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        <title>Berliner Banken</title>
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            <forname>Georg</forname>
            <surname>Bernhard</surname>
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        </author>
      </titleStmt>
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            <idno>1047278480</idno>
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        1963
A
^1829
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        ctp?  &amp;lt;3  Großstadt-Dokumente  &amp;gt;
Herausgegeben  von  Hans  Oftwald  \%%/~\  /

=0  Band  8  C7=Berliner

  sanken

von

Georg  Kernhard

f

Berlin  und  Leipzig
Verlsg'von  Hermann  Seemann  Nachfolger  G.  m.  b.H.
        <pb n="3" />
        Band  1—15  der  Großstadt-Dokumente  behandeln
1  folgende  Themata:  &amp;gt;

1.  Dunkle  Winkel  in  Berlin.  Von  Hans  Ostwald.
2.  Die  Berliner  Bohöme.  Von  Julius  Bad.
3.  Berlins  drittes  Geschlecht.  Von  0r.  Magnus  Hirschfeld.

4.  Berliner  Tanzlokale.  Von  Hans  Ostwald.
6.  Zuhältertum  in  Berlin.  Von  Hans  Ostwald.
8.  Sekten  und  Sektierer  in  Berlin.  Von  Eberhard
Büchner.
7.  Berliner  Kaffeehäuser.  Von  Hans  Ostwald.
8.  Berliner  Banken  und  Geldverkehr.  Von  Georg
Bernhard.
9.  Aus  den  Tiefen  der  Berliner  Arbeiterbewegung.
Von  Albert  Weidner.
10.  Berliner  Sport.  Von  Arno  Arndt.
11.  Das  goldne  Wiener  Herz.  Von  Max  Winter.
12.  Wiener  Sport.  Von  vr.  Otto  Herschmann.
13.  Im  unterirdischen  Wien.  Von  Max  Winter.
14.  Wiener  Adel.  Von  Felix  Salten.
1k.  Wiener  Theater.  Von  einem  Eingeweihten.
-  —  Preis  pro  Band  1  Mark.  ■  —

Zu  beziehen  durch  alle  Buchhandlungen.
Verlag  von  Hermann  Seemann  Nachfolger,  Berlin  SW.,
Tempelhofer  Ufer  29.

Alle  Rechte  rom  Verleger  vorbehalten.
Botzberg'schc  Buchdrucherei,  Leipzig.
        <pb n="4" />
        Das  Bankrnvrertel.

Me  Großstadt  nivelliert.  In  ihr  taucht  alles  individuelle ­
  Leben  unter  und  wird  durcheinander  gebrodelt,
wie  in  einem  großen  Hexenkessel.  Und  dieses  wilde  und
tolle  Durcheinander,  dieses  kaleidoskopartig  Zusammengewürfelte ­
  verleiht  ihr  wiederum  jenes  Gepräge,  das  man
schlankweg  den  Großstadtcharakter  zu  nennen  pflegt.  Große
Städte  hat  Deutschland  viel.  Aber  doch  nur  eine  Großstadt. ­
  Denn  Hamburg,  München,  Breslau,  Frankfurt,
Dresden  und  Leipzig  tragen  doch  selbst  nach  Erreichung
ihrer  heuttgen  Größe  immer  noch  den  Stempel  ihrer  Entstehung ­
  mit  sich  herum.  Schiffahrt  und  Handel,  die  Börse,
die  Universität,  die  Zahl  der  Fremden,  das  alles  bestimmt
ihren  Charakter,  drängt  sich  dem,  der  nur  wenige  Stunden ­
  in  ihren  Mauern  wellt,  aus.  Nichts  von  alledem
zeigt  Berlin.  Berlin  hat  viel  Militär.  Aber  im  Straßengewoge ­
  Mt  das  dahermarschierende  Regiment  oder  die
große  Zahl  der  Offiziere  viel  weniger  aus,  als  das  eine
Bataillon  oder  die  paar  Regimenter,  die  in  der  Kreisstadt
oder  der  großen  Provinzstadt  garnisonieren.  Berlin  weist
allein  aus  der  Universität,  abgesehen  von  all  den  übrigen
Hochschulen,  die  größte  Zahl  von  Studierenden  aus,  aber
die  bunten  Mützen  und  farbigen  Bänder  tauchen  völlig
unter  in  dem  Strom,  den  die  hastige  Geschäftstätigkeit
        <pb n="5" />
        4

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

Tag  für  Tag  in  die  Straßen  ergießt.  Berlin  dominiert  in
der  Textilbranche,  herrscht  in  den  verschiedenen  Zweigen  der
Keramik,  leistet  in  der  fabrikmäßigen  Produktton  aller  möglichen ­
  Artikel  mehr  als  alle  anderen  Großstädte  zusammengenommen, ­
  und  doch  muß  man  die  Stadt  genau  kennen,
um  an  äußerlichen  Merkmalen  die  immense  Ausdehnung
dieser  Zweige  der  Erwerbstättgkeit  zu  erkennen,  die  nirgend
aufdringlich  und  ostentativ  in  die  Erscheinung  treten.
Mit  der  Zentralisierung  Deutschlands  seit,  der  Reichsgründung ­
  ist  Berlin  auch  die  Führerin  im  Bankgewerbe
geworden.  Die  Börsen  in  Breslau,  Dresden,  Leipzig,
auch  die  in  Frankfurt  a.  M.  und  Hainburg  haben  mehr
und  mehr  ihre  Führerrollen  an  Berlin  abgeben  müssen.
Die  Zahl  der  Berliner  Bankiers  ist  immens  gewachsen,
und  doch  tragen  immer  noch  Frankfurt  a.  M.  und  Hamburg ­
  viel  mehr  das  Gepräge  von  Städten,  in  denen
Börsenleute  und  Kaufherren  herrschen.  Nur  ein  äußerliches ­
  Zeichen  deutet  auf  die  Größe  von  Berlins  bankgeschäftlicher
  Tätigkeit  hin:  die  Prachtbauten  der  Banken,
die  dem  Publikum  das  Bankenviertel  viel  sichtbarer
machen  als  z.  B.  das  Konfekttonsviertel  um  den  Hausvogteiplatz
  herum,  weil  sie  meist  in  der  Nähe  der  historischen ­
  Prachtstraße  Berlins,  der  Straße  „Unter  den
Linden"  liegen.  Naturgemäß,  wie  in  Paris  und  London
auch,  reiht  sich  das  Bankenviertel  an  die  Börse  an.  Ein
paar  Bank-  und  Maklerfirmen  haben  ihre  Zelte  in  allernächster ­
  Nähe  der  Börse  aufgeschlagen;  sie  hausen  in  den
alten  Häusern  der  „Heiligen  Geiftgasse",  die  zum  Teil  an
die  ehrwürdige  Stadtgeschichte  Berlins  gemahnen  und  einst
den  Grauen  Brüdern  zur  Klosterherberge  dienten.  Aber  die
hauptsächlichsten  Bankenstraßen  sind  Behren-,  Kanonierund
  Zägerstraße  und  die  Straße  „Unter  den  Linden".
Hier  wohnen  einzelne  Firmen  seit  Jahrzehnten.  Und
gerade  die  drei  großen  Berliner  Bankhäuser,  S.  Bleich ­
        <pb n="6" />
        Das  Bankenviertel.  5

röder  und  Robert  Warschauer  &amp;amp;  Lo.  in  der  Behrenstraße,
Mendelssohn  &amp;amp;  Lo.  in  der  Iägerstraße  bewohnen  noch  heut
das  alte  schmucklos  ehrwürdige  Domizil,  in  dem  sie  sich  in
ihren  Anfängen  präsentierten.  Als  die  Straße  Unter  den
Linden  und  die  Behrenstraße  von  der  Bankwelt  als  Geschästsviertel
  okkupiert  wurden,  waren  sie  die  feinsten
Straßen  des  Berliner  Westens.  Denn  der  Tiergarten  diente
wohl  schon  einigen  besonders  idyllisch  veranlagten  Billenbesitzern
  zur  Wohnstätte,  doch  war  es  jenseits  des  Brandenburger ­
  Tores  noch  recht  wüst  und  leer.  Behrenstraße,
Taubenstraße,  Französische  Straße  und  Kanonierstraße
nebst  den  sie  schneidenden  Straßenzügen  waren  um  die
Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  das  Zentrum  des  geistigen
Berlins.  Die  Nähe  der  Universität,  die  Nähe  des  Schauspielhauses, ­
  die  Nähe  der  Oper  zwangen  Künstler,  Studenten ­
  und  Mäcene  in  diese  Gegend.  Die  historische
Weinstube  von  Lutter  &amp;amp;  Wegner  an  der  Kreuzung  der
Charlotten-  und  Französischen  Straße  legt  Zeugnis  davon
ab,  die  Namen  Schleiermachers,  Devrients,  Dessoirs,
E.  T.  A.  Hofsmanns,  Mendelssohn-Bartholdys,  um  nur
einige,  wie  sie  mir  gerade  einsallen,  zu  nennen,  tauchen,
wenn  wir  an  diese  Gegend  denken,  in  unserm  Gedächtnis
auf.  Hier  wohnte  „man"  eben  und  hier  ließen  sich  auch  die
Bankherren  nieder,  angelockt  einmal  durch  die  Nähe  der
Börse,  anderseits  aber  auch  durch  die  Möglichkeit,  hier
gleich  bei  den  Geschäftslokalen  die  passenden  Privatwohnräume
  zu  finden.
Nur  ganz  wenige  von  diesen  Herren  sind  heute  noch
im  Bankenviertel  ansässig.  Die  Geschäftslokale  sind  dort
geblieben,  aber  steigender  Reichtum  und  wachsendes  Luxusbedürfnis ­
  haben  die  Inhaber  immer  mehr  westwärts  getrieben. ­
  Zunächst  plutokratisierten  sie  das  strenge  Geheimratsviertel
  vor  dem  Potsdamer  Tor,  bevölkerten  die
Lenne-,  Tiergarten-  und  Bellevuestraße  und  zogen  sich
        <pb n="7" />
        6

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

dann  schließlich  über  die  Friedrich-Wühelm-,  Königin-  und
Kaiserin-Augusla-Straße  durch  die  Drakestraße,  Corneliusstraße
  und  Lichtensteinallee  nach  dem  alten  Teil  des  Kurftirstendamms.
  Heute  sind  als  Hochburgen  der  Bankiers
und  Bankdirektoren  der  westlichste  Teil  des  Kurfürstendamms, ­
  die  Kolonie  Grunewald  und  die  herrliche  Villenkolonie ­
  am  Wannsee  zu  betrachten.  Unverbrüchlich  treu
aber  blieb  man  dem  Bankenviertel  mit  den  Bureauräumen, ­
  und  auch  die  meisten  Neulinge  verlegten  ihre  Geschäfte ­
  in  die  Nähe  der  altansässigen  Firmen,  schon  um  sich
den  Geschäftsverkehr  mit  ihnen  zu  erleichtern.  So  erhielt
sich  denn  das  Berliner  Bankenviertel  ziemlich  unverändert,
bis  der  Zug  zum  Riesenkapitalismus  die  Banken  so  groß
werden  ließ,  daß  sie  auch  äußerlich  die  engen  Wände
ihrer  Wohnräume  sprengten  und  immer  größere,  weitere
und  ragendere  Paläste  aufbauten.  Heut  drücken  diese
Bankpaläste  dem  Bankenviertel  den  Stempel  auf.  Eigentlich ­
  nur  noch  in  der  Voßstraße  hat  sich  der  schmucklose
Baustil,  mit  dem  in  früherer  Zeit  unsere  Aktienbanken
vorlieb  nahmen,  erhalten.  Das  Gebäude  der  preußischen
Bodenkreditbank  ist  bereits  etwas  neueren  Datums.  Aber
das  etwas  monotone  Außere  anderer  Bauten  z.  B.  des
Gebäudes  der  Nationalbank  für  Deutschland  läßt  nicht
auf  die  geschmackvoll  und  manchmal  etwas  überreiche
Ausstattung  der  Znnenräume  schließen.
Ganz  anders  wirkt  das  Zeichen  der  modernen  Bauten
auf  uns  ein,  die  die  Behrenstraße  schmücken.  Das  Haus
der  Mitteldeutschen  Kreditbank  fällt  zunächst  einem  jeden
auf,  der  von  der  WUhelmstraße  in  die  Behrenstraße  einbiegt. ­
  Aber  der  Riesenblock,  auf  dem  der  Prunkbau  der
Deutschen  Bank  sich  erhebt,  lenkt  dann  den  Blick  ab  und
auf  sich.  Man  hat  die  Deutsche  Bank  aus  Gründen,  die  ich
später  noch  erwähnen  werde,  die  Mammutbank  genannt.
Wer  von  ihrer  geschäftlichen  Bedeutung  und  Ausdehnung
        <pb n="8" />
        Das  Bankenviertel.

7

Keine  Ahnung  hätte,  würde  diesen  Namen  billigen,  wenn
er  das  ständige  äußere  Wachstum  des  Gebäudes  verfolgt
hätte.  Schon  heute  erstreckt  sich  der  Bankpalast  in  der
Behrenstraße  von  der  Mauer-  bis  zur  Kanonierstraße  und
geht  bis  zur  Französischen  Sttaße  durch,  und  in  gar  nicht
langer  Zeit  wird  das  ganze  Häuserkarree  den  Bankbau
umfassen.  Zwar  nicht  von  ganz  derselben  räumlichen
Ausdehnung,  aber  immerhin  auch  sehr  stattlich  ist  das
Haus  der  Dresdener  Bank,  das  namenüich  durch  die
Weiße  des  Materials  und  die  freie  Lage  am  Opernplatz
gegenüber  der  Universität  auffällt.  Auch  die  Dresdener
Bank  wird  sich  demnächst  erheblich  erweitern,  sie  hat  die
Häuser  erworben,  die  ihr  Gebäude  mit  dem  stattlichen
Prunkbau  der  verkrachten  Pommernbank  verbinden,  indem ­
  die  Deutsche  Genossenschaftsbank,  die  vor  kurzem
von  der  Dresdener  Bank  ausgekauft  wurde,  ihr  Domizll
hier  aufgeschlagen  hat.  Ein  ebenfalls  prächttges  Gebäude
nennt  die  Direktton  der  Diskontogesellschast  ihr  eigen,
das  nach  den  Linden  hinaus  eine  einfache,  dafür  aber
nach  der  Behrensttaße  eine  um  so  prächttgere  Fassade  zeigt
und  im  Innern  geradezu  prunkhast  mit  Marmor  ausgestattet ­
  ist.  Weniger  groß  und  anspruchvoll  im  Äußeren,
dafür  aber  sehr  eigenarttg  ist  das  Haus  der  Berliner  Handelsgesellschaft, ­
  das  vom  Professor  Messel,  dem  Schöpfer
des  neuen  Wertheimbaues,  erdacht  und  ausgeführt  ist.
Freilich,  das  Haus  ist  nicht  jedermanns  Geschmack,  und
so  wunderbar  es  Messel  in  seiner  Wertheim-Schöpsung
verstanden  hat,  dem  prakttschen  Zweck  die  künstlerische
Form  anzupassen,  so  wenig  eigenarttg  ist  das  Meffelsche
Bankgebäude.  In  nichts  unterscheidet  es  sich  eigentlich
von  den  übrigen  Zweckbauten  dieser  Art  als  durch  eine
gewisse  Koketterie  mit  anscheinend  einfachen,  im  Grunde
ober  doch  recht  bizarren  Formen.
Einen  gewissen  pikanten  Reiz  hat  das  Gebäude  der
        <pb n="9" />
        8  Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

Berliner  Bank,  das  sich  an  der  Ecke  der  Behren-  und
Lharlottenstraße  erhebt  und  bis  zur  Rosmarienstraße
reicht.  Mit  seinem  Glasdach  und  dem  ganz  eigentümlichen ­
  Ausbau  der  Parterreräumlichkeiten  nimmt  es  sich
beinahe  wie  ein  vornehmes  Landschloß  in  Versaille  oder
St.  Eloud  aus.  Seit  kurzem  hat  die  Kommerz-  und  Diskontobank ­
  ihren  Sitz  hierher  verlegt,  die  sich  die  Berliner ­
  Bank  vor  einiger  Zeit  angliederte.
Die  Physiognomie  des  Bankenviertels  unterscheidet
sich  nur  zu  gewissen  Tageszeiten  von  der  anderer  Berliner
Straßenviertel.  Des  Abends  und  des  Nachts  wird  sie
wesentlich  beeinflußt  durch  das  Berliner  Nachtleben,  das
von  der  Friedrichstraße  aus  bis  hierher  seine  Wogen
sendet.  Das  Metropoltheater  und  die  zahlreichen  Weinund
  Bierrestaurants,  namentlich  aber  auch  die  von  den
Linden  bis  zur  Behrenstraße  sich  erstreckende  Passage  erleichtert ­
  das  Eindringen  und  Festsitzen  nächtlicher  Elemente. ­
  So  spät  das  Leben  im  Bankenviertel  Schluß
macht  —  schon  deshalb,  weil  ein  erheblicher  Teil  der
Berliner  Demimonde  sich  hier  niedergelassen  hat  —  um
so  später  erwacht  auch  hier  das  Leben.  Die  Banken  und
Bankgeschäfte  pflegen  vor  neun  Uhr  ihre  Kasse  nicht  zu
eröffnen,  und  erst  wenige  Minuten  vor  dieser  Zeit  flutet
die  Schar  der  Angestellten  aus  der  Stadt  und  den  Vororten ­
  in  die  Paläste  hinein.  Während  des  ganzen  Tages
behält  besonders  die  Behrenstraße  ihren  vornehmen  Anstrich. ­
  Wenn  man  von  der  Voßstraße  absieht,  in  die  das
Wertheimsche  Warenhaus  so  etwas  wie  einen  demokratischen ­
  Zug  hineingetragen  hat,  hält  sich  im  gesamten
Bankenviertel  der  Verkehr  in  relativ  engen  Grenzen.  Zu
gewissen  Stunden  des  Vormittags  bilden  die  Bankboten
—  durch  Geldtasche  oder  Uniform  kenntlich  —  das  Hauptkontingent ­
  der  Passanten.  Dazwischen  sieht  man  Equipagen
vor  die  Tore  der  Vankenräume  rollen.  Um  die  Mittags ­
        <pb n="10" />
        Das  Bankenviertel.

9

stunde  beginnt  die  Auswanderung  zur  Börse.  Ein  Teil  der
Herren  Lhefs  und  der  Bankdirektoren  verläßt  schon  kurz
nach  elf  Uhr  die  Bureaus,  um  zu  frühstücken.  Die  Weinrestaurants ­
  von  Ewest  in  der  Vehrenstraße  und  Hupka
in  der  Markgrafenstraße  bilden  die  kulinarischen  Zentren
der  Berliner  Bankenwelt.  Hier  am  Frühstückstisch  wird
die  Börse  vorbereitet  und  hier  ist  schon  manches  Geschäft
von  erheblicher  Wichtigkeit  eingeleitet  worden.  Man  darf
glauben,  daß  die  Zählkellner  jener  Restaurants  manch
armem  Schlucker  an  der  Börse  durch  das,  was  sie  vom
intimen  Stammtischgespräch  erlauschen,  ein  Vermögen  verschaffen ­
  könnten.
Rach  der  Börse  kehrt  ein  Teil  der  Beamten  und
Direktoren  direkt  in  die  Bureaus  zurück.  Der  Rest
kommt  etwa  um  die  Stunde,  wo  die  Kaffen  ihre  Pforten
zu  schließen  beginnen.  Wenn  nicht  gerade  Ultimo  ist,  so
beginnt  spätestens  in  der  siebenten  Stunde  der  Exodus
der  Bankleute,  und  kurz  darauf  bemächtigt  sich  das  Vergnügen ­
  der  stillen  Straßen,  die  während  des  Tages  den
Charakter  ernster  Arbeit  und  Würde  zur  Schau  tragen.
        <pb n="11" />
        Im  Bankpalast

Es  ist  kurz  vor  der  Mittagsstunde.  Mit  einem
kleinen  Trupp  von  Boten  gehen  wir  mit  neugierigem
Blick  durch  das  hochgewölbte  Portal  des  Bankpalastes.
Der  Portier  schaut  unter  seiner  Uniformmütze  mit  souveränem ­
  Gleichmut  die  Passanten  an.  Sein  Ausdruck
wechselt  nur,  wenn  er  Bekannte  erblickt.  Entweder  befreundete ­
  Bankboten,  die  er  nun  schon  jahraus  jahrein
mit  demselben  kollegialischen  Kopfnicken  begrüßt.  Oder
solche  Personen,  die  er  als  Intime  der  höheren  Beamten ­
  oder  Direktoren  kennt  und  vor  denen  er  mit  steif
formeller  Höflichkeit  die  Mütze  zieht.
Der  Weg  führt  in  den  Kassenhof.  Er  ist  bei  säst
allen  Banken  gleichmäßig  ausgebaut,  und  auf  seine
Ausstattung  ist,  da  er  nächst  der  Außenfassade  des  Gebäudes ­
  das  am  meisten  der  Öffentlichkeit  gezeigte  Schauobjekt ­
  bildet,  viel  Geld  und  Geschmack  verwandt.  Wir
haben  einen  Scheck  einzulösen  und  wenden  uns  an  den
der  Tür  zunächst  gelegenen  Schalter.  Aber  der  Kassenbeamte ­
  weist  uns  höflich  daraus  hin,  daß  über  dem
Schalter  in  deutlichen  Lettern  „Effekten"  zu  lesen  steht.
Das  heißt:  Hier  liefern  Publikum  und  Bankwelt  die
Aktien,  Obligationen  und  Pfandbriefe  ein,  die  sie  durch
die  Bank  zu  verkaufen  wünschen,  oder  nehmen  die  Effekten ­
  in  Empfang,  die  sie  durch  die  Bank  oder  von  ihr  ge-
        <pb n="12" />
        Im  Bankpalast.

11

kauft  hoben.  Unser  Blick  irrt  suchend  in  der  Runde  umher.
Überall  hinter  den  Glaswänden  sehen  wir  die  Kommis  in
emsiger  Tätigkeit  sitzen.  In  der  Nähe  der  Schalter  oder
vorn  in  der  vordersten  Reihe  die  Kassierer.  Zwischen  ihnen
eilen  uniformierte  Boten  und  Laufjungen  in  geschwinder
Hast  hin  und  her.  Zn  der  gerundeten  Glaswand  befinden ­
  sich  eine  Menge  Schalterfenster,  und  über  jedem
steht  eine  andere  Inschrift.  Jede  Inschrist  deutet  ein
besonderes  Kassenressort  an.  An  der  Einzahlungs-  und
Auszahlungskasse  werden  die  großen  Zahlungen  geleistet;
hier  handelt  es  sich  entweder  um  die  Abwicklung  von
Millionengeschästen  oder  es  werden  hier  die  Gelder  erhoben ­
  oder  zurückgezahlt,  die  die  Bank  an  der  Börse
ausgeliehen  hat.  Dicht  daneben  befindet  sich  die  Couponkasse.
  Sie  dient  der  Einlösung  der  Zinsscheine  der  fest
verzinslichen  Wertpapiere  oder  der  Dividendenscheine  der
Aktien,  bei  deren  Geburt  meist  die  Bank  Gevatter  stand.
Aber  nicht  nur  die  Dividenden  derjenigen  Aktiengesellschaften ­
  werden  hier  bezahlt,  die  die  Bank  selbst  ins
Leben  rief,  sondern  auch  derer,  mit  der  die  Bank  in
engerer  Geschäftsverbindung  steht.  Für  alle  bei  ihr  eingelösten ­
  Scheine  bekommt  die  Bank  von  den  Gesellschaften
eine  kleine  Provision.  Im  Vorüberschreiten  werfen  wir
noch  einen  neugierigen  Blick  auf  die  Wechselkasse,  wo
gerade  eben  ein  Wechsel,  den  ein  Kunde  bei  der  Bank
Zahlbar  gemacht,  von  dem  Boten  einer  anderen  Bank
sum  Einlösen  präsentiert  wurde.  Endlich  stehen  wir  vor
dem  richtigen  Schalter,  wo  schon  mehrere,  die  vor  uns
kamen,  warten.  Der  Kassierer  nimmt  den  Scheck  entgegen ­
  und  läßt  durch  einen  Beamten  das  sogenannte
Avisbuch  einsehen,  um  zu  konstatteren,  ob  der  Geschäftsfreund ­
  der  Bank,  der  uns  den  Scheck  sandte,  die  Entnahme
vorher  angekündigt  hat.  Der  Scheck  ist  in  Ordnung,  aber
er  kann  noch  nicht  gezahlt  werden,  da  wir  als  Legiti-
        <pb n="13" />
        12  Großstadt-Dokumente  93b.  8.  Berliner  Banken.
matton  für  den  Kunden  unsere  Empsangsquittung  noch
auf  feine  Rückseite  setzen  müssen.  Der  Beamte  weist
uns  an  eins  der  Schreibpulte,  die  sich  in  der  Mitte  des
Schalterraunres  befinden.  Durch  das  Glasdach  des
Kassenhofes  strömt  das  volle  Tageslicht  gedämpft  hernieder ­
  und  ermöglicht  selbst  die  Erledigung  längerer
Schreibereien.  Alle  Formalitäten  sind  jetzt  erledigt.  Das
Geld  ruht  sorgsam  verwahrt  in  der  Brieftasche,  und  wir
könnten  uns  jetzt  der  Zahl  von  Besuchern  zugesellen,  die
durch  das  Hauptportal  den  Palast  zu  verlassen  sich  anschickt. ­
  Aber  unser  Geschäftsfreund  hat  uns  gebeten,  in
seinem  Austrage  bei  der  Direktion  des  Znstituts  für  ihn
noch  wegen  einer  wichtigen  geschäftlichen  Angelegenheit
vorzusprechen.  An  einer  Türe,  die  neben  dem  Ausgang
aus  dem  Kassenraum  liegt,  steht  in  schweren  vergoldeten
Glasbuchstaben  die  Aufschrift:  Direktton.  Auf  einer
breiter:  Marmortreppe  über  schwere,  jeden  Tritt  geräuschlos ­
  machende  Teppiche  steigen  wir  in  die  erste  Etage
empor.  Der  Raum  ist  hoch.  Auf  den  breiten  Wandelgang, ­
  der  ebenfalls  mit  schweren  Teppichen  belegt  ist,
führt  eine  Menge  schwerer,  eichener  Türen  hinaus;  Diener,
Zungens,  Beamte  mit  Mappen  und  Schristftticken  eilen
im  Laufschritt  an  uns  vorüber.  Man  merkt  unwillkürlich:
hier  sitzt  die  Maschine,  die  das  Ganze  treibt.  Zn  einem  fort
hört  man  Klingelzeichen.  Türen  öffnen  und  schließen  sich.
Ein  Diener  weist  uns  auf  unsere  Anfrage  an  das  Ende
der  Wandelhalle.  Dort  befindet  sich  so  eine  Art  Dienerzimmer. ­
  Wir  übergeben  unsere  Karte  einem  Boten,  der,
nachdem  er  uns  noch  veranlaßt  hat,  auf  einen  vom  Block
gerissenen  Zettel  über  den  Zweck  unseres  Besuches,  einige
Worte  mit  Bleistift  aufzuzeichnen,  hinter  einer  der  großen
Türen  verschwindet.  Rach  wenigen  Sekunden  kommt
er  zuriick,  un:  mit  uns  in  eins  der  Zimmer  einzutreten.
Zwei  Türen  schließen  sich  hinter  uns,  denn  jedes  dieser
        <pb n="14" />
        Im  Bankpalast.

13

Zimmer  besitzt  außer  der  vom  Wandelgang  her  sichtbaren
Tür  noch  eine  zweite,  die  vermittels  eines  dicken  Polsterüberzuges
  den  Schall  von  außen  und  innen  absängt.
Wir  befinden  uns  in  einen:  Sprechzimmer.  Zeder  Direktor ­
  hat  neben  seinen:  Bureauraum  ein  solches  Zimmer
zur  Verfügung.  Er  empfängt  nur  seine  ganz  Zntimen
in  dem  hohen,  teppichbelegten  Raum,  der  ihm  als  ständige ­
  Arbeitsstätte  dient.  Zm  Sprechzimmer  steht  hinter
einem  kleinen  Tisch  mit  dem  notwendigsten  Schreibmaterial ­
  ein  mehr  oder  weniger  altes,  elegantes  Sofa,
das  von  ein  paar  Sesseln  flankiert  wird.  Für  eine  Besprechung ­
  mit  einer  größeren  Personenzahl  stehen  Konferenzsäle ­
  zur  Verfügung.
Zm  Verlaus  der  Unterredung,  die  wir  mit  dem
Direktor  führen,  erweist  es  sich  als  nötig,  einen  der
Börsenvertreter  des  Instituts  zu  infornüeren;  die  Börsenbureaus, ­
  sowie  die  Zimmer  der  Korrespondenten,  die  die
wichtigsten  Angelegenheiten  erledigen,  pflegen  in  nächster
Nähe  der  Direktionsräume  zu  liegen.  Da  noch  einige
Nebenfragen  an  der  Hand  der  Angaben  des  Buchhalters
Lu  erledigen  sind,  bittet  der  Kürze  halber  der  Direktor, ­
  uns  gleich  selbst  in  die  Buchhalterei  hinaufzubemühen.
Der  Börsenvertreter  begleitet  uns.  Je  höher  die  Treppe
hinaufführt,  um  so  schmaler  und  schmuckloser  wird  sie,  und
wit  desto  weniger  Eleganz  präsentieren  sich  uns  die  Korridore.
  Auch  in  der  Bankwelt  gilt  eben  die  der  Öffentlichkeit
zugewandte  Oberfläche  mehr,  als  das  Innere,  in  welches
bas  Tageslicht  nur  wenig  einzudringen  vermag.  Die
Näume,  wo  die  Buchhalter  der  verschiedenen  Abteilungen
fitzen,  find  zwar  hell  und  machen  einen  freundlichen
Gesamteindruck,  aber  in  Anbetracht  der  großen  Zahl  von
Beamten,  die  hier  beschäftigt  sind,  kann  man  nicht  gerade ­
  von  einer  Raumverschwendung  sprechen.  Die  Pulte
stehen  ziemlich  eng  beieinander  und  lassen,  wenn  die  großen
        <pb n="15" />
        14

Großstadt-Dokumente  Bd,  8.  Berliner  Banken.

Folianten,  die  persönliche  Konten  der  gesamten  Kundschaft ­
  enthalten,  ausgeschlagen  sind,  nicht  mehr  viel  Platz
übrig.  Eine  moderne  Großbank  braucht  zur  Führung
dieser  persönlichen  Konten  natürlich  eine  Menge  Buchhalter, ­
  die  meist  nur  einen  Buchstaben  des  vielgestaltigen
Kundenregisters  zu  bearbeiten  haben.
Beim  Verlassen  der  Buchhalterei  gehen  wir  wieder
den  langen  Korridor  herunter  und  kommen  an  einer
Tür  vorbei,  an  der  ein  Schild  mit  der  Aufschrift  „Archiv"
prangt.  Wir  bitten,  uns  dieses,  uns  bisher  ganz  unbekannte ­
  Bankbureau  einmal  ansehen  zu  dürfen.  Unserer
Bitte  wird  bereitwillig  entsprochen.  Der  Archivar,  ein
fteundlicher  Herr,  erklärt  uns  Wesen  und  Ausgabe  der
Bankarchive.  Die  Archivabteilung  bildet  in  unserem  Bankbetrieb ­
  eine  verhältnismäßig  junge  Einrichtung.  Sie  birgt
gewöhnlich  die  Bibliothek  der  Bank,  die  vornehmlich
naturgemäß  eine  Sammlung  von  Zeitungen,  Zeitschriften,
juristischen,  nationalökonomischen  und  staüsttschen  Büchern
umfaßt.  Das  Archiv  dient  aber  außerdem  zur  ständigen  Information ­
  für  die  Angestellten  und  Direktoren.  Hier  werden ­
  des  Morgens  die  Zeitungen  gelesen  und  nach  Anstreichung ­
  der  interessierenden  Stellen  an  die  Direktion
und  die  Oberbeamten  weiter  gegeben.  Alle  Geschäftsberichte ­
  der  Aktiengesellschaften  und  Gesellschaften  mit  beschränkter ­
  Haftung,  Berichte  der  in-  und  ausländischen
Filialen  werden  hier  sorgfältig  gesammelt.  Die  Archivare
sind  zumeist  akademisch  gebildete  Herren,  an  deren  Kenntnis ­
  sehr  große  Anforderungen  gestellt  werden.  Sie  müssen
die  Vorarbeiten  und  staüsttschen  Ausstellungen  machen,
die  die  leitenden  Persönlichkeiten  zur  Beurteilung  an  sie
herantretender  Geschäfte  benöttgen.  Sie  müssen  auch  die
Exposös  ausarbeiten,  die  in  Form  von  Waschzetteln  an
die  Presse  anläßlich  der  Emission  neuer  Börsenpapiere
ausgegeben  werden.  Jedes  größere  Bankarchiv  beschäf ­
        <pb n="16" />
        Im  Bankpalast.

15

tigt  neben  dem  leitenden  Archivar  eine  größere  Anzahl
von  Akademikern.  Bei  den  meisten  Banken  wird  im
Archiv  auch  die  Vergebung  der  Inserate  an  die  Presse
besorgt.
Mit  Bewunderung  scheiden  wir  aus  dem  mit  Büchern,
Atlanten  und  Registraturmappen  vollgepfropften  Raum.
Nachdem  wir  noch  einen  Blick  in  das  Kellergewölbe  geworfen ­
  haben,  in  die  in  Stahl  gepanzerten  Abteilungen,
die  eigenen  und  der  Bank  anvertrauten,  treten  wir  wieder
aus  die  Straße  hinaus,  die  in  der  mittäglichen  Ruhe
gegenüber  dem  Treiben,  das  wir  eben  in  der  Bank
kennen  gelernt  haben,  einen  auffallend  Men  Eindruck
macht.
        <pb n="17" />
        Die  Macht  der  Großbanken

Die  Berliner  Bankwelt,  insoweit  sie  heute  das  Großbankentum
  repräsentiert,  setzt  sich  aus  zwei  Elementen
zusammen.  Aus  den  Einheimischen,  die  man  in  Frankfurt ­
  a.  M.  „de  Hiesige"  nennen  würde,  und  den  Zugewanderten. ­
  Die  vier  Banken,  deren  Größe  von  Berlin
aus  ihren  Ausgang  nahm,  sind  die  Direktion  der  Diskontogesellschaft, ­
  die  Deutsche,  die  Berliner  Handelsgesellschaft ­
  und  die  Nationalbank  für  Deutschland.  Die  Direktion ­
  der  Diskontogesellschast  wurde  im  Zähre  1851,
wenn  auch  in  anderer  Form  wie  heute,  von  David  Hansemann ­
  gegründet,  dem  Lhef  der  Preußischen  Bank,  der
im  Revolutionsjahre  Preußens  Handelsminister  war.
Die  Deutsche  Bank  ward  1870  zum  Zweck  der  Pflege
des  auswärtigen  Handels  ins  Leben  gerufen.  Die  Berliner ­
  Handelsgesellschaft  entstand  1866,  und  die  Nationalbank ­
  für  Deutschland  trat  zunächst  im  Zähre  1881  aus
den  Plan.  Von  den  zugewanderten  Banken,  die  ursprünglich ­
  nur  Filialen  in  Berlin  errichtet  hatten,  später
aber,  wenn  auch  nicht  juristisch,  so  doch  faktisch  immer
mehr  den  Schwerpunkt  ihrer  geschäftlichen  Tätigkeit  nach
Berlin  verlegten,  ist  die  älteste  die  Bank  für  Handel  und
Industrie  (Darmstädter  Bank).  Viele  Zahre  später  kam
die  Dresdener  Bank,  von  der  die  Außenstehenden  heute
kaum  noch  wissen,  daß  sie  in  Berlin  nur  eine  Zweignieder-
        <pb n="18" />
        Die  Macht  der  Großbanken.

17

lassung,  ihren  Stammsitz  aber  in  Dresden  hat.  Später
ließen  sich  in  Berlin  die  Mitteldeutsche  Kreditbank,  der
Schasshausensche  Bankverein,  die  Breslauer  Diskontobank ­
  und  die  Kommerz-  und  Diskontobank  aus  Hamburg ­
  nieder.  Während  die  Breslauer  Diskontobank
bald  durch  ihre  teilweise  Angliederung  an  die  Darmstädter
Bank  von  der  Berliner  Bildsläche  wieder  verschwunden
ist,  hat  die  Kommerz-  und  Diskontobank  jüngst  die  durch
die  letzte  Krise  stark  geschwächte  Berliner  Bank,  die  zum
großen  Bankenzirkel  eigentlich  nie  gehört  hat,  in  sich  ausgenommen. ­

Die  Berliner  Aktienbanken  präsentierten  am  Schluß
des  Jahres  1903  mit  ihren  Reserven  eine  Kapitalsmacht
von  ca.  1,2  Milliarden  Mark.  Fast  alle  diese  Institute
sind  mit  verhältnismäßig  kleinen  Kapitalien  gegründet
worden,  und  es  hat  geraume  Zeit  gedauert,  bis  sie  ihre
heutige  Macht  entsalten  konnten.  Diese  weitgehende
Entwicklung  zum  Großbetrieb  ist  zum  Teil  im  Zuge  der
Zeit  begründet.  Aber  es  kamen,  wie  ich  später  noch
genauer  ausführen  werde,  in  den  allerletzten  Jahren
eine  Menge  von  außerordenllichen  Umständen,  z.  B.  auch
die  moderne  Börsengesetzgebung,  den  Banken  sehr  zustatten. ­
  Sie  verdrängten  immer  mehr  den  Privatbankier
und  zogen  stetig  weitere  Kreise  der  Kundschaft  an  sich.
Äber  gleichzeitig  waren  sie  eifrig  am  Werk,  nicht  nur
die  Bankenkonzentration  in  Berlin  zu  fördern,  sondern
vor  allem  auch  das  Bankgeschäft  in  der  Provinz  in  ihre
Abhängigkeit  zu  bringen.  Die  Berliner  Banken  kauften
die  Aktien,  oder  doch  wenigstens  einen  Teil  der  Aktien
der  Provinzbanken  auf.  Wenn  diese  Provinzbanken  in
ihrer  Mehrzahl  als  selbständige  Institute  bestehen  blieben,
s°  hat  das  doch  lediglich  juristische  Bedeutung,  tatsächlich
ist  ihr  Hauptaktionär  eine  Berliner  Bank,  und  in  ihrem
Äufsichtsrat  sitzt  ein  Direktor  aus  Berlin,  der  auf  die
2

X
        <pb n="19" />
        18

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

'  Führung  ihrer  Geschäfte  bestimmenden  Einfluß  hat.  Das
erste  Beispiel  einer  Interessengemeinschaft  zwischen  einem
Berliner  Institut  und  einer  Provinzbank  war  die  Verbindung ­
  der  Diskontogesellschaft  mit  der  Norddeutschen
Bank  in  Hamburg.  Später  gliederte  sich  die  Deutsche
Bank  den  Bergisch  -  Märkischen  Bankverein  und  den
Schlesischen  Bankverein  in  Breslau  an.  Und  heute  ist
fast  jede  Bank  in  Berlin  von  einer  ganzen  Schar  von
Provinztrabanten  umgeben,  oder  sie  hat  in  allen  möglichen ­
  Orten  des  Reiches  Filialen,  die  für  sie  tätig  sind.
Aber  was  in  der  Hauptsache  den  enormen  Einfluß
ausmacht,  den  die  Banken  in  unserm  modernen  Wirtschastsorganismus
  innehaben,  ist  ihr  eigenartiges  Verhältnis ­
  zu  unserer  Industrie.  Zwischen  der  englischen
Bankwelt  und  der  deutschen  besteht,  wie  allgeniein  bekannt, ­
  ein  sehr  wesentlicher  Unterschied.  Die  englischen
Banken  sind  Depositenbanken.  Ihre  Hauptbeschäftigung
war  von  jeher,  aus  dem  frühzeitig  kapitalistisch  entwickelten ­
  Lande  die  freien  brachliegenden  kleinen  Kapitalien ­
  an  sich  zu  ziehen  und  diese  zu  verwalten,  beziehungsweise ­
  sie  zu  Zwecken  des  Kreditbedürfnisses  im
Lande  zu  verwenden.  Da  diese  Verwaltung  der  Depositengelder ­
  bei  ihnen  in  erster  Reihe  stand,  so  sahen  sie,
teils  freiwillig,  teils  durch  die  Gesetzgebung  gezwungen,
davon  ab,  ihr  Geld  in  riskanten  Geschäften,  z.  B.  den
Gründungen  von  Aktiengesellschaften,  festzulegen.  Ganz
anders  die  deutschen  Banken.  Als  sie  entstanden,  da
war  die  deutsche  Volkswirtschaft  noch  lange  nicht  so
entwickelt,  daß  große  Geldinstttute  in  der  Verwaltung
von  Spar-  und  Depositengeldern  ein  nutzbringendes
Geschäft  hätten  sehen  können.  Die  deutschen  Banken
wurden  vielmehr  gerade,  ähnlich  wie  die  stanzösischen
Banken,  zu  dem  Zweck  gegründet,  die  Entwicklung  der
deutschen  Wirtschaft  zu  fördern,  indem  sie  bestehende
        <pb n="20" />
        Die  Macht  der  Großbanken.

19

industrielle  Unternehmungen  zu  Aktiengesellschaften  umwandelten ­
  oder  neue  Aktiengesellschaften  gründeten.  Dieses ­
  Gründungsgeschäst  hat  für  das  deutsche  Bankwesen
manche  Gefahren  mit  sich  gebracht,  hat  aber  anderseits
doch  auch  ihren  dominierenden  Einfluß  auf  Industrie
und  Handel  begründet.  Die  kapitalistische  Wirtschaft  hat
natürlich  auch  in  der  Industrie  den  Zug  zum  Großbetrieb ­
  begünstigt.  Die  Notwendigkeit,  konkurrenzfähig  zu
bleiben,  stellt  so  große  Anforderungen  an  die  Kapitalkraft
der  industriellen  Unternehmer,  daß  nur  noch  die  Form
der  Aktiengesellschaften  die  großen  Kapitalien  auftreiben
kann.  In  immer  mehr  Industriezweige  hält  die  Aktiengesellschaft ­
  ihren  Einzug,  und  ihr  aus  dem  Fuße  folgt
die  Macht  der  Banken.  Man  hat  zwar  behauptet,  es
sei  falsch,  von  einer  gesteigerten  Abhängigkeit  der  Aktienindustrie ­
  in  der  Bankwelt  zu  reden;  vielmehr  könnten
die  Banken  mit  demselben  Recht,  mit  dem  Friedrich  der
Große  sich  als  den  ersten  Diener  des  Staates  bezeichnete, ­
  von  sich  sagen,  daß  sie  die  ersten  Diener  der  Industrie ­
  seien.  Wie  die  Dienerrolle  der  Banken  aussieht,
wird  nian  am  besten  ermessen  können,  wenn  man  sich
einmal  vorstellt,  welches  Übergewicht  schon  im  persönlichen ­
  Leben  der  Geldgeber  dem  Schuldner  gegenüber
desitzt.  Nun  ist  gewiß  die  Bank  nicht  im  eigentlichen
Sinne  des  Wortes  Geldgeber  der  industriellen  Aktienäesellschast,
  aber  sie  vermittelt  ihr  doch  den  Aktienkredit
an  der  Börse  und  sehr,  sehr  oft  stellt  sie  ihr  wohl  auch
direkt  Gelder  auf  längere  oder  kürzere  Fristen  zur  Verfügung. ­
  Wesentlich  ist  das  Verhältnis,  das  sich  zwischen
den  Direktoren  und  den  Aussichtsräten  im  Lause  der
Zeiten  herausgebildet  hat.  Ursprünglich  war  der  Aussichtsrat ­
  als  ein  Kontrollorgan  der  Direktion  gedacht.
Beide  Instanzen  sollten  sich  völlig  unabhängig  gegenüberstehen. ­
  Dem  Akttonär  sollte  beider  Arbeit  zugute
2*
        <pb n="21" />
        20

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

Kommen.  Die  Praxis  hat  diese  Verhältnisse  einer  sehr
durchgreifenden  Änderung  unterzogen.  In  den  allermeisten ­
  Fällen  ist  die  Direktion  ins  Hintertreffen  geraten.
Sie  ist  lediglich  noch  Werkzeug  in  der  Hand  ihrer  Aussichtsräte. ­

Formell  herrscht  natürlich  der  Akttonär.  Aber  ein
trauriger  Herrscher  ist  er.  In  vereinzelten  Exemplaren
erscheint  er  in  den  Generalversammlungen.  Die  Banken
sind's,  die  dort  den  Ton  angeben.  Und  die  Direktoren
dieser  Banken  bilden  den  Aufsichtsrat.  Alljährlich  mindestens ­
  einmal  —  in  der  ordentlichen  Generalversammlung ­
  —  wird  dem  Aktiendirektor  so  die  Macht  seines
Auffichtsrats  ad  oculos  demonstriert.
Lin  gewöhnlicher  Sterblicher  muffte  wenigstens  im
Besitz  der  Aktien  sein,  die  ihm  die  Macht  geben.  Die
Bank  hat  das  nicht  nötig.  Sie  braucht  nur  bei  ihrer
Kundschaft  herumzufragen,  die  bei  ihr  die  Aktien  im
Depot  liegen  hat,  und  ihr  wird  bereitwillig  die  Vertretung ­
  für  die  Generalversammlung  übertragen.
Bei  den  meisten  Gesellschaften  ist  heute  das  Bankinteresse ­
  dominierend.  Daß  bei  Beratungen  über  die
Frage,  ob  im  Fall  eines  Kapitalbedarfs  junge  Aktien
oder  Obligationen  ausgegeben  werden  sollen,  die  Meinung ­
  des  Bankdirektors  den  Ausschlag  gibt,  ist  selbstverständlich. ­
  Der  Aktiendirektor  mag  ein  noch  so  tüchtiger ­
  Fach-  und  Geschäftsmann  sein,  in  der  Beurteilung
des  Geldmarkts  ist  ihm  der  Bankmann  überlegen.  Aber
die  Bankdirektoren  haben  es  verstanden,  allmählich  die
Geldmarktinteressen  ganz  erheblich  in  den  Vordergrund
zu  schieben.  Das  zeigt  sich  besonders  bei  der  Dividendenverteilung. ­
  Die  Höhe  der  Dividende  wird  natürlich
wesentlich  von  der  Höhe  der  notwendigen  Abschreibungen ­
  und  Rückstellungen  beeinflußt.  Für  diese  Rücklagen
sollte  einzig  und  allein  das  Bedürfnis  der  Gesellschaft
        <pb n="22" />
        21

Die  Macht  der  Großbanken.

maßgebend  sein.  Gs  sollte.  Aber  es  ist  es  nicht.  Es
hat  sich  auch  bei  den  wenigen  selbständigen  Direktoren
die  Gewohnheit  herausgebildet,  zuerst  zu  bestimmen,  wieviel ­
  Dividende  verteilt  werden  soll  und  dann  erst  —  von
dem,  was  zu  guter  Letzt  übrigbleibt  —  die  Abschreibungen
zu  verteilen.  Wonach  bestimmt  man  aber  die  zu  zahlende ­
  Dividende?  Nach  dem  Kurs,  den  die  Aktien  an
der  Börse  haben.  Der  Direktor  setzt  seinen  Ehrgeiz
darein,  den  derzeitigen  Akttonären  eine  angemessene  Rente
zukommen  zu  lassen.  Hat  er  bei  einem  Kurs  von  200%
zehn  Prozent  Dividende  verteilt,  so  hält  er  sich,  bei  demselben ­
  Erträgnis  wie  im  vorangegangenen  Jahre,  für
verpflichtet,  einen  Teil  des  Gewinnes  zu  verstecken,  wenn
die  Börse  seine  Aktien  um  den  Abschlußtermin  herum
aus  irgendwelchen  allgemeinen  Gründen  nur  mit  pari
bewertet.  Dabei  sollte  ihn  doch  eigentlich  nur  das  Nominalkapital
  seiner  Aktten  etwas  angehen.
So  sendet  bis  in  die  enüegensten  Ecken  der  Zndustriegesellschasten
  die  Bankenherrschast  ihren  Widerschein.
Sie  hat  eine  tiefgreifende  Änderung  in  der  Gesamtstruktur ­
  unserer  Wirtschaft  zur  Folge  gehabt.  Die  einzelnen
Fndustriedirektoren  sind  mehr  und  mehr  auf  die  Stufen
von  Ressortchefs  herabgedrückt  worden.  Die  eigentliche
geschäftliche  Leitung  liegt  entweder  in  den  Händen  der
Syndikatsvorstände,  in  denen  die  Banken  indirekt  verbeten ­
  sind,  oder  direkt  in  den  Händen  der  Bankdirektionen. ­

  Von  einzelnen  Zentralpunkten  aus  erfolgt  also
heute  schon  die  Leitung  ganzer  Gruppen  industrieller
Gesellschaften.  Dieser  Zentralpunkte  werden  immer

^Eniger.  Und  je  mehr  sich  die  oberste  Leitung  auf
emem  Punkt  konzentriert,  um  so  rapider  ist  der  wirtschaftliche ­
  Fortschritt.
Einen  kleinen  Renrill  nnn  beni  Macktbereick  der
        <pb n="23" />
        22

Großstadt-Dokumente  Bd,  8.  Berliner  Banken.

daß  die  Interessengemeinschaft  Dresdener  Bank—Schaffhausenscher ­
  Bankverein  allein  etwa  93  Akttengesellschasten
kontrolliert.  Bei  der  Deutschen  Bank  und  der  Diskontogesellschaft
  wird  das  Verhältnis  ebenso,  wenn  nicht  noch
größer  sein.  Wir  haben  danach  kaum  Anlaß,  über  die
Herrschaft  der  amerikanischen  Trusts  zu  zetern.
Diese  Ausbreitung  der  Banken,  ihre  Verschmelzung
zu  großen  Gruppen  ist  natürlich  für  die  Ausbildung  der
Technik  des  Bank-  und  Geldwesens  von  einer  ganz
außergewöhnlichen  Bedeutung.  Schon  die  dadurch  bedingte ­
  Ausdehnung  und  Vereinfachung  des  Giroverkehrs
bedeutet  einen  immensen  Fortschritt  in  einer  Wirtschaftsordnung, ­
  deren  hauptsächlichste  Finanzkunst  darin  besteht,
den  Bedarf  an  dem  für  sie  so  kostbaren  Bargeld  stetig
mehr  zurückzudrängen.  Der  Kapitalismus  wird  hier  zur
höchsten  Vollendung  gebracht.  Und  sogar  zu  einer  Fortentwicklung ­
  in  weitere  Fernen  wird  hier  schon  der  Weg
gewiesen.  Viel  zu  wenig  Beachtung  hat  bisher  die
Tatsache  gefunden,  daß  bereits  heute  jede  Bank  eine
Börse  für  sich  bildet  und  daß  die  eigentliche  Börse  mehr
und  mehr  zur  bloßen  Ausgleichstelle  für  die  verschiedenen
Banken  herabsiirkt.  Über  die  Möglichkeit  einer  marktlosen ­
  Gesellschaft  wird  viel  gestritten.  Stehen  wir  denn
nicht  mit  einem  Fuße  in  ihr?
        <pb n="24" />
        Die  Hautefinance.

Das  Publikum  liest  in  den  Zeitungen  so  oft  den
Ausdruck  Hautefinance  oder  hautebanque,  daß  ihm  diese
Wort  sicherlich  in  hohem  Matze  geläufig  sein  werden.  Aber
der  Begriff,  den  sie  deckten,  wird  vielfach  mißverstanden. ­
  Es  ist  wohl  die  allgemeine  Annahme,  daß  zur
hohen  Finanzwelt  alle  Bankiers  gehören,  deren  Kapital
über  eine  gewisse  Summe  hinausgeht.  Aber  nichts  wäre
falscher,  als  eine  solche  Annahme.  Der  Begriff  ist  nicht
genau  zu  definieren.  Die  Hautefinance  ist  keine  durch
Gesetz  und  Rechte  nach  außen  abgeschlossene  Körperschaft,
aber  wie  das  oft  zu  geschehen  pflegt,  ist  ihre  Abschlietzung
noch  enger  gerade  dadurch,  daß  sie  auf  ungeschriebenem
Gewohnheitsrecht  beruht.  Die  Hautefinance  ist  auch  kein
Aub,  dessen  Mitglieder  durch  Ballotage  darüber  abstimmen,
ab  irgendein  Neuling  als  vollgültiges  Mitglied  in  ihre
Zeihen  aufzunehmen  ist;  der  eigentliche  Schiedsrichter  in
dieser  Frage  ist  die  Meinung  der  Börse,  und  sie  beschließt
keineswegs  lediglich  nach  dem  Geldbeutel.  Eine  ganze  Reihe
non  Firmen  und  Banken,  deren  finanzielle  Potenz  über
allen  Zweifel  erhaben  stand,  deren  Wechsel  von  den  Börsenleuten ­
  zum  billigsten  Prozentsatz  hereingenommen  wurden,
sind  niemals  zur  Hautefinance  gerechnet  worden.  FreUich,
die  Direktoren  jener  Banken  und  die  Chefs  jener  Bankhäuser ­
  haben  selbst  sich  selbst  das  Ansehen  zu  geben  versucht,
das  die  öffentliche  Meinung  ihnen  vorenthielt,  aber  man
        <pb n="25" />
        24

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

hat  ihr  Bestreben  niemals  ernst  genommen.  Die  Börse
unterschied  höhnend  zwischen  der  Hautefinance  und  der
Hutfinanz,  deren  Mitglieder  mit  blankgebügeltem  Zylinder
an  der  Börse  einherstolzierten.
Die  Hautefinance  stellt  gewissermaßen  den  Börsenadel ­
  dar.  Und  merkwürdig  ist,  daß  gerade  im  Mittelpunkt ­
  des  Kapitalismus  das  Adelsprädikat  durch  Geld
nicht  erworben  werden  kann.  Man  kann  aber  auch  hier
den  Unterschied  —  sit  venia  verbo  —  zwischen  Schwertadel
  und  Briesadel  machen.  Voraussetzung  für  beide  ist
aber  eine  gewisse  Tradition.  Der  Börsenadel  wird  niemals ­
  wegen  eines  einmaligen  Verdienstes,  das  gewöhnlich
der  Laune  des  Augenblicks  entsprang,  verliehen.  Zum
Schwertadel  gehören  noch  nicht  einmal  alle  Bankhäuser,
die  schon  ein  Jahrhundert  oder  länger  in  Berlin  ihr  Geschäft ­
  betreiben.  So  hat  z.  B.  die  Firma  Brendel  &amp;amp;  Go.,
die  jüngst  durch  die  Schwindeleien  ihres  Kassierers  zusammenbrach ­
  und  schon  im  Jahre  1778  gegründet  worden
ist,  niemals  zur  Hautefinance  gehört.  Auch  die  sehr  angesehenen ­
  Häuser  L.  M.  Bamberger,  Z.  Z.  Earo,
Zacquies  &amp;amp;  Securius,  E.  91.  Engelhardt,  ja  selbst  Breest
und  Gelpcke  sind  niemals  zu  dieser  Elitetruppe  der
Berliner  Börse  gerechnet  worden.  Dagegen  hat  die  im
Fahre  1775  gegründete  Firma  M.  F.  Fetschow  &amp;amp;  Sohn,
deren  Bedeutung  sehr  nachgelassen  hat,  eine  Zeitlang
ebenso  wie  die  Firma  Anhalt  &amp;amp;  Wagner,  deren  Gründung ­
  ins  selbige  Fahr  fällt,  die  Ehren  dieser  Zugehörigkeit ­
  genossen.  Berlins  älteste  Bankfirma  Splittgerber  &amp;amp;
Daun,  die  jetzt  durch  das  Bankhaus  Gebr.  Schickler
repräsentiert  wird,  hat  sich,  obwohl  sie  keine  Rolle
mehr  im  modernen  Bank-  und  Börsenleben  spielt,  bis
auf  den  heutigen  Tag  in  dem  exklusiven  Zirkel  erhalten. ­
  Heute  gehöret  neben  den  Mendelssohns,  Bleichröders ­
  und  den  Inhabern  der  stüheren  Firma  Rob.  War-
        <pb n="26" />
        Die  Hautefinance.
schauer  L  Lo.,  zur  Hautefinance  eine  Reihe  in  der  Öffentlichkeit ­
  so  gut  wie  gar  nicht  bekannter  Firmen,  wie  z.  B.
Gebrüder  Veit  &amp;amp;  Lo.,  91.  Heisst  &amp;amp;  Lo.,  Gebr.  Arons,  Gebr.
Meyer,  E.  I-  Meyer,  Meyer  &amp;amp;  Lo.,  deren  Inhaber  mit
den  anderen  Mitgliedern  der  Hautefinance  tellweise  verschwägert ­
  sind.
Interessant  ist  die  Stellung  der  Bankdirektoren.  Sie
werden  scheinbar  durch  das  hinter  ihnen  stehende  Bankkapital
  oo  ip8o  befördert,  aber  wie  schon  oben  ausgeführt,
ist  es  mancher  Bank,  wie  z.  B.  der  früheren  Internationalen ­
  Bank,  der  Breslauer  Diskontobank,  der  Berliner
Bank  und  der  Deutschen  Genossenschaftsbank,  niemals  gelungen, ­
  ihre  Geschäftsinhaber  resp.  Direktoren  für  die  hohe
Finanzwelt  reif  zu  machen.
Wenn  man  von  den  Direktoren  der  Banken  absieht,
die  im  Gegensatze  zu  den  Lhess  der  alten  Berliner  Bankhäuser ­
  gewissermaßen  den  Börsenbriefadel  repräsentieren,
kann  man  sogar  die  Regel  aufstellen,  daß  seit  den  Gründerjahren
  keine  neue  Adelsprädikate  von  der  Börse  verteilt
worden  sind.  Die  alten  Firmen  hatten  sich  ihren  Adelsrang ­
  bereits  in  den  Kämpfen  um  die  Vorherrschaft  der
Berliner  Börse  erworben,  die  sich  vorher  abspielten.
Das  Ansehen,  dessen  sich  der  Bankierstand  erfreute,
die  großen  Gewinne,  die  das  Geschäft  abwarf,  hatten
im  Betriebe  der  Gründerzeit  eine  Menge  oft  nicht
sauberer  Elemente  aus  dem  Warenhandel  veranlaßt,  ihr
Dlück  an  der  Börse  zu  versuchen.  Manche  dieser  Leute
gingen  dabei  elend  zugrunde.  Manchem  aber  glückte  es,
und  seine  von  den  Kindern  oder  Enkeln  geleitete  Firma
spielt  heute  im  Berliner  Bankleben  eine  große  Rolle.
Allein  die  öffentliche  Meinung  hat  den  Ursprung  dieses
Reichtums  niemals  für  vollwertig  gehalten.  Sie  hat  jenen
Firmen  das  Patriziat  nicht  zugesprochen.
        <pb n="27" />
        Der  Bankdirektor.

Der  alte  Typus  des  Bankiers,  mit  dessen  Arten  und
Unarten  sich  früher  reichlich  die  Witzblätter  beschäftigten,
ist  mehr  rmd  mehr  in  den  Hintergrund  getreten  gegenüber ­
  den  Leitern  unserer  Aktienbanken,  den  Bankdirektoren. ­
  Der  Bankdirektor  ist  ja  eigentlich  nicht  mehr  als
der  oberste  Angestellte  der  Akttonäre.  Aber  seine  soziale
Stellung  ist  heute  in  den  meisten  Fällen  angesehener
als  die  des  Privatbankiers,  obgleich  er  selbst  keineswegs
Träger,  sondern  nur  Diener  der  MUlionen  ist.  Aber  das
große  Beamtenheer,  über  das  er  herrscht,  die  Fülle  des
Einflusses,  den  er  aus  die  wichtigsten  geschäftlichen  Beziehungen ­
  des  Landes,  aus  Industrie  und  Handel,  Landwirtschaft ­
  und  Gewerbe  auszuüben  vermag,  haben  ihn
im  Volksansehen  mit  einem  Nimbus  umgeben,  wie  ihn
ftüher  kaum  der  reichste  Bankier  genoß.  Die  letzte  Krachperiode, ­
  die  uns  zum  ersten  Male  Bankdirektoren  als
Deftaudanten  und  Angeklagte  im  großen  Maßstabe  zeigte,
hat  dieses  Ansehen  nur  wenig  zu  mindern  vermocht.
Wenn  auch  in  jener  Zeit  recht  herbe  Witze  fielen,  wenn
namentlich  ein  Kohlenhändler  eine  Marke  dem  Publikum
nicht  besser  empfehlen  zu  können  glaubte,  als  durch  die
Bezeichnung  „Bankdirektor":  „Brennt  durch  und  hinterläßt ­
  keine  Asche,"  so  war  das  doch  nur  eine  Episode.
        <pb n="28" />
        Der  Bankdirektor.

27

Namentlich  das  teilweise  horrende  Einkommen  der  Herren
restaurierte  sehr  schnell  wieder  ihre  öffentliche  Geltung.
Mit  dem  durchschnittlichen  Einkommen  der  Bankdirektoren ­
  dürsten  die  Mehrzahl  der  gutsituierten  Bankiers
der  alten  Zeit  ganz  gern  getauscht  haben.  Das  feste  Gehalt, ­
  das  sie  beziehen,  bewegt  sich  in  der  Regel  allerdings
nur  zwischen  12000  und  24000  Mark.  Aber  die  Tantiemen ­
  von  der  eigenen  Bank  und  von  den  Akttengesellschaften,
  deren  Aufsichtsrat  sie  angehören,  erhöhen  diese
festen  Bezüge  um  ein  ganz  Wesentliches.  Den  jährlichen
Verdienst  des  verstorbenen  Adolph  von  Hansemann,  des
ehemaligen  Geschäftsinhabers  der  Diskontogesellschaft,
schätzte  man  allein  aus  dem  Bankbetriebe  auf  760000  Mark
bis  1  Million.  Und  es  gibt  auch  unter  den  jüngeren
Bankdirektoren  eine  ganze  Reihe,  deren  Einkommen  man
auf  300000  bis  500000  Mark  im  Zähre  schätzt.
Wenn  der  Bankdirektor  auch  formell  nur  ein  Angestellter ­
  ist,  so  darf  man  seine  Machtvollkommenheit  doch
nicht  unterschätzen.  Dem  Namen  nach  hängt  er  ja  von
der  Gewalt  des  Aufsichtsrates  ab,  der  mit  ihm  den  Anstellungsvertrag ­
  schließt  und  ihn  bei  seiner  Geschäftsführung
beaufsichtigen  soll.  Zn  Wirklichkeit  aber  ist  das  Verhältnis ­
  in  den  allermeisten  Fällen  gerade  bei  den  Banken
doch  umgekehrt.  Ein  nicht  unerheblicher  Teil  der  Aktien
des  Znflltuts  pflegt  im  Besitz  von  Verwandten  und
Freunden  der  Direktoren  zu  sein,  so  daß  er  vor  unliebsamen ­
  Überraschungen  gesichert  ist.  Natürlich  hängt  seine
Posillon  von  dem  Grade  des  Ansehens,  das  er  in  Fachkreisen ­
  genießt,  und  von  der  Tüchtigkeit  außerdem  ab.
Aber  die  finanzielle  Machtstellung  in  der  Generalversammlung ­
  ermöglicht  doch  unleugbar  manchem  wenig  Begabten, ­
  seine  Stellung,  in  die  er  durch  Protektton  oder
seltener  durch  die  Anciennität  gelangt  ist,  festzuhalten.
Die  Protektton  spielt  natürlich  auch  bei  Besetzung  der
        <pb n="29" />
        28

Großstadt-Dokumente  236.  8.  Berliner  Banken.

Bankdirektorstellen  eine  sehr  große  Rolle.  Aber  man
darf  doch  sagen,  daß  bei  der  Mehrzahl  unserer  Akttenbanken
  wenigstens  diejenigen  Direkttonspersönlichkeiten,
die  die  Fäden  des  Geschäfts  in  der  Hand  haben,  durchaus ­
  tüchttge  und  gewissenhafte  Leute  sind.  Besonders
trifft  das  auf  die  zu,  die  den  großen  Geldinstttuten  seit
der  Begründung  vorstehen  und  aus  verhältnismäßig
kleinen  Anfängen  ihre  Banken  bis  zu  der  heuttgen
enormen  Entwicklung  geführt  haben.
Die  Leitung  einer  Bank  untersteht  in  der  Regel
einer  ganzen  Anzahl  von  Personen,  die  kollegial  zusammen ­
  wirken.  Auch  im  Direktionsrat  ist  die  Arbeitstellung
  genau  wie  im  Bureau  durchgeführt.  Die  Mehrzahl ­
  der  Mitglieder  des  Kollegiums  hat  eine  vorzugsweise ­
  kaufmännische  Vorbildung,  allerdings  überwiegt  die
heute  fast  nur  noch  bei  denjenigen  Direktoren,  die  der
Börsenabteilung  vorstehen  oder  von  Ansang  an  zum
Direktorium  gehören.  Auch  der  Personalchef,  dem  die
innere  Verwaltung  und  die  Organisation  der  Depositenkassen ­
  obliegt,  pflegt  ein  Kaufmann  zu  sein.  In  das
Ressort  der  großen  auswärtigen  Geschäfte  teilen  sich  hingegen ­
  die  Kaufleute  mit  den  Juristen  und  Technikern.
Namentlich  das  juristische  Element  hat  sich  in  steigendem
Maße  in  den  Bankdirektionen  während  der  letzten  Fahre
vermehrt.  Die  teilweise  recht  verwickelte  rechtliche  Seite
der  großen  Finanztransaktionen  erheischt  eine  ausgebreitete ­
  Rechtskenntnis,  und  bei  ihrer  Abwicklung  kann
sich  der  Bankdirektor  nicht  immer  im  Moment  der  Entscheidung ­
  auf  eine  beigeordnete  juristtsche  Hilfskraft  verlassen. ­
  Das  technische  Element  ist  dagegen  leider  verhältnismäßig ­
  noch  viel  zu  wenig  in  den  Direktionen  der
großen  Banken  vertteten.  Selbst  im  Personal  des
Sekretariatsbureaus,  das  die  Bearbeitung  aller  Außenbeziehungen ­
  des  Institutes  zu  besorgen  hat,  mangelt  es
        <pb n="30" />
        Der  Bankdirektor.

29

manchmal  bedenklich  an  Kräften,  die  aus  dem  Gebiet  der
Technik  genügend  vorgebildet  sind.  Frellich  haben  die
meisten  Banken  in  ihrer  großen  Klientel  viele  Fabrikdirektoren, ­
  die  eventuell  sehr  gern  ihre  Kenntnisse  für  die
Beurteilung  des  einen  oder  anderen  Unternehmens  zur
Verfügung  stellen.  Mer  sicherlich  hätte  der  Techniker  im
Hause  manche  Bank  vor  mancher  schlechten  Gründung
bewahrt.  Freilich  ein  Universalmittel  ist  auch  das  nicht,
wie  die  sehr  kostspieligen,  verfehlten  Gründungen  einzelner
großer  Banken  zeigen,  in  deren  Direktton  sogar  ein  Techniker ­
  vertreten  war.
Mer  wie  auch  die  Vorbildung  des  Bankdirektors
beschaffen  sein  mag,  ein  Grundzug  muß  allen  gemein
sein,  die  an  der  Spitze  unserer  Geldinstttute  wirklich  etwas
leisten  wollen:  sie  müssen  eine  weit  über  das  Durchschnittsmaß
  hinausragende  Arbeitskraft  besitzen.  Dem
Volk  stellen  sich  zwar  die  Direktorenposten  als  eine  Art
Sinekure  dar,  die,  mit  hohen  Einkünften  ausgestattet,
ihren  Inhabern  ein  fröhliches  Dasein  gestattet.  Und
einzelne  Direktoren,  besonders  der  jüngsten  Generatton,
die  auf  den  Flügeln  der  Gunst,  oft  sogar  der  Frauengunst, ­
  aus  ihre  Posten  gelangt  sind,  und  in  und  bei
Berlin  der  Mittelpunkt  jener  Welt  sind,  in  der  man  sich
nicht  langweilt,  haben  diesen  Glauben  befestigen  Helsen.
2n  Wirklichkeit  sind  das  wenig  zahlreiche  Ausnahmen.
Das  Leben  des  Bankdirektors  —  ich  sehe  hier  von
den  vielen  stellvertretenden  Direktoren  ab,  die  oft  nichts
weiter  sind,  als  betitelte  Ressortchefs  —  ist  durchaus
kein  mühe-  und  beschäftigungsloses,  freilich  ein  sehr
splendid  bezahltes.  Die  Leiter  unserer  großen  Banken
sind  den  ganzen  Tag  umlagert  von  Leuten,  die  Audienzen
uachsuchen,  zu  Konferenzen  vorgemerkt  oder  aus  der
Stelle  vorgelassen  sein  wollen.  Diese  Besprechungen  der
einzelnen  Direktoren,  die  viel  Zeit  und  Aufmerksamkeit
        <pb n="31" />
        30

Großstadt-Dokumente  93b.  8.  Berliner  Banken.

erfordern,  bedürfen  zum  Teil  der  schriftlichen  Auszeichnung
und  müssen  noch  am  gleichen  Tage  oder  doch  im  Lause
der  Woche  mit  den  Kollegen  durchberaten  werden.  Ein
einziges  großes  Millionengeschäft  erfordert,  wenn  es
wirklich  niit  genügender  Gewissenhaftigkeit  entriert  werden ­
  soll,  ein  ganz  außerordentliches  Maß  von  Zeit  und
Arbeit.  Es  müssen  Sachverständige  gehört,  Rechnungen
geprüft,  Pläne  und  Zeichnungen  in  Augenschein  genommen, ­
  Auskünfte  eingeholt  und  oft  recht  schwierige
Kalkulationen  angestellt  werden.  Für  den  Bankdirektor
gibt  es  keine  Raumdifferenz.  Einen  erheblichen  Teil
seines  Lebens  verbringt  er  auf  der  Eisenbahn  und  in  den
Hotels.  Daß  jemand,  der  heute  in  London,  morgen  in
Paris,  in  der  nächsten  Woche  in  Bukarest  und  Konstantinopel ­
  weilt,  selbstverständlich  Luxuszug  und  Schlafwagen ­
  benutzt,  wird  man  ihm  billigerweise  nicht  zum
Vorwurf  machen  können.
Gerade  diese  manchmal  überreiche  Beschäftigung  trägt
nicht  unwesentlich  Schuld  daran,  daß  der  Bankdirektor
in  unserm  öffentlichen  Leben  lange  nicht  so  hervortritt
wie  der  Bankier  alter  Zeit.  Der  alte  Bankier  führte
ein  viel  behaglicheres  und  ruhigeres  Leben.  Er  spielte
oft  eine  recht  bedeutende  Ralle  als  Kunstmäcen.  Eine
Reihe  seiner  Gemäldesammlungen  verdankt  gerade  Berlin
der  Sammeltätigkeit  von  Bankiers.  Es  gab  früher
Bankierhäuser,  in  denen  die  Literatur  groß  gepäppelt,
die  Musik  gepflegt  wurde.  Es  ist  charakteristtsch,  daß
zurzeit  der  einzige  Bankmann,  der  als  exzellenter
Künstler  auf  musikalischem  Gebiete  einen  berechtigten  Ruf
genießt,  kein  Bankdirektor,  sondern  der  Ehef  eines  privaten ­
  Millionenhauses  ist,  dessen  Firma  nach  alter  Tradition ­
  seine  Geschäfte  abseits  der,  von  der  modernen  Nervosität ­
  berannten,  Bahnen  treibt.  Neuerdings  ist  ein
Bankdirektor,  der  aus  einer  der  angesehensten  Berliner
        <pb n="32" />
        Der  Bankdirektor.

31

Industriellensamilien  stammt,  mit  Glück  als  Schriftsteller
hervorgetreten.  Er  galt  unter  den  Intimen  schon  lange
als  ein  begabter  Maler.  Aber  wie  weit  solch  Tun  von
der  allgemeinen  Norm  abweicht,  zeigt  sich  am  besten
darin,  daß  die  öffentliche  Meinung  sofort  geneigt  war,
die  geschäftliche  Begabung  dieses  Kühlen,  überaus  klugen
Skeptikers  niedrig  einzuschätzen.  Mel  milder  urteilt  die
öffentliche  Meinung  über  die  wissenschaftliche  Nebentätigkeit ­
  der  Bankdirektoren,  die  naturgemäß  sich  meist  aus
das  Gebiet  des  Handelsrechts  erstreckt.  Aber  charakteristisch ­
  ist,  daß  auch  auf  diesem  Gebiet,  das  geradezu  eine
Domäne  für  Leute,  die  praktische  Erfahrung  mit  theoretischer ­
  Vorbildung  verbinden,  sein  sollte,  in  Berlin  nur
ein  einziger  Bankdirektor  —  er  ist  jetzt  a.  D.  —  als
wissenschaftliche  Autorität  gilt.  Neben  ihm  kann  sich  allenfalls ­
  noch  der  Direktor  einer  westdeutschen  Provinzialbank
sehen  lassen.  Nicht  einmal  das  Gebiet  der  Nationalökonomie ­
  hat  einen  wirklich  großen  Repräsentanten  aus  der
Vankwelt  hervorgebracht.  Selbst  außerhalb  Berlins,  im
Lanzen  Deutschen  Reich  findet  sich  nur  ein  einziger  süddeutscher ­
  Direktor,  der  wenigstens  auf  dem  Gebiet  der
Währungsfrage  für  sich  Autorität  beanspruchen  kann.
Das  ist  ganz  besonders  auffallend,  wenn  man  sich  daran
erinnert,  daß  die  englische  klassische  Nationalökonomie
einen  Teil  ihrer  hervorragendsten  Geister,  man  denke
"•  W  an  Ricardo,  aus  den  Londoner  Bankiers  rekru-^ierte.
  Auch  die  ftanzösische  Nationalökonomie  weist
-oankiers  als  Grundleger  auf.  Bei  der  steigenden  akaemischen
  Vorbildung  unserer  Bankleiter  wäre  diese
atsache  sehr  verwunderlich,  wenn  man  sie  nicht  eben
der  außerordentlichen  Überlastung  zu  einem  Teil  erären
  könnte.  Auch  in  den  Parlamenten  ist  die  Bankwelt
  verhältnismäßig  wenig  vertreten.
Selbst  die  Geselligkeit  in  den  Häusern  der  Bank-
        <pb n="33" />
        32  Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

Direktoren  trägt  bei  allem  Pomp  doch  sehr  den  Charakter
des  Geschäftsmäßigen  und  steht  wohl  zum  großen  Teil
unter  dem  Zwange  der  Repräsentationspflicht.  Dasselbe
dürste  sich  auch  von  der  lebhaften  Teilnahme  ihrer
Damen  an  allerhand  Wohltätigkeitsveranstaltungen  sagen
lassen.  Was  da  für  Familie  und  nacktes  Menschentum
übrigbleibt,  kann  sich  jeder  selbst  ausrechnen.  Auch  hier
mögen  Ausnahmen  unterlaufen,  aber  es  sind  eben  wirklich ­
  Ausnahmen.
Wenn  in  dieser  Hinsicht  die  modernen  Bankdirektoren
für  unsere  Kultur  viel,  viel  weniger  bedeuten,  als  früher  die
Bankiers,  so  ersetzen  sie  dieses  Manko  wenigstens  durch
eine  immens  angespannte  Tatkraft,  die  ihren  Banken  und
damit  schließlich  auch  dem  gesamten  deutschen  Wirtschaftsleben ­
  zugute  kommt.  Allein  nach  einer  anderen  Richtung
hin  wirken  gewisse  Eigenheiten  unserer  Bankleiter,  die  sie
übrigens  fast  mit  der  gesamten  Hauteftnance  gemeinsam
haben,  geradezu  feindlich  der  Entwickelung  einer  bürgerlichen ­
  Kultur  entgegen.  Als  jüngst  die  Tochter  eines
Direktionsmitgliedes  der  Deutschen  Bank  sich  mit  einem
fteiherrlichen  Kavallerieofftzier  verlobte,  hat  dieses  Ereignis
einen  findigen  Journalisten  angeregt,  in  den  Eheregistern
der  Berliner  Hochfinanz  nachzuforschen,  und  sein  Spürsinn
hat  eine  ganze  Reihe  von  Heiraten  zwischen  ihren  Töchtern
und  den  Sprößlingen  mehr  oder  minder  hoher  Adelsfamilien
  aufgestöbert.  Durch  alle  Zeitungen  fast  wanderte
die  geschickt  zusammengestellte  Notiz,  die  uns  daran  erinnerte, ­
  daß  schon  lange,  bevor  die  Deutsche  Bank  ebenbürtig ­
  wurde,  die  Dresdnerin,  die  Diskontogesellschast
und  Mendelssohns  sich  dem  deutschen  Schwertadel  —-■
dieses  Wort  in  seiner  eigensten  Bedeutung  genommen  —-versippt
  hatten.  Auch  die  kurze  Ehe  der  Bleichrödertochter ­
  mit  dem  Gardekürassier  v.  llechtritz  und  Steinkirch,
  die  dem  erblindeten  Millionär  seine  letzten  Lebens-
        <pb n="34" />
        Der  Bankdirektor.

33

jähre  vergällt  hat,  wurde  wieder  ans  Tageslicht  geschleift.
And  als  neu  erfuhren  die,  die  es  noch  nicht  wußten,  daß
die  Geschlechter  derer  von  Voß,  von  Poschinger  und  von
Zitzewitz,  die  Freiherren  von  Zedlitz  und  Reukirch  und
die  Grafen  Hacke  Bankierstöchter  aus  Berlin  zu  ihren
künftigen  Ahnftauen  zählen.
Aber  der  Chronist  ist  nicht  fleißig  genug  gewesen.
Zn  viel,  viel  weiterem  Amfang,  als  er  es  uns  ahnen  läßt,
ist  auch  heute  noch  des  vierten  Friedrich  Wilhelms  Wort
richtig,  daß  man  nicht  recht  entscheiden  könne,  ob  die
»Bons"  eine  größere  Zuneigung  zu  den  „Fonds",  oder
die  „Fonds"  eine  größere  Liebe  zu  den  „Bons"  hegen.
Jedenfalls  gesellen  sie  sich  einander  gern.  Man  braucht
nicht  gleich  bis  zil  den  hellsten  Leuchten  der  Berliner
Finanzwelt,  den  Mendelssohns,  Warschauers,  Gutmanns,
Aochs,  Hansemanns,  Krauses,  Hainauers  und  Landaus  zu
steigen.  Auch  kleinere  Sterne  gibt  es,  die  adligen  Leutnants ­
  die  Tochter  vermählten.  And  jüngst  erst  erfuhren  wir
Ist  aus  den  Berichten  über  einen  wenig  sauberen  Prozeß,
n&amp;gt;ie  das  winkende  Erbe  Rothschilds  zwei  Herzen  aus
christlichem  und  mosaischem  Aradel  zusammenbrachte.
Diese  Fälle  sind  nun  keineswegs  Besonderheiten  der
Neuzeit.  Wie  berechtigt  auch  in  unseren  Tagen  das  Witzlet ­
  Friedrich  Wilhelms  IV.  war,  beweisen  am  besten  die
^atsachen,  daß  die  Gräfinnen  Bredow,  Arco,  Matuschka,
chvcci,  die  Freifrauen  Plancy  und  Hammerstein  Enkelinnen
es  Bankiers  Simon  Oppenheim  aus  Köln  sind,  dessen
ohne  geadelt  worden  sind.  And  ein  großer  Teil  von
^erns  Hochadel  —  die  Geschlechter  der  Grafen  Khuen
derer  von  Podewils  sind  darunter  —  hat  Blut  des
ludischen  Hofbankiers  Aaron  Elias  Seligmann  in  seinen
Adern.
^  ^ber  inzwischen  haben  sich  diese  Heiraten  zwischen
en  Töchtern  von  millionenschweren  Bankdirektoren  und
3
        <pb n="35" />
        34  Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

Bankiers  beinahe  zu  einer  ständigen  Gewohnheit  herausgebildet. ­
  Und  von  unserer  Bankwelt  aus  hat  sich  diese
Sitte  mehr  und  mehr  auch  unseren  führenden  Handelskreisen ­
  mitgeteilt.  Dadurch  sind  diese  Eheangelegenheiten
zu  einem  wichtigen  Faktor  deutscher  Kultur  oder  —  besser
gesagt  —  deutscher  Unkultur  geworden.  Cs  findet  hier
eine  Stärkung  der  Gegner  aller  freiheitlichen  Wirtfchastsund
  Kulturentwickelung  statt.  Mit  Recht  weist  Werner
Sombart  darauf  hin,  daß  die  Lebensweise  der  Seigneurs,
die  gewohnt  sind,  wie  der  Staat,  nach  den  von  ihnen  für
nötig  befundenen  Aufwendungen  sich  die  Einnahmen  zu
verschaffen,  gestützt  wird  durch  die  Inferiorität  unserer
Bourgeoisie.  Es  klingt  hart,  aber  ist  nur  zu  gerecht,
wenn  der  Breslauer  Sozialökonom  sagt:  „Unserer  Bourgeoisie ­
  höchstes  Ziel  ist  es  geblieben  —  Junker  zu  werden,
d.  h.  sich  adeln  zu  lassen  und  (soweit  es  geht!)  seigneurale
Denkweise  und  ritterliche  Allüren  anzunehmen,  dadurch
aber  ist  die  feudale  Klasse  einem  unausgesetzten  Verjüngungsprozeß ­
  unterworfen.  Sie  empfängt  immer  neuen
Zuzug  aus  bourgeoisen  Kreisen,  den  sie  rasch  assimiliert.
Bei  dem  Kreuzungsvorgange  zwischen  Gentilhommerie
und  Bourgeoisie  erweist  sich  bei  uns  jene  immer  als  das
stärkere  Element.  Ihre  Töchter  heiraten  Klassenangehörige,
ihre  Söhne  führen  der  Klasse  frisches  Blut  durch  Verheiratung ­
  mit  reichen  Erbinnen  zu.  Die  reich  gewordenen
Bourgeois  aber  suchen  so  bald  wie  möglich  ihre  Herkunft
zu  vergessen  und  in  dem  Grundadel  oder  wenigstens  dem
feudalen  Grundbefitzertum  auszugehen.  Das  kapitalistische
Unternehmen,  das  den  Reichtum  der  Familie  begründet
hatte,  wird  veräußert,  die  Söhne  und  Enkel  kaufen
sich  im  Lande  an,  stiften  ein  Majorat,  verschwägern  sich
mit  altadeligen  Familien,  lassen  ihre  Nachkommen  bei
der  Gardekavallerie  dienen  und  bei  den  Saxoborussen
eintreten  und  denken  nicht  mehr  daran,  einen  Sohn
        <pb n="36" />
        Der  Bankdirektor.

35

etwa  als  Lehrling  in  ein  kaufmännisches  Geschäft  zu
geben."
Man  kann  kaum  treffender,  als  Sombart  es  hier
getan,  das  Fehlen  jeder  Spur  von  Klassenbewußtsein  bei
der  deutschen  Bourgeoisie  kennzeichnen.  Was  haben  Geld,
Zeit  und  Kraft,  die  man  an  den  politischen  Kamps  um
die  Vorherrschaft  des  Bürgertums  setzt,  für  einen  Wert,
wenn  das  Bürgertum,  irr  Gestalt  der  Mitgift  seiner  Töchter,
aus  seinen!  Geldschrank  die  Lebenskraft  der  Feudalherren
auffrischt:  Was  man  politisch  bekämpft  oder  zu  bekämpfen
vorgibt,  stärkt  man  ökonomisch.  Die  Wirtschaft  aber  ist
das  Rückgrat  aller  Politik.  Und  so  sehen  wir  denn,  daß
dieselbe  Klasse,  die  die  kapitalistische  Entwickelung  unserer
Wirtschaft  —  von  ihrem  Standpunkt  völlig  mit  Recht  —
haßt,  die  dieser  Entwickelung  schon  lange  zum  Opfer  gefallen ­
  sein  sollte,  die  Früchte  des  Kapitalismus  gnädig
entgegennimmt  und  es  sich  in  den  finanziellen  Wonnegärten ­
  wohl  sein  läßt.  Und  das  bedeutet  für  sie  nicht
etwa  eine  Entwürdigung.  Sie  sind  ja  die  Begehrten,
um  ihre  Vetternschast  buhlt  die  Bürgermenge,  die  für  sie
genau  dieselben  Dienste  tut,  wie  einst  die  Sklaven  für
die  fteien  Griechen,  Römer  und  Germanen.  Und  wie  die
Edlinge  dieser  alten  Volksgemeinschaften  die  Arbeit  ihrer
Sklaven  verachteten,  genau  so  blicken  heute  die  Schwiegersöhne ­
  und  Schwiegerenkel  mit  kühler  Verachtung  aus  die
Arbeit  derer  herab,  die  ihnen  das  Geld  schufen.  Vor
kurzer  Zeit  erst  schrieb  das  „Deutsche  Adelsblatt",  es  sei
außer  allem  Zweifel,  daß  der  Handel  „nicht  nur  jeden
Aristokraten  von  echtem  Schrot  und  Korn,  sondern  auch
jeden  anständigen  Menschen  zurückstoße".
Und  weshalb  sollte  die  Geburtsaristokratie  auch
anders  empfinden?  Ist  es  ja  doch  gerade,  als  ob  die
Vertreter  des  Handels  selbst  sich  ihrer  Zunft  schämten.
Wo  ist  die  reiche  Erbin,  die  dem  Kommis  des  Vaters,
3'
        <pb n="37" />
        36

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

dem  Beamten  der  vom  Vater  geführten  Bank  die  Hand
zum  Ehebunde  reichte?  Die  sind  nicht  ebenbürtig,  unter
ihnen  wählt  man  erst  gar  nicht.
Voller  Neid  blicken  unsere  Kaufleute  und  Industriellen
über  den  Kanal  und  übers  große  Wasser.  Dort  regiert
das  industrielle  und  kommerzielle  Kapital.  Ideal  sind
auch  dort  die  Zustände  freilich  ganz  und  gar  nicht.  Aber
vom  Standpunkt  des  Kaufmannes  und  Fabrikherrn  aus
gesehen,  ist's  ein  Dorado.  Dort  hat  eben  das  Bürgertum
Klassenbewußtsein.  In  England  hat  die  Handelsschast
die  Lordschast,  insoweit  diese  nicht  überhaupt  aus  nobilitierten
  Kaufleuten  besteht,  sich  assimiliert.  Nicht  eininal
Milchläden  und  Putzwerkstätten  zu  besitzen,  ist  8hocking
for  ladies  and  gentlemen.  Und  wenn  in  Amerika  die
Damen  der  ftinften  Avenue  sich  einen  Lord,  Herzog,
Prinzen  oder  Grasen  kaufen  wollen,  so  zahlt  der  Herr
Papa  für  diese  Passion  genau  so  ein  Sümmchen,  wie  er
mrdere  Wüilsche  der  Tochter  mit  Gold  befriedigen  würde.
Für  jeden  Freiherrn  aber  eine  Mitgift  zu  opfern,  fällt
dem  Amerikaner  gar  nicht  ein.  Die  Negel  ist  vielmehr,
daß  die  Tochter  sich  nach  der  Golddecke  des  Mannes
streckt,  nicht  daß  der  Mann  mit  den  schwiegerväterlichen
Dollarnoten  sich  das  Faulbett  polstert.
Zn  Deutschland  aber  scharren  die  Reichen  Reichtum
zu  Reichtum.  Und  schließlich  —  spätestens  in  der  dritten
Generation  —  wandelt  sich  das  Handelskapital  in  Feudalvermögen. ­
  Die  Töchter  tragen  es  fort,  die  Söhne
bleiben  im  besten  Fall  Nutznießer,  Arbeiter  im  väterlichen
Werk  sind  sie  selten,  Mehrer  des  Ererbten  fast  nie.
Wenn  es  einmal  anders  ist,  wie  bei  den  Rothschllds  und
Mendelssohns,  so  wird  das  angestaunt  wie  ein  Rudiment,
das  aus  guter  alter  Zeit  zu  uns  hineinragt.
Uns  fehlt  kaufmännischer  Nachwuchs!  Die  Klage
hört  man  in  einem  fort.  Man  gründet  Handelsakade-
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        Der  Bankdirektor.

37

tnien  oder  Handelshochschulen.  Sie  sollen  auch  den  Nachwuchs, ­
  so  sagt  man,  zum  Standesbewußtsein  erziehen  helfen.
Aber  ist  das  ein  Glück  für  die  jungen  Leute?  Denn
werden  sie  sich  wirklich  des  kaufmännischen  Wertes  bewußt, ­
  so  werden  sie  um  so  tiefer  draußen  im  Leben  die
Erniedrigung  empfinden.  Sie  gelten  dort  genau  so  wenig
wie  das  übrige  Bildungsproletariat,  die  Ingenieure,
Assessoren  und  Doktoren  der  Staatswissenschasten,  die  zu
Dutzenden  auf  jeder  großen  Unternehmung  herumlaufen,
von  denen  einer  durch  Glück  und  Gunst  einmal  emporsteigt. ­
  Sie  sind  höchst  ungeeignete  Schwiegersöhne.  Und
sehr  nahe  liegt  die  Gefahr,  daß  den  Enttäuschten  schließlich ­
  als  Erßme  des  Standesbewußtseins  die  Forderung
erscheint,  nicht  fürder  mehr  als  Kaufleute  bei  der  Wahl
zum  Reserveoffizier  zurückgesetzt  zu  werden.
Standesbewußtsein  ist  kein  Klassenbewußtsein.  Und
das  gerade  fehlt  und  kann  auf  keiner  Hochschule  eingeimpft ­
  werden.  Die  Erkenntnis  der  kulturhistorischen
Mission,  die  Handel  und  Gewerbe  als  Klasse  gegenüber
den  aus  alter  Wirtschaftsordnung  her  noch  regierenden
Klassen  zu  erMlen  haben,  muß  auf  den  Höhen  der  Kausmannswelt
  ganz  besonders  in  den  Kreisen  der  Bankleiter
herrschend  sein.  Zn  den  Niederungen  wimmelt  bereits
das  Proletariat,  das  von  Tag  zu  Tag  dem  Brotherrn
fremder  wird,  mag  er  nun  Chef  oder  Aktiendirektor  sein.
Ich  fürchte  fast,  es  ist  zu  spät  für  Weckrufe.  Nur
n °d)  Nachrufe  kann  man  dem  deutschen  Bürgertume
widmen.  Es  scheint  sein  Fluch  zu  sein,  daß  es  als  Klasse
niemals  zur  Macht  kommen  kann.  Denn  es  wird  mit
seinem  eigenen  Gelde  beherrscht  von  seinen  —  adligen
Schwiegersöhnen.
        <pb n="39" />
        Der  kleine  Bankier.

Wenn  schon  die  kleinen  Banken  unter  der  scharfen
Konkurrenz  der  zu  immer  riesenhafteren  Dimensionen  sich
entwickelnden  Großbanken  schwer  zu  leiden  haben,  so
ist  diese  Konkurrenz  gerade  erdrückend  geworden  für  die
Privat-Bankgeschäste.  Ich  schilderte  in  einem  der  vorigen
Kapitel  bereits,  wie  die  großen  Banken  bestrebt  waren,
sich  nicht  nur  untereinander  zu  verschmelzen,  sondern  auch
die  Bankgeschäfte  von  einigem  Ansehen  in  sich  aufzunehmen. ­
  So  sehen  wir  denn  auch  heute,  daß  nur  noch
ganz  wenige  Bankgeschäfte,  die  mit  großem  Kapital  arbeiten, ­
  in  individuellem  Besitz  sich  befinden.  Die  Mehrzahl ­
  der  Privatbankbetriebe  gehört  in  die  dritte  oder
vierte  Kategorie,  ihrer  Kapitalkrast  und  ihrem  geschäftlichen ­
  Ansehen  nach  gemessen.  Die  Gründe,  die  das
Bankgeschäft  immer  mehr  in  die  Aktieninstitute  trieb,
kann  man  in  zwei  Gruppen  teilen.  Der  am  stärksten
wirkende  Faktor  ist  natürlich  die  dem  kapitalistischem
Wirtschaftssystem  innewohnende  Tendenz  zum  Großbetriebe. ­
  Wie  überall  drückt  sich  auch  im  Bankgewerbe
diese  Tendenz  am  stärksten  in  einer  Vermehrung  der  Aktienunternehmungen ­
  aus.  Während  ein  mit  durchschnittlichem
Kapital  ausgestattetes  kaufmännisches  oder  gewerbliches
Unternehmen  auch  im  günstigsten  Fall  mindestens  ein
Menschenalter  gebraucht,  uni  ins  kapitalistische  Vorder ­
        <pb n="40" />
        Der  kleine  Bankier.

39

treffen  zu  gelangen,  tritt  eine  Aktiengesellschaft  schon  von
vornherein  mit  ansehnlichem  Kapital  aus  den  Plan.
Während  nun  der  Unternehmer  im  Privatbetriebe  sein
Geschäft  immer  nur  im  Verhältnis  zu  den  vorhandenen
Mitteln  ausdehnen  kann,  steht  es  der  Aktiengesellschaft
stets  frei,  sich  zum  Zwecke  der  Ausdehnung  des  Geschäftes ­
  durch  eine  Kapitalsvermehrung  neue  Mittel  zu
beschaffen.  Trotzdem  vermag  in  der  Industrie  eine  verhältnismäßig ­
  große  Zahl  von  Privatunternehmungen  sich
zu  behaupten,  weil  hier  auch  vielfach  für  den  Erfolg  in
letzter  Linie  bestimmte,  an  der  Person  hastende  Vorzüge
der  Fabrikation  ausschlaggebend  sind,  und  anderseits
die  Möglichkeit,  bestimmte  Verfahren  zu  patentieren,  die
Konkurrenz  fern  hält.  Diese  Hemmungen  fallen  beim
Bankgeschäft  völlig  weg.  Hier  entscheidet  in  letzter  Linie
doch  nur  die  brutale  Kapitalsmacht,  und  da  kann  natürlich ­
  der  einzelne  Unternehmer  der  Aktiengesellschaft  gegenüber ­
  niemals  standhalten.  Mag  man  dem  Bankier
gegenüber  der  Bank  noch  so  viel  Gutes  nachsagen,
kulanter  wird  immer  die  Bank  sein  können  und  sogar
müssen,  die  riesige  Kapitalien  hinter  sich  hat.  Wirkt
dieser  Konkurrenzkampf  auch  schon  in  der  Provinz,  wo
sich  vielfach  Bankfilialen  befinden,  so  muß  natürlich  in
erheblich  vermehrtem  Maße  das  Bankgewerbe  der  Residenz ­
  seine  üblen  Folgen  zu  spüren  bekommen.  Denn  hier
P  nicht  nur  der  Mittelpunkt  aller  großen,  dem  Berliner
Boden  entsprossenen  Aktieninstitute,  sondern,  wie  ich  an
anderer  Stelle  bereits  ausführte,  auch  der  zugewanderten
Provinzbanken.
Aber  im  Bankgewerbe  spielten  auch  noch  ganz
spezielle  Faktoren  mit,  um  die  Konzentration  im  allgemeinen ­
  und  die  Schädigung  der  Privatbankiers  im  besonderen ­
  zu  fördern.  Die  Konzentrationsbewegung  setzte
etwa  zu  Beginn  der  neunziger  Jahre  ein,  und  um  die ­
        <pb n="41" />
        40

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

selbe  Zeit  brachten  gewisse  Vorgänge  die  Privatbankiers
beim  Publikum  in  Mißkredit.  Geachtete  Firmen,  wie
Friedländer  &amp;amp;  Sommerfeld  und  Hirschfeld  &amp;amp;  Wolfs,
brachen  zusammen.  Die  Bankiers  Maaß  und  L.  W.
Schnökel  jun.  stellten  ihre  Zahlungen  ein,  und  in  allen
Fällen  waren  Depots  veruntreut,  Gelder  unterschlagen,
kamen  Schwindeleien  gröbster  Art  ans  Tageslicht.
Obenein  sah  sich  das  Publikum  durch  berufsnräßige
Gauner,  wie  den  berüchtigten  Hugo  Loewy,  genarrt,  der
in  prahlerischer  Weise  verschiedene  Geschäfte  in  der  Stadt
eröffnet  und  die  ihm  anvertrauten  Gelder  veruntreut
hatte.  Das  Publikum  begann  sich  unsicher  zu  fühlen,
und  wie  das  in  solchen  Fällen  immer  zu  gehen  pflegt,
wußte  es,  namentlich  als  auch  in  der  Provinz  mehrere
ungetreue  Bankiers  flüchtig  wurden,  die  Spreu  nicht
vom  Weizen  zu  sondern.  Das  Mißtrauen  richtete  sich
gegen  den  ganzen  Stand,  selbst  alte  eingesessene  Bankhäuser, ­
  wie  die  Firma  F.  W.  Krause  &amp;amp;  Comp.,  mußten
es  sich  damals  gefallen  lassen,  daß  auf  ihre  Kassen  die  geängsteten ­
  Einleger  Stunn  liefen.
Die  Kundschaft  ging  in  jenen  Tagen  zu  den  Banken
über,  und  man  hat  von  da  ab  immer  mehr  und  mehr
das  Aktienkapital  als  Garantiekapital  in  den  Kreisen
des  Privatpublikums  anzusehen  sich  gewöhnt.  Wenn
jene  Bankzusammenbrüche  keine  weiteren  Folgen  gehabt
hätten,  so  würde  vielleicht  doch  nach  der  Beruhigung,  die
dem  Sturme  gefolgt  wäre,  alles  wieder  in  die  alten
Bahnen  eingelenkt  sein.  Aber  jene  Krisis  schuf  im  Volke
eine  so  starke  Mißstimnmng  gegen  den  Bankierstand,
daß  die  schon  verschiedentlich  in  den  Vordergrund  getretenen ­
  Bestrebungen  zur  Schaffung  einer  Bankiersgesetzgebung ­
  kräftige  Nahrung  erhielten.  Daß  sowohl  das
Depotgesetz  wie  auch  das  Börsengesetz  durchaus  notwendig ­
  waren,  steht  außer  allem  Zweifel.  Es  ging  vor
        <pb n="42" />
        Der  kleine  Bankier.

41

allem  nicht  ferner  an,  daß  eine  Institution  wie  die  Börse,
die  tief  in  das  Volksleben  eingriff  und  schon  lange
über  eine  Privatgemeinschast  hinaus  zu  einer  öffentlichen
Machtveranstaltung  hinausgewachsen  war,  aus  mangelnder
gesetzlicher  Grundlage  stand.  Das  hätten  die  vernünftigen ­
  Elenrente  des  Bankierstandes  sicherlich  ebenso  eingesehen, ­
  wie  die  Notwendigkeit  einer  gesetzlichen  Regelung ­
  des  Depotwesens.  Aber  wie  das  nun  einmal  zu
gehen  pflegt:  Neid,  Hatz  und  Unverstand  waren  die
treibenden  Kräfte  der  von  den  Börsengegnem  ins  Leben
gerufenen  Bewegung,  die  aus  gesetzliche  Maßnahmen  abzielten. ­
  Der  Druck  erzeugte  Gegendruck.  Die  Börse
stellte  sich  plötzlich  aus  den  Standpunkt,  das  ganze
Gesetzgebungsbegehren  als  ein  Mitzttauensvotum  zu  bekämpfen. ­
  Die  Börsenkreise  verweigerten  ihre  Mitwirkung ­
  bei  der  Formung  des  Gesetzes.  Und  so  kam
natürlich  ein  Gesetz  zustande,  daß  große  Härten  für  den
Bankierstand  auswies.  Eine  eigentümliche  Ironie  war
es  nun,  daß  die  Hasser  des  Großkapitals  ein  Gesetz
fabriziert  hatten,  dessen  Härte  das  große  Kapital  nicht
nur  leicht  überwinden,  sondern  gradezu  für  sich  ausnutzen
konnte,  während  am  meisten  der  Bankier,  und  besonders
der  kleine,  darunter  litt.  Die  Wirkung  des  Depotgesetzes
auf  die  Entwicklung  des  Bankgewerbes  hat  eine  gewisse
Ähnlichkeit  mit  der  Wirkung  der  sozialen  Gesetzgebung
auf  den  industriellen  Kleinbetrieb.  Die  Lasten  erhöhten
sich;  namentlich  mußte  mehr  Personal  angestellt  werden,
dessen  Arbeitskraft  nicht  in  entsprechendem  Maße  ausgenutzt ­
  werden  konnte,  so  daß  hier  von  vornherein  dem
Großbetrieb  günstigere  Chancen  entstanden.  Eine  ähniiche
  Wirkung  ging  von  dem  Dell  des  Börsengesetzes  aus,
der  die  Aushebung  des  Terminhandels  dekretierte.  Dadurch ­
  wuchsen  die  Anforderungen  an  die  Äapitalkraft
des  Bankiers.  Zunächst  versuchten  die  Privatbankgeschäfte
        <pb n="43" />
        42

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

ihre  Existenz  dadurch  aufrechtzuerhalten,  daß  sie  in
etwas  verschleierter  Form  den  alten  Terminhandel  weiterführten. ­
  Aber  die  außerordentlich  strenge  Handhabung
und  Auslegung  des  Gesetzes  durch  das  Reichsgericht,
die  sich  häufenden  Differenzeinwände  machten  es  den
Bankiers  so  gut  wie  unmöglich,  das  Geschäft  in  den
alten  Bahnen  weiterzuführen.  Die  Banken  wurden
immer  allmächtiger.  Der  Weg  zur  Höhe  wurde  den
Bankiers  immer  dichter  verbaut.  Und  so  entstand  denn
jener  Zustand  des  Bankgewerbes,  der  heute  besteht.
Als  Kommissionäre  haben  die  Privatbankiers  im
Verhältnis  zu  den  Bankeir  heute  nur  noch  eine  sehr  geringe ­
  Bedeutung.  Manche  Firmen  besitzen  teils  durch
verwandtschaftliche  Beziehungen,  teils  durch  eine  alte
Tradition  noch  eine  gewisse  Menge  von  Kundschaft.
Aber  das  sind  doch  meist  die  besseren  Mittelsirmen,
während  die  kleinen  Firmen  fast  nur  aus  der  Börse
selbst  ihr  Tätigkeitsgebiet  haben.  Hier  sind  Makler  und
eingestellte  oder,  als  Outsider  ab  und  zu  die  Börse  besuchende, ­
  Händler  ihre  Komittenten.  Die  meisten  von
ihnen  machen  aber  in  zunehmendem  Maße  Geschäfte  für
eigene  Rechnung.  Die  Reichen  benutzen  ihre  Kenntnisse
und  Erfahrungen  dazu,  ihr  Vermögen  möglichst  günstig
anzulegen,  sie  pflegen  bestimmte  Spezialitäten  des  Börsenhandels, ­
  erscheinen  täglich  bei  denselben  Papieren  zur
Kursfestsetzung,  um  eine  genauere  Kenntnis  von  der
Marktlage  zu  gewinnen  und  durch  ausgleichende  Käufe
oder  Verkäufe  sich  Verdienste  zu  schaffen.  Am  schlimmsten ­
  sind  diejenigen  Elemente  daran,  die  ohne  nennenswertes ­
  eigenes  Vermögen  ihre  Kundschaft  so  gut  wie
völlig  verloren  haben,  aber  da  sie  keinen  anderen  Beruf
ergreifen  können,  gezwungen  sind,  die  Börse  nach  wie
vor  zu  besuchen.  Sie  rangieren  völlig  in  eine  Linie  mit
dem  kleinen  Tagesspekulanten.  Davon,  daß  das  kleine
        <pb n="44" />
        Der  kleine  Bankier.

43

Engagement,  das  sie  an  der  Börse  entrierten,  am  nächsten
Tag  oder  schon  am  Schluß  derselben  Börse  sich  mit
Nutzen  realisieren  läßt,  hängt  ihr  und  ihrer  Familie
Lebensglück  ab.  Es  handelt  sich  hier  wirklich  beinahe
um  proletarische  Existenzen,  die  schwer  im  Kampf  ums
Dasein  zu  ringen  haben.
Das  Los  dieser  Kleinen  ist  aber  noch  aus  einem
anderen  Grunde  ganz  besonders  schwierig  geworden.
Dieselben  großen  Banken,  die  ihnen  die  Kundschaft  fortgenommen ­
  haben,  regieren  auf  der  Börse  und  bringen
hier  ebenfalls  die  kleine  Bankwelt  vollkommen  in  Abhängigkeit ­
  von  sich.  Wenn  nicht  gerade  ganz  außergewöhnliche ­
  Ereignisse  ein  Machtwort  sprechen,  ist  die
Kursbewegung  der  Börsenpapiere  vollkommen  geleitet
von  den  Banken,  und  der  kleine  Bankier,  der  es  wagen
würde,  sich  gegen  ihren  WUlen  aufzulehnen  und  gegen
sie  ä  la  hausse  oder  ä  la  baisse  zu  spekulieren,  würde
elend  zermalint  werden.  Die  Bankiers  haben  sich  denn
auch  allmählich  daran  gewöhnt,  die  Sklaven  der  Großen
zu  sein,  und  ihre  Haupttüchtigkeit  besteht  heute  zumeist
darin,  zu  erforschen  und  vorher  zu  erfahren,  was  im
Rate  der  hohen  Bankdirektoren  beabsichtigt  und  beschlossen ­
  ist.  Die  Klügsten  unter  den  Kleinen  haben  es
vorgezogen,  sich  lieber  direkt  in  die  Dienste  der  Bank-Delt
  zu  geben  und  für  die  entflohene  Privatkundschaft
Ersatz  in  Kommissionsaufträgen  der  Banken  zu  suchen.
Solche  Bankkommissionäre  gab  es  schon  lange  vor  der
Einbürgerung  der  heutigen  Verhältnisse.  Wenn  in  srüheren
  Jahren  eine  Bank  zu  bestimmten  Zwecken  größere
Summen  eines  Papieres  ankaufen  oder  verkaufen  wollte,
so  betraute  sie  oft  damit  bestimmte  Bankfirmen.  Denn
wenn  sie  selbst  sich  in  den  Markt  gestellt  hätte,  so  wären
'hre  Absichten  zu  früh  erraten,  ihre  Pläne  durchkreuzt
worden.  Doch  früher  handelte  es  sich  um  gelegentliche
        <pb n="45" />
        44

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

Llusträge,  während  heute  zwischen  den  Banken  und  ihren
Mittelsmännern  ein  dauerndes  Verhältnis  besteht,  daß
in  den  verändetten  Zeitverhältnissen  begründet  ist:  Die
ungeheure  Kundschaft,  die  sich  bei  den  Banken  konzentriert, ­
  hat  für  diese  Institute  den  großen  Bortell,  daß  sie
die  Aktten  ihrer  Gründungen,  die  von  ihnen  zur  Emission
gebrachten  Obligationen  und  Staatsrenten  meist  in  der
eigenen  Kundschaft  unterzubringen  vermag.  Allein  dieser
Vorzug  hat  auch  eine  nicht  unbedenkliche  Schattenseite.
Ein  immerhin  doch  erheblicher  Teil  der  Kundschaft  kaust
aus  Kredit,  und  die  Banken  sind  auch  in  stürmische!:  und
schweren  Tagen  gezwungen,  den  Besitz  der  Kundschaft  zu
konservieren,  da  sie  die  an  den  Markt  gelangende  Ware
zum  größten  Teil  selbst  aufnehmen  mutzten.  Denn  die
entvölkerte  Börse  vermag  nur  wenig  ohne  weiteres  zu
kaufen.  Die  Bankiers  mit  einer  Schar  kaufkräftiger
Kunden  hinter  sich  gehören  eben  der  Vergangenheit  an.
Wollen  daher  die  Banken  größere  Posten  von  Wettpapieren ­
  in  die  Außenwelt  abstoßen,  so  müssen  sie  sich
besonderer  Mittel  und  Wege  bedienen.  Sie  setzen  sich
mit  einem  sogenannten  „Einpeitscher"  in  Verbindung:
dieser  Bankier  nimmt  der  Bank  einen  bestimmten  Posten
fest  ab  und  erhält  das  Recht,  zum  gleichen  Kurse  eine
größere  Summe  nachzufordern.  Er  beginnt  nun  die
Börse  zu  bearbeiten,  steigert  den  Kurs,  versucht  nach
Möglichkeit  auch  seine  Beziehungen  zur  Börsenpresse
auszunutzen,  und  allnlählich  stellen  sich  die  Käufer  ein.
Die  kleinen  Bankiers,  welche  nach  einem  Tagesgewinn
lüstern  sind,  kaufen,  die  Angestellten  folgen  ihnen,  und
da  jeder  darauf  ist,  möglichst  bald  einen  Gewinn  sicherstellen ­
  zu  können,  gewinnt  der  Einpeitscher  in  diesen
ersten  Käufen:  ein  bereitwilliges  Heer  von  Propagandisten. ­
  Einer  preist  dem  andern  die  Vorzüge  des  Papiers
und  bald  taucht  sein  Name  in  den  Wechselstuben  auf,
        <pb n="46" />
        Der  kleine  Bankier.

46

wo  das  spekulierende  Privatpublikum  sich  sammelt.
Inzwischen  hat  der  Einpeitscher  seine  Aktien  zu  günstigen
  Kursen  verkauft  und  überläßt  das  betreffende
Papier  nun  seinem  Schicksal.  Handelt  es  sich  um  ein
gutes  Unternehmen,  dessen  Aktien  aus  diese  Weise  lanciert
werden,  so  kann  wohl  der  Kurs  vorübergehend  etwas
sinken,  aber  selbst  diejenigen,  die  zu  verhältnismäßig
hohem  Kurse  die  Papiere  erworben  haben,  können  später
einmal  mit  einigem  Nutzen  verkaufen  und  bekommen  in
der  Zwischenzeit  eine  angemessene  Dividende.  Gehört
das  Papier  aber  zu  den  zweifelhaften  Werten,  so  haben
die,  welche  aus  die  Anpreisungen  hineinfielen,  natürlich
das  Nachsehen,  und  die  Banken  haben  den  Vorteil,  da
sie  mit  ihrem  Namen  nicht  an  die  Öffentlichkeit  getreten
sind  und  um  den  Kurs  sich  nicht  zu  künunern  brauchen.
Von  den  Bankiers,  die  diese  Vermittelungsgeschäste  beireiben, ­
  sind  einzelne  reich  geworden.  Namentlich  solche,
die  klug  genug  waren,  sich  aus  den  Vertrieb  innerlich
guter  Werte  zu  legen.  Sie  haben  nicht  nur  an  der
Vörse  verdient,  sondern  sich  auch  eine  umfangreiche  Kundschaft ­
  geschaffen,  die  dadurch,  daß  sie,  zumeist  aus  erster
Zueile  mit  Nachrichten  bedient,  rechtzeitig  kauften  und
srühzeitig  verkauften,  gute  Geschäfte  machten.  Das  gehört ­
  überhaupt  zur  Klugheit  der  Einpeitscher,  daß  sie
u-cht  allzuoft  schlechte  Werte  propagieren,  sondern  Börse
und  Publikum  etwas  verdienen  lassen,  um  sich  eine  dauernde
^^solgschast  zu  sichern.  Skrupellose  oder  allzu  waghalsige
Elemente  haben  sich  nie  sehr  lange  zu  halten  vermocht,
sondern  sind  früher  oder  später  zugrunde  gegangen.
        <pb n="47" />
        Die  Wechselstuben.

Die  Wechselstube  oder,  wie  sie  meist  osfiell  genannt
wird,  die  Depositenkasse  ist  allmählich  zum  sprechendsten
Zeichen  der  Machtentsaltung  der  Berliner  Großbanken  geworden. ­
  Zn  allen  Straßen  sieht  man  sie,  und  in  protzigen
Goldlettern,  die  aus  die  Glasscheiben  geklebt  sind,  sucht  eine
Bank  immer  mehr  als  die  andere  dem  Vorübergehenden
durch  die  Riesensumme  des  Kapitals  und  der  Reserven
zu  imponieren.  Die  Fülle  der  Wechselstuben  ist  aber
gleichzeitig  auch  ein  Dokument  des  scharfen  Konkurrenzkampfes, ­
  der  zwischen  den  verschiedenen  Instituten  entbrannt ­
  ist.  Tür  an  Tür  liegen  oft  die  Depositenkassen,
in  ihrer  äußeren  Ausstattung  zum  Verwechseln  ähnlich,
und  laden  durch  den  Luxus  der  inneren  Ausstattung
und  in  den  Abendstunden  durch  die  blendende  Lichtfülle
das  Publikum  ein,  sich  ihrer  zu  bedienen.  Die  verkehrsreichen ­
  Straßen  sind  geradezu  mit  Depositenkassen
überschwemmt.  So  befinden  sich  auf  der  Potsdamer
Straße  nicht  weniger  als  9  Kassen  von  6  Banken.
Zn  der  Berliner  Straße  zu  Gharlottenburg  sind  6  Wechselstuben ­
  und  in  der  verhältnismäßig  kurzen  Königstraße
  5.
Früher  diente  die  Wechselstube  andern  Zwecken,  und
als  die  Deutsche  Bank  als  erste  anfing,  in  den  verschie ­
        <pb n="48" />
        Die  Wechselstuben

47

denen  Stadtteilen  Zweigniederlassungen  zu  errichten,  da
kannte  man  die  heutige  Bedeutung  der  Wechselstube  nur
erst  wenig.  Wie  das  Wort  schon  anzeigt,  bedeutete  dieser ­
  Begriff  ursprünglich  ein  Kontor,  in  dem  man  Geldsorten ­
  gewechselt  bekam.  Die  Bankgeschäfte  unterschieden
sich  in  solche,  die  nur  mit  ihrer  festen  Kundschaft  verkehrten, ­
  und  solche,  die  auf  Laufkundschast  von  der
Straße  her  reflektierten.  Während  die  ersten  ihre
Bureaus  meist  in  einer  oberen  Etage  hatten,  wohnten
die  Wechselbankiers  im  Laden,  um  dem  Straßenpublikum ­
  den  Zutritt  zu  erleichtern.  Das  sogenannte  Tafelgeschäft,
  d.  h.  die  Umwechslung  von  Geldsorten,  der  Anund
  Verkauf  kleinerer  Posten  von  Wertpapieren  über
den  Ladentisch  hinweg,  nahm  bei  einzelnen  Handlungen
einen  sehr  erheblichen  Umfang  an.  Im  Wechselstubengeschäst
  zeigten  sich  jedoch  bald  starke  Auswüchse.  Seit
den  Gründerjahren  hatte  sich  das  Interesse  des  Publikums ­
  an  den  Börsenspekulationen  wesentlich  gehoben.
Und  wenn  es  durch  den  großen  Gründerkrach  auch  zeitweise ­
  etwas  erlahmte,  so  ries  jede  längere  Steigerungsperiode ­
  doch  wieder  die  breiten  Massen  des  Publikmns
auf  den  Plan.  Es  war  nichts  natürlicher,  als  daß  die
Inhaber  der  Wechselstuben  sich  die  Geldgier  und  Spielfreude ­
  des  Publikums  zunutze  machten.  Bei  ihnen
ging  täglich  ein  zahlreiches  Publikum  ein  und  aus.  Sie
benutzten  die  Gelegenheit,  diese  passierenden  Elemente  als
dauernde  Kundschaft  an  ihre  Firma  zu  fesseln,  indem  sie
ihnen  den  Kauf  oder  Verkauf  von  Wertpapieren  empfahlen. ­
  Viele  dieser  Wechselstuben  hingen  in  der  Mittags-Seit
  große  Tafeln  ins  Fenster,  auf  denen  die  neuesten
Börsenkurse  verzeichnet  waren  und,  wenn  bewegte  Börsentage
  das  besondere  Interesse  der  Spekulanten  erweckten, ­
  dann  standen  die  Leute  oft  scharenweise  in  reger
Diskussion  vor  dem  Fenster.  Besonders  pfiffige  Laden-
        <pb n="49" />
        48

Großstadt-Dokumente  S3b.  8.  Berliner  Banken.

inhaber  glaubten  diese  Art  von  Reklame  rentabler  gestalten ­
  zu  können,  wenn  sie  nicht  die  Kurse  ins  Fenster
hingen,  sondern  dort  nur  die  Ankündigung  erließen,
daß  die  neuesten  Kurse  im  Laden  einzusehen  seien.  So
entwickelten  sich  die  Berliner  Wechselstuben  teilweise  zu
einer  Zentrale  des  wildesten  Börsenspiels.  Rentiers  von
oft  recht  zweifelhafter  Sorte,  große  und  kleine  Geschäftsleute ­
  verbrachten  seit  der  Einführung  des  Telephons  die
Mittagsstunden  ständig  in  der  Wechselstube,  um  von
jeder  Schwankung  der  Kurse  auf  telephonischem  Wege
sofort  unterrichtet  zu  werden.  Daß  diese  Leute  über  den
Reizen  des  Spiels  oft  ihr  Geschäft  und  ihre  Famllie
vergaßen,  gehörte  keineswegs  zu  den  Seltenheiten;  ein
Teil  der  Berliner  Wechselstuben  wurde  für  manchen  ursprünglich ­
  ehrbaren  Menschen  zum  Ruin.  Besonders
schlimm  wurde  der  Wechselstubenunfug,  als  einzelne  Betrüger ­
  mit  der  ausgesprochenen  Absicht,  das  Publikum
zu  rupfen,  Wechselstuben  eröffneten.  Rach  dem  Muster
zweifelhafter  Londoner  Firmen  führten  sie,  die  an  der
Börse  meist  keinen  Kredit  genossen,  die  Aufträge  des
Publikums  gar  nicht  aus,  sondern  machten  sie,  wie  der
Fachausdruck  lautete,  „in  sich".  Berlor  das  Publikum,
dann  zogen  diese  modernen  Raubritter  das  Geld  von
ihm  ein,  gewann  es,  so  machten  sie  entweder  Schwierigkeiten ­
  oder  zogen  es  womöglich  vor,  gänzlich  das  Weite
zu  suchen.  Diese  rücksichtslose  Ausbeutung  der  Kundschaft ­
  und  die  von  solchen  Elementen  zum  System  erhobene ­
  skrupellose  Verleitung  wenig  vermögender  Leute
zum  Börsenspiel  waren  nicht  zum  geringsten  Schuld
daran,  daß  das  Börsengesetz  entstand  und  in  weiten
Kreisen  des  deutschen  Volkes  die  Anschauung  sich  durchsetzte, ­
  daß  Börse  und  Schwindel  ZwMngsgeschwister
seien.
Die  Depositenkassen  der  Banken  dienten  ursprüng ­
        <pb n="50" />
        Die  Wechselstuben.

49

lich  einem  ganz  anderen  Zweck  als  die  Wechselstuben
der  Privatbankiers.  Das  Publikum  hatte  an  und  für
sich  schon  mehr  und  mehr  die  Gewohnheit  angenommen,
seine  Gelder  den  Banken  anzuvertrauen.  Diesem  Hang
kam  zunächst  die  Deutsche  Bank  entgegen,  die  in  den
verschiedenen  von  der  Geschäftswelt  frequentierten  Stadtvierteln ­
  Depositenkassen  zu  errichten  begann.  Zu  einem
Teil  wirkte  sie  dadurch  wohl  erzieherisch  auf  die  Geschäftsleute, ­
  die  bisher  auch  große  Kassabestände  thesaurierten,
sie  unverzinslich  in  ihrem  Geldschrank  liegen  ließen.
Zum  Teil  aber  nahm  sie  doch  auch  den  Privatbankiers
die  bereits  von  ihnen  zur  rationellen  Geldverwaltung
erzogenen  Kunden  fort.  Die  Deutsche  Bank  fand  bald
Nachahmer,  und  aus  dem  eigentlichen  Geschäftsviertel
wandelten  die  Kassen  bald  weiter  bis  in  die  entferntesten
Wohnquartiere  und  zogen  überall,  wohin  sie  kamen,
nach  und  nach  den  kleinen  Bankgeschäften  den  größten
Teil  ihrer  Kundschaft  ab.  Natürlich  handelten  die
Banken  hier  nicht  aus  menschenfteundlichen  Beweggründen. ­
  Für  sie  war  der  wesentlichste  Ansporn,  möglichst ­
  viel  Depositengelder  zu  bekommen.  Unsere  Banken
pflegen  einen  so  erheblichen  Teil  ihres  Kapitals  in  der
Gründung  von  Aktiengesellschaften  und  in  sonstigen  Beieiligungen ­
  an  industriellen  Unternehmungen  anzulegen,
l&amp;gt;aß  ihnen  nicht  allzuviel  Gelder  bleiben,  um  Kaufleuten ­
  und  Industriellen  Kredite  zu  geben.  Deshalb
^ird  immer  diejenige  Bank  die  mächtigste  sein,  die  die
höchste  Summe  von  Depositen  auszuweisen  hat.  Diese
Depositen  werden  sehr  niedrig  verzinst,  da  die  Bank  sich
öen  Einlegern  gegenüber  verpflichtet,  sie  jederzeit  ohne
Kündigung  zurückzuzahlen.  Anderseits  aber  rechnet  die
Bank  damit,  daß  niemals  die  gesamte  Summe  der
Depositen  zurückverlangt  wird,  so  daß  sie  die  Gelder
3u  langfristigen  Kreditgeschäften  verwenden  kann.  Frei-4
        <pb n="51" />
        50  Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

lich  soll  eine  solide  Bankverwaltung  das  ihr  von  den
Depositengläubigern  anvertraute  Kapital  niemals  in
Gründungsgeschästen  anlegen,  sie  dürfte  es  auch  nicht
aus  Hypotheken  mit  jahrelanger  Sparsrist  ausleihen,  aber
sie  kann  aus  diesen  Mitteln  an  ihre  Kundschaft  Kredite
gewähren  und  Wechsel  Kausen.  Da  diese  Geschäfte  einen
ganz  hübschen  Zinsengewinn  zu  erbringen  pflegen,  während ­
  anderseits  das  Depositengeld  tmr  geringe  Verzinsung ­
  erreicht,  so  ergibt  sich  ein  recht  akzeptabler
Zwischengewinn,  der  um  so  mehr  ins  Gewicht  fällt,  als
die  Depositensumme  oft  viel  größer  oder  beinahe  ebenso
groß  ist,  als  das  zu  verzinsende  Aktienkapital.
Galten  so  den  ganz  großen  Banken  die  Depositenkassen ­
  einmal  als  Mittel  zur  Reklame,  dann  aber  auch
als  geeignet,  für  ihre  große  Geschästsausdehnung  billige
Betriebsmittel  heranzuziehen,  so  sind  sie  anderseits  doch
auch  wieder  mehr  dazu  gekommen,  sie  als  Vermittlungsstellen ­
  für  den  Absatz  von  Wertpapieren  zu  benutzen.
Für  die  Banken  bedeutet  es  natürlich  einen  ganz  erheblichen ­
  Vorteil,  wenn  sie  von  ihnen  emittierte  Aktien
oder  Renten  anstatt  durch  Vermittlung  der  Börse  durch
Vermittlung  ihrer  eigenen  Depositenkassen,  an  deren
Schaltern  ein  vielköpfiges  und  teilweise  recht  vermögendes ­
  Publikum  verkehrt,  unterbringen  können.  Natürlich
wird  dieser  Vorteil  zum  Teil  sehr  ausgenutzt.  Die  Vorsteher ­
  der  Depositenkassen,  die  vom  Gewinn  eine  Tantieme ­
  beziehen,  können  dadurch  allzu  leicht  verleitet
werden,  bei  der  Empfehlung  solcher  Wertpapiere  nicht
mit  der  nötigen  Gewissenhaftigkeit  zu  verfahren.  Wenn
derartige  Ausschreitungen  von  den  Depositenkassen  der
größeren  Banken  auch  so  gut  wie  gar  nicht  bekannt
geworden  sind,  so  hat  anderseits  manche  Depositenkasse
der  Mittelbanken,  namentlich  in  der  Zeit  vor  dem  letzten
Krach,  des  Guten  allzuviel  getan.  Diese  Kassen  emp-
        <pb n="52" />
        Die  Wechselstuben

51

fahlen  nicht  nur  ihre  eigenen  Wertpapiere,  sondern  animierten ­
  das  Publikum  auch  sehr  lebhaft  zu  Spekulationen
  in  allen  möglichen  Börsenwerten,  zum  Teil  sogar  in
recht  minderwertigen  englischen  Minen-skare8.  Genau
so  wie  früher  die  Wechselstuben  der  Privatbankiers
wurden  diese  Depositenkassen  allmählich  zum  Mittelpunkt
eines  spielsüchtigen  und  über  dein  Spiel  alle  Sittlichkeit
vergessenden  Publikums.  Diese  Methode  der  Volksausbeutung ­
  erwies  sich  allerdings  als  nicht  minder  gefährlich ­
  für  die  Verführer  als  ftir  die  Verführten.  Denn  das
Börsengesetz  hatte  inzwischen  die  Zahlungsverweigerung
Tür  Schulden  aus  Börsengeschäften  erheblich  erleichtert,
und  die  Folge  davon  war,  daß  zahlreiche  Differenzprozesse ­
  gerade  von  solchen  Elementen  angestrengt  würben, ­
  die  keineswegs  als  Verführte  gelten  konnten,  fonbern
  in  kaufmännischen  Geschäften  recht  wohl  bewandert
waren.

Diese  Banken  sind  entweder  durch  die  Verschwelung ­
  mit  anderen  Instituten  von  der  Bildfläche  verschwunden, ­
  oder  sie  haben  von  der  Tücke  des  Schicksals
Selernt  und  ihre  Depositenkassen  aus  andere  Geschäftszweige ­
  zugeschnitten.  Sie  bemühen  sich  jetzt  eine  Lücke
Auszufüllen,  die  das  Verschwinden  der  Privatbankiers
U  bas  Berliner  Geschäftsleben  gerissen  hat.  Dadurch
"üben  nämlich  viele  mittlere  und  kleinere  Geschäftsleute
xe  Kredithelfer  verloren.  Bei  den  großen  Banken
onnen  natürlich  die  Geschäfte  nur  mehr  oder  weniger
wemattsch  geführt  werden.  Es  ist  ihnen  daher  nur

en  möglich,  mittleren  und  kleineren  Gewerbetreibenden

Kredit

^  mt  zu  gewähren,  die  einer  sorgfältigen  Untersuchung
b  ^..Kreditwürdigkeit  und  einer  ständigen  Überwachung
Dürfen.  Hier  knüpfen  allmählich  die  Mittelbanken  an;
^  luchen  ihre  Wechselstuben  mit  kauftuännisch  geschulten
Kumten  auszustatten,  die  die  Kundschaft  genau  kennen
        <pb n="53" />
        52

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

und  in  der  Lage  sind,  sich  dauernd  über  deren  Ruf  und
Geschäftsgebaren  aus  dem  lausenden  zu  halten.  In
der  Akquisition  dieser  Kundschaft  kommt  der  Konkurrenzkampf ­
  am  schärfsten  aneinander.  Jede  Bank  läßt
ständig  die  Handel-  und  Gewerbetreibenden  der  verschiedenen ­
  Stadtviertel  besuchen  und  eine  überbietet  an  Kulanz
immer  die  andere.
        <pb n="54" />
        Mir

Zritungbankiers.

Die  Bankiers  der  guten  alten  Zeit  waren  ihrer
Kundschaft  nicht  bloß  Vermittler  beim  An-  und  Verkauf
von  Wertpapieren,  sondern  auch  Berater  in  allen  finanziellen ­
  Angelegenheiten.  Und  ein  großer  Teil  des  kapitalanlegenden ­
  Publikums  vermißt,  so  kulant  und  zuvorkommend ­
  es  auch  immer  bei  den  Banken  bedient  werden
Mag,  doch  das  eine,  daß  sie,  in  der  großen  kundenschar
der  Aktieninstitute  mehr  oder  weniger  zur  Nummer  geworden, ­
  die  individuellen  Ratschläge  entbehren  müssen.
Dieser  Vorzug  des  Privatbankiers  fesselt  denn  auch
immerhin  noch  eine  ganze  Reihe  von  Leuten  an  die
Weinen  Bankgeschäfte.  Von  altersher  haben  Bankiers
versucht,  diese  Ratgebertätigkeit  zur  Reklame  und  zur
Gewinnung  von  Kunden  auszunutzen.  Die  seinen  Bankhäuser ­
  pflegten  in  der  Regel  einmal  wöchentlich  einen
Bericht  zu  verfassen,  der,  um  zahlreichen  Einzelkorrespondenzen ­
  vorzubeugen,  die  Meinung  des  Bankiers  über
die  Börsentendenz  im  allgemeinen  der  Kundschaft  mitlitte. ­
  Pfiffige  Elemente  griffen  diesen  guten  Brauch,  der
auch  fjeute  noch  besteht,  aus,  ließen  diese  Berichte  in  einer
Poßen  Anzahl  von  Exemplaren  drucken  und  versandten
he  wöchentlich  außer  an  ihre  Kundschaft  an  Hunderte,  ja
an  Tausende  von  Adressen,  die  sie  sich  nach  verschiedenen
öllssbüchern  zusammenstellten.  Dieser  Weg  muß  sich  als
        <pb n="55" />
        54  Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

recht  lukrativ  erwiesen  haben,  denn  er  wird  heute  noch
von  einer  Anzahl  Baitkiers  —  allerdings  minderwertiger
Sorte  —  beschritten.  Der  Weg  ist  aber  durch  die  erhebliche ­
  Aufwendung  von  Porto,  welche  nötig  ist,  ziemlich ­
  kostspielig,  und  verhältnismäßig  früh  kainen  einzelne
Bankiers,  wohl  nach  österreichischem  Vorbild,  aus  die
Idee,  die  wöchentlichen  Berichte  zu  erweitern  und  sie  in
Form  von  Zeitungen  zu  drucken.  Dadurch  schlug  man
zwei  Fliegen  mit  einer  Klappe.  Einmal  wurde  die
Kostendeckuilg  wesentlich  vereinfacht.  Die  Zeitung  kostete
ein,  wenn  auch  niedriges,  Abonnementsgeld  mrd  man
konnte  womöglich  sogar  Überschüsse  dadurch  erzielen,
daß  man  von  den  Banken  Finanzinserate  ausnahni.
Außerdem  aber  stieg  der  Wert  der  Ratschläge  beim
Publiluun.  Selbst  wenn  der  Name  des  Bankiers  groß
auf  dem  Zeitungstitel  angegeben  war,  vergaß  das  Publikum ­
  doch  allzu  leicht,  daß  es  sich  hier  um  ein  rein
geschäftliches  Unternehmen  handelte,  und  maß  die  Zeitung
mit  demselben  Maß,  wie  es  gewöhnt  war,  andere  Zeitungen ­
  zu  messen.  Besonders  war  das  der  Fall  bei  den
Artikeln,  die  nicht  als  Fragebeantwortungen  im  Briefkasten ­
  standen,  sondern  als  sachkundige  Auseinandersetzung ­
  an  der  Spitze  des  redaktionellen  Teiles  prangten«
Mit  solchen  Blättern  hat  das  Publikum  schon  recht
schlechte  Erfahrungen  gemacht.  Sie  spielten  in  Wien
und  Berlin  schon  zur  Zeit  des  großen  Gründerkraches
anfangs  der  siebziger  Jahre  eine  recht  verhängnisvolle
Rolle.  Später  ist  dann  die  öffentliche  Aufmerksamkeit
auf  die  Zeitungbankiers  und  ihre  Preßorgane,  namentlich ­
  durch  den  großen  Prozeß  gegen  den  Berliner  Bankier ­
  Paul  Polke,  gelenkt  worden.  Neuerdings  schießen
solche  Bankierzeitungen  wieder  üppig  ins  Kraut  und  es
gibt  einige,  vor  denen  wegen  der  Person  ihrer  Herauf
geber  nicht  genug  gewarnt  werden  kann.  So  wird  z«  ™
        <pb n="56" />
        von  Budapest  aus  eine  riesenhafte  Propaganda  für  verschiedene ­
  Blätter  gemacht,  die  dem  Kundenfang  für  ein
paar  kleine  Bankgeschäfte  am  dortigen  Platz  dienen.
Nicht  genug  gewarnt  kann  ferner  vor  der  Berliner
Finanz-  und  Handelszeitung  werden,  die  von  dem  berüchtigten, ­
  mehrfach  wegen  Betrugs  und  aller  möglichen
Schwindeleien  vorbestraften  Hugo  Löwy  herausgegeben
wird.  Dieser  Herr  hatte  nach  seiner  Entlassung  aus  dem
Zuchthaus  wieder  in  Berlin  seine  Zelte  aufgeschlagen,  zog
es  jedoch  vor,  nachdem  ihm  hier  der  Boden  wieder  zu
heiß  geworden  war,  nach  London  zu  ziehen,  wo  er  unter
der  Firma  „Oommercial  and  Financial  Bank,  Limited“
eine  Reihe  fauler  Minengründungen  inszenierte,  die  durch
das  Berliner  Blatt  und  seine  Generalagenten,  die  Herren
Asmuß  &amp;amp;  Schmidt,  unter  das  Berliner  Publikum
gebracht  wurden.  Zn  dieselbe  Kategorie  von  Blättern
gehört  auch  ein  von  der  Effektenbank  Bern  herausgegebenes ­
  Druckwerk,  das  durchaus  schwindelhaften
Interessen  dient.  Das  Publikum  sollte  gegen  solche
Bankierblätter  im  allgemeinen  recht  mißtrauisch  sein.
Sie  sind  ohne  weiteres  schwer  zu  schablonisieren.  Vom
journalistischen  Standpunkt  aus  muß  natürlich  jede  Verquickung ­
  von  Zeitung  und  Bankgeschäft  aufs  schwerste
verurteilt  werden.  Aber  vom  Standpunkt  der  allgemeinen ­
  Moral  wird  man  sein  Urteil  natürlich  immer
nur  von  Fall  zu  Fall  abgeben  können.  Genau  so  wie
es  Blätter  gibt,  die  von  Berufsjournalisten  geleitet  werden, ­
  äußerlich  also  von  keinem  einzelnen  Bankier  abhängig ­
  und  doch  unanständig  sind,  so  können  Bankierzeitungen ­
  natürlich  auch  nach  durchaus  anständigen  geschäftlichen ­
  Grundsätzen  redigiert  werden.  Das  Publikum,
das  solche  Blätter  liest,  muß  sich  aber  darüber  immer
klar  sein,  daß  sie  nur  Mittel  zum  Zweck  der  Erlangung
von  Kundschaft  sind.  Ist  der  Bankier  anständig,  so
        <pb n="57" />
        56

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

wird  er  seine  Geschäftsmaxime,  seine  Kundschaft  treu  zu
bedienen  und  vor  Schaden  zu  bewahren,  natürlich  auch
auf  sein  Blatt  übertragen.  Aber  selbst  dein:  anständigsten ­
  können  allzu  leicht  Konflikte  zwischen  der  publizistischen ­
  Pflicht  und  denl  geschäftlichen  Interesse  entstehen.
Naturgemäß  wird  immer,  wo  die  journalistische  Berufsehre ­
  nicht  mitspricht,  sondern  kaufmännische  Gesichtspunkte ­
  den  Ausschlag  geben,  das  geschäftliche  Interesse
bei  solchen  Konflikten  den  Sieg  davontragen.  In  neuerer
Zeit  scheint  cs  auch,  als  ob  in  steigendem  Maße  die
Zeitlmgbankiers  von  einzelnen  Bairkinstituten  zur  Rolle
der  im  vorigen  Kapitel  geschilderten  Einheizer  benutzt
werden,  weil  sie  natürlich  zu  einer  größeren  Anzahl
Menschen  zu  sprechen  vermögen,  wie  selbst  andere
Bankiers  mit  ziemlich  bedeutender  Klientel.
        <pb n="58" />
        Krawattenbankiers.

Von  Zeit  zu  Zeit  liest  man  in  den  Handelsteilen
der  Zeitungen  bewegliche  klagen  über  Leute,  die  sich  den
Titel  Bankier  bellegen,  obwohl  sie  keinerlei  Berechtigung
dazu  haben.  Die  Handelskammern  der  einzelnen  Orte
werden  dann  angegailgen,  diesem  Unfug  ein  Ende  zu
bereiten.  Meist  handelt  es  sich  da  um  Elemente,  die
das  gewerbsmäßige  Geldverlcihen  zu  Bedingungen  betreiben, ­
  deren  Schwere  den  momentanen  Nutzen,  der  für
den  Geldsuchenden  geschaffen  wird,  reichlich  durch  das
Verderben,  das  ihm  die  Zukunst  bringt,  aufwiegt.  Zch
will  hier  dahingestellt  sein  lassen,  ob  das  zünstlerische
Eifern  dagegen,  daß  diese  Leute  sich  Bankiers  nennen,
berechtigt  ist,  und  ob  es  nach  dem  Buchstaben  des  Gesetzes ­
  Erfolg  verspricht.  Aber  so  unzweifelhaft  es  sich  hier
weist  um  eine  schwere  Entartung  des  anständigen  Bankierberufes
  handelt  und  so  gefährlich  diese  Leute  für  weite
kreise  des  Publikums  werden  können,  mit  dem  Verbot
des  Titels  ist  hier  gar  nichts  geschehen.  Denn  leider  sind
die  Grenzen  zwischen  den  eigentlichen  krawattenbankicrs
und  den  Wucherern,  die  unangefochten  die  Bezeichnung
Bankier  führen  dürfen,  sehr  verwaschen.  Der  Wucher  ist
in  natürlich  keine  besondere  Eigenart  gerade  des  Bankgeschäftes. ­
  Geschäftsleute  aller  Branchen  sind  daran  beteiligt.
  Aber  ebenso  natürlich  ist  das  reine  Geldgeschäft
        <pb n="59" />
        58  Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.
ganz  besonders  dazu  geeignet,  sich  vom  Lreditsuchenden
besondere  Vorteile  gewähren  zu  lassen.  Gewisse  Geschäfte,
die  selbst  von,  sonst  angesehenen,  Banken  gepflegt  wurden,
haben  stets  einen  mehr  oder  minder  wucherischen  Beigeschmack ­
  gehabt.  Namentlich  die  Berliner  Baubranche
hat  vielfach  unter  unlauteren  und  hohen  Bedingungen
zu  leiden.  Von  den  Bankiers,  welche  die  Diskontierung
von  Bauwechseln  als  Spezialität  betreiben,  wird  zur  Entschuldigung ­
  mlf  das  verhältnismäßig  hohe  Risiko  hingewiesen, ­
  das  die  Diskonteure  eingehen  und  anderseits
auch  aus  die  großen  Gewinne,  die  von  den  Geldnehmern
erzielt  werden.  Jeder  Wucher  ist  ja  etwas  Relatives.
Derselbe  Zinssatz,  dem  geldbedürftigen  Privatmann  abgenommen ­
  oder  einem  Geschäftsmann,  der  mit  den  Darlehn ­
  lukrativ  im  Geschäft  zu  arbeiten  vermag,  kann
das  eine  Mal  als  schwerer  Wucherzins,  das  andere  Mal
als  üblicher  Entgelt  angesehen  werden.  Allein  der  Einwand ­
  des  großen  Risikos  bei  der  Verleihung  an  Bauunternehmer ­
  kann  nicht  ohne  weiteres  als  stichhaltig
akzeptiert  werden.  Das  Baugewerbe,  solid  betrieben,  ist
absolut  nicht  riskanter,  wie  irgend  ein  anderes  Geschäft.
Die  unsicher»  Verhältnisse,  unter  denen  ganz  besonders
die  Berliner  Bautätigkeit  leidet,  sind  besonders  dadurch
hervorgerufen,  daß  unlautere  und  kapitalschwache  Elemente ­
  in  immer  steigender  Zahl  sich  in  den  Beruf
drängen.  Das  Leihen  an  diese  ist  natürlich  riskant,  aber
anderseits  wird  auch  grade  dadurch,  daß  diese  Leute
immer  wieder  durch  Geld  unterstützt  werden,  ihr  Emporwachsen ­
  und  ihre  Ausbreitung  gefördert.  Die  richügen
Baugeldwucherer  leihen  aber  eben  an  anrüchige  und
schwache  Anternehmer  mit  Vorliebe,  well  nur  sie  die
Bedingungen  akzeptieren  müssen,  die  ihnen  vorgeschrieben
werden.  Der  Zusammenbruch  der  Pommerschen  und
Preußischen  Hypothekenbank  hat  ja  mit  besonders  er-
        <pb n="60" />
        Krawaltenbankiers.

59

schreckender  Deutlichkeit  gezeigt,  daß  diese  hohen  Bedingungen ­
  oft  bewußt  von  den  Geldgebern  dazu  ausgebeutet
werden,  kaum  ausgebaute  Häuser  möglichst  billig  wieder
in  ihren  Besitz  zu  bringen.
Aber  es  wäre  eine  Täuschung,  anzunehmen,  daß
solche  Wucherpraktiken  nur  im  Baugeschäft  im  Schwange
sind.  In  der  letzten  Zeit  sind  vielfach  Fälle  bekannt
geworden,  wo  momentane  Geldverlegenheiten  der  Inhaber
großer  Geschäfte  oder  der  Söhne  reicher  Väter  selbst  von
Aktienbanken  und  von  bis  dahin  angesehenen  Bankiers
ausgebeutet  worden  find.
Der  mit  dem  Gesetz  wohlvertraute  Bankier  betreibt
natürlich  den  Wucher  nicht  in  der  einfachen  Form,  wie
die  kleinen  Hyänen  des  Geldmarktes.  Der  Zinssatz,  den
er  fordert,  wird  immer  mäßig  sein.  Aber  er  verschleiert
das  wucherische  Tun,  er  gibt  dem  Schuldner  nicht  den
vollen  Betrag,  den  dieser  braucht,  um  aus  seiner  Geldverlegenheit ­
  herauszukommen,  vielmehr  leiht  er  nur  einen
Teilbetrag  in  bar,  gibt  als  Gegenwert  für  den  Rest
Grundstücke,  Gebäude,  Maschinen,  Hypotheken  oder  schwer
realisierbare  Wertpapiere,  meist  erheblich  über  ihren
wirklichen  Wert  hinein.  Bei  solchen  Geschäften,  die  tatsächlich ­
  schwere  Wuchertransakttonen  sind,  ist  die  Bestraftmg
  deshalb  nicht  leicht  zu  erzielen,  weil  die  Leute,
die  so  bewuchert  werden,  sehr  oft  sich  nicht  in  einer
dauernden  Notlage  befinden,  sondern  nach  Ausweis  ihrer
Bilanz  womöglich  sogar  in  guten  Vermögensverhältnissen.
Es  handelt  sich  hier  meist  um  momentane  Zwangslagen,
in  die  die  Geldnehmer  durch  Festlegung  ihrer  Mittel  gelangt ­
  sind.
Diese  Art  des  Bankierwuchers  ist  nun  allerdings
nicht  als  eine  Berliner  Spezialität  zu  bettachten,  im
Gegenteil,  die  Geldquellen  fließen  meistens  in  der  Provinz.
Dagegen  ist  Berlin  die  Zentrale  des  Schleppertums,  und
        <pb n="61" />
        60  Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.
eine  Anzahl  «lehr  oder  weniger  anrüchiger  Agenten  sucht
in  der  Großstadt  ihre  Opfer,  um  sie  ihren  Hintermännern
zuzuführen.  Diese  Teilung  in  Geldgeber  unb  Vermittler
ist  int  Krawattengeschäft,  wie  der  Volltsmund  das  Geschäft, ­
  seinen  Mitbürgern  die  Kehle  zuzuschnüren,  allgemein ­
  nennt,  üblich.  Sie  geschieht  schort  aus  Vorsicht,  um
die  Biedermänner,  die  sich  stets  zur  unrechten  Zeit  als
Helfer  aus  der  Not  einstellen,  rächt  zu  sehr  ins  Licht  der
Öffentlichkeit  zu  bringen.  Besonders  tritt  diese  Gepflogenheit ­
  bei  dem  eigentlichen  Darlehnswucher  niederster  Art
hervor,  der  in  Berlin  geradezu  Orgien  feiert.  Wenn  ein
verschuldet  oder  unverschuldet  irr  finanzielle  Schwierigkeiten ­
  Geratener  den  Anonncenteil  der  Berliner  Blätter
liest,  so  muß  er  erleichtert  aufatmen.  Denn  der  Möglichkeiten, ­
  Geld  zu  erlangen,  lächeln  ihm  unendlich  viele
entgegen,  und  in  jedem  Inserat  wird  die  Kulanz  der
Bedingungen  aus  wärmste  gepriesen.  Die  erste  Enttäuschung ­
  erfaßt  den  Geldsucher  schon  beim  ersten  Zusamntetttreffen
  mit  dem  freundlichen  Helfer.  Gs  wird  ihm
erzählt,  daß  natürlich  über  seine  Persoit  erst  Auskünfte
eingezogen  werden  müssen,  da  das  Bankhaus,  das  das
Geld  zu  geben  beabsichtige,  nur  mit  ganz  sicherer  Kundschaft ­
  arbeite,  dazu  sei  ein  Spesenvorschuß  von  15  oder
20  Mark  nötig.  Der  arme  Schlucker,  dem  das  Messer  an
der  Kehle  fitzt,  kramt  die  letzten  Pfennige  seiner  Barschaft ­
  zusammett,  borgt  sich  vielleicht  noch  einen  Teil  dazu, ­
  um  den  gewünschten  Betrag  zu  entrichten.  In  leider
sehr  vielen  Fällen  hat  damit  die  Geschäftsverbindung
ihr  Ende  erreicht.  Der  noble  Herr  Nothelfer  denkt  gar
nicht  daran,  Auskünfte  einzuholen,  sondern  steckt  sich  vergnügt ­
  lächelnd  das  Geld  in  die  Tasche.  Fragt  der  Geldbedürftige
  nach,  so  wird  er  zunächst  hingezogen  und  erhält ­
  schließlich  nach  langem  Harren  den  Bescheid,  daß  die
Auskünfte  leider  nicht  nach  Wunsch  lauten  und  infolge-
        <pb n="62" />
        Krawattenbankiers.

61
dessen  sein  Darlehnsgesuch  abschlägig  beschieden  werden
muß.  Das  ist  zwar  ein  Betrug,  aber  vielfach  für  die
Abgewiesenen  noch  die  beste  Lösung.  Denn  nur  sehr
selten  kommt  es  vor,  daß  das  Geld  wirklich  zu  einigermaßen ­
  anständigen  Bedingungen  gegeben  wird.  Zinsen
und  Provision  halten  sich  zwar  meist  in  den  gesetzmäßigen
Grenzen,  aber  entweder  muß  —  wie  es  zum  Beispiel
beim  Osfizierswucher  üblich  ist  —  der  Schuldner  den
Wechsel  über  einen  viel  höheren  Betrag,  als  er  wirklich
empfing,  ausstellen,  oder  ihm  wird  vom  bewilligten
Darlehn  unter  allen  möglichen  Vorwänden  so  viel  abgezogen, ­
  daß  das,  was  er  wirklich  in  bar  empfängt,  wenn
er  nicht  raffiniert  vorher  schon  etwas  auf  die  notwendige
Summe  aufgeschlagen  hat,  nicht  einmal  dazu  genügt,  die
Verpflichtungen  zu  erfüllen,  wegen  deren  er  sich  in  die
ganze  Affäre  einließ.
Ein  besonders  üblicher  Trick  ist,  das  Geld  nur  zu
geben,  wenn  der  Schuldner  sich  gleichzeittg  in  eine  Lebensversicherung ­
  einkaust.  An  und  für  sich  ist  ja  die  Forderung, ­
  daß  eine  Sicherheit  auch  für  den  Fall  des  Todes
des  Darlehnitehmers  geschaffen  wird,  nicht  ungerechtfertigt. ­
  Aber  damit,  daß  jemand,  der  2000  Mark  sich
borgt,  in  gleicher  Höhe  sein  Leben  versichert,  ist  dem
Herrn  Geldgeber  natürlich  nicht  gedient,  denn  er  bekommt
mindestens  1%  der  Versicherungssumme  als  Provision
und  hat  deshalb  selbstverständlich  ein  Interesse  daran,  auf
eine  höhere  Versicherung  zu  dringen.  Oft  wird  bei  einem
Darlehn  von  2000  Mark  eine  Versicherungssumme  bis  zu
10000  Mark  gefordert.  Natürlich  wird  die  Abtragung  der
Schuld  dadurch  außerordentlich  erschwert.  Denn  in  sehr
vielen  Fällen  wird  der  Schuldner  nicht  in  der  Lage  sein,
neben  Zinsen  und  Provisionen,  die  in  jedem  Vierteljahr  neu
bezahlt  werden  müssen,  auch  noch  die  sehr  hohe  jährliche
oder  vierteljährliche  Versicherungsprämie  aufzubringen.
        <pb n="63" />
        ■62

Großstadt-Dokumente  93b.  8.  Berliner  Banken.

Die  Hintermänner  dieser  Geldvermittler  setzen  sich
aus  verschiedenen  Kategorien  zusammen.  Leider  befinden
sich  darunter  in  steigender  Anzahl  auch  Genossenschaftsbanken, ­
  die  nach  autzenhin  als  gemeinnützige  Institute
auftreten,  mährend  sie  in  Wirklichkeit  nichts  weiter  sind,
als  Kulissen,  die  gewerbsmäßige  Wucherer  aufgerichtet
haben,  um  dem  Arm  der  Gerechtigkeit  leichter  entgehen
zu  können.  Sehr  oft  treten  solche  Genossenschaftsbanken
auch  ganz  ungeniert  selbst  als  Geldgeber  aus.  Meist
sind  es  solche,  die  mit  besonders  schönem  Titel  prunken.
        <pb n="64" />
        Der  Bankbeamte

Ein  stolzer  Titel,  um  den  der  Angestellte  der  Banken ­
  von  den  Kommis  im  Warenhandel  und  in  der
Fabrikation  vielfach  beneidet  wird.  Und  der  Bankangestellte ­
  legt  Wert  auf  diese  Äußerlichkeit.  Ganz  gleichgültig, ­
  ob  er  im  Dienste  eines  Millioneninstituts  tätig
ist  oder  bei  einem  kleinen  Bankier,  der  außer  ihm  vielleicht ­
  nur  noch  einen  Lehrling  und  einen  Kassenboten
beschäftigt.  Aber  der  Titel  hat  auch  seine  bedenklichen
Schattenseiten.  Denn  eigentlich  setzt  von  dem  Moment
ab,  wo  eine  größere  Zahl  von  Bankangestellten  sich  mit
Aecht  die  Bezeichnung  von  Beamten  beilegen  konnte,
jene  tiefeingreisende  wirtschaftliche  Umwälzung  ein,  die
bie  bisherige  bevorzugte  Stellung  der  Bankbeamten  ganz
wesentlich  herabdrückte.  Zch  schilderte  vorhin  die  Wirkungen, ­
  die  die  erheblichen  Veränderungen  in  unserem
Wirtschastsorganismus  aus  den  Geschäftsbetrieb  von
Zanken  und  Bankiers  ausübten.  Es  ist  klar,  daß,  was
dm  Geschäftsbetrieb  der  Prinzipale  in  völlig  andere
Zahnen  drängte,  auch  an  den  Angestellten  der  Geschäfte
wcht  spurlos  vorübergehen  konnte.
Das  Verhältnis  des  Bankiers  zu  seinen  Kommis
^ug  bis  in  die  achtziger  Jahre  hinein  in  gewisser  Hin-Ucht
  ein  stark  patriarchalisches  Gepräge.  Patriarchalisch
über  nicht  in  dem  Sinne  verstanden,  wie  man  heute  das
        <pb n="65" />
        64

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

Verhältnis  aufgeklärter  Industriedespoten  zu  ihren  Arbeitern ­
  bezeichnet.  Die  Grundlage  bildete  hier  vielmehr
das  Gefühl  nicht  nur  beruflicher,  sondern  auch  sozialer
Zusammengehörigkeit.  Die  Lehrlinge  ini  Bankgewerbe
rekrutterten  sich  zu  einem  Teil  aus  den  Söhnen  von
Geschäftsfreunden,  zum  andern  Teil  aus  solchen  jungen
Leuten,  die  in  der  Schule  etwas  besonders  Tüchtiges
gelernt  hatten.  Man  forderte  fast  durchgängig  das
Abiturierrtenzeugnis  einer  höheren  Lehranstalt.  Das  war
auch  chis  zu  einem  gewissen  Grade  notwendig,  weil  in
der  verhältnismäßig  kurzen  Lehrzeit  —  sie  dauerte  in
der  Regel  nur  zwei  Zähre  —  mannigfaltige  Kenntnisse
erworben  werden  mußten.  Das  Kassawesen,  die  Buchführung, ­
  der  Wechselverkehr,  der  Handel  mit  Wertpapieren ­
  und  Coupons  sowie  ihre  Behandlung  mußte  der
Bankkommis  beherrschen.  Dazu  kam  die  Technik  der
Börse  mit  all  ihren  verschiedenen  Verkehrsformen,  vom
einfachen  Kassageschäft  bis  zum  schwierigen  Stellagehandel, ­
  von  der  einfachen  Arbitrage  zwischen  Börsenplätzen ­
  mit  gleichen  Usancen  bis  zur  Goldarbitrage.  Man
wählte  wohl  auch  die  Forderung  einer  höheren  Schulbildung ­
  als  Mittel  zu  den:  Zweck,  nicht  allzu  junge
Leute  in  einen  Betrieb  nehmen  zu  müssen,  der  immerhin
doch  durch  den  direkten  Verkehr  mit  dem  Gelde  und
durch  den  Besuch  der  Börse  eine  Menge  von  Anfechtungen ­
  bot,  wie  kaum  ein  anderer  Berus.  Die  Ausbildung ­
  war  eine  durchaus  gründliche.  Die  meisten  Lehrlinge ­
  bekamen  gar  kein  Gehalt,  sondern  wurden  durch
ein  sich  oft  schon  im  ersten  Zähre  auf  mehrere  hundert
Mark  belaufendes  Weihnachtsgeschenk  entschädigt.  Dadurch ­
  erhielten  sie  von  vornherein  mehr  den  Charakter
von  Volontären;  den  Chefs  boten  sie  keine  billigen  Ausbeutungsobjekte, ­
  sondem  was  sie  leisteten,  war  ein  Entgelt ­
  für  ihre  Ausbildung.
        <pb n="66" />
        Der  Bankbeamte.

Obwohl  diese  jungen  Herrchen  oft  sehr  reicher  Väter
Söhne  waren,  kannte  man  damals  die  Vornehmtuerei
des  Zeitalters  der  10  Zentimeter-Stehkragen  noch  nicht.
Der  Lehrling  ging  mit  dem  Kassenboten  des  Vormittags
die  wichtigsten  Wege,  kehrte  auch  wohl  mit  ihm  zum
Frühstück  in  seine  Stammkneipe  ein  und  lernte  dadurch
all  die  Intimitäten  des  Bankbetriebes  kennen,  knüpfte
eine  Menge  persönlicher  Beziehungen  zu  anderen  Lehrlingen, ­
  die  ihm  später  ebensoviel  Nutzen  brachten  wie  der
Amstand,  daß  er  frühzeitig  lernte,  daraus  zu  achten,  wie
es  in  anderen  Geschäften  zuging.  War  die  Ausbüdung
nahezu  vollendet  und  kam  der  feierliche  Moment  heran,
wo  die  Einführung  des  Novizen  in  den  Börsenpalast
erfolgte,  so  bekam  er  dort  bald  reichlich  Gelegenheit,
praktisch  zu  erproben,  was  er  von  den  Lehren  der  Bureaujahre ­
  profitiert  hatte.  Und  wenn  der  Merkurkandidat
nicht  so  wie  so  der  Erbe  eines  väterlichen  Geschäfts  war,
jo  entschied  die  Umsicht  und  die  Intelligenz,  die  er  auf
dem  glatten  Parkett  der  Börse  bewies,  über  die  Staffel,
die  er  auf  der  Berufsleiter  später  erklimmen  sollte.  Damals ­
  trug  in  der  Tat  jeder  Banklehrling  den  Marschallstab
  im  Tornister,  und  wenn  die  Gehälter  der  Angestellten ­
  auch  nicht  überall  so  glänzend  waren  wie  in  einzelnen
^Aillionenhäusem,  so  konnten  doch  die  meisten  daraus
rechnen,  später  selbständig  zu  werden,  und  das  schon
nötigte  den  Chef,  seine  Angestellten  so  zu  behandeln,  wie
wan  eben  Männer  zu  behandeln  pflegt,  denen  man
borgen  als  ebenbürtigen  Konkurrenten  begegnen  kann.
Die  durch  das  Börsengesetz  seit  dem  Iahre  1896
3anz  erheblich  beschleunigte  Entwicklung  znm  Großbetrieb
sw  Bankgewerbe,  die  ich  in  den  vorderen  Kapiteln  ausehrlich
  geschildert  habe,  hat  in  bezug  aus  die  soziale
Stellung  der  Bankangestellten  natürlich  einen  ähnlichen
Einfluß  ausgeübt,  wie  dieselbe  Entwicklung  in  der  In-
        <pb n="67" />
        66

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

dustrie  aus  die  dort  beschäftigten  Handwerker  und  Arbeiter. ­
  Im  Bankgewerbe  sind  zwar  keine  Maschinen
eingeführt  worden,  wenn  man  von  den  Schreib-  und
Rechenmaschinen  absieht,  aber  die  technische  Entwicklung
außerhalb  der  Bankbureaus,  die  man  sich  im  Beruf  zunutze ­
  gemacht  hat,  hat  die  Tätigkeit  der  Angestellten
mit  reformieren  helfen.  Ich  habe  oben  schon  darauf  hingewiesen, ­
  daß  die  Ausdehnung  des  Telephonnetzes  wesentliche ­
  Zweige  des  Effektenarbitrage-Geschästes  von  Grund
aus  veränderte.  Ist  so  die  Arbitrage  mehr  und  mehr
von  einer  schwierigen,  kalkulatorisch-spekulattven  Kunst
zu  einem  mehr  schematischen,  momentane  Kursunterschiede
ausnutzenden,  Handwerk  geworden,  so  sanken  natürlich
auch  die  Anforderungen,  die  man  an  den  Arbitrageur
zu  stellen  gewohnt  war.  Die  Einführung  der  Paritätentabelle, ­
  die  jeden  Kurs  der  fremden  Börsen  nach  den
Usancen  des  heimischen  Marktes  umrechnete  ermöglichte
es  auch,  mangelhaft  vorgeblldeten,  Kommis,  Arbitrage-Transakttonen
  in  dem  engen  Rahmen  vorzunehmen,  der
diesem  Geschäftszweig  überhaupt  noch  erhalten  geblieben
ist.  Damit  schwand  jener  privllegierte  Stand  der  Börsenkünstler ­
  mehr  und  mehr,  die  aus  allen  Börsen  der  Erde
zu  Hause,  mit  allen  Finessen  der  höchsten  kauftnünnischen
Arithmettk  vertraut,  täglich  Riesensummen  aus  den  verschiedensten ­
  Geldmärkten  in  Bewegung  setzten.  Ein
Überbleibsel  davon  zeigt  sich  allenfalls  noch  in  dem
kleinen  Grüppchen  der  Devisen-Arbitrageure,  von  denen
jedes  erstklassige  Bankhaus  noch  ein  Exemplar  aufzuweifen ­
  hat.  Trotz  dieser  Simplifizierung  bllden  natürlich
die  an  der  Börse  beschäftigten  Angestellten  der  Bankhäuser ­
  noch  immer  die  Elite  der  Beamtenschaft.  I^
Gesichtskreis  ist  ein  verhältnismäßig  weiter,  sie  müssen
doch  immerhin  noch  ein  gewisses  Maß  selbständiger  Disposittonsfähigkeit
  besitzen.  Wer  je  größer  die  Bank  ist,
        <pb n="68" />
        Der  Bankbeamte.

67

bei  der  sie  tätig  sind,  desto  mehr  nähert  sich  doch  auch
ihre  Tätigkeit  der  allgemeinen  Schablone.  And  deshalb
steht  selbst  bei  dieser  Eliteschar  das  Einkommen  in  gar
keinem  Verhältnis  mehr  zu  dem,  was  ihre  Vorgänger
in  früheren  Jahren  bezogen.
Aber  die  wirklichen  Opfer  des  Großbetriebes  sehen
wir  doch  erst  in  den  Bankbureaus.  Die  Konzentration
der  Geschäfte  bei  den  Banken  hat  diese  allniählich  zu
Riesenbetrieben  anschwellen  lassen,  wie  man  sie  früher
kailm  zu  ahnen  wagte.  Schon  in  den  Depositenkassen
der  Banken  sitzen  meist  so  viel  Beamte,  wie  früher  kaum
in  den  Bankgeschäften,  die  bereits  recht  gutes  Ansehen
genossen.  Zn  den  Zentralen  aber  steht  Pult  an  Pult
in  den  großen  Arbeitssälen,  und  die  unendliche  Arbeitsleistung ­
  ist  wie  in  den  großkapitalistischen  Fabriken  mir
durch  eine  peinlich  durchgeführte  Arbeitsteilung  zu  bewältigen. ­
  Die  Soldaten  dieses  großen  Heeres  sind  dazu
verdammt,  Tag  für  Tag  die  regelmäßige  Bureauarbeit
mit  der  gleichen  Tätigkeit  auszufüllen.  Der  Kreis  der
Geschäfte,  die  sie  zu  Gesicht  und  zur  Beurteilung  bekommen, ­
  wird  immer  enger.  Der  Korrespondent,  der
jahraus  jahrein  den  Brieftvechsel  mit  den  Leuten  führt,
die  mit  dem,  ihm  zur  Bearbeitung  überwiesenen,  Buchstaben ­
  ansangen,  vermag  wenigstens  noch  die  Geschäfte
seines  Kundenkreises  zu  übersehen.  Der  Expedient  aber,
der  die  Sendungen  frankiert  und  siegelt,  der  Buchhalter,
der  das  in  allerkleinste  Teile  und  Stückchen  zerlegte
Buch  mitführt,  hat  nur  Teile  in  der  Hand,  denen  das
geistige  Band  fehlt.
Aus  den  Tausenden  und  Abertausenden,  die  so  die
Bankbureaus  füllen,  kommen  natürlich  nur  ganz  wenige
nach  oben.  Zur  wirtschaftlichen  Selbständigkeit  überhaupt
gut  wie  gar  keiner.  Den  meisten  stumpft  sich  schon
nach  wenigen  Zähren  der  Geist.  Sie  werden  zu  A!a-5'
        <pb n="69" />
        ■  68  Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.
schinen,  zu  Opfert:  der  Arbeitsteilung.  Sie  sind  fungible
Werte  in  der  Kalkulation  der  Bankleiter;  ob  Müller  oder
Schulze  den  Posten  bekleidet,  ist  absolut  gleichgültig.
Die  Folge  dieser  Degradation  der  banktechitischen  Arbeiter
ist  natürlich  ein  Sinken  der  Gehälter,  das  roiederum
durch  das  Eindringen  weiblicher  Arbeitskräfte  in  die
Bankbureaus  außerordentlich  gefördert  wird.  Ich  weiß
noch,  welch  großes  Erstaunet:  es  zur  Zeit,  wo  ich  Lehrling ­
  war,  in  unseren  Bureaus  erregte,  als  wir  von  einer
Münchener  Firma  erftchren,  die  eine  große  Reihe  von
jungen  Damen  beschäftigte.  Heure  sieht  man  weibliche
Bankbemnte  in  säst  allen  Bureaus.  Vornehmlich  allerdings ­
  als  Schreibmaschinistinnen,  die  nach  Diktat  ihre
Stenogramme  aufnehmen.  Aber  allmählich  beginnt  doch
auch  das  weibliche  Element  sich  in:  Bankfach  ein  weiteres
Tätigkeitsgebiet  zu  erobern.  Auch  selbständige  Arbeiten
werden  hie  und  da  schon  von  Frauen  geinacht.
So  sehen  wir  denn,  daß  die  soziale  und  die  pekuniäre ­
  Lage  der  Bankbeamten  sich  immer  mehr  verschlechtert ­
  hat.  Äußerlich  freilief)  nimmt  sich  ihre  Lage
immer  noch  verhältnismäßig  besser  aus,  als  die  der  Angestellten ­
  aitderer  Branchen.  Sie  haben  eine  ziemlich
geregelte  Arbeitszeit,  verrichten  ihr  Tagewerk  in  hohei:
luftigen  Räumen,  aber  selbst  diese  Vorzüge  sind  nicht  so
glänzend,  wie  sie  der  Außenwelt  immer  erscheinen:  Die
Bankräume,  die  der  Fuß  des  Publikums  nicht  betritt
und  die  den  Bankdirektoren  nicht  zum  Aufenthalt  dienen,
sind  keineswegs  mit  derselben  Opulenz  ausgestattet,  wie
die  Prunk-  und  Repräsentationsabteilung.  Und  wenn
die  Glocke  das  Ende  der  Kassastunde  schlägt,  so  bedeutet
das  für  die  Beamten  noch  lange  nicht  den  Eintritt  der
Ruhe.  Hinter  den  verschlossenen  Läden  wird  oft,  namenüich
zur  Abschlußzeit,  noch  lange  und  auch  am  Sonntag  gearbeitet. ­
  Vis  vor  kurzem  galt  wenigstens  die  Beschäftigung  der
        <pb n="70" />
        Der  Bankbeamte,

69

Angestellten  auf  den  Banken  für  dauernd  und  durchaus
sicher.  Aber  die  großen  Bankkrachs  und  die  jetzt  überwundene ­
  Zeit  der  letzten  Krisis  haben  den  Bankangestellten ­
  doch  mehr  und  mehr  vor  Augen  geführt,  daß  sie  im
Grunde  genommen  das  Los  aller  proletarischen  Existenzen, ­
  die  Unsicherheit  der  Lebensführung,  teilen.
Diese  Proletarier-Existenz  lastet  aus  den  Bankangestellteir
  beinahe  mehr,  wie  aus  dem  besseren  Handarbeiter. ­
  Wenn  schon  nicht  seine  bessere  Schulbildung,  so
verlangt  der  Wille  seiner  Vorgesetzten,  daß  er  in  anständiger ­
  Kleidung  den  Dienst  versieht.  Gr  fühlt  sich
verpflichtet,  seine  Kinder  gut  erziehen  zu  lassen,  kurzum
sein  Etat  ist  mit  Verpflichtungen  aller  Art  so  schwer  belastet, ­
  daß  an  Ersparnisse  für  die  Zukunft  gar  nicht  oder
doch  nicht  in  gewünschtem  Maße  zu  denken  ist.  Die
meist  üblichen  Weihnachts-  und  Abschluß-Gratiftkationen
reichen  gewöhnlich  gerade  dazu  hin,  die  größeren  Ausgaben, ­
  die  die  Saison  mit  sich  bringt,  zu  decken.  Die
meisten  Banken  haben  deshalb  auch  Unterstützungs-  und
Pensionskassen  eingerichtet.  Diese  Kassen  tragen  am
meisten  dazu  bei,  in  die  Köpfe  der  Bankangestellten  die
Fiktion  einzuprägen,  sie  seien  Beamte.  Aber  nur  bei
ganz  wenigen  Banken  ist  das  Pensionswesen  durch  feste
Regel  geordnet  und  unter  die  Mitwirkung  der  Beamtenschaft ­
  gestellt.  Zn  den  meisten  Instituten  dagegen  bilden
die  Pensionskassen  lediglich  Dispositionsfonds,  aus  denen
ganz  nach  Gunst  die  Direktoren  ihre  Gaben  verteilen
können.  Allmählich  beginnt  sich  in  der  Angestelltenschaft
eine  Art  Gewerkschaftsbewegung  zu  entfalten,  die  hoffentlich ­
  dahin  führt,  die  Pensionsftage,  zunächst  im  Wege  der
statutarischen  Vereinbarung,  später  auch  durch  die  Gesetzgebung ­
  zu  regeln.  Wie  wichtig  eine  solche  Regelung  ist,
hat  erst  der  jüngst  erfolgte  Zusammenbruch  der  Hypothekenbanken ­
  gezeigt.  Die  Beamten  jener  Banken,  die
        <pb n="71" />
        70  Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.
teilweise  über  zwanzig  Jahre  tätig  waren,  verloren  jeden
Pensionsansprrlch.  Das  ohnehin  schon  schwere  Fortkommen ­
  der  Bankbeamten  wird  noch  weiter  durch  eine
Reihe  von  Dingen  erschwert,  die  zum  Tell  auch  durch
die  eigenartige  Entwicklung  des  Vankgewerbes  bedingt
sind.  Der  Großbetrieb  erfordert  eine  ganze  Menge  Arbeiten ­
  derart  automatischer  Natur,  daß  sie  von  ganz
billigen,  gar  nicht  vorgebildeten  Kräften  womöglich  sogar
besser  erledigt  werden  kann,  als  durch  einigernraßen
denkende  Arbeiter.  So  beschäftigen  seit  langer  Zeit  zur
Erledigung  der  Registratur,  der  Louponsabzählung  und
ähnlicher  Dinge  viele  Banken  aktive  Unteroffiziere  aller
Grade,  die  nach  Beendigung  des  Dienstes  in  voller  Unisornl
  ihre  Nebenbeschäftigung  antreten.  Daneben  sind
auch  Pensionäre  mancherlei  Art  tätig.  Solange  als  es
den  Bankbeamten  verhältnismäßig  gut  ging,  fühlten  sie
sich  durch  diese  halbamtlichen  Mitarbeiter  wenig  beunruhigt. ­
  Inzwischen  ist  aber  trotz  der  schlechteren  Gehälter
die  Zahl  der  Beamten  erheblich  gewachsen,  und  die  Entlassungen, ­
  die  während  der  letzten  Krisenzeit  stattfanden,
haben  in  den  Angestellten  den  berechftgten  Wunsch  rege
werden  lassen,  auch  diese  niedersten  Arbeiten  von  gelernten ­
  Bankkommis  verrichtet  zu  sehen.
Eine  weitere  Gefahr  für  das  Fortkommen  der  Bankangestellten ­
  bilden  die  Protektionskinder.  Auch  in  der
guten  alten  Zeit  war  es  gerade  im  Bankgeschäft  besonders ­
  üblich,  daß  die  Söhne  der  Geschästsfteunde  als
Lehrlinge  oder  Volontäre  tätig  waren.  Aber  zu  Mißständen
  konnte  das  schon  deshalb  nicht  führen,  weil  diese
jungen  Leute  in  der  Regel  nach  Absolvierung  der  Lehrzeit ­
  ins  väterliche  Haus  zurückkehrten  oder  ins  Ausland
zur  weiteren  Ausbildung  geschickt  wurden.  Sie  kamen
also  als  dauernde  und  ernstliche  Konkurrenten  für  die
Bankangestellten  kaum  in  Betracht.  Daneben  war  es
        <pb n="72" />
        Der  Bankbeamte.

71

aber  selbstverständlich,  daß  die  Ehefs  lieber  Leute  in  ihr
Bureau  nahmen  aus  chnen  bekannten  Familien,  und  in
manchen  Bankgeschäften  war  es  sogar  ganz  unmöglich,
ohne  ziemlich  große  Protektion  als  Lehrling  anzukommen.
War  man  aber  einmal  im  Betrieb  drin,  so  war  von
einer  Bevorzugung  der  Protektionskinder  nur  in  den
natürlichen  Grenzen  die  Rede,  die  allen  menschlichen
Handlungen  durch  die  selbstverständlichen  Gefühle  von
Sympathie  und  Antipathie  gezogen  sind.  In  dem  Maße,
wie  die  Scharen  der  zum  ewigen  Dienen  Verdammten
wachsen,  steigt  natürlich  auch  der  Wert  der  Protektion
für  die  Bevorzugten  bzw.  der  Schaden,  den  sie  dem
Zurückgesetzten  verursachen.  Dazu  kommt  aber  noch,
daß  besonders  auf  den  Aktienbanken  die  natürliche
Gunst  der  Protektoren  erheblich  größer  ist  als  im  Privatbetriebe. ­
  Wenn  nur  jeder  Direktor,  jeder  Direkttonsprokurist
  und  vor  allem  jedes  Mitglied  des  Aufsichtsrats
ein  Protektionskind  zeugt,  so  ist  die  Produktton  an
solchen  schon  erheblich  größer  als  zur  Befriedigung  des
Bedarfes  an  leitenden  Männern  notwendig  ist.  Wenn
es  da  einem  aus  der  niedern  Schar  nicht  durch  einen
glücklichen  Zufall  gelingt,  das  Augenmerk  seiner  Vorgesetzten ­
  aus  sich  zu  lenken,  so  wird  er  über  die  Sub-Eernkarriere
  um  so  weniger  hinausgelangen,  als  unter,
und  über  ihm  noch  eine  Schar  junger  Zuristen,
Battonalökonomen  und  Techniker  den  kurulischen  Sesseln
Zustreben.
Die  zunehmende  Eintönigkeit  ihrer  Beschäftigung
Und  die  wachsende  Aussichtslosigkeit  aus  Erringung  einflußreicher ­
  Stellungen  hat  so  etwas  wie  eine  typische
Bankbeamten-Psyche  geschaffen.  Man  kann  diesen  seelischen ­
  Zustand  der  Durchschnittsbankbeamten  als  einen
durch  Extravaganzen  gemilderten  Stumpffinn  bezeichnen.
Stumpfsinn  etwa  in  dem  Sinne  zu  verstehen,  wie  man
        <pb n="73" />
        72

Grohstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

von  einer  spezifischen  Beamtenträgheit  sprechen  kann.
Des  Dienstes  ewig  gleichgestellte  Uhr  hat  die  Charaktere
nivelliert  und  abgestumpft.  Außerhalb  der  Dienststunden
lebt  ein  Teil  der  Beamten  ein  nahezu  ebenso  stumpfsinniges ­
  Kneipenleben.  Ein  sehr  großer  Teil  huldigt
leidenschaftlich  dem  Sport,  aber  in  den  Bankbeamtenkreisen ­
  gibt  es  doch  auch  eine  nicht  geringe  Gruppe,  die
in  den  Mußestunden  gewissermaßen  ein  Separatleben
in  geistiger  Betätigung  lebt.  Das  find  vornehmlich  jene
Elemente,  die,  vom  bitteren  Muß  gezwungen,  ein  Studium
aufzugeben  oder  gleich  nach  Verlaßen  der  Schulbank
einen  kaufinännischen  Brotberuf  zu  ergreifen,  von  vornherein ­
  sich  deshalb  dem  Banksach  widmeten,  well  hier
geregelte  Arbeitszeit  und  verhälttllsmäßig  reichliche  Muße
winkten.  Diese  Leute  malen,  musizieren,  sammeln,  schreiben, ­
  studieren  in  der  Frühe  und  des  Abends.  Sie
schinrpfen  aus  das  Gewerbe,  das  sie  die  besten  Stunden
in  Anspruch  nimmt  und  sie  ihren  Lieblingsneigungen
entzieht,  und  die  meisten  von  ihnen  gehen  schließlich  an
dieser  Zwitterstellung,  wenn  sie  nicht  ganz  harmonische
Naturen  sind,  zugrunde.  Nur  wenigen  gelingt  es,  die
Träume  erMlt  zu  sehen,  die  sie  aus  dem  Wege  ins  und
vom  Bureau  umgaukeln.
        <pb n="74" />
        Der  Kastenbote.

Ich  kann  die  Schilderung  der  Bankangestellten  doch
nicht  verlassen,  ohne  wenigstens  ein  paar  Zeilen  den
Kassenboten  zu  widmen.  Jeder,  der  einmal  in  irgend  ein
Warengeschäft  hineingeblickt  hat,  weiß  ein  Liedchen  von
den  treuen  bejahrten  Hausdienern  zu  singen.  Aber  die
Stellung  des  Kassenboten  im  Bankgeschäft  ist  doch  selbst
heute  noch,  wo  die  patriarchalische  Geschäftsführung  bis
auf  wenige  beaux  ro8te8  geschwunden  ist,  eine  wesentlich
andere.  Freilich,  die  Zeiten  sind  durch  die  Entwicklung
des  Scheckwesens  und  des  Giro-Effektenverkehrs  auf  der
Bank  des  Berliner  Kassenvereins  vorbei,  wo  der  Kassenbote ­
  mit  Hunderttausenden  im  Ledertäschchen  durch  die
Straßen  ging.  Aber  noch  immer  sind  die  Summen,  die
ihm  anvertraut  werden,  so  erheblich,  daß  nur  unbedingt
zuverlässige  Leute  solche  Posten  bekleiden  können.  Wenn
man  bedenkt,  wie  viel  solcher  Boten  sich  tagtäglich  unterwegs ­
  befinden,  mit  welchen  Summen  sie  hantieren,  so  ist
es  geradezu  bewunderungswürdig,  wie  selten  einmal  Verluste ­
  bekannt  werden,  die  Banken  oder  Bankiers  durch
Nachlässigkeit  oder  gar  Untreue  dieser  Kassierer  erleiden.
Besonders  verwunderlich  ist  das  für  den,  der  weiß,  daß
ein  Kassenbote  dem  andern  nahezu  unbegrenztes  Vertrauen ­
  schenkt.  Ich  habe  es  selbst  auf  früheren  Botengängen ­
  erlebt,  daß  in  einer  Budike,  die  dicht  neben  der
        <pb n="75" />
        74

Großstadt-Dokumente  Bd.  8.  Berliner  Banken.

Bank  des  Berliner  Kassenvereins  lag,  die  Boten  nach
Erledigung  der  wichtigsten  Besorgungen  sich  zu  einem
kleinen  Zmbitz  vereinigten  und  dann  manchnial  untereinander ­
  Bestellungen,  die  in  entlegene  Gegenden  führten,
austauschten.  Mir  ist  kein  Fall  bekannt  geworden,  wo
dieses  Vertrauen  getäuscht  worden  ist.
Die  Bank  des  Berliner  Kassenvereins  bildet  überhaupt ­
  das  Zentrum  des  Berliner  Botenlebens.  Jedes
Geschäft  mutz  zu  ihr,  die  den  gesamten  Effektenverkehr
Berlins  vermittelt,  mindestens  zweimal  am  Tage  schicken,
und  da  sie  gegenüber  von  Hedwigskirche  und  Opernhails
im  Mittelpunkt  des  Bankenviertels  liegt,  so  ist  hier  gewissermaßen ­
  das  Stelldichein  all  dieser  Ausläufer.  Zn
ihrer  Kleidung  überwiegt  heut  die  Uniform  der  verschiedenen ­
  Banken.  Aber  auch  die  Zivilisten  sind  leicht
als  Kassenboten  erkenntlich  durch  die  Sorgfalt,  mit  der
sie  ihre  Geldtaschen  in  den  verschiedensten  Formaten  teils
unter  dem  Arm  tragen,  teils  mit  der  Hand  den  umgehängten ­
  Lederbeutel  sorgsam  beschützen.  Die  alten  typischen ­
  Kassenbotengestalten,  die  stolz  das  eiserne  Kreuz  oder
die  Verdienstmedaille  im  Knopfloch  tragen,  beginnen  zwar
allmählich  zu  schwinden  und  jüngeren  Elementen  Platz
zu  machen.  Aber  all  diese  Boten  zeigen  in  ihrem  Auftreten ­
  etwas  Vornehmes,  wie  es  bei  den  Dienern  herrschaftlicher ­
  Häuser  üblich  ist.  Sie  sind  sich  sehr  wohl  der
Würde,  Millionen  zu  vertreten,  bewußt,  und  sie  pflegen
sich  auch  untereinander  nur  selten  nüt  ihren  Namen  zu
nennen,  sondern  bezeichnen  sich  vertraulich  im  Duzkomment ­
  als  Bleichröder,  Warschauer,  Mendelssohn  usw.
Und  je  nach  dem  Haus,  das  er  vertritt,  wird  der  Bote
im  Kreise  der  Berufsgenossen  respektiert.
Die  Bezahlung  der  Kassenboten  war  einst  eine  überaus ­
  gute.  Sie  ist  aber  selbst  unter  den  heutigen  reduzierter! ­
  Verhältnissen  noch  relativ  viel  besser  als  die  der
        <pb n="76" />
        Der  Kassenbote

75

jungen  Leute.  Besonders  bei  den  großen  Privatfirmen
gibt  es  Kassenboten,  die,  abgesehen  von  gelegentlichen
Trinkgeldern,  sich  aus  ca.  3000  Mark  im  Jahr  stehen.
Auch  daß  die  Söhne  der  Kassenboten  als  Lehrlinge  ins
Geschäft  eintreten,  ist  gar  nichts  Seltenes.  Auf  den  Aktienbanken ­
  macht  sich  natürlich  auch  in  der  Stellung  der
Kassenboten  die  Folge  der  Arbeitsteilung  sehr  bemerkbar.
Das  Heer  der  Boten  ist  hier  in  verschiedene  Chargen
eingeteilt.  Sie  unterstehen  alle  einem  Botenmeister  und
gliedern  sich  untereinander  dann  wieder,  je  nachdem  sie
Außendienst  verrichten  oder  die  Dienerrollen  im  Kassenraum ­
  oder  in  den  Empsangssalons  zu  spielen  hadern
Ein  Heer  von  uniformierten  Jungen,  die  man  etwa  mit
Votenlehrlinge  bezeichnen  köirnte,  versorgen  den  Meldedienst ­
  in  den  weitläufigen  Bankräumen.
Schon  hier  zeigt  sich  die  eigentümliche  Zwitterstellung
des  Bankboten,  der  einerseits  niederster  Subalternbeamter,
anderseits  aber  selbst  dann  besondere  Vertrauensperson
ist,  wenn  er  nicht  mit  der  Geldtasche  durch  die  Straßen
eilt.  Der  Bote  vom  Dienst  in  den  Direktionsräumen
sieht  dort  eine  ganze  Menge  Leute  ein-  und  ausgehen,
deren  Besuch  im  Geschäftsinteresse  der  Bank  absolut  diskret ­
  gehalten  werden  muß.  Er  hört  bei  der  Anwesenheit
in  den  Zimmern  manche  vertrauliche  Äußerung  und  trägt
oft  genug  Schriftstücke  von  einem  Raun:  zum  andern,
die  wesentliche  Geschäftsgeheimnisse  enthalten.  Durch
kleine  Privatdienste,  die  die  oberen  Persönlichkeiten  der
Bank  gelegentlich  von  ihm  in  Anspruch  nehmen,  steht  er
der  „Spitze"  näher  als  alle  anderen  Sterblichen  im  Beiriebe. ­
  Viel  mehr  aber  zeigt  sich  diese  Zwitternatur  in  den
Privatgeschäften.  Hier  hat  sich  ein  Rest  der  Botenstellung
aus  alten  Tagen  selbst  in  den  Millionenhäusern  von
Weltruf  noch  erhalten.  Zm  Privatbankgeschäst  war  der
Kassenbote  von  jeher  die  ganz  besondere  Vertrauens-
        <pb n="77" />
        76  Grohftadt-Dokumente  58b.  8.  Berliner  Banken.
person  des  Lhefs.  Selbst  wenn  aus  dem  Privatkontor
schwere  Gewitterwolken  dräuten  und  wenn  das  Personal
ängstlich  daraus  wartete,  daß  der  zündende  Funke  unter
ihnen  einschlagen  würde,  blieb  das  Gesicht  des  alten
Boten  unbeweglich,  und  ihm  wagte  der  Donnerer  auch
nicht  im  Zorn  zu  nahen.  Der  Bote,  der  womöglich  schon
vom  Vater  ererbt  war,  der  bei  den  Diners  servierte,
dessen  Frau  als  Kochfrau,  Tafeldeckerin  oder  womöglich
gar  als  Kinderftau  im  Hause  des  Lhefs  tätig  war,  bildete
eine  Art  Mittelsperson  zwischen  der  hohen  Geschästsregierung
  und  den  Regierten.  Er  war  namentlich  der
Mentor  der  Lehrlinge.  Er  eröffnete  ihnen  die  Geheimnisse
des  Kopierbuchs  und  der  Portokasse,  er  zeigte  ihnen,  wie
man  ordnungsmäßig  einen  Wechsel  präsentiert  oder  einen
Gfsektenposten  einliefert,  er  war  der  Vertraute  |it)rer  ersten
Liebesgeheimnisse  und  ihrer  Geldsorgen.  Zn  manchem
Welthaus  befindet  sich  heut  noch  solch  ein  Exemplar  aus
alter  Zeit,  vor  dessen  grader  Grobheit  das  dem  Hause
vorstehende  Mitglied  der  Hautefinance  genau  so  viel.
Respekt  hat,  wie  der  jüngste  Volontär.
        <pb n="78" />
        Inhalt

Das  Bankenviertel  ■  .  .
2m  Bankpalast
Die  Macht  der  Großbanken
Die  Hautefinance  .  .  .  •
Der  Bankdirektor  .  .  .  .
Der  kleine  Bankier  •  .  .
Die  Wechselstribcn  .  .  .  .
Zeitungbankiers  .  .  .  .
Krawattenbankiers  .  .  .
Der  Bankbeamte  .  •  .  .
Der  Kassenbote

Seite
3
10
16
23
26
38
46
,  53
.  57
.  63
.  73

2&amp;gt;n  Verlag  von  Hermann  Seemann  Nachfolger  G.  m.  b.  §.
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sind  bisher  Arbeiten  veröffentlicht  worden  von:  Professor  Felix
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Leute.  Besonders  bei  den  großen  Privatfirmen
Kassenboten,  die,  abgesehen  von  gelegentlichen
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eintreten,  ist  gar  nichts  Seltenes.  Aus  den  Aktien-.
  macht  sich  natürlich  auch  in  der  Stellung  der
sten  die  Folge  der  Arbeitsteilung  sehr  bemerkbar.
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  in  den  Empsangssalons  zu  spielen  haben,
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gelegentlich  von  ihm  in  Anspruch  nehmen,  steht  er
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geschäften.  Hier  hat  sich  ein  Rest  der  Botenstellung
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