86 Dr. M. J. Bonn. andern Ländern verzichten, obwohl es alle diesen eingeräumten Vertragsvorteile ­ ohne weiteres dem Mutterlande zu bewilligen bereit ist. Dieses Bestreben der «Kolonien», ihre eigenen Handelsverträge abzuschließen, ist ein deutliches Kennzeichen dafür, daß sie nicht nur das Bewußtsein einer eigenen nationalen Persönlichkeit in sich tragen, sondern auch den Wunsch hegen, diese Persönlichkeit völkerrechtlich ­ so weit zum Ausdruck zu bringen, als es ihre Interessen verlangen. De: Abschluß solcher Handelsabkommen und Verträge erfolgt zwar durch die britische Gesandtschaft bezw. Botschaft, da die Kolonien keine diplomatischen Vertretungen besitzen; es werden ­ dieser aber bereits koloniale Vertreter zur Erledigung der materiellen Fragen beigesellt. Noch stärker tritt das Bestreben der Tochtervölker nach völliger Autonomie in ihrem Trachten zutage, eine eigene Flotte zu schaffen. Man wird diesem Bestreben nicht gerecht, wenn man es bloß als einen Versuch betrachtet, das koloniale Weltenschicksal zu erfüllen und nach eingetretener Reife vom Mutterlande abzufallen. Den Tochtervölkern liegt heute nichts ferner als dieses Ziel. Sie sind gewiß nicht gewillt, in der Form der Abhängigkeit vom Mutterlande ­ zu verharren; sie betrachten das Wort «Kolonie» mit Abneigung, ­ obwohl es gerade die Tatsache ausdrückt, daß ein Reis des alten Baumes in günstiges Erdreich verpflanzt, gediehen ist. Sie wollten ursprünglich nur ihre eigenen Angelegenheiten ohne Eingriffe ­ des Mutterlandes erledigen; sie wollen heute über ihre Staatsgrenzen ­ hinaus wirken und an Reichsfragen mitberaten und mitarbeiten. Ein Teil der Tochtervölker stellte ursprünglich eine rein britische Bevölkerung dar. Sie haben sich britische Ideale bewahrt und britische Einrichtungen gegeben; sie sind aber den Briten des Mutterlandes nur noch bedingt wesensgleich. Der Australier und der Kanadier, selbst der Kanadier englischer Abstammung, sind keine Engländer. Sie haben als Kolonisten das Land umgewandelt, das sie besiedeln; es hat auf sie zurückgewirkt, indem es sich ihnen unterwarf. Die großen Räume, die die neuen Welten bieten, verändern ­ den Charakter des Kolonisten, der aus übervölkerter Heimat kommt, während er selbst allmählich die Wildnis umgestaltet. Die Furche, die sein Pflug in der jungfräulichen Erde zieht, nimmt nicht nur die Saat auf, die er sät, sie öffnet sich, damit er selbst Wurzel fasse. Seine Jugend, seine Erinnerung an dieselbe mögen dem alten