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        <title>Die Kriegsanleihe</title>
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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Helfferich</surname>
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        </author>
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            <idno>1040704360</idno>
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        Sonderabdruck  aus  dem  „Bank-Archiv“,
Zeitschrift  für  Bank-  und  Börsenwesen.  XIV.  Jahrgang,  Nr.  1.

DIE
KRIEGSANLEIHE

Von
Dr.  KARL  HELFFERICH

Direktor  der  Deutschen  Bank
Berlin.
        <pb n="2" />
        Das  Ergebnis  der  am  19.  September  abgeschlossenen ­
  Zeichnung  auf  die  Kriegsanleihe ­
  ist  nach  amtlicher  Bekanntmachung:
„Es  sind  gezeichnet:  Reichsanleihe
3  121  001  300  M„  darunter  mit  Schuldbucheintragung ­
  und  Sperre  bis  15.  April  1915
1198  987  700  M.  Reichsschatzanweisungen ­
  1  339  727  600  Mark,  zusammen
4  460  728  900  M.  Unter  den  Zeichnungen
auf  Schatzanweisungen  befinden  sich  582,9
Millionen  Mark  Wahlzeichnungen,  deren
Zeichner  für  den  Fall  der  Ueberzeichnung
der  Schatzanweisungen  erklärt  haben,  daß
sie  bereit  seien,  sich  statt  dieser  auch
Reichsanleihe  zuteilen  zu  lassen.“
Rund  4,5  Milliarden  Mark  hat  die  Zeichnung
auf  die  deutsche  Kriegsanleihe  ergeben.
Die  in  dieser  Ziffer  umschlossene  Tatsache  ist  ein
in  der  Geschichte  der  Völker  bisher  unerhörtes  Ereignis.
Sein  Umfang  und  seine  Wucht  lassen  sich  auch  für  den
Finanzfachmann  auf  den  ersten  Blick  nicht  voll  ermessen.
Seine  Wurzeln  liegen  in  den  Tiefen  des  nationalen
Lebenswillens  unseres  Volkes.  Seine  Wirkung  greift
weit  über  das  finanzielle  Gebiet  hinüber  in  das  Bereich
des  politischen  und  militärischen  Geschehens,  das  über
das  Schicksal  unseres  Volkes  entscheidet.
Um  uns  über  die  finanzielle  Großtat  des  deutschen
Volkes  klar  zu  werden,  wollen  wir  zunächst  festhalten:
Die  4,5  Milliarden  sind  kein  eitler  Bluff,
sondern  effektives  Geld.
Dies  im  Unterschied  von  den  Zeichnungsergebnissen
der  meisten  anderen  großen  Anleihen  und  vor  allem  zu
dem  von  der  Pariser  Presse  ins  Riesenhafte  aufgeblähten
„Erfolg“  der  3 1 / 2 proz.  französischen  Rente  von  Anfang
Juli  dieses  Jahres.  805  Millionen  Franken  wurden  da ­
        <pb n="3" />
        ■

HH

4

mals  zur  Zeichnung  aufgelegt.  Wochenlang  vor  dem
Abschluß  der  Subskription  wurde  in  der  französischen
Presse  laut  verkündet,  daß  eine  gewaltige  Ueberzeicknung
gesichert  sei,  und  daß  die  Zeichner  nur  auf  die  Zuteilung
von  wenigen  Prozenten  würden  rechnen  können.  Die
beabsichtigte  Wirkung  war,  daß  jeder,  der  sich  tausend
Frank  der  neuen  Rente  sichern  wollte,  30  000,  40  00ö
oder  gar  mehr  zeichnete,  so  daß  in  der  Tat  schließlich
eine  40fache  Ueberzeichnung  herauskam.  In  Wirklichkeit ­
  war  der  Erfolg,  wie  sich  alsbald  nach  Schluß  der
Subskription  an  der  KursentWicklung  zeigte,  nur  ein.
mäßiger.  Der  Kurs  ging  bald  unter  den  Emissionskursherab.
  Nach  dem  Kriegsausbruch  erwies  es  sich  für  die
französische  Regierung  als  unmöglich,  die  noch  ausstehenden
  Einzahlungen  auf  die  Anleihe  hereinzubekommen, ­
  so  daß  voraussichtlich  nichts  übrig  bleiben  wird,,
als  die  so  erfolgreiche  37 2 proz.  Anleihe  zu  annullieren
und  die  bereits  geleisteten  Einzahlungen  auf  eine  neu
zu  emittierende  5  oder  6proz.  Kriegsanleihe  zu  verrechnen. ­

In  völligem  Gegensatz  zu  diesem  prunkenden,  aber
so  rasch  in  sich  zusammengebrochenen  Scheinerfolg  ist
das  Zeichnungsergebnis  unserer  Kriegsanleihe  echt  bis
auf  die  letzte  Mark.  Von  den  beiden  Arten  der  Kriegsanleihe ­
  war  nur  für  die  kurzfristigen  Schatzscheine  ein
fester  Betrag  vorgesehen,  und  zwar  1  Milliarde  M.;.
hierauf  sind  rund  1,34  Milliarden  M.  ernsthafter  Zeichnungen ­
  eingegangen,  bei  denen  auf  eine  möglichst  volle
Zuteilung  gerechnet  wird.  Da  sich  unter  den  Zeichnungen ­
  auf  die  Schatzscheine  rund  580  Millionen  M„
befinden,  die  alternativ  auf  Schatzscheine  oder  Anleihe
lauten,  werden  die  den  festen  Betrag  von  1  Milliarde  M.
übersteigenden  Schatzschein-Zeiehnungen  in  Stücken  der
Anleihe  befriedigt  werden.  Die  langfristige  Kriegsanleihe ­
  ist  von  vornherein  ohne  jede  Beschränkungdes
  Betrages  der  Zeichnung  aufgelegt  worden  und
jeder  Zeichner  wußte,  daß  er  auf  die  Zuteilung  desvollen ­
  gezeichneten  Betrages  zu  rechnen  hatte.
        <pb n="4" />
        5

Jeder  Zeichner  'war  und  ist  also  bereit,  für  den  von
ihm  gezeichneten  Betrag  voll  einzustehen.  Das  Reich
wird  demgemäß  in  den  von  ihm  vorgeschriebenen  Raten,
deren  letzte  am  22.  Dezember  fällig  ist,  den  vollen
'Gegenwert  der  gezeichneten  4,5  Milliarden  M.  erhalten.
Es  darf  hier  ausgesprochen  werden,  daß  der  erzielte ­
  Betrag  etwa  doppelt  so  groß  ist  wie  die
Summe,  auf  die  als  Ergebnis  der  ersten  Kriegsanleihe ­
  an  den  maßgebenden  Stellen  gerechnet
wurde.

Wer  ermessen  will,  was  der  Erfolg  der  deutschen
Kriegsanleihe  bedeutet,  werfe  einen  Blick  auf  die  größten
Anleihegeschäfte,  die  bisher  in  Friedens-  und  Kriegszeiten
•durchgeführt  worden  sind.
Weitaus  an  der  Spitze  steht  die  5  proz.  französische ­
  Anleihe  vom  Juli  1872,  die  zusammen  mit
der  Anleihe  vom  Juli  1871  zur  Abtragung  der  Kriegskosten-Entschädigung ­
  aufgenommen  wurde.  Der  Betrag
der  1872er  Anleihe  war  2400  Millionen  M.,  der  1871er
Anleihe  1600  Millionen  M.  Die  1872er  Anleihe  war
also  nicht  viel  mehr  als  halb  so  groß  wie  die  jetzt
vom  Deutschen  Reich  aufgebrachte  Summe.  Beide  Anleihen ­
  zusammen  bleiben  noch  um  rund  500  Millionen  M.
hinter  der  Summe  zurück,  die  jetzt  vom  Deutschen  Reich
in  einer  einzigen  Operation  aufgebracht  wird.
Hinter  der  großen  französischen  Finanz-Transaktion
zur  Begleichung  der  Kriegskosten-Entschädigung  stehen
alle  anderen  seither  durchgeführten  Anleihegeschäfte  weit
zurück.
An  zweiter  Stelle  kommt  die  japanische  Anleihe
von  1905  im  Gesamtbetrag  von  1640  Millionen  M.  Diese
Anleihe  stellt  jedoch  keine  einheitliche  Operation  dar.
Sie  wurde  vielmehr  in  2  Abschnitten  von  je  600  Millionen
Mark  im  März  und  Juli  1905  in  verschiedenen  Ländern
(England,  Vereinigte  Staaten,  Deutschland)  emittiert;  der
Rest  wurde  allmählich  unter  der  Hand  verkauft.
        <pb n="5" />
        §m%M

6

Es  folgt  dann  die  große  Anleihe  der  Vereinigten
Staaten  von  1900  in  Höhe  von  1290  Millionen  M.,  die
jedoch  zum  großen  Teil  gegen  ältere,  höher  verzinsliche
Anleihen  ausgegeben  wurde  und  somit  keine  neue  Inanspruchnahme ­
  des  Kapitalmarktes  bedeutete.
Fast  den  gleichen  Betrag  erreichte  die  von  England ­
  im  April  1901  —  Burenkrieg  —  emittierte  Anleihe
von  1200  Millionen  M.
Darauf  folgen  die  russischen  Anleihen  von  1906
und  1909  im  Betrage  von  je  1120  Millionen  M.
Alle  übrigen  bisher  in  der  Welt  durchgeführten  Finanzgeschäfte ­
  bleiben  unter  dem  Betrag  von  einer  Milliarde  M„
zurück.
Einigermaßen  vergleichbar  mit  der  deutschen  Kriegsanleihe ­
  ist  also  nur  die  Aufbringung  der  Kriegskosten.
Entschädigung  durch  Frankreich  nach  dem  Kriege  von
1870.  Aber  auch  diese  bisher  in  der  Weltgeschichte
weitaus  bedeutendste  Finanztransaktion  wird  durch  die
deutsche  Kriegsanleihe  nicht  nur  der  Summe  nach,  sondern ­
  noch  mehr  in  anderen  wichtigen  Beziehungen  Ubertroffen. ­

Während  die  deutsche  Kriegsanleihe  mit  einem  Mal
den  Betrag  von  4,5  Milliarden  M.  erbrachte,  hat  Frankreich ­
  die  Aufbringung  der  4  Milliarden  Kriegskosten-Entschädigung
  auf  zwei,  mit  mehr  als  Jahresfrist  aufeinander ­
  folgende  Anleihen  verteilt.  Dabei  erstreckten
sich  die  Einzahlungen  auf  die  französische  Anleihe  vom
Juni  1871  bis  in  das  Frühjahr  1872  hinein,  die  Einzahlungen ­
  auf  die  Anleihe  vom  Juli  1872  bis  in  den
Herbst  1873.  Der  Gesamtbetrag  von  4  Milliarden  Mark
bedurfte  also  zu  seiner  Aufbringung  eines  Zeitraumes
von  mehr  als  zwei  Jahren.  Für  die  Einzahlungen  auf
unsere  Kriegsanleihe  dagegen  war  nur  ein  Zeitraum  von
zwei  Monaten  vorgesehen;  lediglich  in  Rücksicht  auf  das
alle  Erwartungen  übersteigende  Ergebnis,  das  dem  Reiche
weit  mehr  Geld  zur  Verfügung  stellt  als  es  zunächst
braucht,  sind  die  Einzahlungstermine  nachträglich  um
einen  Monat,  bis  zum  22.  Dezember,  hinausgeschoben
        <pb n="6" />
        7

worden.  Das  deutsche  Volk  stellt  also  seiner  Regierung ­
  die  4,5  Milliarden  Mark  in  ebensoviel
Monaten  zur  Verfügung,  wie  an  Jahren  für  die
Aufbringung  der  4  Milliarden  Mark  französischer
Kriegskosten-Entschädigung  erforderlich  war.
Die  4  Milliarden  M.  der  französischen  Kriegskosten-Entschädigung
  wurden  ferner  erst  nach  Wiederherstellung
des  Friedens  aufgebracht.  Die  um  500  Millionen  M.
größere  deutsche  Kriegsanleihe  stellt  das  deutsche  Volk
mitten  im  Kriege  zur  Verfügung,  und  zwar  ehe  die
großen  Entscheidungen  gefallen  sind.
Schließlich  sind  die  französischen  4  Milliarden  nicht
nur  von  Frankreich  selbst,  sondern  zum  großen  Teil  von,
den  internationalen  Märkten,  namentlich  von  Englandgezeichnet ­
  worden.  Die  Aufbringung  der  deutschen ­
  Kriegsanleihe  dagegen  ist  die  ausschließliche ­
  Leistung  des  deutschen  Volkes;  die  Heranziehung ­
  selbst  des  neutralen  Auslandes  ist  mit
voller  Absicht  vermieden  worden.
Alle  diese  Unterschiede  zeigen,  wie  sehr  die
deutsche  Kriegsanleihe  selbst  die  größte  bisher  in  der
Welt  durchgeführte  Finanzoperation  in  den  Schatten
stellt.  Es  sei  daran  erinnert,  daß  die  in  wenig  mehr
als  zwei  Friedensjahren  unter  Heranziehung  der  auswärtigen ­
  Märkte  durchgeführte  Aufbringung  der  4  Milliarden ­
  M.  damals  von  der  ganzen  Welt  als  ein  staunenswerter ­
  Beweis  für  die  unermeßliche  und  unzerstörbare
finanzielle  Kraft  Frankreichs  bewundert  wurde.
Die  finanzielle  Großtat  des  deutschen  Volkes  wird,
soweit  dies  überhaupt  noch  möglich  ist,  in  ein  noch
helleres  Licht  gesetzt  durch  den  Vergleich  mit  den  bisherigen ­
  finanziellen  Leistungen  unserer  Feinde.
England  bat  bisher  in  drei  Abschnitten  45  Mill.
Pfund  Sterling  in  kurzfristigen  Schatzscheinen  aufgebracht, ­
  also  900  Millionen  M.  Eine  große  Anleihe-Emission
  hat  es  bisher  nicht  versucht.
Für  Frankreich  ist  die  Geldbeschaffung  für  den
        <pb n="7" />
        8

Krieg  ein  bisher  noch  ungelöstes  Problem.  Die  französische ­
  Regierung  ist  zunächst  mit  einem  amerikanischen
Bankhaus  wegen  einer  Anleihe  von  100  Millionen  Dollar
in  Verbindung  getreten.  Die  Verhandlungen  haben  sich
jedoch  zerschlagen;  angeblich  weil  die•  Regierung  der
Vereinigten  Staaten  die  Uebernahme'  von  Anleihen  der
Krieg  führenden  Parteien  als  mit  der  Neutralität  unvereinbar ­
  erklärt  hat.  In  England  hat  Frankreich, ­
  soweit  bisher  bekannt  geworden  ist,  lediglich
2  Millionen  Pfund  =  40  Millionen  Mark  auf  Schatzwechsel
erhalten.  Es  bleibt  also  der  französischen  Regierung
voraussichtlich  nichts  übrig,  als  sich  doch  noch  zu  einer
inneren  Anleihe  zu  entschließen.  Man  denkt  zu  diesem
Zweck  an  eine  5  oder  gar  6  proz.  Anleihe  die  durch  die
Bezeichnung  „Anleihe  für  die  nationale  Verteidigung“
dem  französischen  Publikum  schmackhaft  gemacht  werden
soll,  und  auf  die  man  die  bisher  geleisteten"Einzahlungen
auf  die  3V 2  proz.  Rente  vom  Juli  dieses  Jahres  als
ä  conto-Zahlungen  verrechnen  will.
Der  vom  deutschen  Volke  aufgebrachte  Betrag  enthebt ­
  die  deutsche  Regierung  bis  weit  in  das  kommende
Jahr  hinöin  der  Sorge  um  die  Beschaffung  der  für  den
Krieg  erforderlichen  Geldmittel.  Der  Krieg  konnte  von
Deutschland  2  Monate  lang  geführt  werden,  ohne  daß
der  Geldmarkt  in  Anspruch  genommen  wurde.  Bedenkt
man,  daß  der  Geldbedarf  in  den  Mobilmachungswochen
mindestens  doppelt  so  hoch  war,  als  er  im  Durchschnitt
der  Wochen  der  Kriegsführung  sein  wird,  so  kommt  man
zu  dem  Schluß,  daß  Deutschland  in  der  Lage  sein  wird,
nach  Verausgabung  des  Ertrages  der  Kriegsanleihe  den
Krieg  weitere  3  Monate  fortzuführen,  ohne  gezwungen  zu
sein,  erneut  an  den  Markt  zu  appellieren.  Die  solide
Verfassung  unseres  Kredit-  und  Bankwesens  und  die
ausgezeichnete  Vorbereitung  der  finanziellen  Mobilmachung
gewähren  hierfür  eine  hinreichende  Elastizität.
Für  einen  Krieg,  der  bis  ins  nächste  Frühjahr ­
  hinein  dauert,  ist  also  der  Geldbedarf  des
        <pb n="8" />
        9

Deutschen  Reiches  gedeckt,  während  für  England ­
  die  Sorge  um  die  Beschaffung  der  finanziellen ­
  Mittel  für  die  Kriegsführung  weiter
besteht,  und  während  für  Frankreich  diese  Sorge
von  Tag  zu  Tag  schwerer  wird.
Wenn  der  englische  Schatzkanzler  in  echt  britischer
Ueberhebung  geprahlt  hat,  nicht  die  erste,  sondern  die
letzte  Milliarde  —  die  natürlich  bei  England  ist!  —
werde  den  Krieg  entscheiden,  so  wird  er  heute  einsehen
müssen,  daß  Deutschland  den  Engländern  zunächst
um  mehr  als  3  Milliarden,  den  Franzosen  um
mehr  als  4  Milliarden  voraus  ist.  Mögen  England
und  Frankreich  diesen  Vorsprung  einholen!  Dann
werden  wir  mit  aller  Ruhe  zusehen  können,  wem  die
Aufbringung  der  etwa  weiter  nötigen  Milliarden  schwerer
fällt.  Unsere  Kriegsanleihe  hat  uns  niemand  in
der  Welt  vorgemacht,  und  niemand  wird  sie  uns
so  leicht  nachmachen.

*  *
Der  gewaltige,  nicht  nur  für  das  Ausland,  sondern
auch  für  den  hoffnungsfreudigsten  Deutschen  überraschende
Erfolg  der  Kriegsanleihe  läßt  die  Frage  entstehen:
Was  hat  Deutschland  zu  dieser,  in  der  Finanzgeschichte ­
  einzigartigen  Leistung  befähigt?
Die  4 1 / 2  Milliarden  Mark  sind  uns  sicherlich  nicht
als  ein  Geschenk  des  Himmels  in  den  Schoß  gefallen,  ebensowenig ­
  wie  Frankreichs  finanzielle  Verlegenheit  in
diesem  Krieg  ein  Produkt  des  Zufalls  ist.
Das  Waffenglück  hat  zweifellos  bis  zu  einem  gewissen ­
  Grade  mitgewirkt;  sicherlich  aber  nicht  ausschlaggebend, ­
  denn  die  großen  militärischen  Entscheidungen  in
diesem  Völkerringen  sind  noch  nicht  gefallen.  Dazu
kommt,  daß  die  deutschen  Waffenerfolge  in  Frankreich
mit  allen  Mitteln  der  Lüge  verkleinert  worden  sind,  und
daß,  seitdem  das  Vorhandensein  unserer  Armeen  auf
französischem  Boden  nicht  mehr  weggeleugnet  werden
kann,  die  Bevölkerung  mit  dem  Hinweis  auf  die  Ueber-
        <pb n="9" />
        10

macht  der  Rassen  und  Franzosen  über  den  schließlichen
Ausgang  beruhigt  wird.  Die  Entwicklung  der  militärischen ­
  Operationen  ist  also  keine  ausreichende  Erklärung
lür  die  fast  für  alle  Welt  überraschend  zutage  tretende  gewaltige ­
  finanzielle  Ueberlegenheit  Deutschlands  gegenüber
Frankreich.
Die  entscheidenden  Ursachen  unseres  großen  finanziellen ­
  Erfolges  sind  vielmehr  die  folgenden:
Erstens  ist  Deutschlands  Volkswohlstand  im
Laufe  der  letzten  Jahrzehnte  dem  altberühmten
Reichtum  Frankreichs  und  sogar  demjenigen
Englands  vorausgeeilt.
Zweitens  verfügt  Deutschland  für  Friedensund ­
  für  Kriegszeiten  über  eine  unvergleichlich
bessere  wirtschaftliche  und  finanzielle  Organisation ­
  als  unsere  Gegner.
Drittens  äußerx  sich  der  gewaltige  Aufschwung ­
  unseres  Volkes  in  dieser  schicksalsschweren ­
  Zeit  in  einem  von  den  Franzosen  nicht
erreichten  und  von  den  Engländern  ungekannten
Opf  erwillen.
Und  schließlich  haben  wir  auch  auf  dem
finanziellen  Gebiete  Führer,  deren  Willenskraft
und  klarer  Blick  den  Sieg  verbürgen.
Die  Entwicklung  unseres  Volkswohlstandes
im  Verhältnis  zu  derjenigen  Frankreichs  und  Englands
hat  im  Laufe  der  letzten  Jahre  den  Gegenstand  zahlreicher ­
  Untersuchungen  und  Erörterungen  gebildet.  Das
wirtschaftende  Deutschland  war  sich  des  Wachsens  seiner
eigenen  Kraft  noch  kaum  bewußt  geworden.  Die  Feststellung, ­
  in  welchem  Maße  Deutschland  in  der  Entwickelung ­
  seiner  Produktion  und  seines  Handels,  seines
Volkseinkommens  und  seines  Volkswohlstandes  alle  anderen ­
  europäischen  Nationen  im  Laufe  der  letzten  Jahrzehnte ­
  überflügelt  hat,  fand  im  Auslande  meist  nur  ungläubiges ­
  Kopfschütteln,  bei  unseren  eigenen  Landsleuten
oft  genug  Kritik  und  Zweifel.  Dies  hat  auch  der  Verfasser ­
  dieser  Zeilen  erfahren,  als  er  im  verflossenen
        <pb n="10" />
        11

Jahre  das  deutsche  Volksvermögen  auf  300  bis
320  Milliarden  Mark,  das  jährliche  Volkseinkommen
Deutschlands  auf  etwa  42  Milliarden  Mark  und
den  jährlichen  Vermögenszuwachs  Deutschlands  auf^
8  bis  10  Milliarden  Mark  berechnete  und  damit
für  alle  diese  Posten  auf  höhere  Zahlen  kam  als
für  Frankreich  und  England.  Im  Auslande  bestand
nach  wie  vor  der  unerschütterliche  Glaube,  daß  Deutschlands ­
  Volks-  und  Finanzwirtschaft  ein  Koloß  auf  tönernen
Füßen  sei,  und  daß  Deutschland  wirtschaftlich  und
finanziell  beim  ersten  Kanonenschuß  zusammenbrechen
müsse.  Dieser  Glaube  an  unsere  finanzielle  Unzulänglichkeit ­
  gehörte  mit  zu  den  schwersten  Gefahren  für  den
Weltfrieden.  Noch  in  der  letzten  Stunde  vor  Ausbruch
des  Krieges,  im  Juni  d.  J.,  hat  der  Verfasser  —  dem
man  in  diesem  Falle  das  Selbstzitieren  verzeihen  möge  —
im  Vorwort  zur  4.  Auflage  seiner  Schrift  Uber  „Deutschlands ­
  Volkswohlstand“  ausgeführt:
„Es  ist  geradezu  ein  Weltinteresse,  daß  die  Illusion
verschwindet,  durch  Mittel  der  finanziellen  Politik  könne
erreicht  werden,  was  bisher  weder  durch  militärische
Macht,  noch  durch  Allianzen  und  Ententen  zu  erreichen
war:  die  Niederkämpfung  Deutschlands.“
Es  gibt  niemanden  in  Deutschland,  der  nicht  gewünscht ­
  hätte,  diese  für  unsere  Gegner  verhängnisvolle
Illusion  im  Frieden  verschwinden  zu  sehen.  Jetzt,  wo
man  den  Krieg  uns  aufgedrungen  hat,  wird  der  Krieg
sie  ausrotten.
Aber  das  bloße  Vorhandensein  von  Wohlstand  und
Reichtum  tut  es  nicht  allein,  ebensowenig  wie  militärisch
die  Kopfzahl  der  Heere.  Ihre  Aktionskraft  erhält  die
tote  Masse  durch  die  Organisation.  In  diesem  Punkte
haben  wir  uns  schon  in  Friedenzeiten  unseren  jetzigen
Gegnern  weit  überlegen  gezeigt.  Der  Krieg  ist  die  Probe
aufs  Exempel.  Wenn  unsere  Börsen  sich  besser  gehalten
haben  als  diejenigen  des  Auslandes,  wenn  Deutschland
allein  von  allen  Krieg  führenden  Staaten  von  dem  Erlaß
eines  Moratoriums  Abstand  nehmen  konnte,  wenn  unser
        <pb n="11" />
        12

Geld-  und  Kreditwesen  allen  den  großen  Anforderungen
des  Krieges  bisher  besser  gerecht  geworden  ist,  als  dies
bei  irgendeinem  unserer  Gegner  der  Fall  war,  so  verdanken ­
  wir  dies  der  gesunden  Struktur  unserer  Geldund
  Bankverfassung,  deren  Leistungsfähigkeit  durch  die
seit  vielen  Jahren  sorgsam  ausgearbeitete  und  bis  ins
kleinste  vorbereitete  Kriegsorganisation  für  die  schweren
Zeiten,  die  wir  jetzt  durchkämpfen,  noch  außerordentlich
gesteigert  worden  ist.  Das  kunstvolle  Ineinandergreifen
von  Eeichsbank,  Darlehnskassen,  privaten  Banken,  Sparkassen, ­
  Kriegskreditbanken  usw.  kann  und  darf  hier  im
einzelnen  nicht  dargestellt  werden.  Erst  nach  errungenem
Sieg  wird  hierzu  die  Zeit  gekommen  sein.  Für  jetzt
genüge  die  Feststellung,  daß  diese  organisatorische
Leistung  die  Möglichkeit  geschaffen  hat,  die  im  Frieden
erarbeiteten  und  den  Werken  des  Friedens  dienenden
Kapitalien  jetzt  im  Kriegsfall  für  die  Kriegsbedürfnisse
zu  mobilisieren.
Bei  aller  Zunahme  des  deutschen  Volksreichtums
und  bei  aller  Zweckmäßigkeit  unserer  finanziellen  Kriegsorganisation ­
  hätte  unsere  Kriegsanleihe  nie  und  nimmer
den  gewaltigen  Erfolg  erzielen  können,  wenn  nicht  unser
ganzes  Volk  von  der  schicksalsschweren  Größe  des  Entscheidungskampfes, ­
  den  uns  der  Haß  und  Neid  unserer
Feinde  aufgezwungen  hat,  bis  ins  Innerste  durchdrungen
wäre.  Wie  jeder  deutsche  Soldat  freudig  sein  Blut  für
das  Vaterland  läßt,  so  ist  ganz  Deutschland  entschlossen,
jedes  Opfer  an  Gut  zu  bringen.  Die  4 1 / 2  Milliarden  M.
sind  nicht  etwa  der  Ausdruck  der  guten  Kapitalsanlage
einer  verhältnismäßig  kleinen  Schicht  von  Wohlhabenden;
sie  sind  der  Ausdruck  des  entschlossenen  Willens  unseres
ganzen  Volkes,  mit  allem  Können  und  Vermögen  an  dem
gewaltigen  Kampf  um  den  Bestand  und  die  Zukunft  des
Vaterlandes  teilzunehmen.  —  „Wir  alle  wollen  Hüter
sein!“  —  Es  ist  bisher  nicht  veröffentlicht  worden,  wie
groß  die  Zahl  der  Einzelzeichnungen  auf  die  Kriegsanleihe ­
  ist.  Aber  wenn  ich  die  Ergebnisse  der  bei  der
Deutschen  Bank  eingegangenen  Zeichnungen  zugrunde
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lege,  so  komme  ich  zu  dem  Schluß,  daß  die  Zahl  der
Einzelzeichnungen  nicht  unbeträchtlich  größer
ist  als  eine  Million,  und  daß  etwa  3 / 4  dieser
Zeichnungen  auf  Beträge  bis  zu  2000  M.  ent*^
fallen.  Das  ist  eine  „levee  en  masse“  auf  finanziellem
Gebiet,  die  in  der  Geschichte  ebenso  einzig  dasteht  wie
der  Anleiheerfolg  als  solcher.
Die  vorhandenen  Kräfte  und  den  vorhandenen  Geist
richtig  erkannt  und  entschlossen  zum  Siege  geführt  zu
haben,  ist  das  unvergängliche  Verdienst  unserer  finanziellen ­
  Führung,  die  vor  allem  in  den  Händen  der
Reichshank  und  ihres  Präsidenten  lag.  Wie  groß  das
Wagnis  war,  so  bald  nach  dem  Kriegsausbruch  und  vor
dem  Fall  der  endgültigen  Entscheidungen  eine  Milliarden-Anleihe
  herauszubringen,  zeigt  am  besten  der
Vergleich  mit  den  anderen  Krieg  führenden  Staaten,  die
sich  bisher  zu  einem  solchen  Entschluß  noch  nicht  durchgerungen
  haben.  Wie  groß  das  Wagnis  war,  die  Kriegsanleihe ­
  in  unbeschränktem  Betrag  aufzulegen,  jedem
Zeichner  von  vornherein  die  volle  Zuteilung  des  gezeichneten ­
  Betrages  in  Aussicht  zu  stellen  und  damit  von
vornherein  auf  jeden  Anreiz  zu  spekulativen  Zeichnungen
und  auf  jeden  Scheinerfolg  zu  verzichten,  dessen  waren  sich
nur  wenige  bewußt.  Aber  dem  Mutigen  hilft  Gott!  In
solchen  Zeiten  kommt  es  nicht  darauf  an,  ob  Einzelheiten
so  oder  anders  gemacht  werden,  sondern  einzig  und  allein
darauf,  daß  mit  raschem  und  festem  Entschluß  geschieht,
was  nötig  ist.  Der  Reichsbankpräsident  hat  nach  dem
Goetheschen  Spruch  gehandelt:
„Säume  nicht  Dich  zu  erdreisteu
Wenn  die  Menge  zaudernd  schweift;
Alles  kann  der  Edle  leisten,
Der  versteht  und  rasch  ergreift.“

So  groß  für  sich  allein  genommen  der  Erfolg  der
Kriegsanleihe  ist,  seine  volle  Bedeutung  hat  dieser  Erfolg ­
  erst  in  seinem  Zusammenhang  mit  der  Gesamtheit
der  Kriegsarbeit,  die  das  deutsche  Volk  zu  vollbringen
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hat.  Die  4’/ 2  Milliarden,  greifbar  und  materiell,  wie  sie
sind,  haben  ihre  ideale  Bedeutung  als  Ausdruck  des
Willens  zum  Sieg,  der  das  ganze  deutsche  Volk  beseelt,
und  als  Unterpfand  dafür,  daß  uns  der  Sieg  werden
muß.  Ein  Volk,  das  in  seiner  Schicksalsstunde  solcher
Kraftleistungen  fähig  ist,  kann  nicht  untergehen.  Diese
Gewißheit  möge  uns  stärken.  Den  Feinden  aber  mögen
die  4V 2  Milliarden  zeigen,  daß  alle  ihre  Rechnungen
auf  Deutschlands  wirtschaftliche  und  finanzielle  Schwäche
ebenso  falsch  sind,  wie  ihre  Spekulationen  auf  die  Uneinigkeit ­
  der  deutschen  Parteien  oder  Stämme.  Vor
allem  England  mag  erkennen,  daß  alle  Pläne,  Deutschland ­
  wirtschaftlich  und  finanziell  auf  die  Knie  zu
zwingen,  an  unserer  Macht  und  unserem  Willen  zuschanden ­
  werden  müssen,  daß  wir  durchhalten  werden
mit  der  äußersten  Anspannung  aller  Kräfte  und  um  den
Preis  der  äußersten  Opfer  bis  zu  dem  Frieden,  der  unserm
Volke  für  die  lebenden  und  die  kommenden  Geschlechter
Freiheit  und  Ehre,  Ruhe  und  Wachstum  verbürgt.
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        the  scale  towards

9

Deutschen  Reiches  gedeckt,  während  für  England ­
  die  Sorge  um  die  Beschaffung  der  finanziellen ­
  Mittel  für  die  Kriegsführung  weiter
besteht,  und  während  für  Frankreich  diese  Sorge
von  Tag  zu  Tag  schwerer  wird.
Wenn  der  englische  Schatzkanzler  in  echt  britischer
Ueberhebung  geprahlt  hat,  nicht  die  erste,  sondern  die
letzte  Milliarde  —  die  natürlich  bei  England  ist!  —
werde  den  Krieg  entscheiden,  so  wird  er  heute  einsehen
müssen,  daß  Deutschland  den  Engländern  zunächst
um  mehr  als  3  Milliarden,  den  Franzosen  um
mehr  als  4  Milliarden  voraus  ist.  Mögen  England
und  Frankreich  diesen  Vorsprung  einholen!  Dann
werden  wir  mit  aller  Ruhe  zusehen  können,  wem  die
Aufbringung  der  etwa  weiter  nötigen  Milliarden  schwerer
fällt.  Unsere  Kriegsanleihe  hat  uns  niemand  in
der  Welt  vorgemacht,  und  niemand  wird  sie  uns
so  leicht  Dachmachen.

*  *
*
Der  gewaltige,  nicht  nur  für  das  Ausland,  sondern
auch  für  den  hoffnungsfreudigsten  Deutschen  überraschende
Erfolg  der  Kriegsanleihe  läßt  die  Frage  entstehen:
Was  hat  Deutschland  zu  dieser,  in  der  Finanzgeschichte ­
  einzigartigen  Leistung  befähigt?
Die  4 1 / 2  Milliarden  Mark  sind  uns  sicherlich  nicht
als  ein  Geschenk  des  Himmels  in  den  Schoß  gefallen,  ebensowenig ­
  wie  Frankreichs  finanzielle  Verlegenheit  in
diesem  Krieg  ein  Produkt  des  Zufalls  ist.
Das  Waffenglück  hat  zweifellos  bis  zu  einem  gewissen ­
  Grade  mitgewirkt;  sicherlich  aber  nicht  ausschlaggebend, ­
  denn  die  großen  militärischen  Entscheidungen  in
diesem  Völkerringen  sind  noch  nicht  gefallen.  Dazu
kommt,  daß  die  deutschen  Waffenerfolge  in  Frankreich
mit  allen  Mitteln  der  Lüge  verkleinert  worden  sind,  und
daß,  seitdem  das  Vorhandensein  unserer  Armeen  auf
französischem  Boden  nicht  mehr  weggeleugnet  werden
kann,  die  Bevölkerung  mit  dem  Hinweis  auf  die  Ueber-
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