27 Daß A. Smith die fundamentale Unterscheidung zwischen den beiden Kategorien der Bedürfnisse, den Existenz- und den Kulturbedürfnissen gleichsam intuitiv empfand, wird aus verschiedenen Stellen seines „Volks wohlstandes“ ersichtlich; so sagt er einmal: „ . . . daß das Verlangen nach Nahrung hei jedem Menschen durch den engen Raum des menschlichen Magens begrenzt ist, aber das Verlangen nach Bequemlichkeiten und Ver schönerungen der Wohnung, Kleidung, des Fuhrwerks und des Hausrats keine Grenze oder sichere Schranke zu haben scheint.“ 1 ) Wo eine höhere Kulturstufe be steht, muß die Befriedigung der zweiten Bedürfnisart, der Kulturbedürfnisse, das wichtigere Motiv oder die eigentliche Triebfeder des Wirtschaftens abgeben. Denn nur da, wo der Mensch nicht jeden Tag ans Darben und an das Existenzminimum zu denken braucht, kann er überhaupt eine höhere Lebensweise führen. Hieran knüpft der Gedanke vom Grenznutzen oder vom Grenzwerte an; er beruht auf der einfachen und feinen Beobachtung, daß die primären Bedürfnisse nicht sehr ausdehnbar, aber auch ohne Zerstörung des mensch lichen Lebens nicht zusammenziehbar, relativ unelastisch nach unten oder nach oben sind. Die untere Grenze der Bedürfnisbefriedigung zur Fristung eines mensch lichen Lebens nennt man das Existenzminimum, das an sich eine relative, nach Zeit, Ort und Person ver schiedene Größe ist. Diese Elastizität der Kulturbedürfnisse im Vergleich zu den Existenzbedürfnissen kann man mit einem zu sammenhängenden System von Sprungfedern vergleichen, wo die Federn aus verschiedenem Draht gemacht sind, eine aus biegsamerem, andere aus spröderem Metall. ') Wealth of nations, zitiert in Ricardos Principles, deutsch von Baumstark, 2. Aufl. 1877, S. 357.