71 geladen ist, scheint ihr das Programm der „Internationalen abolitionistischen Föderation" von erschreckender Magerkeit zu sein. Schauen wir auf das unglückliche Opfer unserer sozialen Klassenverhältnisse: auf die Prostituierte. Sie ist meist keine Persönlichkeit mehr,, sie ist ein entmenschtes Wesen. Ihre Per sönlichkeit must erst wiederhergestellt werden. Erst eine gründliche sozial-ethische Erziehung, eine tüchtige wirtschaftliche Schulung für einen Lebensberuf richtet ihre Individualität wieder aus. Gerade ihre vertiefte soziale Auffassung von der Lösung des Prostitutions problems' mußte viele überzeugte Sozialdeniokraten von der Teil nahme an der abolitionistischen Bewegung bisher abhalten. In den Statuten der „Internationalen abolitionistischen Föderation" ent halten nur folgende magere Sähe so etwas wie ein Programm der Föderation: Bestrafung der Unzucht, begangen oder versucht i mit Minderjährigen oder Personen des einen oder anderen Ge schlechts, die als Minderjährige zu betrachten sind, Bestrafung der Unzucht, vollzogen oder versucht durch Gewalt oder List, Bestrafung der Verletzung des öffentlichen Anstandes, Bestrafung der öffent lichen Anreizung zur Ausschweifung und der Kuppelei. Dieses abolitionistische Programm beschränkt sich eigentlich auf das Gebiet der äußeren Sittlichkeit oder richtiger nur auf eine Reihe van Sittltchkeitsverbrechen oder Sittlichkeitsvergehen des Strafgesetz buches. Die übrigen Seiten des Prostitutionsproblems sinken in den Statuten der „Internationalen abolitionistischen Föderation" zu bloßen Diskussionsfragen herab. Die Prostitution ist nun in den Augen der Sozialdemokratie nicht ein lediglich individuell sitt liches Problem, das jede Person für sich in freier Selbstbestimmung zu lösen hat, sondern ein Komplex sozialer Probleme, deren Lösung in einer Reihe von wirtschaftlichen und sozialen Umgestaltungen der menschlichen Lebensbedingungen eingebettet ist. Der Sozial demokratie erscheint der bloße Fortfall der staatlichen Reglemen tierung der Prostitution als eine ziemlich ärmliche und nichtige Sache, und sie ruft daher, soziale Taten heischend, der abolitionistischen Föderation zu: Ihr hebt die Prostituierte als Nummer, in der langen Kontrollliste der großstädtischen Dirnen auf, aber ihr laßt sie in ihrer ganzen sozialen Jammerexistenz in der bürgerlichen Gesellschaft fortbestehen. Was tut Ihr da Großes? Werden denn Schande und Eleird überhaupt von der Prostituierten genommen, wenn sie nicht mehr als staatlich anerkannte Dirne umherläuft? Ruft sie fort von der Gasse und verwandelt sie in eine schaffende, kämpfende Arbeiterin! Das Gefühl der Unbefriedigung über die soziale Unfruchtbarkeit der bisherigen abolitionistischen Prinzipien steigt bereits in den be geisterten Anhängern und Anhängerinnen der abolitionistischen Be wegung auf. Me Engländerin B. Leppington öffnet in ihrem streitbaren Referat gegen den Neoregulationismus die Bahn für eine positive soziale Arbeit der Abolitionisten. Sie schreibt: