freisinnige  Mehrheit  der
Stadtverordnetenversammlung  sich  nicht  dem  aussetzen  mochte,  daß  erst  die  Regierung ­
  ihr  vorschrieb,  was  sie  tun  dürfe  und  was  nicht,  so  ließ  sich  wenig  dagegen
sagen,  denn  die  Regierung  vertrat  hier  einen  vorgeschritteneren  Standpunkt  als
sie.  Aber  diese  Mehrheit  wich  auch  feige  jedem  Konflikt  aus,  wo  es  sich
um  Wahrung  des  Selbstbestimmungsrechtes  der  Gemeinde  gegen  reaktionäre
Bevormundung  handelte  —  ja  vielfach  lehnte  sie  schon  im  Äinblick  auf  die
bloße  Möglichkeit  eines  solchen  Konflikts  es  ab,  Beschlüsse  zu  fassen  oder
aufrechtzuerhalten,  welche  die  Regierung  in  willkürlicher  Auslegung  von
Gesetzesbestimmungen,  die  nie  vorher  in  diesem  Sinne  angewandt  worden
waren,  oder  unter  Berufung  auf  vorsintflutliche  Verordnungen  für  „unstatthaft" ­
  erklären  ließ.  Daß  in  allen  solchen  Fällen  die  Sozialdemokraten
die  ersten  waren,  für  das  bedrohte  Selbstbestimmungsrecht  der  Gemeinden
einzustehen,  bedarf  als  selbstverständlich  kaum  noch  der  Erwähnung.  Wiederholt ­
  haben  die  sozialdemokratischen  Vertreter,  wenn  in  solchen  Fällen  es  sich
als  möglich  herausstellte,  einen  einheitlichen  Protest  der  Versammlung  gegen
Eingriffe  der  Regierung  zustande  zu  bringen,  auf  besondere  Anträge  in  der
Sprache,  wie  sie  sie  gewünscht  hätten,  verzichtet,  und  dadurch  bewiesen,  daß
ihnen  die  Manifestierung  dessen,  was  man  Bürgcrgeist  im  Gegensatz  zur

EeebNer  sserrl
Die  Lrganzungswahl  $um  Sfai&amp;gt;fpcror6neSen*HoIIegium  finde)  am
Freitag  de«  SV.  November  1903
&amp;lt;n  der  Zeit  von  9  Uhr  morgens  bis  8  Uhr  abends  statt.
Sie  sind  unter  Nr.  ————.  in  die  Wählerliste  eingetragen  und
befindet  Sch  Ihr  Wahllokal
Hrnstl.  ftiMliiiniflr.  la.
23e!  den  unausgesetzten  Angriffen  auf  das  Selbstoerwaltungs.
recht  der  Kommunen  und  dem  schwächlichen  Zurückweichen  der  Mehrheit
  unseres  Stadtverordneten-Kollegiums  ist  «s  die  heiligste  Pflicht
jedes  Bürgers,  sein  Wahlrecht  auszuüben  und  einem  Wanne  di»
Stimme  zu  geben,  der  der  immer  dreister  und  anmaßender  auf»
tretenden  Reaktion  gegenüber  mutvoll  dl«  Recht«  der  Bürger  verteidigt
In  dieser  Beziehung  sind  Sie  aber  nur  gesichert,  wenn  Sie  dem
Kandidaten  der  Sozialdemokratie
SiabttJ.  Hermann  Borgmann,  Mknnlir.132
Ihre  Stimme  geben,  wir  bitten  Sie,  möglichst  frühzeitig  Ihr  Wahl»
recht  auszuüben.
Wir  bitten  sich  mit  ausreichender  Legitimation  —  die  vom
Magistrat  zugesandte,  wahlkarte,  Steuerzeltel  oder  Miets  -Kontrakt  —
zi»  versehen.
Außerdem'eisuchen  wir  Sie,  wenn  es  irgend  möglich  ist,
Wahlrecht  schon  tjn  Laufe  des  Vormittags  auszuüben.
hochachtungsvoll
Das  fozialiuitioltratifye  Slaljlkomitce.

106.  Direkte  Mahnung  zur  Wahl
        <pb n="230" />
        234

Knechtsgesinnung  nennt,  vor  allem  am  Herzen  lag.  Aber  nur  ausnahmsweise ­
  konnte  solche  Einheitlichkeit  erzielt  werden.  Denn  ein  Recht,  das  man
reklamierte,  nun  auch  durchzukämpfen,  dazu  fehlte  den  Liberalen  meist  teils
der  Mut  und  teils  der  nötige  gute  Wille.  Das  zeigte  sich  schon  Mitte
der  achtziger  Jahre,  als  im  März  1884  der  damalige  Oberpräsident  Achenbach ­
  dem  Stadtverordnetenvorsteher  kurzweg  verbot,  einen  Antrag  Singer
und  Genossen,  gemäß  dem  die  Stadtverordnetenversammlung  bei  Reichstag
und  Landtag  um  zahlengemäße  Vertretung  Berlins  in  diesen  Körperschaften
petitionieren  sollte,  auch  nur  auf  die  Tagesordnung  zu  setzen.  Erst  entrüstete ­
  man  sich  über  diesen  Eingriff,  beschloß,  alle  Schritte  zu  unternehmen,
rim  das  Recht  der  Versammlung  zu  wahren,  und  schließlich  ging  man  mit
der  lahmen  Erklärung,  daß  das  inzwischen  in  Kraft  getretene  Zuständigkeitsgeseh
  der  Gemeindevertretung  das  Recht  sichere,  gegen  Beanstandung  oder
Verhinderung  von  Beschlüssen  das  Oberverwaltungsgericht  anzurufen,  über
den  Antrag,  die  Petition  aufs  neue  auf  die  Tagesordnung  zu  setzen,  „zur
Tagesordnung"  über.  Das  heißt,  man  beließ  es  faktisch  bei  dem,  was  der
Oberpräsident  gewollt  hatte  und  stand  freiwillig  von  dem  ab,  was  man  für
sein  Recht  erklärt  hatte.  So  ging  es  auch,  als  1898  die  Regierung  der
Stadtverordnetenversammlung  die  Wahl  von  Paul  Singer  in  die  städtische
Schuldeputation  verbot  und  der  Magistrat  sich  dabei  zu  der  ihm  auferlegten
Rolle  als  Exekutor  des  „Staatswillens"  hergab,  statt  ihm  als  ausführendes
Organ  des  Gemeindewillens  entgegenzutreten.  Erst  entrüstete  man  sich,  protestierte
einmütig  und  beschloß,  da  man  der  Sozialdemokratie  das  Recht  auf  eine  ihrer
Stärke  entsprechende  Vertretung  in  der  Schuldeputation  nicht  bestreiten  mochte,
keinen  Ersatz  für  Singer  zu  wählen.  Dann  aber  lehnte  man  den  vom  sozialfortschrittlichen ­
  Abgeordneten  Preuß  gestellten  Antrag  ab,  dem  Nichtwählen
durch  eine  ausdrückliche  Begründung  den  Charakter  eines  Protestes  zu  geben,
und  als  es  späterhin  aufs  neue  zur  Wahl  der  Schuldeputation  kam,  zog  man
es  vor,  überhaupt  gar  nicht  erst  einen  Sozialdemokraten  zu  wählen,  „um
keinen  Schlag  ins  Wasser  zu  tun".  Ebenso  kam  es  zu  wenig  mehr  als
einem  ersten  Anlauf  von  Bürgermut,  als  1901  der  König  der  Wahl  des  Stadtrats ­
  Kauffmann  zum  zweiten  Bürgermeister  kurzweg  die  Bestätigung  versagte. ­
  Erst  Wiederwahl  Kauffmanns,  Beschwerdeversuch,  Verzicht  auf
Wahl  eines  Ersatzes,  und  dann  war's  aus.  Als  am  27.  Februar  1902  der
sozialdemokratische  Stadtverordnete  Borgmann  anregte,  die  von  der  Regierung ­
  verlangte  kommissarische  Verwaltung  des  Bürgermeisterpostens  Herrn
Kauffmann  zu  übertragen,  gaben  Zeichen  des  Unwillens  aus  der  Mehrheit
ihm  zu  verstehen,  daß  ein  energischer  Kampf  ums  Recht  nicht  in  ihrer  Absicht ­
  lag.  Der  plötzliche  Verzicht  Kauffmanns  und  sein  wenige  Wochen
darauf  erfolgter  Tod  verhinderten,  daß  es  zu  einem  völligen  Rückzug  der
Stadtverordnetenmehrheit  kam.  Aber  daß,  wenn  Kauffmann  ihr  nicht  den
Gefallen  getan  hätte,  selbst  abzutreten,  sie  auch  hier  umgefallen  wäre,  steht
außer  jedem  Zweifel.
Dieselbe  Halbheit  zeigt  die  freisinnige  Mehrheit  in  der  kommunalen
Steuerpolitik.  Ängstlich,  als  handle  es  sich  um  Tod  und  Leben,  vermeidet
sie  es,  die  kommunale  Zuschlagsrate  zur  staatlichen  Einkommensteuer  über
100  °/o  steigen  zu  lassen,  weil  für  die  Überschreitung  dieses  Satzes  die
Genehmigung  der  staatlichen  Aufsichtsbehörde  eingeholt  werden  müsse  und
dies  die  Preisgabe  des  Grundsatzes  der  Selbstverwaltung  der  Gemeinde
        <pb n="231" />
        235

bedeute.  Die  sozialdemokratischen  Stadtverordneten  haben  es  von  Anfang
an  für  verkehrt  erklärt,  sich  auf  solche  Weise  selbst  die  Lände  zu  binden.
Ein  unbeschränktes  Selbstverwaltungsrecht  der  Gemeinde  gibt  es  in  Preußen
überhaupt  nicht,  und  vielen  Beschränkungen  ihrer  Verwaltungsfreiheit  hat  sich
die  Stadt  Berlin  widerstandslos  gefügt.  Außerdem  aber  heißt  es  sachlich
schon  auf  sein  Recht  der  Ansehung  einer  höheren  Steuerrate  verzichten,
wenn  man  im  Linblick  auf  die  mögliche  Einmischung  der  Behörde  sich  an
eine  fixierte  Grenze  bindet.  Das  Recht,  sein  Gefängnis  nicht  verlassen  zu
müssen,  macht  aus  einem  Gefangenen  noch  keinen  freien  Menschen.  Erst
wenn  er  nach  Belieben  ein-  und  ausgehen  kann,  ist  er  wirklich  frei.  Wollte
die  Stadtverordnetenversammlung  ihr  unbeschränktes  Ausgabenrecht  feststellen
oder  erkämpfen,  so  müßte  sie  durch  die  Tat  zeigen,  daß  die  100  Prozent-Grenze
  für  sie  keine  Schranke  bilde,  und  das  Weitere  kampfbereit  abwarten.
Sie  hat  aber  das  Gegenteil  getan  —  die  Einen  aus  Angst  vor  einem
ernsthaften  Konflikt,  die  Andern,  weil  ihnen  diese  Beschränkung  in  der
Frage  der  Einkommensteuer  gerade  recht  ist,  und  bei  den  Meisten  wird
beides  zusammenwirkend  das  bestimmende  Motiv  bilden.  Am  so  weniger
konnte  die  Sozialdemokratie  das  Spiel  mitmachen,  und  so  hat  sie  wiederholt
ihre  Stimme  dafür  erhoben,  die  Einkommensteuer  auf  über  100  Prozent
der  Staatssteuer  anzusetzen.  In  diesem  Punkt  war  der  Widerstand  der
Freisinnigen  jedoch  „eisenfest".
Ein  anderer  Kampf  der  Sozialdemokratie  in  der  Steuerftage  richtete
sich  gegen  die  Erhebung  der  Einkommensteuer  von  den  Zensiten  mit  unter
900  Mark  Einkommen.  Lier  war  der  Widerstand  der  Mehrheit  lange
Zeit  fast  ebenso  hartnäckig  und  wurde  mit  ebenso  formalistischer  Auslegung
eines  Prinzips  begründet,  als  in  der  Frage  der  Zuschlagsrate.  Befreiung
von  der  Steuer  bedeute  Aufhebung  des  Anspruchs  auf  das  Wahlrecht,
mit  dieser  Erklärung  lehnte  man  es  wiederholt  ab,  auf  Erhebung  der  Steuer
von  denen  zu  verzichten,  die  noch  nicht  einmal  das  Nötigste  zum  Leben
haben.  Aber  die  Arbeitervertreter  ließen  nicht  locker,  und  da  es  für  diesen
Fall  kein  Staatsgeseh  gab,  das  die  Rolle  des  Tischs  übernahm,  unter  den
man  „grundsätzlich"  kriechen  konnte,  um  seine  Anabhängigkeit  zu  beweisen,
der  Staat  vielmehr  seinerseits  die  Einkommen  unter  900  Mark  ruhig  von
der  an  ihn  zu  zahlenden  Steuer  befreit  hatte,  gelang  es  schließlich  doch,
den  Widerstand  der  bürgerlichen  Stadtverordneten  zu  brechen.  Eine  Minderheit ­
  kam  zu  der  Ansicht,  daß  inan  sich  in  Punkto  Rücksicht  auf  die  Armen
nicht  vom  Staat  beschämen  lassen  dürfe,  und  am  24.  März  1902  wurde
in  namentlicher  Abstimmung  mit  49  gegen  43  Stimmen  eine  Resolution
angenommen,  wonach  vom  1.  April  1903  ab  auch  die  städtische  Einkommensteuer ­
  für  Einkommen  bis  zu  900  Mark  nicht  mehr  erhoben  wird.  Die
Vertreter  der  Arbeiter  konnten  einen  Sieg  verzeichnen.
Auch  in  der  Frage  der  Besteuerung  des  Bodens  nach  dem  gemeinen  Wert
drang  die  von  den  Sozialdemokraten  verfochtene  Auffassung  nach  vielen
Kämpfen  durch,  dagegen  hat  in  der  Frage  der  Wertzuwachssteuer  der
Widerstand  des  durch  das  Wahlsystem  gedeckten  städtischen  Agrariertums
bisher  noch  nicht  endgültig  besiegt  werden  können.
Mit  großer  Energie  kämpfte  die  Sozialdemokratie  von  Anfang  an  für
den  Punkt  ihres  Kommunalprogramms,  der  den  Betrieb  gewinnbringender
Anternehmungen  durch  die  Stadt  verlangte.  Lier  war  ein  nicht  minder
        <pb n="232" />
        236

hartnäckiger  Widerstand  zu  überwinden,  den  der  doktrinäre  Glaube  an  den
alleinseligmachenden  Privatbetrieb,  gestützt  und  geschult  durch  eine  sehr
greifbare  Jnterefsenpolitik  beteiligter  Kreise  und  gestärkt  durch  die  Furcht
vor  den  Verantwortlichkeiten  gegenüber  einer  wachsenden  Zahl  von  Angestellten ­
  und  Arbeitern,  allen  betreffenden  Anträgen  der  Sozialdemokraten
entgegensetzte.  Gerade  um  die  Zeit,  als  die  ersten  Sozialdemokraten  ins
Stadtparlament  einrückten,  wurde  die  bedeutungsvolle  Frage  der  Elektrizitätsvcrsorgung
  in  den  Städten  aktuell.  Weitblickende  Kommunalpolitiker  konnten
und  mußten  sich  sagen,  daß  der  Elektrizitätsbedarf  sich  im  Laufe  der  Zeit
im  gleichen  Maße  verallgemeinern  werde,  tvie  der  Bedarf  an  Gas  und
Wasser,  und  es  daher  geboten  sei,  im  Interesse  der  Konsumenten,  der
Stadtfinanzen  und  des  gebrauchten  Personals  diesen  Znternehmungszweig
von  vornherein  der  Ausbeutung  durch  die  Privatspekulation  zu  entziehen.
Die  sozialdemokratischen  Vertreter  können  es  sich  zum  Verdienst  anrechnen,
in  dieser  Sache  zur  rechten  Zeit  das  rechte  Wort  gesagt  zu  haben.  Beim
ersten  Vertrag,  den  im  Jahre  1884  die  Stadt  mit  dem  damals  sich  noch
Deutsche  Edison  -  Gesellschaft  nennenden  Unternehmen,  aus  dem  die
Allgemeine  Elektrizitätsgesellschaft  hervorgegangen  ist,  und  der  Gesellschaft
Berliner  Elektrizitätswerke  abschloß,  warnten  sie  davor,  die  Interessen  der
Gemeinde  für  ein  Linsengericht  selbst  nur  zeitweise  an  eine  Kapitalistengesellschast
  zu  veräußern,  da  der  erste  Schritt  in  diesen  Dingen  stets  für
die  Folge  die  Freiheit  der  Entschließung  beenge,  und  der  weitere  Verlauf
der  Elekttizitätsversorgung  Berlins  hat  gezeigt,  wie  berechtigt  diese  Warnung
war.  Immer  mehr  ist  die  Stadt  in  das  Netz  der  Berliner  Elektrizitätswerke ­
  geraten,  die  mit  der  geschäftsschlauen,  zu  einer  Kapitalmacht  ersten
Ranges  herangewachsenen  Allgemeinen  Elektrizitätsgesellschast  in  so  enger
Verbindung  stehen,  daß  sie  faftisch  nur  eine  Filiale  dieser  bilden.  Die
einfache  Tatsache,  daß  sic  seit  Jahren  auf  ihr  jetzt  100  Millionen  betragendes
Kapital  11  bis  12  Prozent  Dividende  zahlen,  zeigt,  welche  Summen  der
Stadt  durch  den  damals  abgeschlossenen  und  in  der  Zwischenzeit  erweiterten
und  erneuerten  Vertrag  entgangen  sind.  Angesichts  der  lauten  Sprache
der  Tatsachen  ist  die  Gegnerschaft  gegen  die  von  der  Sozialdemokratie
immer  wieder  erhobene  Forderung  der  Übernahme  der  Elektrizitäswerke
in  städtischen  Eigenbetrieb  sehr  zusammengeschmolzen,  es  wird  aber  doch
der  größten  Anstrengungen  noch  bedürfen,  um  ihr  bei  Ablauf  des  jetzigen
Vertrages  zum  Siege  zu  verhelfen.
Schneller  als  in  der  Frage  der  Elektrizitätsversorgung  hat  die  von  den
Sozialdemokraten  verfochtene  Kommunalpolitik  in  der  Frage  der  Straßenbahnen ­
  Berlins  recht  behalten.  Auch  hier  stießen  sie  mit  der  Forderung  des
Eigenbetriebs  zuerst  .  auf  taube  Ohren.  Aber  das  wachsende  Einnahmebedürfnis ­
  auf  der  einen  Seite  und  der  ünwille  weiter  Kreise  des  bürgerlichen ­
  Publikums  über  die  von  der  Staatsregierung  unterstützte  Monopolherrschast ­
  der  Großen  Berliner  Straßenbahngesellschast  auf  der  andern
Seite  haben  dahin  geführt,  daß  sich  in  der  Stadtverordnetenversammlung
schließlich  doch  eine  Mehrheit  für  den  Bau  und  Bettieb  von  Straßenbahnen ­
  durch  die  Stadt  gefunden  hat  und  die  Rechte  der  Gemeinde  gegenüber ­
  der  Straßenbahngesellschaft  schärfer  geltend  gemacht  werden  als  früher.
Das  Zustandekommen  des  Verkehrsverbandes  von  Berlin  mit  den  Vorortsgemeindcn,
  der  den  Zweck  hat,  das  Ausspielen  von  Gemeinde  gegen  Ge-
        <pb n="233" />
        An  die  Beamten
im  hk.  kommunal  -  Wahlbezirk!
—BB———MIH  I———i—————————B——MM—

Am  Mittwoch,  de«  6.  Uovember,  findet  im  44.  Kommunal-Wahlbezirk  die
Mahl  eines  Stadtverordneten
für  den  ausscheidenden  Stadtverordneten  Glocke  statt.

Zum  Erstaunen  aller  mit  dem  öffentlichen  Leben  vertrauten ­
  Burger  unseres  Bezirks  taucht  zur  Beteiligung  an
den  Wahlen  eine  kleine  engherzige  Interessengruppe  auf,  die
unter  dem  Namen  einer  sogenannten
Konservativen  Kürgerpartei
kür  die  Wahl  eines  Mannes  Stimmung  zu  machen  sucht,  der
eine  politische  Null,  bisher  auch  nicht  das  geringste  für  das
Geitieindewohl  geleistet  hat.
In  der  fehx  richtigen  Annahme,  das;  den  im  Bezirke
wohnenden  Beamten  nicht  damit,  gedient,  sein  kann.  für.  eine
bestimmte  Partei  Heeresfolgc  zu  leisten,  sondern  das;  dieselben ­
  bei  den  heutigen  schwierigen  Wirtschaftsverhältnisseri
praktische  Lclätigungcn  der  kommunalen
Keliörden
verlangen,  unternimmt  es  diese  reaktionäre  Vereinigung,  die
Beamten  dadurch  zu  gewinnen,  daß  sic  vorgibt,  dieselben
Forderung  an  die  Kommune
stellen  zu  wollen,  die  bisher  einzig  und  allein  von  der  Sozialdemokratie ­
  mit  Ernst  nnd  Energie  gefordert  wurden.
Das  ist  um  so  auffälliger,  als  diese  Herren  während  der
verflossenen  6  Jahre  auch  nicht  das  geringste  getan  haben,
uw  die  von  der
KaKaldemokratie  im  schweren  Kampfe  gegen
die  rückständigen  tzausbesikcr
im  Rathause  begonnene
Krrbesserungsp-litik
zu  unterstützen.
Verständlich  wird  diese  eigentümliche  Haltung  ober  sehr
bald,  wenn  man  erfährt,  daß  die  Kandidaten  und  Führer  der
..Bürgerpartei"
waschechte  Hanobefichcr  oder  Anhänger  unserer
Hansagrarier
sind.  Als  Fleisch  von  ihrem  Fleisch,  machen  sie  keinen  Unterschied ­
  in'  der  Verfolgung  ihrer  engherzigen  Ziele,  und  in
trauter.  Harmonie  eines  vereinigten  Mischmaschs  schließt  sich
der  Freisinn  diesen  Ecldsackspolitikern  an,  um  desto  ungestörter ­
  die  Macht  des  Hausbesitzers  gegenüber  den  Mietern

zur  Geltung  zu  bringen.  Die  kolossalen  Mietssteigerungen
der  letzten  Jahre  bilden  den  besten  Betpois  dafür.
Beamte?  Wir  wissen  sehr  genau,  daß  man  auch  diesmal,
  wenn  auch  nicht  offen,  so  doch  von  hinten  herum,  mit
dem  verlogenen  Sprichwort  kommen  wird:  „Dessen  Brot  Du
ißt,  dessen  Lied  mußt  3&amp;gt;u-  singen";  mit  anderen  Worten:
„Ihr,  die  Ihr  „unsere"  Angestellten  im  Reich,  Staat  und  Ger
  münde  seid.  Ihr  habt  für  uns  zu  stimmen,  selbst  wenn  Ihr
nicht  unsere  Ueberzeugung  habt".
Man  mutet  somit  dem  kleinen  Beamten  zu.  daß  er  sich
selbst  zum  politischen  Heloten  und  Heuchler  degrahiere.
Da»  kann  und  wird  nicht  der  Wiste  der
kleinen  Beamten  sein!
Indes,  wird  der  kleine  Beamte  fragen,  wie  kann  ich
der  Sache  nützen?  Einen  Konservativen  mag  ich  nicht  wählen,
und  einen  Sozialdemokraten,  dem  ich  wohl  bei  der  Reichstagswahl
  meine  Stimme  geben  kaiin,  darf  ich  diesmal  nicht
wählen.  will  ich  nicht  meine  kümmerliche  Existenz  als  kleiner
Beamter  aufs  Spiel  setzen.
Um  picht  mit  seinen:  politischen  Gewissen  in  Konflikt
zu  geraten,  wird  deshalb  der  kleine  Beamte  gut  tun,  zwischen
den  Parteien  eine  neutrale  Haltung  einzunehmen,  das  heißt,
am  Tage  der  Wahl  sich  der  Stinune  enthalten,  um  nicht  die
Position  seines  politischen  und  wirtschaftlichen  Gegners  zu
stärken.
Daß  die  Sozaildemokrateu^
für  die  wirtschaftlichen  Interessen  der  kleinen
staatlichen  und  städtischen  Kramte«
und  der  städtischen  Arbeiter  eintreten,  haben  sie  oft  genug
bewiesen.
Im  -Reichstage  sind  die  Sözialdemokraten  wiederholt
in  .beredten  Worten  für  die  Aufbesserung  der  Gehälter
gerade  der.kleinen  Beamten,  aufgetreten,  ohne  von  den
bürgerlichen  Parteien,  mit  Einschluß  der  Freisinnigen,
irgendwie  unterstützt  zu  werden.
Handelt  es  sich.um  die  Bewilligung  hoher  Beamtengehälter
  an  die  Herren  Vorgesetzten,  da  sind  Konservative
und-  Freisinnige  ein  Herz  und  eine  Se?le:  für  den  kleinen
Beamten  bleibt  nichts  übrig,  damit  er  ja  nicht,  zu  übermütig
wird  und  nicht  vergißt,  daß  er  auch  nur  Proletarier  ist!

Kramte!  Gebt  daranf  am  6.  November  bei  der  Mahl  eines  Ktadtverardneten  dirichtige
  Antwort!  Diese  kann  mir  laulcn:  „Weil  ich  einem  Sozialdemokraten  Lssentlich
meine  Klimme  nicht  geben  kan»,  habe  ich  anderersrits  keine  Veranlassung,  meine»  Gegner
k»  unterstühen,  da  er  durch  seine  bisherigen  Tate»  bewiesen,  daß  er  des  Vertrauens  seiner
Wähler,  der  kleinen  Kramte»,  sich  nicht  würdig  gezeigt  hat!
««antttjotlii*:  Wich.  greortal«.  Berlin  Gertenplotz  I  -  Druck:  BoOTöü«  Buchdrucker,!  und  ‘BertaflSanüuIt  Paul  äiilflcr  &amp;amp;  «o.  Berti"  SW.  68.  Liud-Nltu  68

107.  Sozialdemokratisches  Flugblatt  an  die  Beamten
        <pb n="234" />
        238

meinde  von  seiten  der  Privat-Gesellschasten  zu  verhindern,  wird  von  Kirsch
mit  Recht  als  em  Sieg  des  1884  von  den  Vertretern  der  Bourgeoisie  als
Wahnidee  hingestellten  Munizipalsozialismus  über  das  Manchestertum
auf  dem  Gebiete  des  Verkehrswesens  bezeichnet.
Mit  Erfolg  hat  die  Sozialdemokratie  ferner  in  der  Frage  der  Schulgesundheitspflege ­
  und  der  Beschützung  der  Kinder  gegen  Ausbeutung  außerhalb ­
  der  Schulzeit  gewirkt.  Zwar  sind  ihre  Forderungen,  wie  die  Anstellung ­
  von  Schulärzten  und  die  Speisung  von  Schulkindern,
nur  erst  teilweise  verwirklicht,  aber  jedenfalls  hat  auch  hierbei  die  sozialdemokratische ­
  „Wahnidee"  sich  als  durchführbar  und  segensreich  erwiesen.
Es  würde  kaum  der  Erwähnung  bedürfen,  daß  die  sozialdemokratischen
Gemeindevertreter  die  ganze  Zeit  über  unablässig  dafür  gearbeitet  haben,
daß  die  Stadt  gegenüber  den  von  ihr  beschäftigten  Arbeitern  in  bezug  auf
Löhne,  Arbeitszeit,  Rechtslage,  Pensionierung  und  Erholungsurlaub  Mustergültiges ­
  leiste,  wenn  nicht  auch  dies  Bestreben  ewiger  Kampf  mit  einer
gegen  die  geringsten  Zugeständnisse  verstockt  sich  wehrenden  Mehrheit  geheißen ­
  hätte.  Dinge,  die  anderwärts  längst  verwirklicht  waren,  begegneten  hier
selbst  dann  noch  der  schroffsten  Weigerung,  wenn  die  Mittel  des  Gemeinwesens ­
  in  keiner  Weise  in  Frage  kamen,  also  auch  die  Rücksicht  auf  sie  weder
Grund  noch  Vorwand  für  die  Ablehnung  bilden  konnte.  Es  war  das  innere
Widerstreben  gegen  jede  Leraushebung  der  Arbeiterklasse  aus  der  Abhängigkeit ­
  von  den  Konkurrenzgesetzen,  was  in  erster  Linie  die  Ablehnung
der  sozialdemokratischen  Vorschläge  bestimmte.  Bei  fast  jedem  dieser  Anträge ­
  marschierte  denn  auch  das  Schreckgespenst  des  sozialdemokratischen
Zukunftsstaates  auf,  dem  man  unrettbar  zutreibe,  wenn  solche  Dinge  genehmigt ­
  würden.  Mindestlöhne  waren  Zukunftsstaat,  der  neunstündige
Arbeitstag  war  Zukunftsstaat,  mit  wirklichen  Rechten  ausgestattete  Arbeiterausschüsse ­
  waren  Zukunstsstaat  —  kurz,  alles  was  im  städtischen  Arbester
den  Gedanken  erwecken  konnte,  daß  der  Druck  der  Gesetze  des  Arbeitsmarkts
die  einzige  zulässige  Instanz  für  sein  Wohl  und  Wehe  sei,  war  Zukunftsstaat. ­
  And  ebenso  war  es  Zukunstsstaat,  durch  die  gerechte  Lohnklausel  bei
Verdingungen  für  die  indirekt  von  der  Stadt  beschäftigten  Arbeiter  anständige ­
  Bezahlung  und  Behandlung  sicherzustellen.  Indes,  so  krampfhaft
sich  die  Mehrheit  auf  diese  „Prinzipien"  versteift,  so  hat  sie  sich  schließlich
doch  bequemen  müssen,  in  der  Frage  der  Mindestlöhne,  des  Maximalarbeitstages, ­
  der  Demokratisierung  der  Arbeitsausschüsse  usw.  einige  Stufen
von  der  hohen  Leiter  herabzusteigen.  Auch  hier  sind  Zugeständnisse  erkämpft ­
  worden,  die  materielle  und  rechtliche  Verbesserungen  in  der  Lage  der
städtischen  Arbeiter  bedeuten.
Damit  mag  der  Äberblick  über  das  Wirken  der  sozialdemokratischen
Gemeindevertreter  Berlins  seinen  Abschluß  haben.  Aus  naheliegenden
Gründen  erscheint  es  nicht  angezeigt,  auf  die  Verdienste  der  einzelnen  Mitglieder ­
  besonders  einzugehen.  Gewiß  sind  Leistungen  zu  verzeichnen,  für
die  das  Beiwort  ungewöhnlich  passen  würde,  einige  Mitglieder  haben  mehr
Zeit,  Talent  und  Sachkenntnis  der  kommunalen  Arbeit  widmen  können  als
andere,  und  es  wäre  kleinliche  Versteckspielerei,  zu  verschweigen,  daß  Paul
Singer  nicht  nur  das  einzige  Mitglied  der  sozialdemokratischen  Fraktion  im
Berliner  Rathaus  ist,  das  ihr  von  Anfang  an  angehört  hat,  sondern  auch
die  ganze  Zeit  über  der  Führer  der  Frastion  gewesen  ist,  dessen  sachkundiges
        <pb n="235" />
        239

P
&amp;lt;3

^/Sozialdemokratische  Gemeindepolitik
£  Kommunalpolttirchc  Hbhancllungen
(  herausgegeben  unter  Leitung  von  Paul  hlrseh

«

Kommunale
Arbeiterpolitik
Von  Dugo  l^ingemsnn

Preis  40  Pfennig

Berlin  1905

Verlag:  Buchhandlung  Vorwärts,  Berlin  SW.  68,  Lindcnftr.  öS
«rost  Precran».  Berlin-RatznSVorf

III

Arteil  stets  besonders  hoch  geschätzt ­
  wurde.  Aber  im  ganzen
war  das  geleistete  Werk  doch
Kollektivarbeit,  in  der  viel
mehr  steckt,  als  ein  einzelner
oder  einige  wenige  hätten  leisten
können,  und  wenn  sie  Aniversalgenies
  gewesen  wären.  Der
demokratische  Charakter  der
Sozialdemokratie  bewährte  sich
auch  hier.  Es  gab  keinen,
dem  nicht  Gelegenheit  gegeben
wurde,  auf  dem  Verwaltungsgebiet ­
  sich  zu  betätigen,  für
das  er  besonderes  Interesse,
besondere  Sachkenntnis  mitbrachte. ­
  Ein  Bild  dafür  gibt
die  Liste,  die  Lirsch  auf  Seite
548  und  549  seines  Werkes
über  die  Vertretung  der  Sozialdemokratie ­
  in  den  verschiedenen
städtischen  Deputationen,  Kommissionen ­
  und  Kuratorien  gibt.
Man  wird  nicht  einen  der
sozialdemokratischen  Stadtverordneten ­
  dort  vermissen,  die  in
der  Zeit,  für  welche  die  Liste
gilt,  die  Fraktion  der  Sozialdemokratie ­
  im  Berliner  Rathaus ­
  bildeten.
And  was  von  dieser  Fraktion  gesagt  worden  ist,  trifft  den  Verhältnissen ­
  entsprechend  auch  für  die  sozialdemokratischen  Vertretungen  in  den
Gemeinden  im  Amkreise  Berlins  zu.  Es  ist  im  Wesen  überall  derselbe
Kampf,  der  von  ihnen  geführt  wird,  und  er  wird  auch  grundsätzlich  im
gleichen  Geiste  geführt.  Ferner  liegt  es  auf  der  Land,  daß  die  Zahl  der
Vertreter  nicht  schlechthin  als  Maßstab  für  die  Menge  der  geleisteten
Arbeit  und  ihren  Wert  genommen  werden  darf.  Je  nachdem  entfällt,  wo
die  Vertretung  aus  nur  wenigen  Personen  besteht,  auf  den  einzelnen  eben
mehr  Arbeit  und  Verantwortung,  als  dort,  wo  viele  die  Aufgaben  unter
sich  einteilen  können.  And  auch  die  Erfolge  in  der  Verwaltung  stehen  in
verschiedenen  Vororten  nicht  hinter  dem  zurück,  was  in  Berlin  erzielt  wurde.
Es  ist  nicht  die  Wertfrage,  die  von  einer  Schilderung  der  kommunalen
Tätigkeit  der  Sozialdemokraten  in  den  Vororten  absehen  läßt,  sondern  die
Anmöglichkeit,  auf  dem  zur  Verfügung  stehenden  Raum  diese  Tätigkeit  im
einzelnen  zu  beleuchten.  Oft  war  der  Widerstand,  dem  die  Sozialdemokraten ­
  mit  ihren  Forderungen  begegneten,  noch  erheblich  kleinlicher  als  in
Berlin,  hier  und  dort  wäre  aber  auch  von  mehr  Verständnis  und  Entgegenkommen ­
  zu  berichten.  Gemeinden,  die  über  reiche  Mittel  verfügen,  wie
z.  B.  Charlottenburg  und  Schöneberg,  lassen  sich  unter  Amständen  leichter

108.  Titelblatt  einer  Broschüre  der  Buchhandlung ­
  Vorwärts  über  Kommunale
Arbeiterpolitik
        <pb n="236" />
        240

herbei,  für  sozialpolitische  Zwecke  in  den  Geldbeutel  zu  greifen,  als  Gemeinden
mit  starker  Arbeiterbevölkerung  und  weniger  steuerkräftigen  Bürgern.
Aus  der  verschiedenartigen  sozialen  Gliederung  der  Gemeinden  ergibt
sich  leicht  ein  Unterschied  im  Effekt  bestimmter  Maßregeln.  Schon  aus
diesem  Grunde  sind  selbst  bei  gleicher  sozialpolitischer  Grundanschauung
Meinungsverschiedenheiten  über  Wert  und  Zweckmäßigkeit  dieser  Maßregeln
und  damit  auch  Unterschiede  in  der  Stellungnahme  zu  ihnen  möglich.
Welche  Anzuträglichkeiten  aber  aus  solchen  Anterschieden  für  eine  Partei
wie  die  Sozialdemokratie  erwachsen  können,  läßt  sich  mit  Länden  greifen.
Es  wurde  daher,  je  mehr  die  sozialdemokratischen  Kommunalvertretungen
zunahmen,  das  Bedürfnis  nach  einem  einheitlichen  und  mehr  als  das
ursprüngliche  Berliner  Programm  in  die  Einzelheiten  eingehenden  Kommunalprogramm ­
  fühlbar.  Auf  Veranlassung  des  sozialdemokratischen
Parteitags  der  Provinz  Brandenburg  arbeiteten  demgemäß  im  Herbst  1898
die  sozialdemokratischen  Stadtverordneten  den  Entwurf  eines  solchen  Programms ­
  aus  und  beriefen  zu  seiner  Durchberatung  und  endgültigen
Beschlußfassung  darüber  eine  Konferenz  der  sozialdemokratischen
Gemeindevertreter  der  Provinz  Brandenburg  nach  Berlin  ein.
Diese  Konferenz,  die  am  27.  Dezember  1898  in  Wilkes  Restaurant,
Andreasstraße  26,  tagte,  war  von  52  Delegierten,  darunter  36  aus  Berlin
und  den  Vorortwahlkreisen,  und  vier  Gästen  besucht  und  nahm  nach  eingehender ­
  Beratung  den  Programmentwurf  —  von  einer  bloß  redaktionellen
Änderung  abgesehen  —  unverändert  an.  Außerdem  beschloß  sie,  daß  die
Konferenzen  periodisch  wiederholt  werden  sollten,  was  denn  auch  geschehen
ist.  Im  Jahre  1900  tagte  —  am  27.  und  28.  Dezember  —  die  zweite
Konferenz  der  Gemeindevertreter  der  Provinz  Brandenburg  in  Berlin,
besucht  von  86  Delegierten  aus  zusammen  27  Orten.  Sie  behandelte  in
Referaten  und  Debatten  die  Frage  der  „nächsten  Aufgaben  der  sozialdemokratischen ­
  Vertreter  in  den  Landgemeinden,"  die  Frage  des
preußischen  Kommunalwahlgesetzes,  die  kommunale  Wohnungspolitik ­
  und  die  Frage  der  Aufgaben  der  Gemeinden  auf  dem
Gebiete  der  Gesundheitspflege.  Über  beide  Konferenzen  sind
Protokolle  in  Broschürenform  erschienen,  so  daß  hinsichtlich  der  Referate
und  Debatten  aus  sie  verwiesen  werden  kann.  Im  Protokoll  über  die
Konferenz  vom  Jahre  1898  findet  man  ferner  das  dort  beschlossene  kommunalpolitische ­
  Programm.  Es  gibt  in  acht  Satzstücken  die  Anwendung
der  sozialdemokratischen  Grundsätze  auf  die  Fragen  des  kommunalen  Lebens,
die  Grundsätze,  nach  denen  überall,  wo  Sozialdemokraten  in  den  Gemeindevertretungen ­
  sitzen,  mit  zunehmender  Kraft,  Einheitlichkeit  und  Systematik
gearbeitet  worden  ist,  weiter  gearbeitet  wird  und  Erfolge  über  Erfolge  für
die  Arbeiterklasse,  die  Gemeinwesen  und  die  Partei  erzielt  werden.
        <pb n="237" />
        Achtes  Kapitel

Die  Sozialdemokratie  in  den  Gewerbegerichten
und  den  Kaufmannsgerichten  Groß-Berlins.

A.  Die  Wahlen  zu  den  Gewerbegerichten.
m  1.  April  1891  trat  das  Gesetz  betreffend  die  Gewerbegerichte  vom
29.  Juli  1890  in  Kraft,  aber  es  dauerte  noch  zwei  Jahre,  bis
Berlin  ein  Gewerbegericht  erhielt.  Das  Gesetz  stellt  die  Errichtung
in  das  freie  Ermessen  der  Gemeinden,  es  war  aber  selbstverständlich,  daß
Berlin  ein  solches  Gericht  brauchte.  Schon  1887  hatte  die  Stadtverordnetenversammlung, ­
  dem  Drängen  der  Sozialdemokraten  folgend,  ein  ziemlich  gutes
Statut  beschlossen,  dem  aber  die  Oberbehörde  die  Genehmigung  versagte.  Eine
1890  angenommene,  abgeschwächte  Fassung  blieb  im  Hinblick  auf  das  werdende
Reichsgesetz  unausgeführt.  Nun  war  das  Gesetz  da,  es  dauerte  jedoch  bis
Februar  1892,  bevor  der  Magistrat  eine  entsprechende  Vorlage  vor  die
Stadtverordnetenversammlung  brachte.  Das  Statut,  das  auf  Grund  ihrer
zustande  kam,  unterscheidet  sich  in  verschiedenen  Punkten  unvorteilhaft  vom
Statut,  wie  es  am  17.  April  1890  für  den  gleichen  Zweck  beschlossen  war.
Das  Reichsgesetz  schloß  die  weiblichen  Personen  gänzlich  von  der  Wahl
aus,  und  während  die  Sozialdemokraten  vorgeschlagen  hatten,  die  Geltungsdauer ­
  der  Mandate  auf  zwei  Jahre  zu  beschränken,  wird  sie  hier  auf  sechs
Jahre  ausgedehnt.  Statt  der  von  den  Sozialdemokraten  befürworteten
Verhältniswahl  ward  die  Wahl  nach  Bezirken  beschlossen,  und  entgegen
dem  ursprünglichen  Vorschlag  des  Magistrats,  Gebührenfreiheit  einzuführen,
ward  unter  Mitwirkung  der  Regierung  von  der  Mehrheit  der  bürgerlichen
Vertreter  im  Statut  durchweg  Kostenerhcbung  vorgeschrieben.
Bis  zum  Jahre  1900  wurde  jedesmal  in  allen  Bezirken  gewählt,
obwohl  nach  der  ersten  Wahl  immer  nur  Ergänzungswahlen  vorzunehmen
waren.  Es  hatten  aber  aus  allen  Bezirken  Vertreter  auszuscheiden,  und
so  wurden  auch  alle  Wähler  aufgefordert,  an  den  Wahltisch  zu  treten.
Nach  der  Wahl  von  1898  aber  war  behufs  Verringerung  der  Wahlarbeit
die  Anordnung  getroffen,  daß  jeweilig  in  einem  Drittel  der  Bezirke  alle
Vertreter  auszuscheiden  und  für  sie  Ergänzungswahlen  stattzufinden  haben.
In  diese  Zeit  entfällt  aber  eine  weitere  Änderung.  Es  trat  das  der
Rettung  des  Handwerks  bestimmte  Gesetz  vom  21.  Juli  1897  über  Zwangsinnungen ­
  usw.  ins  Leben,  für  eine  Reihe  von  Gewerben  wurden
Innungs-Schiedsgerichte  ins  Leben  gerufen,  und  die  Arbeiter  dieser
Bernstein,  Berliner  Geschichte.  III.  16
        <pb n="238" />
        HrLnungs-Uorfchristen.

1.  DaS  Wahllokal  (Turnhalle)  soll  von  den  Wählern  nicht  vor
12  Uhr  betreten  werden,  damit  die  Vorbereitungendes  Wahlausschusses ­
  nicht  gestört  werden.
2.  Zur  glatten  Abwickelung  des  WahlgcschäflS  ist  erforderlich,
daß  Gedränge  am  Wahltische  vermieden  wird.
Die  Wähler  stellen  sich  in  Reihen  zu  Zweien  biS  Vieren
auf.  Jeder  neu  Ankommende  tritt  hinten  an  die  Wählerkelle,
3.  Der  eigentliche  Wahlraum  in  der  Turnhalle  ist  durch  Barren
abgesperrt,  welche  an  der  einen  Wand  der  Halle  einen  Zugang,
an  der  anderen  einen  AuSgang  frei  lassen.
Dieser  Raum  darf  nur  zum  Zwecke  der  Stimmenabgabe
betreten  werden,  wobei  unnolhiger  Aufenthalt  zu  vermeiden  ist,
4.  Der  Aufenthalt  in  dem  nicht  abgesperrten  Theil  deS  WahltokalS
  ist  Jeder»,ann  gestattet,  soweit  dadurch  daS  ordnungSmäßige
  Aufstellen  und  Vorrücken  der  Wählerkctte  nicht  be.
einträchligt  wird.
v.  Der  Eintritt  in  den  eigentlichen  Wahlrauin  findet  statt:
»1  in  denjenigen  Turnhallen,  welche  ihren  Eingang  in
der  Längswand  haben:  an  der  dem  Eingang  entgegengesetzten ­
  Seite.
d)  in  denjenigen  Turnhallen,  welche  ihren  Eingang  an
der  kurzen  Wand  haben;  an  der  linken  Längüwand.
6.  Die  Wählerkctte  soll  sich  bis  zum  Eingänge  zum  abgesperrtem
Raume  an  den  Wänden  entlang  aufstellen,  in  den  Turnhallen
  zn  5  a  also  in  großem  Bogen,  damit  im  Falle
schlechten  Wetters  möglichst  viel  Personen  in  der  Halle  unterkommen
  können.
7.  An  der  Seite  deS  WahItischeS  befindet  fich  der  Legitimation«-tisch,
  an  weichen  sich  jeder  Wähler  zuerst  zu  begeben  hat.
Der  Wähler  übergiebt  seine  Wahllegitimalion  einem  der  dort
sungirenden  Beamten,  welche  eine  Vorprüfung  vornehmen,
und  erhält  seine  Legitimation  mit  Vermerken  oder  Zeichen
versehen,  zurück:  alSvann  dealebl  er  sich  zum  Wahltiich  und
überreicht  seine  Wahllcgilimation  dem  Wahlvorsteher
welcher  —  eventuell  nach  Herbeiführung  eines  förmlichen
Beschlusses  des  Wahlausschusses  —  über  die  Zulassung  zur
Abgabe  deS  Stimmzettels  entscheidet.
8.  Die  Wahllegitimalion  bleibt  in  den  Händen  deS  Wahlausschusses: ­
  die  Zurückgewiesenen  erhalten  ihr  LegitimationSblatt
  zurück,  nachdem  ihre  Namen  u.  s.  w.  vom  WahlauSschusse
  in  eine  Liste  aufgenommen  worden  find.
9.  Wir  haben  daS  Vertrauen  zy  drn  Wählern,  daß  sie  diese
Ordnungö-Borschriflen  aus  daS  Genaueste  befolgen  und  solche
Personen,  welche  etwa  auü  Nnkenntniß  hiergegen  verstoßen,
selber  auf  den  JnhaU  dieser  Vorschriften  aufmerksam  machen.
Berlin,  im  November  l&amp;amp;fif.
Magistrat  hiesiger  König!.  Hanpt-  und  Residenzstadt.
Kirf  chner»

Druck  von  W.  &amp;amp;  S.  Loewenthat,  SJntt»

109.  Ordnungsvorschriften  des
Magistrats  für  die  Gewerbegerichtswahl

Gewerbe  hatten  fortan  nicht  mehr  an
den  Gewerbegerichtswahlcn  sich  zu
beteiligen,  sondern  für  das  Schiedsgericht ­
  der  Innung  Arbeiterbeisitzer ­
  zu  wählen.  Da  es  sich  zum
Teil  um  Gewerbe  mit  ansehnlicher
Arbeiterzahl  handelte,  wie  Tapezierer, ­
  Tischler,  Töpfer  usw,  konnte
dasaufdieBeteiligung  derArbeiter
an  den  Gewerberichtswahlen  nicht
ohne  Rückwirkung  bleiben.  Es  lassen
sich  daher  für  diese  Wahlen  die
Wahlziffern  der  nun  folgenden
Jahre  nicht  mehr  mit  denen  der  Jahre
vorher  inVergleich  stellen;  nur  innerhalb ­
  der  beiden  Epochen  können  die
summarischen  ZahlenzuVergleichen
herangezogen  werden.  Indes  ist
auch,  da  die  Wahlen  in  der  Abteilung ­
  der  Arbeiter  in  der  Regel
schon  im  voraus  entschiedene  Sache
waren,  ein  Vergleich  hier  nur  in
denjenigen  Ausnahmefällen  von
Interesse,  &amp;gt;vo  andere  Organisationen
oder  Parteien  unter  den  Arbeitern
den  freien  Gewerkschaften  Mandate
abzunehmen  suchten,  was  ihnen  aber
bisher  nicht  gelungen  ist.  Als  im
Jahre  1902  auf  Grund  der  Novelle
vom  30.  Juni  1901  zum  Gesetz  über
die  Gewerbegerichte  das  Ortsstatut
für  Berlin  geändert  werden  mußte,
ward  von  hier  und  da  die  Einführung ­
  von  Verhältniswahlen  angeregt, ­
  weil  man  es  für  möglich
hielt,  auf  Grund  dieser  den  sozialdemokratischen ­
  Gewerkschaften
wenigstens  einige  Mandate  abwendig ­
  zumachen.  Aber  weder
der  Prinzipale  im  Ausschuß  des

der  Magistrat,  noch  die  Vertreter
Gewerbegerichts,  noch  selbst  die  Mehrheit  der  Stadtverordneten  -  Ver
sammlung  waren  für  diesen  Vorschlag  zu  haben,  und  so  fiel  er  ins  Wasser.
Auch  die  Vertreter  der  sozialistischen  Arbeiter  im  Ausschuß  des  Gewerbegerichts ­
  und  die  sozialdemokratischen  Vertreter  in  der  Stadtverordnetenversammlung ­
  lehnten  es  ab,  für  ihn  einzutreten.  Für  sie  begründete
Karl  Koblenzer  die  Ablehnung  damit,  daß  er  erklärte,  die  Fraktion
sei  prinzipiell  für  die  Verhältniswahl,  aber  nicht  dafür,  daß  man  sie
nach  Belieben  im  Parteiinteresse  an  einem  Ort  vorschreibe  und  an  anderen
Orten  nicht.  Indes  ist  später  (1908)  auch  in  Berlin  unter  Mitwirkung
        <pb n="239" />
        243

der  Sozialdemokratie  die  Verhältniswahl  für  das  Gewerbegericht  eingeführt
worden.  Eine  erhebliche  Verbesserung  erhielt  das  Statut  1902  durch  die
Bestimmung,  daß  die  Arbeiter  sich  fortan  nicht  mehr  vor  der  Wahl  in
Wahllisten  eintragen  zu  lasten  brauchten,  sondern  lediglich  dem  Vorsteher
die  übliche  Legitimation  vorzuzeigen  hatten  und  die  Wahlen  auf  den
Sonntag  verlegt  wurden.
Dies  vorausgeschickt  mag  nun  eine  Zusammenstellung  der  Gesamtziffern
der  Wahlergebnisse  der  einzelnen  Wahljahre  folgen.

2)  Wahlen  der  Arbeitervertreter  zum  Gewerbegericht

Ein-Ab-





Jahr

getragene

gegebene

Wähler

Stimmen

21.  Februar

1893

33  968

25  761

26.  September

1894

19189

12  636

24.

1896

19  537

12  659

22.

1898

22  629

18  070

21.

I960

4  484

3  879

14./16.  Oktober

19021

keine

6  547

„

1904/

Eintragung

8  964

Mit  wenigen  Ausnahmen
sämtlich  für  die  Kandidaten
der  in  der  Gewerkschaftskommisslon
  vertretenen  Gewerkschaften. ­


b)  Wahlen  der  Prinzipalvertreter  zum  Gewerbegericht

Jahr

Eingetragene

Wähler
2  926

Abgegebene
Stimmen

Stimmen
für  Kandidaten
der  freien

Stimmen
für  Gegner

1893

Gewerkschaften

1894

7  336

—

—

—

1896

7  150

5251

2601

2650

1898

10  703

7505

2054

5443

1900

3135

1805

—

—

1902

8  231

1485

—

—

In  der  Abteilung  der  Arbeiter  wurden  jedesmal  ausschließlich  die
Kandidaten  der  freien  Gewerkschaften  gewählt.  Bei  den  Prinzipalen
wurden  Kandidaten  der  Arbeiterschaft  gewählt:
1893  :  9  in  zwei  Bezirken.
1894:  6  in  drei  Bezirken  und  3  Wiederwahlen.
1896:  II  in  verschiedenen  Bezirken.
1899:  2  in  einem  Bezirk,  5  verloren.
Von  dieser  Zeit  an  setzt  eine  gewisse  Gleichgültigkeit  ein,  die  in  neuerer
Zeit  aber  wieder  behoben  ist.
Bald  nach  Berlin  erhielten  von  größeren  Vororten  1894  Charlottenburg ­
  und  Schöneberg,  1899  Rixdorf  ein  Gewerbegericht.  Die  Wahlen  der
Arbeitervertreter  ergaben  auch  hier  stets  das  Resultat,  daß  ausschließlich
die  Kandidaten  der  freien  Gewerkschaften  gewählt  wurden.  Bei  den
Wahlen  der  Prinzipalvertreter  wurden  in  Charlottenburg  1894
sieben  sozialdemokratische  gegen  zwei  gegnerische  Kandidaten  gewählt;  bei
den  folgenden  Wahlen  siegten  aber  stets  die  Gegner,  und  erst  1904  konnten
die  Gewerkschaften  wieder  zwei  ihrer  Kandidaten  durchbringen.  Im  gleichen
Jahr  ward  auch  in  Schöneberg  zum  erstenmal  ein  Kandidat  der  Arbeiter
bei  den  Prinzipalen  gewählt.  In  Rixdorf  drangen  sowohl  im  Jahre
        <pb n="240" />
        244

1902  als  auch  1904  Kandidaten  der  Gewerkschaften  bei  den  Prinzipalen
durch.  Die  letztere  Wahl  ward  indes  am  13.  Dezember  1904  vom  Bezirksausschuß ­
  für  ungültig  erklärt.
8.  Die  Wahlen  zu  den  Kaufmannsgerichten.
Nachdem  am  6.  Juli  1904  das  Gesetz  über  die  Errichtung  von  Kaufmannsgerichten ­
  verkündet  worden  war,  gemäß  dem  vom  1.  Januar  1905
ab  in  Städten  mit  .  über  20  000  Einwohnern  besondere  Kaufmannsgerichte ­
  zu  errichten  waren,  machten  die  Sozialdemokraten  Berlins  und
anderer  Orte  ihren  Einfluß  dafür  geltend,  daß  die  Ortsstatuten  dieser
Gerichte  einen  möglichst  demokratischen  Charakter  und  die  engste  Verbindung
mit  den  Gewerbegerichten  erhielten,  die  das  Gesetz  zuläßt.  Das  letztere
war  in  Berlin  nicht  zu  erreichen,  dagegen  ging  der  Antrag  der  Sozialdemokraten ­
  durch,  die  Wahlen  an  einem  Sonntag  stattfinden  zu  lassen,  und
ebenso  ihre  Forderung,  den  weiblichen  Angestellten,  da  ihnen  das  Gesetz
die  Wählbarkeit  vorenthielt,  wenigstens  die  Fähigkeit  zuzusprechen,  als
Äertrauenspersonen  zum  Einigungsamt  und  als  Auskunftspersonen  herangezogen ­
  zu  werden.  Ähnliche  Zugeständnisse  wurden  auch  in  einigen  der
Vororte  erzielt,  die  ein  Kaufmannsgericht  einzurichten  hatten.
Bei  den  Kaufmannswahlen  hat  der  Zentralverband  deutscher  Handlungsgehilfen, ­
  die  einzige  allgemeine  Verbindung  von  Gehilfen,  die  auf  dem
Boden  der  modernen  Arbeiterbewegung  steht  und  mit  den  freien  Gewerkschaften ­
  Land  in  Land  geht,  eine  Anzahl  von  Verbindungen  gegen  fich,
die  zum  Teil  älter  und  zum  Teil  auch  stärker  sind,  als  sie.  Es  gab  daher
von  vornherein  heftigen  Kampf  zwischen  den  verschiedenen  Organisationen
der  Gehilfen  um  eine  möglichst  starke  Vertretung  im  Kaufmannsgericht,
und  da  die  Wahlen  auf  Grund  von  Listen  nach  dem  Verhältniswahlsystem
stattfinden,  schlossen  sich  gewöhnlich  eine  Anzahl  von  gegnerischen  Vereinen  zur
Aufstellung  einer  kombinierten  Liste  zusammen,  während  der  Zentralverband
und  ebenso  der  antisemitische  „deutsch-nationale"  und  der  liberale  Leipziger
Verband  für  sich  kämpften.  .  Das  Wahlergebnis  war  zumeist,  und  namentlich ­
  in  Berlin,  eine  Vertretung  des  Zentralverbandes,  die  das  Verhältnis
seiner  Mitgliederzahl  zu  der  der  anderen  Organisationen  sehr  wesentlich
überstieg.  Ungeachtet  der  geflissentlichen  Bezeichnung  des  Zentralverbandes
als  sozialdemokratisch,  in  den  meisten  Fällen  sogar  eher  wegen  dieser
Betonung  stimmten  im  Verhältnis  erheblich  mehr  Gehilfen  für  seine
Kandidaten,  als  für  die  der  anderen  Verbindungen.  Folgendes  die  Ergebnisse ­
  in  den  Lauptorten:
Charlottenbnrg  (6.  Januar  1905)  3  Kandidaten  des  Zentralverbandes,
9  der  Gegner  gewählt.
Schöneberg  (5.  Februar  1905)  2  Kandidaten  des  Zentralverbandes,
7  der  Gegner  gewählt.
Rixdorf  (28.  Februar  1905)  3  Kandidaten  des  Zentralverbandes,
9  der  Gegner  gewählt.
Lichtenberg  (3.  März  1905)  1  Kandidat  des  Zentralverbandes,  5  der
Gegner  gewählt.  Nach  dem  Stimmenverhältnis  —  75  gegen  173  —
hätten  dem  Zentralverhand  2  Vertreter  zukommen  müssen,  er  hatte  indes
nur  einen  aufgestellt,  lind  so,  fiel  das  andere  Mandat  den  Gegnern  zu.
        <pb n="241" />
        245

Weißensee  (30.  April
1905)  1  Kandidat  des
Zentralverbandes  und  5
der  Gegner  gewählt.
Berlin  (7.  Mai  1905)
21  Kandidaten  des  Zentralverbandes ­
  und  79  der
Gegner  gewählt.  Eswaren
hier  100  Vertreter  bezw.
Beisitzer  zu  wählen,  für
die  fünf  Listen  im  Felde
waren:  die  des  Zentralverbandes, ­
  die  des  kaufmännischen ­
  Lilfsvereins
(Leipziger  Verband),  die
des  Lirfchschen  Vereins
der  deutschen  Kaufleute,
die  des  deutsch-nationalen
Handlungsgehilfen  -  Verbandes ­
  und  die  einer  Anzahl ­
  von  Vereinen,  die
sich  behufs  der  Wahl  auf
eine  Kompromißliste  geeinigt ­
  hatten.  Die  auf
diese  Listen  abgegebenen
Stimmen  und  demgemäß  auf
Deutsch-nationaler  Verband
Kompromißliste  ....
Zentralverband  ....
Lirschsche
Kaufmännischer  Lilfsverein

Berlin»  t»,  Oktober  1906
Sehr  geehrter  Herr!
DU  Wahlen  der  Hrbritgcber-Bdtttzer  xum  6$wcrb«gcdcbi

beute  freitag  jVacbrmttag

statt.

bis  8  (lbr

3bx  Wahllokal  befindet  sich  in  der
209.1215.  Gemeindssehnle,  flnncherstr.  65-66.
Da  Sie  Ihr  Wahlrecht  nach  »ich,  ausgeübt  haben,  ersuchen
wir  Sie,  dies  umgehend  zu  tun  und  anliegenden  Wahlzettel,  der  die
aufgestellten  Kandidaten  enthalt,  abzugeben
Hochachtungsvoll
»itS  Komitee  für  die  Wahlen  der  Arbeitgeber.Beisitzer
zum  Gewerbegericht.

110.  Mahnzettel  an  die  Wähler  für  die  Arbeitgeber-Beisitzer ­

sie  entfallenden  Mandate  verteilten  sich  wie  folgt:
.  .  .  .  .  .  3247  Stimmen  31  Beisitzer
2228  „  21
2146  „  21  „  .
2109  „  20  „
743  „  7  „

10473  Stimmen  100  Beisitzer
Das  war  für  den  sozialdemokratischen  Zentralverband  ein  großer  Erfolg,
denn  an  Mitgliedern  steht  er  in  Berlin  hinter  den  anderen  Vereinen  sehr
zurück,  was  bei  der  Abhängigkeit  und  der  eigenartigen  Atmosphäre,  in  der
die  Landelsangestellten  leben,  leider  nicht  wundernehmen  kann.

C.  Die  Tätigkeit  der  Sozialdemokratie  in  den  Gewerbegerichten.
Da  die  Kaufmannsgerichte  erst  im  Verlaufe  des  Jahres  1905  in  Tätigkeit
traten,  also  am  Schluffe  unserer  Epoche  erst  Monate  in  Tätigkeit  waren,
wäre  es  geschmacklos,  über  das  Wirken  der  sozialdemokratischen  Beisitzer
viele  Worte  zu  verlieren.  Auch  unterschied  sich  ihr  Verhalten  in  keinem
Punkt  grundsätzlich  von  dem  der  sozialdemokratischen  Gewerbegerichtsbeisitzer.
In  bezug  auf  diese  trifft  auch  für  Berlin  das  Arteil  zu,  das  von
der  Mehrzahl  der  unparteiischen  Kritiker  über  das  Verhalten  der  sozialdemokratischen ­
  Beisitzer  Deutschlands  im  allgemeinen  in  Gutachten  und
Abhandlungen  niedergelegt  worden  ist  und  sich  dahin  zusammenfassen  laßt,
daß  sie  ihre  sozialpolitische  Auffassung  nicht  im  Vorzimmer  des  GMch
        <pb n="242" />
        246

ablegen,  aber  als  Richter  so  gut  und  nicht  selten  sogar  besser  als  wie  die
Richter  aus  irgendeiner  anderen  Gesellschaftsklasse  erkennen,  was  unter  den
gegebenen  Verhältnissen  im  Rechtsstreit  zwischen  Unternehmer  und  Arbeiter
sachlich  recht  und  unrecht  ist.  Kaum  irgendwo  in  Deutschland  begegneten
die  Gewerbegerichte  in  der  ersten  Zeit  ihres  Bestehens  stärkerer  Gegnerschaft
in  Anternehmerkreisen  als  gerade  in  Berlin.  Lier  saß  die  Zentralstelle  der
Anternehmerverbände,  die  in  den  ersten  Jahren  mit  aller  Macht  dafür
agitierte,  die  Gewerbegerichte  durch  Ausdehnung  des  Rechts  der  Berufung
gegen  ihre  Erkenntnisse  an  die  ordentlichen  Gerichte  unter  Vormundschaft  von
Berufsrichtern  zu  stellen,  wenn  nicht  ganz  zu  neutralisieren.  Es  vergingen  aber
keine  zehn  Jahre,  da  erklärte  am  8.  März  1901  im  Bürgersaale  des  Berliner
Rathauses  eine  Versammlung  von  Beisitzern  des  Gewerbegerichts  Berlin  aus
beiden  Gruppen,  Anternehmerbeisitzer  und  Arbeiterbeisitzer,  und  die  ersteren
keineswegs  nur  von  Sozialisten  gewählte  Unternehmer,  in  einer  Resolution,
daß  sie  in  der  damals  beabsichtigten  Angstederung  der  zu  schaffenden  Kaufmannsgerichte ­
  an  die  Amtsgerichte  „eine  ernste  Gefahr  für  die  Interessen  derBeteiligten"
  erblicke,  und  sprach  sich  „mit  aller  Entschiedenheit"  für  den  Anschluß
der  Kaufmannsgerichte  an  die  Gewerbegerichte  aus.  Ebenso  stimmte  das  Arteil
bürgerlicher  Gewerbegerichtsbeisitzer  an  den  anderen  Orten  mit  dem  der
Arbeiterbeisitzer  überein;  im  Reichstag  traten  Redner  der  Freisinnigen  und
der  Zentrumspartei  den  Sozialisten  in  der  Betonung  der  Vorzüge  der
Gewerbegerichte  bei,  gleichlautend  ertönte  es  aus  den  Reihen  der  Wissenschaftler, ­
  und  so  ließ  man  schließlich  auch  in  Regierungskreisen  die  Idee
der  Überlieferung  der  Kaufmannsgerichte  an  die  Amtsgerichte  fallen  und
gab  den  ersteren  eine  Gestalt,  die  sie  den  Gewerbegerichten  annäherte,  sowie
Paragraphen,  welche  wenigstens  eine  Verbindung  beider  ermöglichten.
War  für  die  Entscheidung  der  bürgerlichen  Gesetzgeber  die  allgemein
gemachte  Erfahrung  maßgebend,  in  bezug  auf  die  ja  Berlin  hätte  eine  Ausnahme ­
  bilden  können,  so  liegen  bezüglich  dieses  letzteren  sehr  bestimmt
lautende  Äußerungen  des  langjährigen  Vorsitzenden  des  Berliner  Gewerbegerichts, ­
  M.  ».Schulz,  vor,  in  denen  dieser  die  richterlichen  Eigenschaften
der  Beisitzer  aus  der  Arbeiterschaft  rückhaltlos  anerkennt.  So  heißt  es  in
einer  aus  dem  Jahre  1900  datierenden  Abhandlung  des  Genannten  über
gewerbliche  Schiedsverträge:
„Es  kommt  hier  zum  Ausdruck  dasselbe  Mißtrauen  gegen  Angestellte
als  Schiedsrichter,  welchem  wir  bei  ihren  Vernehmungen  als  Zeugen  so  oft
begegnen.  Schon  wenn  sie  als  Zeugen  vorgeschlagen  werden,  hört  man
häufig:  „Die  arbeiten  ja  bei  dem  Kläger  oder  dem  Beklagten;  die  nehmen
wir  nicht  an;  was  die  sagen,  das  gilt  nicht;  die  schwören  falsch."  Diese
Bedenken  gegen  die  Wahrheitsliebe  der  Arbeitnehmer  sind  ebenso  ungerecht,
wie  die  absprechenden  Arteile  gegen  die  Qualifikation  zum  Schiedsrichteramt.
Die  Erfahrung  bei  den  Gewerbegerichten  lehrt,  daß  die  Arbeitnehmerbeisitzer
wohl  ohne  Ausnahme  —  selbst  wenn  Prozeßsachen  ihrer  Arbeitgeber  zur
Verhandlung  stehen  —  durch  ihre  Arbeitnehmerposition  sich  nicht  beirren
lassen.  Wie  wir  bereits  anderwärts  oftmals  bemerkt  haben,  lassen  auch  die
Arbeitnehmerbeisitzer  bei  den  zu  fällenden  Arkeilen,  so  gut  wie  es  eben
Menschen  vermögen,  auf  sich  die  Klassengegensätze  einwirken.  Sie
stehen  in  dieser  Beziehung  den  ordentlichen  Richtern  nicht  nach,  welche
gleichfalls  bei  ihrer  Tätigkeit  unter  den  Einfluß  ihrer  gesellschaftlichen  An-
        <pb n="243" />
        111.  Flugblatt  an  die  Wähler  der  Arbeitgeber-Beisitzer

IW  Auf  zur  Wahl!  "»I
An  -ie  MSljler  der  Arveitgever-Keifttzer
zum  Gew  erb  ege  richt!

Sic  haben  sich  Zhr  Wahlrecht  durch  Eintragung  in
die  Listen  gesichert  und  stehen  nun  vor  der  Frage,  für
welche  Kandidatenliste  Sie  eintreten  muffen,  wenn  das
Gewerbegericht,  diese  zur  Entscheidung  von  gewerblichen
Streitigkeiten  geschaffene  Institution,  seinen  Zweck  voll
und  ganz  erreichen  soll.
Die  Entscheidung  richtet  sich  ganz  nach  den  Grenzen,
welche  für  die  Tbätigkcit  der  Beisitzer  geschlich  gegeben  sind.
Die  Einrichtung  dieses  Ecwerbegerichts  appcllirt
lediglich  an  den  praktisch  &amp;gt;  gewerblichen  Sin»  der
Bevölkerung,  der  nach  drei  Seiten  hin  sich  bethätigen  soll.
Diese  sind:
1.  Die  Entscheidung  rein  gewerblicher  Streitigkeiten
zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern  bezw.  zwischen
Arbeitern  desselben  Arbeitgebers  untereinander,  wenn  sie
eine  gemeinsame  Arbeit  übernommen,  desgleichen  bei  Haus-.
  gewerbetreibenden.
2.  Die  Abgaben  von  Gntachteu  in  gewerblichen  Fragen
an  Staats-  und  Kommunalbebörden  event.  Stellung  von
Antragen.
3.  Die  Herbeiführung  einer  Einigung  zwischen  Arbeitgeber» ­
  und  Arbeitnehmern  bei  event.  Ausständen,
Lermittelungsvorschlägs  zu  machen,  welche  auch  der  öffentlichen ­
  Meinung  unterbreitet  werden.
Wähler!  Daß  dies-  Funktionen  der  Beisitzer  nicht
ohne  ein  höheres  Verständniß  für  die  allgemeinen  Zeitsragen
  ausgeübt  werden  können,  daß  zu  ihnen  auch  -ine
besondere  Erfahrung  und  Kenntniß  der  rcchtsgriindlcgonden
  Bestimmungen  gehört,  daß  aber  auch  ein
imgetiübtcr  Blick  für  die  Entstehungsarten  der  verschiedenen ­
  gewerblichen  Streitigkeiten  unbedingt  erforderlich ­
  ist,  wenn  die  gefällten  Urtheile  eine  rechtliche
Bedeutung  für  die  Bevölkerung  haben  sollen  —  diese
Misere  Forderung  wird  von  unseren  Gegnern
tendenziös  dahin  ausgelegt,  daß  wir  in  den  Gewerbe-Schiedsgerichien
  ein  Mittel  zur  Verwirklichung  sozialdemolratischer
  Ziele  sehen  und  womöglich  bei  jedem
Streitfall  —  selbst  gegen  Gewissen  und  Ueberzeugung  —
nach  persönlicher  Begünstigung  entscheide»  lassen  wolle».
Run,  unscrc  Kandidaten  sind  Ehrenmänner
genug,  um  zu  wissen,  wie  sic  ein  öffentliches  Amt
auszufüllen  haben:  sie  haben  aber  außerdem  auch  die
oben  aufgestellten  besonderen  Fähigkeiten,  die  wir  unbedingt ­

  von  qualifizirten  Beisitzern  unseres  Vertranens
  voraussetzen  und  verlangen  müssen  —
und  diese  sind  »st  erprobt  vor  der  Ocffentlichkeit,
wir  sic  auch  nur  in  dem  lebendigen  Strom  deS  öffentlichen ­
  Lebens  erworben  werden  können.  Wir  wählen
nicht  die  Arbeitgeber,  weil  sie  Arbeitgeber  sind,  in  das
Gewerbegericht,  sondern  weil  sic  Männer  sind,  die  im
praktischen  Dienst  der  Industrie  grob  geworden,  ihr
Gewerbe  nunmehr  zwar  iclbstständig  betreiben,  aber
trotzdem  stets  und  ständig  in  Fühlung  mit  der
öffentlichen  Erörterung  aller  gewerblichen  Angelegenheiten ­
  geblieben  sind.  Sic  blicken  als  Arbeitgeber ­
  nicht  hochmüthig  herab  aus  die  Arbeitnehmer,
sondern  sehen  in  ihnen  ihre  gleichberechtigten  Mitincnschcn,
  die  zur  gemeinschaftlichen  Arbeit  an  jedem
kultursördcindcn  Werke  ihren  Platz  neben  ihnen  einzunehmen ­
  haben,  wenn  es  gilt,  bas  Unrecht  zu  verurtheilen
  und  bas  Recht  hochzuhalten.  Darum
wählen  wir  einzig  und  allein  die  von  uns  —
unter  inöglichster  Berücksichtigung  aller  gewerblichen
Kategorien  (Spruchkammern)  —  »nsgestellten  Kaudibaten!

Wähler!  Auch  habe»  mchrcrc  hochangcsehene
Männer,  Richter,  welche  praktisch  die  Erfahrung  in
Gewerbegerichten  mit  soziäldemokratilchen  Arbcitgrdern
und  Arbeitnehmern  gemacht  haben  —  die  Aeußerung
unserer  Gegner,  wir  richte»  parteiisch,  als  grundlos  und
tendenziös  aufgebauscht  hingestellt:  sie  bekundete»,  daß
jede  Parteilichkeit  fernblieb.
Wir  wünschen  aber  auch,  dag  jedes  Bornrthcil  uud
partriische  Gehässigkeit  über  UNS  uutcrlafscn  bleib!.  Wir
ändern  unsere  Meinung  nicht  nach  nuferen  Interegcu.
sondern  das  Wohl  der  gcwcrdetrcibeaden  Bevölkerung
insgesammt  ist  stets  und  ständig  nufere  einzige  Stichifchnur,
  in  welchem  Sinne  unsrer  Kandidaten  ihr  Mandat
auszuüben  stch  zu  iedrr  Zeit  vor  der  Oeffentlichkeit  uud
ihrem  Gewiffen  vcrpfiichtct  fühle»  werden,  und  somit
entscheiden  wir  UNS  für  die  auf  beigefügtem  Stimmzettel
verzeichneten  Kandidaten  —
ihnen  geben  wir  unsere  Stimme!

Die  Wahl  ist  getjeittt  und  findet  mittelst  Stimmzettel  statt.
Eleichlautcude  Stimmzettel
wie  die  einliegenden,  «erde«  am  Tage  der  Wahl  von  uns  an  den  Wahllokale»  ausgegeben.
Die  Wahl  findet  statt:
Doruxrstag,  den  22.  September  1898,  Mittags  von  12  Ahr  ab  dis  Abends  9  Ahr.

Das  Komitee
der  Arbritgeber-Wähler  für  die  Srwerbegerichts-Wichlen
Jhr  Wahllokal  befindet  fich:
„Wktoria-Aark",  Müchrrftraße  3L

und  Verlag:  Rudolf  Millarg,  Snnenstr.  16.  —  Druü:  JaniszewSti  &amp;amp;  Quitt,  Dresdcnerftr.  38.
        <pb n="244" />
        248

schauungen  geraten  können.  Der  Arbeiter,  welcher  durch  das  Vertrauen  seiner
Kameraden  zum  Gewerberichter  berufen  werden  kann  und,  sobald  er  gewählt
ist,  seine  volle  Pflicht  tut,  ist  an  und  für  sich  zum  Schiedsrichter  geeignet."
Dieser  Ausspruch  eines  Mannes,  der  mit  den  sozialdemokratischen
Bestrebungen  durchaus  nicht  sympathisiert,  wäre  noch  durch  viele  Zitate
aus  der  von  Jastrow  und  Flesch  herausgegebenen  Zeitschrift  „Das
Gewerbegericht"  zu  ergänzen,  die  gleiches  aussagen.  Aber  da  es  sich  hier
speziell  um  Berlin  handelt,  kann  es  bei  ihm  sein  Bewenden  haben.  Die
Arbeiter  Berlins,  so  entschieden  sie  der  Hnternehmerklasse  in  der  sozialen
Tendenz  gegenüberstehen,  lassen  als  Gewerberichter  es  den  einzelnen  Unternehmer ­
  nicht  entgelten,  daß  sie  seine  Klassengegner  sind.  Nicht  dadurch,
daß  es  parteiisch  zugunsten  der  Arbeiter  entscheidet,  erweist  sich  das  Gewerbegericht ­
  als  sozialpolitisches  Institut  dem  Arbeiter  günstig,  sondern
dadurch,  daß  es  dem  sonst  unbeschränkten  Absolutismus  des  Unternehmers
als  Nechtsinstanz  gegenübersteht,  die  dem  Arbeiter  wenigstens  die  Beobachtung ­
  dessen  sichert,  was  das  Gesetz  und  die  mit  der  Entwicklung  der
sozialen  Zustände  sich  selbst  entwickelnde  allgemeine  Rechtsanschauung  in
bezug  auf  den  Arbeitsvertrag  und  das  Arbeitsverhältnis  für  recht  und
billig  erklären.  In  diesem  Sinne  kann  man  I.  Jastrow  zustimmen,  wenn
er  in  seinem  Buch  „Sozialpolitik  und  Verwaltungswissenschaft"  schreibt:
„Das  Gewerbegerichtsgesetz  ist  die  iVlagna  Charta  des  deutschen  Arbeiters.
Der  Ruf:  Ich  gehe  zum  Gewerbegericht!  hat  hier  eine  ähnliche  Bedeutung,
wie  die  Erzählung  von  dem  Müller  von  Sanssouci  und  seinem  Ausspruch:
Ja,  wenn  es  kein  Kammergericht  gäbe!"  (a.  a.  O.  S.  405).  And  M.  von
Schulz  schreibt  im  „Archiv  für  Sozialwissenschast":  „Lierzu  kommt,  daß  der
Arbeiter  im  allgemeinen  zum  Gewerbegericht  ein  unbedingtes  Vertrauen
gewonnen  hat,  ein  Vertrauen,  welches  er  dem  privaten  Gericht  kaum  in
dem  Maße  entgegenbringen  wird."  (a.  a.  O.,  Jahrgang  1907,  S.  614.)
Wie  sehr  der  Schluß  dieses  Satzes  zutrifft,  zeigen  die  in  neuerer  Zeit
in  derArbeiterschaft  erhobenen  Klagen  überden  formalistisch-juristischen  Geistder
Gewerbegerichtsbeschlüsse,  der  mit  dem  Wechsel  in  der  Person  des  leitenden
Gewerberichters  zu  überwiegen  droht.
Die  Arbeiten  des  Gewerbegerichts  Berlin  werden  durch  folgende
Zusammenstellung  veranschaulicht,  die  das  Jahrzehnt  vom  1.  April  1896
bis  zum  31.  März  1906  umfaßt:
Summe  der  eingelaufenen  Klagen  125  295

Davon  wurden  erledigt:

Absolute
Zahl

Vom

a)  Vor  dem  Termin

5658

4,74

b)  Durch  Zurücknahme

26  808

22,40

c)  Durch  Versäumnisurteil

12  558

10,49

d)  Durch  Verzicht  des  Klägers  ....

161

0,14

e)  Durch  Anerkenntnis  des  Verklagten.

426

0,36

k)  Durch  Vergleich

60  378

50,47

g)  Durch  andere  Endurteile,  zumeist  im  kontradiktorischen ­
  Verfahren

13  646

11,40

Summa

119  635

100

Es  blieben  unerledigt  und  kamen  im  folgenden
Jahr  zur  Verhandlung  5  560

Zusammen  125  295
        <pb n="245" />
        249

Hierzu  einige  wenige  Bemerkungen:
Im  statistischen  Jahrbuch  für  Berlin  sind  die  Vorträge  aus  den  Vorjahren, ­
  d.  h.  die  als  unerledigt  aus  dem  abgelaufenen  Jahr  jeweilig  ins
neue  Jahr  hinübergenommenen  Klagen  und  ihr  Ausgang  nicht  gleichmäßig
berücksichtigt  worden.  Es  ist  daher  hier  in  den  einzelnen  Rubriken  a  bis  g
ganz  von  ihnen  abgesehen  worden.  Da  aber  das  Schicksal  der  Klagen  von
Jahr  zu  Jahr  im  Durchschnitt  wenig  variiert,  kann  die  Totalsumme  jener  unerledigten ­
  Klagen  —  5660  —  im  Verhältnis  der  für  das  Jahrzehnt  berechneten
Durchschnittszahlen  einfach  auf  die  einzelnen  Rubriken  verteilt  werden.
Vom  Geschäftsjahr  1899/1900  ab  sind  jedesmal  unter  den  als  „durch
Zurücknahme  erledigt"  bezeichneten  Klagen  mehrere  hundert  Klagen,  die
gemäß  dem  in  jenem  Jahr  in  Kraft  getretenen  Landwerkergeseh  der  Rechtsprechung ­
  des  Gewerbegerichts  entzogen  waren,  so  daß  die  Klagenden  an
das  betreffende  Innungsschiedsgericht  verwiesen  werden  mußten.  Ihre  Gesamtzahl ­
  für  die  Zeit  vom  1.  April  1899  bis  31.  März  1907  war  3507,
ein  Durchschnitt  von  584  im  Jahr.  Während  die  Zahl  der  beschäftigten
Arbeiter  um  50  Prozent  stieg,  haben  die  beim  Gewerbegericht  und  den
Innungsschiedsgerichten  zusammen  anhängig  gemachten  Klagen  nur  von
rund  14000  im  Geschäftsjahr  1896/97  auf  rund  16000,  das  heißt  noch  nicht
ganz  um  11,5  vom  Kundert  zugenommen.  Es  nahmen  also  im  Verhältnis
weniger  Arbeiter  das  Gericht  in  Anspruch,  als  früher.  Dies  ist  zu  einem
großen  Teile  dem  Amstand  geschuldet,  daß  Anternehmer  wie  Arbeiter  besser
über  ihre  rechtliche  Stellung  zueinander  unterrichtet  sind  als  früher.  Die
Rechtsprechung  des  Gewerbegerichts  hat  durch  Festlegung  bestimmter  Grundregeln ­
  hinsichtlich  vieler  der  häufigsten  Streitfragen  bis  zu  einem  gewissen
Grade  sich  selbst  überflüssig  gemacht.  Außerdem  kommt  ein  erheblicher  Teil
der  Beschwerden  der  Arbeiter  zuerst  an  das  Arbeitersekretariat,  das  den
Beschwerdeführenden  in  Fällen,  die  für  sie  aussichtslos  sind,  die  Nutzlosigkeit ­
  des  Weges  ans  Gewerbegericht  darlegt  und  so  diesem  ein  Stück
Arbeit  abnimmt.  Dies  hat  auch  unzweifelhaft  dazu  beigetragen,  daß  die
Fälle,  wo  es  vor  dem  Gewerbegericht  zur  kontradiktorischen  Verhandlung
kam,  bedeutend  nachgelassen  haben.  Im  Geschäftsjahr  1896/97  waren  es
2255,  im  Geschäftsjahr  1905/6  nur  noch  1145  Fälle.  Keine  zweite  Rubrik
weist  eine  auch  nur  annähernd  gleiche  Abnahme  auf.  Fast  unverändert  ist
z.  B.  die  Zahl  der  durch  Vergleich  beendeten  Fälle  geblieben.  Sie  belief
sich  1896/97  auf  6123,  erreichte  im  nächsten  Jahr  mit  6723  ihr  Maximum
und  war  von  1905/06  5790.  Zugenommen  haben  die  Fälle  der  Verzichtleistung ­
  (von  1  auf  70)  und  der  Versäumnisse  (von  1174  auf  1740).
Was  die  Beteiligung  der  Berufe  anbetrifft,  so  entfielen  von
den  angemeldeten  Klagen

auf  Kammer  I  (Schneiderei  und  Näherei)  .  .

.  25  924

„

„

6  (Nahrung,  Beherbergung)  .  .

.  24189

„

„

3  (Baugewerbe)

.  14  555

sr

7  (Landet  und  Verkehr)  ....

.  14  051

„

„

5  (Metallgewerbe)

.  13  573

„

4  (Lolz  und  Schnitzstoffe)  .  .  .

.  9  527

„

8  (Allgemeines)

.  9  353

„

2  (Textil-,  Leder-  rc.  Industrie)  .

8  465

Insgesamt.

.  119  637
        <pb n="246" />
        250

Klageführer  waren  in  118  910  Fällen  die  Arbeiter,  in  6395  Fällen  die
Prinzipale.  Es  ist  hierbei  von  Interesse,  daß,  während  die  Zahl  der  klagenden
Arbeiter  bald  fällt  und  bald  steigt,  so  daß  Anfangs-  und  Endjahr  fast  die
gleiche  Löhe  zeigen  —  12  690  und  12  798  —,  die  Zahl  der  klageführenden
Anternehmer  mit  wenig  Unterbrechung  sich  nach  oben  bewegt.  Sie  beginnt
mit  559  und  endet  mit  784.  Dies  deutet  auf  eine  Zunahme  des  Vertrauens
der  Unternehmer  in  die  Anparteilichkeit  des  Gewerbegerichts.  Dabei  ist
jedoch  die  Prozentzahl  der  von  den  Anternehmern  gewonnenen  Prozesse  in
den  letzten  Jahren  eher  zurückgegangen.  In  den  vier  Jahren  von  1897  auf
1900  war  der  Durchschnitt  über  70  Prozent,  im  Jahrfünft  von  1901/02  auf
1905/07  nur  54  Prozent  ihrer  zur  Verhandlung  gelangten  Klagen.  Bei
den  Arbeitern  bewegte  sich  die  Gewinnziffer  zwischen  39,10  und  63,65  Prozent.
Daß  der  Arbeiter  leichter  den  Klageweg  beschreitet  als  der  Antemehmer,
liegt  in  der  Natur  der  Sache.  Im  ganzen  gewannen  von  den  zur  kontradiktorischen ­
  Verhandlung  gelangenden  Prozessen  die  Arbeiter  5218,  die
Anternehmer  313.
Die  anhängig  gemachten  Klagen  betrafen  nach  Angabe  der  Klageführenden ­
  folgende  Objekte,  wobei  öfter  ein  und  dieselbe  Klage  sich  um
verschiedene  Ansprüche  drehte:
Rückständige  Lohnzahlung  72  409  mal
Anzeitige  Entlassung  ohne  Kündigung  48  612  „
Widerrechtliche  Zurückbehaltung  von  Arbeitsbüchern,
Sachen  usw  6  565  „
Schadenforderung  5  535  „
Arbeitszeugnis,  Versicherungsbeiträge  3  910  „
Fortsetzung  oder  Aufhebung  des  Lohnverhältnisses  .  657  „
Wiederaufnahme  der  Arbeit  574  „
Rückzahlung  von  Kautionen  und  Lohnvorschüssen.  .  523  „
Zahlung  von  Kost-  und  Lehrgeld  .  326  „
Konventionalstrafen  151  „
Verschiedenes  andere  .  .  .  .'  13  „
Insgesamt  Klageobjekte:  139  285
Im  Durchschnitt  wurden  somit  jährlich  13  900  Forderungen  eingeklagt,
von  denen  die  große  Mehrheit  durch  Vergleich  und  ausdrücklichen  oder
stillschweigenden  Verzicht  erledigt  wurden.  Beim  Vergleich  sowie  bei  der
Erledigung  vor  Termin  spielte  selbstverständlich  häufig  der  Linweis  auf
frühere  Arteile  eine  bestinimende  Rolle,  wie  denn  die  Erkenntnisse  der
Gewerbegerichte  für  die  vor  diese  gelangenden  Streitfälle  in  ähnlicher  Weise
Rechtsnormen  schaffen,  wie  in  der  allgemeinen  Rechtsprechung  die  Erkenntnisse ­
  der  oberen  Gerichtshöfe.  Zwar  ist  kein  Gewerbegericht  gezwungen,
sich  an  die  Entscheidung  eines  anderen  Gewerbegerichts  zu  binden,  aber  im
allgemeinen  wird  auf  solche  Erkenntnisse,  die  ausdrücklich  zu  dem  Zweck
formuliert  und  begründet  wurden,  eine  Rechtsregel  festzustellen,  gern
zurückgegriffen.  Daher  sind  die  Erkenntnisse  der  Gewerbegerichte  ebenso
wie  ihre  eingeforderten  oder  freiwillig  abgegebenen  Gutachten,  die  man
mit  den  dazu  gehörigen  Begründungen  in  der  Zeitschrift  das  „Gewerbegericht" ­
  und  seit  1903  im  „Reichsarbeitsblatt"  findet,  für  die
Beurteilung  des  Geistes  dieser  Institute  ganz  besonders  geeignet.
Die  große  Zahl  der  Erkenntnisse  und  Gutachten  des  Berliner  Gewerbegerichts ­
  macht  eine  Wiedergabe  an  dieser  Stelle  unmöglich.  Daß  sie  nicht
        <pb n="247" />
        112  u.  113.  Flugblatt  zur  Wahl  der  Beisitzer  des  Kausmannsgerichtes

Recht  soll  Reckt  werden!

Der  unerträgliche  Zustand,  daß  kaufmännische
Angestellte  erlittene  Unbill  von  seiten  ihrer  Prinzipale, ­
  gegen  Gesetz  und  Sitte,  widerstandslos
hinnehmen  mutzten,  weil  ihnen  die  Mittel  fehlten,
den  kostspieligen  und  zeitraubenden  RechtSw^  zu
beschrciten,  ist  endlich  Beseitigt.  Nach  bald  mehr
denn  10  jährigen  heftigen  Kämpfen  sind  endlich  die
Kaufmannsgerichle
errungen,  die  in  der  Zukunft  Streitigkeiten  zwischen
Gehülfen  und  Prinzipalen  entscheiden  sollen.—
Nicht  der  Staat  setzt  seine  Richter  über  uns.
Die  HandlungSgehülsen  selbst  haben  ihre  eigenen
Richter  zu  wählen.
Am  Sonntag,  den  7.  Mai,  sind  Cse  berufen,
zum  ersten  Mal  an  die  Wahlurne  ju  treten,  um
die  Gehülsenbeisitzcr  zum  Berliner  Kaufmanns^
geeicht  zu  wählen.
Nur  ein  kleiner  Kreis  der  Gehülfenschaft  hat
daS  Wahlrecht,  die  Gehülfen  inner  85  Jahren
und  die  große  Schaar  der  Gehülfinnen  find  von
der  Wahl  ausgeschlossen.
Um  so  schlvercr  ist  die  Verantwortung  der  zur
Wahl  berufenen,  in  ihren  Händen  liegt  das  Schicksal ­
  aller  HandlungSgehülsen.
Die  Jagd  nach  den  Stimmen  der  wahlberechtigten ­
  HandlungSgehülsen  wird  beginnen.
AuS  allen  Ecken  und  Enden  werden  Kandidaten
auftauchen,  wird  man  ihnen  deren  Vorzüge  preisen,
deren  bisherige  Taten  aber  verschleiern,  deren
wahre  Absichten  und  Mottve  verschweigen.
(ttewiffeuhaft  habe»  sie  sich  z»  frage»
welche  Kandidaten  find  fähig  und  gewillt,  die
hohen  Aufgabe»  des  Kanstnannsgcrichtes  mit
Ernst,  Würde  und  Ehrlichkeit  im  Interesse
der  Angestellten  zu  erfüllen.  —
Die  Gchülfenbeisitzcr  haben  die  Pflicht,  unparteiisch ­
  Recht  zu  sprechen.  Aber  sie  haben  die
weitere  Pflicht,  auf  Grund  ihrer  Erfahrung  als
Gehülfen  nachdrücklich  dafür  einzutreten,  daß  die
wirtschaftlich  schwächere  Stellung  des  Angestellten
und  die  Uebermacht  des  Prinzipals  gebührend
berücksichtigt  wird.  Sie  sollen  dafür  sorgen,  daß
die  Urteile  der  Kaufmannsgerichte  getragen  werden
von  sozialem  Geist,  Beeinflußt  durch  die  &amp;lt;Sad&amp;gt;
kcnntnis  des  einzelnen  Gehülfen.  Sie  sollen  sich
nicht  an  den  Buchstaben  des  Rechts  klammern,
vielmehr  nach  Erwägungen  der  Billigkeit  urteilen
und  den  Mut  haben,  juristische  Zwirnsfäden  auch
einmal  mit  kühnem  Satze  zu  überspringen.  —
Die  KausmannSgerichte  sollen  aber  noch  mehr
sein,  als  .eine  Stätte  der  Rechtsprechung.  Sie

haben  das  Recht,  in  bezug  auf  die  Dcffcrung  der
Lage  der  Angestellten  Altträge  auf  gesetzliche  Maßnahmen ­
  an  die  staatlichen  und  städtischen  Parlamente, ­
  an  Behörden  usw.  zu  stellen.  Sie  sollen
ferner  an  diese  Körperschaften  Gutachten  erstatten,
wenn  irgend  welche  Gesetze  für  die  HandlungSgehülfcn
  beraten  tvcrden.  —  Sie  habe»  die
bedeutsame  Ausgabe,  bei  Differenzen  zwischen
Personal  und  Chef  als  Schlichtungslommission
und  EinigungSamt  zu  fungieren.
Welche  Kandideten  gewähren  die  Bürgschaft ­
  dafür,  daß  sie  alle«  diesen  Aufgabe«
gewachsen  sind?  —
Um  Ihre  Stimme  werden  buhlen:
Eine  merkwürdige  Vereinigung.sogenEter
HandlungSgehülfenvereine,  als  da  sind:  88.  Verband,
Leipziger  Verband,  Verein  junger  Kaufleute,  Bankbeamtcnverrin,
  Verein  rufender  Kaufleute  Deutschlands,
  Katholisch-kaufmännischer  Verein,  Verein  der
jungen  Drogisten,  die  sich  zusammengefunden  hat.
Der  88.  und  Leipziger  Verband  sind
nicht  nur  nicht  für  die  Kaufmannsgerichte
eingetreten  sondern  haben  deren  Schaffung
bekämpft.  Sie  haben  die  HandlungSgehülsen  für
unfähig  erklärt,  ihre  eigenen  Richter  zu  wählen,
sie  verlangten  Ernennung  willsähiger  Kreaturen
zu  Richtern,  um  die  HandlungSgehülsen  vor  der
Stuscegung  der  Wahl  zu  behüten.  Wer  sich  mit
solchen  Vereinen  in  ein  Bündnis  einläßt,  muß
für  die  HandlungSgehülsen  gerichtet  sein.  Solche
Leute  haben  ihre  eigene  Unfähigkeit  und  Unwürdigkeit ­
  zur  Besetzung  der  Betsitzcrstellen  anerkannt ­
  und  nusgesprochen.
Der  kausinännische  Hilssverein,  der
bisher  seinen  Stolz  in  der  Nichtbeachtung  von
Handlungsgehülfeninleressen  gesehen  hat  und  mit
Mmvsen  die  Verpflichtungen  der  Chefs  gegenüber
den  Angestellten  ablösen  will,  kann  mit  seinem
Bestreben,  Kandidaten  aufzustellen,  nur  Heiterkeit
erwecken.  —
Der  Verein  der  deutschen  Kaufleute,  dessen
Unsähigkeit  nur  noch  von  seiner  Untätigkeit  übertrosfen,
  wird  auch  die  Werbetrommel  rühren,  um
für  seine  an  sozialer  und  politischer  Verständnisund
  Einsichtslosigkeit  nmstcrgülligen  Freunde
Stimmen  eiNzufangcn.  Die  Tätigkeit  dieser  Herren
beschränkt  sich  uns  Versicherungskasscn,  die  nach
ihrer  eigenen  Behauptung  gut  verwalket  sind.  Ihr
Leiter  und  geistiger  Führer  hat  sich  zu  einer  Zeit,
alä  der  Kampf  um  den  8  Uhr-Ladenschluß  auf  der
Höhe  stand,  gegen  die  gesetzliche  Festlegung  des
8  Uhr-LabenschluffeZ  ausgesprochen.  Ihre  abgenutztenHarmoniep.hrasen
  werden  keinen  denkenden
        <pb n="248" />
        I

HundlungSgchülsen  darüber  hinwegtäuschen,  daß
diese  Anhängsel  des  sterbenden  Freisinns  nls  unsere
Richter  nicht  geeignet  sind,  —
'Der  antisemitische  (deutsch'Nationale)
HandlungSgchülfcu-Verbaud  wird  seinen  Gepflogenheiten ­
  gemäß  unter  Verleugnung  seiner
GruNdanschauiing  mit  um  so  gröberem  Geschrei
in  den  Wahlkampf  ziehend.  Er  wird  behaupten,
daß  alle  Schutzgcsehe  sür  die  Handlungsgchülsen
durch  seine,  Tätigkeit  geschaffen  worden  sind  —
selbst  diejenigen,  die  bestanden,  bevor  au  seine
Existenz  zu  denken  war!  Er  wird  bestreiten,  die
Kerntruppe  der  antisemitischen  Parteien  zu  sein.
Er  luirö  bestreiten,  bei  den  Wahlen  unter  Hintenanletzung
  der  HandlungSgehülsenintercisen  sür  konservative, ­
  alldeutsche  und  nationallibcrale  Hasser
der  Sozialvolilik  eingetreten  zu  sein.  Er  wird
bestreiten,  daß  sein  Begründer  und  Schutzpatron,
der  antisemitische  Abgeordnete  Raab,  gegen  den
9  Uhrschluß  der  Zigarrcngeschäste  eingetreten  ist.
Er  hat  die  Hniidlungsgehütfcn  durch  konsessioncllcn
Lader  gespalten,  tritt  im  antisemitischen  Wahn  gegen
die  moderne  Entwicklung  im  Handelsgcwcrbc  ans,
aus  Parteizwaug  und  Verpflichtung  gegen  die
Kleinhändler,  die  den  Verband  als  Vorkämpfer
für  ihre  Interessen  gezüchtet  haben,
Judenhaß  und  Frauenhaß  sind  die  Leitmotive
ihrer  Bestrebungen,  die  sie  allein  schon  unfähig
machen  zur  unparteiischen  Rechtsprechung!
Welche  Kandidaten  verdienen  das  Vertraue» ­
  der  Handliingsgchülfen?
Einzig  und  allein  die  Kandidaten  des
Mßlutf  iuuibtf  der  Hmidlnngsgehiilskn
und  GehWmü  pentfdjlnnöa.
Der  Ceutralverband  der  HaudliingSgchülfen
  »nd  Gehülfinnen  Deutschlands  hat
stets  und  ständig  für  KansmannSgerichte  gekämpft!
er  kennt  keine  Rassen-  oder  Glaubensunterschicdc,
Der  Ccntralverband  der  HandliiiigSgchülfc»

und  Gehülfinnen  Deutschlands  arbeitet  für
das  Wohl  aller  Handclsaugcstellte»  ohne  Unterschied ­
  des  Geschlecht?,  er  nimmt  keine  Prinzipale
auf,  wie  dies  alle  anderen  Vereine-tun,  er  treibt
eine  klare  und  zielbewußte  Juteresscupolitik.
Der  Ccntralverbaud  der  Haudlungsgchülfc»
und  Gehülfinnen  Dcntschlauds  erstrebt  die
Einführung  dcS  gesetzlichen  8  Uhr-LadenschlnsscS,
der  Verkürzung  der  Arbeitszeit  aus  8  Stunde»
bei  Festsetzung  eines  Uebergangsstadiums,  der
völligen  36stündigcn  Sonntagsruhe,  des  obligatorischen ­
  Fortbildungsschulunterrichts,  Der  Ccatralvcrband
  der  Handlungsgehülfe»  und  Gehülfinnen ­
  Deutschlands  verlangt  die  Einrichtung
einer  HandelSinspcktion  irach  Art  der  Geivcrbeinspektion
  und  aller  weiteren  zum  Schlitze  der
Gehülfenschaft  notwendigen  Maßnahmen,  Seine
Kandidaten  werben,  sofern  sie  in  das  KausmannZgericht
  gclaiigcn,  stets  sür  die  Erkämpsung  dieser
sozialen  Resormen  wirken,  sie  bieten  bei  der  Rechtsprechung ­
  die  Gewähr  dafür,  daß  das  KausmannSgericht
  sich  seiner  sozialen  Ausgabe  stets  bcivußt
bleiben  wird.
Daß  alle  Kandidaten  deS  Centralvcrbandcs
der  Handlnngsgchülfen  nud  Gchülfinnc!«
Deutschlands  die  nöligeu  Fähigkeiten  und  Ecsahrungcn
  besitzen,  dafür  bürgt  die  Organisation,
die  nur  solche  Kollegen  ausgestellt  hat,  welche
durch  ihre  langjährige  Tätigkeit  das  Vertrauen
der  Wähler  verdienen,
Kollege»!  Handlungsgehülfe»!  Bei  Ihnen
liegt  am  7.  Mai  die  Entscheidung!
Wir  haben  Ihnen  gezeigt,  waZ  Ucm  den  Kandidaten ­
  der  übrigen  Vereine  zu  erlvarien  ist.
Wer  da  ivill,  daß  überzciigungstreuc,  znverläsfige
  und  wirkliche  Gchülfcnbcisitzer  gewählt
ivorden,  der  wähle  am  Sonntag,  den  7.  Mai
die  Kandidaten  des
Ceiltriilvrrblindcs  der  KündluWsgehnlsen
und  Grhnlßmikn  Zeutschlaiids.

Mit  Gruß!
Centralverband  der  JCandlungsgebiitfen  und  Gehülfinnen  Deutsehlands
(Bezirk  Berlin).  Orfsuerwaltnng:  Kene  Jriedriehstr.  20.
Grachten  Sie  unsere  Sän  len  anschlage!
Kommen  Sie  in  jede  unserer  Uersammlnuge«!
Auskunft  in  allen  Berufs-  und  Wahlangelcgcnheiten  erteilt:
Centralverband  der  Minngsgehülfen  und  Gehülfinnen  Dentsehlands
(Bezirk  Berlin).  6rlsven»al1ung:  fteue  Jriedriehstr.  201.
vermitttörMch-kttr  S'.clst.'tioit  und  Serleg:  OUs  Urban.  —  Druck:  VouvürtS  Bnchdcnirerei  iLkrlagSansla»  Vau!  Singer  &amp;amp;  Co,  Berlin  SW.  68.

112  u.  113.  Flugblatt  zur  Wahl  der  Beisitzer  des  Kaufmannsgerichtes
        <pb n="249" />
        Wählen  Sie  die

Liste  IV.

Liste  des

Centralverbandes  der  Handlungsgehilfen
und  Gehilfinnen  Deutsehlands,  Bezirk  Berlin.
Oosleflxia  LuchLniLenl  und  3t:!atf8on|laIl  sauf  einen  &amp;amp;  So.  Berlin  SW.-ütS.  Llndknllr.  K&amp;gt;.
114.  Landzettel  zur  Kaufmannsgerichtswahl

alle  gleichen  Geistes  sind,
liegt  in  der  Natur  der
Sache.  Im  gegebenen  Fall
kommt  es  auf  das  sozialpolitische ­
  Empfinden  des  Gewerberichters, ­
  den  Scharfblick ­
  und  die  Amsicht  der
Arbeiterbeisitzer  an,  ob  ein
Erkenntnis  dem  Arbeiter
mehr  oder  weniger  Schutz
gegen  Willkür  und  Mißbräuche ­
  darbietet.  In  bezug
auf  die  Mehrheit  der  Erkenntnisse ­
  kann  man  jedoch
sowohl  hinsichtlich  Berlins
wie  der  Nachbarorte  sagen,
daß  sie  dem  Schuhbedürfnis
entgegenkommen.  Schon  die  einfache  Tatsache,  daß  Arbeitervertreter  an
der  Entscheidung  mitwirken,  nötigt  dazu,  im  Gegensatz  zur  Theorie  vom
„Lerrn  im  Lause"  die  sozialrechtliche  Natur  der  Beziehungen  von  Arbeiter
und  Unternehmer  schärfer  zum  Ausdruck  zu  bringen.  Das  bestätigt  die
große  Zahl  der  Erkenntnisse  und  Gutachten.
Die  den  Gewerbegerichten  zugewiesene  Aufgabe,  als  Einigungsamt
bei  gewerblichen  Kämpfen  zu  wirken,  konnte  sich,  wie  anderwärts,  so  auch
in  Berlin  und  den  Nachbargemeinden,  nur  langsam  einbürgern.  In  den
ersten  drei  Jahren  seines  Bestandes  wurde  das  Berliner  Gewerbegericht
für  diesen  Zweck  überhaupt  nicht  angerufen.  Erst  vom  Spätsommer  1895
ab  beginnt  es,  sei  cs  auf  Anrufen,  sei  es  aus  eigenem  Entschluß,  bei  solchen
Kämpfen  vermittelnd  einzugreifen,  stößt  aber  namentlich  bei  den  Anternehmern
  auf  starken  Widerstand,  da  die  Vermittelung  gewöhnlich  Anerkennung ­
  der  Gewerkschaften  einschließt  und  auch  sonst  von  den  Anternchmern
  als  Beeinträchtigung  ihrer  Prinzipalshoheit  betrachtet  ward.
Selbst  wenn  die  Unternehmer,  um  sich  vor  der  Öffentlichkeit  nicht  von  vornherein ­
  ins  Anrecht  zu  setzen,  der  Einladung  des  Gewerbegerichts  Folge
gaben  und  zur  Verhandlung  erschienen,  lehnten  sie  es  doch  meist  ab,  sich
dessen  Schiedsspruch,  dem  das  Gesetz  ja  keine  bindende  Kraft  zuerkannt  hat,
zu  unterwerfen.  Daher  ist  die  Zahl  der  gewerbegerichtlich  erzielten
Einigungen  bis  zur  Jahrhundertwende  außerordentlich  dürftig.  Jedoch  darf
man  selbst  für  diese  Zeit  sich  nicht  lediglich  an  das  formelle  Resultat
halten,  wie  es  in  der  Statistik  des  Gewerbegerichts  erscheint.  Oft  ist  vielmehr ­
  die  Ablehnung  des  Gewerbegerichtsentscheids  nur  formeller  Akt  zur
äußerlichen  Wahrung  der  Anternehmerhoheit  gewesen,  während  materiell
der  Vorschlag  des  Gewerbegerichts  hinterher  doch  durchgeführt  wurde.
Auch  dadurch  hat  das  Eingreifen  des  Gewerbegcrichts  bei  Kämpfen  um
Lohn  und  Arbeitszeit  sich  als  nützlich  erwiesen,  daß  es  die  Feststellung  bestrittener ­
  Tatbestände  erwirkt  und  so  sowohl  dem  Gesetzgeber  wie  den
Interessenten  und  dem  großen  Publikum  die  Augen  geöffnet  hat.
Der  stärkste  Faktor,  der  den  Anternehmer  dem  Weg  ins  Einigungsamt ­
  des  Gewerbegerichts  Geschmack  abgewinnen  läßt,  war  und  ist  freilich

ii  1

P
        <pb n="250" />
        das  zunehmende  Wachstum  der  gewerkschaftlichen  Organisationen  der
Arbeiter.  Solange  die  Gewerkschaften  Berlins  insgesamt  wenig  mehr  als
50000  Mitglieder  zählten,  d.  h.  bis  gegen  1897/98,  ward  das  Einigungsamt
nur  ausnahmsweise  von  Unternehmern,  auch  dann  fast  nur  von  Unternehmergruppen
  an  gerufen,  die  keine  sonderliche  Macht  repräsentierten.  Mit
dem  um  die  Jahrhundertwende  einsetzenden  Aufschwung  der  Gewerkschaften
aber  wird  auch  die  Tätigkeit  des  Einigungsamts  eine  lebhaftere  und  erfolgreichere. ­
  Es  werden  immer  mehr  Vereinbarungen  erzielt  und  schließlich ­
  auch  mehr  Schiedssprüche  von  beiden  Parteien  angenommen.  Immer
mehr  Tarifverträge  werden  vor  dem  Einigungsamt  abgeschlossen.  Von  1900
ab  bis  1905  bewegt  sich  in  Berlin  die  Mitgliederzahl  der  zentralisierten  Gewerkschaften ­
  wie  folgt:  94758,  93562,  108729,  134092,  174194,  224177.
And  folgendes  war  nach  dem  statistischen  Jahrbuch  der  Stadt  Berlin  die
Tätigkeit  des  Berliner  Gewerbegerichts  als  Einigungsamt  in  dieser  Zeit:

Einigungsversuche

1900/01

1901/02

1902/03

1903/04

1904/05

1905/06

ohne  Anrufung  seitens
der  Beteiligten  .  .  .

2

2

2

10

13

14

auf  Anrufung  von  einer
Seite

6

9

12

17

8

7

auf  Anrufung  von  beiden
Seiten

15

5

13

10

12

32

Insgesamt  23  16  27  37  32  53
Bei  den  87  Kämpfen,  wo  beide  Parteien  das  Einigungsamt  anriefen,
war  das  Resultat  der  Vermittlung  das  folgende:

Vereinbarung  erzielt  56  Fälle
Schiedsspruch  gefällt  und  von  beiden  Parteien  angenommen  18  „
Schiedsspruch  gefällt  und  nur  von  Arbeitern  angenommen  3  „
Schiedsspruch  gefällt  und  nur  vonAnternehmern  angenommen  1  „
Schiedsspruch  gefällt  und  von  beiden  Parteien  abgelehnt  .  5  „
Kein  Schiedsspruch  gefällt  4  „
Zusammen  87  Fälle
Somit  waren  85  Prozent  der  Vermittlungen  positiv  erfolgreich,  was
als  ein  günstiges  Resultat  bezeichnet  werden  muß.  In  den  Berichten  der
Berliner  Gewerkschaftskommission  wird  auch  der  vermittelnden  Tätigkeit
des  Einigungsamtes  wiederholt  anerkennend  gedacht.  Die  Gewerkschaften
täuschen  sich  darüber  nicht,  daß  das  Einigungsamt  allein  ihnen  keine
Verträge  verschaffen  kann,  die  das  Papier  wert  wären,  auf  dem  sie
geschrieben  sind,  sondern  solche  Verträge  nur  in  dem  Maße  erwirken  oder
festlegen  kann,  als  leistungsfähige  Organisationen  der  Arbeiter  hinter
ihm  stehen.  Aber  dieses  Bewußtsein  hindert  sie  nicht,  den  Nutzen  dieser
Vermittlungsinstanz  zu  erkennen  und  auch  öffentlich  anzuerkennen.  Obwohl
das  Einigungsamt  durchaus  nicht  einseitig  die  Sache  der  Arbeiter  vertritt,
sondern  sehr  geneigt  ist,  den  Darlegungen  der  Anternehmer  über  die
Bedürfnisse  der  gedeihlichen  Fortführung  ihrer  Geschäfte  Rechnung  zu  tragen,
kommt  es  nicht  selten  vor,  daß  Gewerkschaften  die  Forderung  erheben,  einen
Konflikt  bezüglich  der  Lohnsätze,  der  Arbeitszeit  und  dergleichen  vor  dem
Einigungsamt  zum  Austrag  zu  bringen  oder  Abmachungen,  die  zwischen
einem  Teil  der  Fabrikanten  und  Arbeiter  des  betreffenden  Gewerbes  vor
dem  Einigungsamt  getroffen  sind,  auf  das  ganze  Gewerbe  in  Berlin  zu
        <pb n="251" />
        Kandidaten-Liste

de»

Centtalverband  der  Handlungsgehülfen  und  Gehülfinnen  Deutschlands.

Bezirk  Berlin.

1.  Willy  Friedländer.

51.  Eduard  Mantau

2  Georg  Oppel.

52.  Ferdinand  Hinz.

3.  August  Penn.

53.  Carl  Scheret.

4.  Felix  Guttmann.

64.  Carl  Schleks.

5.  Theodor  Wilde.

65.  Isidor  Sachs.

6.  Theodor  Rosenthal.

56.  Paul  Lewin.

7.  Wilhelm  Günsel.

57.  Leopold  Liepmann.

8.  Hermann  Lamme.

68.  Adolf  Jacobs.

9.  Leopold  Jacubowsli.

59.  Max  Horack.

10.  Carl  MoseS.

60.  Richard  Laupichlcr.

11.  Wilhelm  Hauschild.

61.  Willy  Schumann.

12.  Otto  Ränsch.

62.  Ernst  du  Bosque.

13;.  Edgar  Nathan.

63.  Gustav  Jonas.

14.  Paul  Richter.

64.  Hugo  Wesiger.

15.  Carl  Breitingcr.

65.  Gustav  Kämmerer.

16.  Oskar  Völkel.

66.  Georg  Berg.

17.  Jonas  Stahl.

67.  Salo  Teichmann.

18.  Martin  Hirschfeld.

68.  Traugott  Carls.

19.  Hermann  Dicderich.

69.  Philipp  Bernstein.

20,  Hermann  Kirche

70.  Willy  Ponsong.

21.  Siegfried  Goldschmidt.

71.  Gustav  van  Eck.

22.  Max  Hirsch.

72.  Alex  Lewin.

23.  Max  Gehrte.

73.  Otto  Brandt.

24.  Philipp  Denecke.

74.  Clemens  Naumann.

25.  Ludwig  Eloesser.

75.  Georg  Huebner.

26.  Hugo  Philippsohn.

76.  Oskar  Krenzlin.

27.  Erich  Richter.

77.  Carl  Ambroszkiewicz.

28.  Max  Stadthagen.

76.  Ernst  Landsberg.

29.  Carl  F.  W.  Müller.

79.  Gustav  Haraschta.

30.  Max  Palecki.

80.  Gustav  Wolfs.

31.  Nathan  Kahn.

81.  Franz  Liehr.

32.  Clemens  Tempel.

82  Engen  Stiller.

83.  Rudolf  Schwarz.

83.  Willy  Liebe.

34.  Berthold  Lewin.

84.  Albert  Schlesinger.

35.  Paul  Mader.

85.  Arthur  Wachsen.

36.  Kaspar  Wenzel.

86.  Hans  Dölling.

37.  Siegfried  Marcnsson.

87.  Eugen  Tietz.

36.  Gustav  ElLner.

88.  Nathan  Jsraelsohn.

39.  Otto  Bombach.

89.  Theodor  Jungblnt.

40.  Bruno  Dahme.

90.  Theodor  Glocke.

41.  Felix  Koppel.

91.  Oscar  Sesse.

42.  Paul  Wüthe.

92.  Albert  Putlitz.

43.  Isidor  Borchardt.

93.  Carl  Lehniann.

44,  Emil  Hocke.

94.  Georg  Born,.

45.  Max  Hampel.

95.  Heinrich  Hahn.

46.  Adolf  Jnnscher.

96.  August  Michaelis

47.  Wilhelni  Dette.

97.  Harry  Bonn

■48.  August  Thor».

98.  Wilhelm  Pätzei.

49.  Otto  Meyer.

99.  Bernhard  Bruns.

50.  «Idols  Adler.

100.  Eugen  Ernst.

115.  Kandidaten-Liste  des  Zentral  -  Verbandes  der  Äandlungsgehilfen  und
Gehilfinnen  Deutschlands
        <pb n="252" />
        256

übertragen.  Das  letztere  war  unter  anderem  der  Fall  beim  großen
Kampf  der  Metalldrücker  und  Gürtler,  der  im  Lerbst  1903  zur  Aussperrung ­
  von  über  3000  Arbeitern  führte.  Im  Jahresbericht  des  Berliner
Arbeitersekretariats  für  1903  findet  man  auf  Seite  74  und  75  eine  Liste
von  15  in  jenem  Jahr  vor  dem  Einigungsamt  abgeschlossenen  Verträgen,
darunter  zwei  beim  Gericht  deponierte  Tarifverträge  zwischen  ganzen
Organisationen  der  Unternehmer  und  der  Arbeiter.  Von  53  im  Jahre  1904  in
Berlin  in  Kraft  befindlichen  kollektiven  Arbeitsverträgen  waren  27,  also  gerade
die  Lälfte,  vor  dem  Einigungsamt  abgeschlossen  worden,  und  nur  bei  10
von  diesen  war  ein  Streik  vorausgegangen,  17  hatten  ohne  einen  solchen
vermittelt  werden  können.
Eine  bedeutungsvolle  Arbeit,  die  eine  vom  Ausschuß  des  Berliner
Gewerbegerichts  eingesetzte  Kommission  im  Laufe  des  Jahres  verrichtet  hat,
war  die  Ausarbeitung  der  Grundzüge  eines  Gesetzentwurfs  über  die
Regelung  des  Akkord-  (Geding-)  Vertrages  im  Anschluß  an
die  Vorschriften  des  Bürgerlichen  Gesetzbuches  über  den  Dienstvertrag, ­
  mit  besonderen  Bestimmungen  über  den  Gruppenakkord.
Die  Arbeit,  die  im  August  1906  durch  einstimmige  Annahme  der  Vorlage
der  Kommission  ihren  Abschluß  fand,  interessierte  begreiflicherweise  die
Gewerkschaften,  aus  deren  Reihen  auch  die  Anregung  zu  ihr  gekommen
war,  in  hohem  Grade  und  wurde  von  ihnen  durch  Gutachten  und  Auskünfte
wesentlich  unterstützt.  Besonders  erwähnt  wird  in  dieser  Hinsicht  der
Aufsatz  des  Berliner  Arbeitersekretärs  Alwin  Körsten  „Ist  Akkordarbeit ­
  Dienst-  oder  Werkvertrag?"  Den  Entwurf  selbst  findet  man  im
Bericht  des  Berliner  Arbeitersekretariats  für  1906.  Ein  Satz  aus  diesem
Jahresbericht  betrifft  das  Gewerbegericht  als  Einigungsamt  und  lautet:
„Dem  Berliner  Gewerbegericht  kann  auch  für  das  verflossene  Jahr
das  Anerkenntnis  nicht  versagt  werden,  daß  es  bestrebt  war,  bei
Einigungsverhandlungen  zwischen  Arbeitnehmern  und  Arbeitgebern  die
ausgleichende  Linie  zu  finden  und  in  den  meisten  Fällen  zwischen
den  Parteien  zufriedenstellende  Resultate  zu  erzielen  wußte."
Das  konnte  aber,  wiederholen  wir,  das  Gewerbegericht  nur  dank  der
Löhe  der  Arbeiterorganisation.  In  allen  seinen  Betätigungen:  als  Rechtsinstanz, ­
  als  Aussteller  von  Gutachten  und  als  Vermittler  oder  Schiedsrichter ­
  in  gewerblichen  Konflikten  ist  es  Zeuge  für  die  Regsamkeit  und
Kraft  der  Berliner  Arbeiterbewegung.
        <pb n="253" />
        1!on  links  nach  rechts:  Schumann,  Siering,  Schade,  Brückner,  Link,  Ritter,  Körsten,  Busse,  Börner,  Maaß,  Ernst,  Larkmann.
Der  Ausschuß  der  Berliner  Gewerkschafts-Kommission
        <pb n="254" />
        Neuntes  Kapitel.
Die  Gewerkschaftsbewegung  Berlins.

a)  Die  Entwicklung  der  Gewerkschaften.
^U^ur  langsam  und  unregelmäßig  hatten  sich  unter  dem  Sozialistengesetz
1  die  Gewerkschaften  Berlins  entwickeln  können.  Einem  organisch  sich
vollziehenden  Aufbau  und  Ausbau  standen  die  wechselnde  Praxis
in  der  Handhabung  des  Ausnahmegesetzes  durch  die  Behörden  und  die
Fußangeln  des  preußischen  Vereinsgesetzes  im  Wege.  Statt  ihre  Organisationsform
  und  den  Ausbau  ihres  Wirkungsgebiets  lediglich  von  den  Bedürfnissen ­
  der  Gewerkschaftsarbeit  bestimmen  zu  lassen,  mußten  die  Gewerkschaften ­
  sie  in  hohem  Grade  von  Rücksichten  abhängig  machen,  die  mit
ersteren  nichts  direkt  zu  tun  hatten,  und  blieben  dadurch  auch  in  bezug  auf
Wachstum  und  Leistungsfähigkeit  in  größerer  Abhängigkeit  vom  Wechsel
der  Geschäftskonjunkturen,  als  es  bei  ungehemmter  Entwicklung  der  Fall
gewesen  wäre.
Immerhin  hatteir  sich  noch  unter  dem  Sozialistengesetz  die  Gewerkschaften
Berlins,  wie  im  zweiten  Band  dieser  Geschichte  berichtet  wurde,  in  der  Streik-Kontrollkommission
  eine  Instanz  für  die  Regelung  gemeinsamer  örtlicher
Angelegenheiten  gewerkschaftlichen  Charakters  geschaffen  (vergleiche  Bd.  ll
dieser  Geschichte,  Seite  327/328).  Sie  bestand  unter  diesem  Namen  bis
Ende  1892,  wo  sie,  entsprechend  den  sich  erweiternden  Arbeiten  der  Kommission, ­
  den  Namen  Berliner  Gewerkschaftskommission  erhielt,
den  sie  heute  noch  trägt.  In  den  ersten  Jahren  arbeitete  sie  mit  überaus
bescheidenen  Mitteln  und  konnte  daher  nur  summarische  Abrechnungen  veröffentlichen. ­
  Die  letzte  dieser  Abrechnungen  bezieht  sich  auf  die  Zeit  vom
14.  Juli  bis  zum  27.  Dezember  1892  und  verzeichnet  eine  Einnahme  von
3012  Mk.  (wovon  980  Mk.  Extrabeiträge  für  die  Vertretung  am  Gewerbegericht ­
  waren)  und  eine  Ausgabe  von  1718  Mk.  Die  beiden  folgenden
Berichte  rühren  schon  von  der  Gewerkschaftskommission  her,  der  erste  davon
für  die  Zeit  vom  29.  Dezember  1892  bis  zum  7.  August  1893.  Nach  ihm
betrugen  die  Einnahmen,  abzüglich  eines  Vortrags  von  1007  Mk.,  4081,
die  Ausgaben  3727  Mk.  Allmählich  hatten  sich  die  Arbeiten  der  Kommission
so  vermehrt,  war  namentlich  das  Bedürfnis  der  Arbeiter  nach  Auskunft
über  die  neuen  Versicherungs-  und  Gewerbegesehe  so  gestiegen,  daß  sich  nun
die  Notwendigkeit  der  Einrichtung  eines  ständigen  Bureaus  der  Kommission
immer  dringender  geltend  machte.  Sie  ward  nach  eingehenden  Debatten
Bernstein,  Berliner  Gechtchte.  III.  17
        <pb n="255" />
        258

um  die  Jahreswende  1893/94,  wo  der  Kommission  84  gewerkschaftliche  Organisationen ­
  angehörten,  mit  den  Stimmen  von  72  Organisationen  gegen  4  ablehnende ­
  Organisationen  und  8  Enthaltungen  beschlossen,  und  Anfang  1894
tritt  das  Berliner  Gewerkschastsbureau  ins  Leben,  das  von  Anfang
an  die  wesentlichen  Aufgaben  eines  Arbeitersekretariats  —  Erteilung  von
Auskunft  an  Arbeiter  über  Fragen  des  Arbeiterrechts  —  mit  übernimmt.  Der
erste  Sekretär  ist  der  Goldarbeiter  Permann  Faber,  dem  ein  überwachender
Ausschuß  der  Kommission  zur  Seite  stand,  und  das  erste  Bureau  ist  ein
bescheidenes  Zimmer,  Nosenstraße  28,1.  Von  nun  ab  haben  wir  Berichte
in  Broschürenform,  die  erst  noch  halbjährlich,  von  1897  aber  als  Jahresberichte
erscheinen  und,  mit  kurzer  Unterbrechung,  von  Jahr  zu  Jahr  inhaltsreicher
ausfallen.  Erst  vom  Jahre  1902  ab  finden  wir  in  diesen  Berichten  den
Namen  „Arbeiter-Sekretariat  Berlin",  aber  der  Sache  nach  hatte
das  Gewerkschaftsbureau  lange  vorher  schon  sich  vollständig  zu  einem  solchen
Institut  ausgebildet.  Es  hatte  mit  der  erwähnten  Unterbrechung,  die  durch  den
Wechsel  in  der  Person  des  Sekretärs  verursacht  war,  in  seinen  Berichten  alle
diejenigen  Informationen  gegeben,  die  anderwärts  die  Sekretariate  veröffentlichten. ­
  Schon  der  Bericht  für  das  zweite  Halbjahr  1894  enthält
eine  Gewerkschafts-  und  Arbeitsmarkt-Statistik,  die  zwar  noch  etwas  urwüchsig
aussieht,  aber  doch  nicht  ohne  Wert  ist.  Von  jenem  Jahre  ab  erst  haben
wir  einen  Anhaltspunkt  für  die  Entwicklung  der  Gesamtzahl  der  gewerkschaftlich ­
  organisierten  Arbeiter  Berlins.  Für  frühere  Jahre  ist  diese  Zahl
nicht  mehr  zu  ermitteln,  weil  bei  einer  Anzahl  von  Fachvereinen  ein
archivarisches  Interesse  noch  gar  nicht  vorhanden  war,  die  damaligen  Abrechnungen ­
  lückenhaft  und  oft  undatiert  sind.  Sogar  über  die  Tätigkeit  und
das  Finanzwesen  der  Gewerkschaftskommission  selbst  ist  für  die  Zeit  bis  zum
Jahre  1894  nur  sehr  lückenhaftes  Material  vorhanden.
Wie  es  um  die  Gewerkschaftsbewegung  Berlins  in  der  ersten  Hälfte
der  neunziger  Jahre  vielfach  noch  bestellt  war,  ersieht  man  aus  einer  Bemerkung ­
  im  Bericht  der  Gewerkschaftskommission  für  das  zweite  Halbjahr
1894.  Dieser  Bericht  bringt  die  erste  Gewerkschaftsstatistik  Berlins,
und  im  Kommentar  dazu  bemerkt  er  zur  Begründung  der  Mängel  der
Statistik,  daß  sich  etliche  Gewerkschaften  der  Mitwirkung  an  der  Statistik  widersetzt ­
  hätten,  „weil  das  Anternehmertum  aus  der  Kenntnis  der  Stärke  der  Gewerkschaften ­
  allein  nur  Vorteil  ziehen  könnte".  Eine  Motivierung,  der  man
überall  dort,  aber  auch  nur  dort  begegnet,  ivo  die  Gewerkschaften  noch
schwach  an  Mitgliedern  und  Finanzen  sind.  In  der  Tat  weist  die  Statistik
denn  auch  für  die  84  Gewerkschaften,  von  denen  sie  berichtet,  nur  38  432
Mitglieder  (37  022  männliche  und  1410  weibliche  Mitglieder)  nach.  Wenn
dabei  nun  auch  diejenigen  Vereine,  die  keine  Angaben  machten,  unberücksichtigt
geblieben  sind,  so  waren  das  doch  eben  Verbindungen,  die  entweder  nur
mit  unbedeutenden  Zahlen  aufwarten  konnten  oder  zumeist  mehr  berufliche
Hilfsvereine  als  Gewerkschaften  waren.  Wir  tun  viel,  wenn  wir  für  die
wirkliche  Gewerkschaftsbewegung  die  Zahl  um  insgesamt  5400  erhöhen  und
so  für  Ende  1894  42  000  gewerkschaftlich  organisierte  Arbeiter  in  Berlin
ansehen,  neben  etwa  1800  organisierten  Arbeiterinnen.  Es  ist  aber  zu
bemerken,  daß  das  Jahr  1894  den  Anfang  der  Erholung  von  mehreren
Jahren  sehr  schlechten  Geschäftsganges  bildet,  unter  dessen  Wirkung  verschiedene ­
  Gewerkschaften  in  den  Jahren  1892  und  1893  stark  an  Mit-
        <pb n="256" />
        259

116.  Skizzen  von  dem  1894  in  Berlin  tagenden  internationalen  Bergarbeiterkongreß

gliedern  verloren  hatten.  Im  Jahre  1890  war  die  Gesamtzahl  unzweifelhaft ­
  eine  höhere  gewesen,  doch  ist  es  nicht  mehr  möglich,  sie  genau  zu
berechnen.
Die  Gesamtzahl  der  Gewerkschaftsmitglieder  Berlins  hat  sich  gemäß
den  Berichten  der  Gewerkschastskommission  von  1894  ab  wie  folgt  gestellt:
1894  ....  38  432  Mitglieder  1897  ....  59  975  Mitglieder
1895  ....  49435  1898  .  .  .  .  64799
1896  ....—*)
Bis  zu  diesem  Jahre  figurieren  in  der  Zusammenstellung  auch  noch  die
Mitgliederzahlen  der  Berliner  Organisationen  der  lokalistisch  organisierten
*)  Für  das  Jahr  1896,  wo  der  Geheimbundsprozeß  schwebte,  liegt  keine  Zusammenstellung ­
  vor.

17»
        <pb n="257" />
        m

B;;'
-  ---  -  :  ■

—  260  —
Gewerkschaften,  da  diese  Vereine  sich  bis  dahin  in  der  Berliner  Gewerkschaftskommission ­
  vertreten  ließen.  Indes  hatten  sich  im  Laufe  der  Jahre,
wie  in  der  allgemeinen  Gewerkschaftsbewegung,  so  auch  in  Berlin  die
Gegensätze  zwischen  „Verbändlern"  und  „Lokalisten"  immer  mehr  zugespitzt,
und  als  im  Frühjahr  1898  auf  einer  Delegiertenversammlung  der  Gewerkschastskommission
  der  Antrag  des  Vertreters  der  Buchdrucker  Massini
Annahme  fand,  daß  fortan  die  Organisationen  das  Recht  haben  sollten,
für  jede  500  Mitglieder  einen  Delegierten  bis  zur  Höchstzahl  von  sechs
Delegierten  zu  entsenden,  nahmen  dies  die  Anhänger  der  lokalistischen
Richtung  sowie  vorübergehend  auch  die  örtliche  Verbindung  des  zentralistischen ­
  Verbandes  der  Schmiede  zum  Anlaß,  aus  der  Gewerkschaftskommission
auszutreten,  indem  sie  erklärten,  durch  den  neuen  Abstimmungsmodus  wollten
die  großen  Gewerkschaften  die  kleinen  „majorisieren".  Ein  wenig  berechtigter
Vorwurf,  denn  die  großen  Gewerkschaften  —  es  hatten  die  Buchdrucker  5000,
die  Holzarbeiter  8300  und  die  Metallarbeiter  über  13  000  Mitglieder  —
blieben  danach  noch  weit  unter  dem  Verhältnis  ihrer  Stärke  vertreten  und  konnten
von  den  40  bis  50  Gewerkschaften,  die  unter  1000  Mitglieder  hatten,  immer
noch  mit  Leichtigkeit  überstimmt  werden.  Richtig  war  nur,  daß  nach  diesem
Modus  die  zentralistisch  organisierten  Maurer  mehr  Delegierte  entsenden
konnten  als  die  Maurer  des  lokalistischen  Vereins  und  so  gegebenenfalls  in
einer  Frage  ihres  Gewerbes  mit  größerem  Gewicht  als  diese  auftreten
konnten,  denn  sie  zählten  schon  gegen  4000,  jene  aber  nur  2500  Mitglieder.  Da
nun  der  Lokalverein  der  Maurer  die  stärkste  lokalistische  Organisation  Berlins
war,  so  ist  es  immerhin  verständlich,  daß  die  Annahme  des  neuen  Vertretungsmodus ­
  von  den  Angehörigen  dieser  Richtung  als  das  Signal  zum
Austritt  aus  der  Kommission  genommen  wurde.  Sie  waren  dort  zum
Fremdkörper  geworden.
Im  ganzen  figurieren  in  der  Zusammenstellung  für  1898  die  lokalistischen ­
  Gewerkschaften  mit  5554  Mitgliedern.  Zieht  man  diese  Zahl  von
der  Gesamtzahl  jenes  Jahres  ab,  so  bleiben  für  die  zentralistisch  organisierten ­
  Gewerkschaften  und  die  zu  ihnen  stehenden  Vereine  59  245  Mitglieder. ­
  Von  dieser  Zahl  aus  ist  die  weitere  Entwicklung  mit  der
Einschränkuitg  zu  werten,  daß  es  die  ganze  Zeit  über  eine  Anzahl
kleinerer  Vereine  gibt,  die  in  den  Berichten  abwechselnd  auftauchen
und  wieder  verschwinden.  Die  einen  schließlich  dauernd,  weil  sie  sich
mit  andern  Organisationen  verbunden  haben  oder  in  sie  aufgegangen  sind,
die  andern  immer  nur  zeitweise,  weil  sie  tritt  ihren  Berichten  usw.  im
Rückstand  sind.
Anter  Berücksichtigung  dieser  Schwankungen,  die  indes  in  keinem  Jahr
nennenswerte  Ausfälle  verursachen,  haben  wir  die  folgende  Zusammenstellung ­
  für  die  Entwicklung  der  Zahl  der  in  der  Berliner  Gewerkschaftskommission ­
  von  1898  ab  vertretenen  Gewerkschaften  und  die  Gesamtzahl
ihrer  Mitglieder  zu  lesen.  Es  gehörten  der  Kommission  an  und  erstatteten
rechtzeitig  Bericht:
1898  82  Organisationen  mit  59  245  Mitgliedern
1899  "
1900
1901
1902

62

„  70  723

69

„  94  758

73

„  93  562

65

„

„  108  729
        <pb n="258" />
        117.  Vorderansicht  des  Berliner  Gewerkschaftshauses

1903  70  Organisationen  mit  134  897  Mitgliedern
1904  73  „  „  174194
1905  80  „  „  224  297

Ein  Bild  wahrhaft  glänzenden  Aufstiegs.  Er  übertrifft  den  in  der
gleichen  Zeit  vor  sich  gegangenen  Zuwachs  der  Arbeiterschaft  Berlins  um
ein  Bedeutendes.  Der  letztere  belief  sich  in  den  der  Gewerbeinspektion
unterstehenden  Betrieben  von  Berlin  mit  Charlottenburg,  Schöneberg  und
Nixdorf  auf  etwa  50  Proz.,  nämlich  von  rund  190  000  auf  rund  286  000,
während  wir  hier  einen  Zuwachs  von  nahezu  280  Proz.  oder  auf  das
Vierfache  vor  uns  haben.
Nur  einmal  stoßen  wir  in  der  Tabelle  auf  eine  Unterbrechung  der
Aufwärtsbewegung.  Es  ist  dies  beim  Jahr  1901,  das  Jahr  eines  neuen
Geschäftsdrucks.  Aber  obwohl  der  Stillstand  der  Geschäfte  mit  großer
Schärfe  einsetzte  und  starke  Arbeitslosigkeit  im  Gefolge  hatte,  ist  der  Rückgang ­
  der  Mitgliederzahl  der  Gewerkschaften  diesmal  im  Gegensatz  zu
1892/93  fast  verschwindend,  kaum  IVa  Proz.  And  trotzdem  der  Geschäfts-
        <pb n="259" />
        druck  im  nächsten  Jahre  noch  andauerte,  bringt  dieses  —  1902  —  schon
einen  neuen  Aufschwung  von  über  15  Proz.  Das  zeigt,  welche  innere
Festigkeit  die  Bewegung  mittlerweile  gewonnen  hatte.  Nach  überwundener
Geschäftsstockung  erfolgt  dann  der  fast  beispiellose  Aufschwung,  der  in  drei
Jahren  die  Mitgliederzahl  gegenüber  1902  mehr  als  verdoppelt.
Den  Entwicklungsgang  der  Gewerkschaften  Berlins,  Organisation  für
Organisation,  mit  Bezug  auf  Kampf  und  Ausbau  im  Einzelnen  zu  verfolgen, ­
  überschreitet  die  Aufgabe  dieses  Buches.  Es  wird  das  von  anderer
Seite  in  die  Land  genommen  werden  und  jedenfalls  ein  stattliches  Werk
abgeben.  Ans  sollen  in  besonderen  Kapiteln  einige  wenige  jener  gewerkschaftlichen ­
  Kämpfe  Berlins  beschäftigen,  die  über  den  Nahmen  des  gerade
betroffenen  Gewerbes  hinaus  die  Geister  stärker  in  Anspruch  nahmen.
Anter  einem  Gesichtspunkt  jedoch  haben  auch  die  einzelnen  Organisationen ­
  hier  auf  Erwähnung  Anspruch.  Es  betrifft  das  ihre  Entwicklung
in  bezug  auf  die  Ziffern  ihrer  Mitglieder  in  der  Zeit  von  1894,  dem  Jahr
des  ersten  umfassenden  Berichts  der  Gewerkschaftskommission,  bis  zum  Endjahr
unserer  Periode.  Es  ist  diese  Gegenüberstellung  keine  ganz  einfache  Sache,
da  in  der  Zwischenzeit  sich  mancherlei  Veränderungen  in  den  Organisationen
vollzogen  haben.  Die  bedeutsamen  technischen  Amwälzungen  in  der  Industrie
konnten  das  Verhältnis  der  einzelnen  Industriebranchen  zueinander  nicht
unberührt  lassen.  Führten  sie  in  einem  Fall  zu  Verschmelzungen,  so  im
andern  zu  Differenzierungen,  es  entstehen  Berufe  mit  ganz  neuen  Benennungen. ­
  Auch  haben  die  Grundsätze,  nach  denen  die  Statistik  der  Gewerkschaftskommission ­
  angefertigt  wird,  im  Laufe  der  Zeit  wesentliche
Änderungen  erfahren.  Zu  Anfang  wird  der  Hauptwerk  auf  Vollständigkeit
in  der  Aufzählung  der  bestehenden  Vereine  gelegt  und  werden  auch  eine
Anzahl  Vereine  erwähnt,  die  der  Gewerkschaftskommission  nicht  angehören.
Später  aber  verzeichnen  die  Berichte  nur  die  der  Gewerkschaftskommission
angeschlossenen  Organisationen  und  gehen  dafür  von  1902  ab  um  so  genauer
auf  deren  Verwaltung  in  Einnahmen  und  Ausgaben  ein.  Am  letzteres
gleich  vorweg  zu  nehmen,  so  zeigen  uns  die  Totalsummen  von  Einnahmen
und  Ausgaben  in  den  vier  Jahren  von  1902  bis  1905  folgendes  Bild:
Gesamt-Einnahme  Gesamt-Ausgabe
der  in  der  Gewerkschaftskommission  vertretenen  Berliner  Gewerkschaften

1902  2  447  163  Mark  1902  2345956  Mark
1903  3  328  603  „  1903  3  288  278  „
1904  4  852  225  „  1904  4  879456
1905  6  548  788  „  1905  5  998  079

In  dieser  Zeit  war  die  Zahl  der  Mitglieder  von  108  729  auf  224  279
oder  um  106  Proz.  gestiegen,  die  Steigerung  der  Einnahmen  aber  macht
168  Proz.  aus.  Dies  läßt  erkennen,  daß  in  diesen  wenigen  Jahren  eine
wesentliche  Erhöhung  der  Beiträge  vor  sich  gegangen  ist.  1902  kommt  eine
Iahresleisttrng  von21'/gMk.  auf  das  Mitglied,  1905  eine  solche  von  über
29  Mk.  Auch  dies  bezeugt  die  zunehmende  Festigkeit  der  Bewegung.
In  bezug  auf  die  Organisation  der  einzelnen  Gewerbe  hat  der  in
seiner  Art  sehr  sorgfältig  ausgearbeitete  Bericht  von  1894  eine  Einteilung
der  Gewerbe  in  acht  große  Gruppen  verwandter  Industrien  vorgenommen.
        <pb n="260" />
        263

CBewerhschafts-^Cartelt  für  D  erlin  u.  Umgegend

Bureau:
Berlin  C.--,  Dragonerstrasse  15,  Rot
#  Cclepbott:  Jiml  III.  Ns.  502».  #

Berlin,  den...

6

LJ  90.

Herrn-~~S



/

-r^x^
-  V//,  y?„  .  /  x  .  ^  ^
/ T'^57’^’£~7 r P
6tc~/*~a~*  -  -  --  -  "
“  "  ,-^sAC-^

118.  Aktenstücke  aus  dem  Kampf  zwischen  den  Lokalisten  und  dem  Zentralverband

jede  davon  besonders  vorgeführt  und  dann  erst  die  Summen  der  Gruppen
zusammengestellt,  während  die  späteren  Berichte  die  einzelnen  Gewerbe  einfach ­
  nach  dem  Alphabet  aneinanderreihen.  Letzteres  gibt  jedoch  eine  so  große
Tabelle,  daß  es  mir  für  die  hier  zu  gebende  Vergleichsstatistik  zweckmäßig
erscheint,  zur  ursprünglichen  Einteilung  zurückzukehren.  Dagegen  ist  darin
ein  Prinzip  der  neueren  Zusammenstellungen  beibehalten  worden:  es  sind
bei  diesen  Vergleichen  nur  Organisationen  berücksichtigt  worden,  die  der
Gewerkschaftskommission  angehören.  Was  von  anderen  Organisationen
einige  Bedeutung  hat  oder  gehabt  hat,  die  lokalistischen  Interessenvereine
und  die  Äirschschen  Gewerkvereine,  findet  sich  an  anderer  Stelle  berücksichtigt.
Die  sonst  noch  bestehenden  „wilden"  Vereine  beruflichen  Charakters  können
kaum  der  Arbeiterbewegung,  geschweige  denn  der  Gewerkschaftsbewegung
zugerechnet  werden,  sondern  sind  meist  Äilfs-  und  Geselligkeitsvereinigungen
        <pb n="261" />
        farblosen  Charakters,
manchen  Fällen  könnte  man
auch  sagen  charakterloser
Färbung.  Die  bloße  Tatsache, ­
  daß  ein  Verein  aus
Arbeitern  zusammengesetzt
ist,  macht  ihn  noch  nicht  zum
Glied  der  Arbeiterbewegung.
Indes  sind  auch  fast  alle  diese
Vereine  hinsichtlich  der  Mitgliederzahl ­
  unbedeutend.
Zn  bezug  auf  die  nun
folgenden  Tabellen  ist  noch
folgendes  zu  bemerken.  Iin
Jahre  1894  standen  viele
Fachvereine  im  Verband  der
Gewerkschaftskommission,für
die  es  entweder  überhaupt
noch  keinen  Zentralverband
gab  oder  die  der  Zentralisation ­
  aus  irgendeinem
Grunde  noch  nicht  beitreten
mochten,  es  aber  später  doch
taten.  Bei  all  diesen  Vereinen ­
  ist  in  Klammern  vermerkt: ­
  „1894  Verein".  Wo
der  Vermerk  nicht  steht,
handelt  es  sich  schon  1894  um  Ortsabteilungen  von  Verbänden.  Die  Verschmelzung ­
  von  Fachvereinen  mit  großen  Industricverbändcn  ist  in  anderer
Weise  kenntlich  gemacht.  Ebenso  findet  man  bei  vier  Vereinen  vermerkt,
daß  sie  noch  189ö  nur  erst  lokalen  Charakter  hatten.  Berufe,  deren  Organisationen ­
  erst  nach  1894  der  Gewerkschaftskommission  beigetreten  sind  oder
erst  nach  diesem  Jahr  sich  verselbständigt  haben,  werden  in  jeder  Abteilung
besonders  verzeichnet.
And  nun  zum  Vergleichsbild.  Bemerkt  sei  hierbei,  daß,  wo  keine  besondere ­
  Bezeichnung  angegeben  ist,  es  sich  um  die  Berliner  Ortsstellen  derjenigen ­
  Gewerkschaften  handelt,  die  der  Generalkommission  der  deutschen
Gewerkschaften  angeschlossen  sind.
I.  Gruppe:  Nahrungs-  und  Genußmittel.
Mitglieder  in  Berlin

Bei  den  Verhandlungen,  die  durch  den  .Parieivorstand  Cffffnlafct  find.  jmb
«tmvesend:  .
1.  Vartei-Dorstimdr
L.  Bebel,  W.  Psannkuch,  P.  Singer.  Öt  rl|&amp;lt;$.
2.  GewerksHaftökourmisslp«:
G.  Link.  tz.  «übe,  y.  Silberschmidt,  Wilh.  Börner,  A.  Pansek.  JbhN&amp;gt;
M.  Lother.  Leo  Schmidt,  O.  Böttcher.  H.  Kunz«,  Rob.  ZriSke.
2.  GewerkfchastSkartell:
Danncnbergrr,  Plepenhagen.  A.  Kleinlein,  Earl  rhieme,  Äar  Httüsstk,
Dt.  Be-rndl,  Zonny  Hinrichsen.  I.  Uessem.  ’&amp;lt;S.  Reuter.  91.  Kunisch.
«.  Pleiter.
Die  Konferenz  wird  um  !»/-  Uhr  vom  Genossen  Psannkuch  mit  einigen  Dili'
«Heilungen  über  die  Geschäftshandlung  in  der  Sitzung  und  mit  dem  Hinweis,  daß  über
die  Verhandlungen  ein  Protokoll  aufgenommen  werden  soll,  eröffnet.
AIS  Protokollant  wird  Genosse  Slröhlinger  In  Vorschlag  gebracht.  Di-Ronserenstheilnehmer
  erklären  sich  hiermit  einverstanden.
Die  Verhandlung  einleitend,  schildert  Psannkuch  die  Slothwendigkeit  der  gegenseitigen ­
  Einigung  und  führt  an,  daß  schon  da«  Vorgehen  der  Unternehmer,  d,e  sich
in  großen  Zentralorganisationen  vereinig«  haben,  .einen  engen  Zusammenschluß  der
Arbeiter  ersordert,  da  nur  durch  eine  einheitliche  Organisation  die  wirlhschaftlichen
Interessen  der  Arbeiterschaft  dem  Unternehmerthum  gegenüber  nachdrücklichst  vertreten
werden  können.  Der  Gedanke  der  Zentralisation  sei  ja  auch  auf  beiden  Seiten  vor»
Handen,  so  daß  eS  sich  eigentlich  mir  um  di,  Form  derselben  handelt.  Die  En,.
Wickelung  der  Verbände.  Redner  verweist  namentlich  aus  den  Zinnnerer-Verband.
haben  zur  Genüge  bewiesen,  daß  die  gehegten  Befürchtungen,  diese  Organisationen
würden  die  gewerkschaftlich,  Bewegung  aus  ein  anderes  Gebiet  bringen  und  die
Arbeiterschaft,  von  der  sozialdemokratischen  Partei  abwende,^  durchaus  nicht  eingetroffen
sind.  Dem,  Thatsache  ist.  daß  nach  wie  vor  die  gewerkschastlrche  Bewegmu,  mit  der
politischen  völlig  ein«  ist.  Der  ReutralitätSgedanke,  wie  er  and)  eine  Zeitlang  iw
Berlin  propagir«.  und  ;»var  nicht  immer  im  Sinne  derer,  von  denen  er  zuerst  angeregt ­
  war.  hat  auch  nicht  dazu  geführt,  de»  Geist  dezw  de»  Klassencharakter  der

119.  Erste  Seite  des  Protokolls  über  die
Einigungs-Verhandlungen
        <pb n="262" />
        120.  Aktenstücke  aus  dem  Kampf  zwischen  den  Lokalisten  und  dem  Zentralverband
        <pb n="263" />
        —  266  —

II.  Gruppe:  Lande!,  Verkehr  und  Bedienung.
Mitglieder  in  Berlin

1894  1905
1.  Barbiere  und  Friseure  40  552
2.  Droschkenführer  (noch  1895  Verein)  1034  2619
3.  Gastwirtsgehilfen  (1894  Verein)  700  936
4.  Landels-  und  Transportarbeiter  1632  17  181
5.  Bnreauangestellte  .  143  287_
3  549  21  575
Nach  1894  beigetreten  oder  verselbständigt:
6.  Landlungsgehilfen  (1896  als  freie  Vereinigung  der
Kaufleute)  367  1524
7.  Kassenbeamte  (1894)  137  520
8.  Lagerhalter  (1901)  59  56
9.  Lausdiener  (noch  1905  Verein)  —  7  000
10.  Lafenarbeiter  (1900)  33  532
11.  Straßenbahner  (1902)  .  1011  1  137
Insgesamt  .  5156  32  344
III.  Gruppe:  Baugewerbe  und  Verwandtes.
1.  Maurer,  Zentralverband  850  18  580
2.  Zimmerer,  Verband  200  4  413
3.  Töpfer  (1894  Verein)  948  2  440
4.  Bauhilfsarbeiter  (1894  Verein)  200  7  405
5.  Dachdecker  130  661
6.  Maler  usw  80  5  073
7.  Glaser  100  927
8.  Stukkateure  (1894  Verein)  125  1  257
9.  Steinsetzer  232  613
10.  Steinmetzen  .  300  487_
3  165  41  856
Nach  1894  beigetreten  oder  verselbständigt:
11.  Marmorarbeiter  (1897)  75  240
12.  Rammer  (1900)  350  423
13.  Asphalteure  (1901)  ■  250  220
Insgesamt  .  3  840  42  739

IV.  Gruppe:  Metallgewerbe.
1.  Bau-Anschläger  (1897  Verein)
2.  Chirurgische  Instrumente  (1897  Verein)
3.  Klempner  (1897  Verein)
4.  Firmenschildarbeiter  (1897  Verein)
5.  Zinkgießer  (1897  Verein)
6.  Gold-  und  Silberarbeiter
7.  Metallarbeiter  (Verein)
8.  „  (deutscher  Verband)

9.  Graveure  und  Ziseleure  (1897  Verein)
10.  Maschinisten  und  Leizer  (1897  Verein)
11.  Kupferschmiede
12.  Schmiede

500
250
450
40
45
270
5  000
1223

t*  t*
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7  778  57  473
160  714
640  1  700
200  575
184  3  330

Insgesamt  .  8  922

63  792
        <pb n="264" />
        267

V.  Gruppe:  Lolzarbeiter.
Mitglieder  in  Berlin

1894
1.  Bildhauer  700
2.  Böttcher  400
3.  Lolzbearbeitungsmaschinen-Arbeiter  (1900)  ....  1  100
4.  Stockarbeiter  (1894  Verein)  90
5.  Korbmacher  71
6.  Möbelpolierer  (1894  Verein)  400
7.  Kistenmacher  (1894  Verein)  230
8.  Einsetzer  (1894  Verein)  240
9.  Lolzzurichter  304
10.  Bilderrahmenmacher  (1894  Verein)  65
11.  Knopfarbeiter  (1894  Verein)  70
12.  Stellmacher  (1894  Verein)  45
13.  Lolz-  und  Bretterträger  (1894  Verein)  105
14.  Vergolder  600
15.  Musikinstrumentenmacher  800
16.  Lolzarbeiterverband  (1894:  2800  Tischler,  96  Bürstenund
  Kammacher,  178  Drechsler)  .  3  074

Insgesamt  .  8  294

1905
1275
466
1728

e
s  4

jo  a
£.«

:  &amp;lt;9

©

22  060
25  529

VI.  Gruppe:  Bekleidung,  Stoffe-  und  Lederverarbeitung.

1.  Landschuhmacher
2.  Lutmacher
3.  Kürschner
4.  Lederarbeiter  (Weißgerber)
5.  Lederzurichter  (Lohgerber)
6.  Portefeuille-  und  Lederwarenarbeiter
7.  Sattler
8.  Schneider
9.  Schuhfabrikarbeiter  (1894  Verein)
10.  Filzschuh-  und  Pantoffelarbeiter  (1894  Verein).  .  .
11.  Schuhmacher
12.  Tapezierer
13.  Textilarbeiter  (Färber,  Posamentierer,  Weber  u.  Wirker
14.  Wäsche-Arbeiter  .  ■_
Nach  1894  beigetreten:
15.  Zuschneider  (1905  noch  Verein)  _.  ■_
Insgesamt  .

90

178

830

819

88

129

351

790

100

252

250

630

150

2  067

550

5  000

385)

1895  Im  Deut-207



scheu  Schuhni.-Verband


403)

1944

280

1521

786

1554

80

4  000

18  884

170
4  550  19  054

VII.  Gruppe:  Graphische  Gewerbe,  Buch-  und  Papierindustrie.

1.  Buchbinder,  Album-  usw.  Fabrikation  1  150  5  471
2.  Buchdrucker  3  000  8  689
3.  Buchdruckereihilfsarbeiter  404  2  753
4.  Schriftgießer  299  548
5.  Formstecher  55  62
6.  Lithographen,  Steindrucker  usw  850  3  136
7.  Xylographen  ■  121
5  879  20  814
Nach  1894  beigetreten:
8.  Photographen  (1904)  ■  210  290
Insgesamt  .  6  089  21  104
        <pb n="265" />
        VIII.  Gruppe:  Verschiedene  Gewerbe.
Mitglieder  in  Berlin

!.  Fabrik-  und  .Hilfsarbeiter  853
2.  Glasarbeiter  237
3.  Glasschleifer  84
4.  Porzellanarbeiter  140
5.  Musiker  ■  280
Nach  1894  beigetreten  oder  verselbständigt:
6.  Städtische  Arbeiter  &amp;lt;1897)  250
7.  Technisches  Bühnenpersonal  (1900)  •  180

1905
3  612
310
398
215
227

5  455
120

Insgesamt

10  337

Es  sind  somit  im  ganzen  90  Vereinigungen  teils  vor  und  teils  nach
1894  als  selbständige  Verbindungen  der  Gewerkschaftskommission  beigetreten,
für  deren  Berufe  wir  1905  80  Organisationen  aufgeführt  finden.  Eine
Zusammenstellung  der  Endsummen  der  acht  Gruppen  mag  das  Bild  für
den  Vergleich  etwas  anschaulicher  machen.

Wiederholung.

Es  hatten  Mitglieder:

1894

1905

Zunahme:
Absolut  Prozent

Gruppe  I

2199

8178

+  5  979

271,8

„  II

3  549

32  344

+  28  795

811,4

„  III

3165

42  739

+  39  574

1  250,4

„  IV

8  922

63  792

+  54  870

715,0

„  V

8294

25  529

+  17  235

207,8

„  VI

4  550

19  054

+  14  504

318,8

„  VII

5  879

21  104

+  15  225

259,0

..  VIII

1  594

10  337

+  8  743

548,5

Insgesamt  .

38152

223  077

+  184  925

484,7

Die  Endsummen  weichen  hier  etwas  von  den  weiter  oben  (Seite  259/261&amp;gt;
für  die  beiden  Jahre  gegebenen  Gesamtzahlen  ab,  eine  Folge  des  Llmstandes,
daß  die  Zahlen  für  die  lokalorganisierten  Vereine  aus  dieser  Zusammenstellung ­
  fortgelassen  sind.
Eine  Vergleichung  der  Gruppen  zeigt  uns  den  verhältnismäßig  stärksten
Zuwachs  in  der  Gruppe  III:  Lande!  und  Verkehr,  wo  die  Zahl  der
organisierten  Arbeiter  in  den  elf  Jahren  um  mehr  als  das  Zwölfsache
gestiegen  ist.  Es  ist  die  Organisation  der  Landels-  und  Transportarbeiter, ­
  die  den  größten  Anteil  an  diesem  Aufschwung  geliefert  hat.
Llm  das  Achtfache  vermehrt  sehen  wir  die  Organisierten  des  Baugewerbes, ­
  wo  dem  Prozentsatz  nach  die  Maler,  der  absoluten  Zahl
nach  dagegen  die  Maurer  die  größte  Zunahme  ausweisen.  In  der  Reihe
der  Gruppen  folgte  der  relativen  Steigerung  nach  nun  die  Metallindustrie
(Gruppe  IV)  mit  einer  Zunahme  um  das  Siebenfache.  Sie  steht  aber
in  bezug  auf  das  absolute  Wachstum  mit  einer  Zunahme  um  rund
55  000  Organisierte  an  der  Spitze  der  Gewerkschaftsarmee,  von  der  sie
allein  mehr  als  den  vierten  Teil  umfaßt.  Der  Siegeslauf  der  Maschine
und  der  Metallverwendung  ist  es,  von  dem  diese  Gruppe  zu  erzählen  weiß.
Gemäß  dem  relativen  Wachstum  folgen  nun  der  Reihe  nach  Gruppe  VII!:
        <pb n="266" />
        121.  Erste  Seite  eines  Flugblattes  mit  der  Antwort  der  Gewerkschaftskommission
an  die  Sonderbündler

An  die  Arbeiter  Berlins  und  Umgegend.
Achtung!  chewervegerichtSWLhl!

Ohne  all«  Aufregung  haben  sich  feit  dem  Bestehen  der  Gewerbegerichte
  in  Berlin  die  Wahlen  zu  denselben  vollzogen.  Dieser  Zustand
soll  nun,  so  will  eS  daS  lokalistische  GewerkschastS«  Kartell,  sein
Ende  sinden;  diesmal  gibt  cs  Kämpft
In  dem  Organ  d«r  lolalistischen  Sonderbündler,  der  „Einigkeit",
Nr.  4V  vom  8.  Oktober  d.  I.,  von  welchen  ein  Sonderabdruck,  auch
ein  Flugblatt  erscheint,  wird  die  Kampfparolc  de.S  Kartells  gegen
die  in  der  Berliner  Gewerkschafts-Kommission  vereinigte  zentralisierte
Arbeiterschaft  ausgegeben.  Das  Kartell  hat  neun  eigne  Kandidaten
für  die  Gewerbegerichts-Wahlen  aufgestellt  und  präsentiert  diese  den
Wählern  in  alle»  16  Wahlbezirken.  Dies  geschieht  in  der  stillen
Hoffnung,  daß  in  dem  einen  oder  anderen  Bezirk  durch  laue  Wahlbeteiligung ­
  der  zentralorganifierten  Gewcikschaftler  ein  Sieg  der
lokalistischen  Kandidaten  nicht  ausgeschlossen  ist.  Die  große  Maffe
der  Berliner  Arbeiterschaft  soll  also,  so  gut  als  cs  geht,  von
drn  Anhängern  des  Kartells  überrumpelt  werden.  Aus  diesem
einzigen  Grunde  erscheint  auch  der  Kampfescufruf  der  Lokakisten  knapp
acht  Tage  vor  dem  Stattsinden  der  Wahl.
In  letzter  Stunde
wird  also  seitens  der  Sonderbündler  versucht,  den  nicht  eingeweihten
Massen  plausibel  zu  machen,  daß  die  GewerkschaftS-Kommission  eö  fci&amp;gt;
die  den  Kampf  heraufbeschworen  habe.  Einen  Abwehrkampf  wollen
die  Lokalistrn  a»S  ihrem  Angriff  machen.  Der  Spieß  soll  wieder
einmal  umgedreht  werden.  Der  Gewerkschafts-Kommission  und  den
von  ihr  vertretenen  Gewerlschaften  ist-eS  gar  nicht  eingefallen.  Streit
vom  Zaune  zu  brechen;  es  fehlt  ihr  wirklich  alle  Veranlagung  zur
berufsmäßigen  Krakehlerei;  es  fehlt  ihr  aber  auch  dir  Lust,  den
Gegnern  da»  amüsante  Schauspiel  zu  bieten,  wie  organisierte
Arbeiter  sich  gegenseitig  zerfleischen.  Das  war.  von  jeher  nur
das  Prinzist  der  Sonderbündler,  das  Um  und  Auf  alles  dessen,
was  diese  m  sichtlicher  Verwechslung  der  Begriffe  „Klassenkamps"
nennen.  Und  ^un  stellen  sich  diese.  Friedensstörer  aus  Prinzip,  der
Berliner  Arbeiterschaft  in  der  Toga  der  Märtyrer  vor;  sie  schreien
über  Vergewaltigung  und  wollen  dadurch  daS  Mitleid  erregen;  sie
betteln  um  Pardon,  um  später  aus  gesichertem  Hinterhalt  ihre  giftigen
Pfeile  der  zentralorganisierten  Arbeiterschaft  in  den  Rücken  senden,
diese  ob  ihrer  Leichtgläubigkeit  und  ihres  guten  Herzens  auSgiebig
verspotten  zu  können.
Warum  ist  eS  denn  der  Gewerkschafts-Kommission  und  den  zentralen
Gewerkschaften  zur  Unmöglichkeit  geworden,  bei  den  Gewerbegerichts-Wahlen
  mit  den  Lokalisten,  mit  deren  Kartell  Hand  in  Hand  zu
gehen?  Ter  tausend  gewichtige,  weite  und  tiefe  Gründe  find  es,
die  dazu  zwangen  —  zwangen  mit  eherner  Notwendigkeit,  wollte
nicht  die  Majorität  der  Minorität  stetiger  gehorsamer  Diener  sein.
„Wie  entstand  der  Konflikt?"  fragt  die  lokalistische  „Einigkeit"
und  antwortet  selber  darauf:
„B'.S  zum  Jahre  1699  arbeiteten  beide  Richtungen  durch  ihre
Delegierten  gemeinsam  innerhalb  der  Kommission  friedlich  nebeneinander. ­
  Die  in  demselben  Jahre  erforderliche  Anstellung  eines
zweiten  Beamten  gab  Aufschluß  über  die  näheren  Kassenverhältnisse,
wobei  sich  herausstellte,  daß  die  großen  Gewerkschaften  geringer  eingeschätzt ­
  waren  als  kleinere.  Die  Beiträge  sollten  nun  prozentual
verteilt  werde«,  dafür  verlangten  die  großen  Zentralverbände  einen
neuen  Abstimmungsmodus;  sie  erklärten,  für  die  hohen  Beiträge  ein
größeres  Stimmrecht  zu  beanspruchen  und  drohten  mit  sofortigem
Austritt,  wenn  ihrem  Wunsche  nicht  Rechnung  getragen  würde.

Folgender  Antrag,  der  in  namentlicher  Abstimmung  Annahme
fand,  lautete:  „Jede  Gruppe  bis  zu  1500  Mitgliedern  hat  eine
Stimme,  bis  zu  3000  Mitgliedern  zwei  Stimmen  und  über  3000  Mit.
gliedern  drei  Stimmen."
Dieser  Antrag  wurde  in  der  nächsten'Versammlung  mit  der
Motivierung,  derselbe  bedeute  einen  Verstoß  gegen  die  Zentralisation, ­
  von  neuem  zur  Debatte  gestellt  und  ein  anderer,  drn  großen
Verbänden  genehmerer  Antrag  angenommen,  welcher  lautete:  „Gewerkschaften ­
  bi«  zu  500  Mitgliedern  senden  1  Delegierten,  bis  zu
1000  Mitgliedern  senden  3  Delegierte  in  die  Kommission.  Größeren
Gewerlschaften  ist  es  gestattet,  sich  dem  vorstehenden  gemäß  ihrer
Stärke  nach  vertreten  zu  lassen,  jedoch  nicht  mit  mehr  denn  6  Delegierte ­
  pro  Gewerkschaft."
Dieser  Antrag  bedeutete  eine  Erdrosselung  der  kleineren
Gewerkschaften  und  war  darauf  berechnet,  sie  mundtot  zu  machen.
Dieses  undemokratische  Verhalten  von  Berliner  Arbcilervertretern
  veranlaßte  un«,  die  Berliner  Gewerkschafts-Kommission  zu
verlassen,  nachdem  man  dir  zum  letzten  Augenblick  gehofft,  daß  das
demokratische  Prinzip  gewahrt  bleiben  würde.
Nach  diesem  Vorgang  traten  die  Vertreter  von  35  Organisationen ­
  mit  10  356  Mitgliedern  zusammen  und  gründeten  das
„Gewerkschafts-Kartell  ftir  Berlin  und  Umgegend".
Hier  ist  der  sonnenklare  Beweis  erbracht,  daß  die  Leute  im  Kartell
gar  nicht  wissen,  waS  Demokratie  ist.  Der  kleine  Verein  der  Kleber
mit  seinen  25,  oder  der  der  Töpfer  mit  seinen  30  Mitglicderu,
sollte  daS  glrichgcwichtigr  Stimmrecht  in  der  Kommission  haben,  wie
der  40  000  Mitglieder  zählende  Metallarbeiter-Verband,  dann  würde
nach  Ansicht  der  Lokalisten  „daS  demokratische  Prinzip"  gewahrt  geblieben ­
  sein.  Nun  würde  man  aber  mit  Recht  einen  Mathematiker,
der  behaupten  wollte,  daß
25  —  40  000
sei,  in«  NarrenhauS  sperren.  Wenn  das  Prinzip  der  Gleichheit  gewahrt ­
  bleiben  sollte,  dann  müßten  die  Metallarbeiter  so  viel  Vertreter
in  der  Kommission  beanspruchen  können,  als  die  Zahl  35  in  der
Zahl  40  000  enthalten  ist.  Ein  A-B-C-Schütze  der  achten  Klasse
lann  daö  Exempel  richtig  ausrechnen,  die  lokalistischen  Führer  können
eS  anscheinend  nicht.
Weil  das  Prinzip  der  Gleichheit  und  der  Demokratie  in  der
Kommission  der  Verwirklichung,  um  eine  Sekundenbreite  näher  geführt,
weil  der  Minorität  die  Herrschaft  über  die  Majorität  um  tausendste!
Bruchteile  gemindert  wurde,  deshalb  ~  es  ist  Wahnsinn  und  doch
Wahrheit  —  sollte  dasselbe  Prinzip  in  ellatanter  Weise  verletzt  sein.  —
Arüeitrr,  die  Ihr  folgerichtig,  logisch  denken  könnt,
urteilet  selbst!
Die  Lolalisten  sind  nur  gegangen,  weil  sich  die  Zentraliiteu
deren  HerrschaftSgelüsttn  nicht  auf  Gnade  und  Ungnade  fügen  wollten.
Die  Sonderbündler  sind  es  also,  die  gewollt  den  Streit  heraufbeschworen
  haben.  Sie  sind  eS  einzig  und  allein  gewesen,  die  die
Steine  zum  Aufbau  der  Mauer  herüeigetragrn,  die  daS  Bollwerk  selbst
errichtet  haben,  daS  jetzt  die  beiden  Richtungen  scheidet.
Allüberall,  wenn  sich  Gelegenheit  bot  und  auch  wenn  sich  keine
bot,  wurden  die  Zentralverbände  und  deren  Einrichtungen  seitens  der
Lokalisten  bekämpf!,  beschmutzt,  verleumdet.  Mit  allen  Mitteln  wurde
daran  gearbeitet,  die  Verbände  zu.  sprengen,  ihnen  Mitglieder  abzutreiben, ­
  ihre  Taktik  in  den  Augen  der  Ocffentlichkcit  als  geineinschädlich ­
  hinzustellen.
Am  31.  Januar  1903  schrieb  die  „Einigkeit",  das  offizielle
Orgau  der  Sonderbündler:
        <pb n="267" />
        270

Verschiedene  Gewerbe,  Gruppe  VI:  Bekleidung  und  Stoffe,
Gruppe  I:  Nahrungs-  nnd  Genußmittel,  Gruppe  VII:  Papier  und
graphische  Gewerbe  und  zuletzt  Gruppe  V:  Holzindustrie,  die  indes
in  der  Reihenfolge  gemäß  der  Zahl  der  Neugewonnenen  an  vierter  Stelle
steht.  Der  Verwendung  des  Lolzes  in  der  Industrie  stehen  in  der  Neuzeit ­
  zwei  Rivalen  gegenüber,  die  ihm  Gebiete  streitig  machen:  von  der  einen
Seite  her  das  Eisen,  von  der  andern  die  aus  Mörtel,  Fasern  und  Spänen  präparierte ­
  „Masse".  So  zeigt  uns  denn  auch  die  Berufszählung  von  1907
sehr  viel  stärkere  Vermehrung  der  in  der  Metallindustrie,  der  Papierindustrie
und  der  chemischen  Industrie  beschäftigten  Personen,  als  wir  sie  in  der
Holzindustrie  finden.  Immerhin  übersteigt  auch  in  dieser  letzteren  der  Zuwachs ­
  den  allgemeinen  Durchschnitt.  Gemäß  der  Zahl  ihrer  Mitglieder
folgten  sich  die  Gruppen  im  Jahre  1905  in  nachstehender  Ordnung:  Metallgewerbe, ­
  Baugewerbe,  Lande!  und  Verkehr,  Lolzindustrie,  Bekleidungsgewerbe, ­
  Graphische  Gewerbe,  Verschiedene  Gewerbe,  Gewerbe  der
Nahrungs-  und  Genußmittel.
b)  Aus  der  Tätigkeit  der  Gewerkschaften.
Wenden  wir  uns  nun  der  Betätigung  der  Gewerkschaften  zu,  so  stehen,
neben  den  Kämpfen  für  Sicherung  und  Verbesserung  der  Arbeitsbedingungen
im  engeren  Sinne  —  Lohnhöhe,  Lohnberechnung  und  Arbeitszeit  —  die
Demokratisierung  der  Arbeitsvermittlung  und  die  Sorge  für  die  Beschäftigungslosen ­
  mit  an  erster  Stelle  ihrer  Aufgaben.  Wo  die  Arbeitsvermittlung ­
  in  den  Länden  der  Privatunternehmung  ist  oder  von  den
Anternehmern  monopolisiert  wird,  ist  das  Arbeitsverhältnis  halbe  Sklaverei,
die  Arbeitssuche,  schon  bei  der  „Umschau"  peinlich  genug,  mit  Entwürdigungen
aller  Art  verbunden.  And  alles  das  steigert  sich  noch  zu  unerträglichen
Zuständen  und  schlimmstem  Druck  auf  die  Arbeitsbedingungen,  sobald  der
Arbeitsmarkt  mit  Beschäftigungslosen  überfüllt  ist  und  bittere  Not  die
Beschäftigungslosen  zwingt,  ihre  Arbeitskraft  um  jeden  Preis  zu  verkaufen.
Die  Organisierung  von  Arbeitsnachweisen  wird  daher  von  den  Gewerkschaften ­
  bald  als  ein  wichtiger  Zweig  ihres  Aufgabengebiets  begriffen  und,
sobald  sie  nur  einigermaßen  Boden  unter  den  Füßen  fühlen,  mit  Eiferbetrieben.

Zwar  gab  es  in  Berlin  schon  seit  1883  einen  von  bürgerlicher  Seite
—  dem  „Zentralverein  für  Arbeitsnachweis"  —  eingerichteten  „Allgemeinen
Arbeitsnachweis",  der  indes  weder  das  Vertrauen  der  kämpfenden  Arbeiterschaft ­
  zu  erwerben  vermochte,  noch  über  hiitreichende  Mittel  verfügte,  seinen
Betrieb  ausreichend  zu  gestalten.  Von  der  zweiten  Lälfte  der  achtziger
Jahre  an  geht  daher  eine  Gewerkschaft  nach  der  andern  dazu  über,  sich
ihre  eigenen  Arbeitsnachweise  einzurichten.  Die  Statistik  des  Gewerkschaftsbureatis
  von  1894  stellt  fest,  daß  in  jenem  Jahre  in  Berlin  62  Gewerkschaften ­
  zusammen  86  Arbeitsnachweise  hatten,  wozu  noch  drei  von  Lirschschen
  Gewerkvereinen  eingerichtete  Nachweise  kamen.  Von  Anternehmern
tvaren  32  Innungsnachweise  und  20  andere  Nachweise  eingerichtet,  neben
380  privaten  Stellenvermittlungsbureaus  und  dem  vorertvähnten  Zentral-Arbeitsnachweis.
  Der  Bericht  verwahrt  sich  dagegen,  diesen  letzteren  mit
den  ausbeuterischen  Stellenvermittlungsgeschäftcn  zusammenzuwerfen,  erklärt
        <pb n="268" />
        271

Normal-Statut

die  Bildung  von  Curatorien  für
Faeharbeitsnachweise.

s  &amp;gt;.

Zur  Verwaltung  und  Beaufsichtigung  des  Facbarbeitsuach-Weises
  für  das  Gewerbe  wird  ein  Curatorium
gebildet.  Dasselbe  besteht  aus  je  4  Vertretern  der  Arbeitgeber
und  Arbeitnehmer,  sowie  je  4  Ersatzmännern  und  2  Mitgliedern
des  Vorstandes  des  Central-Vereins  für  Arbeitsnachweis,  welche
als  Vorsitzender  bezw.  stellvertretender  Vorsitzender  fungieren.
§•  2.
Die  Vertreter  der  Arbeitgeber  und  deren  Ersatzmänner  werden
vom  Vorstände  der  Innung  (bezw.  Vereine  oder
ähnlichen  Arbeitgeber-Vereinigungen!  gewählt.*)  —  Die  Vertreter ­
  der  Arbeitnehmer  und  deren  Ersatzmänner  werden  von  den
dem  Ausschüsse  des  Gewerbegerichts  ungehörigen  Arbeitnehmern
gewählt**).
"Wählbar  zum  Vertreter  der  Arbeitgeber  sind  nur  Personen,
welche  das  Gewerbe  innerhalb  des  Stadtbezirks

*)  Anm.:  Die  Wahl  kann  auch  durch  die  dom  Ausschuss  des
Geworbegerichts  für  Gutachten  u.  s.  w.  ungehörigen  Arbeitgeber  erfolgen.
**)  Anm.:  Dio  Wahl  der  Arbeitnehmer  kann  auch  durch  den
Gesellenausschuss  der  Innungen  bezw.  den  Vorstand  sonstiger  Arbeitnehmer-Vereinigungen ­
  erfolgen.

122.  Erste  Seite  des  Normalstatuts
für  Facharbeitsnachweise

ihn  aber  in  seiner  damaligen  Form
für  untauglich,  weil  die  Arbeiter
bei  ihm  unvertreten  seien.  Zum
mindesten  müßten  Vertreter  der
Arbeiter  und  der  Unternehmer  mit
gleichen  Rechten  den  Nachweis
leiten.
Zn  diesein  Satz  lag  ein  bedingtes ­
  Zugeständnis  an  den  Gedanken ­
  der  paritätischen  Arbeitsnachweise, ­
  der  in  der  sozialistisch
empfindenden  Gewerkschaftswelt
noch  großem  Widerstand  begegnete.
Aber  die  Krisenjahre  1891  bis
1893  hatten  gezeigt,  daß  es  bei
dem  damaligen  Stande  der  Organisationen ­
  unmöglich  war,  die
Anternehmer  zur  Benutzung  der
Nachweise  der  Gewerkschaften  zu
zwingen.  Irgendwie  mußten  Staat
oder  Gemeinde  eingreifen.  And
so  hatten  die  Gewerkschaften
Berlins  schon  1893  begonnen,  eine
Agitation  für  die  Beanspruchung
kommunalen  Eingreifens  in  Sachen
der  Arbeitsnachweise  zu  entfalten.  Große  Versammlungen  faßten  Beschlüsse ­
  in  diesem  Sinne,  und  im  Anschluß  daran  richtete  die  Gewerkschaftskommission ­
  am  7.  Dezember  1893  ein  Gesuch  an  den  Berliner  Magistrat,
die  bestehenden  Arbeitsnachweise  zu  einem  großen  kommunalen  Arbeitsamt
zu  zentralisieren.  Ein  von  den  Beisitzern  des  Gewerbegerichts  gewählter
Ausschuß  sollte  danach  unter  dem  Vorsitz  eines  städtischen  Beamten,  der
gegebenenfalls  der  Vorsitzende  des  Gewerbegerichts  sein  könne,  das  Arbeitsamt ­
  und  die  in  ihm  zentralisierten  Nachweise  überwachen,  die  Führung  der
Nachweise  aber  sollte  Vertretern  der  Arbeiter  überwiesen  werden,  die  von
diesen  in  Fachabteilungen  zu  wählen  und  von  der  Stadt  zu  besolden  wären.
In  gleichem  Sinne  wie  die  Gewerkschaftskommission  sprachen  sich  in  einer
Eingabe  an  den  Magistrat  die  Arbeiterbeisitzer  des  Gewerbegerichts  aus.
Sie  konnten  sich  darauf  berufen,  daß  auch  bürgerliche  Sozialpolitiker  sich
sehr  entschieden  für  die  Einrichtung  kommunaler  Arbeitsnachweise  erklärt
hatten.  Es  war  das  u.  a.  auf  einem  vom  Freien  deutschen  Lochstift  einberufenen ­
  „Sozialen  Kongreß"  geschehen,  der  am  8.  und  9.  Oktober  1893
in  Frankfurt  a.  M.  tagte  und  an  dem  verschiedene  Gewerkschaftsführer,
darunter  auch  K.  Legten  als  Repräsentant  der  Generalkommission  der
Gewerkschaften  Deutschlands,  teilgenommen  halten.
Allerdings  hatten  in  Frankfurt  die  Gewerkschaftsvertreter  sich  nockskeptisch
  über  die  Idee  der  kommunalen  Nachweise  geäußert.  Die  Nachweise, ­
  führten  sie  aus,  gehörten  in  die  Lände  der  Arbeiter,  die  Gemeinden
aber  würden  schwerlich  den  Arbeitern  den  Einfluß  einräumen,  auf  den  diese
Anspruch  hätten.  Wie  berechtigt  ihr  Zweifel  in  letzterer  Linsicht  war,  hat  das
        <pb n="269" />
        272

Schicksal  des  Berliner  Antrags  gezeigt.  Nach  langen  Verhandlungen  und
nachdem  noch  der  damalige  preußische  Landelsminister,  Lerr  von  Berlepsch,
seinen  Beamten  in  einem  Rundschreiben  Mitwirkung  an  der  Einrichtung
kommunaler  Arbeitsnachweise  empfohlen  hatte,  eröffnete  unterm  4.  November ­
  1894  der  Berliner  Magistrat  der  Gewerkschaftskommission  in  einem
amtlichen  Schreiben,  daß  er  zu  dem  Entschluß  gekommen  sei,  ihren  Antrag
abzulehnen.  Am  aber  wenigstens  etwas  zu  tun,  bewilligte  er  dem  Zentralverein ­
  für  Arbeitsnachweis  für  dessen  weiteren  Ausbau  eine  einmalige
Subvention  von  15  000  Mk.  und  erhöhte  den  diesem  Verein  von  der  Stadt
gewährten  Jahresbeitrag  von  3000  auf  5000  Mk.  Für  das,  was  der
Verein  leisten  sollte,  war  es  ein  Bettelgroschen,  aber  es  blieb  nicht  dabei.
Der  Verein  und  die  Stadt  wurden  durch  die  Dinge  selbst  immer  weiter
getrieben.  Der  erstere  nahm  die  Einrichtung  paritätischer  Fach-Arbeitsnachweise ­
  in  die  Land,  und  die  Stadt  mußte  ihren  Zuschuß  erhöhen.  Mit
Anterstützung  der  Landesversicherungsanstalt  Berlin  wurde  1898  der  Bau
eines  Laufes  für  die  Arbeitsnachweise  in  die  Land  genommen,  das  in
Amfang  und  Einrichtungen  seinen  Zwecken  leidlich  entsprach.  Es  entstand
.ziemlich  im  Norden  Berlins  ein  Arbeitsnachweis-Gebäude,  das  einen
Flächenraum  von  3200  Quadratmeter  bedeckt  und  unter  andern  einen  mit  Sitzplätzen ­
  für  1400  Personen  und  sechs  elektrisch  betriebenen  Ventilatoren
ausgestatteterr,  elektrisch  beleuchteten  und  im  Winter  geheizten  Warteraum
enthält.  Das  Laus,  Gormannstraße  13  gelegen,  ist  im  Jahre  1902  dem
Betrieb  übergeben  worden.  Im  Jahre  1898  ist  ferner  das  Statut  des
Vereins  dahin  abgeändert  worden,  daß  der  Vorstand  um  je  vier  von  den
betreffenden  Beisitzern  des  Gewerbegerichts  zu  wählende  Vertreter  der
Anternehmer  und  der  Arbeiter  erweitert  wurde,  die  außerdem  mit  den
beiden  Vorsitzenden  des  Vereins  das  Kuratorium  des  Arbeitsnachweises
für  die  ungelernten  Arbeiter  bilden.  Gleiche  Kuratorien  sollten  den  Arbeitsnachweisen ­
  für  gelernte  Arbeiter  vorstehen  und  paritätisch  von  den  betreffenden
Fachorganisationen  (Verbände  oder  Innungen,  bezw.  Jnnungsausschüsse)
gewählt  werden.
Dazu  ist  es  aber  nur  erst  in  einer  Minderheit  von  Gewerben  und  auch
das  nur  sehr  allmählich  gekonnnen.  Während  die  organisierten  Arbeiter  in
ihrer  Mehrheit  den  Gedanken  der  paritätischen  Nachweise  akzeptiert  haben,
leistet  die  Mehrheit  der  organisierten  Anternehmer  ihnen  hartnäckigen  Widerstand. ­
  Von  der  einen  Seite  her  sind  es  die  tonangebenden  Vertreter  der
Großindustrie,  die  gegen  jede  Art  von  Parität  im  Gewerbe  feindselig
Stellung  nehmen,  von  der  andern  bekämpfen  die  Innungen  die  paritätischen
Nachweise  des  Zentralvereins,  weil  sie  für  ihre  Gewerbe  den  Nachweis
selbst  in  der  Land  haben  wollen.  Bei  alledem  waren  indes  bis  Ende  1905
doch  im  Zentralarbeitsnachweis,  außer  der  allgemeinen  Abteilung,  die  Nachweise ­
  für  ungelernte  Arbeiter,  jugendliche  Arbeiter  aller  Art,  weibliche
Arbeiter  und  städtische  Arbeiter,  sowie  Klempner  und  Weißleder-Arbeiter  umfaßt, ­
  paritätischeNachweisefürfolgendeBerufe  eingerichtet:  Bäcker,  Buchbinder
nnd  verwandte  Gewerbe,  Dachdecker  und  Gerüstbauer,  Glaser,  Lolzgewerbe
aller  Art,  Maschinisten  und  Leizer,  Maler  und  Anstreicher,  Portiers  und
Fahrstuhlführer,  Schlosser,  Stukkateure,  Tapezierer,  Wäschefabrikationsgewerbe
  sowie  Wäschereinigung  und  Plätterei.  In  Reinickendorf  ist
für  den  entlegeneren  Norden  und  in  Rummels  bürg  für  den  weiteren
        <pb n="270" />
        273

|  Mwmi  Arbeits-Nachweis  BwDii  C.n,  Mdw»8hm&amp;gt;  fl  E.  |
Central-Arbeits-Nachweis  in  Berlin.
Paritätischer  Facharbeitsnachweis  für  die  Maler-Innung  zu  Berlin
Kücker-Strasse  tt  K.,  II.  Ktage  recht»
Stfifhtt  &amp;gt;m  Summer  von  7—10  und  im  Winter  von  8  —  10  Uhr  früh.
Femaprocb-Anachluaa:  Amt  III.  8BU5  u.  8890.
Mitbrgekälfe
Her  Lackirer  Herr  ......
Anstreichermeldet
  sich  unter  Abgabt  dieses  CoutroUscheines  bei  Herrn  _
_  ....  -  -  zur  Arbeit.
Zur  HweMwt!  Der  Vrbcller  «»,,  ,!&amp;gt;h  bU  spätestens  Mittags  12  Ohr  zsm  Antritt  der  Arbeit  «»-nteUlet
  haben.  —  Ein#  ifoudlgnng  findet  nicht  statt.
Dl«*  ericeaut  durch  Untenolirlft  am
BERLIN,  de»  tgo
Unterschrift  des  Arbeitsuchenden:

9  3QT  Zelle!  oIid&amp;lt;)  Conpeu  niud  uugUltig!  -W&amp;gt;

123.  Arbeitsnachweiskarte  eines  paritätischen  Facharbeitsnachweises
Osten  je  eine  Zweigstelle  des  Nachweises  eingerichtet,  der  1905  schon  einen
ZaHreszuschuß  von  40  000  Mk.  von  der  Stadt  Berlin  bezog,  damit
allmählich  einen  mehr  kommunalen  wie  privaten  Charakter  erhalten  hat  und
von  den  Arbeitern  auch  meist  als  „städtischer"  Arbeitsnachweis  bezeichnet
wird.  Ist  er  auch  nicht  in  seiner  ersten  Gestalt  von  der  Arbeiterschaft  ins
Leben  gerufen  worden,  so  hat  er  doch  seine  weitere  Ausgestaltung  unter  dem
Druck  dieser  erhalten,  und  mit  Genugtuung  konstatiert  der  Bericht  der  Gewerkschastskommission
  für  1905,  daß  in  den  Kuratorien  der  Fachabteilungen
überall  die  Beisitzer  für  die  Arbeiter  den  zentralisierten  Gewerkschaften  angehören. ­
  Zn  diesem  Jahre  hatte  der  Zentral-Arbeitsnachweis,  der  bis  1894
im  Maximum  10000  Stellen  im  Jahr  vermittelte,  67000  Stellen  vermittelt.
Eine  respektable  Zahl,  aber  für  die  Riesenstadt  Berlin  nur  ein  kleiner
Teil  dessen,  was  zu  vermitteln  war.  Für  die  große  Mehrheit  der  gelernten
Arbeiter  besteht  der  Kampf  zwischen  Llnternehmer-Nachweis  oder  Gewerkschafts-Nachweis ­
  fort.  Zwar  hat  sich  nicht  in  allen  Gelverben  der  einseitige ­
  Gewerkschafts-Nachweis  aufrechterhalten  lassen,  verschiedentlich  überstiegen ­
  die  Verwaltungskosten  den  erreichbaren  Nutzen.  Wo  aber  die
Erfahrung  oder  die  Kraft  der  Gewerkschaft  dies  ermöglichte  und  kein
paritätischer  Nachweis  ins  Leben  trat,  sind  die  gewerkschaftlichen  Arbeitsnachweise ­
  forterhalten  und  nach  Kräften  ausgebaut  worden.  Ein  Muster
in  seiner  Art  ist  der  Arbeitsnachweis  der  stärksten  Berliner  Gewerkschaft,
der  Ortsverwaltung  Berlin  des  deutschen  Metallarbeiter-Verbandes.  Er
vermittelte  in  den  sechs  Jahren  von  1900  bis  1905  der  Reihe  nach  Stellen
für  980,  1097,  1890,  4152,  7065  und  9014  Arbeiter.  Die  Unternehmer
mögen  sich  als  Korporation  noch  so  sehr  dagegen  sperren,  den  Arbeitsnachweis
der  Gewerkschaft  anzuerkennen,  als  einzelne  und  inoffiziell  müssen  sie  doch
in  dem  Maße  mit  ihm  rechnen,  als  die  Gewerkschaft  wächst  und  die  Arbeiterschaft ­
  des  Berufs  hinter  sich  hat.
Bernstein,  Berliner  Geschichte,  in.  18

jvt
Personell,  welche  nur  vorübergeltend
  bis  zur
Höchstdauer  von  13  Tagen
in  Arbeit  eingestellt  werden,  huben
in  jedriii  Falle  diesen  Coupon,
mit  schriftlicher  Bescheinigung  de»
Arbeitgebers,  beizubringen,  diu*  di*
Arbeit  beendigt  ist,  widrigenfalls  dio
Ausfertigung  des  kostenlosen  Ausbilfscheine*
  verweigert  wird.

Malergeh  dl  fe  —  I.ackirer  —Anstreicher

.Ort

bei  mir  gearbeitet.

Borllu,  deu

IS»

Ca'-Miotirin  4c*
        <pb n="271" />
        124  und  125.  Polnisch-deutsches  Flugblatt  an  die  polnischen  Bau-  und  Erdarbeiter

Do  robotniköw  polskich
zatrudnionych  przy  budowlach  i  w  ziemi

w  Berlinie

Szsnownfl  braeia  robotnicy!
Czujemy  si$  zobawiqzani,  braeia  robotnicy,  udac
sie  do  Was  z  powainem  slowem,  by  pospolu  z  Wami
naradzic  sitz,  co  mamy  poczynic  przeciw  panuj^cej
biedzie  i  ntzdzy,  ktöra  pomitzdzy  nami,  robotnikami
przy  budowlach  i  w  ziemi,  istnieje,  i  jakby  takowej
zapobiedz.
Obejrzmy  sitz  cokolwiek  po  äwiecie,  a  zobaczymy,
ie  szczegölnie  my,  nieuczeni  robotnicy,  najbardziej
jestesmy  wyzyskiwani  i  najdluzszy  czas  pracujemy,
czas,  ktöry  sitz  nie  zgadza  z  godnoäci,  czlowieka.
Zuajdujemy  sitz  przeciei  od  äwitu  az  do  zmroku  w  niewoli
  i  poddanstwie  wyzyku  i  kapitaiu.  Kaädy  z  nas
odezuwa  przeciez  nastepstwo  tej  dlugiej,  przedlugiej
praey  na  swoim  wlasnym  ciele,  a  tyra  bardziej,  iz  my
szczegölnie  bez  ladnej  ochrony  wyatawieni  jestesmy  na
wszelkie  sloty  i  niepogody.
A  teraz  nasz  zarobek:  Czyz  on  jest  taki,  by  go
tnödz  nazwac  godnym  czlowieka?  Czyz  pozwala  on
nam  jako  özlowiekowi  istnied?  Przeciwnie.  Widzqc
z  jednej  strony,  jak  kapitalisci  coraz  to  wi^ksze  bogaetwa
  gromadzq,  my  zobowiijzani  jesteämy  przy  naszej
citzzkiej  praey  zycie  prowadzid,  ktöre  nie  jest  godnym
erfowieka.
I  to  jeszcze  tylko  tak  dlugo,  dopöty  mamy  practz.
Nast^pi  bezrobocie,  co  u  nas  nie  rzadkiego,  wtenczas  to
dopiero  pokaie  sitz  ta  straszna  poezwara,  to  jest  gl  öd,
jako  nasz  staty  goäö.  Przy  tem  liebem,  niewystarczajtzeem
  i  nieregularnem  zyciu  uabawiamy  sitz  choröb  i
wczesnej  ulomnosci  jako  naturalnych  nastgpstw.
Wprawdzie  wielka  cztzäc  robotniköw  niemieckich
potralila  sitz  zl-czyö,  to  jest  zorganizowac,  to  tez  mo-Zemy
  zauwazyö,  ze  w  tych  zwiqzkach  zawodowycb  i
klasach  robotniczych,  gdzie  silne  organizaeye  istniejjj,
obejscie  sitz  z  robotnikami  i  zarobek,  wogöle  cala  stopa
iyciowa  tych  robotniköw,  o  wiele  przez  organizaeye
8itz  polepszyly.  I  u  nas  robotniköw  nieuczonych,  u  nas
robotniköw  przy  budowlach  i  w  ziemi,  daje  sitz  idea
organizacyjna  coraz  to  witzeej  we  znaki,  tak,  i&amp;amp;  istniejjjca
  organizacya  nasza,  Zwi^zek  robotniköw  budowlanych,
  w  ziemi  i  pomoeniköw  zawodowycb,  w  ostatnieb
latach  poczynüa  znakomite  posttzpy,  —  zarobek  robotniköw
  budowlanych  zostal  na  podstawie  ugody  przez
ni$  zagwarantowany,  —  lecz  bardzo  wielka  cz&amp;lt;$d,
a  pomitzdzy  014  i  Wy,  braeia  robotnicy,  stoicie  jeszcze
od  naszej  organizacyi  na  ustroniu.

i  okolicy.

Szczegölnie  Wasze  zacofanie  przyezynia  sitz  najbardziej ­
  do  tego,  by  przedsiebiorey  mogli  latwiej  Was
maltretowac,  Warn  dawac  zaplattz,  ktör%  obejrzywszy
przy  swietle,  jest  do  skonania  za  dnLtz«  a  do  iycia  za
mal-.  Przez  naszq  organizacyjna  powagtz  widzi  sitz
przedsitzbiorstwo  zmuszone,  robotnikom,  zatrudnionym
przy  budowlach  i  w  ziemi,  48  fenygöw  piaciö  na  godzintz.
  lecz  Warn,  braeia  robotnicy,  p-acy  tylko  35  i
30  fen.,  a  nawet  i  nrniej.
Aieby  to  dzielo  wyzysku  i  nada)  bez  preeszlody
mödz  prowadzic,  podüega  sitz  narodowotejowq  nienaWüö
pomitzdzy  nami,  opowiadajac  Warn,  braeia  robotnicy,
iz  my  niemieccy  robotnicy  jesteömy  Waszymi  najwiqk*
szymi  wrogami,  iz  my  Was  przeSladujemy,  Was  znlenawidzimy,
  Was  chcemy  sitz  pozbyc.  Lecz  rozpatrZcie
sitz,  kochani  braeia  robotnicy  polscy,  okolo  siebie,  a  zobaczycie,
  iz  ta  rzecz  sitz  zupelnie  inaczej  przedst&amp;amp;wia.
Zobaczycie,  iz  röwniei  niemieccy  jak  polscy  robotnicy
wspölnie  sitz  trzymajq,  ze  54  oni  wspölnemi  towarzyszami
  znoju  i  walki  0  lepsz4  przyszloSc.  äwiadoma
klasa  robotnicza  nie  zna  zadnycb  narodowoäctowo-klasowych
  röznic,  ztzda  ona  dla  wszystkich,  ktörzy  oblicze
ludzkie  nosz4,  röwne  prawa  i  röwnq  wolnosö,  röwne
i  czlowieka  godne  stosunki  zarobku  »  praey.
Braeia  robotnicy  1  Azeby  to  ositzgn4Ö,  podajmy
sobie  dlonie  nasze,  zlqczmy  sitz  wspölnie  i  walczm.v
skupieni  ramitz  do  ramienia  przeciw  naszemu  wrogowi,
przeciw  nas  wspölnie  wyzyskujjjcemu  przedsiebiorstwu.
Jako  jednostka  jestesmy  niczem,  z^czeni  zaö  pottzgq,
z  ktöi'4  sitz  przedsitzbiorstwo  liczyc  musi.  To  tez  niech
btzdzie  naszem  basiern:  ,.Wszyscy  za  jednego,  jeden  za
wszystkich!“  A  to  tylko  wtenczas  mozemy  ositzgn4&amp;lt;-jezeli
  sitz  wspölnie  zorganizujemy.
Braeia  robotnicy!  Zwi4zek  robotniköw  bndbwlanych,
  w  ziemi  i  pomoeniköw  zawodowycb  jest  podpoi'4
dla  slabycb  i  ucWnionych,  udziela  on  rady  i  ochrony
we  wszelkicb  sprawach,  ktöre  ze  stosunköw  praey  wy*
nikaj4.  Wsttzpmy  przeto  do  tego  zw^zkn,  azeby  mödz
dla  swego  i  dla  naszycb  familii  dobra  wspölnie
walczyc.
Niech  iyje  jednose  I  zgoda  robotniköw
bndowlanych  I  w  ziemt  dla  wszystkich
narodowoicl!
Niech  ityje  Zwlqzek  robotniköw  bndowlanych,
  w  ziemi  i  pomoentböw  zawodowycb! ­
        <pb n="272" />
        18»

An  die  in  Aerlin  und  Umgegend  beschäftigten
Aau-  und  Krdarbeiter  polnischer  Hlatlonalität!

Werte  ArbritSbrüder!
Wir  sehen  uns  veranlaßt,  an  Euch,  unsere  ArbeitLbrüder,
ein  ernste»  Wort  zu  richten,  um  mit  Euch  gemeinsam  zu
raten  und  zu  taten,  wa-  zu  tun  ist,  um  der  herrschenden  Not
und  dem  Elend  unter  unk  Bau-  und  Erdarbeitern  abzuhelfen.
Sehen  wir  unS  doch  um  in  dieser  Welt,  und  wir  werden
finden,  daß  gerade  wir,  die  ungelernten  Arbeiter  es  sind,  welche
am  meisten  von  den  Unternehmern  ausgebeutet  werden,  daß
gerade  wir  eine  Arbeitszeit  haben,  die  eine  menschliche  oft
nicht  zu  nennen  ist.  Stehen  wir  doch  von  Sonnenaufgang  zu
Sonnenuntergang  in  der  Knechtschaft  des  AusbeutertumS  und
des  Kapitals.  Jeder  von  uns  spürt  doch  wohl  die  Folgen  der
langen,  überlangen  Arbeitszeit  fetbst  am  eigenen  Leibe,  zumal
wir  auch  sonst  noch  allen  Unbilden  der  Witterung  schutzlos
preisgegeben  sind.
Und  nun  unser  Lohn!  Ist  denn  dieser  derart  gestaltet,
daß  er  «in  menschenwürdiger  zu  nennen  ist?  Erlaubt  er  unS,
als  Mensch  zu  existieren?  Gerade  da«  Gegenteil  ist  der  Fall.
Während  wir  auf  der  einen  Seite  sehen,  daß  Reichtum  über
Reichtum  angehäuft  wird,  sind  wir  bei  unserer  schweren  Arbeit
verpflichtet,  ein  Leben  zu  führen,  da«,  mit  einem  Wort  gesagt,
eines  Menschen  unwürdig  ist.
Und  dav  alle«  noch,  so  lange  wir  Arbeit  haben.  Tritt
aber  erst  Arbeitslosigkeit,  dir  wiedenlm  nichts  seltenes  bei  uns
»st,  ein.  dann  erst  zeigt  sich  das  wahre  Schreckgespenst,  dei
Hunger,  als  unser  täglicher  Gast.  Bei  d'eser  ungenügenden,
unzureichenden,  unbeständigen  Lebensweise  ist  md  muß  Krankheit
und  ein  frühes  Siechtum  die  ganz  natürliche  Folge  sein.
Zwar  hat  es  rin  sehr  großer  Teil  der  deutschen  Arbeiterschaft ­
  bisher  verstanden,  sich  zusammenzuschließen,  zu  organi.
sieren.  und  wir  finden  auch,  daß  in  den  Gewerkschaften  und
Arbeiterklasien,  wo  starke  Organisationen  bestehen,  die  Behandlung ­
  sowie  die  Entlohnung,  kurz  die  ganze  Lebenshaltung  dieser
Arbeiter  durch  die  Macht  der  Organisationen  eine  bedeutend
bessere  geworden  ist.  Auch  bei  den  ungelernten  Arbeitern,  bei
unS  Bau-  und  Erdarbeitern,  macht  sich  der  Organisationsgedanke
immer  mehr  bemerkbar,  und  hat  die  bestehende  Organisation,
der  Verband  der  Bau-,  Erd-  und  gewerblichen  Hilfsarbeiter,  in
den  letzten  Jahren  auch  bedeutendes  geleistet,  indem  die
Löhne  der  Bauarbeiter  durch  sie  vertraglich  festgelegt  sind,  aber
ein  sehr  großer  Teil,  darunter  auch  Ihr  Arbeitsbrüder,  steht
der  Organisation  immer  noch  indifferent  gegenüber.

Gerade  aber  Euren  JndifferentismuS  nützt  das  Unternehmertum ­
  erst  recht  dazu  aus.  Euch  direkt  zu  'malträtieren.
Euch  Löhne  zu  zahlen,  die,  bei  Licht  besehen,  zum  Verhungern
zu  viel,  aber  zum  Leben  zu  wenig  sind.  Während  das  Unternehmertum ­
  durch  die  Macht  der  Organisation  der  Bau-  und
Erdarbeiter  gezwungen  ist,  hierorts  den  Arbeitern  einen  Slundenlohn
  von  48  Pf.  zu  garantieren,  erlaubt  man  sich.  Euch,
polnische  Arbeitöbrüdcr,  ungeniert  einen  solchen  von  35,
30  Pf.  und  darunter  zahlen  zu  können.
Um  aber  dieses  Ausbeuterwerk  ungestört'bewerkstelligen  zu
können,  schürt  man  den  Nationalitätenhaß  zwischen  uns,  indem
man  Euch,  Arbeitsbrüder,  weismachen  will,  daß  wir,  die
deutschen  ArbritSbrüder,  Eure  größten  Feinde  sind,  daß  wir
Euch  Haffen,  Euch  verachten  und  vertreiben  wollen.  •  Aber,
ArbritSbrüder,  blickt  um  Euch,  und  Ihr  werdet  finden,  daß
gerade  das  Gegenteil  der  Fall  ist.  Ihr  werdet  finden,  daß
die  deutschen  und  die  polnischen  Arbeiter  zusammenhalten
muffen,  daß  sie  gemeinsame  Leidensgefährten  und  Kampfgenossen ­
  für  eine  bessere  Zukunft  sind.  Die  klassenbewußte
Arbeiterschaft  kennt  keine  nationalen  Unterschiede,  sie  fordert
für  alles,  waS  Menschenantlitz  trägt,  gleiches  Recht  und  gleiche
Freiheit.  Sie  fordert  für  alles,  was  Mcnschenantlitz  trägt,
gleichmäßige,  menschenwürdige  Lohn-  und  Arbeitsbedingungen.
Um  dieses  zu  erreichen,  Arbeitöbrüdcr,  reichen  wir  uns  die
Hände,  schließen  wir  uns  zusammen  und  kämpfen  wir  Schulter
an  Schulter  gegen  unseren  gemeinsamen  Feind,  gegen  däö  uns
gemeinsam  ausbeutende  Unternehmertum.  Vereinzelt  sind  wir
nichts,  geschlossen  aber  eine  Macht,  mit  der  auch  das  Unternehmertum ­
  zu  rechnen  hat.  Darum  sei  unser  Wahlspruch:
„Alle  für  einen  und  einer  für  alle".  Dieses  können  wir  nur,
wenn  wir  uns  gemeinsam  organisieren.
ArbritSbrüder  t  Der  Verband  der  Bau-,  Erd-  und  gewerblichen ­
  Hilfsarbeiter  ist  rin  Hort  aller  Schwächen  und  Bedrückten, ­
  er  gewährt  uns&amp;gt;  Rat  und  Schutz  in  allen  Fragen,  die
auS  dem  Arbeitsverhältnis  hervorgehen.  Treten  .wir  deshalb
ein  in  diesen  Verband,  um  so  gemeinsam  für  unser  und  unserer
Familien  Wohl  und  Wehe  kämpfen  zu  können.
Hoch  die  Einigkeit  der  Bau-  und  Erdarbeiter
aller  Nationen!
Hoch  der  Verband  der  Ban-,  Erd-  und  gewerblichen ­
  Hilfsarbeiter!

Verlag:  klar!  Heibrmann,  Berlin.  —  Druck  von  C.  JaniSze«.'0l&amp;gt;.  Berlin.

124  und  125.  Polnisch-deutsches  Flugblatt  an  die  polnischen  Bau-  und  Erdarbeiter
        <pb n="273" />
        Für  die  Unterstützung  ihrer  arbeitslosen  Mitglieder  hatten  vor
der  Zeit,  die  wir  hier  behandeln,  nur  erst  ganz  wenige  Gewerkschaften  Vorkehrungen ­
  getroffen.  Die  Meinung  überwog,  daß  für  die  Arbeitslosen
der  Staat  und  die  Gemeinden  aufzukommen  hätten;  es  sei  nicht  Sache  der
Gewerkschaften,  jenen  ihre  Pflicht  abzunehmen.  Indes,  Staat  und  Gerneinden
  rührten  sich  nicht,  und  so  folgten  von  Mitte  der  achtziger  Jahre
ab  langsam  eine  Gewerkschaft  nach  der  andern  dem  Beispiel,  das  in
Deutschland  der  Pionier  dieses  Zweiges  der  Gewerkschaftstätigkeit,  der
deutsche  Buchdruckerverband,  gegeben  hatte,  und  richteten  die  Arbeitslosenuntersttitzung
  ein.  Bis  Anfang  1891  waren  es  4,  bis  Anfang  1894
12  Gewerkschaften,  die  Arbeitslosenunterstützung  zahlten.  Die  Statistik
der  Generalkommission  stellt  für  dieses  letztere  Jahr  eine  Gesanttausgabe
der  Gewerkschaften  in  ganz  Deutschland  von  239  750  Mk.  für  Arbeitslose
fest.  Ein  noch  sehr  bescheidener  Betrag.  Von  da  ab  geht  es  jedoch  in
rascherem  Zeitmaß,  Ende  1905  haben  41  Gewerkschaften  Arbeitslosenunterstützung, ­
  und  die  Gesamtausgabe  für  diese  ist,  obwohl  1905  ein  Jahr
mit  überwiegender  Nachfrage  nach  Arbeitern  war,  auf  1991924  Mk.
gestiegen.  Ein  sehr  bedeutender  Teil  davon  entfällt  auf  die  Berliner  Ortsstellen ­
  dieser  Gewerkschaften.  Seit  1902  werden  darüber  zusammenfassende
Sonderaufftellungen  veröffentlicht,  und  aus  ihnen  geht  hervor,  daß  von
jenem  Jahre  ab  in  den  Berliner  Ortsstellen  für  Arbeitslose  verausgabt
wurden:
1902  .  .  .  452  404  Mk.  44  Pf.  1904  .  .  .  567  704  Mk.  45  Pf.
1903  .  .  .  489  022  „  37  „  1905  .  .  .  639130  „  88  „
So  ansehnlich  diese  Beiträge  sind,  so  konnten  sie  doch  immer  nur
einen  kleinen  Teil  der  Not  lindern,  die  durch  Arbeitslosigkeit  verursacht
wird.  Noch  heute  fühlt  sich  ein  Teil  der  Gewerkschaften  außerstande,  die
Arbeitslosenunterstützung  bei  sich  einzuführen,  und  wo  sie  eingeführt  ist,
sind  die  Anterstützungssatze  immerhin  so  mäßige,  daß  die  Unterstützung  dem
Arbeiter  wohl  hilft,  die  schlimmste  Not  von  sich  abzuwehren,  aber  nicht  das
Aufhören  von  Entbehrungen  bedeutet.  Sie  machen  sich  namentlich  in
Zeiten  schlechten  Geschäftsgangs  um  so  stärker  fühlbar,  als  dann  jedesmal
die  Nichtorganisierten  mit  besonderem  Druck  den  Arbeitsmarkt  belasten.
Die  gewerkschaftliche  Arbeitslosenunterstützung  macht  staatliche  und  kommunale
Maßnahmen  gegen  die  Arbeitslosigkeit  und  ihre  Folgen  nicht  überflüssig.
Die  Gewerkschaften  Berlins  haben  denn  auch  jedesmal,  wenn  stärkerer
Geschäftsdruck  das  Leer  der  Arbeitslosen  übermäßig  anschwellen  machte,
das  Einschreiten  der  öffentlichen  Verwaltungsorgane  verlangt.  Im  Kapitel
über  die  Demonstrationen  ist  von  den  Versammlungen  berichtet  worden,  die
sie,  je  nachdem  allein  oder  gemeinsam  mit  der  politischen  Bewegung  für
diesen  Zweck  abhielten.  Aber  die  Gewerkschaften  haben  es  nicht  bei  den
Versammlungen  bewenden  lassen.  Selbst  wenn  Staats-  und  Gemeindebehörden ­
  die  Notstände  nicht  leugnen  können,  pflegen  sie  doch  ihre  Stärke
zu  leugnen  oder  sonst  Unkenntnis  der  wahren  Köhe  des  Notstandes  vorzuschützen. ­
  So  sind  denn,  sobald  sie  sich  einigermaßen  dazu  imstande
fühlen,  die  Gewerkschaften  selbst  daran  gegangen,  die  Stärke  der  Arbeitslosigkeit ­
  statistisch  festzustellen.
Über  das  erste  Unternehmen  dieser  Art  gibt  der  Bericht  für  1894
Auskunft.  In  diesem  Jahr  hatte  die  Krise,  die  1891  eingesetzt  hatte,  zwar
        <pb n="274" />
        Berliner  irbeitsnachveisstatistik
aufgestellt
nach  den  an  denCentialveiein  für  Arbeitsnachweis  gelangten  Berichten
für  den  Monat  November.
Bitt«  an  dl«  Berliner  Arbeitsnachweise.
Die  Zahl  der  Arbeitsnachweise,  welche  sich  der  B.  A.-N.-St.  angeschlossen  haben,  ist  von  33  im  November  1000  auf  99  gestiegen.  So  erfreulich
diese  Zunahme  auch  ist,  die  B.  A.-N.-St.  kann  erst  ibren  Zweck  crfülTcii,  rin  unparteiisches  Bild  von  dom  Berliner  Arboitsmarkt  zu  geben,  wonn  alle
Berliner  Arbeitsnachweise  sich  der  geringen  Mllho  unterziehen,  an  unsere  Adresse  (Bureau  des  Geutral-Arbeitsnachweises,  C.,  Qormanoatrasso  18)  regelmässig ­
  jeden  Monat  die  von  uns  zur  Verfügung  gestellten  Karten  ausgefüllt  zurilckzusiindcij.  GIcicMV-citig'mit  unserem  Dank  an  die  schon  berichtenden
Nachweise  sprechen  wir  die  Hoffnung  ans,  dass  unsere  gemeinnützige  Arbeit  in  immer..weiteren  Kreisen  Anklang  finde;  Anregungen  werden  wir,  soweit  sie
sieh  mit  unserem  Unternehmen  vereinen,  immer  zugänglich  sein.
Berlin,  den  20.  Dezember  1902.  Der  Vorstand  des  Centrnlvolrelna  für  Arbeitsnachweis.
Dr.  Freund.
I.

Gewerbe

Oktober  1902

November  1902

Bemerkungen.

Industrie

tl!

"IT

lerUhlendtB

Ictmeldaigct  '  .  .,
,  ,  itmacb  Irtute-»tteiUtthnä«
  •  ,
fing..,  !  “**

1..M.  Ml..

A.  Gcwerbsmlisslge  Arbeitsnachweise.

Nahrungsmittel

463  i  250  !  •  250  |  2

4C5  (376)  i  14.»  (136)  |  145  (135)  |  2

Die  eingeklammerten  Zahlen  beziehen
si  ch  auf  dies  el  be  Zci  t  d  es  J  ab  res  1901

rtinnnthrtnrff  n,nnD,ich  -

1400  j  1857  !

3

2000  (2200)  |  820  (780)  |  802  (764)  j

1  “

(  weiblich  ....

4831  !  4672  1

3718  (2780)  i  3142  (3000)  !  3115  (2747)  I

Zusammen

6481  |  6279  :  5

6183  (5350  ?  4107  (3915)  i  4062  (3636'  i  6

Auf  100  offeno  Stollen  kamen:

121  1  100  1  97  I  -
B.  NIchtgc

lul  (137)  |  100  (100)  1  00  (93)  !  -
werbsmSsslge  Arbeitsnachweise,
von  Arbeitnehmern.

Gowerbl.  Gärtnerei  ».  Gartenbau

99

77  |  1

12$  (86)  |  120  (64)

-ShSH-Relativ

  •  Zahlen  für  diejenigen  von
nebenstehenden  Arbeitsnachweisen,  :
'wclcho  für  die  Arboiisvormittclung  j
und  den  Arbeitsmarkt  der  be-  .
treffenden  Branche  ausschlaggebend
Auf  100  offene  Stellen  kamen:  .

Metall  und  Maschinen  ....

434
127
221

420  !  7

1500  (832)  j  200  (197)

(  männlich  \
Ud.r  ..d  r.H.r

94_
112

/  2

301  (251)  |_I47  (76)  _
13«  (148)  i  208.  033)

10S  (83)

!  2

1185

885
~H9

—

1358  (1246)  [  780  (369)
171  (180)  1  154  (139)

_681  (269)
127  (126)

Nahrungs-  und  Gonussniittel  .  .

4

Bekleidung

ohn  geiDtois.  TuaKMiig

ohne  nonnenswertho  Vermittelung

4

Bitrbiero  und  Friseure  ....

160  |  160  |  160

162  (636)  |  102  (267)  i  102  (267)

1

»hm  neoBeusn.  TfrmjtUlong

11

ohne  nenhenswortbe  Vormittelung

11

Branche

irbeiUuclicnde

Besetzte
Steiles

Künstlerische  Betriebe  ....

80  (94)  |  74  (46)

51  (46)

Bildhauer

10O

35t  (407).  I  75  (40)

62  &amp;lt;28-Gärtnerei



107  (134)

f
62  467)  1

140  (150)  |  C3  (64)

5«  (46)

Tr

U  J  1  \  weiblich

408  (386)

324  (329)

232  (288)

1

Bildhauer.  .  .

283  (231)
2081  (2413)

Beherbergung

2349

2061

1975

9

2123  (999)

2031  T985)

0

Kaufleute  j—•

72  (88)

1  Zusammen:

9351

6040

0060  (7482)

5158  (3171)

4281  ,2680)  I  «5

Ans  100  offeno  Stellen  kamen

165  |  100  |  81  i  -

176  (236)  i  100  (100)

83  (86)  1  -

2-  vod  Arbeitgebern.

1154

1

1007  (198)11032  (198)

1007  (198)  |  1

Der  Anschluss  aller  Innungen  mr
Arbeitsnachweisen  an  B.  A.-N.-SI
wäre  sehr  erwünscht.,

Nahrungs-  und  Genussmittei  .  .

1025

3

580  (600)

538  (520)

588  ,520)

Barbiere  und  Friseure  ....

1252

684  (1070)

514  (660)  513  (659)

2000  (27001

1145  (1090)  113«  ,1079)

Beherbergung  j,

176

175

105  &amp;lt;-)

105  (—)  1  105  (—)

Handel

23

21

13

24  (29)

24  (24)  i  0  (10)

1

Verkehr

37

48

32

1

33  (40)

36  (69)  |  22  (34)

V

Zusammen:

4989  |  4911

13

5333  (4640}  |  3304  (2461)  |  3330  (2300)  i  13
157  Iiooil  100  (100;  |  OS  (94)  |

Auf  10O  offene  Stollen  kamen:

101  |  100  |  98

-

3.  paritätische  Arbeitsnachweise.

Mclnll  (Schiesser  u.  Klempner)  .

Bezüglich  der  Rclativ-Zahlen  siehe
unter  B.  I.
Auf  100  offeno  Stollen  kamen

Leder  und  Papier  (Tapezierer)  .

Nahrungsmittel  (Brauer)  .  .  .

230  (516)

204  (132)

Bau  (Maler  u.  TOpfer)  .  .  .  .
Graphisches  Gew.  (Buchdrucker)

2610  |  1427

072  (228)
401  (-)

-ST“m

n  &amp;lt;-)

—

(tran;he

IrbciUuckcniie

Beachte
Stellen"

|  männlich  .  .  .  .  '  -

2231  !  1999

283«  (1988)  1413  (1203)

Tapezierer  .  |  267  (238)

85  (80)

(weiblich

253  !  219  |  .154  |  1

227  1224)

141  ,129)

I  102  (332)

Wlischereinigung,  weiblich.  -  .

69  |  76  1  64  |  1

«1  (57)  |  37  (47)

1  470  (308)

Zusammen:

7336  |  6367  j  4671  j  10

5404  i  3588)  !  3152  ,1886)  &amp;gt;2765  (1636)

10

Buchdrucker  .  j  238  (—)

100  (-)

Auf  100  offene  Stellen  kamen:

115  i  100  i  72  i  —

173  (ISO)  &amp;gt;  100  (IDO)  &amp;gt;  88  (90)  !  -

Töpfer  02  (—)

02  ,-)

4.  Vereine,  Herbergen  und  dergl.

Handwerker,  Arbeiter  und  dergl.

-2L

662

1  6

1327  (1046)  |  479  (451)

845  (385)  |  6

Siebe  unter  B.  2.

Auf  100  offene  Stellen  kamen:

69

1  -

277  (232)  |  100  (100)

Re  cap  itulation.

1=  Summ.:  /-““S?

H

22641^18426»  12210  (8129)111000  (7349
4726  (3692)1  4076  (3744)1  3783  (3347

Auf  100  offene  (  männlich
8U.lt  CH  (VwilfiiiT

“Toi

185  (227)|  100  (100)|  SO  (90)
116  (99)  |  100  (100)1  93  (89)

j  M

126.  Amtliche  Arbeitsnachweisstatistik  vom  November  1902
        <pb n="275" />
        278

ihren  Höhepunkt  schon  überschritten,  war  aber  doch  noch  nicht  überwunden.
And  so  verband  die  Gewerkschaftskommission  mit  anderen  Erhebungen,  die
sie  damals  veranstaltete,  eine  solche  über  den  für  gewöhnlich  im  Jahres--verlauf
  sich  vollziehenden  Wechsel  von  Arbeitsgelegenheit  und  Arbeitsmangel ­
  und  das  Iahresmaximum  von  Beschäftigungslosigkeit  in  den  einzelnen ­
  Gewerben.  Mit  geringen  Mitteln  unternommen  und  angesichts  der
damaligen  verhältnismäßig  bescheidenen  Mitgliederzahl  der  Gewerkschaften
nur  auf  eine  Minderheit  der  Arbeiter  beschränkt,  konnte  die  Statistik  in
letzterer  Hinsicht  nur  erst  zu  Annäherungswerten  gelangen.  Indes  war  den
Schriftführern  der  Gewerkschaften  ans  Herz  gelegt  worden,  sich  bei  Beantwortung ­
  der  von  der  Kommission  aufgesetzten  Fragebogen  in  ihren  Abschätzungen ­
  der  größten  Gewissenhaftigkeit  zu  befleißigen,  und  hinsichtlich
des  ersten  Punktes  waren  die  Gewerkschaften  sicher  die  sachverständigste
Auskunstsstelle.  So  haben  denn  die  auf  Seite  30  bis  37  des  Berichts
für  das  zweite  Halbjahr  1894  abgedruckten  Tabellen  in  ihrer  Eigenart
immerhin  einen  Vergleichswert.  Die  Prozentzahlen  für  die  Monate  der
stärksten  Arbeitslosigkeit  des  Jahres  steigen  nach  ihnen  von  ganz  niedrigen
Sätzen  bei  den  Angehörigen  der  graphischen  Berufe  und  einiger  Verkehrsgewerbe, ­
  für  die  sich  die  Arbeitsgelegenheit  das  ganze  Jahr  über  ziemlich
gleichmäßig  verteilt,  auf  Sätze  bis  über  40  Prozent  in  der  Bekleidungsindustrie
(wobei  von  der  Schneiderei  wegen  der  unkontrollierbaren  Hausindustrie  keine
Zahl  angegeben  wurde)  und  bis  zu  90  und  100  Prozent  im  Baugewerbe.
Auch  im  Jahre  1895  wurde  —  neben  andern  sehr  interessanten  statistischen
Erhebungen,  von  denen  insbesondere  eine  Statistik  über  Löhnungsart,  Lohnhöhe ­
  und  Arbeitszeit  betont  zu  werden  verdient,  die  im  Bericht  für  die
zweite  Hälfte  jenes  Jahres  auf  Seite  53  bis  65  abgedruckt  ist  —  der  Grad
der  Arbeitslosigkeit  festzustellen  gesucht.  Anter  Mitheranziehung  der  Berichte ­
  der  Krankenkassen  wurde  ermittelt,  daß  in  den  Gewerben,  die  sich  an
der  Erhebung  beteiligten  —  acht  hatten  die  Feststellung  ihrer  Arbeitslosen
für  unmöglich  erklärt  —  im  Sommer  18  175  und  im  Winter  27  533  Arbeitslose ­
  waren,  was  einen  Durchschnitt  von  19  Prozent  der  Beschäftigten  ergab.
Zu  einem  ähnlichen  Ergebnis  kam  die  Erhebung  des  Jahres  1897,  die  deshalb ­
  erwähnenswert  ist,  weil  sie  in  Ausführlichkeit  und  Methodik  einen
bemerkenswerten  Fortschritt  zu  erkennen  gibt.  Schon  der  erste  Blick  auf
das  Kapitel  „Statistik"  im  Jahresbericht  1897  zeigt,  daß  nun  mit  ganz
anderer  Erfahrung,  mit  ganz  andern  Informationsquellen  und  auch  mit
ganz  andern  finanziellen  Mitteln  gearbeitet  wird,  als  in  den  früheren  Jahren.
Der  zusammenfassende  Abschnitt  des  Kapitels  gibt  kein  bestimmtes  Zahlenverhältnis ­
  der  Arbeitslosen  zu  den  Arbeitsfähigen  an.  Er  rechnet  nur  aus,
daß,  obwohl  man  sich  unzweifelhaft  in  einer  aufsteigenden  Konjunktur
befinde,  die  Zahl  der  Arbeitslosen  doch  nicht  erheblich  geringer  sein  könne
als  1895,  wobei  er  allerdings  auch  den  Zuzug  von  außerhalb  mit  in
Rechnung  stellt.  Im  nächstfolgenden  Jahr  1898,  das  eine  weitere  Hebung
des  Geschäftsganges  brachte,  verlor  sich  das  Interesse  an  dieser  Frage.
Für  1898,  1899,  1900,  die  Jahre  großer  Geschäftstätigkeit  waren,  fehlt  in
den  Berichten  jede  Bezugnahme  auf  die  Arbeitslosenfrage.
Daftir  wurde  sie  im  Jahre  1901  von  neuem  brennend.  Mit  großer
Heftigkeit  stellte  sich  erst  eine  Geldkrise  und  im  Anschluß  an  sie  alsdann
auch  starker  Geschäftsdruck  mit  Arbeitcrentlassungen  ein.  Er  traf  die
        <pb n="276" />
        279

Bericht  der  Kommission
für  das  Quartal  19
Bezirk  oder  Branche  -  -  -  —

Die  3Commission  zählte  in  der  öBerichfszeif  QKilglieder.
Die  3Commission  hielt  geschäftliche  und  Werkstatt-Sitzungen
  ab.
Zöerhsfäffen  wurden  eingeladen.
Zöerksfätfen  hallen  der  (Einladung  täolge  geleistet.
3n  den  erschienenen  Zöerhsfäffen  waren  3CoIfegen  beschäftigt;
daoon  gehörten  dem  Verbände  und  _  anderen
(Organisationen,  an.
oJn  den  Sitzungen  erschienen  SfCollegen;  daoon  waren
3KitgIieder  des  Verbandes  und  nicht  organisiert.
Die  3Commission  hielt  ferner  Z^erfrauensmänner-Zöersammlungan
  und  QKi/glieder-  ZDersammlungen  ab.
Die  3Commission  hat  QKassregelungsSälfe  geprüft  und
„..in  der  Züerwal/ungs-Sitzung  befürwortet.
eintrage  an  die  Schlich/ungshommission  sind  mal  eingereicht
und  die  Zöorarbeifen  dazu  erledigf  worden.
effndere  Werkstatt-Streiks  und  -Differenzen  waren  —  zu  verzeichnen ­
  und  zwar.  ...mit  und  ohne  tärbeifsniederlegung.
B&amp;amp;rlin,  den

tynhtscAzift:^

Arbeiterschaft  freilich  sehr
viel  besser  organisiert  und
entsprechend  besser  vorbereitet ­
  an,  als  seine  Vorgänger.
Aber  die  Massen,  die  nun
zu  unterstützen  waren,  hatten
ebenfalls  zugenommen.
Wieder  erging  daher
in  großen  Versammlungen
der  Aufruf  an  die  Behörden, ­
  helfend  einzugreifen,
und  wieder  verlegten  sich
diese  aufs  hinausschieben.
Da  veranstaltete,  nachdem
eine  Amfrage  die  Existenz
von  mindestens  50000  Arbeitslosen ­
  festgestellt  hatte,
die  Richtigkeit  dieser  Zahl
aber  bestritten  worden  war,
die  Gewerkschaftskommission ­
  eine  eigene  Arbeitslosenzählung, ­
  und  zwar
diesmal  eine  genaue  Aufnahme ­
  durch  Feststellung,
auf  Grund  von  Zählkarten,
von  Laus  zu  Laus.  Sie
ward  auf  Sonntag,  den
1.  Februar  1902,  angesetzt,
und  an  die  in  Partei  und
Gewerkschaften  organisierten ­
  Arbeiter  Berlins  erging
der  Ruf,  sich  für  die  Zählungsarbeit ­
  in  den  Dienst
der  Allgemeinheit  zu  stellen.
Er  fand  im  vollsten  Maße
Gehör.  So  viele  Kräfte  stellten  sich  für  das  Austragen  und  Einsammeln  der
Zählkarten  bereit,  daß  am  Sonntag,  den  26.  Januar  1902,  550  000  Zählkarten
von  gegen  13000  organisierten  Arbeitern  in  ganz  kurzer  Zeit  in  die  Wohnungen
getragen  waren,  und  ebenso  prompt  erfolgte  am  Sonntag  den  2.  Februar
die  Abholung.  In  der  Mehrzahl  der  Bezirke  war,  dank  der  massenhaften
Meldungen,  der  Dienst  so  gut  organisiert,  daß  auf  den  Einzelnen  nur
zwei  Läuser  zur  Besorgung  kamen.  Am  so  besser  fiel  natürlich  diese  aus.
In  Berlin  ohne  Vororte  waren  9375  gewerkschaftlich  organisierte  Arbeiter
bei  ihr  tätig,  daoon  rund  2800  Metallarbeiter,  2000  Lolzarbeiter,  1600
baugewerbliche  Arbeiter,  600  Buchdrucker  und  Fachgenossen,  500  Buchbinderei- ­
  und  Lederarbeiter,  450  Bekleidungsarbeiter,  280  Handels-  und
Transportarbeiter  und  gegen  100  Kaufleute  und  Buchhalter.  Von  den
Mitwirkenden,  welche  die  Vororte  gestellt  hatten,  sowie  den  nur  politisch
organisierten  Mitwirkenden  konnte  eine  genaue  Feststellung  der  Berufe

Qivi  die  O^-mä-nn^r.!
Ein  solcher  Bericht  ist  bei  jedem  Quartalsschluss  an  das  Bureau  abzuliefern.
Der  Bericht  wird  in  2  Exemplaren  ausgefüllt.  Den  einen  Bericht  behält  der
Obmann.  Er  verliest  ihn  in  der  Vertrauensmänner-  oder  Branchenversammlung:.
Bis  zur  nächsten  Versammlung  bekommt  ihn  der  Schriftführer  der  betreffenden
Versammlung;,  damit  die  Angaben  richtig  im  Protokoll  aufgenommen  werden  können.
Nachher  muss  der  Schriftführer  den  Berscht  an  den  Obmann  zurückgeben,  der  ihn
zu  seinem  Gebrauch  aufbewahrt.
Die  Namen  der  an  den  Differenzen  beteiligten  Betriebe  und  andere  L
merkungen  können  auf  die  Rückseite  des  Berichtszettels  geschrieben  werden.
Deutscher  Ijolaarbelter'Verband,  Ortsverwaltung  Berlin.

127.  Berichterstattungsformular  des  Deutschen
Lolzarbeiter-Verbandes
        <pb n="277" />
        280

fln  die  arbeitende  Bevölkerung
Berlins  und  der  Vororte!
Der.Zwrck  dieser  ArdeitSkoseuzöhIung  ist.  eine  mox
lichst  gcliauc  Fcststcllunq  der  Zahl  der  Arbeitslosen  herbe  -
zuführen,  und  zu  beweisen,  in  welchem  Mähe  die  Erwerbs
tätigkcit  zurückgegangen  ist.  Daß  ein.Notstand  besteh:
wird  van  keinem  einsichtsvollen  Menschen  bestritten  Werder
können,  jedoch  sind  nach  den  Meinungen  der  stödtisehen
und  örtlichen  Verwaltungen  nicht  genügend  Beweise  für
einen  größeren  Umfang  der  Arbeitslosigkeit  erbracht
worden.  Es  ist  notwendig,  daß  alle  vom  Arbeitsmangel
Betroffenen  wal&amp;gt;rl)eitsgetreue  Angaben  über  ihre  ArbcitS-'
losigkcit  oder  Erwerbsbeschränkung  machen,  um  gegebenen-'alle
  bei  dein  Staat  oder  den  Gemeinden  begründen  zu
können,  daß  Notstandsarbeiten  in  Angriff  genommen
werben  müssen,  und  daß  eine  Beschleunigung  der  prosek.
tierten  und  notwendigen  Arbeiten  erfolgt.  Durch  die  Arbeitslosenzählung ­
  nn  November  vor,gen  Jahres  ist  dir
Zahl  der  Arbeitslosen  auch  nicht  annähernd  festgestellt.
Das  lag  an  dem  verkehrten  System,  Das  einzig  richtige
System  der  Zählung,  nämlich  jeden  Einwohner  persönlich
zu  befragen,  lehnen  die  Behörden  auS  nichtigen  Gründen
ab.  Deshalb  hat  e8  die  organisierte  Arbeiterschaft  selbst
übernommen.  die  Arbeit  zu  verrichten.,  um  die  arbeitende
Bevölkerung  zu  ihrem  Recht  zu  verhelfen.
Wir  wenden  unL  sinn  an  alle  Volksschichte'.
Berlins  und  der  Vororte  mit  der  Bitte,  uns  bei  dieser  Arbeit, ­
  welche  keinem  zum  Schaden  ist.  zu  helfen,  damit,  gestützt ­
  auf  das  eingegangene  Material,  an  geeigneter  Stelle
darauf  hingewirkt  wird,  den  Notstand  zu  mildern.
Die  beste  Unterstützung  besteht  darin,  daß,  jeder  In-:
Haber  girier  Karte,  gleichviel,  ob  er  arbeitslos  ist  oder
nicht,  dieselbe  für  sich,  und  lvcnn  inchrere  erwerbsfähige
Personen,  in  seinem  Haushalt  sind,  für  diese  die  Zähl»
karten  gewissenhaft  ausfüllt,  und  seine  Nachbarn  veranlaßt. ­
  dasselbe  zu  tun.
Wir  machen  besonder»  darauf  aufmerksam,  daß  die
-Kamen  und  Wohnungen  der  Gezählte»  zu  keinerlei  öffentliche» ­
  Zwecken  oder  zu  sonstigen  Unlauteren  Mitteln  verwendet ­
  werden;  diese  sind  nnr  ans  den  Karten,  um  zu  verhindern, ­
  daß  mehrere  Zählkarten  auf  ein  und  dieselbe
Person  ausgefüllt  werden  kann.
Es  wird  deshalb  höflichst  gebeten,  diese  Zählkarte
auszufüllen.  Auck  bitten  wir.  dafür  zu  sorgen,  önß  ary
&amp;lt;10  Februar  Jemand  zu  Hause  ist,  der  dem  Zählenden
Auskunft  geben  kann  resp.  die  Karte  zurückgibt.
Wenn  ln  einem  Haushalt  mehrere  erwerbsfähige
Personen  wohnen,  so  ist'für  -jede  weitere  Person  -eine
-folgende  Rubrik  auszufüllen,  reichen  die-  Rubriken  nicht
aus.  so  wird  gebeten.  «&amp;gt;„.00  Februar  vom  Zähler  eine
zweite  Zählkarte  zu  fördern.
Unter  erwerbsjähign.Pcrionen  sind  alle  .in,  Haus-(}sllt
  Wohnende  zu  verstehen,  welche  für  Geld  arbeiten
gleichviel  ob  sie  zur.  Fymilie  gehören  oder  nicht.
Unfall-  und  Jnvalidenrentncr.  welche  noch  arbeitsfähig
  sind,  haben  sich,  wenn  sie  arbeitslos  sind  oder  verkürzt ­
  arbeiten,  ebenfalls  einzuzeichnen.
Arbeiter,  welche  durch  die  Naturverhältuissc  zurzeit
arbeitslos  siud.  als  wie  Bauarbeiter.  Schisser,  Hafen-  und
PollwerkSarb^itcr  usw.,  haben  ebenfalls  ihre  Arbeitslosigkeit' ­
  anzugeben.
Die  Zähler  .  sind  angewiesen,  alle  zur  Aufklärung
»dienende  Fragen  zu  beantworten,  auch-wird  während  der
Zeit  voii,  Februar'in  uusercmTBurcau.
von  nwrgcnS  9—  1  und  nachmittags  von  6—8  Uhr.  jeb*
webe  Auskunft  gegeben.
Die  Alliier  CrrotrMfljnffsbfrwiatsfam
Engel-Ufer  15.

128  und  129.  Anweisung  zur  Ausfüllung
  einer  Zählkarte

nicht  gemacht  werden,  da  einige  Listen
nicht  rechtzeitig  eingingen,  ihre  Zahl  belief ­
  sich  auf  zusammen  zwischen  3500
bis  4000  Personen.
Das  Zählungswerk  selbst,  das
mehrere  hundert  Personen  beschäftigte
und  bei  dem  durchwiederholteKontrolle
die  größte  Zuverlässigkeit  zu  erzielen  gesucht ­
  wurde,  ergab  für  Berlin  und  die
Vororte  nicht  weniger  als  77051  Arbeitslose, ­
  wovon  4256  am  Zählungstage ­
  in  Asylen  und  verbergen  Untcrkunst
  hatten.  Außerdem  ward  festgestellt,
daß  53098  Personen  nur  zu  verkürzter ­
  Arbeitszeit  gegen  entsprechend
geringere  Bezahlung  Arbeit  hatten.
Der  ihnen  dadurch  erwachsene  Ausfall ­
  berechnete  sich  auf  zusammen
694  576  Arbeitsstunden  pro  Woche,
während  für  72795  gänzlich  Arbeitslose ­
  ein  Ausfall  an  Beschäftigung  von
789  019  Wochen  festgestellt  wurde.
8603  Personen  waren  im  vierten,  3763
im  fünften,  2360  im  sechsten  Monat
und  2416  Personen  zwischen  sechs
bis  neun  Monate  beschäftigungslos.
Von  den  57222  männlichen  Arbeitern,
die  in  Berlin  und,  mit  Ausnahme
Charlottenburgs,  dessen  Aufstellung
hierüber  keine  Summierung  gibt,  in
den  Vororten  gezählt  wurden,  waren
8032,  das  heißt  noch  nicht  der  siebente
Teil  unter  2l  Jahren,  während  diese
Altersgruppen  in  der  Industrie  den
vierten  Teil  der  Arbeiterschaft  ausmachen. ­
  Noch  geringer  war  ihr  Anteil
an  der  Zahl  der  auf  verkürzte  Arbeitszeit ­
  Gesetzten,  nämlich  2613  von
42245  oder  gerade  ein  Sechzehntel.
Dagegen  hatten  mehr  als  die  Lälftc
der  Arbeitslosen  das  31.  Lebensjahr
überschritten  und  34458  von  ihnen
waren  Laushaltungsvorstände  mit  zusammen ­
  über  44000  Kindern.  Es  sind
also  gerade  die  vorgerückteren  Altersklassen, ­
  die  im  Verhältnis  am  stärksten
von  der  Krise  erfaßt  werden.  Ein
Llmstand,  dessen  schwerwiegende  Bedeutung ­
  ohne  weiteres  in  die  Augen
        <pb n="278" />
        281

springt.  Lind  noch  ein  Zweites  stellte  die
Erhebung  fest.  Von  den  Arbeitslosen
waren  nahezu  fünf  Sechstel,  von  den
auf  verkürzte  Arbeitszeit  Gesetzten  über
fünf  Sechstel  mehr  als  zwei  Jahre
in  Berlin  ortsangehörig.  Dies  die
betreffenden  Zahlen  für  Berlin,  Charlottenburg
  und  die  Vororte  zusammen:

Am  Ort
Unter  zwei  Jahren
Über  zwei  Jahre
Zeit  nicht  angegeben
Insgesamt

Arbeits-  beschränkte  Zeit
lose  Arbeitende
8  021  4  029
59  997  45  259
4  777  3  747

72  795  53  035

Das  unstäte  Element  stellt  danach
zum  Leer  der  Arbeitslosen  ein  viel  geringeres ­
  Kontingent  als  man  im  breiten
Publikum  gewöhnlich  annimmt.  In  Verbindung ­
  mit  den  Feststellungen  über  die
Wirkung  der  Krise  auf  die  Beschäftigung
der  Altersklassen  ist  dies  eine  Ermittlung
von  nicht  geringem  Anzeigewert  für  die
soziale  Forschung  und  die  Pflichten  der
Sozialpolitik.  Die  Arbeitslosenzählung
von  1902,  über  welche  ein  Anhang  zum
Zahresberichtder  Gewerkschaftskommission
für  1901  ausführlicher  berichtet,  war  eine
Leistung  der  organisierten  Arbeiterschaft
Berlins,  die  den  vollen  Anspruch  hat,
als  eine  Tat  bezeichnet  zu  werden.
Zusammenstellungen  der  Ergebnisse
dieser  Zählung  wurden  mit  entsprechenden
Begleitschreiben  sowohl  dem  Berliner
Magistrat  wie  dem  Fürsten  Bülow  als
dem  leitenden  Minister  Preußens  und  des
Reichs  übersandt,  zur  Bekräftigung  der
schon  in  den  Notstandsversammlungen
erhobenen  Forderungen.  Von  beiden
Instanzen  wurden  die  Schreiben  halb
ausweichend  und  halb  ablehnend  beantwortet. ­
  Da  der  Geschästsdruck  das  Jahr
1902  hindurch  andauerte,  ward  im  November
  1902  noch  einmal  durch  Umfrage
bei  den  einzelnen  Gewerkschaften  die  Löhe
der  Arbeitslosigkeit  genauer  festzustellen
gesucht.  Es  ergab  sich,  daß  sie  in  der
Mehrheit  der  Gewerbe  kaum  nennenswert
nachgelassen  hatte;  hier  und  da  lagen
aber  doch  Zeichen  einer  beginnenden

Kitte  nicht  wegwerfen!
Wird  «a  Februar  «lieber  »bg-holt!

Zahl-Karte
Ausnahme  einer  Arbcitsloscnzählung  für
Berlin  und  die  umgebenden  Vororte
am
CngdtrCinzidMHtn  Cts  Karten  IE1  in  -
»skr  »tu  Hanshelt»»gsvorpd»&amp;gt;.
I.  Cct«  und  Zuname:
ÄelfttciM:  mSrniil«  -  rrtiKIfi.  (Bnlnflcntil  IK  »u  »nriestrrl»«!.)
Liter:  Jahre,  verheiratn?  Wieviel  Kinder  unter
'  1«  Jahren?  Sri!  wann  an,  £it?  8"  weichem
Cti  haben  Sie  vorder  gewohnt?  ——
Vorus?  In  weichem  bewerbe  lind  ober
,  waren  Sic  zuletzt  beschäftig:?..  -  —._
Habe»  Sic  zurzeit  Veschästtgung?  .  ....  ......
Sind  ®i*  arbeitslos?  wieviel  Jage?  Wochen?
Wie  lange  waren  Sie  im  Jabre  IMS  arbeitslos?  —  vage  Wochen.
Arbeite»  Eit  iusolge  «rbeilsmangei  verkürzte  Zeit?  ...  ...
Wieviel  Stunden  iröchenrlich  weniger?  -
Sind  Sic  zurzeit  wegen  Kranlhei!  erwerbsunfähig?  „

Für  bik  im  Haushalt  wohnenden  erwerbsfähigen  Personen
&amp;lt;Z,gendtiche  P-rl-ueu  «der  IG  Jahren.  Schln,burschen  usw.)
II.  vor-  und  Zuname:  —  —  ~
m«nr.lU»  -  BtlWI*.  «gut!,»„de»  Hl  lu  unik,Ulrichen.,
Wohnung:  —  —  —
Aller:-,.—»—  Jahre,  verheiratet?  Wieviel  Kinder  unter
&amp;gt;ü  Jahren?  Seit  wann  am  Ort?  In  »cldiem
Ort  haben  Sie  boihrr  gewohnt?  ■  ——
Berus?  —  In  welchen,  Geioerbr  siu»  oder
waren  Sie  zuletzt  belchäsitgt?  ^
Haben  Cie  zurzeit  Uclchältigung?
Sind  Sie  arbeilsto»?  wirviel  Loge?  .........  Wochen?
Wie  lange  waren  Sie  im  Jahre  1908  arb°ilsla»?  —..Tage  Aachen.
Kibtiini  ®ic  insolge  tzlrbktlkmangel  verlllrzte  Zeit?
Wieviel  Stunden  wöchentlich  weniger?
Sind  Sic  zurzeit  «egen  Krankheit  «rwerbsunsähig?
Für  die  im  Haushalt  »ohvrndrn  erwerbsfähigen  Persoueu
sJugcndliche  Pers-n-n  über  lk  Jahren.  Schlasdurschrn  usw.)
!N.  vor-  nutz  Zuname:  ..  ..  ,  ,  ,  .  -n
«rfit'.Ntl:  Männlich  -  «etdNch.  legende«  Hl  ju  «nUilliiUhin,
Wohnung:  .......  ,  .
Liter:  —...  Jahre,  verheiratet?  Wieviel  Kinder  unter
I«  Jahren?  Stil  wann  am  Ort?  In  welchem
Ort  haben  Sie  vorher  gewohnt?..—.  ——
Beruf?  I".  welchrni  Gewerbe  sind  oder
waren  Sie  zuletzt  beschäftigt?.——  -
Habe»  Sie  zurzeit  Beschäftigung?  -
Sinb  Sit  orbeitklo»?  wieviel  Lage?  —  Wochen?  .
Wie  lange  waren  Sic  im  Jahre  1908  arbeitslos?  loge  ......Wochen.
Arbeiten  Sie  insolge  Ardeilsmangkl  verkürzte  Zeit?
Wieviel  Stunden  wöchentlich  loeniger?
Sind  Sie  zurzeit  wegen  Krankheit  erwerbsunfähig?

Filr.tzic  im  Haushalt  wohnenden  erwerbsfähigen  Pcrsouc»
sJngeudllche  Persoue»  unter  lü  Jahre».  Schl-sburschcu  usw.)
Warnung:  .  ...  -
Lite»:  Jahre,  verheiratet?  Wieviel  Kinder  unter
Iv  Jahre»?  Stil  wann  am  Crl?.  Ju  welchen,
Ort  haben  Sie  vorher  gewohnt?
Beruf?  —  —  I»  welchem  Gewerbe  sind  oder
waren  Sie  zuletzt  beschäsügi?  ......  -  ~
Haben  Sie  zurzeit  tvrschästlgnng?  w
Lind  Sit  arbeitslos?  wieviel  Tage?  Wochen?
Wie  lange  waren  Sic  inrJahrc  &amp;gt;908  orbeilkioL?  Tage  -  Wachen.
Arbeiten  Sic  infolge  SrbeilSmaiigel  «eeliirzlc  Zeit"—..  —  .
Wieviel  Srundc!i  wöchentlich  weniger?
Sind  Sie  zurzeit  wegen  Krankheit  oiwiibimrsähig?  ——

128  und  129.  Eine  Zählkarte  der
Arbeitslosenzählung  1901
        <pb n="279" />
        282

(2&amp;lt;U--

  /•//{!//y r  *tr'  rffrS^tSfrs'
rn  ^f'VTVHnvH  rrtrrrm'tfy/
.;  ”y  Jt*r-  f ?&amp;lt;  /T/. / /*'^//i  -/C/yy,  &amp;gt;,*y/i r i/Jv/-rt-//?'-  ,
/y(&amp;lt;  .  '  *t~rs  Jtr  ■&amp;amp;*  1&amp;amp;X7^*t6
/r/r'  (.rtTltityy/-  /lr’&amp;lt;?
t/fyt  ■^'.y.//&amp;gt;y/:.y6k'  ,rAy&amp;amp;rr?
S*-&amp;gt;y&amp;lt;*y  vh  hHhhi^ht  “by  &amp;gt;•?'  ,;yy7
y&amp;lt;yyA r ,-  fy-Sy  yy^  /’■/&amp;lt;’•  «;  /.--f/Cyi
j/yy t ..,  .tA-r  A^kh^hth  jhy  yyfrr'f'f'■/
i  y  ,y/ :  yfS-t  *•'  .'  f'i’r'y:  'f^y&amp;lt;y&amp;gt;  »  -  -'  -^  ^h*s  st&amp;amp;fl
.  yr6y-.'-:&amp;gt;’/?**&amp;lt;  / r ?' y  /flf?y*r  ,T&amp;gt;  yr  ,1,*'  Hi/i
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6? f y  *%&amp;lt;  6//y,  y&amp;gt;,/,y  6%/?  S-’',  tt!  **„•//.  /C-r
/Ci^  '’/rr//'•'/ r ' f  ‘C,,-  ■iy.r*'  r)yrr  6n&amp;gt;y c *fyy^'
yt  -vv,''  tfnyynSis  tif  /ty’-/ 1 *  X**'  vytVfHfl/vrr&amp;amp;rtr*#-Hyftr
  ,'iCl/t'  rtoyfrtr/"'  y&amp;gt;'Cy^  ttf****  /*-‘  "
mt  r/ty  s'/s*'^' r)  yytt6£*v*  .  y/Cty/&amp;gt;/y'^y  ,'*.
6i.yyy.f-'

Besserung  vor,  und  das
Jahr  1903  brachte  dann
diese  Besserung  zum  allgemeinen ­
  Durchbruch.
Dasnächste  statistische
Werk  der  Berliner  Gewerkschaften ­
  war  die  Beteiligung ­
  an  einer  im  Jahre
1903  vom  Statistischen  Amt
der  Stadt  Berlin  veranstalteten ­
  Aufnahme  über  die  Lebenshaltung ­
  Berliner
Arbeiterfamilien.  Von
den  Zählungsformularen,
welche  die  Gewerkschaften
an  ihre  Mitglieder  aussandten,gingen ­
  908in  brauchbarer ­
  Weise  ausgefüllt  zurück. ­
  Sie  bezogen  sich  auf
zusammen  3828  Personen
und  wiesen  eine  Jahreseinnahme ­
  für  1903  von  insgesamt ­
  1  589  547  Mk.  auf,
wovon  aber  275  035  Mk.
Nebeneinnahmen  waren,  die
zumeist  in  Mitverdienst  der
Laushaltungs-Angehörigen
bestanden.  Zieht  man  sie  von
der  ersteren  Summe  ab,  so  ergibt  sich  ein  Durchschnittsverdienst  der  908  Laushaltungsvorsteher ­
  von  1445  Mk.  oder  kaum  4  Mk.  pro  Tag.  Die  Gesamtausgabe ­
  war  1  605  219  Mk.,  so  daß  trotz  der  Nebeneinnahme  ein  Fehlbetrag ­
  von  15  672  Mk.  verblieb.  464  Laushaltungen  schlossen  mit  einem
solchen  ab,  399  mit  einem  „Überschuß"!  Von  den  Ausgaben  entfielen  im
Durchschnitt  der  fünfte  Teil  oder  20,3  Proz.  auf  Wohnung  einschließlich
Leizung  und  Beleuchtung,  48  Proz.  auf  Nahrung  und  8  Proz.  auf
Kleidung,  zusammen  76,3  Proz.  oder  über  drei  Viertel  der  Gesamtausgabe,
worin  das  in  vielen  Fällen  nicht  zu  vermeidende  Essen  im  Wirtshaus  noch
nicht  einbegriffen  ist.  Weitere  Einzelheiten  findet  man  im  Jahresbericht  der
Kommission  für  1904,  und  die  genaue  tabellarische  Aufnahme  im  Bericht
des  Berliner  Statistischen  Amts  über  die  Erhebung.
So  wichtig  und  verdienstlich  nun  das  statistische  Werk  der  Gewerkschaftskommission ­
  war,  so  bildet  es  doch  nur  einen  kleinen  Teil  ihrer  Tätigkeit.
Der  größte  Teil  ihres  Wirkens  bezieht  sich  auf  die  gewerblichen  Kämpfe  der
Arbeiterschaft.  Alle  Fragen,  die  hierbei  die  Allgemeinheit  betrafen,  kamen
vor  der  Gewerkschastskommission  zur  Entscheidung,  deren  eigene  Verfassung
im  Laufe  der  Zeit  eine  immer  sorgfältigere  Ausbildung  erfuhr.  Folgendes
ihre  Lauptbestimmungen.  Die  angeschlossenen  Gewerkschaften  zahlen  für
jedes  ihrer  Mitglieder  10  Pf.,  jedoch  nicht  unter  20  Mk.  im  Jahr  und
sind  in  der  Kommission  durch  Delegierte  in  der  Weise  vertreten,  daß  sie

130.  Begleitschreiben  an  die  Gewerkschastskommission ­
  zu  dem  nebenstehenden  Formular
eines  Laushaltungsbudgets
        <pb n="280" />
        131.  Formular  für  die  Aufnahme  des  Laushaltungsbudgets  von  Berliner
Arbeiterfamilien  vom  Berliner  Statistischen  Amt
        <pb n="281" />
        284

für  jede  angefangenen  500  Mitglieder  das  Recht  haben,  einen  Delegierten
zu  entsenden;  doch  darf  sich  keine  Gewerkschaft  durch  mehr  als  sechs  Delegierte
vertreten  lassen.  Für  die  Führung  ihrer  Geschäfte  wählen  die  Delegierten
aus  ihrer  Mitte  einen  Ausschuß  von  sieben  Personen,  der  sich  über  ausgebrochene
  Lohnkämpfe  auf  dem  laufenden  zu  halten  und  von  den  betreffenden
Gewerkschaften  eingehende  Anträge  zu  prüfen  und  der  Delegiertenversammlung
vorzulegen  hat.  Bei  plötzlich  ausbrechenden  Kämpfen  darf  der  Ausschuß,
wenn  nötig,  sofort  Stellung  nehmen,  hat  aber  der  nächsten  Delegiertenversammlung ­
  darüber  Bericht  zu  erstatten.  Die  Gewerkschaftskommission
ist  nach  ihrem  Statut  dazu  verpflichtet,  überall,  wo  die  gewerblichen  Interessen
der  Arbeiter  es  erheischen,  Bericht  einzufordern,  namentlich  bei  Lohnbewegungen, ­
  Streiks,  Aussperrungen  und  Boykotts.  Doch  ist  für  die
Unterstützung  von  Gewerkschaften  durch  die  Kommission  erforderlich,
daß  zwei  Drittel  der  anwesenden  Delegierten  in  namentlicher  Abstimmung
ihre  Zustimmung  geben,  und  muß  bei  Angriffstreiks  jede  Organisation
in  der  Lage  sein,  mindestens  zwei  Wochen  den  Kampf  aus  eigenen
Mitteln  zu  führen,  bevor  sie  Anspruch  aufUnterstützung  erheben  darf.  Bei
aussichtslos  gewordenen  Streiks  hat  der  Ausschuß  aus  deren  Beendigung
hinzuwirken.  Der  Ausschuß  kontrolliert  das  Bureau  der  Gewerkschaft, ­
  das  für  die  Ausführung  der  Arbeiten  der  Kommission  zu  sorgen
hat,  im  wesentlichen  aber  „zur  unentgeltlichen  Auskunstserteilung  über
Fragen  der  Arbeiterschutz-  und  Versicherungsgesehgebung,  Gewerbe-Inspektion,
  sowie  über  alle  sonstigen  Fragen  des  Arbeitsverhältnisses  eingerichtet ­
  ist"  und  seit  1902  den  Namen  Arbeiter-Sekretariat  führt.  Im
Jahre  1905  wurde  das  Sekretariat  von  13287  Personen  aufgesucht,  an
die  in  13  858  Fällen  Auskunft  erteilt  wurde.  Von  den  Besuchern  waren
11  107  oder  83,59  Proz.  gewerkschaftlich  organisiert.  Die  schriftlichen  Eingänge ­
  beliefen  sich  auf  3923,  die  Ausgänge  auf  4905,  die  Zahl  der  angefertigten ­
  Schriftsätze  war2503.  Der  erste  Sekretär  der  Gewerkschaftskommission
Hermann  Fab  er  gab  sein  Amt  im  Jahre  1896  ab  und  wurde  durch
Rudolf  Millarg,  Tischler,  ersetzt,  an  dessen  Stelle  um  die  Jahreswende
1899/1900  Alwin  Körsten,  Former,  trat,  nachdem  er  schon  vordem  längere
Zeit  als  Aushilfskraft  im  Bureau  gearbeitet  hatte.  Denn  mittlerweile
war  die  Arbeitslast  so  gestiegen,  daß  sie  eine  einzelne  Person  auf  die  Dauer
nicht  bewältigen  konnte.  1901  ward  neben  Körsten  in  Gustav  Link,  Maler,
ein  zweiter,  1904  in  Eugen  Brückner,  Buchbinder,  ein  dritter  und  1905
in  Adolf  Ritter,  Schneider,  ein  vierter  ständiger  Gewerkschaftssekretär
angestellt.  Der  Kassenbericht  der  Gcwerkschaftskommission,  der,  wie  wir
eben  gesehen  haben,  im  Jahre  1891  kaum  1000  Mk.  Einnahme  und  Ausgabe ­
  aufwies,  zeigte  im  Jahre  1905  eine  Einnahme  für  die  Kommission
von  17  491  Mk.,  neben  nahezu  400  000  Mk.,  die  für  drei  große  Streiks
—  den  Streik  der  westfälischen  Bergarbeiter,  den  Streik  der  Dresdener
Zigaretten-Arbeiter  und  -Arbeiterinnen  und  die  ausgesperrten  Berliner
Elektrizitäts-Arbeiter  —  gesammelt  worden  waren.  Das  Jahr  schloß  mit
einem  Kassenbestand  von  14  255  Mk.  und  einem  Guthaben  bei  Gewerkschaften ­
  in  Höhe  von  61  500  Mk.,  zusammen  also  einem  Vermögen  von
nahezu  76  000  Mk.  ab.  Pier  bedeutet  der  Besitz  aber  nicht  Ruhe  und
Behagen,  sondern  das  Mittel  zu  immer  besser  organisierter  und  damit
auch  immer  wirkungsvollerer  Arbeit.
        <pb n="282" />
        xK-  3, lc .  Beachtung!  Tiiskr  Fragkdog-N  ist  jpätefteus  bi«  zum  23.  Rovtmdtt  1902,  E»gil-Us-r  15,  Zimmer  I,  ab;ul,-s-in^

P

Deutscher  Jletallaröeiter-Fervand,  Herwaltungsstelle  Aerstn.
Bureau:  Engel-Ufer  15,  Zimmer  1—5.  Fernsprecher:  Amt  VH.  353.

Frage-Kogen.
Werkst««:,-  Ort:  Stratz«  Nr.
Laak  oder  Abtheilung:  Hauptbeschäftigungsart:  -

Gesammtzahl  der  Beschäftigten

Männl.

Weibl.  Lehrl.

Davon:  Nicht-Metallarbeiter
Metallarbeiter  unter  18  Jahren
„  über  60  Jahre  .  .
Zum  Deutsch.  Metallarb.-V.  gehörig
Zu  anderen  Organisationen  gehörig
Die  regelmäßige  Arbeitszelt  beträgt  täglich  _  Stunden
Werden  Ueöerstunden  gearbeitet?  Wenn  ja,  wieviel  Stunden
täglich
Wird  verkürzt  geabeitet?  Wenn  ja,  wieviel  Stunden  täglich
Wird  Sonntags  gearbeitet,  wieviel  Stunden?
Wird  Nachts  gearbeitet,  wieviel  Stunden?

Verdienst  in  der  Woche
(Drchschn.  d.  letzt.  Viertelj.)
unter  10  Mk.

10  bis

12  „

12  „

15  „

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Verdienst  nicht  zu  ermitt.

Männl.

Weibl.'  Lehrl.
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Wird  vorwiegend  in  Lohn  oder  Akkord  gearbeitet?  (Nicht  Zutreffendes  ist  zu  durchstreichen.)
Wieviel  Tage  werden  bei  der  Lohnderechnung  einbehalten?
Ist  die  Löhnungsperiode  wöchentlich  oder  14tügig?  (sticht  Zutreffendes  ist  zu  durchstreichen.)
Wird  in  Kolonnen  gearbeitet?  Ja  oder  nein.  (Nicht  Zutreffendes  ist  zu  durchstreichen.)
Fragen,  welche  auf  die  Einrichtungen  der  Werkstatt  beim.  Abtheilung  sich  beziehen.
1.  Ist  Hand«  oder  Kraftbetrieb?  (Nicht  Zutreffendes  ist  zu  durchstreichen.)
2.  Besteht  Kündigungsfrist?  Welche?
o.  Wird  die  Luft  durch  Ausdünstungen  von  Materialien,  Maschinen,  Apparaten,  Säuren  :c.  wesentlich  verschlechtert? ­

4.  Werden  die  Abfälle  regelmäßig  beseitigt?  In  welchen  Zeiträumen?  -
5.  Ist  gute  Ventilation  und  Beleuchtung  vorhanden?
6.  Sind  Maschinen  vorhanden,  bei  deren  Bedienung  häufig  Unfälle  vorkommen?
7.  Sind  Schutzvorrichtungen  vorhanden?  Sind  die  vorhandenen  in  gutem  Zustande?
8.  Sind  die  ArbeitSräume  für  beide  Geschlechter  getrennt?
.9.  Sind  besondere  Speiseräume  vorhanden?
10.  Sind  besondere  Ankleideräume  vorhanden?
11.  Sind  besondere  Waschräume,  vorhanden?
12.  Sind  Aborte  in  genügender  Zahl  vorhanden?
13.  Ist  eine  Fabrik-Ordnung  vorhanden?
14.  Ist  ein  Arbeiter-Ausschuß  vorhanden?
15.  Werden  Strafgelder  erhoben?  Ja  oder  nein.
16.  Wird  die  Verwendung  der  Strafgelder  von  den  Arbeitern  kontrollirl?  --Vorstehende
  Fragen  sind  mit  Trute  auszufüllen;
Bemerkungen  siehe  Rückseite;  Bitte  wenden!

Getrennt  für  Geschlechter?
Getrennt  für  Geschlechter?
Getrennt  für  Geschlechter?
Getrennt  für  Geschlechter?

(Näheres  unter  Bemerkungen.)

132.  Fragebogen  des  Metallarbeiterverbandes  über  die  Arbeitsverhältnisse
in  den  einzelnen  Betrieben.
        <pb n="283" />
        286

c)  Die  Unterstützung  auswärtiger  Kampfgenossen.
Wie  die  sozialdemokratische  Arbeiterschaft  Deutschlands  im  allgemeinen
es  stets  als  eine  Ehrenpflicht  betrachtet  hat,  ihren  auswärtigen  Brüdern
bei  wichtigen  Kämpfen  mit  Unterstützungen  hilfreich  zur  Seite  zu  stehen,
so  haben  es  ganz  besonders  auch  die  Berliner  sozialistisch  gesinnten  Arbeiter
gehalten,  und  oft  ist  man  in  Berlin  mit  Sammlungen  für  solche  Zwecke
vorangegangen.  An  ihnen  beteiligten  sich  die  politischen  Organisationen
jeweilen  nicht  weniger  rührig  als  die  Gewerkschaften,  aber  aus  Zweckmäßigkeitsgründen ­
  wurden  die  Sammlungen  für  Kämpfe  gewerkschaftlichen
Charakters  von  der  Gewerkschaftskommission  organisiert  oder  in  ihren  Länden
zentralisiert.  Zn  ihren  Kassenberichten  finden  wir  daher  auch  Zusammenfassungen ­
  über  die  Erträge  dieser  Sammlungen.
Nehmen  wir  die  bedeutendsten  davon  heraus,  so  wurden  für  gewerkschaftliche ­
  Kämpfe  an  anderen  Orten  Deutschlands  in  Berlin  gesammelt:
1.  Für  den  großen  Lafenarbeiterstreik  in  Lamburg  vom  Winter
1896/97  zusammen  155  843  Mk.  Auf  dem  Berliner  Gewerkschastsbureau
wurden  für  diesen  Streik  7000  Doppelquittungen  ausgestellt,  962  Postsendungen ­
  in  Empfang  genommen  und  411  Postanweisungen  nach  Lamburg
entsandt.
2.  Für  streikende  Weber  in  Krefeld,  1899,  25  901  Mk.
3.  Für  streikende  Weber  in  Meerane,  1902,  11  399  Mk.
4.  Für  die  streikenden  Textilarbeiter  in  Crimmitschau  und  Umgegend,
1903,  179  000  Mk.
5.  Für  die  streikenden  Bergarbeiter  in  Westfalen,  1905,  150  000  Mk.
6.  Für  streikende  Zigarettenarbeiter  in  Dresden,  1905,  10  200  Mk.
Von  Sammlungen  für  gewerbliche  Kämpfe  im  Ausland  sind  zwei  besonders ­
  zu  erwähnen:
1.  Für  den  mehr  als  sechs  Monate  spielenden  Kampf  der  englischen
Maschinenbauer  von  1897/98  51  570  Mk.
2.  Für  die  von  der  großen  Aussperrung  des  Jahres  1899  betroffenen
dänischen  Arbeiter  18978  Mk.
Die  Zahl  der  kleineren  Sammlungen  ist  Legion.  Auch  darf  man  nicht
vergessen,  daß  neben  diesen  Sammlungen  häufig  allgemeine  Sammlungen
für  größere  Kämpfe  in  bestimmten  Gewerben  Berlins  liefen.  So  ward
z.  B.  im  Jahre  1899  außer  für  die  dänischen  Arbeiter  auch  für  die  in  einen
großen  Streik  verwickelten  Steinarbeiter  Berlins  gesammelt,  die  mit
16  883  Mk.  unterstützt  wurden,  und  ferner  wurden  den  Töpfern  Berlins
15  000  Mk.  und  den  Steinsetzern  4000  Mk.  Anterstützung  aus  Mitteln  der
Allgemeinheit  gewährt.  Im  Zahre  1905  aber  finden  wir  neben  den
Sammlungen  für  die  westfälischen  Bergarbeiter  und  die  Dresdener  Zigarettenarbeiter ­
  u.  a.  noch  die  Sammlung  für  die  streikenden  Elektrizitätsarbeiter
Berlins  mit  einem  Erttage  von  138  683  Mk.  Alles  das  im  Verein  mit
den  nie  pausierenden  Sammlungen  für  politische  Zwecke  legt  erhebendes
Zeugnis  ab  für  das  starke  Solidaritätsgefühl  und  die  stets  offene  Land
der  Arbeiter  Berlins.
        <pb n="284" />
        Zehntes  Kapitel.
Die  bedeutsamsten  gewerkschaftlichen  Kämpfe
Berlins.

Momente  sind  es  vornehmlich,  welche  dort,  wo  gewerkschaftliche
/  Kämpfe  im  allgemeinen  schon  alltägliche  Erscheinungen  sind,  ihnen
besondere  Bedeutung  zu  verleihen  pflegen:  eine  ausnahmsweise
weite  Ausdehnung  ihres  Kampfgebiets,  eine  ungewöhnliche  Heftigkeit
oder  Dauer  des  Kampfes  und  ein  Ziel  oder  Ausgang,  die  eine
wesentliche  Neuerung  in  den  Bestimmungen  des  Arbeitsverhältnisses ­
  darstellen.  Daß  für  Berlin  Gewerkschaftskämpfe  alltägliche  Vorkommnisse ­
  geworden  waren,  braucht  hier  kaum  noch  bemerkt  zu  werden.
Es  sind  nur  wenige  Gewerbe,  in  denen  nicht  jahraus  jahrein  Streitigkeiten
um  Lohn,  Arbeitszeit  oder  Arbeiterrccht  zu  Kämpfen  zwischen  Unternehmern ­
  und  Arbeitern  führen,  und  nicht  wenige  Gewerbe  haben  deren
fast  regelmäßig  mehrere  im  Jahr.  Die  meisten  davon  sind  längere  Zeit
freilich  nur  Kämpfe  von  Arbeitern  mit  einzelnen  Unternehmern  oder  einer
kleinen  Gruppe  von  solchen,  womit  jedoch  nicht  gesagt  ist,  daß  sie  deshalb
etwa  unwichtig  oder  uninteressant  seien.  Als  soziale  Kraftäußerung  hat
jeder  Kampf  an  seinem  Platz  auch  seinen  bestimmten  Wert,  der  freilich
bei  unüberlegtem,  zweckwidrigem  Vorgehen  auch  vorwiegend  negativer  Natur
sein  kann,  und  selten  fehlt  es  an  Einzelheiten  von  besonderem  Interesse  für
die  Beteiligten  und  die  Wissenschaft  des  Arbeiterkampfes.  Ein  Eindringen
in  die  gewerkschaftlichen  Kämpfe  des  doch  verhältnismäßig  kurzen  Zeitraums,
den  dieser  Band  behandelt,  enthüllt  eine  Fülle  von  Vorgängen,  die  unter
den  verschiedensten  Gesichtspunkten  der  Hervorhebung  wert  erscheinen.  Wir
sehen  neue  Urteile  über  die  Einzelheiten  des  Arbeilsverhältnisses  sich  bahnbrechen, ­
  eine  neue  Taktik  sich  herausarbeiten,  und  überreich  sind  diese  fünfzehn ­
  Jahre  Arbeiterkämpfe  an  dramatischen  Vorgängen,  an  Beispielen
tapferen,  bis  zur  Selbstverleugnung  gehenden  Beharrens  im  Widerstand,
allerdings  auch  an  heftigen  Reibungen  in  den  Reihen  der  Kämpfenden
selber.
Von  alledem  könnte  unsere  Geschichte  nur  grobe  Umrisse  und  Zahlenreihen ­
  geben,  wollte  der  Versuch  gemacht  werden,  auch  nur  die  wichtigsten
Momente  der  größeren  Streiks  zusammenfassend  vorzuführen.  Es  wurde
daher  von  ihm  Abstand  genommen  und  für  richtiger  befanden,  zwei  bedeu-
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133.  Entwurf  einer  Resolution  der  Berliner  Streik-Kontroll-Kommission.  1891/92.
        <pb n="286" />
        134  und  135.  Resolutionen  der  Berliner  Streik-Kontroll-Kommission

Bernstein,  Berliner  Geschichte.  III.
        <pb n="287" />
        290

tungsvolle  Kämpfe,  welche  zu  ihrer  Zeit  die  Arbeiterschaft  Berlins  in  lebhafteste ­
  Erregung  versetzten,  herauszugreifen  und  an  ihrem  Beispiel  in  möglichster ­
  Anmittclbarkeit  ein  Bild  zu  entwickeln  vom  Spiel  der  Leidenschaften
und  Interessen,  von  der  Entfaltung  der  charakteristischen  Eigenschaften  der
Führer  und  der  Massen,  vom  Widerstreit  der  Arteile,  vom  Auftauchen
neuer  Konstellationen  und  Probleme  inmitten  des  Kampfes,  wie  sich  das  in
Abstufungen  bei  allen  größeren  Wirtschaftskämpfender  Arbeiterschaft  wiederholt. ­
  Die  gewählten  Beispiele  sind  der  große  Bicrboykott  des  Jahres  1894
und  der  große  Streik  in  der  Konfektionsschneiderei  Berlins  vom  Jahre  1896.
Da  aber  der  Bierboykott  den  Rahmen  eines  Gewerkschaftskampfes
durchbrach  und  zum  Kampf  gegen  einen  Bund  der  großen  Brauereien  der
Lauptstadt  wurde,  den  die  Gesamtarbeiterschaft  Berlins  unter  der  gemeinsamen ­
  Leitung  der  politischen  und  der  Gewerkschaftsführer  ausfocht,  ist  ihm
ein  besonderes  Kapitel  gewidmet.  Anders  der  Streik  in  der  Konfektionsschneiderei. ­
  So  sehr  ihm  die  Allgemeinheit  der  Arbeiter  Berlins  ihr  Interesse ­
  schenkte,  so  behält  er  doch  durchweg  in  allen  wesentlichen  Punkten
seinen  gewerkschaftlichen  Charakter.  Allerdings  spielt  auch  er  sich  nicht  in
der  Weise  ab,  daß  die  Streitenden  auf  die  rein  gewerkschaftlichen  Kampfmittel ­
  beschränk  bleiben.  Aber  das  beeinträchtigt  seinen  gewerkschaftlichen
Charakter  nicht.  Allen  bedeutenden  Gewerkschaftskämpfen  der  Gegenwart
ist  die  Tendenz  eigen,  wegen  der  Größe  der  von  ihnen  erfaßten  Bevölkerungsschicht ­
  oder  der  Rückwirkung  auf  das  Geschäftsleben  im  allgemeinen  zu
einer  Angelegenheit  der  Öffentlichkeit  zu  werden  und  deren  Eingreifen  in  der
Gestalt  von  Vcrmittelungsversuchen  irgendwelcher  Art  wachzurufen.
*  *
-i-1.
  Der  Kampf  von  1896  gegen  die  Schwiharbeit  in  der
Konfektionsschneiderei.
Eine  der  Lauptindustrien  Berlins  ist  die  Bekleidungsindustrie,  und
zwar  ist  es  die  Schneiderei,  die  hier  im  Laufe  der  Zeit  einen  das  örtliche
Bedürfnis  nach  ihren  Produkten  weit  überschreitenden  Aufschwung  genommen ­
  hat.  Mit  andern  Worten,  die  Konfektionsschnciderei,  die  Lerstellung
  fertiger  Artikel  für  den  offenen  Markt,  hat  sich  hier  außerordentlich
stark  eingebürgert.  Aus  verhältnismäßig  bescheidenen  Anfängen  hatte  sie
sich  in  Berlin  im  letzten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  zu  einer  Stapelindustrie ­
  ersten  Ranges  entwickelt.  Berlin  versorgte  die  Provinz,  das
außcrpreußische  Deutschland  und  auch  das  Ausland  in  steigendem  Amfange
mit  Erzeugnissen  seiner  Konfektion  in  Kleidungsstücken  aller  Art;  namentlich
seine  Damenmäntel-Konfektion  spielte  auf  einer  Reihe  von  Auslandsmärkten ­
  eine  große  Rolle.  Ende  1895  zählte  man  hier  439  Großhandelsgeschäfte ­
  der  Bekleidungsindustrie,  wovon  131  auf  die  Damenmäntelkonfektion
kamen.  Neben  Berlin  hatten  in  Deutschland  Äamburg,  Stettin,  Breslau,
Erfurt  und  einige  Mittelstädte  sich  zu  Zentren  der  Kleiderkonsektion  entwickelt.
Die  Produktion  in  der  Konfettionsschneiderei  ging  nur  zum  geringsten
Teil  in  großen  Werkstätten  vor  sich.  In  den  meisten  Fällen  gaben  die
Fabrikanten  die  Arbeit  zur  Besorgung  außerhalb  ihrer  Geschäftsräume
sott,  zum  Teil  direkt  an  Leimarbeiter,  zum  Teil  an  Zwischenunternehmer
verschiedenster  Art.  Neben  gelernten  Schneidern  übten  auch  Angehörige
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136—138.  Protokoll  des  als  Einigungsamt  angerufenen  Gewerbegerichts
17.  Februar  1896

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        136—138.  Protokoll  des  als  Einigungsamt  angerufenen  Gewerbegerichts.
17.  Februar  1896

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        136—138.  Protokoll  des  als  Einigungsamt  angerufenen  Gewerbegerichts
17.  Februar  1896

anderer  Berufe  das  Gewerbe  des  Zwischenmeisters  aus.  So  wenig  man
als  Fabrikant  nötig  hatte,  selbst  die  Nadel  führen  zu  können,  so  wenig
war  die  Aufgabe  des  Zwischenmeisters  daran  gebunden.  Spekulationstalent ­
  und  je  nachdem  ein  gewisses  organisatorisches  Geschick  waren  in
beiden  Fällen  die  hauptsächlich  erforderten  persönlichen  Eigenschaften,  und
so  fand  man  gewesene  Kommis,  Gastwirte,  Gärtner  —  ja,  selbst  ehemalige
Dienstmänner  und  Droschkenkutscher  unter  den  Personen,  die  zwischen
Fabrikanten  und  Arbeitern  der  Konfektionsgewerbe  die  Mittelsperson
spielten.  And  gerade  diese  aus  anderen  Berufszweigen  stammenden  Zwischenunternehmer ­
  waren  es  oft,  die  den  hier  ohnehin  starken  Lohndmck  noch
empfindlich  steigerten.
        <pb n="291" />
        294

Die  Arbeiter  der  Konfektionsschneiderei  gehören  in  ihrer  großen  Mehrheit ­
  dem  weiblichen  Geschlecht  an,  und  wenn  dies  allein  schon  es  ermöglichte,
die  Löhne  auf  einen  tiefen  Stand  zu  halten,  so  ward  diese  Möglichkeit
noch  dadurch  verstärkt,  daß  sich  an  der  Konfektionsschneiderei  ein  ganz  erheblicher ­
  Prozentsatz  von  Frauen  und  Mädchen  beteiligten,  für  die  sie  bloß
Nebenerwerb,  in  vielen  Fällen  der  Lohn  nur  „Nadelgeld"  war.  Die
Bezahlung  der  Heimarbeiter  war  fast  durchgängig  eine  erbärmliche.  Dank
ihrer  Widerstandsunfähigkeit  konnten  die  lohndrückenden  Tendenzen  des  Unternehmertums ­
  und  der  Konkurrenzverhältnisse  sich  immer  wieder  mit  erneuerter
Macht  in  der  Konfektionsindustrie  geltend  machen  und  selbst  in  dieser  aufsteigenden ­
  Industrie  das  Elend  forterhalten  oder  wiederherstellen,  welches  die
amtliche  Erhebung  von  1887  ans  Licht  gezogen  hatte.  In  der  ersten  Hälfte  der
neunziger  Jahre  trugen  jedoch  noch  zwei  wichtige  Faktoren  ganz  besonders
dazu  bei,  die  Lage  der  Konfektionsschneider  in  Berlin  und  den  andern
deutschen  Zentren  dieser  Industrie  zu  verschlechtern:  Erstens  die  Äberhand
nähme  der  Konfektion  auf  Lager  oder  „Stapel"  gegenüber  der  Konfektion
auf  durch  Reisende  eingeholte  Bestellungen.  Durch  sie  wurde  die  Produktion
auf  noch  kürzere  Zeit  im  Jahr  zusammengedrängt,  noch  mehr  Saisonarbeit
als  vorher.  Der  zweite  Faktor  war  die  Erschwerung  der  Konkurrenzbedingungen ­
  auf  dem  Weltmarkt  dadurch,  daß  die  Vereinigten  Staaten  und
Argentinien  ihre  Einfuhrzölle  auf  Konfektionswaren  erhöhten  und  Englands
eigene  Konfektionsindustrie  unter  dem  Einfluß  der  Massen-Einwanderung
aus  Rußland  vertriebener  jüdischer  Arbeiter  einen  starken  Aufschwung  nahm.
Sollte  dieser  Konkurrenzdruck  nicht  zur  weiteren  Herabdrücknng  der  Lage  der
deutschen  Konfektionsarbeiter  führen,  so  war  eine  kraftvolle  Gegenaktion  dieser
absolut  geboten.
Sie  blieb  denn  auch  nicht  aus.  Nachdem  viele  Agitationen  und
Diskussionen  vorausgegangen  waren,  beschloß  der  dritte  Verbandstag
deutscher  Schneider  und  Schneiderinnen,  der  vom  22.  bis  25.  August  1894
in  Erfurt  tagte,  eine  planmäßige  Agitation  für  die  Verbesserung  der  Verhältnisse ­
  in  der  Konfektionsschneiderei  ins  Werk  zu  setzen,  und  vier  und
einen  halben  Monat  darauf,  am  13.  Januar  1895,  tagte  in  Berlin  eine
von  der  Berliner  Agitationskommission  für  Schneider  und  Schneiderinnen
einberufene  Konfektionsarbeiter-Konferenz,  die  von  14  Delegierten
aus  den  wichtigsten  Zentren  der  Industrie  beschickt  war.  Sie  verständigte
sich  über  die  Grundlinien  eines  gemeinsamen  Vorgehens  in  ganz  Deutschland ­
  für  folgende  Forderungen:
1.  Anerkennung  von  festzusetzenden  Lohntarisen.
2.  Errichtung  von  Betriebswerkstätten.  Der  Endtermin  wird  auf  den
l.  Februar  1896  festgesetzt.
3.  Einsetzung  einer  Kommission  zur  Austragung  etwaiger  Streitigkeiten,
welche  zu  gleichen  Teilen  aus  Geschäftsinhabern  oder  deren  Vertretern
und  aus  Schneidern  bestehen  soll.
4.  Eine  anständige,  eines  Menschen  würdige  Behandlung.  Rohe  Redensarten ­
  oder  gar  Handgreiflichkeiten  (wie  sie  vorgekommen)  müssen  unterbleiben. ­

5.  Schnelle  Abfertigung  bei  Empfangnahme  und  Abliefern  der  Arbeiten.
Bei  länger  als  einstündigem  Warten  wird  pro  Stunde  40  Pf.  vergütet.
6.  Mindestens  wöchentliche  Lohnzahlung  am  Schluß  jeder  Woche.
7.  Anerkennung  von  Arbeitsnachweisen  in  Landen  der  Arbeiter.
        <pb n="292" />
        Eine  Kommission  von  fünf  Personen  sollte  das  für  die  Aktion  erforderte ­
  Agitationsmaterial  beschaffen  und  zusammenstellen,  sowie  mit  den
Kommissionen  an  den  einzelnen  Orten  behufs  einheitlichen  Vorgehens  in
Agitation  und  Aktion  Fühlung  halten.  Sie  ward  am  21.  Januar  1895
in  Berlin  in  öffentlicher  Versammlung  gewählt  und  aus  drei  männlichen
Berufskollegen  —  O.  Brand,  an  dessen  Stelle  später  K.  Riesing  trat,
Ioh.  Timm  und  A.  Zander  —  und  zwei  Arbeiterinnen  —  Frau  A.  Noack
und  Frau  E.  Reimann  —  zusammengesetzt.  Sie  beschloß  zunächst  die
Forderung  von  Betriebswerkstätten  zu  propagieren.  Am  6.  Mai  1895
fanden  in  Berlin  und  den  anderen  Sitzen  des  Gewerbes  große  Versammlungen ­
  statt,  in  denen  die  Wichtigkeit  der  Errichtung  von  Betriebswerkstätten
auseinandergesetzt  wurde.  Äberall  wurden  Resolutionen  zu  ihren  Gunsten
angenommen  und  mit  entsprechenden  Begleitschreiben  von  den  Bureaus
der  Versammlungen  an  die  Unternehmer,  Fabrikanten  wie  Ländler  versandt.
Gemeinsam  mit  dem  Vorstand  des  Schneiderverbandes  beauftragte  die
Fünferkommission  ihr  Mitglied  Johannes  Timm,  behufs  Gewinnung  der
öffentlichen  Meinung  eine  Broschüre  über  die  Schäden  des  Zwischenmeistersystems ­
  und  der  Leimarbeit  im  Gewerbe  abzufassen.  Die  wirksam  geschriebene ­
  Arbeit  ward  unter  dem  Titel  „Das  Swcating-System  in  der
Konfektionsindustrie"  in  6000  Exemplaren  ausgelegt  und  unter  anderem  den
meisten  namhaften  Sozialpolitikern  und  den  Organen  und  Körperschaften
zugeschickt,  die  von  Amtswegen  mit  der  Sozialpolitik  zu  tun  haben.  Sie
erfüllte  auch  in  hohem  Grade  ihren  Zweck.  Die  Presse  befaßte  sich  aufs
neue  lebhaft  mit  der  aufgeworfenen  Frage  und  sprach  sich  im  ganzen  für
die  in  der  Broschüre  entwickelten  Ideen  aus.  Noch  waren  die  Blütenträume ­
  der  deutschen  Sozialpolitik  nicht  aus  den  Gemütern  der  deutschen
Ideologen  verflogen,  die  jüngeren  Elemente  der  evangelischen  Geistlichkeit
und  die  antikirchlichen  Ethiker  wetteiferten  im  Eintreten  für  soziale  Reformen,
im  Schoße  der  liberalen  Parteien  gab  es  Gruppen,  die  sich  mit  der  Idee
des  staatlichen  Arbeiterschuhes  befreundeten,  und  da  die  großen  Firmen
der  Kleiderkonfektion  überwiegend  jüdisch  waren,  nahmen  auch  Antisemiten
und  Konservative  für  deren  Arbeiter  Partei.  Kurz,  die  Agitation  der
Konfektionsschneider  fand  selbst  in  der  bürgerlichen  Welt  viele  Freunde.
Der  tatkräftigen  Sympathie  der  organisierten  Arbeiter  dursten  sie  sich  selbstverständlich ­
  versichert  halten.  Die  Leitung  der  deutschen  Sozialdemokratie
sehte  die  Frage  der  Schwitzarbeit  mit  Johannes  Timm  als  Referenten  auf
die  Tagesordnung  des  Parteitags,  der  im  Oktober  1895  in  Breslau  zusammentrat, ­
  und  nahm  einstimmig  eine  Resolution  an,  die  es  den  Genossen
allerorts  zur  Pflicht  machte,  den  Kampf  für  die  Beseitigung  des  Zwischenmeistersystems, ­
  für  Betriebswerkstätten  und  feste  Lohntarife  zu  unterstützen.
Am  24.  und  25.  November  1895  tagte  in  Erfurt  eine  zweite  allgemeine
Konferenz  der  Arbeiter  der  deutschen  Konfektionsindustrie.  Sie  war  erheblich ­
  stärker  besucht  als  die  erste,  erneuerte  das  Mandat  der  Fünferkommission ­
  mit  dem  Recht  der  Ergänzung  und  beschloß  einen  genau
fixierten  Agitationsplan,  sowie  die  sofortige  Organisierung  von  Sammlungen
behufs  Bildung  eines  Kampffonds.
Es  handelte  sich  also  nicht  um  einen  willkürhaft  und  unüberlegt  an
einem  einzelnen  Ort  ins  Werk  gesetzten  Kampf,  sondern  um  eine  reiflich
überdachte  und  wohl  vorbereitete  Bewegung  von  nationalem  Amfang,  deren
        <pb n="293" />
        Dies«-  Blatt  erscheint  wöchentlich  einmal,  wird  den
organisirten  Schneidern  und  Schneiderinnen  gratis
zugestellt,  lieg«  in  über  500  Restaurants  init
Schneiderverkehr  aus  und  wird  in  allen  Versammlungen
verbreitet.

Anzeigen-Watt

der

Inserate:  Die  btzrspälten»  Petilzeile  oder^  deren
Raum  25  Pf.  Bei  mehrmaliger  Aufgabe  entsprechender
Rabatt.  Aufträge  werden  entgegengenommen:  Vorm,
non  8—1  Uhr  un  CeittralarbeitsnachweiS-  und  AuS»
kunstS-Bureau  der  Schneider  u.  Schneiderinnen  Berk..
Alte  Jakobstr.  83,  Rest.  Pasch,  bei  Albert  Aon  des.

Maeitfet  ums  Sdmetdeciaaea

Herlins  und  Umgegend.

Ubonnem-ntSpreis  pro  Quartal  frei  ins  75  Pf.,  pro  Monat  30  Pf.
Abonnemmts  nimmt  rntgcgrn:  A.  Zondrr,  Alte  Jalob-Strasr  83,  Restaurant  Pasch,  Borm.  van  8—1  Uhr.

II.  Jahrgang.

Berlin,  Sonnabtnb,  de»  25.  Januar  1896.

Nr.  4.

Kollegen!  Kollkginnen!  Verbreitet  dieses  f  latt  überall  in  Euren  Kreisen  und  ngitirl  s.  d.  Besuch  d.  Nersannnlungen!

12  große  öffentl.  Versammlungen
der
Mantelnäherinncii,  Bügler,  Zuschneider,  Stepper.  Stepperinnen,  Kinderkonfektions-Nätzcnnnen,
  Herrenkonfektions-Schneider  und  -Näherinnen,  sowie  Schneider  und
Näherinnen  aller  Branchen  der  Konfektion«  -  Industrie
W  am  Montag,  den  3.  Februar,  Abends  8  Uhr.  "VE
Für  den  Osten:  Nicft's  Festsälc,  Wcbcrstr.  17.
Für  C-ntmm:  Englischer  Garten^  Al^anderstr.  27  e.
Für  den  Nord-Osten:  Paster's  Gescllschaftshaus,  Nene  Königstr.  7.
Für  den  Süd-Osten:  Sanssouci,  Kottbuscrstr.  4s  und
Märkischer  Hos,  Admiralstraße  l8o.
Für  den  Westen:  Kvmgshvs,  Bülvwstr.  ?&amp;gt;7.
Für  den  Norden:  Brrtmer  PrM«.  7.
Slmticmunöcr  @csetlfd)aft0ljau0.  SrnmcmimOcrftc.  39  nn»
Criindel's  Fcstsäle,  Bmnnenstr.  188,
Für  Wedding-Gesund-  Köslincr  Hof,  Küslincrstr.  8.
brunnen:
Für  Moabit:  Arendt'sche  Brauerei,  Stromstr.  11—16.
Für  Rixdors:  Diktoria-Säle,  Hennannstr.  48—50.

Täges-Ordnung  in  allen  Versammlungen:
1.  Die  Ergebnisse  der  Verhandlungen  init  den  iionfektions.
Unternehmern,  Händlern  und  Meistern  und  unsere  Stellungnahme ­
  dazu.
2.  Diskussion  und  Beschlußfassung  darüber.
Die  Referenten  werden  in  den  Versammlungen  bekannt  gemacht.
Kollegen,  Kolleginnen'  Erscheint  in  den  Versammlungen  vollzählig.  Es  gilt,
darüber  -zu  entscheiden,  ob  Ihr  gewillt  seid,  in  eine  Lohnbewegung  einzutreten.
Die  Agitations-Kommission  der  Schneider  und  Schneiderinnen  Berlins.
Im  Auftrage:  Z.  tzimm,  Vertrauensmann.

Montag,  dc»  Z.  Februar
ist  der  Tag,  an  welchem  die  Entscheidung  getroffen
werden  soll,  ob  in  eine  Lohnbewegung  eingetreten
wird.  Die  Agitationskommission  der  Schneider  und
Schneiderinnen  Hot  den  Auftrag  der  letzten  großen
Versammlungen  ausgeführt  und  den  Unternehmern.
Händlern  und  Meistern  die  angenommenen  Forderunge« ­
  zugestellt:  in  den  bekannt,  gegebenen  Versammlungen ­
  wird  sie-über  doS  Ergebniß  der  gepflogenen ­
  Verhandlungen,  zu  denen  sie  beauftragt
wurde.  Bericht  erstatten.
Wir  glauben  nicht  nöthig  zu  haben,  die  Kollegen
und  Kolleginnen  noch  besonders  daran  zu  erinnern,
daß  e8  ihre  Pflicht  ist.  in  diesen  Versammlungen
zu  erscheinen,  um  mit  zu  berathen  und  mit  zu
bestimmen,  was  geschehen  soll.  Es  ist  weiter  ihre
Pflicht,  alle  Säumigen,  alle  Gleichgültigen  wachznrütteln.
  damit  sie  die  zu  ihrem  eigenen  Wohle
dienenden  Bestrebungen  unterstützen.  Laßt  Euch
nicht  abhalten  von  Jenen,  die  ans  wohlberechneiem
Jntereffe  die  Forderungen  als  undurchführbar  hinstellen. ­
  die  mit  der  Hungerpeitsche  drohen,  wenn
Ihr  Euch  nicht  fügt.  Tretet.  ein  in  den  Kampf
mit  dem  Gedanken,  daß  Ihr  Euer  gutes  Recht  aus
menschenwürdige  Existenz  verfechtet.  Müßt  Ihr
in  der  schlechten  Zeit  wochenlang,  monatelang ­
  hungern,  vergebens  um  Arbeit  betteln,
so  könnt  Ihr  jetzt,  wo  es  sich  darum  handelt,
bessere  Zustände  zu  erringen,  einige  Wochen
Ovfermulh  bezeugen,  um  die  Forderungen
durchzusetzen.  Geschloffenheit  führt  zum  Sieg.

Rur  die  in  diesem  Blatt  bekannt  gegebenen
Versammlungen  sind  von  der  beauftragten  Agitationskommission
  einberufen.  Es  wird  in  dem  bevorstehenden ­
  Kampfe  nicht  an  Leuten  fehlen,  welche
die  einheitliche  Bewegung  zu  zerstören  suchen  und
bewußt  oder  unbewußt  wie  immer  im  Interesse  der
Unternehmer  handeln.  Die  beste  Antwort  darauf
ist.  daß-  man  solchen  Veranstaltungen  fern  bleibt.
Die  Anfnahmclisten  de«  Verbandes  deutscher
Schneider  und  Schneiderinnen  sind  weiß,  ebenso
die'  Sammellisten,  der  Agilationskommission.  Wir
bitten  dieses  zu  beachten,  weil  ander«  Sammlungen
als  gestempelte  Bons  u-  s.  w.  nicht  von  uns  ausgehen.
Durch  Kampf  zum  Sieg!
Die  Agitations-Kommission
der  Schneider  und  Schneiderinnen  Berlins.

Unsere  Forderungen  und  der  „Sun-,
fckttonär."
Der  „Konfektionär"  ist  bekanntlich  das  Interessen-Organ ­
  der  Unternehmer  und  Händler  der
Konfektions-Industrie.  Dieses  Blatt  hat  also  den
Profit  der  großen  und  größten  Kapitalisten  -wahrzunehmen. ­
  Das  hindert  den  Konfektionär  aber
nicht,  ab  und  zu  auch  einmal  die  soziale  Lage  der
Schneider  und  Näherinnen  zu  beleuchten,  allerdings
nur  dann,  wenn  es  höchst  ungefährlich  ist.  Die
Unternehmer  schlagen  dann  gleich  zwei  Fliegen  mit
einer-  Klappe:  sie  wahren  ihr  Kapitalinfereffe  und
geben  sich  einen  sentimentalen  arbeUerfrcundlichen
Anstrich.

So  schreibt  noch  der  „Konfektionär"  im  vorigen
Jahre  folgendes:  „Die  Mäntelnäherin  verdiente
früher  viel:  augenblicklich  aber  giebt  es  für  ein
Jcnzget  nur  noch  90  Pf.,  oft  noch  weniger,  für
einen  Regenmantel  l.25  M.';  und  an  anderer
Stklle:  „Die  Frauenarbeit  ist  von  jeher  schlecht
be^hlt  worden,  selten  waren  aber  die  Löhne  so
gesunken  wie  jetzt."
Im  Anschluß  hieran  heißt  es  dann:  „Eine
allgemeine  Lohnerhöhung  könnte  nur  durcbgeführt
weiden,  wenn  unsere  Geschäftsinhaber  wüßten,  daß
Niemand  billiger  arbeitet,  daß  ein  einheitlicher
Minimal-Arbeltstarif  bestehe.  Dann  würden
sic  gewiß  gern  bereit  sein,  höhere  Löhne  zu  bewilligen,
denn  alsdann  müßte  auch  der  Preis  für  das  fertige
Fabrikat  steigen,  den  durchzusetzen,  unter  den
obwaltenden  Umständen  nicht  gar  zu  schwer  wäre."
Jetzt  rückt  der  Termin  heran,  wo  die  Verwirklichung ­
  dieser  Forderungen  erstrebt  werden  soll.
Die  logische  Konsequenz  der  obigen  Ausführungen
wäre,  daß  auch  die  Unternehmer  mit  aller  Macht
i  VW  '^  -vcVernnrun  unterstützen  MÜsit&amp;gt;2'.
f  ans  feuert  3fce(fcn  sa)un  &amp;amp;(latmen  laut,  baß  (Id)
die  Anfertigung  der  Stapclfachen  kaum  noch  verlohne, ­
  weil  die  Preise  so  heruntergedrückt  sind.
So  konsequent  sind  die  Unternehmer  aber  nicht,
denn  „zwei  Seelen  wohnen  ach  in  einer  Brust".
Wenn  auch  die  elenden  Zustände  dkr  Konfektionsschneider ­
  und  Näherinnen  eine  deutliche  Sprache
reden,  so  wird  sie  übertönt  von  dem  keifenden
Schrei:  Profit!  Profit!
Wuthentbrannt  'über  den  imposanten  Ausfall
unserer  letzten  Versammlungen  speit  der  „Konfektionä  "
Gilt  und  Galle.  Daß  er  die  im  Vordergründe
der  Bewegung  stehenden  Kollegen  mit  allerhand
Ehrentitel  belegt,  ist  aus  der  jetzigen  unbequemen
Verlegenheitsstimmung  einigermaßen  begreiflich  und
genirt  weiter  nicht.  Die  Zahl  der  Versammelten
wird  vorsichtiger  Weise  auf  nur  5000  angegeben,
während  die  Lokale  Sanssouci  und  Keller,  die  bis
ans  den  letzten  Platz  besetzt,  allein  schon  5000
Personen  fasten.  Die  seltene  Einigkeit  in  der
Beschlußfassung  soll  dadurch  beeinträchtigt  werden,
daß  einige  Zwischenmeistcr  und  Meisterinnen  dagegen
opponirten.  Diese  werden  natürlich  als  „Arbeiter"
ausgespielt.  Es  wird  dann  noch  über  große  „Unruhe" ­
  und  heftige  Opposition  gegen  die  aufgestellten
Forderungen  berichtet.  Der  Bericht  läßt  aber
deutlich  die  unangenehme  Situation  der  Unternehmer ­
  erkennen.  Nun,  sie  können  beruhigt  sein,
der  einmal  beschrittene  Weg  wird  weiter  verfolg
bis  die  zu  einer  menschenwürdigen  Existenz  erforderlichen ­
  minimalen  Forderungen  bewilligt  sind.
An's  werk.
Die  organisirten  Schneider  und  Näherinnen
Deutschlands  haben  die  zum  Besten  der  Konfektionsarhciterschast
  bereits  im  vorigen  Jahre  eingeleitete
Bewegung  einen  weiteren,  entscheidenden  Schritt
vorwärts  geführt.  Gemäß  der  Anregungen  und
Beschlüsse  der  Berliner  Konferenz  vom.  13.  Januar
und  der  Erfurter  Konferenz  vom  24.  und  25.  November ­
  1895  fanden  am  letzten  Montag  in  fast
allen  Mittelpunkten  der  Konfektionsindustrie  große
öffentliche  Versammlungen  statt,  in  welchen  die
Arbeiter  und  Arbeiterinnen  der  Branche  Äe  Errichtung ­
  von  Betriebswerksiätien  und  die  Einführung
fester  Lohntarife  forderten.  Die  Forderungen
kommen  dem  Unternehmerthum  nicht  überraschend,
die.  gewerkschaftliche  Aktion  bedeutet  ihm  keine
Ueberrumpelung.  Bereits  im  Januar  vorigen
Jahres  erklärten  die  Vertreter  der  Konfektionsarbesterschaft ­
  die  Errichtung  von  Betriebswerkstätten
für  eine  dringend  nöthige  Reform,  und  die  Massenversammlungen ­
  vom  6.  Mai  pflichteten  durchaus
dieser  Ansicht  bei,  ließen  den  Konfektionären  ihre
diesbezügliche  Forderung  zur  -  Kenntniß  bringen
und  setzten  den  1.  Februar  1696  als  Termin  für
die  Einführung,  der  Neuerung  fest.  Was  aber

das  Verlangen  nach  höheren  Lohnen  und  festen
Lohntarifen  anbetrifft,  so  ist  es  seit  Jahren  nie
verstummt,  hier  und  da.  nun  und  jetzt  wieder  und
wieder  formulirt  worden.
In  brennender  Dringlichkeit  wachsen,  die  er»
hobenen  beiden  Forderungen  ans  den  Arbeitsbedingungen ­
  der  Konfektionsarbeiterschaft  hervor;
aus  Arbeitsbedingungen,  welche  mit  eisernein.  Druck
die  Lebenshaltung  vieler  Zchntausende  auf  einem
denkbar  niedrigen,  kiilturunwürdigen  Niveau  festklammern. ­
  Und-  bieSi  während  einer  Handvoll
Konfektionären  millionenrcicher  Gewinn  zufällt,  eine
mehr  als  auskömmliche  Existenz  anderen  ihres*
gleichen,  milfammt  einer  Anzahl  besonders  geriebener
Zwischenmeistcr.  Welches  sind  denn  die  vor»
stechendsten  Züge  dieser  Arbeitsbedingungen?
Löhne,  die  an  der  Hungergrenze  hin-  und  her»
pendeln  und  sehr  oft  unter  dieselbe  sinken.  Eia
nicht  bloß  kärglicher,  sondern  im  höchsten  Grade
unsicherer  und  unregelmäßiger  Verdienst,  der  ausbleibt ­
  und  sDwankt,  je  nach  der  Saison,  den
Mlri-tito-.r.dtniffeu  und  dem  willkllrULeu  Bel'Herr
1  bet  Stonfcttionäie  unb  ßmifrijfant  elfter.  &amp;amp;n  an’
haltendes  Sinken  der  Löhne,  ganz  besonders  iu
Folge  der  unheilvollen  Rolle,  welche  der  Schwitzer
als  Werkzeug  der  Ausbeutung  und  Ausbeuter
spielt.  Ungemeffen  lange  und  ungeregelte  Arbeitsdauer. ­
  ohne  feste  Abgrenzung  der  Zeit  für  Essen,
Schlafen,  Erholung  und  Erfüllung  der  Aufgaben
gegenüber  Familie,  Klaffe,  Gesellschaft.  .  Eine
Beschlagnahme  der  Nachtstunden,  der  Sonn-  und
Feiertage  während-der  Saison,  ein  fast  oder  ganz
vollständiges  Feiern  während  der  Flaue.  Als  Zugabe ­
  zu  diesen  Herrlichkeiten  kapitalistischer  Ordnung
aber  die  Frohn  in  Räumlichkeiten,  die  in  der  Regel
gleichzeitig  Werkstatt,  .  Wohnung,  Schlafzimmer,
Küche,  Waschhaus  sind,  eventuell  auch  Kranken-,
Geburts-und  Sterbezimmer:  die  Frohn  unter  Verhältnissen. ­
  welche  allen  Anforderungen  der  Hygiene
Hohn  sprechen,  direkte  Ursache  oder  fruchtbarer
Nährboden  körperlicher  Leiden  sind,  welche  Gesundheit ­
  und  Lebenskraft  vorzeiffg.brechen.  Es  mangelt
der  dürftige  gesetzliche  Schutz  gegen  übermäßige
Ausbeutung,  es  mangelt  die  geringfügige  staatliche
Hilfe  im  Falle  von  Krankheit,  Alter,  Unglücksfall.
Schutz  und  Hilfe,  auf  die  das  Fabrikproletariat
rechtlichen  Anspruch  hat.  Statt  deren  für  die
Konsektionsarbeiter  dafern  sie,  Heimarbeiter
sind  der  Zwang,  einen  Theil  der  Betriebskosten
ans  dem  eigenen  schmalen  Beutel  z»  decken.
Auf  ErwerbSverhältniffen  jämmerlichster  Art
baut  sich  für  die  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  der
Konfektion  eine  Existenz  jämmerlichster  Art  auf.
Tagtäglich  schreibt  die  äußerste,  Leib  und  Leben
schädigende  Dürftigkeit  den  Küchenzettel,  stets  hockt
die  graue  Sorge  gespenstig  am  häuslichen  Herde,
sehr  oft  tritt  der  Hunger  über  die  Schwelle  des
armseligen  Heims.  Die  Erwerbsarbeit  saugt  jede
Minute  Zeit,  jedes  Tröpfchen  Kraft  auf,  verwandelt
Menschen,  fühlende,  denkende,  sich  sehnende  Men-»
scheu  in  ArbeitSmaschinen.  regelt  warmes,  menschliches ­
  Leben  nach  der  Nadel  Stich.  Wochenlang
kein  ordentliches  Ausspannen  ,und  gründliches  Ausruhen, ­
  keine  Möglichkeit,  frischen  Geistes  und  fröhlichen ­
  Herzens  den  Seinigen  zu  leben,  den  Freunden, ­
  den-  sozialen  Pflichten,  sich  selbst;  leine
Möglichkeit  zu  bescheidener  Erholung,  zur  Befriedigung ­
  des  vielleicht  heiß  emporquellenden  BildungSdranges.
  Und  das  vereinzelte  Schaffen,  ohne  stete
Berührung  und  innige  Fühlung  mit  größeren
Gruppen  von  Arbeits-  und  LeidenSgenoffen  läßt
das  Elend  als  individuell  lastendes  Verhängniß
auffassen,  hindert  die  Erkenntniß  der  wirthschaftljchen
  Wurzeln  der'  Noth,  die  Erkenntniß  der
Klaffenlage  und  -des  Klasscnintereffes.  hemmt  die
Entwickelung  des  'sittlich  erneuernden  und  stä'rkeriden
SoUdaritätLgefühls,  das  Bewußtsein  von  der  unabwendbaren ­
  Nothwendigkeit  des  Klaffenkampfes.,
üumme,  dumpfe,  verzweifelnde  Resignation  herrscht

139.  Titelseite  einer  Nummer  des  Anzeigen-Blattes  der  Schneiderund  Schneiderinnen'^Berlins  mit  den  programmatischen  Forderungen
der  Schneider  und  Schneiderinnen
        <pb n="294" />
        298

Ziel  eine  durchgreifende  Reform  des  Gewerbes  war.  Aber  schon  die  Wahl
Berlins  für  den  Sitz  der  Fünferkommission  zeigte,  wie  sehr  man  sich
bewußt  war,  daß  hier  der  Lauptkampf  geführt  werden  mußte.  Denn  hier
handelte  es  sich  um  ein  Leer  von  etwa  50000  Konfektionsarbeitern.
Nur  erst  ein  sehr  kleiner  Teil  dieser  Arbeiter,  von  denen  mehr  als
70  Prozent  Frauen  und  Mädchen  waren,  waren  gewerkschaftlich  organisiert.
Ende  1894  gehörten  im  ganzen  550,  Ende  1895,  nach  all  der  Agitation,
kaum  mehr  als  800  Schneiderei-Arbeiter  Berlins  der  auf  dem  Boden  des
Klasscnkampfes  stehenden  Gewerkschaftsbewegung  an.  Die  große  Mehrheit
davon  —  gegen  700  —  finden  wir  in  der  Ortsstelle  des  deutschen  Schneiderverbandes, ­
  während  der  lokalistische  Verein  der  Maß-  und  Konfektionsfchneider
  Berlins  ungefähr  100  Mitglieder  zählte.  Rechnen  wir  zu  diesen
zwei  Gruppen  noch  etwa  400  im  Berliner  Ortsverein  des  Lirschschen
Gewerkvereins  organisierte  Schneider  hinzu,  so  erhalten  wir  eine  Gesamtziffer
von  1200  Organisierten,  kaum  2 1 / 2  Prozent  der  Beschäftigten.  Da  aber  ein
erheblicher  Teil  der  Organisierten  Maßschneider  waren,  kommt  für  die
Konfektionsschneider  eine  noch  geringere  Prozentzahl  Organisierter  heraus.
Die  Arbeiterinnen,  die  in  der  Konfcklionsschneiderei  die  große  Mehrheit
ausmachen,  waren  in  den  Organisationen  überall  die  Minderheit.
Das  läßt  erkennen,  wie  große  Schwierigkeiten  im  Kampfe  zu  überwinden ­
  waren.  Die  kleine  Schar  bewußter  Kämpfer  hatte  eine  ganze  Armee
von  Arbeitern,  die  bisher  sich  als  ein  jeder  Verbindung  widerstrebendes,  in
der  Vereinzelung  kampfungewohntes  und  meist  sogar  kampfunlustiges  Element
erwiesen  hatten,  für  einen  bedeutungsvollen  Kampf  zu  gewinnen  und  zu
organisieren.  Ein  Werk,  das  in  der  Millionenstadt  mit  ihren  weitschichtigen
Verhältnissen  sehr  viel  schwerer  durchzuführen  war  als  in  kleineren
Städten,  wo  sich  die  Dinge  leicht  übersehen  und  einmal  angeknüpfte
Verbindungen  leicht  festhalten  lassen.  Indes  ward  die  Arbeit  mit  frischem
Mut  aufgenommen  und  keine  Mühe  gescheut,  sie  zu  bewältigen.  Unablässig
ward  für  den  Kampf  geworben,  und  schon  Ende  Dezember  1895  legte  Timm
für  die  Agitationskommission  der  Berliner  Schneider  einer  stark  besuchten
Versammlung  von  Meistern  der  Damenmäntelkonfektion  den  Entwurf  eines
neuen  und  detailliert  ausgearbeiteten  Tarifs  vor.  Er  begegnete  verschiedenen
Ausstellungen,  und  es  erhielt  nach  eingehender  Debatte  ein  Komitee  von
Vertretern  der  verschiedenen  Unterabteilungen  der  Mäntelkonfektion  den
Auftrag,  mit  der  Agitationskommission  der  Arbeiter  die  einzelnen  Punkte
noch  einmal  durchzuberaten.  Gegen  Mitte  Januar  1896  ward  dann  der
Tarif  in  der  Form  publiziert,  in  der  er  den  Fabrikanten  unterbreitet  werden
sollte,  am  20.  Januar  fanden  die  gemäß  dem  Aktionsplan  beschlossenen
Massenversammlungen  statt,  während  die  Verbreitung  des  ersten  Flugblattes
am  26.  Januar  erfolgte.
In  Berlin  waren  auf  den  20.  Januar  sechs  Versammlungen  einberufen
worden,  deren  Besuch  alle  Erwartungen  übertraf.  Die  Agitationsarbeit
hatte  ihre  Früchte  getragen,  auf  gut  10000  Personen  ward  die  Zahl  der
Teilnehmer  geschätzt.  Mit  einer  Ausnahme  erwiesen  sich  die  gewählten
Säle  als  zu  klein,  die  andrängenden  Besucher  zu  fassen.  Die  Referate  von
Ottilie  Baader,  L.  Bohne,  Pfeiffer,  Ad.  Schulz,  I.  Timm  und
A.  Zander  wurden  mit  gespanntestem  Interesse  entgegengenommen,  bei
der  Schilderung  des  Elends  der  Lausarbeit  brach  in  einigen  der  Ver-
        <pb n="295" />
        ipg

299  —

sammlungen  ein  Teil  der
anwesenden  Frauen  in  heftiges ­
  Schluchzen  aus.  Nach
den  Referaten  fand  überall
Debatte  statt,  an  der  sich
anwesendeMeister  beteiligten. ­
  Die  meisten  davon
suchten  die  Berechtigung
und  Zweckmäßigkeit  der  gestellten ­
  Forderungen  zu  bestreiten, ­
  worauf  ihnen  meist
schon  in  Zwischenrufen  aller
Art  geantwortet  wurde;
indes  ließen  es  die  Referenten ­
  und  sonstige  sachkundige ­
  Vertreter  der  Arbeiterschaft ­
  an  eingehender ­
  sachlicher  Widerlegung
nicht  fehlen.  Die  allen
Versammlungen  gleichmäßig ­
  vorgelegte  Resolution ­
  ward,  bei  Enthaltung
der  Meister,  durchgängig
mit  großer  Begeisterung
einstimmig  angenommen.
Gemäß  ihrer  verpflichteten
sich  die  Versammelten,  an
den  in  Erfurt  und  den
Berliner  Versammlungen
aufgestellten  Forderungen
festzuhalten  und  mit  allen
zu  Gebote  stehenden  zulässigen ­
  Mitteln  für  ihre
Verwirklichung  einzutreten,
die  Agitationskommission  zu  beauftragen,  den  Llnternehmern,  Ländlern  und
Meistern  jene  Forderungen  zu  unterbreiten,  und  deren  Entscheidung  bis
zum  1.  Februar  entgegenzunehmen.
Schon  tags  darauf,  den  21.  Januar,  ward  dem  Beschluß  der  Versammlungen ­
  gemäß  die  Resolution  und  der  Wortlaut  der  Forderungen,
samt  dem  ausgearbeiteten  Tarif  den  Llnternehmcrn,  Meistern  und  Ländlern,
zusammen  3000  Personen,  mit  dem  Ersuchen  um  Antwort  innerhalb  der
angegebenen  Zeit  zugestellt.  Angesichts  der  starken  Sympathie,  welche  die
Presse  der  Bewegung  der  Arbeiter  gegenüber  an  den  Tag  legte,  ging  es
nicht  an,  die  Zuschriften,  wie  ein  Teil  Meister  und  Fabrikanten  einige
Monate  vorher  es  mit  dem  Begleitschreiben  zu  Timms  Broschüre  über
die  Schwitzarbeit  getan  hatten,  glattweg  unter  den  Tisch  zu  werfen.
Mindestens  der  Form  nach  war  ein  Verhandeln  mit  den  Arbeitern  nicht
zu  umgehen.  Am  27.  Januar  fand  im  Saal  der  Berliner  Ressource  eine
Versammlung  statt,  zu  der  die  Unternehmer  und  Meister  direkt  eingeladen

Stenographischer  Bericht.
38.  Lihuirg  am  Mittwoch,  den  12.  Februar  1696.
Präsident:  Die  Sitzung  ist  eröffnet.  Wir'  treten  in  Sic  Tagesordnung
ein.  Den  ersten  Gegenstand  derselben  bildet  die
Interpellation  der  Abgeordneten  Freiherr  Hehl  zu  Herrnsheim,
Prinz  zuSchönaich-lLarolath.  Bassermann,  Dr.  Hasse,  Dr.  Osann,
Graf  von  Orioln,  betreffend  die  Verhältnisse  der  Arbeiterinnen
der  Wäschefabrikat  ioir  und  der  ZtvnfektionSbrnnchc.
Die  Interpellation  lautet:
Im  Verfolg  des  Beschlusse?  drZ  Reichstags  vom  II.  Mai  1883  sind
dem  Reichstag  am  LS.  April  1887  die  Ergebnisse  der  von  den  Bundes,
rcgieriingen  angcstelllrn  Ermittelungen  über  die  Lohnverhältnisse  der
Arbeiterinnen  der  MÜschesadrikalion  und  der  KonseklionSbranche.  sowie
über  den  Verkauf  oder  die  Lieferung  von  Arbeltsmaterial  (Nähfaden
  ,c.)  seitens  der  Arbeitgeber  an  die  Arbeiterinnen  und  über  die
Höhe  der  dabei  berechneten  Preise  zugegangen.
Nachdem  sich  die  Lage  dieser  Arbeiterinnen  seit  jener  Zeit  noch
ungünstiger  gestaltet  hat,  richten  die  Unterzeichneten  die  Anfrage  an
die  verbündeten  Negierungen:
welche  gesetzgeberischen  Maßnahmen  dieselben  zum  Schuh  für
Gesundbeil  und  Sittlichkeit  und  gegen  Ausbeulung  dieser  Arbeiterinnen ­
  durch  da?  Trucksystem  zu  ergreifen  beabsichtigen?
Ich  habe  zunächst  an  den  Herrn  Vertreter  der  verbündeten  Regierungen
die  Frage  zu  richten,  ob  und  wann  diese  Interpellation  beantwortet  werden  soll.
Bevollmächtigter  zum  Vundesrath.  Staatssekretär  dcS  Innern,  Staatsminister
  und  Vizepräsident  des  Königlich  preußischen  Slaatsministcriums
vo»  Kortticher:  Ich  bin  bereit,  die  Interpellation  sogleich  zu  beantworten.
Priisidrnl:  Nachdem  der  Herr  Staatsminister  sich  zur  sofortigen  Beantwortung ­
  bereit  crtlürt  hat,  ertheile  ich  das  Wort  zur  Begründung  der
Interpellation  namens  der  Herren  Interpellanten  dem  Herrn  Abgeordneten
Freiherrn  Heyl  zu  Herrnsheim.
Interpellant  Abgeordneter  Freiherr  Acht  tn  fieimoljrim:  Meine  verehrten ­
  Herren,  wenn  meine  politischen  Freunde,  die  Interpellanten  und  ich  Ihre
Aufmerksamkeit  auf'die  Verhältnisse  einer  besonderen  Kategorie  von  hnusindustriellen
  Arbeilern  hinlenken,  so  sind  wir  uns  wohl  bewußt,  daß  das  ganzhohe ­
  Hans  in  allen  seinen  Parteien  zu  verschiedene»  Malen  und  noch  vor  ganz
kurzer  Zelt,  und  zwar  einstimmig  beschlossen  hat.  daß  bic  Arbeilerschutzgesetzr
In  einem  gewissen  Maße  weuigslens  auch  auf  die  Hausindustrie  ausgedehnt
werden  sollen.  Wen»  wir  uns  gestatten,  heute  auf  den  wundesten  Punkt  in
der  hauSindustriellen  Arbeit  hinzuweisen.  '  ''eebsichligen  wir  damit  nicht,  eine
Einschränkung  in  der  Fürsorge  für  die  Fabrikarbeiter,  insofern  eine  solche
noch  nöthig  werden  kann,  dadurch  in  irgend  einem  Maße  herbeizuführen.  Wir
haben  vielmehr  bei  verschiedenen  Anlässen  erklärt,  daß  wir  bereit  sind,  nicht
nur  die  Vereinfachungen,  die  Verbesserungen  der  bestehenden  Versicherungsgcsch«
zu  unterstützen,  sondern  daß  wir  auch  bereit  sind,  die  Versicherung  gegen  Arbeitslosigkeit ­
  in  absehbarer  Zeit  in  Aussicht  zu  nehmen.  Wir  haben  ferner  beton»,
daß,  nachdem  die  5rnappschaflsverbände  der  Ausgangspunkt  geworden  sind  für
die  Organisationen  der  großen  Versicherungsgesehe.  auf  welche  wir  mit  Rech:
stolz  zu  sein  alle  Ursache  haben,  wir  auch  veranlaßt  werden  müssen,  aus  diesen

140.  Erste  Seite  des  stenographischen  Reichstagsbericht ­
  über  die  von  den  Nationalliberalen
eingebrachte  Interpellation  zum  Konfektionsarbeiterstreik ­
        <pb n="296" />
        300

waren.  Es  fanden  sich  etwa  200  bis  250  Meister  ein,  denen  Timm  als
Referent  für  die  Arbeiter  deren  Forderungen  so  sachlich  und  eindringlich
wie  nur  möglich  auseinandersetzte.  Aber  die  Meister  wollten  davon  nichts
hören.  Schon  während  Timm  sprach,  unterbrachen  höhnische  Zwischenbemerkungen ­
  seine  Ausführungen,  und  gleich  der  erste  Meister,  ein  Schneider
Flügge,  der  nach  ihm  sprach,  ließ  seine  Gegenrede,  deren  Laupttrumpf  der
Linweis  auf  die  unbesiegbare  Konkurrenz  war,  in  die  Ermahnung  an  seine
Kollegen  auskaufen:  „Lehnen  Sie  den  Antrag  ab,  lassen  Sie  die  Arbeiter
machen,  was  sie  wollen."  Ein  als  Antisemit  bekannter  anderer  Meister
namens  Volk  mann  erklärte  die  Forderungen  der  Arbeiter  für  unannehmbar,
weil  sie  den  heiligen  Mittelstand  schädigen  würden,  und  würzte  diese  Behauptung ­
  durch  Verdächtigung  der  gewerkschaftlichen  Vertreter  der  Arbeiter.
Aber  auch  denjenigen  Meistern,  die  sich  weniger  schroff  ausdrückten,  war  der
Tarif  zu  hoch,  und  als  es  dann  zur  Abstimmung  kam,  erhob  nicht  ein
Meister  die  Land  für  den  Tarif.  Das  gleiche  geschah  mit  den  Forderungen:
Einrichtung  von  Betriebswcrkstätten,  Einsetzung  einer  paritätischen  Lohnkommission ­
  und  Anerkennung  des  Arbeitsnachweises  der  Arbeiter.  And
wenn  hierbei  schon  jedesmal  ein  Teil  der  Meister  seine  schlechten  Witze  riß,
so  ward  die  Abstimmung  über  die  so  berechtigte  Forderung  einer  Begrenzung
der  Wartefrist  beim  Abholen  und  Abliefern  von  Arbeit  von  ihnen  direkt
als  ein  Alk  betrachtet.  Anter  höhnischen  Redensarten  erhoben  eine  Anzahl
ihre  Lände,  so  daß  man  ihr  Ja  nicht  für  ernst  nehmen  konnte.  Der  Vorsitzende, ­
  Ad.  Schulz,  konnte  nur  feststellen,  daß  die  anwesenden  Meister  die
Forderungen  der  Arbeiter  abgelehnt  hätten.
Immer  stärker  regte  sich  jedoch  die  öffentliche  Meinung  für  ein  Entgegenkommen ­
  an  diese.  Angesehene  Mitglieder  des  Berliner  Gewerbegerichts ­
  steckten  Fühler  zugunsten  einer  Vermittlung  heraus,  ein  von  der
Gesellschaft  für  ethische  Kultur  gebildetes  freies  Komitee,  dem  u.  a.  die
Professoren  Delbrück,  Förster  und  Schmoll  er,  die  praktisch  wirkenden
Sozialpolitiker  Dr.  R.  Freund  und  Dr.  I.  Iastrow,  der  Regierungsrat
Dr.  Sprenger  und  eine  größere  Anzahl  sozialreformerisch  gesinnter  Frauen,
wie  Elisabeth  Gnauck-Kühne,  Johanna  Schwerin  und  Fräulein  Dr.
Bluhm  angehörten,  bemühte  sich,  die  Anternehmer  zur  Nachgiebigkeit  zu
bewegen,  und  trat  auch  an  die  städtischen  Behörden  mit  dem  Gesuch  heran,
in  diesem  Sinne  ihren  Einfluß  geltend  zu  machen.  Im  Linblick  auf  diese
Bemühungen  verlängerte  das  Komitee  der  Arbeiter  den  Termin  für  die
Antwort  der  Fabrikanten  auf  den  10.  Februar  —  eine  auch  deshalb  sehr
kluge  Maßregel,  weil  es  gerade  in  jenem  Augenblick  schien,  als  ob  das
bekannte  Telegramm  Wilhelms  II.  an  den  Burenpräsidenten  Krüger  den
Absatz  von  deutschen  Konfektionswarcn  nach  England  völlig  lahmlegen
sollte,  was  natürlich  die  Aussichten  eines  Kampfes  der  Arbeiter  sehr  verschlechtert ­
  hätte.  Indes  zog  diese  Wolke  bald  wieder  vorüber.
Am  7.  Februar  verhandelte  dann  der  Gewerberat  Dr.  Sprenger  nacheinander ­
  persönlich  mit  Vertrauenspersonen  der  Arbeiter,  der  Meister  und
der  Fabrikanten,  und  am  8.  Februar  tagten  unter  seinem  Vorsitz  erst  Vertreter ­
  der  Fabrikanten  der  Lerren-  und  Knabenkonfektion  und  dann  Vertreter ­
  der  Damenmäntel-Konfektion  mit  der  Fünferkommission  der  Arbeiter.
Die  Vertreter  der  ersteren  Fabrikantenkategorie  zeigten  sich  scheinbar  entgegenkommender ­
  als  die  Damenmäntel-Konfektionäre.  Sie  gaben  zu,  daß
        <pb n="297" />
        Übelstände  im  Gewerbe  herrschten,  die  abgeändert  werden  müßten  und  erklärten ­
  sich  namentlich  bereit,  den  Forderungen  der  Arbeiter  auf  bessere
Bedienung  beim  Abliefern  und  Abholen  von  Arbeit  und  auf  paritätische
Kommissionen  für  Lohnstreitigkeiten  Rechnung  zu  tragen.  An  die  geforderte
Lohnerhöhung  wollten  sie  freilich  nicht  heran,  erkannten  aber  wenigstens  eine
gewisse  Verantwortlichkeit  der  Fabrikanten  für  die  von  den  Zwischenmeistern
gezahlten  Löhne  an.  Anders  die  Vertreter  der  Damenmäntel-Konfektion.
Ihre  Taktik  bestand  darin,  daß  sie  erklärten,  sie  zahlten  den  Zwischenmeistern
genügende  Preise,  die  Arbeiter  müßten  sich  mit  jenen  auseinandersetzen.
Nur  zu  einigen  der  formalen  Zugeständnisse,  zu  welchen  sich  die  Vertreter
der  Lerrenkonfektionäre  bereit  erklärt  hatten,  ließen  auch  sie  sich  herbei.
Diese  letzteren  sehten  sich  noch  am  gleichen  Tage  mit  einer  Versammlung ­
  ihrer  Kollegen  auseinander,  und  es  ward  eine  Resolution  beschlossen, ­
  in  der  die  Fabrikanten  dieser  Branche  erklärten,  die  Bewilligung
der  geforderten  Löhne  und  Einrichtungen  würde  bei  der  gegebenen  Geschäftslage ­
  und  der  schweren  Konkurrenz  Berlins  mit  anderen  Plätzen  die
Existenz  der  meisten  Berliner  Geschäfte  in  Frage  stellen.  In  bezug  auf
andere  Punkte  werde  eine  Kommission  der  Fabrikanten  mit  den  Zwischenmeistern ­
  unterhandeln,  den:  natürlichen  Bindeglied  —  so  hieß  es  wörtlich  —
„zwischen  dem  ünternehmer  und  dem  Arbeiter,  dein  wirklichen  Lersteller  der
Arbeit".  Die  Zwischenmeister  zu  umgehen  sei  nicht  möglich,  da  diese  nach
den  in  Berlin  herrschenden  Üsancen  „die  eigentlichen  Arbeitgeber  der  Arbeiter"
seien.  Die  Fabrikanten  hofften,  hieß  es  schließlich,  daß  die  Arbeiter  sich
durch  Vernunftgründe  überzeugen  lassen  und  nicht  auf  Forderungen  bestehen
würden,  deren  Erfüllung  außerhalb  des  Bereichs  der  Möglichkeit  liege,  und
die  daher,  wenn  auf  ihnen  verharrt  würde,  „zum  Schaden  der  Fabrikanten
und  zum  Schaden  der  Arbeiter  zum  Streik  führen  müßten".
Das  war  alles  sehr  schön  gesagt,  aber  es  konnte  den  heraufziehenden
Sturm  nicht  mehr  beschwichtigen.  Die  Arbeiter  hörten  aus  den  Beteuerungen
des  Wohlwollens  nur  das  Nein  gegenüber  ihren  Hauptforderungen  heraus,
und  da  die  Bestellungen  aus  England  mittlerweile  doch  eingelaufen  waren,
hielten  die  Führer  der  Arbeiter  sich  nicht  für  berechtigt,  die  Mion  noch
irgendwie  länger  hinauszuschieben.  Während  einer  der  einflußreichsten
LInternehmcrbeisitzer  des  Gewerbegerichts,  der  Fabrikant  O.  Weigert,
führende  Fabrikanten  der  Damenmäntel-Konfektion  persönlich  zu  etwas  mehr
Entgegenkommen  zu  bearbeiten  suchte,  erklärte  sich  schon  am  Abend  des
9.  Februar  eine  von  dem  Komitee  der  Ethiker  einberufene  Versammlung
aus  bürgerlichen  Kreisen  entschieden  für  die  Forderungen  der  Arbeiter,  und
am  folgenden  Abend  gaben  diese  ihre  Antwort  kund.  Sie  war  durch  alles
Vorhergegangene  bereits  gegeben.  Jedes  Zögern  hätte  jetzt  Verzicht  geheißen. ­
  Selbst  Herr  Weigert  erklärte  später,  daß  namentlich  die  Damenmäntel-Fabrikanten ­
  ersichtlich  die  Taktik  befolgten,  die  Arbeiter  über  die
Arbeitssaison  hinaus  hinzuhalten.  Das  merkten  die  Führer  der  Arbeiter
auch  ohne  weiteres  heraus  und  handelten  danach.  An  verschiedenen  Orten
in  der  Provinz  war  es  bereits  zur  Arbeitseinstellung  gekommen,  nun  brach
auch  mit  elementarer  Wucht  in  Berlin  ein  Streik  aus,  wie  ihn  diese  Industrie
hier  noch  nicht  gekannt  hatte.
In  14  Versammlungen  ward  am  10.  Februar  den  Konfektionsarbcitern
Berlins  Bericht  über  die  Ergebnisse  der  Verhandlungen  gegeben  und  ihnen
        <pb n="298" />
        302

eine  Resolution  vorgelegt,  durch  die  sie  erklären  sollten,  nun  in  den  Streik
zu  gehen,  für  den  die  Unternehmer  die  volle  Verantwortung  trügen,  und
die  Arbeit  so  lange  ruhen  zu  lassen,  bis  ihre  sämtlichen  Forderungen
bewilligt  seien.  Von  den  Forderungen  aber  ward  die  der  Errichtung  von
Betriebswerkstätten  und  der  Bewilligung  wesentlich  erhöhter  Löhne  in  den
Vordergrund  gestellt.  Der  Fünferkommission  ward  die  weitere  Führung
des  Kampfes  und  der  eventuellen  Verhandlungen  übertragen,  und  der
Agitationskommission  wurde  aufgegeben,  die  Agitation  und  das  Interesse
für  den  Kampf  bei  den  Fachgenossen  und  außerhalb  des  Kreises  dieser
wachzuhalten.  Die  Versammelten  aber  versprachen  ihrerseits  alles  daranzusetzen, ­
  den  aufgezwungenen  Kampf  zum  siegreichen  Ende  zu  führen.  Nach
einem  Appell  an  diejenigen,  welche  bisher  den  Arbeitern  ihre  Sympachie
in  warmen  Worten  ausgedrückt  hatten,  es  nun  auch  an  der  Tat  in  Gestalt
von  Unterstützungen  nicht  fehlen  zu  lassen,  erklärte  die  Resolution  noch:
„Die  Anwesenden  verlassen  sich  aber  nicht  auf  Anterstützungen,  sie
erklären,  in  diesem  großen  Kampfe  freudig  alle  Entbehrungen  auf  sich
nehmen  zu  wollen,  um  endlich  ihre  Lage  zu  bessern.
Die  Schneider  und  Näherinnen  müssen  wegen  der  ungeregelten  Produktionsweise ­
  oft  monatelang  darben  und  hungern,  sie  werden  es  in
diesem  Kampfe  ohne  Murren  auf  sich  nehmen,  um  zum  Ziele  zu  gelangen.
Die  Anwesenden  verpflichten  sich  mit  aller  Kraft  und  Lingebung  zum
Siege  in  diesem  Kampf  beizutragen."
Der  Andrang  zu  den  Versammlungen,  für  die  inan  möglichst  große
Säle  genommen  hatte,  war  ein  ungeheurer.  Fast  ausnahmslos  mußten  sie
lange  vor  Beginn  wegen  Überfüllung  abgesperrt  werden.  Eine  Welle  von
Poffnungsfrcudigkeit  und  Kampfesmut  hatte  nunmehr  die  so  gedrückten
Heimarbeiter  und  Heimarbeiterinnen  erfaßt,  wie  man  es  vorher  für  unglaublich ­
  hätte  halten  mögen.  Mit  stürmischen  Ausrufen  der  Kampfesstimmung ­
  wurden  die  Referate  entgegengenommen,  mit  jubelnder  Begeisterung
überall  einstimmig  die  vorgelegte  Resolution  beschlossen.
Es  waren  keine  leeren  Beschlüsse,  dem  Wort  folgte  alsbald  die  Tat.
Schon  am  nächsten  Tage  stellten  6000  Arbeiter  und  Arbeiterinnen  die
Arbeit  ein,  am  nächsten  Tage  war  die  Zahl  nahezu  verdoppelt  und  stieg
von  Tag  zu  Tag  bis  auf  zwischen  20  und  30000.  Unterstützt  von  der
Agitationskommission  und  der  Berliner  Gewerkschaftskommission  hatte  die
Fünferkommission  den  Streik  in  wahrhaft  großartiger  Weise  organisiert.
Dreißig  Kontrollbureaus  waren  mit  einem  Schlage  in  den  verschiedenen
Stadtvierteln  Berlins  eingerichtet  und  hielten  die  Zenttalstelle  über  alle
Vorgänge  von  Wichtigkeit  für  die  Beurteilung  der  Kampfsituation  auf  dem
laufenden.  Jeden  zweiten  Tag  ward  ein  Flugblatt  über  den  Fortgang
des  Kampfes  in  130000  Exemplaren  mit  jener  Promptheit  verbreitet,  die
das  Geheimnis  der  organisierten  Arbeiterschaft  ist,  Sammellisten  wurden  in
großer  Zahl  angefertigt  und  in  Umlauf  gesetzt,  und  allerlei  Versammlungen
sorgten  für  einen  regen  Gedankenaustausch  der  Kämpfenden  unter  sich  und
mit  der  organisierten  Arbeiterschaft  anderer  Berufe.
Diese  letztere  hatte  selbstverständlich  die  Bewegung  mit  lebhaftem
Interesse  verfolgt.  Die  Gewerkschaftskommission  war  von  den  Leitern  der
Bewegung  über  alle  wichtigen  Maßnahmen  rechtzeitig  unterrichtet  worden,
und  am  Vorabend  des  Kampfes,  den  31.  Januar,  hatte  die  Delegierten-
        <pb n="299" />
        mmrnmrn.

141.  Bestätigungsschreiben  der  bewilligten  Forderungen  durch  die  Firma  Jean  Landauer
        <pb n="300" />
        304

Versammlung  der  Berliner  Gewerkschaften  einstimmig  sich  mit  dem  Vorgehen
der  Schneider  und  Schneiderinnen  einverstanden  erklärt  und  sich  verpflichtet,
sie  „mit  allen  ihr  zu  Gebote  stehenden  materiellen  und  moralischen  Mitteln
zu  unterstützen  und  ihnen  zum  Siege  zu  verhelfen".  Dafür  ward  nun  das
möglichste  getan.
Aber  es  blieb  nicht  bei  den  Solidaritätsbezeugungen  der  Arbeiterschaft.
Der  größte  Teil  der  bürgerlichen  Presse  nahm  für  die  Streikenden  Partei
und  widmete  der  Lage  der  Arbeiter  in  der  Konfektionsindustrie  eingehende
Artikel.  Neben  anderen  Veröffentlichungen  trug  eine  gerade  damals  herausgekommene,
  sehr  wirksam  abgefaßte  Schrift  von  Oda  Olberg  „Das  Elend
in  der  Lausindustrie  der  Konfektion"  viel  dazu  bei,  dem  Publikum  das
Gewissen  zu  schärfen.  Schriftsteller  von  Namen  ließen  der  bürgerlichen
Presse  einen  Aufruf  zugehen,  in  dem  sie  darauf  hinwiesen,  daß  eine  unausbleibliche ­
  Folge  des  von  allen  Parteien  für  gerechtfertigt  anerkannten
Kampfes  eine  vorläufig  noch  größere  Notlage  der  armen  Konfektionsarbeiter
und  Arbeiterinnen  sein  werde  und  es  daher  Pflicht  sei,  „der  allgemeinen
Sympathie  durch  die  Tat  Ausdruck  zu  geben".  Die  Unterzeichner  waren
Gustav  Dahms,  Robert  Schweichel,  Friedrich  Spielhagen,  Ernst
von  Wildenbruch  und  Julius  Wolfs,  und  ihr  Wort  blieb  nicht  ungehört.
  Es  liefen  damals  ganz  achtbare  Beträge  aus  bürgerlichen  Kreisen
für  die  Streikenden  ein,  wenn  sie  sich  auch  summiert  nicht  mit  dem  Ertrag
der  Sammlungen  messen  konnten,  in  welchem  die  Arbeiterschaft  Berlins
ihrem  Solidaritätsempfinden  tatkräftigen  Ausdruck  gab.  Aber  freilich,  soviel
als  nötig  gewesen  wäre,  die  Streikenden  längere  Zeit  über  Wasser  zu
halten,  kam  doch  nicht  ein.  Dazu  war  ihre  Zahl  zu  groß.
Mit  diesem  Gedanken  trösteten  sich  im  ersten  Moment  die  durch  den
Amfang  und  die  Wucht  des  Streiks  sehr  überraschten  Unternehmer.  Sie
hatten  bis  zuletzt  geglaubt,  daß  nur  eine  kleine  Minderheit  der  Arbeiter
wirklich  die  Arbeit  einstellen  würde,  womit  es  ein  leichtes  gewesen  wäre,
des  Streiks  Lerr  zu  werden.  Nun  war  er  in  einer  für  unmöglich  gehaltenen ­
  Ausdehnung  in  einem  Moment  ausgebrochen,  wo  in  der  Tat  die
Arbeiter  am  wenigsten  entbehrt  werden  konnten.  Da  die  Bewegung  über
ganz  Deutschland  hin  organisiert  war,  war  es  auch  zweifelhaft,  ob  Streikbrecher ­
  in  der  benötigten  Zahl  heranzuziehen  waren.  Auch  hatten  an  einigen
Orten,  wie  Breslau  und  Erfurt,  die  Mehrheit,  an  anderen,  wie  Hamburg,
immerhin  ein  Teil  der  Unternehmer  durch  Zugeständnisse  an  die  Forderungen
der  Arbeiter  Wiederaufnahme  der  Arbeit  erwirkt,  und  für  die  Stimmung  irr
der  offiziellen  Welt  war  es  bezeichnend,  daß  in  Erfurt  der  dortige  Regierungsund ­
  Gewerberat  dem  Chef  der  großen  Konfektionsfirma,  M.  Wahl,  im
Namen  des  Regierungspräsidenten  dafür  gedankt  hatte,  daß  die
Firma  bereitwillig  auf  die  Forderungen  der  Arbeiter  eingegangen  war.
Mehr  noch.  Im  Reichstag  hatten  die  Nationalliberalen  eine  Interpellation ­
  eingebracht,  in  der,  unter  Bezugnahme  auf  die  Erhebungen  von  1887
über  die  Lohnverhältnisse  der  Arbeiterinnen  in  der  Konfektionsindustrie  und
mit  der  Bemerkung,  daß  „die  Lage  dieser  Arbeiterinnen  seit  jener  Zeit  sich
noch  ungünstiger  gestaltet  hat",  die  verbündeten  Regierungen  gefragt  wurden,
„welche  gesetzgeberischen  Maßnahmen  dieselben  zum  Schutz  für  Gesundheit ­
  und  Sittlichkeit  und  gegen  Ausbeutung  dieser  'Arbeiterinnen  durch
das  Trucksystem  zu  ergreifen  beabsichtigten".
        <pb n="301" />
        305

Diese  Interpellation ­
  ward  auf  die
'Tages  -  Ordnung  der
Sitzung  vom  12.  Februar, ­
  den  zweiten  Tag
des  Streiks,  gesetzt,  und
in  der  Debatte  beeilten
sich  die  Vertreter  aller
Parteien,  es  als  ihre
feste  Überzeugung  auszudrücken, ­
  daß  die  Lage
derArbeiter  inderKonfektionsindustrie
  dringend ­
  nach  Verbesserung ­
  schreie,  und  während ­
  die  einen  zum
mindesten  die  Bewegung ­
  der  Arbeiter  für
berechtigt  erklärten,  erklärten ­
  andere  dies  auch
direkt  vom  Streik.  Zu
diesen  letzteren  gehörte
kein  geringerer  als  der
Vertreter  der  Regierung, ­
  der  Landelsminister
  von  Berlepsch. ­
  Der  Minister
führte  aus,  seines  Erachtens ­
  würde  ein
Mittel,  der  Ausbeutung  durch  das  Zwischenmeistersystem  Grenzen  zu  sehen,
vielleicht  darin  bestehen,  daß  sich  die  Großunternehmer  durch  hohe  Konventionalstrafen ­
  verpflichteten,  keinem  Zwischenmeistcr  Arbeit  zu  geben,  der
sich  nicht  selbst  wieder  verpflichte,  einen  bestimmten  Prozentsatz  seiner  Bezahlung ­
  den  Arbeitern  als  Lohn  zu  geben.  Ein  gesetzliches  Mittel,  das  zu
erzielen,  sei  zurzeit  nicht  gegeben,  ohne  Druck  würde  es  jedoch  schwerlich
gehen,  und  einen  moralischen  Druck  könne  und  solle  auch  der  Reichstag  ausüben. ­
  „Wir  haben  es  schon  oft  erlebt,  daß  lediglich  die  Stimmung  der
öffentlichen  Meinung  dem  Streik  zum  Siege  verholfen  hat  in  Fällen,  wo
der  Streik  ebenso  begründet  war,  wie  er  es  in  diesem  Falle
meines  Erachtens  ist."  So  Lerr  von  Berlepsch.
Diese  Erklärung  gab,  wie  man  weiß,  seiner  Ministerschaft  den  Rest-Es
  dauerte  kaum  vier  Monate,  und  die  Scharfmacher  der  Industrie  hatten  seine
Entlassung  durchgesetzt.  (Vergl.  Kapitel  1,  S.  23.)  Aber  im  Moment  hatten
seine  Worte  auf  die  Lage  des  Streiks  immerhin  eine  gewisse  Einwirkung.
Nun  sich  zur  Presse,  zu  den  Ethikem  und  den  Parlamentariern  auch
ein  Mann  der  Regierung  gesellt  hatte,  mußten  die  Unternehmer  in  der
Tat  eine  weitere  Stufe  herabsteigen.  Dazu  hatten  sie  um  so  mehr  Veranlassung, ­
  als  es  nun  auch  bei  den  Zwischenmeistern  zu  gären  anfing.
Nachdem  der  Streik,  an  den  diese  nicht  geglaubt  hatten,  Wahrheit  geworden
Bernstein,  Berliner  Geschichte.  III.  20

142.  Zuschrift  einer  die  Forderungen  der  Konfektionsarbeitxr
  bewilligenden  Firma
        <pb n="302" />
        306

war,  machten  sie  in  ihrer  Mehrheit  eine  Wendung  und  verlangten  nun  von
den  Fabrikanten,  was  sie  selbst  erst  den  Arbeitern  bestritten  hatten.  Die
Doppelnatur  ihrer  sozialen  Position  —  halb  Arbeitgeber,  halb  Arbeiter  —
brachte  es  mit  sich,  daß  sie  nun  —  wenn  auch  nicht  auf  sehr  lange  —  ihr
Arbeiter  herz  entdecken  sollten.
Am  gleichen  Tage,  an  dem  der  Reichstag  die  Lage  der  Konfektionsarbeiter ­
  besprach,  fanden  auf  dem  Gewerbegericht  Konferenzen  von  dessen  Vorsitzenden ­
  mit  Vertretern  der  beiden  LInternehmerkategorien  statt.  Die  Fünferkommission
  derArbeiter  hatte  am  10.  Februar  gleichzeitig  mit  derProklamierung
des  Streiks  offiziell  sich  zu  Verhandlungen  vor  dem  Gewerbegericht  bereit
erklärt,  und  nun  suchte  der  Vorsitzende  des  Gerichts  die  Unternehmer  zu
bewegen,  seine  Vermittelung  anzunehmen.  Wieder  lehnten  jedoch  die  Vertreter ­
  der  Damenmäntel-Konfektion  jedes  materielle  Entgegenkommen  ab.
Lohnzugeständnisse  könnten  höchstens  die  Zwischenmeister  machen,  erklärten
sie.  Darauf  lud  das  Gewcrbegericht  eine  Anzahl  Zwischenmeister,  die  von
den  Fabrikanten  als  kompetente  Beurteiler  bezeichnet  waren,  auf  den
12.  Februar  zu  einer  Besprechung  ein,  die  aber  fast  dasselbe  Gesicht  zeigte
wie  die  Besprechung  mit  den  Fabrikanten.  Die  Zwischenmeister  der  Herrenkonfektion ­
  sperrten  sich  weniger  gegen  Verhandlungen  mit  dem  Arbeiterkomitee,
als  die  der  Damenkonfektion.  Beiläufig  kein  Wunder,  da  in  der  Herrenkonfektion ­
  die  Arbeiter  meist  männlichen  Geschlechts  sind,  die  Damenkonfektion ­
  aber  ganz  überwiegend  Frauenarbeit  ist.  Nur  die  Knabenkonfektion ­
  war  gleichfalls  zumeist  Frauenarbeit.  Das  Verhältnis  von  Meister
und  Arbeiter  war  in  den  letzten  beiden  Zweigen  ein  wesentlich  anderes  als
in  der  Herrenkonfektion.
Da  kam  es  am  Abend  des  12.  Februar  in  einer  großen  Versammlung
der  Zwischenmeister  zu  einer  charakteristischen  Wendung.  Berichte  über  die
Vorgänge  im  Reichstag,  Angaben  der  Fabrikanten  in  der  Presse,  daß  sie
durchaus  hinlängliche  Arbeitspreise  an  die  Meister  zahlten,  so  daß  diese  für
abnorm  niedrige  Löhne  verantwortlich  wären,  hatten  einen  Teil  der  Meister
äußerst  wild  gemacht.  Ihr  Zorn  richtete  sich  nunmehr  gegen  die  Fabrikanten
und  machte  sich  in  heftigen  Reden  gegen  diese  Lust,  bis  schließlich  einer
auftrat  und  vorschlug,  mit  den  Arbeitern  gemeinsame  Sache  gegen  die
Fabrikanten  zu  machen.  Da  die  Arbeiter  schon  streikten,  gehörte  zu  dem
Entschluß  nicht  viel,  er  fand  sofort  stürmischen  Beifall,  und  es  verstärkte  die
Position  der  Arbeiter  moralisch  und  bis  zu  einem  gewissen  Grade  auch
materiell,  daß  bald  gegen  1500  Zwischenmeister  mit  ihnen  als  „Streikende"
den  Fabrikanten  sich  gegenüberstellten.  Die  Flut  stieg.
Das  bezeugten  weiterhin  fünf  Riesen-Volksversammlungen,  die  am
Sonntag,  den  16.  Februar,  vormittags,  sich  mit  dem  Konfektionsarbeiterstrcik
und  seiner  Behandlung  im  Reichstag  befaßten.  Ein  ungeheurer  Menschenstrom, ­
  der  sich  zu  ihnen  drängte,  hatte  die  Säle  Stunden  vor  der  Eröffnung
gefüllt.  In  vieren  von  ihnen  sprachen  Mitglieder  des  Reichstags:  Richard
Fischer,  der  im  Reichstag  die  Halbheit  der  bürgerlichen  Redner  und
Parteien  kraftvoll  gegeißelt  hatte,  Robert  Schmidt,  Bruno  Schoenlank
und  Emanuel  Wurm,  in  der  fünften  referierte  Marie  Greifenberg,
selbst  eine  Näherin.  Der  Inhalt  ihrer  Reden  ergab  sich  von  selbst,  sie
gipfelten  in  Anfeuerungen  an  die  Streikenden,  muüg  auszuharren,  und  an
die  übrige  Arbeiterschaft  und  die  mit  den  Arbeitern  fühlende  Bevölkerung,
        <pb n="303" />
        307

Schneider  und  Näherinnen!

Wer  dein  Arbcikcr  seinen  Lohn
nicht  giebt,  ist  e!»  Bluthund,

Montag,  den  11.  Mai  1896,  Abends  8V-  Uhr

2  große  öffentliche  Protest-Versammlungen

der  in  der  Herren-  und  Knaben*
KonfeFtionsbrancbe  beschäftigten  Schneider  und  Näherinnen
für  den  Osten:  Joel'»  Festsälr»  Andreas-Slraße  21;
kür  den  Norden:  Gründek's  Salon.  Beiinnen-Straße  188.
Tages  -  Ordnung  in  beiden  Versammlungen:
Der  perfide  Vertragsbruch  und  die  unerhörte  Treulosigkeit  der
Herren-  und  Knaben-Konfektionäre.

Nesercnicn:  I.  Timm  und  Frau  Ihrer.

Kollegen  und  Kolleginnen!  Durch  unerhörten  Treubruch  haben  die  Protzen  der
Konfettion  sich  der  von  ihnen  übernommenen  Verpflichtungen  entledigt.  Eure  Pflicht
ist  es,  in  dielen  Versammlungen  vollzählig  z»  crlcheinen,  um  Stellung  zu  dem  brutalen  Akt
der  Unternehmer  zu  nehmen.

Die  Mnser-Kominission

L-  A.:  I.  Timm»  Vertrauensmann,  .

Honst,«wskl  ä,  Quill.  Berlin  S.  DreSdenersti.  LÄ.-143.

  "Aufforderung  zum  Besuch  der  gegen  den  Wortbruch  der  Konfektionäre
protestierenden  Versammlungen
den  Streikenden  kräftigst  beizustehen.  Für  diese  selbst  fanden  am  folgenden
Tage,  nachmittags  2  Ahr,  13  öffentliche  Versammlungen  statt,  in  denen
ihnen  Bericht  über  die  Situation  erstattet  ward  und  über  den  Fortgang
des  Kampfes  gesprochen  wurde.  Die  Meldungen  lauteten  durchaus  ermutigend. ­
  Während  in  den  Reihen  der  Fabrikanten  Ansicherheit  sich  einzustellen ­
  begann,  war  die  Stimmung  der  Arbeiter  noch  ungebrochen.
In  der  Tat  hatten  die  Fabrikanten  der  Herrenkonfektion,  die  es  mit
der  widerstandskräftigsten  Arbeitergruppe  zu  tun  hatten,  sich  schon  dazu  entschlossen, ­
  die  Vermittelung  des  Gewerbegerichts  offiziell  anzurufen,  und
nachdem  sie  diesen  Schritt  getan,  folgten  ihnen,  durch  das  Verhalten  ihrer
Zwischenmeister  ettvas  aus  dem  Geleise  geworfen,  noch  am  gleichen  Tage
die  Fabrikanten  der  Damenmäntel-Konfektion.  Kaum  hatte  man  auf  dem
Gewerbegericht  deren  Anmeldung  in  Länden,  als  man  sofort  die  Fünferkommission ­
  der  Arbeiter  telephonisch  davon  unterrichtete,  die  nun  ihrerseits
ebenfalls  unverzüglich  das  Gericht  offiziell  anrief.
Waren  diese  Vorgänge,  und  ganz  besonders  die  Art,  wie  die  Streikkommission
  der  Arbeiter  von  Anfang  an  von  den  Behörden  offiziell  als
Instanz  für  Verhandlungen  anerkannt  worden  war,  schon  ungewöhnlich,
so  sollte  dies  auch  mit  der  Verhandlung  vor  dem  als  Einigungsamt  kon ­
        <pb n="304" />
        308

stituierten  Gewerbegericht  geschehen.  Während  sonst  solche  Einigungsverhandlungen ­
  womöglich  in  engster  Abgeschlossenheit  gepflogen  werden,  ward
für  diese  mit  Rücksicht  auf  das  große  Interesse,  welches  die  Öffentlichkeit
an  dem  Streik  nahm,  der  Bürgersaal  des  Rathauses  gewählt,  den  dann
auch  am  festgesetzten  Tage,  dem  19.  Februar,  eine  Zuhörerschaft  von  gegen
500  Personen  aus  den  verschiedensten  Bevölkerungsklassen  füllte.  Gelehrte
und  Handwerker,  Studenten  und  Arbeiter,  Fabrikanten  und  Kaufleute,
Männer  und  Frauen  folgten,  nicht  nach  ihrer  Klassenzugehörigkeit,  sondern
fast  streng  nach  ihrer  Parteinahme  für  die  Kampfparteien  getrennt,  gespannt
den  Verhandlungen,  die  nahezu  zehn  Stunden  —  von  10  Ahr  vormittags,
mit  einer  Stunde  Anterbrechung,  bis  8 1 / 2  Ahr  abends  —  dauerten.  Das
Einigungsamt  bestand  aus  dem  Magistratsassessor  von  Schulz  als  Vorsitzenden, ­
  den  Fabrikanten  Weigert  und  Gerschel  als  Beisitzern  sowie
dem  Rentier  Brock,  einem  früheren  Konfektionär,  als  Vertrauensmann  der
Arbeitgeber,  den  Arbeitern  Ad.  Schulz  und  £.  Stubbe  als  Beisitzern  und
dem  Schneider  Witte  als  Vertrauensmann  der  Arbeiter.  Vor  Gericht  vertreten ­
  waren  die  Fabrikanten  durch  9,  die  Zwischenmeister  durch  17  und
die  Arbeiter  durch  7  Personen:  die  um  zwei  Berufskollegen  verstärkte  Fünferkommission. ­
  Das  Ergebnis  der  langen  und  eingehenden  Verhandlungen  war
ein  Kompromiß,  über  das  für  die  Herrenkonfektion  vom  Einigungsamt  ein
Protokoll  aufgenommen  wurde.  Es  erhielt  auf  diese  Weise  einen  amtlichen
Charakter  und  ward  von  allen  Beteiligten  unterzeichnet.  Die  Fabrikanten
der  Damenmäntel-Konfektion  zogen  es  vor,  die  Abmachung  als  freie  Vereinbarung ­
  abzuschließen,  über  die  indes  auch  ein  schriftlicher  Vertrag  aufgesetzt
und  von  den  Vertretern  der  drei  Parteien  unterzeichnet  wurde.  Die  Bedingungen ­
  waren  in  beidenFällen:  1.  die  Zusage  einer  Erhöhung  der  Lohnsätze;
2.  Gegenseitigkeitsverpflichtungen  in  bezug  auf  allseitige  Durchführung  der
Tarife  (die  Fabrikanten  sollten  nur  tariftreuen  Meistern  Arbeiten  geben,
Meister  und  Arbeiter  nur  für  tariftreue  Firmen  arbeiten);  3.  Bestimmungen
über  Schlichtung  von  Tarifstreitigkeiten  durch  paritätische  Schiedskommissionen
und  4.  bessere  Regelung  der  Abfertigung  der  Heimarbeiter.  Die  Lohnerhöhung ­
  sollte  in  der  Herrenkonfektion  in  12 T / 3  Prozent  Aufschlag  auf  alle
vor  dem  Streik  bezahlten  Lohnsätze  bestehen,  die  unterhalb  eines  provisorisch
aufgestellten  Mindesttarifs  stünden;  in  der  Damenmäntel-Konfektion  verpflichteten ­
  sich  die  Vertreter  der  Fabrikanten,  bei  ihren  Mandatgebern  Lohnerhöhungen ­
  für  Meister  und  Arbeiter  zu  befürworten,  die  sich  bei  den  ganz
niedrigen  Löhnen  auf  30  Prozent,  bei  den  besten  Löhnen  auf  10  Prozent
Zuschlag  berechneten.  Die  endgültige  Festsetzung  der  Mindcsttarife  in  der
Herren-  und  Knabenkonfeftion  sollte  erfolgen,  nachdem  das  Einigungsamt
auf  Grund  von  Erhebungen  über  die  Arbeitsvcrhältnisse  in  der  Berliner
Konfektionsschneiderei  ein  Gutachten  abgegeben  hätte,  und  diese  Erhebungen
sollten  unter  Hinzuziehung  von  Vertretern  der  Beteiligten  unverzüglich  ihren
Anfang  nehmen.
Da  an  Aufbringung  so  großer  Mittel,  um  30000  Streikende  längere
Zeit  zu  unterstützen,  nicht  zu  denken  war,  und  cs  sich  bei  der  großen  Mehrheit
dieser  um  sehr  arme  und  widerstandsschwache  Elemente  handelte,  konnte
man  diese  Abmachungen  als  einen  schönen  Erfolg  der  Bewegung  betrachten.
Bei  loyaler  Durchführung  bedeuteten  sie,  wenn  sie  auch  nicht  alles  brachten,
was  die  Arbeiter  verlangt  hatten,  einen  wesentlichen  Schritt  vorwärts
        <pb n="305" />
        309

zur  Verbesserung  ihrer
Arbeits-Bedingungen.
Dennoch  gab  es  eine
Opposition,  die  sich
weigerte,  sie  anzuerkennen. ­
  Sie  ging  von
der  kleinen  Gruppe
der  lokalorganisierten
Schneider  aus,  die  es
nicht  verwinden  konnte,
daß  man  ihr  in  der
Fünferkommission  keine
Vertretung  eingeräumt
hatte.  Ihre  Lauptvertreter
  in  der  Arbeiterschaft ­
  waren  der
Schneider  Wiesem
  a  n  n  und  die  Näherin ­
  Frau  G  u  b  e  l  a,
und  einen  schriftgewandten ­
  literarischen
Anwalt  fanden  sie  in
demAnarchistenGustav
Landauer.  Ein  von
dem  letzteren  verfaßtes
Flugblatt,das  in  leidenschaftlicher ­
  Sprache  die
Fünferkommission  angriffundzurFortsetzung

des  Streiks  aufforderte,
ward  in  all  den  11  Versammlungen ­
  zur  Verteilung ­
  gebracht,  welche  die  Fünferkommission  auf  den  21.  Februar  behufs ­
  Stellungnahme  zum  Kompromiß  einberufen  hatte,  und  in  fast  allen
diesen  sehr  stark  besuchten  Versammlungen  kam  es  zu  lebhaften  Auseinandersetzungen ­
  mit  Vertretern  der  Opposition,  in  einigen  sogar  zu  wahrhaft ­
  stürmischen  Szenen  und  zu  Beschlüssen,  den  Kampf  nicht  einzustellen, ­
  sondern  den  Streik  weiterzuführen.  In  den  meisten  Versammlungen ­
  aber  ward  von  der  übergroßen  Mehrheit  dem  Kompromiß  zugestimmt, ­
  der  Streik  für  beendet  erklärt,  das  Mandat  der  Fünferkommission
jedoch  mit  dem  Zusatz  verlängert,  daß  sie  die  Verhandlungen  zur  Erlangung
eines  festen  Mindesttarifs  für  alle  vorkommenden  Arbeiten  energisch  fortsetzen
möge.  Sechs  Gegenversammlungen,  welche  eine  von  der  Opposition  gewählte
„neue"  Fünferkommission  auf  den  24.  Februar  einrief,  waren  zusammen
von  noch  nicht  tausend  Personen  besucht,  zwei  davon  konnten  wegen
schwacher  Beteiligung  überhaupt  nicht  abgehalten  werden,  von  den  andern
vier  verfiel  eine,  als  der  Streit  in  Skandal  ausartete,  der  polizeilichen  Auflösung, ­
  in  zweien  beschloß  man,  den  Streik  auf  den  Äerbst  zu  vertagen,
in  der  vierten  dagegen  ward  beschlossen,  den  Streik  fortzusetzen  und  über

Jv&amp;lt;MityUA  ßßJbllilhuAfy&amp;amp;M.U
usi%L  gkj-ajttMLüUß-Äu/oC.


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I  @t£Jk

144.  Bestätigungsschreiben  des  Reichstags
        <pb n="306" />
        310

diejenigen  Firmen,  welche  die  Forderungen  nicht  unverkürzt  bewilligen  würden,
den  partiellen  Streik  zu  verhängen.  Ein  Beschluß,  der  natürlich  nach
der  Beendigung  des  Streiks  durch  die  große  Masse  der  beteiligten  Arbeiter
nicht  einmal  Demonstrationswert  hatte,  sondern  nur  die  Sachlage  für  die
Arbeiter  verschlechtern  konnte.  Es  verdient  bemerkt  zu  werden,  daß  diese
Opposition  von  der  erzscharfmacherischen  „Post"  damals  eine  ganz  besonders
wohlwollende  Behandlung  erfuhr.  Diesem  Blatt  und  seinen  Lintermännern
war  die  Anerkennung  der  Arbeiterorganisationen  im  Kompromiß  vom
•  19.  Februar  sehr  wider  den  Strich  gegangen.  Dagegen  erklärte  sich  die
Berliner  Gewerkschastskommission  in  ihrer  Sitzung  vom  21.  Februar  mit
dem  Verhalten  der  Fünferkommission  „vollständig  einverstanden".  Sie
forderte  zugleich  die  Berliner  Arbeiter  auf,  „den  Bestrebungen  der
.Säerren  Landauer  und  Genossen"  energisch  entgegenzutreten.  Auch  eine  auf
den  3.  März  einberufene  Mitgliederversammlung  des  Schneiderverbandes
erklärte  sich  mit  der  Haltung  der  Fünserkommission  einverstanden  und  sprach
ihr  einstimmig  ihr  Vertrauen  aus.
Ein  gewisser  Trost  sollte  den  Gegnern  des  Kompromisses  indes  doch
zuteil  werden.  Es  hatte  keinen  langen  Bestand.  In  der  Damenmäntel-Konfektion
  ließen  zwar  die  Fabrikanten  die  versprochene  Tariferhöhung  in
Kraft  treten,  da  aber  die  Masse  der  Heimarbeiter  außerhalb  der  Organisation
blieb,  blieb  auch  der  größte  Teil  der  Aufbesserung  in  den  Länden  der
Zwischenmeister,  die  in  ihrer  Mehrheit  die  alte  Ausbeutungsweisc  bald
ungeschwächt  weiter  bettieben.  In  der  Lerren-  und  Knabenkonfektion  zeigte
sich  schon  am  23.  Februar,  als  das  Einigungsamt  des  Gewerbegerichts  zum
Zweck  der  Erhebungen  für  die  Feststellung  eines  spezialisierten  Lohntarifs
zusammentrat,  daß  die  Fabrikanten  die  ihnen  nach  den  Bestimmungen  des
Kompromisses  obliegende  Bekanntgabe  der  Erhöhung  der  Lohntarife  auf
den  Aushängen  in  den  Werkstätten  in  wesentlich  ungünstigerer  Form  für
die  Arbeiter  formuliert  hatten,  als  es  nach  dem  Sinn  des  Kompromisses
hätte  geschehen  müssen.  Das  Amt  ließ  sich  indes  nichts  abhandeln,  und
seiner  sehr  entschiedenen  Erklärung,  wie  die  betreffende  Bestimmung  zu  verstehen ­
  sei,  fügten  sich  die  Fabrikanten  nach  etlichem  Murren,  zumal  das
Interesse  des  großen  Publikums  noch  nicht  erloschen,  die  Arbeiterschaft  noch
in  Bewegung  und  es  höchste  Zeit  war,  die  Saisonarbeit  zu  beginnen.  Dann
aber  schlief,  während  das  Einigungsamt,  das  seine  Aufgabe  sehr  ernst  nahm,
nun  in  kontradiktorischen  Verhandlungen  mit  Fabrikanten,  Meistern  und
Arbeitern  Erhebungen  pflog,  das  Interesse  des  Publikums  ziemlich  schnell
wieder  ein,  die  Presse  nahm  von  den  Ermittelungen  des  Amts,  trotz  der
Öffentlichkeit  von  dessen  Verhandlungen,  bald  gar  keine  Notiz  mehr,  und
die  Masse  der  Leimarbeiter  fiel  ebenfalls  in  ihre  Apathie  zurück.  Schon
ließen  eine  Anzahl  Fabrikanten,  die  es  mit  besonders  hilflosen  Arbeitern
zu  tun  hatten,  wieder  zu  den  alten  Lungerlöhnen  arbeiten,  als  es  im  Monat
April  einen  Aufrüttler  gab,  der  den  allgemeinen  Rückfall  der  Löhne  wieder
auf  eine  gewisse  Zeit  hinausschob.
Llm  die  Erhebungen  nicht  vor  der  Zeit  abzubrechen  und  doch  den  aus
Llnternehmerkreisen  ertönenden  Beschwerden  über  zu  langes  Ausbleiben  des
Entscheids  Rechnung  zu  tragen,  veranlaßte  das  Einigungsamt  Mitte  April  die
Ausarbeitung  eines  Tarifs  durch  eine  freie  Kommission  von  Vertretern  der
Fabrikanten,  der  Meister  und  der  Arbeiter.  Als  er  fertig  und  sowohl  von  den
        <pb n="307" />
        311

Verband  der  Schneider,  Schneiderinnen  and
verw.  jjerufsgenossen  Deutschlands.

Quittungs-Karte
über  geleistete  Beiträge  zum  Streik-  und  Agitations-Fonds.
ft/tf.-Mad'.
beigetroteo  am
ausgestellt  am...^Jrts&amp;lt;u  19.4?/...
P.  8.  Sofern  die  Karte  vollgeklebt,  ist  dieselbe  anr  Abstempelung  der  Marken  an  die  Orts-Verwaltung
  abzuliefern  und  eine  neue  zu  verlangen.  Oie  Karte,  bleibt  Eigentum  des  Inhabers.

Buch-JV?...
i

Der  Vorstand.

iburg,  OrahBahn  4ö.

145.  Quittungs  karte  über  Beiträge  zum  Streik
und  Agitationsfonds

mitwirkenden  Fabrikanten ­
  wie  auch  von
den  Arbeitern  für  annehmbar ­
  erklärt  war,
prüfte  ihn  das  Einigungsamt ­
  durch  und
legte  ihn  dann  den  Fabrikantenvereinen ­
  vor.
Dort  stieß  er  aber  auf
lebhafte  Opposition  und
wurde  schließlich  in  einer
General-Versammlung
des  Vereins  mit  Mehrheit ­
  abgelehnt.  Damit
aber  nicht  genug,  schrieb
nun  der  Vorstand  des
Vereins  an  das  Einigungsamt, ­
  es  habe  sich  jetzt  gezeigt,  daß  ein  Tarif  auf  dem  Wege  des
Vergleichs  nicht  zustande  kommen  werde,  damit  sei  die  Voraussetzung  für
das  Kompromiß  vom  19.  Februar  hinfällig  geworden,  der  Fabrikantenvercin
  könne  sich  daher  durch  dieses  nicht  mehr  für  gebunden  erachten.  And
das  Organ  des  Fabrikantenvereins,  der  „Confektionair",  fügte  der  Notiz,
in  der  cs  den  Inhalt  des  Briefes  wiedergab,  die  Bemerkung  an,  die  Erklärung ­
  werde  vielleicht  einen  neuen  Streik  zur  Folge  haben,  die  Fabrikanten
fürchteten  ihn  aber  nicht,  da  sich  massenhaft  Arbeiter  zu  den  niedrigsten
Löhnen  anböten,  der  für  die  Dauer  des  Kompromisses  ausbedungene
Lohnzuschlag  von  12 1 / 2  Prozent  aber  andern  Orten  der  Konfektionsindustrie
zugute  käme,  die  nach  freiem  Ermessen  die  Löhne  festsetzen  könnten.  Anverhüllter ­
  konnte  man  es  nicht  ankündigen,  daß  die  Lohndrückerei  von  neuem
das  entscheidende  Wort  haben  sollte.
Noch  einmal  ermannte  sich  jedoch  die  Presse  zu  einem  scharfen  Protest.
Nicht  nur  die  Organe  der  Arbeiter,  auch  fast  alle  bürgerlichen  Zeitungen
Berlins  erklärten  diese  Ankündigung  für  einen  krassen  Vertragsbruch.
Ein  energischer  Mahnruf,  den  der  Anternehmerbeisitzer  des  Einigungsamts,
Fabrikant  Weigert,  in  Gestalt  eines  Aussatzes  in  der  Wochenschrift
„Soziale  Praxis"  kurz  vorher  an  die  Presse  gerichtet  hatte,  hatte  offenbar
seine  Wirkung  getan.  Weigert  hatte  in  jenem  Aufsatz,  der  die  Ergebnisse
der  Beweisaufnahmen  des  Einigungsamts  schildert,  direkt  den  sträflichen
Rückfall  der  Presse  in  ihre  alte  Teilnahmlosigkeit  dafür  verantwortlich  gemacht, ­
  daß  ein  Teil  der  Fabrikanten  den  Vertrag  erst  im  geheimen  gebrochen
hätte  und  nun  daran  ging,  es  öffentlich  zu  tun.  Er  hatte  es  als  eine
„Ananständigkeit"  hingestellt,  daß  die  betreffenden  Fabrikanten  die  Verantwortung ­
  für  ihren  Wortbruch  mit  der  Ausrede  auf  die  Schultern  der
Arbeiter  abzuwälzen  suchten,  diese  hätten  durch  Nicht-Boykottierung
derjenigen  Fabrikanten,  die  der  Abmachung  nicht  beigetretcn  seien,  selbst
das  Scheitern  der  Abmachung  verschuldet.  Die  Arbeiterpresse  sei  im  Recht,
wenn  sie  es  als  eine  Provokation  der  Arbeiter  bezeichne,  ihr  am  Vorabend
der  stillen  Saison  mit  einem  solchen  Vorhalt  zu  kommen,  für  den  Geist
eines  Teils  der  Fabrikanten  sei  es  charakteristisch,  daß  einer  von  ihnen
        <pb n="308" />
        J

eine  Einsendung  an  das
Organ  der  Konfektionäre
mit  der  Überschrift  versehen ­
  durste:
„Der  Übel  größtes  ist  der
Streik  noch  nicht.
Das  ist  das  Einigungsamt
am  Gewerbegericht."
Dergleichen  sei  eines
großen  Verbandes,  dessen
ümsatz  sich  nach  Millionen ­
  beziffere,  unwürdig.
Diese  scharfen  Worte
eines  Mannes,  der  selbst
Unternehmer  war,  gaben
der  Presse  das  Signal,
und  die  Konfekttonäre
mußten  böseAngriffeübcr
sich  ergehen  lassen.  Sie
wichen  daher  hastig  ein
Stück  zurück  und  ließen
erklären,  sie  hätten  durchaus ­
  nicht  die  Absicht  gehabt, ­
  vor  der  Fällung  des
Schiedsspruchs  von  der
vorläufigen  Abmachung
zurückzutreten,  sic  hätten
nur  gewissermaßen  gegen
die  Verschleppung  des
Schiedsspruchs  demonstrieren  wollen.  Eine  Ausrede,  die  der  Vorsitzende  des
Gewerbegerichts  von  Schulz  dadurch  Lügen  strafte,  daß  er  der  Presse  den
Wortlaut  des  gar  nicht  mißzuverstehenden  Schreibens  des  Fabrikantenvereins
zugehen  ließ.  Außerdem  stellte  er  fest,  daß  das  Einigungsamt  durch  die
bei  den  Vernehmungen  ermittelten  Tatsachen  zu  dem  Beschluß  genötigt
worden  sei,  die  Untersuchungen  über  den  Endtermin,  den  es  sich  erst  bestimmt
hatte,  hinaus  fortzusetzen,  die  Vernehmungen  aber  mit  größter  Beschleunigung
täglich  von  9  bis  3  ühr  vor  sich  gingen.  Selbstverständlich  ließ  man  es
auch  von  seiten  der  Arbeiter  nicht  an  einem  kräftigen  Protest  gegen  das
Verhalten  der  Fabrikanten  fehlen.  Die  Fünferkommission  berief  auf  den
11.  Mai  zwei  große  Schneiderversammlungen  ein,  mit  Emma  Ihrer  und
Ioh.  Timm  als  Referenten,  die  das  schnöde  Verhalten  der  Fabrikanten
gebührend  brandmarkten  und  den  Arbeitern  dringend  ans  Lerz  legten,
die  Lehren  daraus  zu  ziehen,  die  sich  in  die  Worte  zusammenfassen  lassen:
Organisation  und  Rüstung  zu  weiterem  Kampf.  Man  müsse  darauf
vorbereitet  sein,  daß  man  sehr  bald  aufs  neue  für  den  Tarif  werde
zu  kämpfen  haben.
Einstweilen  blieb  es  jedoch  beim  alten.  Das  Einigungsamt  führte  sein
Arbeitsprogramm  zu  Ende  durch  und  war  gegen  Mitte  Juli  so  weit,  einen
endgültigen  Tarifcntwurf  aufzustellen.  Es  übersandte  ihn  am  18.  Juli

Während  des  Streiks.
146  und  147.  Karikaturen  aus  dem  Kladderadatsch
auf  die  Großkonfektionäre
        <pb n="309" />
        den  beteiligten  Organisationen ­
  mit  dem  Ersuchen,
ihn  zu  prüfen  und  innerhalb ­
  von  10  Tagen  dem
Amt  ihre  Ausstellungen,
falls  sie  solche  zu  machen
hätten,  mitzuteilen.  Dann
ward,  nach  Ablauf  dieser
Frist,  die  Schlußsitzung
des  Einigungsamts  aus
den  14.  August  angesetzt,
und  an  die  interessierten
Parteien  erging  die  Einladung, ­
  zu  dieser  Sitzung
ihre  Vertreter  zu  entsenden. ­
  Die  Arbeiter  kamen
dem  sinngemäß  nach,  nachdem ­
  sie  in  öffentlicher  Versammlung ­
  zu  dem  Tarifentwurf
  Stellung  genommen ­
  hatten.  Die  Fabrikanten ­
  fanden  sich  zwar
in  ziemlich  großer  Zahl
ein,  als  aber  die  Vertretungen ­
  festgestellt  werden ­
  sollten,  erhob  sich  der
zweiteVorsihende  des  Fabrikantenvereins ­
  —  ein
Mann  (Gollop),  der  als
einer  der  ersten  den  Vertrag  vom  19.  Februar  gebrochen  hatte  —  und  erklärte,
eine  Vertretung  der  Konfektionäre  sei  nicht  erschienen,  ein  jeder  von  ihnen
sei  nur  in  seinem  eigenen  Namen  da.  Das  ließ  für  jeden  Kundigen,  der  etwa
noch  Zweifel  hatte,  das  negative  Ende  der  Verhandlungen  im  voraus  erkennen.
And  doch  war  das  Einigungsamt,  um  den  Fabrikanten  die  Zustimmung  so
unbedenklich  wie  nur  möglich  zu  machen,  in  keinem  Punkt  über  die  im
Februar  von  den  Fabrikanten  selbst  vor  ihm  gemachten  Vorschläge  hinausgegangen. ­
  Amgekehrt  konnte  Timm  namens  der  Fünferkommission  dem  Amt
offiziell  mitteilen,  daß  die  Arbeiter  in  der  erwähnten  Versammlung  beschlossen
hätten,  den  Tarif,  obwohl  er  ihren  Forderungen  keineswegs  entspreche,  als
Abschlagszahlung  anzunehmen.  Aber  allen  Bemühungen  des  Amts,  die
Fabrikanten  zu  bewegen,  auf  Grund  dieser  Erklärung  einen  Einigungsvertrag ­
  mit  den  Arbeitern  abzuschließen,  setzten  diese  die  Berufung  darauf
gegenüber,  daß  sie  nur  als  Privatpersonen  gekommen  seien  und  keiner  von
ihnen  ein  Recht  habe,  irgend  etwas  im  Namen  seiner  Kollegen  abzumachen.
So  blieb  dem  Einigungsamt  nur  übrig,  einen  Schiedsspruch  zu  fällen
und  es  den  Beteiligten  zu  überlassen,  sich  ihm  zu  unterwerfen  oder  nicht.
In  diesem  Schiedsspruch  ließ  cs  die  für  bessere  Arbeiten  normierten  höheren
Sätze  sämtlich  fallen  und  beschränkte  sich  auf  Bestimmung  der  Lohnsätze  für
Arbeiten  allereinfachster  Qualität.  Die  Zuschläge  für  bessere  Arbeiten

Gknige  Zeit  darauf.

146  und  147.  Karikaturen  aus  dem  Kladderadatsch
auf  die  Großkonfektionäre

A

m
        <pb n="310" />
        314

sollten  unter  Zugrundelegung  dieses  „Mindesttarifs"  der  freien  Vereinbarung ­
  überlassen  bleiben.  Aber  selbst  unter  dieser  Voraussetzung,  und
obwohl  die  Sätze  des  Tarifs  hinter  den  angeblich  von  vielen  von  ihnen
gezahlten  Löhnen  noch  zurückblieben,  wollten  die  Fabrikanten  von  dem  Tarif
nichts  wissen.  Damit  fiel  aber  auch  für  die  Arbeiter  jeder  Grund  hinweg,
noch  länger  Zugeständnisse  zu  machen.  In  einer  auf  den  31.  August  einberufenen ­
  Versammlung  beschlossen  sie  nach  einem  Referat  Timms  einstimmig ­
  eine  von  diesem  beantragte  Resolution,  die  in  die  Sätze  ausläuft:
„Wenn  die  Anternehmer  in  ihrer  Gesamtheit  dafür  eintreten  würden,
den  Mindesttarif  überall  durchzusetzen,  so  würde  er  als  Mittel  zur  Anbahnung
  geregelter  Verhältnisse  in  der  Konfektion  unsere  Zustimmung
erhalten;  wenn  er  aber  jetzt  dazu  benutzt  wird,  die  Löhne  noch  weiter
herabzudrücken,  so  sind  wir  außerstande,  diesem  Tarif  unsere  Zustimmung ­
  zu  geben.  Würde  es  geschehen,  so  berufen  sich  die  Konfektionäre ­
  in  ihrer  Charakterlosigkeit  noch  auf  das  Votum  der  Arbeiter,
um  ihrem  brutalen  Vorgehen  noch  einen  Schein  von  Recht  zu  geben.
Deshalb  lehnen  wir  den  Minimaltaris  des  Einigungsamts  ab.  Die
Versammlung  bedauert,  daß  der  Versuch  des  Einigungsamts,  geordnete
Zustände  in  der  Konfektion  zu  schaffen,  gescheitert  ist.  Es  bleibt  den
Arbeitern  kein  anderer  Weg,  als  durch  eine  geschlossene  Organisation
sich  bessere  Zustände  zu  erringen."
In  jeder  Form  waren  die  Bemühungen  des  Einigungsamts  fehlgeschlagen,
was  dieses  unterm  23.  September  1896  in  der  Tagespresse  feststellte.
Zugleich  mit  seinem  Mandat  war  jetzt  auch  der  provisorische  Vertrag  vom
19.  Februar  abgelaufen,  und  die  darin  ausbedungenen  Lohnverbesserungen
hingen  nun  wieder  völlig  vom  guten  Willen  der  einzelnen  Fabrikanten  und
der  Widerstandskraft  der  Arbeiter  als  Individuen  oder  Gruppen  ab.  Mit
dieser  war  es  aber  am  Ende  des  Kampfes  nur  unwesentlich  besser  gestellt
als  wie  am  Anfang.  Was  in  den  ersten  Wochen  des  Kampfes  der
Organisation  zugeströmt  war,  hatte  sich  mit  sehr  geringen  Ausnahmen
wieder  verlaufen,  so  daß  man  zeitweise  bitter  von  einer  „Organisationsflucht"
sprechen  konnte.  Die  Statistik  der  Gewerkschaftskommission  verzeichnet  für
1897  in  der  Maß-  und  Konfektionsschneiderei  nur  1030  Organisierte.
Dies  widerlegt  im  Grunde  allein  schon  die  Kritiken,  die  während  des
Kanrpfes  und  hinterher  der  Fünfcrkommission  wegen  angeblich  zu  weit
getriebener  Nachgiebigkeit  gemacht  wurden.  Die  Anhänger  der  Lokalorganisation, ­
  die  während  des  Kampfes  keine  Versammlung  hatten  vorübergehen ­
  lassen,  ohne  Vorwürfe  dieser  Art  zu  erheben,  steigerten  sie  am  Schluß
noch  zu  allerhand  häßlichen  persönlichen  Verdächtigungen.  Aber  es  liegt
auf  der  Äand,  daß,  wo  man  mit  einem  so  wenig  ausdauernden  Element  zu
tun  hatte,  das  Formulieren  auch  der  radikalsten  Forderungen,  das  Bestehen
auf  den  letzten  Buchstaben  des  Verlangten  am  Ausgang  der  Sache  nichts
hätte  bessern  können.  Die  in  jenem  Sinn  agitierende  Frau  Gubcla  hatte
sich  am  14.  August  ebenfalls  im  Sitzungssaal  des  Einigungsamts  eingestellt
und  im  Gegensatz  zur  Fünfcrkommission  erklärt,  daß  sie  als  Arbeiterin  den
vom  Einigungsamt  vorgeschlagenen  Tarif  ablehne.  Wenn  diese  Erklärung
auf  den  Ausgang  der  Verhandlungen  überhaupt  einen  Einfluß  hätte  ausüben ­
  können,  so  höchstens  nur  den,  den  Fabrikanten  für  deren  Nein  den
angenehmsten  Vorwand  zu  liefern.
        <pb n="311" />
        315

Es  gibt  unzweifelhaft ­
  Fälle,  wo  Nachgiebigkeit ­
  unangebracht
oder  erst  beim  Abschluß
des  Kampfes  am  Platze
ist.  Pier  lagen  aber
die  Dinge  so,  daß
die  Fünferkommission
durch  kluge  Nachgiebigkeit ­
  die  Fabrikantenmehrheit ­
  so  lange
amFebruarvertrag  festgehalten ­
  hatte,  als  dies
überhaupt  nur  möglich
gewesen  war.  Die  Arbeiter ­
  hatten  für  ihren
Kampf  die  öffentliche
Meinung  auf  ihre  Seite
zu  bringen  gewußt.  Es
hatte  sich  aber  sehr
bald  gezeigt,  daß  diese
öffentliche  Meinung
als  Stütze  im  Kampfe
zwar  nicht  absolut  ohne
jeden  Wert  war,  aber
doch  nur  eine  eng  begrenzte ­
  praktische  Bedeutung ­
  hatte.  Die
von  der  Gewerkschaftskommission ­
  im  August
1896  veröffentlichte  Abrechnung ­
  über  den
Streik  verzeichnet  im
ganzen  folgende  drei
Verschiedene
Durch

Antrag
auf  Zustimmung  der  Lerwalkung  -ur  ArSeiksmedrrltgung

m  der  Werkstatt..

Strafe  Nr.

Branche.

Branche
DI,  vranchni  sind  «In),!»
onjolahrm,.

Sagt  Oer
0fsöjüstlglcn


Davon
öeröanbe

£3

banbsi

Mister
lieb

f  E

;f

f!
1*

Nerbüodr

Insgesamt:

Wie  Kock  war  der  bisherige
Wochenverdienst

xurchschniNuv-rdirn»

UluIikstuerdieaK

LSchfto-rdtriill

Pf.

m  -...Pf.  m.-Oie
  bisherige  Arbeitszeit  beträgt  Stunden  pro  Woche.
Ire  Kollegen  stelle»  folgende  Fordernngen:
Verkürzung  der  Arbeitszeit  um  Stunden  pro  Woche.
Einen  Aufschlag  auf  den  Carif  in  der  Röhe  von  "/»
einen  Lohnaufschlag  von  °/o-  Ferner  wird  gefordert:

Keim  AdweHrstreik  soll  rnrückgewkesen  werde«:
ein  Abzug  von  -  "/&amp;lt;».  Verlängerung  der  Arbeitszeit  um  _.  Stunden  pro  Woche

Berlin,  den..—  190...

Unterschritt:

«trftr  Ho  Ulli  (oll  (ui  Mribnt

148.  Antragsformular  auf  Zustimmung  zum  Streik
in  einer  bestimmten  Werkstatt

Posten  als  Eingänge  „aus  bürgerlichen  Kreisen":
Sammlungen  Mk.  12  022,25
die  bürgerliche  Presse  „  1211,10
Von  der  evangelisch-sozialen  Frauengruppe  .  .  .  5  480,—

Zusammen  Mk.  18  713,35
Somit  reichte,  da  für  18  405  Personen  Streikkarten  ausgestellt  wurden,
die  aus  bürgerlichen  Kreisen  gefloffene  finanzielle  Unterstützung  nur  gerade
aus,  jedem  Streikenden  eine  Mark  zukommen  zu  lassen.  And  das,  wo  die
Presse  fast  einstimmig  sich  auf  die  Seite  der  Arbeiter  gestellt  und  das  Mitgefühl ­
  für  sie  wachgerufen  hatte.  Für  den  reinen  Gewerkschaftskampf  war
die  bürgerliche  Pilfe  —  wie  anerkennenswertes  auch  einzelne,  darunter  namentlich ­
  die  von  Elisabeth  Gnauck-Kühne  geleiteten  evangelisch-sozialen  Frauen
geleistet  hatten,  von  deren  Beiträgen  ein  Teil  unter  dem  ersten  Posten
„Verschiedene  Sammlungen"  gebucht  war  —  ein  Tropfen  auf  einen  heißen
Stein  gewesen.  Auch  war  die  Sympathie  der  bürgerlichen  Presse  dadurch  von
zweifelhaftem  Nutzen,  daß  sie  übertriebene  Hoffnungen  wachrief,  die  nachher
        <pb n="312" />
        316

Schlielunngskommission  der  Berliner  Holzindustrie.

Die  Arbeiter  der  Werkstatt

melden  hiermit,  dass  Lohn'slreiligkeitcn  ausgebrochen  sind:  Da
die  in  Frage  kommenden  ^Arbeiter  mit  dem  Meister  nickt  einig
werden  konnten,  fand  am  —  Es
Verhandlung  zwischen  dem m  Meister  und  dem  Werkstallausschuss
statt,  die  'aber  restdlallos  verlief.
Wir  haben  daraufhin  dem  Meister  ■erklärt,  dass  wir  nun
die  Sache  der  Schlichtungskommission  übergeben  werden.  Wir
beantragen  deshalb,  dass  die  Schlichlungskommission  unsere
Angelegenheit  untersucht  und  entscheidet.
Die  Ursachen  unserer  Differenzen  sind:

QfntezscktSft:_

UM  so  größerer  Enttäuschung
Platz  machten.  And  da
die  aus  der  Arbeiterschaft
einlaufenden  Anterstützungen
ebenfalls  gegenüber  der  Zahl
der  zu  Anterstützenden  nicht
weit  reichten  —  einschließlich
eines  aufgenommenen  Darlehns
  von  15000  Mark  und
jenen  18000  Mark  aus  bürgerlichen ­
  Kreisen  belief  sich
die  Gesamteinnahme  der  Gewerkschastskommission
  für  die
streikenden  Konfektionsschneider ­
  auf  rund  73000  Mark  —,
war  es  bald  klar,  daß  der
Streik  als  bloßer  Gewerkschastskampf
  in  Berlin  nicht
durchzuführen  war.  Der  vom
Arbeitgeberbeisitzer  Weigert
so  entrüstet  zitierte  Fabrikant
hatte  vielmehr  in  seiner  Weise
den  Nagel  auf  den  Kopf  getroffen, ­
  wenn  er  für  sich  und
seine  Kollegen  das  Einigungsamt ­
  und  nicht  den  Streik  als
„der  Abel  größtes"  bezeichnete.  Für  eine  Arbeiterschaft,  die  über  nicht
eines  der  drei  fundamentalen  Erfordernisse  eines  siegreichen  Streiks  verfügte: ­
  gewerkschaftliches  Fühlen,  feste  Organisation  und  eine  gefüllte  Kriegskasse, ­
  war  in  diesem  Gewerbe  ein  Tarif  nur  durch  Vermittelung  des
Einigungsamts  zu  erzielen.
Das  geschichtliche  Arteil  kann  daher  nur  zugunsten  der  von  der  Fünferkommission ­
  in  Äbereinstimmung  mit  den  Leitern  des  Verbandes  der  Schneider
und  der  großen  Mehrheit  der  Gewerkschastskommission  beobachteten  Taktik
lauten,  die  darin  bestand,  die  Position  des  Einigungsamts  auf  jede  mögliche
Weise  zu  kräftigen,  alles  zu  unterlassen,  was  diesem  das  Vermittlungsamt
erschweren  konnte.  DieKommission  hat  dieseTaktik,  die  übrigens  auch  dieBilligung
  der  Vertreter  der  politischen  Arbeiterbewegung  hatte,  mit  geradezu  bewunderungswürdigem ­
  Geschick  bis  zuletzt  durchgeführt.  Wie  musterhaft  in
Ton  und  Stellungnahme  ist  nicht  die  letztzitierte  Resolution,  mit  der  sie  den
Kampf  abschließt.  Sie  stößt  niemand  zurück,  der  den  Arbeitern  in  ihrem
Anternehmen  aufrichtig  beigestanden  hatte,  und  zieht  doch  scharf  die  Linie
für  die  Vorbedingungen  ihrer  Zugeständnisse.  Sie  gibt  den  wortbrüchigen
Anternehmern  ihr  Teil,  ergeht  sich  aber  nicht  in  kraftlosen  Schimpfereien,
sondern  konstatiert  mit  ruhiger  Entschlossenheit  die  Schlußfolgerung:  wir
haben,  was  wir  erstreben,  selbst  zu  erkämpfen  und  müssen  daher  rastlos
weiter  organisieren!
Im  Befreiungskampf  der  Arbeiterklasse  bedarf  es  vieler  Anläufe,  um
die  Mauern  zu  Boden  zu  legen,  die  der  Verwirklichung  der  gewerblichen

149  und  150.  Antragsformular  an  die
Schlichlungskommission  zur  Schlichtung
von  Lohnstreitigkeiten
        <pb n="313" />
        -  317  -

Die  Anträge  an  die  Schlichtungskommission  hat  der  Obmann  der
Kontrollkommission.  Sie  werden  dem  Werkstattvertrauensmann  ausgehändigt, ­
  sobald  die  Kommission  die  Differenzen  untersucht  und  das
Anrufen  der  ßchliclitungskommisslen  empfohlen  bat.  -Ist  zwischen  dem
Werkstattausschuss  und  dem  Meister  keine  Einigung  möglich  gewesen,
so  werden  beide  Hälften  des  Formulars  ausgefüllt  nach  unserem  Bureau
und  zwar  an  die  Adresse:
A-n  die  Ortsverwaltung
des  Deutschen  Holzarbeiter-Verbandes
Ber  lin  SO.  16
Engel-Ufer-.  14.  parterre
eingesandt.
Hinter  den  Worten  „die  Ursachen  unserer  Differenzen  sind"  soll
angegeben  werden;  Herabsetzung  der  Akkord  preiseoder  Lohnabzüge,
Verlängerung  der  Arbeitszeit,  Massregelung,  Festsetzung  des  Akkordpreises ­
  bei  neuen  Arbeiten,  beantragte  Tariferhöhung.  Längere  Erklärungen ­
  brauchen  nicht  auf  das  Formular  geschrieben  weiden.  Die
Rückseite  bleibt  unbeschrieben.  Fordern  die  Kollegen  einen  erhöhten
Tarif,  so  ist  dieser  in  awei  Exemplaren  mit  einzusenden.  Mündliche
Mitteilungen  an  irgend,  einen  Kollegen  gelten  nicht  als  Anrufüng  der
Schlichtungskommission.
*2)ie  Ozfovez-'wa'stu-nty..

Demokratie  im  Wege
stehen.  Soweit  von  einer
Niederlage  zu  sprechen
war,  hatte  sie,  wie  das
der  Sozialpolitiker  Philipp
Stein  damals  in  der
„Äilfe"  ausführte,  in  viel
höherem  Grade  als  die
Arbeiter  die  öffentliche
Meinung  erlitten.  Sie
hatte  sich  mit  Geräusch  auf
die  Seite  der  Arbeiter
gestellt  und  ihnen  doch
keinerlei  wahrhaften  Beistand ­
  geleistet.  „Die  viel
gefürchtete  und  oft  gerühmte ­
  öffentliche  Meinung ­
  hat  sich  als  ein  ganz
unzuverlässiger  Kampfgenosse ­
  erwiesen",  konnte
Stein  mit  Recht  schreiben.
And  weiter  konstatiert  er,
daß  die  Arbeiter  diese
öffentliche  Meinung  der
Bourgeoisie  als  echte
Sozialdemokraten  für  das
genommen  hatten,  was  sie  wert  war:  „Sie  haben  sie  nach  Verdienst  behandelt,
sie  haben  sie  —  benutzt."  Aber  der  Nutzen,  den  sie  aus  ihr  ziehen  konnten,
war  von  keiner  entscheidenden  Wirkung.
Es  wäre  unbillig,  in  gleicher  Weise  die  Tätigkeit  des  Einigungsamts
einzuschätzen.  Es  hatte  sich  redlich  Mühe  gegeben,  den  Arbeitern  beizustehen.
In  65  Terminen  hatte  es  22  Konfektionäre,  183  Zwischenmeister,  156  männliche ­
  Arbeiter  und  325  Arbeiterinnen,  zusammen  686  Personen  kontradiktorisch ­
  vernommen,  alle  Angaben  durch  Sachverständige  prüfen  und  durch
Vorlegung  der  Lohnbücher  bewahrheiten  lassen,  jeder  beteiligten  Gruppe
das  Fragerecht  zugestanden,  und  so,  trotz  der  teilweise  sehr  aktiven  Boykottierung ­
  durch  einen  großen  Teil  Konfektionäre  und  Zwischenhändler,  ein
Material  über  die  Verhältnisse  der  Konfektionsindustrie  ans  Licht  gezogen,
wie  noch  keine  andere  Erhebung  in  Deutschland.  Es  hatte  sich  auch
nicht  gescheut,  sehr  unangenehme  Wahrheiten  auszusprechen.  Sein  Schiedsspruch ­
  und  der  in  der  außerordentlichen  Beilage  zur  „Sozialen  Praxis"
abgedruckte  Bericht  über  seine  Erhebungen  und  Verhandlungen  waren  wertvolle ­
  Dokumente  für  die  Propaganda  zugunsten  einschneidender  Gesetze
über  die  Leimarbeit.  Im  Schiedsspruch  heißt  es  unter  anderem,  das
Gericht  habe  auf  Grund  der  stattgehabten  Ermittelungen  die  Überzeugung
gewonnen,  daß
„die  gezahlten  Löhne  in  vielen  Fällen  unter  ein  Niveau  gesunken  sind,
das  ein  menschenwürdiges  Dasein  der  Arbeitnehmer  trotz  angestrengtester ­
  fleißiger  Arbeit  nicht  ermöglicht".

149  und  150.  Antragsformular  an  die
Schlichtungskommission  zur  Schlichtung
von  Lohnstreitigkeiten
        <pb n="314" />
        318

Es  war  durch  genaue  Ankersuchungen
  festgestellt  worden,
daß  „die  Arbeitszeit  bei  der
Leimarbeit  bis  zu  18  Stunden ­
  währt",  daß  Leimarbeiter ­
  einen  Durchschnittslohn ­
  —  wohlverstanden,
Durchschnittslohn  von
18  Pfennig  die  Stunde
„erreichten",  und  das  Einigungsamt ­
  stellte  fest,  daß
„dies  Zurückgehen  der  Löhne
im  wesentlichen  nicht  in
den  Absatzverhältnissen  der
Branche  seinen  Grund  hat,
sondern  in  dem  Bestreben
einzelner  Firmen,  mit  auswärtigen ­
  Geschäften  zu  konkurrieren". ­

Mit  Orten,  wie  seinerzeit
Aschaffenburg,  konkurrieren
zu  wollen,  wo  die  Lebenshaltung ­
  der  Arbeiter  eine
viel  weniger  kostspielige  ist
als  in  Berlin,  habe  sich  als
„fruchtloses  Beginnen  klar
herausgestellt".  Somit
„mußte  deshalb  die  Auflehnung ­
  der  Arbeiter
gegen  den  auf  dieser  Grundlage ­
  erwachsenen  Lohndruck
als  eine  durchaus  berechtigte ­
  anerkannt  werden".
Nur  durch  Festlegung  eines  Mindesttarifs  könne,  heißt  es  dann  noch,  „verhütet ­
  werden,  daß  diejenigen  Artikel,  welche  in  Berlin  nach  obwaltenden
Verhältnissen  ohne  Beeinträchtigung  einer  menschenwürdigen  Lebenshaltung
der  Arbeiter  nicht  hergestellt  werden  können,  einen  ungerechtfertigten  Lohndruck
  ausüben".
Nach  diesen  vernünftigen  Grundsätzen  hatte  das  Einigungsamt  den
Tarif  ausgearbeitet,  und  scharf  wies  Weigert  den  Vorwurf  der  Einseitigkeit
zurück,  den  die  Konfektionäre  in  ihrem  Organ  dem  Amt  immer  wieder  machten.
Die  Fabrikanten  hätten  die  beste  Gelegenheit  gehabt,  Einseitigkeiten  zurückzuweisen, ­
  wenn  sie  vor  dem  Amt  erschienen  wären  und  ihre  abweichenden  Aussagen ­
  deponierten.  „Daß  sie  dies  nicht  getan  haben,  sondern  dem  gegebenen
Worte  zuwider  ausgeblieben  sind  (von  56  persönlich  vorgeladenen  Fabrikanten
waren  nur  22  der  Einladung  gefolgt),  beweist  die  Grundlosigkeit  ihrer  Behauptung." ­
  Diese  Erklärung  gab  das  Amt  „namens  jedes  einzelnen  seiner
Mitglieder"  ab:  Arbeiter,  Arbeitgeber  und  der  Vorsitzende  vemrteilten  einstimmig ­
  das  Verhalten  der  Mehrheit  der  Konfektionsunternehmer.  Der
moralische  Sieg  war  auf  seiten  der  organisierten  Arbeiter,  deren  Vertretern

Dculschcr  Hoharöritcr-Verband  (JaWeste  Gerlin).
Anweisungen
für  die
Vertrauensleute  streikender  Werkstätten.
für  Werkstatt-Streiks  und  allgemeine  Streik«.
Zur  Durchführung  des  Streik»  und  Kontrolle  der  Stteikenden  hält  der  Srt»
«raurnSinann  am  ersten  Tage  de«  Streik»  eine  Versammlung  der  streikenden  Kollegen
ab.  in  welcher  er  dje  VrrhaIturig»&amp;gt;Maßrrgeln  bekannt  gib».  C«  erfolgt  dabei  die
Aufnahme  der  Streikenden  in  dir  Streiklistc.  die  Auügnbe  der  Streikkorlen  und  die
Verteilung  der  Streikposten.  Jeder  Streikende  muß  sich.täglich  um  9  Uhr  vormittag»
im  Lokale  der  Stteikenden  zum  Appell  einfinden  und  einige  Stunden  al»  Streik-Posten
  tätig  sein.  Der  Vertrauensmann  sammelt  jeden  Morgen  die  Stteikkarten  ein
und  laßt  sie  in  der  Zeit  von  10  l&amp;gt;i»  II  Uhr  im  Bureau  abstempeln.
Durch  regelmäßige»  Posten  stehen  inuß  verhindert  werden,  daß  dir  Plötze  der
Streikenden  mit  Streikbrechern  besetzt  werden.  Da»  Postenstehrn  ist  nicht  gesetzlich
verdorrn  Es  bestehen  ober  Polizeioerordnungen.  nach  denen  ein  Polizeibeomter
befug»  ist.  Personen  von  der  Sttaße  sottzuweisen.  wenn  er  glaubt,  daß  durch  da»
Stehenbleiben  eine  Verkehrsstörung  oder  ei»  Austaus  eittstehcn  könnte.  Wird  der
Stteikposte»  weggewiesen,  so  muß  e,  sich  ohne  Widerrede  gleich  entfernen.  Leistet
er  der  Aufiorderung  nicht  sofort  Folge,  so  wird  er  nach  der  Wache  gebracht  unh
bekommt  einige  Wochen  später  ein  Sttofmandat  Eine  gerichtliche  Entscheidung
dagegen  zu  beantragen,  ist  zwecklos,  denn  in  allen  neueren  Gerichtsentscheidungen
bekommt  die  Polizei  in  solchen  Fällen  Hecht.  Deshalb  gehl  man  am  besten  dem
Beamten  schon  bei  dessen  Annäherung  au»  dem  Wege  Man  kann  dann  in  angemessener
  Entsernung  von  dem  Hause  auf-  und  abgehen.  Aus  dem  Fadrikhosc  kann
nur  der  HauStvrrt  oder  dessen  Slellvettreter  Streikende  wrgweisen.  Hält  man  sich
ober  trotz  mehrnialiger  Aussorderung  zum  Verlassen  des  Grundstücks  aus  diesem  aus.
so  kann  man  sich  ein,  HouSfriedenSliruch  Klage  zuziehen.
Finden  sich  Streikbrecher  in  der  bestreiltci,  Werlslat»  ein.  so  müssen  sie  durch
gütliche  Ueberredung  von  der  Notinrndigkeil  ihrer  Solidarität  überzeugt  werden  E»
empfiehlt  sich  dann  hauptsächlich,  sie  de»  Abends  obznivarlrn  und  beim  Nachhausewege
über  die  Sachlage  zu  unterrichten  Im  Bedarfsfälle  müssen  dann  zu  dieser  Zeit
mehr  Kollegen  an  den  geeigneten  Stellen  unaussallig  aufgestellt  werden,  so  daß  aus
jeden  einzelnen  Streikbrecher  eingewirkt  werde»  kann  E»  darf  sich  niemand  scheuen,
die  Wohnung  des  Streikbrecher«  zu  erniitteln  »nd  selbst  dessen  Beknnnlrnkrei»  zur
Aufklärung  mit  heranzuziehen,  um  den  Streikbrecher  au»  der  Werkstatt  ivieder  heran»
zu  bekoniinen  Es  muß  aber  daraus  geachtet  werden,  das;  die  Streikbrecher  nicht
angefeindet  oder  beleidigt  n-erden:  sie  iverden  dadurch  erbittert  und  verlasse»  den
Betrieb  erst  recht  nicht  Außerdem-  iverden  ja  Bkleidiguiigeu.  Bedrohungen  und
Mißhandlungen  von  Streikbrechern  mit  hohe»  Grfängniüsttafen  geahndet.  Den
Streikbrechern  gegenüber  ist  ein  vorsichtige»  Verhallen  besonder»  anzuraten.
Um  die  berufsmäßigen  Stteikbrecher  nicht  anzulocken,  iverden  bestreikte  Betriebe
i»  der  Zeitung  nicht  dckaniit  gegeben  Nur  wen»  der  Arbeitgeber  Arbeitswillige

151  und  152.  Anweisungen  des  Äolzarbeiterverbandes
  für  die  Vertrauensleute ­
  streikender  Werkstätten
        <pb n="315" />
        —  319

das  Einigungs  -  Amt  das
Zeugnis  ausstellte,  daß  nur
sie  ihm  gegenüber  ihre
volle  Pflicht  getan
hätten.  Aber  moralische
Siege  sind  ein  schwacher
Trost,  sie  schützen  nicht  vor
übermäßiger  Abrackcrung
und  füllen  keine  leeren
Mägen.
So  lag  es  nahe,  sich
die  Frage  vorzulegen,  ob
man  den  Kampf  bei  nächster
Gelegenheit  unter  Beobachtung ­
  der  Lehren  des
Feldzuges  wieder  aufnehmen ­
  solle.  Diese  Lehren
ließen  jedoch  keine  Täuschung ­
  darüber,  daß  ein
erneuter  Streik  nur  erneute
Opfer  heißen  würde,  daß
beim  damaligen  Stand  der
Organisation  gegenüber  den
Schäden  der  Leimarbeit  der
Streik  eine  unzulängliche
Waffe  war.  Lier  war
ohne  gesetzgeberische  Eingriffe ­
  vorläufig  wenig  zu
machen,  und  die  Gesetzgebung ­
  anzurufen,  war  um
so  mehr  angezeigt,  als  die
Bewegung  immerhin  die
Regierung  und  die  politischen  Parteien  veranlaßt  hatte,  sich  um  die  Verhältnisse ­
  in  der  Konfektionsindustrie  zu  kümmern.  In  diesem  Sinne
veranstaltete  der  deutsche  Schneiderverband  im  Kerbst  1896  Massendemonstrationen, ­
  und  im  Mai  1897  kam  die  Regierung  mit  einem
Gesetzentwurf  an  den  Reichstag,  wonach  der  Bundesrat  bevollmächtigt
werden  sollte,  u.  a.  für  bestimmte  Gewerbe  Lohnbücher  und  Arbeitszettel ­
  vorzuschreiben,  das  Mitgeben  von  Arbeiten  an  Arbeiterinnen
und  jugendliche  Arbeiter,  die  über  sechs  Stunden  täglich  in  der  Fabrik
arbeiten,  zu  verbieten  und  Anternehmern,  die  durch  Zwischcnpersonen  Keimarbeit
  vermitteln  lassen,  die  Zahlung  des  Beitrags  zur  Krankenversicherung
der  von  diesen  beschäftigten  Leimarbeiter  aufzuerlegen.  Der  Entwurf  ward
erst  im  Jahre  1900  Gesetz,  vorher  erließ  noch  Ende  Mai  1897  der  Bundesrat ­
  eine  Verfügung,  welche  die  Vorschriften  der  Gewerbeordnung  über  den
Schutz  von  Arbeiterinnen,  jugendlichen  Arbeitern  und  Kindern,  sowie  die
Gewerbeaufsicht  auf  die  Werkstätten  der  Kleider-  und  Wäschekonfektion  ausdehnt. ­
  Das  blieb  freilich  alles  weit  hinter  dein  zurück,  was  die  Arbeiter  und  die
vorgeschrittenen  Sozialpolitiker  verlangten.  Aber  wenn  es  auch  nur  kleine

in  der  Zeitung  sucht,  wird  ein  Sperrinscra«  ausgegeben.  Einige  Streikende  müssen.
zu  diesem  Zweck  jeden  Morgen  die  Zeituich  einsehen  und  auch  zu  Beginn  der  Arbeit
schon  poslcustehen.
Die  Arbeiter  anderer  Werkstätten  in  demselben  Fabrikgebäude  sind  non  der
Arbeitseinstellung  zn  unterrichten.
Die  Leitung  des  Streiks  übt  der  Vertrauensmann  aus.  Er  stell«  eine  Liste
der  Streikenden  aus.  die  am  dritten  Strriktoge  an  daS  BcrbandSbnrcau  abgeliesert
wird.  Darin  sind  alle  streikenden  Arbeiter,  auch  die  anders  organisierten  und  unorganisierten ­
  einzutragen.  Bon  den  Vcrbandsinitgsiedern  ist  anzugeben,  ob  sie  roll
berechtigt  &amp;lt;86  Beiträge),  halbberechttg«  &amp;lt;13  Beiträge)  oder  nicht  «ntcrstüßuiigsberechligk
sind,  ferner  ob  sie  verheiratet  sind  und  wieviel  Kinder  unter  14  Jahren  sie  haben.
Auch  alle  übrigen  Fragen  sind  richtig  zu  beanlivortrn.
Die  Namen  der  Streikbrecher,  die  stehengeblieben  sind,  werden  aus  der  Rückseite
ber  Liste  vermerkt.  Bon  der  Strcikliste  behält  der  Vertrauensmann  eine  Abschrift,
die  er  bei  der  Beendigung  des  Streiks  abliefern  muß  und  in  die  er  vermerk«,  wie
lange  jeder  einzelne  Kollege  streikt,  wieviel  Streikbrecher  und  welche  hinzugekommen
sind,  wenn  der  Streik  beendet  wird  und  welche  neuen  Bedingungen  dabei  festgesetzt
iverdcn.  Ueber  alle  Vorgänge  während  der  Dauer  deS  Streiks  mutz  der  VeNranensniann
  auf  dem  Bureau  berichte»,  aber  nicht  telephonisch,  sondern  «üiudlich  beim
abstempeln  der  Strcikkarlcn.
Ans  Privalgcspräche  mit  de»  Arbeitgeber»  fallen  sich  die  einzelnen  Streikenden
nicht  einlassen,  jedoch  kann  der  WerkflotlauSschiiß  im  Beisein  oder  im  Einverständnis
deS  BertrauenSmanncS  mit  dem  Arbeitgeber  i»  Unterhandlung  treten.  Dir  Abmachungen ­
  müssen  aber  niedergeschrieben  iverdcn  und  ist  eine  Abschrift  an  das  Bureau
abzuliefern.  Wird  ein  neuer  Tarif  festgesetzt.  so  is,  auch  davon  eine  Abschrift  an
das  Bureau  einzusenden.
Die  Streikunterstützung  kann  der  DerkrauenSinana  und  zwei  andere  Kollege»
für  alle  Streikende»  vom  Bureau  abholen.  Er  muh  aber  schon  tags  zuvor  eine
OuiltungSliste.  Slreikkarlen  und  DerbandSbücher  bei»,  Kassierer  abgeben.  I»  dies»
Liste  quittieren  die  Kollegen  im  Boraus.  Die  Eintragung  tn  diese  Lüte  erfolgt  in
der  Weise,  das:  zuerst  die  verheirateten  und  dann  die  ledigen  Kollegen  eingetragen
werden,  ferner  ivird  mit  de»  älteste»  Mitgliedern  begonnen  und  mit  den  zuletzt  eingetretenen ­
  geendet.
Die  Unterstützungssätze  der  Hanptknsse  betragen  nass)  emer  Milgsiedfchaft  vor,
26  Wochen  12  Mark  pro  Woche  und  für  jedes  Kind  1  Mark,  jedoch  darf  die  Unlerslützuntz
  15  Mark  nicht  übersteigen.  Hierzu  zahlt  die  Lnkalkasse  folgende  Zuschläge.
Nach  einer  Mitgliedschaft  von  36  Wochen  .  .  .  3  Mark  pro  Woche
.  52  .  4  .
..  156  .  .  .  -  5  .  ..
„  .  „  260  6  „
Für  den  Lokalzufchlag  kommen  nur  die  tn  Berlin  oder  in  xiner  Zahlstelle  nnt  gleichen
Beiträgen  gezahlten  Marken  in  Betracht.
Den  Streikenden  wird  empfohlen,  sich  vor  Schlich  der  ersten  Streikwoche  u,
der  Krankenkasse  als  Sclbstzohler  zu  melden,  dainit  ihnen  die  Ansprüche  a»  dir
Kasse  nicht  verloren  gehen-Dir
  Ortsvrrwaitung

151  und  152.  Anweisungen  des  Äolzarbeiterverbandes
  für  die  Vertrauensleute ­
  streikender  Werkstätten
        <pb n="316" />
        320

Fortschritte  waren,  so  waren  es  doch  immerhin
Maßnahmen  zur  Erhöhung  der  Verantwortung
der  Unternehmer  und  der  Öffentlichkeit  für  die
Verhältnisse  der  Konfektionsarbeiter,  und  dazu
beigetragen,  den  unmittelbaren  Anstoß  dazu
gegeben  zu  haben,  daß  diese  Maßnahmen  erfolgten, ­
  war  das  Verdienst  des  so  sorgfältig
eingeleiteten  und  so  umsichtig  geführten  großen
Konfektionsarbeiterstreiks  von  1896.  And  nur
dem  Erstarken  des  Schneiderverbandes  in  Berlin,
dessen  Mitgliederzahl,  nachdem  sie  um  die  Jahrhundertwende ­
  das  zweite  Tausend  erreicht  hatte,
bis  auf  über  6000  im  Geschäftsjahr  1905/06
stieg,  ist  es  zuzuschreiben,  daß  dieser  —  zum  Teil  durch  geschicktes  Ausspielen ­
  der  öffentlichen  Meinung  der  auf  allen  Gebieten  stärker  organisierten
Arbeiterschaft  —  seit  der  Jahrhundertwende  doch  dahin  gelangt  ist,  eine
ganze  Reihe  von  Tarifverträgen  auch  mit  Konfektionsgeschäften  abzuschließen
und  eine  ganze  Anzahl  von  Konfektionsfirmen  zur  Einrichtung  von  Betriebs-Werkstätten
  zu  bewegen.
*
2.  Allgemeines.
Diesem  Kampf  der  Arbeiter  einer  Industrie,  itt  der  die  Schwitzarbeit
überwiegt,  war  ziemlich  fünf  Jahre  vorher  ein  großer  Kampf  in  einem  der
privilegierten  Gewerbe  vorausgegangen,  der  zunächst  mit  einem  Mißerfolg
für  die  Arbeiter  endete:  Der  Streik  der  Buchdrucker  von  1891  für
den  Neunstundentag  und  Erhöhung  ihrer  Lohntarife.  Auch  er
hatte  nationalen  Amfang,  auch  er  aber  ward  in  Berlin  mit  ganz  besonderer
Wucht  und  Energie  geführt  und  zog  hier  mehr  Angehörige  des  Berufs
in  Mitleidenschaft  als  an  irgendeinem  andern  Platz  Deutschlands.  Trotz
des  Aufwandes  großer  Mittel  mußte  er  nach  zehnwöchiger  Dauer  resultatlos ­
  aufgegeben  werden.  Da  der  Buchdruckerverband  die  älteste  und  als
Vorbild  betrachtete  Gewerkschaft  Deutschlands  war,  machte  der  Fehlschlag
seines  Ansturmes  damals  einen  tiefen  Eindruck.  Im  Anschluß  an  ihn  geschah
es,  daß  August  Bebel  im  Januar  1892  in  einer  Riescnversammlung  in
Berlin  den  im  vierten  Kapitel  erwähnten  Vortrag  über  die  Lehren  der
Gewerkschaftskämpfe  hielt,  der  in  so  pessimistischen  Schlüssen  hinsichtlich  der
Gewerkschaften  auslief.  In  der  Folge  erst  zeigte  sich,  daß  ein  dem  äußeren
Schein  nach  abgeschlagener  Ansturm  der  faktischen  Wirkung  nach  oft  durchaus ­
  kein  vergeblich  unternommener  Versuch  ist,  sondern  in  seiner  Nachwirkung ­
  doch  zu  positiven  Erfolgen  führen  kann.  Das  Jahr  1896  brachte
den  Vertrag  im  Buchdruckgcwerbe,  der  mit  der  Verkürzung  der  Arbeitszeit
auf  9Vs  Stunden  und  einer  Tariferhöhung  jene  Tarifgemeinschaft  einführte,
die  sich  der  Organisation  der  Gehilfen,  der  Rechtsstellung  der  Buchdrucker
in  ihrem  Gewerbe  überaus  vorteilhaft  erwiesen  hat  und  alles  in  allem  auch
eine  Landhabe  ist,  die  Löhne  auf  jene  Löhe  zu  bringen  und  zu  erhalten,
die  in  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  überhaupt  zu  erreichen  ist.  Mit
der  zweiten  Lälfte  der  neunziger  Jahre  beginnt  der  große  Aufstieg  der
Gewerkschaften  Berlins.  Die  Organisationen  festigen  sich  mehr  und  mehr,

153.  Kontrollmarke
        <pb n="317" />
        An
alle  Arbeiter-Organisationen  Deutschlands.

Werthe  Geussserr!

Im  Nachstehenden  geben  wir  Euch  einen  kurzen  Bericht  über  den  Stand  unserer  Sache.
Zur  Zeit  der  Einführung  der  Kontroll-Marke  (im  Frühjahr  1690)  bildete  sich  bekanntlich  ein  Fabrikantcn-Rkng.
  dessen  Mitgliedern  die  Verpflichtung  auferlegt  war,  daß,  wer  die  Kontrollmarke  annimmt,  an  den  —  Ring  —
10000  Mark  Strafe  bezahlen  müsse.
Dieser  Ring  ist  durch  Eure  Unterstützung  gesprengt,  die  Strafe  hat  allerding-,  soweit  uns  bekannt  ist,  nicht
ein  «einziger  bezahlt.  Zur  Zeit  haben  10  Fabrikanten  die  Forderungen  bewilligt,  und  erhalten  infolgedessen  die
Marken;  sechs  anderen  mußten  dieselben  wieder  entzogen  werden,  weil  sie  ihr  theilweise  schriftlich  gegebenes  Ehrenwort
gebrochen  hatten.  Wenn  Ihr  uns  nun  Eure  Unterstützung  in  der  gleichen  Weise  zu  Theil  werden  läßt,  wie  bisher,  so
wird  der  Erfolg  sehr  nbald  ein  och  größerer  sein.
Einmal  in  einer  Branche  durchgeführt,  wird  das  System  (nur  Waare  zu  konsumiren.  welche  in  geeigneter
Weise  gekennzeichnet  ist),  sich  leicht  auch  in  anderen  Branchen  einführen  lassen,  namentlich  dort,  wo  die  Fabrikanten
darauf  ausgehen,  die  Koalitionsfreiheit  der  Arbeiter  zu  vernichten.  Mittelst  Streik  ist  gegen  die  (allen  möglichen  behördlichen ­
  Schutz  genießenden  Fabrikanten-Vereinigungen)  in  nur  wenig  Fällen  Erfolg  zu  erringen,  da  die  technischen  Errungenschaften
  ihnen  die  Verwendung  jeder  exbeliebigen  Arbeitskraft  gestatten.  Greift  man  sie  aber  auf  ihren  Absatzgebieten ­
  an,  so  hat  man  die  verwundbarste  Stelle  getroffen,  und  das  geschieht,  indem  der  aufgeklärte  Arbeiter  nur
Waare  konsumirt.  welcht  in  geeigneter  Weise  gekennzeichnet  ist.  wie  es  durch  die  Arbeiter-Kontrollmarke  geschieht.  Das
wissem  die  Herren  auch,  Mnb  ihre  Presse  hat  schon  sehr  oft  darüber  gelcitartikelt.  So  schreibt  die  „Volkswirthschaftliche
  Korrespondenz"  :
„Wir  geben  uns  der  Hoffnung  hin,  daß,  wollen  die  Arbeitgeber  Herr  im  eigenen  Hause  bleiben,  sie  einmüthig
  Front  machen  müssen  gegen  dieses  Kontrollmarkensystem!"  Und  der  „Arbeitgeber"  schreibt  am  Schlüsse  eines
(das  halbe  Blatt  füllenden  Leitartikels):  „Arbeitgeber,  kaust  nicht  dort,  wo  es  Waare  mit  Kontrollmarken  giebt!"
Jeder  aufgeklärte  Arbeiter  wird  nun  wohl  wissen,  was  er  thun  muß.
Um  gegen  die  Kontrollmarke  anzukämpfen,  preisen  viele  DetailgeschäftSiuhgber  ihre  Waare  zu  den  billigsten
Preisen  an.  In  unsrer  Branche  sogenannte  2,50  und  3  Mark-Bazars.  Ein  jeder  Käufer  mag  bedenken,  daß  an  dieser
Schundwaare  der  Schweiß  und  die  Lebenskraft,  unglücklicher,  maßlos  ausgebeuteter  Menschen  hängt;  daß  die
eigentlichen.  Erzeuger  dieser  Waare  bei  harter  Arbeit  sich  nicht  einmal  satt  essen  können  Ist  es  nicht  eine  Schmach,
wenn  Arbeiterinnen  bei  elf-  und  zwölfstündiger  Arbeitszeit  4,50  bis  7  M,  Wochenlohn  und  männliche  Arbeiter
6  bis  12  M.  Wochenlohn  erhalten?  Mit  dem  Erzeugnisse  der  halbverhungerten  Weber  im  Eulengebirge  deckt  vielleicht
dieser  oder  jener  großstädtische  Arbeiter  (angelockt  durch  den  billigen  Preis)  seine  Blöße.  Die  Fetzen  müßten  ihm  auf  L«ib
und  Seele  brennen,  wenn  er  an  das  furchtbare  Elend  denkt,  in  welchem  sich  die  Verfertiger  dieser  Waare  ausnahmslos
befinden.  Er  tragt  mittelbar  mit  Schuld  daran,  weil  er  solchen  Schund  konsumirt.
Wie  schon  oben  gesagt,  kennen  die  Unternehmer  den  hohen  Werth  der  Arbeiter-Kontrollmarke  als  Kampfmittel,
ihre  größte  Hoffnung  und  Stütze  ist  die  Kurzsichtigkeit  und  Dummheit  der  Masse.  Darum  bitten  wir  jeden  Genossen,  für  das
System  der  Arbeiter-Kontrollniarke  zu  agitiren,  wo  er  nur  kann;  denn  geholfen  kann  der  arbeitenden  Klasse  nur  dann,
werden,  wenn  sie  sich  selbst  hilft,  weil  freiwillig  für  die  Arbeiter  von  den  Unternehinrrn  nichts  gegeben  wird.
Indem  wir  noch  besonders  darauf  aufmerksam  machen,  daß  die  Marke  beim  Kausen  deS  Hutes  schon  fest  eingeklebt ­
  sein  muß,  —  jedes  Einkleben  beim  Kauf  ist  Betrug,  —  bitten  wir  die  Genossen  nochmals:

Kauft  keinen  Kut  ohne  ArSeiter-Ksutrollmarke!

Berlin  im  März  1891.

Die  Kommission.
3-  21.:  T.  föfTapt)  Berlin  NO.,  Georgenkirchplatz  8

Vcrantworlllch  für  Redaktion  und  Verlag  C.  Keuipe,  Lerltn.  Druck  von  Maurer,  Ärrner  L  Co.,  Berlin,  Elisabeth-Üier  vb.

154.  Flugblatt  über  die  Bedeutung  der  Kontrollmarke

Bernstein,  Berliner  Geschichte.^,  III.

21
        <pb n="318" />
        322

An  die  Delkgirtkn  des  DUteitagkS.
Werthe  Genossen!
Punkt  6  der  provisorischen  Tagesordnung  des.  Parteitages
äat  ein  Referat  des  Genossen  I.  Arier  vorgesehen  „Ueber
Genossensä)aften,  Boykott  und  Kontrollmarken.
Die  Unterzeichneten  haben  nun  zum  Theil  das  System
der  Kontrollmarke  als  Kampfmittel  im  gewerkschaftlichen  Kampfe
in  Anwendung  gebracht,  zum  Theil  beabsichtigen  sie.  es  in
nächster  Zeit  zu  thun.
Wir  halten  uns  daher  für  verpflichtet,  den  Delegirlen  zum
Parteitag  einiges  Material  zur  besseren  und  leichteren  Jnformation
  zu  unterbreiten.
Im  Lause  dieses  Jahres  erschienen  in  dem  wissenschaftlichen ­
  Organ  unserer  Partei  „Die  Neue  Zeit"  eine  Reihe  von
Artikeln  wider  und  für  die  Kontrollmarke.  Wir  bringen  diese
Artikel  des  Gegners  sowohl  als  auch  der  Anhänger,  damit  sich
die  Genossen  an  der  Hand  des  Vergleiches  ein  umfassendes
-Urtheil  bilden  können.
Die  Gewerkschaft  der  Hutmacher  war  die  erste,  welche  die
Kontrollmarke  anwendeten,  wir  bringen  daher  eines  ihrer  Flugblätter ­
  in  Vordruck.
Wir  lassen  den  drei  Artikeln  auö  der  „Neuen  Zeit"  einen,
kurzen  Auszug  über  die  „Bedingungen  beim  Boykotten",  erschienen ­
  in  der  New-Aorker  Zeitung.  Typographical-Umon
Nr.  6.*)  außerdem  die  gegen  eine  Stimme  angenommene  .Resolution ­
  des  Halberstädter  Gewerkscvafts-Kongreises  folgen.

*)  Siche  S  v.  Wultershaulen.  Die  Nordamerika,,.  Gewerkschaften.
S.  255.

die  innere  Gliederung  nach
Werkstätten,  das  System
der  Werkstättenkontrolle  und
der  Vertrauensmänner  in
den  Werkstätten  wird  systematischer ­
  ausgearbeitet,  und
das  kommt  auch  in  der
systematischen  Führung  der
Streiks  in  die  Erscheinung,
bewährt  hier  seine  großen
Vorteile.  Im  September
1897  stellen  Former  und
Berufsgenossen  in  den
großen  Maschinenfabriken
Berlins  die  Arbeit  ein  und
nötigen  den  Fabrikantenbund, ­
  der  bis  dahin  keine
Arbeiterorganisation  anerkennen ­
  wollte,  zum  ersten
Male  vor  dem  Berliner
Einigungsamt  in  der  Gestalt ­
  seiner  Führer  den
Leitern  der  Gewerkschaft
der  Arbeiter  Auge  in  Auge
gegenüberzutreten.  Denn
Andauern  des  Stteiks  der
Former  hätte  Stillsetzung  der  Fabriken  mit  Brotlosmachung  von  27000
Arbeitern  geheißen,  und  diese  Möglichkeit  hatte  die  Presse  veranlaßt,  sich
mit  dem  Konflikt  eingehender  zu  beschäftigen.
Bedeutungsvolle  Erfolge  wurden  in  den  Jahren  1898  und  1899
namentlich  in  den  Baugewerben  Berlins  erzielt,  sowohl  was  die  Arbeitszeit ­
  als  was  die  Lohnsätze  anbetrifft.  Damals  war  bei  den  Maurern  der
Lohnsatz  meist  55  Pfennig  die  Stunde  und  die  Arbeitszeit  9^2  Stunden  ini
Tag.  Ende  des  Jahrhunderts  beträgt  er  65  Pfennig  die  Stunde  und  die
Arbeitszeit  ist  9  Stunden  im  Tag.  In  den  Berichten  über  den  Verlauf  der
Kämpfe  findet  man  eine  fortlaufende  Statistik  der  Verhältnisse  auf  den  einzelnen
Bauten,  die  erkennen  läßt,  wie  sehr  die  Organisation  in  jedem  Moment  über
die  Sachlage  auf  dem  laufenden  war  und  die  wirksamsten  Maßnahmen
treffen  konnte.  Das  gleiche  Bild  zeigen  die  Berichte  über  die  Kämpfe
anderer  Gewerbe,  und  ein  wahrhaft  klassisches  Bild  der  Werkstättenkontrolle
findet  man  in  dem  Bericht  der  Berliner  Verwaltung  des  Verbandes  der
Lolzarbeiter  von  1904  über  ihre  Kämpfe  in  der  Möbelindustrie,  Kämpfe,
die  im  Verein  mit  solchen  der  Klavicrarbeiter  und  noch  einiger  anderer
Branchen  der  Holzindustrie,  die  Ausgabe  des  Verbandes  für  Streiks  und
Aussperrungen  in  Berlin  in  jenem  Jahr  auf  über  eine  Million  Mark
bringen.
Das  Jahr  1905  endlich  sieht  in  Berlin,  nachdem  1903  und  1904  schon
große  Kämpfe  in  der  Messingindustrie  gespielt  hatten,  den  großen  Kampf  in
der  Elektrizitätsindustrie,  der  zur  Aussperrung  von  40000  Arbeitern  —

155.  Bericht  an  den  Parteitag  von  1892
über  den  Wert  der  Kontrollmarke
        <pb n="319" />
        323

die  größte  Zahl  von  Ausständigen,  die  Berlin  bis  dahin  gesehen  —  führt,
die  Aussperrung  weiterer  20-  bis  30  000  Arbeiter  androht  und  Berlin  einen
Augenblick  in  Gefahr  bringt,  seine  Versorgung  mit  Elektrizität  für  Licht  und
Triebkraft  unterbrochen  zu  sehen.  Linker  mehr  als  einem  Gesichtspunkt  wäre
dieser  Kampf,  der  wiederum  die  Öffentlichkeit  in  hohem  Grade  beschäftigte,
der  genauen  Beschreibung  wert.  Den  Arbeitern  zeigt  er  die  Verantwortung,
die  bei  der  gegenwärtigen  Organisation  der  Industrie  und  des  Unternehmertums
  jeder  einzelne  Bruchteil  der  Beschäftigten  großer  Unternehmungen  und
der  Mitglieder  der  Organisationen  gegenüber  der  Gesamtheit  seiner  Kollegen
im  Tun  und  Lassen  auf  sich  nimmt,  und  daß  mehr  als  je  Anterordnung  aller
Sonderinteressen  unter  das  Interesse  der  Allgemeinheit  das  Losungswort
ihrer  gewerblichen  Kämpfe  ist.  Das  Äußerste  war  zu  gewärtigen,  hätte
nicht  die  Leitung  der  Kämpfenden  im  kritischen  Moment  mit  kluger  Aussicht
die  Anternehmer  gezwungen,  sich  auf  Vergleichsverhandlungen  einzulassen.
So  konnten  immerhin  einige  Zugeständnisse  für  die  Arbeiter  erwirkt  werden.
Wäre  es  bloß  auf  die  rein  ökonomischen  Machtmittel  angekommen,  so
hätten  die  Anternehmer  hier  wahrscheinlich  selbst  die  wenigen  Zugeständnisse
nicht  zu  machen  brauchen,  die  sie  tatsächlich  gemacht  haben.  Wenn  sie  sich
trotzdem  zu  ihnen  entschlossen,  wenn  sie  außerdem  die  Arbeiterorganisationen,
über  die  sie  sich  zuerst  hinwegsetzten,  im  Fortgang  des  Kampfes  mehr  als  bei
früheren  Kämpfen  als  Sachwalter  der  Arbeiterinteressen  anerkannten,  so
war  das  dem  gestiegenen  sozialen  Einfluß  der  Arbeiterklasse  zuzuschreiben.
Es  ist  bemerkenswert,  daß  bei  den  Verhandlungen,  die  in  dieser  Sache  am
l.  und  2.  Oktober  1905  vor  dem  Vorsitzenden  des  Gewerbegerichts  stattfanden,
weit  weniger  die  Mitglieder  der  Arbeiterausschüsse,  mit  denen  allein  die
Anternehmer  ursprünglich  hatten  verhandeln  wollen,  als  die  Vertreter  der
drei  hauptsächlich  beteiligten  Arbeiterorganisationen  —  Ad.  Cohen  vom
Metallarbeiterverband,  C.Bruns  vom  Verband  derFabrik-,  Land-  und  Lilfsarbeiter
  und  O.  Schumann  vom  Verband  der  Handels-  und  Transportarbeiter ­
  —  für  die  Arbeiter  das  Wort  führten.  Das  Streikkomitee  hatte  sie  und
drei  Vertreter  der  Streikenden  zur  Verhandlung  delegiert,  und  die  Meinung  der
Anternehmer  war  gewesen,  daß  sie  nur  Auskunft  erteilend  mitwirken  sollten.
Aber  ihre  Stellung  in  der  Arbeiterschaft,  ihre  größere  Kenntnis  der  Dinge
und  Abung  im  Verhandeln  erzwangen  ihnen  geradezu  die  Anerkennung  als
die  berufenen  Sachwalter  der  Arbeiter.  Bei  den  Schlußverhandlungen
waren  es  wieder  nur  Gewerkschaftsbeamte,  die  vor  den  Anternehmern
die  Sache  der  Arbeiter  führten.  Nicht  formell  im  Namen  der  Gewerkschaft,
aber  den  Anternehmern  als  Bezirksleiter  dieser  bekannt  und  faktisch  als  solche
von  ihnen  gewertet.  Es  fehlte  nur  noch  wenig,  daß  der  Vertrag  von
Organisation  zu  Organisation  geschlossen  worden  wäre.  Die  machtvollste
Verbindung  der  Industriekapitalisten  war  den  Verbindungen  der  Arbeiter
ein  großes  Stück  weiter  entgegengekommen,  als  je  vorher,  und  das  war  ein
größerer  Erfolg,  als  es  die  Bewilligung  etwas  höherer  Löhne  gewesen  wäre.
So  besiegelte  auch  der  Ausgang  dieses  Kampfes,  der  den  Gewerkschaften ­
  unter  ungünstigen  Verhältnissen  aufgezwungen  worden  war,  ihren
sicheren  Aufstieg  zur  Verwirklichung  der  Demokratie  im  Gewerbe.

2t*
        <pb n="320" />
        Elftes  Kapitel.
Der  große  Bierboykolt  von  1894.

Braugewerbe  Berlins  hatte  sich  unter  dem  Einfluß  des  Wachs-S3
  7  tums  der  Hauptstadt,  der  zunehmenden  Ausdehnung  des  Konsums
untergäriger  Biere  und  der  abwechselnd  als  Arsache  und  Wirkung
damit  in  Zusammenhang  stehenden  Steigerung  des  kapitalistischen  Betriebs
der  Brauerei  ganz  außerordentlich  entwickelt.  Gegen  das  Jahrfünft  von
1874/78  war  im  Jahrfünft  von  1889/93  die  Produktion  von  obergärigem
Bier  —  hauptsächlich  Weißbier  —  in  Berlin  um  die  Hälfte,  die  von
untergärigem  Bier  aber  auf  das  Doppelte  —  von  1  016  000  auf  2  110  000
Hektoliter  —  im  Jahr  gestiegen.  Aus  verhältnismäßig  kleinen  Brauereien
waren  kapitalistische  Unternehmungen  ersten  Ranges  geworden,  die  ihren
Absatz  weit  in  die  Provinz  hinein  ausdehnten,  über  große  eigene  Ausschanklokale ­
  und  durch  Pachtverträge  aller  Art  noch  über  einen  Heerbann
von  unzähligen  größeren  und  kleineren  Gastwirtschaften  verfügten.  An
erster  Stelle  dieser  modernen  Brauereien  Berlins  marschierte  die  Schultheiß-Brauerei,
  deren  Leiter,  der  damals  wild-liberale  Abgeordnete  Richard
Roesicke,  großes  geschäftliches  Geschick  mit  sozialpolitischen  Neigungen  verband ­
  und  an  der  Spitze  eines  1890  gegründeten  „Vereins  der  Brauereien
Berlins  und  der  Amgegend"  stand,  dem  33  Brauereien  angehörten.  Eine
zweite  zu  großer  Bedeutung  emporgekommene  Brauerei,  die  Brauerei
Patzenhofer,  hatte  gleichfalls  einen  freisinnigen  Politiker  zum  Direktor,
den  Dr.  Karl  Goldschmidt,  der  vorübergehend  dem  Reichstag  angehört
hatte  und  in  der  hier  zu  behandelnden  Zeit  Mitglied  des  Abgeordnetenhauses ­
  war.
Die  kapitalistische  Entwicklung  hatte  selbstverständlich  die  Technik  des
Vrauereibetriebs  nicht  unberührt  gelassen.  Bedeutende  Amwälzungen
hatten  sich  vollzogen,  und  sie  hatten  für  die  beschäftigten  Arbeiter  eine
Abnahme  der  regelrecht  angelernten  Brauereigesellen  im  Verhältnis  zu  den
Hilfs-  und  Nebcnarbeitern  zur  Folge  gehabt.  Doch  war,  da  die  Brauereien
von  Jahr  zu  Jahr  ihren  Betrieb  vergrößerten,  trotzdem  auch  die  Zahl  der
ersteren  gestiegen,  nur  war  sie  von  der  Zahl  der  Hilfsarbeiter  sehr  stark
überflügelt  worden.  1894  standen  in  Berlin  rund  1200  Brauergesellen
über  3000  Brauereihilfsarbeitern  aller  Art  gegenüber.  Die  Lohnverhältnisse
hatten  hier  gleichfalls  unter  der  kapitalistischen  Entwicklung  keine  Verschlechterung ­
  erfahren.  Die  Brauergesellen  hatten,  dank  der  steigenden  Nach ­
        <pb n="321" />
        325

frage,  die  Brauereihilfsarbeiter  aber,  die  mit  der  allgemeinen  Arbeiterbewegung
weit  stärkere  Fühlung  hatten,  als  die  noch  stark  zünstlerisch  denkenden
Gesellen,  den  Brauereien  schon  dadurch  allerhand  Zugeständnisse  abringen
können,  daß  diese  sich  nicht  gern  mit  der  Arbeiterschaft  überwerfen  mochten,
deren  Bedeutung  für  den  Konsum  des  in  Berlin  gebrauten  Bieres  ihnen
ganz  besonders  beim  großen  Saalboykott  des  Jahres  1889  sehr  eingehend
zum  Bewußtsein  gebracht  worden  war.  Aus  diese  Tatsache  gestützt,  hatten  die
Brauereiarbeiter  seit  jenen  Jahren  wiederholt  bei  Streitigkeiten  mit  Brauereien
den  Boykott  ins  Spiel  gebracht  und  meistens  auch  mit  ihm  oder  vielmehr
schon  mit  der  bloßen  Drohung,  ihn  ins  Spiel  zu  bringen,  Erfolge  erzielt.
Die  Brauereien,  denen  das  immer  lästiger  wurde,  riefen  zur  Abwehr  neben
dem  schon  genannten  Verein  noch  einen  „Schutzverband  gegen  Boykottschäden" ­
  ins  Leben,  was  aber  auf  die  Arbeiter  vorderhand  noch  keinen
tieferen  Eindruck  machte.  Ein  felsenfester  Glaube  an  die  Allmacht  des
Boykotts  im  Braugewerbe  hatte  sich  der  Köpfe  bemächtigt  und  wurde  noch
durch  die  Kenntnis  des  Umstandes  gestärkt,  daß  die  scharfe  Konkurrenz,  die
sich  die  Brauereien  untereinander  machten,  zu  Gegenströmungen  gegen  die
großen  unter  ihnen  geführt  hatte,  so  daß  eine  ganze  Anzahl  von  mittleren  und
kleineren  Brauereien  dem  Verein  oder  „Ring",  wie  man  ihn  gern  nannte,
ferngeblieben  waren.  An  der  Spitze  dieser  Gegenbewegung  stand  die
Brauerei  „Münchener  Brauhaus",  deren  Direktor  Arendt  in  dem  zu
beschreibenden  Kampf  eine  größere  Rolle  spielen  sollte.
Den  Anstoß  zu  diesem  Kampf  gab  ein  Konflikt  wegen  der  Maifeier
des  Jahres  1894.  Etwa  300  Böttcher,  die  am  1.  Mai  feierten,  wurden
von  den  Ringbrauereien  auf  einige  Tage  ausgesperrt,  worauf  am  3.  Mai,
vormittags,  in  einer  großen  Böttcherversammlung  beschlossen  wurde,  in  den
Generalstreik  einzutreten  und  die  Wiederaufnahme  der  Arbeit  von  der  Verkürzung ­
  der  Arbeitszeit  auf  9  Stunden,  derFreigabe  des  l.Mai  alsFeiertag,  der
Verpflichtung  zur  ausschließlichen  Entnahme  von  Arbeitern  aus  dem  Arbeitsnachweis ­
  der  Gewerkschaft  und  der  Bewilligung  von  Lohnerhöhungen
abhängig  zu  machen,  die  flch  zwischen  10  und  15  Proz.  bewegten.  Eine
große,  aus  Sonntag,  den  6.  Mai  veranstaltete  Versammlung  der  Brauereihilfsarbeiter ­
  erklärte  sich  einstimmig  mit  dem  Vorgehen  der  Böttcher  einverstanden, ­
  machte  es  allen  Hilfsarbeitern  zur  Pflicht,  jede  Böttcherarbeit
zurückzuweisen,  und  verpflichtete  sich  ferner,  die  Böttcher  in  ihrem  Kampf
pekuniär  zu  unterstützen.  Auch  ward  beschlossen,  an  die  Brauereidirektionen
behufs  Bescheid  auf  im  April  gestellte  und  unbeantwortet  gebliebene  Lohnforderungen ­
  heranzutreten.
Wie  in  dieser  Versammlung  der  Referent  Winter  bekanntgab,  hatte
schon  am  gleichen  Tage  vormittags  eine  in  Rixdorf  vom  dortigen
Gewerkschaftskartell  einberufene  Volksversammlung  beschlossen,  wegen  der
Maßregelung  der  Böttcher  über  die  dem  Brauerring  zugehörende  Rixdorfer
  Vereinsbrauerei  den  Boykott  zu  verhängen.
•Unter  den  erfahrenen  Vertretern  der  Arbeiterbewegung  Berlins  sagte
man  sich  sofort,  als  der  Beschluß  bekannt  wurde,  daß  er  mindestens  eine
große  Voreiligkeit  war  und  für  die  Allgemeinheit  Folgen  nachziehen
könne,  über  welche  diejenigen,  die  ihn  gefaßt,  schwerlich  sich  Rechenschaft
abgelegt  hatten.  Die  Redaktion  des  „Vorwärts"  nahm  aus  diesem  Grunde
Anstand,  den  Bericht  über  die  Versammlung  in  derjenigen  Form  zu
        <pb n="322" />
        326

veröffentlichen,  in  der  er  ihr  zuerst  zuging,  sondern  brachte  erst  am
10.  Mai  einen  Bericht,  der  mit  Bezug  auf  den  Boykott  jede  direkte  Aufforderung ­
  vermied.  Nein  referierend  heißt  es  am  Schluß:  „Den  Parteigenossen ­
  wurde  es  zur  Pflicht  gemacht,  diesen  Beschluß  umgehend  ihren
befreundeten  Gastwirten  usw.  zu  übermitteln  und  in  den  weiteren  Kreisen
bekanntzugeben."  Aber  keine  Empfehlung,  dem  Beschluß  Folge  zu  geben,
schließt  sich  daran.
Inzwischen  hatten  jedoch  die  Ringbrauereien  am  8.  Mai  Rat
gehalten  und  einstimmig  beschlossen,  sich  mit  der  Vereinsbrauerei  Rixdorf
solidarisch  zu  erklären  und  für  den  Fall,  daß  bis  zum  15.  Mai  der  über
diese  verhängte  Boykott  nicht  zurückgenommen  sei,  ihre  Betriebe  einzuschränken, ­
  bis  zu  20  Proz.  ihrer  Arbeiter,  und  zwar  in  erster  Reihe  diejenigen ­
  zu  entlassen,  die  sich  an  den  Bestrebungen  beteiligt  hätten,  durch
Boykottierung  Zugeständnisse  zu  erzwingen,  und  ferner  den  bisher  unterhaltenen ­
  Arbeitsnachweis  für  Brauergesellen  aufzuheben.  Der  Beschluß
wurde  in  der  Presse  und  durch  Aushang  in  den  Werkstätten  der  Brauereien
bekanntgegeben  und  außerdem  der  Berliner  Gewerkschaftskommission  sowie
dem  Rixdorfer  Gewerkschaftskartell  direkt  zugestellt.
Das  Rixdorfer  Gewerkschaftskartell,  das  erst  seit  November  1893
bestand,  beantwortete  die  Drohnote  nach  dem  Grundsätze:  „Auf  einen
Schelmen  anderthalbe."  Der  Beschluß  vom  6.  Mai  werde  nicht  zurückgenommen ­
  werden,  bis  die  Forderungen  der  Böttcher  bewilligt  und  die
alten  Arbeiter  wieder  eingestellt  seien.  Gegenüber  der  Drohung  der
Brauereien  aber  habe  das  Kartell  zu  erklären,  daß,  wenn  die  Forderung
der  Böttcher  nicht  bis  zum  19.  Mai  bewilligt  und  dies  dem  Kartell  mitgeteilt ­
  sei,  weitere  Beschlüsse  gefaßt  und  unter  Umständen  bis  zum  1.  Mai  1895
ausgedehnt  werden  würden.  Jedenfalls  würden  die  Brauereien  dann  schon
durch  Ausbleiben  der  Konsumenten  gezwungen  werden,  ihren  Betrieb  einzuschränken. ­
  Das  Bier  aber  werde  man  von  den  Brauereien  beziehen,
welche  die  Forderungen  bewilligt  haben,  und  dort  würden  auch  die  entlassenen ­
  Arbeiter  Beschäftigung  finden.
Drastischer  konnte  der  Glaube  an  die  Allmacht  des  Boykotts  nicht  zum
Ausdruck  gebracht  werden,  als  in  dieser  Gegendrohung.  Freilich,  wenn
Rixdorf  nur  allein  in  Bewacht  kam,  dann  verkündete  sie  angesichts  der  Zusammensetzung ­
  seiner  Bevölkerung  nichts  Anmögliches.  Aber  schon  der  Amstand, ­
  daß  die  Brauereien  die  Mitteilung  auch  an  die  Berliner  Gewerkschastskommission
  geschickt  hatten,  hätte  den  Verfassern  sagen  müssen,  daß  es  sich
nicht  um  eine  örtliche  Angelegenheit  Rixdorfs  mehr  handelte.  Viel  umsichtiger ­
  verfuhr  der  geschäftsführende  Ausschuß  der  Berliner  Gewerkschastskommission.
  Er  antwortete  den  Brauereien  erst,  nachdem  er  sich  über  den
Inhalt  der  Antwort  mit  dem  Parteivorstand  und  den  leitenden  Vertretern
der  Partei  in  den  sechs  Wahlkreisen  Berlins  verständigt  hatte.  Denn
daß  die  Antwort  je  nachdem  Krieg,  und  zwar  ein  Krieg  hieß,  der  keine
Spielerei  war,  sondern  die  Tatkraft  und  Opferwilligkeit  der  gesamten
Arbeiterschaft  Berlins  in  Anspruch  nehmen  würde,  das  stand  für  jeden,  der
sich  die  großen  pekuniären  und  sonstigen  Machtmittel  der  vereinigten
Brauereien  vor  Augen  hielt,  von  vornherein  außer  Zweifel.
Es  kam  also  darauf  an,  die  Antwort  so  zu  fassen,  daß  sie,  ohne  den
Rixdorfern  zu  nahe  zu  treten,  doch  die  Verantwortung  für  deren  eigen-
        <pb n="323" />
        156  und  157.  Aufklärungsflugblatt  über  die  Gründe,  die  zum
Bierboykott  führten

A«  die  Kiüvchsek  oon  Min  ui  kt  Lmck!

Ein  kleiner  Ring  von  Kapitalisten,  die  vereinigten
Brauereien  von  Berlin  und  Umgegend,  hielt  es  für  angebracht, ­
  an  einem  recht  drastischen  Beispiel  zu  zeigen,  daß
der  Kapitalismus  sich  alles  erlauben  darf,  was  Unternehmer-Hochmuth
  und  Herrschsucht  eingiebt.
Weil  eine  Gruppe  von  Arbeitern,  die  Böttcher,  sich  erlaubt
hatten,  an  die  Brauerkönige  das  Ersuchen  zu  stellen,  den  l.Mai
als  Feiertag  frei  zu  geben,  und  weil  die  Böttcher,  als  dieses
Ersuchen  theils  abgelehnt,  theils  gar  nicht  beantwortet  wurde,
sich  die  Freiheit  nahmen,  am  1.  Mai  die  Arbeit  ohne  spezielle
Erlaubniß  rulflm  zu  lassen,  bestraften  die  Herren  vom  Brauerring
  diese  „Frechheit"  der  Arbeiter,  nur  einen  einzigen  Tag
im  Jahre  aus  freiem  Entschlüsse  die  Arbeit  ruhen  zu  lassen,
mit  der  „milden  Sühne",  daß  sie  die  Böttcher  bis  zum  7.  Mai,
also  weitere  6  Tage  von  der  Arbeit  überhaupt  ausschlossen.
Tie  Arbeitöruhe  am  1,  Mai,  erklärte  der  Ring,  könne
„in  Rücksicht  auf  die  Aufrcchthaltung  des  Betriebes  und
die  Bedienung  der  Kundschaft  namentlich  während  der
Tauer  der  Mälzungsperiode"
den  Arbeitern  nicht  bcioilligt  werden.  Also  nicht  etwa  die
Prositsucht  des  Unternehmerthums,  sondern  nur  die  Rücksicht
auf  die  „Bedienung  der  Kundschaft"  sollte  es  unmöglich  machen,
den  Böttchern  den  Tag  frei  zu  geben.
Als  diese  sich  aber  diese  Freiheit  nun  doch  nahmen,  da
sperrten  dieselben  Unternehmer,  die  erst  erklärten:  der  Betrieb
und  die  Kundschaft  gestatte  nicht  einen  Tag  auszusetzen,  die
Böttcher  eine  volle  Woche,  bis  zum  7.  Mai,  ans.
Die  Böttcher  beantworteten  diese  Maßregel,  indem  sie  nun
ihrerseits  die  Forderung  stellten:  i.  den  Minimal-Wochenlohn
von  27,50  Mk.  aus  30  Mk.  zu  erhöhen,  2.  die  tägliche  Arbeitszeit ­
  von  9'/„  ans  9  Stunden  zu  reduziren,  3.  den  l.  Mai  als
Arbeiterseiertag  zu  bewilligen.
So  stand  diese  Angelegenheit,  als  am  6.  Mai  in  einer
Volksversammhikug  in  Rixdorf  gcg-^n  Den  Widerspruch  der
Dort  anwesenden  Vertreter  der  Brauerei-  und  Böttcher-Srdciter
  der  Boykott  über  der  BcreioS-Brauerci  in
Rirdors  beschlossen  wurde.
Dieser  Beschluß  gab  nun  dem  Branerring  den  willkommenen ­
  Vorwand,  den  Streit,  der  bis  dahin  nur  auf
die  Böttcher  beschränkt  war,  einen  allgemeinen  Charakter  zu
geben  und  ihn  auf  die  gesannnten  Brauereiarbeitcr  auszudehnen. ­
  Zu  diesem  Behufe  faßte  der  Ring  den  Beschluß,
das;  wenn  b&amp;gt;s  zun,  15.  Mai  der  Rixdorfer  Boykott-Beschluß
nicht  zurückgenommen  werde,  sämmtliche  im  Ring  vereinigte
32  Brauereien  in  Berlin  und  Umgegend  „20  vCt.  ihrer
Arbeitnehmer  und  zwar  in  erster  Linie  Diejenigen,
welche  sich  bisher  an  den  Bestrebungen  hiesiger
Arbeiter,  durch  Boykottirung  einzelner  Brauereien
Zugeständnisse  in  Sachen  des  BvUcherstrerks  zu  erringen. ­
  betheiligt  haben",  entlassen  werden.
Dieser  Beschluß  wurde  auch  der  Berliner  Gewcrkschnsts-Kommiision
  offiziell  zugestellt.  Diese  hat  umgehend
in  folgender  Weise  geantwortet:
An  u.  s.  w.
Die  Berliner  Gewerkschafts-Kommission  sicht  dein  Beschlusse
der  Volksversammlung  vom  6.  Mai  in  Rirdors.  betreffend  den
Boykott  der  Verciusbraucrei,  vollständig  uubcthciligt
gegenüber.  Dieser  Beschluß  ist  ohne  unser  Zuthun  gefaßt
worden.  Wir  haben  bisher  weder  Anlaß  gehabt,  uns  zustimmend
zu  demselben  zu  äußern,  noai  sind  wir  in  der  Lage,  wie  es  in
der  Zuschritt  der  vereinigten  Brauereien  von  uns  verlangt  wird,
denselben  rückgängig  zu  machen.
Die  Berliner  Gewerkschaften,  welche  zu  vertreten  wir  die
Ehre  haben,  haben  bisher  weder  einen  solche»  oder  ähnlichen
Beschluß  gefaßt,  noch  ist  die  Absicht  laut  geworden,  unsererseits ­
  in  gleicher  Weife  vorzugehen.
Wir  haben  den  Ausschluß  der  Böttcher  seitens  einzelner
Brauereien  als  eine  interne  Angelegenheit  der  Betheiliglen
betrachtet  und  behandelt,  bei  der  allrrdlngs  unsere  Sympathien,
wie  wobt  die  Sympathien  der  gelammten  Arbeiterschaft,  aas
Seiten  der  gemaßregeltcn  Arbeiter  stehen.  Ein  Vorschlag  aber,
weiter  zu  gehen,  und  speziell  der,  einen  Boykott  gegen  eine
der  bcthciligtcn  Brauereien  zu  erkläre»,  ist  weder  von  uns
noch  von  irgend  einer  anderen  Organisation  der  Berliner  Arbeiterschaft ­
  bis  jetzt  in  Erwägung  gezogen  worden.
Indem  wir  unter  solchen  Umständen  das  Verlangen  der  vereinigten ­
  Brauereien,  den  Rixdorfer  Boykottbeschluß  rückgängig
u  machen,  ablehnen  müssen,  da  uns  zu  einem  solchen  Vorgeyen
oivohl  die  Legitimation  wie  auch  die  Möglichteik  des  Erfolges

fehlt,  wollen  wir  nicht  verhehlen,  unserem  Bedauern  darüber
Ausdruck  zu  geben,  daß  seitens  der  vereinigten  Brauerei-Unternehmer, ­
  ohne  sich  vorher  die  Mühe  zu  mache»,  sich  genügend ­
  zu  informircn,  ganz  nubcthcrligte  Arbeiter  gcmäffregclt
  worden  sind  und  noch  weitere  Kreise  derselben
mit  Maßregelung  bedroht  werden.
Indem  wir  uns  der  Hoffnung  hingeben,  daß  nach  vorstehender ­
  Klarstellung  unsererseits  die  vereinigten  Brauereien  von  ihrer
Absicht,  die  Zahl  der  Gemaßregeltcn  zu  vermehren,  abstehen
werden,  fügen  wir  noch  den  Wunsch  bei,  daß  auch  die  Differenz
mit  den  Böttchern  recht  bald  zu  beiderseitiger  Befriedigung
beigelegt  werden  möge.  '  .
Sollte  aber  wider  Erwarten  und  gegen  unseren  Willen
seitens  der  vereinigten  Brauereien  der  in  der  Zuschrift  vom
8.  Mai  angedrohte  Angriff  auf  die  gesammte  Arbeiterschaft
Berlins  iuszenirt  werden,  so  sehen  wir  dieser  Eventualität  mit
voller  Seelenruhe  und  in  dem  Bewußtsein  entgegen,  daß  einer
solchen  Provotalion  gegenüber  —  au  deren  Möglichkeit  wir  aber
nicht  glauben  wollen  —  die  Arbeiterschaft  Berlins  ihre  oft  bewährte ­
  Solidarität  auf's  Reue  und  in  glänzender  Weise  bethätigen
In  dem  B-wußsciu,  unsererseits  nichts  gethan  zu
haben,  einen  überflüssigen  und  in  seinen  Folgen  nuabschbarcn
  Streit  herauf  zn  beschwören,  zeichnet
Achtungsvoll
Der  geschäftssührende  Ausschuß
der  Berliner  Gewerkschafts-Kommission.
Der  Branerring  antwortete  ans  diese  gewiß  friedliche
Erklärung  damit,  daß  er  am  16.  Mai  die  angedrohte  Entlassung ­
  Der  Arbeiter  rücksichtslos  durchführte.  Vicrbiö
  fünfhundert  Arbeiter  wurden  ohne  jede  Schuld
plötzlich  ans,'er  Arbeit  und  Brod  gesetzt.
Bon  dieser  Maßregel  wurden  Arbeiter  betroffen,  welche
10  bis  15  Jahre  ihre  Stellen  bekleidet  haben,  die  ihre  besten
Jahre  und  ihre  Gesundheit  im  Dienste  der  Unternehmer  des
Brauerrings  geopfert  haben  und  denen  es  heute  doppelt
schwer,  wenn  nicht  ganz  unmöglich  wird,  in  einem  anderen
Berufe  Arbeit  und  daniit  Gelegenheit  zu  finden,  Brod  für
sich  ,iuU  ihre  Familien  zu  verdienen.
Reben  denjenigen  Arbeitern,  von  welchen  man  wußte,
daß  sie  ihrer  Berufs-Organisation,  angehörten,  wurden  mit
besonderer  Vorliebe  Familienväter  und  die  älteren
Arbeiter  entlassen.  Der  letzteren,  gleich  ausgepreßten
Zitronen  sich  zu  entledigen,  liegt  ja  im  Unter,tehmer-Interesse.
  Giebt  c8  doch  junge  Arbeiter  genug,  und  was
braucht  sich  die  Habsucht  der  Dividendcnschl  ucker  um  das
Schicksal  jener  Arbeiter  zit  kümmern,  deren  Glieder  in  langjähriger ­
  Mühe  und  Arbeit  steif  und  deren  Knochen  mürbe
geworden  sind!
Fünfhundert  Arbeiter  bläßlich,  ohne  Kündigung
entlassen.  Und  warum?
Keiner  dieser  Arbeiter  hat  am  I.  Mai  gefeiert,  keiner
derselben  sonst  irgend  eine  -Forderung  gestellt.  Biele  dieser
plötzlich  Entlassenen  haben  vielleicht  gar  keine  Kenntniß  davon
gehabt,  was  am  6.  Mai  in  Rixdorf  beschlossen  worden  ist,
sicher  halte  Keiner  von  ihnen  die  Möglichkeit,  beu  Beschluß
zu  verhindern  oder,  nachdem  er  gefaßt  war,  ihn  rückgängig
zu  machen.  Die  Behauptung  der  Leiter  des  Brauerrings,
daß.  „die  Führer  'dcS  Brauerci-HülfZarbcitcrvereins  in  der
Rixdorfer  Versammlung  eine  hervorragende  Rolle  gespielt
haben",  hat  sich  sofort  als  eine  aus  den  Fingern  gesogene
Lüge  erwiesen.-  Der  Vorsitzende  des  Vereins  der  Hülssarbciter
  hat  öffentlich  erklärt,  daß  in  der  betreffenden  Versammlung ­
  von  den  Vorstandsmitgliedern  und  Vertrauensleuten ­
  des  Vereins  nicht  rin  Einziger  in  Der  Versammlung ­
  anwesend  war.
Der  Branerring  hat  auf'  diese  moralische  Ohrfeige  geschwiegen. ­

In  dem  Vorgehen  der  Herren  vom  Branerring  liegt
also  eine  ganz  brutale,  dttrch  rein  gar  nichts  gerechtfertigte
Maßregelung  von  Hunderten  von  Familienvätern  und  Arbeitern.
  Nur  Willkür.  Herrschsucht  und  Protzentzochmuth
  hat  den  Ni»g  bei  seiner  Maßregel  geleitet.
Einer  solchen  frechen  Herausforderung  gegenüber  mußte
die  Arbeiterschaft  Berlins  "Stellung  nehmen  und  sie  that  cs
in  inlpojanter  Weise,  indem  sie  am  Freitag,  den  18.  Mal  in
neun  Volksversammlungen,  welche  alle  überfüllt  waren,  so
daß  der  Zugang  längst  vor  Beginn  der  Verhandlungen
        <pb n="324" />
        156  und  157.  Aufklärungsflugblatt  über  die  Gründe,  die  zum
Bierboykott  führten

polizeilich  tzisperrl  werden  Mllijte,  den  Boykott  imrlprllch  über
We  nnchst-d-nd-n  sieben  Brauereien:
1.  Schüühriß-Arimkm,  AKt.-Sef.,  gKÜn  (aaii  Siasii.)
-2.  grautrn  J.  |#|polM.
8,  ßöhisllch!«  fraiilioiis,  gnm-ftf.ii.  J&amp;amp;L,  }.$nUu^.
4  SküSrn  gsrl  «regst?,  gerlia  ©Mtr-grsaerti).
5.  fStains•franerei  gutes,
b.  Spsnluui«  KkrgHrMNki,  nsm.  6.  SSrtaM,  gJrPtiii)
bei  LhsrlsÜkiidmg.
7.  Adiit«-8rsiIIsih»sI  Sd]!og.Srnn«ti  Sipite&amp;amp;trj.
Arbeiter  und  Parteigenossen!
"  Nachdem  uns  der  Äamvf  einmal  aufgedrängt  ist.
Vollen  wie  Venselb  er,  führen  mit  voller  Kraft.  Der
Llnternehmerfrechhett  soll  ein  Denkzettel  ertheilt  weroen,  der
ihr  die  Lust  verleidet,  die  gesammle  Arbeiterschaft  in  so  -schamloser ­
  und  frivoler  Weise  ohne  jeden  Anlaß  zu  provociren.
Die  Arbeiterschaft  und  die  mit  uns  kympathiesirenden
Kreise  können  nicht  auf  allen  und  jeden  Biergenuß  verzichten,
sie  können  aber  auf  das  Bier  der  Herren  RäsiSe.
Havvoldt  und  einiger  ihrer  Zannögevostcu.  verzichten
Arbeiter,  Parteigenossen!  Bedenkt,  was  aus  dem  Spiele
steht.  Der  Brauerring  hat  den  5hamps  provozirt,  nicht  um
deS  Bottcherstreiks.  nicht  um  her  Feier  des  ersten  Mai  willens.
Dieser  Vorgang  mußte  nur  den  Vorwand  liefern  für  den
»enge  geplanten  Angriff  gegen  die  dem  Unlernchmerlhum
unbequeme  Organisation  der  gesammten  Brauern-Arbeiter.
Der  Brauerring  leugiiSl  zwar,  daß  der  Angriff  gegen
'dir  Arbeiter  von  langer  Hand  vorbereitet  war.  und  doch  ist
di-S  Thatsache.  Theilt  doch  selbst  daS  offizielle  Organ
deS  deal  sehe»  BrauerbundcS.  die  .Allgemeine  Brauerund
  Hopsen-Zeitung"  in  ihrer  letzten  Nummer  folgenden
charakteristischen  Vorgang  mit:
.Einer  der  (dem  Brcmespjng  angehörenden)  Direktoren
antwortete  den  Mitgliedern  der  Kommission,  die  wegen
ArbeitSentlassungeu  vorstellig  wurde,  mir  folgenden  Worten:
Meine  Herren,  uns  ist  eS  egal,  was  Sic  in  Folge  der
Maßregelungen  beginnen,  wir  sind  auf  einen  Kamps  mit
der  Arbeiterschaft  vorbereitet,  wir  lasten  es  vorauf
ankommen."
Dasselbe  Unternehmerorgan  konstakirt  auch,  daß  die
^einzelnen  Brauereien  bereits  vor  dem  lb.  Mai  eine  Anzahl
Gewerkschaftsmitglieder  entlasten  haben";  und  weiter  plaudert
eL  auch  dir  stille.Hoffnung  der  Herren  vom  Ring  auS,  indem
fcß  schreibt:  .Die  Mehrzahl  der  Arbeiter  ist  gar  nicht  geneigt,
den  Streik  gut  zu  heißen.  Dieö  beweist  die  Haltung  der
Gewerkschoftskommission."

Und  dieser  Unternehmerring,  besten  eigenes  Organ  schreibt,
das;  er  vorbereitet  sei,,  es  auf  den  Kampf  ankommen  zu
lasten,  hat  den  Muth,  in  seinen  an  dab  Publikum  gerichteten
„Erklärungen"  davon  hu  reden,  daß  er  seine  Maßnahmen
gegen  die  Arbeiter  »nur  ungern  und  tu  der  Nothwehr"  ergriffen
  habe.
Kann  man  sich  eine  schamlosere  Heuchelei  denken?
Der  Unternehmer.  Hochmuth  hat  20  pCt.  unschuldig,
!  Arbeiter  auf  dir  Straße  geworfen  und  broüloS  gemocht,
antworten  wir  darauf,  indem  wir  doZ  Bier  der  sieben  unter
Boykott  gestellten  Brauereien  meiden.
Wenn  es  gelingt  —-  und  e3  wird  gelingen,  wir  können
cs  ja  aushalten  —  auch  nur  einen  dieser  sieben  mürbe  zu
machen,  so  ist  der  Nirrg  gesprengt  and  ver  Sieg  anscr.
Arbeiter,  Parteigenossen!  Nicht  leichtfertig  ist  unserseits
der  Kampf  aufgenommen  worden;  unsere  Vertreter  suchten
denselben  zu  vermeiden,  indem  sie  dir  an  die  äußerste  Grenze
der  Nachgiebigkeit  gingen,  welche  die  Ehre  der  Arbeiter  «rlaubte.
Wir  konnten  nachgiebig  sein,  weil  wir  unS  stark  fühlten,
jetzt,  nachdem  man  uns  zum  Kampfe  zwang,  soll  unsere  Starke
dem  Gegner  fühlbar  werden.
Den  Unternehmerhochmulh  gelüstet  er  danach,  ein  Exempel
zu  statuiren.  Gut.  wir  sind  dabei,  da  e3  sein  muß.  Wir
wollen  den  Herren  ein  Tänzchen  asssvielen,  daß  sie
an  ihre  Beschlüsse  vom  8.  und  «5.  Mai  1894  zeit«
lebend  mit  Schauern  denke»  fallen.
Arbeiter,  Parteigenossen,  besonders  aber  auch  Ihr  Freuen
j  deS  Proletariats,  an  Euch  wenden  wir  un-  mit  der  Aufforderung,
  den  Kampf  gegen  den  Protzeuhochmukh  mit  aller
Energie  aufzunehmen.  Bedenkt,  daß  man  Hunderte  von
Familienväter,  Proletarier  wie  Ihr,  und  ArbeitSbrüder  in
frechem  Uebcrmulh  auf  die  Straße  geworfen  hat.  sie  mit  ihren
Familien  dem  Hunger  und  Elende  preisgiebt,  ohne  daß  diese
Ärmer,  auch  nur  durch  eine  einzige  Handlung  Anlaß  zu  einer
so  grausamen  Maßregel  gegeben  haben.
Arbeiter,  was  dieses  Mal  den  Branereiorbeiterv
geschah,  kann  das  nächste  Mal  gegen  Euch  iziszenirt
werden.  Gelänge  es  dieses  Mal  nicht,  den  frechen  Angriff
abzuschlagen,  so  lassen  sich  die  Folgen  nicht  absehen.  Deshalb ­
  alle  Mann  auf  die  Schanzen!  Kein  Opfer  wird
von  Erich  verlangt,  das  Ihr  nicht  leicht  zu  bringen  v-rmögr.
Wir  verlangen,  daß  die  schuldlos  am  Arbeit  und
Brod  gebrachten  Arbeiter  bedingungslos  wieder  iv
ihre  alten  Arbeitsstellen  ausgenommen  werden.  Um
diese  gewiß  gerechte  Forderung  zu  erzwingen,  erwarten  wir
von  Euch  nur.  daß  Ihr  bis  zu  deren  Erfüllung  daü  Bier
der  sieben  unter  Boykott  gestellten  Brauereien  meidet.
Arbeiter,  helft  Eueren  Brüdern,  indem  Ihr  die  Lokale
mit  bohkotlirlem  Vier  meidet.
Arbeltersravcn  bringt  kein  Flaschen-Bier  inil  Ha«-.
daS  aus  einer  boykottirten  Brauerei  stammt.
.Hoch  die  Solidarität  der  Arbeiter!
Nieder  mit  der  Willkür  des  BrauerringS!
Die  Boykott-Kommission.

3.  Alle  für  die  Boykott-Kommission  bestimmten  schriftlichen  Mittheilungen  sind  an:  I.  Auer,
L  richten.  —  Plakate  mit  der  Aufschrift:  Trinkt  kein  doykottirtcS  Bier!  sind  zu  beziehen
mmisüon:  H.  Gumpel.  Berlin  «0.,  Wein-Straße  31;  Paul  Hilpert,  Rixvorf,  kkarlsgarlen-S

.  PS-Straße
  9,  zu  ,  .
Boykott.Kommission:  v .  -  =-  ..  „  •  -  _  °  -
Berlin  SO.,  Wränget-Straße  124;  R.  Millarg,  Berlin  NW.,  Lehrter  Straße  22.
Diese  Plakate  werden  nur  abgeben  gegen  den  Nachweis,  daß  kein  Ringbier  ausgeschenkt  wird.  Dem  Brauerring  gehören  an:

Berlin  SW.,  Katzbech.
durch  die  Mitglieder  der
Straß,  l;  H.  Mattulai.

vorm.  Patzenhoser,  Berlin.

Mtien-Brauerei,
Aklten-Brauerci-Aktien-Brauerei-—.

Attien-Gesellschaft  Schloßbrauerei  Schöneberg,  Schöneberg.
&amp;amp;.  Bauer,  Werder  a.  H.
Bergschtob-Brauerei.  Aktien-Gesellschast,  Berlin.
Berliner  Bockbrauerei.Aktien-Gesellschaft,  Berlin.
Berliner  Kronen-Braucrei-Aktien-Gesellschaft,  Berlin.
Berliner  Unions-Brauerei.  Berlin.
Böhmisches  Brauhaus,  Komm.-Ges.  a.  Akt,  «.Knoblauch.  Berlin.
Brauerei  Oswald  Berliner,  Berlin.
Brauerei  Julius  Bötzow.  Berlin.
Brauerei  Borussia,  Att.-Gesellsch.,  Niederschönw-ide  b.  Johannisthal.
'Brauerei  Carlsberg.  Friedrich  Reichmkron.  Charlotleuburg.
Brauerei  Gambrinus.  Aktien-Gesellschast.  Charlottenburg.
Brauerei  Karl  Gregory  (Adler-Brauerei),  Berlin.
Brauerei  F.  Happoldt,  Berlin.

Brauerei  Königsladt.  Aklien-Gesellschasl.  Berlin.
Brauerei  Psesterberg.  vorm.  Schneider  &amp;amp;  Hillia.  Berlin.
Brauerei  A.  Werm.  Berlin.  ^
Bürgerliche  Brauerei.  Berlin.
Bürgerliches  Brauhaus.  Otto  Müller.  Berlin.
C.  Habei's  Brauerei.  Berlin.
"F.  W.  Hoffinann.  Werder  a.  H.
Gebrüder  Joiry,  Berlin.
Norddeutscve  Brauerei.  Aktien.Gesellschaft.  Berlin.
Rädeberger  Export-Bierbrauerei.  Pichelsdorf  bei  Svandau.
Schultheiß'  Brauerei,  Aktien  -  Gesellschaft.  Berlin  (und  Tivoli)
Spandauerberg-Branerci  vormals  C.  Bechmann.  W-llend  bei
Dereiadbranerei  Rixdorf.  sThartottenburg.
BersuchS  und  Lehrbrauerei.  Berlin.
Vicloria-Drauerei.  Akllen-Gescllscdaft,  Berlin.
Brauerei  Wilhelmshöde,  E.  Lehmann.  Berlin.
Germania-Brauerei,  David  &amp;amp;  Marlin,  Berlin.

«*fl U Äue"n  SSlfclÄ?nti* at,,n '  ** ttl  annonct  tm  «a«»,mUrr,ch,tp  erNLn.  da,

^verantwortlich  für  Redaktion  und  Verlag:  H.  Mattutat,  Berlin  80.,  Wrangek-Str.  124.  —  Druck  von  Max  Bading,  Berlin  SW.
        <pb n="325" />
        329

mächtiges  Vorgehen  von  der  Berliner  Kommission  abwies,  und,  ohne  den
Brauherren  schwächliche  Zugeständnisse  zu  machen,  dieselben  doch,  falls  es
zum  Kriege  kam,  von  vornherein  ins  Anrecht  sehte.  And  beides  erfüllte  sie
mit  wahrhaft  meisterhaftem  Geschick.  Sie  verbindet  Festigkeit  und  Würde
mit  kluger  Amsicht.  Li  er  ihr  Wortlaut,  der  im  „Vorwärts"  vom  10.  Mai
1894  an  hervorragender  Stelle  mit  erklärender  Einleitung  veröffentlicht  wurde:
An  den  Verein  der  Brauereien  Berlins  und  der  Amgegend,
zu  Länden  des  Vorsitzenden,  Lerrn  Brauereibesitzer  Max  Lappoldt.
„Antwortlich  des  Schreibens  der  vereinigten  Brauereien  Berlins
und  Amgegend  vom  8.  d.  M.  erlauben  wir  uns,  Ihnen  folgendes  mitzuteilen ­
  :
Die  Berliner  Gewerkschaftskommission  steht  dem  Beschlusse  der
Volksversammlung  vom  6.  Mai  in  Rixdorf.  betreffend  den  Boykott
der  Vereinsbrauerei,  vollständig  unbeteiligt  gegenüber.  Dieser  Beschluß
ist  ohne  unser  Zutun  gefaßt  worden.  Wir  haben  bisher  weder  Anlaß
gehabt,  uns  zustimmend  zu  demselben  zu  äußern,  noch  sind  wir  in  der
Lage,  wie  es  in  der  Zuschrift  der  vereinigten  Brauereien  von  uns  verlangt ­
  wird,  denselben  rückgängig  zu  machen.
Die  Berliner  Gewerkschaften,  welche  zu  vertreten  wir  die  Ehre
haben,  haben  bisher  weder  einen  solchen  oder  ähnlichen  Beschluß  gefaßt, ­
  noch  ist  die  Absicht  laut  geworden,  unsererseits  in  gleicher  Weise
vorzugehen.
Wir  haben  den  Ausschluß  der  Böttcher  seitens  einzelner  Brauereien
als  eine  interne  Angelegenheit  der  Beteiligten  betrachtet  und  behandelt,
bei  der  allerdings  unsere  Sympathien  wie  wohl  die  Sympathien  der
gesamten  Arbeiterschaft  auf  seiten  der  gemaßregelten  Arbeiter  stehen.
Ein  Vorschlag  aber,  weiter  zu  gehen,  und  speziell  der,  einen  Boykott
gegen  eine  der  beteiligten  Brauereien  zu  erklären,  ist  weder  von  uns
noch  von  irgendeiner  anderen  Organisation  der  Berliner  Arbeiterschaft
bis  jetzt  in  Erwägung  gezogen  worden.
Indem  wir  unter  solchen  Amständen  das  Verlangen  der  vereinigten
Brauereien,  den  Rixdorser  Boykottbeschluß  rückgängig  zu  machen,  ablehnen ­
  müssen,  da  uns  zu  einem  solchen  Vorgehen  sowohl  die  Legitimation
wie  auch  die  Möglichkeit  des  Erfolges  fehlt,  wollen  wir  nicht  verfehlen,
unserem  Bedauern  darüber  Ausdruck  zu  geben,  daß  seitens  der  vereinigten ­
  Brauereiunternehmer,  ohne  sich  vorher  die  Mühe  zu  machen,
sich  genügend  zu  informieren,  ganz  unbeteiligte  Arbeiter  gemaßregelt
worden  sind  und  noch  weitere  Kreise  derselben  mit  Maßregelung  bedroht ­
  werden.
Indem  wir  uns  der  Äoffnung  hingeben,  daß  nach  vorstehender  Klarstellung ­
  unsererseits  die  vereinigten  Brauereien  von  ihrer  Absicht,  die
Zahl  der  Gemaßregelten  zu  vermehren,  abstehen  werden,  fügen  wir
noch  den  Wunsch  bei,  daß  auch  die  Differenz  mit  den  Böttchern  recht
bald  zu  beiderseitiger  Befriedigung  beigelegt  werden  möge.
Sollte  aber  wider  Erwarten  und  gegen  unseren  Willen  seitens  der
vereinigten  Brauereien  der  in  der  Zuschrift  vom  8.  Mai  angedrohte
Angriff  auf  die  gesamte  Arbeiterschaft  Berlins  inszeniert  werden,  so
sehen  wir  dieser  Eventualität  mit  voller  Seelenruhe  und  in  dem  Bewußtsein
entgegen,  daß  einer  solchen  Provokation  gegenüber  —  an  deren  Möglich,
keil  wir  aber  nicht  glauben  wollen  —  die  Arbeiterschaft  Berlins  ihre
oft  bewährte  Solidarität  aufs  neue  und  in  glänzender  Weise  betätigen
würde.
        <pb n="326" />
        330

In  dem  Bewußtsein,  unsererseits  nichts  getan  zu  haben,  einen  überflüssigen ­
  und  in  seinen  Folgen  unabsehbaren  Streit  heraufzubeschwören,
zeichnet  achtungsvoll
Der  geschästsführende  Ausschuß  der  Berliner  Gewerkschaftskommission.
I.  V.:  Lermann  Faber,  L.,  Rosenstr.  28  v.  I."
In  einer  kurzen  Zusahnotiz  gab  die  Redaktion  des  „Vorwärts"  noch
bekannt,  daß  die  Antwort  im  Einverständnisse  mit  „einer  Anzahl  einflußreicher ­
  und  an  leitender  Stelle  sich  befindender  Genossen  der  sechs  Berliner
Wahlkreise"  erfolgt  sei  und  sagt  weiter:
„Wir  wissen  auch,  daß  die  Mehrzahl  der  organisierten  Genossen
Berlins  keineswegs  die  Neigung  hat,  bei  eventuellen  Differenzen  zwischen
den  Anternehmern  und  den  Arbeitern  im  Brauereigewerbe  stets  mit
dem  Mittel  des  Boykotts  zugunsten  der  Arbeiter  einzugreifen.  Wenn
aber  die  Äerren  Brauereibesitzer,  wie  es  fast  den  Anschein  hat,  ein
solches  Eingreifen  erzwingen  wollen,  dann  teilen  wir  allerdings  auch
die  Meinung  der  Gewerkschaftskommission,  daß  in  diesem  Falle  „die
Arbeiterschaft  Berlins  ihre  oft  bewährte  Solidarität  aufs  Neue  und
zwar  in  glänzender  Weise  betätigen  würde".
Das  war  für  die  Brauereiherren  zugleich  eine  Warnung  und  eine
Brücke  zur  Amkehr.  So  deutlich  wie  nur  möglich  war  ihnen  zu  verstehen
gegeben,  daß  sie  den  Frieden  haben  konnten,  wenn  sie  ihn  haben  wollten,
und  deutlich  war  ihnen  auch  der  Weg  angezeigt,  der  zum  Frieden  führte.
Da  die  Vereinsbrauerei  ihren  Lauptabsatz  nicht  in  Rixdorf,  sondern  in
Berlin  hatte,  war  selbst  der  in  Rixdorf  über  sie  verhängte  Boykott  nicht
durchzuführen,  sobald  die  Berliner  Gewerkschaftskommission,  vor  die  die
Frage  seiner  Ausdehnung  auf  Berlin  gebracht  werden  mußte,  ihn  nicht  zu
dem  ihrigen  machte.
Aber  die  Brauereien  wollten  den  Krieg.  Sie  wollten  den  Arbeitern,
die  ihnen  zu  üppig  geworden  waren,  einmal  den  Lerrn  zeigen.  Die  Vorkommnisse, ­
  mit  deren  Vorführung  ihre  literarischen  Parteigänger  später  in
der  Presse  und  in  Abhandlungen  ihr  Verhalten  zu  rechtfertigen  suchten,
ändern  an  dieser  Tatsache  nichts.  Denn  selbst  angenommen,  daß  alles,
was  unter  anderem  in  der  auf  Veranlassung  des  Brauerrings  abgefaßten
Schrift  von  Emil  Struve:  „Der  Berliner  Bierboykott  von  1894"  in
bezug  auf  ungehöriges  Verhalten  der  Arbeiter  und  einiger  Vertreter  der
Organisationen  erzählt  wird,  den  Tatsachen  entspricht,  so  liefern  die  damaligen ­
  Geschäftsberichte  der  Brauereien  doch  den  Beweis,  daß  deren
Betrieb  unter  jenen  Dingen  unmöglich  nennenswert  gelitten  haben  konnte.
Es  war  die  profitable  Weiterführung  keiner  Brauerei  durch  sie  bedroht,
keiner  einzigen  saß  das  Messer  an  der  Kehle.  Sie  konnten,  was  wirkliche
Angehörigkeiten  waren,  durch  verständiges  Verhandeln  mit  den  Arbeitern
aus  der  Welt  schaffen.
Statt  aber  die  noch  ausstehenden  sechs  Tage  zu  solcher  Verständigung
mit  den  ihnen  wohlbekannten  Vertrauensmännern  der  Arbeiterschaft  Berlins
auszunutzen,  erwirkten  die  Brauereidircktoren  sich  von  ihren  Aufsichtsrätcn
im  voraus  Genehmigung  der  etwa  nötig  werdenden  Kampfmaßregeln.  Dann
hielten  sie  am  15.  Mai  noch  einmal  Rat,  fixierten  die  Zahl  der  zu  entlassenden
Arbeiter  auf  mindestens  zehn  pro  Betrieb,  und  am  16.  Mai  erhielten  über
400  Brauereiarbeiter  mit  der  Erklärung  ihre  Entlassung,  daß  sie  nicht  eher
        <pb n="327" />
        HjBMPMigMB

-  331

M,  _  _
Legitimation.
Der  Inhaber  dieses  ist  beauftragt,
die  Controlle  in  Betreff  des  Boykott«
Bieres  auszuführen.

IV.  WahlkrÄOst).

Die  Boykott-Kommission.
%

158.  Legitimationskarte  eines  Kontrolleurs

wieder  indenRingbrauereien
Stellung  finden  würden,  bis
nicht  durch  Beschluß  des
Vereins  derBrauereien  eine
andere  Situation  geschaffen
worden  sei.  Tatsächlich  war
aber  die  Zahl  der  Ausgesperrten ­
  größer.  Schon  in
den  Tagen  vor  dem  16.Mai
waren  Arbeiter  entlassen
worden,  die  sich  geweigert
hatten,  an  den  streikenden
Böttchern  durchVerrichtung
von  deren  Arbeit  zu  Streikbrechern ­
  zu  werden.  Eine
Zusammenstellung,  die  der  „Vorwärts"  am  17.  Juni  1894  veröffentlichte,
zählt  denn  auch  455  Gemaßregelte  auf.  And  nach  dieser  Zusammenstellung
ivaren  63  Proz.  der  Gemaßregelten,  nämlich  288,  verheiratet  und  hatten  zusammen ­
  422  Kinder  zu  ernähren.  Mehr  als  der  vierte  Teil  von  ihnen,
nämlich  123,  waren  über  3  Jahre,  45  oder  mehr  als  10  Proz.  über  5  Jahre
in  ihrer  Stellung  tätig  gewesen.
Diese  Massenentlassung  rief,  wie  leicht  begreiflich,  die  größte  Erregung
in  den  Kreisen  der  Arbeiter  Berlins  und  ihrer  Vertreter  hervor.  Das
allgemeine  Empfinden  war,  daß  hier  eine  Gewalthandlung  vorliege,  welche  die
Arbeiterschaft  Berlins  nicht  ruhig  hingehen  lassen  dürfe,  daß  diese  unbedingt
die  Sache  der  Ausgesperrten  zu  ihrer  eigenen  machen  müsse.  Leute,  die,  wie
I.  Auer,  davor  warnten,  bei  der  Wahl  der  nächsten  Schritte  die  Machtmittel ­
  der  Gegner  zu  unterschätzen,  wurden  als  übervorsichtige  Schwarzseher ­
  betrachtet,  von  denen  man  sich  nicht  beeinflussen  lassen  dürfe.  Jetzt
habe  das  Perz  zu  entscheiden  und  nicht  der  kühl  berechnende  Verstand.
Der  Amstand,  daß  ein  paar  kleinere  Brauereien,  die  ängstlich  geworden
ivaren,  schnell  noch  aus  dem  Ring  austraten,  sowie  die  demonstrative
Stellungnahme  der  schon  etwas  größeren  Brauerei  „Münchener  Brauhaus"
gegen  ihn  ließen  es  nicht  als  unmöglich  erscheinen,  einen  Keil  in  den  Ring
zu  treiben,  und  ihn  so  nach  der  alten  Taktik  des  „Teile  und  herrsche"  zu
besiegen.  Wußte  man  doch  auch,  wie  verhaßt  die  Großen  des  Brauerrings,
insbesondere  die  Schultheißbrauerei,  sich  bei  den  Brauereien  der  Provinz
durch  die  Gründung  von  Zweigstellen  in  allen  Provinzorten  von  einiger
Bedeutung  gemacht  hatten.  Wer  über  die  inneren  Verhältnisse  der
Brauereiindustrie  und  die  Leistungsfähigkeit  der  in  Frage  kommenden
Brauereien  nicht  sehr  genau  unterrichtet  war,  der  konnte  allerdings  auf
Grund  der  Stimmen  der  den  Krieg  begrüßenden  Konkurrenten  des  Ringes
zu  der  Ansicht  kommen,  daß  dessen  Sprengung  keine  allzu  schwere  Sache
sein  könne.  And  auf  dieses  Ziel  ward  zunächst  seine  Bekämpfung  gerichtet.
Einen  Tag  nach  dem  provozierenden  Gewaltakt  der  Brauereien,  am
17.  Mai,  brachte  der  „Vorwärts"  an  der  Spitze  einen  „Arbeiter!  Parteigenossen!" ­
  überschriebenen,  fast  in  jedem  Satz  tiefe  Entrüstung  über  die
brutale  Massenmaßregelung  zum  Ausdruck  bringenden  geharnischten  Aufruf.
Zn  leidenschaftlichen  Worten  ward  die  Aussperrung  von  über  400  un-
        <pb n="328" />
        332

schuldigen  Arbeitern  als  eine  unerhörte  Provokation  der  Berliner  Arbeiterschaft ­
  bezeichnet,  mit  der  der  Bierring  andere  Zwecke  verfolge,  als  er  vorgebe. ­
  Der  Ring  habe  die  Stirn,  sich  auf  Notwehr  zu  berufen.  Aber
„war  es  Notwehr,  daß  gerade  die  ältesten  Arbeiter  entlassen  wurden,  die
zehn  und  mehr  Jahre  in  einem  Brauereibetriebe  gegen  elenden  Lohn  ihre
Gesundheit  geopfert  haben,  um  die  in  der  deutschen  Industrie  einzig  dastehenden ­
  Dividenden  der  Roesicke  und  Konsorten  zu  verdienen?"  Bloß
aus  Übermut,  bloß  aus  Laß  gegen  die  Organisationen  seien  400  bis
500  Arbeiter  außer  Arbeit  und  Verdienst  gesetzt.  „Keiner  von  ihnen  hat
am  1.  Mai  gefeiert,  keiner  durch  irgendeine  Forderung  Anlaß  zur  Entlassung ­
  gegeben.  Nur  kapitalistischer  Übermut  und  frivole  Brutalität
der  Brauereiprotzen  verlangte  diese  Opferung!  Gegen  500  Brauereiarbeiter
und  300  Böttcher,  800  fleißige  Männer,  darunter  sehr  viele  Familienväter,
liegen  auf  der  Straße."  Wie  haben  wir,  wird  gefragt,  diese  unerhörte
Provokation  zu  beantworten?  And  die  Antwort  lautet:  „Ünzweifelhaft  mit
der  Waffe,  die  die  Brauercibesitzer  am  schwersten  trifft,  mit  dem  Boykott."
Es  könne  bloß  die  Frage  sein,  wird  weiter  ausgeführt,  ob  der  Boykott
ein  allgemeiner  sein  solle  oder  ob  es  besser  sei,  ihn  auf  eine  bestimmte
Anzahl  Brauereien  zu  beschränken.  And  da  ein  allgemeiner  Boykott  die
Brauereien  wohl  schädigen,  aber  bei  dem  in  den  heißen  Monaten  steigenden
Bierbedarf  nicht  zum  Nachgeben  zwingen  werde,  empfehle  es  sich,  von  ihm
abzusehen  und  die  ganze  Wucht  des  Angriffs  auf  eine  Anzahl  Brauereien
zu  richten.  Boykottiertes  Bier  werde  um  so  leichter  entbehrt  werden,  wenn
anderes  zur  Verfügung  stehe.  „Ein  allgemeiner  Boykott  würde  den  Bierring ­
  stärken,  ein  partieller  sprengt  ihn."
Es  werden  nun  folgende  Brauereien  aufgezählt,  von  deren  Bier
fortan  kein  Tropfen  getrunken  werden  solle:  Schultheiß'  Brauerei,  Brauerei
F.  Lappoldt,  Böhmisches  Brauhaus,  Adlerbrauerei  (K.  Gregory),  Vereinsbrauerei ­
  Rixdorf,  Schönebcrger  Schloßbrauerei  und  die  Spandauer  Bergbrauerei. ­
  Überall,  in  Laus  und  Werkstatt,  im  geselligen  Verkehr  und  auf
Ausflügen  sollten  die  Arbeiter  für  die  strenge  Durchführung  des  Boykotts
sorgen.  Nur  so  würden  sie  die  Solidarität  mit  den  durch  den  Anternehmerhochmut
  brotlos  gewordenen  Arbeitern  bekräftigen,  ihrer  Ehrenpflicht  gegen
die  Partei  nachkommen.  Die  Welt  müsse  wissen,  „daß  die  Einigkeit  der
Arbeiter  stärker  ist,  als  der  festeste  Ring  hochmütiger  Kapitalisten.  Loch
die  Solidarität  der  Arbeiter!  Nieder  mit  dem  Bierring!"
So  schließt  der  Aufruf.  Er  macht  dann  bekannt,  daß  mit  der  Durchführung ­
  des  Boykotts  bis  auf  weiteres  I.  Auer,  R.  Millarg,
L.  Mattutat,  L.  Gumpel  und  Paul  Lilpert  beauftragt  seien,  und
daß  am  folgenden  Abend,  Freitag,  den  18.  Mai,  neun  öffentliche  Versammlungen ­
  zur  Besprechung  dieser  Angelegenheit  in  den  verschiedenen
Stadtteilen  Berlins  stattsinden  würden.  57  der  bekanntesteit  Vertreter  der
Partei  und  der  Gewerkschaftsbewegung  Berlins  stehen  als  Anterzeichner
unter  ihm.  Lier  die  Namen:
I.  Auer.  R.  Augustin.  I.  Bamberger.  A.  Bebel.  K.  Berger.
N.  Beyer.  W.  Börner.  L.  Bolze.  G.  Bosse.  L.  Dornbusch.  Karl
Dost.  L.  Faber.  Nich.  Fischer.  B.  Franke.  St.  Fritz.  I.  Gandorfer.
W.  Gesche.  C.  Gruschke.  L.  Gumpel.  R.  Lalfter.  K.  Lergt.
K.  Lelbig.  P.  Lilpert.  F.  Loch.  E.  Jost.  F.  Kitzing.  L.  Knüpfer.
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        159  und  160.  Abwehrflugblatt  der  boykottierten  Ringbrauereien

An  die  Einwohnerschaft
von  Berlin  nnd  Umgegend!
Der  Verein  der  Brauereien  Lerllns  und  -er  Amgegen-  sieht  sich  veranlaßt,  gegenüber  der
Entstellung  der  Thatsachen,  wie  sie  im  „vorwärts",  dem  Centralorgan^er  -sozialdemokratischen  Partei,  in  Bezug
auf  den  Berliner  Bierboycott  fortgesetzt  geübt  wird,  Nachstehendes  zur  Rlarstellung  und  Würdigung  der  Verhältnisse
  zu  veröffentlichen.
Cs  sei  vorausgeschickt,  daß  wir  eS  nach  wie  vor  unter  unserer  Würde  halten,  den  im  ..Vorwärts"  und  in  sozialdemokratischen
Versammlungen  tagtäglich  gegen  unseren  Verein  und  gegen  einzelne  Mitglieder  desselben  gerichteten  Schmähungen  und  Beschimpfungen
niedrigster  Art  irgend  welche  Beachtung  zu  schenken.  Ebenso  verzichten  wir  darauf,  die  vielen  von  gegnerischer  Seite  verbreiteten
Unwahrheiten  richtigzustellen.  Dies  würde  auch  dem  von  den  Führetn  der  Doycottbewegung  irregeleiteten  Theile  der  Berliner
Arbeiterschaft  gegenüber  erfolglos,  den  bürgerlichen  Kreisen  und  denjenigen  Arbeitern  gegenüber,  welche  sich  ein  selbstständiges  Urtheil
bewahrt  Haber:,  überflüssig  sein.
Tag-ger»  halten  wir  -s  für  unsere  Pflicht,  dem  Bestreben  der  sozialdemokratischen  Partei,  welches
darauf  hinausläuft,  die  Entstehung  und  damit  den  Kernpunkt  deö  Streites  zu  verdunkeln  und  die  Folgen
deflelben  der»  vereinigten  Brauereien  zur  Last  zu  legen,  durch  den  Hinweis  au»  folgende  Thatsachen  nach,
vrücklichst  entgegenzutreten  r
1.  Wie  von  keiner  Seite  bestritten  wird.  warendieBöttchergesellenlnauSdrücklich/emWiderspr  u'ch
mit  dem  ihnen  auf  threAnfrage  ertheilten  Bescheide  am  I.  Mai  von  derArbeil  fortgeblieben
und  deswegen  für  drei  weitere  Werktage  von  derselben  auSgeschlosten  worden.  Hieraus  verweigerten  sie  die  Wiederaufnahme
der  Arbeit,  bevor  nicht  die  von  ihnen  inzwischen  beschlossenen  neuen  Arbeitsbedingungen  bewilligt  seien.
Diese  bestanden  nicht  nur  in  einer  Erhöhung  des  MininiallohneS  von  27  auf  30  Mk.  per  Woche  und  in  einer  Verwinde,
rung  der  Arbeitszeit  von  9Vs  auf  9  Stunden  per  Tag.  sonder»  auch  in  der  endgiltigen  Anerkennung  deS
t.  Mai  als  Feiertag.
ES  ist  demnäch  als  eine  bewirbt«  Unwahrheit  zu  bezeichnen,  wenn  von  der  gegnerischen  Seite  immer  wieder  von
einer  „Aussperrung"  derBöttchergesellen  gesprochen  wird.
2.  Der  von  den  vereinigten  Branereien  gefaßte  Beschluß,  ihren  Betrieb  einzuschränken  m»d  dementsprechend  einen  Thei!
ihrer  Arbeiter  zu  entlasten,  ist  nicht  die  Ursache,  sondem  die  Folge  deS  über  die  DereinSbrauerei  zu  Nixdorf  verhängten
Boycotts  gewesen.  Dieser  BoycoU  ist  in  der  Volksversammlung  zu  Rixdorf  am  6.  Mai  d.  I.  ausdrücklich  zu  dein  Zweck
beschlossen  worden,  die  VereinSbrauerei,  mit  der  sich  die  übrigen  Brauereien  wegen  ihrer  Zugehörigkeit  zum  Verein  ver  Brauereien
Berlins  und  der  Umgegend  solidarisch  betrachten  mußten,  zur  Anerkennung  der  Forderungen  derBöttchergesellen
zu  zwingen.  Demgemäß  sollte  auch  die  Entlassung  sich  in  erster  Reihe  auf  diejenigen  Arbeitnehmer  erstrecken,
.welche  sich  an  den  Bestrebungen,  durch  Boycottirung  einzelner  Brauereien  Zugeständnisse  in  Sachen  des  Böttcherstreiks  zu
erzwingen",  betheiligt  hatten.
Es  widerspricht  somit  den  thatsächlichen  Verhältnissen,  wenn  den  vereinigten  Brauereien  vor.
geworfen  wird,  das»  sie  cS  gewesen  sind,  welche  den  Streit  mit  den  Döttchergesellen  ans  die  übrige
Arbeiterschaft  übertragen  haben.
3.  Die  von  den  vereinigten  Brauereien  zum  16.  Mai  angekündigte  Entlassung  von  20  Prozent  ihrer
Arbeiter  sollte  nur  für  den  Fall  zur  Ausführung  gelangen,  daß  der  über  die  Vereinsbrauerei  zu
Rixdorf  verhängte  Boycott  bis  zum  15.  Mat  nicht  zurülkgeno»»»n»en  fei.  Diese  Zurücknahme  ist  nicht
erfolgt,  und  zwar  weil  ein  dahingehender  Ei,»stütz  auf  die  Urheber  deS  BoheottS  von  Seiten  der
Führer  der  Arbeiterschaft  nicht  nnr  nicht  versucht,  so»»dern  ausdrücklich  abgelehnt  worden  ist.
4.  Nachdem  die  vereinigten  Brauereien  die  beschlossenen  Maßnahmen  zur  Ausführung  gebracht  hatten-erschien  am  17.  Mai
tm  «Vorwärts"  der  bekannte  von  den  Führernder  sozialdemokratischen  Parte»  unterzeichnete-  Aufruf,.in
welchem  zur  Boycottirung  von  6  weiteren  Brauereien  aufgefordert  und  die  Entlassung  der  Arbeiter
als  ein  von  «kapitalistischem  U.bermuth  und  frivoler  Brutalität"  eingegebener  Angriff  auf  die
Organlsatron  der  Brauereiarbeiter  bezeichnet  wurde.  Diese  Behauptung,  welche  seitdem  die  alleinige
Begründung  für  das  Vorgehen  der  gegnerischen  Partei  bildet,  ist  gleichfalls  unwahr,  indem  die
betreffenden  Matznahmen  der  vereinigten  Brauereien  lediglich  zmn  Schutzs  ihrer  bedrohten  Existenz
getroffen  wurden.
5.  Noch  bevor  in  den  zu  diesem  Zweck  am  Freitag,  den  18.  Mai.  einberufenen  neun  Volksversammlungen  der
Boycott  über  sieben  hiesige  Brauereien  beschlossen  war.  hatten  die  vereinigten  Brauereien  in  einer  öffentlichen
Kundgebung  erklärt,  vatz  ihnen  vle  dauernde  Aussperrung  der  enllaffenen  Arbeiter  fern  läge,  sie
vielmehr  bereit  seien,  dieselben  —  soweit  e-  der  derzeitige  Betrieb  gestatte  —  wiedereinzustellen,  wenn
bis  zun»  34.  Mai  der  Boycott  über  die  dem  Doreine  angehörigsn  Brauereien  zurückgenonrmei»  fei.
Da  auch  dieses  Anerbieten  von  den  «Führern  dev  sozialdemokratischen  Partei  in  ihrer  Presse
«ttd  in  ihren  Versammlungen  mit  Hohn  zurückgewiesen  oder  geflissentlich  ihren  Anhängern  verschwiegen
worden  war,  hat  die  sozialdemokratische  Partei  dis  alleinige  Verantwortung  für  die  von  ihr
vrKagte  Schädigung  der  entlassenen  Arbeiter  auf  sich  geladen  r
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        159  und  160.  Abwehrflugblatt  der  boykottierten  Ringbrauereien

.6.  ,Sn  tun  t&amp;gt;otjti&amp;gt;o$Sea  neun  Bersammlnngtu  hat  die  sozialdemokratische  Pnriei  die  Äushidung  der  Boycotts  nicht  nur
von  der^Wiedereinstiüung  der  gemastrrgeltm  Arbeiter  in  ihre  allen  Posten",  sondem  auch  von  der  Annahme  fotzender  weiteren'
Forderungen  abhängig  bemacht:  l.  Susrechterhaltun,  und  Anerkennung  der  bestehenden  Branereiardejter»
Organisationen;  L  Anerkennung  der  Arbeitsnachweises;  S.  LohnentschSdignng  für  die  anrgisperrten
ienb  gemaßregellen  Arbeiter;  4.  Anerkenn»»»  «end  Freigabe  de«  t.  Mae  al«  Ruhetag.
Diese  Forderungen,  weiche  in  dem  in  Hundertlansenden  don  Errmplaren  verbreiteten  Flugblatt  kein«  Erwähnung
gefunden  haben,  beweisen,  daß  die  gegnerische  Partei  ga»i  andere  Zweite  »erfolgt  als  die  bi-he  Wiederrinstestang  der
entlassenen  Ardetter.
7.  ES  ist  semer  unwahr,  wem,  im  .BorwüriS"  und  in  Aibeiterversammlungen  behauhtet  wird,  bas,  »er  Dere!»
»er  Brauereien  Berlin»  ein»  »er  Umgegend  tu  diesem  ihn,  aufgedrängten  Kampfe  die  Nnterftntznns
anderer  gewerblicher  Kreise  nachgesucht  oder  veranlaht  hat.  Wenn  die  Bertreler  der  Jndnstrie'und
des  GastnzirlhSgrwrrbeS  in  ihrer  überwiegenden  Mehrheit  für  die  vereinigte»  Brauereien  Partei
genommen  haben,  !°  begrühen  wir  dies  mit  Genugthuung,  stellen  oder  zugleich  ausdrücklich  lest,  daß
diese  Parteinahme  a„S  eigenem  Antriebe  in  der  Ueberjeugung  erfolgt  ist,  daß  ein  Mrstoß,  wie  ihn
die  soziatdemolralische  Partei  mit  diesem  Kampfe  unternommen  hat,  in  seinen  Folgen  nicht  nur  die
Interesse»  einer  einzelnen  Industriezweige»,  sonvern  die  Jnlcresien  de»  gelammte»  deutschen  Erwerbslebens ­
  z»  schädigen  geeignet  ist,
S,  Ebenso  »»wahr  ift  die  wiederhol«  verbreitete  Nachricht,  »ah  die  vereinigten  Brauereien  »!e
Hilfe  »er  Staattaiiwaltschast  oder  der  sonstige»  zuständigen  Behörden  gegen  die  Arbetterichast  in
Anspruch  genommen  oder  nachgesucht  habe».  Wir  sind  vielmehr  überzeugt,  »ah  »teser  Kamps  ,U
einem  ge»eihlichen  Ende  nur  »aun  geführt  werden  kann,  wenn  auch  ohne  »en  Eingriff  »er  Staatsgewalt ­
  »er  fozialdemokrattschen  Bartel  bewiesen  wird,  dah  sie  gegenüber  »er  Stnigkett  unsere«  Gewerbe»
anher  Stande  ist,  „»«  ihre  Bedliigungen  vorzuschreiben.
9,  Endlich  ist  eS  Unwahr,  wenn  Von  gegnerischer  Leite  behauptet  wir»,  »atz  »ie  fernere  Aufrechterhaltung ­
  de»  Boheott»  die  Mitglieder  der  Brauereien  Berlin»  NU»  »er  r&amp;gt;»,gegen»  in  ihrer  oiumüthige«
  «telluugnahme  ,u  erschüttern  Vermag.  Allndingi  ist  -S  richtig,  dah,  abgesehen  von  einigen  wegen  ihrer
geringen  ProdnllionSsühigleit  nicht  in  Betracht  kommenden  Betrieben,  eine  hiesige  und  zwei  in  Eharlollenburg
belegen«  Lagerbierbrauereien  sich  nnS  nicht  angeschlassen  haben,  vielmehr  ans  dem  nnS  ansgedrSngten
Kampfe  Ratzen  zu  ziehen  suchen.  ES  ist  seiner  richtig,  dah  eine  vierte  Broneret.  welche  erst  vor  Inrzem  in  den  Verein
eingetreten  wor.  zu  gleichem  Zwecke  wieder  ausgeschieden  ist.  Wie  lSnnen  uns  einer  Kritil  über  das  Gebühren
dieser  Branerrirn  »m  so  mehr  rnlholtrn,  olS  die  össedttiche  Meinung  ihr  Urtheil  darüber  bereits  gesprochen ­
  hol.  Diese  Thatsachen,  wett  enlseru«,  den  Berel»  I»  seiner  Solidarität  »»  gefährden,  habe»
vielmehr  »azu  gckührf,  »Ie  Mitglieder  vessrlben  »Iirch  »enerbtng«  getroffene  Bereiubarungen  «nr
»och  NI»  so  sefter  aneinander  zu  schliehen,
wir  erklären  hiernach  nochmals,  daß  der  von  uns  geführte  Äampf  einzig  und  allein  gegen  Diejenigen
gerichtet  ist,  welche  durch  Boyeottieung  von  Milgliedern  unseres  Vereins  deren  Existenz  zu  gefährden  suchen,
wir  haben  von  Anfang  an  nicht  mehr  und  nicht  weniger  al»  die  Zurücknahme  des  Loxcotts  erstrebt.  Das
wgxmnd  das  bleibt  unser  Ziel!
Von  der  sozialdemokratischen  Partei  hängt  es  auch  fernerhin  ad,  wir  lange  zahlreiche  Gewerdetretbende
Und  Arbeiter  Pen  Wirkungen  des  Boycotts  ausgesetzt  werden  sollen.
So  sehr  wir  tm  Interesse  dieser  Breise  eine  Beilegung  des  Streites  wünschen,  so  sind  wir  uns  doch  der
Bedeutung  des  Bampfes  Nicht  nur  in  unserem,  sondern  auch  im  Interesse  der  gesummten  Industrie  Deutschlands
vollauf,  bewußt  und  hoffen  auch  fernerhin  der  Zustimmung  aller  Unpartriischen  Breis«  sicher  zu  sein,  wenn  wir
bet  der  sin  yorstehenden  dargelegten  Stellungnahme  verhairenl
Berlin,  im  Jmii  1894.
Der  Verein  der  Brauereien  Berlins  und  der  Umgegend.
Ahtrenürnnerei  ckriedrichshain,  —  Aktien-«  rauere,.Gesellschaft  ckrirdrichphöhe,  vorm,  padenhofer.Aktien-Lrancrri-Grsrllschast
  -älontiit.  -  Ästtirn-Brsrllschast  Schloßbrauerri  Schönrdrrg.  -  Lergschlosj-Lraiierei,  Aktien-Drsfllfchast.
  ---  «erlinrr  Lockbraiirrei,  Aklien-Brsrstschaft.  -  «erlinrr  Lronrn-Lranrrri,  Aktien-Gesellschast.  -
Zerlinsr  «»ions-«rauerei.  -  «ohmisches  Lranhaitp,  Somm.-Befellschast  ans  Aktie»,  A.  Lnodlauch,  -  firmttwi
Berlin«.  -  «ranrrri  3»Iin,«öhow.  -  LranereiLortissm,  Aktirn-tkrsrUschast.  -  Lraurrei  Bamdrinnp.
AktieslrBrscUschast.  —  «ranrrri  tßrrmania,  Dnvid  Sc  ülarsjn.  —  «ranrrri  fintl  Grrgorq,  —  Lraurrei  ck.  chappolds.
ranrrri  königftadt,  Aklirn-tßesellschasl.  —  «rauerri  pfrffrrkrrg,  vorm,  Schneider  &amp;amp;  tzillig.  —  «ranrrri
Erhuirizergarlr»,  T.  Schneider.  —  Lranrrri  Siralan,  «r,  W.  ckrentzel,  —  «ranrrri  A.  Wenn.  —  «ärgerliche
«rätifNi.  —  «üfgerlichrA  «rauhaux,  Vtto  Mnltrr,  —  T.  Habrl'g  «raircrei.  —  Gebrüder  3ostg,  ^  Rorddenlsche
Lraurrei,  Aktirii-GrsrUschasi,  —  Radeberger  Ezporthirrdraurrei.  —  Schultheiß  «ranrrri  Aktirii-Nrsrstschast.  -~
Spaltdaiirrberg-Lranrrri,  vprnr.  T,  «rchmaun,  —  Lrrrinpb  ranrrri,  Rizdorf.  Versuchs-,  und  Lrhijirnneril.  —
Aikioria-Lranerei  Akliru-Brsellschast,
Druck  von  Kubols  Moffe.  Brrlln'  WH
        <pb n="331" />
        335

F.  Kubat.  Fr.  Lehmann.  K.  Lenzner.  W.  Liebknecht.  F.  Lietzke
Sb.  Mattutat.  Th.  Mehner.  R.  Millarg.  I.  Otto.  L.  Pakuscher.
M.  Peger.  W.  Pfannkuch.  I.  Psarr.  S&amp;gt;.  Pötzsch.  N.  Schermig.
R.  Schmidt.  B.  Schneider.  Jul.  Schneider.  C.  Scholz.  W.  Schröder.
P.  Singer.  I.  Timm.  R.  Tschentscher.  F.  Waschowsky.  Rob.  Wenzels.
Sb.  Werner.  W.  Winkelmann.  S&amp;gt;.  Wörner.  L.  Zaake.  F.  Zubeil.
Der  Andrang  zu  den  angekündigten  Versammlungen  war  ein  ungeheurer, ­
  keines  der  Lokale  konnte  die  Masse  der  Besucher  fassen,  die
Einlaß  verlangten.  And  überall  herrschte  die  gleiche  Stimmung.  Am
Morgen  hatten  die  Zeitungen  eine  neue  Erklärung  der  Ringbrauereien
gebracht,  worin  diese  sich  dagegen  verwahrten,  daß  es  sich  bei  ihnen  um
einen  von  langer  Land  geführten  Streich  handle,  sie  seien  im  Gegenteil
durch  das  Vorgehen  ihrer  Arbeiter  überrascht  worden.  Dies  und  daß  sie
in  Notwehr  sich  befänden,  wird  in  längerer  Auseinandersetzung  nachzuweisen ­
  versucht  und  schließlich  erklärt,  die  Brauereien  hätten  niemals
beabsichtigt,  die  entlassenen  Arbeiter  dauernd  auszusperren,  seien  vielmehr
bereit,  sie,  soweit  der  derzeitige  Betrieb  es  gestatte,  am  24.  Mai  wiedereinzustellen, ­
  wenn  bis  dahin  der  Boykott  wieder  aufgehoben  sei.  Die
Anterzeichner  des  Aufrufs  hätten  es  also  selbst  in  der  Land,  die  von  ihnen
beklagte  Schädigung  von  400—500  Arbeitern  wieder  rückgängig  zu  machen
oder  die  Verantwortung  für  die  weiteren  Folgen  auf  sich  zu  nehmen.  Das
klang  nun  halb  und  halb  wie  ein  Rückzug,  konnte  aber  gerade  deshalb
den  schon  die  Gemüter  beherrschenden  Eindruck  nicht  mehr  abschwächen.
Im  Gegenteil.  Man  hörte  aus  ihm  nur  die  Stimme  des  schlechten  Gewissens ­
  und  —  der  Furcht  heraus,  so  daß  die  Geister  um  so  mehr  auf
Kampf  gestimmt  wurden.  In  den  Versammlungen  referierten  Auer,  Bebel,
Lerm.  Faber,  Rich.  Fischer,  W.  Pfannkuch,  Rob.  Schmidt,  A.  Täterow,
I.  Timm  und  Fr.  Zubeil,  und  jeder  Satz  in  ihren  Reden,  der  von  Kamps
sprach,  ward  stürmisch  bejubelt.  Einstimmig  und  mit  größter  Begeisterung
wurde  überall  die  vorher  ausgearbeitete  Resolution  angenommen,  laut  der
die  Versammelten  den  Vorschlag  des  im  „Vorwärts"  veröffentlichten  Aufrufs
hinsichtlich  des  Boykotts  und  der  Zusammensetzung  der  Boykotckommission
zum  Beschluß  erhoben,  die  Sache  der  ausgesperrten  Brauereiarbeiter  zu
der  ihrigen  machten,  diese  und  die  im  Ausstand  befindlichen  Böttcher  in
jeder  Linsicht  materiell  und  moralisch  zu  unterstützen  sich  verpflichteten  und
ihnen  im  Kampf  für  ihre  Forderungen  kräftig  beizustehen  versprachen,  die
so  formuliert  wurden:
1.  Wiedereinstellung  der  gemaßregelten  Arbeiter  in  ihre  alten  Posten.
2.  Aufrechterhaltung  und  Anerkennung  der  bestehenden  Brauereiarbeiter,
organisationen.
3.  Anerkennung  des  Arbeitsnachweises.
4.  Lohnentschädigung  für  die  ausgesperrten  und  gemaßregelten  Arbeiter.
5.  Anerkennung  und  Freigabe  des  1.  Mai  als  Ruhetag.
Der  „Vorwärts"  aber  behandelte  am  19.  Mai  in  einem  Leitartikel,
der  überschrieben  war  „And  da  wollt'  er  wieder  runter,  und  da  konnt'  er
aber  nicht",  die  Ringbrauereien  schon  als  die  Lalbgeschlagenen.  Die  Anterzeichner
  des  Auftufs  und  mit  ihnen  die  gesamten  Berliner  Arbeiter,  schrieb
er  in  Antlvort  auf  die  Erklärung  der  Ringbrauereien,  „müßten  große  Esel
sein,  wenn  sie  die  Brauereiprotzen,  die  gestern  noch  auf  stolzen  Rossen
        <pb n="332" />
        336

saßen,  so  leichten  Kaufes  davon  kommen  ließen.  Nein,  Lerr  Roesicke,  so
haben  wir  nicht  gewettet."  Die  Berliner  Arbeiterschaft  habe  den  Landschuh, ­
  der  ihr  übermütig  vor  die  Füße  geschleudert  worden  sei,  ausgenommen,
der  Kampf  sei  im  Gange,  und  „er  wird,  merken  Sie  sich  das,  Lerr  Roesicke,
nicht  eher  zu  Ende  geführt  sein,  als  bis  Sie  und  Ihre  Trabanten  sich  in
aller  Form  für  besiegt  erklären!"  „Die  Sozialdemokratie  Berlins
nehme  nur  die  eine  Notiz  aus  der  Annonce  der  Brauereien,  daß  die  von
ihr  gewählte  Kriegführung  eine  gute  und  wirksame"  sei  und  „sie  kämpft  dementsprechend ­
  weiter".
Das  letztere  war  nicht  zu  viel  gesagt.  Selten  ist  die  organisierte
Arbeiterschaft  Berlins  mit  größerer  Leidenschaft  und  Energie  in  einen
Kampf  gezogen,  als  es  bei  der  Masse  hier  der  Fall  war.  Die  nun  definitiv
konstituierte  Boykvttkommission  verfaßte  ein  überaus  wirksam  geschriebenes
Manifest  „An  die  Einwohner  Berlins  und  der  Vororte",  das  am
23.  Mai  von  den  Parteigenossen  in  einer  Auflage  von  750  000  Exemplaren
und  in  einer  zweiten  Auflage  am  30.  Mai  im  Rest  von  Berlin  und  in
den  Vororten  verbreitet  wurde.  Es  forderte  die  Arbeiter  auf,  die  Lokale
mit  boykottierten»  Bier  zu  meiden,  und  die  Arbeiterfrauen,  kein  Flaschenbier ­
  von  boykottierten  Brauereien  ins  Laus  zu  bringen.  Plakate  mit  der
Aufforderung  „Trinkt  kein  boykottiertes  Bier"  wurden  in  großer  Zahl
angefertigt  und  an  Gastwirte,  Flaschenbierhändler  usw.  verteilt,  die  auf  die
Arbeiterkundschaft  rechneten,  während  die  Lokalkommission  für  Berlin
und  die  Vororte  die  Kontrolle  darüber  organisierte,  daß  nicht  unter  falscher
Flagge  doch  boykottiertes  Bier  verschenkt  oder  verkauft  werde.  Eine
keineswegs  angenehme  und  auch  gar  nicht  so  leicht  durchzuführende
Aufgabe.
Denn  die  sieben  boykottierten  Brauereien  umfaßten  die  größte  und
einige  der  nächstgroßen,  mit  jener  die  kapitalkräftigsten  Unternehmungen
der  Brauindustrie  Berlins.  Sie  produzierten  allein  die  Lälfte  des  in
Berlin  konsumierten  untergärigen  Bieres,  und  ihr  Bier  war  auch  sehr
beliebt.  Wie  schon  bemerkt,  hielten  sie  eine  große  Anzahl  von  Gastwirtschaften ­
  aller  Art  teils  als  eignen  Besitz  und  teils  durch  Verträge  und
Geldvorschüsse  als  Vertriebsorgane  in  der  Land.  Die  eignen  Ausschanklokale
  dieser  Brauereien  zu  boykottieren  war  verhältnißmäßig  leicht,  wenngleich ­
  auf  die  Dauer  immerhin  ziemliche  Anbequemlichkeiten  damit  verbunden,
waren,  denn  es  gehörten  eine  Anzahl  der  besten  und  größten  Gartenlokale
dazu.  Gegenüber  den  Gastwirten  aber,  die  durch  Verträge  oder  Schnldverhältnisse
  genötigt  waren,  Boykottbier  zu  führen,  kamen  zu  den  Bequemlichkeitsrücksichten ­
  auch  Menschlichkeitsrücksichten  hinzu,  über  die  man  sich
hinwegsetzen  mußte,  um  den  Boykott  durchzuführen.  Denn  viele  dieser
Gastwirte  waren  bedrängte  Existenzen  und  ebenso  auf  die  Nachsicht  der
Brauereien  wie  auf  die  Arbeiterkundschaft  angewiesen,  so  daß  der  Boykott
sie  zwischen  Scylla  und  Charybdis  stellte.
In  der  ersten  Zeit  freilich  sah  es  so  aus,  als  ob  das  alles  ohne  große
Schwierigkeiten  zu  überwinden  sein  werde.  Der  Spätfrühling  und  der  Sommer
waren  naßkalt,  die  Kehlen  infolgedessen  weniger  durstig  als  sonst,  und  die
Ermunterungen,  die  an  auswärtige  Brauereien  ergingen,  Bier  nach  Berlin
zu  schicken,  fanden  vielfach  willige  Austrahme.  Indes  auch  der  Brauer ­
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        337

ring,  der  fester  zusammenhielt,  als  man  erwartet  hatte,  machte  seinen  Einfluß ­
  nach  außerhalb  geltend,  und  gerade  die  großen  Brauereien  im  Lande
ließen  sich  schließlich  um  so  eher  bewegen,  mit  den  Berliner  „Kollegen"
Solidarität  zu  halten,  als  viele  von  ihnen  ebenfalls  schon  die  Anannehmlichkeiten
  des  Boykotts  der  Arbeiter  zu  verspüren  bekommen  hatten.  Es
wurden  sogar  die  Grundlinien  eines  nationalen  „Schutzverbandes  gegen
Boykottschäden"  vereinbart,  und  dem  Berliner  Schuhkomitee  Beiträge  zur
Anterstützung  der  durch  den  Boykott  besonders  schwer  betroffenen  Brauereien
zugesichert.  Die  kleinen  auswärtigen  Brauereien  wiederum  hätten  zwar  zunächst ­
  recht  gern  an  den  „großen  Berlinern"  Rache  genommen,  die  ihnen  so
fatale  Konkurrenz  machten,  sie  waren  aber  einfach  nicht  imstande,  soviel  Bier
auf  den  Markt  zu  bringen,  als  nötig  war,  um  den  Boykott  für  jene
tödlich  zu  machen.  War  doch  die  Mälzereiperiode  für  untergäriges  Bier
mittlerweile  zu  Ende,  und  gemalzte  Braugerste  ließ  sich  nicht  aus  der  Erde
stampfen.  Die  Großen  hatten  nicht  nur  die  größten  Mengen,  sondern  auch
meist  die  besten  Qualitäten  Gerste  zur  Verfügung.
Am  nur  ein  Bild  zu  geben:  Im  Geschäftsjahr  vom  1.  Oktober  1892
bis  zum  30.  September  1893  hatte  die  Brauerei  Schultheiß  eine  Produttion
von  436  809  Hektolitern,  die  Brauerei  Münchener  Brauhaus,  die  damals
alles  aufbot,  die  Gunst  der  Arbeiter  zu  erwerben,  aber  eine  solche  von
67  644  Hektolitern  Bier  gehabt.  Es  war  einfach  eine  technische  Anmöglichkeit
für  die  letztere,  ihre  Produktion  nun  plötzlich  so  hoch  zu  schrauben,  um  einen
größeren  Teil  der  Kundschaft  von  Schultheiß  zu  bedienen.  Trotzdem  sie  von
der  Arbeiterpresse  sehr  viel  Förderung  erfuhr,  stieg  denn  auch  ihre  Produttion
im  Boykottjahr  um  im  ganzen  noch  nicht  30,000  Hektoliter  —  ein  Tropfen
gegenüber  der  Produktion  von  Schultheiß!
Vielen  Provinzbrauereicn  wiederum,  die  sich  anschickten,  den  Boykott
gegen  die  Ringbrauereien  auszunutzen,  wurde  das  Bürgertum  am  Ort  mit
der  Parole  auf  den  Hals  gehetzt,  cs  wäre  unverantwortlich,  in  dieser  Weise
die  Geschäfte  der  Sozialdemokratie  zu  besorgen.  Nicht  bei  allen  verschlug  das
Mittel.  Die  Boykottkommission  konnte  im  „Vorwärts"  eine  Anzahl
Brauereien  namhaft  machen,  die  bereit  waren,  den  Berliner  Arbeitern
boykottfreies  Bier  zu  liefern.  Aber  bei  gar  manchen  davon  konnte  es  heißen:
Der  Geist  war  willig,  aber  das  Bier  nur  schwach  oder  auch  spottschlccht,
während  in  einer  Reihe  von  Fällen  der  Appell  an  die  bürgerliche  Solidarität
doch  Erfolg  hatte.
Kurz,  es  war  für  einen  großen  Teil  der  Berliner  Gastwirte  äußerst
schwer,  ohne  Bier  der  Ringbauereien  ihr  Geschäft  zu  betreiben.  Es  kam
sogar  vor,  daß  Inhaber  von  Arbcitcrwirtschaften  Bier  von  Ringbrauereicn
weiter  entnahmen,  aber  unter  dem  Titel  von  boykottfreiem  Bier  ausschenkten.
Selbstverständlich  mußte,  als  dies  ruchbar  wurde,  die  Konttolle  entsprechend
verschärft  werden,  was  zu  mancherlei  bösen  Zusammenstößen  zwischen
Gastwirten  und  den  Kontrolleuren  der  Arbeiterschaft  führte,  denen  man  von
der  Gegenseite  den  Spitznamen  „Bierschnüffler"  anhängte.
Äberhaupt  dehnte  sich  der  Kampf  der  Arbeiterschaft  mit  den
Ringbrauereien  bald  zu  einem  solchen  mit  einem  großen  Teil  der  Berliner
Gastwirte  aus.  Rückhaltlos  für  die  Arbeiter  trat  nur  der  „Verein  zur
Wahrung  der  Interessen  der  Gastwirte  Berlins  und  Amgebung"  ein,  der
Bernstein,  Berliner  Geschichte.  III.  22
        <pb n="334" />
        338

gegen  2000  Mitglieder  zählte  und  an  dessen  Spitze  unter  anderen  Paul
Lilpert,  einer  der  Führer  der  Brauergehilfen  und  Mitglied  der  Boykottkommission, ­
  sowie  Fritz  Zubeil  standen,  welch  letzterer  damals  eine  Wirtschaft
betrieb.  Zum  Zweck  der  Durchführung  der  Boykottierung  der  Ringbrauereien
hatte  dieser  Verein  eine  „ZwölferkomMission"  ernannt,  die  sich  namentlich
der  Beschaffung  von  Ersahbier  für  das  Boykottbier  widmete.  Entschieden
auf  die  Seite  der  Brauereien  stellte  sich  dagegen  der  etwa  1300  Mitglieder
umfassende  Verein  der  Berliner  Gastwirte  mit  dem  Gastwirt  Lubertus
Jakobi  an  der  Spitze,  und  etwas  weniger  schroff  nahm  auch  ein  an
2000  Mitglieder  zählender  Verein  Berliner  Weißbierwirte  für  die
Ringbrauereien  Partei,  während  sich  der  etwa  1600  Mitglieder  starke
„Verband  der  Gast-  und  Schankwirte  Berlins"  neutral  stellte.  Von  dieser
letzteren  Verbindung  oder  ihren  Leitern,  den  Gastwirten  Feuerstein  und
Kuckenburg,  gingen  im  Verlauf  des  Boykotts  verschiedene  Vermittlungsversuche ­
  aus.
Als  eigene  Gruppe  nahmen  ferner  eine  größere  Zahl  von  Saalbesitzern
Berlins  in  dem  Kampf  Partei,  und  zwar  gegen  die  Arbeiter.  Ein  Teil
davon  handelte  offenbar  unter  dem  Druck  der  Ringbrauereien,  andere  lechzten
danach,  Verpflichtungen  los  zu  werden,  zu  denen  sie  sich  der  Arbeiterschaft
gegenüber  aus  Furcht  vor  dem  Saalboykott  hatten  verstehen  müssen.  Jetzt
schien  ihnen  die  Zeit  gekommen,  die  Last  abzuschütteln.  Nachdem  schon  am
5.  Juni  eine  Versammlung  von  etwa  170  Saalbesitzern  sich  darüber  geeinigt
hatte,  über  die  sozialistischen  Vereine  und  Gewerkschaften  Saalsperre
zu  verhängen,  wenn  bis  zum  15.  Juni  der  Boykott  nicht  beendet  sei,  ward
der  Beschluß  an  diesem  Tage  erneuert  und  die  Bildung  einesG  arantiefonds
zur  Unterstützung  besonders  geschädigter  Kollegen  beschlossen.  Mehr  als
300  Besitzer  von  Versammlungssälen  aller  Größen  gehörten  schließlich  der
Verbindung  an,  der  sich,  nachdem  am  5.  Juli  der  erste  Vermittlungsversuch
fehlgcschlagen  war,  auch  die  Ringbrauereien  offiziell  anschlossen  und  sich,
außer  zu  Geldbeiträgen,  kontraktlich  verpflichteten,  während  der  Dauer  des
Kampfes  keinem  Saalbesitzer  Ringbier  zu  liefern,  der  fortfahren  sollte,  sein
Lokal  zu  Versammlungen  oder  Festen  der  am  Boykott  beteiligten
Verbindungen  herzugeben.
Solcher  Saalbesitzer  gab  es  nun  auch  noch  eine  ansehnliche  Zahl,  so
daß  schon  am  20.  Juni  die  Lokalkommission  im  „Vorwärts"  eine  Liste  von
nicht  weniger  als  56  Versammlungssälen  bekanntgeben  konnte,  die  der
Arbeiterschaft  nach  wie  vor  zur  Verfügung  stünden,  und  ihre  Zahl  mehrte  sich
später  noch.  Aber  es  war  doch  nur  eine  Minderzahl  von  großen  Sälen
darunter,  sodaß  zeitweisederBedarfderArbeiterschaftnachVersammlungssälen
in  der  Tat  nicht  mehr  hinreichend  gedeckt  war.  Wohl  konnten  am  11.  Juli
gleichzeitig  32  allgemeine  Versammlungen  und  am  27.  Juli  ebenso
39  Gewerkschaftsversammlungen  in  Sachen  des  Boykotts  stattfinden,  indes
zeigten  schon  die  für  den  Gesamtbesuch  angegebenen  Ziffern,  daß  die
Mehrheit  der  Versammlungen  nur  in  Sälen  von  mäßigem  Amfang  hatten
tagen  können.
Einer  auf  den  27.  Juni  vom  Verband  der  Gast-  und  Schankwirte
Berlins  einberufenen  Einigungskonferenz  waren  die  Ringbrauereien  ferngeblieben, ­
  weil  sie  von  der  Kommission  des  Verbandes,  der  die  Verhandlungen
leiten  sollte,  Parteinahme  für  die  Arbeiter  befürchteten.  Dagegen  gingen  sie
        <pb n="335" />
        22*

An  die  werktlMige  Bevölkerung  Berlins!

Arbeiter!  PchrLekgenoffen!  Der  Dierboykott
bauert  fort.  Die  Verhandlungen  wegen  Beendigung  desselben ­
  mußten  abgebrochen  werden,  weil  die  Ningbrauercien
eine  Bedingung  stellten,  deren  Annahme  mit  der  Ehre  der
Arbeiterschaft  unvereinbar  ist.  Trotzdem  die  Vertreter
des  Brauerringes  zugeben  mußten,  datz  sie  die  Wirkung
Deß  Boykotts  bitter  empfinden,  hatten  sie  die  Stirn,  zu
fordern,  daß  der  Friedensschluß  ihrerseits  davon  abhängig
gemacht  werde,  dasi  33  Arbeiter  auf  alle  Zeit  auS  den
Betrieben  der  Ningbrauer  ausgeschlossen  bleiben.
Arbeiter!  Parteigenossen!  Ihr  wißt,  daß  am
16.  Mai  d.  I.,  ohne  jeden  Anlaß  seitens  der  betreffenden
Arbeiter.  Hunderte  aufs  Pflaster  geworfen  wurden,  durch
die  Willkür  der  Brauereiprotzen  mit  ihren  Familien  an
den  Rand  des  Elends  gebracht  werden  sollten.  Die
Solidarität  der  Arbeiter  allein  hat  dafür  gesorgt,  daß
die  Absicht  der  Ringbrüder  zu  Schanden  wurde.  Jetzt,
nach  monatelangcr  Aussperrung,  nach  monatelangen
Entbehrungen  sollen  breiunddrtitzig  Arbeiter  dauernd
dem  Elend,  für  immer  der  Erisienzlofigkcit.  dem
langsamen  Zugrundegehen  überliefert  werden.  —
dreittnddreitzig  Mann.  von  denen  nicht  ein  Einziger
Schuld  nn  dem  Boykott  trägt.  —  dreiunddreißig
Arbeiter  von  denen  zwciundzwanzig  vcrheirathct
sind,  die  zweiundvierzig  Kinder  zu  ernähren  haben.
An  der.  barbarischen  Aussperrung  so  vieler  braver,
unschuldiger  Arbeiter  am  16.  Mai  hatte  der  Braucrring
nicht  genug.  Seine  ursprüngliche  Absicht,  mit  jenem  Schlage
vom  16.  Mai  die  Arbeiterorganisationen  zu  vernichten,
tritt  auch,  bei  seinem  neuesten  -Versuch,  klar  zu  Tage.
WcS  konnte  den  33  Arbeitern  nachgesagt  werden  —
welches  Verbrechen  hatten  sie  begangen?  —  Nichts!
—  Sie  waren  sämmtlich  organisirt  und  größtentheilS
jahrelang  in  den  Brauereien  thätig:  eln  großer  Theil
von  ihnen  bekleidete  in  der  Organisation  ein  VertrauenSamt.
  und  sie  haben  nichts  gethan,  als  durch
die  Organisation  für  die  Interessen  ihrer  Arbeitögenossen
  einzutreten
Arbeiter!  Parteigenossen!  Wir  wissen.  daß  wir
in  Eurem  Sinne  gehandelt  haben,  als  wir  dem  ungeheuer.

lichen  Ansinnen  des  Brauerringes  ein  empörtes'  kurzes
Nein  entgegensetzten  und  die  Verhandlungen  abbrachen.
Die  Arbeiter  Berlins  konnten  und  wollten  einen  ehrlichen
Frieden  schließen;  niemals  aber  werden  wir  rrnsereHarid
dazu  bieten,  niemals  werden  die  klassenbewußten,  in  den
Gewerkschaften  und  der  Sozialdemokratie  organisirten
Arbeiter  dulden,  daß  ein  ehrloser  Friede  geschlossen
wird.  Und  ein  ehrloser  Friede  wäre  eS  gewesen,  wenn
wir  auf  die  Bedingungen  unserer  Gegner  eingegangen
wären.
Nun  ist  die  Entscheidung  getroffen.  Von  Neuem
treten  wir  in  den  Kampf  ein.  Der  Boykott  muß  mit
verschärfter  Energie  fortgeführt  werden.  Die  Parole:
Kein  Tropfen  Ringbier!
mich  mit  unwiderstehlicher  Mach!  zur  AnLsührung  gelangen. ­

Arbeit«»!  Parteigenossen!  Ihr  habt  scheu
oft  in  Zeiten  dcr  Noth  und  des  Kampfes  zusammengestanden ­
  und  gezeigt,  waS  Eure  Solidarität  vermag.
Die  Millionen  des  Kapitalistenringes  bleiben  möcht,
los.  wenn  Ihr  geschlossen  zusammenhaltet.
An  Euch  ist  cs.  wieder  einmal  zu  zeigen,  war  die
orgamsirte.  sozialdemokratische  Arbeiterschaft  vermag.  Kie
Arbcllcrschaft  der  ganzen  Welt  sicht  aus  Euch!
Beweist.  Sah  Ihr  dcr  Achtling  Ser  Klnsfcngenossen
würdig  seid!
Jeder  Einzelne  von  Euch  muß  seine  ganz«  Krast
answende»  um  den  Boykott  zur  vollen  Wirkung  zu
bringen.  Wir  fordern  Euch  auf.  mit  verdoppelter  Kraft
Haud  ans  Werk  zu  legen  und  die  zur  Organisation,
Ücbcrwachung  und  Tnrchführnng  de»  Boykott»  ersorderlichei,
  Maßregeln  energisch  zu  unterstützen.
Der  Kamps  ist  uns  ausgezwunge»  worden.  Die
Berliner  Arbeilcrschast  hat  den  Handschuh  aufgeuomme«.
und  sie  wird  den  Kamps  durchführen  bis  zum  Ende!
Arbeiter!  Euer  Klassen«Interesse  nicht  blos.
Eure  Klasse»,Ehre  ist  im  Spiel.  Do  giebt  c»  leinen
andere»  Gedanken  als:  Sieg!

vorwärts  zum  Sieg!  Kein  Hropfen  Hiingöier!  Koch  der  Boykott!
Die  Boykott-Rommission.
R-dakUon  und  Vcrl-gc  H.  Mallulcu.  80.  Wiongelslr.  ILt.  -  Drug:  Maurer  L  Dimmlck.  Sv..  Llifabech-Uler  55.'

161.  Flugblatt  der  Boykott-Kommission.  SituaLionsbericht
        <pb n="336" />
        340

auf  den  Vorschlag  des  Vorsitzenden  am  Berliner  Gewerbegericht,  v.  Schulz,
ein,  vor  diesem  mit  Vertretern  der  Arbeiterschaft  zu  verhandeln.  Doch  führt
diese  Verhandlung,  in  der  die  Ringbrauereien  durch  ihre  Vorsitzenden
M-  Lappoldt  und  R.  Roesicke,  die  Arbeiterschaft  durch  Balduin  Franke
für  die  Gewerkschaftskommission,  Paul  Hilpert  für  die  Brauer,  und,  da
Auer  einen  Arlaub  angetreten  hatte,  durch  Paul  Singer  für  die  politische
Bewegung  vertreten  waren,  zu  keiner  Verständigung.  Die  Ringbrauereien
lehnten  es  nicht  nur  ab,  den  Arbeitsnachweis  der  Brauereiarbeiter
anzuerkennen,  wie  er  nach  der  Aussperrung  von  den  beteiligten  Gewerkschaften
eingerichtet  worden  war,  sie  verweigerten  auch  die  Wiederherstellung  des
Nachweises  in  der  Form,  wie  er  vor  der  Boykotterklärung  bestanden  hatte.
Sonst  bekämen  ja,  so  erklärten  sie,  die  Arbeiter  alles  zurück,  was  sie
vorher  besessen  hätten,  die  Brauereien  aber  keine  Entschädigung  für  die  ihnen
durch  den  Boykott  zugefügten  Verluste.  Mit  anderen  Worten:  die  Arbeiter
sollten  die  Kriegsentschädigung  zahlen.  Darauf  mochten  und  konnten  die
Arbeitervertreter  sich  nicht  einlassen,  und  nach  ziemlich  lebhaften  Auseinandersetzungen ­
  darüber,  wer  den  Krieg  angefangen  habe,  ging  man  unverrichteter
Sache  auseinander.
Der  Krieg  mußte  fortgesetzt  werden,  und  die  Meinung  überwog  auf
seiten  der  Arbeiter,  daß  man  nun  zu  einer  Verschärfung  der  Kriegführung
schreiten  müsse.  Als  solche  erschien  die  Ausdehnung  des  Boykotts  aus
alle  Ringbrauereien,  zumal  die  Aussonderung  der  sieben  früher  genannten
Brauereien  die  anderen  Ringbrauereien  nicht  verhindert  hatte,  mit  jenen
durch  dick  und  dünn  zu  gehen.  Inoffiziell  war  überhaupt  schon  vielfach
auch  gegen  die  übrigen  Ringbrauereien  Boykott  betrieben  worden.  Der
Verein  zur  Wahrung  der  Interessen  der  Gastwirte  hatte  schon  am  22.  Juni
den  Beschluß  gefaßt,  jeden  Gastwirt  auszuschließen,  der  irgendwelches
Ringbier  führe.  Anter  stürmischen  Beifallsbezeugungen  ward  in  allen
32  Versammlungen,  die  am  11.  Juli  stattfanden,  beschlossen,  nun  den
ganzen  Ring  zu  boykottieren,  und  ein  in  anfeuernden  Wendungen  gehaltener
Aufruf  machte  dies  der  Bevölkerung  Berlins  und  der  organisierten  Arbeiterschaft ­
  im  übrigen  Deutschland  bekannt.  Von  nun  an  sollten  sogar  die  Lokale
gemieden  werden,  in  denen  irgendwelches  Ringbier  ausgeschenkt  werde,
Flaschenbier  nur  in  Geschäften  gekauft  werden,  die  kein  Ringbier  verkauften.
„Wir  appellieren",  hieß  es  am  Schluß,  „an  das  Ehrgefühl  aller  klassenbewußten ­
  Arbeiter  und  wissen,  daß  ihre  Solidarität  sich  stärker  erweisen
wird  als  die  Zufallseinigkeit  des  dividendenlüsternen  Anternehmertums."
Mit  dieser  Ausdehnung  des  Boykotts,  so  gab  der  „Vorwärts"  den
Grundgedanken  der  in  den  Versammlungen  gehaltenen  Reden  wieder,  sei
aber  das  Arsenal  der  Arbeiterschaft  noch  nicht  erschöpft;  wenn  es  sich  als
nötig  erweisen  sollte,  würde  sie  „mit  noch  ganz  anderen,  noch  schärfer
wirkenden  Mitteln  dem  Äbermut  der  Bierprotzen  entgegentreten".  And
was  getan  werden  konnte,  das  Wort  zur  Wahrheit  zu  machen,  geschah.
Am  27.  Juli  fanden  39  von  den  Gewerkschaften  veranstaltete  Versammlungen, ­
  am  24.  August  wieder  37  Volksversammlungen  statt,  in  denen  eindringlich ­
  zu  unbeugsamer  Innehaltung  und  unablässiger  Propagierung
des  Boykotts  aufgefordert  wurde,  dazwischen  tagten  große  Frauenversammlungen, ­
  in  denen  den  Frauen  der  Arbeiterklasse  die  Bedeutung  des  Boykotts
auseinandergesetzt  und  seine  Anterstühung  ans  Herz  gelegt  wurde.  And
        <pb n="337" />
        Ausgegeben  &amp;lt;m  8.  Dezember;  3884.

Achtung,  Parteigenossen!
Arbeiter,  Parteigenossen!  Nachstehend  veröffentlichen  wir  die  Liste
derjenigen  Restaurateure  rc.,  welche  kein  boykotiirtes  Vier  schönten.  Es
ist  nun  Ehrensache  eines  jeden  denkenden  Arbeiters,  uns  in  diesem  gerechten
Kampf  zu  unterstützen  und  nur  bei  den  Wirthen  zu  verkehren,  welche  sich
freiwillig  unserer  Kontrolle  unterstellt  haben.  Alle  Gesuche  um  Aufnahme
in  diese  Liste  sind  nicht  an  die  Redaktion  oder  Boykott-Kommission,  sondern
an  die  am  Kopfe  jedes  Wahlkreises  stehenden  Adressen  zu  richten.

1.  AVshlkveis.
Meldungen  nehmen  entgegen:
Äommer,  Grünflr.  21.  Tripke,  Jägerstr.  10.  Wendt,  Claudiusstr.  IS.

Altonaerstr.  17,  Ecke  Schleswiger
  User,  Gruhn.
A»  d.  Schleuse  12,K.  Cwik.
Brücken-Allee  8,  Alex.Lange.
-  32,  O.  Grünhagen.
Brüderstr.  32,  H.  Knaukh.
-  34,  W.  Stamer.
Claudiusstr.  Id,  Wendt.
Cuxhaven  ersir.  4,  Wagner.
-  I  I,  Rofenberg.
Dorotheenstr.37,Ste&amp;gt;nbriick.
.-  40,  Rud.  Urban.
Fischerbrücke  11,  G.  Schulze.
-  14,  A.  Fabig.
-  2b,  Pisst
Fischersir.  29,  Laue.
Flensburgerstr.  18,  Tamm.
Französischeste.  6,  Pälschke.
Friedrichsgracht  lb,  Pintzer.
Friedrichstr.,  N,  3,  Merker.
-  b,  H.  Hahn.
-  20,  Preuß,  sr.  Keller.
-  44,.Röllig.

Friedrichstr.,N.,Sb,Mehner.
°  03.  Jahp.
-  70,  Hunger.
-  02,  C.  Grob.
Grünstr.  13,  P.  Freiberg.
-  2I,Sommer.  sschewsky
Heiligegeiststr.  40,  Matu-Holsteiner
  Ufer  I,  Terpitz.
Holzgartenstr.  5,  Stockfisch.
Jägerstr.  10,  Tripke,
Jüdenstr.  24,  Psitzner.
-  50,  Lehninger.
Kanonierstr.  9,  ö.  Bock.
-  26,  Zieste.
-  26a,  Ecke  Französischeste.,Borths ­

Kleine  Kurstr.  i,  Maschkc.
-  10,  Stobbe.
Klosterstr.  83,  Salzivedel.
-  101,  Hörschlein.
Königstr.  67,  A.  Feistcl.
Kransenstr.  9,  C.  Langseld,
Bierverlag.

Krausenstr.iiRol

sfsFremd.-1.
  sverkehr.

-  55.  C.  Nuppert.
»  71,  Zastrow.
Lesstngsir.  28,  Rickmann.
Mohrenstr.  22,  Carl  Müller.
-  63/64,  Eoerke.
Molkenmarkt  6,  Haase.
Molkenstr.  12,  H.  Gärtner,
Oberwasserstr.  13,  Pujanek.
Pelriplatz  3,  n.  d.  Ralhsw.
C.  Schmidt.
Poststr.  31,  H.  Michel.
Spandauerflr.  8,  Schlenkert.
SlralauerBrückech  Gallasch.
Stralauerstr.  7,A.Mandcll.
-  10,  O.  Russow.
-  12,  Klewitz.
-  13/14,  C.  Koplin.
-  16,  Kreutzberger.
-  58.  Elleste.  ■
Tanbenstr.  10,  E.  Ladner.
-  41,  C.  Dullin.

2.  ÄVshllrLsrs.

Meldungen  nehmen  entgegen:
Grube,  Marieudorftrstr.  5.  Saß,  Markgrafsnstr.  102.  Schouheim,
Gräfestr.  8.  Werner,  Bülowstr.  59.

Alexandrinsnflr.  122,Gauger
Alvenslebsnstr.  10,  Lebrenz.
Arndstr.  14,  Ludwig.
-  34,  E.  Rothe.
-  35,  Hagenow.
Bärwaldstr.  51.  Schröder,
Taubenbörse.
Barutherstr.  5,  Haasel.
Belle  -  Alliance  -  Platz  17,
Markau.
Belle-Alliancestr.71,  Raabs.
-  74,  Kitzing
-  84,  H.  Thiele.

Belle-Alliancestr.  88,  Hülse.
Bergmann-u.Solmsstr.Ecke,
Weise.
Bergmannsir.  95,  Senfs.
-  Ecke  Heimstr.  Reizberg.
-  lOl.Südd.Brauerei,
Kintz  &amp;amp;  Co.
Besselstr.  2,  Meier.
-  14,  Hertel.
Blumenthalstr.  5,  Behrend.
-  6,  Schirmer.
Blücherstr.  16,  NeusiuS.
Boeckhstr.  7,  Singt.

Boeckhstr.  21,  Jacob.
-  36,  Krüger.
-  42,  Krebs.
-  46,  Adolf.
-  49,  Bahlmann.
Boppstr.  4,  Karlhun.
-  5,  Ungerberg.
Bülowstr.  45,  Lewinsky.
-  57,  P.  Güttler.
--  59,  H.  Werner.
-  65,  Richter.
Chamisso-Platz  4.  Jhloff.
Charlottenstr.  97.

162.  Erste  Seite  des  Verzeichnisses  der  Restaurateure,
die  kein  boykottiertes  Bier  schänkten
        <pb n="338" />
        342

wie  schon  auf  dem  Sommerfest  der  Sozialdemokratie  Berlins,  das  am
17.  Juni  im  Müggelschlößchen  bei  Friedrichshagen  gegen  40  000  Menschen
vereinigt  hatte,  Boykottbier  streng  verpönt  war,  so  wurden  auch  andere
Festlichkeiten  der  Arbeiterschaft,  darunter  die  Anfang  September  in  verschiedenen ­
  Wahlkreisen  veranstalteten  Lassallesciern,  streng  „von  Ringbier
rein"  gehalten.  In  der  Arbeiterpresse  wurde  Nummer  für  Nummer  an
hervorragender  Stelle  die  Mahnung  in  Fettdruck  veröffentlicht,  den  Boykott
innezuhalten,  und  der  „Vorwärts"  ließ  kaum  eine  Nummer  vorübergehen,
ohne  durch  scharfe  Artikel  und  Berichte  das  Interesse  für  den  Fortgang
und  die  Wirkung  des  Boykotts  rege  zu  halten.  Für  letzteres  sorgten  auch  die
Preßfehden  zwischen  den  Bierinteressenten  selbst.  Gegen  den  Brauerring
zog  namentlich  ein  Fachblatt,  „Die  deutsche  Brauindustrie",  das
Mittelstandsinteressen  vertrat,  heftig  los  und  lieferte  so  der  gegen  den
Ring  kämpfenden  Arbeiterschaft  viel  Munition.  Die  Zahl  der  Brauereien,
die  sich  der  Zwölferkommission  —  „Bierkommission"  genannt  —  verpflichteten, ­
  „ringfreies"  Bier  zu  liefern,  mehrte  sich  allmählich  bis  auf  18
und  später  19,  worin  die  von  etlichen  süddeutschen  Brauereien  nun  doppelt
eifrig  betriebene  Steigerung  der  Einfuhr  „echten"  Bieres  noch  nicht  einbegriffen ­
  ist.  Allerdings,  Zahl  der  Brauereien  und  Leistungsfähigkeit  der
Brauereien  waren  zwei  sehr  verschiedene  Dinge,  aber  das  Anwachsen  der
Liste,  die  der  „Vorwärts"  Tag  für  Tag  veröffentlichte,  war  doch  geeignet,
die  Geister  zu  ermutigen.  Ebenso  das  Bekanntwerden  der  Tatsache,  daß
der  Llnterstühungsfonds  der  Ringbrauereien  bei  weitem  nicht  ausreichte,  den
an  seine  Leiter  herantretenden  Llnterstiihungsgesuchen  gerecht  zu  werden,  die
von  Gastwirten  einliefen,  denen  der  Boykott  schwere  Schädigung  im  Existenzkampf ­
  gebracht  hatte,  und  daß  überhaupt  in  den  Reihen  der  Gastwirte  die
Llnzufriedcnheit  über  die  Verlängerung  des  Kampfes  ersichtlich  stieg.  Saalbesitzer, ­
  die  ursprünglich  gegen  die  Arbeiterschaft  Stellung  genommen  hatten,
suchten  nun  Fühlung  mit  deren  Vertrauensleuten  und  drängten  zur  Wiederaufnahme ­
  der  Friedensverhandlungen.
Es  kam  denn  in  der  Tat  am  29.  September  zu  einer  erneuten  Verhandlung ­
  unter  dem  Vorsitz  des  Gastwirts  Feuerstein,  an  der,  neben  den
Vertretern  der  Arbeiterschaft  und  denen  der  Ringbrauereien,  auch  der  Vorsitzende ­
  der  Kommission  der  Saalbesitzer,  Lubertus  Jakobi,  teilnahm.  Die
Boykottkommission  der  Arbeiterschaft  hatte  Auer  und  Singer,  sowie
Hilpert,  Gumpel,  Bock,  Mattutat  und  Millarg  entsandt,  die  Ringbrauereien
  waren  durch  die  Direktoren  E.  Finke  (Schultheiß),  K.  Goldschmidt ­
  (Patzenhofer),  Gregory  (Adler)  und  B.  Knoblauch  (Böhm.
Brauhaus)  vertreten.  Richard  Roesicke  hatte  im  Hinblick  auf  die  gegen
seine  Person  mit  besonderer  Schärfe  gerichteten  Angriffe  die  Beteiligung
abgelehnt.
Die  Verhandlungen  dauerten  an  jenem  Tage  über  fünf  Stunden,
worauf  ihre  Wetterführung  für  eine  spätere  Zusammenkunft  vertagt  wurde.
Es  waren  bei  ihnen  die  Vertreter  der  Arbeiter  in  einer  viel  schwierigeren
Lage,  als  die  der  Brauereien.  Konnten  sie  es  sich  doch  nicht  verhehlen,
daß,  je  länger  der  Boykott  dauerte,  die  Opfer  für  die  Arbeiterschaft  immer
drückender  wurden.  Die  zur  Ehrenpflicht  erhobene  Unterstützung  der  ausgesperrten ­
  Brauereiarbeiter  verschlang  größere  Summen,  als  die  Arbeiterorganisationen ­
  bei  ihrem  damaligen  Stand  —  in  Berlin  waren  noch  nicht
        <pb n="339" />
        An  die  Zimmerer  Berlins

und  Umgegend!

"SEH«?

Werthe  Kameraden!
Abermals  sind  wir  gezwungen,  ein  ernstes  Worl  mil  Euch  zu  reden.  Ihr  Alle  wißt,  daß  der
Branerciring  Hunderte  neu  unschuldigen  Arbeitern  miss  Pflaster  geworfen  hat.  Ihr  wißt  ferner  die  Ursachen,
durch  welche  dieser  Kampf  entstanden  ist,  Ihr  kennt,  auch  die  Beschlüsse  der  Berliner  Arbeiterschaft,  die  durch
das  brutal-  Vorgehen  der  Brauereiprotzen  nothwendig  wurden,  sollten  nicht  die  unschuldig  brotlos  gemachten
Brauereiarbeiter  gezwungen  sein  um  Gnade  zu  betteln.
Darum  frage  sich  nun  ei»  Jeder:  „hast  Du  die  Beschlüsse  der  Berliner  Arbeiterschaft,  in  deren
Kette  auch  Du  ein  Glied  bildest,  richtig  gehalten?"  „hast  Du,  seitdem  der  Boykott  über  die  Brauereien  verhängt
wurde,  auch  denselben  streng  durchgeführt?"  Ein-  groß-  Anzahl  der  Zimmerer  wird  dies  nüt  „Nein"  beantworten ­
  müssen.
?  ArbeiiSgenossen!  Ungeheure  Borwürfe  haben  die  letzten  37  Volksversammlungen  den  Bauarbeitern,
also  auch  den  Zimmerern  gemacht.  Wollt  Ihr  nun  diese  Vorwürfe  so  ruhig  hinnehmen?  Wollt  Ihr  noch
länger  theilnahnislos  diesem  Kassenkampfe  zusehen,  und  die  Stellung  aufgeben,  die  Ihr  bisher  in  der  Arbeiterbewegung ­
  eingenommen  habt?  Bedenkt,  daß  das  Vergehn  jedes  Einzelnen  eine  Schmach  für  die  Gesammtheit
der  Zimmerer  Berlins  ist,  und  können  die  Mittel,  die  heute  von  der  Kapitalistenbrut  gegen  die  Brauereiarbeiter
  und  deren  Organisation  angewandt  werden,  auch  nicht  einmal  gegen  Euch  zur  Geltung  kommen?
Schon  heute  seid  Ihr  der  Launenhaftigkeit  Eurer  Ausbeuter  unterworfen,  wagt  Ihr  nur  die  geringste
und  doch  so  berechtigte  Widerrede,  so  fliegt  Ihr  hinaus,  aufs  Pflaster.  Keiner  kümmert  fich  darum,  wo
Ihr  Brot  für  Eure  Familien  hernehmt.  Sollte  es  deshalb  wohl  möglich  fein,  daß  Ihr  dem  jetzt  tobenden
Kampfe  fo  wenig  Beachtung  schenkt?  Da  doch  der  Feind  Eurer  auSgesverrten  Genossen  auch  Euer  Feind
ist.  Geloben  wir  uns  deshalb  heute  von  Neuem,  de»  Boykott  streng  durchzuführen:
Keiner  betrete  die  Schwelle  eines  Wirthes,  welcher
Ringbier  schäntt.  Keiner  trinke  Bier  auf  Bauten  und
Plätzen  von  boykottirten  Brauereien.
Bei  Richtefesten,  und  anderen  derartigen  Anlässen,  dars  Keiner  auch  nur  einen  Tropfen
Ningbicr  trinken,  hier  sei  Jeder  aus  dem  Posten,  hier  sei  einer  des  andern  Kontrolleur,  dann  wird  auch
die  Macht  des  Brauereirings  gebrochen  und  den  Arbeiter»  zu  ihrem  Rechte  verholfen  werden.
Es  ist  nicht  schwer  Kamraden  dieses  streng  iinie  zu  halten,  uns  zwingt  Keiner  und  kann  Keiner
zwingen  gegen  dis  Beschlüsse  der  Arbeiterschaft  zu  handeln.  Darum  Hand  aufs  Herz.  Zeigt,  daß  Ihr  wollt.

VE"  Hoch  die  Solidarität!  "HW

Ter  Vertrauensmann.

Redaktion  und  Verlag:  Theodor  Fischer,  Berlin  N.,  Dunterstr.  4.  —  Druck:  M.  Schrrnner,  Brunnenltr.  ttlt.

163.  Mahnung  zur  strikteren  Durchführung  des  Boykotts
        <pb n="340" />
        344

viel  mehr  als  10  Prozent  der
beschäftigten  Arbeiter  organisiert ­
  —  auf  die  Dauer  aufbringen ­
  konnten,  ohne  daß
ihre  eigene  Aufgaben  darunter ­
  litten.  Das  gleiche
war  der  Fall  mit  der  Beschränkung ­
  des  Verkehrs
und  der  Versammlungen
aus  die  „ringfreien"  Lokale.
Mit  Eintritt  des  Spätherbstes ­
  war  wirkliche  Lokalnot ­
  zu  gewärtigen.  Lind
dabei  herrschten  trotzdem  bei
einem  großen  Teil  der  sozialistischen ­
  Arbeiterschaft,  die
sich  selbst  den  Llnannehinlichkeiten
  des  Boykotts  mit
wahrhaft  stoischem  Opfermut ­
  unterwarf,  die  weitgehendsten ­
  Vorstellungen
über  die  zunehmende  Verbesserung ­
  seiner  Aussichten.
Llnter  anderem  von  den  am
Boykott  interessierten  Brauereien ­
  und  deren  Agenten
geflissentlich  genährt,  durften
sie  nicht  öffentlich  widerlegt
werden;  es  wäre  Wasser
auf  die  Mühle  der  Ringbrauereien  und  der  Aufgabe,  ihnen  Zugeständnisse ­
  abzuringen,  im  höchsten  Grade  verderblich  gewesen.  Eine  demokratische ­
  Massenpartei  kann  selbst  im  Kampf  ihre  Angelegenheiten  nicht
samt  und  sonders  hinter  verschlossenen  Türen  erledigen,  wie  das  die
paar  Dutzend  Direktoren  der  Ringbrauereien  jederzeit  vermochten.  Diese
letzteren  hatten  im  Kampf  Solidarität  üben  gelernt.  Durch  Vertrag,  den  sie
streng  einhielten,  hatten  sie  für  die  Dauer  des  Boykotts  jede  Konkurrenz
unter  sich  ausgeschlossen  und  ebenso  entschlossen  waren  sie  nun,  der
Kommission  der  Arbeiter  kein  Zugeständnis  zu  machen,  durch  das  sie  vor
ihren  Arbeitern  als  Besiegte  erschienen  wären.  Auer  und  Singer,  neben
denen  bei  dieser  Verhandlung  von  Delegierten  der  Arbeiter  nur  der  Vertreter ­
  der  Braucreiarbeiter  Lilpert  gelegentlich  das  Wort  nahm,  suchten
mit  großem  Geschick  für  die  Arbeiter  zu  erwirken,  was  nur  irgend  den
Brauereien  abzuringen  war.  Sie  ließen  die  Forderung  der  Entschädigung
der  Ausgesperrten  für  den  Lohnverlust,  die  höchstens  der  Sieger  dem
Besiegten  aufdiktieren  konnte,  ganz  fallen  und  die  Forderung  des  1.  Mai
als  Ruhetag,  nachdem  die  Brauereien  sie  entschieden  abgelehnt  hatten,
zunächst  auf  sich  beruhen,  um  desto  zäher  die  grundlegenden  Forderungen
zu  verfechten:  Anerkennung  der  Organisationen  der  Arbeiter,  Verpflichtung
auf  Vereinbarung  eines  Arbeitsnachweises  mit  den  organisierten  Arbeitern  und

-er  v-berschuft  wird  der  B-yllott-Aomniisston  für  di,  aurgrsperrlen
Krauerei-Arbeiter  überwiesen.

164.  Titelblatt  eines  Spottgedichtes  aus  die
Ringbrauereien
        <pb n="341" />
        345

Wiedereinstellung  der
ausgesperrten  Arbeiter.
Aber  nur  das  erste  davon
ward  von  den  Brauereien
bedingungslos  zugegeben. ­
  Bezüglich  des  Arbeitsnachweises ­
  verlangten ­
  sie,  daß  von  vornherein
ihnen  das  Recht  zugestanden ­
  werde,  unter  den
ihnen  vom  Arbeitsnachweis ­
  zugewiesenen  Arbeitern ­
  „nach  eigenem
Ermessen"  Auslese  zu
treffen,  und  von  dem  Anspruch ­
  auf  Wiedereinstellung ­
  sollten  solche
Arbeiter  ausgenommen
werden,  welche  sich  besonders ­
  aufsässig  benommen  und  während  des  Boykotts  die  Brauereien
noch  besonders  zu  schädigen  versucht  hätten,  hartnäckig  stritt  man  von
hüben  und  drüben  stundenlang  um  dieses  Recht  des  „Siebens",  die
beiden  erfahrenen  Arbeitervertreter  boten  alles  auf,  es  in  dem  Fall
der  Ausgesperrten  wenigstens  einzuengen  und  in  der  Frage  des  Arbeitsnachweises ­
  die  Entscheidung  der  direkten  Vereinbarung  zwischen  den
Brauereien  und  den  organisierten  Brauereiarbeitern  vorzubehalten.
Aber  die  Brauherren  waren  in  diesen  Punkten  nicht  herumzubekommen.
So  mußte  denn  schließlich  die  Verhandlung,  über  die  alsdann  ein
stenographisches  Protokoll  herausgegeben  wurde,  vertagt  werden.  In  der
Zwischenzeit  sollten  die  Brauereileitungen  eine  Liste  derjenigen  Arbeiter  zusammenstellen, ­
  die  nach  ihrer  Meinung  den  Anspruch  auf  Wiedereinstellung ­
  verwirkt  hätten,  und  die  Vertreter  der  Arbeiter  sich  mit  ihren  Mandatgebern ­
  über  die  beiderseitigen  Zugeständnisse  ins  Einvernehmen  setzen.
Das  letztere  ging  nicht  ohne  heftiges  Auseinanderplatzen  der  Geister
ab.  Diejenigen,  welche  den  wahren  Stand  der  Dinge  nicht  übersehen  konnten
oder  durch  Sonderinteressenten  beeinflußt  waren,  fanden,  daß  Auer,  Singer
und  Kollegen  bei  der  Verhandlung  den  Unternehmern  viel  zu  weitgehende
Zugeständnisse  gemacht  hätten,  und  namentlich  in  einer  Versammlung  der
ausgesperrten  Brauereiarbeiter  ging  es  bös  über  die  Arbeiterdelegation  her.
Als  Wortführer  der  Opposition  trat  der  Brauereihilfsarbeiter  Schneider
auf,  der  bei  seinen  Angriffen  selbst  vor  groben  Verdächtigungen  der
Motive  der  Delegationsmitglicdcr  nicht  zurückschreckte.  Alle  Aufklärungen
Gerischs  vom  Partcivorstand  und  des  Gcwerkschaftssekretärs  Faber
konnten  die  Geister  nur  vorübergehend  beruhigen.  Eine  von  Schneider
beantragte  Resolution,  die,  wenn  nicht  ausdrücklich  in  der  Form,  so  doch
in  der  Sache  ein  Mißtrauensvotum  gegen  die  Delegierten  bedeutete,  und  nach
der  die  Ausgesperrten  erklärten,  „eher  auf  jeden  Pfennig  Unterstützung  zu
verzichten,  als  von  einzelnen  Forderungen,  wie  die  Anerkennung  ihres  (in
der  Zwischenzeit  eingerichteten)  Arbeitsnachweises  und  die  bedingungslose

165.  Illustration  aus  „Die  Bierprotzen"
        <pb n="342" />
        —  346  -
Wiedereinstellung  der  Ausgesperrten  Abstand  zu  nehmen",  wurde  mit
großer  Mehrheit  angenommen.
Auf  Grund  dieser  Weisung  sollten  die  Kommissionsdelegierten  bei  der
nächsten  Zusammenkunft  mit  den  Unternehmern  verhandeln.  Oder  vielmehr
nicht  verhandeln,  denn  daß  der  Brauerring  auf  die  so  gestellten  Forderungen
nicht  eingehen  würde,  stand  von  vornherein  fest.  In  der  Tat  waren  die
Brauherren  nicht  weniger  verbissen  als  ihre  ausgesperrten  Arbeiter  und
machten  ihrerseits  deren  Fehler  wett.  Als  die  Bevollmächtigten  der
streitenden  Parteien  am  13.  Oktober  zur  Fortsetzung  der  Verhandlungen
wieder  zusammentraten,  eröffneten  die  Vertreter  des  Ringes  den  Delegierten
der  Arbeiter,  daß  von  den  Ausgesperrten,  die  noch  keine  Arbeit  gefunden
halten,  33  auf  einer  Liste  namhaft  gemachte  Arbeiter  und  von  denen,  die
einstweilen  anderweitig  Beschäftigung  angenommen  hatten,  noch  5  bis  6
in  den  Ningbrauereien  überhaupt  nicht  wieder  Arbeit  finden  sollten.  Das
machte  den  Arbeitervertretern  die  Antwort  leicht.  Singer  und  nach  ihm
Auer  erklärten  ohne  weiteres,  daß  sie  unter  keinen  Amständen  diese  Proskriptionsliste ­
  gutheißen  würden.  Was  ihnen  damit  zugemutet  werde,  sagte
Singer,  sei  „kein  ehrlicher,  sondern  ein  ehrloser  Friede",  und  Auer  erklärte,
er  würde  es  als  Verletzung  seiner  Ehre  betrachten,  im  Namen  der  Arbeiter
Vorschläge  dieser  Art  in  Betracht  zu  ziehen.  Noch  während  er  sprach,
füllte  sich  das  Beratungszimmer  mit  ausgesperrten  Brauereiarbeitern,  die
um  jeden  Preis  den  Verhandlungen  beiwohnen  wollten.  Das  gab  dem
Brauereidirektor  Goldschmidt  Anlaß,  in  Anknüpfung  an  die  Bemerkung
Singers,  er  für  seine  Person  wünsche,  daß  die  Verhandlungen  nunmehr
abgebrochen  würden,  dasselbe  von  seiner  Seite  zu  erklären.  So  ging  man
unverrichteter  Sache  auseinander.
Aufs  neue  waren  damit  Flugblattverbreitung,  Masienversammlungen
und  sonstige  Agitation  für  den  Boykott  an  der  Tagesordnung.  Es  ward
nichts  unterlassen,  den  Mut  der  Kämpfenden  zu  beleben.  Als  die  Jahresabschlüsse ­
  der  Ringbrauereien  Rückgang  der  Dividenden  zeigten;  als  Anfang
November  ein  in  Dresden  geführter  Boykott  gegen  die  dortige,  mit  dem
Schultheißunlernehmen  verbundene  Waldschlößchenbrauerei  einen  günstigen
Abschluß  fand;  als  Mitte  November  bekannt  wurde,  daß  die  Saalbesitzer
von  neuem  an  den  Brauerring  mit  der  Bitte  um  Beendigung  des
Kampfes  herangetreten  waren,  da  ward  aus  alledem  das  Beste  für  die  erfolgreiche ­
  Durchführung  des  Boykotts  herausgelesen.  Aber  die  Opfer,
welche  die  Arbeiterschaft  zu  tragen  hatte,  wurden  darum  nicht  geringer.
Immer  mehr  Gewerkschaften  sahen  sich  in  ihrer  Aktionskraft  gelähmt,  schon
war  es  vorgekommen,  daß  für  Zusammenkünfte  keine  passenden  Lokale  hatten
beschafft  werden  können,  und  am  politischen  Horizont  war  als  Erbe  des
preußischen  Ministers  Eulenburg  die  Amsturzvorlage  vom  Spätherbst  1894
aufgetaucht,  für  deren  Bekämpfung  die  sozialistische  Bewegung  die  Konzentrierung ­
  aller  Kräfte  und  die  Befreiung  aus  den  Fesseln  der  Saalsperre
dringend  brauchte.
Da  trat  ein  neuer  Vermittler  auf  den  Plan  in  der  Person  des
Magistratsassessors  Dr.  Freund,  der  als  Vorsitzender  der  Invaliditätsund ­
  Altersversicherungsanstalt  Berlin  und  des  Zentralvereins  für  Arbeitsnachweis ­
  oft  mit  Vertretern  der  organisierten  Arbeiter  zu  tun  hatte  und
damals  auch  sich  einer  gewissen  Beliebtheit  bei  ihnen  erfreute.  Freund
        <pb n="343" />
        Werthe  Genossen!

Wie  Ihnen  durch-Versammlungen  und  Presse  bekannt  sein  dürste,  liegen  die  hiesigen  Parteigenossen ­
  im  schweren  Kampfe  gegen  das  Brauerei-Kapital.
Die  Brauerei-Protzen  haben  sich  veranlasst  gefühlt,  als  die  Böttcher,  auf  ihre  gute  Organisation
sich  verlassend,  den  i.  Mai  als  Feiertag  forderten,  ca.  300  Böttcher  ohne  weiteren  Grund  über  eine
bestimmte  Zeit  auszusperren.  Als  hierauf  über  eine  Brauerei  der  Boykott  von  den  Rixdorfer  Parteigenossen
verhängt  wurde,  fand  von  den  Brauerei-Protzen  am  16.  Mai  die  Aussperrung  von  540  Brauerei-Arbeitern
in  sämmtlichen  Berliner  Brauereien  statt,  ohne  dass  ein  weiterer  Grund  vorhanden  war,  als  dass  die
organisirten  Brauerei-Arbeiter  die  Böttcherarbeit  nicht  machen  wollten.  Als  einziger  Grund  ist  nur  anzunehmen, ­
  dass  die  Organisation  der  Brauerei-Arbeiter,  auf  Grund  welcher  bereits  etwas  bessere  Verhältnisse
geschaffen  waren,  den  Brauerei-Protzen  ein  Dorn  im  Auge  war  und  dieselben  nur  auf  den  geeigneten
Moment  warteten,  um  derselben  den  Todesstoss  zu  geben.
Parteigenossen!  Diese  840  unschuldigen  durch  die  Herrschsucht  der  Brauerei-Kapitalisten  auf
das  Strassen  pflaster  geworfenen  Arbeiter  sind  bis  jetzt,  soweit  dieselben  nicht  anderweitig  Arbeit  gefunden
haben,  von  der  Berliner  Arbeiterschaft  unterstützt  worden.  Circa  80000  Mk.  wurden  bereits  für  den
Kampf  zwischen  Arbeit  und  Kapital  geopfert.  Da  nun  dieser  Kampf,  dessen  Bedeutung  nur  durch  den  Ausdruck
„Klassenkämpf“  bezeichnet  werden  kann.  seinem  Ende  voraussichtlich  noch  nicht  entgegengeht,  die  Mittel
zur  Unterstützung  der  unschuldig  gemassregelten  Arbeiter  jedoch  nicht  mehr  ausreichen,  richten  wir  das
Ersuchen  an  alle  Parteigenossen,  uns  doch  mit  Mitteln  unterstützen  zu  wollen.
Parteigenossen!  Die  Opferwilligkeit  der  Berliner  Arbeiter  ist  eine  grosse,  ca.  80000  Mark  sind
bis  jetzt  aufgebracht  und  verbraucht  worden,  um  die  Ausgesperrten  vor  dem  Verhungern  zu  schützen.  Noch
440  Ausgesperrte  mit  520  Kindern  müssen  unterstützt  werden.  Wir  apelliren  an  Ihr  Solidaritätsgefühl  und
erwarten,  Soviel  es  Dinen  möglich  ist,  zur  Unterstützung  der  Ausgesperrten  beitragen  zu  wollen,  bis  der
Uebermuth  der  Brauerei-Kapitalisten  gebrochen  ist,  denn  nur  ein  endgültiger  Sieg  kann  zum  Ziele  führen.
Geldsendungen  würden  Sie  entweder  an  die  Redaktion  des  „Vorwärts“  (Berliner  Volksblatt),
Beuthstrasse  2  oder  an  die  unterzeichnete  Adresse  zif  richten  haben.

Die  Kommission
der  Brauer  und  Brauerei-Hifsarbeiter

I.  A.:  Fr.  Eiermann
Berlin  O.,  Blumenstr.  38  (Restaurant  Wiedemann).

166.  Zirkular.  Aufforderung  zur  materiellen  Unterstützung  der
ausgesperrten  Brauereiarbeiter

Hatte  dem  Vorsitzenden  des  Vereins  der  Ringbranereien  Roesicke  bei  der
Ausarbeitung  eines  Statuts  für  einen  neuen  Arbeitsnachweis  im
Brauereigewerbe  Beistand  geleistet,  der  mit  Rücksicht  auf  einen  dem  Boykott
ferngebliebenen  und  an  Mitgliederzahl  stark  gewachsenen  Verein  von
Brauergehilfen  von  vornherein  paritätisch  geplant  war,  und  Roesicke
hatte  seine  Kollegen  im  Brauerring  dafür  gewonnen,  in  der  Frage  des
Arbeitsnachweises  auch  den  durch  die  Boykottkommission  vertretenen
        <pb n="344" />
        348

Brauereiarbeitern  weitgehende  Zugeständnisse  zu  machen.  Schon  in  den
Tagen  zwischen  den  Verhandlungen  vom  29.  September  und  13.  Oktober
hatte  am  8.  Oktober  in  der  Wohnung  des  Saalbesitzers  Feuerstein  und
unter  dessen  Vorsitz  eine  vertrauliche  Besprechung  über  die  Frage  des
Arbeitsnachweises  zwischen  drei  Direktoren  des  Brauerrings  —  Dr.  Goldschmidt, ­
  Dr.  Kaskel  und  Richard  Roesicke  —  und  Dr.  Freund  einerseits
und  fünf  Mitgliedern  der  Boykottkommission  —  Auer,  Lilpert,  Millarg,
Singer,  Tröger  —  anderseits  stattgefunden,  und  man  war  da  fast  über
alle  wesentlichen  Punkte  zu  einer  Verständigung  gelangt.  Mit  der  Vollmacht, ­
  die  dort  in  Aussicht  gestellten  Zugeständnisse  nun  definitiv  zu  machen,
waren  die  Vertreter  des  Rings  zur  Verhandlung  vom  13.  Oktober
gegangen,  wo  es  aber,  wie  oben  geschildert,  infolge  des  Präsentierens  der
Ächtungsliste  gar  nicht  erst  zur  Besprechung  dieses  Punktes  kam.  Indes
fiel  die  Angelegenheit  des  Arbeitsnachweises  nicht  zu  Boden.  Es  spricht
für  den  Weitblick  Roesickes,  der  nun  mit  Dr.  Freund  weiter  an  dem
Statut  des  von  ihm  und  seinen  Kollegen  geplanten  paritätischen  Arbeitsnachweises ­
  arbeitete,  daß  er  zwar  bei  dessen  Formulierung  nur  Vertreter
des  arbeitswilligen  —  oder,  wie  er  damals  genannt  wurde,  „blauen"
Brauergehilfenvereins  heranzog,  aber  es  doch  planmäßig  für  die  Vertretung ­
  aller  Brauereiarbeiter  einrichtete.  Der  Arbeitsnachweis  sollte
von  einem  gleichmäßig  aus  Vertretern  der  Unternehmer  und  der  Arbeiter
zusammengesetzten  Kuratorium  geleitet  werden,  ferner  sollte  den  Antcrnehmern
  zwar  das  Recht  der  Zurückweisung  ihnen  vom  Arbeitsnachweis
überwiesener  Arbeiter  zustehen,  sie  sollten  aber  verpflichtet  sein,  auf  Verlangen ­
  dem  Kuratorium  die  Gründe  der  Zurückweisung  anzugeben  und
vor  ihm,  das  sich  in  diesem  Fall  durch  Wahl  eines  unparteiischen  Obmanns
als  Schiedsgericht  zu  konstituieren  habe,  den  Beweis  für  ihre
Behauptungen  zu  erbringen.  Im  Laufe  des  Monats  Dezember  wurden
die  Beratungen  über  das  Statut  zu  Ende  geführt,  und  Dr.  Freund,  den
Roesicke  veranlaßt  hatte,  das  Amt  des  Obmanns  zu  übernehmen,  erhielt
von  den  Leitern  des  Ringbrauereien-Vereins  noch  die  Zusicherung,  daß
schon  bei  der  ersten  Wahl  der  Beamten  des  Arbeitsnachweises  auch  die
ausgesperrten  Arbeiter  gleiches  Wahlrecht  haben  sollten,  falls  bis  dahin  das
„normale  Verhältnis"  wiederhergestellt,  das  heißt  der  Boykott  aufgehoben
sei.  Auch  sollte  es  den  33  als  „unannehmbar"  bezeichneten  Arbeitern  freigestellt ­
  werden,  sich  nach  Konstituierung  des  Arbeitsnachweises  in  dessen
Listen  eintragen  zu  lassen,  womit  in  jedem  einzelnen  Fall  die  Abweisung
vor  das  Schiedsgericht  gebracht  werden  konnte.  Mit  alledem  ausgestattet,
trat  Dr.  Freund  am  22.  Dezember  an  die  Boykottkommission  der  Arbeiter
heran,  die  sich  noch  einige  Zusicherungen  betreffs  Wicderanstellung  von
Ausgesperrten  geben  ließ,  im  übrigen  aber  sich  mit  dem  Statut  rückhaltlos
einverstanden  erklärte.  Sie  sehte  dann  ein  Protokoll  auf,  das  am  24.  Dezember
vormittags  von  den  Brauereidirektoren  angenommen  und  am  gleichen  Tage
nachmittags  5  Ahr  von  Paul  Singer,  als  dem  Bevollmächtigten  der
Kommission,  und  Richard  Roesicke,  als  Bevollmächtigten  der  Ringbrauereien, ­
  vor  Dr.  Freund  unterzeichnet  wurde.  In  seiner  Weihnachtsnummer ­
  vom  25.  Dezember  1894  konnte  der  „Vorwärts"  der  Berliner
Arbeiterschaft  die  Kunde  von  der  getroffenen  Friedensabmachung  und  dem
Wortlaut  des  Friedensprotokolls  mitteilen,  mit  dem  Zusatz,  daß  die
        <pb n="345" />
        349

Arbeiter  selbst  nunmehr  in
noch  einzuberufendenVolks-Versammlungen
  dieses  gutzuheißen ­
  hätten,  bevor  der
Friede  proklamiert  werde.
Bei  weitem  nicht  alle
Arbeiter  nahmen  diese  Mitteilung ­
  als  eine  Weihnachtsgabe ­
  entgegen.  Eine
starke  Minderheit  fand  die
Zugeständnisse  durchaus  ungenügend, ­
  und  sie  ward  in
dieserEmpfindung  nochdurch
die  Hetzereien  von  Leuten  bestärkt, ­
  die  an  der  Fortsetzung
des  Krieges  ein  geschäftliches
Interesse  hatten.  Schon  in
der  Versammlung  der  ausgesperrten ­
  Brauer  und  Brauereihilfsarbeiter,  in  der  am  27.  Dezember  Paul
Singer  die  Friedensabmachungen  verlas  und  ihre  Bedeutung  darlegte,  machte
sich  lebhafte  Opposition  geltend,  deren  Lauptwortführer  wieder  der  Brauereiarbeiter ­
  Schneider  war;  indes  ward  es  Singer  nicht  schwer,  die  gegen
den  Friedensabschluß  vorgebrachten  Einwände  zu  entkräften,  und  so  wurden
zwei  gegen  den  Abschluß  gerichtete  Resolutionen,  die  von  Brauern  beantragt ­
  waren,  schließlich  abgelehnt.  Nicht  minder  heiß  ging  es  in  der
Mehrzahl  der  16  Volksversammlungen  zu,  die  auf  den  folgenden  Abend,
den  28.  Dezember,  einberufen  waren,  um  über  die  Friedensabmachungen  zu
beschließen.  In  verschiedenen  davon  sah  es  zeitweilig  so  aus,  als  ob
sich  eine  Mehrheit  gegen  den  Vorschlag  der  Boykottkommission  erklären
werde,  und  in  einer  —  Charlottenburg  —  ward  dieser  in  der  Tat  mit
kleiner  Mehrheit  abgelehnt,  während  im  ersten  Wahlkreis  und  in  Nixdorf
nach  heftigen  Debatten  die  Beschlußfassung  auf  einen  folgenden  Abend  vertagt ­
  wurde.  Kein  Vorwurf,  fast  keine  Verdächtigung  blieb  den  Mitgliedern
der  Kommission  erspart.  „Icberrumpelt"  und  „heimliche  Abkartung"  war
noch  das  geringste,  was  ihnen  vorgeworfen  wurde.  Die  Friedensbedingungen
wurden  als  „wertlos",  als  Protokollierung  der  „Niederlage"  der  Arbeiter,
das  Friedensprotokoll  als  ein  „Wisch"  bezeichnet.  Die  Bedingungen  seien
das  Papier  nicht  wert,  worauf  sie  ständen,  das  Statut  des  Arbeitsnachweises ­
  ward  als  „Lockspeise  für  die  Ausgesperrten"  als  „hinterhältig"  und  dergleichen ­
  hingestellt.  Selbst  Rufe  wie  „Verrat"  und  „Judasse"  fehlten  nicht,
und  bitter  ward  den  ausgesperrten  Brauern  verargt,  daß  sie  sich  von  ihrem
Widerspruch  gegen  den  Friedensschluß  hätten  abbringen  lassen.  Indes  die
Referenten  —  Augustin,  Auer,  Faber,  R.  Fischer,  Pansen,  Kiesel,  Ledebour,
Mattutat,  Millarg,  Näther,  Pfannkuch,  Rob.  Schmidt,  Singer,  Täterow,
Vogtherr,  G.  Wagner  und  Zubeil  —  blieben  denen,  die  so  sprachen,  die  Antwort ­
  nicht  schuldig.  Sie  gaben  ihnen  ein  ungeschminktes  Bild  vom  Stand
der  Dinge,  wiesen  nach,  daß  bei  den  gegebenen  Machtverhältnissen  an  eine
Besiegung  der  Ringbrauereien,  die  diese  zur  bedingungslosen  Unterwerfung
notigen  würde,  nicht  zu  denken  und  infolgedessen  auch  eine  Verlängerung

)n  der  letzten  Zusammenkunft  der  ringfreien  Brauereien
wurde  folgender  Beschluß  gefaßl:
Oie  Commission  der  Brauereiarbeiler  wird  beauftragt,
feftjustrllen.  ob  sämmtliche  ringfreien  Brauereien  die  im
September  festgestellten  Betrieb-,  und  Wohnbedingungen  in
ihren  Betrieben  eingeführt  Hadem  Sollten  sich  Brauereien
finden,  in  denen  die-  nicht  geschehen  ist,  so  hat  die  Braurrclardelter-Lomiuisswn
  der  6otikoll  -  Commission  Bericht
■ji,  erstatten.
Nie  GmjNott-ttoinmifsion  ist  ermächtigt,  nach  Fest,
stellung  der  thatsächlichen  Verhältnisse,  wenn  nöthig,  den
betreffenden  Brauereien  eine  christ  von  acht  Tage»  zur
Einführung  dieser  Bedingungen  zu  stellen  und,  fall-  diese
Bedingungen  dann  noch  nicht  erfüllt  werden,  die  Brauereien
aus  der-  Liste  der  ringfreien  Brauereien  auszuscheiden  und
diese  dann  zu  boijlioUirm.

167.  Kontrollebeschluß
        <pb n="346" />
        350

des  Boykotts  ins  endlose  ganz  und  gar  nicht  im  Interesse  der  Arbeiterbewegung ­
  gelegen  sei,  und  warnten  davor,  den  Einbläsereien  der  an  der
Fortsetzung  des  Boykotts  interessierten  Geschäftsleute  Glauben  zu  schenken.
Etwas  später  erklärte  Friedrich  Engels  in  einem  Brief,  den  der  „Vorwärts"
im  Auszug  abdruckte,  die  englischen  Arbeiter  würden  bis  an  die  Decke  der
Paulskirche  springen,  wenn  sie  einen  Arbeitsnachweis  zugebilligt  erhielten,
wonach  Unternehmer  die  Abweisung  eines  ihnen  vom  Nachweis  zugesandten
Arbeiters  vor  einem  Schiedsgericht  zu  rechtfertigen  hätten.  In  dreizehn
von  den  sechzehn  Versammlungen  schlugen  denn  auch  die  Gründe  der
Boykottkommission  durch,  mit  meist  überwältigend  großen  Mehrheiten  wurden
die  Friedensabmachungen  gutgeheißen,  und  in  der  Nummer  des  „Vorwärts"
vom  29.  Dezember  ward  das  Ende  des  Bierboykotts  mit  folgender  Bekanntmachung ­
  angezeigt:
„Auf  Grund  der  in  den  gestrigen  Volks-Versammlungen  gefaßten
Beschlüsse  ist  der
Bierboykott  für  Berlin  und  Amgegend  aufgehoben.
Parteigenossen!  Nach  achtmonatlichem  Ringen  hat  der  uns  durch
das  Anternehmertum  aufgezwungene  Kamps  einen  für  uns  höchst  ehrenvollen ­
  Abschluß  gefunden.  Dieser  Ausgang  ist  einzig  der  kraftvollen
Tätigkeit  der  organisierten  Arbeiter  Berlins  zu  danken,  ohne  deren
unermüdliche  Arbeit  und  hingebenden  Opfermut  es  nicht  möglich  gewesen
wäre,  den  Boykott  so,  wie  geschehen,  durchzuführen  und  zu  beenden.
Genossen!  Wir  halten  uns  für  verpflichtet,  allen,  die  uns  in  diesem
Kampfe  so  erfolgreich  unterstützt  haben,  im  Namen  der  Partei  hierfür
zu  danken.  Wir  haben  die  Aberzeugung,  daß,  wenn  ähnliche  Kämpfe  in
Zukunft  notwendig  werden  sollten,  die  Berliner  Arbeiter  in  gleicher
Weise  ihre  Pflicht  tun  werden,  um  die  Ehre,  die  Würde  und  die
Interessen  der  Arbeiterklasse  zu  wahren.
Loch  die  Sozialdemokratie!
Berlin,  den  29.  Dezember  1894.
Die  Boykottkommission.
Gumpel.  Lilpert.  Mattutat.  Millarg.  Singer."
Nachträglich  fand  die  Friedensabmachung  auch  in  den  Wahlkreisen
und  Orten  Annahme,  wo  die  Abstimmung  vertagt  worden  war  oder  ein
negatives  Resultat  ergeben  hatte.  In  Rixdorf,  dem  Ort,  wo  der  Boykott
seinen  Anfang  genommen  hatte,  hing  man  am  zähesten  an  ihm.  In  der
auf  den  30.  Dezember  anberaumten  Fortsetzung  der  Versammlung  vom
28.  Dezember  ging  es  fast  noch  stürmischer  her,  als  am  ersten  Abend.
Aber  die  Argumente  von  Singer,  Auer  und  Lilpert  zugunsten  des  Beschlusses ­
  der  Boykottkommission  und  die  scharfe  Zurückweisung,  welche  sie
den  gegen  sie  ausgestreuten  Verdächtigungen  zuteil  werden  ließen,  bestimmten
auch  hier  schließlich  die  Mehrheit  der  Genossen,  der  Beendigung  des  Kampfes
zuzustimmen.
Damit  war  die  Opposition  gegen  die  Friedensabmachung  freilich  noch
nicht  völlig  zum  Schweigen  gebracht.  Namentlich  bei  den  sozialdemokratischen
Gastwirten  war  sie  noch  sehr  stark,  ebenso  bei  den  Brauergesellen,  die
zu  den  Ausgesperrten  gehört  hatten.  In  ihrem  Zorn  versäumten  diese  es,
sich  die  Karten  zur  Wahl  des  Kuratoriums  des  neuen  Arbeitsnachweises
zu  besorgen,  und  klagten  hinterher,  daß  die  Friedensbedingungen  nicht  eingehalten ­
  worden  seien.  Erst  als  eine  von  der  Gewerkschaftskommission  ver-
        <pb n="347" />
        Antrag:

Nachdem  der  Verein  der  Branereieil  Berlins  und  der  Umgegend  für  den  Falt
der  Aufhebung  des  Bier-Boykotts  folgende  Zusicherungen  ertheilt  hat:
I.  Der  Arbeitsnachweis,  dessen  Bestimmungen  im  beiliegenden  Statut  enthalten  sind,  wird  am
1.  Januar  1895  eingeführt.
II.  Diejenigen  Arbeitnehmer,  welche  in  Ausführung  eines  vom  Verein  gefaßten.  Beschlusses  am  15.
beziv.  16.  Mai  er.  zur  Entlassung  gckonnneu  sind,  und  noch  keine  Arbeit  gefunden  haben,  werden
in  die  Listen  des  Arbeitsnachweises  mit  einem  Vorzug  vor  den  übrigen  Arbeitnehmern  eingeschrieben.
III.  Den  33  Arbeitern,  welche  bei  den  letzten  Verhandlungen  mit  der  Boykottkommission  von  den  Vertretern ­
  des  Vereins  namentlich  bezeichnet  worden  sind,  wird  die  Benutzung  deS  Arbeitsnachweises
zugestanden,  jedoch  mit  der  Maßgabe,  daß  diese  Arbeitnehmer  nicht  in  dieselben  Brauereien,  in
welchen  sie  vor  dem  16.  Mai  er.  beschäftigt  waren,  eingestellt  werden.
IV.  Die  unter  II.  bezeichneten  Arbeitnehmer  werden,  obgleich  sie  sich  außer  Stellung  befinden,  ausnahmsweise ­
  bei  der  erstmaligen  Mahl  für  das  Kuratorium  betheiligt.  In  Zukunft  gelten  hierfür
die  Bestimmungen  des  Statuts.
V.  Die  Vercinsbrauercien  erklären  sich  bereit,  unter  ausdrücklicher  Wahrung  ihrer  völligen  Freiheit
bezüglich  der  Entlassung  von  Arbeitern,  mit  Rücksicht  auf  die  lange  Arbeitslosigkeit  der  unter  II
bezeichneten  Personen  bei  der  im  nächsten  Frnbjahr  aus  Anlaß  der  Einstellung  der  Mälzerei
bevorstehenden  Entlassung  einer  größeren  Anzahl  von  Braucrgeselleu  nicht  in  erster  Linie  die  unter
II  genannten  Personen  auszustellen.
VI.  Der  Verein  erklärt  sich  bereit,  dahin  zu  wirken,  daß  bezüglich  der  Arbeitszeit  und  des  Arbeitslohnes ­
  diejenigen  Bestimmungen  platzgreiscn,  welche  vor  dem  16.  Mai  d.  I.  in  den  Vcreinsbetricben
in  Kraft  waren,  wenn  solche  seitdem  zu  ungnnsten  der  Arbeitnehmer  abgeändert  sein  sollten.
Vkl.  Der  Verein  erklärt  sich  bereit,  dahin  z»  wirken,  daß  die  seit  dem  1.  Mai  d.  I.  außer  Arbeit  befindlichen ­
  Böttchergcscllen  bei  eintretendem  Bedarf  nach  Möglichkeit  berücksichtigt  werden.  Gegen
die  Betheiligung  der  Böttchergesellcn  beim  Arbeitsnachweis  gemäß  seinem  Statut  sowie  die  Theilnahme ­
  derselben  bei  der  erstmaligen  Wahl  für  das  Kuratorium  stehen  Bedenken  nicht  entgegen.
beantragen  die  Unterzeichneten  die  Versammlung  wolle  beschließen:
„Der  Bier-Boykott  ist  aufgehoben"
Berlin,  den  28.  Dezember  1894.

Aeustergerling.

Eckerlein.

Henke.

Krüger.

Pfund.

Srstin.

Auer.

Faber.

Hclbig.

Kubath.

Plaih.

Silberschmidt.

Augustin.

Feloentresf.

Hoch.

Liebknecht.

Pohl.

Singer.

Vuumgarlen.

Fischer.

Hübner.

Siegte.

Pötzsch.

Soyka.

Bebel.

Forgbert.

Heinrich.

Lock.

Raumann.

Spath.

Beyer.

Forstmann.

Hildebraudt.

Loose.

Retzeran.

Strehler.

Beißwänger.

Fritz.

Hilpert.

Mahle.

Roland.

Täterow.

Berger.

Gerisch.

Jäckel.

Masuch.

Schennemann.

Tausche!.

Bolze.

Geargi.

Kleinert.

Maitutat.

Schlichting.

Thiele.

Braun.

Gesche.

Koblenzer.

Millarg.

Otto  Schmidt.

Thomas.

Busse.

Gnad!.

König.

Riederauer.

Robert  Schmidt.

Timm.

Butziger.

Goerke.

Köpnick.

Otto.

Scholz.
Schröder.

Vogtberr.

Bökert.

Grauer.

Kvpp.

Peper.

Wendt.

Dost.

Eumpel.

Köppe».

Psannknch.

Schulze.

Werner.

Dohrmann.

Halsier.

R.  Koppen.

Pfarr.

Schweizer.

Zaake.
Znbeil.

Max  Badtnr.  Berlin.

168.  Antrag  zur  Aufhebung  des  Boykotts
        <pb n="348" />
        352

anstaltete  Untersuchung  ergab,  daß  die  Schuld  bei  den  Beschwerdeführern
oder  deren  Beauftragten  lag,  verstummte  diese  Anklage.  Aber  es  gab  auch
Beschwerden,  die  nicht  völlig  unbegründet  waren.  Die  Friedensabmachungen
waren  in  bezug  auf  die  Unterbringung  der  Ausgesperrten  günstiger  ausgelegt ­
  worden,  als  sich  die  Sache  in  der  Praxis  gestaltete.  Man  war  eben
beim  Friedensschluß  schon  mitten  in  der  Mälzungsperiode,  und  da  die
Arbeitswilligen  von  ihm  nicht  ausgeschlossen  waren,  konnte  auch  nur  ein
geringer  Teil  der  Ausgesperrten  alsbald  wieder  in  den  Ringbrauereien  eingestellt
werden.  Roesicke  und  einige  Gleichgesinnte  im  Brauereiring  hatten  es  bei
ihren  Kollegen  nicht  viel  besser,  wie  Auer,  Singer  und  Genossen  bei
einem  Teil  der  Arbeiter.  Kurz,  die  Leiter  des  Brauereirings  erklärten,  daß
sie  zwar  den  Ausgesperrten,  die  sich  als  einzelne  an  sie  wenden  würden,
nach  Möglichkeit  zur  Beschäftigung  verhelfen  wollten,  den  Organisationen
gegenüber  aber  auf  dem  Buchstaben  des  Vertrags  bestehen  müßten.  Das
führte  zu  neuen  Diskussionen  in  der  Presse,  und  immer  schärfer  hatte  der
„Vorwärts"  die  Versuche  der  außerhalb  des  Ringes  stehenden  Brauereien
und  ihrer  Verbündeten  zurückzuweisen,  aus  diesen  Diskussionen  Kapital  zu
schlagen  und  die  Gegensätze  von  neuem  zu  schüren.  Ein  Artikel  „Nachklänge ­
  vom  Boykott"  in  seiner  Nummer  vom  3.  Januar  1895  ist  für  die
Beurteilung  der  Interessenkämpfe,  die  mit  dem  Boykott  verbunden  waren,
außerordentlich  interessant.
Von  anderen  Artikeln  über  die  Bilanz  des  Boykotts  sind  ein
Artikel  Lermann  Mattutats  im  damaligen  Wochenblatt  der  Partei,  des
„Sozialdemokrat",  sowie  ein  Aufsatz  Ignaz  Auers  „Rückblicke  auf
den  Bierboykott"  im  „Sozialpolitischen  Zentralblatt"  vom  31.  Dezember
1894  besonders  bemerkenswert.  Mattutats  Artikel  kann  als  die  Formulierung
der  Auffassung  der  großen  Mehrheit  der  Berliner  Gewerkschaftskommission
betrachtet  werden.  Mattutat  wie  Auer  bezeichneten  unumwunden  den  Rixdorfer
Beschluß  vom  6.  Mar  1894,  der  den  Boykott  herbeigeführt  hatte,  als  eine
große  Torheit  und  erklärten  es  für  einen  zu  bekämpfenden  Mißstand,  so
folgenschwere  Entscheidungen  den  Zufälligkeiten  von  Volksversammlungen
zu  überlassen,  deren  Teilnehmer  sich  in  ihrer  Mehrheit  der  Verantwortung,
die  sie  mit  ihren  Abstimmungen  auf  sich  nehmen,  im  Moment  meist  gar
nicht  bewußt  seien,  sondern  bloß  ihrer  Stimmung  folgten,  wobei  Mattutat
es  scharf  rügte,  daß  so  viele  Arbeiter  sich  noch  durch  tönende  Worte  beeinflussen ­
  ließen.  Beide  Verfasser  betonen  ferner  scharf  die  Gefahren  eines
zu  weit  getriebenen  Optimismus,  der  sich  in  Überschätzung  der  eigenen  und
Llnterschätzung  der  gegnerischen  Kräfte  ergeht.  Auer  bezeichnet  es  des
weiteren  als  eine  aus  dem  Kampfe  zu  ziehende  Lehre,  daß  es  „noch  nicht
genug  ist,  einen  Kampf  mit  aller  Energie  und  Bravour  zu  führen,  sondern
-aß  auch  in  diesem  Falle  sich  der  Meister  in  der  Bescheidung  zeigt".  „Der
Zweck  des  Kampfes",  schreibt  er,  „ist  der  Friede.  Gewiß,  nicht  der  schimpfliche
Friede,  oder  der  Friede  um  jeden  Preis,  immerhin  aber  der  ehrliche  und  anständige ­
  Friede."  Dieser  Friede  sei  aber  hier  schon  im  September  zu  erreichen
gewesen,  als  die  Brau-  und  Mälzungsperiode  noch  bevorstand,  die  Situation
für  die  Ausgesperrten  also  viel  besser  war,  wie  drei  Monate  später.  Die
Zusage  der  Brauherren,  die  Ausgesperrten  in  ihre  Betriebe  nach  Bedarf
an  erster  Stelle  wieder  aufzunehmen,  hätte  im  September  einen  praktischen
'Wert  gehabt,  habe  jetzt  aber  „fast  nur  mehr  eine  theoretische  Bedeutung".
        <pb n="349" />
        353

Daher  sei  es  ein  großer
Fehler  der  Ausgesperrten  gewesen, ­
  erklärt  er  nun  öffentlich,
den  zu  den  Anterhandlungen
vom  Septeniber  entsandten
Arbeitervertretern  Forderungen
auf  den  Weg  zu  geben,  von
denen  man  im  voraus  wußte,
daß  die  Brauherren  sie  unter
keinen  Amständen  bewilligen
würden.  Lediglich  das  Auftreten ­
  der  Gegner  mit  der
„schwarzen  Liste"  der  33  hätte
die  Arbeitervcrtretcr  aus  einer
sehr  peinlichen  Situation  gerettet ­
  und  es  so  möglich  gemacht, ­
  daß  schließlich  die  Arbeiterschaft ­
  doch  Siegerin  blieb.
Aber  nicht  jedesmal  verlaufe
die  Sache  so  günstig.  Meist
unterlägen  die  Arbeiter,  wenn
sie  „den  rechten  Zeitpunkt  für
den  Friedensschluß  versäumen".
Das  sollten  die  Arbeiter  aus
dem  Verlauf  des  Berliner  Bierboykotts ­
  lernen,  dann  werde  auch
aus  „ihren  Fehlern  der  großen  Kulturbewegung,  deren  Träger  die  Arbeiter
sind,  Peil  erwachsen".  War  aber  die  Arbeiterschaft  wirklich  die  Siegerin?
Offenbar  war  sie  es  nicht  in  dem  Sinne,  daß  sie  dem  Gegner  das  Knie
auf  die  Brust  setzen  konnte.  Aber  der  Kampf  hatte  gezeigt,  daß  die  sozialistische
Arbeiterschaft  eine  Macht  war,  mit  der  sich  nicht  spaßen  ließ.  In  ihrer  übergroßen ­
  Mehrheit  hatte  sie  eine  Willensprobe  ersten  Ranges  in  großartiger
Weise  abgelegt.  Was  die  Bilanzen  der  Brauereien  nicht  verrieten,  das  verrieten ­
  oder  vielmehr  erzählten  laut  die  Klagen  der  Gastwirte  und  namentlich
der  Saalbesitzer,  welch  letztere  beim  Friedensschluß  ziemlich  unsanft  als
nebensächliches  Element  behandelt  wurden.  Der  Bierboykott  ist  kein  Kampf
von  zwei  streng  abgegrenzten  Mächten  gegeneinander.  Die  Verzweigung  des
Schankgewerbes  stellt  eine  Masse  von  Existenzen  aller  Art  zwischen  die
Streikenden,  durch  die  er  unendlich  kompliziert  und  seine  Durchführung  mit
ungewöhnlichen  Lärten  verbunden  wird.  Das  sozialistische  Berlin  hatte  sie
willig  auf  sich  genommen  und,  von  etlichen  Amgefallenen  abgesehen,  die  nicht
zählten,  mit  eiserner  Beharrlichkeit  an  ihm  festgehalten,  bis  die  Parole  kam:
„Der  Kampf  ist  zu  Ende."  An  den  Aushängen  in  den  Fenstern  Tausender
von  Wirtschaften  und  keineswegs  bloß  von  Proletarier-Wirtschaften:  „Nur
boykottfreies  Bier"  hatte  man  es  erkennen  können,  welche  Macht  die
Sozialdemokratie  in  Berlin  geworden  war.  Es  fehlten  nicht  die  bürgerlicheil
Elemente,  die  sich  im  Kampf  auf  ihre  Seite  stellten,  uild  namentlich  jüngere
Akademiker  und  andere  junge  Leute  aus  bürgerlichen  Kreisen  »lachten  in
ziemlicher  Anzahl  gemeinsame  Sache  mit  der  Arbeiterschaft.  Aber  in  der
Bernstein,  Berliner  Geschichte.  III.  23

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Herausgegeben  yjP'
Berliner  Lokal-  ^  A
Kommission  ^
für
v  w  Berlin
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V*  /y  und  Umgegend.

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Berlin,  im  Mai  1890.

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Verlag:  Wilh.  Werner,  Berlin.

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169.  Titelseite  des  ersten  Arbeiter-Verkehrs-Almanach
        <pb n="350" />
        354

Hauptsache  hatte  sic  die  Macht-  und  Willensprobe  selbst  abzulegen,  und
sie  hat  sie  mit  Ehren  bestanden.  Sie  hat  die  Gegner  genötigt,  ihr  einen
Frieden  anzubieten,  der  ein  Salutieren  vor  dieser  Macht  bedeutete.  Denn
was  auch  das  Geschick  eines  geschulten  Sozialpolitikers  und  die  kluge
Diplomatie  eines  weitblickenden  Unternehmers  zu  dem  Friedensschluß  vom
23.  Dezember  1894  beigetragen  hatten,  sie  hätten  der  Mehrheit  der
Ringbrauer  nicht  die  Zustimmung  zu  ihm  abgerungen,  wenn  diesen  nicht
die  Willenskraft  und  die  wirtschaftliche  Bedeutung  der  Arbeiterklasse  in  so
nachdrücklicher  Weise  fühlbar  gemacht  worden  wäre.
Es  liegt  im  Wesen  der  wirtschaftlichen  Kämpfe  unserer  Zeit,  daß  sie,
was  sonst  ein  Widerspruch  wäre,  eine  Stärkung  beider  kriegführenden  Mächte
zum  Resultat  haben  können.  Auch  die  Brauereien  gingen  stärker  aus  dem
Kampf  hervor,  als  sie  in  ihn  eingetreten  waren.  Eine  anfangs  noch  ziemlich ­
  lose  Verbindung  hatte  nun  erst  wirklich  sich  als  fester  „Ring"  betätigt.
Für  die  ihm  angehörenden  Brauereien  war  die  Zeit  dahin,  wo  man  sie
einzeln  vornehmen  und  ihnen  die  Bedingungen  diktieren  konnte.  Zunächst
waren  im  Gegenteil  die  Organisationen  der  Brauereiarbeiter  die  Schwächeren.
Die  Zahl  der  organisierten  Brauer  war  von  etwa  1000  auf  450,  die  der
Brauereihilfsarbeiter  von  700  auf  320  gesunken.  Mit  den  Berufsorganisationen ­
  der  Arbeiter  allein,  die  obendrein  unter  sich  noch  gespalten
waren,  wäre  der  Brauereiring  spielend  fertig  geworden.  Die  Zugeständnisse,
die  er  ihnen  machte,  waren  von  der  Gesamtarbeiterschaft  Berlins  für  sie
errungen  worden.  Das  sahen  die  Verständigen  unter  ihnen  schließlich  ein
und  ließen  es  sich  nun  angelegen  sein,  das  Errungene  nutzbar  zu  machen.
Die  nächsten  Jahre  sahen  wohl  noch  Einzelkämpfe  mit  verschiedenen  der
ringfreien  Brauereien,  Streitigkeiten  mit  Brauereien  aber,  die  dem  Ring
angehörten,  wurden  von  Organisation  zu  Organisation  verhandelt  und
entschieden.  Der  Guerillakrieg  hatte  in  dieser  Industrie  seine  Rolle
ausgespielt.
Das  war  das  Fazit  des  großen  Bierboykotts  von  1894.
        <pb n="351" />
        Zwölftes  Kapitel

Die  gewerkschaftliche  Bewegung  der  Handlungsgehilfen ­
  Berlins.

^ie  von:  Geiste  der  modernen  Arbeiterbewegung  erfüllte  Agitation  ließ,
wie  schon  im  zweiten  Band  gezeigt  wurde,  auch  die  in  rascher
Steigerung  zunehmende  Berufsschicht  der  Landlungsgehilfen  Berlins
nicht  unberührt.  Angehörige  der  Landelsberufe  finden  wir  von  Anfang
an  in  der  Arbeiterbewegung,  aber  sie  blieben  längere  Zeit  vereinzelte  Ausnahmen. ­
  Je  mehr  aber  der  Großbetrieb  auch  im  Kaufmannsgewerbe  sich
Platz  eroberte,  je  mehr  sich  die  Fälle  häuften,  wo  das  Verhältnis  von
Prinzipal  und  Gehilfe  statt  ein  vorübergehendes,  persönliches  Abhängigkeitsverhältnis ­
  Klassengegensätze  zum  Ausdruck  brachte,  um  so  mehr  mußte
auch  das  Bestreben  sich  geltend  machen  und  als  zeitgemäß  erweisen,  für
die  Landelsgehilfen  Organisationen  zu  schaffen,  die  von  dem  gleichen  Geist
erfüllt  waren  wie  die  freien  Gewerkschaften,  das  heißt,  die,  ohne  Parteicharakter ­
  zu  tragen,  in  sozialistischem  und  nicht  in  kapitalistischem  oder  dem
Kapitalismus  ergebenen  Geist  geleitet  wurden.
Im  zweiten  Band  konnte  von  diesen  Bewegungen  nur  beiläufig  Notiz
genommen,  auf  ihre  Schicksale  und  Erfolge  aber  nicht  eingegangen  werden.
Die  ersteren  sind  aber  interessant  und  die  zweiten  bedeutsam  genug,  um
Anspruch  darauf  zu  haben,  in  dieser  Geschichte  näher  behandelt  zu  werden.
Es  handelt  sich  um  eine  Bewegung  eigener  Art,  in  vielem  der  Bewegung
der  Lohnarbeiter  verwandt,  in  Einzelheiten  doch  von  ihr  unterschieden.
Einer  der  Pioniere,  die  im  Winter  1882/83  die  ersten  Grundlagen
zur  Landlungsgehilfenbewegung  Berlins  gelegt  haben  und  mit  ihr  in
steter  enger  Verbindung  geblieben  sind,  August  ^L  in  he,  hat  dem  Verfasser
in  liebenswürdiger  Weise  seine  Aufzeichnungen  und  Sammlungen  zur
Verfügung  gestellt,  und  vornehmlich  auf  Grund  ihrer  soll  die  Bewegung
hier  eine  kurze  Darstellung  erfahren.
Im  Anschluß  an  die  große  Agitation  des  Jahres  1883  für  die  Sonntagsruhe ­
  im  Landelsgewerbe  ward  am  18.  November  1883  eine  „Freie
Organisation  junger  Kaufleute"  ins  Leben  gerufen,  in  deren  ersten
Vorstand  wir  neben  Karl  Nosenthal  und  E.  L-  Friedrichs  auch
Aug.  Lintze  finden.  Ihr  Programm  bestand  aus  acht  Punkten:  Festlegung ­
  der  gesetzlichen  Kündigungsfrist  als  Mindestgrenze  für  Kündigungen,
23*
        <pb n="352" />
        356

Regelung  des  Lehrlingswesens  und  der  Arbeitszeit,  Regelung  der  Sonntagsarbeit, ­
  Unterstützung  in  Fällen  von  Krankheit  und  Invalidität,  Versicherung ­
  gegen  Stellenlosigkeit,  Diskussion  und  Regelung  der  Gehaltsfrage,
Stellungnahme  zu  allen  die  Gehilfen  betreffenden  Tagcsfragen.  An  der
Agitation  für  den  Verein  und  sein  Programm  beteiligten  sich  neben  den
Genannten  als  Redner  besonders  lebhaft  Albert  Auerbach,  Leopold
Liepmann  und  Gustav  Miecker.  In  einem  kaufmännischen  Fachblatt
„Lande!  und  Verkehr"  fanden  sie  kurze  Zeit  ein  Organ,  das  jedoch  mit
Ende  1883  wegen  Geldmangel  sein  Erscheinen  einstellen  mußte.  Der
Verein  aber  zählte  um  diese  Zeit  schon  400  Mitglieder.  Er  fühlte  sich
stark  genug,  die  Agitation  nach  außerhalb  zu  tragen,  knüpfte  allerorts
Verbindungen  an  und  hatte  die  Genugtuung,  daß  auf  einem  Kongreß  kaufmännischer ­
  Vereine,  den  er  einberufen  hatte  und  der  Pfingsten  1884  im
Architektcnhaus  in  Berlin  tagte,  30  Vereine  durch  60  Delegierte  vertreten ­
  waren  und  die  Gründung  eines  Verbandes  kaufmännischer  Vereine,
sowie  einer  nationalen  Krankenkasse  für  kaufmännische  Angestellte  beschloß.
Mit  der  Ausarbeitung  der  Statuten  wurde  die  Berliner  freie  Organisation
beauftragt.
Bis  dahin  hatten  die  Behörden  der  Bewegung  wenig  in  den  Weg
gelegt.  Der  für  damalige  Verhältnisse  glänzende  Verlauf  des  Kongresses
hatte  aber  die  Furcht  der  älteren,  ganz  im  bürgerlichen  Fahrwasser
schwimmenden  kaufmännischen  Vereine  erweckt,  daß  die  Bewegung  ihnen
über  den  Kopf  wachsen  könne,  sie  verlegten  sich  nunmehr  darauf,  mit  allen
Kräften  gegen  die  neue  Schöpfung  zu  agitieren,  wobei  der  Lirschsche
„Verein  der  deutschen  Kaufleute"  sich  besonders  hervortat,  gaben  überall
herum,  daß  die  Leiter  der  Organisation  verkappte  Sozialdemokraten  seien
und  erlebten  den  Triumph,  daß  die  gleichfalls  alarmierte  Polizei  einige
Versammlungen  der  Berliner  Stanim-Organisation  auflöste.  Nun  bekamen
die  auswärtigen  Vereine  Angst,  einer  »ach  dem  anderen  erklärte  seinen
Rücktritt,  und  die  Idee  des  Verbandes  mußte  als  verfrüht  aufgegeben
werden.  Lediglich  die  geplante  nationale  kaufmännische  Kranken-  und
Sterbekasse  konnte  ins  Leben  treten.  Ihr  Statut  erhielt  Anfang  1885  die
Genehmigung  der  Aufsichtsbehörden,  und  ihr  erster  Vorsitzender  wurde
August  Linhe,  der  das  Amt  mit  kurzer  Unterbrechung  die  ganze  Zeit
über  bis  in  die  Gegenwart  versehen  hat.
Im  übrigen  blieb  die  „Freie  Organisation"  auf  sich  selbst  angewiesen,
warf  aber  darum  durchaus  noch  nicht  die  Flinte  ins  Korn.  Im  Frühjahr ­
  1885  rief  sie  ein  neues  Blatt,  „Der  Landlungsgehilfe,  Organ
zur  Wahrung  der  Interessen  der  konditionierenden  Kaufleute",  ins  Leben,
das  dreimal  monatlich  erschien  und  von  Karl  Rosenthal  redigiert  wurde.
Es  war  ein  tapfer  gehaltener  Vorläufer  des  heutigen  „Landlungsgehilfen-Blatt",
  ward  von  der  kleineren  Vereinigung  mit  großer  Opferwilligkeit
mehr  als  zwei  Jahre,  vom  10.  Mai  1885,  dem  Datum  seiner  ersten
Nummer,  bis  Ende  September  1887  am  Leben  erhalten  und  hat  in  dieser  Zeit
viel  fluchttragenden  Samen  ausgestreut.  Die  Freie  Organisation  ließ  keine  Gelegenheit ­
  vorübergehen,  für  ihre  Grundsätze  und  Forderungen  zu  agitieren;  auf
verschiedenen,  von  Behörden  und  amtlichen  Personen  veranstalteten  Konferenzen ­
  zur  Beratung  von  Fragen  des  kaufmännischen  Berufs  finden  wir  auch
sie  durck  führende  Mitglieder  vertreten.  Sie  nimint  gegen  ein  reaktionäres
        <pb n="353" />
        357

Denn  ob  der  MeichSlag  (1*  Woniltl
WrotcfsotfjQji.  troo  alledem
Und  ob  bet  lleulel  teoglti
TOli  Hur  und  Harn  und  aHcbeni,
Trotz  alledem  »mb  altcbcn»
Trotz  Dummheit,  (!i|l  und  alledein
Wir  lollse»  doch:  Die  MenschUchle»
Bidlttl  den  Steg.  Iratz  alleren»!
Seid,  gretllgraltz.

Gutachten  des  Ältestenkollegiums ­
  derBerlinerKaufmannschuft
  in  Sachen  der  Kündigungsfrist ­
  kräftig  Stellung  in
einer  Broschüre:  „Vertritt  das
Ältestenkollegium  die  Gesamtinterefsen
  der  Berliner  Kaufmannschaft?"; ­
  sie  pocht  mit
einer  Eingabe,  welche  die  Ausdehnung ­
  des  Krankenversicherungszwanges ­
  auf  die
Handlungsgehilfen  fordert,
ail  die  Türen  des  Berliner
Magistrats  —  zunächst  allerdings ­
  noch  vergebens,  dagegen
machen  in  einer  von  ihr  veranstalteten ­
  großer»  öffentlichen ­
  Versammlung,  in  der
A.  Auerbach  über  die  „Sozialreform ­
  und  der  Kaufmannsstand" ­
  referierte,  dessen
Referat  und  die  Debatte  einen
solchen  Eindruck  auf  den  anwesenden ­
  konservativen  Abgeordneten ­
  Dr.  Lartmann,
daß  dieser  erklärt,  er  habe  von
den  gekennzeichneten  Zuständen ­
  bisher  keine  Ahnung  gehabt, ­
  werde  aber  nun  für  die
Forderungen  der  Gehilfen  eintreten. ­
  Ein  am  3.  März  1887
in  Stettin  gehaltener  Vortrag  Auerbachs:  „Die  Landlungsgehilfen-Bewegung ­
  in  ihren  Ursachen  und  Zielen"  übt  eine  so  zündende  Wirkung,
daß  sich  sofort  eine  Mitgliedschaft  konstituiert.  Denunziationen  der  bürgerlichen ­
  Presse,  es  handle  sich  um  eine  sozialdemokratische  Gründung,  haben
aber  auch  hier  wiederum  die  Wirkung,  daß  die  Beigetretenen  hinterher
ängstlich  werden  und  sich  wieder  zurückziehen.  Aber  auch  in  Berlin  selbst
stellte  sich  ein  verhängnisvolles  Abflauen  der  Bewegung  ein.  Es  war
die  Zeit  des  Puttkamerschen  Streikerlasses  und  der  verschärften  Spitzelwirtschaft. ­
  Sich  häufende  Versammlungsauflösungen  und  fortgesetzte
Denunziationen  schüchterten  einen  großen  Teil  der  Gewonnenen  ein  und
raubten  dem  Verein  bei  einer  iin  sozialen  Denken  sonst  rückständigen  Berufsschicht,
  wie  es  die  große  Mehrheit  der  Landlungsgehilfen  waren,  jede  Werbekraft. ­
  Ihn  unter  diesen  Umständen  fortsetzen  wollen,  hätte  kraftvergeudende
Vereinsspielerei  geheißen,  und  so  ward  am  8.  Dezember  1887  in  einer  zu  diesem
Zweck  einberufenen  außerordentlichen  Generalversammlung  die  „Freie  Organisation ­
  junger  Kaufleute"  von  ihren  Schöpfern  selbst  zu  Grabe  getragen.
Sie  sollte  jedoch  nicht  lange  ohne  Nachfolger  bleiben.  Es  kamen  der
Tod  Wilhelms  I.,  die  99  Tage  Friedrichs  III.,  der  Sturz  Puttkamers,

Kollegen,  Kolleginnen!
Noch  ist  die  entscheidende  Schlacht  nicht  geschlagen,  noch  gilt  es
heiße  Kämpfe  führen,  um  die  gesetzliche  Einführung  des  8  Uhr-SchlusseS
zu  erringen.  Immer  lauter  erschallt  das  Wuthgeheul  der  gcsammten
Unternehmerschaft  darüber,  daß  man  ihnen  die  Ausbeutung  ihrer  Lohnsklaven
  auf  15  Stunden  täglich  beschränken  will.
Kollegen,  Kolleginnen?  Euch  erwächst  hieraus  die  Ausgabe,
unermüdlich  die  Agitation  für.  den  8  Uhr'"Schluß  zu  betreiben  und
jede  Gelegenheit  zu  benutzen,  öffentlich  "diese  Eure  Forderung  zu
dokumentiren.  Deshalb.  Kollegen  und  Kolleginnen,  ist  es  Eure  Pflicht
vollzählig  zu  erscheinen  in  der  am
Donnerstag,  den  18.  Juni  1890
Abends  9  Uhr
stattfindender»
GrchliWIichcliNkchmlMg
Cohns  Festsälrn.  Kruth  Sir.  20/22.
Tagcs-Ordnung
i.  Die  Handlungs-Gehilfen  und  die  neueste  Gesetzgebung
Referent:  Reichstag?'Abgeordneter  Bogt  her  l
2  Diskussion.
3  Verschiedenes.
Drr  JlfririMcusmiiitn  im  fiftiirur  KandluW-Ethilsk»
Albert  Wilde,  Berlin  6..  Linie»-Straße  2,

170.  Versammlungs-Einladung
        <pb n="354" />
        358

und  gegen  Ende  1889  zeigte  es  sich  deutlich,  daß  das  Sozialistengesetz  in
der  alten  Form  nicht  werde  fortleben  können.  Die  Treugebliebenen  sahen
die  Zeit  gekommen,  das  Werk  von  neuem  aufzunehmen.  Am  10.  Oktober  1889
ward  im  alten  Geist  eine  neue  Organisation  geschaffen,  die  den  Namen  erhielt:
„Freie  Vereinigung  der  Kaufleute",  und  als  führende  Mitglieder  sehen
wir  wieder:  A.  Auerbach,  A.  Lintze,  L.  Liepmann,  G.  Miecker  und  K.  Rosenthal, ­
  denen  sich  später  u.  a.  Willy  Friedländer,  Berthold  Key  mann,  Alb.
Kohn,  Zul.  Lissauer,  Benno  Maaß,  Aug.  Penn,  Jul.  Türk  und  Jakob
Wiebe  in  Agitations-  und  Verwaltungsarbeit  zugesellen.  Am  27.  Oktober
1889  hielt  sie  ihre  erste  öffentliche  Versammlung  mit  einem  Referat  Lintzes
über  die  Zustände  in  den  Kolonialgeschäften  ab,  am  24.  Januar  werden
in  einer  von  ihr  gemeinsam  mit  den  Organisationen  der  Lausdiener  und
der  Landels-  und  Transportarbeiter  veranstalteten  großen  Versammlung,
nach  Referaten  von  Vertretern  aller  drei  Berufe,  Resolutionen  gefaßt,
welche  die  Bestimmung,  daß  die  Geschäfte  an  Sonn-  und  Feiertagen
spätestens  12  Ahr  mittags  zu  schließen  sind,  als  Mindestforderung  all  dieser
Berufsgruppen  bezeichnen  und  sich  für  Demonstrationen  am  1.  Mai  zugunsten ­
  des  Achtstundentages  aussprechen.  Eine  noch  größere  Versammlung ­
  wurde  am  24.  Februar  1890  zur  Erkämpfung  der  Sonntagsruhe  der
Landelsgehilfen  abgehalten.  Sie  zählte  weit  über  2000  Teilnehmer,  die
dem  Referenten  Auerbach  und  dem  in  der  Debatte  das  Wort  nehmenden
Paul  Singer  begeistert  zustimmten  und  eine  aus  den  Sozialdemokraten
Lintze,  Kannengießer  und  Rosenthal  und  dem  Freisinnigen  Noah
zusammengesetzte  Deputation  beauftragten,  dem  Minister  von  Berlepsch  die
Resolution  der  Versammlung  zu  unterbreiten,  selbst  aber  nach  Lochrufen
auf  die  Sozialdemokratie  unter  Absingen  der  Arbeitermarseillaise  auseinandergingen.
  Vor  dem  Minister,  der  die  Deputation  empfing,  entwickelten ­
  Lintze  und  Roscnthal,  daß  die  Forderungen  der  Landelsgehilfen  volle
Sonntagsruhe  und  gesetzliche  Verkürzung  der  täglichen  Arbeitszeit  lauteten,  die
Beschränkung  der  Verkaufszeit  an  Sonntagen  könne  nur  eine  Äbergangsmaßregel
  sein.  Berlepsch  meinte,  man  könne  in  diesen  Dingen  dem  Lund
den  Schwanz  nur  stückweise  abhacken,  versprach  aber,  sich  dafür  einzusehen, ­
  daß  die  Läden  an  Sonntagen  keinesfalls  über  3  Ahr  mittags  hinaus
offen  gehalten  werden  dürften  und  daß  über  die  Arbeitszeit  im  Landelsgewerbe
  amtliche  Erhebungen  veranstaltet  würden,  was  er  denn  auch  gehalten ­
  hat.  Es  kam  als  erster,  praktischer  Erfolg  des  fast  zehnjährigen,
mühevollen  Kampfes  für  die  Sonntagsruhe  im  Landelsgewerbe  das  Gesetz
vom  1.  Juni  1891  zustande,  das  die  Beschäftigung  von  Gehilfen,  Lehrlingen ­
  und  Arbeitern  im  Landelsgewerbe  an  Sonntagen  auf  fünf  Stunden
im  Tag  beschränkt,  und  die  Kommission  für  Arbeiterstatistik  ward  zu  einer
Erhebung  über  die  Arbeitszeit,  Kündigungsfristen  und  Lehrlingsverhältnisse ­
  im  Landelsgewerbe  veranlaßt,  die  sich  bis  zum  Jahre  1896
hinzog.
Diese  Erhebung  ward  von  der  „Freien  Vereinigung  der  Kaufleute"
mit  großer  Aufmerksamkeit  verfolgt  und  nach  Kräften  behufs  Förderung
einer  wirksamen  Gesetzgebung  ausgenutzt.  Der  Minister  ließ  auch  der
Vereinigung  einen  Fragebogen  zugehen,  und  diese  sorgte  nach  Kräften
dafür,  die  ungeschminkte  Wahrheit  ans  Licht  zu  bringen.  Sie  hatte  ein
neues,  im  sozialistischen  Sinne  gehaltenes  Organ  für  Landelsgehilfen
        <pb n="355" />
        Handlungsgehilfen!  Handlungsgrhilßnnen!
Der  Reichstag  hat  den  Gesetzentwurf  der  Regierung,  der  Eure  tägliche  Arbeitszeit
auf  14  Stunden  festsetzt,-  einer  Kommission  überwiesen.  Diese  hat  Gegenvorschläge  gemacht,
die  thatsächlich  eine  Verbesserung  des  Regierungsantrages  bedeuten.  Kaum  waren  dieselben
bekannt,  da  erhob  sich  unter  der  Prinzipalität  ein  Sturm  der  Entrüstung,  War  doch  ihre
Freiheit,  Euch  ausztzbeuten,  in  etwas  beschränkt  worden.  Wußtet  Ihr  doch  jetzt,  wann,
unabhängig  von  der  Laune  her  Chefs,  Eure  Ruhezeit  beginnt:  wann  Ihr  Euch  Eurer
Familie,  Eurer  Erholung,  Eurer  Fortbildung  widmen  konntet.
Den»  Anstur,n  der  Schreier  droht  die  Regierung  nach-,»geben.  Alles  wollen
jene  der  freien  Vereinbarung  überlassen!  Keine  gesetzliche  Festlegung!  Hohn  und
Spott  über  die  „freie  Vereinbarung"!  Was  ist  sie  unserer  Prinzipalität,  ihr,  die  sich  mit
Ruhe  über  Gesotz  und  Recht  wegsetzt?!
Eine  gesetzliche  Sonntagsruhe  besteht  seit  Jahren,  So  kümmerlich  sie  ist,  wir
begrüßten  sie  als  ersten  Schritt  zur  Besserung  unserer  Lage,  Doch  wo  ist  sie  hin?  Heute,
nach  kaum  zehn  Jahren,  kümmern  sich  Eure  Prinzivale  nicht  mehr  un,  jene  Vorschriften,  verachten ­
  das  Gesetz,  schlagen  den  Ueberwachnngsorganen  ein  Schnippchen,
Und  warum?  .
Weil  jene  Matzregeln  nur  halbe  waren,  Eure  Sonntagsruhe  nur  eine
thrilweise.
Kollegen  und  Kolleginnen!  „Noth  lehrt  beten",  sagt  das  Sprüchwart,  „aber  Noth
lehrt  auch  kämpfen!"
Nur  eine  einheitliche  Sonntagsruhe  kann  uns  frommen!  Nur  die  Verkürzung ­
  unserer  täglichen  Arbeitszeit  kann  uns  ein  menschenwürdiges  Dasein  gewähren!
Darum,  Kollegen  und  Kolleginnen,  benutzt  jede  Gelegenheit,  für  Eure  Rechte  zu
demonstriren.  Zeigt  den  gesetzgebenden  Körperschaften,  welches  Eure  Wünsche  sind.
Erscheint  alle  in  der  am
Mittwoch,  de«  20.  September,  Abends  8I2  Ahr
stattfindende»
Großen  öffentlichen
öersammlung  der  Randeisangestellten
in  der  Berliner  Reffouree,  Kommandantenstr.  57.
Tages  Krdnung.
1,  Vortrag  des  Reichstags-Abgeordneten  pksnnleuvk  über:  „Der  gesetzliche
Ladenschlutz".
2,  Vortrag  des  Kollegen  Augua*  Hintze:  „Die  Sonntagsruhe  vor  den
Stadtverordneten".
3,  Diskussion
Aköert  Kohn.
Vertrauensmann  der  Berliner  Handlungsgehilfe»  und  Gehilfinnen,
-  schliemannftratze  11,  II,
I|b  StV | 09 .  stiert  sto&amp;amp;n.  n.~  Druck-  Maurer  u.  DU»ml«.  SetUii.

171.  Flugblatt  zugunsten  der  Sonntagsruhe  im  Handelsgewerbe
        <pb n="356" />
        360

Berlins  ins  Leben  gerufen,  „Der  Kandels-Angestellte",  das  zweimal
monatlich  herauskam  und  offen  das  sozialdemokratische  Banner  entrollte;
seine  Redaktion  wurde  von  1892  bis  1894  durch  Julius  Türk,  dann  von
Benno  Maaß  und  August  Penn,  und  im  Jahre  1898  von  dem  zu  früh
verstorbenen  Wilhelm  Swienty  geführt.  Der  „Kandels-Angestellte"  nun
brachte  das  ministerielle  Rundschreiben  zum  Abdruck  und  setzte  in  aufklärenden ­
  Artikeln  seinen  Lesern  die  Wichtigkeit  der  Erhebungen  auseinander; ­
  der  Vorstand  der  Vereinigung  aber  arbeitete  auf  Wunsch  einer
Mitgliederversammlung,  in  der  das  Rundschreiben  besprochen  worden  war,
behufs  Veranstaltung  eigener  Erhebungen  einen  ganzen  Arbeitsplan  aus,
den  er  nach  Genehmigung  durch  die  Mitgliedschaft  dann  zur  Ausführung
brachte.  Es  wurden  Referate  über  die  einschlägigen  Fragen  gehalten  und
dann  an  293  Mitglieder  der  Vereinigung  Fragebogen  versandt,  von  denen
bis  zum  8.  Oktober  1893  145  ausgefüllt  zurückkamen.  Diese  Antworten,
die  von  Kaufleuten  verschiedener  Berufsklassen  und  Berufsabteilungen
herrührten,  wurden  nun  systematisch  zusammengestellt  und  auf  Grund  ihrer
wiederum  nach  eingehenden  Besprechungen,  die  Antworten  der  Vereinigung
formuliert  und  dem  Minister  übersandt.  Äber  alles  das  berichtet  genau
die  von  der  Vereinigung  herausgegebene  Broschüre:  „Der  Kandlungsgehilfe
  und  die  Kaiserliche  Sozialreform,  eine  Antwort  an  den
Minister  v.  Bötticher,  betreffend  die  Arbeitsverhältnisse  im  Landelsgewerbe"
  (Berlin  1893).  Sie  war  von  Alb.  Auerbach  ausgearbeitet,  der
schon  1891  eine  wirksame  Agitationsschrift  „Der  Kaufmann  und  die
Sozialdemokratie"  verfaßt  hatte,  aber  von  nun  an  in  den  Kintergrund
tritt.  Für  die  mündliche  Auskunft  vor  der  Kommission  für  Arbeiterstatistik, ­
  in  der  die  Sozialdemokratie  durch  Kermann  Molkenbuhr  vertreten ­
  war,  wurden  von  der  Vereinigung  als  ihre  Vertreter  Otto  Berger
und  Jakob  Wiebe  bestimmt.  Sie  fanden  dort  einen  Gesinnungsgenossen
in  dem  Vertreter  der  Nürnberger  Vereinigung  der  Kaufleute,  Emil  Dörnberger-Fürth,
  und  die  drei  traten  bei  den  Vernehmungen,  die  vom
9.  bis  20.  November  1894  stattfanden,  kraftvoll  für  die  Forderungen  der
Vereinigung  ein.
Es  dauerte  bis  zum  Frühjahr  1896,  bis  die  Reichskommission  auf  Grund
der  Vernehmungen  ihren  letzten  Bericht  abfaßte,  der  bestimmte  Vorschläge
enthielt,  und  erst  im  Jahre  1898  brachte  die  Reichsregierung  einen  Gesetzentwurf ­
  vor  den  Reichstag,  in  dem  diese  Vorschläge  ohne  wesentliche  Veränderung ­
  verarbeitet  waren.  Auch  der  Reichstag  nahm  keine  erwähnenswerte ­
  Veränderung  an  den  vorgeschlagenen  Bestimmungen  vor,  die  Bemühungen ­
  der  sozialdemokratischen  Abgeordneten,  sie  zu  verschärfen  und  zu
erweitern,  blieben  vergeblich.  In  ihrer  endgültigen  Gestalt  ist  die  Vorlage
als  „Gesetz  vom  30.  Juni  1900"  proklamiert  und  der  Gewerbeordnung  einverleibt ­
  worden.  Sie  bestimmt  für  Kandlungsgehilfen  in  Städten  von  über
20000  Einwohnern  und  Geschäften  mit  mindestens  zwei  Gehilfen  und  Lehrlingen ­
  eine  Mindestruhezeit  von  11  Stunden  hintereinander  (in  kleineren
Städten  und  Geschäften  mindestens  10  Stunden),  eineinhalbstündige  Mittagspause ­
  für  Gehilfen  und  Lehrlinge,  die  ihre  Mahlzeit  außerhalb  des  Gebäudes ­
  einnehmen,  in  dem  die  Verkaufsstelle  liegt,  Ladenschluß  von  9  Ahr
abends  bis  5  Ahr  früh,  und  gestattet  eine  weitere  Kerabsetzung  der  Zeit
für  den  offenen  Verkauf,  „sobald  zwei  Drittel  der  Geschäftsinhaber  dies
        <pb n="357" />
        HMiNMWil  titib  HMkWSSkliilDiik»!

Die  OrksKranKruKasse  für  Handlungsgehilfen ­
  und  -Lehrlinge  zu-  Berlin,  die  vom  hiefigen
  Magistrat  ant  25.  November  1892  gegründet  wurde
und  deren  Statuten  'am  14.  Dezember  1892  durch  den
Bezirksausschuß  die  Genehmigung  fanden,  soll  durch  einen
Beschluß  des  ObcrverwaltungSgcrichtS
werden.
Die  formalen  Bestimmungen  des  Gesetzes  bieten  für
diese  lief  einschneidende  Maßnahme,  welche  die  Interessen
der  Beiheiligten  auf  das  Empfindlichste  schädigt,  leider  eine
Handhabe.
Nach  tz.16  des  Krankenverstcherungsgesetzes  vom  10.  April
1692  dürfen  Öriskrankenkassen  nur  für  Gewerbszw'eige  und
Betriebsarten,  aber  nicht  für  bestimmte  Personenkreise
gegründet  werden.
D&amp;gt;ä  aber  die  Rechtsausfassung  der  betheiligten  Behörden
trotzdem  die  Gründung  unserer  Kasse  zuließ  und  die  jetzt  seit
5  Jahren  bestehende  Kasse  sich  so  gut  bewährt  hat,  finanziell
so  gut  fundirt'  ist  und  alle  anderen  Kassen  Berlins  an
Leistungen  Und  Mohlsahrtsbestrebungen  in  hohem  Maße
überragt,  ist  diese  Auflösung  ein  empfindlicher  Schaden  für
die  Handlungsgehilfen,  -Gehilfinnen  und  '-Lehrlinge  Berlins.
Die  Wohlthat  der  Krankenversicherung  wird  durch  diesen
Beschluß  eine  wesentliche  Einschränkung  erfahren.  Die
SrlbflVerWaltNNA  wird  den  Versicherungspflichtigen
genommen  und  sie  werden  den  diversen  Kassen  gewerblicher
Arbeiter,  entsprechend  dem  Betriebe,  in  welchem  sie  thätig
sind,  angegliedert  werden.
Der  durch  die  Beitrage  der  Handlungsgehilfen  rc.
geschaffene  große  Reservefonds  von  170  000
Marli  wird  unter  die  anderen  Kaffen  vertheilt  werden
und  für  die  günstigen  Bestimmungen  unseres  Statuts  treten
die  bedeutend  ungünstigeren  Statuten  anderer  Kassen  in  Kraft.
.  Während  es  der  gute  finanzielle  Stand  unserer  Kaffe
der  Leitung  gestattete,  den  Mitgliedern  in  liberalster  Weise
kleine  Heilmittel,  hohe  Krankengelder  und  eine  unnntcr.
brochenS  Unterstühungsdancr  von  52  Wochen,  vom  ersten
Tage  der  Mitglledschaft  ab.  zu  gewähren,  sind  die  übrigen
Kassen  durch  die  Bestimmungen  ihrer  Statuten  und  durch

ihren  schlechteren  Vermögensstand  hierzu  weder  in  der  Lage,
noch  werden  die  unserem  Berusskreise  ferner  stehenden
betreffenden  Verwaltungen  bei  der  großen  Zahl  ihrer  Mitglieder ­
  die  von  unserer  Kassenlcitung  stets  beobachtete  Fürsorge ­
  und  Rücksichtnahme  auf  den  Einzelnen  ausüben  können.
Die  wohlthätige  Einrichtung  der  Gewährung  von  'Landaufenthalten ­
  an  Nckonvaleszenten  wird  ganz  verschwinden
und  nur  das  statutarisch  festgesetzte  Allcrnothwcndigstc  geleistet ­
  werden  können,  während  unsere  Mitglieder  durch
den  aus  eigener  Kraft  erworbenen  guten  Vermögrnsstsnd
  ein  moralisches  Anrecht  auf
Weitergewährung  -er  Unterstützungen  im
bisherigen  Umfange  haben.
Handlungsgehilfen  und  Gehilfinnen  Berlins!
Eure  Kaffe  gewährt:
&amp;gt;.  Vrkttilirngrld  für  dir  Dauer  von
62  Wochen  einschließlich  dcrToiintngc  bis  zur
Höhe  von  14  Mark  nebst  freier  ilrzllichc«
Behandlung  und  Medizin.
2.  Kleine  Heilmittel  in  Gestalt  von  Wein,
Cognac,  Milch,  Brillen,  Bandagen,  künstliche
Zähne  und  Plomben.
3.  Landanfrnchalt  an  RrkronvalrsfEHfElt
  mit  Gewährung  von  ein-  bis  einundtiuhalbfachem
  Krankengeld.
Die  Krankenkaffcn,  denen  Ihr  wider  Willen  zugeführt
werden  sollt,  die  Euren  Reservefond  unter  sich  vertheilen
und  denen  Ihr  Eure  Beiträge  zahlen  müßt,  gewähren:
1.  Bedeutend  geringeres  Krankengeld  bei  einer  Unterstützungsdauer
  von  13  bis  höchstens  26  Wochen,
meist  unter  Fortfall  der  Sonntage.
2.  Kleine  Heilmittel  nur  in  sehr  geringem  Umfange.
3.  Keinen  Landaufenthalt.
Es  ist  daher  Eure  Pflicht»  Eure  Interessen
zu  wahren  und  gegen  diese  aus  einer  lückenhaften  Gesetzgebung ­
  hervorgegangene  und  nicht  im  Sinne  der  gesetzgebenden ­
  Körperschaften  liegende  Auslegung  des  -Gesetzes
durch  das  Oberverwaltnngsgericht  energischen  Protest  einzulegen. ­


Es  findet  zu  diesem  Zwecke  am
DonnrvMg.  den  8.  Juli,  Abends  9  Mhv
in  Cohii's  Festsälen,  Beuth-Straße  20,
Protest-  Versammlung
statt,'für  deren  zahlreichen  Besuch  einzutreten  Eure  Schuldigkeit  ist.
Der  Vertrauensmann  der  Berliner  DandlunMMrii  imö  --Gehilfinnen
sslöert  Kehn,  Schliemann-Strallc  1«.
Truck  von  Max  Bading.  Berlin  SW..  Bcuthstrastr  Sl

 1

172.  Protestflugblatt  gegen  die  Auflösung  der  Ortskrankenkasse
        <pb n="358" />
        362

beantragen".  Das  sind  nur  kleine  Verbesserungen  nach  so  vieler  Vorarbeit,
aber  immerhin  sind  es  Verbesserungen,  und  der  rastlosen  Agitation  der  Vereinigung ­
  und  ihrer  Nachfolgerin  ist  es  in  erster  Linie  zu  verdanken,  daß
im  Jahre  1908  in  Berlin  der  Achtuhrladenschluß  den  Neunuhrladenschluß
verdrängt  hat.
Als  in  der  Wintersession  1895/96  der  mittelstandsretterische  Entwurf
des  Gesetzes  wider  den  unlauteren  Wettbewerb  mit  seinen,  die  Bewegungsfreiheit ­
  der  Landlungsgehilfen  bedrohenden  Konkurrenzklauseln  vor  den
Reichstag  kam,  berief  die  Vereinigung  auf  den  10.  Januar  1896  eine
Protestversammlung  ein,  mit  Paul  Singer  als  Referenten.  Sie  füllte
die  geräumigen  Kellerschen  Festsäle  bis  auf  den  letzten  Platz  und  nahm
einstimmig  eine  geharnischte  Resolution  gegen  den  von  Singer  unter  stürmischer ­
  Zustimmung  gebrandmarkten  Versuch  an,  durch  die  betressenden
Paragraphen  des  Gesetzes  (§§  9  und  10)  die  Landlungsgehilfen  mittels
unerhört  hoher  Konventionalstrafen  an  der  Verwertung  ihrer  Arbeitskraft ­
  zu  behindern.  Der  Protest  hat  die  Entfernung  der  anstößigen  Paragraphen ­
  aus  dem  Gesetz  nicht  erreichen  können,  aber  er  hat  dazu  beigetragen, ­
  daß  sie  eine  Fassung  erhielten,  die  der  willkürlichen  Deutung  einige
Schranken  setzt.
Mittlerweile  waren  an  verschiedenen  anderen  Orten  Deutschlands
Freie  Vereinigungen  von  Kaufleuten  ins  Leben  getreten,  die  in  gleichem
Geist  geleitet  wurden  wie  der  Berliner  Verein  und  meist  auch  der  von
ihm  ausgehenden  Propaganda  ihre  Gründung  verdankten.  Der  Verein
hatte  eine  Agitationskommission,  die  sich  speziell  mit  der  Verbreitung
seiner  Grundsätze  beschäftigte.  Längere  Zeit  ward  die  Verbindung  der
örtlichen  Vereine  untereinander  durch  ein  Vertrauensmännersystem  betrieben, ­
  das  dem  der  lokalistischen  Gewerkschaften  entsprach.  Im  Jahre
1896  hielt  jedoch  die  Berliner  Vereinigung  die  Zeit  für  gekommen,  einen
nationalen  Kongreß  der  gleichgesinnten  Kollegen  zu  veranstalten.  Die
Agitationskommission  ließ  die  Einladungen  ergehen,  und  in  den  Ostertagen
1896  tagte  in  Berlin  im  Saal  der  Berliner  Ressource  „der  erste  Kongreß
aller  auf  dem  Boden  der  modernen  Arbeiterbewegung  stehenden  Landlungsgehilfen ­
  und  Gehilfinnen  Deutschlands".  Er  war  aus  22  Orten  durch
28  Delegierte  beschickt,  darunter  Fräulein  Klara  Laase-Berlin,  M.  Iosephsohn-Lamburg,
  R.  Lipinski-Leipzig  und  Dr.  Max  Qnarck-Frankfurt
  a.  Main.  Der  entschieden  sozialistische  Charakter  des  Kongresses
ward  schon  durch  die  Büsten  von  Marx  und  Lassalle  symbolisch  veranschaulicht ­
  und  außerdem  durch  Annahme  einer  Resolution  bekräftigt,
in  der  es  heißt,  daß  „nur  die  sozialdemokratische  Partei  die  Interessen  der
Landlungsgehilfen  vertritt"  und  die  Delegierten  aufgefordert  werden,  in
allen  Städten  zu  wirken,  daß  „offen  der  Anschluß  an  die  allgemeine  proletarische ­
  Arbeiterbewegung  und  an  die  Sozialdemokratie  proklamiert  wird".
Eine  Gegenresolution  sprach  sich  nicht  rundweg  für  den  Anschluß  an  die
Sozialdemokratie  aus,  betonte  aber  gleichfalls  die  Notwendigkeit  des  Klassenkampfes ­
  für  die  Landlungsgehilsen  und  die  Erziehung  von  Sozialdemokraten
durch  den  Klassenkampf.  Neben  Fragen  des  gesetzlichen  Schutzes  und  der
Versicherung  der  Landlungsgehilfen  beschäftigte  den  Kongreß  auch  die  Frage
der  Gründung  eines  Zentralverbandes  derLandlungsgehilfenDeutschlands,  der
ähnlich  wie  andere  gewerkschaftliche  Zentralverbände  Anterstützungseinrichtungen
        <pb n="359" />
        An  die
Handlungsgehilfen  Berlins!

RoUegen!
Di,  Handlungsgehilfen  sind  &amp;lt;«»  L°g»
ver  FazraldrmoLraire  übergrschwenkt!
Endlich  kommt  der  freisinnigen  Volkspartei  diese  CrjkerMtniß.
  Sie  sucht  daher  in  letzter  Stunde  zu  retten,  was
iwch  zu  retten  ist,  um  die  wenigen  ihr  treu  gebliebenen  üuch
schon  schwankenden  Kollegen  an  ihr  /verschlissenes  Banner
zu  fesseln.
Doch  wie  thut  sie  das?  Unfähig,  ein  eigenes  Flug,
ökatt  zu  verfassen,  greift  sie  rn  den  bekannten  Lngensäck  der
„Freisinnigen  Zeitung"  und  druckt  den  Extrakt  derselben
als  Flugblatt.
Kollegen!  Die  sozialdemokratische  Partei  soll  sich  erst
vor  den  Wahlen  ‘  drs  8  Uhr-Ladenschlussev  erinnert  hohen:
so  steht  auf  der  ersten  Seite  des  Machwerks!  Ihr,  die  Ihr
unser  Blatt,  „Der  Handels-Angestellte",  gelesen  habt.  wißt,
daß.  so  lange  diese  Frage  aus  der  Tagesordnung  ist.  wir,
die  sozialdemokratischen  Handlungsgehilfen,  unentwegt  für
diese  Forderung  eingetreten  '  sind  und  daß  sich  im  gleichen
Sinne  der  sozialdemokratische  Parteitag  zu  Gotha  1896
entschieden  hat.  —  Aber  dir  Abschreiber  des  Flugblattes
Sesne«  1-r  alleine  die  Unwahrheit  ihrer  Behauptung.
Denn  wie  steht  auf  der  zweiten  Seite  ihres  Machwerks?
„Die  Sozialdemokratie  macht  den  Freisinnigen  zum  Vorwurf,
daß  in  der  Kommission  für  das  Handelsgesetzbuch  ihre  Anträge ­
  auf  Einführung  eines  MaximalarbeitStatzeS  für
Handlungsgehilfen  mit  allen  Stimmen  gegen  die  der  Sozialdemokraten ­
  abgelehnt  worden  sei."
Die  foziardemokratifche  Partei  hat  bereits  im
Jahre  1830  bei  Vorlage  eines  Entwurfes,  zu  eiuem  vollständigen
  Arbeiterschutzgesrtz  die  Festlegung  der  Arbeitszeit
nLch  für  das  HandekSgrwerbr  gefordert  und  fcitd-m  ist
r.nsrre  Presse  unausgesetzt  dafür  eingetreten.
Die  frerstnurse  NoU-.oparter  dagegen  hat  sich  in
der  von  den  freisinnigen  Kollegen  zitirlen  Rede  Eugen  Richters
Argen  den  gesetzlichen  8  Uhe-Laderrfchl«tz  erklärt,
trotzdem  der  Herr  alle  Mißstände  im  Handelsgewerbe,  die
nach  den  entsetzlichen  Enthüllungen  in  der  Kommission  für
Ar'oeiterstatistik  klar  vor  Allee  Augen  lagen,  anerkennen
mußte.  Und  wie  nennt  das  freisinnige  Muchwer!  eine  solche
Stellungnahme?  „Jeder  Unbefangene  wird  zugeben  müssen,
daß  diese  Stellung  die  Jnterrss«  der  Handlungsgehilfen  in

jeder  Beziehung  berücksichtigt.-  Wer  lacht  da?  —  Wir
wiederholen  noch  einmal  den  Vorwurf,  daß  Mitglieder  der
freisinnigen  Volkepartei  bei  Gelegenheit  der  Berathung  des
Antrages  Gemp  auf  Verschlechterung  der  Sonntagsruhe
im  Abgeordnetenhause  geschwiegen  haben!  Zum  Eintreten
für  die  Interessen  der  Handelsangestellten  bedurfte  es  bei
dieser  Gelegenheit  nur  Mannesmuth.  der  auch  diesmal  den
14  Freisinnigen  'wieder  fehlte.
Unerhört  ist  der  Vorwurf,  die  sozialdemokratische  Partei
habe  ihre  Anträge  bei  Berathung  des  Handelsgesetzbuches
nicht  ernst  gemeint!  Wie  würden  die  freisinnigen  Mannes,
freien  zetern,  wenn  wir  einen  solchen  Borwurf  bei  irgend
einem  Antrage  der  Freisinnigen  in  die  Welt  schleuderten!  —
Die  Freisinnigen  sagen  weiter,  unsere  Angriffe  seien  nnr  aüü
dem  Zusammenhange  herausgerissen.  Theile  von  Reden.
Gut?  Lassen  wir  die  Thaten  sprechen.
Dir  Irrlstunstzevr,  beider  Richtungen.  HkLurmtett
gegen  die  gesetzliche  Festlegung  der  Sonntagsruhe;
gegen  die  Einrichtung  von  kaufmännischen  Schiedsgerichten
analog  den  Gewerbegerichlen;
gegett  die  Sitzgelegenheit  für  Verkäuferinnen;
gegrr»  Beschränkung  der  Arbeitszeit  für  jugendliche  Arbeiter
und  Gehilfinnen;
gsgett  MinimalründigungSfrist  von  4  Wochen;
gegen  Freigabe  von  zwei  Stunden  täglich  für  Kollegen  in
gekündigter  Stellung;
gegen  die  Festsetzung  einer  gesetzlichen  Arbeitszeit  im  HandelS»
gewerbe,  getreu  den  Worten  Eugen  Richters:  „Die
freisinnige  Vollspartet  ist  gegen  die  Einführung  eines
allgemeinen  Maximalarbeitstages."  (Abc-Buch  für
1893.  S.  24.)
Die  Frrlstrmrge».  beider  Richtungen.  fttmwltn
füv  die  Konkurrenzklausel;
und  fKe  die  Knebelparagrapheu  9  uud  10  des  Gesetzes  gegen
den  unlauteren  Wettbewerb.
Das  find  Thatsache».  rmd  Thatsache»«  vshtu
eltte  eindringliche  Sprache.
Um  diesen  Verrath,  an  unseren  vitalsten  Interessen  zu
verschleiern,  glauben  die  Abschreiber  des  Flugblattes,  auf
die  Verhältnisse  der  Handlungsgehilfen  im  Zukunftsstaare.
natürlich  wie  er  in  ihrem  Hirn  spukt,  hinweisen  zu  müssen.
Wie  steht  es  aber  in  der  Gegenwart?
Ist  wirklich  jeder  Chef  Handlungsgehilfe  gewesen?
Kann  wirklich  jeder  Handlungsgehilfe  Chef  werden?

,  ;  [  173  und  174.  Flugblatt  zur  Reichstagswahl  1898
        <pb n="360" />
        Getreu  nach  Eugen  Richter  erzählt  das  Flugblatt,  auf
476624  im  Waaren-  und  Produktenhandel  stehende  Geschäftsbetriebe ­
  giebt  es  520  646  Angestellte.  Richtig!
Wie  sieht  eS  mit  diesen  selbständigen  Personen  aber
auS.  wen  alles  zählt  die  Statistik  dazu'?  Alle  Grünkramhändler.
  alle  Kohleukeller.  all«  Milchhändler,  alle  Lumpenun)
  Produktenkcller  und  di-  zehntausende  von  kleinen
Ladengeschäften,  die  ihre  jämmerliche  Existenz  nur  dadurch
fristen,  daß  die  Frau  dem  Geschäft  vorsteht,  der  Mann  den
Hauptverdienst  in  der  Fabrik  oder  dem  Bureau  erwirbt.  —
Kollegen!  Das  ist  die  vielgerühmte  Selbständigkeit!
So  sehen  die  „Zukunftsbilder"  der  42  freisinnigen  Unterzeichnn
  des  Flugblattes  aus.
Handlungsgehilfen!  Einzig  und  allein  die  So?laldrnrskratie

  ist  für  dir  uou  der  freistrruige«  Pslks-Partei,
  abgelehnte«  Forderungen  stets  ringetreteu.
Siehst  unsere  Interessen  wahrgenommen  mit  gleichem  Eifer,
mit  gleichem  Pflichtgefühl,  wie  die  der  Proletarier  im  Kittel
und  in  der  Blouse.
Immer  trauriger  wird  unser,  Lage,  immer  geringer
unsere  Entlohnung,  immer  entwürdigender  die  Behandlung'
seitens  unserer  Chefs,  immer  länger  unsere  Arbeitszeit.
-  Die  freisinnige  Partei  hat  in  langen  Jahren  bewiesen. ­
  daß  sie  weder  gewillt,  noch  im  Stande  ist.
nnsere  Interessen  zu  vertreten,  datz  wir  für  sie  nur  gnt
sind  als  Stimmvieh.  Gebt  daher  die  einzig  gebührende
Antwort  darauf  am  16.  Iuui  und  wählt  Mann  für
Mann  nur

Sozialdemokraten.

Die  Kandidaten  der  sozialdemokratischen  Partei  sind:

I.  Wahlkreis:  Redakteur  H.  Poetisch.
II.  Wahlkreis:  Schriftsteller  Rieh.  Fischer.
III.  Wahlkreis:  Rechtsanwalt  Wolfg.  Heine.

IV.  Wahlkreis:  Kaufmann  Paul  Singer.
V.  Wahlkreis:  Redakteur  Roh.  Schmidt.
VI.  Wahlkreis:  Redakteur  W.  Liebknecht

Teltow-BeeSkow-Storkow:  Gastwirth  Fritz  Zubeil.
Nikde»Barnim:  Arthur  Stadihagen.

Dienstag,  den  Juni  &amp;gt;898,  Abends  9  Uhr
Große  öffentliche  Versammlung
im
liOuisenstriäl.  Concerthaus,  Alte  Jakobstr.  37.
@0B*6-®rb«nng:
I.  Vortrag  (Iber:  „Die  politischen  Parteien  und  die  Handluitksgehilsen'.  2.  Diskussion,
Der  Dertraneusman«
dir  Berliner  Handlungsgehilfen  und  -Gchilsiin-ru.
Aldrrt  Kotzn,  Schliemannstr,  ff,  II,
Aandlungsgehisten!  Leset  das  Krgan,  das  Eure  Antercssen  einzig  und  allein
vertritt,  den
„Handels-Angestellten".
(Expedition:  Ekarlsite-iburg-RerNn,  Pestalnzzi-Zkrssse  31.)
Redaklton  und  Verlag:  Albert  Kohn,  Berlin  di.,  Schliemannstr.  11.  —  Druck:  '^tcnlrrr  &amp;amp;  D'.mmicl,  Berlin  Ü-,  Voutfen-Vferll

173  und  174.  Flugblatt  zur  Reichstagswahl  1898
        <pb n="361" />
        haben  und  dadurch  denjenigen  Kollegen,  die  aus  den  alten  kaufmännischen  Vereinen ­
  ausschieden,  einen  Ersatz  bieten  solle.  Die  betreffenden  Anträge  fanden
keine  Mehrheit,  da  namentlich  die  Berliner  Delegierten  sie  als  zum  mindesten ­
  verfrüht  bekämpften,  und  als  zu  Pfingsten  1897  auf  einer  zu  Leipzig
abgehaltenen  Konferenz  von  Delegierten  aus  acht  Orten  Deutschlands  doch
ein  solcher  Zentralverband  beschlossen  wurde,  der  dann  am  1.  Juli  1897
mit  Lamburg  als  Zentralsitz  ins  Leben  trat,  hielten  sich  Berlin  und  einige
andere  Städte  mehr  als  ein  Jahr  noch  abseits.  Am  2.  Oktober  1898  jedoch
beschlossen  auch  die  Freien  Vereinigungen  dieser  Orte,  sich  aufzulösen  und
Mitgliedschaften  des  Zentralverbandes  zu  bilden.  Das  geschah,  und  der
erste  Bevollmächtigte  der  Berliner  Mitgliedschaft  wurde  Willy  Friedländer, ­
  der  dieses  Amt  bis  zum  Jahre  1906  in  selbstlosester  Weise  versehen ­
  hat,  Kassierer  Arban,  und  neben  diesen  und  den  vorher  schon  genannten ­
  Streitern  traten  nun  ganz  besonders  Ida  Baar,  Julius  Kaliski,
Regina  Kraus,  Emil  Rosenow  und  Georg  Acko  als  Kämpfer  für  die
Bewegung  in  den  Vordergrund.
Da  derZentralverband  sich  im  „Landlungsgehilfenblatt"  ein  eignesOrgan
geschaffen  hatte,  war  mit  Beitritt  derVereinigung  zum  Verband  „Der  Pandels-Angestellte"
  überflüssig  geworden  und  stellte  am  15.  Oktober  1898  sein  Erscheinen ­
  ein.  Das  „Landlungsgehilsenblatt"  wurde  damals  in  Berlin  von
Leopold  Liepmann  redigiert.
Einen  großen  Erfolg  erkämpften  im  Jahre  1897  die  im  Geist  der
Arbeiterbewegung  wirkenden  Landlungsgehilfen  bei  der  Delegiertenwahl  für
die  Ortskrankenkasse  der  Apotheker,  Kaufleute  ustv.  Berlins.  Die  Ortskrankenkaffc
  für  Landlungsgehilfen,  die  bis  dahin  neben  jener  Kasse  bestanden  hatte,
war  aufgelöst  worden,  und  es  galt  nun,  Einfluß  auf  die  Verwaltung  der  erstgenannten ­
  Kasse  zu  gewinnen.  Zu  diesem  Zweck  gingen  die  Mitglieder
der  Vereinigung  gemeinsam  mit  den  Mitgliedern  der  Berliner  Ortsstelle
des  Verbandes  der  Landels-  und  Transportarbeiter  vor  und  erreichten  es,
daß  die  mit  ihnen  vereinbarte  Delegiertenliste  die  große  Mehrheit  der
Stimmen  erhielt.  Die  Ortskrankenkasse  für  Kaufleute,  Landelsleute  und
Apotheker  ist  die  größte  Ortskrankenkasse  Deutschlands,  sie  war  im  Jahre
1905  auf  über  90  000  Mitglieder  angewachsen  und  hat  unter  der  Leitung
des  bald  darauf  zum  Rendanten  der  Kasse  gewählten  Vertrauensmanns
der  Landlungsgehilfen  Albert  Kohn  und  anderer  den  Interessen  der  Angestellten ­
  ergebenen  Personen  ganz  Bedeutendes  auf  dem  Gebiet  der  Sozialpolitik, ­
  speziell  auch  der  Lygiene  für  ihre  Mitglieder  geleistet.  Anter  anderem
haben  ihre  Veröffentlichungen  über  die  Wohnverhältnisse  ihrer  Mitglieder
die  Anerkennung  aller  Sozialpolitiker  gefunden.  Allerdings  sind  der  Verwaltung
  auch  Angriffe  von  Unternehmern  und  Behörden  nicht  erspart
geblieben.  Sie  haben  sie  aber  in  ihrem  Wirken  nicht  von  der  bcschrittenen
Bahn  ablenken  können.  Bei  den  Erneuerungswahlen  von  1902  erhielt  die
Liste  der  beiden  gewerkschaftlichen  Verbände  2322,  die  der  vereinten  Gegner
aber  nur  1057  Stimmen.
Ein  weiterer  Erfolg  der  rastlosen  Agitation  der  nun  im  Zentralverband
organisierten  Landlungsgehilfen  Berlins  war  es,  daß  im  Jahre  1903  endlich
die  städtischen  Behörden  sich  dazu  entschlossen,  den  Krankenkassenzwang  für
alle  Angestellten  einzuführen,  die  bis  zu  2000  Mk.  Iahresgehalt  beziehen.
Lier  waren  es  die  sozialdemokratischen  Stadtverordneten,  die  in  der  Gemeinde-
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        366

Verwaltung  das  verfochten  hatten,  wofür  der  Zentralverband  draußen  in
Wort  und  Schrift  agitierte.
Auch  das  1904  zustande  gekommene  Gesetz  über  die  kaufmännischen
Schiedsgerichte  verwirklicht  in  abgeschwächter  Gestalt  eine  Forderung,  für
welche  die  sozialistischen  Handlungsgehilfen  lange  agitiert  hatten.  Lind  bei
den  ersten  Wahlen  zu  dem  in  Berlin  errichteten  kaufmännischen  Schiedsgericht ­
  gelang  es  im  Jahre  1905  den  im  Zentralverband  organisierten
Gehilfen,  von  100  zu  erwählenden  Beisitzern  21  ihrer  Liste  durchzubringen,
fast  doppelt  so  viel,  als  das  Verhältnis  ihrer  Zahl  zur  Mitgliederzahl
aller  übrigen  —  antisemitischen,  liberalen  und  farblosen  —  Gehilfenvereine
zusammen  ausmacht,  die  gleichfalls  eigene  Listen  aufgestellt  hatten.  Das  zeigt,
wie  populär  die  Kandidaten  des  Zentralverbandes  in  den  Reihen  derjenigen
Gehilfen  waren,  die  aus  irgendwelchen  Gründen  sich  dem  Zentralverband
nicht  anschließen  mochten  oder  konnten.  Aber  das  Wahlresultat  gab  vielen
Mut,  und  in  dem  einen  Jahr  von  1904  auf  1905  stieg  die  Mitgliederzahl
der  Berliner  Ortsstelle  von  794  auf  1524.
Die  ganze  Zeit  hindurch  hat  der  Zentralverband  die  Agitation  für  den
Achtuhrladenschluß  nicht  ruhen  lassen.  Der  Gedanke  einer  Liga  für  den
Achtuhrladenschluß,  den  im  Jahre  1897  das  Mitglied  Berthold  Leymann
in  der  damals  noch  als  freie  Vereinigung  bestehenden  Berliner  Ortsstelle  zu
verwirklichen  versuchte,  um  die  Agitation  auf  eine  möglichst  breite  Basis
zu  stellen,  war  zwar  von  der  Leitung  der  Vereinigung  als  unzweckmäßig
abgewiesen  und,  da  er  auch  sonst  kein  genügend  starkes  Echo  fand,  wieder
aufgegeben  worden.  Aber  für  die  Sache  selbst  ward  bei  jeder  sich  bietenden
Gelegenheit  in  der  Presse,  in  Versammlungen,  in  Flugschriften  und  durch
Schritte  bei  den  Behörden  gearbeitet,  bis  sie  im  Jahre  1908  zu  einem
glänzenden  Erfolge  geführt  wurde.
Es  liegt  im  Wesen  und  den  Verhältnissen  des  kaufmännischen  Gewerbes
mit  der  großen  Verschiedenheit  der  Geschäfte  und  dem  starken  Zustrom  an
Arbeitskräften  begründet,  daß  allgemeine  Lohnbewegungen  oder  gar  Streiks
von  Gehilfen  bei  ihm  bisher  völlig  ausgeschlossen  waren  und  sich  die  Tätigkeit
der  kämpfenden  Gehilfenschaft  vorwiegend  darauf  richtete,  durch  die  Gesetzgebung ­
  und  Verwaltung  Verbesserungen  zu  erlangen.  Aber  ganz  ohne
Kämpfe  der  ersteren  Art  ist  die  Geschichte  der  sozialistischen  Landlungsgehilfen ­
  Berlins  doch  nicht,  wenn  sie  sich  auch  bisher  nur  in  kleinem  Rahmen
abgespielt  haben.  Ein  solcher  Kampf  war  die  Lohnbewegung  der  Adressenschreiber ­
  Berlins,  die  im  Jahre  1903  unter  Leitung  des  Verbandes  sich
abspielte.  Sie  führte  bei  einem  der  größten  der  Adressenvcrlage,  der  Firma
Robert  Teßmcr,  zu  einem  Streik  von  136  Adressenschreibern,  der  21  Tage
dauerte  und  die  Firma  nötigte,  die  jammervolle  Bezahlung  ihrer  Schreiber
wenigstens  um  etwas  zu  erhöhen.  An  die  anderen  Firmen  (Schustermann
mit  150,  Otto  mit  60  und  John  mit  30  Schreibern)  wurden  dann  auch  Forderungen ­
  gestellt  und  bei  einer  davon  im  Linblick  auf  den  Streik  ohne  weiteres,
bei  den  anderen  durch  Vermittlung  der  Berliner  Verbandsleitcr  bewilligt.
Die  Kosten  des  Streiks  beliefen  sich  auf  6542  Mk.,  von  denen  2608  Mk.
durch  allgemeine  Sammlungen  aufgebracht,  1748  Mk.  von  den  Berliner
Gewerkschaften  und  1820  Mk.  von  der  Zentralkasse  des  Verbandes  beigesteuert ­
  wurden,  166  Mk.  verdienten  die  Ausständigen  selbst  durch  Adressenschreiben ­
  auf  einem  improvisierten  Bureau.
        <pb n="363" />
        2232:

OlM  für  bis  IntmffcR  btt  KnubiMtzs-Gkiiilseil  nnb  GkhilfiiiNtst.

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alle  Spediteure.  die  vuchdaiwlung  Vorwärts.  Berit»  SW,  «eu:l.Llrcie  2
und  alle  Vastanstailen  stir  tSOS  unter  Ae.  »IW.
!  Zuschritten  an  die  Rebatiion  «nb  zu  richten  nach  Berlin  N,  verlchistr.  «1,111.
Geldlendungeu  an  den  Vertag  sJuI.VIslauerl.  Lharlailendurg.  stsesialezzitirbl  I.

Nummer  12.  |  MMooch,  den  15.  Juni  1898.

VII.  Jahrgang.

Rollegen:  Auf  znv  M»«hl:
Morgen,  am  16.  Juni,  füllt  der  entscheidende  Schlag.  Morgen  wird  da»  deutsche  Volk  bestimmen,  wem  eS  auf  fünf  lange  Jahre
sein  LLohl  und  Wehr  anvertrauen  will.  In  den  letzten  Wocheit  ist  unzählige  Male  ausgeführt  worden,  von  welcher  Bedeutung  die  diesmalige
Wahl  ist,  waS  auf  dem  Spiele  steht.  Heute  wird  sich  ein  Jeder  klar  sein,  wen,  er  seine  Stimme  zu  geben  hat.
.Handlungsgehilfen!  Wir  haben  Euch  gezeigt,  wie  Eure  Interessen  von  den  bürgerlichen  Parteien  verrathen  und  verkauft  und  mit
Führ«  getreten  worden  sind.  Ihr  wistt.  dost  nur  die  SofialdrmoKrslic  sich  Eurer  angenonunen  hat,  dast  Ihr  cö  nur  der  SoriLldrmoKralir
zu  verdanken  habt,  dasi  das  neue  Handelsgesetzbuch  wenigstens  einige  Vcrbcssernngen  enthält.
Handlungsgehilfen!  Ihr  werdet  darum  auch  morgen,  am  Wahltage,  Eure  Pflicht  thun.  Eure  Pflicht!  Die  ist  damit  nicht  gethan,  daß
Ihr  Euren  Stimmzettel  für  den  sozialdemokratischen  Kandidaten  abgebt.  Die  Säumigen  aufrütteln,  die  Nachlässigen  an  die  Urne  holen,  das-  ist
der  grvstcre  und  weitaus  schwierigere  Theil  Eurer  Pflicht!  Kollegen!  Jeder,-  der  sich  morgen  frei  machen  kann,  stelle  seine  Dienste  in  den  WahlburcauS
der  sozialdemokratischc»  Partei  zur  Verfügung  und  kann  er  sich  -nicht  frei  machen,  dann  benutze  er  wenigstens  die  Mittagspause  zur  Arbeit.
Arbeitet  jeder  von  Euch  morgen  mit  Aufbietung  aller  Kräfte,  thut  jeder  seilte  Pflicht,  dann  werden  tvir  an,  Abend  stolz  sagen  können,
dag  auch  wir  einen  kleinen  Theil  zu  dem  Erfolge  der  Sozialdemokratie  beigetragen  haben.
Moetz  die  öojtal&amp;amp;cmoluntic!

Li»  »euer  Anschlag.
Raum  |c  Ist  in  kaiiimauuischen  Kreisen  einer  Frage  ei»
so  lebhafte»  Interesse  entgegengebracht  worden,  wie  der
gegenwärtig  aus  der  Tagesordnung  stehende»  Besteuerung
der  Waarcnhäuser.  Toi  Ist  auch  garnicht  verwunderlich.
Erhoffe»  doch  Tausende  von  Rleinkausleulen  davon  ihre
Rettung,  glaubcn.  sie  doch,  dost  dainit  dem  Grostbclrieb  im
Handel-gewerbe  der  Todesstoß  versetzt  wird.  Nur  da«  Wie?
inacht  ihnen  noch  Schwierigkeiten.  Seit  Monate»  schon
sinnt  man  nach,  wie  die  Waarenhäuser  an,  besten  und
sichersten  zu  treffen  sind;  Dutzende  von  Vorschlägen  sind
aufgetaucht.  ebenso  schnell  aber  wieder  verworsen  worden,
lieberail  war  schließlich  ein  Hi,i  terthürche»  vorhanden.  Gewerbesteuer. ­
  Umsatzsteuer  u.  s.  w.  sind  ju  wenig  radikale  Miltes,
weil  die  Kontrolle  zu  schwierig  ist.  Nur  ein  Vorschlag  ist
schließlich  als  diskutabel  übrig  geblieben:.  Die  Personal-Der
  Vorschlag  ist  dem  überschiauen  Hirn  drk  Abgeordneten ­
  Botthein  von  der  freisinnigen  Vereinigung  entsprungen
enb  die  Schutzgemeinschast  sür  Hände,  und  Gewerbe
in  Zeitz  hat  nicht  gezögert,  demselben  eine  scsle  Form  zu  geben.
Mc.»  denkt  sich  die  Sache  so.  daß  6  Angestellte  in  jedem
Geschäft  steuersrei  sein  solle».  Der  7.  soll  mit  60  Mark,
der  8.  mit.  100  Mark,  der  0.  mit  300  Mark,  der  10.  mit
•100  Mark,  der  11.  mit  600  Mark,  der  12.  mit  700  Mark,
btt  13.  mit  000  Mark  u.  s.  io.  pro  Jahr  besteuert  werden.
Ein  Geschält  mit  13  Angestellten  würde  also  sährlich
3000  Mark  Steuer  zu  zahlen  haben,  ein  solche»  mit  30
bis  40  Angestellten  ca.  10  000  DIark.  Nimmt  man  an.  daß  ein
derartiges  Geschäft  einen  Umsatz  von  ca.  800  000  Marl
tyct  und  eine»  Reingewinn  von  10pTt.,  also  30  000  DIark
abioirsl,  so  würde  demselben  immerhin  noch  ein  Reingeivinn
von  20  000  Mark  verbleibe».  Die  Waarenhäuser  können
also  dieser  vesteuerung  ruhig  entgegensehen,  anders  dagegen
die  Angestellten.  Der  Inhaber  eines  derartigen  Waaren.
Hauses  wird  sich  schön  in  Acht  nehmen,  auch  nur  ans  einen
Pfennig  seines  bisherigm  Profit«  zu  verzichlen;  er  wird
daraus  bedacht  sein,  wie  er  de»  durch  die  Steuer  entstandenen
Verlust  wieder  wett  mache»  kann.  Ge  wird  sein  Personal
vermindern,  die  Gehälter  herabsetzen,  die  Arbeitszeit ­
  verlängern,  anstatt  männlicher  Arbeitskräfte  weidliche
  und  Lehrlinge  anstellen.  ES  ist  außer  Frage,  daß
dabei  die  heute  schon  über«»«  schlechte  Lage  der  Handlung«,
gehilsen  zu  einer  gerade  erbärmlichen  ,»erden  muß.
Wir  haben  cS  stet»  betont:  Jede  Maßregel  zu  Gunsten
de«  selbständigen  Kleirkausniannk  stellt  sich  zuletzt  als  eine
Bedrückung  der  Angestellten  heraus.  D-a»  war  von
jeher  so,  weil  unsere  Gesetzgebung  noch  nie  den  Geist  der
Zeit  begriffen  hat.  noch  nie  Gesetze  erlasse»  hat.  um  die
wirthschastliche  Entwickelung  zu  fördern,  sondern  nur  um  sie
auszuhallen,  weil  dieses  Aushallen  im  Ingresse  bestimmter
Kliqiun  liegt.  Von  einer  derartigen  Bedrückung,  wie  e»
die  Personalsten  er  sein  würde,  ist  der  deutsche  Handlung»,
gehilsriistand  jedoch  noch  nie  betroffen  worden,  weder  vor
den  Zeit  der  vielgepriesenen  Eozialrejvnn.  noch  nach  derselbe,,. ­

  Die  Personalsteuer  würde  geradezu  eine  Prämi.
darstellen  aus  möglichst  .inljnfjp.e  Ausbeutung,  aus
möglichst  geringe  Entlohnung,  auf  möglichst  lauge
Arbeitszeit.
Zu  den  Verfechten,  der  Besteuerung  der  Waarenhäuser
gehören  auch  bekanntlich  die  deulschnalionalen  Hand.
lungSgehilsen.  Ihre  Agilalareu  hebe»  diese  Forderung
immer  al»  ein  wesentliche«  Unterscheidungsmerkmal  hervor.
Wir  haben  demgegenüber  unzählige  Male  daraus  hingewiesen,
daß  eine  Besteuerung  deS  Großbetriebes  im  HandelSgeioerbe  den
Interessen  der  Handlungsgehilfen  geradezu  ins  Gesicht  schlägt.
Und  die  Entwickelung  der  Angelegenheit  hat  uns  nu
Recht  gegeben.  Die  Herren  vom  deutschnationälen
bände  fangen  nun  auch  au  baü  Absurde  ihres  Verlangens
einzusehen.  Nicht,  weil  sie  zu  befferer  Erkenntniß  gekommen
sind,  daS  -  ist  bei  diesen  Leuten  gaitj  ausgeschlossen.  Aber
die  Bedrückungen  und  Verschlechlerungen.  die  die  Personal-[teuer
  in,  (Befolge  haben  würde,  liegen  so  klar  auf  der
Hand,  daß  selbst  in  dem  durch  kein  Wölkchen  wiffenschastlicher
  Erkenntniß  getrübten  Gehirn  der  Mitglieder  de«
deulschnalionalen  Verbände»  ein  Licht  ausgehen  könnte.  Die
.  DeutscheHandelS-Wacht'  spricht  sieh  darum  gegen  die  Personal,
steuer  au#  und  empfiehlt  bei  Ortsgruppen  bc8  Verbände-.Entschließungen'
  dagegen  einzureichen,  wie  die»  bereits  die
Ortsgruppe  in  Zeitz  gethan  hat.  Daß  die  antisemitischen
Handlungsgehilfen  eS  aber  mit  verschuldet  haben,  daß  ein
derartige»  Projekt  überhaupt  in  Erwägung  gezogen  werden
konnte.  daS  wird  der  .H.-W.  natürlich  nicht  einleuchten.  —
Die  Personalsteuer  ist  daS  einzige  Mittel,  mit  dem
die  Waarenhäuser  empfindlich  getroffen  werden  können.  Nach
den  Wahlen  wird  ganj  zweijelloS  an  seine  Realisirung
gegangen  werden,  wen»  dieselben  der  Reaktion  die  erhoffte
Stärkung  bringen.  Tragen  wir  Handlungsgehilfen  unser
Theil  dazu  bei,  daß  dies  nicht  der  Fall  sein  wird,  treten
wir  mit  allen  Kräften  für  die  Muhl  der  sozialdemokratischen
Kandidaten  ein:  1*  mehr  Sozialdemokraten  gewählt  werden,
desto  größer  wird  die  Gewißheit  sein,  daß  auch  dieser
neuest«  Anschlag  ersolgreich  abgewehrt  wird.

Dir  Harmonie-Apostel
bei  der  „praktischen"  Arbeit.
Wem,  wir  s-zialdeinoiralischen  Haudtungtgehilsea  bei  der
öffentlichen  Propaganda  sür  unsere  Ideen  unter  bc„  Kollegen
austrete«,  so  t|!  unfehlbar  Immer  ein  Cegne«  zur  Stelle,  btt
i,„3  beweisen  will,  wie  herzlich  „nNug  wir  vorgingen,  wie  wenig,
Erfolge  wlr  bisher  erzielt.  gegenüber  den  alten  praktisch
thätigen  kansmü,mischen  Bertinen,  welche  dtth  der  Kollegen,chaft
sch»,,  heute  Ruhen  brächten  und  mmnhem  v.belstande  ad.
g,Holsen  hätten,  wie  wir  nur  tritiflten.  nicht-,  aber  bestem  könnten
and  wie  die  sonstigen  Cchlagworte  noch  olle  heißen.  Da»  wird
“ nb  "»getragen.  mit  dem  Brusttöne
st'Usch»  Uedcrzmgung  u»!&amp;gt;  .»tgegen  geschleudert,  dag  selbst
latlses.e  vlalurrn  stutzig  werben  und  dev  Ttraden  der  Dichter

Glauben  schenken.  —  Wir  wollen  'nun  heute  einmal  -aii  Hand
der  Jahresberichte  der  Harmonie-Vereine,  an  Hand  der  eigenen
EingeftLndniise  untersuchen.  ns„»  an  den  Behauptung,»  Wahre»
ist  und  bald  werden  wir  ttar  sehen,  wie  dreist  die  Herren  und
Herrchen  austrete».  die  alle  Ursache  hälten  zu  schweige».  Sich
der  Geld,  und  Kräfte.  Verzettelung,  welche  besonder«  hier  tn
Berlin  von  den  Harmonie.  Vereinen  betriebe»  wirb,  lieber  zu
schämen,  al«  davon  noch  vsteiillich  grob  Rühmen«  zu  machen.
Zuerst  wird  siet«  mit  der  Stellenvermittelung  geprahlt,
!lche  doch  de»  Gehilfen  ungeheuren  Vortheil  bringe,  den
Stellungslosen  Brod  verschoste  k.  —  Wer  nun  so  glücklich  ist,
Mitglied  eine«  der  bet  den  Heeren  EhesS  so  beliebten  vereine  ,ü
sein,  habe  diese  Wohlthat  ganz  gratis,  wer  ei  nicht  sei.  -werde
auch  nicht  zurückgestoben.  müsse  nur  wie  bei  jedem  Stellen,
verminter  Vorschob,  so  hier  .Einschreibegebühr'  s^ißt,  zahlen.
Also  Ehre  wem  Ehre  gebührt,  zuerst  Hera»  mit'  Dir.  Du
Nettester  der  in  Berlin  bestehenden  Vereine,  der  den  Namen  bef
Verein«  junger  Kaufleute  von  Berlin  trägt.  —  Laut  brr
Berus«,  und  Kewerbezählung  de«  Jahre«  ISbö  waren  tn  Berlin
im  Handel  thätig  12640b  angestellte  Personen.  Diese
Grundzister  wird  man,  bei  den  nachfolgende»  Betrachtnngen  im
Gedächtniß  halten  müssen.
Der  Verein  junger  Kaufleute  hat  nun  in  dem  der  Zählung
entsprechenden  Jahre  vetmitlell  628  Stellen,  worunter  noch
100  auswärtige,  die  wir  aber  au«  llourtoiste  mit  hinzu
.nen.  Die  Besetzung  dieser  winzigen  Zahl  schlechtest
dotlrter  Vakanzen  haben  dem  verein  einen  Zuschitst  von
9Sb4  Mk.  gekostet,  so  daß  der  Zuschuß  sür  jede  besetzte
Stellung  netto  1b  Mk.  80  Pfg.  beträgt.  Geht  man  aber
der  Cache  ganz  und  gar  aus  den  Grund  und  rechnet  die
»470  Mk..  welche  an  Einschreibegebühren  und  Entschädigungen
te.  von  den  Bewerbern  erhoben  wurden,  hinzu,  so  kostet  die
Besetzung  jeder  Stelle  noch  8  Mk.  70  Pfg.  mehr  und  kommt
aus  den  Betrag  von  24  ivtk.  50  Pfg.  rund  per  Stellung
zu  stehen,  eine  enorm«  Summe,  deren  Höhe  sich  die  bei  den  Eheft
so  sehr  angesehenen  Herren  Vorstandsmitglieder  wohl  noch  nie
rech!  klar  gemacht  haben  mögen.  Die  Geholter  u&amp;gt;n  die  Beamten,
die  diese  Riesenanzahl  von  Besetzungen  vermittelten,  betrugen  ea.
Die  MUgtiedttzohl  bei  Verein»  betrug  1808.  886«,  davon
erhielten  durch  die  eigene  Vermittelung  113  Bewerber  ein
Ä emenl.  also  8.87»/,  dee  Mitglieder.  Ein  Lottospiel  im
i,  wenn  einer  von  den  12»  000  Angestellten  BttUuS
durch  de»  Verein  junger  Kausleule  plazirt  wird.  Hier  «J-Oiße
bafl  Verhältniß  auf  noch  nicht  eiiihatb  pro  Le  nt  zusammenschrumpfen.
  Und  derlei  Spielerei  soll  von  Irgend  welchem
günstigen  sozialen  «instuß  aus  die  Lage  der  Gchitsenschaft
sein?  Tu«  mögen  die  Herren  glauben  machen^  wem  sie  wollev-Jeder
  Dr.cksähige  wird  bei  solchen  Resultaten  ,u  dem  Schluffs
kommen:  Packt  Ihr  Euch  mit  Eurer  ganzen  SteHenvenniNrlung
zusammen,  so  werden  dal  unter  1000  Angestellten  Berlin«  kaun»
süns  fühlen,  „och  viel  weniger  bedauern  oder  vermissen.  Mau
glaube  aber  beileibe  nicht,  wir  Hütten  ein  besonder«  schlechte«
Jahr  heraulgegrissen.  „  _  ...
•  E»  wurden  durch  den  verein  junger  Kaufleute  weiter  besetzt:
1800:  «83  Stellen  darunter  102  emZwärtige.  Zuschuß  10878  «k.
1807:7öv  .  .  71  .  .  .  "vb  .
trotzdem  die  Milgllederzahl  gewachsen  und  der  verrtu  sich  de«
stetrn  Wohlwollen,  der  Herren  llhes«  weiter  msttute.'
Wir  bfirftn  un«  »der  de«  kläglichen  kostenreicheu  «esulMe»
kaum  wundern,  wenn  wir  oul  der  Vortragoltste  de«  letzte»
Jahre»  «sehen.  wonül  sich  dieser  verein  eigentlich  beschäftig!

175.  Titelseite  einer  Nummer  des  „Landels-Angestellten"
        <pb n="364" />
        368

Ohne  Opfer  kein  Kamps,  und  so  hat  auch  die  Geschichte  dieser  verhältnismäßig ­
  kleinen  Verbindung  ihre  Liste  von  Verfolgungen.  Die  meisten
davon  waren  Maßregelungen  ökonomischer  Natur.  Aber  es  fehlten  daneben
nicht  die  politischen  Prozesse.  Albert  Auerbach  wurde  wegen  „Aufreizung ­
  zum  Klassenhaß"  zu  300  Mk.  Geldstrafe,  Wilhelm  Swienty  zu
50  Mk.  Geldstrafe  verurteilt,  und  August  Lintze  wurde  vor  Gericht  gestellt,
weil  er  den  geheimen  Erlaß  Posadowskys  in  Sachen  der  Zuchthausvorlage
als  „gemein"  bezeichnet  haben  sollte.  Indes  gelang  es  der  Verteidigung
durch  Wolfgang  Leine,  eine  Verurteilung  wegen  Beleidigung  eines  Erlasses
zu  verhindern.
Das  Gesamtbild  der  Geschichte  der  Organisation  der  gewerkschaftlich
kämpfenden  Landlungsgehilfen  Berlins  muß  als  überaus  günstig  bezeichnet
werden.  Gegen  fast  unüberwindlich  erscheinende  Schwierigkeiten  hat  ein
kleines  Läuflein  Streiter  durch  mutiges  Festhalten  am  einmal  für  richtig
Erkannten  und  unermüdliche  Agitation  sehr  viel  erreicht,  tatsächlich  sich
als  das  Salz  bewährt,  das  die  große,  träge  Masse  der  durch  Vorurteile
aller  Art  von  der  Verfolgung  großer  sozialer  Ziele  abgelenkten  Berufskollegen ­
  immer  wieder  in  Bewegung  brachte.  Mit  winzigen  Zahlen  hat
sie  lange  Zeit  rechnen  müssen  und  wiederholt  die  Reihen  sich  lichten  sehen.
Es  waren  nur  157  Mitglieder,  die  im  Jahre  1898  die  erste  Berliner  Ortsstelle ­
  des  Zentralverbandes  bildeten.  Zm  nächsten  Jahre  waren  es  270,
dann  nacheinander  322,  369  und  1902  immer  erst  472.  Am  Schluß  unserer
Epoche  aber  sind  es  über  1500,  und  wenn  sich  der  schnelle  Zuwachs  der
letzten  drei  Jahre  nicht  durchgängig  als  stichfest  erwiesen  hat,  so  stellt  die
gewerkschaftliche  Organisation  der  Landlungsgehilfen  doch  eine  Truppe  dar,
deren  Zahl  sich  seitdem  oberhalb  von  Tausend  gehalten  hat  und  fortfährt,
als  Vorhut  der  Angehörigen  ihres  Berufes  deren  wirtschaftliche  und  allgemein ­
  soziale  Interessen  kraftvoller  und  mit  größerem  Weitblick  zu  verfechten ­
  als  alle  Nebenorganisationen,  und  zugleich  in  dieser  Bevölkerungsschicht, ­
  die  dessen  fast  noch  mehr  bedarf  als  das  industrielle  Lohnproletariat,
das  Licht  sozialistischer  Erkenntnis  zu  verbreiten.
        <pb n="365" />
        Obere  9\eü;e:  Zucht,  Liepmann,  Fischer,  Böske,  Mars,  Lackelbusch,  Franke,  Loch,  Oppel.  Mittlere  Reihe:  Seikel,  Viktors,  Wasewitz,
Zöchel,  Lirsch,  Ernst,  Pohl,  Schneider,  Werner.  Untere  Reihe:  Zung,  Wengels,  Panzeram,  Bauschte,  Baader,  Wulf,  Lutz,  Thiel.

Dle  letzten  Vertrauenspersonen  vor  Gründung  des  Wahlvereins
        <pb n="366" />
        Dreizehntes  Kapitel.
Die  sozialdemokratische  Frauenbewegung
Berlins.

3 n  noch  höherem  Grade  als  es  im  sogenannten  bürgerlichen  Recht  der
Fall  ist  findet  unsere  Epoche  die  weibliche  Bevölkerung  Preußens
politisch  entrechtet.  Nicht  genug,  daß  die  Frau  vom  Wahlrecht  zu
den  gesetzgebenden  und  Verwaltungskörpern  ausgeschlossen  ist,  verbot  ihr
das  preußische  Vereinsgesetz  des  Reaktionsjahres  1850  sogar  die  bloße
Teilnahme  an  politischen  Vereinen.  Ein  Verbot,  das  durch  die  weitgedehnte
Auslegung  des  Begriffs  „politisch"  von  seiten  der  Behörden  und  Gerichte
für  die  sozialistische  Frauenwelt  noch  erheblich  verschärft  wurde.
Diese  doppelte  Entrechtung  bestimmte  lange  Zeit  die  Formen  der  sozialdemokratischen ­
  Frauenbewegung  Berlins.  Die  sozialistischen  Frauen  können
ihren  Vereinigungen  nicht  nach  freier  Entscheidung  diejenigen  Formen  und
Statuten  geben,  die  ihnen  zweckgemäß  erscheinen,  sondern  müssen  sie  von
Rücksichten  abhängig  machen,  die  mit  den  vorgesetzten  Zwecken  nichts  zu  tun
haben.  Das  hatte  selbst  dort  die  Zuflucht  zu  Mischformen  zur  Folge,  wo
wenigstens  der  Klassencharakter  der  Verbindung  bestimmte  Ausprägung
erhielt.
Schon  der  im  zweiten  Band  erwähnte  Arbeiterinnenverein,  der  von
Marianne  Menzger  und  Johanna  Wecker  1882  ins  Leben  gerufen
wurde,  nannte  sich,  obwohl  er  sich  rein  wirtschaftliche  Zwecke  zum  Ziel
setzte,  recht  unbestimmt  „Frauen-Lilfsverein  für  Landarbeiterinnen".  Sehen
wir  uns  die  Aufgaben,  die  er  sich  stellt,  näher  an,  so  enthüllen  sie  sich  uns
als  gewerkschaftlich:  Organisierung  von  Arbeitsnachweisen,  Arbeitslosenunterstützung ­
  und  ähnliches.  Eine  gemischte  Verbindung  mit  gewerkschaftlichem ­
  Aufgabenprogramm  —  an  diesem  Widerspruch  mußte  die  wohlgemeinte ­
  Schöpfung  mit  Notwendigkeit  scheitern.  Aber  sie  hatte  doch  nicht
umsonst  existiert.  Der  Weg  jeder  neuen  Bewegung  geht  über  Fehlschlüge.
Es  sind  Streiterinnen  dieses  Vereins,  die  wir  unter  den  Gründern  des
„Vereins  zur  Wahrung  der  Interessen  der  Arbeiterinnen"  finden,
der  1885  ins  Leben  tritt,  einen  großen  Aufschwung  nimmt  und  eine  außerordentlich ­
  fruchtbringende  agitatorische  Tätigkeit  entfaltet.  Er  ist  allerdings
gleichfalls  noch  allgemeiner  Arbeiterinnenverein  mit  einem  Programm,
Bernstein,  Berliner  Geschichte.  III.  24
        <pb n="367" />
        370

das  wesentlich  gewerkschaftlichen  Charafter  trägt.  Im  Statut  bezeichnet  er
als  seine  Aufgabe  „Äebung  der  geistigen  und  materiellen  Interessen  der
Mitglieder,  insbesondere  Regelung  der  Lohnverhältnisse,  gegenseitige
Anterstützung  bei  Lohnstreitigkeiten,  Aufklärung  durch  fachgewerbliche
und  wissenschaftliche  Vorträge,  Beschaffung  einer  Bibliothek,  Pflege  der
Kollegialität  durch  gesellige  Zusammenkünfte  und  Errichtung  eines  Arbeitsnachweises". ­
  Aber  er  sucht  die  Lösung  dieses  Widerspruchs  doch  auf  der
richtigen  Linie.  Er  gründet  besondere  Kommissionen  für  die  einzelnen
Berufszweige,  und  diese  Kommissionen  sammeln  Material  über  die  Lage
der  Arbeiterinnen  der  betreffenden  Industrien,  bringen  es  an  die  Öffentlichkeit ­
  und  interessieren  diese  für  die  Aufbesserung  der  meist  jämmerlichen  Löhne
und  Arbeitsbedingungen.  Insbesondere  unter  den  Arbeiterinnen  der  Konfektionsbranchc
  wird  eine  lebhafte  Tätigkeit  entfaltet.  Es  werden  Lohnverträge ­
  mit  einzelnen  Firmen  vereinbart,  es  gelingt  der  Agitation,  die
geplante  Einführung  eines  Zolls  auf  englisches  Nähgarn  zu  Fall  zu  bringen,
ihr  sind  die  ersten  Beschlüsse  des  Reichstags  zugunsten  einer  amtlichen  Erhebung ­
  über  die  Lohnverhältnisse  in  der  Wäschefabrikation  und  der  Konfektionsindustrie ­
  zuzuschreiben,  und  auch  die  Einfügung  gewisser  Bestimmungen
gegen  den  Wucher  mit  Arbeitsmaterial  (Trucksystem)  in  die  Gewerbeordnung
ist  auf  sie  zurückzuführen.  EA  kommt  ferner  damals  auch  schon  zu  einer  rein
gewerblichen  Frauenorganisation,  dem  Verein  der  Mäntelnäherinnen.
Einrichtungen  für  Rechtsschutz,  ärztliche  Lilfe  und  Arbeitsnachweisung  werden
getroffen,  Petitionen  an  die  städtischen  Behörden  für  weiblichen  Fortbildungsunterricht ­
  und  für  Zulassung  der  Frauen  zum  Gewerbegericht  werden  in
Amlauf  gesetzt,  und  durch  Vorträge  sozialpolitischen  Inhalts  werden  die
Mitglieder  über  die  Zusammenhänge  der  gesellschaftlichen  Zustände  und
die  sozialen  Bestrebungen  der  Zeit  aufgeklärt.  (Vergleiche  darüber  insbesondere ­
  die  Schrift  von  Emma  Ihrer,  „Die  Arbeiterinnen  im  Klassenkampf", ­
  Lamburg  1898,  S.  12  ff.)
Aber  diese  aufklärenden  Vorträge  waren  nicht  nach  dem  Geschmack
der  Obrigkeit,  und  als  im  Frühjahr  1886  der  Puttkamersche  Streikerlaß
das  Signal  zu  schärferem  Vorgehen  gegen  die  Arbeiterbewegung  gegeben
hatte,  fielen  ihm  unter  anderen  auch  die  Arbeiterinnenvereine  zum  Opfer,
wie  das  in  Band  II  dieses  Werkes  auf  Seite  196  und  205  geschildert  ist.
Damit  tritt  die  Arbeiterinnenbewegung  Berlins  als  solche  wieder  für
einige  Zeit  von  der  Öffentlichkeit  zurück.  Aber  die  Bewegung  verflüchtigte
sich  deshalb  nicht.  Als  Mitglieder  der  1884  gegründeten  „Zentral-Krankenund
  Begräbniskasse  für  Frauen  und  Mädchen",  die  ihren  Sitz  in  Osfenbach
  und,  wie  an  vielen  Orten  im  übrigen  Deutschland,  so  auch  in  Berlin,
ihre  Verwaltungsstelle  hatte,  fanden  die  Treugebliebenen  Anlaß  und  Gelegenheit, ­
  zusammenzukommen  und  die  angeknüpften  Verbindungen  aufrechtzuerhalten. ­
  Auch  erzwang  man  sich  durch  zahlreiches  Erscheinen  in  öffentlichen ­
  politischen  Versammlungen  von  der  Polizei  das  bis  dahin  den
Frauen  wider  das  Gesetz  verweigerte  Recht  zur  Teilnahme  an  solchen  Versammlungen. ­
  Auf  dem  Pariser  Internationalen  Sozialistenkongrcß  von
1889  ließen  sich  die  sozialistischen  Frauen  und  Mädchen  Berlins  durch
Emma  Ihrer  und  Klara  Zetkin  vertreten,  und  die  Berichterstattung  voin
Kongreß  gab  Gelegenheit,  die  zeitgemäß  gewordene  Wiederaufnahme  der
öffentlichen  Agitation  und  Organisation  zu  erörtern.  Eine  aus  sieben
        <pb n="368" />
        24»

1-  WZe-  Alk  UroKtmnmntr  MMdk»  m  20.  gqnttrr  1890.  -^g  is»j.
xt  Arbeit^
)y  Zeitschrift  1  //
für  Hit  Merklseii  Her  Ivanen  miü  Mäüchkii  Bes  nrbeiteiiöen  $üto.
fcvgnit  aller  auf  dem  Kode»  der  modernen  Sebrilerbewegiiug  stellende»  VreeiniHnngrn  der  Arbrilerinnen.
-«o-  Eintracht  macht  stark  -  SildnttA  macht  frei!
NkdaNion:  Emma  Ihrer.  Velten  (Mark).  —  Expedition  und  Verlag:  E.  Iensen  &amp;amp;  (io.,  Hamburg,  35  Rosenstrahc.

Erscheint  wSchentlich  einmal  und  zwar  am
Sonnabend.

Annoiicci,  pro  Zeile  20  Pfennig.  Vereine  erhalle,!
Rabatt.

Aboiineincnt  pro  Vierteljahr  1  Mark,  Einzelnummer
10  Ps.  Dirclt  per  Kreuzband  Mk.  1.40.

Freunde  und  Freundinnen!  Sorgt  für  die  Verbreitung  der  „Arbeiterin"!

Aufruf!
Wir  lebten  hier  !»  Dämm'ruug  tief.
In  unser',»  Haupt  das  Denken  schlies.
Wir  schafften  spät,  wir  schassten  frühe.
Bei  hartem  Zwang,  mit  schwerer  Mühe.
Dian  hat  von  jeher  uns  gelehrt,
Daß  wir  nicht  haben  eig'nen  Werth.
Nicht»  darf  für  sich  die  Frau  erstreben.
Für  Mann  lind  Kind  nur  soll  sie  leben
So  war'»  gelehrt,  so  war'»  geglaubt,
So  ward  der  Frau  da»  Recht  geraubt:
Da«  Recht,  zu  wosten  und  zu  denikn.
Da»  cig'ne  Schicksal  selbst  zu  lenken.
.Doch  plötzlich  sind  wir  aufgewacht,  —
Die  bitt're  Noth  hat  es  vollbracht.
Sie  pocht  an  uns'rcü  Hirne»  Schranken:
Heraus  Ihr  schluuuucrnden  Gedanken!
Sie  spricht:  Ermanne  Dich,  o  Frau!
Ter  Kraft  im  eig'nen  Busen  trau.
Wirf  ab  der  Kette»  schwere  Bürde
Und  fühle  Deine  Menschenwürde.
Im  Lichte  .sieh'n  wir','  frei  und  frank.
O  herbe  Noth,  Dir  werde-Dank!
Dil  hasi  zu  denke»  uns  gelehrt,
Du  gabst  die  Kraft,  die  Dich  zerstört-Nicht
  mit  deiti  Mann,  der  unser  Feind,
Der  uns're  Rechte  schroff  verneint;
Nur  mit  Genossen  gleichen  Streben»
Geschlossen  sei  der  Bund  de»  Leben»--Dieselbe
  Pflicht,  daffelbe  Recht
Führt  Mann  und  Weib  nun  in'»  Gefecht,
Mil  gleicher  Kraft,  mit  gleichen  Waste»
Ein  schöne»  Leben  unü  zu  schaffen.
In  Ost  und  West,  in  Nord  und  Süd.  —
Arbeiterinnen,  hört  da»  Lied!
Erwacht  und  folget  unser'»  Bahnen
Hub  führt  zum  Siege  uns're  Fahne:,.
So  laßt  unü  wirken,  dich!  geschaart.
Nu»  Frauen  neuer,  echter  Art.
Daß  siegessroh  der  Ruf  erschalle:
Freiheit  und  gleiche»  Recht  für  Alle!
.  Obeustcliciider  poetische  Aufruf,  von  einer  u»s»«r
beliebtesten  Genossinnen,  ivrtcht  bereits  aus.  welchen
Zwecken  unsere  Zeitung  dienen  soll:  dem  Kampfe
für  die  Gleichberechtigung  des  weiblichen
Geschlecht»  aus  wirlbschastlrchem  und
Volt  tischen,  Gebiete!  Wenn  auch  heute  bereit»
alle  wahren  VotlSfrcunde  diesen  Kamps  mit  zu  c-em
ihren  machte,,,  wenn  die  Arbeiterzeitungen  auch  ebenfalls ­
  für  die  weiblichen  Arbeiter  ciutrclcn,  so  bat  11,18
doch  bisher  ei»  eigentlicher  Zusammenhalt  gefehlt,
denn  eine  völkische  Tageszeitung  ist  nicht  im  Stand:
uuS  den  Raum  zu  gewähren.  den  wir  brauche»,  um

genau  berichte»  zu  können  über  de»  Stand  der
Arbeiterinnen-Bewegung  und  die  Organisationen  derselben. ­
  Auch  bcdüricn  die  Frauen  ein  Organ,  das
in  verständlichster  und  schlichtester  Weise  de»  Frauen
die  für  da»  ganzr  Volk  wichtigen  Tagcsfraacn
erläutert,  da  wir  hier  rin  volles  Verständniß  nicht
voraussetze»  können,  weil  dem  größten  Theil  dcr
Fraucn  bis  jetzt  die  Vorbildung  dafür  fehlt.
Wir  haben  lang-  gewartet,  bevor  wir  aus  de»
von-allen  Seiten  laut  gewordenen  Wunsch,  eine
speziell  für  die  Frauen  bestimmte  Zeitung  hcrauszuaeden.
  eingingen.  Es  ist  aber  nicht  das  erste  Mal,
daß  ein  solches  Unternehmen  versucht  wird  und  guten
Erfolg  Hai.  Bereits  in  der  ersten  Hülste  der  achtziger
Jahre  gab  Frau  Gm't.a»nic-Schack  die  „Slaaksbürgcrii?
  heraus  (Orgc.i  für  die  Frauen  undMädchcn
  des  arbeitenden  Volkes),  und  seil  dieses  nach
lauin  einjährige».  Erscheinen  cbcnsalls  dem  Socialistengesetz ­
  zum  Ovsir  fiel,  verband  •  uns  nur  der  gleiche
Gedanke,  das  gleiche  Strebe»  mi,  cinander,  daS
Streben  nach  der  völligen  Selbstständigkeit,  auch  dcr
Frauen.
Und  von  alle,,  Frauen  und  Mädchen,  welche
schon  thätig-  Milarbeiteriimcii  in  der  ArbeilcrinNen-Bcwcauna
  sind,  sowie  von  allen  Männer»,  welche
für  die  Befreiung  de»  arbeitenden  Volkes  eintreten,
erwarten  wir  tbatkräftige  Unterstützung  dieses  tlnlcrnchincnS.
  Es  stehen  uns  keine  anderen  Mittel  zur
Verfügung,  als  unsere  Arbeitskraft,  zu  der  jede
einzelne  Arbeiterin  die  eigene  hinzusiigen  möge,  damit
wir  nicht  SchiffbruÄ  leiden  mit  unsern,  Zeitunas-„„tcrnchmen,
  sondern  bald  beweisen  können,  was  der
weibliche  Theil  des  Proletariats  mi8  eigener  Kraft
vermag,  wenn  es  gilt,  den  ärgsten  Feind  Aller,  de»
Unverstand  zu  bekämvscn  und  mit  dicfcm  dir  moderne
Ausbeutung  der  Frauen  auf  allen  Gebieten.  -
„Was  wollen  die  Fronen  mit  einer  eigenen
Zeitung?"  wird  man  uns  vielseitig-entgegenhalten,
„sind  nicht  Arbeiterblättcr  genug  da,  die  des  Lesens
werth  sind?"  Gewiß!  Doch  gebt  dem  ländlichen
Arbeiter,  der  abseits  von  aller.Kultur  lrbt.  eine  volitische
  Zeitung,  eine  Fachzeirung  in  di-  Hand  und  er
wird  ne  bald  wieder  ungelesen  sortlcgcn.  weil  daS
Interesse  für  Dinge,  die  außerhalb  fcincS.Gcstchlskreiscs
  liege»,  bei  ihm  noch  nicht  geweckt-  ist.  Ganz
ebenso  bei  den  Frauen,  die  man  bisher  hinter  den
Hccrd,  daS  Waschfaß  oder  die  Kindcrwicgc  verwies,
wen»  sic  sich  außerhalb  des  HauscS  umsehen  wollten.
Wen»  wir  wollen,  daß  die  Bewegung  der  grraucn
erstarkt,  müssen  wir  darauf  bedacht  sein,  nicht  nur
die  Jndnstricorbcitcrii,  zu  gewinnen,  sondern  auch  die
Hausfrau,  denn  die  Letztere  ist  theilweisc  ebenso  entmündigt ­
  wie  die  Erstere.
Wir  wollen  nicht  nur  die  materielle,  sondern
helfci^'^  Hebung  der  Frauen  herbeiführen
Um  die  Frauen  aber  kanivsfähig  zu  machen,
gut  -S  vor  Allem  die  unwürdigen  Fesseln,  welche
das  weibliche  Geschlecht  einengen,  abzustreiten,  und
dies  tonnen  wir  nur.  indem  wir  jederzeit  unsere
Selbstständigkeit  beweisen,  indem  wir  die  Lücken
unseres  Wissen«  auszufüllen  versuche»  und  uns  über
AllcS  zu  unterrichten  trachten,  waS  uns,  in  falscher
Beurtheilung  dcS  weiblichen  Geschlechts,  vo»  der
bcnllgcn  Gesellschaft  vorcnihanen  wird.  Doch  dieS
kann  nur  durch  Schriften  geschehen,  die  sich  ganz
dem  Verständniß  der  Mehrzahl  der  heutigen  Franc»
anvassen.  Wir  wollen  Mittämvscrinncn  werden  für
die  Emanzivalio»  des  arbeitenden  Volkes  aller  Länder.
Vorerst  aber  müssen  die  Frauen  selbst  frei  werden
von  allen  Ausnaomebestimmungen!
S-tetS  wollen  wir  kämpfen  für  Freiheit,
Wahrheit  und  Recht!
An  den  Frauen,und  Mädchen,  für  die  dies«
Zeitung  ins  Leben  trift,  wird  cs  nun  liegen,  selbst

energisch  ,ür  dieselbe  einzutreten,  dieselbe  so  viel  als
niöglich  zu  verbreiten  und  auch  fleißige  Ätiiarbciicri,iitci
  dafür  zu  fein,  damit  wir  bald  durch  eine
stattliche  Anzahl  Abonnciiiinnen  ßic  Verechiignng  und
Nothwendigkeit  unserer  Zeitung  nachweisen  können.
Arbeiterinnen  werbet  für  Eure  Zeitung,
cs  gilt  dem  Kamps  gegen  die  Sklaverei
der  Frauen!
Für  die  weitere  Folge  habt»  wir  uns  um  die
Milarbeit  der  bekannten  Schriftstellerinnen
Frau  El.  Zetkin?  Paris,
»  Marx-Av'tliiig-London,
„  Kautskr,.
Guillaumc-Schack
beworben  und  erwarten  wir  bercilS  für  nächste
Nummer  einen  Beitrag  )u  crhalicn.
Wir  werden  den  Leserinnen  auch  UntcrhaltcndcSbicleii.
  indem  wir  auch  Nomane.und  Novellen  bringen,
die  unsere,-..  Anschguunaer.  rmsvrcchcn  -.:i:t-»/uL&amp;gt;.ich-Bclehrung
  biete».  Auch  für  Küche  und  Hauswirtb--'
schüft  werden  wir  in  Znkunsl  Interessantes  und
Wisseiiöwerlhes  bringe»  und  überhaupt  den  Wünschen
der  Leserinnen  „ach  allein  Richmiigen  nach  Möglichkeit ­
  Rechnung  tragen.
Dir  Rrdalriion.
AkoNncnieirts-KtstlingMkM.
„Die  Arbeiterin"  erscheint  wöchentlich  einmal
und  kostet  vierteljährlich  1  Mark.
Ein  Exemplar  direkt  per  Kreuzband  bezogen
kostet  1  Mark-40  Pfennig.
Bei  Einzelbezug,  numiiieriiweisc,  kostet  die  Nummer ­
  10  Pfennig.
Für  Diejenigen,  welche  mininicriiweisc  beziehen,
ist  moiiatliche  Zahlung  gestattet  und  zwar  öö  Psg.
pro  Exemplar.
Der  Betrag  ist  nach  EnTpsang  der  zweiten
Nu,linier  per  Poslanmcisniig  oder  in  Bricsmnrkcn  zu
zahlen.  Die  ferneren  Nummern  werden  ausnahmslos
nur  an  Diejenigen  gesandt,  welche  bczabll  haben.
.  Es  emviichtl  sich,  in  jeder  Stadt  eine  Annahmestelle ­
  für  AboiiiicmentS  zti  errichte»  und  die  Wahl  der
betrestciidcn  Kslvortißun  in  öffentlicher  oder  Mitgliederversammlung ­
  vvrznnchmc».  '
Weilers  Exemplare  dieser  erste»  Nummer  stehen
gerne  zu  Diensten.
Die  Erprditis»  der  „Arbeiterin"
Hamburg.  Roscnsiraße  35.
Al,  Die  strrljt!.  pahtiom  litt  ArbliwMItll!
An  Bit  Mwt  to  Al»M-«Ml&amp;gt;istIiMllI
Indem  wir  Ihnen  vorliegend  die  Probcniinimer
des  bereits  auf  dem  Parlcikongrcß  in  Halle  angekündigten ­
  ArbeitcrinnenorganS  unterbreiten,
bitte»  wir  Sic,  auch  in  Ihren  Kreisen  für  die  Verbreitung ­
  desselben  thätig  zu  sein.  Wo  cS  angebt,
bitten  wir  das  Proara  MIN  der  Zeitung  den
Ihnen  nahe  stehenden  Frauenkrciscn  zur  Kenntniß
zu  bringen,  auch  die  Bildung  von  Arbcitcnnncn-Vereincn
  ,m  Anschlüsse  daran  in  die  Hand  zu  nehmen.
Im  Voraus  Dank.
Redaktion  und  Verlag.
Achtung!
An  alle  Empfänger  ton  Vro6e«am«ero
richten.wir  die  dringende  Bitte,  d&amp;gt;e  erhaltenen  Rum»
„uro  sofort  ia  Umlauf  zu  setzen!  -
Redaktion  und  Verlag.

176.  Titelseite  der  Probenummer:  „Die  Arbeiterin"
        <pb n="369" />
        372

Personen  bestehende  Agitationskommission  wird  gebildet,  die  jedoch  in  den
folgenden  Monaten  noch  viel  mit  polizeilichen  Scherereien  zu  kämpfen  hat.
Nachdem  aber  die  Wahlen  vom  20.  Januar  1890,  die  Verkündigung  der
Reform-Erlasse  Wilhelms  II.  und  der  Sturz  Bismarcks  einen  neuen  Kurs
eingeläutet  hatten,  erwirkte  am  10.  Mai  1890  ein  Besuch  der  Fraum
Ihrer  und  Leuschner  beim  Minister  des  Innern,  Lerrn  von  Lerrfurth,
daß  von  da  ab  von  Frauen  für  Frauen  einberufene  Versammlungen  nicht
mehr  untersagt  wurden.  And  auch  sonst  können  sich  die  Frauen  nun  etwas
mehr  freier  bewegen  und  verfehlen  nicht,  von  dieser  Möglichkeit  Gebrauch
zu  machen.  Es  ensstehen  einige  gewerbliche  Arbeiterinnenvereine,  ein  „allgemeiner ­
  Arbeiterinnenverein  für  Berlin  und  Amgegend"  wird  gegründet,
der  im  Norden  eine  Filiale  hat,  und  eine  Sondergruppe  ruft  einen
„Arbeiterinnenverein  sämtlicher  Berufszweige  Berlins  und  Amgegend"
ins  Leben.
Alle  diese  Vereinigungen  mußten  jedoch  im  Linblick  auf  das  preußische
Vereinsgesetz  streng  ihren  „unpolitischen"  Charakter  betonen.  Dagegen
erlaubte  das  Organisationsstatut,  welches  sich  die  deutsche  Sozialdemokratie
im  Oktober  1890  auf  ihrem  ersten  Parteitag  gab,  den  sie  wieder  unter  dem
gemeinen  Recht  abhielt,  den  Frauen,  als  Mitglieder  der  Partei  beizutreten.
Auf  diesem  Parteitag  waren  die  Berliner  sozialistischen  Arbeiterinnen
wieder  durch  Emma  Ihrer  vertreten.  Außerdem  hatten  noch  Lamburg
in  Frau  Blohm,  Magdeburg  in  Frau  Gundelach  und  Gera  in  Frau
Steinbach  weibliche  Delegierte  entsendet.  Man  ward  sich  dort  über  die
Notwendigkeit  eines  besonderen  Organs  für  die  sozialistische  Arbeiterinnenbewegung ­
  klar,  und  als  Resultat  der  Besprechung  ward  die  Wochenschrift:
„Die  Arbeiterin",  ins  Leben  gerufen,  die,  von  Emma  Ihrer  redigiert,
von  Anfang  1891  ab  in  Lamburg  herauskam.  Noch  war  die  Bewegung
indes  zu  schwach,  aus  eigenen  Kräften  ein  Blatt  zu  erhalten.  Nach
Iahresftist  mußte  „Die  Arbeiterin"  ihr  Erscheinen  einstellen,  fand  aber
sofort  Ersatz  in  der  „Gleichheit",  die  der  Verlag  von  Dich  in  Stuttgart
übernahm,  mit  Klara  Zetkin  als  Redatteurin,  während  Emma  Ihrer
noch  mehrere  Jahre  als  Lerausgeberin  zeichnete.  Ebenso  wie  die  „Arbeiterin"
vermochte  auch  die  „Gleichheit"  längere  Zeit  ihre  Kosten  nicht  zu  decken.
Sie  ward  aber  von  kräftiger  Land  gehalten  und  konnte  so  ununterbrochen
den  geistigen  Mittelpunkt  bilden,  der  die  Gewonnenen  zusammenhielt  und
immer  wieder  mit  Agitationsmaterial  versah.  So  langsam  die  Bewegung
sich  hob,  so  war  sie  doch  jetzt  ein  dauernder  Bestandteil  der  kämpfenden
Sozialdemokratie  geworden,  dessen  Pflege  die  Partei  als  ihre  Pflicht  und
ihr  Interesse  anerkannte.
And  nicht  nur  die  Partei.  Auch  in  der  Gewerkschaftsbewegung
hatte  man  die  Notwendigkeit  begriffen,  sich  mehr  als  vorher  um  die  Organisierung
  der  Arbeiterinnen  zu  kümmern.  In  schöner  Weise  hatte  sich  diese
Erkenntnis  schon,  wie  wir  gesehen  haben  —  vgl.  Bd.  II,  S.  330  —,
bei  der  Bildung  der  Berliner  Streikkommission  bekundet.  In  den  aus
dreizehn  Mitgliedern  bestehenden  geschäftsführenden  Ausschuß  wurden
drei  Arbeiterinnen  gewählt,  obwohl  die  Zahl  der  organisierten  Arbeiterinnen ­
  kaum  den  neunzigsten  Teil  der  organisierten  männlichen  Arbeiter
ausmachte.  Nun  zog  man  aber  aus  der  neuen  Erkenntnis  noch  weitere
Konsequenzen.

24»
        <pb n="370" />
        Probenummer.

Die  Gleichheit.
Zeitschrift  für  die  Interessen  der  Arbeiterinnen.

Herausgegeben  von  Emms  Ihrer  in  Velten  (Mark).

Die  ,SI«I&amp;gt;dh«il'  «rlchrlnl  »Ilr  &amp;gt;«  Log»  «IninOl.  P«I-1  brr  Summ«
10  PI.,  durch  dir  Poll  beiog«,  brlrSgl  drr  !tbemirm&amp;lt;iit&amp;amp;&amp;lt;3)rri)
slnlsl|itl)rll&amp;lt;0  oldir  8rfl«UßH»  »ml.;  uni«  «tfiijban»  Sü  PI
J»j«lateii»r»i1  drr  jwrlg»!poll&amp;gt;ne  Pelilzklle  2»  PI.

StuLIßart
Samstag,  den  L8.  Dezember
18SL.

Zuschriften  an  di«  NedaNIon  rer  „SÄchhelt"  s»id  p&amp;gt;  richlrn
an  Fr.  Klara  Eißnor  iZeliin),  SluIIga«.  PvII^bi.h!.
Llrajie  »«»,  IV.  Die  Skprdilion  l-rsindr!  sich  in  €  lullgurl.
Fu«»l&amp;gt;ach.LIr-ße  &amp;gt;2.

An  die
dieser  Runimer  tritt  „Die  Gleichheit"  an  die  Stelle
der  vielen  liebgewordene»  Zeitschrift  „Die  Arbeiterin."
(Sgß&amp;amp;l  Wer  „Die  Arbeiterin"  bisher  und  unter  schwierigen
V  Verhältnissen  am  Werk  gesehen,  der  kennt  mithin  auch
das  Programm,  das  sich  „Die  Gleichheit"  stellt,  die  prinzipielle
Grundlage,  auf  der  ihre  Haltung  fußt.
Allein  in  Folge  veränderter  äußerer  Unistände  hoffen  wir.  den
Wirkungskreis  des  Blattes  beträchtlich  zu  erweitern,  und  für  die
neu  hinzukomnicnden  Leser  dürften  einige  Worte  der  Erklärung
nicht  übersiüssig  sein.
„Die  Gleichheit"  tritt  für  die  volle  gesellschaftliche  Befreiung
der  Frau  rin,  &amp;gt;oie  sie  einzig  und  allein  in  einer  im  Sinne  des
Sozialismus  umgestalteten  Gesellschaft  möglich  ist,  wo  mit  der
ökonomischen  Abhängigkeit  eines  Menschen  von  einem  andere.  Menschen
die  Grundursache  jeder  sozialen  Knechtung  und  Aechtung  fällt.  Sic
geht,  von  der  Ueberzeugung  aus,  daß  der  letzie  Grund  der  Jahrtausende ­
  alten  niedrigen  gesellschaftlichen  Stellung  des  weiblichen
Geschlecht-  nicht  in  der  jeweiligen  „von  Männern.gemachten"
Gesetzgebung,  sondern  in  den  durch  wlrthschaftliche  Zustände
bedingten  Eigenthumsverhältnissen  zu  suchen  ist.
Mag  man  heute  unsere  gesammte  Gesetzgebung  dahin  abändern, ­
  daß  das  weibliche  Geschlecht  rechtlich  auf  gleichen  Fuß
mit  dem  männlichen  gestellt  wird,  so  bleibt  nichtsdestoweniger  für
die.  große  Masse  der  Frauen,  die  nicht  so  vorsichtig  gewesen,  eine
hohe  Rente  mit  zur  Welt  zu  bringen,  die  gesellschaftliche  Versklavung
in  härtester  Form  iveiterbestehen:  ihre  wirthschaftllche  Abhängigkeit
von  ihren  Ausbeutern.
Dieser  Ansfassung  gemäß  erblicht  „Die  Gleichheit"  den  Feind
der  Gleichberechtigung  deS  weiblichen'  Geschlechts  weder  in  dem
Egoismus,  noch  in  den  Äorurtheilen  der  Männerwelt,  sie  predigt
nicht  den  Krieg  von  Geschlecht  zu  Geschlecht,  sie  glaubt  nicht  an
dir  Messiasrolle  einer  zu  Gunsten  der  Frauen  veräudcrlen  Gesetzgebung. ­

Soll  damit  eiwa  gesagt  sein,  daß  wir  auf.  den  Kampf  für  die
rechtliche  Gleichstellung  der  Frau  mit  den.  Manne  verzichten,  soweit ­
  wir  sie  innerhalb  der  heutigen  Gesellschaft  erhalten  können?
Mit  Nichten  und  im  Gegentheil.  Wir  fordern  diese  Gleichstellung,
wir  werden  nnt  aller  Energie  für  dieselbe  eintreten,  aber  sie  kann
nicht  unser  letztes  Endziel  sein,  sie  ist  un»  nur  ein  höchst  werthvolles,
  ja  unerläßliches  Mittel,  dieses  Ziel  zu  erreichen.
Kanu  die  volle  Befreiung  der  arbeitenden  Frau  nur  «-folgen
auf  Grund  einer  völligen  Umgestaltung  der  bestehenden  Gesellschaftsverhältnisse,
  so  ist  damit  auch  die  Haltung  vorgeschrieben,  die
sie  in  den  heutigen  gesellschaftlichen  Kämpfen  einzunehmen  hat:  Sie
muß  theilnehmcn  am  Kampf  der  Arbeiterklasse  gegen  die  kapitalistische
Gesellschaft,  weil  einzig  und  allein  ein  siegreiches  Proletariat  die
Macht  mid  den  Willen  besitzt,  die  Gesellschaft  so  umzugestalten,
daß  jede  wirthschastliche  Abhängigkeit  deS  Menschen  von  dem

Leser!
Menschen  ein  Ende  nimmt.  In  diesem  Kampfe  ober  sind  die
ausgedehntesten  politischen  Rechte.  —  die  Arbeiterbewegung  hak
dies  bewiesen  —  vorzügliche  und  unentbehrliche-  Waffen.
Die  wohlhabende.  Frau  bedarf  zu  ihrer  Emanzipation,  ihrer
Befreiung  blos  der  rechtlichen  Gleichstellung  mit  dem  Planne.
Die  Frau  des  Proletariats  dagegen  bleibt,  auch  wenn  sie
ihre  rechtliche  Gleichstellung  mit  dem  Planne  errungen,  noch  unfrei,
abhängig  vom  Kapitalisten.  Sie  muß  deshalb  olle  Bestiebungcn
unterstützen,  welche  darauf  abzielen,  die  Placht  der  Kapitoiistenklassr
  zu  beschränken,  die  Macht  der  Arbeiterklasse  dagegen  zu  erweitern: ­
  sie  muß  der  Bourgeoisie  alle  die  Konzessionen  abzuringen
suchen,  »velche  geeignet  sind,  das  Proletariat  körperlich,  geistig  und
sittlich  zu  heben.
„Die  Gleichheit"  vertritt  in  erster  Linie  die  Interessen  der
Prolelarieriiinen,  ohne  Unterschied,  ob  dieselben  dem  Proletariat
der  Kopfarbeit  oder  dem  der  Handarbeit  angehöreu.  Zwar  sind
sich  die  Ersteren  ihrer  oft  in  gefälligere  Formen  gehüllten,  aber
um  so  schwerer  lastenden  Klassenlage  vielfach  nicht  bewußt  oder
wollen  dieselbe  nicht  cingesteheii.  Allein  wir  sind  davon  überzeugt, ­
  daß  ihnen  allen,  den  Lehrerinnen,  Buchhalterinnen,  Schriftstellerinnen, ­
  Komptolristinnen  re.  durch  die  Entwichlung  der  wirthschaftlicheu
  Verhältnisse  die  Erkenntniß  dieser  ihrer  Zugehörigkeit
zum  Proletariat,  die  Erkenntniß  der  Nothwendigkei!.  in  Reih  und
Glied  der  kämpscuden  Arbeiter  zu  treten,  ausgezwungcn  wird.
Die  große  Masse  der  Proletarierinnen  der  Handarbeit  ist  ja
auch  noch  nicht  zum  Bewußtsein-ihrer  Klassenlage,  ihrer  Psilchlcn
und  Rechte  erwacht,  und  trotzdem  .—  oder  vielmehr  gerade  deswegen ­
  —  ist  sie  c8,  an  welche  sich  '„Die  Gleichheit"  in  erster
Linie  wendet.  Der  Proletarierin,  die  nicht  mehr  blos  für  das
Haus  und  die  Familie,  sondern  auch  für  den  Kapitalisten  arbeitet,
und  die  sich  non'  der  Knechtschaft  des  letzteren  zu  befreien  suche»
muß,  liegen  noch  andere  Pflichte»  als  die  ob,  welche  früher  ausschließlich ­
  ihr  Leben  und  Sein  beherrschten.  Zu  der  gewissenhaften
Erfüllung  dieser  Psiichten  muß  die  Frau  erzogen  werden.  Dies
Ziel  ist  um  so  schwerer  zu  erreichen,  als  die  Frau  bis  jetzt  mit
ihren  Interessen  und  Gefühlen  ausschließlich  im  Hanse  und  nicht
im  öffentlichen  Leben  wurzelte,  nur  der  Familie,  nicht  der  Allgemeinheit ­
  ihr  Interesse  entgegenbrachte:  Hier  gilt  es  nicht  blos
den  Geist  aufzuklären,  vielmehr  auch  das  Gemüth  zu  bilden,  im
Herzen  die  rechte  Wärme,  die  flammende  Begeisicrung  für  die
neuen  Ziele  zu  erwecken.
Von  diesen  Gesichtspunkten  geleitet,  tritt  „Die  Gleichheit"
an  ihre  Aufgabe  heran,  eine  Zeitschrift  für  die  Interessen  der
Arbeiterinnen  zu  sein.  Aber  wie  ein  Blatt  wird,  daü  hängt
nicht  allein  von  der  Redaktion  und  de»,  Verlag,  sondern  auch
von,  Publikum  ab.  Möge  uns  daher  die  Symp-ubit  nn'o  Mitarbeit ­
  Aller  zu  Theil  ivcrden,  die  mit  uns  die  aleichen  Ziele  verfolgen. ­

Die  Redaktion  rrrrd  der  DerlaH«

177.  Titelseite  der  Probenummer:  „Die  Gleichheit"
        <pb n="371" />
        374

Unser  dem  Sozialistengesetz  hatten  die  meisten  Fachvereine  und  Gewerkschaften ­
  ihre  Statuten  so  formulieren  müssen,  daß  die  Frauen  entweder
ausdrücklich  oder  doch  faktisch  aus  ihnen  ausgeschlossen  waren.  Daher
gründeten  sich  auch  jetzt  noch  zuerst  Sonderfachvereine  für  Arbeiterinnen.
Sie  kamen  aber  nicht  gut  vorwärts,  und  als  es  immer  deutlicher  wurde,
daß  die  alte  Vorsicht  in  diesem  Punkte  nicht  mehr  in  gleichem  Maße
geboten  war,  traten  die  sozialistischen  Arbeiterinnen  an  die  Gewerkschaften
derjenigen  Berufe,  in  denen  die  Frauenarbeit  eine  Rolle  spielte,  mit  der
Forderung  heran,  ihre  Statuten  so  abzuändern,  daß  den  Arbeiterinnen  der
Beitritt  in  diese  Gewerkschaften  ermöglicht  wurde.  Wie  zeitgemäß  die  Forderung ­
  war,  der  fast  überall  entsprochen  wurde,  wie  wenig  Lebenskraft  die
lediglich  aus  Arbeiterinnen  bestehenden  Fachorganisationen  an  den  Tag
legten,  geht  daraus  hervor,  daß  die  Berliner  Gewerkschastsstatistik  für  1894
unter  20  Fachorganisationen  mit  weiblichen  Mitgliedern  nur  eine  aufweist,
die  bloß  aus  solchen  bestand,  und  diese  Organisation  —  der  Verein  der
Buchdruckerei-Hilfsarbeiterinnen  —  ist  auch  die  einzige,  ausschließlich  aus
Arbeiterinnen  zusammengesetzte  gewerkschaftliche  Verbindung,  die  wir  noch
in  der  Liste  der  Berliner  Gewerkschaften  für  1905  vorfinden.  Von  etwa
500  war  ihre  Mitgliederzahl  inzwischen  auf  1220  gestiegen,  ein  Zeichen
ganz  außergewöhnlicher  Lebenskraft,  die  jedoch  zum  Teil  den  besonderen
Verhältnissen  des  Buchdruckgewerbes  zu  verdanken  ist.  Am  vorerst  noch  bei
der  gewerkschaftlichen  Organisation  der  Arbeiterinnen  Berlins  zu  bleiben,  so
waren  nach  der  Gewerkschaftsstatistik  für  1894  in  diesem  Jahre  von  123749
in  Berlin  beschäftigten  Arbeiterinnen  erst  1410  oder  17«  vom  Hundert
organisiert.  Für  1905  liegt  keine  erschöpfende  Zusammenstellung  der  gewerkschaftlich ­
  organisierten  Arbeiterinnen  Berlins  vor,  wohl  aber  für  das  Jahr
1908.  Sie  weist  in  den  Gewerkschaften,  die  in  der  Kommission  vertreten
sind,  16  330  Arbeiterinnen  auf  —  mehr  als  das  Zehnfache  der  Zahl  von
1894.  Aber  man  darf  nicht  vergessen,  daß  in  der  Zwischenzeit  auch  die
Zahl  der  beschäftigten  Arbeiterinnen  Berlins  um  ein  Vielfaches  gestiegen
war,  und  daß  diese  Steigerung  sich  auch  auf  die  Art  der  Beschäftigung
bezieht.  Die  Frauenarbeit  ist  in  Industrien  eingedrungen,  wo  sie  früher
unbekannt  war  oder  nur  als  ganz  seltene  Ausnahme  vorkam.  Nichts  kann
dies  eindrucksvoller  veranschaulichen  als  die  Tatsache,  daß  1908  die  größte
Zahl  organisierter  Arbeiterinnen  nicht  in  einer  derjenigen  Industrien  zu
finden  ist,  die  als  solche  der  weiblichen  Arbeiter  bekannt  sind,  sondern  in
dem  „männlichen"  Gewerbe  der  Metallindustrie.  1894  zählte  das
Metallgewerbe  Berlins  ganze  12  organisierte  Arbeiterinnen,  1908  hat  der
Metallarbeiterverband  in  Berlin  3564  weibliche  Mitglieder.
Die  zweitgrößte  Zahl  organisierter  Arbeiterinnen  weist  1908  die  Buchbinderei ­
  mit  ihren  Nebenindustrien  (Kartonnagenfabrikation  usw.)  auf,
nämlich  3285,  während  1894  es  in  diesen  Gewerben  nur  218  organisierte
Arbeiterinnen  gegeben  hatte.  Das  Verhältnis  der  weiblichen  zu  den  männlichen ­
  Mitgliedern  der  Organisation  hat  sich  derart  verschoben,  daß  während
1894  auf  940  männliche  nur  210  weibliche  Mitglieder  kamen,  im  Jahre
1908  die  Zahl  der  letzteren  die  der  ersteren  übersteigt.  3285  weibliche
stehen  2973  männlichen  Mitgliedern  gegenüber.
Erst  an  der  dritten  Stelle  kommt  mit  2183  organisierten  Arbeiterinnen
die  spezifische  Frauenindustrie  der  Wäschefabrikation  und  Wäscherei,
        <pb n="372" />
        375

die  weit  mehr  Arbeiterinnen  beschäftigt  als  die
Dann  kommen  gemäß  der  Zahl  der  weiblichen
nach  folgende  Gewerkschaften:
Buchdruckereihilssarbeiterinnen
Handels-  und  Transportarbeiter,  II.  Sektion
Textilarbeiter
Schneider,  l.  Sektion
Tabakarbeiter
Kürschner
Handlungsgehilfen
Fabrikarbeiter
Hausangestellte

vorgenannten  Industrien.
Organisierten  der  Reihe

Weibliche

Männliche

Mitglieder

Mitglieder

l  510

—

1254

16185

710

1  435

600

4  750

540

622

422

291

352

1  005

230

6195

295

5

Man  beachte,  wie  sehr  das  Verhältnis  der  iveiblichen  zu  den  männlichen ­
  Organisierten  von  Gewerbe  zu  Gewerbe  wechselt.  Die  Prozentzahl  der
organisierten  Arbeiterinnen  wird  eben  nicht  lediglich  von  der  Prozentzahl
der  weiblichen  Arbeiterschaft  des  Gewerbes  bestimmt,  sondern  auch  von  der
Natur  der  Arbeit,  ihrer  Bezahlung,  der  Rolle  des  Arbeitsverhältnisses
im  Leben  der  Arbeiterin  und  noch  vielen  anderen  sozialen  Momenten.
Im  allgemeinen  kann  man  sagen,  daß  je  mehr  die  gewerbliche  Arbeit  sich
von  der  häuslichen  Arbeit  der  Frau  unterscheidet,  das  heißt,  je  mehr  sie  in
vollem  Sinne  des  Wortes  Fabrik-  oder  Werkstattarbeit  ist,  sie  auch
um  so  mehr  das  Denken  und  Empfinden  der  Arbeiterin  den  Gewerkschaftsideen ­
  zugängig  macht.  Ferner  ist  das  gemeinsame  Arbeiten  mit  Männern
ein  großer  gewerkschaftlicher  Erziehungsfaktor,  ganz  besonders  dort,  wo  die
Arbeit  selbst  sich  der  Arbeit  der  Männer  nähert.
Im  ganzen  hatten  im  Jahre  1908  mehr  als  die  Äälfte  der  Organisationen, ­
  nämlich  38  von  insgesamt  65,  weibliche  Mitglieder,  während  im
        <pb n="373" />
        376

Jahre  1894  von  87  Organisationen  nur  20,  oder  weniger  als  ein  Viertel,
weibliche  Mitglieder  hatten.  Die  Frau  ist  in  der  Gewerkschaftsbewegung
heimisch  geworden,  hat  hier  Bürgerrechte  erworben  und  wird  auch  als  gleichberechtigt ­
  anerkannt.  Wie  von  ihrem  ersten  Tage  an  hat  die  Gewerkschastskommission
  auch  die  ganze  Zeit  über  Vertreter  der  Arbeiterinnen  in  ihrer
Mitte  gezählt.
Im  Lerbst  1892  ward  von  neuem  ein  Frauen-Bildungsverein
sozialistischer  Tendenz  ins  Leben  gerufen.  Seine  Gründung  erfolgte  am
24.  Oktober  1892  in  einer  großen  Versammlung,  die  von  der  Agitationskommission ­
  für  Frauen  veranstaltet  war  und  August  Bebel  zum  Referenten ­
  hatte.  Der  Verein,  dessen  erste  Vorsitzende  Frau  Leuschner  wurde,
entfaltete  eine  rege  Tätigkeit.  Er  gründete  in  dem  Stadtteil  Moabit  und  in
einigen  Vororten  (Friedrichsberg,  Weißensee)  Filialen,  hielt  in  anderen
Wanderversammlungen  ab  und  sorgte  für  gute  Vorträge  aus  den  verschiedenen
Wissensgebieten.  Jm  März  1893  beschloß  der  allgemeine  Arbeiterinnenverein, ­
  sich  mit  dem  Bildungsverein  zu  vereinigen,  und  dieser  änderte,  um
die  Vereinigung  möglich  zu  machen,  seine  Statuten  entsprechend  ab.  Sein
Vorstand  wurde  erweitert  und  der  Verein  arbeitete  noch  zwei  Jahre  ruhig
weiter,  als  im  Frühjahr  1895  die  mittlerweile  wieder  anders  abgestimmte
Polizei  „auflösend"  dazwischen  fuhr.  Es  war  die  Zeit,  wo  die  Amsturzvorlage ­
  auf  der  Tagesordnung  stand.  An  die  Vereine  der  männlichen  Arbeiter ­
  ging  man  noch  nicht  heran,  mit  denen  der  Arbeiterinnen  glaubte  man
kürzeren  Prozeß  machen  zu  können.  Der  scharfe  Wind  kam  damals  vom
Westen  her,  aus  den  Gebieten  der  Eisenmagnaten.  In  Düsseldorf  ward
1894  die  dortige  Frauenagitationskommission  für  einen  Verein  erklärt  und
aufgelöst,  und  es  stand  außer  Zweifel,  daß  man  in  Berlin  dem  Beispiel
folgen  würde.  Ein  Teil  der  Genossinnen  war  sogar  der  Ansicht,  man  solle
die  polizeiliche  Auflösung  gar  nicht  erst  abwarten,  sondern,  nachdem  das
Erkenntnis  der  Düsseldorfer  Richter  rechtskräftig  geworden  war,  selbst  die
Kommission  auflösen  und  statt  ihrer  einzelne  Vertrauenspersonen  wählen.
Das  schien  aber  anderen  der  Polizei  zu  weit  entgegengekommen,  es  sei
richtiger,  unerschrocken  abzuwarten,  was  die  Berliner  Polizeigewaltigen  tun
würden,  und  eine  große  Frauenversammlung,  der  die  Frage  vorgelegt  wurde,
entschied  mit  großer  Mehrheit  in  letzterem  Sinne.  Statt  freiwillig  abzutteten,
  veranstaltete  die  Agitationskommission  eine  ganze  Reihe  von  Protestversammlungen ­
  gegen  die  Amsturzvorlage  und  —  ward  daraufhin  am
19.  Februar  1895  richtig  von  der  Polizei  für  einen  „politischen  Verein"  erklärt
und  aufgelöst.  Dabei  ging  es  natürlich  nicht  ohne  peinliche  Laussuchungen
ab,  die  auf  die  leitenden  Mitglieder  des  Bildungsvereins  für  Frauen
ausgedehnt  wurden,  und  am  30.  März  1895  ward  der  damaligen  ersten
Vorsitzenden  des  Vereins,  Frau  Anna  Mesch,  von  Polizei  wegen
mitgeteilt,  daß  der  Verein  für  „politisch"  befunden  und  demgemäß  auf
Grund  des  Vereinsgesehes  von  1850  aufgelöst  sei.  So  sehr  wurde,  um
das  Verbot  möglich  zu  machen,  der  Begriff  des  Politischen  gedehnt,  daß
eine  Erörterung  der  Frage  der  Abänderung  der  Gesindeordnung  für
eine  politische  Erörterung  erklärt  wurde.  And  mit  Bezug  auf  die
Agitationskommission  wurde  wiederum  der  Begriff  „Verein"  so  gedehnt,
daß  es  für  gleichgültig  erklärt  wurde,  ob  die  Kommission  „Vorsteher,  Ordner
oder  Leiter"  gehabt  habe  oder  nicht,  ein  Verein  könne  auch  ohne  dergleichen
        <pb n="374" />
        377

bestehen,  die  Mitglieder  könnten  sich,  wie  es  im  Erkenntnis  des  Reichsgerichts ­
  hieß,  „gegenseitig  selbst  ausnehmen".  Der  grundsätzlichen  Bedeutung
halber  wurde  die  Berufung  gegen  die  Auflösungserkenntnisse  bis  in  die  höchsten
Instanzen  gebracht,  blieb  aber,  wie  der  zitierte  Spruch  des  Reichsgerichts
gezeigt  hat,  fruchtlos.  Im  November  1895  erfolgte  der  Köllerstreich
gegen  die  sozialdemokratische  Partei,  und  für  eine  Reihe  von  Jahren  war
die  Schaffung  irgendwelcher  öffentlichen  Organisation  für  die  sozialistische
Frauenwelt  Berlins  wieder  von  der  Tagesordnung  abgesetzt.
Das  hieß  indes  durchaus  nicht,  daß  die  Agitation  nun  einschlief.  Sie
erlitt  so  gut  wie  keine  Unterbrechung.  Waren  doch  die  Personen  noch  da,
die  sich  ihr  gewidmet  hatten,  und  weit  entfernt,  sie  einzuschüchtern,  konnten
die  Nadelstiche  der  kleinlichen  Verfolgungen  auf  sie  nur  aufstachelnd  wirken,
zumal  ihnen  ja  die  Presse  weiterhin  zur  Verfügung  stand  und  auch  das
Versammlungsrecht  ihnen  nicht  mehr  genommen  werden  konnte.  Zu
fast  allen  Parteitagen  hatten  die  Berliner  Parteimitglieder  auch  weibliche
Delegierte  entsandt,  und  das  geschah  auch  weiterhin.  Auf  dem  sozialdemokratischen ­
  Parteitag  des  Jahres  1895  sind  die  sozialdemokratischen  Frauen
Berlins  durch  Bertha  Lutz  und  Martha  Rohrlack  vertreten,  1896  und
1897  sind  die  Delegiertinnen  Berlins  Fräulein  Ottilie  Baader,  die  nun
agitatorisch  immer  mehr  in  den  Vordergrund  tritt,  und  Frau  Marie  Greifenberg.
  Der  Parteitag  von  1896,  der  als  einen  besonderen  Punkt  der
Tagesordnung  die  sozialistische  Agitation  unter  den  Frauen  behandelte,
nahm  hierzu  unter  anderen  eine  Resolution  an,  die  den  Genossen  empfahl:
„In  allen  Orten,  wo  es  zu  ermöglichen,  in  öffentlichen  Versammlungen
  die  Wahl  von  weiblichen  Vertrauenspersonen  vorzunehmen. ­
  Die  Aufgabe  dieser  Vertrauenspersonen  ist:  Aufklärung  unter
den  proletarischen  Frauen  in  politischer  und  gewerkschaftlicher  Linsicht,
Erziehung  zum  und  Stärkung  des  Klassenbewußtseins  zu  schaffen  und
eine  diesen  Aufgaben  entsprechende  planmäßige  Agitation  zu  betreiben."
Auf  Grund  dieser  Resolution  ward  von  den  sozialistischen  Frauen
Berlins  im  November  1896  Frau  M.  Wenzels  zur  Vertrauensperson
        <pb n="375" />
        378

für  Berlin  erwählt  und  ihr  Mandat  von  Jahr  zu  Jahr  erneuert.  Im
Jahre  1900  schufen  sich  bei  Gelegenheit  des  Mainzer  Parteitags  auf
einer  von  20  Delegierten  besuchten  sozialdemokratischen  Frauenkonferenz
die  sozialdemokratischen  Frauen  Deutschlands  ein  Regulativ,  kraft  dessen
neben  den  örtlichen  Vertrauenspersonen  auch  eine  Zentral-Vertrauens-Person
  für  ganz  Deutschland  sowie  Kreis-Vertraucnspcrsonen  zu  ernennen
waren.  Das  Amt  der  Zentral-Vertrauensperson  ward  Ottilie  Baader
übertragen,  und  auch  ihr  Mandat  ist  in  den  späteren  Jahren  regelmäßig
erneuert  worden.  Mit  Bezug  auf  das  vom  Mainzer  Parteitag  beschlossene ­
  neue  Statut  der  sozialdemokratischen  Partei  Deutschlands  nahm
im  Jahre  1902  der  Münchener  Parteitag  eine  Resolution  an,  daß  dieses
Statut  das  Recht  der  sozialdemokratischen  Frauen  auf  eigene  Vertrauens-Personen
  nicht  berühre.  And  dabei  ist  es  den  Rest  unserer  Geschichtsperiode ­
  über  verblieben.
Die  Mainzer  sozialdemokratische  Frauenkonferenz  beschloß  ferner  die
Einführung  einer  aus  fünf  Genossinnen  bestehenden  Kommission  zur  verausgabe ­
  volkstümlich  gefaßter  Flugschriften  über  Fragen  von  besonderem
Interesse  für  Arbeiterinnen.  Die  Wahl  der  Kommission  ward  den  Berliner
Genossinnen  übertragen,  die  dem  Auftrag  auch  nachkamen.  Doch  löste  sich
die  gewählte  Kommission  nach  verhältnismäßig  kurzer  Zeit  wieder  auf,  da
sich  über  verschiedene  Punkte  Meinungsverschiedenheiten  einstellten.
Ein  anderer  Beschluß  der  Mainzer  Konferenz  betraf  die  Frage  der
Frauen-Bildungsvereine,  wie  solche  wieder  verschiedentlich  gegründet
worden  waren.  Entgegen  einer  Minderheit,  die  sich  diesen  Gründungen
skeptisch  gegenüberstellte,  sprach  die  Konferenz  sich  für  sie  aus,  vorausgesetzt, ­
  daß  die  nötigen  Kräfte  dafür  am  Orte  vorhanden  seien.
Zu  den  Ortschaften,  an  denen  solch  ein  Verein  geschaffen  worden  war,
gehörte  auch  Berlin.  Pier  hatte  in  den  Jahren  nach  der  Unterdrückung
des  Fraucn-Bildungsvereins  von  1892  das  Bedürfnis  nach  einer  festeren
Verbindung  der  sozialistischen  Frauen,  als  sie  das  System  der  Vertrauens-Personen
  ermöglichte,  sich  doch  tviedcr  eingestellt,  und  im  Winter  1898/99
schien  die  Zeit  gekommen,  es  von  neuem  mit  einer  entsprechenden  Schöpfung
zu  versuchen.  Es  waren  insbesondere  Frau  Or.  Marie  Lofmann  und
Emma  Ihrer,  die  sich  der  Sache  annahmen.  In  einer  großen  öffentlichen
Versammlung,  in  der  die  Genossin  Frau  Lily  Braun  einen  einleitenden
Vortrag  über:  „Die  Frau  des  19.  Jahrhunderts"  hielt,  ward  am
24.  Januar  1899  der  „Verein  für  Frauen  und  Mädchen  der
Arbeiterklasse"  ins  Leben  gerufen.  Nach  seinem  Statut  setzte  der
Verein  sich  den  Zweck,
„seine  Mitglieder  durch  Vorträge  in  alle  Gebiete  des  Wissens  einzuweihen ­
  und  ihr  Wissen  zu  bereichern,  ihnen  Gelegenheit  zu  geben,  sich
durch  Lektüre  fortzubilden  und  anregende  Geselligkeit  unter  sich  zu
Pflegen".
Dagegen  wurde,  wie  Emma  Ihrer  ausführte,  die  nach  Frau  Braun
das  Wort  nahm,  gemäß  der  noch  geltenden  Gesetzespraxis  jede  politische
Betätigung  für  außerhalb  der  Aufgaben  des  Vereins  erklärt.  Zutritt  zum
Verein  sollten  alle  über  16  Jahre  alten  weiblichen  Personen  haben,  der
Beitrag  20  Pf.  im  Monat  betragen.  In  den  ersten  Vorstand  wurden
Frau  Emmy  Stock  als  erste  und  Frau  Elise  Panzeram  als  zweite
        <pb n="376" />
        180.  Polizeiversügung.  Schließung  des  „Frauen-  und  Mädchenbildungsvereins
des  arbeitenden  Volkes  für  Berlin  und  Llmgegend"
        <pb n="377" />
        380

Vorsitzende,  Frau  Wally  Zepler  als  Schriftführerin  und  Frau  Klotz  sch
als  Kassiererin  gewählt,  die  sämtlich  die  ganze  Zeit  über  in  diesen  Posten
verblieben,  d.  h.  regelmäßig  wiedergewählt  wurden.  Außer  ihnen  gehörten
dem  Vorstand  die  Frauen  Jordan  und  Kulicke,  Frl.  Petereit  und
Frau  Zach  au  an.  Der  Vorstand  unterhielt  stets  Fühlung  mit  den  sozialdemokratischen ­
  weiblichen  Vertrauenspersonen  von  Berlin  und  Amgegend,  und
wenn  der  Verein  auch  nicht  direkt  in  die  politische  Bewegung  Angriff,  so
ließ  er  es  sich  doch  nicht  nehmen,  Geldmittel  für  die  sozialistische  Agitation
aufzubringen.  Bis  zum  Jahre  1905  wurden  von  ihm  in  runder  Summe
4000  Mk.  diesen  Zwecken  zugeführt.  Seinen  Bildungsaufgaben  hat  er
durch  Veranstaltung  von  Vorttägen,  Kunstabenden  und  den  Besuch  von
Wohlfahrtsanstalten,  wissenschaftlichen  und  Kunstinstituten  entsprochen,  die
Vorträge  behandelten  naturgemäß  meist  Fragen  der  Sozialpolitik  und
sozialen  Geschichte,  doch  fehlten  auch  nicht  solche  aus  den  Gebieten  der
Kunst,  Literatur  und  allgemeinen  Wissenschaft,  wie  wir  neben  den  Namen
bekannter  Vorkämpfer  der  Sozialdemokratie  auch  denen  von  außerhalb  der
politischen  Sphäre  wirkenden  Vertretern  von  Kunst  und  Wissenschaft,  wie
Wilh.  Lolzamer,  Th.  Kappstein,  Max  Osborn  und  anderen  begegnen. ­
  Die  Mitgliedschaft  des  Vereins,  der  lange  Zeit  der  geistige
Mittelpunkt  der  propagandistisch  tätigen  Sozialistinnen  Berlins  war  und
in  der  Ausbildung  von  Streiterinnen  für  die  Befteiung  der  Arbeiterinnen
viel  geleistet  hat,  hob  sich  allmählich  bis  auf  tausend  und  geht  erst  wieder
zurück,  seitdem  den  Frauen  der  Beitritt  in  die  sozialdemokratischen  Vereine
ermöglicht  ist.
Besondere  Erwähnung  verdient  eine  Erhebung  über  die  Lage  der
Leimarbeiterinnen  Berlins,  die  der  Verein  für  Frauen  und  Mädchen  der
Arbeiterklasse  im  Winter  1903/04  im  Linblick  auf  den  von  der  Generalkommission ­
  der  Gewerkschaften  Deutschlands  auf  den  7.  März  1904  nach  Berlin
einberufenen  Allgemeinen  Leimarbeiterschutz-Kongreß  veranstaltete,  und  über
die  eine  sehr  gute,  von  Frau  Marie  Lofmann  herausgegebene  Schrift:
„Aus  der  Berliner  Leimarbeit"  (Berlin  1904,  Selbstverlag)  Auskunft  gibt.
Durch  Versendung  bezw.  Verteilung  von  zweckmäßig  abgefaßten  Fragebogen ­
  und  persönlichen  Besuch  von  Leimarbeiterinnen  nebst  Amfrage  erhielt ­
  der  Verein  315  Antworten,  deren  Einzelheiten  von  den  an  der  Erhebung ­
  beteiligten  Mitgliedern  systematisch  zusammengestellt  und  in  der
Denkschrift  durch  nähere  Schilderungen  der  erfolgten  Zustände  eindrucksvoll ­
  ergänzt  wurden,  so  daß  die  Schrift,  ttotzdem  sie  nur  einen  kleinen
Abschnitt  aus  der  Welt  von  Not  und  Elend  bloßlegt,  die  das  Wort
„Leimarbeit"  deckt,  doch  einen  sehr  verdienstlichen  Beitrag  zur  Kennzeichnung ­
  dieses  Krebsschadens  des  modernen  Wirtschaftslebens  bildet.
„Sollten  wir  in  der  Tat  das  tiefste  Elend  nicht  gefunden  haben,"  heißt
es  in  der  Schrift,  „so  ist  das  eine  wahrhaft  erschütternde  Vorstellung  angesichts ­
  der  trüben  Bilder  schwerer  Not  und  hoffnungslosen  Entbehrens,
welche  unsere  Blätter  in  zu  reicher  Fülle  enthalten."
*  *
*  d
Auf  dem  Leimarbeiterschutz-Kongreß  selbst,  der  'vom  5.  bis  7.  März
im  Berliner  Gewerkschaftshaus  tagte  und  von  188  Delegierten  besucht  war,
wessen  wir  unter  diesen  Delegierten  auch  die  meisten  bekannteren  Vor-
        <pb n="378" />
        381

kämpferinnen  der  Berliner
Arbeiterinnen  -  Bewegung.
Der  Bildungsverein  als
solcher  entsandte  keine  Vertretung. ­
  Eine  allgemeine
Frauenversammlung  Berlins ­
  hatte  Ottilie  Baader,
Elise  Panzeram,  Paula
Thiede,  MarthaTietz  und
Klara  Zetkin,  eine  Versammlung ­
  des  Kreises  Teltow ­
  -  Beeskow  Jda  Altmann
  und  Frau  Agnes
Pause  delegiert.
Auch  eineAnzahl  vonGewerkschasten
  Berlins  hatten
weibliche  Mitglieder  mit
ihrer  Vertretung  auf  dem
Kongreß  betraut,  der  ja  einer
Frage  galt,  welche  die  arbeitende ­
  Frauenwelt  ganz
besonders  betrifft.  Er  zählte
eine  Anzahl  hervorragender ­
  Sozialpolitiker,  sowie
auch  Vertreter  bürgerlicher
Frauenvereine  zu  seinen
Teilnehmern.  Berechtigtes
Aufsehen  erregte  eine  mit  ihm  verbundene  Ausstellung  von  Erzeugnissen ­
  der  Keimarbeit,  auf  der  den  ausgestellten  Artikeln  Angaben  beigegebcn
  waren  über  die  Arbeitsbedingungen,  unter  denen  sie  hergestellt
waren.  Das  große  Publikum  bekam  so  einmal  anschaulich  zu  Gemüte
geführt,  was  Keimarbeit  heißt,  und  etwas  wurden  die  Gewissen  denn  auch
in  der  Tat  aufgerüttelt.
Auf  die  Verhandlungen  des  Kongresses  selbst  kann  hier  nicht  eingegangen ­
  werden.  Ebenso  müssen  wir  darauf  verzichten,  das  Wirken  von
Berlins  Arbeiterinnen  in  der  Gewerkschaftsbewegung  im  einzelnen  zu
beleuchten.  Sind  im  Prozentverhältnisse  der  Beschäftigten  die  Frauen  auch
erheblich  schwächer  in  der  Bewegung  vertreten  als  die  Männer,  so  ist  es
doch  mittlerweile,  wie  wir  gesehen  haben,  in  der  Gewerkschaftsbewegung
Berlins  zu  einer  nach  Tausenden  zählenden  Schar  von  weiblichen  Mitkämpfern ­
  gekommen,  und  entsprechend  groß  ist  die  Zahl  der  Frauen,  die
hier  an  verantwortlicher  Stelle  propagandistisch  und  verwaltend  sich  betätigen.
Dasselbe  gilt  von  der  politischen  Bewegung,  und  zwar  sowohl  was
die  Personen  als  was  die  Fälle  der  Betätigung  anbetrifft.  Schon  im
dritten  Jahr  unserer  Epoche,  im  Februar  1893,  sehen  wir  bei  Gelegenheit
der  gerade  ausgeschriebenen  Wahlen  zum  Gewerbegericht,  wie  die  Frauen-Agitationskommission
  mit  Erfolg  die  sozialistischen  Arbeiterinnen  Berlins
auffordert,  die  Wahl  von  Vertretern  der  kämpfenden  Arbeiterschaft  durch
Betätigung  an  der  Wahlagitation  zu  unterstützen.  Die  Reichstagsauflösung

181.  Titelblatt  der  Broschüre
„Die  Arbeiterinnen  im  Klassenkampf"
        <pb n="379" />
        382

und  die  ihr  folgende  Reichstagswahl  des  gleichen  Jahres  wird  zum  Anlaß,
den  Aufruf  in  entsprechend  geänderter  Form  zu  wiederholen,  und  der  Erfolg
ist  ein  noch  größerer.  Lind  nun  geht  keine  Wahl,  an  der  die  Arbeiterschaft
teilnimmt,  keine  von  ihr  veranstaltete  Demonstration,  keine  Lebensäußerung
irgendwelcher  Art  vorüber,  an  der  sich  nicht  die  sozialistischen  Frauen  in
immer  größerer  Zahl  und  in  Übernahme  von  immer  mehr  Parteiarbeiten
mitwirkend  betätigen.  Sie  stellen  neue  Rednerinnen,  sie  arbeiten  in  den
Komitees,  sie  beteiligen  sich  an  allen  Aufgaben  der  sogenannten  Kleinarbeit,
dieser  wichtigsten  aller  Parteiarbeiten.  Wenn  das  Gesetz  ihnen  noch  das
volle  staatsbürgerliche  Recht  vorenthält  und  sie  von  den  Wahlen  zu  den
öffentlichen  Vertretungskörpern  ausschließt,  so  sind  sie  wenigstens  in  der
sozialistischen  Arbeiterbewegung  Vollbürger  in  Tat  und  Recht.
        <pb n="380" />
        Vierzehntes  Kapitel.
Die  Berliner  Arbeiter-Sanitätskommission
und  der  Boykott  der  Charite.
unausgesetzte  Drängen  der  Sozialdemokraten  in  der  Stadtverordnetenversammlung
  auf  eine  durchgreifende  Gesundheitspolitik  der
Stadt  Berlin  fand  während  einer  Reihe  von  Jahren  eine  wirkungsvolle ­
  Ergänzung  durch  die  Tätigkeit  der  Berliner  Arbeiter-Sanitätskommission,
darunter  den  von  dieser  ins  Werk  gesetzten  Boykott  der  Berliner  Charits.
Den  Anstoß  zur  Bildung  der  Arbeiter-Sanitätskommission  gab  am
8.  September  1892  eine  Verhandlung  in  der  Stadtverordnetenversammlung,
die  sich  um  Vorbeugemaßregeln  gegen  Einschleppung  und  Verbreitung  der
in  Lamburg  wütenden  Cholera  drehte.  Der  Magistrat  forderte  einen
Kredit  von  800  000  Mk.  für  Durchführung  einer  Reihe  von  fanitätspolizeilichen
  Maßnahmen,  gegen  die  sich,  soweit  sie  gingen,  nichts  einwenden
ließ,  die  aber  der  Redner  der  sozialdemokratischen  Fraktion,  Dr.  I.  Zadek,
für  bei  weitem  nicht  ausreichend  erklärte.  Er  verlangte,  daß  man  aus  den
Erfahrungen  Hamburgs  die  Erkenntnis  von  der  Notwendigkeit  ziehe,  durch  ein
Gesundheitsamt  allen  sanitätswidrigen  Verhältnissen  Berlins  nachzuspüren
und  an  den  Leib  zu  gehen.  Lind  weiter  forderte  er,  daß  man  für  diese
Aufgaben  die  Arbeiterschaft  hinzuziehe.  Er  verwies  dabei  auf  Lamburg,
wo  die  Behörden  selbst  sich  genötigt  sahen,  die  organisierte  Arbeiterschaft
um  deren  tätige  Mitwirkung  bei  der  Bekämpfung  der  Cholera-Epidemie  zu
ersuchen,  und  wo  diesem  Gesuch  von  den  Arbeitern  in  einer  Weise  entsprochen
wurde,  die  selbst  den  Gegnern  bewundernde  Anerkennung  abrang,  während
das  Bürgertum  in  Scharen  die  Flucht  ergriff.
Die  Stadtverordnetenmehrheit  wollte  von  diesen  Vorschlägen  nichts
wissen.  Noch  brannte  den  Berlinern  das  Feuer  nicht  auf  den  Nägeln,
und  so  glaubte  man  es  bei  den  paar,  vom  Magistrat  vorgeschlagenen
sanitätspolizeilichen  Abwehrmaßregeln  bewenden  lassen  zu  können,  die  allenfalls
wohl  die  bürgerlichen  Klassen  vor  der  Cholera  schützen  konnten,  aber  für  den
Schuh  der  viel  stärker  gefährdeten  Arbeiter  ganz  und  gar  nicht  ausreichten.  Dies
veranlaßte  Zadek,  seinerseits  die  Berliner  Arbeiterschaft  zum  selbsttätigen  Eingreifen ­
  aufzufordern.  In  einem  Aufruf,  der  im  „Vorwärts"  am  11.  September ­
  1892  erschien,  kennzeichnete  er  unter  Linweis  auf  die  Lage  der  Dinge
in  Lamburg  die  Weigerung  der  Berliner  Komnmnalvertretung,  aus  den  Lam-
        <pb n="381" />
        384

burger  Vorgängen  die  gehörigen  Folgerungen  zu  ziehen  und  für  eine  gebührende
Vertretung  der  Arbeiter  in  den  Revier-Sanitätskommissionen  Sorge  zu
treffen.  Noch  sei  das  Übergreifen  der  Cholera-Epidemie  auf  Berlin  nicht
ausgeschlossen,  und  so  bliebe  den  Arbeitern  wieder  einmal  nichts  übrig,  als
mit  der  Tat  jvoranzugehen  und  sich  selbst  zu  helfen.  Der  Aufruf  schlug
ein.  Im  Laufe  einer  Woche  meldeten  sich  über  hundert  Personen  zur
Mitarbeit,  darunter  eine  größere  Anzahl  Ärzte  und  auch  verschiedene
technische  Sachverständige.  Nachdem  zunächst  ein  provisorisches  Komitee
aus  den  Arbeitern  G.  Dietrich,  Rud.  Millarg  und  Robert  Schmidt,
dem  Techniker  L.  Bauermeister  und  noch  einigen  Fachleuten  die  vorbereitenden ­
  Arbeiten  in  die  Land  genommen  hatte,  erfolgte  am  6.  Oktober  1892
die  endgültige  Konstituierung  der  Arbeiter-Sanitätskommission  mit
Zadek  als  Vorsitzenden.  Berlin  wurde  für  die  Zwecke  der  Organisierung  derart
in  acht  Bezirke  eingeteilt,  daß  der  1.,  2.,  3.  und  5.  Reichstagswahlkreis  je  einen,
der  4.  und  6.  Wahlkreis  je  zwei  Bezirke  bildeten.  Die  Mitglieder  der
Kommission  übernahmen  es,  jeder  in  seinem  Bezirk  als  Kontrolleur  einen
Teil  der  einlaufenden  Beschwerden  auf  ihre  Richtigkeit  zu  prüfen.  Zu
diesem  Behufe  erhielten  sie  eine  gedruckte  Anleitung  und  entsprechende
Frageformulare.  Es  wurde  ihnen  zur  Pflicht  gemacht,  jede  Übertreibung,
jedes  tendenziöse  Abweichen  von  der  Wahrheit  aufs  strengste  zu  vermeiden,
da  ein  einziger  falscher  oder  auch  nur  ungenauer  Bericht  den  möglichen
Nutzen  von  hundert  peinlich  genauen  Feststellungen  zunichte  machen  könne.
Die  Beschwerden  wurden  in  der  Regel  von  zwei  Kontrolleuren  unabhängig
voneinander  und  ohne  daß  der  eine  vom  andern  wußte,  geprüft  und  deren
Berichte  vorher  verglichen,  ehe  auf  Grund  ihrer  der  betreffende  Fall  vor
die  Öffentlichkeit  gebracht  wurde.
Die  Kommission  brauchte  um  Stoff  zur  Betätigung  nicht  bange
zu  sein.
Schon  in  seiner  Nummer  vom  25.  September  1892  hatte  der  „Vorwärts" ­
  eine  ganze  Liste  von  Mißständen  in  Arbeiterwohnungen  zu  veröffentlichen, ­
  die  zur  Kenntnis  der  Gründer  der  Kommission  gekommen
waren.  Die  meisten  davon  bezogen  sich,  wie  es  angesichts  der  Choleragefahr ­
  nur  natürlich  war,  auf  den  Zustand  der  Klosetts  und  enthüllten  haarsträubende ­
  Versündigungen  gegen  die  einfachsten  Vorschriften  der  Reinlichkeit.
Es  wurden  verschiedene  Fälle  festgestellt,  wo  ein  einziges  Klosett  für  sieben
und  mehr,  in  einem  Fall  sogar  für  19  Laushaltungen  herhalten  mußte,
und  daß  diese  Klosetts  meist  ekelerregend  unsauber  waren,  braucht  kaum
noch  hinzugefügt  zu  werden.  Vielfach  waren  sie  auch  bar  aller  Spülvorrichtungen ­
  und  so  gelegen,  daß  sie  den  ganzen  ümkreis  verpesteten.
Kurz,  es  zeigte  sich  sofort,  daß  die  Arbeiter-Sanitätskommission  keine
Minute  zu  früh  ins  Leben  gerufen  worden  war.
Fast  Woche  für  Woche  veröffentlichte  der  „Vorwärts"  nun  Mitteilungen
der  Kommission  über  sanitätswidrige  Wohnungs-  und  Fabrikzustände.  Außer
den  Klosetts  war  auch  oft  die  Wasserversorgung  schändlich  vernachlässigt. ­
  Des  weiteren  waren  viele  Wohnungen  feucht  und  dunkel,  wahre
Brutnester  für  alle  möglichen  Erkrankungen.  Von  Äberfüllung  der  Wohnungen ­
  gar  nicht  zu  reden.  Dann  wurden  auch  andere  Mißstände  festgestellt: ­
  die  jammervollen  Löcher,  in  denen  Dienstboten,  Lehrlinge  oder
beim  Prinzipal  wohnende  Arbeiter  oft  zu  Hausen  hatten;  die  Verpestung
        <pb n="382" />
        385

von  Werkstätten  und  Wohnungen
durch  Lagernlaffen  faulender  Gegenstände, ­
  ungenügenden  Verschluß  von
Senkgruben  und  dergleichen;  die
manchmal  aller  Lygiene  spottende
Beschaffenheit  der  Flüssigkeit,  die
Trinkwasser  vorstellen  sollte,  und
in  der  die  chemische  Untersuchung
in  verschiedenen  Fällen  Reste  von
Fäkalstoffen  feststellte.
Die  Veröffentlichungen  der
Arbeiter-Sanitätskommission  machten
denn  auch  nicht  wenig  Aufsehen  und
wurden  in  den  Kreisen  der  Lausbesitzer ­
  sehr  unliebsam  empfunden.
Im  „Vorwärts"  an  den  Pranger
zu  kommen,  war  keine  sehr  angenehme
Sache,  zumal  gegenüber  den  im
„Vorwärts"  zur  öffentlichen  Kenntnis
gelangten  Mißständen  die  Sanitätsbehörden ­
  nicht  passiv  bleiben  konnten.
So  sah  sich  der  Leiter  der  Medizinalabteilung ­
  des  Berliner  Polizeipräsidiums, ­
  Medizinalrat  Dr.  Wernt ­
  ch,  veranlaßt,  in  der  Vierteljahresschrift  für  gerichtliche  Medizin  und
öffentliches  Sanitätswesen  von  den  Veröffentlichungen  der  Arbeiter-Sanitätskommission ­
  zu  schreiben,  sie  bedeuteten  einen  „an  sich  nicht  nur  sachgemäßen,
sondern  auch  praktikablen  und  Nützliches  verheißenden  Weg".  Viele  „der  regelmäßigen ­
  Kontrolle  leicht  zu  entziehende  Anzuträglichkeiten"  seien  so  „öffentlich
besprochen  und  —  wo  erreichbar  —  abgestellt"  worden.  Es  hätte  zwar
an  Übertreibungen  nicht  gefehlt,  der  „Agitationszweck"  sei  „unverhüllt"
zutage  getreten,  aber  „die  Einsicht,  daß  jedermann  für  das  Gemeinwesen
einzutreten  hat,  sollte  ferner  nicht  bloße  Theorie  der  Sozialisten  sein".
Im  Frühjahr  1893  nahm  die  Arbeiter-Sanitätskommission  eine
eigene  Erhebung  über  Wohnungsverhältnisse  Berliner  Arbeiter  vor,  um
an  einer  Probe  zu  zeigen,  was  hinsichtlich  der  Erforschung  des  Wohnwesens
  in  Berlin  zu  leisten  war.  Am  sich  nicht  dem  beliebten  Vorwurf
der  tendenziösen  Leraushebung  ausnahmsweise  krasser  Fälle  auszusetzen,
wählte  man  eine  verhältnismäßig  neue,  nach  den  Vorschriften  der  neuesten
Bauordnung  errichtete  Straße,  die  beim  Görlitzer  Bahnhof  gelegene
Sorauerstraße,  aus.  Im  Verein  mit  Dr.  Alfred  Blaschko  arbeitete
Dr.  Zadek  Fragebogen  aus,  die  später  noch  ergänzt  und  in  Instruktionsstunden ­
  den  mit  der  Aufnahme  Betrauten  erläutert  wurden.  Eine  Anzahl
von  Studierenden  der  Medizin  hatten  sich  neben  Arbeitern  für  das  Aufnahmewerk ­
  zur  Verfügung  gestellt,  das  am  Sonntag,  den  26.  Februar  1893,
ausgeführt  wurde.  Die  Auszählung  des  Materials  besorgten  junge  Kaufleute ­
  unter  Leitung  von  Dr.  Ad.  Braun,  der  auch  die  weitere  Aufarbeitung ­
  der  Ergebnisse  leitete  und  ihre  Veröffentlichung  übernahm.  Sie
erfolgte  in  seiner  Schrift:  „Berliner  Wohnungsverhältnisse,  Denk-Bernstein,
  Berliner  Geschichte.  III.  25

182.  Bereitwilligkeitserklärung  zur
Tätigkeit  im  Dienste  der  Arbeiter-Sanitätskommission
        <pb n="383" />
        386

schrift  der  Berliner  Arbeiter-Sanitätskommission",
  die  als
6.  und  7.  Lest  der  dritten
Serie  der  von  Max  Schippe!
herausgegebenen  „Berliner
Arbeiter  °  Bibliothek"  im
Sommer  1893  erschien  und
viel  kommentirt  wurde.  Die
Sorgfalt  und  Sachlichkeit
der  Erhebung  wurden  von
Freund  und  Feind  anerkannt. ­
  Selbst  der  damalige
stellvertretende  Polizeipräsidentvon
  Berlin,Fried  heim,
nahm  Anlaß,  im  Kerbst  1893
in  einer  Sitzung  der  Königlichen ­
  Sanitätskommission
den  Vorständen  der  Revier-Sanitäts-Kommissionen
  die
Denkschrift  „zum  eifrigen
Studium"  zu  empfehlen,  da
sie  „sehr  viel  Beachtenswertes" ­
  enthalte,  und  sein
Bedauern  auszusprechen,  daß
in  den  Sanitätskommissionen
„nicht  auch  Vertreter  der
ärmeren  Klassen  sitzen".
Grobe  Mißstände  brachte
die  Arbeiter  -  Sanitätskommission ­
  auch  hinsichtlich  des
unter  staatlicher  Verwaltung  stehenden  Krankenhauses  Charite  an  die
Öffentlichkeit,  sowohl  was  die  sanitären  Zustände  als  auch,  was  die  Behandlung ­
  der  Patienten  anbetraf.  So  ging  man  daselbst  namentlich  mit  den
wegen  Geschlechtskrankheiten  der  Charite  überwiesenen  Patienten  in  entwürdigender ­
  Weise  um,  und  als  in  der  Stadtverordnetenversammlung  von
sozialdemokratischer  Seite  Protest  dagegen  erhoben  wurde,  hatte  der  Direktor
der  Charite  den  Mut,  zu  behaupten,  geschlechtskranke  Arbeiter  seien  ja  doch
„meist  Zuhälter".  Indes  war  die  Kommission  diesem  Institut  gegenüber
nicht  völlig  auf  den  guten  Willen  und  die  Tatkraft  der  Behörden  angewiesen. ­
  Die  Charite,  die  mit  der  Universität  verbunden  ist,  braucht  die
Patienten  für  die  Ausbildung  der  Studierenden,  sie  konnte  also  durch
Entziehung  der  ersteren  empfindlich  getroffen  werden.  Auf  diesen  Amstand
machte  die  Arbeiter-Sanitätskommission  die  Arbeiter  und  die  Vorstände
der  Arbeiterkrankenkaffen  aufmerksam  und  zeigte  ihnen,  wie  sie  durch  geschlossenes ­
  Vorgehen  die  Leitung  der  Charite  zwingen  könnten,  die  erkrankten ­
  Arbeiter  anständig  zu  behandeln.  Es  ward,  als  alle  Reklamationen
nichts  halfen,  im  August  1893  die  Boykottierung  der  Charite  beschlossen. ­
  Eine  Kommission  der  Krankenkassen  stellte  unter  drei  Rubriken
—  Baulichkeiten,  Krankenbehandlung  und  Neue  Charite  —  eine  Liste  von

Anleitung.
Der  Controleur  erhält  eine  Legiiimalionskarie',  um  sich  nötigenfalls
bnn  Beschwerdeführer  und  eiwaigen  für  seine  Angaben  notwendigen  Zeugen
gegenüber  legitimsten  zu  sönnen.  Diese  Karle  ist  möglichst  selten  und  nur,
wenn  eine  solche  Legitimation  von  ihm  gewünscht  wird,  vorzuweisen.
Der  Controleur  hat  die  ihm  übertragene  Untersuchung  fa  fchrreL
ev  feilte  Zeit  gestattet»  vorzunehmen.  Zu  diesem  Behufe  haj  er
sich  an  Ort  und  Stelle  persönlich  von  dem  Tatbestände  zu  überzeugen,
wenn  nötig  mit  Zuhilsenahine  des  Beschwerdeführers.
Sollte  auä  irgend  welchen  Gründen  eine  persönliche  Inaugenscheinnahme ­
  nicht  möglich  sein,  so  hat  er  dies  in  seinem  Bericht  zu  vermerken,
sowie  die  Zeugen,  von  denen  er  die  in  dem  Berichte  initaeteilten  Tatsache« ­
  erfahren  hat.  nebst  ihreik  Adressen  zu  nennen.
Der  Controleur  soll  sich  nicht  darauf  beschränken,  die  in  der  Beschwerde
angegebenen  Punkte  sowie  die  in  dem  Fragebogen  vorgemerklcn  Fragen  zu
berücksichtige»,  er  hat  auch  sein  Augenmerk  auf  alle  sonstiger,
«ichtise«  sanitären  Verhältnisse  xu  richten»  die  ihm  am
Vrte  der  Unter  such,nig  rniL  anderwärts  anssatten.
In  der  Beschreibung  etwaiger  Uebelstande  soll  er  keine  übertriebene
oder  tendenziös  gefärbte  Darstellung  geben,  sich  auch  möglichst  wenig  allgemeiner ­
  Ausdrücke  —  wie:  groß,  Nein,  schrecklich,  unbeschreiblich  rc.  —
bedienen,  hingegen  recht  viel  tatsächliche  Details,  unter  Angabe  von  Maß
und  Zahl  beibringen.
Für  jeden  Bericht  ist  ein  besonderer  Bogen  zu.  verwenden.
Den  Bericht  Hot  der  Controleur  noch  an  demselben  Tage  abzufassen
und  am  nächsten  Tage  dem  instruirenden  Arzte  »u,  einer  vorher  vereinbarten
Stunde  persönlich  zu  überbringen.
Sollte  nach  Ansicht  des  Controleurs  die  Beschwerde  sich  durch  eine
einsache  Vorstellung  bei  dem  Hauswirt,  dem  Unternehmer  oder  der  Polizei
erledigen  lassen,  so  hat  er  dies  dem  Arzte  mitzuteilen;  er  selbst  hat  sich
jedes  persönlichen  Eingreijrns  in  die  betr.  Angelegenheit,  sowie  auch  einer
selbständigen.  Veröfsentlichung  der  von  ihm  ermittelten  Tatsachen  zu  erii
Dritten  Personen  gegenüber  ist  er  im  Interesse  der  Sache  zum  strengsten
Slillschivcigen  über  seine  Tätigkeit  und  die  Ergebnisse  seiner  Untersuchung
verpflichtet.

183.  Anleitung  für  die  Kontrolleure  der
Arbeiter-Sanitätskommission
        <pb n="384" />
        --Lt.

387

WUW  JUWJUI.  A^&amp;lt;AAJiJUAJUUaJUlo*oU^
&amp;lt;!-  ■i‘jil | j- l ' l 'iMitü.‘-''.'»0..&amp;gt;V‘TiiiTi\i7^,M;..i &amp;lt; r l ~.irr.7r.i..irii.i&amp;gt;i'iiM?s.v,YinriminnriTttniiriuM;iii7nnnTiT»|^

Legitimations-Karte  No.

/*

19  Forderungen  zusammen,
und  dann  ward  im  September ­
  1893  der  Chariteboykott
  ins  Werk  gesetzt.
Seine  Durchführung  stieß  auf
mancherlei  Schwierigkeiten,
trotzdem  konnte  die  Arbeiter-Sanitätskommission
  bald  feststellen, ­
  daß  der  Beschluß
kräftig  befolgt  wurde.  Ein
im  Dezember  1894  im
„Vorwärts"  veröffentlichter
Bericht  ergab  folgenden  Rückgang ­
  in  den  Einnahmen  der
Charite,  wobei  noch  zu  berücksichtigen  ist,  daß  bei  einem  Teil  der  Krankenkassen ­
  der  Boykott  schon  im  vierten  Quartal  1893  seine  Wirkung  ausgeübt
hatte:
für  4  Quartale  für  die  3  ersten
1893  Quartale  1894

Inhaber  dieses  äst  Beauftragter  der
Ärbeiter-Saaltäts-Commissioa.

=&amp;gt;
!=  &amp;gt;
184.  Legitimationskarte  der  Beauftragten
der  Arbeiter-Sanitätskommission

Es  hatten  gezahlt:

Tabakarbeiter

174  Mk.

22  Mk.

Goldschmiede

458

„

272

„

Gelbgießer

568

„

—

„

Bildhauer

1346

„

216

„

Mechaniker  usw

1360

426

ff

Töpfer

1466

tr

90

„

Zimmerer

2  798

258

u

Schuhmacher

5  250

956

Schneider

13  743

3  470

affe  der  gewerblichen  Arbeiter

52115

„

12  712

zusammen  79  278Mk.  18  422Mk.
Der  Boykott  war  mehr,  als  man  seitens  der  Charite  vorausgesehen
hatte,  harte  Tatsache  geworden.
And  so  blieb  er  denn  auch  nicht  wirkungslos.  Im  Oktober  1894
statteten  verschiedene  Staatsminister  und  eine  Anzahl  höherer  technischer
Staatsbeamten  gemeinsam  der  Charite  einen  Besuch  ab,  um  sich,  so  ward
der  Presse  berichtet,  durch  den  Augenschein  davon  zu  überzeugen,  ob  und
inwieweit  der  Boykott  gerechtfertigt  sei.  Ein  offizieller  Bericht  über  die  Arteile,
die  sie  abgegeben,  ist  nicht  veröffentlicht  worden.  Aber  —  eine  Reihe  der
Mißstände,  um  derentwillen  der  Boykott  proklamiert  worden  war,  wurden
abgestellt.  Man  gab  nicht  direkt  zu,  daß  es  infolge  des  Boykotts  geschah,
aber  man  ließ  es  sich  angelegen  sein,  die  Steine  des  Anstoßes  aus  dem
Wege  zu  räumen.  Wünsche  der  Krankenkassen  wurden  erfüllt  und  der
längst  notwendig  gewordene  Neubau  der  Charite  beschlossen.
Ähnlich  war  das  Schicksal  der  anderen  Agitationen  der  Kommission.
Ihre  Wirkung  war  nicht  immer  eine  unmittelbare;  sie  trat  öfters  unter
Formen  ein,  die  nicht  erkennen  ließen,  daß  auch  die  Arbeiter-Sanitätskommission
mit  den  betreffenden  Maßregeln  etwas  zu  tun  hatte.  Diese  erblickte  eben
ihre  Aufgabe  in  erster  Linie  darin,  durch  rückhaltlose  Bekanntgabe  von
Mißbräuchen  einen  Druck  auf  die  Gewissen  auszuüben  und  das  Werk
derer  zu  ergänzen  und  zu  erleichtern,  die  in  den  öffentlichen  Vertretungs-25»
        <pb n="385" />
        ■

I

m

388

Forderungen
der
Berliner  Krankenkassen  an  die  Charite.

A.  Betreffs  der  Baulichkeiten:
1.  Außerdienststellling  der  hygienisch  unbrauchbaren  Krankenräumr.
2.  Beschaffung  genügender  Räumlichkeiten  durch  Reuerrichtung  von  Pavillons
  und  Baracken.
3.  Einrichtung  von  Nebenräumlichkeitrn  in  allen  Kranken-Abtheilungen
für  Wasch,  und  Bade-  Einrichtung.  KlosetS.  intermistische  Leichen-Aufbewahrung
  re.
4.  Verbesserung  der  Ventilation?-  und  Heiz.  Vorrichtungen  ,n  einer  der
Neuzeit  entsprechenden  Weise.
6.  Freundliche  Ausstattung  der  Krankensäle  und  Schaffung  von  Räumlich'
keilen  für  die  nichtbeitlägerigen  Kranken.
3.  Betreffs  der  Kranken-Behandlung:
1.  Unterstellung  der  Verwaltung  und  des  gesaininten  Wärterpersonals  unter
die  Oberleitung  der  Aerzte.
2.  Rekrutiruiig  des  ärztlichen  Assistenten-  und  Unter-Assistenten-Personals
durch  wissenschaftlichen  Wettbewerb.  Zn  diesem  Wettbewerb  sind  auch
Militärärzte  zuzulassen.
3.  Anstellung  eines  ausreichenden  und  durchgebildeten  Wärter-Personals.
4.  Freundliche  und  liebevolle  Behandlung  der  Patienten  von  der  Aufnahme
bis  zur  Entlasfuntz;  Fortfall  der  militärischen  Disziplin  und  des
Kasernentones.
з.  Beschaffung  besserer,  das  heißt  genügender,  schmackhafter  und  abwechselungsreicher ­
  Kost.
v.  Schnelle  Ausführung  der  ärztlichen  Verordnungen  in  bezug  auf  Arzneien.
Extradiät  rc.
1.  Völlige  Freiheit  der  Kranken  in  bezug  auf  Verwendung-»  Untezrichtsund
  Demonstrationszivecke».
6.  Völlige  Freihcrt  der  Kranken  in  der  Wahl  ihrer  Lektüre,  Fortfall  dex
religiösen  und  politischen  Beeinflussung.
и.  Rechtzeitige  Benachrichtigung  vom  Ableben  eines  Kranken  an  Anverwandte
  und  Kassenvorstände.
IO-  Unbeschränkter  Zutritt  zu  -den  Krankenhaus-Räumen  für  Kassen-Vorstände
  und  die  Arbeiter-Kontrollkommission.
0  Sprzial-Forderungen  für  die  Neue  Charite:
1.  Wegfall  aller  gefängnisiartigen  Einrichtungen  und  Maßregeln.  Wegfall
aller  Disziplinarstrafen,  Gleichstellung  der  Geschlechtskranken  mit  allen
anderen  Kranken  in  bezug  auf  Einpfang  von  Besnch"n,  Ansgehrzeit,
Korrespondenz  rc.
2.  Schonung  des  Schamgefühls  der  Patienten  und  Behandlung  derselben
lediglich  als-Kranker  und  nicht  als  Zuhälter.
3.  Absonderung  der  polizeilich  eingelieferten  Verbrecher,  -Zuhälter  und
Prostituirten  von  den  übrigen  Kranken.  *
4.  Ausführung  der  Operationen  unter  allen  Kautelen  ,nvder»er  Operation?-technik
  und  damit  Benutzung  der  der  Wissenschaft  zu  Gebote  stehenden
schmerzstillenden  Mittel.
Me  Kommission  der  Krankm-Kasse»
für  den  Noykott  der  Lharit«.

185.  Forderungen  der  Berliner
Krankenkassen  an  die  Charite

körpern  und  Amtsstuben  für
eine  wirksame  Volkshygiene
kämpften.
Das  aber  hat  sie  eine
ganze  Reihe  von  Jahren
mit  Eifer  und,  wie  wir
gesehen  haben,  nicht  erfolglos ­
  getan.  Es  lag  in  der
Natur  der  Sache,  daß  eine
solche  freiwillige,  im  Hinblick ­
  auf  ganz  bestimmte
Vorkommnisse  ins  Leben
getretene  Körperschaft  den
Anlaß  ihrer  Geburt  nicht
ewig  überleben  konnte.
Kind  der  freien  Initiative ­
  und  auf  freiwillige
Beiträge  angewiesen,  hat
die  Arbeiter-Sanitätskommission ­
  mit  sehr  bescheidenen ­
  Geldmitteln  gewirtschaftet.
  Nur  im  ersten
Jahre  flössen  die  Einnahmen
reichlich.  Sie  bestanden  zum
größten  Teil  aus  einmaligen
Geschenken  von  einzelnen
und  Arbeitervereinen,  Gewerkschaften, ­
  Krankenkassen
und  geselligen  Vereinen.
Der  größte  Teil  derArbeiten
aber  ward  unentgeltlich  geleistet. ­
  So  konnte  die  Kommission ­
  am  Schlüsse  des
ersten  Jahres,  trotzdem  sie

in  diesem  die  Wohnungserhebung ­
  in  der  Sorauerstraße  vorgenommen  und  die  Denkschrift  darüber ­
  herausgegeben  hatte,  von  einer  Gesamteinnahme  von  1006  Mk.
noch  350  Mk.  vortragen.  In  der  Liste  der  Kontrolleure  und  freiwilligen
Hilfsarbeiter  finden  wir  neben  gewerblichen  Arbeitern  auch  eine  nennenswerte
  Anzahl  von  Kaufleuten  und  Angehörigen  der  akademischen  Berufe,
unter  den  Ärzten,  die  für  sie  tätig  waren,  fehlt  kaum  einer  der  damals
oder  später  in  der  politischen  Bewegung  hervorgetretenen  Mediziner.
So  gehörten  auch  die  zu  früh  verstorbenen  Genossen  Dr.  Kurt  Freudenberg ­
  und  Dr.  Schönweiler  ihrem  Aerztekollegium  an.
In  dem  Maße  als  die  Choleragefahr  abnahm,  erlahmte  das  Interesse  an
der  Kommission.  Bis  zum  Jahre  1896  erscheinen  ihre  Berichte  im  „Vorwärts"
ziemlich  regelmäßig,  dann  werden  sie  seltener,  und  schließlich  tauchen  sie  nur
von  Zeit  zu  Zeit  noch  auf.  Eine  formelle  Auflösung  der  Kommission  ist
nicht  erfolgt,  ihr  letzter  Bericht  erschien  im  „Vorwärts"  vom  15.  März  1903.
        <pb n="386" />
        389

Die  Tatsachen,  die  er  mitteilt,  zeigen,  daß  die  Kommission  auch  damals
noch  nicht  überflüssig  war,  und  sie  wäre  es  selbst  heute  noch  nicht.  Aber
der  Bericht  konnte  darauf  verweisen,  daß  verschiedene  Krankenkassen  bei  der
Kassenkontrolle  regelmäßig  auch  die  Wohnungen  der  Kranken  inspizierten
und  die  dabei  gefundenen  Mißstände  veröffentlichten,  und  daß  insbesondere
die  Ortskrankenkasse  der  Kaufleute  in  bezug  auf  Organisation  dieser  Inspektion
und  in  den  Veröffentlichungen  ihrer  Ergebnisse  vorbildliches  leiste.  Mit
anderen  Worten,  daß  für  die  Arbeiter-Sanitätskommission  nun  schon
verschiedentlich  Ersatz  vorhanden  war.

dir
        <pb n="387" />
        Fünfzehntes  Kapitel.
Die  Schöpfungen  der  Berliner  Sozialdemokratie
für  Bildung  und  Kunst.

1.  Die  Arbeiterbildungsschule.
3 ch  habe  nie  eine  ähnliche  Versammlung  gesehen."  So  schrieb  Wilhelm
Liebknecht  im  Januar  1891  begeistert  über  eine  Versammlung,  die
am  12.  jenes  Monats  in  Berlin  in  Lipps'  Brauerei  am  Friedrichshain ­
  getagt  hatte.  Es  war  dies  eine  Volksversammlung,  die  einberufen
worden  war,  um  über  die  Gründung  einer  Arbeiterschule  Beschluß  zu
fassen,  und  sie  war  so  stark  besucht  gewesen,  daß  der  mächtige  Saal  in
allen  seinen  Teilen  erdrückend  besetzt  war.  Aber  nicht  die  Massenhaftigkeit
des  Besuchs  war  es,  die  Liebknecht  zu  jenem  Ausspruch  bewegte.  Überfüllte ­
  Versammlungen  riesenhaften  Amfangs  waren  für  ihn  nichts  Neues.
Angewöhnlich  aber  war  nach  seiner  Schilderung  der  Löhegrad  weihevoller
Begeisterung,  der  sich  in  den  Mienen  der  Versammelten  malte,  als  Zweck
und  Aufgabenprogramm  der  zu  gründenden  Schule  vor  ihnen  entwickelt
wurden.  Die  Vorhut  der  Berliner  Arbeiterschaft  fühlte  sich  hingerissen
von  dem  Gedanken,  daß  nun  ein  Institut  von  ihr  ins  Leben  gerufen
werden  sollte,  das  dem  bildungshungrigen  Arbeiter  Gelegenheit  bieten
würde,  für  seine  Ausrüstung  mit  den  Elementen  des  Wissens  das  nachzuholen ­
  und  systematisch  zu  erweitern,  was  ihm  die  so  mangelhaft  entwickelte
Volksschule  nicht  oder  nur  unzureichend  gewährt  hatte.  Noch  gab  es  in
der  Arbeiterschaft  viele,  die  in  der  Jugend  selbst  nicht  einmal  in  den
elementarsten  Lehrfächern  leidlich  ausgebildet  waren,  und  ihnen  sollte  die
Arbeiterschule  diesen  Anterricht  verschaffen.  Zugleich  aber  sollte  sie  die
Stätte  des  Anterrichts  in  denjenigen  Wissenszweigen  sein,  die  in  den
staatlich  anerkannten  Schulen  teils  überhaupt  nicht  und  teils  nur  in
tendenziöser  Färbung  betrieben  werden,  wie  Geschichte,  Nationalökonomie,
Naturwissenschaft,  Rechtswesen  und  ähnliches.  In  seiner  fesselnden,  durch
Beispiele  aller  Art  belebten  Vortragsweise  hatte  Liebknecht  dies  den
gespannt  lauschenden  Zuhörern  vorgeführt,  und  so  groß  war  die  Begeisterung,
die  seine  Darlegung  auslöste,  daß  sich  mehrere  tausend  Arbeiter  zur  Teilnahme ­
  an  der  geplanten  Bildungsanstalt  meldeten,  die  dann  den  Namen
Arbeiterbildungsschule  Berlin  erhielt.
        <pb n="388" />
        Ihre  Verfassung  war  einfach  und  demokratisch.  Durch  einen  sehr
geringen  Monatsbeitrag  —  25  Pfennig  —  erwarb  man  die  Mitgliedschaft,
und  die  Mitglieder  wählten  in  einer  Generalversammlung  den  Vorstand,
der  für  passende  Räumlichkeiten  zu  sorgen,  die  Lehrkräfte  zu  beschaffen  und
im  Verein  mit  dem  Ausschuß  dieser  Lehrkräfte  den  Lehrplan  aufzustellen
hatte.  Für  dies  und  seine  sonstige  Geschäftsführung  war  der  Vorstand
der  Generalversammlung  der  Mitglieder  verantwortlich,  so  daß  bei  diesen
die  letzte  Entscheidung  lag.  Das  Anterrichtsgeld  für  die  Lehrkurse  wurde
so  niedrig  bemessen,  nämlich  50  Pfennig  pro  Kursus,  daß  es  selbst  der
schlechtestentlohiite  Arbeiter  aufbringen  konnte.  Allerdings  zeigte  sich  auch
bald,  daß  es  zu  gering  war,  um  der  Schule  das  Bestehen  aus  eigenen
Mitteln  zu  verbürgen.  Aber  durch  Zuschüsse  von  seiten  der  Organisationen
und  Gejchenke  wohlhabender  Genossen  ward  die  Schule  in  den  Stand
gesetzt,  alle  Wcchselfälle  von  Gunst  und  Angunst,  denen  sie  ausgesetzt  war,
zu  überdauern.
And  an  ungünstigen  Konstellationen  hat  es  ihr  nicht  gefehlt.  Es  ist
allen  Schöpfungen  dieser  Art  eigen,  daß  nur  bei  einem  Teil  derer,  die  sich
durch  einen  Vortrag  für  sie  entflammen  lassen,  die  Kraft  der  Begeisterung
für  dauernde  Betätigung  ausreicht.  Angesichts  der  großen  Zahl  von  Anmeldungen, ­
  deren  sich  die  Schule  in  der  ersten  Zeit  erfreute,  hatte  man
Lokale  in  allen  Stadtgegenden  fiir  sie  eingerichtet  und  einen  sehr  umfassenden
Anterrichtsplan  für  sie  aufgesetzt,  der  auch  Gegenstände  wie  Anatomie  und
Physiologie  enthielt.  Aber  man  hatte  nicht  genug  mit  dem  Einfluß  der
Schwankungen  des  Arbeitsmarktcs  auf  die  Ortsständigkeit  gerade  derjenigen
Elemente  der  Arbeiterschaft  gerechnet,  für  welche  die  Schule  vornehmlich
eingerichtet  war,  und  hatte  auch  die  ablenkende  Wirkung  der  politischen  und
gewerkschaftlichen  Kämpfe  auf  die  regeren  Elemente  unter  den  Arbeitern
unterschätzt.  Schon  ein  erheblicher  Teil  der  Meldungen  der  ersten  Wochen
blieben  bloße  Meldungen,  später  aber  ging  es  auch  mit  den  Anmeldungen
selbst  langsamer.  Die  Schülerzahl  blieb  bedeutend  hinter  den  ersten
Schätzungen  zurück,  die  Lehrfächer  mußten  beschränkt,  die  Schulräume  vermindert ­
  werden,  und  doch  wollten  Einnahmen  und  Ausgaben  nicht  ins
Gleichgewicht  kommen.  Es  schien,  als  ob  die  Schule  in  neutralen  Anterrichtsgegcnständcn
  die  Konkurrenz  des  gut  fundierten  und  über  ein  eigenes
Gebäude  verfügenden  alten  Landwerkervereins  nicht  werde  bestehen  können,
und  es  gab  denn  auch  selbst  unter  den  führenden  Parteimitgliedern  Leute,
die  da  meinten,  man  möge  diejenigen,  die  flch  in  Deutsch,  Rechnen,  Naturgeschichte ­
  usw.  fortbilden  wollten,  ruhig  dem  Landwerkerverein  überlassen,
und  nur  die  spezifisch  sozialpolitische  Bildung  von  Partei  wegen  betreiben.
Zu  denen,  die  so  dachten  und  sich  gelegentlich  in  diesem  Sinne  äußerten,
gehörte  unter  anderen  Ignaz  Auer.
Schließlich  kam  es  im  Jahre  1897  dahin,  daß  man  sich  ernsthaft  die
Frage  vorzulegen  hatte,  ob  es  nicht  am  besten  sei,  die  Schule  ganz  aufzulösen. ­
  Aber  wie  es  der  Schule  nie  an  einem  Stamm  begeisterter
Anhänger  und  Freunde  gefehlt  hatte,  die  keine  Mühen  und  Opfer  scheuten,
sie  über  Wasser  zu  halten,  so  hatte  sie  auch  jetzt  deren  genug,  welche  nicht
von  ihr  lassen  mochten,  bis  nicht  alle  Mittel  versucht  worden  seien,  sie  auf
eine  feste  Basis  zu  stellen.  And  so  ward  in  jenem  Jahre  eine  völlige  Neuorganisation ­
  der  Schule  beschlossen.  Die  örtliche  Dezentralisation  der  Schul-
        <pb n="389" />
        392

räume  ward  gänzlich  fallen  gelassen,  die  Schule  in  einem  Lokal  zentralisiert,
während  die  Lehrfächer  auf  Geschichte,  Gesetzeskunde,  Naturgeschichte,  Volkswirtschaft ­
  und  Redekunst  beschränkt  wurden.  Der  Lehrkursus  ward  auf
10  Stunden  im  Vierteljahr  und  das  Anterrichtsgeld  auf  1  Mk.  für  den
Kursus  angesetzt.
Auf  Grund  dieses  Programms,  zu  dem  noch  die  Veranstaltung  von
Vorträgen  allgemeiner  Natur,  von  Dichterabenden,  Ausflügen  usw.  trat,
hat  sich  die  Schule  am  Leben  erhalten  und  schrittweise  gehoben,  so  daß  sie
allmählich  ihren  Lehrplan  wieder  erweitern  und  auch  Kurse  außerhalb  ihres
Zentrallokals  veranstalten  konnte.  Folgendes  ihre  Entwicklung  seit  der

Reorganisation:

Eintragung  von  Mitgliedern

Einnahme

männlich

weiblich

zusammen

Mk.

1.  April  1898  bis  31.

März  1899

412

47

459

2790

1.  „  1899  „

31.

1900

456

82

538

3091

1.  „  1900  „

31.

n

1901

562

72

634

3048

1.  „  1901  „

31.

„

1902

622

72

694

3039

1.  „  1902  „

31.

rr

1903

672

79

751

3141

1.  „  1903  „

31.

fr

1904

688

76

764

2775

1.  „  1904  „

31.

1905

911

90

1001

3792

1.  „  1905  „

31.

„

1906

1189

93

1282

4207

Man  sieht,  die  Mitgliederzahl  ist

ununterbrochen

gestiegen.

Wenn  die

Rubrik  der  Einnahmen  noch  längere  Zeit  ein  anderes  Bild  zeigt,  so  rührt
dies  daher,  daß  die  Posten  „Geschenke"  und  „Jahresbeiträge",  d.  h.  die
Llnterstützungszuwendungen,  die  im  ersten  dieser  acht  Jahre  noch  über  ein
Drittel  der  Gesamteinnahme  ausmachen,  von  1900/1901  ab  schrittweise  in
ihrem  Betrag  zurückgehen.  Die  Einnahmen  aus  den  einfachen  Mitgliederbeiträgen, ­
  aus  Schul-  und  Bibliotheksgeld  aber  ergeben  von  Jahr  zu  Jahr
größere  Summen,  und  im  letzten  Jahr  machen  die  Zuwendungen  noch  nicht
den  zwanzigsten  Teil  der  Gesamteinnahmen  aus;  die  Schule  steht  fast  ganz
auf  eigenen  Füßen.
Die  Lnterrichtskurse  bestanden  im  letzten  Quartal  des  Jahres  1905  in
Nationalökonomie,  Naturerkenntnis,  Geschichte,  Gesetzeskunde,  Rednerschule
und  Nationalökonomie  für  Vorgeschrittene.  Den  Unterricht  erteilten  in
diesem  Quartal  M.  Ä.  Baege,  Max  Grunwald,  S.  Kahenstein  und
Max  Maurenbrecher.  Von  Lehrern,  die  in  vorhergegangenen  Jahren
Unterricht  erteilt  hatten,  seien  Ewald  Vogtherr,  Dr.  Bruno  Borchardt,
M.  Großmann,  Dr.  Conrad  Schmidt,  Dr.  Max  Schütte,  Dr.  Rud.
Steiner  genannt,  und  groß  ist  die  Zahl  derer,  die  in  den  freien  Versammlungen ­
  der  Schule  Vorträge  hielten.
Ihr  Lokal  hat  die  Schule  auch  nach  der  Reorganisation  noch  wiederholt ­
  wechseln  müssen.  Vom  Jahre  1900  bis  Ostern  1906  befand  es  sich
in  den  Räumen  des  Berliner  Gewerkschastshauses,  seit  Oktober  1906  hat
die  Schule,  die  nun  größere  Räume  brauchte,  als  ihr  im  Gewerkschaftshaus
vermietet  werden  konnten,  ihr  Äauptlokal  Grenadierstr.  37.  Anträge  an  die
städtische  Schuldeputation,  ihr  Schulräume  der  Stadt  Berlin  zur  Verfügung ­
  zu  stellen,  sind  stets  abschlägig  beschieden  worden.  Sie  blieb  auf
die  Kraftquellen  angewiesen,  welche  die  sozialistische  Bewegung  selbst  entwickelt, ­
  und  ihre  Geschichte  ist  ein  weiteres  Zeugnis  von  der  großen
Entwickelungsfähigkeit  dieser  Quellen.
        <pb n="390" />
        393

2.  Die  Freie  Volksbühne.
Mit  weit  geringeren  materiellen  Schwierigkeiten  als  die  Arbeiterbildungsschule ­
  hat  die  „Freie  Volksbühne"  zu  kämpfen  gehabt,  deren
Gründung  noch  in  die  Zeit  des  Sozialistengesetzes  entfällt  und  im  zweiten
Band  unserer  Geschichte  geschildert  worden  ist.  Aber  dafür  hat  die  „Freie
Volksbühne"  andere  Krisen  zu  überstehen  gehabt,  und  gerade  sie  ist  während
einer  längeren  Zeitspanne  in  ihrem  Bestand  unterbrochen  worden.
Das  Datum  der  ersten  Theatervorstellung  der  „Freien  Volksbühne"  entfällt ­
  in  unsere  Epoche,  nämlich  in  den  Oktober  1890.  Das  gewählte
Stück  war  Ibsens  „Stützen  der  Gesellschaft",  ein  Drama,  das,  ohne
direkt  sozialistisch  zu  sein,  schärfere  Töne  in  der  Gesellschaftskritik  anschlägt
und  in  der  Charakteristik  moderner  Menschen  größere  Wahrheit  an  den
Tag  legte  als  die  überlieferte  Dramatik.  Gespielt  wurde  das  Drama  im
Ostend-Theater,  einer  bescheidenen  Vorstadtbühne  des  östlichen  Berlin,  und
selbstverständlich  von  Berufsschauspielern.  Denn  nicht  die  Ausbildung  von
Proletariern  zu  Schauspielern  war  der  Zweck  dieses  Unternehmens,  sondern
die  Lebung  des  Arteils  und  Geschmacks  der  Arbeiter  durch  Vorführung
der  besten  Produkte  der  dramatischen  Dichtung.  Aber  von  Anbeginn  an
wurden  jedesmal  möglichst  gute  Kräfte  aus  Berliner  Theatern  für  diese
Vorstellungen  geworben  und  durch  einen  Regisseur  von  Fach  für  das
Zusammenspiel  eingeübt.  Von  der  ersten  Vorstellung  an  wurde  ferner  das
Prinzip  durchgeführt,  durch  Erhebung  eines  Einheitspreises  und  Verteilung
der  Plätze  durch  das  Los  den  Einfluß  des  Geldes  auf  die  Besetzung  der
Plätze  auszuschalten,  ein  Prinzip,  das  sich  so  gut  bewährt  hat,  daß  zu
keiner  Zeit  der  Wunsch  aufgetaucht  ist,  von  ihm  abzugehen  oder  an  ihm
zu  ändern.  In  gleicher  Weise  hat  sich  die  Ansetzung  der  Vorstellungen
auf  den  frühen  Sonntagnachmittag  bewährt,  und  ebenso  auch  die  Überwachung ­
  der  Verlosung  der  Plätze  und  Aufrechterhaltung  der  Ordnung  bei
Vorstellungen,  Vorträgen  und  Festen  durch  von  den  Mitgliedern  selbst
gewählte  Ordner  und  Obleute.
An  alledem  ist  nichts  Wesentliches  geändert  worden.  Dagegen  mußte
die  ursprünglich  getroffene  Einrichtung,  die  ausgewählten  Stücke  vor  der
Aufführung  in  den  Mitgliederversammlungen  zu  erläutern,  aufgegeben
werden.  Die  Polizei  leitete  aus  den  Vorträgen  das  Recht  her,  den
Verein  „Freie  Volksbühne"  unter  das  Vereinsgesetz  zu  stellen,  und  ließ
den  Vorstand  wissen,  daß,  wenn  diese  Vorträge  fortgesetzt  würden,  der
Verein  für  „politisch"  erklärt  werden  würde,  was  den  Ausschluß  der
Frauen  zur  Folge  gehabt  hätte.  Lätten  nicht  schon  prinzipielle  Gründe
es  zur  Pflicht  gemacht,  so  würde  dieser  eine  Amstand  allein  dazu  genötigt
haben,  gegen  die  Verfügung  der  Polizei  den  Rechtsweg  zu  beschreitcn.
Aber  der  Entscheid  des  Oberverwaltungsgerichts  gab  der  Polizei  Recht,
und  da  die  „Freie  Volksbühne"  ohne  Heranziehung  der  Frauen  ihren  Zweck
nie  erfüllen  konnte,  ward  von  diesen  Vorttägen  Abstand  genommen.  Statt
ihrer  wurden  den  Mitgliedern  fortan  erläuternde  Abhandlungen  über  die
zur  Aufführung  ausgewählten  Stücke  in  gedruckten  Bühnenheften  zugestellt.
Dies  wurde  auch  dadurch  notwendig,  da  die  Mitgliederzahl  beständig
wuchs  und  ein  immer  größerer  Prozentsatz  der  Mitglieder  gar  nicht  in  die
Lage  kam,  den  Versammlungen  beizuwohnen,  in  denen  die  erläuternden
        <pb n="391" />
        394

Vorträge  gehalten  wurden.  Am  diese  Zeit  konnte  man  auch  dazu  übergehen, ­
  größere  und  besser  ausgestattete  Theater  zu  mieten.
Größere  Erregung  als  dieser  Eingriff  von  außen  hatte  eine  innere
Krisis  zur  Folge,  zu  der  es  im  Sommer  1892  kam.  Bis  dahin  hatte  die
Leitung  der  „Freien  Volksbühne"  überwiegend  aus  Personen  bestanden,
welche  zu  den  „Jungen"  der  deutschen  Sozialdemokratie  gehörten  und  nach
dem  Erfurter  Parteitag  vom  Oktober  1891  sich  der  Gruppe  der  „Anabhängigen" ­
  angeschlossen  hatten.  Bruno  Wille,  der  Vorsitzende,  Bernhard
Kampffmeyer,  der  Schriftführer,  und  Karl  Wildberger,  der  Kassierer
der  „Freien  Volksbühne",  waren  leitende  Mitglieder  der  Bewegung  der
„Anabhängigen",  in  deren  Organ,  „Der  Sozialist",  wie  in  ihren  Versammlungen ­
  die  Partei  auf  das  schärffte  bekämpft  wurde.  Die  übergroße
Masse  der  Mitglieder  aber  gehörten  der  sozialdemokratischen  Partei  an,
und  so  wurde  es  geradezu  unvermeidlich,  daß  die  Gegensätze  in  der  einen
oder  der  anderen  Form  auch  hier  zu  Zusammenstößen  führten,  da  viele
Parteimitglieder  es  unangenehm  empfanden,  einen  Vorstand  zu  haben,
dessen  Mehrheit  in  ihren  Augen  Abtrünnige  der  Partei  waren.  Indes
scheute  man  doch  davor  zurück,  Wille  seines  Amtes  zu  entsetzen,  da  man
ihm  Verdienste  um  die  „Freie  Volksbühne,"  die  ja  in  gewissem  Sinne
sein  Kind  war,  weder  bestreiten  konnte  noch  mochte.  Dagegen  ward  in
der  Generalversammlung  vom  14.  Juli  1892,  während  Wille  einstimmig
wiedergewählt  wurde,  wenigstens  an  Stelle  Karl  Wildbergers  ein  Mitglied ­
  der  sozialdemokratischen  Partei,  der  Kaufmannsgehilfe  Julius  Türk,
zum  Kassierer  ernannt.
Damit  war  indes  der  Pecht  in  den  Karpfenteich  gesetzt.  Julius  Türk,
damals  ein  eifriger  Sozialdemokrat  und  literarisch  nicht  unbegabt,  kam  bald
mit  Wille  und  Kampffmeyer  in  Konflikt,  und  als  der  Streit  weitere  Kreise
zog,  riefen  diese  in  einem  gegen  Türk  gerichteten  Flugblatt  die  Mitglieder
zu  Schiedsrichtern  an.  In  einer  zur  Besprechung  des  Konflikts  einberufenen
Generalversammlung,  die  am  4.  Oktober  1892  stattfand,  warfen  sie  Türk
und  dessen  Parteigängern  vor,  sie  wollten  die  „Freie  Volksbühne",  die  doch
lediglich  eine  volkspädagogische  Bildungsstätte  sein  sollte,  zu  einer  „parteipolitischen ­
  Anstalt"  machen,  eine  Anklage,  die  von  der  Gegenseite  als  eine
Denunziation  betrachtet  und  bezeichnet  wurde  und  Proteste  gegen  die
„Äcrrschaft  des  Literatentums"  in  der  „Freien  Volksbühne"  hervorrief.  Bis
tief  in  die  Nacht  zog  sich  die  sehr  erregte  Debatte  hin  und  ward  dann  auf
den  11.  Oktober  vertagt.  Als  in  dieser  zweiten  Versammlung  verhältnismäßig ­
  früh  Debatteschluß  angenommen  wurde,  obwohl  Wille  erklärt  hatte,
Kampffmeyer  habe  noch  wichtige  Tatsachen  anzuführen,  traten  die  zwei
Genannten  unter  Niederlegung  ihrer  Ämter  aus  der  „Freien  Volksbühne"
aus,  desgleichen  sechs  von  den  acht  Mitgliedern  des  Sachverständigen-Ausschusses
  und  eine  große  Anzahl  einfacher  Mitglieder.  Selbst  Leute,
die  im  übrigen  stramm  zur  Partei  hielten,  erklärten  das  gegen  Wille  und
Genossen  beobachtete  Verfahren  nicht  gutheißen  zu  können  und  traten  vorübergehend ­
  aus  der  „Freien  Volksbühne"  aus.  Ebenso  nahm  fast  die  gesamte ­
  bürgerliche  Presse  für  Wille  Partei.  Aber  hier  sprach  meist  nicht  echte
Anparteilichkeit,  sondern  Feindschaft  gegen  die  Sozialdemokratie  das  Arteil.
Wille  und  seine  Freunde  riefen  nunmehr  eine  „Neue  Freie  Volksbühne"
mit  einem  Statut  ins  Leben,  das  einen  erheblich  weniger  demokratischen
        <pb n="392" />
        Air  die
Mitglieder  -n  „Freien  VolkMhnk."

Vir  lintcrzcichnklc»  hal'kit  de:i  Milstlitdern  der
«Freie»  VollSbühnr"  die  Mittheilung  zu  machen,  dab
innerhalb  de»  Borslandr«  Mniiung-verschicdenhcilen  und
Strritigkeiten  entstände»  sind,  welche  ein  weiteres  Zusammen.
arbei&amp;gt;Vi&amp;gt;  der  Herren  vr.  Bruno  Wille  und  Bernhard
Kampfsmeyer  einerseits  -  sowie  andererseits  des  Herr^.
Juliui  Türk  unmöglich  machen.  Die  mehrsach  ongrstellten
  Versuche,  diese  Elreirigkeilen  gütlich  beizulegen,
müsse»  alS  gescheitert  betrachte!  werden,  besonders,  da  letztere
bereits  vv»  einer  Seile  in  die  Lesfrutlichkcit  gebracht
worden  sind  und  aus  einen  Artikel  deS  .BonvärtS'  hin  vcrkchicdene
  Mitglieder  die  Einberusung  einer  General.
Versammlung  wünschten  Weil  min  aber  in  der  letzten
verrinigten  Sitzung  deS  Vorstandes,  der  Ordner  und
der  AuSschuhmitglieder  die  Meinung  zum  Durchbruch  kam.
daß  eS  vielleicht  schwer  sei.  in  der  öffentlichen  General-Versammlung
  ein  völlig  klares  Bild  der  Sachlage  zu
entwerfen,  »veil  die  parteiische  Einzrldarstellt'.ug  der
streitenden  Parteien  das  Urtheil  zu  verwirrn,  geeignet  is,
llttö'TNlch'  sortff  bei  dei-Erregung  der  Gemlttlier  htsligr
Auoemandersetzungeii  gesürchtei  werden  müßen,  die  der
Sache  unseres  Vereins  nur  ouk'S  ernilliche  schaden  sönnen,
so  wurde  in  der  Sitzung  vom  2K.  September  mil  Ist  gegen
1  Stimmen  die  Herausgabe  dieses  Flugblattes  beschlossen,
welche-  in  völlig  unparteiischer  Weise  di«  Mitglieder  über
die  entstandenen  Streitigkeiten  ansklären  soll,  und  mit
dessen  Redaktion  die  Unterzeichnete»  beauslragl  sind.  Wir
geben  daher  hiermit  alle  die  Sache  betreffenden  mündlichen, ­
  schrjsrlichc»  und  gedruckte»  Erklärungen  der  beiden
Parteien,  welche  vor  allen  in  den  VorstandSsitzunge»,
sowie  in  der  Presse  zum  Borschei»  gekommen  sind,  müsse»
aber  bemerken,  bah  Herr  Julius  Türk  trotz  wiederholter
dringender  Anssorderung  sich  geweigert  hat,  seine  eigenen
Anschauungen  und  Erklänmgc»  in  diesen,  Flugblatt  niederzulegen,
  sotzob  wir  im  Wesentliche»  nur  aus  seine  Berdsfcntlichung
  im.Vorwärts'  und  seine  in  den  Vorstands.
Sitzungen  ausgesprochenen  Meinungen  angewiesen  sind.
Der  Vorwurf,  der  von  den  Herren  ^vr.  Bruno
Wille  und  Bernhard  Kampfsmeyer  gegcff  die  Thätig,
keil  de»  Herrn  Julius  Türk  in  erster  Reihe  erhoben
wurde,  besagt,  baff  von  dem  Letztere»  der  Versuch  gemacht
worden  sei,  ausgesprochen  und  vorwiegend  politische
Tendenzen  in  die.künstlerische  und  technische  Leitung  der
Volksbühne  hineinzutragen.  Wie  weit  dieser  Vvrwurs
berechtigt  sein  kann,  darüber  haben  &amp;gt;vir  sokgcr.de  Erklärungen ­
  abzudrucken'
!.  VrNLruug.
Herr  Türk  erklärte  t&amp;gt;&amp;gt;  einer  Generalversammlung  vor.
15.  Januar  1392,  fcaS  der  Lere'»  .Frist  Vo!!«büh..e'  aus  äsienlliche
Angeiegeuhesten  einwirke»  wolle.  Diele  «cubcrung  Türk'«  dild-.r
de»  c'ieenstaud  cincr  «udschubsitzung.  an  welcher  u.  A.  die  Herren
vr.  Richard  Dehmet.  vr.  Mar  Haide.  Otto  E.  Haillcdrn.
vr.  Fritz  Mauldnec  und  Echändoss  lheitnahmen.  Herr
TÜrt  verwte»  in  seiner  Vertheidigung  a»I  drn  Paragraphen  I
de«  Bcr«.i»I&amp;gt;ai..I«,  weiche:'  dl«  Auigabc  der  -Freien  Bali«,
bühne'  die  Pjlrae  ter  Poesie  in  threr  modernen  Richiuna  bc.
sliamtte.  Herr  Türk  vcrjiand  unler  dieser  modernen  Richtung
besonders  ein:  sm!attst&amp;gt;Ichc  und  sozialdemokralisäie  Richtung.  Dieser
Meinung  Türk  «,  widersprach  der  Aueschub  beinahe  cinllinimig.
Durchweg  war  der  Aueschub  der  Änliche,  dal.  dir  Zivcck  der
.Fnstn  Ä-UÄnih»«'  polltomme»  von  Türk  veckanni  werde.
Die  „Freie  Voit-ibühiic"  bade  da«  moderne  Leben  i»  seiner  t"e.
lamm,heit  darzustellen.  Der  A&amp;gt;-.«jchub  der  .Freien  voildbüd»«'
de  Mars  energisch  da»  Hineintragen  paireipoUisschee  Tendenzen  von
Veilen  Türt«.  -  .  »  ,,
Paul  stzampssmeqer.
Bernhard  Lampttmetier.

2-  Srklörnug.
Z»  vorkichei.de..  Worten  bewerte  lch.  «ah  Herr  !IIcch:«r,»ün,!i
Heine,  der  I»  jener  Generalversammlung  tiber  die  Entlchctdu-Ä'
de»  Oberderwaltungdgerichi«  dericdle,  halle  und  »eben  mir  sah.  di:-.
Red,-  Türk'«  durch  «ine»  Zwilchenes  mir  aezenüber  a!«  eine
llngeschickiichkctt  bezelchnctr.  und  daß  ich.  Ihcilweiic  weae»  dteier
“  eine»  s.irlsiischkn  Sachverständigen,  gegen  Türk'«  Ausjasiung

de«  Vc-reinSzweckc»  prolestir

3.  Erklär»«-.

Türk  aus  mich  zu  &amp;gt;.»d  üuberie  ans  ...eine  Frage.  ....
t«  handle  sich  um  die  prinzipielle  Frage,  dag  zwei  Vorstandsmitglieder ­
  und  ein  gri-be«,  Theil  der  Ordner  au»  .tlnabbängigen''
des,Luden  und  das,  c»  eine  Epiltenisrag.-  der  .Freien  Boiwbübne'
sei.  dah  Leun  anderer  politischer  Farbe  aewähi,  würden,  denn  die
Sozia,demvlralr»  stiebe..  sich  an  einer  Leiluua  durch  so  viele  Unabhängige. ­
  Al«  ich  erwidrrle.  r«  sei  doch  eine  U»ge«ch&amp;gt;igtc,I.  Wille.

.-insach  an»  solche»  iSrvnbcn  abzusehen.  «»Igegnel«  Türk  achsclzuckend.
das,  der  verein  notzdem  geiäürdcl  werde,  wen»  Wille  wieder  gcwä»i&amp;gt;
.veiden  loll'e.  Wir  selb»  schien  e»  äuberst  bedenklich.  dab  derarlige
Politische  Gründe  in  da«  u„po»'i!ll.e  Unlernehmen  der  .Freien
Bo!k«büh,-.e'  hin:inge:ragen  würden,  sch  hie»  e»  aber  gerade  dc»b-G
jüi  »ütztich.  das,  die  Loche  zur  Diotussw»  konime,  dami.  eine  endtö
 .i^^-Ä«',aluhen  »er  -wirhohen  StandMnI,  der  VoN&amp;gt;'U:hp.tin
im  Punjlc  gel.au  sesislcsie.  Ja.  änderte  da»  sogleich  zu  Türund
  ttiunNele  da«  Weile«.  sBi«  hierher  is,  minie  Tariicllung  &amp;gt;u
!rr  irtztrn  komblnieien  Sitzung  von  Türk  ia'.d!l  al»  richtig  zugegcbei,
.vordem)^  ^  u, naulBtIlin .  eidic»  ich  von  Türk  eine  »ane.  aus
der  er  mich  dal.  ihn,  ci»  VMlach.eu  über  d»  Vorgänge  in  diese.
Versammlung  „ach  ...einem  bene»  Wiiicn  abzugeben.  Ich  schrieb
ihm  daraus,  das.  »ach  meiner  Ansicht  einig«  Vorwürle  dort  gegen
ihn  erhoden  worden  &amp;gt;vä«n.  die  ich  sür  nichl  denürse»  hatten  td.inlc,
solche  seien  ober  sa  vo»  W!i!e  iogleich  zurückgewstje»  worden.  Dagegen ­
  tzi.ie  ich  e»  al»  peinlich  empinndc:.,  dab  Türk,  an!.»»  seine
vor  der  Versammlung  mir  gegenüber  geöubcc.e»  Ansich.cn  zu  vertreten. ­
  selbst  einen  Voriianddpostci,  angenommen  bade,  wa»  iv.nierbin
  eine»  Schein  e,weste,  al»  bal-e  ec  ei»  Doppelspiel  «trtcden.
Nunmehr  erhici.  ich  den  .......  abgrdruek.e»  Veils.  Da  dieser  VricI
ausdrüeNich  ausicr  an  ...ich  »och  a»  sech»  Mindere  geiich.c,  &amp;gt;oar  sdarun.cr
  noch  zwei  AuSschnbuiitgliedc,!.'  Io  hie»  ich  mich  sür  bc.rch.Igl,
ihn  al«.  einen  csienen  zu  betrachten.  Ta  der  Vries  außerdem  e,,.e
m.zwcideullg  klare  Angabe  darüber  mach,-,  dab  Türk  allerding»
sund  auch  jcf.t  al»  BoriwndSn.itglied  »ochs  den  ps'.ttischrn  S'andpi.nkl
  für  cn,scheidend  diel,  ...id  i»  seiner  Wahl  eine  .ütel'.nng  der
Ed«  der  sojialdenwkralischrn  Parlei'  g,ge,.über  den  .Uc.-.bhaogla.-.r''
sah.  Io  hiell  ich  ti  cli  «utsch-bmilglied  sür  meine  PIttch!.  den
.oisenen"  Vries  Bruno  Sille  zu  übergeben,  dami,  er  «egebenen
Faü«  «ine  Ti»I»ssion  in  einer  konchiuirieu  Sitzung  über  eine«  dera.lige»
  SiandpunII  anrege,  der  nach  meiner  Ansich!  ein  autzerordcnllich
  gesiih,licke,,  die  Tendenz  de«  Unlkmehm-nS  vbllig  veriindernder
  sei.  Türt  dal  mir  in  der  Folg«,  nachdem.Witte  sich
gelraenllich  aus  den  Brtei  bezogen,  den  Sorwnrs  der  Fndi»k«&amp;gt;ivn
gknunbl.  Ich  bade  ihn.  geancworle,,  dasc  ich  den  Brlej  sür  «inen,
.osicnen'  hatte  und  alio  den  «orwurj  jurutwiese.  Türt  bat  mit
nunmehr  wieder  geschrieben:  dab  er  «S  sogar  sür  ^rchau»  selbstversliindtich
  g-hatten  habe,  dab  ick  den  Blies  auch.Witte  zu  lesen
«geben  habe!  Die  Jndidkrelton  desirdr  nur  darin,  daß  ich  Witte
dai  Recht  einirDenuyung  de»  Brd  ges^'-t
diele  Spezialis.rung  al«  vdllig  werlh!^  zuinch  da  e«  '2^  "kiner
Ansichi  in  Cin«  zusammen,LI!,,  dag  Witte  de»  Bttes  und  be
nutzle  -  weder  lo.inle  ich  ihn  daran  hindern,  noch  auch  lag  &amp;gt;'°ch
meiner  «ussaffung  übe,haup:  ein  Grund  vor.  ein^daran  an-Inüpscndc,
  enlschicden  sehr  werlhvolte  und  &amp;gt;IL«nde  Grbrlecunz  M
einer  kombü.tnen  Sitzung  zu  unleidiüeten.  Ich  glaubte  n.chl  ander«.
°I»  dab  die  Slreilsraoc.  .ob  politisch  oder  nicht  poiMsch  .  in  der
nüchsten  kombtnirie»  Sitzung  ju  cincr  Resolution  sührcn  werdc.  die
Tür,'«  Auslassung  °t«  prinzipiell  satsch  sesisieUte.  Dab.  eh,  eS,»
einer  solchen  Eidrrernng  kam.  Türk  die  ganz«  Debatte  vor  cwc
Gei.eralocrian.mlung  überiührlc.  konnte  ich  nicht  wissen  —  dir  Folgen
falle  aus  ihn.  Türk  hat  inzwischen  vor  der  letz-.ea  koinbinirkcn
Sitzung  seinen  Boewurs  gegen  mich  dahü.  erweileri.  dab  der  Brief
überhaupt  nicht  au«  sachlich«.-,,  sondern  lediglich  au»  »persöniich  «&amp;gt;.
HLssigcn-  Gründe»  we.le.gigeben  sei.'  woraus  ich  gca-.»wvrlcl  habe,
dag  ich  diese  Beschuldigung  al«  '  eine  cittsch.cdcne  Unwahrdei!  dezeichnen
  und  dami.  werter«  Brrhandtunge  zwischen  ihm  und  mir
abbrechen  müsie.
Wttdclm  Bdtsche.
4.  Vrirf  &amp;gt;cs  «aisi,rrs  IsIi^S  Türt.
v-riin.  den  kV.  Juli  IST«.
.  In  der  crllen  Erregung  schrieb  ich  Ti,  einen  Bries,  in  ber  ich
Dich  b-t.Uidcr  dii-Tonn-rstag-Pc-IammIiing  ein  tlrthett  abzugeben:
Tu  hast  vorn  g«au:wortck.  ich  daule  Dir  u.ch  werde  setz.  Deinen

sch«ibc  ick  Dir  an«  zwei  Gründen:  I.  Um  Ar  zu  biiveiscii,  dab
Dein  Uriliril  rin  inlidicS  ist,  2.-  damit  ui.se«  Freunde  in  Friedrich«-bagen:
  Adele,  die  Bertel'»,  die  Hart'«,  Lkdkbour  einmal  von  anderen
Km-jonen'  ai«  Wilir  uud  seinen  F«undrn  Auslläru.^  über  gewisse
  Dinge  erhalten.  In  Folge  dessen  beginne-  ich  .»eine  Darlegungen
  mit  einer  Sri,»  seine»  Verhallen».  Du  schreib!,,  .die
Beschuldistintge»  —  die  Jn  übrigen«  Wille  selbst  Im  Aesentlichen
zurücta-wiesen  hat  —'  Da«  tsl  der  ersle  schwere  Frnlmm.  licber
Btzlschr!  Wille  bat  gornichl«  zniückgeniiesln.  Au!  ».eine  di«!!:
HeranSsordcruug.  zu  erklären,  ob  ich  noch  meine  Psilchl  al«  Au«.
schilsin.i^Ued  geidan.  niuble  er.  wenn  er  nicht  acrabe  d&amp;gt;«Il  lügen
.oull.c,  zugeben,  dab  die  Beschuldigung,  ich  tziliic  „ich!  meine  Pfiicht
gelda».  eine  salsche  &amp;gt;oar.  Sodann  erklärte  er.  dab  die  Behauptung,
ich  bätte  Berichte  au«  dem.Vonviirt«"  al«  Protokolle  abgeschrieben,
u.zzulo-ssrnd  ,o&amp;gt;.r  Diese  letztere-  veha»p»...g  war  Io  lächerlich  nnd
dumm,  dab  ed  seiner'  Erkläwng  gar  „ich!  bedun.c.  Woraus  e«  a,.-lam.
  roaien  die  Beschuldig»,.gen.  dab  ich  ISS  Mark  gesorder,  batte
und  dab  ich  bc,  ,„einen  LianidaNonc»  —  pro  Rächn,»lag  S  Mark
—  die  „Voiktzbühne'  geschrtzpsl  häric.  Diese  —  vor  Acbei.crst  vora
 nenschwerwiegende»  Beschuidigungen  ha,  er  nicht  zurückn.
  Ader  er  ha!  n.chr  grlha,:.  Jlla.  und  deutlich  ging  au*
den  Vc-twndl..»gcn  hervor,  das.  meine  «.«eg,rer  ms!  mciinr  »audi.
dalur  gcrcchnc.  halten  und  sich  voebcrci.c,  hatten.  Ich  werde  Dir
da»'später  genau  beivciicn.  Wille  stand  den  Verdandtmtewn  „ich,
sein  und  trotzdem  Hai  er  »ichi  verhinden.  da«  mich  seine  Freunde,
Wiidberaer  »nt.  die  Ordner,  in  den  Schmutz  zu  zi-dcu  gesucht,
der  Ihr'  Lebentzetcmrm  zu  sein  schcinv  .  Aber  uoch  mdür.  Witte
1  ikinei.Lübrebi  cus.Pllhtzcrzt«'..  V  hai.ciua  Fdhisdlt
in  der  Kohrnmvwug'  vemele»,  wie  ,,r  tetn  Einziger  hier.  iu  der
Persaminliing  besitzt-'  Die  Spitze  richtete  sich  »ar  gegen  mich.  Da«
sagte  Witte,  irotzd-m  er  »&amp;gt;»ble.  tob  ich  10  Fahre  lang  Ka!stier  sn
Gcichäste»  war.  gegen  die  die  .Volksbühne'  ritz  ttlipulanlsehe«
Unternehme»  ist.  da»  tagt  Witte,  trotz»«.:,  er  wubte.  dab  der  über,
aui  günstige  Drriraq  mil  dem  'Oiiendlbeeier  von  mir  herrührie.
Ader  noch  mehr.  Wille  ha:  i»  der  Versammlung  eine  moralU».-Versumpsuüg
  gezeigt,  vor  der  ich  erschreck«.  An  der  Genera!-versa,»nitmig
  pro  1691  hatte'v.  den  Antrag  gesiclki.  den  Vorstand
m&amp;gt;  dloe  z»  wählen,  e«  lag  ihn,  dan.al«  daran,  an  Stelle  Sartlebint«
  Bernhard  Kanipssmever  in  de»  Vorstand  zu  bringen.
Und  at«  die  Ber«ommlu::z  da«  Spiel  durchschaute  und  au«  «inem
Gerccknigleiirgesiidl  .doch  Haritedcn  wählt:  —  hätte  Will:  nichl  da«
t-tich:-pici  grsplcil.  so  wa«  Harllcben  enischiedc.,  durchgrsallea
—  da  lehnte  irr  nicht  ab  —  i  bewahre  -  er  behielt  trotz  Harl»
l  eheW-dt  den  Borsitz.  Donnerstag  richtete  .sich  hie  Spitze  gegen
mied,  und  .denn  er  mit  mir  »ich,  zustimmen  orb-i.-n  kann,  jo
mutz«  er  nqchirägtich  lagen:  .Rein,  meine  Heere»,  mit  Tür«  »arca
ich  „ich,  zuchmmen  arbeuen.  cuin«d«r.  er  oder  ich.'  Aber  er  hüre.e
sich  vor  der.-Attenialide.  &amp;lt;2t  muh  ihm  also  daran  liegen,  den  Borsitz
  zu  behalten.  ?toch  u.ehr.  Sein  Antrag,  de»  Vorstand  «a  ttlau
B .ouhlen.  erregt-.-  nach  den  Ersahrungen  im  Vorjahr  bestige»
ideispruch-  Fes"  schlägt  er  die  bclannlr  RcsoluN'on  vor.  .die  Bersammiung
  ts.  Mi,  den  küns.Icrischen  und  lechnischen  Leistungen  de»
verein«  einverstanden.'  Die  Resolution  ,»ar  eine  Pression,  dir  Brrsammiung
  zur  Wiederwahl  Wrldbrrger'«  z»  erzwingen,  «sin
andere»  Motiv  gab  c»  nicht.  Denn  wa«  sühne  Witte  an.-  er  rr-8
 h!«  die  RSubergejchichle  von  dem  Artikel  L.  B.'S.  Du.  Bdtsche.
itte  und  ich  kennen  doch  L.  B.  seil  «raumer  Zeit;  wenn  ein«
Fliege  von  einem  Baume  F.irdrichhagenst!  z»m  andre  flirzl.  Han»
ist  da»  sür'  dir  .VoUSbühn«'  jo  viel,  al»  wenn  L.  B.  für-ein
Blatt,  da«  unter  AuSschtub  der  Ocssenilichletl  erschein!,  einen  Artikel
schreibt,  in  dem  er  weiter  »ich!«  sagt,  aist  dab  viele  Mirglicder
tdst  eine  srlbnändige  Meinung  haben)  mit  den  Matznahmen  de«  Borstande»
  unzusricden  sind.  Dem  Witte  ist  dabei  da»  Berseheo  s'ih
pasfin,  nichl  zu  sagen,  dab  Hallleben  in  seiner  Entgegnung  brr-Opposition
  gegen  drn  Vorstand  die  Lsticidignna  politische  Simpe.'
..  &amp;gt;...  :  ■—  .  Eia«  nun  d&amp;gt;-  Rrsa'"

n  Sojü  ge:

Arsoiulion
j“.  ?' C  ^r°.?'  ^
erheben  sich  eine  Anzahl  Hände.  .Du  schrcibE  .trotz  der  allseitiger.
Anrrkrnnnng.  da«  «r  sWttdbcrger)  vollaus  sr.nr  Pflicht  al«  dkassi«:
ersüllt  habe.'  Du  Irrst,  wenn  Du  glaubst,  c»  herrschte  allseitige
Anerkennung:  gewib.  r»  erhob  sich  tr'.nc  Hand  gegen  ihn.  rin  Tbe.l
bei  Aerl-ma.lung  sür  ihn.  Daran»  kannst  Tu  ader  nur  die  groste
Wrwisiendailtgkcii  de:  unbcsangcnm  Arbeiter  erkennen.  Wer  ist  vc»:&amp;gt;
in  der  Lage?  die  Thäügkrit  Wilddrrger'»  zu  übersedentz  -  Rur  tie
Rrviso«»,  und  da»  wa«..  sei.«  Freunde  Wilhelm  Werner  und
Fnnt-Pötting.  Bride  sprachen  aber  lein  Won.  Ta»  siehst  Da
denn-gu«  dem  L'asicnderrch!'?  Labien.  Zahlen,  nicht»  attz  Zahlen!
Willst  Du  -'an«  der  Menge  der  Zahlen  elioa  -ersehen,  das,  Witp»
beiger  lüchiig  war?  Tic  (ktnibc.Inng  der  «„»gaben  mit  der  Ueberiragung
  in  die  ers«  u.w  dritte  Abtheilung  beweist  jedeofall»  ssrage
Bettelt!  «ine  grobe  Brrworrcnhrü.  E»  bieth,  also  der  Hymun»
Wille'«  aus  Äildbergrr.  Tie  Rede  wo.  ebenso  lächerlich  wie
lakllo«.  .Den»  ersten»  versteh!  Kille  nicht»  von  einer  stassensühning
und  zweüen»  ist  e»  lakiio».  wtt.n  de-,  »orsitzcnde  sstr  scinen  Sassi-.cr
spr-.cki.  Die  dritte.  und  Mette  Unchrt'.chkcii  Sitte'«  bestanden  in
zwei  Verletzungen-der  Statuten,  sür  bst  Wille  rechttick  dastbar  Ist.
E»  wird  der  «..trag  cingebrachr.  da»  Gehalt  aus  80  Mark  zu  belasse,--
  Der  Antrag  iuvolvirt  eine  Slaluienänderimg.  die  nur  von
einer  Awridrittein.aiori.äi  angenommen,  werden  kann.  -Der  Antrag'
wurde  ohne  Slatulenändernng'  angenommen.  Warum?  Weil  meaw
Gegner  kalkuiiittn:  Türk  i.I  ein  aru.cr  »eil.  kur  90  Mark  tan»

186.  Erste  Seite  des  Aufklärungs-Flugblattes  des  aus  Anabhängigen  bestehenden
Vorstandes  an  die  Mitglieder
        <pb n="393" />
        Charakter  trug,  als  das  der  „Freien  Volksbühne".  „Belehrt  durch  die  Entwicklung ­
  der  alten  „Freien  Volksbühne",  heißt  es  im  Ausruf  zu  dieser
Gründung,  „suchen  wir  unserem  Verein  eine  derartige  Verfassung  zu  geben,
daß  eine  Leitung  durch  künstlerische  und  technische  Sachverständige  für  die
Dauer  gewährleistet  wird."  Außer  von  den  schon  genannten  „Anabhängigen"
war  der  Aufruf  unterzeichnet  von  Wilhelm  Bölsche,  Ad.  von  Kanstein,
Maximilian  Karden,  Julius  Kart,  Otto  Erich  Kartleben,  Wilhelm
Kegeler,  Victor  Kolländer,  PaulKampffmeycr,  Gustav  Landauer,
Max  Marschalk,  Dr.  Fritz  Mauthner,  Leopold  Schönhoff,  Ernst
von  Wolzogen  und  anderen  namhaften  Schriftstellern  und  Künstlern.
Fast  die  ganze,  an  literarischen  Talenten  reiche  Friedrichshagener  Schriftstellerkolonie ­
  schlug  sich  auf  die  Seite  des  neuen  Vereins,  der  es  jedoch
trotzdem  lange  Jahre  zu  keiner  rechten  Blüte  bringen  konnte,  sondern  erst
in  neuerer  Zeit  eine  erhebliche  Mitgliederzahl  gewonnen,  zugleich  aber  auch
an  Farbe  verloren  hat.
Der  alte  Verein,  der  an  Stelle  Willes  Franz  Mehring  zum  Vorsitzenden ­
  wählte,  überwand  die  Krisis  so  schnell,  daß  man  sie  an  der  zahlenmäßigen ­
  Entwicklung  seines  Mitgliederbestandes  kaum  herausmerkte.  Er
hatte  für  den  Besuch  seiner  Aufführungen  sehr  bald  in  Abteilungen  eingeteilt ­
  werden  müssen,  die  nacheinander  die  ausgewählten  Stücke  zu  sehen
bekamen,  da  der  Zuschauerraum  keines  Theaters  groß  genug  war,  alle  Mitglieder ­
  an  einem  Abend  zu  fassen.  Jetzt  mußten  Jahr  für  Jahr  die  Abteilungen ­
  vermehrt  werden.  Sie  beliefen  sich  im  Jahre  1894  auf  sechs  von
je  1150  Mitgliedern,  und  schon  war  die  Bildung  der  siebenten  Abteilung
überschritten,  der  Verein  über  8000  Mitglieder  stark,  als  zur  Zeit  des
Systems  Köller  die  Polizei  im  April  1895  einen  neuen  Streich  gegen
ihn  führte.  Anter  Berufung  auf  eine  Verordnung  des  Polizeidirektors
Kinkeldey  aus  dem  Reaktionsjahr  1850  über  „öffentliche  Vergnügungen"
verlangte  das  Berliner  Polizeipräsidium  vom  Vorstand  der  „Freien  Volksbühne", ­
  daß  er  alle  Stücke,  die  der  Verein  aufzuführen  beabsichtigte,
14  Tage  vorher  bei  ihm  einreiche.  Das  heißt,  die  Theaterzensur,  die  jener
Akas  in  Widerspruch  mit  dem  Artikel  27  der  preußischen  Verfassung,  der
sie  auft-ob,  wieder  eingeführt  hatte,  sollte  auch  auf  die  Freien  Bühnen  ausgedehnt ­
  werden.  Dagegen  sich  energisch  aufzulehnen,  hielten  die  Leiter  der
„Freien  Volksbühne"  für  Pflicht  eines  vom  Geist  der  Arbeiterbewegung
erfüllten  Instituts.  Sie  legten  bei  den  Gerichten  Verwahnmg  ein,  und  da
die  Polizei  die  Macht  hatte,  vorläufig  die  Anterwerfung  unter  ihre  Verordnung ­
  zu  erzwingen,  wurden  die  Aufführungen  der  „Freien  Volksbühne"
in  der  Zwischenzeit  lieber  freiwillig  sistiert,  als  daß  man  dem  Verlangen
der  Polizei  um  Kaaresbreite  entgegenkam.  Demselben  Empfinden  folgend,
beschloß  der  Verein  „Freie  Volksbühne",  als  Anfang  März  1896  der
Entscheid  des  Oberverwaltungsgerichts  gegen  ihn  ausfiel,  sich  freiwillig  aufzulösen. ­
  Das  blühende  Anternehmcn,  das  in  so  vielen  Tausenden  von
Arbeitern  der  Rcichshauptstadt  Sinn  und  Verständnis  für  gute  dramatische
Kost  entwickelt  hatte,  verschwand  für  eine  Weile  von  der  Bildfläche.
Aber  nur  für  eine  Weile.  Der  Entscheid  des  Oberverwaltungsgerichts
hatte  erklärt,  die  „Freie  Volksbühne"  sei  so  „locker  organisiert",  daß  sie
bei  ihrer  großen  Mitgliederzahl  nicht  als  ein  „bestimmter  Kreis  innerlich
untereinander  verbundener  Personen"  betrachtet  werden  könne;  lediglich  ein
        <pb n="394" />
        397

Verein,  von  dem  dies  zutreffe,  könne  die  Aushebung  der  polizeilichen  Anordnung ­
  für  seine  Aufführungen  beanspruchen.  Damit  war  der  Weg  angezeigt, ­
  auf  dem  man  sich  die  Polizei  möglicherweise  doch  vom  Halse
halten  konnte,  zumal  der  Köllerkurs  sein  Ende  erreicht  hatte.  Änd  so  ward,
als  im  Laufe  des  Zahres  1897  das  Verlangen  nach  Wiederbelebung  der
„Volksbühne"  sich  immer  lebhafter  geltend  machte,  ein  neues  Statut  ausgearbeitet, ­
  das  den  Charakter  des  geschlossenen  Vereins  in  aller  Schärfe
zum  Ausdruck  brachte.  Der  Kerbst  1897  sah  die  „Freie  Volksbühne"
wieder  am  Leben  und  Wirken.  Nur  kurze  Zeit,  und  auch  der  alte  Mitgliederstand ­
  war  wieder  erreicht  und  bald  überschritten.  Ein  fast  ununterbrochenes ­
  Steigen  kennzeichnet  auch  die  Entwicklung  des  neuen  Vereins.
Ende  1905  war  seine  Mitgliederzahl  11000.
Prinzipiell  war  in  der  Verfassung  des  Vereins  nichts  geändert.  Ein
Vorstand  mit  einem  Ausschuß  zur  Seite  leiten  ihn,  die  Generalversammlung,
die  sie  wählt,  ist  auch  heute  die  entscheidende  Instanz.  Vorsitzender  des
Vereins  wurde  Conrad  Schmidt,  während  Mehring  in  den  Ausschuß
gewählt  wurde,  jedoch  infolge  eines  Konflikts  persönlicher  Natur  nach
Jahresfrist  aus  ihm  ausschied.  Im  Lest  44  des  14.  Jahrgangs  der
„Neuen  Zeit"  übte  er  an  der  neuen  Leitung  scharfe  Kritik,  auf  die  Conrad
Schmidt  im  Lest  48  des  gleichen  Jahrganges  geantwortet  hat.
Die  Kontroverse  drehte  sich  im  wesentlichen  darum,  inwiefern  die  „Freie
Volksbühne"  auch  demjenigen  Teil  ihres  alten  Programms  treu  geblieben
sei,  gemäß  dem  sie  bedeutenden  dramatischen  Schöpfungen  der  Gegenwart,
denen  sich  um  ihres  kritischeil  Inhalts  willen  die  öffentlich  subventionierten
und  die  der  Spekulation  dienenden  Theater  spröde  oder  absolut  ablehnend
gegenüberstellen,  eine  Stätte  darbieten  sollte.  Nun  gibt  es  aber  für  die
Trefflichkeit  eines  Bühnenwerks  keinen  unbedingt  objektiven  Maßstab,  jedes
Werturteil  schließt  subjektive  Momente  ein.  Die  geübteste  Einzelpersönlichkeit
ist  so  wenig  vor  Mißgriffen  geschützt,  wie  ein  Ausschuß  von  Personen
mit  ungleichmäßiger  Ausbildung.  Eine  Versuchsbühne  für  dramatische
Anfänger,  ein  Abladeplatz  für  mangelhafte  dramatische  Produkte,  bei  denen
die  Tendenz  die  Unvollkommenheiten  decken  soll,  sollte  die  „Freie  Volksbühne" ­
  nicht  sein,  sie  sollte  Gutes  bieten,  und  da  vieles  geschrieben  wird,
was  der  Grenze  des  Guten  nahekommt,  ohne  sie  zu  erreichen,  aber  nur
wenig,  was  sie  erreicht,  ist  es  nicht  lediglich  vom  Willen  und  Können  der
Leitung  abhängig,  wieviel  neues  sie  zur  Aufführung  bringt.  Indes  konnte
Schmidt  nachweisen,  daß  unter  der  neuen  Leitung  verhältnismäßig  mehr
neue  und  sozialkritische  Dramen  zur  Aufführung  gebracht  worden  waren,
als  in  gleicher  Zeitspanne  unter  der  früheren  Leitung.
Dem  Bestreben,  dem  neuen  Guten  die  Bahn  zu  brechen,  ist  die  „Freie
Volksbühne"  treu  geblieben,  die  Liste  besserer  Schöpfungen,  denen  sie  zuerst
den  Bühnenwcg  geöffnet  hat,  ist  eine  sehr  große.  Aber  in  der  Verwirklichung ­
  dieses  Strebens  wurden  ihr  viele  Schwierigkeiten  in  den  Weg
gelegt,  sowohl  von  den  Direktionen  der  bürgerlichen  Theater,  wie  von  den
Schriftstellern  selbst.  Von  den  ersteren  stoßen  sich  viele  daran,  Stücke  als
Neuheiten  zu  erwerben,  die  schon  auf  der  „Freien  Volksbühne"  gespielt
wurden,  und  von  den  letzteren  gehen  daher  diejenigen,  die  schon  einen  gewissen ­
  Namen  haben,  mit  ihren  Neuschöpfungen  an  der  „Freien  Volksbühne" ­
  vorbei.  Auf  die  Neuheitenjagd  kann  sich  diese  nicht  verlegen.
        <pb n="395" />
        398

Das  muß  man  berücksichtigen,  um  ihre  Leistungen  in  bezug  auf  theatralische ­
  Darbietungen  richtig  zu  würdigen.  Aber  mit  ihnen  erschöpft  sich
das  Wirken  der  „Freien  Volksbühne"  nicht.  Neben  den  Theatervorstellungen
veranstaltet  sie  Kunstabende,  die  der  Vorführung  von  Dichtwerken  anderer
Gattung,  Vorträgen  literargeschichtlichen  Charakters,  musikalischen  Aufführungen ­
  besserer  Gattung  dienen.  Auf  den  verschiedensten  Gebieten  der
Kunst  erschließt  sie  immer  weiteren  Kreisen  der  Arbeiterschaft  das  Verständnis
und  den  Genuß  der  besten  Schöpfungen.  Dabei  vermeidet  sie  geflissentlich
den  Abweg  ins  pedantisch  Lehrhafte.  Sie  ist  Schule  durch  das  Beispiel
und  nicht  durch  die  Predigt.  Sie  ist  geschaffen,  bessere  Erholung,  besseren
Genuß  zu  bieten,  als  er  dem  Volk  von  der  Spekulation  und  den  offiziellen
Erholungsanstalten  dargeboten  wird.  Sie  ist  freie  Volksbühne  auch  in
dem  Sinne,  daß  sie  die  Freiheit  der  Kunst  nicht  außer  Augen,  auch  dem
Lumor,  der  fröhlichen  Laune  ihr  Recht  läßt.  So  ist  sie  ihren  Mitgliedern
ans  Herz  gewachsen  und  sieht  deren  Kreis  sich  unausgesetzt  verstärken.  Mit
diesem  Programm  hat  sie  vorbildlich  für  andere  Orte  gewirkt  und  andere
Parteien  und  Körperschaften,  die  mit  ähnlichen  Schöpfungen  vorgingen,
genötigt,  ihrem  Beispiel  Rechnung  zu  tragen.  Sie  hat  vor  allem  den  Beweis ­
  geliefert,  daß  auch  das  Theater  demokratisch  aufgebaut  werden  kann,
ohne  an  Kunstwert  zu  verlieren  —  nein,  um  gerade  dadurch  an  Kunstwert
zu  gewinnen.  Denn  die  „Freie  Volksbühne"  steht  nach  dem  Arteil  aller
Sachkenner  in  bezug  auf  den  Kunstwert  ihrer  Aufführungen  und  Veranstaltungen ­
  hoch  über  dem  Durchschnitt  aller  von  Staat,  Gemeinden  oder
bürgerlichen  Vereinigungen  patronisierten  „Volkstheater".
3.  Andere  Schöpfungen.
Der  Arbeiter-Sängerbund.  Für  die  Pflege  der  Kunst  des  Gesanges ­
  besteht  in  Berlin  der  „Arbeiter-Sängerbund  Berlins  und
Amgegend",  dessen  Gründung  am  Vorabend  des  Ablaufs  des  Sozialistengesetzes, ­
  am  14.  September  1890,  beschlossen  wurde.  Einen  Monat  später
ward  der  Bund,  dem  sofort  49  Vereine  mit  zusammen  gegen  1200  Mitgliedern ­
  beitraten,  konstituiert.  Zehn  Jahre  später,  im  Oktober  1900,  umfaßte ­
  er  200  Vereine  mit  zusammen  gegen  4500  Mitgliedern,  und  am
Ende  unserer  Epoche,  im  Jahre  1905,  war  zwar  die  Zahl  der  Vereine  auf
194  gefallen,  die  Mitgliederzahl  aber  auf  rund  7000,  nämlich  5341  aktive
und  1659  passive  Mitglieder,  gestiegen.  Eine  Anzahl  kleinerer  Vereine
hatten  sich  zu  einem  großen  Verein  verbunden.  Ihrer  Zusammensetzung
nach  waren  191  Vereine  Männerchöre,  zwei  Vereine  gemischte  Chöre  und
ein  Verein  ein  Damenchor.  106  Vereine  hatten  ihren  Sitz  in  Berlin,
88  in  der  Amgegend.  Der  Bund  hat  sich  nach  Gründung  der  „Liedergemeinschaft" ­
  dieser  Verbindung  von  deutschen  Arbeiter-Sängervereinen,
angeschlossen,  die  es  sich  zur  Aufgabe  setzte,  wahrhaft  gute  Chorgesänge
freiheitlicher  Tendenz  für  Deutschlands  Arbeiter-Sängerschaft  herauszugeben,
und  sich  1908  als  „Deutscher  Arbeiter-Sängerbund"  konstituiert  hat.
Dies  der  äußere  Entwickelungsgang  des  Bundes.  In  bezug  auf  die
gesanglichen  Leistungen  der  ihm  angeschlossenen  Vereine  darf  man  sagen,
daß  sie  meist  ein  achtbares  Mittelgut  repräsentieren,  einige  Vereine  aber
eine  sehr  hohe  Stufe  künstlerischen  Vermögens  erreicht  haben  und  sowohl
        <pb n="396" />
        399

im  wuchtigen  Vortrag  von
anfeuernden  Freiheitsgesängen ­
  wie  in  der  Wiedergabe ­
  von  Kompositionen,
die  den  weicheren  Regungen
der  Menschenseele  Ausdruck ­
  geben  und  größeren
Wechsel  in  der  Abtönung
beanspruchen,  wahrhaftVorzügliches
  darbieten.  Der
Arbeiter-Sängerbund  Berlins ­
  hat  stets  dahin  gewirkt,
durch  die  Kunst  die  Tendenz
zu  heben,  statt  durch  die  Tendenz ­
  die  Ansprüche  der  Kunst
zu  ersetzen,  und  dieses  Bestreben ­
  ebenso  wie  seinekünstlerischenLeistungen
  sind  denn
auch  in  der  Fachkritik  gebührend ­
  anerkannt  worden.
Seine  Aufführungen  genießen ­
  einen  sehr  guten  Ruf,
die  im  Bund  vertretenen
Vereine  haben  viel  dazu
beigetragen,  das  künstlerische
Llrkeil  unter  ihren  Mitgliedern ­
  und  in  der  Arbeiterschaft ­
  zu  fördern,  und  ihnen
gebührt  das  Verdienst,  die
Feste  der  Berliner  Arbeiterschaft ­
  verschönt,  den  in  Berlin ­
  tagenden  Arbeiterkongressen ­
  bei  der  Eröffnung
durch  den  weihevollen  Vortrag ­
  von  passenden  Gesängen  die  Stimmung  erhöht  und  den  Trauergefühlen,
  mit  denen  Berlins  Arbeiterschaft  ihre  verdienten  Kämpfer  zu
Grabe  geleitete,  jenen  ergreifenden  Ausdruck  gegeben  zu  haben,  der  allein
der  mit  Äingebung  gepflegten  Gesangskunst  möglich  ist.  Mehr  als  5000
geschulte  Sänger  —  auch  darin  prägt  sich  die  Stärke  der  Arbeiterbewegung
Berlins  aus.
Die  Heimannsche  Bibliothek  und  Lesehalle.  —  Zwar  nicht  von  der
sozialdemokratischen  Arbeiterschaft  selbst,  aber  von  einem  ihrer  Mitkämpfer,
Lugo  Leimann,  ins  Leben  gerufen,  organisiert  und  unterhalten,  nimmt  die
öffentliche  Bibliothek  und  Lesehalle  Berlin  unter  den  Schöpfungen
der  Sozialdemokratie  Berlins  für  Bildung  einen  hohen  Rang  ein.  Sie  trägt
in  ihrer  Einrichtung  und  Führung  keinen  Parteicharakter,  sondern  steht  der
Berliner  Bevölkerung  ohne  Unterschied  von  Partei  und  Klasse  zur
unentgeltlichen  Benutzung  frei,  und  berücksichtigt  in  der  Auslegung  von
Zeitungen  und  Zeitschriften  alle  Parteien,  wenngleich  selbstverständlich  der

^um  piMarmome-Foykott.
In  der  am  28.  Februar  d.  I.  abgehaltenen  außerordentlichen
Generalversammlung  gelangte  nach  mehrstündiger  Debatte  mit  großer
Mehrheit  der  folgende  Beschluß  zur  Annahme:
„Tie  h-rungc  außerordentliche  Generalversammlung  der  Neuen
freien  Volksbühne  erklärt  .ans  Grund  des  ihr  bekannt  gegebenen  Tat.
lachenmaterialö  den  seit  16  Jahren  bestehende»  Boykott  der  Philharmonie ­
  für  sachlich  unbegründet  und.im  Jntcresse  der  Kunst,
bcflrebuiigcn  der  Arbeilerschasl  für  schädlich.  Sie  brdaucri  die
wiederholt  aus  Grund  irriger  Voraussetzungen  und  ohne
genügende  Prüfung  erfolgte  Ablehnung  dcü  Antrags  aus.  Aushebung ­
  dieses  Boykotts  und  erklärt  sich  mit  dein  bisherigen  Verhalten
von  Vorstand  und  Verwaltung  in  dieser  Angelegenheit  eint'er-Ferner
  wurde  gemäß  einem  Antrage  Dr.  Bruno  WilleS  beschlossen,
das  den  Abend  einleitende  Referat  des  ersten  Vorsitzenden  Dr.  Eilltnger
als  Flugblatt  drucken  zu  lassen  und  an  sämtliche  Berliner  Arbeilerorganisakionen
  zu  verteilen,  damit  die  Haltung  der  Neuen  freien  Volksbühne ­
  verstanden  werde.  Demgemäß  bringen  wir  im  folgenden  die
Ausführungen  des  Referenten  in  ihren  wesentlichen  Teilen  wvllgclreu
zum  Abdruck:
Zu  den  Sälen,  die  für  die  organisierte  Arbeucrjchast  Berlins  geiverrl
sind,  gehört  seit  hem  Jahre  1890  auch  die  Philharmonie  in  der  Brrnburgersträße.
Ter  Boykott  wurde  damals  verhängt,  weil  die  Direktion  der  Philharmonie  Den
Saal  nicht  zu  polilijchen  Versammlungen  hergab.  Ta  jedoch  angesehene  Führer
der  Arbeilerschasl,  wie  z.  B-  der  verstorbene  Abgeordnete  Licdtnechl.  ihrerseits
de»  Boykott  nicht  beachteten,  sondern  ruhig  auch  weiterhin  die  in  der  Philharmonie
stattfindenden  Konzerte  besuchten,  jo  cntichlaß  man  sich  nachträglich,  die  Philharmonie ­
  für  de»  Besuch  des  Einzelnen  frei  zu  geben,  ftir  Vereine
aber  nach  wie  vor  den  Boykott  ausrecht  zu  erhalten.
So  stände»  die  Dinge  sünjzehn  Jahre  lang,  bis  Ansang  lUttst.  Ui»  diese
Zeit  hatte  sich  unser  künstlerischer  Ausschuß  mit  den  Vorbereitungen  zu  einer
Frier  von  Schillers  !00.  TodeStag  z»  beichäfligcn  und  gelangte  zu  der  einhelligen ­
  Ansicht,  daß  wir.  um  die  Feier  ihres  großen  Gegenstandes  wiirdig  und
i»  ivahrhnst  künstlerischem  Stile  z»  gestalten,  durchaus  den  einzigen  genügend
große»  Ko  uzerl,'aal  gebrauchten,  den  Berlin  bis  zur  stunde  bei  itzt«  numlrch
eben  die  Philharmonie.  Ja,  loge  ausdrücklich  Konzert  saal:  denn  das  gerade
unterscheidet  die  Philharmonie  von  sämtliche»  anderen  großen  Säle»,  die  ,ich  ii»
Besitze  der  großen  Brauereien  usw.  bejinde»,  daß  sie  seil  25  Jahren  ansjchließlich  ein
K  u  »  st  i  »  st  i  l  u  i  ist  und  weder  ein  Massenlokal  für  Bicrvcrlilguiig,  noch  ein
Lokal  snr  Verjammlungszwecke.  Während  des  ganzen  Jahre-  dienen  die
liehen  Säle  der  Philharmonie,  der  große  Saal,  der  Obcrlichtiaal,  der  Beelhoveninol
  fast  ausschließlich  rein  künstlerijchen  Vcranstaltnngc»,  nur  wahrend  der
Üarucvalszci»  fiiiboi  -dort  auch  eine  tlieihe  größerer  Balljestlichkeitcn  iratt.  ES
war  also  von  vornherein  eine  durchaus  jchieje  u»d  jchabloiienhajle  Auslassung,
wenn  man  die  Philharmonie  j.  Zl.  mit  den  großen  VersamMungslokalcn  und
Braucreisälcri  in  eine  Kategorie  stellte  und  demgemäß  die  Sperre  über  sie
verhängte.
'Ans  diesen  Standpunkt,  nämlich,  daß  der  Boykott  der  Philharmonie  unbegründet» ­
  überflüssig  und  für  -Vereine,  wie  den  unserigen,  lediglich  ein  Hindernis
bei  der  Veranslaliinig  größerer  künstlerischer  Feiern  sei,  —  ans  diesen  Standpunkt ­
  stellte  sich  untere  Verwaltung,'  als  sie  vor  Jahresfrist  bei  der  Lokallomulission
  die  endliche  Aushebung  des  Boykotts  in  aller  Form  beantragte«
Welches  das  Schicksal  unsere-  Antrages  war,  ist  Ihnen  bekannt.  Er
wurde  abgelehnt  mit  der  Begründung,  daß  nach  Aushebung  dieses  Boykotts
„die  andere»  Saalbcsitzer  ihre  Unterschriften  zurückziehen  könnten  und  die  Be-187.

  Aufhebungsmitteilung  des  Boykotts
über  die  Philharmonie
        <pb n="397" />
        400

Arbeiterpresse  besondere  Aufmerksamkeit  zuteil  wird,  denn  die  große
Mehrzahl  der  Benutzer  des  Instituts  gehören  der  Arbeiterklasse  an.  Aber  auch
eine  nicht  geringe  Anzahl  von  Angehörigen  anderer  Gesellschaftsklassen  —
Beamte,  Kaufleute,  Lehrer,  Studierte  und  Studierende  —  zählen  zu  seinen
Benutzern;  sie  machen  zusammen  sogar  ein  Viertel  der  eingeschriebenen  Leser
aus.  And  es  ist  nicht  wenig,  was  die  am  25.  Oktober  1899  nach  mehrjähriger
Vorberatung  eröffnete  „Öffentliche  Bibliothek  und  Lesehalle"  darbietet.  Die
Bücherei  umfaßte  im  Jahre  1905  gegen  17  000  Bände  belehrender  und
schöner  Literatur,  von  denen  1455  Bände  als  Nachschlagebibliothek
aufgestellt  waren;  die  übrigen  wurden  an  Benutzer  ausgeliehen,  und  zwar
ohne  Pfand  oder  Bürgschaft.  Diese  Bekundung  von  Vertrauen  in  die
besseren  Eigenschaften  der  Leser  hat  sich  sehr  gut  bewährt,  es  kommt  äußerst
selten  vor,  daß  ein  ausgeliehenes  Buch  nicht  zurückgegeben  wird.  Den
Besuchern  der  Lesehalle  standen  529  Zeitungen  und  Zeitschriften  jeder  Art
und  Richtung,  darunter  fast  alle  größeren  deutschen  Zeitungen  von
Bedeutung,  zur  Verfügung.  Schon  im  Jahre  1900  wurde  die  „Öffentliche
Bibliothek  und  Lesehalle"  in  einer  Festschrift  der  städtischen  Behörden  über
Volksbibliotheken  als  das  größte  und  am  zweckmäßigsten  eingerichtete
Institut  dieser  Art,  das  Berlin  habe,  bezeichnet.  Seitdem  ist  sie  aber
noch  bedeutend  erweitert  und  vervollkommnet  worden.  Die  ursprünglich
für  sie  in  der  Alexandrinenstraße  26  eingerichtete  Lokalität  erwies  sich  nach
Ablauf  der  ersten  sechs  Jahre  schon  als  zu  klein,  um  den  Besuchern  der  Lesehalle ­
  in  den  Wintermonaten  genügend  Raum  zu  geben,  und  zur  Zeit  der
Abfassung  dieses  Buches  finden  wir  das  Institut  in  einem  schönen  Gartenhaus ­
  Adalbertstraße  41,  das  Äugo  Äeimann  auf  einem  von  ihm  für
diesen  Zweck  erworbenen  Grundstück  nach  wohlüberdachten  Plan  hat  erbauen
lassen  und  das  mit  größeren  Räumen  zugleich  bessere  Anordnung  und  Einteilung ­
  des  Ganzen  möglich  gemacht  hat.  Auch  unter  dem  ästhetischen
Gesichtspunkt  kann  diese  sozialdemokratische  Schöpfung  beanspruchen,  unter
den  Bibliotheken,  die  für  den  Gebrauch  von  Berlins  Arbeiterschaft  in
Betracht  kommen,  den  ersten  Platz  einzunehmen.
Die  Arbeiter-Radfahrer  und  -Turner.  Die  sich  als  Glied  der  großen
Arbeiterbewegung  fühlenden  Radfahrer  Berlins,  die  der  Sozialdemokratie
bei  Wahlen  und  für  anderes  propagandistisches  Werk  unschätzbare  Dienste
leisten,  gehörten  um  1905  in  ihrer  großen  Mehrheit  dem  ein  Jahr  vorher
insLeben  getretenenArbeiter-Radfahrerbund  „Freiheit"  an,  eine  Minderheit
dem  im  übrigen  Deutschland  dominierenden  größeren  Arbeiter-Radfahrerbund
  „Solidarität".  Es  sind  reine  Organisationsfragen,  die  zur  Trennung
führten,  beide  Verbände  huldigen  den  gleichen  sozialen  Anschauungen  und
verpönen  die  Auswüchse  des  Sports.  Die  sozialistisch  fühlenden  Arbeiter-Turner
  finden  wir  mit  wenigen  Ausnahmen  im  Turnverein  Fichte.  Von
einer  kleinen  Gruppe  sozialistisch  denkender  Turner  1890  ins  Leben  gerufen,
hat  es  dieser  Verein  mit  Überwindung  großer  Schwierigkeiten  durch  unermüdliche ­
  Arbeit  bis  auf  über  2500  Teilnehmer  im  Jahre  1905  gebracht,  nämlich
1285  Erwachsene,  679  Lehrlinge  und  533  Schüler.  Auch  er  verpönt  das
Sporttreiben  und  leistet  um  so  mehr  in  jener  Pflege  des  Körpers,  die  die  Seele
gesund  und  frisch  erhält.
        <pb n="398" />
        Berlin  XI!

’^'in  BoV^ V
Berlin  V.

'9o
BerlinVI.  .4

c 9il  Hirs c '
BerlinVU.

’f/-/  Le\' A '

Hannover-Linden

Berlin  XI.

Berlin  IX.

Die  erste  sozialdemokratische  Fraktion  des  preußischen  Landtages
        <pb n="399" />
        Sechzehntes  Kapitel.
Die  Entwicklung  der  sozialdemokratischen  Presse
Berlins.

emäß  dem  Beschluß  des  Lalleschen  Parteitages  erschien  das  Berliner
l\l  Volksblatt  vom  1.  Januar  1891  ab  mit  dem  Obertitel  „Vorwärts"
^  und  der  Bezeichnung  „Zentralorgan  der  sozialdemokratischen  Partei".
In  Übereinstimmung  mit  dieser  Bezeichnung  blieb  das  Blatt  der  Verwaltung
durch  die  Leitung  der  Gesamtpartei  unterstellt.  Der  Parteivorstand  hatte
die  Mitglieder  der  Redaktion  und  Expedition  anzustellen  und  gegebenenfalls
zu  entlassen.  Nur  hinsichtlich  der  Chefredaktion  des  „Vorwärts"  hatte  der
Kongreß  eine  Ausnahme  gemacht.  Zum  leitenden  Redakteur  bestimmte  er
selbst  Wilhelm  Liebknecht,  und  zwar  mit  dem  Zusah,  daß  dieser  mit  den
Mitgliedern  des  Parteivorstandes  gleiches  Recht  haben  solle.  Das  glaubte
man  dem  ältesten  und  bedeutendsten  der  in  Deutschland  lebenden  geistigen
Vorkämpfer  der  Partei  schuldig  zu  sein,  und  solange  Liebknecht  lebte,  ist
es  denn  auch  bei  dieser  Bestimmung  verblieben.
Schwieriger  war  es,  das  Verhältnis  des  „Vorwärts"  zu  den  Berliner
Genossen  zu  regeln.  Er  sollte  mit  der  Eigenschaft  als  Zentralorgan  der
Partei  auch  die  verbinden,  Organ  der  Berliner  Genossen  zu  sein.  Infolgedessen ­
  konnte  es  nicht  ausbleiben,  daß  in  den  Reihen  dieser  das  Verlangen
laut  wurde,  auf  das  Blatt,  für  das  man  warb  und  wirkte,  auch  unmittelbar
Einfluß  zu  erlangen.  Es  erhielt  1891  eine  erste  Genugtuung  durch  den
von  Bebel  formulierten  Beschluß  des  Erfurter  Parteitages,  wonach  dieser
sich  damit  einverstanden  erklärte,  daß
„die  Berliner  Genossen  eine  Kommission  von  9  Mitgliedern  wählen,
welche  in  Gemeinschaft  mit  dem  Parteivorstand  die  Kontrolle  des  lokalen
Teils  des  „Vorwärts"  zu  übernehmen  haben".
Für  eine  Reihe  von  Jahren  genügte  diese  Vollmacht  den  Wünschen
Berlins.  In  dem  Maße  aber,  als  die  Mitgliedschaften  wuchsen  und  das
Parteileben  sich  reicher  entfaltete,  stiegen  auch  die  Ansprüche  der  Berliner  Mitgliedschaften ­
  an  den  „Vorwärts",  und  es  machte  sich  das  Bedürfnis  geltend,
auf  die  Redaktion  seines  politischen  Teils  gleichfalls  Einfluß  zu  gewinnen.
Die  Besetzung  der  leitenden  Stellen  in  der  Redaktion  und  der  Verwaltung ­
  und  die  Bestimmung  ihrer  Gehälter,  alles  das  war  nach  Partei-Bernstein,
  Berliner  Geschichte.  III.  26
        <pb n="400" />
        402

recht  der  Verfügung  der  Berliner  Genossen  vorenthalten,  und  so  konnte
es  nicht  fehlen,  daß  gar  manche  Maßnahme,  die  sich  darauf  bezog,  in
Berlin  Mißstimmung  erregte.  Das  kam  wiederholt  auf  Parteitagen  zum
Ausdruck,  ohne  daß  jedoch  zunächst  am  Rechtsstand  etwas  geändert  wurde.
Als  aber  1897  auf  dem  Hamburger  Parteitag  das  Parteistatut  wiederhergestellt ­
  wurde,  das  nach  dem  Köllerstreich  vorübergehend  außer  Kraft
gesetzt  worden  war,  ward,  gemäß  einem  vom  Parteivorstand  mit  den  Berliner
Delegierten  vereinbarten  Antrag,  dem  §  17  des  Statuts,  der  vom  „Vorwärts"
handelt,  folgender  Satz  eingefügt:
„Zur  Kontrolle  der  prinzipiellen  und  taktischen  Äaltun  g  des  Zentralorgans, ­
  sowie  der  Verwaltung  desselben,  wählen  die  Parteigenossen
Berlins  und  der  Vororte  eine  Preßkommission,  welche  aus  höchstens
zwei  Mitgliedern  für  jeden  beteiligten  Neichstagswahlkreis  bestehen  darf.
Einwände  der  Preßkommission  sind  dem  Parteivorstande  zur  Erledigung
zu  unterbreiten.  Von  Anstellungen  und  Entlassungen  im  Personal  der
Redaktion  und  Expedition  ist  der  Preßkommission  vor  der  Entscheidung
Mitteilung  zu  machen  und  ihre  Einsicht  einzuholen."
Zwei  Jahre  später,  als  der  Parteitag  zu  Hannover  das  Parteistatut
abänderte,  erhielt  dieser  Paragraph,  nun  §  18,  eine  neue  Fassung,  die  das
Recht  der  Berliner  noch  erweitert.  Es  heißt  darin:  „Die  Preßkommission
entscheidet  in  Gemeinschaft  mit  dem  Parteivorstande  über  alle  Angelegenheiten ­
  des  Zentralorgans,  insbesondere  über  Anstellungen  und  Entlassungen
im  Personal  der  Redaktion  und  Expedition."  Danach  war  die  Preßkommission ­
  dem  Parteivorstand  in  bezug  auf  den  „Vorwärts"  in  jeder
Linsicht  als  gleichberechtigt  zur  Seite  gestellt,  was  noch  besonders  durch
einen  Schlußsatz  verdeutlicht  wird,  der  für  Meinungsverschiedenheiten
zwischen  Parteivorstand  und  Preßkommission  die  Heranziehung  der  Kontrollkommission ­
  mit  der  Bestimmung  vorschreibt,  daß  in  solchen  Fällen  jedes  der
drei  Organe  je  eine  Stimme  haben  solle.
Bei  dieser  Verteilung  der  Vollmachten  ist  es  alsdann  verblieben.
Der  Redaktionsstab  des  „Vorwärts"  erfuhr  im  Laufe  der  Zeit  manchen
Wechsel.  Wilhelm  Liebknecht,  der  bis  zu  seinem  im  August  1900
erfolgten  Tode  Chefredakteur  war,  brauchte  bald  einen  politischen  Redakteur
neben  sich,  der  imstande  war,  ihn  zu  vertreten,  wenn  Pflichten  der  Agitation
ihn  aus  Berlin  fortriefen.  Diese  Kraft  ward  in  Bruno  Schoenlank
gefunden,  der  aber  schon  im  Jahre  1894  Berlin  mit  Leipzig  vertauschte
und  die  Redaktion  der  „Leipziger  Volkszeitung"  übernahm.  An  seine
Stelle  trat  Adolph  Braun,  und  ein  Jahr  später  ward  in  Georg  Ledebour
ein  weiterer  politischer  Redakteur  gewonnen.  Als  letzterer  1897  wieder  austrat, ­
  ward  seine  Stelle  durch  Georg  Gradnauer  ersetzt,  und  als  die
preußische  Regierung  1899  Adolph  Braun  als  „lästigen  Ausländer"  auswies, ­
  ward  Kurt  Eisner  sein  Nachfolger.  Eisner  und  Gradnauer  wurden
nach  Wilhelm  Liebknechts  Tod  im  Jahre  1900  die  Redakteure  des  politischen
Lauptteils  des  „Vorwärts",  doch  war  dies  keine  eigentliche  Chefredaktion,
vielmehr  wurde  nun  die  Leitung  des  Blattes  kollegialisch  von  der  Gesamtheit ­
  der  Redakteure  geregelt.  Der  Stab  der  Redakteure  des  politischen
Teils  ward  damals  durch  Äeinrich  Ströbel  vermehrt,  und  Redaktionsmitglied ­
  für  Volkswirtschaftsfragen  ward  an  Stelle  Conrad  Schmidts,
der  mehrere  Jahre  dies  Gebiet  bearbeitet  hatte,  Leinrich  Cunow.
        <pb n="401" />
        188.  Amschlagbild  der  von  der  Buchhandlung  Vorwärts  herausgegebenen
Romanzeitschrist  „In  Freien  Stunden"  2«*

lulle  uno
für  das  arbeitende  Halb.

Inhalt:
SichehnlMdttldrkiuil-lMliljjg

Historischer  Roman

Victor  Hugo.

««»

Uiclor  Hugo,  (Biographie  1
Dies  nnL  Jenes.

Drst  1&amp;gt;  *  1896.  *  l.Iahrg.
preis:  10  Pfennig.

.Inhrg.  /"■
nig.  I

GrfchriiN  jeden  Sonnabend.
Dieriellahrspreis  M.  1,20.
        <pb n="402" />
        404

Eine  hervorragende  Stelle  nahm  bis  zum  Jahre  1899  Ignaz  Auer
in  der  Redaktion  des  „Vorwärts"  ein.  Er  trug  vor  allem  dafür  Sorge,
daß  den  Staatsanwälten  das  Prozessiereil  wider  den  „Vorwärts"  nicht  zu
leicht  wurde.  Eine  Aufgabe,  die  dadurch  notwendig  wurde,  daß  es  fast  immer
in  der  Redaktion  Mitglieder  gab,  die  mit  der  Praxis  von  Preußens
Staatsanwälten  und  Richtern  wenig  vertraut  und  daher  leicht  geneigt
waren,  sich  in  den  Fußangeln  irgendwelcher  Gesehesparagraphen  zu  verfangen. ­
  Es  ist  bekannt,  daß  zu  ihnen  auch  Wilhelm  Liebknecht  gehörte,
der  für  Rechtsformalitäten  nie  viel  Sinn  hatte,  und  es  war  viele  Jahre
Auers  Aufgabe,  ihm  hierin  ergänzend  zur  Seite  zu  stehen.
Aus  der  Reihe  der  Redakteure  des  „Vorwärts",  die  vorwiegend  oder
ausschließlich  für  andere  Rubriken  als  Leitartikel  und  Tagespolitik  tätig
waren,  seien  genannt  Emil  Dierl-Roland  (gest.  1899),  August  Enders,
August  Iacobey  (gest.  1899),  Paul  John,  Samuel  Kokosky  (gest.  1899),
Karl  Leid,  Lugo  Poetzsch,  Robert  Schmidt,  Wilhelm  Schröder  und
Leinrich  Wetzker.
Einige  der  hier  und  weiter  oben  genannten  Redakteure  sind  heute  an
anderen  Blättern  der  Partei  tätig  oder  wirken  in  anderer  Berufstätigkeit
für  die  sozialistische  Arbeiterbewegung.  Dagegen  haben  drei  Schriftsteller,
die  längere  Zeit  zum  Stab  des  „Vorwärts"  gehörten  und  dann  Stellung
in  den  Redaktionen  bürgerlicher  Blätter  nahmen,  nämlich  Reinh.  Cronheim,
  Max  Pfund  und  Leopold  Schön  ho  ff,  zugleich  mit  der  Tätigkeit
am  „Vorwärts"  auch  ihre  Beziehungen  zur  Partei  gelöst.
Sehr  groß  ist  die  Zahl  der  Gelegenheitsmitarbeiter  des  „Vorwärts."
Von  ihnen  ist  an  erster  Stelle  der  Altmeister  des  modernen  Sozialismus,
Friedrich  Engels  zu  nennen,  aus  dessen  Feder  der  „Vorwärts"  wiederholt ­
  Aufsätze  veröffentlichen  konnte.  Von  den  politischen  Führern  und
hervorragenden  Parlamentariern  der  Partei  haben,  neben  Auer  und  Liebknecht, ­
  insbesondere  August  Bebel  und  Paul  Singer,  dann  aber  auch
Richard  Fischer  und  Hermann  Molkenbuhr  dem  „Vorwärts"  Artikel
oder  sonstige  Beiträge  geliefert.  Gelegenheitsmitarbeiter  waren  ferner  Karl
Kautsky  und  Franz  Mehring,  und  in  den  Jahren  1901  bis  1903  war
ständiger  Mitarbeiter  des  „Vorwärts"  Eduard  Bernstein,  der  vorher  von
London  aus  dessen  englischer  Korrespondent  gewesen  und  von  Moritz  Beer
abgelöst  worden  war.  Klara  Zetkin,  Boris  Kritschewski  und  Otto  Pohl
waren  nacheinander  Pariser  Korrespondenten  des  „Vorwärts",  Victor
Adler,  Engelbert  Pernerstorfer  und  Fritz  Austerlitz  schrieben  ihm
Briefe  aus  Österreich,  Antonio  Labriola  und  später  Oda  Olberg  Briefe
aus  Italien,  Ljalmar  Branting  Briefe  aus  Schweden.
Die  Theaterkritik  des  „Vorwärts"  ward  längere  Zeit  hauptsächlich
von  dessen  Feuilletonredakteuren  besorgt,  später  ward  Conrad  Schmidt  sein
ständiger  dramaturgischer  Mitarbeiter.  In  §&amp;gt;.  Schmidtkunz  hat  er  einen
geschulten  Musikreferenten,  in  Ernst  Kreowski  und  E.  Schur  geübte
Kritiker  für  bildende  und  darstellende  Künste.  Johann  Nikolaus  Krauß
redigierte  lange  Jahre  sein  Feuilleton  und  den  Anterhaltungsteil.  Das
Sekretariat  der  Redaktion  führt  seit  dem  Jahre  1892  Fritz  Kunert.
Der  im  Oktober  1890  eingerichteten  Buchhandlung  des  „Vorwärts"  stand
bis  zum  Jahre  1902  Richard  Fischer  und  von  da  ab  Bernhard  Bruns
vor.  Die  Expedition  hatte  die  ganze  Zeit  über  in  Theodor  Glocke  ihren  Leiter.
        <pb n="403" />
        405

Im  Jahre  1902
beginnt  die  Herstellung ­
  des  „Vorwärts"
in  eigener  D  ruckerei.
  Schon  vorher
war  er  aus  den:
Verlag  von  Max
Badin  g  in  den  Verlag ­
  der  Partei  übergegangen, ­
  dagegen
war  es  noch  längere
Zeit  für  unzweckmäßig
gehalten  worden,  in
Berlin  größereMittel
der  Arbeiterschaft  in
einem  Druckerciunternehmen
  anzulegen  und
alle  Verantwortungen ­
  eines  solchen  von
Partei  wegenzuübernehmen. ­
  Nachdem
aber  die  politischen
Verhältnisse  sich  in
einer  Weise  entwickelt
hatten,  daß  die  für
jene  Auffassung  maßgebenden ­
  Bedenken
nicht  mehr  als  stichhaltig ­
  erachtet  werden ­
  konnten,  ward  im
Jahre  1901  von  den
hierfür  zuständigen  Instanzen  —  Parteivorstand,  Preßkommission,  Neunerkommission—
  Gründung  einer  eigenen  Druckerei  des  „Vorwärts"  beschlossen
und  ins  Werk  gesetzt.  Es  ward  im  Zeitungsviertel  Berlins,  in  der  Lindenstraße
  69,  ein  passendes  Grundstück  erworben  und  auf  ihm  ein  großes  Industriegebäude ­
  errichtet,  bestehend  aus  Vorderhaus  und  drei  großen,  durch
Seitenflügel  miteinander  verbundenen  Hinterhäusern,  die  zusammen  Räumlichkeiten ­
  aller  Art  für  Geschäftszwecke  darbieten.  Im  Spätsommer  1902
ward  dcrBau  fertig,  sodaß  imOktober1902  der  ganzeBetrieb  des  „Vorwärts":
Redaktion,  Expedition,  Druckerei,  Buchhandlung  dorthin  übersiedeln  konnten.
Die  Verlegung  in  die  erweiterten,  bequemeren  und  bequemer  zugänglichen
Räume  erwies  sich  als  unter  allen  Gesichtspunkten  vorteilhaft,  das  Geschäft
hat  sich  in  allen  seinen  Abteilungen  fortgesetzt  nur  zu  erweitern  gehabt.
Mit  bedeutend  größerer  Maschinerie,  als  die  der  Badingschen  Druckerei,
ward  die  neue  Druckerei  des  „Vorwärts"  eröffnet.  Zwei  doppelbreite  Dreidecker-Maschinen ­
  amerikanischen  Systems  vermochten  in  der  Stunde  20  bis
22  000  Exemplare  des  Blattes  bis  zur  Stärke  von  24  Seiten  fix  und  fertig
zu  liefern,  während  bis  dahin  die  größte  Leistung  11  000  Exemplare  im
Llmfang  von  16  Seiten  gewesen  war.  Schon  nach  vier  Jahren  ward  aber

Wider  die
Pfaffenherrschaft

KultUrbilder  aus  den  ReligloiiSkäinpfen
des  16.  und  17.  Jahrhunderts
Eniil  Noscnow
Reich  illustriert  mit  Bildern  und  Dokumenten  au«  der  Zeit

Heft  21
Lest  20  Pf.
Gcsamtprelt  IO  Mt.

Buchhandlung  Vorwärts
Berlin  SW.  68.  Lindenstraße  69
{ffrnfi  Tmjanö

189.  Umschlag  der  ersten  Publikation  in  den  von  der
Buchhandlung  Vorwärts  herausgegebenen  Kulturbildern
        <pb n="404" />
        406

eine  noch  leistungsfähigere  Maschine  bestellt:  eine  doppelbreite  Vierrollen-Rotationsmaschine,
  die  in  der  Stunde  bis  elftausend  64  Seiten  starke,  bis
zweiundzwanzigtausend  32  Seiten  starke  oder  bis  vierundvierzigtausend  16
Seiten  starke  Exemplare  liefert.  Es  war  die  stärkste  bisher  in  Deutschland
gebaute  Buchdruckmaschine,  aber  auch  mit  ihrer  Lilfe  konnten  die  steigenden
Ansprüche  an  die  Druckerei  nicht  bewältigt  werden,  so  daß  eine  weitere
32seitige  Rotationsmaschine  bestellt  wurde,  die  für  besseren  Werkdruck  ein
besonderes  Farbwerk  hat,  wie  denn  überhaupt  die  Maschinen  für  den
Akzidenz-  und  Werkdruck  des  Vorwärts-Anternehmens  unausgesetzt  durch
vervollkommnete  Exemplare  ergänzt  und  vermehrt  wurden.  In  ähnlicher
Weise  dehnten  sich  Stereotypie,  Buchbinderei  und  andere  Nebenbeiriebe.
Da  nun  außerdem  der  Parteivorstand  seine  Bureaus  in  das  Vorwärtsgebäude ­
  verlegte,  das  Parteiarchiv  der  deutschen  Sozialdemokratie  dort
untergebracht  wurde  und  auch  der  Zentralverband  der  sozialdemokratischen
Wahlvereine  Groß-Berlins  sowie  das  Parteisckretariat  für  die  Provinz
Brandenburg  daselbst  sich  einquartierten,  gab  es  bis  zur  Zeit  der  Fertigstellung ­
  dieses  Buches  dort  immer  wieder  neues  Limziehen.  Ursprünglich
an  Privatgeschäfte  vermietete  Räume  mußten  aufgekündigt,  für  die  juristische
Sprechstunde  des  „Vorwärts"  Zimmer  außerhalb  des  Gebäudes  gemietet
werden.  Alles  das  schildert  anschaulich  die  Jubiläumsnummer,  die  der
„Vorwärts"  am  31.  März  1909  zur  Feier  seines  25jährigen  Bestehens
als  Berliner  Volksblatt  herausgab.  In  der  kurzen  Zeit  seit  der  Gründung
der  Vorwärtsdruckerei  hatte  sich  deren  technisches  Personal  wie  folgt  vermehrt: ­
  Maschinenmeister  von  5  auf  24,  Maschinensetzer  von  4  auf  16,
Landsetzer  von  36  auf  88,  Stereotypeure  von  5  auf  11,  Buchbinder  und
Buchbindereiarbeiterinnen  von  14  auf  44,  Monteure  von  2  auf  3,  Lilfsarbeiter
  verschiedener  Art  von  22  auf  82,  insgesamt  von  88  auf  268  Personen.
Nur  zu  einem  Teil  ist  diese  Vermehrung  des  Personals  Folge  der
gesüegenen  Auflage  des  „Vorwärts"  und  der  Zunahme  seiner  Beilagen.
Sie  ist  auch  in  hohem  Grade  durch  die  außerordentliche  Vermehrung  der
Druckaufträge,  die  dem  Geschäft  zugehen,  und  die  steigenden  Auslagen  der
Verlagsartikel  der  Buchhandlung  Vorwärts  nötig  geworden.  Die  sozialdemokratische ­
  Arbeiterschaft  betrachtet  es  als  eine  Ehrensache,  ihre  Druckaufträge ­
  der  Vorwärts-Druckerei  zuzuwenden,  die  Schöpfung  und  Eigentum
ihrer  Partei  ist.  Arbeiterverbindungen  und  einzelne  Genoffen  haben  das
zur  Gründung  der  Druckerei  erforderliche  Kapital  von  einer  halben  Million
Mark  in  Form  von  Darlehen  vorgestreckt,  und  zu  den  Darlehnsgebern  gehörten ­
  auch  Arbeiter,  die  ihr  Erspartes  für  diesen  Zweck  herliehen.  Schneller
jedoch  als  man  es  damals  ahnen  mochte,  haben  alle  diese  Darlehen  zurückgezahlt ­
  werden  können  —  zurückgezahlt,  während  jene  großen  Neuanschaffungen ­
  gemacht  wurden!  Die  Vorwärts-Druckerei,  heute  eine  der  größten ­
  Druckereien  Deutschlands,  druckt  außer  dem  „Vorwärts"  einen  großen
Teil  der  Auflage  der  Unterhaltungsbeilage  „Neue  Welt",  deren  Verleger
das  Lamburger  Parteigeschäft  ist,  ferner  die  Änterhaltungsschrift  „In  Freien
Stunden",  viele  Gewerkschaftsblätter  und  in  Riesenauflagen  allerhand  Flugschriften ­
  und  Flugblätter  der  Partei.
Die  Entwickelung  im  Abonnentenstand  des  „Vorwärts"  war  keine
gleichmäßig  schnelle.  Beim  Erlöschen  des  Sozialistengesetzes  belief  sich  die
Auflage  auf  25  000,  hob  sich  dann  bis  zur  Mitte  der  neunziger  Jahre
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        flrbeitendejugend
Moira  Isschrift  für  die  Interessen  der  jugendlichen  Arkeiler  und  Arbeiterinnen.
Organ  ge;  verein;  der  Lehrlinge  und  jugendlichen  Arbeiter  Berlins  und  Umgegend.

Redaktion:  K.  Böttcher,
Uerlln  Ul.  so.  Unsbathmtr.  sb.  Oos  p&amp;lt;.

VcreinSmitglieder  erhalten  die  Zeitung  unentgeltlich.
Postabonnemciit  exkl.  Bestellgeld  nicrteljährl  25»  Psg.

Expedition:  I.  Wachsner,
Berlin  n.  S4.  umrancnstram  Nr.».«

Er.  9.

Festnummer  tSOS.

l.  Jahrgang.

der  Jungen

Otto  Krille
T

Mna  hat  die  Mutter  Not  gefüugt
Kn  ihrem  dürren  Leide.
Kus  clendsdunkler  Hütte  Schoß,
Mit  wunden  Füßen,  nackt  und  bloß.
Sind  wir  emporgestiegen.
Vor  uns  der  fonnentrunk'ne  Tag.
Nun  geht's  hinein  mit  Schwerterschlag
Zum  Sterben  oder  Siegen.
        <pb n="406" />
        408

schrittweise  bis  auf  50  000  und  blieb  bis  Ende  des  Jahrhunderts  im  wesentlichen ­
  auf  diesem  Stand.  Dann  seht  ein  etwas  lebhafteres  Steigen  ein,
das  zwar  durch  den  Geschästsdruck  der  Jahre  1900/01  etwas  verlangsamt,
aber  nicht  zum  Stillstand  gebracht  wird.  Schon  im  Laufe  des  Jahres  1902
geht  es  wieder  schneller  aufwärts,  bis  Mitte  1903  ist  der  Abonnentenstand
auf  78  500  gestiegen  und  Ende  1905  ist  das  erste  hunderttausend  nahezu
erreicht.  Mit  wenigen  und  obendrein  ganz  unbedeutenden  Abweichungen  hat
die  Ziffer  der  Abonnenten  des  „Vorwärts"  stets  die  Richtung  nach  aufwärts ­
  eingehalten.
Einen  etwas  anderen  Lauf  als  die  Linie  der  Auflage  des  „Vorwärts"
zeigt  die  Linie  seiner  Geschäftserträge.  Allerdings  ist  auch  ihre  Tendenz
ein  Aufsteigen  zu  immer  größerer  Höhe.  Aber  es  kommt  fünfmal  vor,
daß  die  Überschüsse  eines  Jahres  geringer  sind  als  die  des  Vorjahres,  und
der  Ausstieg  als  Ganzes  ist  erheblich  geringer.  Während  die  Auflage  sich
von  1890/91  bis  1905  vervierfacht  hat,  ist  der  Überschuß  für  dieses  letztere
Jahr  nur  wenig  höher  als  das  Doppelte  des  Überschusses  von  1890/91,
nämlich  84  528  Mark  gegen  38  909  Mark.  Der  Ertrag  des  Blattes  hängt
eben  nicht  lediglich  von  der  Auflage  ab,  sondern  wird  durch  Amstände  mitbestimmt, ­
  die  von  der  Verbreitung  des  Blattes  unabhängig  sind,  wie
Wechselfälle  in  der  Verwendung  des  Inseratenteils,  Änderungen  im  Verhältnis ­
  von  Herstellungskosten  und  Abonnementspreis  und  ähnliches  mehr.
So  sehen  wir  den  Abschluß  für  1905/06  um  nahezu  36  000  Mark  oder
um  70  Prozent  besser  sich  stellen,  als  der  für  1904/05,  obwohl  der  Zuwachs ­
  an  Abonnenten  auf  nur  etwas  über  11  Prozent  sich  belief.  Berücksichtigt ­
  man  ferner,  daß  der  Betrieb  des  „Vorwärts"  nicht  unter  dem  Gesichtspunkte ­
  der  Plusmacherei  geleitet,  sondern  als  Eigentum  der  Arbeiterschaft ­
  nach  dem  Grundsatz  „keine  Privilegien,  aber  anständige  Löhne"  verwaltet ­
  wird,  so  wird  man  es  um  so  mehr  zu  würdigen  wissen,  daß  das
Blatt  im  Laufe  der  15  Jahre  nahezu  neunmalhunderttausend  Mark  für  die
allgemeinen  Zwecke  der  Arbeiterbewegung  abgeworfen  hat,  in  genauer ­
  Zahl  887  532  Mark.
Dazu  kommen  dann  noch  die  Erträge  der  Buchhandlung  Vorwärts.
Auch  sie  entwickelte  sich  unregelmäßig,  denn  auf  Amsatz  und  Überschuß  eines
buchhändlerischen  Anternehmens  und  ihr  Verhältnis  zueinander  wirken  fast
noch  mehr  äußere  Amstände  ein,  wie  auf  den  einer  Parteizeitung.  Von
rund  66000  Mk.  im  Wert  hebt  sich  der  Jahresumsatz  der  Buchhandlung
in  erst  langsamer,  zuletzt  aber  rascher  Steigung  auf  487000  Mk.  im  Geschäftsjahr ­
  1904/05,  die  Gesamtsumme  des  Amsatzes  der  fünfzehn  Jahre
ist  2855000  Mk.  Der  Reingewinn  der  ersten  beiden  Jahre  wird  zur
Fundierung  des  Geschäfts  zurückbehalten,  vom  Jahre  1893  ab  aber  kann
die  Buchhandlung  Vorwärts  Überschüsse  an  die  Parteikasse  abführen,  die
sich  bis  Ende  unserer  Epoche  auf  191000  Mk.  belaufen.  Blatt  und  Buchhandlung ­
  zusammen  haben  somit  der  Bewegung  in  den  fünfzehn  Jahren
eine  Million  und  78000  Mk.  für  Agitation  und  Kampf  zugeführt.  Was
sie  inhaltlich  für  die  Aufklärung  und  Anfcuerung  geleistet  haben,  läßt  sich
in  Zahlen  nicht  abschätzen.  Das  Löchste  an  agitatorischer  Arbeit  des
„Vorwärts"  wurde  im  Reichstagswahlkampf  des  Jahres  1903  geleistet.
Die  Nummern,  die  der  Wahl  vom  16.  Juni  1903  vorausgingen,  konnten
an  agitatorischer  Kraft  kaum  überboten  werden.
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        Fünfundzwanzig  Jahre.

S li»  Virttiljahehundert  »oller  Kampf  und  Sorg»,  oVcr  ec-n  Genugtuung
und  Erfolg  begleitet.  ist  verflossen,  feit  da«  „Berliner  AoUSblall",
der  Vorläufer  de«  .Vonvätts",  sein«  Laufbahn  begann.  Dir  ersten
5'ij  Jahre  der  Sch  andgi  sehe«  warn,  vorüber;  wcbrr  polizeilich«  Schilone
noch  richterliche  Grousanikclt,  weder  die  durch  die  PoIijtitli-.VJff  BiSinarck«  und
‘patlfamnl  verüble  Dorjagang  von  Lao«  und  Lvf.  noch  die  Blulurieilr  der
da«  AuLnahmegese»  gegen  die  Sozialdemokrat!«  handhabenden  Justiz  halten  verhindern ­
  können,  daß  di«'  Arbeiter  Berlin«  kioy  de«  Mangel«  öffentlicher  Organisationen
  weiter  agitierten.  sich  in  lleinerrn  Kreisen  zosanimensaiiden.  Verbindungen
zioischen  den  genossen  J.crpcCtfn  und  durch  TScrl  und  c*[ifi  de»  Kamps  gegen
die  kapitalistische  Gesellschaft  sowie  deren  Werkzeuge.  Polizei  und  Regl-rung.
eifrig  fortsetzte».  In  dem  in  Zürich  erscheinenden  „Sozialdemokrat''  war  da»
Organ  geschossen  wordc».  da«  auch  die  Berliner  Parteigenossen  über  die  Vorgange
  in  der  sozialistischen  Well  und  vor  allem  in  der  soziaidemoiratischen  Partei
Deutschland«  aus  dem  Lausenden  erhielt.  Die  Beziehungen  zum  „Sozialdemokrat"
waren  gcrcgelt,  seiur  Verbi,ilung  gesichert-,  do.v  übrige  wurde  durch  Broschüren
und  Fliigblätur  besorgt,  in  deren  prompter  uud  sicht!«  Veibrrilung  die  Berliner
Parleigenosseti  in  erster  Reihe  räiiz  waren.
So  wurde  der  tägliche  Kieinlrieg  geräuschldo  unter  der  Oberfläche  mit
zäher  Energie,  oiibeuglainer  Er.tschlvsscnhril  und  großem  Des,fmk  betrieben;  eit'.
Kamps,  dlffen  Organisation  so  prompt  knnNionierte.  das)  die  politische  Polizei
trotz  Massenaufgebot«  von  .Nichlginkiem,»".  wie  der  Minister  Pultkamer
sei»,  Spitzel  und  Provokateur»  bezeichnet»,  der  Versolgtea  nicht  Lere  werde»  tonnte.
Freülch  an  Odfem  ha«  t»  nicht  gefehlt;  di«  Teilnehmer  an  Zusomiuenlünsten,
dir  Verbreiter  de«  „Sozialdemokrat",  die  Vetteiler  ron  Broschüren  und  tzlugblältern
  mußten  sehr  häusig  ihr»  mutig,,  opserbrrcite  Arbeit  mit  Gesikngnisstrullii
und  mit  Ausweisung  au«  Berlin  bezahlen.
Aber  leine  Gefahren,  weder  Gefangn!«  noch  Verbannung  vermochten  Kraft
und  Mut  der  Genossen  zu  drechett;  für  jeden  aueschetdenden  Kämpfer  traten
neu«  Streiter  «In;  jede  Lücke  wurde  sofort  auegesülll;  ein  förmlicher  Weeislreit
»nlspon»  sich  um  die  gefahrvollsten  Posten.  Jeder  wollt«  in  der  ersten  Reihe  fechten.
Bismarck  Halle  einsehen  müssen,  daß  seine  Spekulation  mit  dem  Ausnahmegesetz ­
  gänzlich  verfehlt  und  »rsolglo«  blieb.  Eüeber  lvar  e«  gelungen,  durch  di«
Brutalität  de«  Ausnahmegesetzes  die  Arbriicrklassr  zu  gewaltsamen  Angriffen
gegen  dl«  Slaatsgttvall  zu  veranlassen,  woraus  di»  Machthaber  wohl  gerechnet
hallen,  um  die  Arbeiterbewegung  dann  in  einem  Bluidadc  ersticie»  zu  könne»,
noch  hatt«  man  e«  fettig  belommen,  di«  verhaßtc  Sozialdeinolralie  lahm  zu  logen,
geschweige  denn  zu  rernichlen.  Wo«  nicht  öffentlich  an  Agitation,  Verbreitung
von  Literatur  und  Versammlungen  geschehen  lounte,  wurde  auf  anderem  Wrge
geleistet,  wobei  di«  Sozialdemviralit  stetig  Anhänger  gewann  und  sich,  nainentlich
auch  in  Berlin,  in  immer  stärkerem  Mäh»  entwickelte.
In  dieser  Situation  verfielen  Bismarck  und  seine  Trabanten,  die  zur  Zeit  in
Berlin  »inen  heftigen  Kamps  gegen  di«  Fortschrittspartei  und  die  Berliner
Kommunalvcrwoltung  fühlten  (die  Biemarck,  wie  er  meint»,  «in»  zu  hohe  Mietosteuer
auferlegt  hotte),  aus  die  glorios»  Idee,  di«  Sozialdemokratie  könne  durch  ein«
mildere  Londhadung  de«  Sozialistenaeseyr«  von  der  Propagierung  ihrer  Grund,
sähe,  von  der  zielbewußten  Agitation  gegen  die  bestehend«  Gesellschaftsordnung
abgebracht  werden  und  sich  a!«  Vorspann  gegen  die  bürgerlichen  Gegner  der
Birmanischen  Revision  mißbrauchen  lassen.
Im  Verfolg  dieser  «bsuiden.  durch  keinerlei  Landlung  der  Sozialdemokratie
gerechlfettiglrn  Annahm«  legt«  die  Regierung  der  Neugründung  von  ArbesterbezirkSverclnen,
  deren  Errichtung  zur  noch  besseren  Zusammrilsaffung  der  Genosse»
und  zum  Betriebe  der  Gemeinde-  und  ReichStagSwahlen  notwendig  wurde  —
di«  anderweit»  Organisation  blieb  natürlich  vollkommen  iutakt  —  keine  Linderniss«
in  den  Weg.  Vielleicht  glaubte  man  bei  der  Polizei  dadurch  besser  hinter  selche
Absichten  zu  kämmen,  die  in  Rücksicht  ans  da«  Sozialistkngrskh  nicht  öffenkiich  in
den  Arbeitervereinen  verhandelt  wcrden  konnten.
Gleichzeitig  wurde  vcn  bre  Regierung  d&amp;lt;r  Versuch  gemacht,  durch  Begründung ­
  einer  Zeitung  I»  Berlin,  di,  den  fchöuen  Romen  .Volk«freund"
erhielt,  posizeilich  abgestempelt,  Arbeiicrfrrundlichleit  zu  verzapfen.  Die  Redakteure
und  Mitarbeiter  wurden  au«  der  Pclizeilrixpc  gespeist,  eine  Agitation  für  die
Vkrbreitiiog  be«  Blatte«  in  Arbciterlreisetl  in  Szene  gesetzt  und  oCt«  aufgeboten,
um  durch  dt»  polizeiliche»  .Vo!!«ftcund"  der  Sozialdemokrali«  da«  Wasser
abzugraben.
Im  der  drohenden  Gefahr,  das,  Venvinvng  i»  Len  eigenen  Reihen  hervorgerufen
  tverde.  vorzubeugen,  riilschlosscn  sich  die  Berliner  Genossen,  trotz  der  Taclei,
und  Gesahrrn  dr«  Sozialistengesetze«  »in  täglich  erscheinende«  Blatt  für  Berlin

Mit  diesem  Entschluß  beginn!  di«  Geschichte  de«  „Berliner  Voli«blali°",
da«  später  ln  den  „VvnvLtt«"  ausging.  Von  den  jährlich!,itcn,  di«  damol«
einem  der  Verbreitung  sozialdemokraiischer  Grundsätze  und  Forderungen  gewidmelen
Arbesterblatt  drohten.  Ion»  man  sich  heule  lauin  noch  einen  Begriff  machen.
Tag  und  Nacht  auf  dem  Posten,  siel«  in  Sorge  um  die  Weiterer  istenz  de«  Blatte«,
in  politischer  und  strafrechtlicher  Beziehung  nebo»  der  vor  »ein*  Gewalttat  jurflesschchucr-den
  Regierung  einer  der  Reaktion  willfährigen  Justiz  gigenübecsichrud.

galt  es.  dir  Klippen  de«  Sozialistengesetz,«  klug  zu  vmlchisscu,  bad»!  aber  mutig
und  enksehlosskn  die  sozialdemokratischen  Idee»  „nd  die  Ardeitersocdeeungc»  zu
vrrkrelcn,  uw,  Lerzen  und  Kopse  de«  Proletarier  in  drm  Kämpf  gegen  Auabrulung
  und  llnle:drückimg  zu  stählen.  Diese  n»!«e  den  damaligen  Verhältnissen
doppelt  schwierig«  Ausgabe  —  stet«  umlaneet  von  den  Verbotzbestivin-ungen  de«
Sozialistengesetze«,  ganz  abgesehen  von  den  persönlichen  Gefabro,  für  alle  Velelligicn
  —  hat  da«  „Berliner  Dollkdlatl"  Iren,  kakirüslig  und  erfolgreich  geleistet.
Anerkennung  und  Dank  hierfür  har  e«  erhalten.  aU  die  Partei  im  Jahre  &amp;gt;890
brschlosi,  daß  et  seinen  mit  Ehren  getragenen  Nomen  im  Titel  Le«  Zentralorgan«
writcrlühren  soll».
Lire  mögen  einige  biographische  Natizeu  über  da«  „Berlmci  Volttblatl'
Platz  finden.  Lcrgestell!  wurde  da«  untcr  den,  Sozialistengesetz  erscheinend«
Organ  in  der  Druckerei  der  Genossen  Babing  »nid  Banchergcr,  di«  in  hingeblnig«-vollem
  Eifer  die  Inlcieffcn  de«  Blaitc«  al«  Verleger  vcnratcn.  Die  erste  Expedjiion
befand  sich  in  einem  kleinen  unzulänglichen  Laden.  (iin  daran  grenzende«
Ziuimerchi»  beberbei-gr«  dir  Redaliion.  Bo»  den  ersten  Redalteuren  zitieren  wir
au«  de:»  Gedächtnis  eni!ge  Genossen,  deren  Namen  eine»  guten  Klang  in  der
Partei  hadr»,  so  jum  Beispiel  Lasenclever,  Blv«.  Rüdiger  (der  spater  Infolge
seiner  Tätigkeit  ausgewiesen  wurde),  Baake  und  Tutzaver.  Di:  Expedition  wurde
zuerst  von  dem  Genosse»  Ewald  (ebenso!!«  später  ausgewiesen),  spätre  von  dr»
Grnossc»  Liesiändcr  und  Glocke  geleit»!.  Der  erst«  Berichterstatter  war,  soweit
ich  mich  erinnere,  der  an«  Lossassc«  Icitc»  bclanntc  Gerwsse  v.  Lofstettc».  Lauptmitarbeiier
  ivarcn  unsere  unvergeßlichen  Vorlänipser  Auer  und  Liebknecht.  In
dankbarer  Etiimcning  niuh  hcrvorgehobtti  Ivcrdcn,  daß  eine  große^ltizahl
Genossen  da»  Blatt  durch  Arbeiten  verschiedcnslcr  Art  nnlersiüht  und  ihm
dadurch  s,tne  Aufgabt,  im  Dienste  der  Sozialdemokratie  ZU  wirken.  erleichtert
haben.
Dl«  Berbrriinng  de«  .Berliner  Volksblalis"  mögen  einige  Zahlen  illuslrlrren.
Es  sing  mit  einer  Auslage  von  2000  Exemplaren  an.  Anfang  1885  war  sie  auf
«000  Exemplaren  gestiegen;  im  Jahre  1638  erhöht«'  sich  die  Äbonneiitenjiffer  auf
II  000,  uns  nach  den  RcichSIagSwahlci,  de«  Jahres  1890  konnt»  das  Blatt  In
einer  Auflag«  von  25  000  Exemplaren  erscheinen.  Die  Zeit,  In  der  da«  „Berliner
VoUoblall"  al«  selbständige«  Organ  der  Berliner  Parlclgcnossc»  d,m  lämpsendcn
Prolrlariat  seine  Dienste  grlcistcl  hat,  ist  »ich»  gar  lang  —  und  doch  werde»
diese  sechs  Jahr«  in  der  Geschichte  der  Berliner  Sozialdemakravr  unvergessen
bleiben,  hinter  den  schwierigsten  Verhälttiisse»  hat  e»  unermüdlich,  unter
Anspannung  aller  Kräsle.  de»  Kampf  gegen  die  Biomarcksihe  Reaktion
grfühtt.
Dank  der  durch  die  Tcilnahr.ie  der  Genossen  stark  unterstützten  ttnsigen
Arbeit  de«  Berliner  Parteiorgan«  und  vor  ollem  durch  die  in  imnicr  höherem
Maß«  betriebene  Agitation  und  Propagierung  der  Parlciziele  wurde  in
i«„en  Jahren  eine  geistige  Vettiksung  der  Parteigenoß«!,  erreicht,  die.  durch
fleißige«  Studium  der  Pattcililcraiur  gesellig»,  sich  auch  bald  änsicrsich  in  sehr
erfieulichein  Uinsange  erwies,  indrm  die  Jahre  lv8i.  1887  und  1890  uns  einen
sehr  erheblichen  Elimmcnzuwach»  bei  bei«  ReichologSwohlen  brachten.  Außerdem ­
  wurde  die  Periode  der  tommunalc»  Tätigkeit  in  Berlin  »ingelelt««  und
in  fortschreitender  Entwickelung  gesördeit.  Nachdem  die  Verhandlungen  de«
Reichstag»«  Jahr  für  Jahr  Grlrgrnheil  gibolrn  hatten,  die  Londhadung
dt«  Sozialistengesetze«  z»  brandinarlcn,  und  die  von  der  Regierung  In,
In-  und  Auslande,  nauientlich  von  Berlin  au«,  betriebene  Epitzelwirtschast
da«  Reich  ans«  Aergste  bloßgestelle  halte,  während  zugleich  die  völlige  Ersolglosiglei«
  de«  Sozialistengesetzes  offcnlundig  zutage  getreten  war,  fand  sich  —
da  Bi-iniarck.  zu  jener  Zeit  in  Konstil,  mit  dem  jungen  Kaiser,  der  sich  In  bezug
auf  da«  zu  Ende  gehende  Ausnahmegesetz  voUlommen  passiv  verhielt  —  in,  Jahre
18S9  im  RrichSlag«  lrine  Nlajorität  mrhr  für  die  Aerlängermig  dr«  Autnahmrgesetze^^
  brutal«  Machwerk  junkerlicher  Reaktion  wurde  saug-  und  klanglos
verscharr«,  während  die  Sozialdeinolralie  trotz  dc«  Ausnab-ncgesetze«  innkrlich
gofestlgl  und  nach  außen  machtvoll  crslarlt,  stolzen  Mute«  den,  Urheber  de«  Echandgesetzt«
  gegenüberzottclen  vennocht«.  Das  Regimml  Bismarcks  war  zu  Ende.
Mi,  dem  Fall  de«  SozIaliiiengrseheL  brach  auch  die  polittsche  Macht  BiSmarch«
schmählich  zusamincn.
Am  l.  Olloder  1890  trat  da«  Sozialistengesetz
Inzwlschcn  waren  all«  Vorbereitungen  getroffen  worden,  um  die  Partei
uamiltelbor  nach  Erlöschen  de«  Sozialistengesetze«  wieder  in  öffentsiche  Aktion
tret«»  zn  lasse».  Der  Entwurf  »in»«  neuen,  den  veränderten  Verhältnissen
angepaßten  Otgamsalionsstatul«  ivar  vou  der  Rcicholagssraltio»  ausgearbeitet
worden,  um  als  Grundlage  für  die  a»f  dr»,  Parteitage  vorzuuehmeude  Beratung ­
  zu.  diene».  In  stiller,  aber  doppelt  emsiger  Arbeit  wurden  die  Aufgaben
erwogen,  die  der  Partei  harrten,  und  der  Weg  für  den  siegreichen'Vormarsch
dc«  kampfbereiten  sozlaldemolrailschen  Proletariats  geebnet.
Am  30.  September  war  die  Geltung  und  Wirtsainkeit  der  von  der  Sozialdemokl-ari«
  niedergernngencn  schmachrollen  Gewallmaßregeln  beendet,  und  schon
nach  womg.-n  Wochen,  am  12.—18.  Oltabcr,  tagt«  i»  Lall»  o.  S.  ein  von  der

191.  Titelseite  der  Gedenknummer  des  „Vorwärts"  zum  Tage  seines
25  jährigen  Erscheinens
        <pb n="408" />
        410

192.  Amschlagzeichnung
einer  vom  Verlag  der  Buchhandlung ­
  Vorwärts  herausgegebenen ­
  Gedichtsammlung

Die  Kehrseite  des  Bildes  liefert  die  Geschichte ­
  der  Strafverfolgungen  des  „Vorwärts". ­
  In  dessen  oben  erwähnter  Jubiläumsnummer ­
  gibt  Paul  Singer  die  Gesamtsumme
der  Strafen,  welche  während  der  fünfundzwanzig
Jahre  von  1884  bis  1909  über  Redakteure
des  „Vorwärts"  verhängt  wurden,  auf  rund
10800  Mk.Geldstrafen,  lOIahre  18^  Wochen
Gefängnis,  sieben  Wochen  Gefängnishaft  und
drei  Monate  Festungshaft  an.  Weit  mehr  als  der
entsprechende  Prozentsatz  kommen  davon  auf
unsere  fünfzehn  Jahre.  Linker  dem  Sozialistengesetz ­
  war  man  mit  gerichtlichen  Verfolgungen
der  Presse,  die  man  unter  dem  Lcnkerbeil  wußte,
nicht  gar  zu  schnell  bei  der  Land  gewesen,
und  nach  dem  Jahre  1905  sind  ihrer  auch  verhältnismäßig ­
  wenig.  Aber  zwischen  1891  und
1905  regnete  es  zeitweilig  Anklagen.  So  namentlich ­
  während  des  „Köller-Coups".  In  diese  Zeit
fällt  auch  der  Versuch,  neben  dem  verantwortlichen ­
  Redakteur  des  „Vorwärts",  dessen  damaligen ­
  Verleger,  Max  Bading,  für  den  Inhalt
einer  Nummer  des  „Vorwärts"  —  die  auf  rotem  Papier  gedruckte  Nummer
vom  18.  März  1895  —  verantwortlich  zu  machen  und  zu  verurteilen.
Im  übrigen  fällt  die  Geschichte  des  „Vorwärts"  mit  der  Geschichte ­
  der  Partei  zusammen.  Seine  Sprache  ist  grundsätzlich  das  Echo
der  politischen  Empfindungen  der  kämpfenden  Genossen,  seine  äußere  wie
seine  innere  Entwicklung  spiegeln  im  wesentlichen  nur  die  entsprechenden
Entwickelungen  der  Bewegung  wider,  deren  Organ  er  ist.  Mit  ihrer
Ausbreitung  steigt  auch  seine  Verbreitung,  und  wie  sie  sich  immer  weiter
verzweigt  und  vertieft,  nimmt  auch  er  an  Inhalt  und  eindringender
Behandlung  der  die  Arbeiterklasse  angehenden  Fragen  zu.  Ohne  mit  den
gewerbsmäßigen  Klatsch-  und  Sensationsblättern  in  Konkurrenz  zu  treten,
verselbständigt  und  verbessert  er  fortschreitend  seinen  Nachrichtendienst.  Lind
wie  er  niemals  aufhört,  in  erster  Linie  ein  politisches  Blatt  zu  sein,  findet
er  doch  zugleich  immer  mehr  Platz  für  Vorgänge  und  Fragen  auf  den  Gebieten
von  Kunst,  Wissenschaft  und  schöner  Literatur.  Zu  keiner  Zeit  hatte  es
ihm  an  Mitarbeitern,  die  auch  hierin  auf  der  Löhe  der  Zeit  standen,  und
an  Aufsätzen  aus  ihrer  Feder  gefehlt.  Aber  nie  zuvor  wurde  diesen
Fragen  und  Erscheinungen  soviel  Aufmerksamkeit  in  seinen  Spalten  gewidmet, ­
  als  in  den  Jahren,  mit  denen  unsere  Epoche  abschließt,  und  daß
dies  geschah  und  verlangt  wurde,  zeugt  dafür,  daß  auch  der  geistige  Löhestand ­
  seiner  Leser  gestiegen  war,  von  denen  wir  mit  gutem  Fug  sagen
können,  daß  sie  die  Elite  der  Arbeiterschaft  Berlins  bilden.

In  den  Jahren  von  1891  bis  1896  hatte  Groß-Berlin  neben  dem
„Vorwärts"  noch  ein  zweites  sozialdemokratisches  Blatt  im  „Volksblatt
für  Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg".  Es  war  ein
        <pb n="409" />
        411

tapferes  kleines  Blatt,  dessen  Redaktion  zuerst  Ioh.  Nik.  Krauß  und  dann
Johannes  Nautmann  führten  und  für  das  Gustav  Keßler  mehrere  Jahre
hindurch  wirkungsvolle  Leitartikel  und  Notizen  schrieb.  Aber  es  konnte  sich
nicht  halten,  da  die  Arbeiter  in  den  großen  Vororten  bei  Berlin  es  vorzogen, ­
  den  „Vorwärts"  zu  lesen,  und  die  kleineren  Orte  damals  nicht
genügend  Abonnenten  für  seinen  Bestand  aufbrachten.  So  stellte  es
Ende  1896  sein  Erscheinen  ein  und  fand  zunächst  Ersatz  in  dem  Agitationsblatt ­
  „Die  Fackel".  Es  war  reich  mit  Verfolgungen  bedacht  worden.
Seine  Redakteure  machten  sämtlich  mit  dem  Gefängnis  Bekanntschaft.
Am  schwersten  ttaf  die  Verfolgung  Johannes  Rautmann,  der  in  den
Tagen  des  Köller-Kurses  zu  einem  Jahr  Gefängnis  verurteilt  wurde.
Der  Prozeß  gehört  zu  den  schwärzesten  Kapiteln  preußischer  Justiz.
Am  Sedantage  1895  hatte  Wilhelm  II.  im  Berliner  Schloß  einen  Trinkspruch ­
  zum  besten  gegeben,  worin  es  hieß:  „Eine  Rotte  von  Menschen
nicht  wert,  den  Namen  Deutscher  zu  tragen,  wagt  es  ....  die  uns
geheiligte  Person  des  allverehrten  verewigten  Kaisers  in  den  Staub  zu
ziehen....  Dann  rufe  ich  Sie,  um  der  hochverräterischen  Schar
zu  wehren,  um  einen  Kampf  zu  führen,  der  uns  befreit  von  diesen
Menschen."  Der  „Vorwärts"  hatte  diese  Sätze,  die  alle  Welt  auf  die
Sozialdemokratie  bezog  und  ja  auch  nur  beziehen  konnte,  besprochen  und
dabei  bemerkt,  es  entspräche  dem  Geschmack  seiner  Redaktion  nicht,  irgendeinen ­
  Teil  ihrer  politischen  Gegner  so  zu  benennen;  handelte  sie  in  dieser
Weise,  so  würde  sie  sich  eine  Strafverfolgung  zuziehen.  Wegen  dieser,  so
gemäßigten  Antwort  nun  wurden  Max  Pfund  vom  „Vorwärts"  und
I.  Rautmann  vom  „Volksblatt  für  Teltow-Beeskow",  das  den  Artikel
vom  „Vorwärts"  übernommen  hatte,  unter  Anklage  gestellt.  Ihr  Prozeß
ward  mit  dem  des  Vorwärtsredakteurs  Dierl  verkoppelt  und  dadurch
erreicht,  daß  die  Sache  vor  den  als  Scharfrichter  bekannten  Landgerichtsrat
Brausewetter  kam,  der  auch  richtig  mittels  einer  haarsträubenden
Drehung  des  Begriffs  „Unverletzlichkeit  der  Person  des  Kaisers"  Pfund
auf  9  Monate  und  Rautmann  auf  12  Monate  ihrer  Freiheit  beraubte.
Damals  hatte  der  „Vorwärts"  die  famose  „Kamel-Inschrift"  in
der  Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche  zu  Charlottenburg  ans  Licht  gebracht,
jene,  vom  Baurat  Schwechten  herrührende  Inschrift,  in  der  die  Stadtverordneten
  Berlins  frech  als  „Kamele"  bezeichnet  wurden,  weil  sie  das
Geld  der  Stadt  Berlin  nicht  für  den  Charlottenburger  Tempel  der  Äohenzollernverherrlichung
  hatten  hergeben  wollen.  Nun  hatte  Kaiser  Wilhelm  II.
ihr  die  Erträge  seiner  Komposition  des  Eulenburgschen  „Sang  an  Aegir"
gestiftet  und  der  Berliner  Volkswih  sie  daraufhin  „Aegir-Kirche"  getauft.
Die  Schwechtcnsche  Inschrift  ward  von  der  Lofpresse  als  ein  „erlaubter
Künstlerscherz"  bezeichnet,  für  die  bloße  Wiederholung  des  Ausdrucks
„Aegir-Kirche"  aber  ward  Dierl  von  dem  Brausewetter  auf  4  Monate
ins  Gefängnis  geschickt.  Dies  und  die  Verkopplung  der  zwei  ganz  verschiedene ­
  Vorgänge  behandelnden  Prozesse  kennzeichnen  die  damalige
politische  „Gerechtigkeit  in  Preußen".
        <pb n="410" />
        Siebzehntes  Kapitel.
Die  Wahlen  zum  preußischen  Abgeordnetenhaus

^^Vur  einmal  hat  in  unserem  Zeitabschnitt  Berlins  Sozialdemokratie  sich
an  den  Wahlen  zum  preußischen  Abgeordnetenhaus  beteiligt.  Auf
den  Parteitagen  von  1897  und  1898  gehörte  die  große  Mehrheit
der  Delegierten  Groß-Berlins  in  Übereinstimmung  mit  ihren  Mandatgebern
zu  den  entschiedensten  Gegnern  der  Aufhebung  des  Beschlusses  von  1893,  der
für  diese  Wahlen  strenge  Enthaltung  vorschrieb.  Nachdem  aber  im  Jahre  1900
der  Mainzer  Parteitag  den  Parteigenossen  in  Preußen  es  zur  Pflicht
gemacht  hatte,  dort,  wo  die  Beteiligung  überhaupt  möglich  sei,  sie  auch  auszuüben, ­
  kamen  die  Sozialdemokraten  Groß-Berlins  diesem  Beschluß,  so
sehr  sie  ihn  bekämpft  hatten,  mit  musterhafter  Disziplin  nach.
Die  Landtagswahlkreise  Berlins  decken  sich  nicht  mit  seinen  Reichstagswahlkreisen. ­
  Es  sind  in  der  Stadt  ihrer  vier,  von  denen  bis  zur  sogenannten
Reform  von  1906  der  erste  drei,  die  anderen  drei  je  zwei  Abgeordnete  zu
erwählen  hatten.  Der  Landtagswahlkreis  Teltow-Beeskow-Charlottenburg
fiel  mit  dem  gleichnamigen  Rcichstagswahlkreis  so  ziemlich  zusammen  und
wählte  zwei  Abgeordnete;  der  Reichstagswahlkreis  Niederbarnim  bildete
und  bildet  noch  mit  dem  Reichstagswahlkreis  Oberbarnim  zusammen  einen
Landtagswahlkreis,  der  drei  Abgeordnete  zu  wählen  hat.  Bei  den  Wahlen
von  1898  hatten  die  vier  Landtagswahlkreise  Berlins  freisinnige,  die  beiden
anderen  Wahlkreise  konservative  Abgeordnete  gewählt.
Nach  dem  Mainzer  Parteitagsbeschluß  hatte  für  Preußen  der  Parteivorstand ­
  der  deutschen  Sozialdemokratie  das  Zentralwahlkomitee  zu  bilden.
Eine  von  diesem  einberufene  Landeskonferenz,  die  am  26.  April  1903  in  Berlin
tagte,  legte  in  einer  Resolution  eine  Reihe  von  Bestimmungen  über  die  bei  der
Wahl  zu  beobachtende  Taktik  nieder  und  forderte  die  Genossen  auf,  überall
mit  der  Feststellung  zu  beginnen,  an  welchen  Orten  und  in  welchen  Arwahlbezirken ­
  sozialdemokratische  Wahlmannskandidaten  aufgestellt  werden  könnten.
Auch  wurde  das  Zentralwahlkomitee  beauftragt,  für  rechtzeitige  Herausgabe
einer  billig  gedruckten  Zusammenstellung  der  Wahlvorschriften  zu  sorgen.
Diesem  Auftrag  ward  durch  Veröffentlichung  einer  von  Leo  Arons
verfaßten  Broschüre:  „Die  preußischen  Landtagswahlen,  die  gesetzlichen  Bestimmungen ­
  nebst  Erklärungen"  entsprochen.  Außerdem  aber  ward  unter
dem  Titel  „Der  preußische  Landtag,  Handbuch  für  sozialdemokratische
Landtagswähler",  ein  von  Paul  Hirsch,  unter  Mitwirkung  von  Parteigenossen, ­
  verfaßtes  Handbuch  herausgegeben,  das  in  übersichtlicher,  reichlich
belegter  Darstellung  das  Verfassungswesen  Preußens,  die  Natur-  und
        <pb n="411" />
        193.  Karikatur  auf  den  preußischen  Landtag.  Aus  dem  „Wahren  Jacob

h'Zttustrirk'1

■^Knter  BalÜüi^s  -B  erla  Zr

des  wahren  Jacob

-»&amp;gt;&amp;gt;  Kkich  den  Wnhlen  zmn  preußischen  Tcindlrig.

Der  Empfang  de;  dorischen  Ireisums  im  preußische«  Landtag  seitens  der  agrarische«  Majorität,
        <pb n="412" />
        414

Machtverhältnisse  seiner  Parteien  und  den  Geist  seiner  Gesetzgebung  und
Verwaltung  schildert,  unter  Vorführung  der  Leistungen,  Sünden  und  Unterlassungen ­
  dieser  Gesetzgebung  auf  den  verschiedenen  ihr  unterstehenden  Arbeitsgebieten. ­

So  ausgerüstet  traten  kurz  nach  dem  Dresdener  Parteitag  die  Genossen
Groß-Berlins  in  den  Wahlkampf  ein,  den  das  Zentralwahlkomitee  mit
einem  packenden  Wahlaufruf  eröffnete,  der  im  „Vorwärts"  vom  18.  Oktober
1903  an  der  Spitze  des  Blattes  abgedruckt  ist.  Außerdem  wurden  verschiedene ­
  speziell  auf  Berlin  bezügliche  Flugblätter  verbreitet,  und  selbstverständlich ­
  begleitete  der  „Vorwärts"  den  Wahlkampf  mit  anfeuernden
Artikeln  und  Notizen  über  die  Bedeutung  der  Wahl.  Ebenso  ward  wiederholt ­
  in  großen  Volksversammlungen,  die  in  bezug  auf  Besuch  und  Begeisterung ­
  die  hochgespanntesten  Erwartungen  rechtfertigten,  für  kräftige
Beteiligung  an  der  Wahl  agitiert.  Am  6.  November  erfolgte  in  den  vier
Landtagswahlkreisen  Berlins  die  Aufstellung  der  Kandidaten.  Es  waren  dies:
für  Berlin  I  Bohn,  W.  Pfannkuch  und  Sb.  Schubert;
„  „  II  Leo  Arons  und  L.  Silberschmidt;
„  „  III  August  Bebel  und  G.  Ledebour;
„  „  IV  Lugo  Leimann  und  Paul  Singer.
Für  Niederbarnim  und  Oberbarnim  kandidierten  G.  Freiwaldt,  A.  Stadthagen
  und  Bernhard  Bruns,  für  Teltow-Beeskow-Charlottenburg  Paul
Lirsch  und  Fritz  Zubeil.
Mehr  noch  als  bei  der  Reichstagswahl  fiel  bei  der  Landtagswahl  die
Kleinarbeit  ins  Gewicht.  Waren  doch  in  Berlin  allein  in  zwischen  1200
und  1500  Arwahlbezirken  Wahlmannskandidaten  aufzustellen  und  die  Mannschaften ­
  für  den  Dienst  bei  der  auf  den  12.  November  angesetzten  Arwahl
zu  organisieren  und  zu  instruieren.  Lierbei  bewährte  sich  nun  die  schon  vorhandene ­
  Gliederung  nach  Bezirken,  die  mit  den  Stadtbezirken  zusammenfielen, ­
  auf  das  vortrefflichste.  Auch  die  bei  den  Stadtverordnetenwahlen
gesammelten  Erfahrungen  kamen  der  Partei  am  Wahltage  sehr  zunutze.
And  das  Wahlergebnis  war  aufs  neue  ein  Freund  und  Feind  gleichermaßen ­
  überraschender  Erfolg  der  Sozialdemokratie.  Von  insgesamt  6823
Wahlmännern  Berlins  waren  nahezu  ein  Drittel,  nämlich  2175,  sozialdemokratisch. ­
  Davon  entfiel  die  Lälste  auf  den  dritten  Landtagswahlkreis,
der  den  ganzen  sechsten  und  Teile  des  fünften  Reichstagswahlkreises  umfaßt, ­
  und  es  konnte  einen  Augenblick  zweifelhaft  erscheinen,  ob  die  Freisinnigen ­
  in  diesem  Wahlkreis  bei  der  Abgeordnetenwahl  so  viele  eigene
Wahlmänner  zum  Wahltisch  würden  bringen  können,  um  über  Sozialdemokraten ­
  und  Konservative  eine  absolute  Mehrheit  zu  erhalten.  Zn  der
Tat  erhielten  ihre  Kandidaten  bei  dieser  Wahl,  die  am  20.  November  1903
stattfand,  nur  sieben  Stimmen  über  die  Lälste  der  Wahlmänner,  wobei
noch  angenommen  werden  muß,  daß  ein  Teil  konservativer  Wahlmänner
gleich  von  vornherein  für  die  Freisinnskandidaten  gestimmt  hatten,  da  an
einen  Sieg  der  Konservativen  hier  nicht  zu  denken  war,  sondern  nur  die
Kandidaten  der  Sozialdemokratie  in  Frage  kamen.  Überhaupt  hat  das
Wahlsystem  mit  den  drei  Wählerklassen  und  der  indirekten  Wahl  die  Eigentümlichkeit, ­
  daß  bei  Wahlmännern  der  ersten  und  selbst  noch  bei  einem  Teil
der  bürgerlichen  Wahlmänner  der  zweiten  und  dritten  Klasse  von  einer
bestimmten  Parteisarbe  kaum  die  Rede  ist.  Sie  werden  von  ihren  Klassen-
        <pb n="413" />
        194.  Erstes  sozialdemokratisches  Flugblatt  zur  preußischen  Landtagswahl

Zur  Candtagswabl  "Agitation.
Der  vom  17.  bis  21.  September  zu  Mainz  abgehaltene  Parteitag  der
sozialdemokratischen  Partei  hat  folgenden  Beschluß  über  die  Wahlbethetligung
gefaßt:
„In  denjenigen  deutschenStaaten,.  in  welchen  dass
D  r  eik  l  a  s  s  e  n  -  W  a  h  ls  y  st  em  besteht,  sind  die  Parteigenossen
verpflichtet,  bei  den  nächsten  Wahlen  mit  eigenen  Wahlmännern
  in  die  Wahlagi  tattonet  n  zutreten.
Für  die  Landtagswahlen  in  Preußen  bildet  desr
Partei-Vorstand  das  Zentral-Wahlkomttee.  Ohne  dessen
Zustimmung  dürfen  die  Parteigenossen  in  den  einzelnen.
Wahlkreisen  keine  Abmachungen  mit  bürgerlichen  Parteien ­
  treffen."
Durch  diesen  Beschluß  ist  der  Weg,  den  die  Sozialdemokraten  bei  der
nächsten  Landtagswahl  zu  gehen  haben,  klar  vorgez?tchner.
Demnach  hat  bei  der  künftigen  Landtagswahl  in  allen  Wahlkreisen
Wahlbetheiltgung  stattzufinden.  Es  ist  seitens  aller  Kreise  bet  der  Nächsten
Landtagswahl  der  Versuch  zu  machen,,  möglichst  viel  sozialdemokratische  Wahlmänner ­
  durchzubringen.
Bei  der  Verzwicktheit  des  Wahlverfahrens  ist  eS  zweckmäßig,  diese
Wahlbethetligung  von  langer  Hand,  möglichst  schon  jetzt,  vorzubereiten.  Dazu
g  hört  Folgendes:
Schon  jetzt  sehe  man  flch,  wiewohl  die  Urwahlbezirke  noch  nicht  festgestellt
find,  in  Anlehnung  an  die  Urwahlbezirke  von  1898  darnach  um:  in  allen
Wahlbezirken  zuverlässige  Wahlmänner  ausfindig  zu  machen.  Man  sehe  die  Liste
der  Wahlvkretnsmitglieder  darauf  hin  durch,  stelle  ein  Tableau  der  künftig  als
WahlmannSkandidaten  zu  Bezeichnenden  auf,  kontrolire  dies  Tableau  von  Quartal ­
  zu  Quartal,  um  in  dem  Augenblick  der  Ausschreibung  der  Wahl  und  der
Bildung  der  Urwahlbezirke  gewappnet  zu  sein.
Die  Auswahl  der  Wahlmänner  ist  schwierig,  weil  der  Wahlmann  in  dem
Urwahlbeztrk  wohnen  muß.  In  den  Bezirken,  wo  noch  kein  Wahlmann  ausfindig ­
  gemacht  werden  kann,  suche  man  neue  Mitglieder  für  die  Sozialdemokratie
zu  gewinnen.  Die  Br  o  t  w  u  ch  erp  l  ä  n  e  bieten  eine  günstige
Gelegenheit  auch  für  die  Frauen  zur  Werbung  neuer
Kämpfer  für  die  sozialdemokratische  Armee  Die  für  den
Borstand  und  für  die  Mitglieder  deriWahlveretne  wie  für  die  weiblichen  Genoffen ­
  sich  hieraus  ergebende  Arbeit  ist  schwierig.  Sie  ist  aber  nicht  schwieriger
als  die  Kleinarbeit,  die  insbesondere  aus  dem  Lande  seit  vielen  Jahren  mit  nicht
unerheblichem  Erfolge  von  einzelnen  Genossen  verrichtet  wird.
Wie  die  Wahlmänner  auszuwählen  sind  und  wie  die  nach  Durchsicht  der
1898er  Listen  noch  offenen  Bezirke  zu  erobern  sind,  läßt  stch  nicht  schablonen«
mäßig  für  jeden  Waylvcretn  vorausbesttmmen.  Nur  das  ist  sür  alle  gleichmäßig
  nothwendig:  m  „  ,  „  .
1.  Durchsicht,  wer  voraussichtlich  als  Wahlmann  aufgestellt  werden  kann,
2.  Bearbeitung  derjenigen  Bezirke,  in  denen  zur  Zeit  kein  Wahlmann
auffindbar  ist,  durch  Agitation  von  Mund  zu  Mund  sür  die  sozialdemokratische
  Bewegung.  m
Die  Vorbereitung  zur  Landtagswahl  kann  sich  demnach  in  vielen  Bezirken ­
  zu  einer  kräftigen  Agitation  für  unsere  Bewegung  gestalten.  Auch  bet  der
Landtagswahl  ist  und  bleibt  die  Hauptsache:  neue  Kämpfer  heranzuziehen.
Nur  überzeugte  Sozialdemokraten  können  als  Wahlmänner  aufgestellt  werden.
Als  Anknüpfungspunkte  sür  die  Werbung  neuer  Kämpfer  brauchen  keineswegs ­
  nur  Angelegenheiten  herangezogen  werden,  die  im  preußischen  Landtag  zur
Erörterung  gelangen.  Nach  wie  vor  hat  stch  als  das  wirksamste  Agitations-Mittel
  die  Besprechung  der  den  Einzelnen  betreffenden  Verhältniße  erwiesen.
Man  knüpft  a»  die  Berhältniffe  an,  die  dem  Indifferenten  oder  zeitigen  Gegner
geläufig  find.  Beispielsweise  werden  auf  dem  Lande  oft  Fragen,  wie  sie  in  dem
von  der  Agttationskommtsston  sür  die  Provinz  Brandenburg  herausgegebenen
Fragebogen  enthalten  find,  einen  Anknüpfungspunkt  ermöglichen.
Ferner  bietet  die  drohende  Vertheuerung  allerNahrungsmittel
  eine  außerordentlich  günstige  Gelegenheit  zur  Klarlegung  des  Klasjensampscharakters
  unserer  Gesetzgebung.
        <pb n="414" />
        416

genossen  kurzweg  als  „angesehene  Mitbürger"  gewählt,  ohne  daß  ihnen  ein
bestimmtes  politisches  Glaubensbekenntnis  abverlangt  wird.*)  Dieser  Amstand ­
  erschwert  denn  auch  ungemein  die  Wahlstatistik,  so  daß  eine  ganz
sichere  Landhabe  für  die  Wahlstärke  der  Parteien  nicht  einmal  durch  die
Abstimmung  der  Wahlmänner  bei  der  Abgeordnetenwahl  geliefert  wird.
Gewöhnlich  erscheinen  eine  Anzahl  Wahlmänner  überhaupt  nicht  zur  Wahl,
von  den  Gekommenen  aber  entscheidet  sich  ein  Teil  erst  im  Wahllokal,
welchen  der  Kandidaten  sie  ihre  Stimmen  zuwenden  wollen.
In  Berlin  waren  bei  der  Wahlmännerwahl  6823  Wahlmänner  gewählt.
Von  diesen  stimmten  bei  der  Abgeordnetenwahl  6383,  also  440  oder  über
6  Proz.  weniger.  Im  ersten  Wahlkreis  blieben  die  dort  gewählten  147
sozialdemokratischen  Wahlmänner  nach  Parteibeschluß  von  der  Abgeordnetenwahl ­
  fort,  weil  ihre  Stimmen  auf  diese  in  keiner  Weise  Einfluß  ausüben
konnten.  Im  zweiten  und  vierten  Wahlkreis  blieben  wiederum  ein  Teil  der
konservativen  Wahlmänner  fort,  während  andere  zur  Wahl  gingen  und
freisinnig  stimmten.  Dies  ist  bei  der  nun  folgenden  Zusammenstellung  im
Auge  zu  behalten.
Es  stimmten  Wahlmänner  für  die  auf  den  betreffenden  Listen  an  erster
Stelle  stehenden  Kandidaten:

sozialdemokratisch

freisinnig

konservativ

In  Berlin  l

—

803

127

„  „  &amp;gt;l

487

909

—

„  „  HI

1099

1309

184

„  „  iv

530

929

—

Insgesamt

2116

3950

311

Die  Abstimmung  für  die  zweiten  und  im  ersten  Wahlkreis  auch  für  den
dritten  Abgeordneten  ergaben  nur  ganz  unbedeutende  Abweichungen.
Die  Tabelle  zeigt,  daß  im  dritten  Wahlkreis  nicht  allzuviel  an  einem  Sieg
der  Sozialdemokratie  fehlte.  Es  waren  ihr  dort  in  der  zweiten  Wählerklasse
so  viele  Wahlmänner  zugefallen,  daß  dritte  und  zweite  Klasse  zusammen
immer  noch  eine  Mehrheit  von  Wahlmännern  für  die  Sozialdemokratie
ergaben.  Lediglich  die  Plutokratie  der  ersten  Klasse  verschaffte  den  Freisinnigen ­
  hier  die  Mehrheit.  Im  zweiten  und  vierten  Wahlkreis  hatte  die
Sozialdemokratie  in  der  dritten  Wählerklasse  die  übergroße  Mehrheit  der
Wahlmänner  und  in  der  zweiten  Wählerklasse  immerhin  eine  ansehnliche
Minderheit.
Das  war  ein  unerwartet  glänzendes  Resultat.  Aber  es  stellt  sich  noch
glänzender  dar,  wenn  man  die  Zahlen  der  Arwähler  betrachtet,  die  in  den  einzelnen ­
  Kreisen  für  die  Wahlmänner  der  drei  kämpfenden  Parteien  gestimmt  hatten.
Es  erhielten  nach  der  amtlichen  Statistik  Arwählerstimmen:

Sozialdemokraten

Freisinnige

Konservative

Bürgerliche
zusammen

In  Berlin  l

8  468

6  301

3181

'  9  484

„  „  II

29  803

4  612

31

4  643

„  „  HI

53  538

4  968

3  790

8  758

„  „  iv

30  341

4  852

112

4  964

Insgesamt

122  150

20  733

7114

27  847

*)  Im  Wahlbezirk,  wo  der  Verfasser  dieses  Wähler  war,  stimmte  ein  Rentier,  den  die
Konservativen  der  zweiten  Klasse  als  ihren  Wahlmann  aufgestellt  hatten,  seinerseits  als  Wähler
erster  Klasse  freisinnig.  Anderwärts  kamen  noch  drastischere  Widersprüche  vor.
        <pb n="415" />
        195  und  196.  Sozialdemokratisches  Flugblatt  zur  Anvahl  zum  preußischen  Landtag

Bernstein.  Berliner  Geschichte.  Ul.

27

Wähler  Berlins!

Nach  dem  heldenhaften  Kampfe  deS  Volke-  um  seine
Freiheiten  im  Jahre  1848  wurde  die  konstitutionelle  Verfassung
  Preußens  aus  der  Taufe  gehoben.  Alle  fteiheitlich
Gesinnten  atmeten  erleichtert  auf.  Doch  bald  erstarkte  die
Reaktion  und  im  Jahre  1850  wurde  mit  Hilfe  der  Truppen
daS  preußische  Parlament-  auseinandergejagt.  Unter
brutalem  Rechts-  und  Verfassungsbruch  wurde  das  jetzige
Wahlsystein  dem  Volke  aufgezwungen.  Dieses  System,
nicht  einen  Tag  zu  Recht  bestehend.  liefert  die  große  Masse
der  Wähler,  d.  h.  über  85  Prozent  der  wahlberechtigten  Bürger,
völlig  der  Herrschaft  der  Junker.  Pfaffen  und  Großkapitalistcn
  ans.
Die  Sozialdemokratie  will  durch  ihre  Beteiligung
dieses  elendste  aller  Wahlsysteme  aus  der  Welt  schaffen
und  wird  nicht  eher  ruhen,  bis  daß  auch  für  dieses  Parlament ­
  das  allgemeine,  gleiche,  geheime  und  direkte  Wahlrecht ­
  errungen  ist.
Was  die  Sozialdemokratie  will  und  erstrebt.
Unnötig  ist  es.  zwischen  uns  und  den  Wählern  dies
zu  erörtern,  habt  Ihr  doch  erst  vor  wenigen  Wochen,  am
!6.  Juni  hier  in  Berlin  Euch  zu  vielen  Hunderttausenden
für  lins  erklärt  und  die  Worte,  welche  wir  in  unsern  Flngblättcrn
  an  Euch  gerichtet,  sie  sind  noch  in  ^Jedermanns
Munde.
Eine  neue  Gesellschaftsordnung  ift's,  die  wir
erstreben,  Not,  Sorge  und  Elend  wollen  wir  aus
der  Welt  bannen,  die  Produktion  muh  znm  Wohl
der  Gesamtheit,  nicht  für  den  Prosit  des  einzelnen
betrieben  werden.  Militarismus  nnd  Marinismns
bekämpfen  wir,  für  Recht  nnd  Freiheit  der  Nation
streiten  wir.  Schon  der  heutige  Staat  müßte  seine
einzige  Airfgabc  darin  sehen,  die  berechtigten  Forderungen ­
  der  Arbeiter  zu  erfüllen.
Der  Liberalismus  hat  zu  keiner  Zeit  es  verstanden,
wirksam  die  Rechte  der  Wähler  zu  wahren.  In  der
Konflikts-Periode  der  60  er  Jahre  hatte  er  das  gesamte
preußische  Volk  hinter  sich,  er  besaß  damals  die  Mehrheit
im  Abgeordnetcnhause.  aber  er  lehnte  eö  ab,  das  elende
Wahlrecht  abzuändern,  noch  konnte  er  die  gesetzlosen  Ausgaben ­
  von  Geldern  zu  Kriegszwecken  verhindern.  —  Im
Gegenteil,  er  kroch  zu  Kreuze,  spaltete  sich  und  erteilte
Bismarck  Indemnität,  zu  deutsch  gesagt:  nachträgliche
Genehmigung  für  die  gegen  die  Verfassung  gemachten
Ausgaben.  —  Niemals  seitdem  hat  er  in  wirksamer  Weise
den  Vormarsch  der  Reaktion  verhindern  können.  Besonders
die  Berliner  Spielart.  ^&amp;gt;ie  sogenannte  freisinnige  Volks-Partei,
  ist  wahrlich  nicht  zum  Kampf  gegen  die  Reaktion
befähigt.  Während  wir  im  Reichstage  bei  unserem  Zollkampfe ­
  auf  die  Hilfe  der  Barth  und  Schräder  zählen
konnten,  während  der  verstorbene  große  Gelehrte  Mommsen
noch  kurz  vor  seinem  Ende  betonte,  gegen  die  Junker.
Segen  die  Reaktion  sei  Pflicht  jedes  freisinnigen  Mannes
mit  der  Sozialdemokratie  zu  stehen,  hält  es  Herr  Richter
seine  einzige  Aufgabe,  rmS  gegenüber  zu  treten.

und  so  die  Reaktion,  deren  schärfster  Gegner  wir.  die
Sozialdemokraten  sind,  kräftig  zu  unterstützen:  da3  ist
„freisinnige  Politik.
Solchen  Leuten  dürfen  wir  fernerhin  keinen  ernsthaften ­
  Kampf  um  die  Rechte  der  Nation  zutrauen,  wir
finb  verpflichtet,  den  Kampf  mit  dem  preußischen  Junkertum
  und  den  freisinnigen  verkappten  Reaktionären  ebenso
aufzunehmen.  wie  wir  denselben  schon  im  Reiche  mit  der
gesamten  Reaktion  führen.
Ueber  die  Rechte  der  Gemeindeverwaltung,  die  Pflichten
der  Schule  gegen  unsere  Jugend  und  ihre  Lehrer,  den
Kampf  gegen  die  Polizeiwillkür,  das  Koalationsrecht  der
Arbeiter,  über  dies  und  vieles  andere  wird  im  Abgeordneten'
Haus  entschieden.  Da  hinein  wollen  wir  unsere  Vertreter
senden,  damit  sie  dort  den  Gegnern  gegenüber  nuerschrockcu
  dem  Willen  des  Volkes  Ausdruck  geben.
So  wie  wir  im  Reichstage  gegen  den  Zollwncher  und
die  Verteuerung  der  notwendigsten  Lebensmittel  gekämpft,
so  wie  die  Vertreter  unserer  Partei  überall  furchtlos ­
  und  ohne  schwächliche  Rücksicht  den  herrschenden
Klassen  gegenübergetreten  sind,  so  muß  auch  in  diesem
muffigen  Jnnkerparlament  eine  Stätte  geschaffen  werden,
von  wo  hinaus  der  Schrei  nms  Recht  in  die  preußischen
Lande  dringt.  Darum  wollen  wir  hinein  in  dies  Paradies
für  Junker  und  Pfaffen,  den  Forderungen  des  Volkes
ein  Echo  31t  geben.  Dem  sogenannten  Berliner  Freisinn,
der  sich  in  der  Stadtverwaltung  erdreistete,  öen  Beginn
der  Landtagswahl  schon  ans  2  Uhr  nachmittags  anzusetzen
nnd  dadurch  tausende  von  Arbeitern  um  den  Verlust  eines
halben  Tagelohns  brachte,  dem  Kommunalliberalismus.
welcher  für  die  Forderung  der  Sozialdemokratie:  den
Anfang  der  Wahl  auf  5  Uhr  zu  bestimmen.  nur  Spott
und  Hohn  hatte,  den  satten  Existenzen,  welche  auf  die
Wahl  der  ersten  lind  eines  Teiles  der  zweiten  Abteilung
stets  höheren  Wert  legten  als  ans  die  Abstimmung  der
85  Prozent  betragenden  dritten  Abteilung,  muß  durch  die
Wahl  sozialdemokratischer  Wahlmänner  wiederum  (nie
Antwort  gegeben  werden,  daß  ihnen  wie  am  glorreichen
16.  Juni  die  Ohren  gellen.
Wählt  am  »2.  November
nur  sozialdemokratische  Wahlmänner.
Laßt  Euch  von  der  liberalen  und  reaktionären
Clique  nicht  die  hinter  verschlossenen  Türen  aufgestellten
Wahlmauns-Kaudidaten  aufschwatzen;  glaubt  der  Sippe
nicht.  welche  weiß  machen  will,  wir  agitieren  einzig  für
den  „Umsturz",  wir  verhetzen  fdie  Vcvölkernngsklassen.  und
wie  sonst  die  schönen  Vorwürfe  noch  lauten.  Nein,  mut«
voll  ist  die  Sozialdemokratie.  stets
für  die  Unterdrückten  gegen  ihre
Unterdrücker
eingetreten,  hat  di-  schwachen  Kleinen  gegen  die  wermächtigen
  Grahen,  die  Armen  gegen  die  Reichen,  dir
Ausgenutzte»  gegen  ihre  Ausdeuter  derteidigt.  mit  beit
        <pb n="416" />
        195  und  196.  Sozialdemokratisches  Flugblatt  zur  Nrwahl  zum  preußischen  Landtag

gesetzlichen  Mitteln,  welche  die  heutige  Verfassung,  die
bestehenden  Gesetze.  Verordnungen  und  Zustände  selbst
bieten.  Die  Sozialdemokratie  ist  gesetzlicher  als  der
Staat,  besonnener  alö  die  Verwaltung,  gerechter
als  Gerichte  und  Polizei!  Sie  will  die  preußischen
Landtagswahlcn  trotz  aller  Schwierigkeiten  benutzen,  un,
bei  den  zahlreichen  Gelegenheiten  mitzusprechen,  bei  denen
i»n  preußischen  Landtage  über  daS
wirtschaftliche  und  geistige  Wohl  der
Bevölkerung
beraten  und  bisher  in  der  volksfeindlichsten  Weise  entschieden ­
  worden  ist.  Preußen  wäre  heute  nicht  in  der
ganze»,  Welt  so  verrufen  wegen  seiner  Volksbcdrnrkung,
wenn  die  bürgerlichen  Parteien  von  rechts  bis  links  in
den  mehr  als  fünfzig  Jahren  des  Bestehens  des  Landtags
als  ..Volksvertretung",  nur  das  mindeste  ernsthaft  für  das
Dc-lkswohk  getan  hätten.

In  jeden,  Urwnhlbezirk  Berlins  treten  nun  bei  dieser
Wahl  unsere  Parteigenossen  mit  sozialdcrnokratischen  Wahl,
nwnnern  in  die  Schranken;  heran  aus  Werkstatt  und
Fabrik,  ans  Comtoir  und  Laden.  Furchtlos  tretet  zur
Abstimmung  und  wählt  am  12.  November  die
Anhänger  der  Toziuldeniokratie,
der  einzigen  Partei,  welche  millionenstinttnig  »»Wirklichkeit
das  deutsche  und  preußische  Volk  vertritt.
Ihr  aber.  Parteigenossen,  die  Ihr  Euch  zu  der  freien,
sozialistischen  Weltanschauung  durchgerungen  habt,  die  Ihr
weder  Herren  noch  Knechte  wollt,  an  Euch  ergeht  nochmals
Eurer  Beauftragten  Mahnung:
Wirkt  n»»d  agitiert  all  »"»berall,  damit  der
12.  Novcnibcr  gleichfalls  ei»  Siegcstag  der
Berliner  Sozialdemokratie  werde.
Alle  Kraft  in  dieser  kurzen  Spanne  Zeit  eingesetzt ­
  für  die  Wahl  unserer  Anhänger.

Es  lebe  das  Volk!  Nieder  mit  der  Reaktion!
Fort  mit  de»n  altersschwache»»  Freisinn!
Vas  sozialdemokratische  Aahlkomilee.

Minke  für  die  Makler.
Die  Wahlhandlung  beginnt  für  die  dritte  Abteilung  pünktlich  2  Uhr  nachmittags,  für  die  zweite
Klasse  um  6  Uhr  und  für  die  erste  Klasse  un,  6  Uhr.  Zu  spät  Kommende  -dürfen  nur  dann  wählen,  wenn  die
Wahlhandlung  ihrer  Abteilung  noch  nicht  geschlossen  ist.
Also  piinfÜirfjft  Attv  Steile  sein  und  das  Wahllokal  nicht  eher  verlassen,  bis  die  Wahlhandlung
geschlossen,  also  auch  etwa  notwendige  Stichwahlen  erledigt  sind.
Ter  Magistrat  übersendet  jedem  Wähler  eine  Auffordernng,  welche  gleichzeitig  als  beste  Legitimation
gilt,  doch  genügt  auch  der  Cteucrzettcl  oder  Militärpaß.  besser  aber  ist  die  magistratliche  Aufforderung.
—•  Die  dritte  Abteilung  wählt  zuerst.  ■
dann  die  zwiile  und  jiiltfcl  die  erste  Abteilung,  Es  mutz  daher  jeder  Wühle,  darauf  achte«,  welcher  Abteilung
er  zugehört.
W*  Stimmzettel  liegt  bei
Sic  Wahlmänner-Kandidaten  sind  stets  richtig  in  dev  Abteilung  zu  nennen,  für  welche  dieselben  aufgeftellt
  fitld.

Nedaition  und  Verlag:  Eugen  Trnst.  Berlin  N.,  «ckerstrabe  62.  —  Vorwärts  Buchdruckerei  Paul  Dinger  &amp;amp;  Eo..  Äerlin  SW.  66.
        <pb n="417" />
        419

Rur  im  ersten  Landtagswahlkreis,  d.  h.  im  Westen  und  Südwcsten  Berlins,
hatten  die  bürgerlichen  Parteien  zusammen  eine  Mehrheit,  die  aber  auch
noch  ziemlich  schwach  ist.  In  den  anderen  drei  Kreisen  aber  ist  die  sozialdemokratische ­
  Mehrheit  gegenüber  den  beiden  Parteien  zusammen  jedesmal
erdrückend.  Rach  den  Wählerklassen  abgeteilt,  verteilten  sich  die  Arwählerstimmen
  von  Berlin,  dieses  als  Einheit  genommen,  folgendermaßen:

sozialdemokratisch

freisinnig

konservativ

Erste

Wählerklassc

222

3  508

412

Zweite

„

5  010

9  085

1  846

Dritte

„

116918

8140

4  856

Insgesamt

122  150

20  733

7  114

Selbst  in  der  zweiten  Wählerklasse  hatte  die  Sozialdemokratie  somit
noch  nahezu  ein  Drittel  der  Stimmen.  Alle  Klaffen  und  Wahlkreise  zusammengerechnet ­
  aber  hatte  sie,  selbst  wenn  man  die  Arwählerstimmen  derjenigen
  Wahlmänner  mit  berücksichtigt,  die  sich  nicht  an  der  Abgeordnetenwahl ­
  beteiligten,  68,3  Prozent  aller  abgegebenen  Stimmen,  ein  höherer
Prozentsatz  als  selbst  bei  der  großartigen  Reichstagswahl  vom  16.  Juni
des  gleichen  Jahres.  Lind  das  bei  offener,  protokollierter  Stimmabgabe,
überzeugender  konnte  die  Befürchtung  nicht  widerlegt  werden,  daß  es  nicht
gelingen  werde,  für  die  Landtagswahl  die  Massen  an  den  Wahltisch  zu
bringen.  Pier  war  eine  Massenaktion,  wie  Berlin  sie  noch  bei  keiner
Abgeordnetenwahl  erlebt  hatte.  And  daß  die  68  Prozent  der  Wähler  auch
nicht  einen  Abgeordneten  ihrer  Gesinnung  erhielten,  daß  die  neun  von  Berlin ­
  zu  vergebenden  Mandate  sämtlich  den  Freisinnigen  zufielen,  die  nur
11,59  Prozent  der  Arwählcr  hinter  sich  hatten  —  konnte  der  Vergewaltigungscharakter ­
  des  Dreiklassenwahlsystems  eindrucksvoller  festgestellt  werden,  als
durch  die  Demonstrierung  dieser  Tatsache?
Auch  in  den  beiden  zu  Groß-Berlin  gehörenden  Vorortswahlkreiscn
erhielt  bei  der  Arwahl  die  Sozialdemokratie  die  Mehrheit  der  Stimmen.
Im  Kreise  Niederbarnim  wurden  Arwählerstimmen  abgegeben:
I.  Klaffe  II.  Klaffe  III.  Klaff-  Insgesamt
für  sozialdemokratische  Wahlmänner  63  1  059  12  599  13  721
„  freisinnige  „  372  634  283  1  289
„  konservative  „  666  1  458  3  503  5  627
Anders  im  Kreise  Oberbarninr,  mit  denr  zusammen  Niederbarnim  einen
Wahlkreis  bildet.  Dort  erhielten  die  Konservativen  auch  die  große  Mehrheit ­
  der  Arwählerstimmen  und  die  erdrückende  Mehrzahl  der  Wahlmänner.
Dank  ihrer  erlangten  die  Konservativen  eine  absolute  Mehrheit  über  Liberale
und  Sozialdemokraten  zusammengenommen.  Es  wurden  bei  der  Abgeordnetenwähl
  für  Nieder-  und  Oberbarnim  719  Konservative,  327  sozialdemokratische
und  316  liberale  Wahlmännerstimmen  abgegeben,  und  so  erhielten  die
Konservativen  alle  drei  Mandate  des  Kreises  —  was  man  Volksvertretung
nannte.
Im  Kreise  Teltow-Beeskow-Charlottenburg  sollte  der  Widersinn ­
  des  Wahlsystems  noch  krasser  in  die  Erscheinung  treten.  In  jedem  der
zu  ihm  gehörenden  drei  Stadtkreise  sowie  im  Kreise  Teltow  hatte  die  Sozialdemokratie ­
  die  Mehrzahl  der  Arwählerstimmen,  nur  in  dem  am  schwächsten
von  allen  bevölkerten  Kreise  Beeskow-Storkow  entfiel  die  Mehrheit  der
Stimmen  auf  die  Konservativen.  Die  Vertretung  des  Kreises  aber  ward,
27*
        <pb n="418" />
        420

dank  der  Haltung  der  Vereinigten  Liberalen  (Nationalliberale  und  Freisinnige), ­
  auch  hier  konservativ.  Folgendes  die  Verteilung  der  Arwählerstimmen
im  ganzen  Kreis:  ,.  Klaffe  11.  Klaffe  in.  Klaffe  Insgesamt  -
für  sozialdemokratische  Mahlmänner  63  i  509  31  808  33  380
„  liberale  „  814  1  539  2  326  4  679
„  konservative  „  1  255  3  923  10  307  15  485
Für  die  sozialdemokratischen  Wahlmänner  hatten  mehr  als  doppelt  so
viel  Arwähler  gestimmt  als  für  konservative,  !unt&amp;gt;  über  siebenmal  so  viel
als  für  liberale  Wahlmänner.  Von  den  insgesamt  2573  Wahlmännern
aber  hatten  bei  der  Abgeordnetenwahl  die  Konservativen  1010,  die  Liberalen ­
  836  und  die  Sozialdemokraten  nur  654.  Diese  Gruppierung  hätte
es  indes  immer  noch  möglich  gemacht,  den  Heimfall  der  beiden  Mandate
des  Kreises  an  die  Konservativen  zu  verhindern,  wenn  die  Liberalen  sich
dazu  hätten  entschließen  können,  mit  den  Sozialdemokraten  eine  Vereinbamng
  dahin  zu  treffen,  daß  jede  der  beiden  Parteien  für  einen  eigenen
Kandidaten  und  einen  der  andern  Partei  stimmte.  Im  Hinblick  auf  diese
Möglichkeit  hatte  einige  Tage  vor  der  Wahl,  am  14.  November,  der  Vorstand ­
  des  sozialdemokratischen  Zentralwahlkomitees  an  den  Wahlausschuß
der  Vereinigten  Liberalen  einen  Brief  geschrieben,  in  dem  es,  nach  einem
einleitenden  Hinweis  auf  das  Resultat  der  Arwahl,  hieß:
„Wir  sind  nun  bereit,  auf  Grund  der  Beschlüsse  unserer  Gesamtpartei ­
  mit  Ihnen  in  Verhandlungen  über  ein  gemeinsames  Vorgehen
einzutreten,  und  zwar  würden  wir  für  unser  Eintreten  zugunsten  eines
Ihrer  Kandidaten  die  Wahl  eines  sozialdemokratischen  Abgeordneten
verlangen,  während  wir  im  Fall  der  Ablehnung  dieser  Forderung  uns
bei  der  Stichwahl  der  Abstimmung  enthalten  würden."
Das  war  ebenso  bündig  wie  offen  und  ehrlich,  und  Leute  mit  demokratischem
Empfinden  hätten  sich  sagen  müssen,  daß  derPartei,  für  die  nahezu  zweiDrittel
der  Arwähler  gestimmt  hatten,  das  eine  Mandat  des  Kreises  von  Rechts
wegen  gebühre.  Anders  die  Führer  der  Vereinigten  Liberalen.  Sie  sandten
dem  sozialdemokrattschen  Zentralwahlkomitee  folgende  Antwort:
„Auf  das  gefällige  Schreiben  vom  14.  d.  M.  erwidern  wir  Ihnen
ergebenst,  daß  unsere  Wahlmänner  auf  die  Namen  der  Leeren  Justizrat
  Reinbacher  und  Kammergerichtsrat  Dr.  Karsten  gewählt  sind,  und  daß
wir  eine  Änderung  dieser  Grundlage  des  ganzen  Wahlkampfes  vorzunehmen
  nicht  beabsichtigen.
Wir  hoffen  zuversichtlich,  über  die  konservativen  Gegner  zu  siegen,
und  wir  müssen  der  sozialdemokrattschen  Partei  die  Verantwortung  vor
den  Wählern  und  dem  preußischen  Volk  überlaffen,  den  Wahlkreis,  der  der
freiheitlichen  Richtung  mit  Sicherheit  erobert  werden  kann,  fernerhin  den
Reaktionären  zu  überlassen  und  dadurch  namentlich  auch  der  so  dringend  notwendigen ­
  gerechten  Reform  des  Wahlrechts  ein  Lindernis  zu  bereiten."
Mit  anderen  Worten,  die  Partei,  für  die  noch  nicht  der  zehnte  Teil  der
zur  Wahl  gegangenen  Arwähler  des  Kreises  gestimmt  hatten,  und  die  nur
ein  Drittel  der  Wahlmänner  verttat,  reklamierte  die  beiden  Mandate  des
Kreises  für  sich  und  verlangte  die  bedingungslose  Abstimmung  der  Sozialdemokraten ­
  für  ihre  Kandidaten  in  dem  gleichen  Atemzuge,  wo  sie  zu
verstehen  gab,  daß  sie  eher  den  Wahlkreis  den  von  ihr  selbst  so  bezeichneten
„Reaktionären"  überlassen  würde,  ehe  sie  den  billigen  Vorschlag  der  Sozialdemokraten ­
  auf  Abtretung  eines  der  zwei  Mandate  in  Betracht  zog.  Eine
        <pb n="419" />
        197  und  198.  Konservatives  Flugblatt  aus  dem  Wahlkreis  Teltow-Beeskow-
Storkow-Charlottenburg

Aufruf
all  alle  national  gefilmte«  Wühler  des  Wahlkreises
Teltow-Beeskow-Siorkow-THMotterckMß.

Logische  Gedankenfolge  eines  Wählers:
Wählt  nur  Wahimänner  am  &amp;gt;2.  November  1903,  t»e  ihre  Stimme  fm
Feilsch  »nb  Hammer
abgeben  wollen,  denn  diese  sind:
Unabhängig  nach  oben  «nb  unten;
Ihr  Leben  und  Wirken  ist  im  Wahlkreise  bekannt;
Durch  eigene  Erfahrung  sind  sie  berufen»  praktische
Mittelstandspolitik  zu  treiben.
Ei-  fnmtn  sicher  da»  praktische  Leben  besser»  -Xi.  di-  beide«  Juristen»  -»-Ich.  di,
,-s-aaaai-a  „liberalen  Parteien"  aufstellen.
Der  nationalliberale  Kandidat  hat  nach  Anhörung  einer  Rede  zur  Reichstagswahl  bet  Herrn  Hammer
öffentlich  erklärt,  5 |e  der  Ausführungen  des  Herrn  Hamrner  könne
er  ohne  weiteres  unterschreibe».
Wozu  also  eine  SlmderkandidatMf
Die  Fortschritts-  oder  freisinnige  Partei,  mit  der  sich  die  Nationalliberalen  verbrüdert  haben,  stimmte  gegen  alle»,
was  Deutschland  groß  gemacht  hat.  sodaß  Bismarck  einst  sagte:  „Der  Freisinn  bekämpft  alles,  was  Deutschland  groß,
reich  und  eiutg  gemacht  hat."
Die  Nationalliberalen  unseres  Kreises  habe«  gar  keinen  Anspruch  daraus,  ei«  Mandat  für  sich  alletu
haben  zu  wollen,  denn  sie  erhielten  bei  den  letzten  Reichstagswahlen  von  132  128  abgegebene»  Stimmen  gftfJJC
&amp;lt;^(p04  stimmen  und  nun  verbünden  sich  die  Nationalliberale»  mit  dem  Freisinn»  der  bei  uns  im  Wahlkreise  hei
den  Sieichstagswahlen  unter  B-rustri»'S  Leitung  tmme,  für  die  Sozialdemokratie  tte&amp;amp;tittitn  ist!!
Der  Fluch  Deutschlands  war  die  Uneinigkeit!
Wühler!  j-igl,  dasi  Ihr  diesmal  einig  sein  waü,  gegen  dir  raie  Gesahr!  Soll  man  in  Preußen  mit  Finger«
ans  bcti  Wahlkreis  Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg  zeigen?  Soll  in:
prcuhische»  Landtage  ein  Sozialdemokrat  einziehen?
        <pb n="420" />
        197  und  198.  Konservatives  Flugblatt  aus  dem  Wahlkreis  Teltow-Beeskow-
Storkow-Charlottenburg

Sie  bowl»  fteljlMtrig«  Mchiiroge»  liegen  sich  in  unterem  Wahlkreis  in  bett  Haaren.  Du  Engen  Richter
sich  gegen  die  Kandidatur  de,  bekanmen  De.  Bernstein  erllLri  har.  ho,  man  schnell  Herrn  «heinbncher  -n  Bernstein«
Stelle  aufgestellk  Di-  fteistnnige  geilung,  da,  Organ  der  WadenstrLmpfler.  wirst  den  Sasftrftieflern.  dem  „Berliner  D-gebla»"
und  der  „Berliner  Volk-jeiinng'  „raffinierte  Verlogenheit"  vor  und  Arthur  Bernstein  und  der  Handlanger  de,
Herrn  Eugen  Richter,  der  bekannte  Rrktoi  Kopsch.  zerfleischen  fich  in  den  Blattern  de»  Freist«,».  weil  Kopsch  aus  da«
Judentum  de,  Dr.  Bernstein  hingewiesen  hat  und  nun  wird  schnell  Juftigra»  Rhrindacher  au,  der  Versenkung  gestalt.
ße  £ff  Sl  Ulli  steht  die  Wühler,chast  diesem  Schauspiel  zu!  lind  der  uatiauallilierale  Parteitag  in  Hannoverk
Die  .Kölnische  Dolttzeiiung'  schreib!  über  denselben:
„Dcr  Geheime  Kommerzienrat  Luc  in,  hat  den  Wahlvorstand  der  naimnaliHeralen  Partei
ersucht,  ihn  an»  der  Liste  bet  Wahlmünner  für  de»  Landzerichttrat  Hagemaon  zu  streichen.  Er
degrLnde!  diesen  Schritt  mit  dem  jüngst  abgehaltenen  nationalliberalen  Parteitag  in  Hannover,  wo  der
Kamps  gegen  die  Konservativen,  sei  e,  selbst  mit  Hilfe  der  Sozialdemokratie,  dringend  empjohlen  wurde!"
Und  Lucius  ist  ein  inst  Abgeordnctcuhanse  hochgeachteter  Mann!
Heute  nun  ersucht  der  Borsttzeade  de»  nationaiilberalen  OrlSvercin»,  also  am  31,  Oktober,  18  Tage
POt  btt  2öasts,  NM  Adressen  zue  Eeleichleeung  der  Ausstellung  liberaler  Wahlmünner!  Weiche  jamrner-|»lc
  Organisation!  Dieser  nationalliberale  Vorsitzende  ist  ein  Regierangsrat.
Also  ei»  RegieeongSral  tritt  für  Freisinn  und  Nationalliberale  eint  Für  dkk!  Jttcifittll,  der  u».
mtttrjt  in  «niete«  Wahlkreise  die  Sozialdemokratie  Jahrzehnte  unierstützt  hat!  Da  mutz  man  doch  ««»rasen:
„Rechter  Hand,  linker  Hand,  alles  vertauscht!"
Zum  Schluß  «och  ein  Wort  für  die  roten  Brüder.
Die  Ioztaldemokrati«  lvill  de»  Einfluß  der  Junker  und  Pfaffen  brechen.  Dieser  Einfluß  ist  in  unserem  Wahl'
kreise  nie  vorhanden  gewesen.
Die  Befreiung  de«  gesamten  Menschengeschlechtes  und  die  gesellschaftliche  Umwandlung  hSt  Sekamitlich  aus  dem
Dresdener  Parteitag  begonnen'  „Schulbube".  ,Pfui'.  „Lump"  „Schuft'.  ..bessere  Schmücke"  (Kerle.  .die  am.Vorwärts"  ein
schmutziges  Handwerk  treiben")  .mit  Keulen  schlagen,  daß  die  Fetzen  fliegen',  .Zweideutigkeit'.  ..Btträterei«.  „schmutzige
Perfidie-  u.j.w.  u.j.w.  Diese  hübschen  Nedeblüten  verdeutlichen  »rrö  am  beste»,  wie  es  im  ZttkMtstsftaate
  zugehen  wird.
In  Dresden  haben  sich  die  eiternden  Geschwüre  der  Sozialdemokratie  geöffnet.
C^ttt  fii§  AUktt  muß  jeden  anständigen  Menschen  ergreifen,  der  die
kssangrs"  liest,  die  sich  die  „völkerbesreieiide  Sozialdemokratie"  unter  frenetischem  Geheul  der  Teilnehmer  des  Dresdner  Partei»
tage»  an  den  Kopf  warfen.  Diese  Genossen  wollen  Christentum.  Monarchie  und  da«  Reich  Kaiser  Wilhelm  I.  durch  ihren
ZukunftSsraal  ersetzen?
Wer  »lirst  nicht  an  die  Tchreckenstateu  der  Pariser  Kommune  denken?
Arbeiter!  Bürger!  das  sind  die  Leute,  denen  Ihr  Eure  Groschen  opfert!
Für  diese  Leute  ist  der  Freisinn  unseres  Kreises  bei  der  ReichStagSwahl  eingetreten  und  mit  diesem  Freisinn  gehen
die  beiden  Herren.  Rhetrrdacher  und  Karsten,  Ar«  in  Ar«  zur  Wahl?
Wähler!
Die  Entscheidung  kann  für  Euch  nicht  schioer  sem.
Wir  bitten  Such,  einmütig,  soll  der  Wahilrri,  nicht  verloren  lein,  am  ,r  November  für  '£9stljlttt?.ttwep
einzutreten,  die  für
Pelisch  «&amp;gt;»  Hammer
chre  Stimme  abgebe«  wollen  am  20.  November.
Die  Gefahr  ist  groß.  Wir  müssen  im  ersten  Wahlgange
  siegen«  sonst  ist  der  Wahlkreis  für  immer  verloren!
«•i-f  nrt  e,r«aW.
        <pb n="421" />
        423

solche  Antwort  mußte  bei  den  letzteren  den  Beschluß  noch  befestigen,  die
Liberalen  ihrem  Schicksal  zu  überlassen.  Sie  konnten  den  Drang  zur  Reform
des  Wahlrechts  bei  Leuten  unmöglich  ernst  nehmen,  die  sich  so  engherzig
auf  den  Buchstaben  eben  dieses  Wahlrechts  steiften.  Es  fehlte  in  den
Reihen  der  Liberalen  nicht  an  Leuten,  die  von  der  Antwort  ihres  Wahlausschusses ­
  wenig  erbaut  waren  und  bis  zum  letzten  Moment  sich  bemühten,
eine  Änderung  herbeizuführen  —  noch  am  Tage  der  Abgeordnetenwahl
versuchten  die  Linksfreisinnigen  Dr.  Allstem  und  Fabrikbesitzer  Stern  eine
liberale  Wahlmännerversammlung,  die  in  der  nächsten  Nachbarschaft  des
Wahllokals  tagte,  in  diesem  Sinne  zu  bearbeiten,  —  aber  alle  diese  Schritte
erwiesen  sich  als  vergeblich,  und  ebenso  vergeblich  waren  Vermittlungsversuche ­
  der  Professoren  Delbrück,  Lißt  und  anderer.
Trotz  alledem  sollte  gerade  im  Kreise  Teltow-Bceskow-Charlottenburg
das  Eingreifen  der  Sozialdemokratie  dem  elenden  Wahlsystem  einen  kräftigen
Stoß  versetzen.
Für  die  Abgeordnetenwahl  hatte  die  Regierung  das  Lokal  „Neue
Welt"  in  der  Lasenheide  im  Hinblick  auf  dessen  großen  Saal  gewählt,  der
aber  auch  nur  knapp  hinreichte,  die  2500  Wahlmänner  zu  fassen.  Der
Landrat  des  Kreises  Teltow,  von  Stubenrauch,  amtierte  als  Wahlkommissar
und  hatte,  um  seinen  Willen  zur  Anparteilichkeit  zu  dokumentieren,  auch
zwei  Sozialdemokraten,  die  Stadtverordneten  Jäger  und  Wuhky-Rixdorf,
ins  Wahlbureau  berufen.  Ein  starkes  Aufgebot  von  Schutzleuten  umgab
das  Lokal.  Doch  ließen  die  sozialdemokratischen  Wahlmänner,  die  hier,
wie  in  den  Berliner  Wahlkreisen,  die  ersten  am  Platze  waren,  es  nicht  zu,
daß  Polizisten  in  Aniform  im  Wahllokale  selbst  sich  aufpflanzten.  Schon
bei  der  Prüfung  der  Wahlmännermandate  kam  es  zu  erregten  Szenen,
die  aber  noch  beschwichtigt  werden  konnten.  Am  1 l 2 l\  Ahr  vormittags
begann  der  eigentliche  Wahlakt,  und  mit  großem  Jubel  ward  es  von  seiten
der  Sozialdemokraten  begrüßt,  als  der  erste  Wahlmann,  der  aufgerufen
wurde,  seine  Stimme  für  die  Kandidaten  Hirsch  und  Zubeil  abgab.  Dann
ging  der  Wahlakt  weiter  und  es  zeigte  sich  bald,  daß  er  viel  Zeit  in  Anspruch ­
  nehmen  sollte.  2600  Wahlmänner  nacheinander  einzeln  aufrufen,
warten,  bis  sie  an  den  Tisch  treten  und  ihre  Stimme  protokollieren,  das
ließ  sich  nicht  in  ein  paar  Stunden  erledigen,  zumal  die  sozialdemokratischen
Wähler  gar  kein  Interesse  daran  hatten,  den  Wahlakt  zu  beschleunigen,
wohl  aber  ein  sehr  großes  Interesse,  das  Wahlsystem  mit  seinen  Angeheuerlichkeiten
  unmöglich  zu  machen.  Die  meisten  hatten  sich  genügend
verproviantiert,  um  zur  Not  den  ganzen  Tag  im  Wahllokal  zubringen  zu
können,  und  übereilten  sich  nicht  gerade,  wenn  der  Ruf  an  sie  kam,  mit  dem
Vortreten  und  Wählen.  Nach  und  nach  ward  Herr  von  Stubenrauch,  der
gewöhnlich  sich  durch  seine  kaltblütige  Ruhe  auszuzeichnen  pflegte,  nervös
und  nervöser,  und  schließlich  ging  er  unter  lautem  Protest  der  Sozialdemokraten ­
  dazu  über,  zu  gleicher  Zeit  mehrere  Wahlmänner  aufzurufen
und,  wenn  Wahlmänner  nicht  schnell  genug  vortraten,  außer  der  Reihe  zu
rufen.  Das  widersprach  dem  Reglement  und  veranlaßte,  als  Einsprachen
nichts  fruchteten,  die  sozialdemokratischen  Beisitzer,  das  Wahlbureau  zu  verlassen. ­
  Aber  cs  half  selbst  nicht  allzuviel;  denn  nun  ward  es  im  Wahllokal ­
  immer  unruhiger,  und  die  sozialdemokratischen  Wahlmänner  konnte
man  nicht  zwingen,  im  Sturmschritt  an  den  Wahltisch  zu  laufen,  ganz
        <pb n="422" />
        424

besonders,  wenn  sie  sich  zur  Zeit  des  Aufrufs  „zufällig"  am  entgegengesetzten
Ende  des  Saales  befanden.  So  ward  es  denn  9 1 /«  Ahr  abends,  bis  endlich
die  Lauptwahl  wenigstens  zu  Ende  war.  Sie  ergab  das  oben  schon  mitgeteilte ­
  Resultat,  das  eine  Stichwahl  notwendig  machte.  Sie  mußte,  gemäß
der  Vorschrift  des  Gesetzes,  im  unmittelbaren  Anschluß  an  die  Lauptwahl
vorgenommen  werden.  Gültig  waren  für  sie  nur  Stimmen,  die  für  die
Kandidaten  abgegeben  wurden,  welche  an  erster  oder  zweiter  Stelle  standen,
d.  h.  die  konservativen  und  die  liberalen  Kandidaten.  Aber  nichtsdestoweniger
nahmen  auch  die  sozialdemokratischen  Wahlmänner  an  der  Stichwahl  teil.
Es  machte  ihnen  Vergnügen,  ihre  Stimmen  noch  einmal  abzugeben.  Nur
ließen  sie  dabei  ihrer  Phantasie  und  Laune  etwas  Spielraum  und  nannten
alle  möglichen  Namen,  die  ihnen  gerade  durch  den  Kopf  gingen:  Eugen
Richter  und  dessen  Sparagnes,  den  Knabenprügler  Dippold,  den  Lerrn
Landrat  von  Stubenrauch  und  die  Frau  Landrätin,  den  „ollen  ehrlichen
Seemann"  und  das  Warenhaus  Wertheim,  und  was  dergleichen  Einfälle
mehr  waren.  Das  war  alles  ungültig,  aber  es  mußte  protokolliert  werden.
Das  Gesetz  schreibt  keinem  Wähler  vor,  wem  er  seine  Stimme  geben  darf
oder  nicht  darf,  es  regelt  nur  die  Gültigkeit  der  Stimmen.  So  wurde  es
immer  später  in  der  Nacht,  und  immer  müder  wurden  die  Seelen.  Gar  mancher
Wahlmann  gab  durch  Naturlaute  kund,  daß  er  den  Schlaf  der  Gerechten
schlief,  manchen  anderen  verließen  die  Geister  und  er  zog  seiner  Wege.
Der  Morgen  fing  an  zu  grauen,  aber  der  Wahlakt  ging  noch  immer
maschinenmäßig  vor  sich.  Es  schlug  sieben  Ahr,  als  er  endlich  abgeschlossen
war.  Mit  917  Stimmen  hatten  die  Konservativen  gesiegt,  615  Stimmen
waren  in  der  Stichwahl  auf  die  Liberalen  gefallen,  544  Stimmen  wurden
für  ungültig  erklärt.  Es  waren  die  gültigsten  Stimmen:  sie  hatten  in  das
ganze  verrottete  Wahlsystem  Bresche  gelegt.
In  der  Begründung  der  Wahlrechtsänderung  von  1906,  die  für
bestimmte  Fälle  die  Fristwahl  einführt  und  eine  Anzahl  Wahlkreise,  darunter ­
  eben  diesen  Wahlkreis  Teltow-Beeskow-Charlottenburg,  in  kleinere
zerschlägt,  erklärte  am  23.  März  1906  der  Minister  von  Bethmann  Lollweg
  ausdrücklich,  die  Änderung  sei  unbedingt  nötig,  denn  der  bisherige  Zustand ­
  ermögliche  „in  großen  Wahlbezirken  Obstruktionsgelüsten  so  viel
Angriffe  gegen  das  ordnungsmäßige  Zustandekommen  des  Wahlaktes  selbst,  daß,
wie  allgemein  erinnerlich,  es  nur  einer  übergroßen  und  auf  die  Dauer
nicht  erträglichen  Anstrengung  der  Wahlkommissare  und  Wahlvorsteher  gelungen ­
  ist,  das  Verfahren  zu  dem  ordnungsmäßigen  Abschluß  zu  bringen".
Das  war  nirgends  so  sehr  der  Fall  gewesen  wie  hier.  Nun  war  die
Wahlrechtsänderung  von  1906  freilich  ein  klägliches  Flickwerk.  Sie  sollte
das  alte  Wahlsystem  befestigen.  Aber  zwischen  Absicht  und  Ergebnis
gibt  es  oft  eine  große  Kluft.  Tatsächlich  ist  aus  dem  Flick  ein  großer  Riß
geworden  und  der  Ausspruch  hat  sich  als  Prophetenwort  herausgestellt,  den
am  20.  November  1903  im  Wahllokal  für  den  dritten  Berliner  Wahlkreis,
als  das  Resultat  der  Abgeordnetenwahl  verkündet  war,  entrüstete  Sozialdemokraten ­
  den  ob  ihres  zu  Anrecht  erlangten  Sieges  glückseligen  Freisinnigen
zuriefen:  „Das  ist  das  letztem«!  gewesen,  daß  Ihr  diesen  Wahlkreis
bekommen  habt!"
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        <pb n="423" />
        Achtzehntes  Kapitel.

Die  Entwicklung  der  Maifeier  in  Berlin.

der  Beschluß  des  Pariser  intenrationalen  Sozialistenkongrefses  von
1889,  der  die  Arbeiter  aller  Länder  aufforderte,  am  I.Mai  jedes
Jahres  für  den  gesetzlichen  Arbeiterschutz  zu  demonstrieren,  in  Deutschland ­
  zum  erstenmal  zur  Ausführung  gebracht  werden  sollte,  kam  cs  darüber
zu  dem  schon  im  zweiten  Band  geschilderten  Konflikt  mit  den  „Jungen".
Weniger  dramatisch  gestalteten  sich  die  Dinge  im  Jahre  1891  bei  der  ersten
Ausführung  des  Pariser  Beschlusses  nach  dem  Erlöschen  des  Ausnahmegesetzes. ­
  Erst  in  ihrer  Folge  kam  es  zu  jener  Zuspitzung  des  Gegensatzes,
die  den  Austritt  eines  Teiles  der  „Jungen"  aus  der  Partei  herbeiführte.  Aber
ganz  ohne  Zwiespalt  ging  es  auch  bei  der  Maidemonstration  des  Jahres
1891  nicht  zu.
Der  Parteitag  von  Lalle,  der  erste  Kongreß  der  Partei  unter  dem
gemeinen  Recht,  hatte  in  Sachen  der  Maidemonstration  an  seinem  letzten
Tage  eine  von  Liebknecht  beantragte  Resolution  angenommen,  wonach  die
Maidemonstrationen  zwar  im  allgemeinen  am  1.  Mai  stattfinden,  dort  aber,
wo  der  Arbeitsruhe  sich  Lindernisse  in  den  Weg  stellten,  die  Llmzttge,  Feste
im  Freien  und  ähnliche  Veranstaltungen  auf  den  ersten  Sonntag  im  Mai
angesetzt  werden  sollten.  Da  aber  im  Jahre  1891  starker  Geschäftsdruck
herrschte,  beschlossen,  als  die  Zeit  der  Ausführung  herannahte,  die  sozialdemokratische ­
  Reichstagsfraktion  und  der  Parteivorstand  mit  allen  gegen
eine  Stimme,  den  Genossen  allgemein  die  Verlegung  der  Maifeier  auf  den
ersten  Sonntag  im  Mai  zu  empfehlen,  und  diesem  Rat  wurde  in  Berlin
insoweit  Folge  gegeben,  daß  am  1.  Mai  von  Demonstrationen  durch  Verlassen ­
  der  Arbeitsstellen  nur  wenig  zu  merken  war.  Die  große  Mehrheit
der  sozialistischen  Arbeiter  Berlins  hielt  zwar  am  alten  Datuin  fest,  begnügte
sich  aber  mit  der  Feier  am  Abend.  In  gegen  vierzig,  meist  sehr  stark
besuchten  Versammlungen  ward  am  Abend  des  I.  Mai  1891  in  Berlin  für  die
Arbeiterfordcrungen  demonstriert.  Jedoch  fanden  auch  noch  am  2.  und  3.  Mai
große  Demonstrationsversammlungen  statt,  da  nicht  alle  Vereine  geeignete
Lokale  für  den  Abend  des  1.  Mai  hatten  erlangen  können  oder  sonst  verhindert ­
  waren,  diesen  Zeitpunkt  zu  wählen.
Bei  alledem  ging  es  indes  auch  im  Jahre  1891  nicht  ganz  ohne  Arbeitsruhe
  und  Feier  am  Vormittag  des  1.  Mai  ab.  Im  Norden  Berlins,  im
sechsten  Berliner  Reichstagswahlkreis,  fand  am  Vormittag  des  1.  Mai  im
        <pb n="424" />
        426

Erklärung

Saale  zum  Eiskeller  eine
große  Versammlung  statt,
die  Eugen  Ernst  zum  Vorsitzenden ­
  und  Karl  Wildberger ­
  zum  Referenten
hatte,  beide  damals  Mitglieder ­
  der  Opposition,  und
der  Geist  der  Opposition  beherrschte ­
  dieganzeVersammlung.
  Wildberger  griff  in
seiner  Rede  die  Reichstagsfraktion ­
  auf  das  schärfste  an,
und  in  der  Debatte  ward  er
darin  von  A.  Kroll,  Will).
Börner,  Wilh.  Werner
und  Albert  Auer  dach  kräftig ­
  unterstützt.  Nach  Schluß
derVersammlung  marschierte
die  Mehrheit  der  Versammelten ­
  —  gegen  2000  Personen ­
  —  im  Zuge  durch  die
Straßen,  was  immerhin
einen  gewissen  Eindruck
machte.
Im  allgemeinen  war
1891  die  Beteiligung  an  den
Maidemonstrationen  erheblich ­
  stärker  als  im  Vorjahr,
doch  fehlte  dem  Ganzen  der
einheitliche  Zug,  der  sonst
die  Veranstaltungen  der
Berliner  Arbeiterschaft  auszeichnet. ­

Im  Jahre  1892  fiel  der
1.  Mai  auf  einen  Sonntag.
Dadurch  konnte  die  Feier  in  höherem  Grade  diesen  einheitlichen  Charakter
tragen,  und  stärker  als  in  den  Vorjahren  war  auch  die  Beteiligung  an
den  Versammlungen  und  Festlichkeiten.  Alle  größeren  Lokalitäten,  deren
man  überhaupt  habhaft  werden  konnte,  waren  gemietet  worden,  und  ausnahmslos ­
  war  der  Besuch  ein  glänzender.  Der  Maitag  war  Volksfest
geworden.
Damit  war  aber  die  Maifeierfrage  noch  nicht  gelöst.  Wohl  hatte  der
Brüsseler  internationale  Sozialistenkongreß  von  1891  bestimmt,  daß  die
Maidemonstrationen  durchgängig  ain  I.  Mai  stattfinden  sollten,  und  sich
grundsätzlich  für  Arbeitsruhe  ausgesprochen.  Zu  letzterem  aber  war  der  Zusah ­
  angenommen  worden:  „Soweit  dies  durch  den  Zustand  in  den  einzelnen
Ländern  nicht  unmöglich  gemacht  wird",  und  damit  war  es  der  Auslegung
der  Parteien  in  den  einzelnen  Ländern  überlassen,  nach  Wunsch  und  Bedürfnis ­
  selbst  zu  bestimmen,  ob  bei  ihnen  die  Arbeiksruhe  „möglich"  oder

parteivorstandcs  zur  Differenz  der  /Metallarbeiter
bei  der  H.  6.-6.  die  Maifeier  betreffend.

1  Der  Parkeivorstand  erklärt,  daß  er  ans  Grund  der  Verhandlungen,
die  er  seiner  Zeit  mit  der  Generalkommission  der  Gewerkschaften,  die
Maifeier  betreffend,  geführt  hat.  bereit  ist.  falls  der  Metallarbeiterverband
ihn  darum  ersucht,  die  finanziellen  Opfer,  welche  die  diesjährige  Maifeier ­
  dem  Verband  auferlegte,  nach  Möglichkeit  tragen  zn  helfet».
Die  Form,  in  welcher  der  Parteivorstand  diese  Mittel  aufbringt,
ist  ausschließlich  dessen  Angelegenheit.
2.  Der  Parteivorstand  kann  kein  Urteil  abgeben  über  die  HandlungSweise
  der  als  Mitglieder  des  Metallarbeiterverbandes  in  der  A.  E.-G.
beschäftigten  Parteigenossen,  soweit  diese  ihren  früher  gefaßten  Beschluß,
bei  der  Maifeier  nicht  zu  arbeiten,  selbst  mißachteten.
Dieser  Beschluß  ist  auf  Grund  der  Vorschriften,  welche  der  Metallardeiterverband
  für  seine  Mitglieder  bezüglich  einer  Entscheidung  über
die  Maifeier  erließ,  gefaßt  worden.  ES  handelt  sich  also  hierbei  in
erster  Linie  um  eine  gewerkschaftliche  Angelegenheit,  zu  der  zunächst  die
Gewerkschaft  Stellung  zu  nehmen  hat?
Der  Parteivorstand  ist  aus  Grund  der  Parteiorganisation  oecpflichtet,
  abzuwarten,  ob  eine  lokale  Organisation  den  Antrag  stellt,
ein  Parteimitglied,  das  sich  an  der  Nichteinhaltung  deS  in  der  A.  E.-G.
gefaßten  Beschlusses  betreffend  die  Maifeier  beteiligte,  wegen  ehrloser
Handlung  mi3  der  Partei  auszuschließen.  Wird  ein  solcher  Antrag
gestellt,  so  ist  der  Parteivorstand  verpflichtet,  ein  Schiedsgericht  zusammen
zu  berufen,  zu  dem  er  den  Vorsitzenden  ernennt.
Der  Parteivorstand  würde  also,  wenn  er  von  sich  auS.in  einem
Falle  wie  den»  vorliegenden  ein  Urteil  fällte,  von  vornherein  als  Partei
erscheinen  und  die  Unparteilichkeit  des  Schiedsgerichtsspruchs  in  Frage
stellen.
3.  Soweit  der  Parkeivorstand  in  der  Lage  ist,  die  Vorgänge,  die
anläßlich  der  Maiseier  mit  dem  Verhalten  eines  großen  Teils  der  Mitglieder ­
  des  MetdllarbeitervecbandeS,  die  in  der  A.  E.-G.  beschäftigt  sind,
in  Verbindung  stehen,  beurteilen  zu  können,  glaubt  er.  daß  auf  beiden
Seilen,  d.  h.  sowohl  aus  Seite  der  bei  der  Ä.  E.-G-  beschäftigten  Mitglieder ­
  dcL  MetallarbeitcrvcrbandcS.  wie  bei  der  Leitung  desselben  Versehen ­
  hegangen  wurden.  die  eine  unklare  Situation  herbeiführten.
Von  diesen»  GesichtSpilNkt  auS  und  in  Anbetracht  deS  Umstandes,
daß  ei»  größerer  Konflikt  zivischen  dem  Metallarbeiterverband  und  seinen
renitent  geivordcne»»  Mitgliedern,  die  bei  der  A.  E.-G.  beschäftigt  sind,
für  die  Schar,'machcr  eine  ersehnte  Gelegenheit  wäre.  eS  zu  einer  Spaltung
in»  Metallarbeitervcrbande  zu  treiben  »»nd  eine  Kraftprobe  mit  den»
Unternehniertum  hervorzurufen,  empfiehlt  der  Parteivorftand  aller  aufzubieten, ­
  um  einen  solchen  Konflikt  zu  vermeiden.

199.  Erklärung  des  sozialdemokratischen  Parteivorstandes
        <pb n="425" />
        428

„nicht  möglich"  war.  Auf  dem  Parteitag  der  Deutschen  Sozialdemokratie  von
1892,  der  in  Berlin  tagte,  ward  für  die  Maifeier  von  1893  die  Arbcitsruhe
  mit  236  gegen  5  Stimmen  abgelehnt;  nicht  einer  der  Delegierten  der
sechs  Wahlkreise  Berlins  stimmte  für  die  Arbcitsruhe.  Allerdings  waren
die  rabiatesten  der  „Jungen"  mittlerweile  aus  der  Partei  ausgeschieden.
Trotzdem  wurden  am  l.  Mai  1893,  der  ein  Montag  war,  auch  von
Mitgliedern  der  Partei  Maidemonstrationen  am  Vormittag  abgehalten.
Es  waren  dies  eine  große  politische  Versammlung  im  Norden  Berlins,  die
wiederum  im  Eiskeller  tagte,  diesmal  aber  mit  Wilhelm  Liebknecht  als
Referenten,  und  eine  Anzahl  Versammlungen  gewerkschaftlichen  Charakters.
Die  Maurer  und  Putzer,  die  Maler,  die  Töpfer  vom  Baugewerbe,
die  Schneider  und  die  Glacehandschuhmacher  von  der  Bekleidungsindustrie ­
  feierten  den  1.  Mai  aus  eigenem  Antrieb  durch  Arbcitsruhe.  Alle
andern  Gewerbe  aber  und  die  Wahlvereine  hatten  die  Demonstration  auf
den  Abend  angesetzt,  nur  daß  bei  den  Wahlvereinen  und  verschiedenen
Gewerben  die  Festlichkeit  schon  am  Nachmittag  ihren  Anfang  nahm.
Dann  kam  im  Sommer  1893  der  Züricher  internationale  Kongreß,  der
den  Beschluß  hinsichtlich  der  Arbeitsrnhe  dahin  verschärfte,  daß  er  es  den
Sozialisten  überall  zur  Pflicht  machte,  die  auf  Verwirklichung  der  Arbeitsruhe ­
  gerichteten  Bestrebungen  zu  unterstützen.  Die  deutsche  Delegation
hatte  gegen  die  Verschärfung  gestimmt,  nachdem  die  Resolution  aber  die
Mehrheit  erlangt  hatte,  trug  man  ihr  auch  in  Deutschland  nach  bestem
Können  Rechnung.  Freilich  war  die  Geschäftslage  noch  sehr  schlecht  und
die  Verpflichtung  zur  Arbeitsruhe  um  so  weniger  angängig,  als  viele  Gewerkschaften ­
  an  Mitgliedern  verloren  hatten.  So  nahm  denn  der  im  Perbst
1893  in  Köln  abgehaltene  Parteitag  mit  allen  gegen  3  Stimmen  eine  Resolution ­
  an,  die  erklärte,  daß  die  deutsche  Sozialdemokratie  die  allgemeine
Arbeitsruhe  erstrebe,  sie  indes  im  Pinblick  auf  die  schlechte  Geschäftslage
nur  denjenigen  Organisationen  empfehle,  welche  sie  ohne  Schädigung  der
Arbeiterinteressen  durchführen  könnten.
Das  war  immerhin  eine  bestimmte  Direktive,  und  wer  war  besser  berufen,
zu  entscheiden,  ob  in  den  einzelnen  Gewerben  und  Werkstätten  die  Arbcitsruhe ­
  durchzuführen  war,  als  die  Gewerkschaften?  Am  1.  Mai  1894  halten
in  Berlin  fast  alle  Gewerkschaften  am  Vormittag  ihre  Maidemonstrationen
ab,  während  die  sozialdemokratischen  Wahlvereine  Festlichkeiten  veranstalten,
die  am  Nachmittag  ihren  Anfang  nehmen  und  am  Abend  durch  eine  Festrede ­
  ihre  politische  Weihe  erhalten.  Eine  Einteilung,  bei  der  es  auch  in
der  Folge  verbleibt.  Wie  sie  sich  fast  ganz  von  selbst  ergeben  hat,  wird  sie
auch  die  folgenden  Jahre  als  etwas  Selbstverständliches,  die  Durchführung
der  Arbeitsruhe  als  Angelegenheit  der  Gewerkschaften  betrachtet.  Dies  um
so  mehr,  als  sowohl  die  Festlichkeiten  der  Wahlvereine  wie  die  Vormittagsversammlungen ­
  der  Gewerkschaften  jetzt  fast  jedes  Jahr  sich  größeren  Besuches ­
  erfreuen.  Die  erst  so  umstrittene  Maifcierfrage  scheint  die  glücklichste
Lösung  gefunden  zu  haben.
Da  setzt  um  die  Jahrhundertwende  eine  Gegenströmung  ein.  Wohl
sind  die  Gewerkschaften  stark  gewachsen,  aber  auch  das  Unternehmertum
hat  sich  in  der  Zwischenzeit  immer  geschlossener  organisiert  und  nimmt  in
verschiedenen  Gewerben  die  Arbeitsruhe  des  1.  Mai  zum  Anlaß  von
Maßregelungen  im  großen  —  meist  Aussperrung  für  3  bis  6  Tage.
        <pb n="426" />
        Gegenmaßregeln  der  Arbeiter
reißen  hier  und  dort  Gewerkschaften ­
  zu  ungelegener
Zeit  in  kostspielige  Kämpfe
hinein,  und  die  Gewerkschaftsleitungen ­
  warnen  in
Rundschreiben  vor  „unüberlegten ­
  Schritten"  und  „leeren
Demonstrationen"  bei  der
Maifeier  (Rundschreiben  des
Vorstandes  des  Metallarbeiterverbandes ­
  vom  Jahre
1900).  Die  Warnungen  erfahren ­
  übertriebene  Auslegung, ­
  schließlich  wird  jedoch
im  Mai  1905  auf  dem  Kölner
Kongreß  der  freien  Gewerkschaften ­
  Deutschlands  vom
Referenten  Robert  Schmidt
und  anderen  offen  der  Gedanke ­
  ausgesprochen,  die  internationale ­
  Demonstration  für
die  Forderungen  derArbeiterklasse
  statt  von  den  Gewerkschaften ­
  am  Vormittag  allgemein ­
  am  Abend  des
1.  Mai  stattfinden  zu  lassen.
Das  waren  und  sind  freilich  soweit  erst  Vorschläge,  über  die  noch  keine
Entscheidung  getroffen  ist.  Aber  der  Referent  stützte  seinen  Vorschlag  unter
anderem  auf  Zahlenangaben,  wonach  die  Durchführung  der  Arbeitsruhe  in
Deutschland  ohnehin  hinter  dem  Wachstum  der  Arbeiterorganisationen  zurückbleibe, ­
  und  wenn  das  von  ihm  aufgezeigte  Zahlenverhältnis  von  Teilnehmern ­
  an  der  Arbeitsruhe  und  Mitgliedern  der  Organisationen  nicht  für
Berlin  zutrifft,  das  Verhältnis  vielmehr  hier  ein  günstigeres  ist,  als  im
Durchschnitt  Deutschlands,  so  ist  doch  auch  hier  in  verschiedenen  Gewerben
die  gleiche  Tendenz  zu  konstatieren.  Im  Jahre  1903  war  die  Zahl  der
Arbeiter  Berlins,  welche  am  1.  Mai  die  Arbeit  ruhen  ließen,  auf  rund
50  000  gestiegen.  Der  Bericht  der  Berliner  Gewerkschastskommission  hebt
das  mit  Genugtuung  hervor,  und  gewiß  will  diese  Zahl  schon  etwas  heißen.
Aber  die  Zahl  der  Mitglieder  der  an  die  Gewerkschastskommission  angeschlossenen ­
  Organisationen  war  damals  120  000,  und  auf  218  000  belief
sich  die  Zahl  der  Stimmen,  die  bei  der  Reichstagswahl  vom  16.  Juni  1903
allein  in  den  sechs  Wahlkreisen  Berlins  für  die  Kandidaten  der
Sozialdemokratie  abgegeben  wurden.  Im  Jahre  1905  zählten  die  freien
Gewerkschaften  Berlins  224000  Mitglieder,  an  der  Feier  des  1.  Mai
durch  Arbeitsruhe  aber  beteiligten  sich  in  jenem  Jahr  nicht  viel  mehr
Arbeiter,  als  im  Jahre  1903.  Ihre  Zahl  belief  sich  auf  höchstens  60  000,
so  daß  die  Differenz  zwischen  Feiemden  und  Organisierten  bedeutend  zugenommen ­
  hatte.

201.  Maisestbild  1906
        <pb n="427" />
        430

Das  soll  nicht  verschwiegen  werden.  Trotzdem  wäre  es  jedoch  sehr
voreilig,  aus  dieser  Differenz  auf  eine  abnehmende  Beliebtheit  der  Maifeier
als  Fest  der  Arbeiterklasse  zu  schließen.  Ein  so  großer  Zustrom  von  Mitgliedern, ­
  wie  ihn  die  Gewerkschaften  seit  der  Jahrhundertwende  zu  verzeichnen ­
  hatten,  braucht  eben  Zeit,  um  die  Ideenwelt  in  sich  aufzunehmen,
die  den  Angeworbenen  zum  opferbereiten  Mitkämpfer  im  vollen  Sinne  des
Wortes  macht,  und  grade  in  einer  Reihe  der  größten  Unternehmungen  Berlins
war  die  Arbeitsruhe  aus  den  schon  entwickelten  Gründen  nun  mit  größeren
Opfern  und  Gefahren  verbunden,  als  früher.  Die  absolute  Zahl  der  Teilnehmer
an  der  Maifeier  ist  aber  fast  ohne  Unterbrechung  gestiegen.  Jahre  sehr
starken  Geschäftsdruckcs  haben  ihre  Zunahme  gelegentlich  verlangsamt,  auch
stellt  die  Frage  der  Lokalitäten  der  vollen  Durchführung  der  Maifeier
große  Schwierigkeiten  in  den  Weg.  Masscnumzüge  werden  von  den  Behörden ­
  am  l.  Mai  nicht  geduldet,  größere  Ausflüge  ins  Freie  im  voraus
zu  veranstalten  verbietet  in  dieser  Jahreszeit  das  Klima.  Im  ganzen  fleht
sich  die  Arbeiterschaft  Berlins  daher  für  ihre  Maiveranstaltungcn  auf
Saallokalitäten  angewiesen,  und  diese  stehen  ihr  in  so  großer  Zahl,  als  nötig
wäre,  den  ganzen  Kcerbann  der  Arbeiterbewegung  zu  fassen,  nicht  zur  Verfügung. ­
  Das  zeigt  sich  ja  auch  bei  Veranstaltungen,  wie  Wahlrechtsdemonstrationen, ­
  Proteste  gegen  Polizeiakte  oder  Steuerungerechtigkeiten,  die
durch  die  Unmittelbarkeit  ihres  Zwecks  die  Geister  besonders  lebhaft  anregen.
Stets  fehlt  es  an  der  nötigen  Anzahl  großer  Säle,  und  die  Statistik  der
in  den  gemieteten  Sälen  sich  drängenden  Massen  liefert  immer  mehr  nur
einen  Anzeigcmaßstab  für  die  wirkliche  Werbekraft  des  Demolistrationsgegenstandes. ­

hiernach  ist  auch  die  Teilnahme  an  der  Maifeier  zu  bewerten.  Es  untersteht
nicht  dem  leisesten  Zweifel,  daß  sie  in  den  Kerzen  der  sozialistischen  Arbeiterschaft ­
  tiefe  Wurzel  geschlagen  hat.  Sehen  wir  von  den  ersten  Jahren  ab,
und  nehmen  wir  das  Jahr,  wo  der  Weltfeiertag  der  Arbeit  zuerst  in  der
noch  bestehenden  Anordnung  zwischen  Partei  lind  Gewerkschaften  gefeiert
wurde,  als  Ausgangspunkt,  so  hat  sich  die  Zahl  der  in  Berlin  am  1.  Mai
Arbeitsruhc  Äbenden  immerhin  seit  jenem  Jahr  vervierfacht.  1894  wurden
in  Berlin  von  den  Gewerkschaften  12  000  Feiernde  festgestellt,  1905  dagegen
waren  es  zwischen  50-  und  60  000.  Die  Zahl  derer  aber,  die  an  den  Nachmittags- ­
  und  Abendfesten  der  Wahlvereine  teilnahmen,  beläuft  sich  auf
mehrere  Kunderttausend.  Lind  welche  Begeisterung  bricht  auf  diesen  Festen
neben  allen  Lustbarkeiten  und  Llntcrhaltungen  immer  wieder  durch!  Mit
welchem  Jubel  werden  auf  ihnen  die  Melodien  der  Arbeiterlieder  begrüßt,
mit  welcher  Inbrunst  die  Massengcsänge  mitgesungen,  mit  welch  stürmischen
Zustimmungen  die  Festreden  entgegengenommen,  die  den  Sinn  der  Feier
darlegen!  Es  ist  ein  großer  Irrtum,  sie  wegen  der  Verbindung  mit  den
Lustbarkeiten  als  „Kaffeekränzchen"  gering  einzuschätzen.  Das  Maifest  soll
ein  Fest  der  Freude  sein,  und  um  so  mehr  wird  der  Weltfeiertag  der
Arbeiterklasse  seinen  Zweck  erfüllen,  je  mehr  er  für  die  Heranwachsende
Arbeitergeneration  den  Wert  und  die  Bedeutung  erlangt,  den  die  alten
Kirchenfeste  für  ihre  Eltern  und  Voreltern  gehabt  hatten.
        <pb n="428" />
        Neunzehntes  Kapitel.
Die  Opfer  und  die  Bilanz  des  Kampfes

die  deutsche  Sozialdemokratie  alle  Putschmacherei  und  Verschwdrungs--/
  spielerei  grundsätzlich  verwirft,  sollten  ihre  Mitglieder  nicht  häufiger
vor  Gericht  kommen,  als  etwa  die  Mitglieder  ihrer  Bruderparteien
in  Belgien,  Dänemark,  England,  Frankreich,  der  Schweiz;  denn  wer  die
sozialistische  Presse  dieser  Länder  liest  und  ihre  sozialistischen  Versammlungen
besucht,  wird  dort  keiner  wesentlich  anderen  und  in  verschiedenen  dieser  Länder
jedenfalls  keiner  milderen  Sprache  in  bezug  auf  die  Staatseinrichtungen,
die  Regierungen  und  sonstigen  Behörden  begegnen,  als  sie  in  der  sozialdemokratischen ­
  Presse  und  den  sozialdemokratischen  Versammlungen  Deutschlands ­
  üblich  sind.  Aber  wie  selten  konnnt  es  vor,  daß  in  jenen  Ländern
sozialdemokratische  Redakteure  oder  sozialdemokratische  Redner  von  Staats
wegen  vor  Gericht  gestellt,  und  wie  viel  seltener  noch  geschieht  es,  daß  sie
verurteilt  werden.  Dies  und  die  Tatsache,  daß  Redakteure  und  Redner
in  Deutschland  schon  selbstverständlich  nach  Möglichkeit  auf  die  Praxis  der
Gerichte  Rücksicht  nehmen,  muß  man  im  Auge  behalten,  um  den  richtigen
Maßstab  zu  haben  für  die  Strafverfolgungen  und  Verurteilungen,  von
denen  die  Geschichte  der  fünfzehn  Jahre  Berliner  Arbeiterbewegung  zu
erzählen  weiß,  die  unser  Buch  behandelt.
Es  entfällt  in  diese  Epoche  nicht  ein  einziger  Prozeß  gegen  Sozialdemokraten, ­
  bei  dem  auch  nur  die  Anklage  von  geplanten  Gewaltakten  hochverräterischen ­
  Charakters  spräche,  auf  solche  bloß  andeutend  hingewiesen
wiirde.  Die  einzigen  Prozesse,  die  von  Gewaltakten  erzählen,  betrafen
Arbeiter,  die  bei  Streiks  oder  Aussperrungen  Tätlichkeiten  gegen  Arbeitswillige ­
  begangen  oder  Sachbeschädigungen  verübt  haben  sollten,  oder  —  in
einigen  wenigen  Fällen  —  Arbeiter,  die  sich  Schutzleuten  oder  ähnlichen
unteren  Beamten  widersetzt  hatten  oder  widersetzt  haben  sollten.  Die
Masse  der  eigentlich  politischen  Anklagen  und  Verurteilungen  aber  beziehen
sich  auf  Landlungen,  die  man  anderwärts  entweder  überhaupt  nicht  oder
nur  in  ganz  extremen  Fällen  unter  Anklage  stellt:  Beleidigung  irgendwelcher
irdischen  oder  überirdischen  Autoritäten:  —  Gottes  und  seiner  Priester,  des
Staatsoberhauptes,  der  Beamten  oder  des  Leeres.  Ihre  Ahndung  fängt
aber  auch  schließlich  in  Deutschland  an,  als  überlebt  betrachtet  zu  werden.
Mehr  als  zwei  Drittel  der  Prozesse  entfallen  auf  das  erste  Drittel  unserer
Epoche,  nach  1895  geht  ihre  Zahl  auffallend  zurück  und  erst  der  Anfang
        <pb n="429" />
        432

des  neuen  Jahrhunderts  bringt  mit  dem  China-Feldzug  und  dem  Feldzug
in  Südwestafrika  stärkere  Verurteilungen  wegen  Beleidigung  von  Kriegsherr,
Truppenführer  oder  Truppen.  Von  anderen  gerichtlichen  Verfolgungen
politischer  Natur  dagegen  wird  es  verhältnismäßig  still.  Lediglich  die  Prozesse ­
  wegen  Überschreitungen  der  erlaubten  Formen  des  Gewerkschaftskampfes
dauern  in  größerem  ümfange  an;  wie  denn  überhaupt  die  Verurteilungen
von  Arbeitern  auf  Grund  solcher  Anklagen  in  der  Liste  der  Opfer  des
Klassenkampfes  einen  großen  Raum  einnehmen.
Eine  nach  Möglichkeit  erschöpfende  Zusammenstellung  aller  Freiheitsstrafen, ­
  die  im  Bereich  von  Groß-Berlin  von  Anfang  des  Jahres  1891
bis  zum  Jahresschluß  1905  wegen  politischer  und  gewerkschaftlicher  Vergehen
verfügt  wurden,  ergibt  in  runden  Zahlen  die  Verurteilung  von  130  Personen
zu  zusammen  45  Jahren  Gefängnis.  Es  fehlen  jedoch  dabei  die  Verurteilungen
zu  Äaftstrafen  von  unter  einer  Woche,  sowie  die  nicht  geringe  Zahl  der
Fälle,  wo  Geldstrafen  durch  Gefängnishaft  abgebüßt  wurden.  Mit  ihnen
würde  die  Summe  der  Freiheitsentziehungen  sich  auf  gegen  60  Jahre
erhöhen.  Was  die  verfügten  Geldstrafen  anbetrifft,  so  ist  von  ihrer  Aufrechnung ­
  abgesehen  worden,  da  Vollständigkeit  hier  noch  schwerer  zu  erzielen
ist,  als  bei  den  Freiheitsstrafen,  und  die  Geldstrafen  noch  wenig  über  die
Geldkosten  besagen,  die  der  Arbeiterschaft  durch  die  polizeilichen  und
gerichtlichen  Verfolgungen  auferlegt  wurden,  und  die  sich,  da  auch  die
Prozesse  hierhergehören,  die  mit  Freisprechung  endeten,  zu  ganz  anderen
Beträgen  summieren.  Wir  glauben  nicht  zu  übertreiben,  wenn  wir  die
Gesamtsumme  aus  über  100  000  Mark  schätzen.
Mehr  als  ein  Drittel  der  vorerwähnten  45  Jahre  Gefängnis,  nämlich
rund  18  Jahre,  wurden  Arbeitern  wegen  Vergehen  im  Koalitionskampf
auferlegt,  gegen  10  Jahre  waren  Strafen  für  Preßvergehen  oder  was
Richter  dafür  erklärten,  der  Rest  entfällt  auf  Verurteilungen  für  Reden  in
Versammlungen,  Ausrufe  bei  Zusammenstößen  mit  der  Polizei  und  die
vereinzelten  Fälle  von  Widerstand  gegen  Schutzleute  bei  solchen  Zusammenstößen. ­
  Eine  Aufzählung  aller  dieser  Verurteilungen  im  einzelnen  verbot
sich  von  selbst.  Aber  auch  eine  Aufzählung  der  gravierenderen  Fälle  von
Klassenjustiz  stellte  sich  als  nicht  durchführbar  heraus,  weil  es  ihrer  zu  viele
sind,  um  sie  alle  vorzuführen,  jede  willkürliche  Begrenzung  aber  falsche
Vorstellungen  erwecken  würde.
Es  soll  natürlich  nicht  geleugnet  werden,  daß  ein  Teil  der  ürteile  nach
heutigem  Recht  gefällt  werden  mußten,  daß  Arbeiter  durch  Erbitterung  über
unkollegialisches  Landein,  Redner  durch  Leidenschaftlichkeit  sich  zu  Ausdrücken ­
  und  Schriftsteller  durch  Leichtgläubigkeit  sich  zu  Beschuldigungen
verleiten  ließen,  die  auch  vor  einem  Tribunal  von  Sozialdemokraten  nicht
bestehen  würden.  Aber  selbst  bei  diesen  Vorkommnissen  kommt  im  Strafmaß ­
  oft  die  Klassendenkweise  der  Richter  zum  Ausdruck,  wie  sich  das  unter
anderem  zeigt,  wenn  genau  dieselbe  Landlung  —  sagen  wir:  handgreifliches
Vorgehen  gegen  Arbeitswillige  bei  gleicher  Lage  des  Falles  —  das  eine  Mal
von  dem  einen  Gerichtshof  mit  ein  paar  Tagen,  das  andere  Mal  von
einem  anderen  Gerichtshof  mit  ebensovielen  oder  selbst  noch  mehr  Wochen  Gefängnis ­
  geahndetwird.  Diese  fast  alltäglichenünterschiedein  der  Strafbemessung
lassen  erkennen,  wie  sehr  beim  Richterspruch  die  persönlichen  Vorurteile
und  Stimmungen  mitreden.  Es  sind  keineswegs  nur  die  größeren  Freiheits-
        <pb n="430" />
        Zwei  Achtundvierziger.

Leonei  Fe!ringer.

Bernstein.  Berliner  Geschichte.

III.

28

Zwei  Marxianer  sieht  man  bie&amp;gt;
Die  einstmals  zu  des  Meislers  Füssen
Ihr  Leben  suchten  zu  versüssen
Mit  radikaler  Theorie.

Es  trennte  sich  bald  ihr  Lebenspfad  —
Dieweil  der  Eine  sich  .entwickelt*.
Den  Marx  ins  Praktische  venniquelt
Als  keck  entschlossner  Mann  der  That

Blieb  treu  der  Andre  seinem  Licht.
Heut  sitzt  er  hinter  Kerkermauem  —
Und  dennoch  —  wollt  ihr  ihn  bedauern?
Ich  glaub',  er  tauscht  mit  jenem  nick»

202.  Karikatur  aus  dem  „Narrenschiff"
        <pb n="431" />
        434

strafen,  die  von  Klassenjustiz  erzählen,  auch  Verurteilungen  zu  Tagen  und
Wochen  kennzeichnen  sich  sehr  oft  als  Ausfluß  von  Klassenrechtsprechung.
So  wurde  im  Jahre  1897  in  Berlin  ein  Maurer  Zim  als  der  Bedrohung
und  Ehrverletzung  schuldig  zu  einer  Woche  Gefängnis  verurteilt,  weil  er
bei  der  Mitteilung  an  Kollegen,  daß  auf  einem  bestimmten  Bau  Forderungen ­
  nicht  bewilligt  seien,  hinzugefügt  haben  sollte:  „Wenn  ihr  anfangt,
werdet  ihr  aus  dem  Verband  herausgeschmissen".  Nun  weiß  ein  jeder,
daß  die  Zugehörigkeit  zu  einem  Gewerkschaftsverband  als  elementarste
Pflicht  die  Ausübung  der  Solidarität  im  Lohnkampf  bedingt;  in  den
Worten  lag  also  nichts  als  die  etwas  derbe  Formulierung  einer  Selbstverständlichkeit. ­
  And  trotzdem  begründen  Richter,  denen  gut  bekannt  ist,
daß  Anternehmervereine,  studentische  Verbindungen  und  unzählige  andere
Körperschaften  ungestraft  genau  nach  gleichen  Maximen  verfahren,  hierauf
eine  Verurteilung  zu  Gefängnis.  Daß  es  hier  nur  eine  Woche  verfügt,
macht  das  Arteil  nicht  weniger  zu  einem  Klassenurteil,  wie  in  einem  anderen
Falle  die  Verurteilung  zu  einem  Jahr  und  mehr.  Im  Dezember  1898
wird  der  bis  dahin  unbestrafte  Maurer  Rudolf  Lahn  vom  Landgericht
Berlin  II  zu  einem  Monat  Gefängnis  verurteilt,  weil  er  einem  anderen
Maurer  Karl  Schulz  erklärt  haben  sollte,  daß,  wenn  er  dem  Verband  nicht
beitrete,  andere  Maurer  nicht  mit  ihm  arbeiten  würden.  In  der  Verhandlung ­
  wurde  die  ihren  Arheber  als  Muster  von  Engherzigkeit  kennzeichnende ­
  Bemerkung  des  Schulz,  der  Verband  habe  „weiter  keinen
Zweck,  als  den  Arbeitern  das  Geld  aus  der  Tasche  zu  ziehen",  von  der
Mehrzahl  der  Mitglieder  des  Gerichts  mit  Leiterkeit  und  zustimmenden
Gebärden  begrüßt  und  Schulz  ermuntert,  noch  mehr  auszusagen,  dagegen
die  Vereidigung  der  Entlastungszeugen  des  Lahn  abgelehnt,  obgleich  selbst
der  Staatsanwalt  noch  nach  dem  Verhör  dieser  Zeugen  erklärt  hatte,  es
liege  kein  Grund  vor,  sie  nicht  zu  vereidigen.  Das  war  derselbe  Klassengeist, ­
  der  im  September  des  gleichen  Jahres  in  der  vierten  Strafkammer
des  Landgerichts  Berlin  I  den  Maurer  Loppe  zu  neun  Monaten  Gefängnis ­
  verurteilte,  weil  er  einen  Streikbrecher  bedroht  und  vor  die  Brust
gestoßen  haben  sollte.  Loppe  hat  heftig  bestritten,  derjenige  gewesen  zu
sein,  der  den  Stoß  erteilt  habe,  aber  selbst  wenn  man  es  für  erwiesen
annimmt,  daß  er  die  Tat  begangen,  konnte  nur  Klassengeist  sie  mit  dieser
Strafe  ahnden.  Gleichartige  Gerichtssprüche  der  einen  wie  der  anderen
Gattung  spielen  die  ganze  Epoche  über,  nur  ist  es  wiederum  charakteristisch,
daß  sie  sich  nach  den  Kaiserreden  von  Bielefeld  und  Oeynhausen  —  17.  Juni
1897  und  6.  September  1898  —  mit  ihren  Ankündigungen  eines  Kreuzzugs
gegen  die  Belästigung  von  Arbeitswilligen  ganz  besonders  häufen.
Daß  auch  bei  den  politischen  Verfolgungen  es  nicht  ohne  Perioden
abgeht,  wo  Staatsanwälte  und  Richter  sich  außergewöhnlich  eifrig  darauf
bedacht  zeigen,  der  Kritik  in  Wort  und  Schrift  Zügel  anzulegen,  wurde
schon  oben  hervorgehoben.  So  zeichneten  sich  die  Jahre  1893,  1894  und
1895  ganz  besonders  durch  Verfolgungen  und  hohe  Strafen  wegen  Beleidigungen ­
  himmlischer  und  irdischer  Lerrscher  und  Trabanten  aus.  Von
Redakteuren  des  „Vorwärts"  werden  in  diesen  Jahren  ob  solcher  Vergehen ­
  August  Enders  zu  IOV2  Monat,  Max  Pfund  zu  9  Monat,  Emil
Dierl-Roland  zu  6  Monat,  Robert  Schmidt  zu  5  Monat,  Franz
Schulze  zu  4  Monat  Gefängnis  verurteilt,  von  Redakteuren  des  damals
        <pb n="432" />
        435

herausgegebenen  „Sozialdemokrat"  Max  Zachau  zu  9  Monat  und  Max
Schippel  zu  3  Monat,  von  Redakteuren  des  „Volksblatt  für  Teltow-Beeskow"
  Rautmann  zu  12  Monat  und  Gustav  Keßler  zu  3  Monat,
der  Redakteur  der  „Gazeta  Robotnicza",  Josef  Woicziköwski,  zu  4  Monat
Gefängnis  verurteilt.  In  diese  Zeit  fällt  auch  der  Versuch,  den  Drucker
Max  Bading  für  den  Inhalt  einer  in  seiner  Druckerei  hergestellten  Druckschrift ­
  —  die  Märznummer  des  „Vorwärts"  vom  Jahre  1895  —  unbekümmert ­
  darum  verantwortlich  zu  machen,  daß  die  Nummer  vom  verantworlichen
  Redakteur  regelrecht  gezeichnet  war.  Dann  beginnt  eine  mehrjährige ­
  Pause  verhältnismäßiger  Ruhe,  bis  das  neue  Jahrhundert  wieder
einen  Lage!  von  Verurteilungen  über  Redakteure  des  „Vorwärts"  bringt.
Karl  Leid  wird  zu  zusammen  15  Monat,  Paul  John  zu  13  Monat,
Julius  Kaliski  zu  8  Monat,  Robert  Schmidt  zu  6  Monat  und
Wilhelm  Schröder  zu  4  Monat  Gefängnis  verurteilt,  von  Strafen  unter
3  Monat  und  Geldbußen  gar  nicht  zu  reden.
Indes  gibt  die  Liste  der  Freiheits-  und  Geldstrafen  nur  ein  Bild  der
Opfer,  die  der  Bewegung  und  ihren  Streitern  von  Gegnern  auferlegt
wurden.  And  sie  gibt  nicht  einmal  hierin  ein  vollständiges  Bild,  denn  es
kommen  zu  den  durch  Gerichtsspruch  verhängten  Strafen  noch  hinzu  die
Maßregelungen  durch  Prinzipale  und  Vorgesetzte  in  Form  von  Entlassung
aus  der  Arbeit,  Übergehung  bei  Beförderungen  und  Gehaltsaufb  esserungen
und  ähnliche  wirtschaftliche  Schädigungen  mehr.  Es  dürfen  nicht  übergangen
werden  die  seelischen  und  materiellen  Schädigungen  durch  das  Einstecken  und
oft  rücksichtslose  Zurückhalten  in  Antersuchungshaft,  wofür  ein  besonders
krasses,  aber  selbst  in  seiner  Art  durchaus  nicht  einzig  dastehendes  Beispiel
das  im  Jahre  1892  gegen  Leinrich  Peus  beobachtete  Verfahren  war,  der
trotz  Linweises  auf  die  stündlich  zu  erwartende  Niederkunft  seiner  jungen  Frau
in  durch  nichts  gebotener  Antersuchungshaft  gehalten  wurde,  bis  die  arme
Frau  ihren  Kindsbettnöten  erlegen  war.  Lierher  gehört  ferner  die  Ausstoßung ­
  Arthur  Stadthagens  aus  dem  Anwaltstand,  bei  der  dessen
Schriftsätze  über  das  gegen  Peus  geübte  Verfahren  eine  große  Rolle  spielten.
And  man  kann  nicht  von  Opfern  reden,  ohne  der  ungeheuren  Summe
von  Opfern  an  Geldmitteln  unb  Arbeitskraft  zu  gedenken,  die  den
Kämpfenden  nicht  auferlegt,  sondern  von  ihnen  für  die  verfochtene  Sache
freiwillig  dargebracht  wurden.  Auch  ihnen  gegenüber  versagt  die
statistische  Berechnung,  da  der  geringste  Teil  von  ihnen  zur  öffentlichen
Kenntnis  kommt  und  außerdem  im  Einzelfall  nicht  die  Löhe  der  Leistung,
sondern  ihr  Verhältnis  zur  Leistungsfähigkeit  des  Darbringers  die  Größe
des  Opfers  ausmacht.  Scheinbar  unbedeutende  Beiträge  zu  Sammlungen,
die  Übernahme  der  Arbeit  des  Flugblattaustragens  oder  der  Lausagitation,
von  der  Arbeit  der  Bezirks-  und  Abteilungsführer  gar  nicht  zu  reden,  bedeuten
stets  den  Verzicht  auf  einen  Bruchteil  der  nicht  allzu  vielen  Genüsse,  die
dem  Arbeiter  zur  Verfügung  stehen,  in  nicht  wenigen  Fällen  aber  auch
Opfer  an  Notwendigkeiten  der  Ernährung  und  Körperpflege.  Man  vergißt
das  leicht,  weil  diese  Opfer  in  so  großer  Zahl  gebracht  werden,  daß  sie
den  meisten  schon  als  Alltäglichkeiten  erscheinen.  Aber  diese  Alltäglichkeit
nimmt  ihnen  absolut  nichts  von  ihrer  Größe:  ist  doch  vielmehr  sie  selbst
gerade  einer  der  großartigsten  Züge  der  Bewegung.  Sie  ist  der  sicherste
Beweis  ihrer  inneren  Festigkeit,  ihrer  nicht  zu  lockernden  Verankerung  im
28»
        <pb n="433" />
        436

Volksleben.  Die  deutsche  Arbeiterbewegung  ist  über  die  Phase  längst
hinweg,  wo  melodramatisch  ausfallende  Opfer  für  sie  Bedeutung  haben
konnten.  Sie  erfordert  nicht  weniger,  sondern  sie  fordert  bloß  andere  Opfer,
wie  sie  ein  anderes  Heldentum  als  das  der  Preisgabe  des  Lebens  in  Momenten
der  Aufwallung  kennt.  Ihre  Leiden  opfern  ihr  Leben  unauffällig  stückweise  in
der  Gestalt  ruhiger  Pflichterfüllung.  Nicht  die  Gräber  einer  Zahl  auserlesener
Toter,  sondern  ganze  Reihen  von  Gräbern  erzählen  von  diesem,  zur
Alltäglichkeit  gewordenen  Heldentum  der  Pflicht.
Der  Toten!  Es  ist  unmöglich,  wo  von  Opfern  die  Rede  ist,  nicht
derjenigen  Kämpfer  der  Berliner  Bewegung  zu  gedenken,  die  in  der  Zeit,
die  wir  behandelt  haben,  ins  Grab  gesunken  sind.  Aber  ein  Empfinden,
das  man  begreifen  wird,  lehnt  sich  dagegen  auf,  an  dieser  Stelle  einzelne
Namen  aus  der  langen,  langen  Liste  der  dahingeschiedenen  Mitstreiter
herauszureißen.  Wo  soll  man  hier  die  Grenze  ziehen,  ohne  willkürlich  zu
verfahren,  welchen  Namen  fortlassen,  ohne  Ungerechtigkeit  zu  begehen?
Das  Gleiche  gilt  von  den  Leichenbegängnissen,  welche  die  Arbeiterschaft
ihren  besonders  verdienten  Vorkämpfern  bereitete.  Fast  jedes  Jahr  sah
deren,  manche  ihrer  mehrere.  Als  einzig  in  seiner  Art  ragt  aus  ihnen
das  am  12.  August  1900  erfolgte  Leichenbegängnis  Wilhelm  Liebknechts
hervor.  Hier  war  es  nicht  nur  die  Arbeiterschaft  Berlins,  hier  war  es
mit  ihr  die  ganze,  durch  Deputationen  aus  allen  Orten  Deutschlands  und
den  Hauptorten  des  Auslandes  vertretene  Internationale  der  Arbeiter,
die  dem  verstorbenen  „Soldaten  der  Revolution"  einen  Leichcnzug  stellte,
wie  ihn  kein  Fürst  mit  allem,  bei  der  Bestattung  der  Mächtigen  entfalteten
Schaugepränge,  kein  Führer  der  bürgerlichen  Klassen,  für  deren  Größen
die  ganze,  weit  verbreitete  Presse  die  Trommel  rührt,  jemals  auch  nur  annähernd ­
  gleich  gewaltig  und  eindrucksvoll  gehabt  hatten.  Ein  Trauerzug  von
zwischen  120  000  und  150  000  Teilnehmern,  der  durch  ein  Spalier  von
vielen  Lunderttausenden  den  fast  fünf  Stunden  währenden  Weg  zum
Begräbnisplatz  nahm,  an  der  Spitze  eine  endlose  Reihe  von  Wagen  mit
Kränzen  und  Palmenzweigen,  deren  Schleifen  mit  ihren  sinnreichen  Widmungen ­
  oft  wahre  Kunstwerke  waren  und  wie  sie  in  dieser  Schönheit  und
Fülle  eine  Arbeiterbewegung  nur  darbieten  kann,  die  Lunderttausende  umfaßt, ­
  dem  tiefen  Eindruck  dieser  Demonstration  der  Liebe  und  Verehrung ­
  konnten  selbst  die  Gegner  das  Zugeständnis  nicht  versagen,  daß  sie
etwas  Beispielloses  war.  Das  am  1.  Ostertage  des  Jahres  1902  am
Grabe  Liebknechts  enthüllte  prächtige  Denkmal  dieses  Mitbegründers  der
deutschen  Sozialdemokratie  zeigt  den  Nachkommenden  in  einer  in  Bronze
prächtig  ausgeführten  Büste  seine  charakteristischen,  von  Geist  und  Energie
durchleuchteten  Züge.
Es  ist  unmöglich,  nicht  auch  des  fast  spontan  zu  einer  großartigen,
erschütternden  Demonstration  gewordenen  Leichenbegängnisses  zu  gedenken,
das  die  Arbeiter  Berlins  am  2.  September  1894  einem  weiblichen  Vorkämpfer, ­
  der  tapferen  Agnes  Wabnitz,  bereiteten,  die  den  Ernst  ihrer
Erklärung,  daß  sie  einer  ihr  in  einem  Klassenurteil  aufdiktierten  längeren
Gefängnisstrafe  sich  nicht  unterziehen  werde,  dadurch  bekräftigt  hatte,  daß
sie,  nachdem  Nahrungsverweigerung  ihr  unmöglich  gemacht  war,  ihrem
Leben  freiwillig  ein  Ende  setzte.  Der  Friedhof  der  freireligiösen  Gemeinde,
auf  dem  die  Reste  der  Verstorbenen  beigesetzt  wurden,  war  lange  vor  der
        <pb n="434" />
        438

angesetzten  Zeit  dicht  besetzt,  und  zwei  Stunden  währte  es,  bis  alle  die
Kranzträger  die  von  Einzelnen  und  Körperschaften  gestifteten,  meist  mit
tiefroten  Schleifen  versehenen  Blumenspenden  auf  dem  Grabe  niedergelegt
hatten.  Draußen  aber  wogte  die  ganze  Zeit  über  eine  viele  Zehntausende
zählende  Menge,  die  durch  ihr  ernstes  Verhalten  den  tiefen  Eindruck  der
Kundgebung  noch  steigerte.
In  gleicher  Weise  wären  noch  viele  bemerkenswerte  Leichenbegängnisse
aufzuzählen.  Die  Bestattung  des  Veteranen  Theodor  Metzner  und  die
des  jugendlich  hoffnungsvollen  Dichters  und  Kämpfers  Emil  Rosenow,
die  des  in  gefährdeter  Situation  stets  tatbereiten  August  Iacobey  und
die  des  vielverfolgten  knorrigen  Gustav  Keßler,  sowie  noch  vieler  Tapferer,
die  sich  in  der  einen  oder  anderen  Weise  ausgezeichnet  hatten.  Es  scheint
indes  angemessen,  von  den  wenigen  Vorgenannten  abgesehen,  in  bezug  auf
die  Toten  keine  Ausnahme  zu  machen,  sondern  auch  diesem  Leere  gegenüber
die  demokratische  Gleichheit  obwalten  zu  lassen,  denn  sie  verbürgt  die  größere
Gerechtigkeit.  Llnsere  Bewegung  ist  groß  durch  die  Arbeit  der  Ungenannten.
Ja,  es  ist  eine  große  Bewegung.  Das  zeigt  die  Bilanz  der  Ergebnisse
ihrer  Arbeit.  Wohin  wir  blicken,  zeigt  sie  gegen  den  Anfang  gewaltigen
Aufstieg.  Kaum  zehn  Prozent  der  beschäftigten  männlichen  Arbeiter  Berlins
sind  am  Anfang  unserer  Epoche  gewerkschaftlich  organisiert,  am  Ende  ist
der  Prozentsatz  der  Organisierten,  trotz  der  Schwierigkeiten,  die  gerade  die
Weltstadt  der  Organisationsarbeit  entgegensetzt,  auf  gegen  30  Prozent
gestiegen,  hat  sich  das  Leer  in  absoluter  Zahl  mehr  als  verfünffacht.  In
fast  gleicher  Weise  ist  die  Armee  der  politisch  organisierten  Arbeiter  Berlins
gestiegen.  Sie  belief  sich  zu  Anfang  auf  kaum  zehntausend  und  zählte  am
Abschluß  41  700  Mitglieder  bei  bedeutend  durchgearbeiteter  Gliederung  und
Zusammenfassung  der  Kräfte.  Nicht  minder  groß  ist  die  Zunahme  der
Beteiligung  der  weiblichen  Arbeiterschaft  an  der  Bewegung.  Für  die
politische  Bewegung  läßt  sich  das  nicht  ziffernmäßig  feststellen,  weil  in  den
Wahlvereinen  die  Frauen  noch  nicht  Mitglieder  sein  durften,  in  der
Gewerkschaftsbewegung  aber  ist  die  Zahl  der  organisierten  Arbeiterinnen
von  kaum  1  500  auf  über  15  000  gestiegen,  hat  sie  sich  mehr  als  verzehnfacht.
Lind  wir  haben  gesehen,  wie  sich  in  entsprechender  Weise  in  den  öffentlichen
Körperschaften  die  Vertretung  der  Arbeiterklasse  gehoben  hat.  Wie  von
den  acht  Reichstagsmandaten  Groß-Berlins  zu  Anfang  nur  zwei,  am
Abschluß  aber  sieben  Besitz  der  Sozialdemokratie  waren,  wie  in  Berlins
Kommunalverkretung  die  Sozialdemokratie  im  Jahre  1891  erst  ein  Viertel,
Ende  1905  aber  zwei  Drittel  der  Mandate  der  dritten  Wählerabteilung
erobert  hatte  und  in  den  meisten  Vororten  ein  gleiches,  in  einigen  aber  ein
noch  günstigeres  Verhältnis  obwaltet.  In  den  Gewerbegerichten  Groß-Berlins
  sind  die  Arbeitcrbeisitzer  durchgängig  Angehörige  der  sozialistischen
Arbeiterbewegung,  im  Berliner  Kaufmannsgericht  hat  der  auf  dem  Boden
der  Arbeiterbewegung  kämpfende  Verband  der  Landlungsgehilfen  eine  starke
Vertretung.  Wie  das  alles  auf  die  ökonomisch-soziale  Lage  der  Arbeiter
zurückgewirkt  hat,  soll  zahlenmäßig  nicht  vorgeführt  werden,  weil  das
ökonomische  Leben  durch  Momente  mit  beeinflußt  wird,  die  sich  die  Arbeiterbewegung ­
  nur  zum  Teil  auf  Rechnung  sehen  kann.  Soviel  aber  ist  sicher:
wenn  der  durchschnittliche  Satz  der  Arbeitslöhne  in  allen  Industrien  und
Gewerben  Berlins  um  bis  zu  25  Prozent  und  darüber  gestiegen  ist,  wenn
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die  normale  Arbeitszeit  in  den  meisten  Gewerben  von  11  und  10  auf
9  Stunden  und  darunter  gefallen  ist,  und  wenn  schließlich  die  Position  des
Arbeiters  in  der  Werkstatt  eine  wesentlich  stärkere  geworden  ist,  das
Rechtsbewußtsein  des  Arbeiters  nicht  bloß  in  bezug  auf  seine  Stellung
imStaat,  sondern—was  noch  bedeutsamer  und  im  Zeitalter  des  Kapitalismus
schwerer  zu  erreichen  ist—  auch  in  bezug  auf  seine  Stellung  im  Gewerbe
eine  bedeutende  Lebung  erfahren  hat,  in  vielen  Fällen,  wo  vordem  nichts
davon  existierte,  nunmehr  wachgerufen  ist  und  sich  in  wohltätiger  Weise
geltend  macht,  dann  ist  das  alles  in  hohem  Grade  die  Frucht,  ist  es  vielfach
überhaupt  nur  zu  erreichen  gewesen  durch  den  Aufbau  und  das  unablässige
organisatorische  und  agitatorische  Wirken  der  vom  sozialdemokratischen  Geist
«füllten  Berliner  Arbeiterbewegung.

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Handlungsgehilfen!  Handlvngsgehilfinnen!
Der  Reichstag  hat  den  Gesetzentwurf  der  Regierung,  der  Eure  tägliche  Arbeitszeit
auf  14  Stunden  festsetzt,-  einer  Kommission  überwiesen.  Diese  hat  Gegenvorschläge  gemacht,
die  thatsächlich  eine  Verbesserung  des'  Regierungsantrages  bedeuten.  Kaum  waren  dieselben
bekannt,  da  erhob  sich  unter  der  Prinzipalität  ein  Sturm  der  Entrüstung.  War  doch  ihre
Freiheit,  Euch  auszubeuten»  in  etwas  beschränkt  worden.  Wußtet  Ihr  doch  jetzt,  wann,
unabhängig  von  der  Laune  der  Chefs,  Eure  Ruhezeit  beginnt:  wann  Ihr  Euch  Eurer
Familie,  Eurer  Erholung,  Eurer  Fortbildung  widmen  konntet.
Dem  Ansturm  der  Schreier  droht  die  Regierung  nachzugeben.  Alles  wollen
jene  der  freien  Vereinbarung  überlassen!  Keine  gesetzliche  Festlegung!  Hohn  und
Spott  über  die  „freie  Vereinbarung"!  Was  ist  sie  unserer  Prinzipalität,  ihr,  die  sich  mit
Ruhe  über  Gesetz  und  Recht  wegsetzt?!
Eine  gesetzliche  Sonntagsruhe  besteht  seit  Jahren.  So  kümmerlich  sie  ist,  wir
begrüßten  sie  als  ersten  Schritt  zur  Besserung  unserer  Lage.  Doch  wo  ist  sie  hin.?  Heute,
nach  kaum  zehn  Jahren,  kümmern  sich  Eure  Prinzivale  nicht  mehr  uni  jene  Vorschriften,  verachten
  das  Gesetz,  schlagen  den  Ueberwachnngsorganen  ein  Schnippchen.
Und  warum?  »
Weil  jene  Maßregeln  nur  halbe  waren,  Eure  Sonntagsruhe  nur  eine
theilweise.
Kollegen  und  Kolleginnen!  „Noth  lehrt  beten",  sagt  das  Sprüchwart,  „aber  Noth
lehrt  auch  kämpfen!"
Nur  ein«  einheitliche  Sonntagsruhe  kaun  uns  frommen!  Nur  die  Verkürzung ­
  unserer  täglichen  Arbeitszeit  kann  uns  ein  menschenwürdiges  Dasein  gewähren!
Darum,  Kollegen  und  Kolleginnen,  benutzt  jede  Gelegenheit,  für  Eure  Rechte  zu
demonstriren.  Zeigt  den  gesetzgebenden  Körperschaften,  welches  Eure  Wünsche  sind.
Erscheint  alle  in  der  am
Mittwoch,  de»  20.  September,  Abends  8'| 2  |U)t
stattfindende»
Großen  öffentlichen
Ikrfammlung  (kr  kanüelsangWlten
in  der  Berliner  Ressource,  Kommandantenstr.  57.
Hages  Krdnung.
l.  Vortrag  des  Reichstags-Abgeordneten  Pfannkuch  über:  „Der  gesetzliche
Ladenschluß".
S.  Dortrag  des  Kollegen  August  Hii.lze  -  „Die  Sonntagsruhe  vor  den
Stadtverordneten".
3.  Diskussion
Kköert  Koyn.
Vertrauensmann  der  Berliner  Handlungsgehilfen  und  Gehilfinnen.
"  gcl)lieiiiamiftrgjjc  11,  II.
StSäiiiüii  &amp;gt;m&amp;amp;  «Klag:  Alber,  S»oön.  11.-  Druck,  Maurer  u.  DImmIck,  BnU«.

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171.  Flugblatt  zugunsten  der  Sonntagsruhe  im  Handelsgewerbe
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