Die Arbeiterfrage in England. 57 lohnfestsetzungen brachte. Dieses Gesetz erstreckt sich zunächst auf die Konfektionsindustrie, die Herstellung von Schachteln, von Maschinenspitzen und Gardinen und von handgehämmerten Ketten, sie soll aber demnächst auf andere Gewerbe mit ähnlichen Ver hältnissen ausgedehnt werden. Handelt es sich in diesem Gesetz vor allem um den Schutz der Schwachen, die sich selbst nicht helfen können, so ist von ganz anderer prinzipieller Bedeutung die letzte gesetzgeberische Maß- nahmee auf diesem Gebiete, der Coal Mines (Minimum Wage) Act von 1912. Das Gesetz ist lediglich zustande gekommen durch den Druck der Arbeiterschaft des gesamten Kohlenbergbaus, die durch einen gemeinsamen Streik die Regierung in die Notwendigkeit ver setzten, die Forderung eines Minimallohns, die von dem Unter nehmertum abgelehnt wurde, auf gesetzlichem Wege zur Einführung zu bringen, um so das Land vor einer Katastrophe größten Stiles zu bewahren. Es ist das erstemal, daß eine so tief einschneidende Gesetzgebung von der Arbeiterschaft, eigentlich mit dem Schwert in der Hand, dem Parlament abgetrotzt worden ist. Das Gesetz legt keine bestimmte Lohnsumme für alle Arbeiter ganz Englands fest, sondern es bestimmt lediglich, daß in jedem der in Betracht kommenden Kohlenförderungsdistrikte Großbritanniens ein Lohn minimum auf Grund von Verhandlungen der Arbeiter und Unter nehmer unter Beihilfe von Regierungsinstanzen gesetzt werden soll. Es bleibt allerdings fraglich, ob die geschilderten, ungemein weit gehenden gesetzgeberischen Aktionen der liberalen Partei ausreichen werden, um die Arbeiterschaft Englands zu bestimmen, sehr viel einschneidendere, zum Teil rein sozialistisch-kommunalistische Forde rungen fallen zu lassen. Es scheint beinahe, als ob die liberale Aktion den richtigen Zeitpunkt versäumt habe, da augenscheinlich etwa seit 1910/1911 eine vollkommene Veränderung in der innerlichen Stellung der Arbeiterschaft zu dem gesamten Problem des Arbeits rechts und des Arbeitslohnes eingetreten ist. Die Gründe hierfür liegen vor allem in der relativ und absolut verschlechterten Lage der Arbeiterschaft (stagnierender Geldlohn und steigende Lebens haltungskosten gegenüber neuerdings wieder glänzender geschäft licher Konjunktur und steigendem Reichtum der oberen Klassen, mit entsprechender Entfaltung luxuriösen Lebens nach außen hin).