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        <title>Die Landwirtschafts-Genossenschaften Sowjet-Rußlands</title>
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            <idno>103137650X</idno>
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        <pb n="1" />
        Die  Landwirtschaft* ­

genossenschäften


Ü50av

bKOO

Allgemeiner  Genossenschaftsverlag  ♦  Friedrichshagen-Berlin
        <pb n="2" />
        Landwirtschafts-Genossenschaften

Sowjet  -  Rußlands
Mit  vier  Bildern  und  einem  Schema

Das  Umschlagsbild  ist  ein  Werbeplakat  der  land-1



9  mm

2  5

Allgemeiner  Genossenschaftsverlag  Friedrichshagen-Berlin
        <pb n="3" />
        VORWORT

Das  Werk  der  Selbstbefreiung,  das  die  russischen  Arbeiter  und  Bauern  geleistet ­
  haben,  ist  gewaltig.  Auf  dieser  Erde  gab  es  keine  solch  ausgebeutete
Klasse,  wie  sie,  auf  deren  Rücken  die  blutige  Knute  des  Zarismus  niederschlug.
Aber  diese  Klassendiktatur  des  Großkapitals  über  Stadt  und  Land  hat  bewirkt, ­
  daß  der  getrennte  Kampf  des  Volkes  in  der  Stadt  und  auf  dem  Lande
zum  gemeinsamen  Kampf  zusammengeschweißt  wurde.  Dieses  Kampfbündnis ­
  gab  die  ungeheuerliche  Stoßkraft,  die  zur  siegreichen  Oktoberrevolution ­
  1917  geführt  hat.  Die  gemeinsamen  Sieger  gingen  nun  auch  zum  gemeinsamen ­
  Aufbau  ihres  Arbeiter-  und  Bauernstaates,  der  russischen
Sowjetrepublik.
Es  ist  überraschend,  was  im  Aufbau  in  kaum  sieben  Jahren  geleistet
worden  ist,  trotz  der  kolossalen  Hemmnisse  durch  das  beutegierige  internationale ­
  Kapital  mit  seinen  militärischen  Interventionen  und  der  Blockade,
trotz  der  Zerstörungen  während  des  Krieges  und  der  gegenrevolutionären  Erhebungen, ­
  trotz  dem  Mangel  an  freier  Arbeitskraft  (wo  alle  Waffenfähigen  in
der  Roten  Armee  waren  zur  Verteidigung  ihres  wirklichen  Heimatbodens)
und  dem  Mangel  an  technischen  und  finanziellen  Mitteln.  Wie  ist  es  möglich,
daß  trotzalledem  der  Aufbau  der  Sowjetwirtschaft  gelingt?
Nicht  zuletzt  sind  es  die  Genossenschaften  in  Stadt  und  Land,
die  hierbei  ihre  großen  Verdienste  haben.
In  den  Ländern,  in  denen  das  Kapital  regiert,  sind  die  Genossenschaften
Kampfinstrumente  der  proletarischen  Selbsthilfe,  die
innerhalb  des  Rahmens  des  kapitalistischen  Systems  nur  kleine  materielle
Besserungen  erzielen  können.  In  dem  ersten  Staat,  in  dem  nicht  mehr  das
Kapital,  sondern  die  Arbeit,  d.  h.  die  Werktätigen  in  Stadt  und  Land
selbst  regieren,  sind  die  Genossenschaften  Aufbauorgane  in  der  Hand
der  herrschenden  proletarischen  Klasse.
Immer  wieder  hören  wir  den  Vorwurf:  Der  Kleinbauer  will  doch
gar  keinen  Sozialismus!  Glatter  Schwindel  ist  diese  Behauptung.
Gewiß  wird  die  Landbevölkerung  oft  nicht  wissen,  was  das  ist  „Sozialismus“
oder  „Kommunismus",  und  die  Pfaffen,  Lehrer,  Herren  und  Amtmänner  haben
ihnen  einen  heillosen  Schrecken  davor  eingejagt.  Wenn  wir  den  Bauern
aber  hier  in  dieser  Schrift  am  lebendigen  Beispiel  einmal  zeigen,  wie  dieser
Kommunismus  in  Wahrheit  und  Wirklichkeit  in  der  Praxis
aussieht,  dann  wird  er  ihn  wollen.  Weil  er  nämlich  sehr  schnell  erkennen
wird,  daß  diese  Sozialisierung  einfach  in  der  Verwirklichung  dessen  besteht,
was  er  mit  seinen  eigenen  Ideen  über  die  Genossenschaften  bei  sich  zu  Hause
vergeblich  wegen  der  Kapitalsdiktatur  zu  erreichen  trachtet.  Warum  vergeblich? ­
  Das  möge  jeder  selber  aus  der  Broschüre  studieren.  Er  wird  dann
finden,  daß  bei  uns  noch  die  wichtigste.Voraussetzung  fehlt,
die  unbedingt  da  sein  muß  —  das  ist  die  politische  Machteroberung*)
durch  die  Arbeiterklasse  in  Stadt  und  Land!
In  Sowjet-Rußland  sind  seit  der  siegreichen  Revolution  der  Boden  und
alle  wichtigen  Produktionsmittel  in  der  Hand  der  Allgemeinheit.  Land*) ­
  Siehe  hierzu  „Der  erste  Weltkongreß  der  Bauern“  in  Moskau.  Verlag  „Neues  Dorf",  Berlin  1924,
175  Seiten.
        <pb n="4" />
        wirtschaftliche  Genossenschaft  bedeutet  dort  den  Uebergang
von  der  individualistischen  (einzelwesigen)  Wirtschaft  zur  kollektivistischen
(gemeinschaftlichen)  Wirtschaft;  zuerst  beim  Warenabsatz  und  -einkauf  und
bei  einzelnen  Produktionsvorgängen  bis  zur  Gesamtproduktion  in  der  Kollektivwirtschaft. ­
  Das  russisch-zaristische  alte  Dorf  ist  das  unter  dem  feudalen
Großagrarier  seufzende,  gequälte,  ausgebeutete  Landvolk.  Das  sowjet-russische
neue  Dorf  ist  das  mit  Genossenschaften  allseitig  durchorganisierte  Dorf,  das
Elektrizität,  Molkereigenossenschaft,  eigene  Verwertungsbetriebe  für  Kartoffeln, ­
  Flachs,  Getreide,  Kultureinrichtungen  u.  a.  mehr  hat.  Zum  internationalen ­
  Genossenschaftstag  am  5,  Juli  1924  hat  eine  illustrierte  Zeitschrift
auf  ihrem  Titelblatt  eine  landwirtschaftliche  Genossenschaft  abgebildet  und
darunter  geschrieben:  das  ist  das  Tor,  durch  das  der  Weg  zum
Sozialismus  führt.  Lenin  hat  einmal  gesagt,  die  Genossenschaft,  das
ist  natürlich  noch  nicht  die  sozialistische  Gesellschaft,  aber  eine  weitausgedehnte ­
  Genossenschaft,  das  ist  alles,  was  zu  ihrem  Aufbau  notwendig  ist!
Wie  diese  Genossenschaft  am  Aufbau  der  sozialistischen  Wirtschaft  arbeitet,
wie  sie  das  Land  mit  der  städtischen  Industrie  verknüpft,  wie  sie  ökonomisch
die  Diktatur  des  Proletariats  fundamentieren  hilft,  das  zeigen  die  Kapitel  dieser
Broschüre.  Das  Material  dazu  ist  in  Rußland  selbst  an  Ort  und  Stelle  gesammelt, ­
  die  Angaben  stammen  meist  von  den  betr.  Organisationen  selbst.
Wir  hoffen,  daß  diese  Schrift  viele  Leser  finden  wird,  die  noch  wenig  über
das  neue  Rußland  wissen  und  die  vielleicht  noch  zu  jener  Schicht  gehören,
denen  nie  etwas  anderes  darüber  ans  Ohr  kam,  als  die  Schauermärchen  von
bolschewistischer  Zerstörung,  Mord  und  Brand.  Wie  oft  hat  man  den  Schwindel
gehört,  wie  furchtbar  insbesondere  die  Bauern  unter  der  proletarischen  Diktatur
gequält  werden,.  Solche  Lügen  zu  verbreiten,  ist  das  Gewerbe  all  jener,  die  an
der  Feindschaft  der  Massen  gegen  das  neue  Rußland  interessiert  sind.  Die
Arbeiter  selbst  und  die  armen  Kleinbauern,  Pächter  und  Siedler  haben  jedoch
ganz  das  gegenteilige  Interesse.  Nämlich  ebenfalls  mit  der  Arbeiterschaft  jenes
Kampfbündnis  zu  schließen,  das  sich  den  eigenen  Arbeiter-  und
Bauernstaat  geschaffen  hat.  Dieses  siegreiche  Bündnis  der  Arbeiter  und
Bauern  beruht  nicht  auf  Zwang  und  Nötigung,  es  ist  herausgewachsen  aus  der
Ueberzeugung  von  dem  praktischen  Nutzen.  Denn  wer  hat  das  alles
fertiggebracht,  was  tatsächlich  in  Rußland  heute  da  ist?  Das  ist  die  gemeinsame ­
  Leistung  des  Arbeiter-  und  Bauembündnisses!  Dies  Bündnis  allein  hat
es  fertiggebracht,  den  Bauer  wirklich  frei  zu  machen  aus  der  Sklaverei  und
Abhängigkeit  vom  Großbauer,  vom  Wucherer  und  Händler.  Dieser  Bund  bringt
landwirtschaftliche  Kenntnisse  und  Kultur  aufs  Land,  er  brachte  den  Kredit,
die  Maschinen  und  die  Elektrizität,  kurzum  den  technischen  Fortschritt  und  die
Organisation.  Besonders  die  Genossenschaft  ist  zur  freien,  wirtschaftlich  und
kulturell  fortschrittlichen  Betätigung  im  Interesse  der  ehemals  Ausgebeuteten
geworden.
Wer  das  Gegenstück  zu  den  Landwirtschaftsgenossenschaften,  nämlich  die
Riesenorganisation  der  Konsumgenossenschaften  Sowjet-Rußlands
kennen  lernen  will,  der  sei  auf  die  gleichartige  Broschüre  „Unsere  Rußlandreise ­
  —  die  erste  Delegation  deutscher  Genossenschafter  in  Sowjet-Rußland"
  hingewiesen.

Weißenfels  (Saale).

Karl  Bittel.

1  Pud.  .
1  Werst  .
1  Sasken

Russische  Maße  und  Gewichte
16,36  kg  1  Deßjatine  1,09  ha
1,067  km  oder  4,3  deutsche  Morgen
2,1  m  1  Rubel  zirka  2  Mk.
        <pb n="5" />
        5

Die  neuen  Landwirtschaftsgenossenschaften
Sowjet-Rußlands
Am  24.  August  1924  feierten  die  landwirtschaftlichen  Genossenschaften ­
  Sowjet-Rußlands  den  dritten  Jahrestag  ihrer
Arbeit  unter  den  Verhältnissen  der  neuen  Wirtschaftspolitik.
Bis  zum  Jahre  1921  waren  sie  mit  den  Konsumgenossenschaften
unter  Führung  des  „Zentrosojus"  zu  einem  einzigen  einheitlichen ­
  Genossenschaftssystem  verschmolzen,  welches  die  Verteilungsfunktion ­
  im  Arbeiter-  und  Bauernstaat  erfüllt  hatte.  Mit
Beginn  der  neuen  Wirtschaftspolitik  standen  vor  beiden  Genossenschaftsarten ­
  verschiedenartige  Aufgaben:  die  Konsumgenossenschaft ­
  soll  das  kapitalistische  Verteilungssystem  von  nun
an  nach  und  nach  ersetzen,  während  die  landwirtschaftliche
Genossenschaft  die  ganze  bäuerliche  Produktion  organisieren  soll.
Zu  Beginn  der  neuen  Wirtschaftspolitik  hat  die  Sowjetregierung ­
  die  landwirtschaftliche  Genossenschaft  zur  selbständigen
(autonomen)  Existenz  aufgefordert.  Eine  Reihe  Dekrete  (vom
17.  Mai,  10.  Juni,  26.  Juli  1921)  legten  die  allgemeinen  Bedingungen
und  Grundprinzipien  ihrer  Organisationen  fest.  Das  Dekret  des
Allrussischen  Zentralvollzugskomitees  und  des  Rates  der  Volkskommissare ­
  vom  16.  August  1921  hat  in  einem  Gesetz*)  diese
Grundzüge  noch  genauer  und  umfassender  dargelegt.  Die  landwirtschaftliche ­
  Genossenschaft  und  ihre  systematische  Förderung
wurde  „als  Staatssache“  anerkannt,  die  landwirtschaftlichen  Genossenschaften ­
  wurden  ihrem  Charakter  nach  als  die  sich  selbstverwaltenden ­
  Wirtschaftsorganisationen  der
Landwirte  bestimmt,  mit  freiwilliger  Mitgliedschaft,  und  als
Organisationen,  welche  spontan  entstehen  können  und  welchen
jegliche  Unterstützung  des  Staates  zuteil  wird.
Um  die  Mitte  des  Jahres  1921  fingen  schon  49  landwirtschaftliche ­
  Genossenschaftsverbände  an,  die  landwirtschaftlichen  Kooperationen, ­
  welche  aus  dem  allgemeinen  System  mit  den  Konsumgenossenschaften ­
  ausschieden,  zu  vereinigen.  Diese  Verbände
bildeten  am  20.  bis  24.  August  1921  durch  eine  Versammlung
ihrer  Bevollmächtigten  den  Allrussischen  Verband  der
Landwirtschaftlichen  Genossenschaften  „Sels-*)
  Diese  Dekrete  sind  in  deutscher  Sprache  veröffentlicht  in  „Die  neue
Sowjetgesetzgebung“,  Berlin  1922  (Knija-Verlag,  W.  62),
        <pb n="6" />
        6

k  oso  jus“  in  Moskau,  welcher  am  25.  August  1921  sogleich  zu
arbeiten  anfing.
Am  dritten  Jahrestage  jetzt  verzeichneten  die  landwirtschaftlichen ­
  Genossenschaften  starke  Erfolge  aus  dieser  Arbeitsperiode. ­
  Am  1.  Januar  1924  hatten  sie  schon  ein  Netz  von  25  000
Genossenschaften  und  360  Verbänden.  Zu  derselben  Zeit  wurden
durch  sie  1  500  000  Bauernwirtschaften,  d.  h.  10  Prozent  der  Gesamtzahl ­
  erfaßt.  Jetzt,  Ende  1924,  sind  von  den  insgesamt
19  750  000  russischen  Bauernhöfen  2,3  Millionen  erfaßt,  also
11,8  Prozent  aller  Bauernwirtschaften.
Die  gegenwärtige  Struktur  des  landwirtschaftlichen  Genossenschaftsnetzes ­
  gibt  schon  das  Bild  einer  bedeutenden  Vergesellschaftlichung,
  die  unter  der  individualistischen
Bauernwirtschaft  erreicht  worden  ist:  die  Anzahl  der  landwirtschaftlichen ­
  Kommunen,  Artele,  Genossenschaften  zur  gemeinsamen ­
  Bodenbearbeitung,  mit  einem  Wort,  die  Kollektivwirtschaften, ­
  die  mit  ihrer  vergesellschaftlichten  Produktion  auch
schon  die  Lebensweise  vergesellschaftlichten,  bilden  heute  mehr
als  ein  Drittel  aller  landwirtschaftlichen  Kooperationen.
Die  Verarbeitungs-  und  Meliorationsgenossenschaften  bilden
für  die  Vergesellschaftlichung  und  Industriealisierung  des  Landbaues ­
  eine  ZVischenform;  und  die  Absatzkooperationen  ohne  Verarbeitung, ­
  die  Kreditkooperationen  usw.  dehnen  ihre  Operationen
horizontal  aus,  indem  sie  die  Bauernschaft  von  der  Seite  des
Handels,  des  Geldumsatzes  usw.  umfassen.
Der  soziale  Bestand  der  Mitgliedschaft  der  landwirtschaftlichen ­
  Genossenschaften  besteht  in  seiner  Hauptsache  aus
der  kleinen  Bauernschaft.
Die  materielle  Basis  der  landwirtschaftlichen  Genossenschaften ­
  hat  schon  einen  bedeutenden  Umfang  erreicht  und  sich
dabei  in  einen  wertvollen  Faktor  im  System  der  Volkswirtschaft
der  Sowjetrepublik  verwandelt.  Das  Dekret  des  Rates  der  Volkskommissare ­
  vom  22.  Juli  1924  erweiterte  die  materielle  Basis
der  landwirtschaftlichen  Genossenschaften  noch  mehr,  und  zwar
dadurch,  daß  es  das  Vermögen  der  früheren  Kredit-,  Landwirtschafts- ­
  und  Produktionsgenossenschaften,  welches  bis  dahin  in
seiner  Hauptmasse  sich  noch  bei  anderen  Organen  befand,  ihnen
übergab.
Die  landwirtschaftliche  Genossenschaft  vereinigt  auf  sich
gegenwärtig  10  Prozent  des  Absatzes  und  11  Prozent  des  landwirtschaftlichen ­
  Konsums  an  landwirtschaftlichen  Maschinen,  Geräten ­
  und  Industrieerzeugnissen!
Der  landwirtschaftlichen  Genossenschaft  gelang  es  bis  jetzt
zur  Industrialisierung  der  bäuerlichen  Produktionsweise
schon  ungefähr  9000  industrielle  Betriebe  einzurichten,  und  auf
dem  Lande  sind  von  ihr  mehr  als  4000  agrikultureile
        <pb n="7" />
        7

Unternehmungen  organisiert  worden,  welche  die  Betriebsführung ­
  der  Bauernwirtschaft  verbessern.  Im  Verlauf  von  drei
Jahren  sind  für  21  Millionen  Rubel  landwirtschaftliche  Maschinen,
Geräte  und  andere  Produktionsmittel  aufs  Land  gebracht  worden,
das  heißt,  es  ist  ein  merkbarer  Anfang  zur  Mechanisierung
der  Produktion  gemacht,  die  unter  dem  Zarismus  auf  niedrigster
Stufe  stand.  Stellenweise  ist  die  Elektrifizierung  durchgeführt ­
  (z.  B.  im  ganzen  Kreise  von  Schungenskoje).  Eine  große
Anzahl  kooperierter  Bauernwirtschaften  sind  schon  zur  Verbesserung ­
  ihres  Saatwechsels,  zur  Führung  von  Sektionskulturen  usw.
übergegangen.  Vielerorts  haben  diese  Maßnahmen  denBodenertrag
um  einige  Male  erhöht  (z.  B.  im  Kreise  Schungenskoje  war  die
Kartoffelernte  um  das  Fünffache  höher  als  der  Durchschnitt),
Neben  der  horizontalen  Umfassung  der  Bauernwirtschaften
wächst  auch  die  vertikale,  was  auf  organisierte  Weise  durch  die
im  „Selskosojus“  stets  neuen  Herausbildungen  von  speziellen  Zentren ­
  für  Flachs-,  Butter-,  Kartoffel-  usw.  Genossenschaftsverbänden ­
  zum  Ausdruck  kommt.  Die  Kreditfunktionen  sind  zu  einem
bemerkenswerten  Teil  in  der  Allrussischen  Genossenschaftsbank
zentralisiert,  die  Versicherungsoperationen  im  Versicherungsverband. ­
  Durch  diese  systematische  genossenschaftliche  Durchorganisierung ­
  gliedert  die  landwirtschaftliche  Genossenschaft  die
einzelnen  Zweige  der  Landwirtschaft  in  die  Planwirtschaft  ein,
wobei  es  ihr  gelingt,  sie  zu  stets  neuen  Steigerungen  zu  bringen.
Die  Sowjetmacht  läßt  der  landwirtschaftlichen  Genossenschaft
jegliche  Unterstützung  angedeihen,  indem  sie  ihr  Geldkredite
und  Warenkredite  auf  Industrieerzeugnisse  gibt,
indem  sie  Steuervergünstigungen  oder  völlige  Steuerfreiheit
verordnet  (nach  dem  Dekret  über  die  einheitliche  Landwirtssteuer ­
  beträgt  die  Vergünstigung  bis  zu  25  Prozent  Rabatt,  die
Genossenschaften  werden  von  der  Gewerbesteuer  befreit  usw.),
indem  sie  für  die  in  der  Wirtschaft  durchgeführten  Verbesserungen
Prämien  verabfolgt  usw.
Zum  dritten  Jahrestag  im  August  1924  führte  die  landwirtschaftliche ­
  Genossenschaft  eine  Kampagne  zur  Vergrößerung  ihrer
Mitgliederzahl  und  zur  Kapitalbeschaffung  in  ihren  Verbänden
durch.  Die  leninistische  Parole  dieser  Jubiläumskampagne  war:
,,Mit  Hilfe  der  Arbeiter-  und  Bauerngewalt  führt  die  landwirtschaftliche ­
  Genossenschaft  durch  weitgehendste  Vergenossenschaftung ­
  der  Bauernwirtschaften  (maximale  Kooperierung  der  Bauernwirtschaften) ­
  die  individualistische,  noch  zurückgebliebene  Landwirtschaft ­
  zu  einer  höheren  Form  des  vergesellschafteten  Landbaues, ­
  zum  Sozialismus.“
Wieso  ist  in  so  kurzer  Zeit  eine  so  starke  Entwicklung  der
Genossenschaftsbewegung  möglich?  Daß  dies  allein  durch  die
siegreiche  Revolution  und  die  proletarische  Diktatur  ermöglicht ­
  wurde,  ist  die  große  historische  Lehre.
        <pb n="8" />
        8

Die  Aufgaben  der  Landwirtschaftsgenossenschaften
Betrachten  wir  nun  im  einzelnen  die  Aufgaben  des  ländlichen
Genossenschaftswesens  in  der  sozialistischen  Sowjetrepublik.  Die
Mannigfaltigkeit  und  Verschiedenheit  der  Produktionszweige  der
Landwirtschaft  erfordert  dabei  notwendigerweise  die  Einrichtung
spezieller  Genossenschaften  für  jeden  einzelnen  Produktionszweig,
wie  Molkereiwirtschaft,  Flachskultur,  Kartoffelkultur,  Zuckerrübenkultur ­
  u.  a.  Eine  weitere  Mannigfaltigkeit  der  Organisationsform ­
  der  Landwirtschaftsgenossenschaften  ist  dadurch  bedingt, ­
  daß  die  Landwirtschaft  in  verschiedenen  Gegenden
Sowjet  -  Rußlands  auf  oft  sehr  unterschiedlicher  Entwicklungsstufe ­
  steht.  Um  allen  diesen  mannigfachen  Funktionen  und  Formen ­
  gerecht  zu  werden,  sind  sechs  Gruppen  von  Betätigung
der  Landwirtschaftsgenossenschaften  gebildet  worden:
1.  Die  Organisation  landwirtschaftlichen  Kleinkredits,
2.  der  Absatz  von  Erzeugnissen  der  Bauernwirtschaft  auf  den  Binnenmärkten ­
  und  im  Auslande,
3.  die  Versorgung  der  Bauernwirtschaft  mit  den  notwendigen  Geräten
und  Produktionsmitteln,
4.  die  Verarbeitung  von  landwirtschaftlichen  Produkten,  die  meist  erforderlich ­
  ist,  um  einen  groß  angelegten  Absatz  organisieren  zu  können
(z.  B.  die  Verarbeitung  von  Kartoffeln  zu  Stärkeprodukten,  die  Butterund ­
  Käseerzeugung  usw.),
5.  Die  Organisation  der  Bauern  als  Produzenten  zwecks  gemeinschaftlicher ­
  Regulierung  des  Produktionsprozesses  (z.  B.  die  Zuckerrübengenossenschaften), ­

6.  unmittelbare  gemeinschaftliche  Produktion  der  landwirtschaftlichen
Erzeugnisse,
Um  eine  volle  Vorstellung  über  die  Tätigkeit  der  Landwirtschaftsgenossenschaften ­
  Sowjet-Rußlands  zu  haben,  sollen  in
Folgendem  die  organisatorische  Struktur  und  der  Apparat  der
Landwirtschaftsgenossenschaften,  ihre  finanzielle  Grundlage  und
ihre  Tätigkeit  auf  dem  Gebiete  des  bäuerlichen  Kleinkredits,  ihre
Rolle  als  Einkaufs-  und  Absatzorganisationen  und  schließlich  ihre
Funktionen  bei  der  Organisation  der  Produktion  und  der  Verarbeitung ­
  landwirtschaftlicher  Erzeugnisse  geschildert  werden.
Das  Genossenschaftsnetz  umfaßt  2  Millionen  Mitglieder ­
  und  33000  Einzelgenossenschaften
Da  jedes  Mitglied  einer  Genossenschaft  in  der  Regel  eine  ganze
Bauernwirtschaft  bedeutet,  kann  man  sagen,  daß  zirka  9  M  i  11  i  o  -
nen  Seelen  bereits  genossenschaftlich  erfaßt  sind.
Nebenstehend  geben  wir  ein  genaues  Schema  über  die
Struktur  und  den  organisatorischen  Aufbau  der
gesamten  landwirtschaftlichen  Genossenschaftsbewegung,  wobei
die  ukrainische  Sowjetrepublik  gesondert  aufgeführt  ist.  Hier  auch
die  Ziffern  der  einzelnen  Genossenschaftsarten  und  ihre  Mitgliederzahl. ­
        <pb n="9" />
        27  250  Primärgenossenschaften ­


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Das  netz  der  Landuiirischaltsoenossenschalien  1924  in  der  USSR.

(ohne
Ukraine)

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Allrussischer  Verband  der  Landwirtschaftsgenossenschaften
„Selskosojus“  in  Moskau
umfaßt  19690  Genossenschaffen  mit  1,2  Millionen  Mitgliedern

Flachs,  Hanf,
Werg
„Lnozentr
37  Verbände  mit
42  900  Primär  -
Genossenschaft,
u.  389000  Bauernwirtschaften ­


Kartoffeln
„Söjuskartoiei“

15  Verbände  und
außer  d,  60  Primär-Genossenschaften

mit  23  000  Bauernwirtschaften ­


Holz
„usekoies“
1287  Organisationen ­
  mit  70283
Wirtschaften
(Holzfäller,Teersiedereien, ­
  Bauholzbereitung) ­


Milch,  Butter,
Käse
jaslozenir“

63  Verbände  mit
7  000  Butter-  und
Käsefabriken

Gemüse  und
Obst
„Plodowinsojus“

(I,  Oktober  1924)
Garten-,  Gemüseu.
  Weinbau,  auch
Weinkelterei

Eier  und
Geflügel
(Gründung  am
15.  Januar  1925
geplant)

3  große  Gebietsverbände  (Nordwestgebiet,  Südwestgebiet  und  Sibirischer  Gebietsverband)
13  Landesverbände  autonomer  Republiken  (Krim,  Kirgisen,  Baschkiren,  Turkeslan,  Jakulsk  usw)
38  Gouvernementsverbände
37  größere  Rayonverbände
154  Bezirksverbände
65  Kleinverbände

Landwirtschafts-  und
Kredit  -  Genossensch.

Kollektivwirtschaften

Hilfs-  und  Produktivgenossenschaften ­


Absatzgenossenschait.
ohne  vorherige
Veiarbeitung

Aosatzgenossenschatt.
mit  vorheriger
Verarbeitung

Sonstige
Genossenschaftsarten

1.  Reine  Landwirtschaftsgenossen-, ­

schäften.
2.  Mit  Kreditfunk-$
  tionen.
3.  Reine  Kreditgenossenschaften. ­


1.  Kommunen.
2.  Für  gemeinsame
Bodenbearbeitg,
3.  Artels  (landwirtschaftliche ­
  Arbeitsgenossen ­
 ­


1.  Zur  gemeinsamen
Benutzung  von
Rassenzuchtvieh.
2.  Maschinengenossenschaften. ­

3.  Ameliorationsgegenossenschaften.

4.  Kontrollgenossenschaften
  für  Viehzucht. ­

5.  Sonstige.

1.  Milch.  2.  Eier.
3.  Imker.  4.  Flachs.
5.  Zuckerrüben.
6  Saatgut.  7.  Genossenschaften ­
  der
Gemüsegärtner.
8  übst.  9.  Tabak
10.  Baumwolle.
11  Sonstige.

1.  Buttererzeugung.
2.  Käseerzeugung.
3.  Allgem.  Molkereigen ­
  ossenschaf  ten.
4-  Kartoffelverwertung. ­
  5.  Erzeugung
von  Gemüsekonserven. ­
  6.  Winzergenossenschaften.


1.  Universelle  Land  w.-Genossenschaften.

2.  Elektrifikationsgenossenschaften.

3.  Mühl.  u.  Oelpressen,
4.  Landw.  -  Gewerbegenossensch.
  (Fischerei, ­
  Jagd  u.  a.)
5.  Waldartele.  6.  Gewerbeartele
  der  Kustare.die
  oft  den  landw
Genossenschv.  angeh

1511566  Mitglieder  (Bauernwirtschaften)

Allukrainischer
Verband  der
landwirtschaftl,
Genossenschaft
„Silski
Gospodar“
in  Charkow

65  regionale
Verbände

3  257  iandwirtschl.
Genossensch.
2483  Kollektive
5  740  Primärgen.

350  OOOMitgl.
        <pb n="10" />
        10

Landwirtschaftsgenossenschaitsstatistik  der  USSR.  (ohne  Ukraine)

A  r  t

Genossenschaften ­


%

Mitglieder ­


%

1.  Universalgenossenschaften

7  620

28,0

444  200

29,2

2.  Universalgen.  mit  Kreditfunktionen  .

2  580

9,5

286  436

18,9

3.  Kreditgenossenschaften

1  150

9,2

164  630

10,9

4.  Kollektivwirtschaften

9  380

34,4

98  230

6.5

5.  Hilfs-  u.  Produktiv-Genossensc.haften

1  620

5,9

43  380

2,9

6.  Molkereigenossenschaften  u,  sonstige)
Absatzgenossenschaften  mit  Verarb./

2  600

9,5

241  800

16,0

7.  Absatzgenossenschatten  ohne  Verarb.

-1  320

4,9

193  270

12,8

8,  Diverse

—

—

—

—

9.  Kustar-  u.  Gewerbegenossenschaften,)
die  d  Landw.-  Genossensch.  angehören/

980

3,6

92  620

2,8

Summa:

27  250

100  %

1  511  560

100  %

Von  diesen  27  OÖQ  Genossenschaften  sind  nur  20  000  in  Verbänden ­
  organisiert,  während  7000  sogenannte  ,,wiide“  Genossenschaften ­
  sind,  die  erst  in  die  höhere  Verbandsorgarfisation  hereingeholt ­
  werden  müssen;  darunter  sind  fast  4000  Kollektivwirtschaften. ­
  Die  ganze  genossenschaftliche  Entwicklung  ist  in  diesen
Jahren  geradezu  stürmisch  gewesen  und  die  sorgfältige  Durchorganisierung ­
  geht  erst  allmählich  vor  sich,
366  Unterverbände  und  der  ukrainische  Verband
Die  primären  Landwirtschaftsgenossenschaften  schließen  sich
untereinander  zu  regionalen  Genossenschaftsverbänden  zusammen, ­
  deren  Wirkungsgebiet  je  nach  den  örtlichen  Verhältnissen
und  je  nach  dem  Umfang  der  beabsichtigten  Operationen  sich  auf
kleinere  Bezirke  bis  auf  drei  und  vier  Gouvernements  erstrecken.
65  Verbände  sind  in  der  Ukraine  mit  eigenem  Landeszentrum.
Von  den  übrigen  301  Verbänden  sind  108  unmittelbar  Mitglieder ­
  des  „Selskosojus“,  179  gehören  ihm  mittelbar  durch
Zwischenverbände  an,  die  ihrerseits  Mitglieder  des  ,,Selskosojus‘'
waren,  und  nur  14  sind  noch  ganz  außerhalb  des  organisatorischen
und  wirtschaftlichen  Einflusses  des  „Selskosojus“.
Von  diesen  Unterverbänden  sind  59,6  Prozent  ausschließlich
Verbände  von  landwirtschaftlichen  Kreditgenossenschaften  verschiedener ­
  Art;  30,9  Prozent  umfassen  außer  landwirtschaftlichen
Genossenschaften  auch  Gewerbegenossenschaften  der  „Kustari“,
es  sind  dies  die  sogenannten  gemischten  Verbände,  etwa  10  Proz.
aller  Verbände  sind  Organisationen  für  nur  einen  speziellen  Wirtschaftszweig, ­
  wie  Molkerei,  Tabakkultur  und  dergleichen.
Für  die  Ukraine  besteht  seit  dem  1,  April  1922  ein  besonderer ­
  Landwirtschaftsverband  „Silski  Gospodar“  in  Charkow,
der  übrigens  der  „Internat.  Genossenschaftsailianz“  (London)  angeschlossen ­
  ist.  Dieser  autonome  Verband  —  der  keine  organisa ­
        <pb n="11" />
        11

torische  Verbindung  mit  dem  „Selskosojus“  hat  —  vereinigt  65
Bezirksverbände,  welche  ihrerseits  3257  landwirtschaftliche
Genossenschaften  und  2483  Landwirtschaftskollektive  (Artels  und
Kommunen),  also  insgesamt  5740  Einheiten  der  ersten  Stufe  mit
zirka  350  000  Mitgliedern  umfaßt.
Sechs  Spezialverbände  und  der  Zentralverband
Für  die  verschiedenen  Tätigkeitsgebiete  der  Genossenschaften
haben  sich  bereits  fünf  Spezialverbände  (Flachs,  Kartoffel,  Holz,
Butter,  Obst  usw.)  gebildet,  die  im  Schema  aufgeführt  sind;  ein
sechster  Verband  für  Eier  und  Geflügel  ist  in  Gründung  begriffen.
Das  organisatorische  Gebäude  wird  gekrönt  durch  das  Universalzentrum ­
  ,,Selskosojus“,  der  Zentralverband  (dem  in
der  Ukraine  der  selbständige  Verband  ,,Silski  Gospodar“  gegenübersteht). ­
  Die  allrussische  Genossenschaftsbank  „Vsjekobank“,
ebenso  wie  der  allrussische  genossenschaftliche  Versicherungsverband ­
  bedienen  sowohl  das  System  der  Landwirtschaftsgenossenschaften, ­
  als  auch  das  der  Zentrosojus-Könsumgenossenschaften.

200000  Genossenschaftsfunktionäre  und  Angestellte*)
Der  Gesamtstand  des  Personalapparates  der  landwirtschaftlichen ­
  Genossenschaften  Rußlands  beläuft  sich  auf  etwa  200  000
Arbeiter,  Angestellte  und  gewählte  Funktion
  ä  r  e,  Hiervon  sind  in  den  Primärgenossenschaften  80  000  gewählte ­
  Funktionäre  und  1300  in  den  Verbandsorganisationen.  Angestellte ­
  und  Arbeiter  sind  in  den  Verbandsorganisationen  und
in  den  Unternehmungen  und  Filialen  an  die  20  000  beschäftigt,  in
den  Primärgenossenschaften  ungefähr  100  000  Personen.  Außer
den  Abteilungen  und  Filialen  im  Innern  des  Landes  hat  der  „Selskosojus“ ­
  auch  Kontore  und  Vertretungen  im  Ausland ­
  organisiert.  (Riga,  Berlin,  London,  Neuyork.)  Der  sibirische
Gebietsverband  der  Landwirtschaftsgenossenschaften  hat  seine
Auslandsvertretungen  in  den  Ländern  des  Fernen  Ostens.
250  Millionen  Goldrubel  Betriebskapital
Nach  dem  Stande  vom  1.  Januar  1924  beliefen  sich  die  totalen
Betriebsmittel,  die  den  Landwirtschaftsgenossenschaften
der  USSR.  zur  Verfügung  standen,  auf  253  Millionen  Goldrubel.
Die  Schulden  der  Landwirtschaftsgenossenschaften  beliefen
sich  zur  gleichen  Zeit  auf  etwa  70  Millionen.  Hiervon  waren
*)  Sämtliche  Ziffernangaben  beziehen  sich  auf  die  gesamte  Sowjetunion, ­
  ausgenommen  die  Ukraine.  Wo.nichts  Besonderes  vermerkt,  auf  Januar
1924.
        <pb n="12" />
        12

35  Millionen  staatlicher  Bankkredit,  hauptsächlich  kurzfristiger.
Der  „Selskosojus“  selbst  hatte  bei  seiner  Gründung  im  Herbst
1921  nur  ein  Eigenkapital  von  ganzen  22  000  Rubeln,  dazu  ein
Aktienkapital  von  10  000  Rubeln.  Die  landwirtschaftlichen  Genossenschaftsverbände ­
  haben  ebenfalls  mit  recht  bescheidenen
Geldmitteln  begonnen.  Am  1.  Januar  1924  betrug  jedoch  die
Summe  der  Bilanzziffern  aller  lokalen  Verbände  bereits
101250  000  Rubel,  und  der  „Selskosojus“  hatte  am  1.  April  1924
eine  Bilanzziffer  von  33  101  000  Rubel  aufzuweisen.  Hierbei  ist  in
Betracht  zu  ziehen,  daß  die  Bauernwirtschaften  Sowjet-Rußlands
während  des  Bürgerkrieges  und  hauptsächlich  durch  die  fremdländischen ­
  Interventionskriege  und  die  Blockade  außerordentlich
gelitten  haben  und  finanziell  ruiniert  worden  sind,  daß  sie  also
nicht  in  der  Lage  waren,  ihren  landwirtschaftlichen  Genossenschaften ­
  genügend  große  Geldmittel  zur  Verfügung  zu  stellen.  Aus
diesem  Grunde  müssen  bei  dei\  Geldversorgung  der  landwirtschaftlichen ­
  Genossenschaften  noch  für  lange  Zeit  Staatskredite
in  Betracht  gezogen  werden.  Für  die  aufsteigende  Tendenz  in  der
finanziellen  Entwicklung  der  landwirtschaftlichen  Genossenschaften ­
  spricht  unwiderleglich  die  Tatsache,  daß  1922  das  Betriebskapital ­
  auf  das  5fache,  1923  auf  das  8,5fache  gestiegen  war.
Von  großer  Bedeutung  für  die  Beurteilung  der  Finanzen  der
landwirtschaftlichen  Genossenschaften  ist  die  Haftung  sämtlicher ­
  Genossenschaftsmitglieder  für  die  Verpflichtungen  ihrer
Genossenschaften.  Diese  Haftpflicht  erweitert  natürlich  bedeutend
die  Kreditbasis  der  Genossenschaften.
Das  Kreditsystem  und  42  besondere  Kreditgesellschaften ­

Ein  ausgedehnter,  fein  organisierter  Apparat  sorgt  für  die  Zuführung ­
  der  Geldmittel  an  die  Genossenschaften.  Hierzu  gibt  Genosse ­
  Sewrjuk  in  Moskau  folgende  Darstellung:  Das  Organisationssystem, ­
  mit  dessen  Hilfe  die  Finanzierung  der  bäuerlichen
Kreditgenossenschaften  verwirklicht  wird,  besteht  aus  einem  Netz
landwirtschaftlicher  Kreditgesellschaften,  Agrarbanken  und  der
Landwirtschaftlichen  Zentralbank  der  Sowjetunion.
Die  landwirtschaftlichen  Kreditgesellschaften  entstanden  auf
Grund  des  Gesetzes  vom  21.  Dezember  1922.  Es  sind  dies  gemischte ­
  Aktiengesellschaften  vom  Banktypus,  in  denen  das  staatliche ­
  Kapital  vorherrscht.  Ihre  Eigentümlichkeit  besteht  darin,  daß
außer  dem  Grundanteil  (in  der  Höhe  von  100  Goldrubel)  das  Grundkapital ­
  aus  sogenannten  Bauernanteilen  (in  der  Höhe  von  5  bis
10  Goldrubel)  besteht.  Der  Hauptzweck  der  Bauernanteile  ist  der,
die  Bauernbevölkerung  selbst  zum  Ausbau  der  Kreditgesellschaften ­
  heranzuziehen.  Darum  genießen  die  Besitzer  von  Bauernanteilen ­
  eine  Reihe  von  Begünstigungen:  Recht  auf  Stundung  bei
        <pb n="13" />
        13

Butter  ,  Eier-  und  Gemüseladen  des  Landwirtschafts-Genossenschafts-Verbandes
  Kaluga

Bezahlung  der  Landwirtschaftssteuer  und  Recht  auf  beschließende ­
  Stimme  in  der  Generalversammlung  der  Aktionäre
für  jeden  Besitzer,  wenn  auch  nur  eines  einzelnen  Bauernanteils
usw.  Laut  Schlußbilanz  der  Kreditgesellschaften.  betrug  am
1.  August  1924  die  Gesamtsumme  der  Bauernanteile  3  347  811
Goldrubel.  Im  allgemeinen  haben  die  Kreditgesellschaften  die
Form  von  Gouvernementskreditgesellschaften  angenommen.  Insgesamt ­
  waren  am  1.  August  42  landwirtschaftliche  Kreditgesellschaften ­
  organisiert,  davon  in  der  RSFSR.  28,  in  der  Ukraine  9,  in
der  Transkaukasischen  FSR.  3  und  in  Weißrußland  2.  Sie  hatten
gegen  54  Millionen  Goldrubel  zusammengebracht;  davon  entstammten ­
  33  Millionen  eigenen  Mitteln  (Grundkapital  und  sonstigen ­
  Kapitalien)  und  21  Millionen  fremden  Mitteln  (Anleihen,
Einlagen,  laufende  Rechnungen).  Aus  diesem  Fonds  haben  die
Darlehen  in  der  Summe  von  ungefähr  38  Millionen  und  die
Wechsel  mit  eingerechnet,  41,5  Millionen  Goldrubel  gegeben.  Die
Tätigkeit  der  Kreditgesellschaften  wird  auf  dem  Territorium  jeder
der  vier  Republiken  in  der  Agrarbank  der  betreffenden  Republik
koordiniert.  An  der  Spitze  des  ganzen  Systems  steht  die  Landwirtschaftliche ­
  Zentralbank  der  Sowjetunion,  die  erst  im  Jahre
1923  gegründet  wurde.  Das  ursprüngliche  Grundkapital  der  Bank
wurde  mit  40  Millionen  Goldrubel  bestimmt.  Gegenwärtig  ist  durch
die  Kanäle  des  landwirtschaftlichen  Kredits  der  Landwirtschaftlichen ­
  Zentralbank  der  Sowjetunion  ein  Goldstrom  von  80  Millionen ­
  Rubel  zugeflossen.  Neue  Genossenschaftsgründungen  werden
mit  500  Rubel  unterstützt,  die  bis  2000  Rubel  erhöht  werden
können.
        <pb n="14" />
        14

Ueber  den  Kreditapparat  unterrichtet  folgende  Statistik:

Art

RSFSR.

Ukraine

Weiß-Rußland


Transkau-



9  737  Kreditgenossenschaften

6221

3196

121

99

Davon  sind  5  843  Korrespondenten  der\
landwirtschaftl  Kreditgeselischatten  .)

4587

1064

93

99

Es  gibt  also  gegenwärtig  in  der  Sowjetunion  gegen  10  000  Zellen
für  landwirtschaftlichen  Kredit,  von  denen  6000  derartig  fest  auf
den  Füßen  stehen  und  organisiert  sind,  daß  sie  nicht  nur  selbständig ­
  Kreditoperationen  ausführen,  sondern  auch  Korrespondenten ­
  solcher  Institutionen  von  reinem  Banktypus  sind,  wie  es  die
Landwirtschaftliche  Kreditgesellschaft  ist.
Was  ist  nun  das  besondere,  sagt  Genosse  Sewrjuk.  Auf  diese
Weise  organisiert  die  Sowjetgenossenschaft  auf  dem  Lande  —  im
Gegensatz  zur  Genossenschaft  vor  der  Revolution  und  in  den
kapitalistischen  Ländern  —  die  ärmsten  proletarischen
und  halbproletarischen  Elemente.  So  wird  jenes
Bündnis  zwischen  dem  städtischen  Proletariat  und  der  ärmsten
Bauernschaft  geschaffen,  das  die  von  Lenin  gelehrte  Grundlage
der  Sowjetmacht  bildet!
Es  ist  selbstverständlich,  daß  diese  soziale  Zusammensetzung
der  landwirtschaftlichen  Genossenschaft  auch  die  Richtung  der
Kreditpolitik  bestimmt.  Die  Kreditgenossenschaften  der  Dörfer
sind  keineswegs  Bauernbanken,  die  als  Werkzeug,  wie  früher,  der
Großbauernakkumulation  dienen.  Ihre  Politik  bezweckt  die  Kreditgewährung ­
  an  die  arme  Bauernschaft.  Die  Methoden  dieser  Kreditgewährung ­
  sind  ganz  andere  als  die  „klassischen"  Methoden,  zum
Beispiel  der  Schultze-Delitzsch  oder  der  Raiffeisen-Genossenschaften. ­
  Denn  der  Sowj  etkredit  sucht  die  armen  Bauern  und  ihre
Verbände  in  die  „nächstliegenden  Methoden  sozialer  Arbeit“
hineinzubeziehen,  als  da  sind:  gemeinsamer  Ankauf  und  gemeinsame ­
  Benutzung  von  Inventar,  Maschinen,  Butterproduktionsgenossenschaften, ­
  genossenschaftliche  Fischereien  usw,  (Aus  der
Resolution  des  XIII.  Parteitages  der  KPR.  über  die  Arbeit  auf
dem  Lande  —  Mai  1924.)  Andererseits  beabsichtigt  die  Kreditpolitik ­
  auf  dem  Lande  eine  unmittelbare  Unterstützung  der
Kollektivbauernwirtschaften  —  Produktionsgenossenschaften  und
Kommunen  —  mittels  Kredit.  Auf  diesem  Gebiete  ist  die  Sowjetkreditgenossenschaft ­
  ein  die  Kollektivisierung  der  Bauernwirtschaft ­
  fördernder  Faktor  geworden:  „Die  genossenschaftlich
organisierte  Bauernwirtschaft  muß  unbedingt  ihren  individuellen
Charakter  verlieren  und  sich  in  eine  Kollektivwirtschaft  verwandeln.“ ­
  (Aus  der  gleichen  Resolution,)
Eine  der  hauptsächlichsten  Operationen  der  Kreditgesellschaften ­
  ist  die  Ueberlassung  von  Kredit  auf  das  Grundkapital  der
        <pb n="15" />
        15

8  Kilometer  langer  Meliorationskanal,  angelegt  von  der  Landwirtschaftsgenossenschaft ­
  in  Syr  -Darja,  Turkestan

Genossenschaften,  wodurch  die  Stabilität  der  ganzen  Genossenschaftsarbeit ­
  gewährleistet  ist  und  die  Heranziehung  von  Spareinlagen ­
  der  Bauernbevölkerung  bedeutend  erleichtert  wird.  In
den  Bilanzen  der  primären  landwirtschaftlichen  Genossenschaften
figurieren  Darlehen  an  Mitglieder  mit  durchschnittlich
13,1  Prozent  der  Aktiven,  Die  Spareinlagen  entwickeln
sich  gegebenerweise  verhältnismäßig  langsamer,  weisen  jedoch
ebenfalls  gute  Fortschritte  auf.  Es  stehen  also  den  bäuerlichen
Genossenschaften  ansehnliche  Betriebsmittel  zur  Verfügung,  deren
Höhe  sich  zu  Anfang  1924  —  wie  gesagt  —  auf  250  Millionen  Goldrubel ­
  belief.

Die  Produktivtätigkeit
Eine  der  wesentlichsten  Aufgaben  der  landwirtschaftlichen  Genossenschaften ­
  besteht  darin,  die  landwirtschaftliche  Produktion ­
  in  ihren  verschiedenen  Formen  zu  organisieren.  Es  handelt
sich  hier  um  die  unmittelbare  Organisation  der  kollektiven  Produktion ­
  bis  hinauf  zur  agrikultureilen  Beeinflussung
der  genossenschaftlich  organisierten  Bauern  zwecks  Erzielung
bestmöglichster  Produktivität  ihrer  Einzelwirtschaften.
Auf  dem  Territorium  Sowjet-Rußlands  sind  bereits  ungefähr
8800  Produktiv-Unternehmungen  der  landwirtschaftlichen ­
  Genossenschaften.  Außerdem  bestehen  rund  9400
Kollektivwirtschaften,  deren  Aufgabe  es  ist,  rationelle
landwirtschaftliche  Produktion  auf  größeren  Bodenflächen  zu  betreiben. ­
        <pb n="16" />
        16

2300  unmittelbare  Produktionsunternehmungen
Die  landwirtschaftlichen  Genossenschaftsorganisationen  umfassen  2300  unmittelbare ­
  landwirtschaftliche  Produktionsunternehmungen.  Hiervon  waren
etwa
70  Prozent  genossenschaftliche  Obstgärtnereien,
20  Prozent  genossenschaftliche  Ackerwirtschaften  und  gepachtete ­
  Landgüter  und
10  Prozent  Gemüsegärtnereien,  Molkereien  und  Bienenzüchtereien.

Die  Obstgärten  umfassen  zusammen  eine  Bodenfläche  von  9000  Deßjatinen,
was  etwa  3  Prozent  sämtlicher  Obstgärten  der  USSR.  ausmacht.  Genossenschaftliche ­
  Ackerwirtschaften  und  gepachtete  Landgüter  erstrecken  sich  zusammen ­
  auf  eine  Fläche  von  14  000  Deßjatinen,
14  000  Kollektivwirtschaften
Gegenwärtig  sind  .14  057  Kollektivwirtschaften  verschiedener  Arten  (Kommunen, ­
  Artele,  Landwirtschaftsvereine)  vorhanden.  In  diesen  Kollektivwirtschaften ­
  sind  632  790  Mitglieder  vereinigt.  Die  Kollektivwirtschaften  bewirtschaften ­
  zusammen  462  492  Deßjatinen  Boden  und  verfügten  über  einen  Viehstand
von  195  469  Stück  Großvieh.  Im  Durchschnitt  entfallen  auf  eine  Kollektivwirtschaft ­
  25  Mitglieder,  57  Familienmitglieder  und  264  Deßjatinen  Boden,
Im  Vergleich  zu  der  allgemeinen  Zahl  der  Landwirtschaften  ist  die  Zahl  der
Kollektivwirtschaften  noch  gering.  Doch  die  Bedeutung  und  der  Einfluß  der
Kollektivwirtschaften  als  anschauliche  Musterwirtschaften  ist  groß.  Der  Fortgang

  der  Entwicklung  ist

aus

folgender  Zusammenstellung

zu  ersehen:

1918  1919

1920

1922

1923

1924

Kommunen

912

1  961

1  892

3  120

1  804

1  683

Artele

—

3  605

7  722

10  185

7  294

7  842

Landwirtschafts  vereine

—

622

886

2  514

3  840

4  532

Summa

912

6188

10  500

15  819

12  938

14  057

Bis  Ende  1921  war  ein  stetiges  Wachstum.  In  den  ersten  zwei  Jahren  der
Neuen  ökonomischen  Politik  ist  ein  Stagnieren  und  ein  Rückgang,  Seit  1923
beginnt  wieder  ein  Wachsen  der  Artele  und  Landwirtschaftsvereine,  die  ihrer
Form  nach  die  einfachsten  und  den  breiten  Schichten  der  Bauernschaft  zugänglichsten ­
  Formen  der  kollektiven  Bodenbewirtschaftung  sind.  Sowohl  in  wirtschaftlicher ­
  Beziehung,  als  auch  in  organisatorischer  Hinsicht  sind  die  Kollektivwirtschaften ­
  den  individuellen  Bauernwirtschaften  überlegen,  was  in  erster
Linie  im  höheren  Durchschnittsertrag  pro  Deßjatine  zum  Ausdruck  kommt,  und
zwar  für  Ackerbau  im  Verhältnis  102  :  73,  für  Viehzucht  24  :  22.
4100  Unternehmungen  zur  Verarbeitung  der  Produkte
Hiervon  gehören  etwa  3500  den  primären  Genossenschaften,  der  Rest  den
lokalen  und  zentralen  Verbänden  an.  Ein  großer  Teil  dieser  Betriebe  (3170)  sind
Butter-  und  Käsefabriken.  Die  Jahresproduktion  dieser  Fabriken
beläuft  sich  auf  eine  Million  Pud  Molkereiprodukte  mit  einem  Geldwerte  von
15  Millionen  Rubel.  Eine  zweite  bedeutende  Gruppe  von  Unternehmungen
dieser  Art  sind  die  Genossenschaftsmühlen,  deren  Zahl  auf  mehr
als  500  angegeben  werden  kann.  Etwa  ein  Drittel  davon  sind  große  Mühlenunternehmungen, ­
  die  den  Verbandsorganisationen  gehören.  Eine  sehr  wertvolle ­
  Gruppe  von  Industriebetrieben  der  Landwirtschaftsgenossenschaften
bilden  die  Stärkefabriken  der  Kartoffelgenossenschaften.
In  60  Betrieben  dieser  Art  wurde  in  der  Saison  1923/1924  produziert:  1  Million
Pud  nasse  Stärke,  180  000  Pud  trockene  Stärke  und  260  000  Pud  Stärkesyrup.
Der  Geldwert  dieser  Produktion  beträgt  rund  2  Millionen  Rubel.  Insgesamt
wurden  im  Betriebsjahr  1923/24  in  den  genossenschaftlichen  Betrieben  4,9
Millionen  Pud  Kartoffeln  verarbeitet,  was  39  Prozent  der  Gesa  m.t  -
menge  der  in  Sowjet-Rußland  zur  Verarbeitung  gelangten  Kartoffelmenge
gleichkommt.
        <pb n="17" />
        17

Landwirtschaftsartel  in  Pawlowsk  (Gouv.  Nishne-Nowgorod)

Von  den  sonstigen  Eigenbetrieben  der  Landwirtschaftsgenossenschaften  verdienen ­
  hervorgehoben  zu  werden  die  Weinpressen.  Zumeist  sind  es
Kleinbetriebe,  die  statistisch  nicht  genügend  erfaßt  sind  und  die  nicht  in  den
oben  angeführten  Gesamtzahlen  enthalten  sind,  obwohl  ihre  Produktion  eine
mehrere  Millionen  Rubel  ausmachende  Summe  abgibt.  Oelpressen  gibt  es
mehr  als  200,  deren  Produktion  pro  Betrieb  zirka  6900  Pud  Speiseöl  beträgt,

2300  sonstige  Industriebetriebe
Nach  einzelnen  Industriezweigen  lassen  sie  sich  in  folgende  Gruppen  ein
teilen:

1.  Metallbearbeitung
2.  Ziegelbrennereien
3.  Lederindustrie
4.  Holzbearbeitung
5.  Textil
6.  Chemische  Industrie
7.  Nahrungsmittel
8.  Sonstige

ln  Proz.  zur  Gesamtzahl  der  Industriebetriebe
der  Primärgen  ossetisch.  der  Verbände

21  Proz.
21  Proz.
12  Proz.
6  Proz.
9  Proz.
1  Proz.
25  Proz.
5  Proz.

100  Proz.

34  Proz.
14  Proz.
11  Proz.
20  Proz.
9  Proz.
8  Proz,
1  Proz.
3  Proz.
100  Proz.

Die  wichtigste  Gruppe  davon  ist  die  der  Metallbearbeitung.  75  Prozent
der  Betriebe  dieser  Gruppen  sind  Schmieden  und  Reparaturwerkstätten ­
  für  landwirtschaftliches  Inventar.  Doch  gehören  auch  dazu  mehrere
größere  Fabriken  landwirtschaftlicher  Maschinen  und  Geräte.  Der  Gesamtwert ­
  der  Jahresproduktion  all  der  angeführten  eigentlichen  Industriebetriebe
kann  auf  etwa  10  Millionen  Rubel  angegeben  werden.

Die  Agrikulturtätigkeit
Von  den  insgesamt  4400  Agrikulturunternehmungen  sind  3800
im  Besitze  der  primären  Genossenschaftsorganisationen,  Mehr  als
        <pb n="18" />
        18

50  Prozent  davon  sind  Leihstationen  für  landwirtschaftlicheMaschinenundGeräte,

12  Prozent  sind  Deckstationen  für  Viehzucht,
10  Prozent  sind  Musterwirtschaften,  Versuchsfelder ­
  und  Meliorationsinstitutionen.
Etwa  ein  Drittel  davon  sind  von  den  staatlichen  Landwirtschaftsbehörden ­
  gepachtet.
Um  ein  Bild  zu  geben  über  den  Umfang  und  die  Arbeitsweise
dieser  Agrikultureinrichtungen  seien  hier  ein  paar  Einzelheiten  angeführt. ­
  Da  sind  zunächst  die  unter  dem  Namen  „Agrobasis
bekannten  Einrichtungen.  Es  sind  dies  kleineMusterwirtschaften,
  an  deren  Spitze  ein  geschulter  Agronom  steht.  Sie
bewirtschaften  in  der  Regel  etwa  40  bis  50  Deßjatinen  Bodens  und
bilden  das  kulturelle  Zentrum  für  alle  Verbesserungen  und
Neuerungen  in  der  Landwirtschaft  der  betreffenden  Gegend.
Kleinere  Institutionen  mit  2  bis  8  Deßjatinen  Boden  sind  die  Versuchsfelder, ­
  Mustergärten  für  Obst  und  Gemüse,  Baumschulen.
Die  Maschinenleihstationen  haben  im  Durchschnitt  etwa  9  bis  10
landwirtschaftliche  Maschinen  zur  Verfügung.  In  den  größeren
Viehzuchtstationen  sind  durchschnittlich  je  25  Stück  großes  und
27  Stück  kleines  Rassenvieh  vorhanden.
Sämtliche  4400  Agrikultureinrichtungen  der  primären  Landwirtschaftsgenossenschaften ­
  und  ihrer  Verbände  ergeben  folgendes  Bildr  Es  sind  darin
zirka  5000  Personen  beschäftigt,  darunter  mindestens  350  bis  400  hochqualifizierte ­
  Spezialisten,  es  sind  17  000  Deßjatinen  Boden  vorhanden,  in  2000  Leihstationen ­
  sind  20  000  landwirtschaftliche  Maschinen  und  Geräte  vorhanden,  in
mehr  als  500  Deckstationen  über  600  Rassestiere  und  Hengste  und  200  Stück
männliches  Rassenkleinvieh  eingestellt.
In  den  nächsten  zwei  Jahren  soll,  dem  ausgearbeiteten  Plane  gemäß,  die
Agrikulturtätigkeit  der  Landwirtschaftsgenossenschaften  bedeutend  erweitert
werden  und  auch  die  industriellen  Eigenbetriebe  sollen  eine  bedeutende  Vermehrung ­
  erfahren.

Die  Absatz-  und  Einkaufsorganisation  unten
Die  Tätigkeit  der  Landwirtschaftsgenossenschaften  auf  dem
Gebiete  des  Güteraustausches  besteht  hauptsächlich  in  der  Organisation ­
  des  genossenschaftlichen  Absatzes  der  Erzeugnisse ­
  der  Bauernschaft,  sowie  in  dem  Einkauf  zur  Versorgung
der  genossenschaftlich  organisierten  Bauernschaft  mit  den  notwendigen ­
  Produktionsmitteln.  1923  entfielen  durchschnittlich  auf
eine  Genossenschaft  ein  Wareneinkauf  von  4052  Rubel,  eine
Warenabgabe  von  2964  Rubel.  Von  Januar  bis  Dezember  war  der
Wareneinkauf  auf  das  6fache,  die  Warenabgabe  auf  das  7fache
gestiegen.
Von  großer  Bedeutung  für  die  Absatzorganisation  ist  die
Innigkeit  der  wirtschaftlichen  Verbindung
zwischen  den  Primärorganisationen  und  den  höheren  Verbänden.
Eine.  Untersuchung  des  entsprechenden  Materials  von  708  land-
        <pb n="19" />
        19

Eierablieferung  im  Lager  der  Landwirtschaftsgenossenschaft  in  Kozlow

wirtschaftlichen  Genossenschaften  aus  70  Verbänden  ergab  für  den
1.  Januar  1924  folgendes  Bild:

Anzahl  der  Genossenschaften,

Hiervon  besorgen  den  Ein-  und  Verkant
durch  die  Verbände  im  Umfange  von

die  den  Fragebogen  beantworteten

'/»
d.  Ums.

d.  Ums.

%
d.  Ums.

■  l U  ■
d.  Wa*.

,  3/ r  1
d.  War  1

mehr
als  3 / 4

0/0

'  0/0

0/0

0/0

0/0

°lo

Einkauf  durch  d.  Verb.  d.  Landw.-Gen.  510

9,0

9,8

9,3

23,3

23,3

25,3

Einkauf  durch  d  Verb.  d.  Kreditgen.  198

6,6

10,7

14,2

25,6

23,6

19.3

Verkauf  durch  d.  Verb.  d.  Landw.  -Gen.  283

15,9

8,9

7,5

9,6

19,1

39.0

Verkauf  durch  d.  Verb.  d.  Kreditgen.  98

11,2

10,2

18,4

14,3

16,3

29,6

Diese  Ziffern  sind  ein  Beweis  für  den  innigen  Wirtschaftskontakt
  zwischen  den  Primärgenossenschaften  und  ihren  Verbänden.
Ein  Bild  über  den  W  arenumsatz  gibt  folgende  Zusammenstellung ­
  der

Umsätze  von  1923  der  Verbände  der  Landwirtschaltsgenossenschaiten

Größe

Wert

d.  Warenein-Wert



des

Absatzes

cd

kauts

in  Goldrubel

in

Goldrubel

der

N

Verbände

&amp;lt;

für  alle

für  einen  im
Durchschn

für  alle  i

iir  einen  im
Durchschn.

Kleine  Rayonverbände  .  .

56

2  041

032

36  447

t  881

936

33  606

Bezirksverbände  \
Nichtmitgl.  höherer  Verbände/

122

15  986

026

131  033

13  775

142

112911

Bezirksverbände  /
Mitglieder  höherer  Verbände/

32

9  033

280

282  290

8  874

176

277  318

Große  Rayonverbände  .  .  .

37

14  005

758

378  534

13  443

950

363  350

Gouvernementsverbände.  .  .

38

21  875

840

575  680

23  533

3621

619  299

Zentralverbände  autonomer/
Republiken  .  .  .  .  /

13

2  385

422

183  494

1  704

118

131  086

Summa

298

65  327

358

63  212

684
        <pb n="20" />
        20

Aus  dieser  Tabelle  ist  zu  ersehen,  daß  die  Größe  des  Umsatzes ­
  sich  proportional  dem  territorialen  Umfange  der  Verbände
richtig  entwickelt.
Die  Absatz-  und  Einkaufsorganisation  des
„Selskosojus“
Die  Zentralorganisationen,  bei  denen  sich  die  Tätigkeit ­
  zur  Versorgung  der  Bauernwirtschaften  mit  Produktionsmitteln ­
  und  zur  Organisation  des  Absatzes  ihrer  Erzeugnisse  konzentriert, ­
  sind  bereits  auf  S.  10  aufgezählt.  Die  Rolle  dieser  Zentralorganisationen ­
  besteht  in  der  Finanzierung  der  lokalen  Genossenschaften ­
  und  Verbände,  in  der  Erteilung  von  Instruktionen  auf  dem
Gebiete  der  Handelstechnik  (Sortierung  der  Produkte,  Aufbewahrungs-
  und  Versandmodus,  Verteilung  der  eingekauften  Waren
usw.),  in  der  Organisation  des  Absatzes  großer  Warenpartien  auf
den  Binnenmärkten  und  im  Auslande.  Als  allgemeine  Regel  wird
der  Absatz  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse  in  der  Weise
organisiert,  daß  der  Genossenschaftsapparat  (das  sind  die  Zentralund
  Lokalverbände,  sowie  die  primären  Genossenschaftsorganisationen) ­
  bloß  Provisionsgelder  anrechnen,  während  der  größte
Teil  des  erzielten  Gewinns  wieder  direkt  an  die
Urproduzenten  zur  Verteilung  gelangt.  Durch
diese  Regelung  unterscheidet  sich  der  genossenschaftliche  Handel
von  Grund  auf  von  dem  privaten  Handel  und  so  kommt  eine  innige
Verbindung  zwischen  der  Bauernwirtschaft  und  den  Genossenschaften ­
  zustande.
Die  Verkaufsumsätze  des  „Selskosojus“  als  Zentralverband  beliefen ­
  sich  1922  auf  7,4  Millionen  und  1923  auf  22,7  Millionen  Goldrubel. ­
  Nach  einzelnen  Warengattungen  ergeben  sich  für  1923  folgende ­
  Verkaufsziffern:

Verkaufsumsätze  des  „Selskosojus"  1923

Abteilungen

in  Tausenden
Rubeln

in  °/ 0
der  Totalsumme

A.  Absatzorganisation:

1.  Getreide  und  Futtermittel

4  444

19,6

2.  Viehzucht

4  000

17,6

3  Spezialkulturen  ...

1  098

4,9

4.  Rohstoff-Abteilung  .

1  750

7,7

Summa

11  292  ’

49.8

B.  Ve  r  s  o  r  g  u  n  g  s  a  b  t  e  i  1  u  n  g:

5.  Technische  Ausrüstung

2  464

10,9

6.  Landwirtschaft!  Maschinen  u.  Geräte.

1  046

4,6

7.  Bekämpfung  von  Schädlingen  ,  .

213

0,9

8.  Kunstdünger

54

0.2

9.  Wirtschafts-Inventar

7  350

32,5

10.  Saatgut

259

1,1

Zusammen

11,386

50,2

Totalsumme

22,678

100
        <pb n="21" />
        21

,,  S  e  1  s  k  o  s  o  j  u  s  “  hat  1923  an  Getreide  und  Futtermitteln ­
  8,7  Millionen  Pud  eingekauft.  In  der  heurigen  Saison
sollen  40  Millionen  Pud  Getreide  und  Futtermittel  angeschafft
werden.  An  Molkereiprodukten  wurden  im  Jahre  1923
angeschafft  250  000  Pud,  während  im  Jahre  1924  allein  im  Monat
Juli  100  000  Pud  Butter  angeschafft  wurden.  Für  das  erste  Halbjahr ­
  1924  beträgt  der  Gesamtumsatz  des  „Selskosojus“  16,9  Millionen ­
  für  Kauf  und  19,3  Millionen  für  Verkauf.  Für  Juni  1924  haben
die  drei  Zentren  der  Landwirtschaftsgenossenschaften  „Selskosojus“,
  ,,Lnozentr“  und  „Sojuskartoffel“  zusammen  eine  Einkaufsziffer ­
  von  5  Millionen  und  eine  Absatzziffer  von  2,8
Millionen  aufzuweisen.  Der  Bruttoabsatz  aller  Landwirtschaftsgenossenschaften ­
  belief  sich  im  Jahre  1923  auf  172  Millionen ­
  Rubel.  (Hiervon  entfallen  auf  die  Primärgenossenschaften  75,
auf  die  lokalen  Verbände  69  und  auf  die  drei  Zentralverbände  28
Millionen.)  Diese  Summe  macht  fast  7  Prozent  des  gesamten
Handelsumsatzes  Sowjet-Rußlands  im  Jahre  1923  aus.
Auf  dem  Gebiete  der  Absatzorganisation  erfassen  die  Landwirtschaftsgenossenschaften ­
  etwa  10  Prozent  der  auf  den  Markt
gelangenden  landwirtschaftlichen  Produktion,  während  auf  dem
Gebiete  der  Versorgung  der  Landwirtschaft  etwa  11  Prozent  des
Bedarfes  der  Bauernwirtschaft  durch  sie  gedeckt  werden.  Dies
entspricht  im  Durchschnitt  dem  Verhältnis  der  kooperierten
Bauernschaften  zu  der  allgemeinen  Zahl  derselben.
Für  einzelne  Produktionszweige  ist  jedoch  der  Einfluß  der  Landwirtschaftsgenossenschaften ­
  bedeutend  größer,  wie  aus  folgenden
Ziffern  zu  ersehen  ist:

Anteil  der  landwirtschaftlichen  Genossenschaften  'am  Landesabsatze
landwirtschaftlicher  Produkte  (1923/24).

Artikel

Produktion  der
USSR.

Hiervon  kamen
auf  den  Markt

Durch  die  landw
Genossenschaften

0/
10

Getreide  .

2  800  000  000  Pud

700  000  000  Pud

65  000  000  Pud

9,3

Flachs  .  .  .

11  000  000  „

3  000  000  „

600  000  „

20,0

Butter  .  .  .

9  000  000  „

1  500  000  „

750  000  „

50,0

Die  erfolgreich  durchgeführte  Währungsreform  sowie  die  Maßnahmen ­
  der  Sowjetregierung  zur  Verbilligung  der
Industrieprodukte  und  zur  Erhöhung  der  Kaufkraft ­
  der  Bauernbevölkerung  haben  eine  kolossale ­
  Belebung  der  Handelstätigkeit  der  Landwirtschaftsgenossenschaften ­
  zur  Folge.  Für  das
Jahr  1924  werden  die  Umsatzziffern  sowohl  der  primären  Genossenschaften ­
  als  auch  der  Verbandsorganisation  und  der  Zentren ­
  bedeutende  Vergrößerung  aufweisen.
Unter  der  Führung  des  ukrainischen  Zentralverbandes
,,  Silski  Gospodar“  betreiben  die  landwirtschaftlichen  Genossenschaften ­
  der  Ukraine  zirka  2000  verschiedene  Unternehmungen, ­
  wie  Fabriken  für  landwirtschaftliche  Geräte,  Gruben,
        <pb n="22" />
        22

Mühlen,  Käsereien,  Werkstätten,  Oelmühlen  usw.  und  verfügen
über  Zuckerrübenplantagen  im  Gesamtumfange  von  98  229  ha.
Der  Verband  selbst  hat  9500  ha  Zuckerrüben  und  neun  Zuckerfabriken ­
  im  Betrieb  mit  einer  Zuckerproduktion  von  17  043  t.  Im
Jahre  1924  sind  bereits  22  000  ha  mit  Zuckerrüben  bestellt,  wobei
die  diesjährige  Zuckerproduktion  auf  34  000  t  geschätzt  wird.  Dem
Verband  wurden  vom  Staate  verschiedene  staatliche  Ländereien,
darunter  Wälder,  Wiesen,  Sowjetwirtschaften,  brachliegende  und
meliorationsbedürftige  Felder  übergeben.  Weiterhin  befaßt  sich
der  Verband  natürlich  mit  dem  genossenschaftlich  organisierten
Absatz  der  Ackerbau-,  Viehzucht-,  Geflügelzucht-,  Gemüsegärtnerei-, ­
  Weinbau-  und  Bienenzuchtprodukte  sowie  verschiedener ­
  technischer  Rohstoffe,  sowohl  auf  dem  inneren  als  auf  dem
äußeren  Markte.  Im  Jahre  1923  hat  der  Verband  8,3  Millionen
Pud  Getreide  und  andere  Feldfrüchte  nach  dem  Ausland  ausgeführt. ­

Die  Tätigkeit  der  Spezialverbände
Das  Lein-  und  Flachszentrum  „Lnozentr“  hat  im  ersten  Jahr
seiner  Tätigkeit  550  000  Pud  Flachs  und  Werg  und  85  000  Pud  Hanf
für  den  Export  gesammelt.  An  die  Mitglieder  wurden  220  000
Pud  verbesserter  Hanfsamen  verteilt.  Die  Bruttoernte  an  Flachs
belief  sich  1924  (ohne  Sibirien)  auf  11  Millionen  Pud.  Der  Nettoertrag ­
  beläuft  sich  auf  8,2  Millionen  Pud.  Der  Bedarf  der  russischen
Industrie  beträgt  4,2  Millionen,  so  daß  4  Millionen  Pud  Flachs  für
den  Export  übrig  bleiben.
,,Sojuskartofel“  verfügt  insgesamt  über  99  eigene  Betriebe  für
die  Kartoffelverwertung,  darunter  Stärke-  und  Sirupfabriken,
Kartoffeldörrbetriebe  u.  dergl.  Im  Juni  1923  ist  unter  Beteiligung
des  „Sojuskartofel“  die  große  Elektrizitätszentrale  im
Schunga  im  Gouvernement  Gostroma  errichtet  worden,  welche
15  Betriebe  mit  Energie  und  außerdem  49  Dörfer  mit  Licht  versorgt. ­
  Eine  ähnliche  Station  im  Gouvernement  Wladimir  sieht
ihrer  Vollendung  entgegen.  Im  Betriebsjahre  1922/1923  wurden
300  000  Pud  Kartoffeln  verarbeitet  und  daraus  750  000  Pud  nasse
Stärke,  56  000  Pud  trockene  Stärke  und  123  000  Pud  Sirup  erzeugt.
Im  Geschäftsjahr  1923/1924  sollen  6,8  Millionen  Pud  Kartoffeln  verarbeitet ­
  werden.
Eine  interessante  Genossenschaftsart  sind  die  Holzverwertungsgenossenschaften, ­
  die  im  „Vsekoles“  ihre  eigene  Zentralorganisation ­
  haben.  Die  Grundform  dieser  Genossenschaften  sind  die
Waldartele,  die  durchschnittlich  etwa  60  Mitglieder  umfassen  und
die  sich  die  Aufgabe  stellen,  das  Holz  gemeinsam  zu  fällen,  zu  verarbeiten ­
  und  abzusetzen.  Die  Verarbeitung  und  der  Absatz  geschieht ­
  natürlich  hauptsächlich  durch  die  Verbandsorganisation.
„Vsekoles“  organisierte  am  1.  Juli  über  70  000  einzelne  Wirtschaftsbetriebe. ­
  Es  waren  699  Holzfällerartele  mit  45  282
        <pb n="23" />
        23

Wirtschaften,  234  Artele  mit  12  038  Wirtschaften  waren  Teersiederartele,
  354  mit  12  568  Wirtschaften  betrieben  Bauholzbereitung. ­
  Die  größte  Entwicklung  erreichte  die  Artelbewegung ­
  im  Norden,  dann  folgen  der  Rayon  von  Leningrad,  der
Wolgarayon  u.  a.  Im  Vergleich  zum  Vorjahre  ist  die  Zahl  der
Artelmitglieder  um  10  Prozent  gestiegen.  Im  neuen  Wirtschaftsjahr ­
  ist,  gemäß  den  realen  Möglichkeiten,  die  den  dem  „Vsekoles“
angehörenden  Artelen  und  Verbänden  offen  stehen,  die  Bereitung
von  1  000  000  Kubikmeter,  951  000  Pud  Teerartikeln  und  für
700  000  Rubel  Holzerzeugnisse  der  Hausindustrie  in  Voranschlag  gebracht. ­
  Laut  Erlaß  des  Binnenhandelskommissariates  wird  dem
„Vsekoles“  das  Recht  eingeräumt,  staatliche  Waldparzellen ­
  außer  Wettbewerb  in  Pacht  zu  erhalten.  Der  „Vsekoles“
wird  auch  die  Erlaubnis  erhalten,  den  Export  von  Holz  und
chemischen  Holzprodukten  zu  organisieren.  1924  hat  ,,Vsekoles'‘
für  2  Millionen  Rubel  Waren  auf  den  Markt  gebracht;  um  57  Prozent
mehr  als  im  Vorjahr.  Auch  die  Qualität  der  genossenschaftlich
erzeugten  Artikel  hat  eine  bedeutende,  Verbesserung  erfahren.  Am
erfolgreichsten  war  die  Tätigkeit  auf  dem  Gebiete  der  Produktion
von  chemischen  Holzderiwaten.  Der  Absatz  geschah  hauptsächlich
durch  Genossenschaftsorganisationen  (45  Prozent)  und  Staatsorgane ­
  (40  Prozent).
Die  erst  unlängst  ins  Leben  gerufene  neue  Zentralorganisation
der  Molkereigenossenschaften  ,,Maslözentr“,  hat  schon  bedeutende
Fortschritte  aufzuweisen.  Besonders  gut  ist  das  Organisationsnetz ­
  der  Molkereigenossenschaften  in  Sibirien  ausgebaut.
Dem  sibirischen  Gebietsverbande  der  Molkereigenossenschaften
gehören  10  Unterverbände  an.  Von  diesen  umfaßt  der  Rayonverband ­
  Omsk  120,  Slawgorod  118,  Altay  440  genossenschaftliche ­
  Butterbetriebe  und  Käsefabriken.  Insgesamt  sind  in
den  10  Rayonverbänden  2473  genossenschaftliche  Molkereibetriebe
und  218  den  Verbänden  nicht  angeschlossene  Molkereiartele  registriert. ­
  Die  Produktion  dieser  Betriebe  für  die  ersten  neun  Monate
1924  beläuft  sich  auf  11,2  Millionen  Pud  Butter.  Rasch  entwickelt
haben  sich  die  Export  Operationen.  Abschlüsse  liegen  vor  auf
Lieferung  von  110  000  Faß  (362  000  Pud)  Butter  und  10  000  Pud
Chesterkäse  ins  Ausland,  hauptsächlich  nach  England.  Es  sind
bereits  300  000  Pud  Butter  und  7000  Pud  Käse  expediert.  Die  Gesamtausfuhr ­
  1924  soll  auf  eine  Million  Pud  Butter  gebracht  werden.
Beim  „Selskosojus“  fand  jetzt  eine  Beratung  über  die  genossenschaftlichen ­
  Eier-  und  Geflügeloperationen  statt.  Plangemäß
hätten  1924  von  diesen  Waren  600  Waggons  aufgebracht  werden
sollen;  250  Waggons  für  den  Export  und  350  für  den  Inlandmarkt. ­
  Dieser  Plan  konnte  jedoch  nur  zu  70  Prozent  durchgeführt
werden.  An  den  Anschaffungsoperationen  beteiligten  sich  34  Genossenschaftsorganisationen, ­
  die  durch  ihren  Apparat  387  Waggons
Eier  und  Geflügel  aufgebracht  haben.  1925  ist  die  Anschaffung
von  1500  Waggonladungen  geplant,  von  denen  1100  für  den  Export
        <pb n="24" />
        24

bestimmt  sind.  Es  soll  nun  ein  eigenes  Genossenschaftszentrum
für  Eier-  und  Geflügeloperationen  geschaffen  werden  und  -,,Selskosojus“
  ist  beauftragt,  die  Gründungsversammlung  von  Bevollmächtigten ­
  dieser  neuen  genossenschaftlichen  Zentralorganisation
bis  zum  15.  Januar  1925  einzuberufen.
Pferdezuchtgenossenschaften  gibt  es  auf  dem  Gebiete  der
Sowjetunion  638,  die  zusammen  rund  15  000  Deckstuten  besitzen.
Um  diesen  neuen  Zweig  der  genossenschaftlichen  Tätigkeit  zu
fördern,  hat  das  Volkskommissariat  einen  Erlaß  herausgegeben,
auf  Grund  dessen  den  Pferdezuchtgenossenschaften  staatliche
Wiesen,  Weidesteppen  und  brachliegender
Boden  ohne  Auktion  mit  50  Prozent  Ermäßigung  in  Pacht  gegeben ­
  werden.  Außerdem  ist  das  gesamte  lebende  Inventar  der
Pferdezuchtgenossenschaften  von  der  Landwirtschaftssteuer  und
auch  von  der  Pferdebeistejlungspflicht  an  die  Armee  befreit.
Persönlicher  Besuch  bei  einer  Bezirksgenossenschaft
Um  die  kolossalen  Leistungen  dieser  landwirtschaftlichen  Genossenschaften ­
  zu  begreifen,  muß  man  hinausfahren  aufs  Land  und
sie  sich  mit  eigenen  Augen  ansehen.  Wir  fahren  mit  dem
Wagen  nach  dem  Bezirksgenossenschaftsverband  Dmitrow.  Im
Dezember  1922  hat  dieser  Verband  seine  Tätigkeit  begonnen.  Es
waren  damals  kleine  landwirtschaftliche  Genossenschaften,  hauptsächlich ­
  Kollektive  und  Genossenschaften  für  Spezialkulturen.  Die
Arbeit  ging  schwer  vorwärts,  denn  die  Befreiung  der  Bauern  ist
ein  mühseliges  Werk.  Unter  dem  Zaren  fristeten  sie  ein  erbärmliches ­
  Leben,  bis  vor  kurzem  hatten  sie  noch  Holzpflüge,  konnten
weder  lesen  noch  schreiben  und  von  Kultur  und  gemeinschaftlicher
genossenschaftlicher  Arbeit  keine  Spur.  Im  Januar  1924  waren
erst  13  Genossenschaften  im  Verband  und  ganze  532  Mitglieder.
Im  Juli  waren  es  schon  23  Genossenschaften  mit  3666  Mitgliedern
und  jetzt  im  Oktober  sind  es  39  Genossenschaften  mit  5806  Mitgliedern. ­
  Was  besagt  diese  kleine  Statistik  alles  an  erfolgreicher
genossenschaftlicher  Arbeit,  an  ökonomischem  Fortschritt,  an
Kollektivarbeit,  an  Kultur:
7  allgemeine  landwirtschaftliche  Genossenschaften  mit  516  Mitgliedern

3  Maschinen-  und  Meliorationsgenossenschaften  ,,  74
7  landwirtschaftliche  Kommunen  ,,  422
4  Kustar-Gewerbegenossenschaften  „  457
1  Konsumgenossenschaft  mit  Kreditfunktionen  „  480
3  Konsumvereine  ohne  Kreditfunktionen  „  658
1  landwirtschaftliche  Genossenschaft  im  Gründungsstadium ­
  „  59

In  dem  Bezirksstädtchen  Dmitrow  ist  im  März  1923  ein  kleines
Kaufhaus  mit  Lagerräumen  eröffnet  worden  (daneben  gibt  es  auch
noch  eine  große  Filiale  des  städtischen  Arbeiterkonsumvereins).
Wir  sehen  das  alles  genau  an.  Nun,  was  wir  zuerst  wissen
wollen:  was  verkauft  Ihr  alles  da,  Genossen?  Und  wo
        <pb n="25" />
        25

bezieht  Ihr  es  her?  Alles  ist  sorgfältig  registriert  und  berechnet
—  wo  wäre  das  im  Zarendorf  möglich  gewesen,  daß  die  Bauern
das  alles  selber  machen!  —  damals  war  dies  als  das  Monopol
der  Händler  und  Wucherer,  heute  im  Sowjetstaat,  macht  das  die
Selbstverwaltung  der  Bauern  selbst.

Warenas.Sortiment:

Einkaufsquellen:

Landw.  Maschinen  und  Geräte  17,0  %

Saatgut  24,5  °/ 0
Getreide  und  Futtermittel  .  .  .  22,0  °/ 0
Vieh  2,0  %
Transportmittel  19,0  %
Konsumartikel  15,5  %

Beim  Moskauer  Gouvemementsverband

  .  .  ....  42,5  °/o
Bei  anderen  Genossenschaften  .  7,0  %
Bei  Staatsbetrieben  46,0  °/o
Bei  Privaten  .  4,5  %

Weiter  sagt  uns,  Genossen,  wieviel  setzt  Ihr  im  Monat
u  m?  Im  Januar  12  000  Rubel,  dann  stieg  es  jeden  Monat.  Im
April  30  000,  im  Juni  58  000  und  im  August  64  000  Rubel.  Davon
56  Prozent  an  Mitglieder,  nur  18  Prozent  im  Laden  direkt.  Wie
ists  mit  dem  Kredit  geschält?  Geld  haben  wir  an  19  Genossenschaften ­
  gegeben,  zusammen  10  000  Rubel  bar  und  72  000  Rubel
in  Warenkrediten.  Wo  bekommt  Ihr  das  Geld  her,  außer  dem
selbst  aufgebrachten  Kapital?  Unsere  Kreditorganisation ­
  ist  sehr  gut!  Wir  haben  mehr  als  wir  zurzeit  gebrauchen, ­
  hier  die  Ziffern  der  uns  eingeräumten  Kredite,  die  wir

nicht  voll  ausgenützt  haben:
Staatsbank  40  000  Rubel
Moskauer  Kommunalbank  50000  „
Moskauer  Gouvernementsverband  ....  30000  „
Moskauer  Genossenschaftsbank  8  000  „
Moskauer  Landwirtschaftliche  Bank  ...  6  500  „

Die  Genossen  waren  stolz,  als  sie  uns  das  alles  erzählten.  Wir
gingen  dann  durch  die  Lagerräume,  in  denen  landwirtschaftliche
Maschinen  modernster  Technik  u.  a.  aufgestapelt  waren.  ,,Wir
haben  allein  in  diesem  Jahr  300  Holzpflüge,  die  bei  uns  noch
im  Gebrauch  waren,  durch  moderne  Eisenpflüge  ersetzt“,  sagte  uns
ein  Genosse  der  Verwaltung,  als  wir  im  Sowjethaus  beim  Tee
saßen  und  da  drinnen  sowohl,  als  draußen  auf  dem  Marktplatz,  ein
großes  lustiges  Getriebe  war.  Versteht  man  das,  ,,300  Holzpflüge
ersetzt"?!  So  sieht  der  Herzschlag  des  neuen  Rußland  aus,  des
ersten  Arbeiter  -  und  Bauernstaates  der  Welt.  Jeder
weiß  heute  etwas  von  den  Erfolgen  in  den  Städten,  in  der  Politik
und  an  der  militärischen  Front.  Die  Kraft  dazu  kommt  vom  Lande,
von  den  Bauern,  die  jetzt  erst  wirklich  leben  und  Menschen  geworden ­
  sind.  Das  geht  natürlich  noch  langsam  und  oft  schwer,  es  ist
eine  unendliche  Kleinarbeit,  aber  jeder  spürt:  es  geht  vorwärts! ­


Aber  nicht  nur  wirtschaftlich,  vor  allem  auch  kulturell  betätigen ­
  sich  die  Genossenschaften.  Da  sahen  wir  bei  unserer
Weiterfahrt  in  den  Dörfern  Sowjethäuser  (Volkshäuser),  da  sind
Schulen  mit  Lehrern  von  der  Genossenschaft,  da  sind  Bibliotheken
und  Zeitschriften,  da  sind  Elektrizitätswerke,  Zuchtanstalten,
        <pb n="26" />
        26

Molkereien  —  und  alles  ist  an  der  Aufbauarbeit,  der  eigenen
Genossenschaft,  die  hineinwächst  und  sich  ausweitet  in  den
großen  selbsterkämpften  eigenen  Sowjetstaat,
Weitere  Umschau  in  der  Praxis
Sehen  wir  uns  weiter  in  der  Praxis  um.  Ein  Rayon,  wo  die
Landwirtschaftsgenossenschaften  eine  besondere  intensive  Entwicklung ­
  genommen  haben,  ist  das  Gouvernement  Kastroma.
Im  Jahre  1912  waren  schon  36,5  Prozent  der  Bauernbevölkerung
dieses  Gouvernements  in  Genossenschaften  organisiert  (hauptsächlich ­
  Kartoffelverwertungsgenossenschaften].  Im  Jahre  1923  sind
jedoch  schon  91,8  Prozent  der  Landbevölkerung  Mitglieder  von
Landwirtschaftsgenossenschaften.  Die  Hauptproduktion  sind  Kartoffeln. ­
  Dank  der  durch  die  Genossenschaften  eingeführten  hochkulturellen ­
  Bebauungsmethoden  und  der  von  ihnen  beigestellten
erstklassigen  Sorten  von  Saatkartoffeln  erzielten  z.  B.  die  Genossenschaften ­
  des  Gebietes  S  c  h  u  n  g  a  eine  ungewöhnlich  hohe
Ernte  von  300  Pud  Kartoffeln  pro  Deßjatine.  Zur  Verarbeitung
der  Kartoffeln  und  Deckung  der  Wirtschaftsbedürfnisse  der  Genossenschaftsmitglieder ­
  hat  der  Schungaer  Rayonverband  eine
Reihe  eigener  Produktivbetriebe  eingerichtet  (eine  Stärketrocknerei, ­
  eine  Mühle,  eine  Brettsäge  u.  a.).  Im  Frühjahr  1923  ist
ein  eigenes  Elektrizitätswerk  des  Verbandes  eröffnet
worden.  Von  hier  aus  werden  nicht  nur  die  genossenschaftlichen
Betriebe  mit  Energie  versorgt,  sondern  es  werden  auch  alle  umliegenden ­
  Dörfer  mit  elektrischem  Licht  versehen  und  damit  die
Anwendung  elektrischer  Kraft  in  der  Landwirtschaft  gefördert.
(Elektrischer  Pflug.)  Im  Gouvernement  Kursk  befindet  sich  ein
kleiner  Rayonverband  von  landwirtschaftlichen  Genossenschaften
im  Orte  I  g  o  w.  Dieser  Verband  umfaßt  nur  8  Genossenschaften.
In  den  zwei  Jahren  seines  Bestehens  hat  dieser  Verband  eine
intensive  Tätigkeit  zur  Bedienung  der  Wirtschaftsbedürfnisse
seiner  Mitglieder  entwickelt.  Er  hat  mehrere  Getreideputz-  und
Maschinenleihstationen  organisiert,  zwei  musterhaft  geleitete  Versuchsfelder ­
  eingerichtet,  wo  die  genossenschaftlich  organisierten
Bauern  mit  den  modernen  wissenschaftlichen  Wirtschaftsmethoden
bekanntgemacht  wurden.  Der  Verband  arbeitet  im  engsten  Kontakt
mit  den  Zentralorganisationen  und  der  „Vsjekobank“,  Der  landwirtschaftliche ­
  Genossenschaftsverband  von  G  s  e  h  a  t  betreibt  eine
Stärkefabrik,  2  Graupenmühlen,  5  Käsefabriken,  6  Deckstationen,
8  Schmieden,  16  Milchsammelstationen,  48  Maschinenleih-  und
Getreideputzstationen.  Im  ersten  Viertel  des  Jahres  1924  hat  der
Verband  200  000  Pud  Futtermittel  und  31  500  Pud  Flachs  angeschafft. ­
  In  der  Saison  1922/23  hat  der  Verband  den  Flachsproduzenten ­
  außer  den  beim  Ankauf  eingezahlten  Preisen  noch  59  Kopeken ­
  für  jedes  Pud  Flachs  als  Anteil  an  dem  Verkaufsgewinn  ausbezahlt. ­
        <pb n="27" />
        27

Eine  große  Zahl  lokaler  Verbände  hat  Stäbe  von  gutgeschulten
und  erfahrenen  Agronomen,  deren  Hauptaufgabe  darin  besteht,
für  neue  wissenschaftliche  Methoden  der  landwirtschaftlichen ­
  Produktion  Propaganda  zu  machen.  Unter  Führung
und  Aufsicht  der  Genossenschaften  gehen  vielerorts  die  Bauern
von  althergebrachten  unrentablen  Gebräuchen  der  Landwirtschaft
zu  verbesserten  Methoden  der  Bodenbebauung  über.  In  den  landwirtschaftlichen ­
  Genossenschaften  haben  sich  die  aktivsten  Landwirte ­
  zusammengeschlossen.  Die  Genossenschaften  sind  geradezu
die  Pflanzstätten  einer  neuen  Kultur  auf  dem  sowjetrussischen ­
  Dorfe  geworden,  die  auf  der  Herrschaft  des
schaffenden  Bauernvolkes  aufgebaut  ist.  In  den  drei  Jahren  ihrer
Tätigkeit  haben  die  Landwirtschaftsgenossenschaften  Sowjet-Rußlands ­
  trotz  vieler  Schwierigkeiten  (Kapitalmangel,  das  Hungerjahr
1921)  eine  sehr  ersprießliche  Arbeit  geleistet  und  jetzt,  wo  das
wirtschaftliche  Aufleben  des  Arbeiter-  und  Bauernstaates  eine  von
jedermann  anerkannte  Tatsache  ist,  können  die  Landwirtschaftsgenossenschaften ­
  mit  ruhiger  und  fester  Ueberzeugung  von  sich
sagen:  „Unser  die  Zukunft!“
Das  Auftreten  auf  dem  Auslandsmarkt
Die  wichtigsten  Absatzartikel  der  Landwirtschaftsgenossenschaften ­
  sind:  Getreide,  Flachs,  Rauchwaren,  Rohhäute,
Butter  und  Eier.  Diese  Artikel  sind  auch  die  hauptsächlichsten
Exportgüter.  Im  Jahre  1913  waren  von  der  totalen  Exportziffer ­
  Rußlands  —  die  sich  auf  1520  Millionen  Goldrubel  belief  —
600  Millionen  Rubel  für  700  Millionen  Pud  Getreide;  in  Rauchwaren ­
  beherrschte  Rußland  50  Prozent  des  Weltumsatzes.
Es  ist  daher  natürlich,  daß  die  Landwirtschaftsgenossenschaften ­
  gleich  nach  Wiederaufnahme  des  Welthandels  Sowjet-Rußlands ­
  im  Rahmen  des  staatlichen  Außenhandelsmonopols  Beziehungen ­
  zum  Ausland  aufgenommen  haben.  Im  Geschäftsjahr
1923/24  sind  auch  in  dieser  Hinsicht  große  Erfolge  vorhanden  und
noch  größere  Perspektiven  für  die  Weiterentwicklung  zu  verzeichnen. ­

Der  Export  der  Landwirtschaftsgenossenschaften  war  im  Jahre
1923,  absolut  genommen,  noch  nicht  sehr  bedeutend,  hat  aber  im
Verhältnis  zum  Gesamtexport  Sowjet-Rußlands  schon  eine  relativ
ansehnliche  Höhe  erreicht.

Artikel

Export  in  T
aus  Rußland
überhaupt

ausend  Pud
durch  d.  landw.
Genossenschaf

%

Hau  ptgetreidearten.

180  000

30  000

16,2

Flachs

1  617

250

15,5

Butter

304

100

32,9

Die  Beteiligung  der  Landwirtschaftsgenossenschaften  am  Export ­
  von  tierischen  Rohstoffen  ist  15  Prozent,  am  Eierexport  13
        <pb n="28" />
        28

Prozent.  Besonders  gesucht  sind  die  von  den  Landwirtschaftsgenossenschaften ­
  ausgeführten  Artikel  wegen  ihrer  hohen  Qualität.
So  z.  B.  notierte  auf  dem  Londoner  Markt  im  Frühjahr  1924
„Selskosojus-Butter“  um  5  bis  18  Prozent  über  dem
Marktpreis  für  sonstige  russische  Butter.  Ebenso  bekannt  ist  die
hohe  Qualität  des  vom  „Lnozentr"  exportierten  Flachses.
Importiert  werden  von  den  Landwirtsphaftsgenossenschaften
  hauptsächlich  landwirtschaftliche  Maschinen,  Geräte  und  Produktionsmittel, ­
  Bindespargat,  Milchseparatoren,  Faßdauben,  Zuchtvieh, ­
  einige  Samensorten  usw.
Für  das  Jahr  1924/25  ist  der  Außenhandelsplan  des
„Selskosojus“  auf  einen  Export  in  der  Höhe  von  57  Millionen
Rubel  und  einen  Import  in  der  Höhe  von  13  Millionen  Rubel
veranschlagt.
Importiert  werden  sollen  für  7,5  Millionen  Rubel  Landwirtschaftsmaschinen, ­

für  1  Million  Rubel  Molkereiinventar,
für  850  000  Rubel  Insektiden  und  Kunstdünger,
für  1  Million  Rubel  Saatgut,
für  770  000  Rubel  technische  Materialien.
Zum  Export  gelangen:
15  000  Pud  Produkte  der  Tierzucht  (Speck,  Eier  und  dergl.),
42  Millionen  Pud  Getreide  und  Futtermittel,
5,5  Millionen  Rubel  Rauchwaren,
171  000  Pud  Produkte  landwirtschaftlicher  Spezialkulturen  im  Werte
von  1,6  Millionen  Rubel.
Die  Verwirklichung  dieses  Planes  ist  durch  die  dem  „Selskosojus“ ­
  zur  Verfügung  gestellten  Auslandskredite  ermöglicht. ­

Erfolgreiche  Arbeit
Aus  den  hier  mitgeteilten  Angaben  und  Schilderungen  läßt  sich
folgendes  Urteil  fällen:  Im  Verlauf  ihrer  erst  dreijährigen  Tätigkeit ­
  haben  die  Landwirtschaftsgenossenschaften  Sowjet-Rußlands
bereits  ein  ansehnliches  Aufbauwerk  geleistet.  Es  besteht  eine
gesunde  und  aussichtsvolle  Vorwärtsentwicklung  und  die  finanziellen ­
  Kräfte  der  Landwirtschaftsgenossenschaften  sind  im
Wachsen.  Bereits  in  dieser  kurzen  Zeit  ist  der  Apparat  der  Primärgenossenschaften,
  sowie  die  lokalen  und  zentralen  Verbandsorganisationen ­
  in  hohem  Maße  erstarkt  und  geformt.  Der  Prozeß  des
organisatorisch-technischen  Ausbaues  und  zur  Rationalisierung
des  Apparates  zum  Zwecke  der  allergünstigsten  Befriedigung  der
Bedürfnisse  der  genossenschaftlich  organisierten  Bauernmassen
schreitet  sichtbar  voran.
Die  neuen  russischen  Landwirtschaftsgenossenschaften  leisten
eine  große  Arbeit,  sowohl  auf  dem  Gebiete  der  Organisation  des
Absatzes  von  Erzeugnissen  der  Landwirtschaft,  als  auch  bei  der
Versorgung  der  Bauernwirtschaften  mit  Produktionsmitteln  und
        <pb n="29" />
        29

sonstigen  notwendigen  Wirtschaftsartikeln.  Ungeachtet  einer
Reihe  noch  bestehender  objektiver  Schwierigkeiten  wird  der  Organisation ­
  des  genossenschaftlichen  Eigenbetriebs  allseitig  bedeutende ­
  Aufmerksamkeit  gewidmet.  Gegenwärtig  verfügen  die
Landwirtschaftsgenossenschaften  bereits  über  ein  breit  ausgedehntes ­
  Netz  landwirtschaftlicher  Industriebetriebe  aller  Art.
Als  eine  besondere  Errungenschaft  der  Landwirtschaftsgenossenschaften ­
  ist  zu  betrachten,  daß  sie  einen  bedeutenden
Platz  im  Außenhandelsmonopol  des  Sowjetstaates  einnehmen.

Die  Maßnahmen  gegen  die  Mißernte
Es  ist  selbstverständlich,  daß  die  Landwirtschaftsgenossenschaften ­
  sich  in  hervorragender  Weise  an  den  Kampagnen  beteiligen, ­
  die  gegen  die  Mißernte  unternommen  worden  sind.  Der
Arbeitsplan  des  ,,Selskosojus“  erstreckt  sich  sowohl  auf  die  unmittelbare ­
  Versorgung  der  Bevölkerung  mit  Verpflegsartikeln  und
Saatgut,  als  auch  auf  Agrikulturmaßnahmen,  die  auf  längere
Perioden  berechnet  sind.  Zur  kommenden  Anbausaison  im  Frühjahr ­
  1925  sollen  2  000  000  Pud  Sommersaatgut  in  die  betreffenden
Gebiete  geliefert  werden.  Die  Landwirtschaftsgenossenschaften
dieser  Rayons  werden  1  000  000  Pud  Saatgut  auf  Kredit  zur  Verfügung ­
  gestellt  bekommen,  wobei  die  Kreditfrist  bis  zum  Eingang
der  neuen  Ernte  festgesetzt  ist.  Die  lokalen  Verbände  der  Landwirtschaftsgenossenschaften ­
  haben  bis  jetzt  bereits  600  000  Pud
verschiedenen  Brotgetreides  angefordert.  Hiervon  ist  bereits  ein
großer  Teil  geliefert.  Um  den  Viehstand  in  den  Mißefntegebieten
erhalten  zu  können,  überläßt  der  „Selskosojus"  den  dortigen  Viehbesitzern ­
  Futtermittel  als  Darlehen  für  die  Dauer  von  lh&amp;gt;  Jahren.
Dadurch  wird  es  ermöglicht  sein,  25  000  Stück  Großvieh  und  125000
Stück  Kleinvieh  trotz  der  Mißernte  weiter  erhalten  zu  können.  Um
den  Viehaufkauf  durch  Privathändler  zu  Schleuderpreisen  zu  verhindern, ­
  organisiert  der  „Selskosojus"  den  Aufkauf  von  25  000
Stück  Vieh,  deren  Verkauf  in  anderen  Gebieten  ebenfalls  vorbereitet ­
  wird.  Bis  jetzt  wurden  für  diese  Viehverkaufsoperationen
an  11  lokale  Verbände  825  000  Rubel  zur  Verfügung  gestellt.
Schließlich  hat  der  „Selskosojus"  in  die  von  der  Mißernte  getroffenen ­
  Gebiete  eine  bedeutende  Anzahl  von  landwirtschaftlichen ­
  Maschinen  geschickt,  darunter  die  im  September  aus
Amerika  erhaltenen  500  Traktoren  „System  Fordson",  sowie  viele
Pflüge,  Sämaschinen,  Tellerwalzen  usw.  Die  Maschinen  werden
den  Bauern  gebrauchsfertig  geliefert.  Zu  diesem  Zwecke  sind
Ingenieure  und  Monteure  hingeschickt  worden,  die  Kurse  und
praktische  Uebungen  für  die  Bauern  veranstalten.  Es  ist  auch
dafür  gesorgt,  daß  die  lokalen  Landwirtschaftsgenossenschaften
genügende  Vorräte  an  flüssigem  Heizmaterial  und  Schmierfette
auf  Lager  haben.
        <pb n="30" />
        30

Die  russischen  Genossenschaften  eilen  auch  den  notleidenden
  deutschen  Kleinbauern  zu  Hilfe!
Auf  der  am  23.  und  24,  November  1924  in  Weimar  tagenden
Reichskonferenz  der  deutschen  Kleinbauernverbände ­
  war  ein  Telegramm  von  den  russischen  landwirt
schaftlichen  Genossenschaften  aus  Moskau  eingegangen,  worin
eine  großzügige  Hilfsaktion  für  die  von  der  Mißernte  betroffenen
Kleinbauern  Deutschlands  angekündigt  war.  Wir  können  die  kolossale ­
  Wirkung  auf  die  Bauerndelegierten  nicht  besser  schildern,  als
indem  wir  ihre  Dankkundgebung  hier  im  Wortlaut  folgen
lassen:
Berufskollegen!  Bundesfreunde!
Die  schwere  Not,  die  uns  betroffen  hat,  ist  durch  Vermittlung  des  Internationalen ­
  Bauern-Rats  auch  der  russischen  Bauernschaft  zu  Ohren
gekommen.  In  zahllosen  Versammlungen  haben  unsere  russischen  Berufskollegen ­
  zu  der  Mißernte  in  Deutschland  und  der  Notlage  des  deutschen
Kleinbauern  Stellung  genommen.  Trotzdem  auch  in  Rußland  eine  teilweise
Mißernte  besteht,  haben  sie  beschlossen,  der  arbeitenden  deutschen  Bauernschaft ­
  einen  handfesten  Beweis  ihrer  brüderlichen  Solidarität
und  Teilnahme  zu  geben.
Die  große  Organisation  der  russischen  Bauernschaft,  der  Verband  der  landwirtschaftlichen ­
  Genossenschaften  Rußlands,  „Selskosojus“,  wurde  beauftragt,
Produkte  der  russischen  Landwirtschaft,  insbesondere  die  dem  deutschen
Kleinbauern  so  notwendigen  Futtermittel,  zu  ermäßigten  Preisen  und  gegen
langfristigen  Kredit  der  Arbeitsgemeinschaft  der  schaffenden  Landwirte,
Pächter  und  Siedler  zur  Verfügung  zu  stellen.
Wie  uns  jetzt  der  „Selskosojus“  mitteilt,  hat  dieser  als  erste  Hilfe  in  der
Not  160  000  Kilogramm  Futtermittel  und  Getreide  bereitgestellt.  Die  Arbeitsgemeinschaft ­
  wird  imstande  sein,  diese  Futtermittel  rund  15  Prozent  unter  den
Marktpreisen  an  die  kleinbäuerlichen  Genossenschaften  abzugeben.  Ein  Teil
dieser  Futtermittel  ist  bereits  in  Deutschland  eingetroffen.
Die  russische  Arbeiter-  und  Bauern-Regierung  hat  ihrerseits  beschlossen,
diesen  Sendungen  besondere  Fracht-  und  Zollermäßigung  zu  gewähren.
Berufskollegen!  Bundesfreunde!  In  unserer  furchtbaren  Not  haben  wir  uns
wiederholt  an  die  Parteien  der  Landtage  und  des  Reichtages  sowie  an  die
Regierungen  der  Länder  und  die  Reichsregierung  gewandt.  Keine  der  bürgerlichen ­
  Parteien,  auch  nicht  die  Sozialdemokratie,  hat  sich
unsere  Forderungen  zu  eigen  gemacht.  Man  hat  uns  mit  leeren  Versprechungen
abgespeist,  man  hat  die  Kredite  nicht  uns,  sondern  den  Großbauern  und
Großgrundbesitzern  gegeben,  man  hat  uns  weiter  mit  Steuern  ausgesogen
und  durch  Pfändungen  ruiniert.  Unsere  Tagungen  und  Versammlungen
sind  sogar  verboten  und  gesprengt  worden,  ein  Teil  der  Wortführer  ist  heute
noch  verfolgt.
Mit  leeren  Händen,  mit  quälenden  Sorgen,  bedroht  von  dem  Ruin,  steht  der
deutsche  kleine  Bauer  vor  dem  Winter.  Der  Landbund,  die  christlichen ­
  Bauernvereine,  die  Bauernbünde  kümmern  sich  alle  nur
um  das  Schicksal  der  zahlungsfähigen  Großbauern.  Niemand  von  ihnen
kümmert  sich  um  uns,  niemand  gibt  uns  Hilfe.
In  dieser  Not  sind  es  die  fernen  russischen  Bauern  von  den  Ufern  der
Wolga,  von  der  Grenze  Sibiriens,  die  uns  zu  Hilfe  eilen,  die  uns  einen  Beweis
ihrer  brüderlichen  Sympathie  geben.
Die  russischen  Bauern  sind  selber  in  einer  schweren  Lage  infolge  des
Krieges,  jahrelanger  Bürgerkämpfe  und  wiederholter  katastrophaler
Mißernten.  Aber  die  russischen  Bauern  befinden  sich  dennoch  im  Auf ­
        <pb n="31" />
        31

stieg!  Gemeinsam  mit  den  russischen  Arbeitern  haben  sie  den  Zarismus  gestürzt ­
  und  die  schmarotzenden  Großgrundbesitzer  verjagt.  Das  Land  gehört  in
Rußland  den  schaffenden  Bauern  und  Arbeitern.  Wer  den  Boden  bearbeitet
hat,  hat  auch  die  Nutznießung.  Darum  sind  unsere  russischen  Berufskollegen
heute  imstande,  nicht  nur  ihren  eigenen  Mißerntegebieten,  sondern  auch  uns
praktische  Hilfe  zu  senden.  Ihre  Regierung,  die  nicht  wie  bei  uns  eine  Regierung ­
  der  Kapitalisten  und  Bureaukraten  ist,  sondern  eine  Regierung  der
Ar  beiter  und  Bauern,  hat  ein  warmes  Herz  für  die  Nöte  des  kleinen
schaffenden  Mannes,  nicht  nur  im  eigenen  Lande,  sondern  auch  für  andere
Nationen.
Berufskollegen!  Bundesfreunde!  Wir  danken  den  russischen  Brüdern,  der
russischen  Arbeiter-  und  Bauern-Regierung  für  diesen  ersten  Beweis  tätiger
Hilfe.
Wir  deutschen  Kleinbauern  haben  erkannt,  daß  die  Kapitalisten  und  Großgrundbesitzer ­
  uns  nicht  helfen  wollen,  sondern  im  Gegenteil  unsere  Lasten  nur
immer  drückender,  unsere  Not  immer  unerträglicher  machen.  Wir  haben
erkannt,  daß  nur  die  organisierte  Selbsthilfe  der  schaffenden  Bauern  im  Bündnis
mit  der  kampfbereiten  Arbeiterschaft  imstande  ist,  uns  zu  retten.  Wir  sehen
aus  dem  Verhalten  unserer  russischen  Berufskollegen,  daß  der  Weltbund  der
Bauern  kein  leeres  Wort  ist,  sondern  eine  Organisation  der  Tat,  und  eben  der
„Internationale  Bauern-Ra  t",  mit  dem  unsere  ,,A  rbeitsgemeinschaft
  der  schaffenden  Landwirte,  Pächter  und  Siedler"
gemeinsam  arbeitet,  verwirklicht  den  Weltbund  der  Bauern  aller  Länder  und
kämpft  für  Boden  und  Freiheit.
Die  Hilfsbereitschaft  der  landwirtschaftlichen  Genossenschaften  Sowjet-Rußlands
  wird  uns  ein  Ansporn  sein,  die  eigenen  kleinbäuerlichen
Genossenschaften  fester  zusa  m  m  enzufassen  und  besser
auszubauen.  Das  Entgegenkommen  der  Sowjetregierung  muß  uns  anfeuern, ­
  jetzt  erst  recht  von  der  deutschen  Regierung  die  notwendigen  zinslosen
Kredite  und  Frachtermäßigungen  zu  verlangen.  Das  Bündnis  der  Arbeiter  und
Bauern  in  Sowjet-Rußland,  das  dort  einen  Arbeiter-  und  Bauernstaat  aufrichtete, ­
  soll  uns  als  Beispiel  dienen  für  das,  was  auch  die  deutschen  Arbeiter
und  Bauern  haben  müssen.
Es  lebe  das  Bündnis  der  russischen  und  deutschen  Arbeitsbauern!
Es  lebe  der  Weltbund  der  Bauern  und  Arbeiter!

Was  Lenin  zur  Genossenschaft  sagte
Noch  niemals  in  der  Weltgeschichte  hat  eine  Regierung  die
genossenschaftlichen  Selbsthilfeorganisationen  der  werktätigen  Bevölkerung ­
  in  Stadt  und  Land  als  Organe  des  Staates  benutzt.  Es
ist  auch  klar,  daß  ein  kapitalistischer  Staat  die  proletarischen ­
  antikapitalistischen  Genossenschaften
entweder  bekämpfen,  schikanieren  oder  hemmen  muß;  bestenfalls
kann  er  sie  dulden  —  es  sei  denn,  er  versteht  sie  zu  seinen  eigenen
Interessen  auszunutzen,  wodurch  diese  Genossenschaften  dann  den
Interessen  ihrer  Klasse  verlorengehen.
Der  erste  Arbeiter  -  und  Bauernstaat  hat  natürlicherweise ­
  die  gegenteilige  Einstellung  zur  Arbeiter-  und  Bauerngenossenschaft, ­
  als  sie  ein  kapitalistischer  Staat  hat,  Der  Sowjetstaat, ­
  der  den  Kapitalismus  beseitigt,  nimmt
als  erster  Staat  der  Welt  die  Genossenschaften
zu  den  Grundelementen  seiner  neuen  wirtschaftlichen ­
  Aufbaupolitik.  In  Sowjet-Rußland  sind  die  Ge ­
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        32

nossenschaften  zu  staatsbildenden  Faktoren  für  den  proletarischen
Staat  geworden;  er  fördert  sie  mit  allen  Mitteln.
Hat  je  ein  Staatsoberhaupt  so  von  der  Genossenschaft ­
  gesprochen,  wie  Genosse  Lenin
von  den  Kooperativen?
Aus  seinem  allerletzten  Artikel  in  der  „Prawda“  in  Moskau
sind  diese  bedeutsamen  Sätze  zitiert:
Dank  der  Besonderheit  unserer  Staatsordnung  kommt  der  Genossenschaft
eine  vollkommen  ausschließliche  Bedeutung  zu.  Ich  will  das  erklären.  Worin
besteht  das  Phantastische  in  den  Plänen  der  alten  Kooperatoren,  angefangen
bei  Robert  Owen?  Darin,  daß  sie  von  der  friedlichen  Umwandlung
der  heutigen  Gesellschaft  in  eine  sozialistische  träumten,  ohne  solche  Grundfragen ­
  wie  die  Frage  des  Klassenkampfes,  der  Eroberung  der  politischen ­
  Macht  durch  die  Arbeiterklasse,  des  Sturzes  der  Herrschaft
der  Ausbeuterklasse  in  Betracht  zu  ziehen.  Und  darum  hatten  wir
Recht,  als  wir  in  diesem  „kooperativen"  Sozialismus  nichts  anderes  als  eine
romantische,  abgeschmackte  Phantasie  fanden:  Träumereien  darüber,  wie  man
durch  eine  einfache  Kooperierung  der  Bevölkerung  die  Klassenfeinde  in  Klassenmitarbeiter ­
  und  den  Klassenkrieg  in  einen  Klassenfrieden  (den  sogenannten
Bürgerfrieden)  verwandeln  könnte.  Diese  alten  Genossenschafter  begreifen
nicht  die  grundlegende  Bedeutung  des  politischen  Kampfes  der  Arbeiterklasse ­
  für  den  Sturz  der  Ausbeuterherrschaft.  Bei  uns  ist  dieser  Sturz,
vollbracht  und  jetzt  ist  vieles  davon,  was  in  den  Träumen  der  alten  Genossenschafter ­
  phantastisch  und  romantisch  war,  die  nackteste  Wirklichkeit  geworden.
Aber  betrachten  wir  nun,  wie  sich  die  Sache  jetzt  geändert  hat,  da  sich
die  Staatsmacht  in  den  Händen  der  Arbeiterklasse  befindet,  wo  die  politische
Macht  der  Ausbeuter  gestürzt  ist,  und  alle  Produktionsmittel  der  Arbeiterklasse ­
  gehören  (außer  jenen,  die  der  Arbeiterstaat  auf  eine  Zeit  den  Ausbeutern ­
  freiwillig  und  bedingt  und  in  Konzessionen  überläßt).
Jetzt  haben  wir  das  Recht,  zu  sagen,  daß  das  Wachsen  der  Kooperationen ­
  für  uns  (unter  dem  oben  erwähnten  „kleinen"  Vorbehalt)  gleichbedeutend ­
  ist  mit  dem  Wachsen  des  Sozialismus.
Gleichzeitig  müssen  wir  eine  grundlegende  Aenderung  unseres  ganzen
Standpunktes  bezüglich  des  Sozialismus  zulassen.  Diese  grundlegende  Aenderung
besteht  darin,  daß  wir  bis  jetzt  das  Hauptgewicht  auf  den  politischen
Kampf,  auf  die  Revolution,  auf  die  Eroberung  der  Macht  legten  und  legen
mußten;  jetzt  aber  (nach  dem  Klassensieg.  Red.)  muß  das  Hauptgewicht  auf
die  friedlic-he  organisatorische  ^kulturelle"  Arbeit  verlegt ­
  werden.  Ich  möchte  sagen,  der  Schwerpunkt  geht  bei  uns  auf  die  Kulturarbeit ­
  über,  abgesehen  von  den  internationalen  Beziehungen,  wo  ein  Hauptgewicht ­
  auf  der  Pflicht  beruht,  unsere  Positionen  im  internationalen  Maßstabe
zu  verteidigen.  Diese  Kulturarbeit  unter  der  Bauernschaft,  als  wirtschaftliches
Ziel,  wird  gerade  durch  die  Kooperierung  besorgt.  Unter  den  Bedingungen ­
  der  völligen  Kooperierung  würden  wir  schon  mit
beiden  Füßen  auf  sozialistischem  Boden  stehen.  Aber  diese
Bedingungen  der  völligen  Kooperierung  setzen  eine  solche  kulturelle  Stufe  der
Bauernschaft  (namentlich  der  Bauernschaft  als  einer  Riesenmasse)  voraus,  daß
diese  Kooperierung  ohne  eine  Kulturrevolution  unmöglich  ist.
Unsere  Gegner  haben  uns  öfters  gesagt,  daß  wir  die  unüberlegte  Arbeit  der
Verwirklichung  des  Sozialismus  in  einem  Lande  mit  mangelhafter  Kultur  unternommen ­
  haben.  Sie  haben  sich  aber  darin  geirrt,  wenn  sie  glaubten,  uns  vorwerfen ­
  zu  können,  daß  wir  die  Arbeit  nicht  von  jener  Seite  begonnen  haben,
wie  es  nach  der  verkehrten  Theorie  (verschiedener  Pedanten)  hätte  geschehen
sollen.  Bei  uns  war  der  politische  und  der  soziale  Umsturz  nur  der  Vorgänger
(und  die  unerläßliche  Vorbedingung!  Red.)  jenes  kulturellen  Umsturzes,  jener
Revolution,  an  deren  Schwelle  wir  jetzt  stehen.
        <pb n="33" />
        VERLAG  NEUES  DORF,  BERLIN  NW52
iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiihiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii
Bibliothek  des  Internationalen  Bauern  -  Rates  /  Band  4
Welche  Genoilenlciialten  Können  uns  Hellen?
Über  die  Austauschgenossenschaften
der  Kleinbauern  und  Arbeiter
Referate  von  Karl  Bittel  u.  a.  auf  dem  Ersten  Intern.  Bauernkongreß

ln  dieser  Broschüre  von  32  Seiten  ist  das  Genossenschaftswesen  in  den  kapitalistischen ­
  Ländern  kritisch  beleuchtet  Es  wird  die  Forderung  aufgestellt,  direkte
Austauschgenossenschaften  der  Kleinbauern  und  Arbeiter  zu  schaffen
1111111111111111111111111111111111111111111111  (i
Preis  40  Pfennig
mi  in  iiiiiiiiiimi  m  um  iimiiiii  iiii  um
Außerdem  erschienen  folgende  Bände  der
Bibliotheh  des  internationalen  Bauern-Haies
1.  Als  deutscher  Bauer  in  Sowjet-Rußland.

Mit  mehreren  Bildern  0,40  Mk,
2.  Die  Bauern  auf  dem  Wege  zur  Befreiung  0,40  „
3.  Das  Joch  der  Bauern  0,40  „
4.  Welche  Genossenschaften  können  uns
helfen?  0,40  „
5.  Der  Weltbund  der  Bauern.  Die  Gründung
des  Internationalen  Bauern-Rates  0,50  „
6.  Das  Bündnis  der  Bauern  und  Arbeiter.  .  0,30  „
7.  Der  erste  Weltkongreß  der  Bauern  2,50  „

Jeder  schallende  Landwirt,  Kleinpächter  und  Siedler  lese  die  zeitschritt
„Einiges  Volk“
Preis  10  Pfennig
Durch  jedes  Postamt  zu  beziehen  /  Erscheint  monatlich  einmal
        <pb n="34" />
        Druck:  Produktiv-Genossenschaft  für  den  Bezirk'Halle-Merseburg,  eGmbH.,  Halle  a.  d.  S..  Lerchenfeldstr.  14

Unsere
Rußlandreise
als  deutsche  Genossenschafter^,
Zweite,  vermehrte  Auflage
40  Seifen  mit  zwölf  Bildern
30  Pfennig

Bezug  aller  Genossenschaftsliteratur  durch:
Allgemeiner  Genossenschaitsverlag,  Friedrichshagen-Berlin
        <pb n="35" />
        the  scale  towards  document

Eine  große  Zahl  lokaler  Verbände  hat  Stäbe  von  gutgeschulten
l  erfahrenen  Agronomen,  deren  Hauptaufgabe  darin  besteht,
neue  wissenschaftliche  Methoden  der  landwirt-^aftlichen
  Produktion  Propaganda  zu  machen.  Unter  Führung
14  Aufsicht  der  Genossenschaften  gehen  vielerorts  die  Bauern
althergebrachten  unrentablen  Gebräuchen  der  Landwirtschaft
verbesserten  Methoden  der  Bodenbebauung  über.  In  den  landtschaftlichen
  Genossenschaften  haben  sich  die  aktivsten  Landte
  zusammengeschlossen.  Die  Genossenschaften  sind  geradezu
Pflanzstätten  einer  neuen  Kultur  auf  dem  Sowjet-^sischen
  Dorfe  geworden,  die  auf  der  Herrschaft  des
^affenden  Bauernvolkes  aufgebaut  ist.  In  den  drei  Jahren  ihrer
,igkeit  haben  die  Landwirtschaftsgenossenschaften  Sowjet-Ruß-Is
  trotz  vieler  Schwierigkeiten  (Kapitalmangel,  das  Hungerjahr
1)  eine  sehr  ersprießliche  Arbeit  geleistet  und  jetzt,  wo  das
tschaftliche  Aufleben  des  Arbeiter-  und  Bauernstaates  eine  von
;rmann  anerkannte  Tatsache  ist,  können  die  Landwirtschaf  tsossenschaften
  mit  ruhiger  und  fester  Ueberzeugung  von  sich
'en:  „Unser  die  Zukunft!“

pp  m

Das  Auftreten  auf  dem  Auslandsmarkt
Die  wichtigsten  Absatzartikel  der  Landwirtschaftsossenschaften
  sind:  Getreide,  Flachs,  Rauchwaren,  Rohhäute,
ter  und  Eier.  Diese  Artikel  sind  auch  die  hauptsächlichsten
portgüter.  Im  Jahre  1913  waren  von  der  totalen  Exporter ­
  Rußlands  —  die  sich  auf  1520  Millionen  Goldrubel  belief  —
Millionen  Rubel  für  700  Millionen  Pud  Getreide;  in  Rauchen ­
  beherrschte  Rußland  50  Prozent  des  Weltumsatzes.
Es  ist  daher  natürlich,  daß  die  Landwirtschaftsgenossenschafgleich ­
  nach  Wiederaufnahme  des  Welthandels  Sowjet-Ruß--Us
  im  Rahmen  des  staatlichen  Außenhandelsmonopols  Bemngen
  zum  Ausland  aufgenommen  haben.  Im  Geschäftsjahr
3/24  sind  auch  in  dieser  Hinsicht  große  Erfolge  vorhanden  und
h  größere  Perspektiven  für  die  Weiterentwicklung  zu  ver-:hnen.

Der  Export  der  Landwirtschaftsgenossenschaften  war  im  Jahre
A,  absolut  genommen,  noch  nicht  sehr  bedeutend,  hat  aber  im
hältnis  zum  Gesamtexport  Sowjet-Rußlands  schon  eine  relativ
ähnliche  Höhe  erreicht.

SI-Artikel


Export  in  Tausend  Pud
aus  Rußland  durch  d.  landw,
überhaupt  j  Genossenschaf 1 .

0/
Io

8: '
Hauptgetreidearten.

180  000

30  000

16,2

:_l J  Flachs

1  617

250

15,5

r  Butter
s:

304

100

32,9

Die  Beteiligung  der  Landwirtschaftsgenossenschaften  am  Exvon
  tierischen  Rohstoffen  ist  15  Prozent,  am  Eierexport  13

27
        <pb n="36" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
