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        <title>Die Kriegsanleihe</title>
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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Helfferich</surname>
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        </author>
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            <idno>1040704360</idno>
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        <pb n="1" />
        ﻿
        <pb n="2" />
        ﻿Sonderabdruck aus dem „Bank-Archiv“,

Zeitschrift für Bank- und Börsenwesen. XIV. Jahrgang, Nr. 1.

DIE

KRIEGSANLEIHE

Von

Dr. KARL HELFFERICH

Direktor der Deutschen Bank
Berlin.
        <pb n="3" />
        ﻿
        <pb n="4" />
        ﻿Das Ergebnis der am 19. September ab-
geschlossenen Zeichnung auf die Kriegs-
anleihe ist nach amtlicher Bekanntmachung:
„Es sind gezeichnet: Reichsanleihe

3	121 001 300 M„ darunter mit Schuld-
bucheintragung und Sperre bis 15. April 1915
1198 987 700 M. Reichsschatzanwei-
sungen 1 339 727 600 Mark, zusammen

4	460 728 900 M. Unter den Zeichnungen
auf Schatzanweisungen befinden sich 582,9
Millionen Mark Wahlzeichnungen, deren
Zeichner für den Fall der Ueberzeichnung
der Schatzanweisungen erklärt haben, daß
sie bereit seien, sich statt dieser auch
Reichsanleihe zuteilen zu lassen.“

Rund 4,5 Milliarden Mark hat die Zeichnung
auf die deutsche Kriegsanleihe ergeben.

Die in dieser Ziffer umschlossene Tatsache ist ein
in der Geschichte der Völker bisher unerhörtes Ereignis.
Sein Umfang und seine Wucht lassen sich auch für den
Finanzfachmann auf den ersten Blick nicht voll ermessen.
Seine Wurzeln liegen in den Tiefen des nationalen
Lebenswillens unseres Volkes. Seine Wirkung greift
weit über das finanzielle Gebiet hinüber in das Bereich
des politischen und militärischen Geschehens, das über
das Schicksal unseres Volkes entscheidet.

Um uns über die finanzielle Großtat des deutschen
Volkes klar zu werden, wollen wir zunächst festhalten:

Die 4,5 Milliarden sind kein eitler Bluff,
sondern effektives Geld.

Dies im Unterschied von den Zeichnungsergebnissen
der meisten anderen großen Anleihen und vor allem zu
dem von der Pariser Presse ins Riesenhafte aufgeblähten
„Erfolg“ der 31/2proz. französischen Rente von Anfang
Juli dieses Jahres. 805 Millionen Franken wurden da-
        <pb n="5" />
        ﻿

■

HH

4

mals zur Zeichnung aufgelegt. Wochenlang vor dem
Abschluß der Subskription wurde in der französischen
Presse laut verkündet, daß eine gewaltige Ueberzeicknung
gesichert sei, und daß die Zeichner nur auf die Zuteilung
von wenigen Prozenten würden rechnen können. Die
beabsichtigte Wirkung war, daß jeder, der sich tausend
Frank der neuen Rente sichern wollte, 30 000, 40 00ö
oder gar mehr zeichnete, so daß in der Tat schließlich
eine 40fache Ueberzeichnung herauskam. In Wirklich-
keit war der Erfolg, wie sich alsbald nach Schluß der
Subskription an der KursentWicklung zeigte, nur ein.
mäßiger. Der Kurs ging bald unter den Emissionskurs-
herab. Nach dem Kriegsausbruch erwies es sich für die
französische Regierung als unmöglich, die noch aus-
stehenden Einzahlungen auf die Anleihe hereinzubekom-
men, so daß voraussichtlich nichts übrig bleiben wird,,
als die so erfolgreiche 372proz. Anleihe zu annullieren
und die bereits geleisteten Einzahlungen auf eine neu
zu emittierende 5 oder 6proz. Kriegsanleihe zu ver-
rechnen.

In völligem Gegensatz zu diesem prunkenden, aber
so rasch in sich zusammengebrochenen Scheinerfolg ist
das Zeichnungsergebnis unserer Kriegsanleihe echt bis
auf die letzte Mark. Von den beiden Arten der Kriegs-
anleihe war nur für die kurzfristigen Schatzscheine ein
fester Betrag vorgesehen, und zwar 1 Milliarde M.;.
hierauf sind rund 1,34 Milliarden M. ernsthafter Zeich-
nungen eingegangen, bei denen auf eine möglichst volle
Zuteilung gerechnet wird. Da sich unter den Zeich-
nungen auf die Schatzscheine rund 580 Millionen M„
befinden, die alternativ auf Schatzscheine oder Anleihe
lauten, werden die den festen Betrag von 1 Milliarde M.
übersteigenden Schatzschein-Zeiehnungen in Stücken der
Anleihe befriedigt werden. Die langfristige Kriegs-
anleihe ist von vornherein ohne jede Beschränkung-
des Betrages der Zeichnung aufgelegt worden und
jeder Zeichner wußte, daß er auf die Zuteilung des-
vollen gezeichneten Betrages zu rechnen hatte.
        <pb n="6" />
        ﻿5

Jeder Zeichner 'war und ist also bereit, für den von
ihm gezeichneten Betrag voll einzustehen. Das Reich
wird demgemäß in den von ihm vorgeschriebenen Raten,
deren letzte am 22. Dezember fällig ist, den vollen
'Gegenwert der gezeichneten 4,5 Milliarden M. erhalten.
Es darf hier ausgesprochen werden, daß der er-
zielte Betrag etwa doppelt so groß ist wie die
Summe, auf die als Ergebnis der ersten Kriegs-
anleihe an den maßgebenden Stellen gerechnet
wurde.

Wer ermessen will, was der Erfolg der deutschen
Kriegsanleihe bedeutet, werfe einen Blick auf die größten
Anleihegeschäfte, die bisher in Friedens- und Kriegszeiten
•durchgeführt worden sind.

Weitaus an der Spitze steht die 5 proz. fran-
zösische Anleihe vom Juli 1872, die zusammen mit
der Anleihe vom Juli 1871 zur Abtragung der Kriegs-
kosten-Entschädigung aufgenommen wurde. Der Betrag
der 1872er Anleihe war 2400 Millionen M., der 1871er
Anleihe 1600 Millionen M. Die 1872er Anleihe war
also nicht viel mehr als halb so groß wie die jetzt
vom Deutschen Reich aufgebrachte Summe. Beide An-
leihen zusammen bleiben noch um rund 500 Millionen M.
hinter der Summe zurück, die jetzt vom Deutschen Reich
in einer einzigen Operation aufgebracht wird.

Hinter der großen französischen Finanz-Transaktion
zur Begleichung der Kriegskosten-Entschädigung stehen
alle anderen seither durchgeführten Anleihegeschäfte weit
zurück.

An zweiter Stelle kommt die japanische Anleihe
von 1905 im Gesamtbetrag von 1640 Millionen M. Diese
Anleihe stellt jedoch keine einheitliche Operation dar.
Sie wurde vielmehr in 2 Abschnitten von je 600 Millionen
Mark im März und Juli 1905 in verschiedenen Ländern
(England, Vereinigte Staaten, Deutschland) emittiert; der
Rest wurde allmählich unter der Hand verkauft.
        <pb n="7" />
        ﻿§m%M

6

Es folgt dann die große Anleihe der Vereinigten
Staaten von 1900 in Höhe von 1290 Millionen M., die
jedoch zum großen Teil gegen ältere, höher verzinsliche
Anleihen ausgegeben wurde und somit keine neue In-
anspruchnahme des Kapitalmarktes bedeutete.

Fast den gleichen Betrag erreichte die von Eng-
land im April 1901 — Burenkrieg — emittierte Anleihe
von 1200 Millionen M.

Darauf folgen die russischen Anleihen von 1906
und 1909 im Betrage von je 1120 Millionen M.

Alle übrigen bisher in der Welt durchgeführten Finanz-
geschäfte bleiben unter dem Betrag von einer Milliarde M„
zurück.

Einigermaßen vergleichbar mit der deutschen Kriegs-
anleihe ist also nur die Aufbringung der Kriegskosten.
Entschädigung durch Frankreich nach dem Kriege von
1870. Aber auch diese bisher in der Weltgeschichte
weitaus bedeutendste Finanztransaktion wird durch die
deutsche Kriegsanleihe nicht nur der Summe nach, son-
dern noch mehr in anderen wichtigen Beziehungen Uber-
troffen.

Während die deutsche Kriegsanleihe mit einem Mal
den Betrag von 4,5 Milliarden M. erbrachte, hat Frank-
reich die Aufbringung der 4 Milliarden Kriegskosten-
Entschädigung auf zwei, mit mehr als Jahresfrist auf-
einander folgende Anleihen verteilt. Dabei erstreckten
sich die Einzahlungen auf die französische Anleihe vom
Juni 1871 bis in das Frühjahr 1872 hinein, die Ein-
zahlungen auf die Anleihe vom Juli 1872 bis in den
Herbst 1873. Der Gesamtbetrag von 4 Milliarden Mark
bedurfte also zu seiner Aufbringung eines Zeitraumes
von mehr als zwei Jahren. Für die Einzahlungen auf
unsere Kriegsanleihe dagegen war nur ein Zeitraum von
zwei Monaten vorgesehen; lediglich in Rücksicht auf das
alle Erwartungen übersteigende Ergebnis, das dem Reiche
weit mehr Geld zur Verfügung stellt als es zunächst
braucht, sind die Einzahlungstermine nachträglich um
einen Monat, bis zum 22. Dezember, hinausgeschoben
        <pb n="8" />
        ﻿7

worden. Das deutsche Volk stellt also seiner Re-
gierung die 4,5 Milliarden Mark in ebensoviel
Monaten zur Verfügung, wie an Jahren für die
Aufbringung der 4 Milliarden Mark französischer
Kriegskosten-Entschädigung erforderlich war.

Die 4 Milliarden M. der französischen Kriegskosten-
Entschädigung wurden ferner erst nach Wiederherstellung
des Friedens aufgebracht. Die um 500 Millionen M.
größere deutsche Kriegsanleihe stellt das deutsche Volk
mitten im Kriege zur Verfügung, und zwar ehe die
großen Entscheidungen gefallen sind.

Schließlich sind die französischen 4 Milliarden nicht
nur von Frankreich selbst, sondern zum großen Teil von,
den internationalen Märkten, namentlich von England-
gezeichnet worden. Die Aufbringung der deut-
schen Kriegsanleihe dagegen ist die ausschließ-
liche Leistung des deutschen Volkes; die Heran-
ziehung selbst des neutralen Auslandes ist mit
voller Absicht vermieden worden.

Alle diese Unterschiede zeigen, wie sehr die
deutsche Kriegsanleihe selbst die größte bisher in der
Welt durchgeführte Finanzoperation in den Schatten
stellt. Es sei daran erinnert, daß die in wenig mehr
als zwei Friedensjahren unter Heranziehung der aus-
wärtigen Märkte durchgeführte Aufbringung der 4 Mil-
liarden M. damals von der ganzen Welt als ein staunens-
werter Beweis für die unermeßliche und unzerstörbare
finanzielle Kraft Frankreichs bewundert wurde.

Die finanzielle Großtat des deutschen Volkes wird,
soweit dies überhaupt noch möglich ist, in ein noch
helleres Licht gesetzt durch den Vergleich mit den bis-
herigen finanziellen Leistungen unserer Feinde.

England bat bisher in drei Abschnitten 45 Mill.
Pfund Sterling in kurzfristigen Schatzscheinen auf-
gebracht, also 900 Millionen M. Eine große Anleihe-
Emission hat es bisher nicht versucht.

Für Frankreich ist die Geldbeschaffung für den
        <pb n="9" />
        ﻿8

Krieg ein bisher noch ungelöstes Problem. Die franzö-
sische Regierung ist zunächst mit einem amerikanischen
Bankhaus wegen einer Anleihe von 100 Millionen Dollar
in Verbindung getreten. Die Verhandlungen haben sich
jedoch zerschlagen; angeblich weil die• Regierung der
Vereinigten Staaten die Uebernahme' von Anleihen der
Krieg führenden Parteien als mit der Neutralität un-
vereinbar erklärt hat. In England hat Frank-
reich, soweit bisher bekannt geworden ist, lediglich
2 Millionen Pfund = 40 Millionen Mark auf Schatzwechsel
erhalten. Es bleibt also der französischen Regierung
voraussichtlich nichts übrig, als sich doch noch zu einer
inneren Anleihe zu entschließen. Man denkt zu diesem
Zweck an eine 5 oder gar 6 proz. Anleihe die durch die
Bezeichnung „Anleihe für die nationale Verteidigung“
dem französischen Publikum schmackhaft gemacht werden
soll, und auf die man die bisher geleisteten"Einzahlungen
auf die 3V2 proz. Rente vom Juli dieses Jahres als
ä conto-Zahlungen verrechnen will.

Der vom deutschen Volke aufgebrachte Betrag ent-
hebt die deutsche Regierung bis weit in das kommende
Jahr hinöin der Sorge um die Beschaffung der für den
Krieg erforderlichen Geldmittel. Der Krieg konnte von
Deutschland 2 Monate lang geführt werden, ohne daß
der Geldmarkt in Anspruch genommen wurde. Bedenkt
man, daß der Geldbedarf in den Mobilmachungswochen
mindestens doppelt so hoch war, als er im Durchschnitt
der Wochen der Kriegsführung sein wird, so kommt man
zu dem Schluß, daß Deutschland in der Lage sein wird,
nach Verausgabung des Ertrages der Kriegsanleihe den
Krieg weitere 3 Monate fortzuführen, ohne gezwungen zu
sein, erneut an den Markt zu appellieren. Die solide
Verfassung unseres Kredit- und Bankwesens und die
ausgezeichnete Vorbereitung der finanziellen Mobilmachung
gewähren hierfür eine hinreichende Elastizität.

Für einen Krieg, der bis ins nächste Früh-
jahr hinein dauert, ist also der Geldbedarf des
        <pb n="10" />
        ﻿9

Deutschen Reiches gedeckt, während für Eng-
land die Sorge um die Beschaffung der finan-
ziellen Mittel für die Kriegsführung weiter
besteht, und während für Frankreich diese Sorge
von Tag zu Tag schwerer wird.

Wenn der englische Schatzkanzler in echt britischer
Ueberhebung geprahlt hat, nicht die erste, sondern die
letzte Milliarde — die natürlich bei England ist! —
werde den Krieg entscheiden, so wird er heute einsehen
müssen, daß Deutschland den Engländern zunächst
um mehr als 3 Milliarden, den Franzosen um
mehr als 4 Milliarden voraus ist. Mögen England
und Frankreich diesen Vorsprung einholen! Dann
werden wir mit aller Ruhe zusehen können, wem die
Aufbringung der etwa weiter nötigen Milliarden schwerer
fällt. Unsere Kriegsanleihe hat uns niemand in
der Welt vorgemacht, und niemand wird sie uns
so leicht nachmachen.

* *

Der gewaltige, nicht nur für das Ausland, sondern
auch für den hoffnungsfreudigsten Deutschen überraschende
Erfolg der Kriegsanleihe läßt die Frage entstehen:
Was hat Deutschland zu dieser, in der Finanz-
geschichte einzigartigen Leistung befähigt?

Die 41/2 Milliarden Mark sind uns sicherlich nicht
als ein Geschenk des Himmels in den Schoß gefallen, eben-
sowenig wie Frankreichs finanzielle Verlegenheit in
diesem Krieg ein Produkt des Zufalls ist.

Das Waffenglück hat zweifellos bis zu einem ge-
wissen Grade mitgewirkt; sicherlich aber nicht ausschlag-
gebend, denn die großen militärischen Entscheidungen in
diesem Völkerringen sind noch nicht gefallen. Dazu
kommt, daß die deutschen Waffenerfolge in Frankreich
mit allen Mitteln der Lüge verkleinert worden sind, und
daß, seitdem das Vorhandensein unserer Armeen auf
französischem Boden nicht mehr weggeleugnet werden
kann, die Bevölkerung mit dem Hinweis auf die Ueber-
        <pb n="11" />
        ﻿10

macht der Rassen und Franzosen über den schließlichen
Ausgang beruhigt wird. Die Entwicklung der militä-
rischen Operationen ist also keine ausreichende Erklärung
lür die fast für alle Welt überraschend zutage tretende ge-
waltige finanzielle Ueberlegenheit Deutschlands gegenüber
Frankreich.

Die entscheidenden Ursachen unseres großen finan-
ziellen Erfolges sind vielmehr die folgenden:

Erstens ist Deutschlands Volkswohlstand im
Laufe der letzten Jahrzehnte dem altberühmten
Reichtum Frankreichs und sogar demjenigen
Englands vorausgeeilt.

Zweitens verfügt Deutschland für Friedens-
und für Kriegszeiten über eine unvergleichlich
bessere wirtschaftliche und finanzielle Organi-
sation als unsere Gegner.

Drittens äußerx sich der gewaltige Auf-
schwung unseres Volkes in dieser schicksals-
schweren Zeit in einem von den Franzosen nicht
erreichten und von den Engländern ungekannten
Opf erwillen.

Und schließlich haben wir auch auf dem
finanziellen Gebiete Führer, deren Willenskraft
und klarer Blick den Sieg verbürgen.

Die Entwicklung unseres Volkswohlstandes
im Verhältnis zu derjenigen Frankreichs und Englands
hat im Laufe der letzten Jahre den Gegenstand zahl-
reicher Untersuchungen und Erörterungen gebildet. Das
wirtschaftende Deutschland war sich des Wachsens seiner
eigenen Kraft noch kaum bewußt geworden. Die Fest-
stellung, in welchem Maße Deutschland in der Ent-
wickelung seiner Produktion und seines Handels, seines
Volkseinkommens und seines Volkswohlstandes alle an-
deren europäischen Nationen im Laufe der letzten Jahr-
zehnte überflügelt hat, fand im Auslande meist nur un-
gläubiges Kopfschütteln, bei unseren eigenen Landsleuten
oft genug Kritik und Zweifel. Dies hat auch der Ver-
fasser dieser Zeilen erfahren, als er im verflossenen
        <pb n="12" />
        ﻿11

Jahre das deutsche Volksvermögen auf 300 bis
320 Milliarden Mark, das jährliche Volkseinkommen
Deutschlands auf etwa 42 Milliarden Mark und
den jährlichen Vermögenszuwachs Deutschlands auf^
8 bis 10 Milliarden Mark berechnete und damit
für alle diese Posten auf höhere Zahlen kam als
für Frankreich und England. Im Auslande bestand
nach wie vor der unerschütterliche Glaube, daß Deutsch-
lands Volks- und Finanzwirtschaft ein Koloß auf tönernen
Füßen sei, und daß Deutschland wirtschaftlich und
finanziell beim ersten Kanonenschuß zusammenbrechen
müsse. Dieser Glaube an unsere finanzielle Unzuläng-
lichkeit gehörte mit zu den schwersten Gefahren für den
Weltfrieden. Noch in der letzten Stunde vor Ausbruch
des Krieges, im Juni d. J., hat der Verfasser — dem
man in diesem Falle das Selbstzitieren verzeihen möge —
im Vorwort zur 4. Auflage seiner Schrift Uber „Deutsch-
lands Volkswohlstand“ ausgeführt:

„Es ist geradezu ein Weltinteresse, daß die Illusion
verschwindet, durch Mittel der finanziellen Politik könne
erreicht werden, was bisher weder durch militärische
Macht, noch durch Allianzen und Ententen zu erreichen
war: die Niederkämpfung Deutschlands.“

Es gibt niemanden in Deutschland, der nicht ge-
wünscht hätte, diese für unsere Gegner verhängnisvolle
Illusion im Frieden verschwinden zu sehen. Jetzt, wo
man den Krieg uns aufgedrungen hat, wird der Krieg
sie ausrotten.

Aber das bloße Vorhandensein von Wohlstand und
Reichtum tut es nicht allein, ebensowenig wie militärisch
die Kopfzahl der Heere. Ihre Aktionskraft erhält die
tote Masse durch die Organisation. In diesem Punkte
haben wir uns schon in Friedenzeiten unseren jetzigen
Gegnern weit überlegen gezeigt. Der Krieg ist die Probe
aufs Exempel. Wenn unsere Börsen sich besser gehalten
haben als diejenigen des Auslandes, wenn Deutschland
allein von allen Krieg führenden Staaten von dem Erlaß
eines Moratoriums Abstand nehmen konnte, wenn unser
        <pb n="13" />
        ﻿12

Geld- und Kreditwesen allen den großen Anforderungen
des Krieges bisher besser gerecht geworden ist, als dies
bei irgendeinem unserer Gegner der Fall war, so ver-
danken wir dies der gesunden Struktur unserer Geld-
und Bankverfassung, deren Leistungsfähigkeit durch die
seit vielen Jahren sorgsam ausgearbeitete und bis ins
kleinste vorbereitete Kriegsorganisation für die schweren
Zeiten, die wir jetzt durchkämpfen, noch außerordentlich
gesteigert worden ist. Das kunstvolle Ineinandergreifen
von Eeichsbank, Darlehnskassen, privaten Banken, Spar-
kassen, Kriegskreditbanken usw. kann und darf hier im
einzelnen nicht dargestellt werden. Erst nach errungenem
Sieg wird hierzu die Zeit gekommen sein. Für jetzt
genüge die Feststellung, daß diese organisatorische
Leistung die Möglichkeit geschaffen hat, die im Frieden
erarbeiteten und den Werken des Friedens dienenden
Kapitalien jetzt im Kriegsfall für die Kriegsbedürfnisse
zu mobilisieren.

Bei aller Zunahme des deutschen Volksreichtums
und bei aller Zweckmäßigkeit unserer finanziellen Kriegs-
organisation hätte unsere Kriegsanleihe nie und nimmer
den gewaltigen Erfolg erzielen können, wenn nicht unser
ganzes Volk von der schicksalsschweren Größe des Ent-
scheidungskampfes, den uns der Haß und Neid unserer
Feinde aufgezwungen hat, bis ins Innerste durchdrungen
wäre. Wie jeder deutsche Soldat freudig sein Blut für
das Vaterland läßt, so ist ganz Deutschland entschlossen,
jedes Opfer an Gut zu bringen. Die 41/2 Milliarden M.
sind nicht etwa der Ausdruck der guten Kapitalsanlage
einer verhältnismäßig kleinen Schicht von Wohlhabenden;
sie sind der Ausdruck des entschlossenen Willens unseres
ganzen Volkes, mit allem Können und Vermögen an dem
gewaltigen Kampf um den Bestand und die Zukunft des
Vaterlandes teilzunehmen. — „Wir alle wollen Hüter
sein!“ — Es ist bisher nicht veröffentlicht worden, wie
groß die Zahl der Einzelzeichnungen auf die Kriegs-
anleihe ist. Aber wenn ich die Ergebnisse der bei der
Deutschen Bank eingegangenen Zeichnungen zugrunde
        <pb n="14" />
        ﻿13

lege, so komme ich zu dem Schluß, daß die Zahl der
Einzelzeichnungen nicht unbeträchtlich größer
ist als eine Million, und daß etwa 3/4 dieser
Zeichnungen auf Beträge bis zu 2000 M. ent*^
fallen. Das ist eine „levee en masse“ auf finanziellem
Gebiet, die in der Geschichte ebenso einzig dasteht wie
der Anleiheerfolg als solcher.

Die vorhandenen Kräfte und den vorhandenen Geist
richtig erkannt und entschlossen zum Siege geführt zu
haben, ist das unvergängliche Verdienst unserer finan-
ziellen Führung, die vor allem in den Händen der
Reichshank und ihres Präsidenten lag. Wie groß das
Wagnis war, so bald nach dem Kriegsausbruch und vor
dem Fall der endgültigen Entscheidungen eine Mil-
liarden-Anleihe herauszubringen, zeigt am besten der
Vergleich mit den anderen Krieg führenden Staaten, die
sich bisher zu einem solchen Entschluß noch nicht durch-
gerungen haben. Wie groß das Wagnis war, die Kriegs-
anleihe in unbeschränktem Betrag aufzulegen, jedem
Zeichner von vornherein die volle Zuteilung des gezeich-
neten Betrages in Aussicht zu stellen und damit von
vornherein auf jeden Anreiz zu spekulativen Zeichnungen
und auf jeden Scheinerfolg zu verzichten, dessen waren sich
nur wenige bewußt. Aber dem Mutigen hilft Gott! In
solchen Zeiten kommt es nicht darauf an, ob Einzelheiten
so oder anders gemacht werden, sondern einzig und allein
darauf, daß mit raschem und festem Entschluß geschieht,
was nötig ist. Der Reichsbankpräsident hat nach dem
Goetheschen Spruch gehandelt:

„Säume nicht Dich zu erdreisteu

Wenn die Menge zaudernd schweift;

Alles kann der Edle leisten,

Der versteht und rasch ergreift.“

So groß für sich allein genommen der Erfolg der
Kriegsanleihe ist, seine volle Bedeutung hat dieser Er-
folg erst in seinem Zusammenhang mit der Gesamtheit
der Kriegsarbeit, die das deutsche Volk zu vollbringen
        <pb n="15" />
        ﻿14

hat. Die 4’/2 Milliarden, greifbar und materiell, wie sie
sind, haben ihre ideale Bedeutung als Ausdruck des
Willens zum Sieg, der das ganze deutsche Volk beseelt,
und als Unterpfand dafür, daß uns der Sieg werden
muß. Ein Volk, das in seiner Schicksalsstunde solcher
Kraftleistungen fähig ist, kann nicht untergehen. Diese
Gewißheit möge uns stärken. Den Feinden aber mögen
die 4V2 Milliarden zeigen, daß alle ihre Rechnungen
auf Deutschlands wirtschaftliche und finanzielle Schwäche
ebenso falsch sind, wie ihre Spekulationen auf die Un-
einigkeit der deutschen Parteien oder Stämme. Vor
allem England mag erkennen, daß alle Pläne, Deutsch-
land wirtschaftlich und finanziell auf die Knie zu
zwingen, an unserer Macht und unserem Willen zu-
schanden werden müssen, daß wir durchhalten werden
mit der äußersten Anspannung aller Kräfte und um den
Preis der äußersten Opfer bis zu dem Frieden, der unserm
Volke für die lebenden und die kommenden Geschlechter
Freiheit und Ehre, Ruhe und Wachstum verbürgt.
        <pb n="16" />
        ﻿
        <pb n="17" />
        ﻿the scale towards

9

Deutschen Reiches gedeckt, während für Eng-
land die Sorge um die Beschaffung der finan-
ziellen Mittel für die Kriegsführung weiter
besteht, und während für Frankreich diese Sorge
von Tag zu Tag schwerer wird.

Wenn der englische Schatzkanzler in echt britischer
Ueberhebung geprahlt hat, nicht die erste, sondern die
letzte Milliarde — die natürlich bei England ist! —
werde den Krieg entscheiden, so wird er heute einsehen
müssen, daß Deutschland den Engländern zunächst
um mehr als 3 Milliarden, den Franzosen um
mehr als 4 Milliarden voraus ist. Mögen England
und Frankreich diesen Vorsprung einholen! Dann
werden wir mit aller Ruhe zusehen können, wem die
Aufbringung der etwa weiter nötigen Milliarden schwerer
fällt. Unsere Kriegsanleihe hat uns niemand in
der Welt vorgemacht, und niemand wird sie uns
so leicht Dachmachen.

* *

*

Der gewaltige, nicht nur für das Ausland, sondern
auch für den hoffnungsfreudigsten Deutschen überraschende
Erfolg der Kriegsanleihe läßt die Frage entstehen:
Was hat Deutschland zu dieser, in der Finanz-
geschichte einzigartigen Leistung befähigt?

Die 41/2 Milliarden Mark sind uns sicherlich nicht
als ein Geschenk des Himmels in den Schoß gefallen, eben-
sowenig wie Frankreichs finanzielle Verlegenheit in
diesem Krieg ein Produkt des Zufalls ist.

Das Waffenglück hat zweifellos bis zu einem ge-
wissen Grade mitgewirkt; sicherlich aber nicht ausschlag-
gebend, denn die großen militärischen Entscheidungen in
diesem Völkerringen sind noch nicht gefallen. Dazu
kommt, daß die deutschen Waffenerfolge in Frankreich
mit allen Mitteln der Lüge verkleinert worden sind, und
daß, seitdem das Vorhandensein unserer Armeen auf
französischem Boden nicht mehr weggeleugnet werden
kann, die Bevölkerung mit dem Hinweis auf die Ueber-
      </div>
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