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        <title>David Ricardo und die Grenzwerttheorie</title>
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            <forname>Dimitrij</forname>
            <surname>Kalinov</surname>
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        </author>
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            <idno>1033563544</idno>
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        ﻿mm

i int

EIGENTUM

DES

INSTITUTS

FO*

WELTWIRTSCH. •
KIEL

BIBLIOTHEK

T 1338
        <pb n="2" />
        ﻿David Ricardo und die Grenzwerttheorie.

* ♦	. v i r

Ein Beitrag zum	fischen .Nutzen-

und 'E^sje^'w^tttheorie. i

IN AUGUR AL-DISSERTATION

ZUR

ERLANGUNG DER DOKTORWÜRDE

GENEHMIGT

VON DER PHILOSOPHISCHEN FAKULTÄT

DER

FRIEDRICH -WILHELMS - UNIVERSITÄT
ZU BERLIN.

Tag- der Promotion: 14. Juli 1906.
        <pb n="3" />
        ﻿Referenten:	■ .

Professor Dr. Wagner.
Professor Dr. Schmoller.

Mit Genehmigung der Hohen Philosophischen Fakultät wird hier
nur ein Teil der ganzen Arbeit gedruckt. Die vollständige Ar-
beit, deren Inhaltsübersicht hier beigegeben ist, hoffe ich später
erscheinen lassen zu können.

Universitäts-Buchdruckerei von Gustav Schade (Otto Francke)
Berlin N., Linienstr. 158.
        <pb n="4" />
        ﻿Meinen lieben Eltern.
        <pb n="5" />
        ﻿üttVTtav XQrj/uanov /ustqov ccv&amp;Qtonog.

Protagoras.

ndXffxog nctrrjQ navTOiv.

Heraklit.

Value dwells not in partieular will,

It holds its estimate and dignity
As well wherin ’tis preeious of itself.

As in the prizer.

Shakespeare,

Troilus and Cressida, II. 2.

Labour is a commodity, which cannot
be increased and diminished at pleasure.

D. Ricardo,

Principles of Political Economy, IX Ch.

The labour of nature is paid, not be-
caase she does much, but because she
does little. In proportion as she becomes
niggardly in her gifts, she exacts a greater
price for her work. Where she is muni-
ficently beneficent, she always works gratis.

D. Ricardo,

Principles of Political Economy, 11 Ch.
        <pb n="6" />
        ﻿Inhaltsübersicht

Einleitung. Über die Wertung im allgemeinen.

Erkenntnisprozeß und Willensprozeß. — Die Werturteile als
Produkte der Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt.
— Plan der Arbeit.

Erstes Kapitel. Das individuell - psychologische Problem
oder der Qualitätsbegriff in der Wertlehre.

Bedürfnis, Nutzen. — Die Theorie vom Grenznutzen. — Das
psychologische Problem von Nutzenempfinden und Wertgefühl
in der klassischen Nationalökonomie, besonders bei Ricardo.

Zweites Kapitel. Das ökonomisch-technische Problem, das
Kostenmoment oder der Quantitätsbegriff in der
W ertlehre.

Der Kosten- oder Arbeitswert. — Der Arbeitsbegriff bei
Ricardo, damit zusammenhängend bei Rodbertus und Marx.
— Der Begriff von den gesellschaftlichen Grenzkosten oder
der gesellschaftlichen Grenzarbeit. — Der Begriff von der
Seltenheit.

Drittes Kapitel. Das sozialökonomische und sozialdyna-
mische Problem in der Wertbildung, der Relations-
begriff in der Wertlehre.

Die wirtschaftlichen Werte in der arbeitsgliedrigen Tausch-
gesellschaft. — Wechselwirkung und Ausgleichung zwischen
Bedarf und Deckung, Nachfrage und Angebot. — Der ge-
sellschaftliche Grenznutzen und die gesellschaftlichen Grenz-
kosten, ihre sozialdynamische Synthese, ihr Gleichgewichts-
zustand. — Die Verbindung der Grenznutzen- und Grenz-
kostentheorie zur höheren Synthesis der sozialökonomischen
Grenzwerttheorie.
        <pb n="7" />
        ﻿8

Viertes Kapitel. Der Modalitätsbegriff in der Wertlehre.
Wertbild ungs- und Wertverteilungsprozesse inner-
halb des Kollektivlebens. Die Frage von der freien
Konkurrenz, der Renten-und Einkommeusbildung und
der modifizierenden Stellung des Staates zu diesen.
Die Zusammenhänge von Individual- und Kollektivbedürfnissen,
Individual- und Sozialwerten. — Die Frage von ihrer sich
gegenseitig bedingenden und beeinflussenden Existenz. —
Der Modalitätsbegriff in der Wertlehre.

I.	Die Rentenbildung. Vorbemerkungen.

1.	Die Seltenheitsrente aus der Monopolstellung der
quantitativ -extensiven Produktionsmittel.

2.	Die Vorzugsrente aus der Monopolstellung der intensiv-
qualitativen Elemente im Produktionsprozesse, die
Arbeitsdifferentialrente.

3.	Die Vertrags- und Verkehrsmonopolrente.

4.	Die Staatsmonopolrente und die Frage von der öffent-
lich - rechtlichen Regulierung des gesellschaftlichen
Wertbildungsprozesses.

II.	Staatsleistung und ihr Korrelat, die Steuerleistung. —

Der kollektivistische oder sozialpolitische Gedanke in

Staatswirtschaft und Finanzpolitik. — Der Begriff von

der sozialen Gerechtigkeit. — Anlehnung an die soziale

Gerechtigkeitslehre von Aristoteles.

1.	Die ausgleichende, entgeltende und korrigierende Ge-
rechtigkeit in der Staatswirtschaft in werttheoretischer
Beleuchtung.

2.	Die austeilende, distributive Gerechtigkeit in der Fi-
nanz- und Sozialpolitik der Kollektivität.

Schlußbetrachtung.
        <pb n="8" />
        ﻿Einleitung.

Über den Wertungsprozeß im allgemeinen.

Jede Lebensfunktion und Lebensäußerung hat zwei
Seiten: Sie wirkt und bekommt von anderswo eine Gegen-
wirkung, sie findet Anstoß und sucht ihn zu überwinden,
sie gibt, und, indem sie gibt, empfängt sie; sie empfängt,
und, indem sie empfängt, gibt sie. Der Mensch ist auch
eine solche Krafteinheit, die zugleich empfängt und gibt,
gibt und empfängt.

Es liegt aber im Menschen eine gewisse Schichtung
oder Gruppierung von diesen Funktionen des Ernpfan-
gens oder Gebens: Die niedrigeren, primitiveren Funk-
tionen des menschlichen Seins sind vornehmlich emp-
fangenden, rezeptiven und perzeptiven Charakters, die
höheren, inneren Lebenstätigkeiten sind mehr norm-
gebenden und formbildenden Charakters. Die Funktion
des Empfangens beginnt im Menschen mit den Sinnes-
eindrücken (Empfangen mit Mindestmaß von Form-
gebung), steigen durch die Reihe der Verstandestätig-
keiten zu Begriffen, Urteilen und Schlüssen und ver-
dichten sich zu einem Erkenntnisinhalt.

Die Funktionen des Normgebens beginnen von den
inneren Tiefen des Verstandes, der Vernunft und des
Gemütes, des Seelenlebens überhaupt als gewisse Willens-
akte, die einer Zweckmäßigkeit der inneren Welt ent-
sprechen und entspringen, weshalb auch Kant den
        <pb n="9" />
        ﻿10

Willen ein Vermögen der Zwecke nennt1). Die Er-
kenntnisinhalte des Verstandes suchen die Zweckmäßig-
keit der äußeren Welt zu ergründen, die Willensakte
dagegen suchen eine bestimmte Zweckmäßigkeit in der
äußeren Welt zu begründen. Die Willensinhalte oder
Zweckreihen steigen hinunter zu den Gegenständen der
äußeren Welt, und ihre Anwendung auf dieselbe ergibt
die Werturteile. Somit ist das Werturteil das Messen
der äußeren Welt an dem Maßstab der inneren.

Das Nicht-Entsprechen der Gegenstände der äußeren
Welt mit den Zweckmäßigkeitsinhalten des Seelenlebens
oder des Willens wird empfunden als Bedürfnis. Das
Streben, die Gestaltung der äußeren Welt den Bedürf-
nissen der inneren anzupassen, ergibt das Begehren.
Die durch das Begehren hervorgebrachte Äußerung der
menschlichen Kräfte (physischen und geistigen, unmittel-
baren und mittelbaren) ergibt das Handeln. Das Han-
deln sucht die Gegenstände oder Verhältnisse der
äußeren Welt dem Willenseharakter der inneren anzu-
passen.

Der Willensinhalt kann sich beziehen entweder nur
auf die reine Form oder die Motive des Handelns oder
auf die konkrete Zweckmäßigkeit der Handlung in be-
zug auf deren vorgefaßte empirische Resultate. Im
ersten Fall haben wir ästhetische oder ethische Wert-
urteile, im zweiten Falle — technisch - ökonomische
Werturteile.

Das ästhetische Werturteil bezieht sich auf die
reine Form der Dinge, beurteilt bei einem freien Spiel
und nach einer unbewußten Zweckmäßigkeit der Ein-
drücke zu den Seelenkräften des Menschen2).

1)	Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Reclam, S. 71.

2)	Kant, Kritik der Urteilskraft, Reclam. Das ästhetische
Urteil als Freiheit des Spiels der Seelenkräfte: „Das Urteil heißt
auch eben darum ästhetisch, weil der Bestimmungsgrund desselben
        <pb n="10" />
        ﻿11

Das ethische Werturteil bezieht sich auf die reinen
Vernunftmotive des Handelns (ohne Bezug auf dessen
Resultat) in Angemessenheit mit dem Sittlich-Guten,
das durch die praktische Vernunft im Menschen ge-
geben ist.

Das ökonomische Werturteil bezieht sich auf das
Resultat von Handlungen und den Inhalt von Gegen-
ständen, die zu einer bestimmten Lebensgestaltung
nötig sind.

Es erhellt somit, von selbst, daß die ethischen und
ästhetischen Werturteile unmittelbar aus der inneren
Zweckmäßigkeit des Geistes entspringen, sie kümmern
sich nicht darum, ob die äußere Welt ihre Ausführung
in dem Augenblicke zuläßt oder nicht zuläßt. Anders
steht es mit den ökonomischen, den wirtschaftlichen
Werturteilen: Sie beziehen sich gerade auf die Aus-
führung von Zwecken und die Beschaffung von Mitteln,
die bestimmten Lebenszwecken, physischen oder geistigen,
auch ethischen oder ästhetischen, dienen. Die wirt-
schaftlichen Zweckreihen beziehen sich direckt auf die
Gegenstände der physischen Welt, und, indem sie in
dauerndem Kontakt mit dieser stehen, verlieren sie die
reine geistige Unmittelbarkeit und die unabhängige
innere Motivation, die den ästhesischen und ethischen
Werturteilen eigen ist.

Es besteht aber ein Zusammenhang zwischen all
diesen Werturteilen des Menschen. Wie die ethischen
und ästhetischen Werturteile in direkter oder indirekter
Motivation die wirtschaftlichen Handlungen des Menschen

kein Begriff, sondern das Gefühl (des inneren Sinnes) jener Einhellig-
keit im Spiele der Gemütskräfte ist, die nur empfunden werden
kann“. S. 75.

Uber die unbewußte Zweckmäßigkeit im Schönen zu den
Elementen der Lebenssteigerung: „Das Schöne ist das Symbol des
Sittlich-Guten“. S. 230, 234.
        <pb n="11" />
        ﻿12

bestimmen, so dienen die wirtschaftlichen Werte und
Werturteile ihrerseits als -Grundlage zur Realisierung
und damit zur Entwicklung der ästhetischen und ethischen
Motivreihen. Deshalb ist ihre Zusammengehörigkeit
und gegenseitige Beeinflussung, weil sie von einer
menschlichen Persönlichkeit entstammen und einer be-
stimmten Kulturstufe angehören, niemals zu verkennen.
Nur besitzen die ethisch - ästhetischen Werturteile und
Urteilskomplexe jenen Grad der rein geistigen Un-
mittelbarkeit zum Grundwesen der menschlichen Per-
sönlichkeit, die den zweiten, den ökonomisch-technischen,
nicht zukommt. Darum gehören die ersteren in ein
Reich der Freiheit der Persönlichkeitsäußerung des
Menschen, die zweiten in ein Reich, wo diese Persön-
lichkeitsäußerung des Menschen durch den Zwang der
äußeren physischen Natur beeinflußt und bestimmt ist.
Sicherlich hat Marx diesen eminenten Unterschied im
Sinne, wenn er die tiefsinnigen, goldenen Worte ausspricht:

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst
da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweck-
mäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur
der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen
materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur
ringen muß, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um
sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muß
es der Zivilisierte, und er muß es in allen Gesellschafts-
formen und unter allen möglichen Produktionsweisen.
Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der
Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse zunehmen;
aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die
diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiete
kann nur darin bestehen, daß der vergesellschaftete
Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoff-
wechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre ge-
meinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als
        <pb n="12" />
        ﻿13

von einer blinden Macht beherrscht zu werden, ihn
mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer
menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Be-
dingungen vollziehen. Aber es bleibt dies immer ein
Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt
die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbst-
zweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur
auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis
aufblühen kann.“ (K. Marx, Das Kapital, III Band,
2. Teil, 1894, S. 355.)

Die vorliegende Schrift wird sich mit den Bildungs-
vorgängen und den Zusammenhängen der Werturteils-
komplexe innerhalb dieses Reiches der Naturnotwendig-
keit, der Wirtschaft, zu beschäftigen haben.

Die Tätigkeit, welche die Erreichung der materiellen
Mittel erstrebt, die zu einer bestimmten Gestaltung des
Lebens von Individuum und Gesellschaft nötig sind,
bildet das Gebiet der Wirtschaft. Die Beschaffung aller
materiellen Befriedigungsmittel oder Nutzgegenstände
bis zur Konsumptionssphäre hin ist Aufgabe der wirt-
schaftlichen Tätigkeit, des Wirtschaftens. Die wirt-
schaftliche Tätigkeit erfordert eine Äußerung von
Energie, von unmittelbar persönlichen oder mittelbaren
Naturkräften, damit das Ziel des Wirtschaftens — die
Anschaffung von Bedürfnisbefriedigungsmitteln — erreicht
werde; sie richtet sich nach dem vorhandenen Bedürfnis
und dem zweckmäßigsten, durch die größte Ersparnis
wirtschaftlicher Energie erreichbaren und das größte
Befriedigungsmaß bringenden Befriedigungsmittel. Um
dies zweckmäßigste Befriedigungsmittel, dies nach dem
Prinzip der Wirtschaftlichkeit zu erreichende wirtschaft-
liche Gut, erkannt zu haben, bedarf es eines wirtschaft-
lichen Urteilens, gleichsam einer wirtschaftlichen Urteils-
kraft; und die ist in verschiedenen Menschen je nach
Land, Rasse und Geschichtsperiode verschieden.
        <pb n="13" />
        ﻿14

Damit es überhaupt zu diesen wirtschaftlichen
Werten und Urteilen kommt, bedarf es eines Anstoßes,
und zwar eines doppelten Anstoßes: eines Anstoßes von
innen, einer Willensregung, und eines Anstoßes von
außen her, einer Hemmung der Ausführung des kon-
kreten Willensinhaltes. Dieser Anstoß wird im wirt-
schaftlichen Leben gegeben durch das Vorhandensein
eines Bedürfnisses, das befriedigt werden muß oder will,
durch die mannigfaltigen Fragen und Forderungen, die
der Kampf um das Dasein oder um ein bestimmtes So-
Sein, d. h. um eine bestimmte Daseins- und Lebensform,
uns jeden Tag entgegenstellt, ja aufdrängt.

Damit es zu einer Tätigkeit, mit der Kraftäußerung
und Kraftentwickelung verbunden ist, komme, bedarf
es eines „Steins des Anstoßes“; damit der Wille als
Wille auftritt, muß er vorher gehemmt und dadurch
auf die Probe gestellt werden, denn der widerstandslos,
ungehemmt in Wirklichkeit sich umsetzende Wille ver-
liert dadurch seinen Charakter als Ausdruck des mensch-
lichen Subjekts und zerrinnt gleichsam ins. Objekt, in
das Außer-uns; er büßt dadurch seine Bedeutung ein
als Mittelpunkt um den sich alles im Innern des Men-
schen dreht und bewegt, der erst das Leben zu leben
oder lebenswert macht, wodurch im Menschen der Wille
zu „einem“ Leben entsteht.

Diese Kennzeichnung des durch Kampf gehemmten
und dadurch zugleich erzeugten Lebens und Willens
oder, synthetisch ausgedi’ückt, des Lebenswillens (dessen
subjektive Gefühlsäußerung der Wille zum Leben ist)
legt Goethe in den Mund seines sterbenden Faust:

„Ja diesem Sinne bin ich ganz ergeben,

Das ist der Weisheit letzter Schluß:

Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muß.“
        <pb n="14" />
        ﻿15

Die Menschen sind auf diese Weise Kämpfer, die
um Werte des Lebens in jeglichem Sinne kämpfen und
kämpfen müssen, wenn sie leben wollen, um ethische,
ästhetische, geistige oder wirtschaftliche Werte, die alle
auf einen mehr oder weniger konkreten Grundcharakter
des Menschen hinweisen. So werden aus inneren Kate-
gorien des Seelenlebens, einer individuellen oder gesell-
schaftlichen Struktur entsprechend, gewisse Objekte als
Befriedigungsmittel vorhandener Bedürfnisse, sowohl
materieller als auch geistiger Art, erkannt; durch diese.
Eigenschaft als Mittel, tauglich zur Erreichung eines
wirtschaftlichen Zieles, zur Befriedigung wirtschaftlicher
Bedürfnisse werden diese Objekte in die Sphäre der
Werte erhoben, ihnen wird erst dann Wert beigelegt.

Aber erst wenn der tätige Wille sich zur konkreten
Hereinziehung dieser Objekte in die Verfügungsgewalt
eines Subjektes heranmacht, wenn sie als Gegenstände
des wirtschaftlichen Tun und Lassens eine Kraftäußerung
seitens des Wirtschaftenden erfordern, erst dann steigen
die fraglichen Objekte in die Kategorie der wirtschaft-
lichen Güter auf.

Es bedarf also des Anstoßes und der Rückwirkung
aus dem Leben heraus, damit im Menschen eine Reak-
tion, eine Stellungnahme dem Leben gegenüber erfolge.
Der Widerstand, den die begehrten wirtschaftlichen
Güter unserem Begehrungsvermögen, dem Willen des
wirtschaftlichen Subjekts entgegensetzen, ist ihre Be-
grenztheit. Erst durch den Zusammenstoß des Willens
zur Erlangung gewisser Güter mit der Begrenztheit
derselben werden gewisse Bedürfnisse auf wirtschaftliche
Weise befriedigt, die fraglichen Güter werden wirt-
schaftliche Werte. Und je größer einerseits der Wider-
stand, den die als für das Leben notwendig erkannten
Güter ihrer Erlangung entgegensetzen, je bereiter und
genötigter wir andererseits sind, größere Quanta wirt-
        <pb n="15" />
        ﻿16

schaftlicher Kraft, Kaufkraft oder Arbeit darauf zu ver-
wenden, desto höher steigt der Wert dieser Güter.

Damit bekommt auch auf dem Gebiet der Wirt-
schaft. das Wort Heraklits seine Bestätigung als eine
ewige Wahrheit: „Der Streit ist Vater aller Dinge“.
Denn der Streit mit der äußeren Natur, mit der ganzen
Umgebung des Lebens auf Grund unserer Erkennntnis-
und Willenskräfte ist es, was in uns die Vorstellung
von wirtschaftlichen Werten aufkommen läßt, im Gegen-
satz zu den ethischen oder ästhetischen Werten, die
vornehmlich durch einen Kampf „in uns“ entstehen.

In diesem ganzen Verlauf liegt festbegründet eine
grundsätzliche Wahrheit: Der Mensch erachtet dies als
Wert, vor welches er mit Gegenwert treten muß, das
als Kraft, vor welches er im Kampfe mit Gegenkraft
treten muß. So haben wir auch auf dem Gebiete der
Wirtschaft jenes wunderbare Spiel der Energieumsätze
und Energieumformungen, der schließlichen Erhaltung
der Energie. Denn alles im Universum ist ein ewiger
Tausch von Stoff und Kraft, alles ist schließlich Aus-
geben und Einnehmen zugleich. Der Mensch nimmt
mit seiner Kraft, nach Person und Kultur verschieden,
an dem ewigen Stoffwechsel der Natur teil, er muß
auch teilnehmen, wenn er überhaupt leben will, d. h.
als Kraft, als Mikrokosmos ein Teil des Makrokosmos
existieren will.

Das Moment des Kraft- und Stoffausgebens inner-
halb der wirtschaftlichen Tätigkeit ist das Kostenmoment,
das Moment des Kraft- und Stoffeinnehmens ist das
Nutzenmoment. Wie Attraktions- und Repulsionskräfte
das Universum Zusammenhalten, wie bei der Rotations-
bewegung der Körper Zentripetal- und Zentrifugalkräfte
sich gegenseitig bedingen und balancieren, wie bei den
ethischen und ästhetischen Urteilen ein gegenseitig be-
dingter Antagonismus zwischen Gut und Böse, Schön
        <pb n="16" />
        ﻿17

und Häßlich besteht, so müssen auch in der mensch-
lichen Wirtschaft, ebenso gut wie in der Wirtschaft
der Natur, Kostenmomente und Nutzenmomente Zusammen-
treffen und sich gegenseitig aufnehmen und aufheben,
damit die spezifische Signatur des wirtschaftlichen
Wählens und Wägens, mit der die Entwickelung der
Geistesvermögen unzertrennlich verbunden ist, entstehe.
Nur wenn die Güter dem Menschen wirtschaftliche
Kraft kosten oder, was dasselbe ist, wirtschaftliche
Kraftausgabe ersparen, steigen sie für ihn in die Sphäre
der wirtschaftlichen Werte auf. Nach Kraftausgabe
oder Kraftersparnis schätzt der Mensch die Dinge, oder
wie Schäffle trefflich sagt: „Der Wert zeigt die Herr-
schaft des Geistes auch im äußeren Güterleben.“* 1)

Um die Prozesse der ökonomischen Wertgebung
und Wertbildung gehörig zu verstehen, muß man das
Problem etwas tiefer stellen und behandeln, als es in
den meisten diesbezüglichen Monographien zu geschehen
pflegt. Um eine richtige Wertlehre aufzustellen, muß man
die ökonomischen Werturteile im Zusammenhänge mit den
anderen Werturteilen des menschlichen Geistes kennen
und behandeln lernen. Selbstverständlich muß man
sich hüten, die sozialökonomische Prägnanz des Problems
zu vernachlässigen. Aber immer sollte man es vor
Augen haben, daß auch die nationalökonomische Dis-
ziplin die Kategorien ihrer Problemstellung und damit
auch ihrer Entwickelung aus jener allgemeinen und
gemeinsamen Quelle des menschlichen Geistes zu schöpfen
hat, die wir bei den großen Denkern Griechenlands
und der römisch-germanischen Welt, besonders bei
ihrem letzten größten Vertreter, Kant, finden. Des-
halb ist diese Arbeit den Gedankengängen des großen

Alb. Schäffle, Das gesellsch. System der mensch. Wirtschaft,

I, S. 33.

K.

2
        <pb n="17" />
        ﻿18

Königsbergers nachgezeiebnet worden, der Stoff der Wert-
lehre ist nach den tiefen Gesichtspunkten seines Den-
kens eingeteilt worden. Es hat sich auch dem Verfasser
des Vorliegenden immer mehr die Überzeugung auf-
gedrängt, daß der Streit zwischen den verschiedenen
Werttheorien, besonders der Kostenwert- und der Grenz-
nutzentheorie, die sogenannte Wertkontroverse, allein aus
dem Grunde entstanden ist, daß die betreffenden Schulen
eigentlich nur einzelne Prämissen, einzelne Seiten in
der Wertbildung aufgefaßt haben, ohne die Synthese
ihrer gegenseitigen Bedingtheit zu ziehen. Der Stoff
wird hier in vier Abschnitte eingeteilt, nach Beispiel
der Kantschen Analyse des Schönen in der Kritik der
Urteilskraft (Reclam, S. 43-—89).

Die einzelnen Abschnitte dieser Arbeit sind nicht
einzelne unzusammenhängende Teile, sondern sind nur
einzelne Äußerungen und Seiten des einheitlichen Lebens-
prozesses der menschlichen Gemeinschaft auf dem Gebiete
der Wertbildung. Nur die Wissenschaft sucht das
Ganze des Lebens in seine Teile zu zergliedern, ebenso
wie die Kunst einzelne Momente des Seins auffaßt und
kristallisieren läßt, während der Fluß des Lebens als
eine Einheit dynamischer Prozesse vor sich geht.

Der Plan der Arbeit in dieser Abhandlung ist:

Erstes Kapitel. Die Seite des Bedürfnisses
oder der Nachfrage, des Bedarfs. Das ist vorwiegend
ein individualpsychologisches Problem, gleichsam der
Qualitätsbegriff in der Wertlehre, wo das Grenznutzen-
moment als die erste Prämisse der gesellschaftlichen
Wertsynthese zu beachten ist.

Zweites Kapitel. Die Seite des Angebots, der
Deckung und der arbeitsteiligen Produktion, ein vor-
wiegend ökonomisch-technisches Problem, überhaupt der
eigentliche Quantitätsbegriff in der Wertlehre und
Sozialökonomik, wo das Grenzkostenmoment (Marginal-
        <pb n="18" />
        ﻿19

kosten) als die zweite Prämisse der gesellschaftlichen
Wertsynthese zu betrachten ist.

Drittes Kapitel. Die Seite des gesellschaftlichen
Warenaustausches, des Güterumlaufs, ein überwiegend
sozialökonomisches Problem, wo Angebot und Nachfrage
Bedarf und Deckung in Wechselwirkung oder wechsel-
seitige Verursachung miteinander treten. Das ist der
eigentliche Relationsbegriff der Wertlehre oder die freie
gesellschaftliche Synthese in der Wertbildung, wie sie
von den nationalökonomischen Theorien der absoluten
freien Konkurrenz gedacht war.

Viertes Kapitel. Die Seite der bewußten zwangs-
gemeinschaftlichen Wertbildung. Hier sind die Ein-
wirkungen einer gemeinwirtschaftlichen Gewalt, des
Staates, auf die Wertbildungsprozesse zu betrachten;
dann die Forderungen einer Politik der Sozialtaxen,
die Begründung von Steuerbelastungen nach Gesichts-
punkten einer sozialen Ökonomik und Ethik. Das ist
überwiegend ein Modalitätsbegriff in der Wertlehre
oder das modifizierende Moment in der synthetischen
Bildung der Werte, wodurch die gesellschaftliche Syn-
these der freien Konkurrenz modifiziert wird, überhaupt
die zwangsgemeinschaftliche Synthese in der Wert-
bildung.

Als leitender Denker auf dem Gebiete der Wert-
lehre, dieser Kondensierungsformel, sozusagen, alles
wirtschaftlichen Seins und Werdens, aller wirtschaftlichen
Prozesse, ist Ricardo zu erachten. Die folgenden
Ausführungen werden zu zeigen suchen, mit wie großer
intuitiver Gedankenkraft dieser beste Synthetiker und
Systematiker des nationalökonomisehen Ideengehalts
das Grundlegende des sozialökonomischen Lebens erfaßt
hat, denn auf ihm bauen bewußt oder unbewußt die
wissenschaftlichen Systeme der Volkswirtschaft in der
Gegenwart. Die vorliegende Abhandlung sucht schließ-

2*
        <pb n="19" />
        ﻿20

lieh manche Interpretationen zu verbessern, die Ricar-
dos Lehre gegeben worden, manche Beschuldigungen
abzuwehren, die gegen Ricardo seitens der österreichi-
schen Schule der Grenznutzen- oder Grenzwerttheorie
erhoben worden sind.

Erstes Kapitel.

Das individuell-psychologische Problem
oder der Qualitätsbegriff in der Wertlehre.

* *

Bedürfnis, Nutzen, Grenznutzen.

Die grundlegenden Gefühle des Seelenlebens sind
die Gefühle von Lust und Unlust. Lustgefühl wird
dann erzeugt, wenn eine Situation, in der sich das
Subjekt befindet, einer bestimmten Konstellation seiner
Seelenkräfte, seinem Habitus, förderlich ist, sich in
Harmonie mit seinem Habitus befindet.

Den Dingen und Verhältnissen, welche unsere
Lebenskräfte und Daseinsformen fördern und steigern,
geben wir das Prädikat der Zweckmäßigkeit. Die Er-
fassung, Abschätzung und Durchsetzung (durch Handeln)
dieser in der Beschaffenheit unserer Natur begründeten
Zweckmäßigkeit, deren Verwirklichung eine bestimmte
Lebensform mehr oder weniger möglich macht, ist
die Grundtatsache des Erkenntnis- und Begehrungs-
vermögens, der Vorstellungs- und Willenskraft des
Menschen, das letzte Ziel und das höchste Gut sowohl der
ethischen Kultur, wo wir eine bestimmte Zweckmäßig-
keit der Inhalte oder inneren Beschaffenheit der Objekte
in bezug auf unsere Interessen wollen und sie mit den
Mitteln der intellektuellen wie technischen Entwicklung
zu verwirklichen suchen, als auch der ästhetischen
        <pb n="20" />
        ﻿21

Kultur in der Seele des Menschen, worin die Zweck-
mäßigkeit der reinen Formen der Objekte ohne Bezug
auf konkrete Interessen des Subjekts (es handelt sich
um Zweckmäßigkeit ohne Zweck, wie es Kant genial
definiert) auf Grund von reinen Anschauungen (Kon-
templationen) empfunden wird.

Eine das Leben hemmende Lage äußert sich außer
in Form eines unbestimmten Unlustgefühls auch im
konkreten Bild des Bedürfnisses, welches schon eine
gewisse Erkenntnis des Unlust erregenden Objekts und
der mutmaßlichen Weise seiner Beseitigung anregt und
voraussetzt. Ein Bedürfnis erregt im Menschen not-
wendigerweise die Begierde zum Mittel der Abhilfe,
und dieses Begehren ist die Grundtatsache jeder Willens-
und Tätigkeitsentfaltung und jeder Erkenntnis über-
haupt. Darum treibt uns oft genug im Leben das
Bedürfnis zur Erkenntnis des Nützlichen und Schäd-
lichen, des Guten und Bösen. Darin liegt eben die
große Bedeutung des Bedürfens und des Leidens, daß
erst durch diese unser Willens- und Erkenntnisvermögen
angeregt, höhere Daseinsformen hervorgebracht werden.
Denn die höhere Daseinsform verwirklichen ist nichts
anderes, als das Gleichgewicht zwischen den inneren
Kräften des seelischen Lebens, welche sich als Wünsche
und Bedürfnisse äußern, und der Konstellation der um-
gebenden Natur wiederherstellen.

Nur auf Grund dieser Gedanken werden die Worte
Spinozas verständlich: „Die Erkenntnis des Guten und
Schlechten ist nichts anderes als der Affekt der Lust
oder Unlust, sofern wir uns derselben bewußt sind.“
(Ethik, IV. Teil.) Aus diesen Worten erhellt, daß das
Gute das im eminenten, im tiefsten Sinne des Wortes
Lustaffekt Erzeugende ist, das mit den Lebensinteressen
des Individuums und des Menschengeschlechts direkt
oder indirekt verknüpft ist, das oft nicht erkannt und
        <pb n="21" />
        ﻿22

verkannt wird, aber darum seiner Eigenschaft als lebens-
fähig, lebenserhaltend und lebensfördernd nicht im ge-
ringsten verlustig geht.

Kant unterscheidet trefflicherweise zwei Arten des
Begriffs „Gut“ als den Inbegriff dessen, was uns durch
die Vernunft gefällt: das Gute an sich oder der kate-
gorische Imperativ, was für sich selbst gefällt, und das
Gute wozu, das uns als Mittel gefällt, als Mittel zu
einem Zweck, zu einem anderen Guten, das in letzter
Instanz vom Guten an sich ausgeht, wie die Lichtradien
der Sonne vom Lichtkern der Sonne ausgehen; denn das
Gute wozu ist eine hinaufführende Stufe zum höchsten
Gute, zum Guten an sich auf der Stufenleiter der
Menschheitsentwicklung.

Das Gute wozu oder das Gute als Mittel zum
Zweck ist das Nützliche. Das Nützliche ist ein Mittel,
wodurch unser Leben erhalten bleibt und sich zu einer
höheren Ordnung entfalten kann. Es kann für uns oft
unerforscht, unerkannt, unbewußt, gleichsam unter der
Schwelle des Bewußtseins bleiben, das ändert aber nichts
an seiner Qualität als Nützlichkeit. Durch den Fort-
schritt der Erkenntnis steigt es aber in das Bewußtsein
hinauf, wird in den Tätigkeitsbereich des Willens auf-
genommen und wird zu einer Lebensrealität darum,
weil es Lebensnotwendigkeit ist; denn jede Form des
Lebens hat gewisse Mittel, die es voraussetzt, weil es
durch diese Mittel erhalten und gesteigert (gefördert)
wird und umgekehrt, gewisse Dinge haben die Eigen-
schaft von lebenserhaltenden Mitteln nur unter bestimmten
Verhältnissen des Daseins und steigen erst dann in die
Kategorie der Nützlichkeit oder Notwendigkeit auf.

Qie erkannte Eigenschaft eines Dinges als Mittel
für eine konkrete Lebensgestaltung (in diesem Falle
braucht das Ding nicht nützlich zu sein) oder eine
Lebensförderung und Lebensentwicklung (in diesem

r
        <pb n="22" />
        ﻿23

Fall ist das Ding nützlich) heißt Brauchbarkeit. Die
Brauchbarkeit ist noch die allgemeine, abstrakte, nebu-
löse Erkenntnis, daß ein Ding für eine Bedürfnis-
befriedigung tauglich oder brauchbar ist. Die Brauch-
barkeit eines Dinges setzt noch nicht dessen Begehr
voraus; das Begehren einem Dinge gegenüber entstellt
erst dann, wenn seine Gewinnung eine Kraftausgabe
oder wirtschaftliche Tätigkeit erfordert. Erst durch
das Vorhandensein der wirtschaftlichen Tätigkeit wird
ein Ding zu einem wirtschaftlichem Gute gestempelt.
Das Messen der Befriedigung vieler Bedürfnisse seitens
eines Gutes oder eines Bedürfnisses seitens vieler
Güter, dieses wirtschaftliche Wählen und Wägen ergibt
den konkreten Gebrauchswert der Dinge. Der Ge-
brauchswert ist also die ins Konkrete und Indivi-
duelle der Wirtschaft übersetzte allgemeine Brauchbar-
keit eines Dinges. Wie nicht jede Brauchbarkeit eine
Nützlichkeit einschließt, so ist auch der Gebrauchswert
eines Dinges nicht immer mit einem Nutzen verbunden.
Wenn der wirtschaftliche Nutzen aber vorliegt, und wenn
der Nutzen eines Dinges in Beziehung zur gelieferten
Befriedigung gesetzt wird, wobei auch ein Vergleich zu
eventuellen Ersatzgütern eingeschlossen ist, wird der
Nutzwert des Gutes erkannt.

Somit sehen wir, daß eine Reihe von Erkenntnis-
prozessen und Bewußtseinsinhalten den oft sehr langen
Übergang von einem uns indifferenten Gegenstände zu
einem durch seinen unmittelbaren oder mittelbaren
Gebrauchswert (oder in Beziehung auf eine Nützlichkeit
Nutzwert) für uns bedeutsamen Gegenstände vermitteln.
All dies sind innere Bewußtseins-, Erkenntnis-, und
Willensvorgänge, die mit der ganzen Entwicklung von
äußerer und innerer Kultur (Technik und Psychik) der
Menschen Zusammenhängen; all dies sind Prozesse, die
den Menschen mit den Gegenständen der äußeren Welt
        <pb n="23" />
        ﻿24

in Berührung, in Beziehung, in Willensaktion setzen,
deren Ursachen in den psychischen Eigenschaften des
Menschen, nicht in der physischen Beschaffenheit der
Dinge liegen. „Der Wert ist nicht eine Qualität der
Sache, sondern ihr Status, in dem sie infolge des Be-
dürfnisses nach ihrer objektiven Geeignetschaftheit ge-
setzt ist. „Sache von Wert“ ist daher ein engerer Be-
griff als Sache von Brauchbarkeit.“1) So erscheint nur
der Gebrauchswert eines begrenzt vorhandenen Gegen-
standes oder Lebensverhältnisses als das einzige Objekt
und Motiv der wirtschaftlichen Tätigkeit, des öko-
nomischen Wollens, Begehrens und Handelns.

Und diese Motive des Wirtschaftens sind mit
Motiven des ganzen seelischen Lebens und des ethi-
schen Empfindens eng verbunden. Denn alle Motive
des Begehrens entspringen aus den Tiefen der Seele,
aus dem Wesenswillen des Subjekts, wie Schopen-
hauer sagt. Schopenhauer hat diese Wechsel-
wirkung zwischen dem Äußerlichen des Handelns und
dem Innersten der Seele in den genialen Worten aus-
gedrückt: „Die Motivation ist die Kausalität von innen
angesehen.“* 2) Dieser großartige Gedanke, daß jedes
Stück der konkreten Willensäußerung, des Empfindens
und Begehrens, der Bedürfnisse mit dem Innersten der
menschlichen Persönlichkeit, ihren Wertgefüblen und
Zweckreihen, ihrem Urwillen und ihrem Grundwesen
zusammenhängt, ist vor allem in der Wertlehre, in der
Analyse der wirtschaftlichen Bedürfnisse und Wert-
gefühle nicht aus den Augen zu verlieren.

Wie oben schon gezeigt, heißen die Gefühle, die
entstehen, wenn gewisse wirtschaftlich zu erwerbende

') Rodbertus, Zur Erkenntnis unserer staatswirtsch. Zustände,
1842, S. 3.

2) Arth. Schopenhauer, Die vierfache Wurzel des Satzes
vom zureichenden Grunde, § 43.
        <pb n="24" />
        ﻿25

Güter, die für den Bestand und für die Fortentwickelung
gewisser Formen des Lebens notwendig sind, ermangeln,
wirtschaftliche Bedürfnisse. Je nachdem die ermangeln-
den Güter näher oder weiter den bestimmten Lebens-
formen stehen, entstehen verschiedene Arten und Grade
der Bedürfnisse. In der Unterscheidung und Abgrenzung
der Bedürfnisarten und Bedürfnisgrade, was in der
Wertlehre von grundlegender Bedeutung ist, haben
A. Schäffle und A. Wagner eine Einteilung durch-
geführt, welche auch für die Lösung praktischer Fragen
der Finanzpolitik und der Steuergesetzgebung des Staates
von entscheidender Wichtigkeit ist. [Darüber folgen
nähere Ausführungen im vierten Kapitel.] Dies ist die
Unterscheidung zwischen primären oder Existenzbedürf-
nissen und sekundären oder Kulturbedürfnissen1).

Die primären Bedürfnisse sind bei allen Menschen
fast gleich; sie entspringen aus den Grundbedingungen
für die Existenz des menschlichen Wesens; ihre Be-
friedigung muß zunächst erfolgen; obwohl sie der Menge
von Anstrengung nach, die sie beanspruchen, im all-
gemeinen nicht der primäre Zweck der wirtschaftlichen
Tätigkeit sind. Die Existenzbedürfnisse des Menschen
fallen unter das Gesetz der Homogeneität; denn sie sind
bei allen Menschen fast gleich groß, oft auch gleichartig,
z. B. elementares Nahrungsbedürfnis, Brotquantum.

Die Kulturbedürfnisse dagegen sind mehr individu-
eller Natur, nach Kulturgrad, . Bildungsstufe und wirt-
schaftlicher Kaufkraft von Individuum und Gesellschafts-
klassen verschieden. Sie fallen deshalb unter das Prinzip
der Spezifikation, wie Schopenhauer einmal sagt2).
Diese Einteilung der Bedürfniskategorien hindert es
nicht, daß gewisse Bedürfnisarten aus der einen Kate-

!) A. Wagner, Grundlegung, I, 1. Teil, S. 96.

2) Arth. Schopenhauer, Die vierfache Wurzel des Satzes
vom zureichenden Grunde, § 1.
        <pb n="25" />
        ﻿26

gorie in die andere übergehen; nämlich mit der
Steigerung des Wohlstandes innerhalb einer Gesellschaft
werden gewisse Kulturbedürfnisse zu Gemeingütern und
Existenzbedürfnissen der Gemeinschaft und bilden da-
durch das Unterpfand und die Existenzbedingung einer
bestimmten Kulturstufe.

Die Summe der gewöhnlich periodisch wieder-
kehrenden Bedürfnisse nach bestimmten Güterarten,
die in ihrer Gesamtheit das wirtschaftliche Motiv (Be-
dürfnisse) und Objekt (die Gewinnung der Güter) von
Individuum und Gesellschaft (z. B. Staat) bilden, macht
den wirtschaftlichen Bedarf aus. Der Bedarf ist somit
die Einheit von vielen Bedürfnissen oder ein durch
seine Allgemeinheit oder seine Periodizität und darum
Prävention in der Versorgung gesellschaftlich objek-
tiviertes und an eine bestimmte Güterart angeknüpftes
Bedürfnis. Der Bedarf ist die psychische Triebfeder,
und seine Befriedigung ist das Ziel der wirtschaftlichen
Tätigkeit; er ist zugleich der Spiegel des Kulturgrades
und der Kulturart eines Landes oder einer Gesellschaft
innerhalb des Volkes (z. B. Frugalität oder Luxus bei
einer bestimmten Vermögens- und Einkommensverteilung)
„Der Bedarf ist ja die oberste Triebfeder aller Volks-
wirtschaft, das Gewicht im Uhrwerk des Produktions-
und Absatzprozesses, die Kraft, welche den stofflichen
Nachschub der Volkswirtschaft für Zwecke der materi-
ellen Erneuei’ung des sozialen Körpers und aller seiner
Anstalten und Elemente bewirkt.“1)

Die Bedürfnisse sind gegenwärtig oder zukünftig;
die ersten werden empfunden, die zweiten — vor-
empfunden , antizipiert. Der Inbegriff der vorempfun-
denen Bedürfnisse bildet die wirtschaftliche Vorsorge;
sie ist ein antizipierter Bedarf.

•	') A. Schaffte, Die Quintessenz des Sozialismus, 1879, S. 22.
        <pb n="26" />
        ﻿27

Daß A. Smith die fundamentale Unterscheidung
zwischen den beiden Kategorien der Bedürfnisse, den
Existenz- und den Kulturbedürfnissen gleichsam intuitiv
empfand, wird aus verschiedenen Stellen seines „Volks-
wohlstandes“ ersichtlich; so sagt er einmal: „ . . . daß
das Verlangen nach Nahrung hei jedem Menschen durch
den engen Raum des menschlichen Magens begrenzt ist,
aber das Verlangen nach Bequemlichkeiten und Ver-
schönerungen der Wohnung, Kleidung, des Fuhrwerks
und des Hausrats keine Grenze oder sichere Schranke
zu haben scheint.“1) Wo eine höhere Kulturstufe be-
steht, muß die Befriedigung der zweiten Bedürfnisart,
der Kulturbedürfnisse, das wichtigere Motiv oder die
eigentliche Triebfeder des Wirtschaftens abgeben. Denn
nur da, wo der Mensch nicht jeden Tag ans Darben
und an das Existenzminimum zu denken braucht, kann
er überhaupt eine höhere Lebensweise führen.

Hieran knüpft der Gedanke vom Grenznutzen oder
vom Grenzwerte an; er beruht auf der einfachen und
feinen Beobachtung, daß die primären Bedürfnisse nicht
sehr ausdehnbar, aber auch ohne Zerstörung des mensch-
lichen Lebens nicht zusammenziehbar, relativ unelastisch
nach unten oder nach oben sind. Die untere Grenze
der Bedürfnisbefriedigung zur Fristung eines mensch-
lichen Lebens nennt man das Existenzminimum, das an
sich eine relative, nach Zeit, Ort und Person ver-
schiedene Größe ist.

Diese Elastizität der Kulturbedürfnisse im Vergleich
zu den Existenzbedürfnissen kann man mit einem zu-
sammenhängenden System von Sprungfedern vergleichen,
wo die Federn aus verschiedenem Draht gemacht sind,
eine aus biegsamerem, andere aus spröderem Metall.

') Wealth of nations, zitiert in Ricardos Principles, deutsch
von Baumstark, 2. Aufl. 1877, S. 357.
        <pb n="27" />
        ﻿28

Bei gleichmäßigem Druck nach unten oder gleich star-
kem Ziehen nach oben werden in beiden Fällen die
Sprungfedern, je nach der Beschaffenheit ihres Metalls,
besonders in der Kolonne Luxuswaren dem veränderten
Zustande nachgeben; die anderen werden nachfolgen je
nach ihrer Reihenfolge nach der Beschaffenheit des
Metalls, je nach seiner Elastizität oder Sprödigkeit.
In unserem Falle wird bei Änderung der wirtschaft-
lichen Lage die Verteilung der werbenden wirtschaft-
lichen Kraft je nach der Elastizität der Bedürfnisse
erfolgen: Bei einem relativen Reichtum oder Wohl-
stand werden die elastischeren Kulturbedürfnisse die
größere Masse der wirtschaftlichen Erwerbskraft in
Anspruch nehmen. Diese elementare Tatsache der
Elastizität einer Bedürfnisbefriedigung und der Sprödig-
keit anderer beherrscht das ganze Wirtschaftsleben, ja
weiter alle menschlichen Lebensverhältnisse überhaupt.

Die Theorie vom Grenznutzen oder vom Grenzwert,
wie Böhm-Bawerk sie nennen will, wurde zuerst von
Hermann Heinrich Gossen (Gesetze des mensch-
lichen Verkehrs, Hamburg 1854), dann von Jevons
und Leon Walras (dem Älteren) vertreten. Sie knüpft
an den Gedanken der Unterschiedsempfindlichkeit
oder der Schwelle des Bewußtseins innerhalb des wirt-
schaftlichen Lebens. Nämlich, wenn ein Gut verschie-
dene Bedürfnisse befriedigen kann und wirklich bei
einer ausreichenden Menge zur Befriedigung verschie-
dener Bedürfnisse gebraucht wird, dann wird dieses
Gut nach der Bedeutung geschätzt, die wir dem zu-
letzt befriedigten letzten Bedürfnisse beilegen; also, je
mehr die vorhandene, dem Wirtschaftssubjekt zur Ver-
fügung stehende Gütermenge steigt, desto niedriger
fällt der Wert des einzelnen Güterquantums.

Jevons spricht in einer Reaktion zu der damals
herrschenden Schule Ricardos, die wegen Mangel an
        <pb n="28" />
        ﻿29

Tiefe des Gedankens dem Lehrer oft verständnislos
gegenüberstand, die Worte aus: „Wiederholtes Nach-
denken und nachhaltige Untersuchung haben mich zu
etwas anderer Meinung geführt, nämlich, daß der Wert
gänzlich vom Nutzen abhängt. “ *)

Auf der von Gossen und Je von s eingeschlagenen
Bahn, deren Ideen weiter entwickelt wurden, bei treff-
licher Wiedergabe des Jevonsschen Ausdrucks „mar-
ginal (final) degree of utility“, den Leon Walras im
Französischen als „intensitd du dernier besoin satisfait“
bezeichnete, entstand die Theorie vom Grenznutzen oder
Grenzwert, die am besten und tiefsten von einer Gruppe
vorwiegend österreichischer Volkswirte entwickelt wurde;
sie datiert als solche ihre Existenz direkt oder indirekt
seit dem Erscheinen der grundlegenden Grundsätze von
Karl Menger (Grundsätze der Volkswirtschaftslehre,
Wien 1871).

Menger bildete eine tüchtige Schule um sich, die
mit der Zeit unter dem Namen „Schule österreichischer
Volkswirte“ oder „Grenzwerttheoretiker“ ihren Einfluß
auf die ganze nationalökonomische Literatur ausbreitete.
Menger hat die erste und die beste Definition über den
Grundgedanken der Grenznutzentheorie gegeben.

In den folgenden, man kann sagen klassischen
Worten hat er den Grundcharakter der Grenznutzen-
theorie bezeichnet: „Es sind demnach in jedem kon-
kreten Falle von der Verfügung über eine bestimmte
Teilquantität der einer wirtschaftenden Person verfüg-

- *) W. S. Jevons, The theory of polit. Economy, 1871, p. 2:
„Reapeted reflection and inquiry have led me the somewhat novel
opinion, that value depends entirely upon utility“; p. 156: „utility
and scarcity as the requisities, the two clearest Statements of the
nature of value“. Nützlichkeit und Seltenheit, sagt der beste Theo-
retiker der Grenznutzen theorie; dies ist bei der Analyse von Ricardos
Werttheorie vor Augen zu halten!
        <pb n="29" />
        ﻿30

baren Gütermenge nur jene der durch die Gesamt-
quantität noch gesicherten Bedürfnisbefriedigungen ab-
hängig, welche für diese Person die geringste Bedeutung
unter diesen letztem haben, und der Wert einer Teil-
quantität ist für jene Person demnach gleich der Be-
deutung, welche die am wenigsten wichtige der durch
die Gesamtquantität noch gesicherten und mit einer
gleichen Teilquantität herbeizuführenden Bedürfnis-
befriedigungen für sie haben1).

Die Grenznutzentheorie ist eine Reaktion gegen die
ältere politische Ökonomie, die vornehmlich die Massen-
tauschvorgänge auf dem Markte betrachtete, die in ihren
epigonenhaften Entartungen die Volkswirtschaft als einen
Mechanismus ansah, den sie durch einfache Formeln,
durch sogen, „wirtschaftliche Gesetze“ bemeistern wollte
(z. B. die Currency-Schule: eine treffliche Kritik über
„das Curreney-Principle und die englische Bankgesetz-
gebung“ vergl. Marx,. Das Kapital, III. Bd., 2. Teil,
34. Kapitel).

Die Grenznutzenlehre hat einen individualpsycho-
logischen, demokratischen, ja humanen Zug; sie be-
trachtet das Individuum einzeln und konkret, die Inten-
sität seiner wirtschaftlichen Bedürfnisse und Unterschieds-
empfindungen zu ergründen und es demgemäß in rich-
tige Beziehung zur Gesamtheit (z. B. in der Steuer-
leistung) zu stellen. Die Ideengänge und vielfach die
Anregungen der Grenzwerttheoretiker wurzeln in den
Ideenbildungen der modernen Psychophysik2), die das
Empfindungsleben des Individuums zum wissenschaft-
lichen Objekt des Experiments machte, denn sie wurzelt
schließlich in Kants „Idee“: „die Qualität der Emp-

') Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, 1871,
S. 98—99, überhaupt instruktiv Kapitel III—VI.

2) Vergl. A. Wagner, Grundlegung I, 1, S. 73—83.
        <pb n="30" />
        ﻿31

findung ist jederzeit bloß empirisch, und kann a priori
gar nicht vorgestellt werden“1) (z. B. Farben, Geschmack,
wirtschaftliche Nutzenempfindung etc.).

Indem die moderne Psychologie, von Herbart,
Weber, Feehner an, die interessanten Phänomene der
Empfindungsqualitäten und Unterschiedsempfindlichkeit
der Reizschwellen und Bewußtseinsgrade zu untersuchen
begann, wo der Hauptzweck darin besteht, die Ober-
und Unterschwellen zu bestimmen, innerhalb welcher
unsere Empfindung und Selbstbeobachtung die verschie-
denen Grade der Reize unterscheiden und annähernd
bemessen kann, kam sie zu vielfach epochemachenden
Ergebnissen und Errungenschaften, welche die Psycho-
physik als Wissenschaft erst möglich machten.

Es gibt Ideengänge in einem Zeitalter, die sich in
allen Wissenschaften während dieser Epoche mehr oder
weniger wiederspiegeln und sich als neue, lichtbringende
Gesichtspunkte geltend machen. Zum Verständnis der
schließlichen geistigen Wurzel der Grenznutzentheorie
ist nur darauf hinzuweisen, wie ähnlich, wahlverwandt
der Gedanke von der psychophysischen Unterschieds-
empfindlichkeit mit dem von der wirtschaftlichen Nutz-
empfindung bei verschiedenen ökonomischen Begehrs-
reizen und Befriedigungsquanten ist.

Auch die Nationalökonomie, die Wissenschaft von
der Rastlosigkeit in der Entwickelung von Gesellschaft
und Staat, kann und muß am wenigsten vor den Ein-
flüssen der Zeit, der geistigen Atmosphäre der Geschichts-
epoche bewahrt bleiben. Eine solche Verschließung
würde sie auch als lebendige Wissenschaft ertöten.
Durch diese Hinweise auf die Einflüsse der geistigen
Strömungen der Zeit kann das wirkliche Verdienst der
Grenznutzentheoretiker durchaus nicht geschmälert wer-

') Kant, Kritik der reinen Vernunft, Ausg. Adickes, S. 200.
        <pb n="31" />
        ﻿den. Ihnen gebührt die Ehre, daß sie eine vielfache
Anregung und Ausführung der Wert- und Preistheorie
gegeben, die Zelle des sozialen Körpers, das Individuum,
nach Gebühr unter das Mikroskop der Wissenschaft ge-
stellt haben.

Was hier aber besonders in Betracht kommt, ist
die Frage, ob die besten Vertreter der klassischen
Nationalökonomie das subjektive Bildungselement in
dem Werturteile gar nicht gekannt oder nur nicht aus-
geführt haben, ob der Gedanke vom Grenznutzen eine
so neue „epochemachende Entdeckung“ ist, und vor
allem, ob Ricardo diese sonst leicht in die Augen
springende Tatsache bei seinem Scharfsinn und seiner
Gedankentiefe übersehen haben sollte. Wobei aber,
um zu wiederholen, das Verdienst der Grenznutzentheorie
in der Hervorhebung und wissenschaftlichen Formu-
lierung des Grenznutzengedankens nicht im mindesten
bestritten wird.

Zuerst ist den Physiokraten die Tatsache nicht un-
bekannt gewesen, daß die Einbeziehung der Dinge in
die Sphäre der wirtschaftlichen Werte und in die Zweck-
reihe des wirtschaftlichen Handelns unbedingt die Prädi-
kate der Brauchbarkeit und Seltenheit voraussetze1).

So spricht sich Turgot, oft von den Grenznutzen-
theoretikern als Vater der Doktrin zitiert, in seinen,
anno 1766 erschienenen „Betrachtungen über die Bildung
und Verteilung der Reichtümer“'2) folgendermaßen aus:

„Sobald man jeden Tauschakt einzeln und geson-
dert betrachtet, ohne Einwirkungen seitens Dritter Kon-
kurrierender“ — dieser Gedanke ist wert auch seitens

*) Vergl. ohen die Anmerkung zu Jevons, auch seine Grund-
ideen: utility und scarcity. Und sie sind es auch bei allen anderen
Grenznutzentheoretikern.

2) Turgot, Reflexions sur la fondation et la distribution des
richesses, ed. Eugen Daire, 1844, § XXXIII.
        <pb n="32" />
        ﻿33

der Grenznutzentheoretiker durchgedacht zu werden,
denn ihre Theorie beruht vorwiegend auf dieser Vor- /
aussetzung — „hat der Wert jedes der ausgetauschten
Dinge keinen anderen Maßstab zur Messung als den
Wunsch und die Mittel der Handelnden, gegenseitig ba-
lanciert, und ist festgesetzt nur durch die Übereinstim-
mung ihres Willens (par l’accord de leur volonte)“.

Über den Wert überhaupt sagt er: „Das Wort
Wert drückt diese relative Güte (Brauchbarkeit) aus,
in bezug auf unsere Wünsche, wodurch die Güter und
Gaben der Natur als geeignet für unsere Freude und
für die Befriedigung unserer Wünsche erachtet werden“ ..
„Bevor überhaupt irgend ein Tausch existiert, ist die
Seltenheit eines der Elemente der Wertschätzung.“

Zehn Jahre später, 1776, sprach der Philosoph des
Sensualismus und einer der Väter der Psychologie,
Condillac, die lapidaren und trefflichen Worte aus, die
man auch heutzutage für unsere Wissenschaft verwerten
kann; indem er zuerst, ähnlich wie Turgot, als wert-
bestimmende Elemente die Nützlichkeit (Futilite) und
die Seltenheit (la rarete) hervorgehoben hat, führt er
folgendes über die Subjektivität der Werte aus: „Es
ist doch vorwiegend das Urteil, das wir von den Dingen
haben, worauf der Wert mehr oder weniger begründet
ist“'). „Sobald wir für eine Sache Bedürfnis empfinden,
hat sie einen Wert; und nur durch diesen Umstand
erhält sie einen Wert, bevor von einem Tausch eine
Rede ist.“ Und noch trefflicher, aphoristischer: „Unsere
Bedürfnisse geben den Dingen einen Wert, unser Tausch
gibt ihnen einen Preis“ (Nos besoins donnent la valeur,
nos echanges donnent le prix).

‘) Etienne Bonnot de Condillac, Le commerce et le gouver-
nement consideres l’un a l’autre, Amsterdam (1776), ed. Daire, 1844,
p. 252, 257.

K.

3
        <pb n="33" />
        ﻿34

Auch David Hume, der große Philosoph, Zeit-
genosse und Freund der französischen Physiokraten,
Enzyklopädisten und Sensualisten, der „erste Chorführer
des goldenen Zeitalters der klassischen volkswirtschaft-
lichen Literatur der Engländer“ (Roscher, Geschichte
der englischen Volkswirtschaft) gibt tüchtige Ansichten,
den physiokratischen nahe stehend, über die Wertbildung
kund: „Jedes Ding in der Welt wird durch Arbeit er-
langt, und unsere Begierden sind die einzige Ursache
der Arbeit“ (Every thing in the world is purchased by
labour and our passions are the only causes of labour)1)
— wie ähnlich mit den später zu entwickelnden Grund-
ideen Ricardos! — Dann über den wichtigen, schon
hervorgehobenen Punkt, daß die Wertqualität der Dinge
in der Beschaffenheit unseres Geistes ihre Ursache habe,
d. h. daß die Wertgebung die Dinge nur in einen neuen
psychischen Status für uns erhebe, sagt er richtige und
schöne Worte: „Wir haben schon untersucht, daß keine
Objekte an sich wünschenswert oder abscheulich, wert
oder verächtlich sind; sondern, daß die Dinge diese ihre
Qualitäten von dem besonderen Charakter und der Be-
schaffenheit des Geistes ableiten, der sie schätzt.“2)

Der gute Adam Smith bleibt auch nicht blind
dieser psychologischen Grundtatsache in der Wertlehre
gegenüber. In seiner feinen Kasuistik, die immer
auf dem Boden des Realen bleibt und sich keiner
„Probierbengel“ zur gezwungenen Veranschaulichung
gepreßter Wahrheiten bedient, aber trotzdem niemals

*) D. Hume, Essays, moral, political and literary; of com-
merce, p. 154.

2) Essays, The sceptic, p. 101. Ein psychologisch in letzter
Instanz richtiger Gedanke, soweit es sich um die Ursache der Wert-
gebung handelt; cum grano salis aber zu nehmen in dem Sinne,
daß die Schwierigkeit der Erlangung als modifizierend die Höhe
der Wertgebung mitbestimmt. Darüber aber später.
        <pb n="34" />
        ﻿35

die großen Züge in der Entwickelung des menschlichen
Geistes aus den Augen verliert, gelegentlich der Unter-
suchung der schädlichen materiellen und moralischen
Wirkungen der merkantilen Prohibitionen und Zölle
sagt er die folgenden Worte, die aus einer tiefen Beob-
achtung stammen: „Es verdient bemerkt zu werden,
was die Erfahrung uns lehrt, daß die Billigkeit des
Weines keine Ursache des unmäßigen, sondern des
mäßigen Weingenusses zu sein scheint. Die Einwohner
der weinbauenden Länder scheinen im allgemeinen die
Enthaltsamsten zu sein. Die Leute sind selten über-
mäßig in dem, was ihre tägliche Kost bildet . .

Die letzten Worte brauchen nur die Analyse und
die Formulierung eines scharfsinnigen Kopfes, eines
Jevons, Menger oder Böhm-Bawerk, und die Grenz-
nutzentheorie ist da; sie ist hier latent, in nuce ent-
halten, also eine so epochemachende Entdeckung ist sie
trotz der anerkannten Verdienste ihrer scharfsinnigen
Fortbildner doch noch nicht.

Und sollte nun vielleicht Ricardo diese Aussprüche
auch bei A. Smith nicht beachtet und gekannt, die
Bedeutung des darin enthaltenen Gedankens nicht ge-
ahnt haben, Ricardo, der so viele wirtschaftliche und
soziale Phänomene gerade mit einem Seherauge durch-
schaut hat? Eine ungerechte Zumutung, die nur aus
einem Mißverständnis der gehackten Sätze Ricardos
entstehen kann.

Die Ursache, warum Ricardo die sonst elementaren
und einleuchtenden Phänomene der subjektiven Nutzen-
abschätzungen nicht etwas eingehender behandelt hat,
ist wohl darin zu suchen, daß er kein gewandter Ka-
suistiker, kein ins Subjektive eingehender, plastisch dar-

') A. Smith, Wealth of nations, ed. Mc. Culloch, IVbook
3&lt;J Ch., p. 384.
        <pb n="35" />
        ﻿36

stellender Essayist, sondern ein Mann unkünstlerischer,
aber sinnvoller G-edankenkonstruktion war, daß er in
seinem schweren, lapidaren Stil nur das rein Wirt-
schaftliche behandeln und, der etwas dogmatischen Zeit-
strömung entsprechend, auf psychologische Nebengebiete
sich nicht einlassen wollte. (Er hatte auch nicht die
nötige Vorbildung und Zeit dazu.) In seinem richtigen
Instinkte suchte er den archimedischen Punkt in der
Wertbildung innerhalb des gesellschaftlichen Güteraus-
tausches, des wechselwirkenden Zusammenlebens der
Menschen. Denn, wenn der Wert von einer Persön-
lichkeit ausgeht, nur ihre subjektiven Lebensforderungen
und Willenstriebe darstellt, ohne von einer anderen, ob-
jektiveren oder weniger subjektiven Kraft festgehalten,
modifiziert und reguliert zu werden, dann ist er eine
rein subjektive und relative, inkommensurable Größe,
dann erscheint der Wertbegriff in seiner rein individu-
ellen Proteus-Gestalt, als Wertgefühl unfaßbar und un-
meßbar.

Schopenhauer hat einmal die Versuche präjudi-
ziert, diesen rein subjektiven Wert, das Wertgefühl in
den Tiefen der Seele, in Zahlentabellen auszudrücken und
zu vergleichen:

. „Die Berechnung des Wertes ist eine Rechnung
mit Motiven, keine Rechnung mit Zahlen, denn dem
Werte liegt der Grund der Motivation, nicht der Seins-
grund unter1).“ Dies will heißen: Der subjektive Wert
ist keine feste Größe, kein Sein, er ist eine schwankende
Motivation, die aus einem konkreten Zustand der Seele
oder aus einem konkreten Verhältnis zur äußeren phy-
sischen Welt (hier kommen die technisch-ökonomischen

*) Schopenhauer, Die vierfache Wurzel des Satzes . . ., von
Lindwurm zitiert in der Theorie des Wertes, Hildebr. Jahrb. 1865,
IV Bd., S. 199.
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        ﻿41

Die Ursache zu ergründen, die den gesellschaft-
lichen Tauschwert bildet und dadurch die subjektiven
Nutzenwertschätzungen beeinflußt, ist die eminent ge-
löste Aufgabe der Ricardo sehen „Principles“. Die
Analyse dieser Ricardo sehen Lösung und ihrer Be-
deutung für die nationalökonomische Wissenschaft und
die Wirtschaftspolitik des Staates ist das Ziel der folgen-
den Kapitel. Dadurch verlassen wir aber den Boden
der subjektiven, individuellen Nutzenempfindungen und
gehen in das Gebiet der einheitlichen ökonomisch-tech-
nischen Phänomene der gesellschaftlichen Wertbildung
über.
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        ﻿Ich nehme hier die Gelegenheit wahr, meinem
hochverehrten Lehrer und Meister, Herrn Geheimrat
Professor Dr. Adolf Wagner, dessen theoretischer
Anregung diese Arbeit ihre Existenz verdankt, meinen
aufrichtigen Dank auszusprechen. Auch Herrn Professor
Dr. Gustav Schmoller, dem ich ebenso eine frucht-
bare Anregung auf dem Gebiete des historisch-evolu-
tionistischen Denkens und sozialethischen Empfindens
verdanke, sage ich meinen herzlichsten Dank.
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        ﻿Lebenslauf,

Ich, Dimitri Kalinoff, wurde am 2. Dezember 1884 zu
Leskowetz in Bulgarien als Sohn des . Gymnasialprofessors
Gantscho Kalinoff und dessen Ehefrau Neda geh. Popoff
geboren. Ich bin griechisch-katholischer Konfession.

Meine ‘Vorbildung- erhielt ich auf dem Gymnasium zu
Gabrowo, dem Progymnasium zu Sewliewo und dem staat-
lichen Gymnasium zu Sofia, das ich Juli 1901 mit dem Zeugnis
der Reife verließ, um mich dem Studium der Rechts- und
Staatswissenschaften zu widmen. Zunächst studierte ich
2 Semester auf der bulgarischen Universität zu Sofia.
Michaelis 1902 wurde ich an der Universität München im-
matrikuliert und studierte dort 2 Semester Nationalökonomie.
Michaelis 1903 wurde ich an der Berliner Universität immatri-
kuliert und studierte hier 6 Semester Nationalökonomie, Staats-
und Völkerrecht, Geschichte, Philosophie. Die Promotions-
prüfung bestand ich am 21. Juni 1906.

Ich besuchte die Vorlesungen und Übungen folgender
Herren Professoren und Dozenten:

In München: Brentano, Lotz, Georg v. Mayr, Sinzheimer.

In Berlin: v. Bortkiewicz, Brunner, Delbrück, Gierke,
von Halle, Harsley, Helm, Hintze, Hübler, Jastrow, Kaufmann,
Kipp, Liszt, v. Martitz, Paulsen, Riehl, Schäfer, Erich Schmidt,
Schmoller, Schollmeyer, Sering, Simmel, Thomas, Wagner,
Wilbrandt.

Allen meinen hochverehrten Lehrern sage ich meinen
aufrichtigen Dank.
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— 35 —

ilie großen Züge in der Entwickelung des menschlichen
; Jeistes aus den Augen verliert, gelegentlich der Unter-
; juchung der schädlichen materiellen und moralischen
■ Wirkungen der merkantilen Prohibitionen und Zölle
agt er die folgenden Worte, die aus einer tiefen Beob-
ich tung stammen: „Es verdient bemerkt zu werden,
vas die Erfahrung uns lehrt, daß die Billigkeit des
deines keine Ursache des unmäßigen, sondern des
näßigen Weingenusses zu sein scheint. Die Einwohner
ler weinbauenden Länder scheinen im allgemeinen die
Enthaltsamsten zu sein. Die Leute sind selten über-
näßig in dem, was ihre tägliche Kost bildet . . .“’)

Die letzten Worte brauchen nur die Analyse und
lie Formulierung eines scharfsinnigen Kopfes, eines
levons, Menger oder Böhm-Bawerk, und die Grenz-
hutzentheorie ist da; sie ist hier latent, in nuce ent-
galten, also eine so epochemachende Entdeckung ist sie
irotz der anerkannten Verdienste ihrer scharfsinnigen
Fortbildner doch noch nicht.

Und sollte nun vielleicht Ricardo diese Aussprüche
: luch bei A. Smith nicht beachtet und gekannt, die
Bedeutung des darin enthaltenen Gedankens nicht ge-
il mt haben, Ricardo, der so viele wirtschaftliche und
»soziale Phänomene gerade mit einem Seherauge durch-
schaut hat? Eine ungerechte Zumutung, die nur aus
[inem Mißverständnis der gehackten Sätze Ricardos
' entstehen kann.

Die Ursache, warum Ricardo die sonst elementaren
und einleuchtenden Phänomene der subjektiven Nutzen-
Abschätzungen nicht etwas eingehender behandelt hat,
ist wohl darin zu suchen, daß er kein gewandter Ka-
suistiker, kein ins Subjektive eingehender, plastisch dar-

*) A. Smith, Wealth of nations, ed. Mc. Culloch, IVth book
i-i Cb., p. 384.
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