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        <title>David Ricardo und die Grenzwerttheorie</title>
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            <forname>Dimitrij</forname>
            <surname>Kalinov</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>1033563544</idno>
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        mm

i  int

EIGENTUM
DES
INSTITUTS
FO*
WELTWIRTSCH.  •
KIEL

BIBLIOTHEK
T  1338
        <pb n="2" />
        David  Ricardo  und  die  Grenzwerttheorie.
*  ♦  .  v  i  r
Ein  Beitrag  zum  fischen  .Nutzenund
  'E^sje^'w^tttheorie.  i

IN  AUGUR  AL-DISSERTATION
ZUR
ERLANGUNG  DER  DOKTORWÜRDE
GENEHMIGT
VON  DER  PHILOSOPHISCHEN  FAKULTÄT

DER
FRIEDRICH  -WILHELMS  -  UNIVERSITÄT
ZU  BERLIN.

Tag -  der  Promotion:  14.  Juli  1906.
        <pb n="3" />
        Referenten:  ■  .
Professor  Dr.  Wagner.
Professor  Dr.  Schmoller.

Mit  Genehmigung  der  Hohen  Philosophischen  Fakultät  wird  hier
nur  ein  Teil  der  ganzen  Arbeit  gedruckt.  Die  vollständige  Arbeit, ­
  deren  Inhaltsübersicht  hier  beigegeben  ist,  hoffe  ich  später
erscheinen  lassen  zu  können.

Universitäts-Buchdruckerei  von  Gustav  Schade  (Otto  Francke)
Berlin  N.,  Linienstr.  158.
        <pb n="4" />
        Meinen  lieben  Eltern.
        <pb n="5" />
        üttVTtav  XQrj/uanov  /ustqov  ccv&amp;amp;Qtonog.
Protagoras.

ndXffxog  nctrrjQ  navTOiv.

Heraklit.

Value  dwells  not  in  partieular  will,
It  holds  its  estimate  and  dignity
As  well  wherin  ’tis  preeious  of  itself.
As  in  the  prizer.
Shakespeare,
Troilus  and  Cressida,  II.  2.

Labour  is  a  commodity,  which  cannot
be  increased  and  diminished  at  pleasure.
D.  Ricardo,
Principles  of  Political  Economy,  IX  Ch.

The  labour  of  nature  is  paid,  not  becaase
  she  does  much,  but  because  she
does  little.  In  proportion  as  she  becomes
niggardly  in  her  gifts,  she  exacts  a  greater
price  for  her  work.  Where  she  is  munificently
  beneficent,  she  always  works  gratis.
D.  Ricardo,
Principles  of  Political  Economy,  11  Ch.
        <pb n="6" />
        Inhaltsübersicht

Einleitung.  Über  die  Wertung  im  allgemeinen.
Erkenntnisprozeß  und  Willensprozeß.  —  Die  Werturteile  als
Produkte  der  Wechselwirkung  zwischen  Subjekt  und  Objekt.
—  Plan  der  Arbeit.
Erstes  Kapitel.  Das  individuell  -  psychologische  Problem
oder  der  Qualitätsbegriff  in  der  Wertlehre.
Bedürfnis,  Nutzen.  —  Die  Theorie  vom  Grenznutzen.  —  Das
psychologische  Problem  von  Nutzenempfinden  und  Wertgefühl
in  der  klassischen  Nationalökonomie,  besonders  bei  Ricardo.
Zweites  Kapitel.  Das  ökonomisch-technische  Problem,  das
Kostenmoment  oder  der  Quantitätsbegriff  in  der
W  ertlehre.
Der  Kosten-  oder  Arbeitswert.  —  Der  Arbeitsbegriff  bei
Ricardo,  damit  zusammenhängend  bei  Rodbertus  und  Marx.
—  Der  Begriff  von  den  gesellschaftlichen  Grenzkosten  oder
der  gesellschaftlichen  Grenzarbeit.  —  Der  Begriff  von  der
Seltenheit.
Drittes  Kapitel.  Das  sozialökonomische  und  sozialdynamische ­
  Problem  in  der  Wertbildung,  der  Relationsbegriff ­
  in  der  Wertlehre.
Die  wirtschaftlichen  Werte  in  der  arbeitsgliedrigen  Tauschgesellschaft. ­
  —  Wechselwirkung  und  Ausgleichung  zwischen
Bedarf  und  Deckung,  Nachfrage  und  Angebot.  —  Der  gesellschaftliche ­
  Grenznutzen  und  die  gesellschaftlichen  Grenzkosten, ­
  ihre  sozialdynamische  Synthese,  ihr  Gleichgewichtszustand. ­
  —  Die  Verbindung  der  Grenznutzen-  und  Grenzkostentheorie ­
  zur  höheren  Synthesis  der  sozialökonomischen
Grenzwerttheorie.
        <pb n="7" />
        8

Viertes  Kapitel.  Der  Modalitätsbegriff  in  der  Wertlehre.
Wertbild  ungs-  und  Wertverteilungsprozesse  innerhalb ­
  des  Kollektivlebens.  Die  Frage  von  der  freien
Konkurrenz,  der  Renten-und  Einkommeusbildung  und
der  modifizierenden  Stellung  des  Staates  zu  diesen.
Die  Zusammenhänge  von  Individual-  und  Kollektivbedürfnissen,
Individual-  und  Sozialwerten.  —  Die  Frage  von  ihrer  sich
gegenseitig  bedingenden  und  beeinflussenden  Existenz.  —
Der  Modalitätsbegriff  in  der  Wertlehre.
I.  Die  Rentenbildung.  Vorbemerkungen.
1.  Die  Seltenheitsrente  aus  der  Monopolstellung  der
quantitativ  -extensiven  Produktionsmittel.
2.  Die  Vorzugsrente  aus  der  Monopolstellung  der  intensivqualitativen ­
  Elemente  im  Produktionsprozesse,  die
Arbeitsdifferentialrente.
3.  Die  Vertrags-  und  Verkehrsmonopolrente.
4.  Die  Staatsmonopolrente  und  die  Frage  von  der  öffentlich ­
  -  rechtlichen  Regulierung  des  gesellschaftlichen
Wertbildungsprozesses.
II.  Staatsleistung  und  ihr  Korrelat,  die  Steuerleistung.  —
Der  kollektivistische  oder  sozialpolitische  Gedanke  in
Staatswirtschaft  und  Finanzpolitik.  —  Der  Begriff  von
der  sozialen  Gerechtigkeit.  —  Anlehnung  an  die  soziale
Gerechtigkeitslehre  von  Aristoteles.
1.  Die  ausgleichende,  entgeltende  und  korrigierende  Gerechtigkeit ­
  in  der  Staatswirtschaft  in  werttheoretischer
Beleuchtung.
2.  Die  austeilende,  distributive  Gerechtigkeit  in  der  Finanz- ­
  und  Sozialpolitik  der  Kollektivität.
Schlußbetrachtung.
        <pb n="8" />
        Einleitung.
Über  den  Wertungsprozeß  im  allgemeinen.
Jede  Lebensfunktion  und  Lebensäußerung  hat  zwei
Seiten:  Sie  wirkt  und  bekommt  von  anderswo  eine  Gegenwirkung, ­
  sie  findet  Anstoß  und  sucht  ihn  zu  überwinden,
sie  gibt,  und,  indem  sie  gibt,  empfängt  sie;  sie  empfängt,
und,  indem  sie  empfängt,  gibt  sie.  Der  Mensch  ist  auch
eine  solche  Krafteinheit,  die  zugleich  empfängt  und  gibt,
gibt  und  empfängt.
Es  liegt  aber  im  Menschen  eine  gewisse  Schichtung
oder  Gruppierung  von  diesen  Funktionen  des  Ernpfangens
  oder  Gebens:  Die  niedrigeren,  primitiveren  Funktionen ­
  des  menschlichen  Seins  sind  vornehmlich  empfangenden, ­
  rezeptiven  und  perzeptiven  Charakters,  die
höheren,  inneren  Lebenstätigkeiten  sind  mehr  normgebenden ­
  und  formbildenden  Charakters.  Die  Funktion
des  Empfangens  beginnt  im  Menschen  mit  den  Sinneseindrücken ­
  (Empfangen  mit  Mindestmaß  von  Formgebung), ­
  steigen  durch  die  Reihe  der  Verstandestätigkeiten ­
  zu  Begriffen,  Urteilen  und  Schlüssen  und  verdichten ­
  sich  zu  einem  Erkenntnisinhalt.
Die  Funktionen  des  Normgebens  beginnen  von  den
inneren  Tiefen  des  Verstandes,  der  Vernunft  und  des
Gemütes,  des  Seelenlebens  überhaupt  als  gewisse  Willensakte, ­
  die  einer  Zweckmäßigkeit  der  inneren  Welt  entsprechen ­
  und  entspringen,  weshalb  auch  Kant  den
        <pb n="9" />
        10

Willen  ein  Vermögen  der  Zwecke  nennt 1 ).  Die  Erkenntnisinhalte ­
  des  Verstandes  suchen  die  Zweckmäßigkeit ­
  der  äußeren  Welt  zu  ergründen,  die  Willensakte
dagegen  suchen  eine  bestimmte  Zweckmäßigkeit  in  der
äußeren  Welt  zu  begründen.  Die  Willensinhalte  oder
Zweckreihen  steigen  hinunter  zu  den  Gegenständen  der
äußeren  Welt,  und  ihre  Anwendung  auf  dieselbe  ergibt
die  Werturteile.  Somit  ist  das  Werturteil  das  Messen
der  äußeren  Welt  an  dem  Maßstab  der  inneren.
Das  Nicht-Entsprechen  der  Gegenstände  der  äußeren
Welt  mit  den  Zweckmäßigkeitsinhalten  des  Seelenlebens
oder  des  Willens  wird  empfunden  als  Bedürfnis.  Das
Streben,  die  Gestaltung  der  äußeren  Welt  den  Bedürfnissen ­
  der  inneren  anzupassen,  ergibt  das  Begehren.
Die  durch  das  Begehren  hervorgebrachte  Äußerung  der
menschlichen  Kräfte  (physischen  und  geistigen,  unmittelbaren ­
  und  mittelbaren)  ergibt  das  Handeln.  Das  Handeln ­
  sucht  die  Gegenstände  oder  Verhältnisse  der
äußeren  Welt  dem  Willenseharakter  der  inneren  anzupassen. ­

Der  Willensinhalt  kann  sich  beziehen  entweder  nur
auf  die  reine  Form  oder  die  Motive  des  Handelns  oder
auf  die  konkrete  Zweckmäßigkeit  der  Handlung  in  bezug ­
  auf  deren  vorgefaßte  empirische  Resultate.  Im
ersten  Fall  haben  wir  ästhetische  oder  ethische  Werturteile, ­
  im  zweiten  Falle  —  technisch  -  ökonomische
Werturteile.
Das  ästhetische  Werturteil  bezieht  sich  auf  die
reine  Form  der  Dinge,  beurteilt  bei  einem  freien  Spiel
und  nach  einer  unbewußten  Zweckmäßigkeit  der  Eindrücke ­
  zu  den  Seelenkräften  des  Menschen 2 ).
1 )  Kant,  Kritik  der  praktischen  Vernunft,  Reclam,  S.  71.
2 )  Kant,  Kritik  der  Urteilskraft,  Reclam.  Das  ästhetische
Urteil  als  Freiheit  des  Spiels  der  Seelenkräfte:  „Das  Urteil  heißt
auch  eben  darum  ästhetisch,  weil  der  Bestimmungsgrund  desselben
        <pb n="10" />
        11

Das  ethische  Werturteil  bezieht  sich  auf  die  reinen
Vernunftmotive  des  Handelns  (ohne  Bezug  auf  dessen
Resultat)  in  Angemessenheit  mit  dem  Sittlich-Guten,
das  durch  die  praktische  Vernunft  im  Menschen  gegeben ­
  ist.
Das  ökonomische  Werturteil  bezieht  sich  auf  das
Resultat  von  Handlungen  und  den  Inhalt  von  Gegenständen, ­
  die  zu  einer  bestimmten  Lebensgestaltung
nötig  sind.
Es  erhellt  somit,  von  selbst,  daß  die  ethischen  und
ästhetischen  Werturteile  unmittelbar  aus  der  inneren
Zweckmäßigkeit  des  Geistes  entspringen,  sie  kümmern
sich  nicht  darum,  ob  die  äußere  Welt  ihre  Ausführung
in  dem  Augenblicke  zuläßt  oder  nicht  zuläßt.  Anders
steht  es  mit  den  ökonomischen,  den  wirtschaftlichen
Werturteilen:  Sie  beziehen  sich  gerade  auf  die  Ausführung ­
  von  Zwecken  und  die  Beschaffung  von  Mitteln,
die  bestimmten  Lebenszwecken,  physischen  oder  geistigen,
auch  ethischen  oder  ästhetischen,  dienen.  Die  wirtschaftlichen ­
  Zweckreihen  beziehen  sich  direckt  auf  die
Gegenstände  der  physischen  Welt,  und,  indem  sie  in
dauerndem  Kontakt  mit  dieser  stehen,  verlieren  sie  die
reine  geistige  Unmittelbarkeit  und  die  unabhängige
innere  Motivation,  die  den  ästhesischen  und  ethischen
Werturteilen  eigen  ist.
Es  besteht  aber  ein  Zusammenhang  zwischen  all
diesen  Werturteilen  des  Menschen.  Wie  die  ethischen
und  ästhetischen  Werturteile  in  direkter  oder  indirekter
Motivation  die  wirtschaftlichen  Handlungen  des  Menschen

kein  Begriff,  sondern  das  Gefühl  (des  inneren  Sinnes)  jener  Einhelligkeit ­
  im  Spiele  der  Gemütskräfte  ist,  die  nur  empfunden  werden
kann“.  S.  75.
Uber  die  unbewußte  Zweckmäßigkeit  im  Schönen  zu  den
Elementen  der  Lebenssteigerung:  „Das  Schöne  ist  das  Symbol  des
Sittlich-Guten“.  S.  230,  234.
        <pb n="11" />
        12

bestimmen,  so  dienen  die  wirtschaftlichen  Werte  und
Werturteile  ihrerseits  als  -Grundlage  zur  Realisierung
und  damit  zur  Entwicklung  der  ästhetischen  und  ethischen
Motivreihen.  Deshalb  ist  ihre  Zusammengehörigkeit
und  gegenseitige  Beeinflussung,  weil  sie  von  einer
menschlichen  Persönlichkeit  entstammen  und  einer  bestimmten ­
  Kulturstufe  angehören,  niemals  zu  verkennen.
Nur  besitzen  die  ethisch  -  ästhetischen  Werturteile  und
Urteilskomplexe  jenen  Grad  der  rein  geistigen  Unmittelbarkeit ­
  zum  Grundwesen  der  menschlichen  Persönlichkeit, ­
  die  den  zweiten,  den  ökonomisch-technischen,
nicht  zukommt.  Darum  gehören  die  ersteren  in  ein
Reich  der  Freiheit  der  Persönlichkeitsäußerung  des
Menschen,  die  zweiten  in  ein  Reich,  wo  diese  Persönlichkeitsäußerung ­
  des  Menschen  durch  den  Zwang  der
äußeren  physischen  Natur  beeinflußt  und  bestimmt  ist.
Sicherlich  hat  Marx  diesen  eminenten  Unterschied  im
Sinne,  wenn  er  die  tiefsinnigen,  goldenen  Worte  ausspricht:
„Das  Reich  der  Freiheit  beginnt  in  der  Tat  erst
da,  wo  das  Arbeiten,  das  durch  Not  und  äußere  Zweckmäßigkeit ­
  bestimmt  ist,  aufhört;  es  liegt  also  der  Natur
der  Sache  nach  jenseits  der  Sphäre  der  eigentlichen
materiellen  Produktion.  Wie  der  Wilde  mit  der  Natur
ringen  muß,  um  seine  Bedürfnisse  zu  befriedigen,  um
sein  Leben  zu  erhalten  und  zu  reproduzieren,  so  muß
es  der  Zivilisierte,  und  er  muß  es  in  allen  Gesellschaftsformen ­
  und  unter  allen  möglichen  Produktionsweisen.
Mit  seiner  Entwicklung  erweitert  sich  dies  Reich  der
Naturnotwendigkeit,  weil  die  Bedürfnisse  zunehmen;
aber  zugleich  erweitern  sich  die  Produktivkräfte,  die
diese  befriedigen.  Die  Freiheit  in  diesem  Gebiete
kann  nur  darin  bestehen,  daß  der  vergesellschaftete
Mensch,  die  assoziierten  Produzenten,  diesen  ihren  Stoffwechsel ­
  mit  der  Natur  rationell  regeln,  unter  ihre  gemeinschaftliche ­
  Kontrolle  bringen,  statt  von  ihm  als
        <pb n="12" />
        13

von  einer  blinden  Macht  beherrscht  zu  werden,  ihn
mit  dem  geringsten  Kraftaufwand  und  unter  den  ihrer
menschlichen  Natur  würdigsten  und  adäquatesten  Bedingungen ­
  vollziehen.  Aber  es  bleibt  dies  immer  ein
Reich  der  Notwendigkeit.  Jenseits  desselben  beginnt
die  menschliche  Kraftentwicklung,  die  sich  als  Selbstzweck ­
  gilt,  das  wahre  Reich  der  Freiheit,  das  aber  nur
auf  jenem  Reich  der  Notwendigkeit  als  seiner  Basis
aufblühen  kann.“  (K.  Marx,  Das  Kapital,  III  Band,
2.  Teil,  1894,  S.  355.)
Die  vorliegende  Schrift  wird  sich  mit  den  Bildungsvorgängen ­
  und  den  Zusammenhängen  der  Werturteilskomplexe ­
  innerhalb  dieses  Reiches  der  Naturnotwendigkeit, ­
  der  Wirtschaft,  zu  beschäftigen  haben.
Die  Tätigkeit,  welche  die  Erreichung  der  materiellen
Mittel  erstrebt,  die  zu  einer  bestimmten  Gestaltung  des
Lebens  von  Individuum  und  Gesellschaft  nötig  sind,
bildet  das  Gebiet  der  Wirtschaft.  Die  Beschaffung  aller
materiellen  Befriedigungsmittel  oder  Nutzgegenstände
bis  zur  Konsumptionssphäre  hin  ist  Aufgabe  der  wirtschaftlichen ­
  Tätigkeit,  des  Wirtschaftens.  Die  wirtschaftliche ­
  Tätigkeit  erfordert  eine  Äußerung  von
Energie,  von  unmittelbar  persönlichen  oder  mittelbaren
Naturkräften,  damit  das  Ziel  des  Wirtschaftens  —  die
Anschaffung  von  Bedürfnisbefriedigungsmitteln  —  erreicht
werde;  sie  richtet  sich  nach  dem  vorhandenen  Bedürfnis
und  dem  zweckmäßigsten,  durch  die  größte  Ersparnis
wirtschaftlicher  Energie  erreichbaren  und  das  größte
Befriedigungsmaß  bringenden  Befriedigungsmittel.  Um
dies  zweckmäßigste  Befriedigungsmittel,  dies  nach  dem
Prinzip  der  Wirtschaftlichkeit  zu  erreichende  wirtschaftliche ­
  Gut,  erkannt  zu  haben,  bedarf  es  eines  wirtschaftlichen ­
  Urteilens,  gleichsam  einer  wirtschaftlichen  Urteilskraft; ­
  und  die  ist  in  verschiedenen  Menschen  je  nach
Land,  Rasse  und  Geschichtsperiode  verschieden.
        <pb n="13" />
        14

Damit  es  überhaupt  zu  diesen  wirtschaftlichen
Werten  und  Urteilen  kommt,  bedarf  es  eines  Anstoßes,
und  zwar  eines  doppelten  Anstoßes:  eines  Anstoßes  von
innen,  einer  Willensregung,  und  eines  Anstoßes  von
außen  her,  einer  Hemmung  der  Ausführung  des  konkreten ­
  Willensinhaltes.  Dieser  Anstoß  wird  im  wirtschaftlichen ­
  Leben  gegeben  durch  das  Vorhandensein
eines  Bedürfnisses,  das  befriedigt  werden  muß  oder  will,
durch  die  mannigfaltigen  Fragen  und  Forderungen,  die
der  Kampf  um  das  Dasein  oder  um  ein  bestimmtes  So-Sein,
  d.  h.  um  eine  bestimmte  Daseins-  und  Lebensform,
uns  jeden  Tag  entgegenstellt,  ja  aufdrängt.
Damit  es  zu  einer  Tätigkeit,  mit  der  Kraftäußerung
und  Kraftentwickelung  verbunden  ist,  komme,  bedarf
es  eines  „Steins  des  Anstoßes“;  damit  der  Wille  als
Wille  auftritt,  muß  er  vorher  gehemmt  und  dadurch
auf  die  Probe  gestellt  werden,  denn  der  widerstandslos,
ungehemmt  in  Wirklichkeit  sich  umsetzende  Wille  verliert ­
  dadurch  seinen  Charakter  als  Ausdruck  des  menschlichen ­
  Subjekts  und  zerrinnt  gleichsam  ins.  Objekt,  in
das  Außer-uns;  er  büßt  dadurch  seine  Bedeutung  ein
als  Mittelpunkt  um  den  sich  alles  im  Innern  des  Menschen ­
  dreht  und  bewegt,  der  erst  das  Leben  zu  leben
oder  lebenswert  macht,  wodurch  im  Menschen  der  Wille
zu  „einem“  Leben  entsteht.
Diese  Kennzeichnung  des  durch  Kampf  gehemmten
und  dadurch  zugleich  erzeugten  Lebens  und  Willens
oder,  synthetisch  ausgedi’ückt,  des  Lebenswillens  (dessen
subjektive  Gefühlsäußerung  der  Wille  zum  Leben  ist)
legt  Goethe  in  den  Mund  seines  sterbenden  Faust:
„Ja  diesem  Sinne  bin  ich  ganz  ergeben,
Das  ist  der  Weisheit  letzter  Schluß:
Nur  der  verdient  sich  Freiheit  wie  das  Leben,
Der  täglich  sie  erobern  muß.“
        <pb n="14" />
        15

Die  Menschen  sind  auf  diese  Weise  Kämpfer,  die
um  Werte  des  Lebens  in  jeglichem  Sinne  kämpfen  und
kämpfen  müssen,  wenn  sie  leben  wollen,  um  ethische,
ästhetische,  geistige  oder  wirtschaftliche  Werte,  die  alle
auf  einen  mehr  oder  weniger  konkreten  Grundcharakter
des  Menschen  hinweisen.  So  werden  aus  inneren  Kategorien ­
  des  Seelenlebens,  einer  individuellen  oder  gesellschaftlichen ­
  Struktur  entsprechend,  gewisse  Objekte  als
Befriedigungsmittel  vorhandener  Bedürfnisse,  sowohl
materieller  als  auch  geistiger  Art,  erkannt;  durch  diese.
Eigenschaft  als  Mittel,  tauglich  zur  Erreichung  eines
wirtschaftlichen  Zieles,  zur  Befriedigung  wirtschaftlicher
Bedürfnisse  werden  diese  Objekte  in  die  Sphäre  der
Werte  erhoben,  ihnen  wird  erst  dann  Wert  beigelegt.
Aber  erst  wenn  der  tätige  Wille  sich  zur  konkreten
Hereinziehung  dieser  Objekte  in  die  Verfügungsgewalt
eines  Subjektes  heranmacht,  wenn  sie  als  Gegenstände
des  wirtschaftlichen  Tun  und  Lassens  eine  Kraftäußerung
seitens  des  Wirtschaftenden  erfordern,  erst  dann  steigen
die  fraglichen  Objekte  in  die  Kategorie  der  wirtschaftlichen ­
  Güter  auf.
Es  bedarf  also  des  Anstoßes  und  der  Rückwirkung
aus  dem  Leben  heraus,  damit  im  Menschen  eine  Reaktion, ­
  eine  Stellungnahme  dem  Leben  gegenüber  erfolge.
Der  Widerstand,  den  die  begehrten  wirtschaftlichen
Güter  unserem  Begehrungsvermögen,  dem  Willen  des
wirtschaftlichen  Subjekts  entgegensetzen,  ist  ihre  Begrenztheit. ­
  Erst  durch  den  Zusammenstoß  des  Willens
zur  Erlangung  gewisser  Güter  mit  der  Begrenztheit
derselben  werden  gewisse  Bedürfnisse  auf  wirtschaftliche
Weise  befriedigt,  die  fraglichen  Güter  werden  wirtschaftliche ­
  Werte.  Und  je  größer  einerseits  der  Widerstand, ­
  den  die  als  für  das  Leben  notwendig  erkannten
Güter  ihrer  Erlangung  entgegensetzen,  je  bereiter  und
genötigter  wir  andererseits  sind,  größere  Quanta  wirt ­
        <pb n="15" />
        16

schaftlicher  Kraft,  Kaufkraft  oder  Arbeit  darauf  zu  verwenden, ­
  desto  höher  steigt  der  Wert  dieser  Güter.
Damit  bekommt  auch  auf  dem  Gebiet  der  Wirtschaft. ­
  das  Wort  Heraklits  seine  Bestätigung  als  eine
ewige  Wahrheit:  „Der  Streit  ist  Vater  aller  Dinge“.
Denn  der  Streit  mit  der  äußeren  Natur,  mit  der  ganzen
Umgebung  des  Lebens  auf  Grund  unserer  Erkennntnisund
  Willenskräfte  ist  es,  was  in  uns  die  Vorstellung
von  wirtschaftlichen  Werten  aufkommen  läßt,  im  Gegensatz ­
  zu  den  ethischen  oder  ästhetischen  Werten,  die
vornehmlich  durch  einen  Kampf  „in  uns“  entstehen.
In  diesem  ganzen  Verlauf  liegt  festbegründet  eine
grundsätzliche  Wahrheit:  Der  Mensch  erachtet  dies  als
Wert,  vor  welches  er  mit  Gegenwert  treten  muß,  das
als  Kraft,  vor  welches  er  im  Kampfe  mit  Gegenkraft
treten  muß.  So  haben  wir  auch  auf  dem  Gebiete  der
Wirtschaft  jenes  wunderbare  Spiel  der  Energieumsätze
und  Energieumformungen,  der  schließlichen  Erhaltung
der  Energie.  Denn  alles  im  Universum  ist  ein  ewiger
Tausch  von  Stoff  und  Kraft,  alles  ist  schließlich  Ausgeben ­
  und  Einnehmen  zugleich.  Der  Mensch  nimmt
mit  seiner  Kraft,  nach  Person  und  Kultur  verschieden,
an  dem  ewigen  Stoffwechsel  der  Natur  teil,  er  muß
auch  teilnehmen,  wenn  er  überhaupt  leben  will,  d.  h.
als  Kraft,  als  Mikrokosmos  ein  Teil  des  Makrokosmos
existieren  will.
Das  Moment  des  Kraft-  und  Stoffausgebens  innerhalb ­
  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  ist  das  Kostenmoment,
das  Moment  des  Kraft-  und  Stoffeinnehmens  ist  das
Nutzenmoment.  Wie  Attraktions-  und  Repulsionskräfte
das  Universum  Zusammenhalten,  wie  bei  der  Rotationsbewegung ­
  der  Körper  Zentripetal-  und  Zentrifugalkräfte
sich  gegenseitig  bedingen  und  balancieren,  wie  bei  den
ethischen  und  ästhetischen  Urteilen  ein  gegenseitig  bedingter ­
  Antagonismus  zwischen  Gut  und  Böse,  Schön
        <pb n="16" />
        17

und  Häßlich  besteht,  so  müssen  auch  in  der  menschlichen ­
  Wirtschaft,  ebenso  gut  wie  in  der  Wirtschaft
der  Natur,  Kostenmomente  und  Nutzenmomente  Zusammentreffen ­
  und  sich  gegenseitig  aufnehmen  und  aufheben,
damit  die  spezifische  Signatur  des  wirtschaftlichen
Wählens  und  Wägens,  mit  der  die  Entwickelung  der
Geistesvermögen  unzertrennlich  verbunden  ist,  entstehe.
Nur  wenn  die  Güter  dem  Menschen  wirtschaftliche
Kraft  kosten  oder,  was  dasselbe  ist,  wirtschaftliche
Kraftausgabe  ersparen,  steigen  sie  für  ihn  in  die  Sphäre
der  wirtschaftlichen  Werte  auf.  Nach  Kraftausgabe
oder  Kraftersparnis  schätzt  der  Mensch  die  Dinge,  oder
wie  Schäffle  trefflich  sagt:  „Der  Wert  zeigt  die  Herrschaft ­
  des  Geistes  auch  im  äußeren  Güterleben.“ *  1 )
Um  die  Prozesse  der  ökonomischen  Wertgebung
und  Wertbildung  gehörig  zu  verstehen,  muß  man  das
Problem  etwas  tiefer  stellen  und  behandeln,  als  es  in
den  meisten  diesbezüglichen  Monographien  zu  geschehen
pflegt.  Um  eine  richtige  Wertlehre  aufzustellen,  muß  man
die  ökonomischen  Werturteile  im  Zusammenhänge  mit  den
anderen  Werturteilen  des  menschlichen  Geistes  kennen
und  behandeln  lernen.  Selbstverständlich  muß  man
sich  hüten,  die  sozialökonomische  Prägnanz  des  Problems
zu  vernachlässigen.  Aber  immer  sollte  man  es  vor
Augen  haben,  daß  auch  die  nationalökonomische  Disziplin ­
  die  Kategorien  ihrer  Problemstellung  und  damit
auch  ihrer  Entwickelung  aus  jener  allgemeinen  und
gemeinsamen  Quelle  des  menschlichen  Geistes  zu  schöpfen
hat,  die  wir  bei  den  großen  Denkern  Griechenlands
und  der  römisch-germanischen  Welt,  besonders  bei
ihrem  letzten  größten  Vertreter,  Kant,  finden.  Deshalb ­
  ist  diese  Arbeit  den  Gedankengängen  des  großen

Alb.  Schäffle,  Das  gesellsch.  System  der  mensch.  Wirtschaft,
I,  S.  33.
K.

2
        <pb n="17" />
        18

Königsbergers  nachgezeiebnet  worden,  der  Stoff  der  Wertlehre ­
  ist  nach  den  tiefen  Gesichtspunkten  seines  Denkens ­
  eingeteilt  worden.  Es  hat  sich  auch  dem  Verfasser
des  Vorliegenden  immer  mehr  die  Überzeugung  aufgedrängt, ­
  daß  der  Streit  zwischen  den  verschiedenen
Werttheorien,  besonders  der  Kostenwert-  und  der  Grenznutzentheorie, ­
  die  sogenannte  Wertkontroverse,  allein  aus
dem  Grunde  entstanden  ist,  daß  die  betreffenden  Schulen
eigentlich  nur  einzelne  Prämissen,  einzelne  Seiten  in
der  Wertbildung  aufgefaßt  haben,  ohne  die  Synthese
ihrer  gegenseitigen  Bedingtheit  zu  ziehen.  Der  Stoff
wird  hier  in  vier  Abschnitte  eingeteilt,  nach  Beispiel
der  Kantschen  Analyse  des  Schönen  in  der  Kritik  der
Urteilskraft  (Reclam,  S.  43-—89).
Die  einzelnen  Abschnitte  dieser  Arbeit  sind  nicht
einzelne  unzusammenhängende  Teile,  sondern  sind  nur
einzelne  Äußerungen  und  Seiten  des  einheitlichen  Lebensprozesses ­
  der  menschlichen  Gemeinschaft  auf  dem  Gebiete
der  Wertbildung.  Nur  die  Wissenschaft  sucht  das
Ganze  des  Lebens  in  seine  Teile  zu  zergliedern,  ebenso
wie  die  Kunst  einzelne  Momente  des  Seins  auffaßt  und
kristallisieren  läßt,  während  der  Fluß  des  Lebens  als
eine  Einheit  dynamischer  Prozesse  vor  sich  geht.
Der  Plan  der  Arbeit  in  dieser  Abhandlung  ist:
Erstes  Kapitel.  Die  Seite  des  Bedürfnisses
oder  der  Nachfrage,  des  Bedarfs.  Das  ist  vorwiegend
ein  individualpsychologisches  Problem,  gleichsam  der
Qualitätsbegriff  in  der  Wertlehre,  wo  das  Grenznutzenmoment ­
  als  die  erste  Prämisse  der  gesellschaftlichen
Wertsynthese  zu  beachten  ist.
Zweites  Kapitel.  Die  Seite  des  Angebots,  der
Deckung  und  der  arbeitsteiligen  Produktion,  ein  vorwiegend ­
  ökonomisch-technisches  Problem,  überhaupt  der
eigentliche  Quantitätsbegriff  in  der  Wertlehre  und
Sozialökonomik,  wo  das  Grenzkostenmoment  (Marginal-
        <pb n="18" />
        19

kosten)  als  die  zweite  Prämisse  der  gesellschaftlichen
Wertsynthese  zu  betrachten  ist.
Drittes  Kapitel.  Die  Seite  des  gesellschaftlichen
Warenaustausches,  des  Güterumlaufs,  ein  überwiegend
sozialökonomisches  Problem,  wo  Angebot  und  Nachfrage
Bedarf  und  Deckung  in  Wechselwirkung  oder  wechselseitige ­
  Verursachung  miteinander  treten.  Das  ist  der
eigentliche  Relationsbegriff  der  Wertlehre  oder  die  freie
gesellschaftliche  Synthese  in  der  Wertbildung,  wie  sie
von  den  nationalökonomischen  Theorien  der  absoluten
freien  Konkurrenz  gedacht  war.
Viertes  Kapitel.  Die  Seite  der  bewußten  zwangsgemeinschaftlichen ­
  Wertbildung.  Hier  sind  die  Einwirkungen ­
  einer  gemeinwirtschaftlichen  Gewalt,  des
Staates,  auf  die  Wertbildungsprozesse  zu  betrachten;
dann  die  Forderungen  einer  Politik  der  Sozialtaxen,
die  Begründung  von  Steuerbelastungen  nach  Gesichtspunkten ­
  einer  sozialen  Ökonomik  und  Ethik.  Das  ist
überwiegend  ein  Modalitätsbegriff  in  der  Wertlehre
oder  das  modifizierende  Moment  in  der  synthetischen
Bildung  der  Werte,  wodurch  die  gesellschaftliche  Synthese ­
  der  freien  Konkurrenz  modifiziert  wird,  überhaupt
die  zwangsgemeinschaftliche  Synthese  in  der  Wertbildung. ­

Als  leitender  Denker  auf  dem  Gebiete  der  Wertlehre, ­
  dieser  Kondensierungsformel,  sozusagen,  alles
wirtschaftlichen  Seins  und  Werdens,  aller  wirtschaftlichen
Prozesse,  ist  Ricardo  zu  erachten.  Die  folgenden
Ausführungen  werden  zu  zeigen  suchen,  mit  wie  großer
intuitiver  Gedankenkraft  dieser  beste  Synthetiker  und
Systematiker  des  nationalökonomisehen  Ideengehalts
das  Grundlegende  des  sozialökonomischen  Lebens  erfaßt
hat,  denn  auf  ihm  bauen  bewußt  oder  unbewußt  die
wissenschaftlichen  Systeme  der  Volkswirtschaft  in  der
Gegenwart.  Die  vorliegende  Abhandlung  sucht  schließ-2*
        <pb n="19" />
        20

lieh  manche  Interpretationen  zu  verbessern,  die  Ricardos ­
  Lehre  gegeben  worden,  manche  Beschuldigungen
abzuwehren,  die  gegen  Ricardo  seitens  der  österreichischen ­
  Schule  der  Grenznutzen-  oder  Grenzwerttheorie
erhoben  worden  sind.

Erstes  Kapitel.
Das  individuell-psychologische  Problem
oder  der  Qualitätsbegriff  in  der  Wertlehre.
*  *
Bedürfnis,  Nutzen,  Grenznutzen.
Die  grundlegenden  Gefühle  des  Seelenlebens  sind
die  Gefühle  von  Lust  und  Unlust.  Lustgefühl  wird
dann  erzeugt,  wenn  eine  Situation,  in  der  sich  das
Subjekt  befindet,  einer  bestimmten  Konstellation  seiner
Seelenkräfte,  seinem  Habitus,  förderlich  ist,  sich  in
Harmonie  mit  seinem  Habitus  befindet.
Den  Dingen  und  Verhältnissen,  welche  unsere
Lebenskräfte  und  Daseinsformen  fördern  und  steigern,
geben  wir  das  Prädikat  der  Zweckmäßigkeit.  Die  Erfassung, ­
  Abschätzung  und  Durchsetzung  (durch  Handeln)
dieser  in  der  Beschaffenheit  unserer  Natur  begründeten
Zweckmäßigkeit,  deren  Verwirklichung  eine  bestimmte
Lebensform  mehr  oder  weniger  möglich  macht,  ist
die  Grundtatsache  des  Erkenntnis-  und  Begehrungsvermögens, ­
  der  Vorstellungs-  und  Willenskraft  des
Menschen,  das  letzte  Ziel  und  das  höchste  Gut  sowohl  der
ethischen  Kultur,  wo  wir  eine  bestimmte  Zweckmäßigkeit ­
  der  Inhalte  oder  inneren  Beschaffenheit  der  Objekte
in  bezug  auf  unsere  Interessen  wollen  und  sie  mit  den
Mitteln  der  intellektuellen  wie  technischen  Entwicklung
zu  verwirklichen  suchen,  als  auch  der  ästhetischen
        <pb n="20" />
        21

Kultur  in  der  Seele  des  Menschen,  worin  die  Zweckmäßigkeit ­
  der  reinen  Formen  der  Objekte  ohne  Bezug
auf  konkrete  Interessen  des  Subjekts  (es  handelt  sich
um  Zweckmäßigkeit  ohne  Zweck,  wie  es  Kant  genial
definiert)  auf  Grund  von  reinen  Anschauungen  (Kontemplationen) ­
  empfunden  wird.
Eine  das  Leben  hemmende  Lage  äußert  sich  außer
in  Form  eines  unbestimmten  Unlustgefühls  auch  im
konkreten  Bild  des  Bedürfnisses,  welches  schon  eine
gewisse  Erkenntnis  des  Unlust  erregenden  Objekts  und
der  mutmaßlichen  Weise  seiner  Beseitigung  anregt  und
voraussetzt.  Ein  Bedürfnis  erregt  im  Menschen  notwendigerweise ­
  die  Begierde  zum  Mittel  der  Abhilfe,
und  dieses  Begehren  ist  die  Grundtatsache  jeder  Willensund ­
  Tätigkeitsentfaltung  und  jeder  Erkenntnis  überhaupt. ­
  Darum  treibt  uns  oft  genug  im  Leben  das
Bedürfnis  zur  Erkenntnis  des  Nützlichen  und  Schädlichen, ­
  des  Guten  und  Bösen.  Darin  liegt  eben  die
große  Bedeutung  des  Bedürfens  und  des  Leidens,  daß
erst  durch  diese  unser  Willens-  und  Erkenntnisvermögen
angeregt,  höhere  Daseinsformen  hervorgebracht  werden.
Denn  die  höhere  Daseinsform  verwirklichen  ist  nichts
anderes,  als  das  Gleichgewicht  zwischen  den  inneren
Kräften  des  seelischen  Lebens,  welche  sich  als  Wünsche
und  Bedürfnisse  äußern,  und  der  Konstellation  der  umgebenden ­
  Natur  wiederherstellen.
Nur  auf  Grund  dieser  Gedanken  werden  die  Worte
Spinozas  verständlich:  „Die  Erkenntnis  des  Guten  und
Schlechten  ist  nichts  anderes  als  der  Affekt  der  Lust
oder  Unlust,  sofern  wir  uns  derselben  bewußt  sind.“
(Ethik,  IV.  Teil.)  Aus  diesen  Worten  erhellt,  daß  das
Gute  das  im  eminenten,  im  tiefsten  Sinne  des  Wortes
Lustaffekt  Erzeugende  ist,  das  mit  den  Lebensinteressen
des  Individuums  und  des  Menschengeschlechts  direkt
oder  indirekt  verknüpft  ist,  das  oft  nicht  erkannt  und
        <pb n="21" />
        22

r

verkannt  wird,  aber  darum  seiner  Eigenschaft  als  lebensfähig, ­
  lebenserhaltend  und  lebensfördernd  nicht  im  geringsten ­
  verlustig  geht.
Kant  unterscheidet  trefflicherweise  zwei  Arten  des
Begriffs  „Gut“  als  den  Inbegriff  dessen,  was  uns  durch
die  Vernunft  gefällt:  das  Gute  an  sich  oder  der  kategorische ­
  Imperativ,  was  für  sich  selbst  gefällt,  und  das
Gute  wozu,  das  uns  als  Mittel  gefällt,  als  Mittel  zu
einem  Zweck,  zu  einem  anderen  Guten,  das  in  letzter
Instanz  vom  Guten  an  sich  ausgeht,  wie  die  Lichtradien
der  Sonne  vom  Lichtkern  der  Sonne  ausgehen;  denn  das
Gute  wozu  ist  eine  hinaufführende  Stufe  zum  höchsten
Gute,  zum  Guten  an  sich  auf  der  Stufenleiter  der
Menschheitsentwicklung.
Das  Gute  wozu  oder  das  Gute  als  Mittel  zum
Zweck  ist  das  Nützliche.  Das  Nützliche  ist  ein  Mittel,
wodurch  unser  Leben  erhalten  bleibt  und  sich  zu  einer
höheren  Ordnung  entfalten  kann.  Es  kann  für  uns  oft
unerforscht,  unerkannt,  unbewußt,  gleichsam  unter  der
Schwelle  des  Bewußtseins  bleiben,  das  ändert  aber  nichts
an  seiner  Qualität  als  Nützlichkeit.  Durch  den  Fortschritt ­
  der  Erkenntnis  steigt  es  aber  in  das  Bewußtsein
hinauf,  wird  in  den  Tätigkeitsbereich  des  Willens  aufgenommen ­
  und  wird  zu  einer  Lebensrealität  darum,
weil  es  Lebensnotwendigkeit  ist;  denn  jede  Form  des
Lebens  hat  gewisse  Mittel,  die  es  voraussetzt,  weil  es
durch  diese  Mittel  erhalten  und  gesteigert  (gefördert)
wird  und  umgekehrt,  gewisse  Dinge  haben  die  Eigenschaft ­
  von  lebenserhaltenden  Mitteln  nur  unter  bestimmten
Verhältnissen  des  Daseins  und  steigen  erst  dann  in  die
Kategorie  der  Nützlichkeit  oder  Notwendigkeit  auf.
Qie  erkannte  Eigenschaft  eines  Dinges  als  Mittel
für  eine  konkrete  Lebensgestaltung  (in  diesem  Falle
braucht  das  Ding  nicht  nützlich  zu  sein)  oder  eine
Lebensförderung  und  Lebensentwicklung  (in  diesem
        <pb n="22" />
        23

Fall  ist  das  Ding  nützlich)  heißt  Brauchbarkeit.  Die
Brauchbarkeit  ist  noch  die  allgemeine,  abstrakte,  nebulöse ­
  Erkenntnis,  daß  ein  Ding  für  eine  Bedürfnisbefriedigung ­
  tauglich  oder  brauchbar  ist.  Die  Brauchbarkeit ­
  eines  Dinges  setzt  noch  nicht  dessen  Begehr
voraus;  das  Begehren  einem  Dinge  gegenüber  entstellt
erst  dann,  wenn  seine  Gewinnung  eine  Kraftausgabe
oder  wirtschaftliche  Tätigkeit  erfordert.  Erst  durch
das  Vorhandensein  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  wird
ein  Ding  zu  einem  wirtschaftlichem  Gute  gestempelt.
Das  Messen  der  Befriedigung  vieler  Bedürfnisse  seitens
eines  Gutes  oder  eines  Bedürfnisses  seitens  vieler
Güter,  dieses  wirtschaftliche  Wählen  und  Wägen  ergibt
den  konkreten  Gebrauchswert  der  Dinge.  Der  Gebrauchswert ­
  ist  also  die  ins  Konkrete  und  Individuelle ­
  der  Wirtschaft  übersetzte  allgemeine  Brauchbarkeit ­
  eines  Dinges.  Wie  nicht  jede  Brauchbarkeit  eine
Nützlichkeit  einschließt,  so  ist  auch  der  Gebrauchswert
eines  Dinges  nicht  immer  mit  einem  Nutzen  verbunden.
Wenn  der  wirtschaftliche  Nutzen  aber  vorliegt,  und  wenn
der  Nutzen  eines  Dinges  in  Beziehung  zur  gelieferten
Befriedigung  gesetzt  wird,  wobei  auch  ein  Vergleich  zu
eventuellen  Ersatzgütern  eingeschlossen  ist,  wird  der
Nutzwert  des  Gutes  erkannt.
Somit  sehen  wir,  daß  eine  Reihe  von  Erkenntnisprozessen ­
  und  Bewußtseinsinhalten  den  oft  sehr  langen
Übergang  von  einem  uns  indifferenten  Gegenstände  zu
einem  durch  seinen  unmittelbaren  oder  mittelbaren
Gebrauchswert  (oder  in  Beziehung  auf  eine  Nützlichkeit
Nutzwert)  für  uns  bedeutsamen  Gegenstände  vermitteln.
All  dies  sind  innere  Bewußtseins-,  Erkenntnis-,  und
Willensvorgänge,  die  mit  der  ganzen  Entwicklung  von
äußerer  und  innerer  Kultur  (Technik  und  Psychik)  der
Menschen  Zusammenhängen;  all  dies  sind  Prozesse,  die
den  Menschen  mit  den  Gegenständen  der  äußeren  Welt
        <pb n="23" />
        24

in  Berührung,  in  Beziehung,  in  Willensaktion  setzen,
deren  Ursachen  in  den  psychischen  Eigenschaften  des
Menschen,  nicht  in  der  physischen  Beschaffenheit  der
Dinge  liegen.  „Der  Wert  ist  nicht  eine  Qualität  der
Sache,  sondern  ihr  Status,  in  dem  sie  infolge  des  Bedürfnisses ­
  nach  ihrer  objektiven  Geeignetschaftheit  gesetzt ­
  ist.  „Sache  von  Wert“  ist  daher  ein  engerer  Begriff ­
  als  Sache  von  Brauchbarkeit.“ 1 )  So  erscheint  nur
der  Gebrauchswert  eines  begrenzt  vorhandenen  Gegenstandes ­
  oder  Lebensverhältnisses  als  das  einzige  Objekt
und  Motiv  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit,  des  ökonomischen ­
  Wollens,  Begehrens  und  Handelns.
Und  diese  Motive  des  Wirtschaftens  sind  mit
Motiven  des  ganzen  seelischen  Lebens  und  des  ethischen ­
  Empfindens  eng  verbunden.  Denn  alle  Motive
des  Begehrens  entspringen  aus  den  Tiefen  der  Seele,
aus  dem  Wesenswillen  des  Subjekts,  wie  Schopenhauer ­
  sagt.  Schopenhauer  hat  diese  Wechselwirkung ­
  zwischen  dem  Äußerlichen  des  Handelns  und
dem  Innersten  der  Seele  in  den  genialen  Worten  ausgedrückt: ­
  „Die  Motivation  ist  die  Kausalität  von  innen
angesehen.“ *  2 )  Dieser  großartige  Gedanke,  daß  jedes
Stück  der  konkreten  Willensäußerung,  des  Empfindens
und  Begehrens,  der  Bedürfnisse  mit  dem  Innersten  der
menschlichen  Persönlichkeit,  ihren  Wertgefüblen  und
Zweckreihen,  ihrem  Urwillen  und  ihrem  Grundwesen
zusammenhängt,  ist  vor  allem  in  der  Wertlehre,  in  der
Analyse  der  wirtschaftlichen  Bedürfnisse  und  Wertgefühle ­
  nicht  aus  den  Augen  zu  verlieren.
Wie  oben  schon  gezeigt,  heißen  die  Gefühle,  die
entstehen,  wenn  gewisse  wirtschaftlich  zu  erwerbende
')  Rodbertus,  Zur  Erkenntnis  unserer  staatswirtsch.  Zustände,
1842,  S.  3.
2 )  Arth.  Schopenhauer,  Die  vierfache  Wurzel  des  Satzes
vom  zureichenden  Grunde,  §  43.
        <pb n="24" />
        25

Güter,  die  für  den  Bestand  und  für  die  Fortentwickelung
gewisser  Formen  des  Lebens  notwendig  sind,  ermangeln,
wirtschaftliche  Bedürfnisse.  Je  nachdem  die  ermangelnden ­
  Güter  näher  oder  weiter  den  bestimmten  Lebensformen ­
  stehen,  entstehen  verschiedene  Arten  und  Grade
der  Bedürfnisse.  In  der  Unterscheidung  und  Abgrenzung
der  Bedürfnisarten  und  Bedürfnisgrade,  was  in  der
Wertlehre  von  grundlegender  Bedeutung  ist,  haben
A.  Schäffle  und  A.  Wagner  eine  Einteilung  durchgeführt, ­
  welche  auch  für  die  Lösung  praktischer  Fragen
der  Finanzpolitik  und  der  Steuergesetzgebung  des  Staates
von  entscheidender  Wichtigkeit  ist.  [Darüber  folgen
nähere  Ausführungen  im  vierten  Kapitel.]  Dies  ist  die
Unterscheidung  zwischen  primären  oder  Existenzbedürfnissen ­
  und  sekundären  oder  Kulturbedürfnissen 1 ).
Die  primären  Bedürfnisse  sind  bei  allen  Menschen
fast  gleich;  sie  entspringen  aus  den  Grundbedingungen
für  die  Existenz  des  menschlichen  Wesens;  ihre  Befriedigung ­
  muß  zunächst  erfolgen;  obwohl  sie  der  Menge
von  Anstrengung  nach,  die  sie  beanspruchen,  im  allgemeinen ­
  nicht  der  primäre  Zweck  der  wirtschaftlichen
Tätigkeit  sind.  Die  Existenzbedürfnisse  des  Menschen
fallen  unter  das  Gesetz  der  Homogeneität;  denn  sie  sind
bei  allen  Menschen  fast  gleich  groß,  oft  auch  gleichartig,
z.  B.  elementares  Nahrungsbedürfnis,  Brotquantum.
Die  Kulturbedürfnisse  dagegen  sind  mehr  individueller ­
  Natur,  nach  Kulturgrad,  .  Bildungsstufe  und  wirtschaftlicher ­
  Kaufkraft  von  Individuum  und  Gesellschaftsklassen ­
  verschieden.  Sie  fallen  deshalb  unter  das  Prinzip
der  Spezifikation,  wie  Schopenhauer  einmal  sagt 2 ).
Diese  Einteilung  der  Bedürfniskategorien  hindert  es
nicht,  daß  gewisse  Bedürfnisarten  aus  der  einen  Kate! ­
 )  A.  Wagner,  Grundlegung,  I,  1.  Teil,  S.  96.
2 )  Arth.  Schopenhauer,  Die  vierfache  Wurzel  des  Satzes
vom  zureichenden  Grunde,  §  1.
        <pb n="25" />
        26

gorie  in  die  andere  übergehen;  nämlich  mit  der
Steigerung  des  Wohlstandes  innerhalb  einer  Gesellschaft
werden  gewisse  Kulturbedürfnisse  zu  Gemeingütern  und
Existenzbedürfnissen  der  Gemeinschaft  und  bilden  dadurch ­
  das  Unterpfand  und  die  Existenzbedingung  einer
bestimmten  Kulturstufe.
Die  Summe  der  gewöhnlich  periodisch  wiederkehrenden ­
  Bedürfnisse  nach  bestimmten  Güterarten,
die  in  ihrer  Gesamtheit  das  wirtschaftliche  Motiv  (Bedürfnisse) ­
  und  Objekt  (die  Gewinnung  der  Güter)  von
Individuum  und  Gesellschaft  (z.  B.  Staat)  bilden,  macht
den  wirtschaftlichen  Bedarf  aus.  Der  Bedarf  ist  somit
die  Einheit  von  vielen  Bedürfnissen  oder  ein  durch
seine  Allgemeinheit  oder  seine  Periodizität  und  darum
Prävention  in  der  Versorgung  gesellschaftlich  objektiviertes ­
  und  an  eine  bestimmte  Güterart  angeknüpftes
Bedürfnis.  Der  Bedarf  ist  die  psychische  Triebfeder,
und  seine  Befriedigung  ist  das  Ziel  der  wirtschaftlichen
Tätigkeit;  er  ist  zugleich  der  Spiegel  des  Kulturgrades
und  der  Kulturart  eines  Landes  oder  einer  Gesellschaft
innerhalb  des  Volkes  (z.  B.  Frugalität  oder  Luxus  bei
einer  bestimmten  Vermögens-  und  Einkommensverteilung)
„Der  Bedarf  ist  ja  die  oberste  Triebfeder  aller  Volkswirtschaft, ­
  das  Gewicht  im  Uhrwerk  des  Produktionsund ­
  Absatzprozesses,  die  Kraft,  welche  den  stofflichen
Nachschub  der  Volkswirtschaft  für  Zwecke  der  materiellen ­
  Erneuei’ung  des  sozialen  Körpers  und  aller  seiner
Anstalten  und  Elemente  bewirkt.“ 1 )
Die  Bedürfnisse  sind  gegenwärtig  oder  zukünftig;
die  ersten  werden  empfunden,  die  zweiten  —  vorempfunden ­
  ,  antizipiert.  Der  Inbegriff  der  vorempfundenen ­
  Bedürfnisse  bildet  die  wirtschaftliche  Vorsorge;
sie  ist  ein  antizipierter  Bedarf.

•  ')  A.  Schaffte,  Die  Quintessenz  des  Sozialismus,  1879,  S.  22.
        <pb n="26" />
        27

Daß  A.  Smith  die  fundamentale  Unterscheidung
zwischen  den  beiden  Kategorien  der  Bedürfnisse,  den
Existenz-  und  den  Kulturbedürfnissen  gleichsam  intuitiv
empfand,  wird  aus  verschiedenen  Stellen  seines  „Volkswohlstandes“ ­
  ersichtlich;  so  sagt  er  einmal:  „  .  .  .  daß
das  Verlangen  nach  Nahrung  hei  jedem  Menschen  durch
den  engen  Raum  des  menschlichen  Magens  begrenzt  ist,
aber  das  Verlangen  nach  Bequemlichkeiten  und  Verschönerungen ­
  der  Wohnung,  Kleidung,  des  Fuhrwerks
und  des  Hausrats  keine  Grenze  oder  sichere  Schranke
zu  haben  scheint.“ 1 )  Wo  eine  höhere  Kulturstufe  besteht, ­
  muß  die  Befriedigung  der  zweiten  Bedürfnisart,
der  Kulturbedürfnisse,  das  wichtigere  Motiv  oder  die
eigentliche  Triebfeder  des  Wirtschaftens  abgeben.  Denn
nur  da,  wo  der  Mensch  nicht  jeden  Tag  ans  Darben
und  an  das  Existenzminimum  zu  denken  braucht,  kann
er  überhaupt  eine  höhere  Lebensweise  führen.
Hieran  knüpft  der  Gedanke  vom  Grenznutzen  oder
vom  Grenzwerte  an;  er  beruht  auf  der  einfachen  und
feinen  Beobachtung,  daß  die  primären  Bedürfnisse  nicht
sehr  ausdehnbar,  aber  auch  ohne  Zerstörung  des  menschlichen ­
  Lebens  nicht  zusammenziehbar,  relativ  unelastisch
nach  unten  oder  nach  oben  sind.  Die  untere  Grenze
der  Bedürfnisbefriedigung  zur  Fristung  eines  menschlichen ­
  Lebens  nennt  man  das  Existenzminimum,  das  an
sich  eine  relative,  nach  Zeit,  Ort  und  Person  verschiedene ­
  Größe  ist.
Diese  Elastizität  der  Kulturbedürfnisse  im  Vergleich
zu  den  Existenzbedürfnissen  kann  man  mit  einem  zusammenhängenden ­
  System  von  Sprungfedern  vergleichen,
wo  die  Federn  aus  verschiedenem  Draht  gemacht  sind,
eine  aus  biegsamerem,  andere  aus  spröderem  Metall.
')  Wealth  of  nations,  zitiert  in  Ricardos  Principles,  deutsch
von  Baumstark,  2.  Aufl.  1877,  S.  357.
        <pb n="27" />
        28

Bei  gleichmäßigem  Druck  nach  unten  oder  gleich  starkem ­
  Ziehen  nach  oben  werden  in  beiden  Fällen  die
Sprungfedern,  je  nach  der  Beschaffenheit  ihres  Metalls,
besonders  in  der  Kolonne  Luxuswaren  dem  veränderten
Zustande  nachgeben;  die  anderen  werden  nachfolgen  je
nach  ihrer  Reihenfolge  nach  der  Beschaffenheit  des
Metalls,  je  nach  seiner  Elastizität  oder  Sprödigkeit.
In  unserem  Falle  wird  bei  Änderung  der  wirtschaftlichen ­
  Lage  die  Verteilung  der  werbenden  wirtschaftlichen ­
  Kraft  je  nach  der  Elastizität  der  Bedürfnisse
erfolgen:  Bei  einem  relativen  Reichtum  oder  Wohlstand ­
  werden  die  elastischeren  Kulturbedürfnisse  die
größere  Masse  der  wirtschaftlichen  Erwerbskraft  in
Anspruch  nehmen.  Diese  elementare  Tatsache  der
Elastizität  einer  Bedürfnisbefriedigung  und  der  Sprödigkeit ­
  anderer  beherrscht  das  ganze  Wirtschaftsleben,  ja
weiter  alle  menschlichen  Lebensverhältnisse  überhaupt.
Die  Theorie  vom  Grenznutzen  oder  vom  Grenzwert,
wie  Böhm-Bawerk  sie  nennen  will,  wurde  zuerst  von
Hermann  Heinrich  Gossen  (Gesetze  des  menschlichen ­
  Verkehrs,  Hamburg  1854),  dann  von  Jevons
und  Leon  Walras  (dem  Älteren)  vertreten.  Sie  knüpft
an  den  Gedanken  der  Unterschiedsempfindlichkeit
oder  der  Schwelle  des  Bewußtseins  innerhalb  des  wirtschaftlichen ­
  Lebens.  Nämlich,  wenn  ein  Gut  verschiedene ­
  Bedürfnisse  befriedigen  kann  und  wirklich  bei
einer  ausreichenden  Menge  zur  Befriedigung  verschiedener ­
  Bedürfnisse  gebraucht  wird,  dann  wird  dieses
Gut  nach  der  Bedeutung  geschätzt,  die  wir  dem  zuletzt ­
  befriedigten  letzten  Bedürfnisse  beilegen;  also,  je
mehr  die  vorhandene,  dem  Wirtschaftssubjekt  zur  Verfügung ­
  stehende  Gütermenge  steigt,  desto  niedriger
fällt  der  Wert  des  einzelnen  Güterquantums.
Jevons  spricht  in  einer  Reaktion  zu  der  damals
herrschenden  Schule  Ricardos,  die  wegen  Mangel  an
        <pb n="28" />
        29

Tiefe  des  Gedankens  dem  Lehrer  oft  verständnislos
gegenüberstand,  die  Worte  aus:  „Wiederholtes  Nachdenken ­
  und  nachhaltige  Untersuchung  haben  mich  zu
etwas  anderer  Meinung  geführt,  nämlich,  daß  der  Wert
gänzlich  vom  Nutzen  abhängt.  “  *)
Auf  der  von  Gossen  und  Je  von  s  eingeschlagenen
Bahn,  deren  Ideen  weiter  entwickelt  wurden,  bei  trefflicher ­
  Wiedergabe  des  Jevonsschen  Ausdrucks  „marginal ­
  (final)  degree  of  utility“,  den  Leon  Walras  im
Französischen  als  „intensitd  du  dernier  besoin  satisfait“
bezeichnete,  entstand  die  Theorie  vom  Grenznutzen  oder
Grenzwert,  die  am  besten  und  tiefsten  von  einer  Gruppe
vorwiegend  österreichischer  Volkswirte  entwickelt  wurde;
sie  datiert  als  solche  ihre  Existenz  direkt  oder  indirekt
seit  dem  Erscheinen  der  grundlegenden  Grundsätze  von
Karl  Menger  (Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre,
Wien  1871).
Menger  bildete  eine  tüchtige  Schule  um  sich,  die
mit  der  Zeit  unter  dem  Namen  „Schule  österreichischer
Volkswirte“  oder  „Grenzwerttheoretiker“  ihren  Einfluß
auf  die  ganze  nationalökonomische  Literatur  ausbreitete.
Menger  hat  die  erste  und  die  beste  Definition  über  den
Grundgedanken  der  Grenznutzentheorie  gegeben.
In  den  folgenden,  man  kann  sagen  klassischen
Worten  hat  er  den  Grundcharakter  der  Grenznutzentheorie ­
  bezeichnet:  „Es  sind  demnach  in  jedem  konkreten ­
  Falle  von  der  Verfügung  über  eine  bestimmte
Teilquantität  der  einer  wirtschaftenden  Person  verfüg--

  *)  W.  S.  Jevons,  The  theory  of  polit.  Economy,  1871,  p.  2:
„Reapeted  reflection  and  inquiry  have  led  me  the  somewhat  novel
opinion,  that  value  depends  entirely  upon  utility“;  p.  156:  „utility
and  scarcity  as  the  requisities,  the  two  clearest  Statements  of  the
nature  of  value“.  Nützlichkeit  und  Seltenheit,  sagt  der  beste  Theoretiker ­
  der  Grenznutzen  theorie;  dies  ist  bei  der  Analyse  von  Ricardos
Werttheorie  vor  Augen  zu  halten!
        <pb n="29" />
        30

baren  Gütermenge  nur  jene  der  durch  die  Gesamtquantität ­
  noch  gesicherten  Bedürfnisbefriedigungen  abhängig, ­
  welche  für  diese  Person  die  geringste  Bedeutung
unter  diesen  letztem  haben,  und  der  Wert  einer  Teilquantität ­
  ist  für  jene  Person  demnach  gleich  der  Bedeutung, ­
  welche  die  am  wenigsten  wichtige  der  durch
die  Gesamtquantität  noch  gesicherten  und  mit  einer
gleichen  Teilquantität  herbeizuführenden  Bedürfnisbefriedigungen ­
  für  sie  haben 1 ).
Die  Grenznutzentheorie  ist  eine  Reaktion  gegen  die
ältere  politische  Ökonomie,  die  vornehmlich  die  Massentauschvorgänge ­
  auf  dem  Markte  betrachtete,  die  in  ihren
epigonenhaften  Entartungen  die  Volkswirtschaft  als  einen
Mechanismus  ansah,  den  sie  durch  einfache  Formeln,
durch  sogen,  „wirtschaftliche  Gesetze“  bemeistern  wollte
(z.  B.  die  Currency-Schule:  eine  treffliche  Kritik  über
„das  Curreney-Principle  und  die  englische  Bankgesetzgebung“ ­
  vergl.  Marx,.  Das  Kapital,  III.  Bd.,  2.  Teil,
34.  Kapitel).
Die  Grenznutzenlehre  hat  einen  individualpsychologischen, ­
  demokratischen,  ja  humanen  Zug;  sie  betrachtet ­
  das  Individuum  einzeln  und  konkret,  die  Intensität ­
  seiner  wirtschaftlichen  Bedürfnisse  und  Unterschiedsempfindungen ­
  zu  ergründen  und  es  demgemäß  in  richtige ­
  Beziehung  zur  Gesamtheit  (z.  B.  in  der  Steuerleistung) ­
  zu  stellen.  Die  Ideengänge  und  vielfach  die
Anregungen  der  Grenzwerttheoretiker  wurzeln  in  den
Ideenbildungen  der  modernen  Psychophysik 2 ),  die  das
Empfindungsleben  des  Individuums  zum  wissenschaftlichen ­
  Objekt  des  Experiments  machte,  denn  sie  wurzelt
schließlich  in  Kants  „Idee“:  „die  Qualität  der  Emp') ­

  Menger,  Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre,  1871,
S.  98—99,  überhaupt  instruktiv  Kapitel  III—VI.
2 )  Vergl.  A.  Wagner,  Grundlegung  I,  1,  S.  73—83.
        <pb n="30" />
        31

findung  ist  jederzeit  bloß  empirisch,  und  kann  a  priori
gar  nicht  vorgestellt  werden“ 1 )  (z.  B.  Farben,  Geschmack,
wirtschaftliche  Nutzenempfindung  etc.).
Indem  die  moderne  Psychologie,  von  Herbart,
Weber,  Feehner  an,  die  interessanten  Phänomene  der
Empfindungsqualitäten  und  Unterschiedsempfindlichkeit
der  Reizschwellen  und  Bewußtseinsgrade  zu  untersuchen
begann,  wo  der  Hauptzweck  darin  besteht,  die  Oberund ­
  Unterschwellen  zu  bestimmen,  innerhalb  welcher
unsere  Empfindung  und  Selbstbeobachtung  die  verschiedenen ­
  Grade  der  Reize  unterscheiden  und  annähernd
bemessen  kann,  kam  sie  zu  vielfach  epochemachenden
Ergebnissen  und  Errungenschaften,  welche  die  Psychophysik
  als  Wissenschaft  erst  möglich  machten.
Es  gibt  Ideengänge  in  einem  Zeitalter,  die  sich  in
allen  Wissenschaften  während  dieser  Epoche  mehr  oder
weniger  wiederspiegeln  und  sich  als  neue,  lichtbringende
Gesichtspunkte  geltend  machen.  Zum  Verständnis  der
schließlichen  geistigen  Wurzel  der  Grenznutzentheorie
ist  nur  darauf  hinzuweisen,  wie  ähnlich,  wahlverwandt
der  Gedanke  von  der  psychophysischen  Unterschiedsempfindlichkeit ­
  mit  dem  von  der  wirtschaftlichen  Nutzempfindung ­
  bei  verschiedenen  ökonomischen  Begehrsreizen ­
  und  Befriedigungsquanten  ist.
Auch  die  Nationalökonomie,  die  Wissenschaft  von
der  Rastlosigkeit  in  der  Entwickelung  von  Gesellschaft
und  Staat,  kann  und  muß  am  wenigsten  vor  den  Einflüssen ­
  der  Zeit,  der  geistigen  Atmosphäre  der  Geschichtsepoche ­
  bewahrt  bleiben.  Eine  solche  Verschließung
würde  sie  auch  als  lebendige  Wissenschaft  ertöten.
Durch  diese  Hinweise  auf  die  Einflüsse  der  geistigen
Strömungen  der  Zeit  kann  das  wirkliche  Verdienst  der
Grenznutzentheoretiker  durchaus  nicht  geschmälert  wer') ­

  Kant,  Kritik  der  reinen  Vernunft,  Ausg.  Adickes,  S.  200.
        <pb n="31" />
        den.  Ihnen  gebührt  die  Ehre,  daß  sie  eine  vielfache
Anregung  und  Ausführung  der  Wert-  und  Preistheorie
gegeben,  die  Zelle  des  sozialen  Körpers,  das  Individuum,
nach  Gebühr  unter  das  Mikroskop  der  Wissenschaft  gestellt ­
  haben.
Was  hier  aber  besonders  in  Betracht  kommt,  ist
die  Frage,  ob  die  besten  Vertreter  der  klassischen
Nationalökonomie  das  subjektive  Bildungselement  in
dem  Werturteile  gar  nicht  gekannt  oder  nur  nicht  ausgeführt ­
  haben,  ob  der  Gedanke  vom  Grenznutzen  eine
so  neue  „epochemachende  Entdeckung“  ist,  und  vor
allem,  ob  Ricardo  diese  sonst  leicht  in  die  Augen
springende  Tatsache  bei  seinem  Scharfsinn  und  seiner
Gedankentiefe  übersehen  haben  sollte.  Wobei  aber,
um  zu  wiederholen,  das  Verdienst  der  Grenznutzentheorie
in  der  Hervorhebung  und  wissenschaftlichen  Formulierung ­
  des  Grenznutzengedankens  nicht  im  mindesten
bestritten  wird.
Zuerst  ist  den  Physiokraten  die  Tatsache  nicht  unbekannt ­
  gewesen,  daß  die  Einbeziehung  der  Dinge  in
die  Sphäre  der  wirtschaftlichen  Werte  und  in  die  Zweckreihe ­
  des  wirtschaftlichen  Handelns  unbedingt  die  Prädikate ­
  der  Brauchbarkeit  und  Seltenheit  voraussetze 1 ).
So  spricht  sich  Turgot,  oft  von  den  Grenznutzentheoretikern ­
  als  Vater  der  Doktrin  zitiert,  in  seinen,
anno  1766  erschienenen  „Betrachtungen  über  die  Bildung
und  Verteilung  der  Reichtümer“' 2 )  folgendermaßen  aus:
„Sobald  man  jeden  Tauschakt  einzeln  und  gesondert ­
  betrachtet,  ohne  Einwirkungen  seitens  Dritter  Konkurrierender“ ­
  —  dieser  Gedanke  ist  wert  auch  seitens
*)  Vergl.  ohen  die  Anmerkung  zu  Jevons,  auch  seine  Grundideen: ­
  utility  und  scarcity.  Und  sie  sind  es  auch  bei  allen  anderen
Grenznutzentheoretikern.
2 )  Turgot,  Reflexions  sur  la  fondation  et  la  distribution  des
richesses,  ed.  Eugen  Daire,  1844,  §  XXXIII.
        <pb n="32" />
        33

der  Grenznutzentheoretiker  durchgedacht  zu  werden,
denn  ihre  Theorie  beruht  vorwiegend  auf  dieser  Vor-  /
aussetzung  —  „hat  der  Wert  jedes  der  ausgetauschten
Dinge  keinen  anderen  Maßstab  zur  Messung  als  den
Wunsch  und  die  Mittel  der  Handelnden,  gegenseitig  balanciert, ­
  und  ist  festgesetzt  nur  durch  die  Übereinstimmung ­
  ihres  Willens  (par  l’accord  de  leur  volonte)“.
Über  den  Wert  überhaupt  sagt  er:  „Das  Wort
Wert  drückt  diese  relative  Güte  (Brauchbarkeit)  aus,
in  bezug  auf  unsere  Wünsche,  wodurch  die  Güter  und
Gaben  der  Natur  als  geeignet  für  unsere  Freude  und
für  die  Befriedigung  unserer  Wünsche  erachtet  werden“  ..
„Bevor  überhaupt  irgend  ein  Tausch  existiert,  ist  die
Seltenheit  eines  der  Elemente  der  Wertschätzung.“
Zehn  Jahre  später,  1776,  sprach  der  Philosoph  des
Sensualismus  und  einer  der  Väter  der  Psychologie,
Condillac,  die  lapidaren  und  trefflichen  Worte  aus,  die
man  auch  heutzutage  für  unsere  Wissenschaft  verwerten
kann;  indem  er  zuerst,  ähnlich  wie  Turgot,  als  wertbestimmende ­
  Elemente  die  Nützlichkeit  (Futilite)  und
die  Seltenheit  (la  rarete)  hervorgehoben  hat,  führt  er
folgendes  über  die  Subjektivität  der  Werte  aus:  „Es
ist  doch  vorwiegend  das  Urteil,  das  wir  von  den  Dingen
haben,  worauf  der  Wert  mehr  oder  weniger  begründet
ist“').  „Sobald  wir  für  eine  Sache  Bedürfnis  empfinden,
hat  sie  einen  Wert;  und  nur  durch  diesen  Umstand
erhält  sie  einen  Wert,  bevor  von  einem  Tausch  eine
Rede  ist.“  Und  noch  trefflicher,  aphoristischer:  „Unsere
Bedürfnisse  geben  den  Dingen  einen  Wert,  unser  Tausch
gibt  ihnen  einen  Preis“  (Nos  besoins  donnent  la  valeur,
nos  echanges  donnent  le  prix).

‘)  Etienne  Bonnot  de  Condillac,  Le  commerce  et  le  gouvernement
  consideres  l’un  a  l’autre,  Amsterdam  (1776),  ed.  Daire,  1844,
p.  252,  257.
K.

3
        <pb n="33" />
        34

Auch  David  Hume,  der  große  Philosoph,  Zeitgenosse ­
  und  Freund  der  französischen  Physiokraten,
Enzyklopädisten  und  Sensualisten,  der  „erste  Chorführer
des  goldenen  Zeitalters  der  klassischen  volkswirtschaftlichen ­
  Literatur  der  Engländer“  (Roscher,  Geschichte
der  englischen  Volkswirtschaft)  gibt  tüchtige  Ansichten,
den  physiokratischen  nahe  stehend,  über  die  Wertbildung
kund:  „Jedes  Ding  in  der  Welt  wird  durch  Arbeit  erlangt, ­
  und  unsere  Begierden  sind  die  einzige  Ursache
der  Arbeit“  (Every  thing  in  the  world  is  purchased  by
labour  and  our  passions  are  the  only  causes  of  labour) 1 )
—  wie  ähnlich  mit  den  später  zu  entwickelnden  Grundideen ­
  Ricardos!  —  Dann  über  den  wichtigen,  schon
hervorgehobenen  Punkt,  daß  die  Wertqualität  der  Dinge
in  der  Beschaffenheit  unseres  Geistes  ihre  Ursache  habe,
d.  h.  daß  die  Wertgebung  die  Dinge  nur  in  einen  neuen
psychischen  Status  für  uns  erhebe,  sagt  er  richtige  und
schöne  Worte:  „Wir  haben  schon  untersucht,  daß  keine
Objekte  an  sich  wünschenswert  oder  abscheulich,  wert
oder  verächtlich  sind;  sondern,  daß  die  Dinge  diese  ihre
Qualitäten  von  dem  besonderen  Charakter  und  der  Beschaffenheit ­
  des  Geistes  ableiten,  der  sie  schätzt.“ 2 )
Der  gute  Adam  Smith  bleibt  auch  nicht  blind
dieser  psychologischen  Grundtatsache  in  der  Wertlehre
gegenüber.  In  seiner  feinen  Kasuistik,  die  immer
auf  dem  Boden  des  Realen  bleibt  und  sich  keiner
„Probierbengel“  zur  gezwungenen  Veranschaulichung
gepreßter  Wahrheiten  bedient,  aber  trotzdem  niemals

*)  D.  Hume,  Essays,  moral,  political  and  literary;  of  commerce, ­
  p.  154.
2 )  Essays,  The  sceptic,  p.  101.  Ein  psychologisch  in  letzter
Instanz  richtiger  Gedanke,  soweit  es  sich  um  die  Ursache  der  Wertgebung ­
  handelt;  cum  grano  salis  aber  zu  nehmen  in  dem  Sinne,
daß  die  Schwierigkeit  der  Erlangung  als  modifizierend  die  Höhe
der  Wertgebung  mitbestimmt.  Darüber  aber  später.
        <pb n="34" />
        35

die  großen  Züge  in  der  Entwickelung  des  menschlichen
Geistes  aus  den  Augen  verliert,  gelegentlich  der  Untersuchung ­
  der  schädlichen  materiellen  und  moralischen
Wirkungen  der  merkantilen  Prohibitionen  und  Zölle
sagt  er  die  folgenden  Worte,  die  aus  einer  tiefen  Beobachtung ­
  stammen:  „Es  verdient  bemerkt  zu  werden,
was  die  Erfahrung  uns  lehrt,  daß  die  Billigkeit  des
Weines  keine  Ursache  des  unmäßigen,  sondern  des
mäßigen  Weingenusses  zu  sein  scheint.  Die  Einwohner
der  weinbauenden  Länder  scheinen  im  allgemeinen  die
Enthaltsamsten  zu  sein.  Die  Leute  sind  selten  übermäßig ­
  in  dem,  was  ihre  tägliche  Kost  bildet  .  .
Die  letzten  Worte  brauchen  nur  die  Analyse  und
die  Formulierung  eines  scharfsinnigen  Kopfes,  eines
Jevons,  Menger  oder  Böhm-Bawerk,  und  die  Grenznutzentheorie ­
  ist  da;  sie  ist  hier  latent,  in  nuce  enthalten, ­
  also  eine  so  epochemachende  Entdeckung  ist  sie
trotz  der  anerkannten  Verdienste  ihrer  scharfsinnigen
Fortbildner  doch  noch  nicht.
Und  sollte  nun  vielleicht  Ricardo  diese  Aussprüche
auch  bei  A.  Smith  nicht  beachtet  und  gekannt,  die
Bedeutung  des  darin  enthaltenen  Gedankens  nicht  geahnt ­
  haben,  Ricardo,  der  so  viele  wirtschaftliche  und
soziale  Phänomene  gerade  mit  einem  Seherauge  durchschaut ­
  hat?  Eine  ungerechte  Zumutung,  die  nur  aus
einem  Mißverständnis  der  gehackten  Sätze  Ricardos
entstehen  kann.
Die  Ursache,  warum  Ricardo  die  sonst  elementaren
und  einleuchtenden  Phänomene  der  subjektiven  Nutzenabschätzungen ­
  nicht  etwas  eingehender  behandelt  hat,
ist  wohl  darin  zu  suchen,  daß  er  kein  gewandter  Kasuistiker,
  kein  ins  Subjektive  eingehender,  plastisch  dar') ­

  A.  Smith,  Wealth  of  nations,  ed.  Mc.  Culloch,  IVbook
3&amp;lt;J  Ch.,  p.  384.
        <pb n="35" />
        36

stellender  Essayist,  sondern  ein  Mann  unkünstlerischer,
aber  sinnvoller  G-edankenkonstruktion  war,  daß  er  in
seinem  schweren,  lapidaren  Stil  nur  das  rein  Wirtschaftliche ­
  behandeln  und,  der  etwas  dogmatischen  Zeitströmung ­
  entsprechend,  auf  psychologische  Nebengebiete
sich  nicht  einlassen  wollte.  (Er  hatte  auch  nicht  die
nötige  Vorbildung  und  Zeit  dazu.)  In  seinem  richtigen
Instinkte  suchte  er  den  archimedischen  Punkt  in  der
Wertbildung  innerhalb  des  gesellschaftlichen  Güteraustausches, ­
  des  wechselwirkenden  Zusammenlebens  der
Menschen.  Denn,  wenn  der  Wert  von  einer  Persönlichkeit ­
  ausgeht,  nur  ihre  subjektiven  Lebensforderungen
und  Willenstriebe  darstellt,  ohne  von  einer  anderen,  objektiveren ­
  oder  weniger  subjektiven  Kraft  festgehalten,
modifiziert  und  reguliert  zu  werden,  dann  ist  er  eine
rein  subjektive  und  relative,  inkommensurable  Größe,
dann  erscheint  der  Wertbegriff  in  seiner  rein  individuellen ­
  Proteus-Gestalt,  als  Wertgefühl  unfaßbar  und  unmeßbar. ­

Schopenhauer  hat  einmal  die  Versuche  präjudiziert,
  diesen  rein  subjektiven  Wert,  das  Wertgefühl  in
den  Tiefen  der  Seele,  in  Zahlentabellen  auszudrücken  und
zu  vergleichen:
.  „Die  Berechnung  des  Wertes  ist  eine  Rechnung
mit  Motiven,  keine  Rechnung  mit  Zahlen,  denn  dem
Werte  liegt  der  Grund  der  Motivation,  nicht  der  Seinsgrund ­
  unter 1 ).“  Dies  will  heißen:  Der  subjektive  Wert
ist  keine  feste  Größe,  kein  Sein,  er  ist  eine  schwankende
Motivation,  die  aus  einem  konkreten  Zustand  der  Seele
oder  aus  einem  konkreten  Verhältnis  zur  äußeren  physischen ­
  Welt  (hier  kommen  die  technisch-ökonomischen

*)  Schopenhauer,  Die  vierfache  Wurzel  des  Satzes  .  .  .,  von
Lindwurm  zitiert  in  der  Theorie  des  Wertes,  Hildebr.  Jahrb.  1865,
IV  Bd.,  S.  199.
        <pb n="36" />
        41

Die  Ursache  zu  ergründen,  die  den  gesellschaftlichen ­
  Tauschwert  bildet  und  dadurch  die  subjektiven
Nutzenwertschätzungen  beeinflußt,  ist  die  eminent  gelöste ­
  Aufgabe  der  Ricardo  sehen  „Principles“.  Die
Analyse  dieser  Ricardo  sehen  Lösung  und  ihrer  Bedeutung ­
  für  die  nationalökonomische  Wissenschaft  und
die  Wirtschaftspolitik  des  Staates  ist  das  Ziel  der  folgenden ­
  Kapitel.  Dadurch  verlassen  wir  aber  den  Boden
der  subjektiven,  individuellen  Nutzenempfindungen  und
gehen  in  das  Gebiet  der  einheitlichen  ökonomisch-technischen ­
  Phänomene  der  gesellschaftlichen  Wertbildung
über.
        <pb n="37" />
        Ich  nehme  hier  die  Gelegenheit  wahr,  meinem
hochverehrten  Lehrer  und  Meister,  Herrn  Geheimrat
Professor  Dr.  Adolf  Wagner,  dessen  theoretischer
Anregung  diese  Arbeit  ihre  Existenz  verdankt,  meinen
aufrichtigen  Dank  auszusprechen.  Auch  Herrn  Professor
Dr.  Gustav  Schmoller,  dem  ich  ebenso  eine  fruchtbare ­
  Anregung  auf  dem  Gebiete  des  historisch-evolutionistischen
  Denkens  und  sozialethischen  Empfindens
verdanke,  sage  ich  meinen  herzlichsten  Dank.
        <pb n="38" />
        Lebenslauf,

Ich,  Dimitri  Kalinoff,  wurde  am  2.  Dezember  1884  zu
Leskowetz  in  Bulgarien  als  Sohn  des  .  Gymnasialprofessors
Gantscho  Kalinoff  und  dessen  Ehefrau  Neda  geh.  Popoff
geboren.  Ich  bin  griechisch-katholischer  Konfession.
Meine  ‘Vorbildung-  erhielt  ich  auf  dem  Gymnasium  zu
Gabrowo,  dem  Progymnasium  zu  Sewliewo  und  dem  staatlichen ­
  Gymnasium  zu  Sofia,  das  ich  Juli  1901  mit  dem  Zeugnis
der  Reife  verließ,  um  mich  dem  Studium  der  Rechts-  und
Staatswissenschaften  zu  widmen.  Zunächst  studierte  ich
2  Semester  auf  der  bulgarischen  Universität  zu  Sofia.
Michaelis  1902  wurde  ich  an  der  Universität  München  immatrikuliert ­
  und  studierte  dort  2  Semester  Nationalökonomie.
Michaelis  1903  wurde  ich  an  der  Berliner  Universität  immatrikuliert ­
  und  studierte  hier  6  Semester  Nationalökonomie,  Staatsund ­
  Völkerrecht,  Geschichte,  Philosophie.  Die  Promotionsprüfung ­
  bestand  ich  am  21.  Juni  1906.
Ich  besuchte  die  Vorlesungen  und  Übungen  folgender
Herren  Professoren  und  Dozenten:
In  München:  Brentano,  Lotz,  Georg  v.  Mayr,  Sinzheimer.
In  Berlin:  v.  Bortkiewicz,  Brunner,  Delbrück,  Gierke,
von  Halle,  Harsley,  Helm,  Hintze,  Hübler,  Jastrow,  Kaufmann,
Kipp,  Liszt,  v.  Martitz,  Paulsen,  Riehl,  Schäfer,  Erich  Schmidt,
Schmoller,  Schollmeyer,  Sering,  Simmel,  Thomas,  Wagner,
Wilbrandt.
Allen  meinen  hochverehrten  Lehrern  sage  ich  meinen
aufrichtigen  Dank.
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—  35  —
ilie  großen  Züge  in  der  Entwickelung  des  menschlichen
;  Jeistes  aus  den  Augen  verliert,  gelegentlich  der  Unter-;
  juchung  der  schädlichen  materiellen  und  moralischen
■  Wirkungen  der  merkantilen  Prohibitionen  und  Zölle
agt  er  die  folgenden  Worte,  die  aus  einer  tiefen  Beobich ­
  tung  stammen:  „Es  verdient  bemerkt  zu  werden,
vas  die  Erfahrung  uns  lehrt,  daß  die  Billigkeit  des
deines  keine  Ursache  des  unmäßigen,  sondern  des
näßigen  Weingenusses  zu  sein  scheint.  Die  Einwohner
ler  weinbauenden  Länder  scheinen  im  allgemeinen  die
Enthaltsamsten  zu  sein.  Die  Leute  sind  selten  übernäßig
  in  dem,  was  ihre  tägliche  Kost  bildet  .  .  .“’)
Die  letzten  Worte  brauchen  nur  die  Analyse  und
lie  Formulierung  eines  scharfsinnigen  Kopfes,  eines
levons,  Menger  oder  Böhm-Bawerk,  und  die  Grenzhutzentheorie ­
  ist  da;  sie  ist  hier  latent,  in  nuce  entgalten, ­
  also  eine  so  epochemachende  Entdeckung  ist  sie
irotz  der  anerkannten  Verdienste  ihrer  scharfsinnigen
Fortbildner  doch  noch  nicht.
Und  sollte  nun  vielleicht  Ricardo  diese  Aussprüche
:  luch  bei  A.  Smith  nicht  beachtet  und  gekannt,  die
Bedeutung  des  darin  enthaltenen  Gedankens  nicht  geil ­
  mt  haben,  Ricardo,  der  so  viele  wirtschaftliche  und
»soziale  Phänomene  gerade  mit  einem  Seherauge  durchschaut ­
  hat?  Eine  ungerechte  Zumutung,  die  nur  aus
[inem  Mißverständnis  der  gehackten  Sätze  Ricardos
'  entstehen  kann.
Die  Ursache,  warum  Ricardo  die  sonst  elementaren
und  einleuchtenden  Phänomene  der  subjektiven  Nutzen-Abschätzungen
  nicht  etwas  eingehender  behandelt  hat,
ist  wohl  darin  zu  suchen,  daß  er  kein  gewandter  Kasuistiker,
  kein  ins  Subjektive  eingehender,  plastisch  dar-*)

  A.  Smith,  Wealth  of  nations,  ed.  Mc.  Culloch,  IVth  book
i-i  Cb.,  p.  384.
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
