- 120 — Will, man dem großen Reiche der Prostitution wirklich ein an sehnliches Terrain abgewinnen, so mutz man den weiblichen Dicnst- choten das Bewußtsein ihrer Arbeiterinnenehre anerziehen und- sie zur wirtschaftlichen Organisation ihres Berufes leiten. Fallen müssen von ihnen alle die Charakterzüge der Unterwürfigkeit, die ! ihnen noch aus dem Gesindewesen anhaften. Es mutz die Axt an die rückständigen Gesindeordnungen gelegt werden. In ein modernes 'Arbeitsverhältnis hat sich das Gesindeverhältnis zu wandeln. II. Kapitel. Sie Prostitution als Klaffenerlcljeinung und iljrc Ueberwindung. In den Großstädten, wo sich eng aneinander die Nabobs- und die Lazarusschichten der Gesellschaft reiben, schießt die Prostitution zu einer riesigen sozialen Schmarotzerpflanze empor. Der Nähr boden wird ihr erst vollständig mit dem Fortfall der sich scharf be fehdenden sozialen Klassen entzogen. Solange sich noch in unserer städtischen Klassenkultur Frauen finden werden, die sich direkt zur Fristung ihrer Existenz verkaufen müssen, ist die Prostitution nicht zu entwurzeln. Solange sich in den Städten eine unverheiratete zahlungsfähige Jungmannschaft häuft, die aus engherziger Klassen moral heraus mit den eigenen Klassengenossinnen keine freien Liebes und Ehebünde eingehen, und die sich die körperliche Hingabe von Nichtklassengenossinnen mit Geld erkaufen können, werden die Pro stituierten in hellen Scharen in unseren Großstädten herumwimmeln. Das Klassenprinzip ist die Wurzel der modernen städtischen ! Prostitution. Das Klassenprinzip schließt wirtschaftlich mächtige und ohnmächtige Klassen ein, es zerstört das Gefühl der menschlichen Gemeinsamkeit zwischen den Angehörigen der verschiedenen Klassen, .es schwächt die Idee der Verantwortlichkeit im geschlechtlichen Ver kehre ab, es trübt die rein menschlichen Beziehungen der beiden Ge schlechter zu einander. Die Eheschließung wird zugunsten des Idols der sogenannten standesgemäßen Ehe ganz ungebührlich lauge bei den besitzenden Klassen hinausgeschoben und dadurch ein ungebun dener außerehelicher feiler Liebesverkehr entfesselt. ( Die Ueberwindung der Prostitution als einer sozialen Klassen erscheinung liegt in der Richtung der Aufhebung der Klassen über haupt. Darüber sind wir keinen Augenblick im Zweifel.. Die Prostitution wird aber Provinz an Provinz verlieren mit dem sozialen Aufstreben und der wachsenden wirtschaftlichen Un abhängigkeit der arbeitenden weiblichen Bevölkerungsgruppen, die sich bisher aus Mangel an einem starken wirtschaftlichen Rückgrat nicht auf den eigenen Füßen halten konnten und deshalb oft in. den Straßenschmutz hinabstrauchelten. Auf eine wirtschaftliche und