92 Dr. M. J. Bonn. So sehr man sich auf seiten des Mutterlandes bemüht hat, die Kosten der Landesverteidigung der Kolonien auf die Kolonien ab' zuwälzen, so sehr hat man lange Zeit betont, daß die Flotte ausschließlich ­ Reichssache und damit Sache des Mutterlandes sei. Die Kolonien sind ursprünglich für Zwecke des Mutterlandes begründet worden. Der hauptsächlichste dieser Zwecke, der Handelsverkehr zwischen Kolonie und Mutterland, ist im Wandel der Zeiten nicht aufgegeben worden; seine Bedeutung ist mit der zunehmenden Bedeutung ­ des Welthandels überhaupt im Wachsen. Die Versorgung des Mutterlandes mit Waren, die Ausfuhr mutterländischer Waren in alle Welt müßten durch eine Flotte geschützt werden, auch wenn kein Kolonialreich zu verteidigen wäre. Wenn dadurch auch ein Schutz der Kolonien erfolgt — insofern ja ein Teil des geschützten Warenverkehrs aus ihnen stammt oder für sie bestimmt ist —, so fällt ihnen damit ein Gewinn zu, der dem Mutterlande eigentlich keine Kosten verursacht. Diese Auffassung ist zeitweilig berechtigt gewesen. Man nahm an, daß eine weitschauende Politik, die die Tochtervölker gegen äußere Feinde schütze und ihnen eine ruhige innere Entwicklung verbürge, den politischen Zusammenhang eine Zeitlang aufrechterhalten werde, daß aber schließlich aus den lose verbundenen Tochtervölkern selbständige, dem Mutterlande wohlgesinnte, ­ aber unabhängige Staaten hervorgehen würden. — Diese Auffassung ist irrig gewesen. Die zunehmende Demokratisierung des Mutterlandes hat die gesellschaftliche Kluft zwischen Kolonien und Mutterland verengert. Die modernen Verkehrsverhältnisse und das moderne Nachrichtenwesen haben zu einer besseren Kenntnis ­ und zu größerem Verständnis auf beiden Seiten geführt. Die innere Selbständigkeit der Kolonjien ist fast vollkommen. Es gibt zwar an einzelnen Punkten Interessengegensätze, wie z. B. die Frage der indischen Einwanderung in die Kolonien. Die sich widersprechenden ­ Auffassungen von Mutterland und Kolonien haben indes zu keinem Konflikt, sondern zu freundschaftlichen Aussprachen geführt. ­ Vor allem aber hat sich die Stellung der Tochtervölker im internationalen Leben geändert. Die kolonialen Demokratien haben einst das gleiche Ziel verfolgt wie die Vereinigten Staaten von Amerika zu Beginn ihres staatlichen Daseins. Sie hofften, alle Kräfte der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung widmen zu können, ohne daß die Rücksicht auf äußere Feinde sie zu kost ­