68 Dr. M J. Bonn. sprünglich nicht auf irgendeiner Gemeinschaft in Herkunft und Lebenszwecken zwischen Herrschern und Beherrschten, sondern auf der überlegenen Macht des Eroberers, der zwar diese Gebiete im Interesse ihrer Bewohner mit einer Handvoll europäischer Beamten zu regieren trachtet, aber letzten Endes doch seine Herrschaft auf seine Truppen stützt. Im schroffen Gegensatz hierzu stehen die Gebiete, die die Europäer als leere Räume betrachteten oder durch Vernichtung und Rückdrängung der Eingeborenen in solche verwandelten, um sie mit auswandernden ­ Massen zu besiedeln. In diesen leeren Räumen sind Gemeinwesen ­ entstanden, die man trotz fremdländischer Beimischung, trotz der Franzosen in Kanada und der Buren in Südafrika, als «Tochtervölker» bezeichnen kann. Ihnen gegenüber beruht die Herrschaft, ­ die das Mutterland ausübt, nicht auf Gewalt, sondern in letzter Linie auf dem Gefühl einer durch Wesensart und Interessengemeinschaft ­ bedingten Zusammengehörigkeit. Dieses «zweite Reich» umfaßt die Herrschaft Kanada (Dominion of Canada), Neufundland ­ und Labrador; das australische Gemeinwesen (Commonwealth ­ of Australia), bestehend aus den sechs australischen Festlandsstaaten, ­ die «Herrschaft» Neuseeland (Dominion of New Zealand) und den Bund von Südafrika, die Kapkolonie, Natal, die Oranjekolonie ­ und Transvaal umfassend. Diese Gebiete haben zusammen eine Ausdehnung von 19 Mill. qkm und eine Bevölkerung von 18,7 Mill. Köpfen. Sie verdanken ihren Ursprung nicht ausschließlich der friedlichen Besiedlung. Kanada sowohl wie Südafrika sind durch Eroberung dem britischen Mutterland ­ einverleibt worden, dessen Herrschaft hier an Stelle des französischen, ­ dort an die des holländischen Vorgängers getreten ist. Überdies stellen nicht alle diese Gemeinwesen reine Tochtervölker dar, die sich ohne Kämpfe mit Eingeborenen in leeren Räumen hätten entwickeln können. In Kanada, in Neufundland und im australischen Bund spielt zwar die eingeborene Bevölkerung keine Rolle. Die 110 597 Indianer und die 19 939 australischen Eingeborenen, ausschließlich ­ Papua’s (Neuguinea), fallen nicht ins Gewicht. Dagegen weist bereits Neuseeland eine farbige Bevölkerung von über 60 000 Köpfen gegenüber einer weißen Bevölkerung von 1 Million auf; seine 50 000 Maoris spielen selbst in seinem Verfassungsleben eine Rolle, da ihnen von 80 Abgeordnetensitzen 4 Vorbehalten sind.