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        <title>Berliner Banken</title>
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            <forname>Georg</forname>
            <surname>Bernhard</surname>
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        </author>
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            <idno>1047278480</idno>
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        ﻿1963

A

^1829
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        ﻿ctp? &lt;3 Großstadt-Dokumente &gt;

Herausgegeben von Hans Oftwald \%%/~\ /

=0 Band 8 C7=

Berliner sanken

von

Georg Kernhard

f

Berlin und Leipzig

Verlsg'von Hermann Seemann Nachfolger G. m. b.H.
        <pb n="3" />
        ﻿

Band 1—15 der Großstadt-Dokumente behandeln
.............1 folgende Themata: &gt;

1.	Dunkle Winkel in Berlin. Von Hans Ostwald.

2.	Die Berliner Bohöme. Von Julius Bad.

3.	Berlins drittes Geschlecht. Von 0r. Magnus Hirsch-

feld.

4.	Berliner Tanzlokale. Von Hans Ostwald.

6.	Zuhältertum in Berlin. Von Hans Ostwald.

8. Sekten und Sektierer in Berlin. Von Eberhard
Büchner.

7.	Berliner Kaffeehäuser. Von Hans Ostwald.

8.	Berliner Banken und Geldverkehr. Von Georg

Bernhard.

9.	Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung.

Von Albert Weidner.

10.	Berliner Sport. Von Arno Arndt.

11.	Das goldne Wiener Herz. Von Max Winter.

12.	Wiener Sport. Von vr. Otto Herschmann.

13.	Im unterirdischen Wien. Von Max Winter.

14.	Wiener Adel. Von Felix Salten.

1k. Wiener Theater. Von einem Eingeweihten.

-...... — Preis pro Band 1 Mark.	■ —

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.

Verlag von Hermann Seemann Nachfolger, Berlin SW.,
Tempelhofer Ufer 29.

Alle Rechte rom Verleger vorbehalten.
Botzberg'schc Buchdrucherei, Leipzig.
        <pb n="4" />
        ﻿Das Bankrnvrertel.

Me Großstadt nivelliert. In ihr taucht alles indi-
viduelle Leben unter und wird durcheinander gebrodelt,
wie in einem großen Hexenkessel. Und dieses wilde und
tolle Durcheinander, dieses kaleidoskopartig Zusammen-
gewürfelte verleiht ihr wiederum jenes Gepräge, das man
schlankweg den Großstadtcharakter zu nennen pflegt. Große
Städte hat Deutschland viel. Aber doch nur eine Groß-
stadt. Denn Hamburg, München, Breslau, Frankfurt,
Dresden und Leipzig tragen doch selbst nach Erreichung
ihrer heuttgen Größe immer noch den Stempel ihrer Ent-
stehung mit sich herum. Schiffahrt und Handel, die Börse,
die Universität, die Zahl der Fremden, das alles bestimmt
ihren Charakter, drängt sich dem, der nur wenige Stun-
den in ihren Mauern wellt, aus. Nichts von alledem
zeigt Berlin. Berlin hat viel Militär. Aber im Straßen-
gewoge Mt das dahermarschierende Regiment oder die
große Zahl der Offiziere viel weniger aus, als das eine
Bataillon oder die paar Regimenter, die in der Kreisstadt
oder der großen Provinzstadt garnisonieren. Berlin weist
allein aus der Universität, abgesehen von all den übrigen
Hochschulen, die größte Zahl von Studierenden aus, aber
die bunten Mützen und farbigen Bänder tauchen völlig
unter in dem Strom, den die hastige Geschäftstätigkeit
        <pb n="5" />
        ﻿4

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

Tag für Tag in die Straßen ergießt. Berlin dominiert in
der Textilbranche, herrscht in den verschiedenen Zweigen der
Keramik, leistet in der fabrikmäßigen Produktton aller mög-
lichen Artikel mehr als alle anderen Großstädte zusammen-
genommen, und doch muß man die Stadt genau kennen,
um an äußerlichen Merkmalen die immense Ausdehnung
dieser Zweige der Erwerbstättgkeit zu erkennen, die nirgend
aufdringlich und ostentativ in die Erscheinung treten.

Mit der Zentralisierung Deutschlands seit, der Reichs-
gründung ist Berlin auch die Führerin im Bankgewerbe
geworden. Die Börsen in Breslau, Dresden, Leipzig,
auch die in Frankfurt a. M. und Hainburg haben mehr
und mehr ihre Führerrollen an Berlin abgeben müssen.
Die Zahl der Berliner Bankiers ist immens gewachsen,
und doch tragen immer noch Frankfurt a. M. und Ham-
burg viel mehr das Gepräge von Städten, in denen
Börsenleute und Kaufherren herrschen. Nur ein äußer-
liches Zeichen deutet auf die Größe von Berlins bank-
geschäftlicher Tätigkeit hin: die Prachtbauten der Banken,
die dem Publikum das Bankenviertel viel sichtbarer
machen als z. B. das Konfekttonsviertel um den Haus-
vogteiplatz herum, weil sie meist in der Nähe der histo-
rischen Prachtstraße Berlins, der Straße „Unter den
Linden" liegen. Naturgemäß, wie in Paris und London
auch, reiht sich das Bankenviertel an die Börse an. Ein
paar Bank- und Maklerfirmen haben ihre Zelte in aller-
nächster Nähe der Börse aufgeschlagen; sie hausen in den
alten Häusern der „Heiligen Geiftgasse", die zum Teil an
die ehrwürdige Stadtgeschichte Berlins gemahnen und einst
den Grauen Brüdern zur Klosterherberge dienten. Aber die
hauptsächlichsten Bankenstraßen sind Behren-, Kanonier-
und Zägerstraße und die Straße „Unter den Linden".
Hier wohnen einzelne Firmen seit Jahrzehnten. Und
gerade die drei großen Berliner Bankhäuser, S. Bleich-
        <pb n="6" />
        ﻿Das Bankenviertel.	5

röder und Robert Warschauer &amp; Lo. in der Behrenstraße,
Mendelssohn &amp; Lo. in der Iägerstraße bewohnen noch heut
das alte schmucklos ehrwürdige Domizil, in dem sie sich in
ihren Anfängen präsentierten. Als die Straße Unter den
Linden und die Behrenstraße von der Bankwelt als Ge-
schästsviertel okkupiert wurden, waren sie die feinsten
Straßen des Berliner Westens. Denn der Tiergarten diente
wohl schon einigen besonders idyllisch veranlagten Billen-
besitzern zur Wohnstätte, doch war es jenseits des Branden-
burger Tores noch recht wüst und leer. Behrenstraße,
Taubenstraße, Französische Straße und Kanonierstraße
nebst den sie schneidenden Straßenzügen waren um die
Mitte des vorigen Jahrhunderts das Zentrum des geistigen
Berlins. Die Nähe der Universität, die Nähe des Schau-
spielhauses, die Nähe der Oper zwangen Künstler, Stu-
denten und Mäcene in diese Gegend. Die historische
Weinstube von Lutter &amp; Wegner an der Kreuzung der
Charlotten- und Französischen Straße legt Zeugnis davon
ab, die Namen Schleiermachers, Devrients, Dessoirs,
E. T. A. Hofsmanns, Mendelssohn-Bartholdys, um nur
einige, wie sie mir gerade einsallen, zu nennen, tauchen,
wenn wir an diese Gegend denken, in unserm Gedächtnis
auf. Hier wohnte „man" eben und hier ließen sich auch die
Bankherren nieder, angelockt einmal durch die Nähe der
Börse, anderseits aber auch durch die Möglichkeit, hier
gleich bei den Geschäftslokalen die passenden Privatwohn-
räume zu finden.

Nur ganz wenige von diesen Herren sind heute noch
im Bankenviertel ansässig. Die Geschäftslokale sind dort
geblieben, aber steigender Reichtum und wachsendes Luxus-
bedürfnis haben die Inhaber immer mehr westwärts ge-
trieben. Zunächst plutokratisierten sie das strenge Ge-
heimratsviertel vor dem Potsdamer Tor, bevölkerten die
Lenne-, Tiergarten- und Bellevuestraße und zogen sich
        <pb n="7" />
        ﻿6

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

dann schließlich über die Friedrich-Wühelm-, Königin- und
Kaiserin-Augusla-Straße durch die Drakestraße, Cornelius-
straße und Lichtensteinallee nach dem alten Teil des Kur-
ftirstendamms. Heute sind als Hochburgen der Bankiers
und Bankdirektoren der westlichste Teil des Kurfürsten-
damms, die Kolonie Grunewald und die herrliche Villen-
kolonie am Wannsee zu betrachten. Unverbrüchlich treu
aber blieb man dem Bankenviertel mit den Bureau-
räumen, und auch die meisten Neulinge verlegten ihre Ge-
schäfte in die Nähe der altansässigen Firmen, schon um sich
den Geschäftsverkehr mit ihnen zu erleichtern. So erhielt
sich denn das Berliner Bankenviertel ziemlich unverändert,
bis der Zug zum Riesenkapitalismus die Banken so groß
werden ließ, daß sie auch äußerlich die engen Wände
ihrer Wohnräume sprengten und immer größere, weitere
und ragendere Paläste aufbauten. Heut drücken diese
Bankpaläste dem Bankenviertel den Stempel auf. Eigent-
lich nur noch in der Voßstraße hat sich der schmucklose
Baustil, mit dem in früherer Zeit unsere Aktienbanken
vorlieb nahmen, erhalten. Das Gebäude der preußischen
Bodenkreditbank ist bereits etwas neueren Datums. Aber
das etwas monotone Außere anderer Bauten z. B. des
Gebäudes der Nationalbank für Deutschland läßt nicht
auf die geschmackvoll und manchmal etwas überreiche
Ausstattung der Znnenräume schließen.

Ganz anders wirkt das Zeichen der modernen Bauten
auf uns ein, die die Behrenstraße schmücken. Das Haus
der Mitteldeutschen Kreditbank fällt zunächst einem jeden
auf, der von der WUhelmstraße in die Behrenstraße ein-
biegt. Aber der Riesenblock, auf dem der Prunkbau der
Deutschen Bank sich erhebt, lenkt dann den Blick ab und
auf sich. Man hat die Deutsche Bank aus Gründen, die ich
später noch erwähnen werde, die Mammutbank genannt.
Wer von ihrer geschäftlichen Bedeutung und Ausdehnung
        <pb n="8" />
        ﻿Das Bankenviertel.

7

Keine Ahnung hätte, würde diesen Namen billigen, wenn
er das ständige äußere Wachstum des Gebäudes verfolgt
hätte. Schon heute erstreckt sich der Bankpalast in der
Behrenstraße von der Mauer- bis zur Kanonierstraße und
geht bis zur Französischen Sttaße durch, und in gar nicht
langer Zeit wird das ganze Häuserkarree den Bankbau
umfassen. Zwar nicht von ganz derselben räumlichen
Ausdehnung, aber immerhin auch sehr stattlich ist das
Haus der Dresdener Bank, das namenüich durch die
Weiße des Materials und die freie Lage am Opernplatz
gegenüber der Universität auffällt. Auch die Dresdener
Bank wird sich demnächst erheblich erweitern, sie hat die
Häuser erworben, die ihr Gebäude mit dem stattlichen
Prunkbau der verkrachten Pommernbank verbinden, in-
dem die Deutsche Genossenschaftsbank, die vor kurzem
von der Dresdener Bank ausgekauft wurde, ihr Domizll
hier aufgeschlagen hat. Ein ebenfalls prächttges Gebäude
nennt die Direktton der Diskontogesellschast ihr eigen,
das nach den Linden hinaus eine einfache, dafür aber
nach der Behrensttaße eine um so prächttgere Fassade zeigt
und im Innern geradezu prunkhast mit Marmor ausge-
stattet ist. Weniger groß und anspruchvoll im Äußeren,
dafür aber sehr eigenarttg ist das Haus der Berliner Han-
delsgesellschaft, das vom Professor Messel, dem Schöpfer
des neuen Wertheimbaues, erdacht und ausgeführt ist.
Freilich, das Haus ist nicht jedermanns Geschmack, und
so wunderbar es Messel in seiner Wertheim-Schöpsung
verstanden hat, dem prakttschen Zweck die künstlerische
Form anzupassen, so wenig eigenarttg ist das Meffelsche
Bankgebäude. In nichts unterscheidet es sich eigentlich
von den übrigen Zweckbauten dieser Art als durch eine
gewisse Koketterie mit anscheinend einfachen, im Grunde
ober doch recht bizarren Formen.

Einen gewissen pikanten Reiz hat das Gebäude der
        <pb n="9" />
        ﻿8 Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

Berliner Bank, das sich an der Ecke der Behren- und
Lharlottenstraße erhebt und bis zur Rosmarienstraße
reicht. Mit seinem Glasdach und dem ganz eigentüm-
lichen Ausbau der Parterreräumlichkeiten nimmt es sich
beinahe wie ein vornehmes Landschloß in Versaille oder
St. Eloud aus. Seit kurzem hat die Kommerz- und Dis-
kontobank ihren Sitz hierher verlegt, die sich die Ber-
liner Bank vor einiger Zeit angliederte.

Die Physiognomie des Bankenviertels unterscheidet
sich nur zu gewissen Tageszeiten von der anderer Berliner
Straßenviertel. Des Abends und des Nachts wird sie
wesentlich beeinflußt durch das Berliner Nachtleben, das
von der Friedrichstraße aus bis hierher seine Wogen
sendet. Das Metropoltheater und die zahlreichen Wein-
und Bierrestaurants, namentlich aber auch die von den
Linden bis zur Behrenstraße sich erstreckende Passage er-
leichtert das Eindringen und Festsitzen nächtlicher Ele-
mente. So spät das Leben im Bankenviertel Schluß
macht — schon deshalb, weil ein erheblicher Teil der
Berliner Demimonde sich hier niedergelassen hat — um
so später erwacht auch hier das Leben. Die Banken und
Bankgeschäfte pflegen vor neun Uhr ihre Kasse nicht zu
eröffnen, und erst wenige Minuten vor dieser Zeit flutet
die Schar der Angestellten aus der Stadt und den Vor-
orten in die Paläste hinein. Während des ganzen Tages
behält besonders die Behrenstraße ihren vornehmen An-
strich. Wenn man von der Voßstraße absieht, in die das
Wertheimsche Warenhaus so etwas wie einen demokra-
tischen Zug hineingetragen hat, hält sich im gesamten
Bankenviertel der Verkehr in relativ engen Grenzen. Zu
gewissen Stunden des Vormittags bilden die Bankboten
— durch Geldtasche oder Uniform kenntlich — das Haupt-
kontingent der Passanten. Dazwischen sieht man Equipagen
vor die Tore der Vankenräume rollen. Um die Mittags-
        <pb n="10" />
        ﻿Das Bankenviertel.

9

stunde beginnt die Auswanderung zur Börse. Ein Teil der
Herren Lhefs und der Bankdirektoren verläßt schon kurz
nach elf Uhr die Bureaus, um zu frühstücken. Die Wein-
restaurants von Ewest in der Vehrenstraße und Hupka
in der Markgrafenstraße bilden die kulinarischen Zentren
der Berliner Bankenwelt. Hier am Frühstückstisch wird
die Börse vorbereitet und hier ist schon manches Geschäft
von erheblicher Wichtigkeit eingeleitet worden. Man darf
glauben, daß die Zählkellner jener Restaurants manch
armem Schlucker an der Börse durch das, was sie vom
intimen Stammtischgespräch erlauschen, ein Vermögen ver-
schaffen könnten.

Rach der Börse kehrt ein Teil der Beamten und
Direktoren direkt in die Bureaus zurück. Der Rest
kommt etwa um die Stunde, wo die Kaffen ihre Pforten
zu schließen beginnen. Wenn nicht gerade Ultimo ist, so
beginnt spätestens in der siebenten Stunde der Exodus
der Bankleute, und kurz darauf bemächtigt sich das Ver-
gnügen der stillen Straßen, die während des Tages den
Charakter ernster Arbeit und Würde zur Schau tragen.
        <pb n="11" />
        ﻿Im Bankpalast

Es ist kurz vor der Mittagsstunde. Mit einem
kleinen Trupp von Boten gehen wir mit neugierigem
Blick durch das hochgewölbte Portal des Bankpalastes.
Der Portier schaut unter seiner Uniformmütze mit souve-
ränem Gleichmut die Passanten an. Sein Ausdruck
wechselt nur, wenn er Bekannte erblickt. Entweder be-
freundete Bankboten, die er nun schon jahraus jahrein
mit demselben kollegialischen Kopfnicken begrüßt. Oder
solche Personen, die er als Intime der höheren Be-
amten oder Direktoren kennt und vor denen er mit steif
formeller Höflichkeit die Mütze zieht.

Der Weg führt in den Kassenhof. Er ist bei säst
allen Banken gleichmäßig ausgebaut, und auf seine
Ausstattung ist, da er nächst der Außenfassade des Ge-
bäudes das am meisten der Öffentlichkeit gezeigte Schau-
objekt bildet, viel Geld und Geschmack verwandt. Wir
haben einen Scheck einzulösen und wenden uns an den
der Tür zunächst gelegenen Schalter. Aber der Kassen-
beamte weist uns höflich daraus hin, daß über dem
Schalter in deutlichen Lettern „Effekten" zu lesen steht.
Das heißt: Hier liefern Publikum und Bankwelt die
Aktien, Obligationen und Pfandbriefe ein, die sie durch
die Bank zu verkaufen wünschen, oder nehmen die Effek-
ten in Empfang, die sie durch die Bank oder von ihr ge-
        <pb n="12" />
        ﻿Im Bankpalast.

11

kauft hoben. Unser Blick irrt suchend in der Runde umher.
Überall hinter den Glaswänden sehen wir die Kommis in
emsiger Tätigkeit sitzen. In der Nähe der Schalter oder
vorn in der vordersten Reihe die Kassierer. Zwischen ihnen
eilen uniformierte Boten und Laufjungen in geschwinder
Hast hin und her. Zn der gerundeten Glaswand be-
finden sich eine Menge Schalterfenster, und über jedem
steht eine andere Inschrift. Jede Inschrist deutet ein
besonderes Kassenressort an. An der Einzahlungs- und
Auszahlungskasse werden die großen Zahlungen geleistet;
hier handelt es sich entweder um die Abwicklung von
Millionengeschästen oder es werden hier die Gelder er-
hoben oder zurückgezahlt, die die Bank an der Börse
ausgeliehen hat. Dicht daneben befindet sich die Coupon-
kasse. Sie dient der Einlösung der Zinsscheine der fest
verzinslichen Wertpapiere oder der Dividendenscheine der
Aktien, bei deren Geburt meist die Bank Gevatter stand.
Aber nicht nur die Dividenden derjenigen Aktiengesell-
schaften werden hier bezahlt, die die Bank selbst ins
Leben rief, sondern auch derer, mit der die Bank in
engerer Geschäftsverbindung steht. Für alle bei ihr einge-
lösten Scheine bekommt die Bank von den Gesellschaften
eine kleine Provision. Im Vorüberschreiten werfen wir
noch einen neugierigen Blick auf die Wechselkasse, wo
gerade eben ein Wechsel, den ein Kunde bei der Bank
Zahlbar gemacht, von dem Boten einer anderen Bank
sum Einlösen präsentiert wurde. Endlich stehen wir vor
dem richtigen Schalter, wo schon mehrere, die vor uns
kamen, warten. Der Kassierer nimmt den Scheck ent-
gegen und läßt durch einen Beamten das sogenannte
Avisbuch einsehen, um zu konstatteren, ob der Geschäfts-
freund der Bank, der uns den Scheck sandte, die Entnahme
vorher angekündigt hat. Der Scheck ist in Ordnung, aber
er kann noch nicht gezahlt werden, da wir als Legiti-
        <pb n="13" />
        ﻿12 Großstadt-Dokumente 93b. 8. Berliner Banken.

matton für den Kunden unsere Empsangsquittung noch
auf feine Rückseite setzen müssen. Der Beamte weist
uns an eins der Schreibpulte, die sich in der Mitte des
Schalterraunres befinden. Durch das Glasdach des
Kassenhofes strömt das volle Tageslicht gedämpft her-
nieder und ermöglicht selbst die Erledigung längerer
Schreibereien. Alle Formalitäten sind jetzt erledigt. Das
Geld ruht sorgsam verwahrt in der Brieftasche, und wir
könnten uns jetzt der Zahl von Besuchern zugesellen, die
durch das Hauptportal den Palast zu verlassen sich an-
schickt. Aber unser Geschäftsfreund hat uns gebeten, in
seinem Austrage bei der Direktion des Znstituts für ihn
noch wegen einer wichtigen geschäftlichen Angelegenheit
vorzusprechen. An einer Türe, die neben dem Ausgang
aus dem Kassenraum liegt, steht in schweren vergoldeten
Glasbuchstaben die Aufschrift: Direktton. Auf einer
breiter: Marmortreppe über schwere, jeden Tritt geräusch-
los machende Teppiche steigen wir in die erste Etage
empor. Der Raum ist hoch. Auf den breiten Wandel-
gang, der ebenfalls mit schweren Teppichen belegt ist,
führt eine Menge schwerer, eichener Türen hinaus; Diener,
Zungens, Beamte mit Mappen und Schristftticken eilen
im Laufschritt an uns vorüber. Man merkt unwillkürlich:
hier sitzt die Maschine, die das Ganze treibt. Zn einem fort
hört man Klingelzeichen. Türen öffnen und schließen sich.
Ein Diener weist uns auf unsere Anfrage an das Ende
der Wandelhalle. Dort befindet sich so eine Art Diener-
zimmer. Wir übergeben unsere Karte einem Boten, der,
nachdem er uns noch veranlaßt hat, auf einen vom Block
gerissenen Zettel über den Zweck unseres Besuches, einige
Worte mit Bleistift aufzuzeichnen, hinter einer der großen
Türen verschwindet. Rach wenigen Sekunden kommt
er zuriick, un: mit uns in eins der Zimmer einzutreten.
Zwei Türen schließen sich hinter uns, denn jedes dieser
        <pb n="14" />
        ﻿Im Bankpalast.

13

Zimmer besitzt außer der vom Wandelgang her sichtbaren
Tür noch eine zweite, die vermittels eines dicken Polster-
überzuges den Schall von außen und innen absängt.
Wir befinden uns in einen: Sprechzimmer. Zeder Direk-
tor hat neben seinen: Bureauraum ein solches Zimmer
zur Verfügung. Er empfängt nur seine ganz Zntimen
in dem hohen, teppichbelegten Raum, der ihm als stän-
dige Arbeitsstätte dient. Zm Sprechzimmer steht hinter
einem kleinen Tisch mit dem notwendigsten Schreib-
material ein mehr oder weniger altes, elegantes Sofa,
das von ein paar Sesseln flankiert wird. Für eine Be-
sprechung mit einer größeren Personenzahl stehen Kon-
ferenzsäle zur Verfügung.

Zm Verlaus der Unterredung, die wir mit dem
Direktor führen, erweist es sich als nötig, einen der
Börsenvertreter des Instituts zu infornüeren; die Börsen-
bureaus, sowie die Zimmer der Korrespondenten, die die
wichtigsten Angelegenheiten erledigen, pflegen in nächster
Nähe der Direktionsräume zu liegen. Da noch einige
Nebenfragen an der Hand der Angaben des Buchhalters
Lu erledigen sind, bittet der Kürze halber der Direk-
tor, uns gleich selbst in die Buchhalterei hinaufzubemühen.
Der Börsenvertreter begleitet uns. Je höher die Treppe
hinaufführt, um so schmaler und schmuckloser wird sie, und
wit desto weniger Eleganz präsentieren sich uns die Korri-
dore. Auch in der Bankwelt gilt eben die der Öffentlichkeit
zugewandte Oberfläche mehr, als das Innere, in welches
bas Tageslicht nur wenig einzudringen vermag. Die
Näume, wo die Buchhalter der verschiedenen Abteilungen
fitzen, find zwar hell und machen einen freundlichen
Gesamteindruck, aber in Anbetracht der großen Zahl von
Beamten, die hier beschäftigt sind, kann man nicht ge-
rade von einer Raumverschwendung sprechen. Die Pulte
stehen ziemlich eng beieinander und lassen, wenn die großen
        <pb n="15" />
        ﻿14

Großstadt-Dokumente Bd, 8. Berliner Banken.

Folianten, die persönliche Konten der gesamten Kund-
schaft enthalten, ausgeschlagen sind, nicht mehr viel Platz
übrig. Eine moderne Großbank braucht zur Führung
dieser persönlichen Konten natürlich eine Menge Buch-
halter, die meist nur einen Buchstaben des vielgestaltigen
Kundenregisters zu bearbeiten haben.

Beim Verlassen der Buchhalterei gehen wir wieder
den langen Korridor herunter und kommen an einer
Tür vorbei, an der ein Schild mit der Aufschrift „Archiv"
prangt. Wir bitten, uns dieses, uns bisher ganz unbe-
kannte Bankbureau einmal ansehen zu dürfen. Unserer
Bitte wird bereitwillig entsprochen. Der Archivar, ein
fteundlicher Herr, erklärt uns Wesen und Ausgabe der
Bankarchive. Die Archivabteilung bildet in unserem Bank-
betrieb eine verhältnismäßig junge Einrichtung. Sie birgt
gewöhnlich die Bibliothek der Bank, die vornehmlich
naturgemäß eine Sammlung von Zeitungen, Zeitschriften,
juristischen, nationalökonomischen und staüsttschen Büchern
umfaßt. Das Archiv dient aber außerdem zur ständigen In-
formation für die Angestellten und Direktoren. Hier wer-
den des Morgens die Zeitungen gelesen und nach An-
streichung der interessierenden Stellen an die Direktion
und die Oberbeamten weiter gegeben. Alle Geschäftsbe-
richte der Aktiengesellschaften und Gesellschaften mit be-
schränkter Haftung, Berichte der in- und ausländischen
Filialen werden hier sorgfältig gesammelt. Die Archivare
sind zumeist akademisch gebildete Herren, an deren Kennt-
nis sehr große Anforderungen gestellt werden. Sie müssen
die Vorarbeiten und staüsttschen Ausstellungen machen,
die die leitenden Persönlichkeiten zur Beurteilung an sie
herantretender Geschäfte benöttgen. Sie müssen auch die
Exposös ausarbeiten, die in Form von Waschzetteln an
die Presse anläßlich der Emission neuer Börsenpapiere
ausgegeben werden. Jedes größere Bankarchiv beschäf-
        <pb n="16" />
        ﻿Im Bankpalast.

15

tigt neben dem leitenden Archivar eine größere Anzahl
von Akademikern. Bei den meisten Banken wird im
Archiv auch die Vergebung der Inserate an die Presse
besorgt.

Mit Bewunderung scheiden wir aus dem mit Büchern,
Atlanten und Registraturmappen vollgepfropften Raum.
Nachdem wir noch einen Blick in das Kellergewölbe ge-
worfen haben, in die in Stahl gepanzerten Abteilungen,
die eigenen und der Bank anvertrauten, treten wir wieder
aus die Straße hinaus, die in der mittäglichen Ruhe
gegenüber dem Treiben, das wir eben in der Bank
kennen gelernt haben, einen auffallend Men Eindruck
macht.
        <pb n="17" />
        ﻿Die Macht der Großbanken

Die Berliner Bankwelt, insoweit sie heute das Groß-
bankentum repräsentiert, setzt sich aus zwei Elementen
zusammen. Aus den Einheimischen, die man in Frank-
furt a. M. „de Hiesige" nennen würde, und den Zuge-
wanderten. Die vier Banken, deren Größe von Berlin
aus ihren Ausgang nahm, sind die Direktion der Dis-
kontogesellschaft, die Deutsche, die Berliner Handelsgesell-
schaft und die Nationalbank für Deutschland. Die Di-
rektion der Diskontogesellschast wurde im Zähre 1851,
wenn auch in anderer Form wie heute, von David Hanse-
mann gegründet, dem Lhef der Preußischen Bank, der
im Revolutionsjahre Preußens Handelsminister war.
Die Deutsche Bank ward 1870 zum Zweck der Pflege
des auswärtigen Handels ins Leben gerufen. Die Ber-
liner Handelsgesellschaft entstand 1866, und die National-
bank für Deutschland trat zunächst im Zähre 1881 aus
den Plan. Von den zugewanderten Banken, die ur-
sprünglich nur Filialen in Berlin errichtet hatten, später
aber, wenn auch nicht juristisch, so doch faktisch immer
mehr den Schwerpunkt ihrer geschäftlichen Tätigkeit nach
Berlin verlegten, ist die älteste die Bank für Handel und
Industrie (Darmstädter Bank). Viele Zahre später kam
die Dresdener Bank, von der die Außenstehenden heute
kaum noch wissen, daß sie in Berlin nur eine Zweignieder-
        <pb n="18" />
        ﻿Die Macht der Großbanken.

17

lassung, ihren Stammsitz aber in Dresden hat. Später
ließen sich in Berlin die Mitteldeutsche Kreditbank, der
Schasshausensche Bankverein, die Breslauer Diskonto-
bank und die Kommerz- und Diskontobank aus Ham-
burg nieder. Während die Breslauer Diskontobank
bald durch ihre teilweise Angliederung an die Darmstädter
Bank von der Berliner Bildsläche wieder verschwunden
ist, hat die Kommerz- und Diskontobank jüngst die durch
die letzte Krise stark geschwächte Berliner Bank, die zum
großen Bankenzirkel eigentlich nie gehört hat, in sich aus-
genommen.

Die Berliner Aktienbanken präsentierten am Schluß
des Jahres 1903 mit ihren Reserven eine Kapitalsmacht
von ca. 1,2 Milliarden Mark. Fast alle diese Institute
sind mit verhältnismäßig kleinen Kapitalien gegründet
worden, und es hat geraume Zeit gedauert, bis sie ihre
heutige Macht entsalten konnten. Diese weitgehende
Entwicklung zum Großbetrieb ist zum Teil im Zuge der
Zeit begründet. Aber es kamen, wie ich später noch
genauer ausführen werde, in den allerletzten Jahren
eine Menge von außerordenllichen Umständen, z. B. auch
die moderne Börsengesetzgebung, den Banken sehr zu-
statten. Sie verdrängten immer mehr den Privatbankier
und zogen stetig weitere Kreise der Kundschaft an sich.
Äber gleichzeitig waren sie eifrig am Werk, nicht nur
die Bankenkonzentration in Berlin zu fördern, sondern
vor allem auch das Bankgeschäft in der Provinz in ihre
Abhängigkeit zu bringen. Die Berliner Banken kauften
die Aktien, oder doch wenigstens einen Teil der Aktien
der Provinzbanken auf. Wenn diese Provinzbanken in
ihrer Mehrzahl als selbständige Institute bestehen blieben,
s° hat das doch lediglich juristische Bedeutung, tatsächlich
ist ihr Hauptaktionär eine Berliner Bank, und in ihrem
Äufsichtsrat sitzt ein Direktor aus Berlin, der auf die

2

X
        <pb n="19" />
        ﻿18

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

' Führung ihrer Geschäfte bestimmenden Einfluß hat. Das
erste Beispiel einer Interessengemeinschaft zwischen einem
Berliner Institut und einer Provinzbank war die Ver-
bindung der Diskontogesellschaft mit der Norddeutschen
Bank in Hamburg. Später gliederte sich die Deutsche
Bank den Bergisch - Märkischen Bankverein und den
Schlesischen Bankverein in Breslau an. Und heute ist
fast jede Bank in Berlin von einer ganzen Schar von
Provinztrabanten umgeben, oder sie hat in allen mög-
lichen Orten des Reiches Filialen, die für sie tätig sind.

Aber was in der Hauptsache den enormen Einfluß
ausmacht, den die Banken in unserm modernen Wirt-
schastsorganismus innehaben, ist ihr eigenartiges Ver-
hältnis zu unserer Industrie. Zwischen der englischen
Bankwelt und der deutschen besteht, wie allgeniein be-
kannt, ein sehr wesentlicher Unterschied. Die englischen
Banken sind Depositenbanken. Ihre Hauptbeschäftigung
war von jeher, aus dem frühzeitig kapitalistisch ent-
wickelten Lande die freien brachliegenden kleinen Kapi-
talien an sich zu ziehen und diese zu verwalten, bezie-
hungsweise sie zu Zwecken des Kreditbedürfnisses im
Lande zu verwenden. Da diese Verwaltung der Depo-
sitengelder bei ihnen in erster Reihe stand, so sahen sie,
teils freiwillig, teils durch die Gesetzgebung gezwungen,
davon ab, ihr Geld in riskanten Geschäften, z. B. den
Gründungen von Aktiengesellschaften, festzulegen. Ganz
anders die deutschen Banken. Als sie entstanden, da
war die deutsche Volkswirtschaft noch lange nicht so
entwickelt, daß große Geldinstttute in der Verwaltung
von Spar- und Depositengeldern ein nutzbringendes
Geschäft hätten sehen können. Die deutschen Banken
wurden vielmehr gerade, ähnlich wie die stanzösischen
Banken, zu dem Zweck gegründet, die Entwicklung der
deutschen Wirtschaft zu fördern, indem sie bestehende
        <pb n="20" />
        ﻿Die Macht der Großbanken.

19

industrielle Unternehmungen zu Aktiengesellschaften um-
wandelten oder neue Aktiengesellschaften gründeten. Die-
ses Gründungsgeschäst hat für das deutsche Bankwesen
manche Gefahren mit sich gebracht, hat aber anderseits
doch auch ihren dominierenden Einfluß auf Industrie
und Handel begründet. Die kapitalistische Wirtschaft hat
natürlich auch in der Industrie den Zug zum Großbe-
trieb begünstigt. Die Notwendigkeit, konkurrenzfähig zu
bleiben, stellt so große Anforderungen an die Kapitalkraft
der industriellen Unternehmer, daß nur noch die Form
der Aktiengesellschaften die großen Kapitalien auftreiben
kann. In immer mehr Industriezweige hält die Aktien-
gesellschaft ihren Einzug, und ihr aus dem Fuße folgt
die Macht der Banken. Man hat zwar behauptet, es
sei falsch, von einer gesteigerten Abhängigkeit der Aktien-
industrie in der Bankwelt zu reden; vielmehr könnten
die Banken mit demselben Recht, mit dem Friedrich der
Große sich als den ersten Diener des Staates bezeich-
nete, von sich sagen, daß sie die ersten Diener der In-
dustrie seien. Wie die Dienerrolle der Banken aussieht,
wird nian am besten ermessen können, wenn man sich
einmal vorstellt, welches Übergewicht schon im persön-
lichen Leben der Geldgeber dem Schuldner gegenüber
desitzt. Nun ist gewiß die Bank nicht im eigentlichen
Sinne des Wortes Geldgeber der industriellen Aktien-
äesellschast, aber sie vermittelt ihr doch den Aktienkredit
an der Börse und sehr, sehr oft stellt sie ihr wohl auch
direkt Gelder auf längere oder kürzere Fristen zur Ver-
fügung. Wesentlich ist das Verhältnis, das sich zwischen
den Direktoren und den Aussichtsräten im Lause der
Zeiten herausgebildet hat. Ursprünglich war der Aus-
sichtsrat als ein Kontrollorgan der Direktion gedacht.
Beide Instanzen sollten sich völlig unabhängig gegen-
überstehen. Dem Akttonär sollte beider Arbeit zugute

2*
        <pb n="21" />
        ﻿20

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

Kommen. Die Praxis hat diese Verhältnisse einer sehr
durchgreifenden Änderung unterzogen. In den aller-
meisten Fällen ist die Direktion ins Hintertreffen geraten.
Sie ist lediglich noch Werkzeug in der Hand ihrer Aus-
sichtsräte.

Formell herrscht natürlich der Akttonär. Aber ein
trauriger Herrscher ist er. In vereinzelten Exemplaren
erscheint er in den Generalversammlungen. Die Banken
sind's, die dort den Ton angeben. Und die Direktoren
dieser Banken bilden den Aufsichtsrat. Alljährlich min-
destens einmal — in der ordentlichen Generalversamm-
lung — wird dem Aktiendirektor so die Macht seines
Auffichtsrats ad oculos demonstriert.

Lin gewöhnlicher Sterblicher muffte wenigstens im
Besitz der Aktien sein, die ihm die Macht geben. Die
Bank hat das nicht nötig. Sie braucht nur bei ihrer
Kundschaft herumzufragen, die bei ihr die Aktien im
Depot liegen hat, und ihr wird bereitwillig die Ver-
tretung für die Generalversammlung übertragen.

Bei den meisten Gesellschaften ist heute das Bank-
interesse dominierend. Daß bei Beratungen über die
Frage, ob im Fall eines Kapitalbedarfs junge Aktien
oder Obligationen ausgegeben werden sollen, die Mei-
nung des Bankdirektors den Ausschlag gibt, ist selbst-
verständlich. Der Aktiendirektor mag ein noch so tüch-
tiger Fach- und Geschäftsmann sein, in der Beurteilung
des Geldmarkts ist ihm der Bankmann überlegen. Aber
die Bankdirektoren haben es verstanden, allmählich die
Geldmarktinteressen ganz erheblich in den Vordergrund
zu schieben. Das zeigt sich besonders bei der Dividen-
denverteilung. Die Höhe der Dividende wird natürlich
wesentlich von der Höhe der notwendigen Abschreibun-
gen und Rückstellungen beeinflußt. Für diese Rücklagen
sollte einzig und allein das Bedürfnis der Gesellschaft
        <pb n="22" />
        ﻿21

Die Macht der Großbanken.

maßgebend sein. Gs sollte. Aber es ist es nicht. Es
hat sich auch bei den wenigen selbständigen Direktoren
die Gewohnheit herausgebildet, zuerst zu bestimmen, wie-
viel Dividende verteilt werden soll und dann erst — von
dem, was zu guter Letzt übrigbleibt — die Abschreibungen
zu verteilen. Wonach bestimmt man aber die zu zah-
lende Dividende? Nach dem Kurs, den die Aktien an
der Börse haben. Der Direktor setzt seinen Ehrgeiz
darein, den derzeitigen Akttonären eine angemessene Rente
zukommen zu lassen. Hat er bei einem Kurs von 200%
zehn Prozent Dividende verteilt, so hält er sich, bei dem-
selben Erträgnis wie im vorangegangenen Jahre, für
verpflichtet, einen Teil des Gewinnes zu verstecken, wenn
die Börse seine Aktien um den Abschlußtermin herum
aus irgendwelchen allgemeinen Gründen nur mit pari
bewertet. Dabei sollte ihn doch eigentlich nur das Nomi-
nalkapital seiner Aktten etwas angehen.

So sendet bis in die enüegensten Ecken der Zndu-
striegesellschasten die Bankenherrschast ihren Widerschein.
Sie hat eine tiefgreifende Änderung in der Gesamtstruk-
tur unserer Wirtschaft zur Folge gehabt. Die einzelnen
Fndustriedirektoren sind mehr und mehr auf die Stufen
von Ressortchefs herabgedrückt worden. Die eigentliche
geschäftliche Leitung liegt entweder in den Händen der
Syndikatsvorstände, in denen die Banken indirekt ver-
beten sind, oder direkt in den Händen der Bankdirek-

tionen. Von einzelnen Zentralpunkten aus erfolgt also
heute schon die Leitung ganzer Gruppen industrieller
Gesellschaften. Dieser Zentralpunkte werden immer

^Eniger. Und je mehr sich die oberste Leitung auf
emem Punkt konzentriert, um so rapider ist der wirt-
schaftliche Fortschritt.

Einen kleinen Renrill nnn beni Macktbereick der
        <pb n="23" />
        ﻿22

Großstadt-Dokumente Bd, 8. Berliner Banken.

daß die Interessengemeinschaft Dresdener Bank—Schaff-
hausenscher Bankverein allein etwa 93 Akttengesellschasten
kontrolliert. Bei der Deutschen Bank und der Diskonto-
gesellschaft wird das Verhältnis ebenso, wenn nicht noch
größer sein. Wir haben danach kaum Anlaß, über die
Herrschaft der amerikanischen Trusts zu zetern.

Diese Ausbreitung der Banken, ihre Verschmelzung
zu großen Gruppen ist natürlich für die Ausbildung der
Technik des Bank- und Geldwesens von einer ganz
außergewöhnlichen Bedeutung. Schon die dadurch be-
dingte Ausdehnung und Vereinfachung des Giroverkehrs
bedeutet einen immensen Fortschritt in einer Wirtschafts-
ordnung, deren hauptsächlichste Finanzkunst darin besteht,
den Bedarf an dem für sie so kostbaren Bargeld stetig
mehr zurückzudrängen. Der Kapitalismus wird hier zur
höchsten Vollendung gebracht. Und sogar zu einer Fort-
entwicklung in weitere Fernen wird hier schon der Weg
gewiesen. Viel zu wenig Beachtung hat bisher die
Tatsache gefunden, daß bereits heute jede Bank eine
Börse für sich bildet und daß die eigentliche Börse mehr
und mehr zur bloßen Ausgleichstelle für die verschiedenen
Banken herabsiirkt. Über die Möglichkeit einer markt-
losen Gesellschaft wird viel gestritten. Stehen wir denn
nicht mit einem Fuße in ihr?
        <pb n="24" />
        ﻿Die Hautefinance.

Das Publikum liest in den Zeitungen so oft den
Ausdruck Hautefinance oder hautebanque, daß ihm diese
Wort sicherlich in hohem Matze geläufig sein werden. Aber
der Begriff, den sie deckten, wird vielfach mißverstan-
den. Es ist wohl die allgemeine Annahme, daß zur
hohen Finanzwelt alle Bankiers gehören, deren Kapital
über eine gewisse Summe hinausgeht. Aber nichts wäre
falscher, als eine solche Annahme. Der Begriff ist nicht
genau zu definieren. Die Hautefinance ist keine durch
Gesetz und Rechte nach außen abgeschlossene Körperschaft,
aber wie das oft zu geschehen pflegt, ist ihre Abschlietzung
noch enger gerade dadurch, daß sie auf ungeschriebenem
Gewohnheitsrecht beruht. Die Hautefinance ist auch kein
Aub, dessen Mitglieder durch Ballotage darüber abstimmen,
ab irgendein Neuling als vollgültiges Mitglied in ihre
Zeihen aufzunehmen ist; der eigentliche Schiedsrichter in
dieser Frage ist die Meinung der Börse, und sie beschließt
keineswegs lediglich nach dem Geldbeutel. Eine ganze Reihe
non Firmen und Banken, deren finanzielle Potenz über
allen Zweifel erhaben stand, deren Wechsel von den Börsen-
leuten zum billigsten Prozentsatz hereingenommen wurden,
sind niemals zur Hautefinance gerechnet worden. FreUich,
die Direktoren jener Banken und die Chefs jener Bank-
häuser haben selbst sich selbst das Ansehen zu geben versucht,
das die öffentliche Meinung ihnen vorenthielt, aber man
        <pb n="25" />
        ﻿24

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

hat ihr Bestreben niemals ernst genommen. Die Börse
unterschied höhnend zwischen der Hautefinance und der
Hutfinanz, deren Mitglieder mit blankgebügeltem Zylinder
an der Börse einherstolzierten.

Die Hautefinance stellt gewissermaßen den Börsen-
adel dar. Und merkwürdig ist, daß gerade im Mittel-
punkt des Kapitalismus das Adelsprädikat durch Geld
nicht erworben werden kann. Man kann aber auch hier
den Unterschied — sit venia verbo — zwischen Schwert-
adel und Briesadel machen. Voraussetzung für beide ist
aber eine gewisse Tradition. Der Börsenadel wird nie-
mals wegen eines einmaligen Verdienstes, das gewöhnlich
der Laune des Augenblicks entsprang, verliehen. Zum
Schwertadel gehören noch nicht einmal alle Bankhäuser,
die schon ein Jahrhundert oder länger in Berlin ihr Ge-
schäft betreiben. So hat z. B. die Firma Brendel &amp; Go.,
die jüngst durch die Schwindeleien ihres Kassierers zu-
sammenbrach und schon im Jahre 1778 gegründet worden
ist, niemals zur Hautefinance gehört. Auch die sehr an-
gesehenen Häuser L. M. Bamberger, Z. Z. Earo,
Zacquies &amp; Securius, E. 91. Engelhardt, ja selbst Breest
und Gelpcke sind niemals zu dieser Elitetruppe der
Berliner Börse gerechnet worden. Dagegen hat die im
Fahre 1775 gegründete Firma M. F. Fetschow &amp; Sohn,
deren Bedeutung sehr nachgelassen hat, eine Zeitlang
ebenso wie die Firma Anhalt &amp; Wagner, deren Grün-
dung ins selbige Fahr fällt, die Ehren dieser Zugehörig-
keit genossen. Berlins älteste Bankfirma Splittgerber &amp;
Daun, die jetzt durch das Bankhaus Gebr. Schickler
repräsentiert wird, hat sich, obwohl sie keine Rolle
mehr im modernen Bank- und Börsenleben spielt, bis
auf den heutigen Tag in dem exklusiven Zirkel er-
halten. Heute gehöret neben den Mendelssohns, Bleich-
röders und den Inhabern der stüheren Firma Rob. War-
        <pb n="26" />
        ﻿Die Hautefinance.

schauer L Lo., zur Hautefinance eine Reihe in der Öffent-
lichkeit so gut wie gar nicht bekannter Firmen, wie z. B.
Gebrüder Veit &amp; Lo., 91. Heisst &amp; Lo., Gebr. Arons, Gebr.
Meyer, E. I- Meyer, Meyer &amp; Lo., deren Inhaber mit
den anderen Mitgliedern der Hautefinance tellweise ver-
schwägert sind.

Interessant ist die Stellung der Bankdirektoren. Sie
werden scheinbar durch das hinter ihnen stehende Bank-
kapital oo ip8o befördert, aber wie schon oben ausgeführt,
ist es mancher Bank, wie z. B. der früheren Internatio-
nalen Bank, der Breslauer Diskontobank, der Berliner
Bank und der Deutschen Genossenschaftsbank, niemals ge-
lungen, ihre Geschäftsinhaber resp. Direktoren für die hohe
Finanzwelt reif zu machen.

Wenn man von den Direktoren der Banken absieht,
die im Gegensatze zu den Lhess der alten Berliner Bank-
häuser gewissermaßen den Börsenbriefadel repräsentieren,
kann man sogar die Regel aufstellen, daß seit den Gründer-
jahren keine neue Adelsprädikate von der Börse verteilt
worden sind. Die alten Firmen hatten sich ihren Adels-
rang bereits in den Kämpfen um die Vorherrschaft der
Berliner Börse erworben, die sich vorher abspielten.
Das Ansehen, dessen sich der Bankierstand erfreute,
die großen Gewinne, die das Geschäft abwarf, hatten
im Betriebe der Gründerzeit eine Menge oft nicht
sauberer Elemente aus dem Warenhandel veranlaßt, ihr
Dlück an der Börse zu versuchen. Manche dieser Leute
gingen dabei elend zugrunde. Manchem aber glückte es,
und seine von den Kindern oder Enkeln geleitete Firma
spielt heute im Berliner Bankleben eine große Rolle.
Allein die öffentliche Meinung hat den Ursprung dieses
Reichtums niemals für vollwertig gehalten. Sie hat jenen
Firmen das Patriziat nicht zugesprochen.
        <pb n="27" />
        ﻿Der Bankdirektor.

Der alte Typus des Bankiers, mit dessen Arten und
Unarten sich früher reichlich die Witzblätter beschäftigten,
ist mehr rmd mehr in den Hintergrund getreten gegen-
über den Leitern unserer Aktienbanken, den Bankdirek-
toren. Der Bankdirektor ist ja eigentlich nicht mehr als
der oberste Angestellte der Akttonäre. Aber seine soziale
Stellung ist heute in den meisten Fällen angesehener
als die des Privatbankiers, obgleich er selbst keineswegs
Träger, sondern nur Diener der MUlionen ist. Aber das
große Beamtenheer, über das er herrscht, die Fülle des
Einflusses, den er aus die wichtigsten geschäftlichen Be-
ziehungen des Landes, aus Industrie und Handel, Land-
wirtschaft und Gewerbe auszuüben vermag, haben ihn
im Volksansehen mit einem Nimbus umgeben, wie ihn
ftüher kaum der reichste Bankier genoß. Die letzte Krach-
periode, die uns zum ersten Male Bankdirektoren als
Deftaudanten und Angeklagte im großen Maßstabe zeigte,
hat dieses Ansehen nur wenig zu mindern vermocht.
Wenn auch in jener Zeit recht herbe Witze fielen, wenn
namentlich ein Kohlenhändler eine Marke dem Publikum
nicht besser empfehlen zu können glaubte, als durch die
Bezeichnung „Bankdirektor": „Brennt durch und hinter-
läßt keine Asche," so war das doch nur eine Episode.
        <pb n="28" />
        ﻿Der Bankdirektor.

27

Namentlich das teilweise horrende Einkommen der Herren
restaurierte sehr schnell wieder ihre öffentliche Geltung.

Mit dem durchschnittlichen Einkommen der Bank-
direktoren dürsten die Mehrzahl der gutsituierten Bankiers
der alten Zeit ganz gern getauscht haben. Das feste Ge-
halt, das sie beziehen, bewegt sich in der Regel allerdings
nur zwischen 12000 und 24000 Mark. Aber die Tan-
tiemen von der eigenen Bank und von den Akttenge-
sellschaften, deren Aufsichtsrat sie angehören, erhöhen diese
festen Bezüge um ein ganz Wesentliches. Den jährlichen
Verdienst des verstorbenen Adolph von Hansemann, des
ehemaligen Geschäftsinhabers der Diskontogesellschaft,
schätzte man allein aus dem Bankbetriebe auf 760000 Mark
bis 1 Million. Und es gibt auch unter den jüngeren
Bankdirektoren eine ganze Reihe, deren Einkommen man
auf 300000 bis 500000 Mark im Zähre schätzt.

Wenn der Bankdirektor auch formell nur ein An-
gestellter ist, so darf man seine Machtvollkommenheit doch
nicht unterschätzen. Dem Namen nach hängt er ja von
der Gewalt des Aufsichtsrates ab, der mit ihm den An-
stellungsvertrag schließt und ihn bei seiner Geschäftsführung
beaufsichtigen soll. Zn Wirklichkeit aber ist das Ver-
hältnis in den allermeisten Fällen gerade bei den Banken
doch umgekehrt. Ein nicht unerheblicher Teil der Aktien
des Znflltuts pflegt im Besitz von Verwandten und
Freunden der Direktoren zu sein, so daß er vor unlieb-
samen Überraschungen gesichert ist. Natürlich hängt seine
Posillon von dem Grade des Ansehens, das er in Fach-
kreisen genießt, und von der Tüchtigkeit außerdem ab.
Aber die finanzielle Machtstellung in der Generalver-
sammlung ermöglicht doch unleugbar manchem wenig Be-
gabten, seine Stellung, in die er durch Protektton oder
seltener durch die Anciennität gelangt ist, festzuhalten.
Die Protektton spielt natürlich auch bei Besetzung der
        <pb n="29" />
        ﻿28

Großstadt-Dokumente 236. 8. Berliner Banken.

Bankdirektorstellen eine sehr große Rolle. Aber man
darf doch sagen, daß bei der Mehrzahl unserer Aktten-
banken wenigstens diejenigen Direkttonspersönlichkeiten,
die die Fäden des Geschäfts in der Hand haben, durch-
aus tüchttge und gewissenhafte Leute sind. Besonders
trifft das auf die zu, die den großen Geldinstttuten seit
der Begründung vorstehen und aus verhältnismäßig
kleinen Anfängen ihre Banken bis zu der heuttgen
enormen Entwicklung geführt haben.

Die Leitung einer Bank untersteht in der Regel
einer ganzen Anzahl von Personen, die kollegial zu-
sammen wirken. Auch im Direktionsrat ist die Arbeits-
tellung genau wie im Bureau durchgeführt. Die Mehr-
zahl der Mitglieder des Kollegiums hat eine vorzugs-
weise kaufmännische Vorbildung, allerdings überwiegt die
heute fast nur noch bei denjenigen Direktoren, die der
Börsenabteilung vorstehen oder von Ansang an zum
Direktorium gehören. Auch der Personalchef, dem die
innere Verwaltung und die Organisation der Depositen-
kassen obliegt, pflegt ein Kaufmann zu sein. In das
Ressort der großen auswärtigen Geschäfte teilen sich hin-
gegen die Kaufleute mit den Juristen und Technikern.
Namentlich das juristische Element hat sich in steigendem
Maße in den Bankdirektionen während der letzten Fahre
vermehrt. Die teilweise recht verwickelte rechtliche Seite
der großen Finanztransaktionen erheischt eine ausge-
breitete Rechtskenntnis, und bei ihrer Abwicklung kann
sich der Bankdirektor nicht immer im Moment der Ent-
scheidung auf eine beigeordnete juristtsche Hilfskraft ver-
lassen. Das technische Element ist dagegen leider ver-
hältnismäßig noch viel zu wenig in den Direktionen der
großen Banken vertteten. Selbst im Personal des
Sekretariatsbureaus, das die Bearbeitung aller Außen-
beziehungen des Institutes zu besorgen hat, mangelt es
        <pb n="30" />
        ﻿Der Bankdirektor.

29

manchmal bedenklich an Kräften, die aus dem Gebiet der
Technik genügend vorgebildet sind. Frellich haben die
meisten Banken in ihrer großen Klientel viele Fabrik-
direktoren, die eventuell sehr gern ihre Kenntnisse für die
Beurteilung des einen oder anderen Unternehmens zur
Verfügung stellen. Mer sicherlich hätte der Techniker im
Hause manche Bank vor mancher schlechten Gründung
bewahrt. Freilich ein Universalmittel ist auch das nicht,
wie die sehr kostspieligen, verfehlten Gründungen einzelner
großer Banken zeigen, in deren Direktton sogar ein Tech-
niker vertreten war.

Mer wie auch die Vorbildung des Bankdirektors
beschaffen sein mag, ein Grundzug muß allen gemein
sein, die an der Spitze unserer Geldinstttute wirklich etwas
leisten wollen: sie müssen eine weit über das Durch-
schnittsmaß hinausragende Arbeitskraft besitzen. Dem
Volk stellen sich zwar die Direktorenposten als eine Art
Sinekure dar, die, mit hohen Einkünften ausgestattet,
ihren Inhabern ein fröhliches Dasein gestattet. Und
einzelne Direktoren, besonders der jüngsten Generatton,
die auf den Flügeln der Gunst, oft sogar der Frauen-
gunst, aus ihre Posten gelangt sind, und in und bei
Berlin der Mittelpunkt jener Welt sind, in der man sich
nicht langweilt, haben diesen Glauben befestigen Helsen.
2n Wirklichkeit sind das wenig zahlreiche Ausnahmen.
Das Leben des Bankdirektors — ich sehe hier von
den vielen stellvertretenden Direktoren ab, die oft nichts
weiter sind, als betitelte Ressortchefs — ist durchaus
kein mühe- und beschäftigungsloses, freilich ein sehr
splendid bezahltes. Die Leiter unserer großen Banken
sind den ganzen Tag umlagert von Leuten, die Audienzen
uachsuchen, zu Konferenzen vorgemerkt oder aus der
Stelle vorgelassen sein wollen. Diese Besprechungen der
einzelnen Direktoren, die viel Zeit und Aufmerksamkeit
        <pb n="31" />
        ﻿30

Großstadt-Dokumente 93b. 8. Berliner Banken.

erfordern, bedürfen zum Teil der schriftlichen Auszeichnung
und müssen noch am gleichen Tage oder doch im Lause
der Woche mit den Kollegen durchberaten werden. Ein
einziges großes Millionengeschäft erfordert, wenn es
wirklich niit genügender Gewissenhaftigkeit entriert wer-
den soll, ein ganz außerordentliches Maß von Zeit und
Arbeit. Es müssen Sachverständige gehört, Rechnungen
geprüft, Pläne und Zeichnungen in Augenschein ge-
nommen, Auskünfte eingeholt und oft recht schwierige
Kalkulationen angestellt werden. Für den Bankdirektor
gibt es keine Raumdifferenz. Einen erheblichen Teil
seines Lebens verbringt er auf der Eisenbahn und in den
Hotels. Daß jemand, der heute in London, morgen in
Paris, in der nächsten Woche in Bukarest und Kon-
stantinopel weilt, selbstverständlich Luxuszug und Schlaf-
wagen benutzt, wird man ihm billigerweise nicht zum
Vorwurf machen können.

Gerade diese manchmal überreiche Beschäftigung trägt
nicht unwesentlich Schuld daran, daß der Bankdirektor
in unserm öffentlichen Leben lange nicht so hervortritt
wie der Bankier alter Zeit. Der alte Bankier führte
ein viel behaglicheres und ruhigeres Leben. Er spielte
oft eine recht bedeutende Ralle als Kunstmäcen. Eine
Reihe seiner Gemäldesammlungen verdankt gerade Berlin
der Sammeltätigkeit von Bankiers. Es gab früher
Bankierhäuser, in denen die Literatur groß gepäppelt,
die Musik gepflegt wurde. Es ist charakteristtsch, daß
zurzeit der einzige Bankmann, der als exzellenter
Künstler auf musikalischem Gebiete einen berechtigten Ruf
genießt, kein Bankdirektor, sondern der Ehef eines pri-
vaten Millionenhauses ist, dessen Firma nach alter Tra-
dition seine Geschäfte abseits der, von der modernen Ner-
vosität berannten, Bahnen treibt. Neuerdings ist ein
Bankdirektor, der aus einer der angesehensten Berliner
        <pb n="32" />
        ﻿Der Bankdirektor.

31

Industriellensamilien stammt, mit Glück als Schriftsteller
hervorgetreten. Er galt unter den Intimen schon lange
als ein begabter Maler. Aber wie weit solch Tun von
der allgemeinen Norm abweicht, zeigt sich am besten
darin, daß die öffentliche Meinung sofort geneigt war,
die geschäftliche Begabung dieses Kühlen, überaus klugen
Skeptikers niedrig einzuschätzen. Mel milder urteilt die
öffentliche Meinung über die wissenschaftliche Nebentätig-
keit der Bankdirektoren, die naturgemäß sich meist aus
das Gebiet des Handelsrechts erstreckt. Aber charakte-
ristisch ist, daß auch auf diesem Gebiet, das geradezu eine
Domäne für Leute, die praktische Erfahrung mit theo-
retischer Vorbildung verbinden, sein sollte, in Berlin nur
ein einziger Bankdirektor — er ist jetzt a. D. — als
wissenschaftliche Autorität gilt. Neben ihm kann sich allen-
falls noch der Direktor einer westdeutschen Provinzialbank
sehen lassen. Nicht einmal das Gebiet der Nationalöko-
nomie hat einen wirklich großen Repräsentanten aus der
Vankwelt hervorgebracht. Selbst außerhalb Berlins, im
Lanzen Deutschen Reich findet sich nur ein einziger süd-
deutscher Direktor, der wenigstens auf dem Gebiet der
Währungsfrage für sich Autorität beanspruchen kann.
Das ist ganz besonders auffallend, wenn man sich daran
erinnert, daß die englische klassische Nationalökonomie
einen Teil ihrer hervorragendsten Geister, man denke
"• W an Ricardo, aus den Londoner Bankiers rekru-
^ierte. Auch die ftanzösische Nationalökonomie weist
-oankiers als Grundleger auf. Bei der steigenden aka-
emischen Vorbildung unserer Bankleiter wäre diese
atsache sehr verwunderlich, wenn man sie nicht eben
der außerordentlichen Überlastung zu einem Teil er-
ären könnte. Auch in den Parlamenten ist die Bank-
welt verhältnismäßig wenig vertreten.

Selbst die Geselligkeit in den Häusern der Bank-
        <pb n="33" />
        ﻿32 Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

Direktoren trägt bei allem Pomp doch sehr den Charakter
des Geschäftsmäßigen und steht wohl zum großen Teil
unter dem Zwange der Repräsentationspflicht. Dasselbe
dürste sich auch von der lebhaften Teilnahme ihrer
Damen an allerhand Wohltätigkeitsveranstaltungen sagen
lassen. Was da für Familie und nacktes Menschentum
übrigbleibt, kann sich jeder selbst ausrechnen. Auch hier
mögen Ausnahmen unterlaufen, aber es sind eben wirk-
lich Ausnahmen.

Wenn in dieser Hinsicht die modernen Bankdirektoren
für unsere Kultur viel, viel weniger bedeuten, als früher die
Bankiers, so ersetzen sie dieses Manko wenigstens durch
eine immens angespannte Tatkraft, die ihren Banken und
damit schließlich auch dem gesamten deutschen Wirtschafts-
leben zugute kommt. Allein nach einer anderen Richtung
hin wirken gewisse Eigenheiten unserer Bankleiter, die sie
übrigens fast mit der gesamten Hauteftnance gemeinsam
haben, geradezu feindlich der Entwickelung einer bürger-
lichen Kultur entgegen. Als jüngst die Tochter eines
Direktionsmitgliedes der Deutschen Bank sich mit einem
fteiherrlichen Kavallerieofftzier verlobte, hat dieses Ereignis
einen findigen Journalisten angeregt, in den Eheregistern
der Berliner Hochfinanz nachzuforschen, und sein Spürsinn
hat eine ganze Reihe von Heiraten zwischen ihren Töchtern
und den Sprößlingen mehr oder minder hoher Adels-
familien aufgestöbert. Durch alle Zeitungen fast wanderte
die geschickt zusammengestellte Notiz, die uns daran er-
innerte, daß schon lange, bevor die Deutsche Bank eben-
bürtig wurde, die Dresdnerin, die Diskontogesellschast
und Mendelssohns sich dem deutschen Schwertadel —-■
dieses Wort in seiner eigensten Bedeutung genommen —-
versippt hatten. Auch die kurze Ehe der Bleichröder-
tochter mit dem Gardekürassier v. llechtritz und Stein-
kirch, die dem erblindeten Millionär seine letzten Lebens-
        <pb n="34" />
        ﻿Der Bankdirektor.

33

jähre vergällt hat, wurde wieder ans Tageslicht geschleift.
And als neu erfuhren die, die es noch nicht wußten, daß
die Geschlechter derer von Voß, von Poschinger und von
Zitzewitz, die Freiherren von Zedlitz und Reukirch und
die Grafen Hacke Bankierstöchter aus Berlin zu ihren
künftigen Ahnftauen zählen.

Aber der Chronist ist nicht fleißig genug gewesen.
Zn viel, viel weiterem Amfang, als er es uns ahnen läßt,
ist auch heute noch des vierten Friedrich Wilhelms Wort
richtig, daß man nicht recht entscheiden könne, ob die
»Bons" eine größere Zuneigung zu den „Fonds", oder
die „Fonds" eine größere Liebe zu den „Bons" hegen.
Jedenfalls gesellen sie sich einander gern. Man braucht
nicht gleich bis zil den hellsten Leuchten der Berliner
Finanzwelt, den Mendelssohns, Warschauers, Gutmanns,
Aochs, Hansemanns, Krauses, Hainauers und Landaus zu
steigen. Auch kleinere Sterne gibt es, die adligen Leut-
nants die Tochter vermählten. And jüngst erst erfuhren wir
Ist aus den Berichten über einen wenig sauberen Prozeß,
n&gt;ie das winkende Erbe Rothschilds zwei Herzen aus
christlichem und mosaischem Aradel zusammenbrachte.

Diese Fälle sind nun keineswegs Besonderheiten der
Neuzeit. Wie berechtigt auch in unseren Tagen das Witz-
let Friedrich Wilhelms IV. war, beweisen am besten die
^atsachen, daß die Gräfinnen Bredow, Arco, Matuschka,
chvcci, die Freifrauen Plancy und Hammerstein Enkelinnen
es Bankiers Simon Oppenheim aus Köln sind, dessen
ohne geadelt worden sind. And ein großer Teil von
^erns Hochadel — die Geschlechter der Grafen Khuen
derer von Podewils sind darunter — hat Blut des
ludischen Hofbankiers Aaron Elias Seligmann in seinen
Adern.

^ ^ber inzwischen haben sich diese Heiraten zwischen
en Töchtern von millionenschweren Bankdirektoren und

3
        <pb n="35" />
        ﻿34 Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

Bankiers beinahe zu einer ständigen Gewohnheit heraus-
gebildet. Und von unserer Bankwelt aus hat sich diese
Sitte mehr und mehr auch unseren führenden Handels-
kreisen mitgeteilt. Dadurch sind diese Eheangelegenheiten
zu einem wichtigen Faktor deutscher Kultur oder — besser
gesagt — deutscher Unkultur geworden. Cs findet hier
eine Stärkung der Gegner aller freiheitlichen Wirtfchasts-
und Kulturentwickelung statt. Mit Recht weist Werner
Sombart darauf hin, daß die Lebensweise der Seigneurs,
die gewohnt sind, wie der Staat, nach den von ihnen für
nötig befundenen Aufwendungen sich die Einnahmen zu
verschaffen, gestützt wird durch die Inferiorität unserer
Bourgeoisie. Es klingt hart, aber ist nur zu gerecht,
wenn der Breslauer Sozialökonom sagt: „Unserer Bour-
geoisie höchstes Ziel ist es geblieben — Junker zu werden,
d. h. sich adeln zu lassen und (soweit es geht!) seigneurale
Denkweise und ritterliche Allüren anzunehmen, dadurch
aber ist die feudale Klasse einem unausgesetzten Ver-
jüngungsprozeß unterworfen. Sie empfängt immer neuen
Zuzug aus bourgeoisen Kreisen, den sie rasch assimiliert.
Bei dem Kreuzungsvorgange zwischen Gentilhommerie
und Bourgeoisie erweist sich bei uns jene immer als das
stärkere Element. Ihre Töchter heiraten Klassenangehörige,
ihre Söhne führen der Klasse frisches Blut durch Ver-
heiratung mit reichen Erbinnen zu. Die reich gewordenen
Bourgeois aber suchen so bald wie möglich ihre Herkunft
zu vergessen und in dem Grundadel oder wenigstens dem
feudalen Grundbefitzertum auszugehen. Das kapitalistische
Unternehmen, das den Reichtum der Familie begründet
hatte, wird veräußert, die Söhne und Enkel kaufen
sich im Lande an, stiften ein Majorat, verschwägern sich
mit altadeligen Familien, lassen ihre Nachkommen bei
der Gardekavallerie dienen und bei den Saxoborussen
eintreten und denken nicht mehr daran, einen Sohn
        <pb n="36" />
        ﻿Der Bankdirektor.

35

etwa als Lehrling in ein kaufmännisches Geschäft zu
geben."

Man kann kaum treffender, als Sombart es hier
getan, das Fehlen jeder Spur von Klassenbewußtsein bei
der deutschen Bourgeoisie kennzeichnen. Was haben Geld,
Zeit und Kraft, die man an den politischen Kamps um
die Vorherrschaft des Bürgertums setzt, für einen Wert,
wenn das Bürgertum, irr Gestalt der Mitgift seiner Töchter,
aus seinen! Geldschrank die Lebenskraft der Feudalherren
auffrischt: Was man politisch bekämpft oder zu bekämpfen
vorgibt, stärkt man ökonomisch. Die Wirtschaft aber ist
das Rückgrat aller Politik. Und so sehen wir denn, daß
dieselbe Klasse, die die kapitalistische Entwickelung unserer
Wirtschaft — von ihrem Standpunkt völlig mit Recht —
haßt, die dieser Entwickelung schon lange zum Opfer ge-
fallen sein sollte, die Früchte des Kapitalismus gnädig
entgegennimmt und es sich in den finanziellen Wonne-
gärten wohl sein läßt. Und das bedeutet für sie nicht
etwa eine Entwürdigung. Sie sind ja die Begehrten,
um ihre Vetternschast buhlt die Bürgermenge, die für sie
genau dieselben Dienste tut, wie einst die Sklaven für
die fteien Griechen, Römer und Germanen. Und wie die
Edlinge dieser alten Volksgemeinschaften die Arbeit ihrer
Sklaven verachteten, genau so blicken heute die Schwieger-
söhne und Schwiegerenkel mit kühler Verachtung aus die
Arbeit derer herab, die ihnen das Geld schufen. Vor
kurzer Zeit erst schrieb das „Deutsche Adelsblatt", es sei
außer allem Zweifel, daß der Handel „nicht nur jeden
Aristokraten von echtem Schrot und Korn, sondern auch
jeden anständigen Menschen zurückstoße".

Und weshalb sollte die Geburtsaristokratie auch
anders empfinden? Ist es ja doch gerade, als ob die
Vertreter des Handels selbst sich ihrer Zunft schämten.
Wo ist die reiche Erbin, die dem Kommis des Vaters,

3'
        <pb n="37" />
        ﻿36

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

dem Beamten der vom Vater geführten Bank die Hand
zum Ehebunde reichte? Die sind nicht ebenbürtig, unter
ihnen wählt man erst gar nicht.

Voller Neid blicken unsere Kaufleute und Industriellen
über den Kanal und übers große Wasser. Dort regiert
das industrielle und kommerzielle Kapital. Ideal sind
auch dort die Zustände freilich ganz und gar nicht. Aber
vom Standpunkt des Kaufmannes und Fabrikherrn aus
gesehen, ist's ein Dorado. Dort hat eben das Bürgertum
Klassenbewußtsein. In England hat die Handelsschast
die Lordschast, insoweit diese nicht überhaupt aus nobili-
tierten Kaufleuten besteht, sich assimiliert. Nicht eininal
Milchläden und Putzwerkstätten zu besitzen, ist 8hocking
for ladies and gentlemen. Und wenn in Amerika die
Damen der ftinften Avenue sich einen Lord, Herzog,
Prinzen oder Grasen kaufen wollen, so zahlt der Herr
Papa für diese Passion genau so ein Sümmchen, wie er
mrdere Wüilsche der Tochter mit Gold befriedigen würde.
Für jeden Freiherrn aber eine Mitgift zu opfern, fällt
dem Amerikaner gar nicht ein. Die Negel ist vielmehr,
daß die Tochter sich nach der Golddecke des Mannes
streckt, nicht daß der Mann mit den schwiegerväterlichen
Dollarnoten sich das Faulbett polstert.

Zn Deutschland aber scharren die Reichen Reichtum
zu Reichtum. Und schließlich — spätestens in der dritten
Generation — wandelt sich das Handelskapital in Feu-
dalvermögen. Die Töchter tragen es fort, die Söhne
bleiben im besten Fall Nutznießer, Arbeiter im väterlichen
Werk sind sie selten, Mehrer des Ererbten fast nie.
Wenn es einmal anders ist, wie bei den Rothschllds und
Mendelssohns, so wird das angestaunt wie ein Rudiment,
das aus guter alter Zeit zu uns hineinragt.

Uns fehlt kaufmännischer Nachwuchs! Die Klage
hört man in einem fort. Man gründet Handelsakade-
        <pb n="38" />
        ﻿Der Bankdirektor.

37

tnien oder Handelshochschulen. Sie sollen auch den Nach-
wuchs, so sagt man, zum Standesbewußtsein erziehen helfen.
Aber ist das ein Glück für die jungen Leute? Denn
werden sie sich wirklich des kaufmännischen Wertes be-
wußt, so werden sie um so tiefer draußen im Leben die
Erniedrigung empfinden. Sie gelten dort genau so wenig
wie das übrige Bildungsproletariat, die Ingenieure,
Assessoren und Doktoren der Staatswissenschasten, die zu
Dutzenden auf jeder großen Unternehmung herumlaufen,
von denen einer durch Glück und Gunst einmal empor-
steigt. Sie sind höchst ungeeignete Schwiegersöhne. Und
sehr nahe liegt die Gefahr, daß den Enttäuschten schließ-
lich als Erßme des Standesbewußtseins die Forderung
erscheint, nicht fürder mehr als Kaufleute bei der Wahl
zum Reserveoffizier zurückgesetzt zu werden.

Standesbewußtsein ist kein Klassenbewußtsein. Und
das gerade fehlt und kann auf keiner Hochschule ein-
geimpft werden. Die Erkenntnis der kulturhistorischen
Mission, die Handel und Gewerbe als Klasse gegenüber
den aus alter Wirtschaftsordnung her noch regierenden
Klassen zu erMlen haben, muß auf den Höhen der Kaus-
mannswelt ganz besonders in den Kreisen der Bankleiter
herrschend sein. Zn den Niederungen wimmelt bereits
das Proletariat, das von Tag zu Tag dem Brotherrn
fremder wird, mag er nun Chef oder Aktiendirektor sein.

Ich fürchte fast, es ist zu spät für Weckrufe. Nur
n°d) Nachrufe kann man dem deutschen Bürgertume
widmen. Es scheint sein Fluch zu sein, daß es als Klasse
niemals zur Macht kommen kann. Denn es wird mit
seinem eigenen Gelde beherrscht von seinen — adligen
Schwiegersöhnen.
        <pb n="39" />
        ﻿Der kleine Bankier.

Wenn schon die kleinen Banken unter der scharfen
Konkurrenz der zu immer riesenhafteren Dimensionen sich
entwickelnden Großbanken schwer zu leiden haben, so
ist diese Konkurrenz gerade erdrückend geworden für die
Privat-Bankgeschäste. Ich schilderte in einem der vorigen
Kapitel bereits, wie die großen Banken bestrebt waren,
sich nicht nur untereinander zu verschmelzen, sondern auch
die Bankgeschäfte von einigem Ansehen in sich aufzu-
nehmen. So sehen wir denn auch heute, daß nur noch
ganz wenige Bankgeschäfte, die mit großem Kapital ar-
beiten, in individuellem Besitz sich befinden. Die Mehr-
zahl der Privatbankbetriebe gehört in die dritte oder
vierte Kategorie, ihrer Kapitalkrast und ihrem geschäft-
lichen Ansehen nach gemessen. Die Gründe, die das
Bankgeschäft immer mehr in die Aktieninstitute trieb,
kann man in zwei Gruppen teilen. Der am stärksten
wirkende Faktor ist natürlich die dem kapitalistischem
Wirtschaftssystem innewohnende Tendenz zum Großbe-
triebe. Wie überall drückt sich auch im Bankgewerbe
diese Tendenz am stärksten in einer Vermehrung der Aktien-
unternehmungen aus. Während ein mit durchschnittlichem
Kapital ausgestattetes kaufmännisches oder gewerbliches
Unternehmen auch im günstigsten Fall mindestens ein
Menschenalter gebraucht, uni ins kapitalistische Vorder-
        <pb n="40" />
        ﻿Der kleine Bankier.

39

treffen zu gelangen, tritt eine Aktiengesellschaft schon von
vornherein mit ansehnlichem Kapital aus den Plan.
Während nun der Unternehmer im Privatbetriebe sein
Geschäft immer nur im Verhältnis zu den vorhandenen
Mitteln ausdehnen kann, steht es der Aktiengesellschaft
stets frei, sich zum Zwecke der Ausdehnung des Ge-
schäftes durch eine Kapitalsvermehrung neue Mittel zu
beschaffen. Trotzdem vermag in der Industrie eine ver-
hältnismäßig große Zahl von Privatunternehmungen sich
zu behaupten, weil hier auch vielfach für den Erfolg in
letzter Linie bestimmte, an der Person hastende Vorzüge
der Fabrikation ausschlaggebend sind, und anderseits
die Möglichkeit, bestimmte Verfahren zu patentieren, die
Konkurrenz fern hält. Diese Hemmungen fallen beim
Bankgeschäft völlig weg. Hier entscheidet in letzter Linie
doch nur die brutale Kapitalsmacht, und da kann natür-
lich der einzelne Unternehmer der Aktiengesellschaft ge-
genüber niemals standhalten. Mag man dem Bankier
gegenüber der Bank noch so viel Gutes nachsagen,
kulanter wird immer die Bank sein können und sogar
müssen, die riesige Kapitalien hinter sich hat. Wirkt
dieser Konkurrenzkampf auch schon in der Provinz, wo
sich vielfach Bankfilialen befinden, so muß natürlich in
erheblich vermehrtem Maße das Bankgewerbe der Resi-
denz seine üblen Folgen zu spüren bekommen. Denn hier
P nicht nur der Mittelpunkt aller großen, dem Berliner
Boden entsprossenen Aktieninstitute, sondern, wie ich an
anderer Stelle bereits ausführte, auch der zugewanderten
Provinzbanken.

Aber im Bankgewerbe spielten auch noch ganz
spezielle Faktoren mit, um die Konzentration im allge-
meinen und die Schädigung der Privatbankiers im be-
sonderen zu fördern. Die Konzentrationsbewegung setzte
etwa zu Beginn der neunziger Jahre ein, und um die-
        <pb n="41" />
        ﻿40

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

selbe Zeit brachten gewisse Vorgänge die Privatbankiers
beim Publikum in Mißkredit. Geachtete Firmen, wie
Friedländer &amp; Sommerfeld und Hirschfeld &amp; Wolfs,
brachen zusammen. Die Bankiers Maaß und L. W.
Schnökel jun. stellten ihre Zahlungen ein, und in allen
Fällen waren Depots veruntreut, Gelder unterschlagen,
kamen Schwindeleien gröbster Art ans Tageslicht.
Obenein sah sich das Publikum durch berufsnräßige
Gauner, wie den berüchtigten Hugo Loewy, genarrt, der
in prahlerischer Weise verschiedene Geschäfte in der Stadt
eröffnet und die ihm anvertrauten Gelder veruntreut
hatte. Das Publikum begann sich unsicher zu fühlen,
und wie das in solchen Fällen immer zu gehen pflegt,
wußte es, namentlich als auch in der Provinz mehrere
ungetreue Bankiers flüchtig wurden, die Spreu nicht
vom Weizen zu sondern. Das Mißtrauen richtete sich
gegen den ganzen Stand, selbst alte eingesessene Bank-
häuser, wie die Firma F. W. Krause &amp; Comp., mußten
es sich damals gefallen lassen, daß auf ihre Kassen die ge-
ängsteten Einleger Stunn liefen.

Die Kundschaft ging in jenen Tagen zu den Banken
über, und man hat von da ab immer mehr und mehr
das Aktienkapital als Garantiekapital in den Kreisen
des Privatpublikums anzusehen sich gewöhnt. Wenn
jene Bankzusammenbrüche keine weiteren Folgen gehabt
hätten, so würde vielleicht doch nach der Beruhigung, die
dem Sturme gefolgt wäre, alles wieder in die alten
Bahnen eingelenkt sein. Aber jene Krisis schuf im Volke
eine so starke Mißstimnmng gegen den Bankierstand,
daß die schon verschiedentlich in den Vordergrund ge-
tretenen Bestrebungen zur Schaffung einer Bankiers-
gesetzgebung kräftige Nahrung erhielten. Daß sowohl das
Depotgesetz wie auch das Börsengesetz durchaus not-
wendig waren, steht außer allem Zweifel. Es ging vor
        <pb n="42" />
        ﻿Der kleine Bankier.

41

allem nicht ferner an, daß eine Institution wie die Börse,
die tief in das Volksleben eingriff und schon lange
über eine Privatgemeinschast hinaus zu einer öffentlichen
Machtveranstaltung hinausgewachsen war, aus mangelnder
gesetzlicher Grundlage stand. Das hätten die vernünf-
tigen Elenrente des Bankierstandes sicherlich ebenso ein-
gesehen, wie die Notwendigkeit einer gesetzlichen Rege-
lung des Depotwesens. Aber wie das nun einmal zu
gehen pflegt: Neid, Hatz und Unverstand waren die
treibenden Kräfte der von den Börsengegnem ins Leben
gerufenen Bewegung, die aus gesetzliche Maßnahmen ab-
zielten. Der Druck erzeugte Gegendruck. Die Börse
stellte sich plötzlich aus den Standpunkt, das ganze
Gesetzgebungsbegehren als ein Mitzttauensvotum zu be-
kämpfen. Die Börsenkreise verweigerten ihre Mitwir-
kung bei der Formung des Gesetzes. Und so kam
natürlich ein Gesetz zustande, daß große Härten für den
Bankierstand auswies. Eine eigentümliche Ironie war
es nun, daß die Hasser des Großkapitals ein Gesetz
fabriziert hatten, dessen Härte das große Kapital nicht
nur leicht überwinden, sondern gradezu für sich ausnutzen
konnte, während am meisten der Bankier, und besonders
der kleine, darunter litt. Die Wirkung des Depotgesetzes
auf die Entwicklung des Bankgewerbes hat eine gewisse
Ähnlichkeit mit der Wirkung der sozialen Gesetzgebung
auf den industriellen Kleinbetrieb. Die Lasten erhöhten
sich; namentlich mußte mehr Personal angestellt werden,
dessen Arbeitskraft nicht in entsprechendem Maße aus-
genutzt werden konnte, so daß hier von vornherein dem
Großbetrieb günstigere Chancen entstanden. Eine ähn-
iiche Wirkung ging von dem Dell des Börsengesetzes aus,
der die Aushebung des Terminhandels dekretierte. Da-
durch wuchsen die Anforderungen an die Äapitalkraft
des Bankiers. Zunächst versuchten die Privatbankgeschäfte
        <pb n="43" />
        ﻿42

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

ihre Existenz dadurch aufrechtzuerhalten, daß sie in
etwas verschleierter Form den alten Terminhandel weiter-
führten. Aber die außerordentlich strenge Handhabung
und Auslegung des Gesetzes durch das Reichsgericht,
die sich häufenden Differenzeinwände machten es den
Bankiers so gut wie unmöglich, das Geschäft in den
alten Bahnen weiterzuführen. Die Banken wurden
immer allmächtiger. Der Weg zur Höhe wurde den
Bankiers immer dichter verbaut. Und so entstand denn
jener Zustand des Bankgewerbes, der heute besteht.

Als Kommissionäre haben die Privatbankiers im
Verhältnis zu den Bankeir heute nur noch eine sehr ge-
ringe Bedeutung. Manche Firmen besitzen teils durch
verwandtschaftliche Beziehungen, teils durch eine alte
Tradition noch eine gewisse Menge von Kundschaft.
Aber das sind doch meist die besseren Mittelsirmen,
während die kleinen Firmen fast nur aus der Börse
selbst ihr Tätigkeitsgebiet haben. Hier sind Makler und
eingestellte oder, als Outsider ab und zu die Börse be-
suchende, Händler ihre Komittenten. Die meisten von
ihnen machen aber in zunehmendem Maße Geschäfte für
eigene Rechnung. Die Reichen benutzen ihre Kenntnisse
und Erfahrungen dazu, ihr Vermögen möglichst günstig
anzulegen, sie pflegen bestimmte Spezialitäten des Börsen-
handels, erscheinen täglich bei denselben Papieren zur
Kursfestsetzung, um eine genauere Kenntnis von der
Marktlage zu gewinnen und durch ausgleichende Käufe
oder Verkäufe sich Verdienste zu schaffen. Am schlimm-
sten sind diejenigen Elemente daran, die ohne nennens-
wertes eigenes Vermögen ihre Kundschaft so gut wie
völlig verloren haben, aber da sie keinen anderen Beruf
ergreifen können, gezwungen sind, die Börse nach wie
vor zu besuchen. Sie rangieren völlig in eine Linie mit
dem kleinen Tagesspekulanten. Davon, daß das kleine
        <pb n="44" />
        ﻿Der kleine Bankier.

43

Engagement, das sie an der Börse entrierten, am nächsten
Tag oder schon am Schluß derselben Börse sich mit
Nutzen realisieren läßt, hängt ihr und ihrer Familie
Lebensglück ab. Es handelt sich hier wirklich beinahe
um proletarische Existenzen, die schwer im Kampf ums
Dasein zu ringen haben.

Das Los dieser Kleinen ist aber noch aus einem
anderen Grunde ganz besonders schwierig geworden.
Dieselben großen Banken, die ihnen die Kundschaft fort-
genommen haben, regieren auf der Börse und bringen
hier ebenfalls die kleine Bankwelt vollkommen in Ab-
hängigkeit von sich. Wenn nicht gerade ganz außer-
gewöhnliche Ereignisse ein Machtwort sprechen, ist die
Kursbewegung der Börsenpapiere vollkommen geleitet
von den Banken, und der kleine Bankier, der es wagen
würde, sich gegen ihren WUlen aufzulehnen und gegen
sie ä la hausse oder ä la baisse zu spekulieren, würde
elend zermalint werden. Die Bankiers haben sich denn
auch allmählich daran gewöhnt, die Sklaven der Großen
zu sein, und ihre Haupttüchtigkeit besteht heute zumeist
darin, zu erforschen und vorher zu erfahren, was im
Rate der hohen Bankdirektoren beabsichtigt und be-
schlossen ist. Die Klügsten unter den Kleinen haben es
vorgezogen, sich lieber direkt in die Dienste der Bank-
Delt zu geben und für die entflohene Privatkundschaft
Ersatz in Kommissionsaufträgen der Banken zu suchen.
Solche Bankkommissionäre gab es schon lange vor der
Einbürgerung der heutigen Verhältnisse. Wenn in srü-
heren Jahren eine Bank zu bestimmten Zwecken größere
Summen eines Papieres ankaufen oder verkaufen wollte,
so betraute sie oft damit bestimmte Bankfirmen. Denn
wenn sie selbst sich in den Markt gestellt hätte, so wären
'hre Absichten zu früh erraten, ihre Pläne durchkreuzt
worden. Doch früher handelte es sich um gelegentliche
        <pb n="45" />
        ﻿44

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

Llusträge, während heute zwischen den Banken und ihren
Mittelsmännern ein dauerndes Verhältnis besteht, daß
in den verändetten Zeitverhältnissen begründet ist: Die
ungeheure Kundschaft, die sich bei den Banken konzen-
triert, hat für diese Institute den großen Bortell, daß sie
die Aktten ihrer Gründungen, die von ihnen zur Emission
gebrachten Obligationen und Staatsrenten meist in der
eigenen Kundschaft unterzubringen vermag. Allein dieser
Vorzug hat auch eine nicht unbedenkliche Schattenseite.
Ein immerhin doch erheblicher Teil der Kundschaft kaust
aus Kredit, und die Banken sind auch in stürmische!: und
schweren Tagen gezwungen, den Besitz der Kundschaft zu
konservieren, da sie die an den Markt gelangende Ware
zum größten Teil selbst aufnehmen mutzten. Denn die
entvölkerte Börse vermag nur wenig ohne weiteres zu
kaufen. Die Bankiers mit einer Schar kaufkräftiger
Kunden hinter sich gehören eben der Vergangenheit an.
Wollen daher die Banken größere Posten von Wett-
papieren in die Außenwelt abstoßen, so müssen sie sich
besonderer Mittel und Wege bedienen. Sie setzen sich
mit einem sogenannten „Einpeitscher" in Verbindung:
dieser Bankier nimmt der Bank einen bestimmten Posten
fest ab und erhält das Recht, zum gleichen Kurse eine
größere Summe nachzufordern. Er beginnt nun die
Börse zu bearbeiten, steigert den Kurs, versucht nach
Möglichkeit auch seine Beziehungen zur Börsenpresse
auszunutzen, und allnlählich stellen sich die Käufer ein.
Die kleinen Bankiers, welche nach einem Tagesgewinn
lüstern sind, kaufen, die Angestellten folgen ihnen, und
da jeder darauf ist, möglichst bald einen Gewinn sicher-
stellen zu können, gewinnt der Einpeitscher in diesen
ersten Käufen: ein bereitwilliges Heer von Propagan-
disten. Einer preist dem andern die Vorzüge des Papiers
und bald taucht sein Name in den Wechselstuben auf,
        <pb n="46" />
        ﻿Der kleine Bankier.

46

wo das spekulierende Privatpublikum sich sammelt.
Inzwischen hat der Einpeitscher seine Aktien zu günsti-
gen Kursen verkauft und überläßt das betreffende
Papier nun seinem Schicksal. Handelt es sich um ein
gutes Unternehmen, dessen Aktien aus diese Weise lanciert
werden, so kann wohl der Kurs vorübergehend etwas
sinken, aber selbst diejenigen, die zu verhältnismäßig
hohem Kurse die Papiere erworben haben, können später
einmal mit einigem Nutzen verkaufen und bekommen in
der Zwischenzeit eine angemessene Dividende. Gehört
das Papier aber zu den zweifelhaften Werten, so haben
die, welche aus die Anpreisungen hineinfielen, natürlich
das Nachsehen, und die Banken haben den Vorteil, da
sie mit ihrem Namen nicht an die Öffentlichkeit getreten
sind und um den Kurs sich nicht zu künunern brauchen.
Von den Bankiers, die diese Vermittelungsgeschäste be-
ireiben, sind einzelne reich geworden. Namentlich solche,
die klug genug waren, sich aus den Vertrieb innerlich
guter Werte zu legen. Sie haben nicht nur an der
Vörse verdient, sondern sich auch eine umfangreiche Kund-
schaft geschaffen, die dadurch, daß sie, zumeist aus erster
Zueile mit Nachrichten bedient, rechtzeitig kauften und
srühzeitig verkauften, gute Geschäfte machten. Das ge-
hört überhaupt zur Klugheit der Einpeitscher, daß sie
u-cht allzuoft schlechte Werte propagieren, sondern Börse
und Publikum etwas verdienen lassen, um sich eine dauernde
^^solgschast zu sichern. Skrupellose oder allzu waghalsige
Elemente haben sich nie sehr lange zu halten vermocht,
sondern sind früher oder später zugrunde gegangen.
        <pb n="47" />
        ﻿Die Wechselstuben.

Die Wechselstube oder, wie sie meist osfiell genannt
wird, die Depositenkasse ist allmählich zum sprechendsten
Zeichen der Machtentsaltung der Berliner Großbanken ge-
worden. Zn allen Straßen sieht man sie, und in protzigen
Goldlettern, die aus die Glasscheiben geklebt sind, sucht eine
Bank immer mehr als die andere dem Vorübergehenden
durch die Riesensumme des Kapitals und der Reserven
zu imponieren. Die Fülle der Wechselstuben ist aber
gleichzeitig auch ein Dokument des scharfen Konkurrenz-
kampfes, der zwischen den verschiedenen Instituten ent-
brannt ist. Tür an Tür liegen oft die Depositenkassen,
in ihrer äußeren Ausstattung zum Verwechseln ähnlich,
und laden durch den Luxus der inneren Ausstattung
und in den Abendstunden durch die blendende Lichtfülle
das Publikum ein, sich ihrer zu bedienen. Die ver-
kehrsreichen Straßen sind geradezu mit Depositenkassen
überschwemmt. So befinden sich auf der Potsdamer
Straße nicht weniger als 9 Kassen von 6 Banken.
Zn der Berliner Straße zu Gharlottenburg sind 6 Wech-
selstuben und in der verhältnismäßig kurzen König-
straße 5.

Früher diente die Wechselstube andern Zwecken, und
als die Deutsche Bank als erste anfing, in den verschie-
        <pb n="48" />
        ﻿Die Wechselstuben

47

denen Stadtteilen Zweigniederlassungen zu errichten, da
kannte man die heutige Bedeutung der Wechselstube nur
erst wenig. Wie das Wort schon anzeigt, bedeutete die-
ser Begriff ursprünglich ein Kontor, in dem man Geld-
sorten gewechselt bekam. Die Bankgeschäfte unterschieden
sich in solche, die nur mit ihrer festen Kundschaft ver-
kehrten, und solche, die auf Laufkundschast von der
Straße her reflektierten. Während die ersten ihre
Bureaus meist in einer oberen Etage hatten, wohnten
die Wechselbankiers im Laden, um dem Straßenpubli-
kum den Zutritt zu erleichtern. Das sogenannte Tafel-
geschäft, d. h. die Umwechslung von Geldsorten, der An-
und Verkauf kleinerer Posten von Wertpapieren über
den Ladentisch hinweg, nahm bei einzelnen Handlungen
einen sehr erheblichen Umfang an. Im Wechselstuben-
geschäst zeigten sich jedoch bald starke Auswüchse. Seit
den Gründerjahren hatte sich das Interesse des Publi-
kums an den Börsenspekulationen wesentlich gehoben.
Und wenn es durch den großen Gründerkrach auch zeit-
weise etwas erlahmte, so ries jede längere Steigerungs-
periode doch wieder die breiten Massen des Publikmns
auf den Plan. Es war nichts natürlicher, als daß die
Inhaber der Wechselstuben sich die Geldgier und Spiel-
freude des Publikums zunutze machten. Bei ihnen
ging täglich ein zahlreiches Publikum ein und aus. Sie
benutzten die Gelegenheit, diese passierenden Elemente als
dauernde Kundschaft an ihre Firma zu fesseln, indem sie
ihnen den Kauf oder Verkauf von Wertpapieren emp-
fahlen. Viele dieser Wechselstuben hingen in der Mittags-
Seit große Tafeln ins Fenster, auf denen die neuesten
Börsenkurse verzeichnet waren und, wenn bewegte Bör-
sentage das besondere Interesse der Spekulanten er-
weckten, dann standen die Leute oft scharenweise in reger
Diskussion vor dem Fenster. Besonders pfiffige Laden-
        <pb n="49" />
        ﻿48

Großstadt-Dokumente S3b. 8. Berliner Banken.

inhaber glaubten diese Art von Reklame rentabler ge-
stalten zu können, wenn sie nicht die Kurse ins Fenster
hingen, sondern dort nur die Ankündigung erließen,
daß die neuesten Kurse im Laden einzusehen seien. So
entwickelten sich die Berliner Wechselstuben teilweise zu
einer Zentrale des wildesten Börsenspiels. Rentiers von
oft recht zweifelhafter Sorte, große und kleine Geschäfts-
leute verbrachten seit der Einführung des Telephons die
Mittagsstunden ständig in der Wechselstube, um von
jeder Schwankung der Kurse auf telephonischem Wege
sofort unterrichtet zu werden. Daß diese Leute über den
Reizen des Spiels oft ihr Geschäft und ihre Famllie
vergaßen, gehörte keineswegs zu den Seltenheiten; ein
Teil der Berliner Wechselstuben wurde für manchen ur-
sprünglich ehrbaren Menschen zum Ruin. Besonders
schlimm wurde der Wechselstubenunfug, als einzelne Be-
trüger mit der ausgesprochenen Absicht, das Publikum
zu rupfen, Wechselstuben eröffneten. Rach dem Muster
zweifelhafter Londoner Firmen führten sie, die an der
Börse meist keinen Kredit genossen, die Aufträge des
Publikums gar nicht aus, sondern machten sie, wie der
Fachausdruck lautete, „in sich". Berlor das Publikum,
dann zogen diese modernen Raubritter das Geld von
ihm ein, gewann es, so machten sie entweder Schwierig-
keiten oder zogen es womöglich vor, gänzlich das Weite
zu suchen. Diese rücksichtslose Ausbeutung der Kund-
schaft und die von solchen Elementen zum System er-
hobene skrupellose Verleitung wenig vermögender Leute
zum Börsenspiel waren nicht zum geringsten Schuld
daran, daß das Börsengesetz entstand und in weiten
Kreisen des deutschen Volkes die Anschauung sich durch-
setzte, daß Börse und Schwindel ZwMngsgeschwister
seien.

Die Depositenkassen der Banken dienten ursprüng-
        <pb n="50" />
        ﻿Die Wechselstuben.

49

lich einem ganz anderen Zweck als die Wechselstuben
der Privatbankiers. Das Publikum hatte an und für
sich schon mehr und mehr die Gewohnheit angenommen,
seine Gelder den Banken anzuvertrauen. Diesem Hang
kam zunächst die Deutsche Bank entgegen, die in den
verschiedenen von der Geschäftswelt frequentierten Stadt-
vierteln Depositenkassen zu errichten begann. Zu einem
Teil wirkte sie dadurch wohl erzieherisch auf die Geschäfts-
leute, die bisher auch große Kassabestände thesaurierten,
sie unverzinslich in ihrem Geldschrank liegen ließen.
Zum Teil aber nahm sie doch auch den Privatbankiers
die bereits von ihnen zur rationellen Geldverwaltung
erzogenen Kunden fort. Die Deutsche Bank fand bald
Nachahmer, und aus dem eigentlichen Geschäftsviertel
wandelten die Kassen bald weiter bis in die entferntesten
Wohnquartiere und zogen überall, wohin sie kamen,
nach und nach den kleinen Bankgeschäften den größten
Teil ihrer Kundschaft ab. Natürlich handelten die
Banken hier nicht aus menschenfteundlichen Beweg-
gründen. Für sie war der wesentlichste Ansporn, mög-
lichst viel Depositengelder zu bekommen. Unsere Banken
pflegen einen so erheblichen Teil ihres Kapitals in der
Gründung von Aktiengesellschaften und in sonstigen Be-
ieiligungen an industriellen Unternehmungen anzulegen,
l&gt;aß ihnen nicht allzuviel Gelder bleiben, um Kauf-
leuten und Industriellen Kredite zu geben. Deshalb
^ird immer diejenige Bank die mächtigste sein, die die
höchste Summe von Depositen auszuweisen hat. Diese
Depositen werden sehr niedrig verzinst, da die Bank sich
öen Einlegern gegenüber verpflichtet, sie jederzeit ohne
Kündigung zurückzuzahlen. Anderseits aber rechnet die
Bank damit, daß niemals die gesamte Summe der
Depositen zurückverlangt wird, so daß sie die Gelder
3u langfristigen Kreditgeschäften verwenden kann. Frei-

4
        <pb n="51" />
        ﻿50 Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

lich soll eine solide Bankverwaltung das ihr von den
Depositengläubigern anvertraute Kapital niemals in
Gründungsgeschästen anlegen, sie dürfte es auch nicht
aus Hypotheken mit jahrelanger Sparsrist ausleihen, aber
sie kann aus diesen Mitteln an ihre Kundschaft Kredite
gewähren und Wechsel Kausen. Da diese Geschäfte einen
ganz hübschen Zinsengewinn zu erbringen pflegen, wäh-
rend anderseits das Depositengeld tmr geringe Ver-
zinsung erreicht, so ergibt sich ein recht akzeptabler
Zwischengewinn, der um so mehr ins Gewicht fällt, als
die Depositensumme oft viel größer oder beinahe ebenso
groß ist, als das zu verzinsende Aktienkapital.

Galten so den ganz großen Banken die Depositen-
kassen einmal als Mittel zur Reklame, dann aber auch
als geeignet, für ihre große Geschästsausdehnung billige
Betriebsmittel heranzuziehen, so sind sie anderseits doch
auch wieder mehr dazu gekommen, sie als Vermittlungs-
stellen für den Absatz von Wertpapieren zu benutzen.
Für die Banken bedeutet es natürlich einen ganz er-
heblichen Vorteil, wenn sie von ihnen emittierte Aktien
oder Renten anstatt durch Vermittlung der Börse durch
Vermittlung ihrer eigenen Depositenkassen, an deren
Schaltern ein vielköpfiges und teilweise recht vermögen-
des Publikum verkehrt, unterbringen können. Natürlich
wird dieser Vorteil zum Teil sehr ausgenutzt. Die Vor-
steher der Depositenkassen, die vom Gewinn eine Tan-
tieme beziehen, können dadurch allzu leicht verleitet
werden, bei der Empfehlung solcher Wertpapiere nicht
mit der nötigen Gewissenhaftigkeit zu verfahren. Wenn
derartige Ausschreitungen von den Depositenkassen der
größeren Banken auch so gut wie gar nicht bekannt
geworden sind, so hat anderseits manche Depositenkasse
der Mittelbanken, namentlich in der Zeit vor dem letzten
Krach, des Guten allzuviel getan. Diese Kassen emp-
        <pb n="52" />
        ﻿Die Wechselstuben

51



fahlen nicht nur ihre eigenen Wertpapiere, sondern ani-
mierten das Publikum auch sehr lebhaft zu Spekulatio-
nen in allen möglichen Börsenwerten, zum Teil sogar in
recht minderwertigen englischen Minen-skare8. Genau
so wie früher die Wechselstuben der Privatbankiers
wurden diese Depositenkassen allmählich zum Mittelpunkt
eines spielsüchtigen und über dein Spiel alle Sittlichkeit
vergessenden Publikums. Diese Methode der Volksaus-
beutung erwies sich allerdings als nicht minder gefähr-
lich für die Verführer als ftir die Verführten. Denn das
Börsengesetz hatte inzwischen die Zahlungsverweigerung
Tür Schulden aus Börsengeschäften erheblich erleichtert,
und die Folge davon war, daß zahlreiche Differenz-
prozesse gerade von solchen Elementen angestrengt wür-
ben, die keineswegs als Verführte gelten konnten, fon-
bern in kaufmännischen Geschäften recht wohl bewandert
waren.

Diese Banken sind entweder durch die Verschwel-
ung mit anderen Instituten von der Bildfläche ver-
schwunden, oder sie haben von der Tücke des Schicksals
Selernt und ihre Depositenkassen aus andere Geschäfts-
zweige zugeschnitten. Sie bemühen sich jetzt eine Lücke
Auszufüllen, die das Verschwinden der Privatbankiers
U bas Berliner Geschäftsleben gerissen hat. Dadurch
"üben nämlich viele mittlere und kleinere Geschäftsleute
xe Kredithelfer verloren. Bei den großen Banken
onnen natürlich die Geschäfte nur mehr oder weniger
wemattsch geführt werden. Es ist ihnen daher nur

en möglich, mittleren und kleineren Gewerbetreibenden

Kredit

^ mt zu gewähren, die einer sorgfältigen Untersuchung
b ^..Kreditwürdigkeit und einer ständigen Überwachung
Dürfen. Hier knüpfen allmählich die Mittelbanken an;
^ luchen ihre Wechselstuben mit kauftuännisch geschulten
Kumten auszustatten, die die Kundschaft genau kennen
        <pb n="53" />
        ﻿52

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

und in der Lage sind, sich dauernd über deren Ruf und
Geschäftsgebaren aus dem lausenden zu halten. In
der Akquisition dieser Kundschaft kommt der Konkurrenz-
kampf am schärfsten aneinander. Jede Bank läßt
ständig die Handel- und Gewerbetreibenden der verschie-
denen Stadtviertel besuchen und eine überbietet an Kulanz
immer die andere.
        <pb n="54" />
        ﻿Mir

Zritungbankiers.

Die Bankiers der guten alten Zeit waren ihrer
Kundschaft nicht bloß Vermittler beim An- und Verkauf
von Wertpapieren, sondern auch Berater in allen finan-
ziellen Angelegenheiten. Und ein großer Teil des kapital-
anlegenden Publikums vermißt, so kulant und zuvor-
kommend es auch immer bei den Banken bedient werden
Mag, doch das eine, daß sie, in der großen kundenschar
der Aktieninstitute mehr oder weniger zur Nummer ge-
worden, die individuellen Ratschläge entbehren müssen.
Dieser Vorzug des Privatbankiers fesselt denn auch
immerhin noch eine ganze Reihe von Leuten an die
Weinen Bankgeschäfte. Von altersher haben Bankiers
versucht, diese Ratgebertätigkeit zur Reklame und zur
Gewinnung von Kunden auszunutzen. Die seinen Bank-
häuser pflegten in der Regel einmal wöchentlich einen
Bericht zu verfassen, der, um zahlreichen Einzelkorrespon-
denzen vorzubeugen, die Meinung des Bankiers über
die Börsentendenz im allgemeinen der Kundschaft mit-
litte. Pfiffige Elemente griffen diesen guten Brauch, der
auch fjeute noch besteht, aus, ließen diese Berichte in einer
Poßen Anzahl von Exemplaren drucken und versandten
he wöchentlich außer an ihre Kundschaft an Hunderte, ja
an Tausende von Adressen, die sie sich nach verschiedenen
öllssbüchern zusammenstellten. Dieser Weg muß sich als
        <pb n="55" />
        ﻿54 Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

recht lukrativ erwiesen haben, denn er wird heute noch
von einer Anzahl Baitkiers — allerdings minderwertiger
Sorte — beschritten. Der Weg ist aber durch die er-
hebliche Aufwendung von Porto, welche nötig ist, ziem-
lich kostspielig, und verhältnismäßig früh kainen einzelne
Bankiers, wohl nach österreichischem Vorbild, aus die
Idee, die wöchentlichen Berichte zu erweitern und sie in
Form von Zeitungen zu drucken. Dadurch schlug man
zwei Fliegen mit einer Klappe. Einmal wurde die
Kostendeckuilg wesentlich vereinfacht. Die Zeitung kostete
ein, wenn auch niedriges, Abonnementsgeld mrd man
konnte womöglich sogar Überschüsse dadurch erzielen,
daß man von den Banken Finanzinserate ausnahni.
Außerdem aber stieg der Wert der Ratschläge beim
Publiluun. Selbst wenn der Name des Bankiers groß
auf dem Zeitungstitel angegeben war, vergaß das Publi-
kum doch allzu leicht, daß es sich hier um ein rein
geschäftliches Unternehmen handelte, und maß die Zeitung
mit demselben Maß, wie es gewöhnt war, andere Zei-
tungen zu messen. Besonders war das der Fall bei den
Artikeln, die nicht als Fragebeantwortungen im Brief-
kasten standen, sondern als sachkundige Auseinander-
setzung an der Spitze des redaktionellen Teiles prangten«
Mit solchen Blättern hat das Publikum schon recht
schlechte Erfahrungen gemacht. Sie spielten in Wien
und Berlin schon zur Zeit des großen Gründerkraches
anfangs der siebziger Jahre eine recht verhängnisvolle
Rolle. Später ist dann die öffentliche Aufmerksamkeit
auf die Zeitungbankiers und ihre Preßorgane, nament-
lich durch den großen Prozeß gegen den Berliner Ban-
kier Paul Polke, gelenkt worden. Neuerdings schießen
solche Bankierzeitungen wieder üppig ins Kraut und es
gibt einige, vor denen wegen der Person ihrer Herauf
geber nicht genug gewarnt werden kann. So wird z« ™
        <pb n="56" />
        ﻿von Budapest aus eine riesenhafte Propaganda für ver-
schiedene Blätter gemacht, die dem Kundenfang für ein
paar kleine Bankgeschäfte am dortigen Platz dienen.
Nicht genug gewarnt kann ferner vor der Berliner
Finanz- und Handelszeitung werden, die von dem be-
rüchtigten, mehrfach wegen Betrugs und aller möglichen
Schwindeleien vorbestraften Hugo Löwy herausgegeben
wird. Dieser Herr hatte nach seiner Entlassung aus dem
Zuchthaus wieder in Berlin seine Zelte aufgeschlagen, zog
es jedoch vor, nachdem ihm hier der Boden wieder zu
heiß geworden war, nach London zu ziehen, wo er unter
der Firma „Oommercial and Financial Bank, Limited“
eine Reihe fauler Minengründungen inszenierte, die durch
das Berliner Blatt und seine Generalagenten, die Herren
Asmuß &amp; Schmidt, unter das Berliner Publikum
gebracht wurden. Zn dieselbe Kategorie von Blättern
gehört auch ein von der Effektenbank Bern heraus-
gegebenes Druckwerk, das durchaus schwindelhaften
Interessen dient. Das Publikum sollte gegen solche
Bankierblätter im allgemeinen recht mißtrauisch sein.
Sie sind ohne weiteres schwer zu schablonisieren. Vom
journalistischen Standpunkt aus muß natürlich jede Ver-
quickung von Zeitung und Bankgeschäft aufs schwerste
verurteilt werden. Aber vom Standpunkt der allge-
meinen Moral wird man sein Urteil natürlich immer
nur von Fall zu Fall abgeben können. Genau so wie
es Blätter gibt, die von Berufsjournalisten geleitet wer-
den, äußerlich also von keinem einzelnen Bankier ab-
hängig und doch unanständig sind, so können Bankier-
zeitungen natürlich auch nach durchaus anständigen ge-
schäftlichen Grundsätzen redigiert werden. Das Publikum,
das solche Blätter liest, muß sich aber darüber immer
klar sein, daß sie nur Mittel zum Zweck der Erlangung
von Kundschaft sind. Ist der Bankier anständig, so
        <pb n="57" />
        ﻿56

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

wird er seine Geschäftsmaxime, seine Kundschaft treu zu
bedienen und vor Schaden zu bewahren, natürlich auch
auf sein Blatt übertragen. Aber selbst dein: anständig-
sten können allzu leicht Konflikte zwischen der publizisti-
schen Pflicht und denl geschäftlichen Interesse entstehen.
Naturgemäß wird immer, wo die journalistische Berufs-
ehre nicht mitspricht, sondern kaufmännische Gesichts-
punkte den Ausschlag geben, das geschäftliche Interesse
bei solchen Konflikten den Sieg davontragen. In neuerer
Zeit scheint cs auch, als ob in steigendem Maße die
Zeitlmgbankiers von einzelnen Bairkinstituten zur Rolle
der im vorigen Kapitel geschilderten Einheizer benutzt
werden, weil sie natürlich zu einer größeren Anzahl
Menschen zu sprechen vermögen, wie selbst andere
Bankiers mit ziemlich bedeutender Klientel.
        <pb n="58" />
        ﻿Krawattenbankiers.

Von Zeit zu Zeit liest man in den Handelsteilen
der Zeitungen bewegliche klagen über Leute, die sich den
Titel Bankier bellegen, obwohl sie keinerlei Berechtigung
dazu haben. Die Handelskammern der einzelnen Orte
werden dann angegailgen, diesem Unfug ein Ende zu
bereiten. Meist handelt es sich da um Elemente, die
das gewerbsmäßige Geldverlcihen zu Bedingungen be-
treiben, deren Schwere den momentanen Nutzen, der für
den Geldsuchenden geschaffen wird, reichlich durch das
Verderben, das ihm die Zukunst bringt, aufwiegt. Zch
will hier dahingestellt sein lassen, ob das zünstlerische
Eifern dagegen, daß diese Leute sich Bankiers nennen,
berechtigt ist, und ob es nach dem Buchstaben des Ge-
setzes Erfolg verspricht. Aber so unzweifelhaft es sich hier
weist um eine schwere Entartung des anständigen Bankier-
berufes handelt und so gefährlich diese Leute für weite
kreise des Publikums werden können, mit dem Verbot
des Titels ist hier gar nichts geschehen. Denn leider sind
die Grenzen zwischen den eigentlichen krawattenbankicrs
und den Wucherern, die unangefochten die Bezeichnung
Bankier führen dürfen, sehr verwaschen. Der Wucher ist
in natürlich keine besondere Eigenart gerade des Bank-
geschäftes. Geschäftsleute aller Branchen sind daran be-
teiligt. Aber ebenso natürlich ist das reine Geldgeschäft
        <pb n="59" />
        ﻿58 Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

ganz besonders dazu geeignet, sich vom Lreditsuchenden
besondere Vorteile gewähren zu lassen. Gewisse Geschäfte,
die selbst von, sonst angesehenen, Banken gepflegt wurden,
haben stets einen mehr oder minder wucherischen Bei-
geschmack gehabt. Namentlich die Berliner Baubranche
hat vielfach unter unlauteren und hohen Bedingungen
zu leiden. Von den Bankiers, welche die Diskontierung
von Bauwechseln als Spezialität betreiben, wird zur Ent-
schuldigung mlf das verhältnismäßig hohe Risiko hin-
gewiesen, das die Diskonteure eingehen und anderseits
auch aus die großen Gewinne, die von den Geldnehmern
erzielt werden. Jeder Wucher ist ja etwas Relatives.
Derselbe Zinssatz, dem geldbedürftigen Privatmann ab-
genommen oder einem Geschäftsmann, der mit den Dar-
lehn lukrativ im Geschäft zu arbeiten vermag, kann
das eine Mal als schwerer Wucherzins, das andere Mal
als üblicher Entgelt angesehen werden. Allein der Ein-
wand des großen Risikos bei der Verleihung an Bau-
unternehmer kann nicht ohne weiteres als stichhaltig
akzeptiert werden. Das Baugewerbe, solid betrieben, ist
absolut nicht riskanter, wie irgend ein anderes Geschäft.
Die unsicher» Verhältnisse, unter denen ganz besonders
die Berliner Bautätigkeit leidet, sind besonders dadurch
hervorgerufen, daß unlautere und kapitalschwache Ele-
mente in immer steigender Zahl sich in den Beruf
drängen. Das Leihen an diese ist natürlich riskant, aber
anderseits wird auch grade dadurch, daß diese Leute
immer wieder durch Geld unterstützt werden, ihr Empor-
wachsen und ihre Ausbreitung gefördert. Die richügen
Baugeldwucherer leihen aber eben an anrüchige und
schwache Anternehmer mit Vorliebe, well nur sie die
Bedingungen akzeptieren müssen, die ihnen vorgeschrieben
werden. Der Zusammenbruch der Pommerschen und
Preußischen Hypothekenbank hat ja mit besonders er-
        <pb n="60" />
        ﻿Krawaltenbankiers.

59

schreckender Deutlichkeit gezeigt, daß diese hohen Bedingun-
gen oft bewußt von den Geldgebern dazu ausgebeutet
werden, kaum ausgebaute Häuser möglichst billig wieder
in ihren Besitz zu bringen.

Aber es wäre eine Täuschung, anzunehmen, daß
solche Wucherpraktiken nur im Baugeschäft im Schwange
sind. In der letzten Zeit sind vielfach Fälle bekannt
geworden, wo momentane Geldverlegenheiten der Inhaber
großer Geschäfte oder der Söhne reicher Väter selbst von
Aktienbanken und von bis dahin angesehenen Bankiers
ausgebeutet worden find.

Der mit dem Gesetz wohlvertraute Bankier betreibt
natürlich den Wucher nicht in der einfachen Form, wie
die kleinen Hyänen des Geldmarktes. Der Zinssatz, den
er fordert, wird immer mäßig sein. Aber er verschleiert
das wucherische Tun, er gibt dem Schuldner nicht den
vollen Betrag, den dieser braucht, um aus seiner Geld-
verlegenheit herauszukommen, vielmehr leiht er nur einen
Teilbetrag in bar, gibt als Gegenwert für den Rest
Grundstücke, Gebäude, Maschinen, Hypotheken oder schwer
realisierbare Wertpapiere, meist erheblich über ihren
wirklichen Wert hinein. Bei solchen Geschäften, die tat-
sächlich schwere Wuchertransakttonen sind, ist die Be-
straftmg deshalb nicht leicht zu erzielen, weil die Leute,
die so bewuchert werden, sehr oft sich nicht in einer
dauernden Notlage befinden, sondern nach Ausweis ihrer
Bilanz womöglich sogar in guten Vermögensverhältnissen.
Es handelt sich hier meist um momentane Zwangslagen,
in die die Geldnehmer durch Festlegung ihrer Mittel ge-
langt sind.

Diese Art des Bankierwuchers ist nun allerdings
nicht als eine Berliner Spezialität zu bettachten, im
Gegenteil, die Geldquellen fließen meistens in der Provinz.
Dagegen ist Berlin die Zentrale des Schleppertums, und
        <pb n="61" />
        ﻿60 Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

eine Anzahl «lehr oder weniger anrüchiger Agenten sucht
in der Großstadt ihre Opfer, um sie ihren Hintermännern
zuzuführen. Diese Teilung in Geldgeber unb Vermittler
ist int Krawattengeschäft, wie der Volltsmund das Ge-
schäft, seinen Mitbürgern die Kehle zuzuschnüren, allge-
mein nennt, üblich. Sie geschieht schort aus Vorsicht, um
die Biedermänner, die sich stets zur unrechten Zeit als
Helfer aus der Not einstellen, rächt zu sehr ins Licht der
Öffentlichkeit zu bringen. Besonders tritt diese Gepflogen-
heit bei dem eigentlichen Darlehnswucher niederster Art
hervor, der in Berlin geradezu Orgien feiert. Wenn ein
verschuldet oder unverschuldet irr finanzielle Schwierig-
keiten Geratener den Anonncenteil der Berliner Blätter
liest, so muß er erleichtert aufatmen. Denn der Möglich-
keiten, Geld zu erlangen, lächeln ihm unendlich viele
entgegen, und in jedem Inserat wird die Kulanz der
Bedingungen aus wärmste gepriesen. Die erste Ent-
täuschung erfaßt den Geldsucher schon beim ersten Zu-
samntetttreffen mit dem freundlichen Helfer. Gs wird ihm
erzählt, daß natürlich über seine Persoit erst Auskünfte
eingezogen werden müssen, da das Bankhaus, das das
Geld zu geben beabsichtige, nur mit ganz sicherer Kund-
schaft arbeite, dazu sei ein Spesenvorschuß von 15 oder
20 Mark nötig. Der arme Schlucker, dem das Messer an
der Kehle fitzt, kramt die letzten Pfennige seiner Bar-
schaft zusammett, borgt sich vielleicht noch einen Teil da-
zu, um den gewünschten Betrag zu entrichten. In leider
sehr vielen Fällen hat damit die Geschäftsverbindung
ihr Ende erreicht. Der noble Herr Nothelfer denkt gar
nicht daran, Auskünfte einzuholen, sondern steckt sich ver-
gnügt lächelnd das Geld in die Tasche. Fragt der Geld-
bedürftige nach, so wird er zunächst hingezogen und er-
hält schließlich nach langem Harren den Bescheid, daß die
Auskünfte leider nicht nach Wunsch lauten und infolge-
        <pb n="62" />
        ﻿Krawattenbankiers.

61

dessen sein Darlehnsgesuch abschlägig beschieden werden
muß. Das ist zwar ein Betrug, aber vielfach für die
Abgewiesenen noch die beste Lösung. Denn nur sehr
selten kommt es vor, daß das Geld wirklich zu einiger-
maßen anständigen Bedingungen gegeben wird. Zinsen
und Provision halten sich zwar meist in den gesetzmäßigen
Grenzen, aber entweder muß — wie es zum Beispiel
beim Osfizierswucher üblich ist — der Schuldner den
Wechsel über einen viel höheren Betrag, als er wirklich
empfing, ausstellen, oder ihm wird vom bewilligten
Darlehn unter allen möglichen Vorwänden so viel abge-
zogen, daß das, was er wirklich in bar empfängt, wenn
er nicht raffiniert vorher schon etwas auf die notwendige
Summe aufgeschlagen hat, nicht einmal dazu genügt, die
Verpflichtungen zu erfüllen, wegen deren er sich in die
ganze Affäre einließ.

Ein besonders üblicher Trick ist, das Geld nur zu
geben, wenn der Schuldner sich gleichzeittg in eine Lebens-
versicherung einkaust. An und für sich ist ja die Forde-
rung, daß eine Sicherheit auch für den Fall des Todes
des Darlehnitehmers geschaffen wird, nicht ungerecht-
fertigt. Aber damit, daß jemand, der 2000 Mark sich
borgt, in gleicher Höhe sein Leben versichert, ist dem
Herrn Geldgeber natürlich nicht gedient, denn er bekommt
mindestens 1% der Versicherungssumme als Provision
und hat deshalb selbstverständlich ein Interesse daran, auf
eine höhere Versicherung zu dringen. Oft wird bei einem
Darlehn von 2000 Mark eine Versicherungssumme bis zu
10000 Mark gefordert. Natürlich wird die Abtragung der
Schuld dadurch außerordentlich erschwert. Denn in sehr
vielen Fällen wird der Schuldner nicht in der Lage sein,
neben Zinsen und Provisionen, die in jedem Vierteljahr neu
bezahlt werden müssen, auch noch die sehr hohe jährliche
oder vierteljährliche Versicherungsprämie aufzubringen.
        <pb n="63" />
        ﻿■62

Großstadt-Dokumente 93b. 8. Berliner Banken.

Die Hintermänner dieser Geldvermittler setzen sich
aus verschiedenen Kategorien zusammen. Leider befinden
sich darunter in steigender Anzahl auch Genossenschafts-
banken, die nach autzenhin als gemeinnützige Institute
auftreten, mährend sie in Wirklichkeit nichts weiter sind,
als Kulissen, die gewerbsmäßige Wucherer aufgerichtet
haben, um dem Arm der Gerechtigkeit leichter entgehen
zu können. Sehr oft treten solche Genossenschaftsbanken
auch ganz ungeniert selbst als Geldgeber aus. Meist
sind es solche, die mit besonders schönem Titel prunken.
        <pb n="64" />
        ﻿Der Bankbeamte

Ein stolzer Titel, um den der Angestellte der Ban-
ken von den Kommis im Warenhandel und in der
Fabrikation vielfach beneidet wird. Und der Bank-
angestellte legt Wert auf diese Äußerlichkeit. Ganz gleich-
gültig, ob er im Dienste eines Millioneninstituts tätig
ist oder bei einem kleinen Bankier, der außer ihm viel-
leicht nur noch einen Lehrling und einen Kassenboten
beschäftigt. Aber der Titel hat auch seine bedenklichen
Schattenseiten. Denn eigentlich setzt von dem Moment
ab, wo eine größere Zahl von Bankangestellten sich mit
Aecht die Bezeichnung von Beamten beilegen konnte,
jene tiefeingreisende wirtschaftliche Umwälzung ein, die
bie bisherige bevorzugte Stellung der Bankbeamten ganz
wesentlich herabdrückte. Zch schilderte vorhin die Wir-
kungen, die die erheblichen Veränderungen in unserem
Wirtschastsorganismus aus den Geschäftsbetrieb von
Zanken und Bankiers ausübten. Es ist klar, daß, was
dm Geschäftsbetrieb der Prinzipale in völlig andere
Zahnen drängte, auch an den Angestellten der Geschäfte
wcht spurlos vorübergehen konnte.

Das Verhältnis des Bankiers zu seinen Kommis
^ug bis in die achtziger Jahre hinein in gewisser Hin-
Ucht ein stark patriarchalisches Gepräge. Patriarchalisch
über nicht in dem Sinne verstanden, wie man heute das
        <pb n="65" />
        ﻿64

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

Verhältnis aufgeklärter Industriedespoten zu ihren Ar-
beitern bezeichnet. Die Grundlage bildete hier vielmehr
das Gefühl nicht nur beruflicher, sondern auch sozialer
Zusammengehörigkeit. Die Lehrlinge ini Bankgewerbe
rekrutterten sich zu einem Teil aus den Söhnen von
Geschäftsfreunden, zum andern Teil aus solchen jungen
Leuten, die in der Schule etwas besonders Tüchtiges
gelernt hatten. Man forderte fast durchgängig das
Abiturierrtenzeugnis einer höheren Lehranstalt. Das war
auch chis zu einem gewissen Grade notwendig, weil in
der verhältnismäßig kurzen Lehrzeit — sie dauerte in
der Regel nur zwei Zähre — mannigfaltige Kenntnisse
erworben werden mußten. Das Kassawesen, die Buch-
führung, der Wechselverkehr, der Handel mit Wert-
papieren und Coupons sowie ihre Behandlung mußte der
Bankkommis beherrschen. Dazu kam die Technik der
Börse mit all ihren verschiedenen Verkehrsformen, vom
einfachen Kassageschäft bis zum schwierigen Stellage-
handel, von der einfachen Arbitrage zwischen Börsen-
plätzen mit gleichen Usancen bis zur Goldarbitrage. Man
wählte wohl auch die Forderung einer höheren Schul-
bildung als Mittel zu den: Zweck, nicht allzu junge
Leute in einen Betrieb nehmen zu müssen, der immerhin
doch durch den direkten Verkehr mit dem Gelde und
durch den Besuch der Börse eine Menge von Anfech-
tungen bot, wie kaum ein anderer Berus. Die Aus-
bildung war eine durchaus gründliche. Die meisten Lehr-
linge bekamen gar kein Gehalt, sondern wurden durch
ein sich oft schon im ersten Zähre auf mehrere hundert
Mark belaufendes Weihnachtsgeschenk entschädigt. Da-
durch erhielten sie von vornherein mehr den Charakter
von Volontären; den Chefs boten sie keine billigen Aus-
beutungsobjekte, sondem was sie leisteten, war ein Ent-
gelt für ihre Ausbildung.
        <pb n="66" />
        ﻿

Der Bankbeamte.

Obwohl diese jungen Herrchen oft sehr reicher Väter
Söhne waren, kannte man damals die Vornehmtuerei
des Zeitalters der 10 Zentimeter-Stehkragen noch nicht.
Der Lehrling ging mit dem Kassenboten des Vormittags
die wichtigsten Wege, kehrte auch wohl mit ihm zum
Frühstück in seine Stammkneipe ein und lernte dadurch
all die Intimitäten des Bankbetriebes kennen, knüpfte
eine Menge persönlicher Beziehungen zu anderen Lehr-
lingen, die ihm später ebensoviel Nutzen brachten wie der
Amstand, daß er frühzeitig lernte, daraus zu achten, wie
es in anderen Geschäften zuging. War die Ausbüdung
nahezu vollendet und kam der feierliche Moment heran,
wo die Einführung des Novizen in den Börsenpalast
erfolgte, so bekam er dort bald reichlich Gelegenheit,
praktisch zu erproben, was er von den Lehren der Bureau-
jahre profitiert hatte. Und wenn der Merkurkandidat
nicht so wie so der Erbe eines väterlichen Geschäfts war,
jo entschied die Umsicht und die Intelligenz, die er auf
dem glatten Parkett der Börse bewies, über die Staffel,
die er auf der Berufsleiter später erklimmen sollte. Da-
mals trug in der Tat jeder Banklehrling den Marschall-
stab im Tornister, und wenn die Gehälter der Angestell-
ten auch nicht überall so glänzend waren wie in einzelnen
^Aillionenhäusem, so konnten doch die meisten daraus
rechnen, später selbständig zu werden, und das schon
nötigte den Chef, seine Angestellten so zu behandeln, wie
wan eben Männer zu behandeln pflegt, denen man
borgen als ebenbürtigen Konkurrenten begegnen kann.

Die durch das Börsengesetz seit dem Iahre 1896
3anz erheblich beschleunigte Entwicklung znm Großbetrieb
sw Bankgewerbe, die ich in den vorderen Kapiteln aus-
ehrlich geschildert habe, hat in bezug aus die soziale
Stellung der Bankangestellten natürlich einen ähnlichen
Einfluß ausgeübt, wie dieselbe Entwicklung in der In-
        <pb n="67" />
        ﻿66

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

dustrie aus die dort beschäftigten Handwerker und Ar-
beiter. Im Bankgewerbe sind zwar keine Maschinen
eingeführt worden, wenn man von den Schreib- und
Rechenmaschinen absieht, aber die technische Entwicklung
außerhalb der Bankbureaus, die man sich im Beruf zu-
nutze gemacht hat, hat die Tätigkeit der Angestellten
mit reformieren helfen. Ich habe oben schon darauf hin-
gewiesen, daß die Ausdehnung des Telephonnetzes wesent-
liche Zweige des Effektenarbitrage-Geschästes von Grund
aus veränderte. Ist so die Arbitrage mehr und mehr
von einer schwierigen, kalkulatorisch-spekulattven Kunst
zu einem mehr schematischen, momentane Kursunterschiede
ausnutzenden, Handwerk geworden, so sanken natürlich
auch die Anforderungen, die man an den Arbitrageur
zu stellen gewohnt war. Die Einführung der Paritäten-
tabelle, die jeden Kurs der fremden Börsen nach den
Usancen des heimischen Marktes umrechnete ermöglichte
es auch, mangelhaft vorgeblldeten, Kommis, Arbitrage-
Transakttonen in dem engen Rahmen vorzunehmen, der
diesem Geschäftszweig überhaupt noch erhalten geblieben
ist. Damit schwand jener privllegierte Stand der Börsen-
künstler mehr und mehr, die aus allen Börsen der Erde
zu Hause, mit allen Finessen der höchsten kauftnünnischen
Arithmettk vertraut, täglich Riesensummen aus den ver-
schiedensten Geldmärkten in Bewegung setzten. Ein
Überbleibsel davon zeigt sich allenfalls noch in dem
kleinen Grüppchen der Devisen-Arbitrageure, von denen
jedes erstklassige Bankhaus noch ein Exemplar aufzu-
weifen hat. Trotz dieser Simplifizierung bllden natürlich
die an der Börse beschäftigten Angestellten der Bank-
häuser noch immer die Elite der Beamtenschaft. I^
Gesichtskreis ist ein verhältnismäßig weiter, sie müssen
doch immerhin noch ein gewisses Maß selbständiger Dis-
posittonsfähigkeit besitzen. Wer je größer die Bank ist,
        <pb n="68" />
        ﻿Der Bankbeamte.

67

bei der sie tätig sind, desto mehr nähert sich doch auch
ihre Tätigkeit der allgemeinen Schablone. And deshalb
steht selbst bei dieser Eliteschar das Einkommen in gar
keinem Verhältnis mehr zu dem, was ihre Vorgänger
in früheren Jahren bezogen.

Aber die wirklichen Opfer des Großbetriebes sehen
wir doch erst in den Bankbureaus. Die Konzentration
der Geschäfte bei den Banken hat diese allniählich zu
Riesenbetrieben anschwellen lassen, wie man sie früher
kailm zu ahnen wagte. Schon in den Depositenkassen
der Banken sitzen meist so viel Beamte, wie früher kaum
in den Bankgeschäften, die bereits recht gutes Ansehen
genossen. Zn den Zentralen aber steht Pult an Pult
in den großen Arbeitssälen, und die unendliche Arbeits-
leistung ist wie in den großkapitalistischen Fabriken mir
durch eine peinlich durchgeführte Arbeitsteilung zu be-
wältigen. Die Soldaten dieses großen Heeres sind dazu
verdammt, Tag für Tag die regelmäßige Bureauarbeit
mit der gleichen Tätigkeit auszufüllen. Der Kreis der
Geschäfte, die sie zu Gesicht und zur Beurteilung be-
kommen, wird immer enger. Der Korrespondent, der
jahraus jahrein den Brieftvechsel mit den Leuten führt,
die mit dem, ihm zur Bearbeitung überwiesenen, Buch-
staben ansangen, vermag wenigstens noch die Geschäfte
seines Kundenkreises zu übersehen. Der Expedient aber,
der die Sendungen frankiert und siegelt, der Buchhalter,
der das in allerkleinste Teile und Stückchen zerlegte
Buch mitführt, hat nur Teile in der Hand, denen das
geistige Band fehlt.

Aus den Tausenden und Abertausenden, die so die
Bankbureaus füllen, kommen natürlich nur ganz wenige
nach oben. Zur wirtschaftlichen Selbständigkeit überhaupt
gut wie gar keiner. Den meisten stumpft sich schon
nach wenigen Zähren der Geist. Sie werden zu A!a-

5'
        <pb n="69" />
        ﻿■ 68 Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

schinen, zu Opfert: der Arbeitsteilung. Sie sind fungible
Werte in der Kalkulation der Bankleiter; ob Müller oder
Schulze den Posten bekleidet, ist absolut gleichgültig.
Die Folge dieser Degradation der banktechitischen Arbeiter
ist natürlich ein Sinken der Gehälter, das roiederum
durch das Eindringen weiblicher Arbeitskräfte in die
Bankbureaus außerordentlich gefördert wird. Ich weiß
noch, welch großes Erstaunet: es zur Zeit, wo ich Lehr-
ling war, in unseren Bureaus erregte, als wir von einer
Münchener Firma erftchren, die eine große Reihe von
jungen Damen beschäftigte. Heure sieht man weibliche
Bankbemnte in säst allen Bureaus. Vornehmlich aller-
dings als Schreibmaschinistinnen, die nach Diktat ihre
Stenogramme aufnehmen. Aber allmählich beginnt doch
auch das weibliche Element sich in: Bankfach ein weiteres
Tätigkeitsgebiet zu erobern. Auch selbständige Arbeiten
werden hie und da schon von Frauen geinacht.

So sehen wir denn, daß die soziale und die peku-
niäre Lage der Bankbeamten sich immer mehr ver-
schlechtert hat. Äußerlich freilief) nimmt sich ihre Lage
immer noch verhältnismäßig besser aus, als die der An-
gestellten aitderer Branchen. Sie haben eine ziemlich
geregelte Arbeitszeit, verrichten ihr Tagewerk in hohei:
luftigen Räumen, aber selbst diese Vorzüge sind nicht so
glänzend, wie sie der Außenwelt immer erscheinen: Die
Bankräume, die der Fuß des Publikums nicht betritt
und die den Bankdirektoren nicht zum Aufenthalt dienen,
sind keineswegs mit derselben Opulenz ausgestattet, wie
die Prunk- und Repräsentationsabteilung. Und wenn
die Glocke das Ende der Kassastunde schlägt, so bedeutet
das für die Beamten noch lange nicht den Eintritt der
Ruhe. Hinter den verschlossenen Läden wird oft, namenüich
zur Abschlußzeit, noch lange und auch am Sonntag gearbei-
tet. Vis vor kurzem galt wenigstens die Beschäftigung der
        <pb n="70" />
        ﻿Der Bankbeamte,

69

Angestellten auf den Banken für dauernd und durchaus
sicher. Aber die großen Bankkrachs und die jetzt über-
wundene Zeit der letzten Krisis haben den Bankangestell-
ten doch mehr und mehr vor Augen geführt, daß sie im
Grunde genommen das Los aller proletarischen Exi-
stenzen, die Unsicherheit der Lebensführung, teilen.

Diese Proletarier-Existenz lastet aus den Bank-
angestellteir beinahe mehr, wie aus dem besseren Hand-
arbeiter. Wenn schon nicht seine bessere Schulbildung, so
verlangt der Wille seiner Vorgesetzten, daß er in an-
ständiger Kleidung den Dienst versieht. Gr fühlt sich
verpflichtet, seine Kinder gut erziehen zu lassen, kurzum
sein Etat ist mit Verpflichtungen aller Art so schwer be-
lastet, daß an Ersparnisse für die Zukunft gar nicht oder
doch nicht in gewünschtem Maße zu denken ist. Die
meist üblichen Weihnachts- und Abschluß-Gratiftkationen
reichen gewöhnlich gerade dazu hin, die größeren Aus-
gaben, die die Saison mit sich bringt, zu decken. Die
meisten Banken haben deshalb auch Unterstützungs- und
Pensionskassen eingerichtet. Diese Kassen tragen am
meisten dazu bei, in die Köpfe der Bankangestellten die
Fiktion einzuprägen, sie seien Beamte. Aber nur bei
ganz wenigen Banken ist das Pensionswesen durch feste
Regel geordnet und unter die Mitwirkung der Beamten-
schaft gestellt. Zn den meisten Instituten dagegen bilden
die Pensionskassen lediglich Dispositionsfonds, aus denen
ganz nach Gunst die Direktoren ihre Gaben verteilen
können. Allmählich beginnt sich in der Angestelltenschaft
eine Art Gewerkschaftsbewegung zu entfalten, die hoffent-
lich dahin führt, die Pensionsftage, zunächst im Wege der
statutarischen Vereinbarung, später auch durch die Gesetz-
gebung zu regeln. Wie wichtig eine solche Regelung ist,
hat erst der jüngst erfolgte Zusammenbruch der Hypo-
thekenbanken gezeigt. Die Beamten jener Banken, die
        <pb n="71" />
        ﻿70 Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

teilweise über zwanzig Jahre tätig waren, verloren jeden
Pensionsansprrlch. Das ohnehin schon schwere Fort-
kommen der Bankbeamten wird noch weiter durch eine
Reihe von Dingen erschwert, die zum Tell auch durch
die eigenartige Entwicklung des Vankgewerbes bedingt
sind. Der Großbetrieb erfordert eine ganze Menge Ar-
beiten derart automatischer Natur, daß sie von ganz
billigen, gar nicht vorgebildeten Kräften womöglich sogar
besser erledigt werden kann, als durch einigernraßen
denkende Arbeiter. So beschäftigen seit langer Zeit zur
Erledigung der Registratur, der Louponsabzählung und
ähnlicher Dinge viele Banken aktive Unteroffiziere aller
Grade, die nach Beendigung des Dienstes in voller Uni-
sornl ihre Nebenbeschäftigung antreten. Daneben sind
auch Pensionäre mancherlei Art tätig. Solange als es
den Bankbeamten verhältnismäßig gut ging, fühlten sie
sich durch diese halbamtlichen Mitarbeiter wenig beun-
ruhigt. Inzwischen ist aber trotz der schlechteren Gehälter
die Zahl der Beamten erheblich gewachsen, und die Ent-
lassungen, die während der letzten Krisenzeit stattfanden,
haben in den Angestellten den berechftgten Wunsch rege
werden lassen, auch diese niedersten Arbeiten von gelern-
ten Bankkommis verrichtet zu sehen.

Eine weitere Gefahr für das Fortkommen der Bank-
angestellten bilden die Protektionskinder. Auch in der
guten alten Zeit war es gerade im Bankgeschäft be-
sonders üblich, daß die Söhne der Geschästsfteunde als
Lehrlinge oder Volontäre tätig waren. Aber zu Miß-
ständen konnte das schon deshalb nicht führen, weil diese
jungen Leute in der Regel nach Absolvierung der Lehr-
zeit ins väterliche Haus zurückkehrten oder ins Ausland
zur weiteren Ausbildung geschickt wurden. Sie kamen
also als dauernde und ernstliche Konkurrenten für die
Bankangestellten kaum in Betracht. Daneben war es
        <pb n="72" />
        ﻿Der Bankbeamte.

71

aber selbstverständlich, daß die Ehefs lieber Leute in ihr
Bureau nahmen aus chnen bekannten Familien, und in
manchen Bankgeschäften war es sogar ganz unmöglich,
ohne ziemlich große Protektion als Lehrling anzukommen.
War man aber einmal im Betrieb drin, so war von
einer Bevorzugung der Protektionskinder nur in den
natürlichen Grenzen die Rede, die allen menschlichen
Handlungen durch die selbstverständlichen Gefühle von
Sympathie und Antipathie gezogen sind. In dem Maße,
wie die Scharen der zum ewigen Dienen Verdammten
wachsen, steigt natürlich auch der Wert der Protektion
für die Bevorzugten bzw. der Schaden, den sie dem
Zurückgesetzten verursachen. Dazu kommt aber noch,
daß besonders auf den Aktienbanken die natürliche
Gunst der Protektoren erheblich größer ist als im Privat-
betriebe. Wenn nur jeder Direktor, jeder Direkttons-
prokurist und vor allem jedes Mitglied des Aufsichtsrats
ein Protektionskind zeugt, so ist die Produktton an
solchen schon erheblich größer als zur Befriedigung des
Bedarfes an leitenden Männern notwendig ist. Wenn
es da einem aus der niedern Schar nicht durch einen
glücklichen Zufall gelingt, das Augenmerk seiner Vor-
gesetzten aus sich zu lenken, so wird er über die Sub-
Eernkarriere um so weniger hinausgelangen, als unter,

und über ihm noch eine Schar junger Zuristen,
Battonalökonomen und Techniker den kurulischen Sesseln
Zustreben.

Die zunehmende Eintönigkeit ihrer Beschäftigung
Und die wachsende Aussichtslosigkeit aus Erringung ein-
flußreicher Stellungen hat so etwas wie eine typische
Bankbeamten-Psyche geschaffen. Man kann diesen seeli-
schen Zustand der Durchschnittsbankbeamten als einen
durch Extravaganzen gemilderten Stumpffinn bezeichnen.
Stumpfsinn etwa in dem Sinne zu verstehen, wie man
        <pb n="73" />
        ﻿72

Grohstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

von einer spezifischen Beamtenträgheit sprechen kann.
Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr hat die Charaktere
nivelliert und abgestumpft. Außerhalb der Dienststunden
lebt ein Teil der Beamten ein nahezu ebenso stumpf-
sinniges Kneipenleben. Ein sehr großer Teil huldigt
leidenschaftlich dem Sport, aber in den Bankbeamten-
kreisen gibt es doch auch eine nicht geringe Gruppe, die
in den Mußestunden gewissermaßen ein Separatleben
in geistiger Betätigung lebt. Das find vornehmlich jene
Elemente, die, vom bitteren Muß gezwungen, ein Studium
aufzugeben oder gleich nach Verlaßen der Schulbank
einen kaufinännischen Brotberuf zu ergreifen, von vorn-
herein sich deshalb dem Banksach widmeten, well hier
geregelte Arbeitszeit und verhälttllsmäßig reichliche Muße
winkten. Diese Leute malen, musizieren, sammeln, schrei-
ben, studieren in der Frühe und des Abends. Sie
schinrpfen aus das Gewerbe, das sie die besten Stunden
in Anspruch nimmt und sie ihren Lieblingsneigungen
entzieht, und die meisten von ihnen gehen schließlich an
dieser Zwitterstellung, wenn sie nicht ganz harmonische
Naturen sind, zugrunde. Nur wenigen gelingt es, die
Träume erMlt zu sehen, die sie aus dem Wege ins und
vom Bureau umgaukeln.
        <pb n="74" />
        ﻿Der Kastenbote.

Ich kann die Schilderung der Bankangestellten doch
nicht verlassen, ohne wenigstens ein paar Zeilen den
Kassenboten zu widmen. Jeder, der einmal in irgend ein
Warengeschäft hineingeblickt hat, weiß ein Liedchen von
den treuen bejahrten Hausdienern zu singen. Aber die
Stellung des Kassenboten im Bankgeschäft ist doch selbst
heute noch, wo die patriarchalische Geschäftsführung bis
auf wenige beaux ro8te8 geschwunden ist, eine wesentlich
andere. Freilich, die Zeiten sind durch die Entwicklung
des Scheckwesens und des Giro-Effektenverkehrs auf der
Bank des Berliner Kassenvereins vorbei, wo der Kassen-
bote mit Hunderttausenden im Ledertäschchen durch die
Straßen ging. Aber noch immer sind die Summen, die
ihm anvertraut werden, so erheblich, daß nur unbedingt
zuverlässige Leute solche Posten bekleiden können. Wenn
man bedenkt, wie viel solcher Boten sich tagtäglich unter-
wegs befinden, mit welchen Summen sie hantieren, so ist
es geradezu bewunderungswürdig, wie selten einmal Ver-
luste bekannt werden, die Banken oder Bankiers durch
Nachlässigkeit oder gar Untreue dieser Kassierer erleiden.
Besonders verwunderlich ist das für den, der weiß, daß
ein Kassenbote dem andern nahezu unbegrenztes Ver-
trauen schenkt. Ich habe es selbst auf früheren Boten-
gängen erlebt, daß in einer Budike, die dicht neben der
        <pb n="75" />
        ﻿74

Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.

Bank des Berliner Kassenvereins lag, die Boten nach
Erledigung der wichtigsten Besorgungen sich zu einem
kleinen Zmbitz vereinigten und dann manchnial unterein-
ander Bestellungen, die in entlegene Gegenden führten,
austauschten. Mir ist kein Fall bekannt geworden, wo
dieses Vertrauen getäuscht worden ist.

Die Bank des Berliner Kassenvereins bildet über-
haupt das Zentrum des Berliner Botenlebens. Jedes
Geschäft mutz zu ihr, die den gesamten Effektenverkehr
Berlins vermittelt, mindestens zweimal am Tage schicken,
und da sie gegenüber von Hedwigskirche und Opernhails
im Mittelpunkt des Bankenviertels liegt, so ist hier ge-
wissermaßen das Stelldichein all dieser Ausläufer. Zn
ihrer Kleidung überwiegt heut die Uniform der ver-
schiedenen Banken. Aber auch die Zivilisten sind leicht
als Kassenboten erkenntlich durch die Sorgfalt, mit der
sie ihre Geldtaschen in den verschiedensten Formaten teils
unter dem Arm tragen, teils mit der Hand den umge-
hängten Lederbeutel sorgsam beschützen. Die alten typi-
schen Kassenbotengestalten, die stolz das eiserne Kreuz oder
die Verdienstmedaille im Knopfloch tragen, beginnen zwar
allmählich zu schwinden und jüngeren Elementen Platz
zu machen. Aber all diese Boten zeigen in ihrem Auf-
treten etwas Vornehmes, wie es bei den Dienern herr-
schaftlicher Häuser üblich ist. Sie sind sich sehr wohl der
Würde, Millionen zu vertreten, bewußt, und sie pflegen
sich auch untereinander nur selten nüt ihren Namen zu
nennen, sondern bezeichnen sich vertraulich im Duzkom-
ment als Bleichröder, Warschauer, Mendelssohn usw.
Und je nach dem Haus, das er vertritt, wird der Bote
im Kreise der Berufsgenossen respektiert.

Die Bezahlung der Kassenboten war einst eine über-
aus gute. Sie ist aber selbst unter den heutigen redu-
zierter! Verhältnissen noch relativ viel besser als die der
        <pb n="76" />
        ﻿Der Kassenbote

75

jungen Leute. Besonders bei den großen Privatfirmen
gibt es Kassenboten, die, abgesehen von gelegentlichen
Trinkgeldern, sich aus ca. 3000 Mark im Jahr stehen.
Auch daß die Söhne der Kassenboten als Lehrlinge ins
Geschäft eintreten, ist gar nichts Seltenes. Auf den Aktien-
banken macht sich natürlich auch in der Stellung der
Kassenboten die Folge der Arbeitsteilung sehr bemerkbar.
Das Heer der Boten ist hier in verschiedene Chargen
eingeteilt. Sie unterstehen alle einem Botenmeister und
gliedern sich untereinander dann wieder, je nachdem sie
Außendienst verrichten oder die Dienerrollen im Kassen-
raum oder in den Empsangssalons zu spielen hadern
Ein Heer von uniformierten Jungen, die man etwa mit
Votenlehrlinge bezeichnen köirnte, versorgen den Melde-
dienst in den weitläufigen Bankräumen.

Schon hier zeigt sich die eigentümliche Zwitterstellung
des Bankboten, der einerseits niederster Subalternbeamter,
anderseits aber selbst dann besondere Vertrauensperson
ist, wenn er nicht mit der Geldtasche durch die Straßen
eilt. Der Bote vom Dienst in den Direktionsräumen
sieht dort eine ganze Menge Leute ein- und ausgehen,
deren Besuch im Geschäftsinteresse der Bank absolut dis-
kret gehalten werden muß. Er hört bei der Anwesenheit
in den Zimmern manche vertrauliche Äußerung und trägt
oft genug Schriftstücke von einem Raun: zum andern,
die wesentliche Geschäftsgeheimnisse enthalten. Durch
kleine Privatdienste, die die oberen Persönlichkeiten der
Bank gelegentlich von ihm in Anspruch nehmen, steht er
der „Spitze" näher als alle anderen Sterblichen im Be-
iriebe. Viel mehr aber zeigt sich diese Zwitternatur in den
Privatgeschäften. Hier hat sich ein Rest der Botenstellung
aus alten Tagen selbst in den Millionenhäusern von
Weltruf noch erhalten. Zm Privatbankgeschäst war der
Kassenbote von jeher die ganz besondere Vertrauens-
        <pb n="77" />
        ﻿76 Grohftadt-Dokumente 58b. 8. Berliner Banken.

person des Lhefs. Selbst wenn aus dem Privatkontor
schwere Gewitterwolken dräuten und wenn das Personal
ängstlich daraus wartete, daß der zündende Funke unter
ihnen einschlagen würde, blieb das Gesicht des alten
Boten unbeweglich, und ihm wagte der Donnerer auch
nicht im Zorn zu nahen. Der Bote, der womöglich schon
vom Vater ererbt war, der bei den Diners servierte,
dessen Frau als Kochfrau, Tafeldeckerin oder womöglich
gar als Kinderftau im Hause des Lhefs tätig war, bildete
eine Art Mittelsperson zwischen der hohen Geschästs-
regierung und den Regierten. Er war namentlich der
Mentor der Lehrlinge. Er eröffnete ihnen die Geheimnisse
des Kopierbuchs und der Portokasse, er zeigte ihnen, wie
man ordnungsmäßig einen Wechsel präsentiert oder einen
Gfsektenposten einliefert, er war der Vertraute |it)rer ersten
Liebesgeheimnisse und ihrer Geldsorgen. Zn manchem
Welthaus befindet sich heut noch solch ein Exemplar aus
alter Zeit, vor dessen grader Grobheit das dem Hause
vorstehende Mitglied der Hautefinance genau so viel.
Respekt hat, wie der jüngste Volontär.
        <pb n="78" />
        ﻿Inhalt

Das Bankenviertel ■ . .

2m Bankpalast.............

Die Macht der Großbanken
Die Hautefinance . . . •
Der Bankdirektor . . . .
Der kleine Bankier • . .
Die Wechselstribcn . . . .
Zeitungbankiers . . . .
Krawattenbankiers . . .
Der Bankbeamte . • . .
Der Kassenbote............

Seite

3

10
16
23
26
38
46
, 53
. 57
. 63
. 73

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Auerbach, Stadtrat K. Flesch, Dr. Anita Augspurg, Minna Cauer,
Professor Sayous, Dr. Walther Borgius, Professor Al. v. Reusner,
Max Schippel, Richard Calwer, J. Wiener, Dr. Eduard David,
Professor Ernst Francke, Dr. Fleiriz Potthoff, Paul Göhre, Ludwig
Eschwege, A. v. Elm, Albert Sdiäffle, Rechtsanwalt Werthauer u. a. M-
Jedes Heft enthält eine aktuelle und reichhaltige Umschau, eine
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Kassenboten, die, abgesehen von gelegentlichen
ldern, sich auf ca. 3000 Mark im Jahr stehen,
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eintreten, ist gar nichts Seltenes. Aus den Aktien-
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sten die Folge der Arbeitsteilung sehr bemerkbar.
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