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        <title>Warum reisen Arbeiterdelegationen nach Sowjetrußland?</title>
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            <forname>Aleksandr</forname>
            <surname>Lozovskij</surname>
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„Die Rote Gewerkschafts-Internationale
ist das offizielle Organ der RGI,, das in seinen Spalten alle wichtigen
Ereignisse der Gewerkschaftsbewegung der Welt behandelt. Sie er-
scheint einmal monatlich.

Die Zeitschrift wird nach folgendem Programm redigiert:

1. Grundsätzliche und taktische Fragen der internationalen Ge-

werkschaftsbewegung;

2, Wirtschafts- und sozialpolitische Fragen;

7 Abhandlungen und Berichte über die Gewerkschaftsbewegung
in den einzelnen Ländern und Ländergruppen;

. Abhandlungen und Berichte über die Tätigkeit der inter-
nationalen Berufssekretariate und der Internationalen Propa-
gandakomitees.im nationalen und internationalen Rahmen;

3 Bücherbesprechungen;

6. Berichte über die Tätigkeit der Roten Gewerkschafts-Inter-
nationale und offizielle Mitteilungen, Aufrufe usw,

Jeder gewerkschaiftlich organisierte Arbeiter,
der über den Stand, die Entwicklung, Grundsätze, Anschauungen und
die Kampfesmethoden. der roten sowie .der reformistischen Gewerk-
schaftsbewegung unterrichtet sein will,

Jeder Arbeiter

der an der ungeheuren und historisch bedeutsamen Arbeit der‘ Samm-

lung und Zusammenschweißung der Arbeitermassen in den Gewerk-

schaften, an der Herstellung der Gewerkschaftseinheit im nationalen
und internationalen Maßstabe mitarbeiten will, kann und muß zu
diesem schweren Kampf das geistige Rüstzeug aus .der Zeitschrift

„DIE ROTE GEWERKSCHAFTS- INTERNATIONALE“
entnehmen,

In jeder Gewerkschafts-, Partei- und Arbeiterbibliothek sollte
die „Rote Gewerkschafts-Internationale” vorhanden sein,

' Preis des einzelnen Heftes 1,50 M. 'Organisationspreis 1 M,

Im Abonnement bezogen, Zusendung per Kreuzband, 1 Jahresabonne-
ment 15 M,, 1 Halbjahr: 8,50 M., 1 Vierteljahr 4.50 M, inkl. Ver-
packung und Porto.

Für proletarische Organisationen ‚oder deren Mitglieder pro Jahr
10 M., Halbjahr 5,50. M., Vierteljahr 3. M. Abonnements gegen Vor-
einsendung des Betrages.

Proletarischen Abonnenten ist es gestattet, das Jahresabonnement
in zwei Raten ä 5 M., und zwar die:erste Rate bei Bestellung und die
zweite Rate nach Empfang des sechsten Heftes zu bezahlen,
Bestellungen und Geldsendungen sind zu richten direkt
an die Auslieferungsstelle:
Führer-Verlag, Berlin NW6, Charitestr. 7
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        A„LOSOWSKY
Warum reisen
Arbeiterdelegationen
nach Sowjetrußland?
1920
Febr Yan Berlin NW 6, Charitestraße 7
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        ee ®
Inhalßfltsverzeicinis
DD ; A — 7 N
Vorwort . . _- u EEE
Warum gerade jetzt? 2.
Die internationale Sozialdemokratie und die USSR.. .. ....,
Für und gegen die Oktoberrevolution . ... .. . ad
Warum nicht nach den anderen Ländern? . WM UN
Die Arbeiterdelegationen und die Sowjetmacht A 4
Warum reisen die Arbeiterdelegationen? . , PL
In wessen Händen liegt die Macht? , .. . 0.0.0... RO
Die Sowjetdemokratie und die parlamentarische Demokratie N
Die formalen Freiheiten .. 2... Om CE BE
Einiges: über die Diktatur 2 A u
Die „sozialistischen. Parteien... 2... DE DU TA
Sozialismus oder. Kapitalismus‘. . ee
Die nationale Frage; ... . 7% A CE
Die Sowjeigewerkschaften . 7 E Sb RE
Die Lage des Proletariats in der USSR. , . ., .. .
Die Einheitsfiront und die Einheit der internationalen Arbeiterbewegung -
Kultur und Proletariat A SD
Das Geleit der Delegierten in der USSR, und ihr Empfang in der Heimat 3%.
Der Kampf um die Wahrheit über die USSR. .; , , ‚ 40
Schluß . - Al
Anhang , „43
Der vorläufige offizielle Bericht der Delegation des englischen Ge-
werkschaftskongresses: nach Sowjetrußland , , ...,. . . 4
Die englische Frauendelegation über Rußland, ‚, , .. ... , 44
Deklaration der französisch-belgischen Delegation. . . u 9
Erklärung der schwedischen Arbeiterdelegation , .... .. „49
Antwort der deutschen Arbeiterdelegation auf das Schreiben der
Menschewiki., ..... 1... ABER N MO)
Deklaration der deutschen Arbeiterdelegation , ‚ . ..... . 51
Deklaration, abgegeben von der Delegation der Lehrer-Internationale 54
Aufruf der tschechoslowakischen Arbeiterdelegation an die Arbeiter
und Bauern der Sowjetunion . . . . 2 56
Aufruf der tschechoslowakischen Arbeiterdelegation an die Werk-
tätigen Sowjet-Transkaukasiens .. .'. "0 2. 58
Erklärung der norwegischen Arbeiterdelegation , ‚ , , , ,.. 60
Erklärung der dänischen Gewerkschaftsdelegation , , ., . ... ©2
Erklärung der österreichischen Arbeiterdelegation . ‚ , ., , . 64
Aufruf der Internationalen Jungarbeiterdelegationen an das Jung-
proletariat aller Länder , . „4767
        <pb n="5" />
        Vorwort

Vorliegende Broschüre soll die Leser mit dem, was
die europäischen Arbeiter in der Union Sozialistischer
Sowjet-Republiken gesehen haben, bekannt machen. Sie
ist natürlich kein Ersatz für die Berichte der Delegationen,
vermag aber eine Vorstellung von ihrer Stimmung und
dem Charakter ihrer Mitteilungen zu geben. Der Arbeiter
in Sowjetrußland und Europa, der nicht in der Lage ist,
alle erschienenen Berichte zu lesen, der nicht die Aufrufe
und. Erklärungen zur Hand hat, erhält Antwort auf die
Fragen: Warum reisen die Arbeiterdelegationen nach der
USSR., was interessiert sie, was haben sie gesehen usw.
Dies zu wissen, ist Pflicht jedes Proletariers, denn der
Drang der Arbeiter aller Länder nach Sowietrußland be-
deutet eine neue Etappe in der Entwicklung der Oktober-
revolution und ‚der internationalen Arbeiterbewegung.
Wie weit es dem Verfasser gelungen ist, seine Aufgabe zu
erfüllen, möge der Leser selbst beurteilen.

Moskau,
den 26, Februar 1926,

A

A.L
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        Warum gerade jetzt?

Das achte Jahr der proletarischen Diktatur steht im Zeichen
einer Reihe Ereignisse internationaler Bedeutung. In diesem Jahre
kommen zahlreiche ausländische Arbeiterdelegationen nach der USSR,,
um die Errungenschaften der Arbeiterklasse Sowjetrußlands kennen
zu lernen. Daß gerade jetzt alles nach Rußland reist, dafür sind zwei
Erscheinungen maßgebend: Die andauernde Senkung des Lebensniveaus
der Arbeiterschaft in den kapitalistischen Ländern und das wirtschaft-
liche Wachstum der Sowjetunion, sowie im Zusammenhang damit der
zunehmende Wohlstand der Massen in Sowjetrußland. Das Interesse
der Werktätigen in den kapitalistischen Ländern dem Staate gegenüber
ist erwacht, der sich nach Schilderung der Gegner unserer Revolution
schon am Rande des Unterganges befand, der jahrelang einen ver-
zweifelten Kampf gegen die Konterrevolution im Innern und von außen
führte, dem Proletariate gegenüber, das nur auf sich selbst angewiesen,
sich gegen die Bourgeoisie der ganzen Welt erhoben hatte.

Der Umschwung in den Arbeitermassen, die Ausrichtung der Front
nach der USSR. ist das Ergebnis unserer Tafpropaganda. Während
bisher den Arbeitern Europas von der bürgerlichen und sozialdemo-
kratischen Presse täglich über die „Schicksalsschläge‘‘ des russischen
Volkes, über die Revolution, den Hunger, Bürgerkrieg usw. berichtet
wurde, müssen dieselben .Zeitungen, die die Schrecken der russischen
bolschewistischen Revolution seinerzeit in den düstersten Farben schil-
derten, jetzt anerkennen, daß die Sowjetunion wie durch ein „Wunder“
alle Prüfungen überstanden hat, daß sie eine ungewöhnlich große Rolle
in der Weltpolitik zu spielen beginnt, daß ihre Produktion zunimmt,
ihre Wirtschaft, die Aus- und Einfuhr wächst. Mit anderen Worten,
die schlimmsten Gegner Sowjetrußlands sind nunmehr gezwungen, in
ihren Tagesmeldungen ihr firüheres Rätselraten bezüglich des Zeit-
punktes des Unterganges Rußlands infolge der Revolution zu korri-
gieren. Andererseits erscheint der Wert der bürgerlichen Demokratie
immer zweifelhafter, so daß selbst bei den verbissensten Anhängern der
Demokratie unter den Arbeitern allmählich der Gedanke Platz
greift: „Gibt es vielleicht doch bessere Kampfmittel gegen die
Bourgeoisie als die, die uns die Sozialdemokratie empfiehlt?‘ Nicht
nur parteilose Arbeiter, sondern auch langjährige Mitglieder der sozial-
demokratischen Parteien überlegen so. Die Lage der Arbeiter als

5
        <pb n="8" />
        Klasse und vor allem ihr gesunder Klasseninstinkt muß sie früher oder
später in einen Konflikt mit der sozialdemokratischen Theorie und
Praxis hineintreiben.

Das Interesse der ausländischen Arbeiter für die USSR. wurde
ferner auch noch durch die negativen Erfahrungen mit den sozialdemo-
kratischen Regierungen der letzten Jahre hervorgerufen. Besonders
viel versprach man sich von der Regierung Macdonalds, In dem be-
siegten, ausgeplünderten Deutschland konnten die Sozialdemokraten
auf die Forderungen der Arbeiter antworten: „Wir können nichts unter-
nehmen, die Entente schnürt uns die Kehle zu“. Die, englische Arbeiter-
regierung dagegen hinderte keine äußere Macht an der Ausnützung der
sich ihr bietenden Möglichkeiten. Auf sie wurde kein Druck ausgeübt,
man zwang sie nicht in eine ihr unerwünschte Bahn. Freiwillig be-
schritt sie den Weg, der die Arbeiterklasse Englands zur Enttäuschung
führte. Und die sozialdemokratischen Regierungen in Schweden und
Dänemark, verhielt es sich mit ihnen etwa anders? Auch sie bewiesen
ihre Unfähigkeit, Nimmt es da also Wunder, daß sich jeder sozial-
demokratische Arbeiter die Frage vorlegt: „Warum herrscht bei uns
trotz der sozialdemokratischen Regierung die Bourgeoisie, während es
in der USSR. die Arbeiter sind, die '’tun und lassen, was sie wollen?
Warum hat dort die Bourgeoisie keine Möglichkeit, sie daran zu hin-
dern?” Mit diesem Problem mußten sich die Massen auseinander-
setzen, da das wirtschaftliche Wachstum der USSR, immer deutlicher,
fühlbarer zutage trat, während auf der Arbeiterklasse in den kapi-
talistischen Ländern die Arbeitslosigkeit, die Desorganisation der Volks-
wirtschaft und die Senkung des Lebensniveaus immer schwerer lastet,

Das ist die Erklärung für den sich immer mehr bahnbrechenden
Willen des ausländischen Proletariats, mit eigenen Augen zu sehen,
sozusagen mit Händen zu fühlen, was dort, d. h. in der USSR., vor sich
geht, wie sich dort die Dinge entwickeln.

Die internationale Sozialdemokratie und die USSR.

Der Wunsch, die russische Revolution und ihre Erfolge in der
Nähe zu betrachten, wäre schon früher in die Tat umgesetzt worden,
wenn nicht der Annäherung zwischen den Arbeitern .in den kapitalisti-
schen Ländern und dem kämpfenden Proletariate Sowjetrußlands die
Sozialdemokratie hindernd im Wege stände, Die internationale Sozial-
demokratie begegnete der Oktoberrevolution, die nicht in ihre Berech-
nung hineinpaßte, mit gefällten Bajonetten. Die Revolution störte die
Kreise der Reformisten, legte eine Bresche in die Kriegspsychose, warf
die Karten durcheinander, Die Führer der sozialdemokratischen Par-
teien und überhaupt alle kompromißlerischen Organisationen betrach-
teten 1917 die Oktoberrevolution nur im Gesichtswinkel der Interessen
ihres Vaterlandes, des Endsieges im Weltkriege. Die sozialdemokrati-
schen Parteien, so z.B, die deutsche Partei, die danach trachteten, die
Schwäche Rußlands auszunutzen, um ihrem Staate den Sieg zu ermög-
lichen, traten von den ersten Tagen der Oktoberrevolution an den

6
        <pb n="9" />
        russischen Arbeitern und Bauern feindlich entgegen, weil sie es gewagt
hatten, eine neue Ordnung aufzurichten, sich ihr Leben anders einzu-
richten. Verächtlich mit den Achseln zuckend, meinten die Sozial-
demokraten:

„Was kann schon bei einer sozialen Revolution in einem technisch
rückständigen Lande, das sich erst vor wenigen Monaten vom Zarismus
befreit hat, in einem Lande herauskommen, das bisher keine Volks-
regierung gekannt hat und kennt? Das ist eine Idee der Bolschewisten,
die schmählich scheitern muß!“

Sie „prophezeiten‘ unermüdlich den baldigen Untergang der
Oktoberrevolution, den Zusammenbruch Sowjetrußlands. Sie hielten
den Arbeitern im Westen unser Land als abschreckendes Beispiel vor,
indem sie erklärten: „Seht, wohin die Revolution führt. Hunger, Kälte,
Bürgerkrieg! das ist das Ergebnis des gewaltsamen Umsturzes, der
Diktatur des Proletariats. Wie anders verhält es sich doch da mit der
Demokratie! Die Demokratie wird auf friedlichem Wege, ohne das
Land zu erschüttern, von den nationalen Schätzen Besitz nehmen und
die sozialistische Ordnung nicht mit barbarischen, bolschewistischen,
sondern mit Kulturmethoden aufrichten‘‘, Im besonderen wurde der
Bürgerkrieg und der Hunger als Propagandamittel ausgeschlachtet.
Damals stand das Spiel der Sozialdemokraten auf Gewinn. Die werk-
tätigen Massen waren des Krieges so überdrüssig, standen noch so
sehr unter dem Eindruck des Kriegsalps, daß ein Hinweis genügte, um
bei ihnen die größte Erregung auszulösen. Die Sozialdemokraten schil-
derten den Massen die Oktoberrevolution und die Bolschewisten als
böswillige Urheber des Bürgerkrieges, als Alleinschuldige an dem
„Bruderkriege‘, da sie an Stelle demokratischer Verwaltungsformen die
Gewalt einführten. Die mit Hilfe sozialdemokratischer Zeitungen und
Schriften erzogenen, politisch organisierten breiten Massen und mehr
noch die parteilosen Arbeiter, deren Phantasie durch die bürgerlichen
Pressemärchen über die bolschewistische Schreckensherrschaft erhitzt
war, brachten der Oktoberrevolution tiefes Mißtrauen entgegen. Ihr
Entschluß, ihre eigenen demokratischen „Kulturbahnen‘” der Entwick-
lung zu wandern, wurde immer fester, Als dann in der USSR. der
Hunger ausbrach und die Sozialdemokraten triumphierend der Mitwelt
verkündeten: „Wir haben es Euch ja gesagt, wohin die Diktatur des
Proletariats führt, wir haben Euch gewarnt, daß ohne Demokratie das
Volk zum Aussterben verurteilt ist!‘ — da glaubten wohl manche,
selbst aufrichtig mit der kommunistischen Revolution sympathisierenden
Arbeiter: „Möge dieser Kelch an uns vorübergehen!”

Wir werden hier nicht die in der internationalen sozialdemokrati-
schen Presse der Oktoberrevolution gewidmeten Stellen zitieren. Nur
soviel sei gesagt: sie unferscheiden sich durch nichts von den Angriffen
und Verleumdungen bürgerlicher Zeitungen. Sie bilden eine Blütenlese
sozialdemokratischer Dummheit und Unverschämtheit, bringen den Haß
der Sozialdemokraten gegen die Revolution zum Ausdruck. Die inter-
nationale Sozialdemokratie sah und sieht in der Oktoberrevolution ihren
Todfeind, weil ihr Charakter die von uns angewandten Methoden und
        <pb n="10" />
        Mittel zur Verwirklichung der Aufgaben der Arbeiterklasse im schärf-
sten Widerspruch zu den Traditionen und der Praxis der Sozialdemo-
kratie stehen. Die Anerkennung der Oktoberrevolution hätte die An-
erkennung der Notwendigkeit des Kampfes der Arbeiterklasse gegen
die Bourgeoisie bedeutet, mit der die Sozialdemokraten gemeinsam an
dem „demokratischen‘ Staat ziımmern. Die Anerkennung der Diktatur
des Proletariats hätte die Ablehnung der sich hinter der Demokratie
verbergenden bürgerlichen Diktatur bedeutet, Mit einem Wort, die
internationale Sozialdemokratie war aus politischen Selbsterhaltungs-
gründen und zur Wahrung ihres Einflusses auf die Massen gezwungen,
die Oktoberrevolution zu verdammen, bei jeder Gelegenheit ihr un-
ehrliches Spiel fortzusetzen, unsere Revolution anzuschwärzen, was sie
ja auch noch heute mit größter Hartnäckigkeit tut.
Für und gegen die Oktoberrevolution

Die systematische Propaganda gegen die USSR., die von der
bürgerlichen internationalen Presse unterstützt wurde, mußte bei den
breiten Massen den Eindruck hinterlassen, als ob dort, auf dem Riesen-
territorium Rußlands, ein ungeheuerliches, von Anfang an zum Miß-
erfolg verurteiltes Experiment unternommen wird. Nicht eine Revo-
lution, sondern ein wissenschaftlicher Versuch wird gemacht, be-
haupteten die sozialdemokratischen und bürgerlichen Zeitungen und
Zeitschriften — die die Arbeiter aus alter Gewohnheit noch immer lesen
— die Partei- und Gewerkschaftsführer, Es lag auch scheinbar kein
Grund vor, ihnen nicht zu glauben, Doch kamen aus demselben
Sowjetrußland wunderliche, ungewöhnliche Nachrichten. Selbst in der
Lügenpresse wurde vereinzelt mitgeteilt, daß die Werktätigen die
Kapitalisten, Großgrund- und Fabrikbesitzer und Bankiers enteignet
haben, gegen die konterrevolutionären Generale, Offiziere und Kosaken
kämpfen, daß sich das ganze Volk bewaffnet hat, um seine Revolution
zu verteidigen, daß die Zarenschulden annulliert sind usw. Sodann
tauchten russische Flüchtlinge im Ausland auf, die eine merkwürdige
Vorliebe für Polizei, Spitzelei und für die faschistische Reaktion
zeigten. Großgrundbesitzer, Exzellenzen, Hofschranzen weiblichen
und männlichen Geschlechts, Bankiers, Kaufleute, Offiziere aller
Waffengattungen, dieser ganze Abschaum der Menschheit agitierte
voll Wut und Erbitterung gegen die ‚„barbarische‘‘ Diktatur der
Bolschewisten. . Je lauter jedoch die Konterrevolution ihr Geheul
gegen die Sowjetunion anstimmte, um so größer wurden die Zweifel
der Arbeitermassen, die instinktiv fühlten, daß die Vorgänge drüben
sie sehr nahe berühren, daß gerade deswegen so ungeheuerlich gegen
Sowjetrußland gehetzt wird, Das Interesse für die Oktoberrevolution
unter den Werktätigen war so groß, daß die sozialdemokratischen
Führer zur Frage einer militärischen Intervention gegen die USSR.
(z. B. Renaudel in Frankreich) sehr vorsichtig Stellung nehmen
mußten, indessen sie ihre wahren Absichten hinter der „Fürsorge“ für
das „unglückliche”” georgische Volk verbargen, das sie gegen die
Bolschewisten schützen wollten. Nun, England und Frankreich sind
        <pb n="11" />
        immer. dabei, jemand „zu schützen‘, bald China oder .[Indien, danır
wieder Marokko, Syrien usw. Warum sollten sich also die sozial-
demokratischen Menschenfreunde nicht in derselben Weise des Kau-
kasus und dann ganz Rußlands annehmen?! Die Erregung unter den
Arbeitern war aber so stark, daß selbst während des Bürgerkrieges
und der Landung ausländischer Truppen in Sowjetrußland die sozial-
demokratischen Parteien, die 2. und die Amsterdamer Internationale
schließlich gezwungen wurden, wenn auch nur formell, gegen die
Truppenlandungen im Arbeiter- und Bauernstaate Stellung zu nehmen.
Das allein beweist schon das wachsende Interesse, die Sympathie der
Massen für Sowjetrußland trotz der Lügenkampagne. Die Massen
forderten von ihren Führern eine freundschaftliche Haltung der kommu-
nistischen Revolution gegenüber.

Als die ersten Nachrichten über die Oktoberrevolution im Aus-
lande bekannt wurden, entbrannte in sämtlichen sozialdemokratischen
Parteien und reformistischen Gewerkschaften ein heftiger, innerer
Kampf für und gegen die Oktoberrevolution. Die Arbeiterbewegung
spaltete sich in einen rechten und linken Flügel. Um Sowjetrußland,
seinen Aufbau und seine Errungenschaften tobte und tobt der Kampf
der Meinungen in der Arbeiterklasse aller kapitalistischen Länder. Alle
Ereignisse stehen unter dem Einflusse der Geschehnisse in Rußland,
Die Arbeiter und ihre Führer, die für die Sowjetunion Partei nahmen
und nehmen, kämpfen im Grunde genommen gleichzeitig auch für
eine linke Politik in ihrem eigenen Lande, während die Arbeiterführer,
die sich gegen Sowjetrußland erklärten und erklären, damit zu Lakaien
der Bourgeoisie herabsinken.

Welche Tatsachen haben nun den größten Eindruck auf die
Arbeitermassen gemacht? 1. Das Weiterbestehen der russischen Revo-
lution, obwohl die Sozialdemokraten unermüdlich immer wieder ihr
Ende voraussagten; 2. die fruchtlosen Versuche der internationalen
Bourgeoisie, gemeinsam mit der russischen Konterrevolution den Wider-
stand der werktätigen Massen Sowjetrußlands zu brechen; 3. der fried-
liche Aufbau nach Beendigung des Bürgerkrieges und das rasche wirt-
schaftliche Erstarken der USSR.; 4. die Anerkennung der USSR. durch
die bürgerlichen Regierungen, die nichts anderes war als ein Bekenntnis
der Ohnmacht der bürgerlichen Welt. Diese Tatsachen waren so ein-
leuchtend und verständlich, daß die sozialdemokratischen Arbeiter
den Prophezeiungen über die Sowjetunion größtes Mißtrauen ent-
gegenbrachten, den Pressemeldungen und den Schriften über Sowjet-
rußland nicht mehr Glauben schenkten. Die Sozialdemokratie, die
durch ihre Lügenkampagne die Massen von Sowjetrußland ablenken
wollte, erreichte nur, daß in ihren eigenen Reihen der Entschluß
heranreifte, sich selbst davon zu überzeugen, ob die Presse die Wahr-
heit über die Oktoberrevolution geschrieben hat, ob es tatsächlich
stimmt, was immer wieder behauptet wurde, daß die Arbeiterklasse
ohne die Bourgeoisie nicht auskommen kann!

So wurde der Grund gelegt zu den Arbeiterdelegationen nach
der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken.

C
        <pb n="12" />
        Warum nicht nach den anderen Ländern?

Um den Sinn und die Bedeutung der Arbeiterdelegationen West-
europas nach der USSR. zu verstehen, müssen wir zunächst die Frage
beantworten: „Warum ist es niemand während der Regierung
Macdonalds eingefallen, nach England zu reisen, um sich die Ver-
wirklichung des Programmes der 2. Internationale durch Macdonald
und Genossen anzusehen?‘“ Nach dem Kriege sind in vielen Ländern
rein sozialistische oder Koalitionsregierungen mit der Bourgeoisie ge-
bildet worden. Den Massen ist es aber nie eingefallen, sich an Ort
und Stelle davon zu überzeugen, wie die Sozialdemokraten ihres Staats-
amtes walten, wie sie den Kapitalismus stützen und gleichzeitig am
Sozialismus zimmern. Die uns feindlichgesinnte Presse behauptet, die
Delegationen nach der USSR. wären ein schlaues, geschickt vorbe-
reitetes Manöver, Agenten der Bolschewisten, die über große Summen
verfügen, hetzen die Arbeiter im Auslande auf, stellen irgendwelche
Arbeiterdelegationen zusammen und entführen sie im Triumph nach
der Sowjetunion, und zwar, wie die bürgerlichen und sozialdemo-
kratischen Zeitungen noch zu melden wissen, im Interesse und auf
Kosten des Sowjetstaates. Nehmen wir an, dem wäre tatsächlich so.
Daß die Annäherung an die Werktätigen der ganzen Welt im Interesse
der USSR liegt, haben wir nie bestritten. Nehmen wir ferner an, daß
dies das Werk „bolschewistischer Agenten‘ ist. Gibt es aber etwa
weniger sozialdemokratische Agenten? In Deutschland vereinigt die
SPD, 850 000 Mitglieder, die KPD, dagegen nur 120000. Warum,
frage ich nochmals, haben die Sozialdemokraten während der Re-
gierungszeit Macdonalds, desselben Macdonalds, der ein Buch über
den konstruktiven Sozialismus geschrieben hat, nicht die Frage einer
offiziellen oder inoffiziellen Delegation aufgeworfen, um sich mal in
der Nähe anzusehen, wie Macdonald seinen „konstruktiven
Sozialismus” in die Tat umsetzt? Warum ist den Macdonaldschen
Agenten nicht die Idee gekommen, eine Delegation zusammenzustellen,
sie auf Regierungskosten nach England reisen zu lassen, eine Empfangs-
feier im Bukingham-Palast zu veranstalten usw. Die Bolschewisten,
die sich nicht mit „konstruktivem‘ Geschwätz befassen, sondern das
Alte gründlich zerstört haben und jetzt am Neuen bauen, sie haben
es verstanden, das Interesse der Massen zu wecken, Gegen den Willen
der sozialdemokratischen Spitzen wählen und senden die Belegschaften
Delegationen nach der USSR., mag sein mit Hilfe „bolschewistischer
Agenten”, gibt es aber in den Betrieben keine Sozialdemokraten?

Versuchen wir den Massenandrang nach der USSR, vom sozial-
demokratischen Standpunkt zu erklären, so werden wir nichts be-
greifen. Nur innerlich tote Menschen, die das Neue in der inter-
nationalen Arbeiterbewegung nicht sehen wollen, können die Front-
schwenkung der Massen nach der Sowjetunion mit böswilligen Machen-
schaften bolschewistischer Agenten und der Sowjetdiplomatie in Zu-
sammenhang bringen. Die Sozialdemokraten können weder einen
Grund dafür angeben, warum die Arbeiter nicht gereist sind, um den

10
        <pb n="13" />
        „konstruktiven Sozialismus‘ Macdonalds in Augenschein zu nehmen,
noch warum sie jetzt den zerstörenden Bolschewismus in der Nähe
kennenlernen wollen. Wir aber haben eine Erklärung hierfür.

Die Arbeiter interessierten sich nicht für die sozialdemokratischen
Regierungen, weil sie in den ausgefahrenen kapitalistischen Gleisen
blieben, weil sich unter ihrer Herrschaft nichts änderte, die Unter-
nehmer nach wie vor die Herren spielten. Interessanter war es da
schon, den Bolschewismus in Aktion zu sehen, selbst dann, wenn man
ihn täglich als Teufel an die Wand gemalt bekam. Der rückständigste
Arbeiter weiß, daß er von einer sozialdemokratischen Regierung nichts
lernen kann. Aber gerade dieser Mangel an Interesse seitens der
sozialdemokratischen Arbeiter für die Tätigkeit ihrer Regierung ist
wohl das härteste Urteil, das über die sozialdemokratische Politik
gefällt werden konnte. Derselbe Arbeiter, der sich herzlich wenig um
die „konstruktiven“, „sozialistischen‘” Schönredner kümmert, wird von
allem, was die Sowjetunion angeht, sehr nahe berührt, weil er im
Bolschewismus sozusagen einen Teil seiner Selbst sieht. Ihn zieht es
nach der Sowjetunion, wird und kann es aber nicht zu den Kompro-
mißlern in der Zweiten und Amsterdamer Internationale ziehen.

Die Arbeiterdelegationen und die Sowijetmacht

Zahlreiche, ihrer Zusammensetzung und ihren Interessen nach ver-
schiedene Arbeiterdelegationen haben im vorigen Jahr die Sowjetunion
besucht. Sie hielten sich meistens nur kurze Zeit in Moskau und
Leningrad auf, um sich dann über die ganze Union zu zerstreuen.
Engländer, Franzosen, Deutsche, Tschechoslowaken, Belgier, Schweden,
Norweger, Dänen, Oesterreicher usw. haben uns besucht. Es kamen
die Vertreter der verschiedensten Industrie- und Berufszweige: Metall-
arbeiter, chemische Arbeiter, Berg-, Transport-, Bau- und Holzarbeiter,
Lehrer usw., die die verschiedensten Länder und politischen Rich-
tungen vertraten. Hauptsächlich bestanden die Delegationen aus
Sozialdemokraten, aus Mitgliedern der Zweiten und der Amsterdamer
Internationale, die im besten Falle dem Kommunismus Skepsis ent-
gegenbrachten. In dem Berichte der englischen Delegation lesen wir
zum Beispiel:

„Die britische Delegation will nicht als Verteidiger der Prin-
zipien und Methoden des russischen Kommunismus und noch weniger
als Befürworter ihrer Einführung in ihrem Lande betrachtet werden.
Es genügt, darauf hinzuweisen, daß die Gewerkschaftsdelegation aus
Männern zusammengesetzt war, deren politische Tradition sie not-
wendigerweise kritisch stimmen mußte gegen die kommunistische
Philosophie und Politik .. ”

Was die Engländer hier über sich selbst sagen, gilt für die Mehrheit
der sozialdemokratischen Delegierten. Die Parteizugehörigkeit der
meisten Delegierten bot also eine gewisse Garantie für die, die sie
gesandt hatten. Das erklärt auch das außerordentliche Interesse der
Arbeiter für die Berichte ihrer aus der USSR zurückgekehrten Kollegen.

Charakteristisch für alle Delegationen ist ihr Mißtrauen. Die

7]
        <pb n="14" />
        Arbeitervertreter, die jahrelang nur Greuelmeldungen aus Sowjet-
rußland gelesen hatten, von der Bourgeoisie und Sozialdemokratie
„gewarnt waren, daß sich die Bolschewisten meisterhaft darauf ver-
ständen, jeden irrezuführen, einen Wohlstand des Landes vorzu-
täuschen, den es tatsächlich gar nicht gäbe usw., glaubte jeder Dele-
gierte, sich besonders wappnen, auf alles gefaßt sein zu müssen. Selbst
die Rußland am freundlichsten gesonnenen Arbeiter dachten sicherlich
beim Betreten der russischen Grenze: „Uns werdet ihr nicht täuschen,
wir sind erfahrene Leute, uns werdet ihr kein X für ein U vormachen.“
Andererseits reisten sogar die mißtrauischsten Arbeiterdelegierten nach
der Sowjetunion nicht wie in ein fremdes Land, Sie wußten, daß sie
nicht zum Vergnügen, sondern zur Information nach der USSR., ge-
schickt waren, Delegationen aus der Tschechoslowakei oder Deutsch-
land, aus England, Frankreich usw. begaben sich nach ihrer Ankunft
in die Kommissariate und forderten von den Leitern Berichterstattung:
Was und wie habt Ihr es getan, welche Erfolge habt Ihr aufzuweisen,
warum ist der Erfolg ausgeblieben usw. Mit einem Wort, ihre Unter-
haltungen waren sehr interessant und nur in der Sowjetunion möglich.
Welches andere Land kann mit einer ähnlichen Tatsache aufwarten,
wo ist es Delegationen gestattet, Rechenschaft bei den Leitern sämt-
licher Behörden zu fordern, wo stehen ihnen alle Türen offen! Es
handelte sich keineswegs um vereinzelte Fälle, schrieb doch sogar die
bürgerliche Presse von einer förmlichen „Reiseepidemie,..‘, Aber vor
1917 gab es ja auch keine Sowjetunion. Der Charakter der Dele-
gationen, die Wechselbeziehungen zwischen den Delegierten und den
Regierungen sind, genau so wie der Sowjetstaat selbst, keine gewöhn-
liche, alltägliche Erscheinung. Beziehungen dieser Art können nur
zwischen den Vertretern ein und derselben Klasse und gleicher Inter-
essen, mit einer zwar räumlich begrenzten, aber die Interessen und den
Willen der Werktätigen aller Länder zum Ausdruck bringenden Macht
entstehen. Daher ist es von Wichtigkeit, die Aufmerksamkeit auf diese
Seite zu lenken und zu begreifen, daß schon hier der grundsätzliche
Unterschied zwischen der USSR. und den anderen dtaaten beginnt.

Die bürgerliche und auch die sozialdemokratische Presse berichtete
vorzugsweise über den guten Empfang der Rußlanddelegationen, über
das gute Essen, das man ihnen vorsetzt, über die internationalen
Schlafwagen, in denen sie durch Rußland reisen usw. Was ist aber
schon dabei, daß unser Proletariat seinen Klassenbrüdern so entgegen-
kommt. Wir verstehen sehr wohl, warum die bürgerliche Presse Lärm
schlägt, Ihres Erachtens sind internationale Schlafwagen, Schlösser
usw. nur. für die herrschenden Klassen bestimmt. Warum regen sich
aber die Sozialdemokraten auf? Glauben auch sie, daß die brüder-
lichen Beziehungen zwischen den Arbeitern aer USSR, und der
anderen Länder Barbarei, Verstoß gegen alle göttlichen und mensch-
lichen Gesetze sind? Scheinbar! Wir dagegen können den Arbeiter-
delegationen nur wünschen, daß man ihnen in den anderen Ländern
ebenso entgegenkommt. Im welchem anderen Staate wird aber eine
Gruppe von 20 oder 50 Arbeitern nicht etwa nur von den Arbeiter-

12
        <pb n="15" />
        organisationen, sondern auch von der Regierung empfangen, in welchem
Staate werden ihnen die Türen zu allen Behörden offen stehen, werden
ihnen die Minister Bericht erstatten, in welchem anderen Staate werden
sie sich wie zu Hause fühlen. Vermag uns der Delegiertenfresser und
Sekretär der zweiten Internationale, Friedrich Adler, ein zweites solches
Land zu nennen?

Was die Ausgaben der Sowjetregierung während des Aufenthaltes
der Arbeiterdelegationen betrifft, so antworten wir unseren Gegnern,
indem wir die französische linkssozialistische Zeitung „Etincelle‘
zitieren, deren Redakteure Mitglieder der zweiten Internationale sind:
„Das Urteil der sozialistischen Presse lautete nicht so hart, als die
Agenten des Kapitals, Berault, Herriot und De-Monzie, nach Sowjet-
rußland reisten. Auf wessen Kosten? — Wir können ferner fragen,
in wessen Namen und auf wessen Kosten reisten die Mitglieder der
sozialistischen Partei: Barth nach Italien, Baron zur Untersuchung
der Oelfelder nach Mesopotamien und fünf sozialistische Abgeordnete
nach Polen?"

Warum reisen die Arbeiterdelegationen?

„Wir Arbeiter wollen alles mit eigenen Augen sehen, um nach
unserer Rückkehr die Wahrheit über die USSR, in die Massen hinein-
zutragen. Dann wird es auch leichter sein, die Einheit zu verwirk-
lichen und für den Sturz des Kapitalismus in der ganzen Welt zu
kämpfen‘, antwortete ein französischer Delegierter auf die Frage
„Warum reisen Sie?‘ Dasselbe sagen die anderen Delegierten,

Madsen, der Vorsitzende der norwegischen Delegation, erklärte:

„Wir, Vertreter verschiedener politischer Gruppen, sind fest ent-
schlossen, durch objektive Untersuchung der Lage der Arbeiterklasse
Sowjetrußlands und der Errungenschaften der Revolution endgültig
die von der bürgerlichen Presse in unserem Lande verbreiteten Lügen
zu zerstreuen, Die Werktätigen Norwegens, die der USSR., größte
Sympathie entgegenbringen, haben uns beauftragt, Tatsachenmaterial
zu sammeln , . .”

Der Vorsitzende der dänischen Arbeiterdelegation, der Sozial-
demokrat Adamson, sagte:

| „Das Ziel unserer Reise ist, uns an Ort und Stelle mit den Er-
rungenschaften der russischen Arbeiterklasse bekanntzumachen und
die Lügen über die Sowjetunion zu widerlegen, von denen die bürger-
lichen Zeitungen strotzen.' („Trud” vom 5. November 1925,)

„Die Werktätigen in der Tschechoslowakei haben keine Vor-
stellung von dem, was in der USSR. vor sich geht, was dieses Land
darstellt, wofür sein Proletariat kämpft und weshalb es den Zu-
sammenschluß der Arbeiter mit den anderen Ländern anstrebt.“
(Kment im „Trud’' vom 8. Oktober 1925.)

Wir haben hier aus der Fülle des uns zur Verfügung stehenden
Materials einige Aeußerungen von Arbeiterdelegierten herausgegriffen,
die beweisen, daß sie reisen, um sich mit eigenen Augen davon zu
überzeugen, was die Arbeiterklasse der Sowjetunion getan hat, wie man

13
        <pb n="16" />
        das macht. Sie interessiert alles: Der Aufbau unserer Gewerkschaften,
die Lohnverhältnisse, die Rolle und die Bedeutung der Betriebsräte,
die Wechselbeziehungen zwischen den Belegschaften und den Betriebs-
verwaltungen, die Arbeiterpresse, die Gefängnisse, die Formen des
Sowjetstaates, unsere Unterrichtsmethoden, die Sozialversicherung, die
Produktion, der Stand unserer Industrie, Wohnungsfrage, Genossen-
schaftswesen, Kunst, mit einem Wort, das gesamte Öffentliche,
politische, wirtschaftliche, Partei-, Gewerkschafts- und: soziale Leben
in unserem Lande, Man hat ihnen stets erzählt, daß in Sowjetrußland
das Leben stockt, alles gedrosselt ist, daß man in Rußland das Lachen
verlernt hat, daß die GPU, ein Vampyr ist, der den Arbeitern das
Blut aus den Adern saugt, ihr Lachen erstickt. Sie wollen alles und
alle sehen, betasten, untersuchen. Sie gehen überall hin, in die
Fabriken, beobachten den Betriebsrat bei seiner Tätigkeit, versuchen
mit den Arbeitern ungestört zu sprechen. Man hat sie ja gewarnt,
daß sie ständig von Agenten der GPU. begleitet und beobachtet werden
würden. Einige von ihnen haben uns später lachend erzählt, wie miß-
trauisch sie anfänglich waren, wie sie sich überall beobachtet fühlten
und um Gewißheit zu erhalten, eiligen Schrittes das Hotel verließen,
geschäftig die Straßen durchkreuzten und -querten, um festzustellen,
ob sie verfolgt würden.

Alle Delegationen nach der USSR. geben auf die Frage, warum
sie gekommen sind, zur Antwort: Sie möchten erfahren, was denn
eigentlich das von der kapitalistischen Welt bitter gehaßte Sowjetrußland
vorstellt, Sie kommen nicht als Vergnügungsreisende, sondern, wie
gesagt, zu Informationszwecken. Jeder von ihnen versucht, möglichst
viel Material zusammenzutragen. Es wäre natürlich lächerlich, be-
haupten zu wollen, daß man ein Land wie die USSR. in einigen
Monaten gründlich studieren kann. Der Aufenthalt von ein oder zwei
Monaten genügt jedoch, um sich darüber Klarheit zu verschaffen, cb
die Arbeiterklasse tatsächlich ausgestorben ist, wer der Herr ist in
der Sowjetunion, ob es dort eine Bourgeoisie gibt, ob sie eine ent-
scheidende Rolle spielt, wer den Staat lenkt, in wessen Händen sich
die Fabriken, Banken usw. befinden, Die Versuche der sozialdemo-
kratischen und bürgerlichen Journalisten, die Berichte der Delegationen
als unwahr zu erklären, sind daher vergebliche Mühe. Der französische
Journalist Henri Berault hat auch nur zwei Monate in der Sowjet-
union geweilt und ein dickes Buch geschrieben. Er hat vieles gesehen,
aber nicht das, was die Arbeiterdelegationen sehen, Er interessierte
sich hauptsächlich für das Schiebertum. Er suchte die gekränkte
Bourgeoisie auf, die ihm die Leiden, die ihr die Revolution zufügte,
klagte, Er ging in die Cafes und verglich sie mit den Kaffeehäusern
in Paris, Er suchte nach bürgerlichen Zeitungen und war betrübt, fest-
stellen zu müssen, daß seine Freunde in der USSR. nicht die Presse-
und Redefreiheit haben usw, Berault, der ja auch nur zwei Monate
in Sowjetrußland war, ist dessenungeachtet jetzt ein „Kenner“ der
russischen Verhältnisse, Sämtliche französischen Zeitungen brachten
spaltenlange Enthüllungen und Entdeckungen dieses Herrn.

74
        <pb n="17" />
        Bürgerliche Journalisten, die sich ihre Sohlen am Moskauer
Pflaster und in den Moskauer Kaffeehäusern abgelaufen haben, können
die „Wahrheit'“ über die Sowjetunion erzählen, die Arbeiterdelegationen
dagegen, die die Fabriken aufsuchten, unser Proletariat und unseren
Staat bei der praktischen Arbeit beobachteten, können nicht als ernste
Zeugen „in Sachen der russischen Revolution‘ gelten.

Ein Herantreten an die Delegationen und ihre Tätigkeit vom
Klassenstandpunkt aus ist unvermeidlich. Hinge das Schicksal der
Bourgeoisie davon ab, daß zwei mal zwei vier sind, so würden sich
schon Gelehrte und Journalisten finden, die mit Hilfe der Mathematik
und Philosophie nachweisen würden, daß zwei mal zwei fünf ist.

Die Arbeiter reisten und reisen nach der USSR. auch noch des-
wegen, weil sie freundschaftliche Beziehungen mit den Arbeitern des
Landes anknüpfen wollen, von denen sie viele Jahre durch Draht-
verhaue getrennt waren. Auf welchem Niveau sich der sozialdemo-
kratische Arbeiter aber auch bewegen mag, er weiß, daß der Haß der
Bourgeoisie gegen Sowjetrußland nicht ihrer Liebe für demokratische
Verwaltungsformen entstammt. Er kennt die Einstellung seiner „„demo-
kratischen‘ Regierung zum Faschismus und zum Bolschewismus und
zieht daraus seine Schlüsse.

Es muß noch gesagt werden, daß die überwiegende Mehrheit der
Delegationen von ihrem Aufenthalt in der USSR. den Eindruck mit-
brachten, daß die Oktoberrevolution für das Proletariat günstig ist,
und dieser Eindruck ist für die sozialdemokratische Theorie und Praxis
geradezu vernichtend.

In wessen Händen liegt die Macht?

Das ist die erste Frage, die sich jeder, der nach Rußland kommt,
vorlegt, Sie interessiert im besonderen die Arbeiter, deren Reise von
Ger gegnerischen Presse zu Verleumdungszwecken benutzt wird. Die
Sozialdemokratie behauptet von jeher, daß die Macht in der USSR.
nicht in den Händen des Proletariats liegt. Die Theoretiker der
Sozialdemokratie haben sich lange den Kopf zerbrochen, hin- und her-
geraten über das soziale Wesen des Sowjetstaates. Daß die Bourgeoisie
und die Großgiundbesitzer ausgespielt haben, war offensichtlich. Also
mußte nach der marxistischen Lehre entweder das Proletariat oder
die Bauernschaft die leitende Rolle spielen. Die sozialdemokratischen
Politiker boten ihr ganzes Talent auf, um den proletarischen Charakter
der Sowjetmacht zu leugnen und nachzuweisen, daß sie eine merk-
würdige historische Mischung darstellt, deren sozialer Struktur nichts
Proletarisches anhaftet. Wohl hatten die Sozialdemokraten seinerzeit
behauptet, die Sowjetregierung wäre auf die Unterstützung der Solda-
teska angewiesen, .sie konnte jedoch nicht erklären, warum das In-
dustrieproletariat der Sowjetmacht bedingungslos vertraut, warum
gerade das Industrieproletariat im Kampfe gegen die äußere und innere
Konterrevolution die größten Opfer gebracht hatte.

15
        <pb n="18" />
        So war es also ganz natürlich, daß die sozialdemokratischen
Arbeiter zunächst mit der Klärung dieser Frage begonnen. Jedem,
der aus Westeuropa nach Sowjetrußland kommt, fällt in erster Linie
die auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens hervortretende Macht
des Proletariats ins Auge. Wir selbst, die wir an die Revolution ge-
wöhnt sind, sehen das nicht so deutlich. In den Erklärungen und
Reden der Delegierten kommt aber immer wieder zum Ausdruck, daß
die Macht in der Sowjetunion sich tatsächlich in den Händen der
Arbeiterklasse befindet. Hier einige Beispiele:

Die schwedische Delegation äußerte sich zusammenfassend wie
folgt: -

Die russischen Arbeiter haben nicht nur die Expropriateure expro-
priiert, sondern auch die unbegrenzte Möglichkeit bewiesen, ihr eigenes
Land im Interesse des Arbeitervolkes zu verwalten,‘ — „Wir betonen,
daß sich die Macht in den Händen der Arbeiterklasse befindet.”
(Overhagen, Mitglied der deutschen Delegation, „Trud“ vom 30, Juli.)
„In Sowjetrußland herrscht tatsächlich die Arbeiterklasse unbe-
schränkt“ (aus dem Berichte des Sozialdemokraten Bennewitz auf
einer Versammlung in Berlin. „Trud' vom 16, September.) „Unsere
feste Ueberzeugung ist, daß das politische System in der USSR, auf
der bewußten Herrschaft der Arbeiterklasse begründet ist.” (Over-
hagen, „Trud‘ vom 19, August 1925.) „Was die Frage anbelangt, ob
die Sowjetregierung von dem Volke anerkannt wird, so haben wir
keine Bedenken, mit einem sehr entschiedenen „Ja'” zu anworten. Die
überwältigende Mehrheit der städtischen Arbeiter und die aufgeklärten
Bauern in allen Teilen der Sowjetunion sind ihre begeisterten An-
hänger; sie sind stolz auf ihre Errungenschaften,” (Aus dem Bericht
der englischen Frauendelegation,) „Wir haben uns in Moskau,
Charkow und Baku aufgehalten und sind zu der Ueberzeugung ge-
kommen, daß in Rußland tatsächlich die Arbeiter regieren,” (Cam-
pinon, Mitglied der französisch-belgischen Delegation, „Trud‘” vom
15. Juli 1925.) „Die Arbeiter sind in Rußland die herrschende Klasse
und genießen alle Rechte einer solchen, Sie sind sich ihrer Verant-
wortung sehr wohl bewußt,” (Offizieller Bericht. der britischen
Delegation.) ,

Die wenigen Zitate beweisen, daß die Arbeiter mit ihrem gesunden
Klasseninstinkt sofort das festgestellt haben, was die Theoretiker der
internationalen Sozialdemokratie nicht sehen oder nicht sehen wollen.
Die Macht in der USSR. liegt in den Händen der Arbeiterschaft.

Allerdings haben einige Delegierte nach ihrer Rückkehr versucht,
einen: Unterschied zu machen zwischen der Arbeiterklasse und der
Kommunistischen Partei, indem sie behaupteten, die Macht würde von
der Kommunistischen Partei, nicht von der Arbeiterklasse ausgeübt.
Man braucht jedoch nur ein wenig über diese Frage nachzudenken,
die Lage in den kapitalistischen Ländern und in unserem Lande ver-
gleichen, um zu der Schlußfolgerung zu gelangen, daß jede Klasse
durch ihre Vorhut, ihre Partei, die Macht ausübt. Vom Standpunkte
des sozialdemokratischen ‚Marxismus‘ müßte man sagen, daß in
Deutschland oder Frankreich nicht die Bourgeoisie, sondern die radikale
Partei und in England nicht das Finanzkapital, sondern die Konser-

76
        <pb n="19" />
        vativen herrschen usw. Derartige Vergleiche zeugen aber von allem
anderen, nur nicht von einem Verständnis für die treibenden Kräfte
der modernen Gesellschaft und der Wechselbeziehungen zwischen
Klasse und Partei. Wir wiederholen, die Macht in der Sowjetunion
liegt in den Händen der Arbeiterklasse, Das ist die Schlußfolgerung,
die sich eindeutig aus allen Erklärungen der Delegationen ergibt.
Die Sowjetdemokratie
und die parlamentarische Demokratie

Die Arbeiterdelegierten wußten wohl schon früher, daß bei uns
das Sowjetregime besteht, über die Bedeutung, die innere Struktur
unseres Systems, über seinen Klassencharakter mußten sie sich als
Ausländer erst durch unmittelbare Fühlungnahme mit allen Er-
scheinungen des öffentlichen Lebens, den Wahlen, der Tätigkeit und
dem Aufbau der Sowjetunion, durch Studium der Wechsel-
beziehungen zwischen den oberen und unteren Regierungsorganen klar
werden, Da die internationale Sozialdemokratie bei jeder Gelegenheit
die parlamentarische Demokratie dem Sowjetsystem als weit überlegen
entgegenhält,.mußten sich die Delegierten mit dieser äußerst wichtigen
Frage näher auseinandersetzen. Die Antwort der englischen Delegation
lautet wie folgt:

„Die Delegation ist der Meinung, daß das System der Sowjet-
vertretung und ihr Plan von Verfassung und Bürgerrechten weit davon
entfernt ist, undemokratisch im weitesten Sinne des Wortes zu sein:
vielmehr gibt es in vieler Beziehung dem Individium eine wahrere
und vernünftigere Gelegenheit der Teilnahme an den öffentlichen An-
gelegenheiten als das parlamentarische Regime ... Das Verharren
in der Macht ist das Resultat früherer Verhältnisse, nicht der gegen-
wärtigen Verfassung. Unter dieser Verfassung gibt es sicherlich
ebenso große und vielleicht größere Möglichkeiten als anderswo zur
Herbeiführung einer Volksregierung, politischen Friedens und sozialen
Fortschrittes,” (Off; Ber. Seite 17,*) ... „Das Grundprinzip des
Systems ist die Schaffung eines Staates und einer Gesellschafts-
ordnung, die der Mehrheit der Arbeiter (man meint hier sowohl Hand-
als auch Kopfarbeiter) die größtmöglichsten Vorteile und allen
Männern und Frauen gleiche Möglichkeiten bieten,“ (Off, Ber. S. 122,)

Die Engländer sind in ihrem Urteil aus Furcht, man könnte ihnen
Sympathie für den Kommunismus vorwerfen, sehr vorsichtig, haben
aber das Wesen des Sowjetsystems richtig verstanden. Eindeutiger,
klarer und bestimmter bringt die deufsche Delegation, die überwiegend
aus Sozialdemokraten bestand, ihre Meinung zum Ausdruck. In ihrem
offiziellen Bericht heißt es:

„Die entscheidende und für die deutsche Arbeiterklasse wichtigste
Frage ist die: Ist Sowjetrußland wirklich ein Staat, in dem die Prin-
zipien von Marx und Engels in die Tat umgesetzt sind: hat die Ar-

*) Die Zitate des offiziellen Berichts der englischen Delegation sind der im Neuen
Deutschen Verlag Berlin, erschienenen Ausgabe entnommen.
2 Warum reisen Arbeiter-Delegationen nach Sowijetrußland
17
        <pb n="20" />
        beiterklasse wirklich die Macht in den Händen oder übt eine kleine
Clique eine Diktatur über ein Millionenvolk aus? Die Delegation ist
nach gründlichem, oft 16stündigem Studium am Tage, trotz der ver-
schiedenen Parteizugehörigkeit der einzelnen Delegierten, zu der ein-
mütigen Auffassung gekommen, daß die deutsche Arbeiterklasse von
Rußland ein absolut falsches Bild hat, daß sich Rußland tatsächlich
auf dem Wege befindet, das Ziel unserer Altväter des Sozialismus zu
verwirklichen, daß die Arbeiterklasse wirklich die Macht in den
Händen hat und daß sie politisch die Freieste Arbeiterklasse der
ganzen Welt ist, und daß sich der Wirtschaftsaufbau unter Anteil-
nahme breiter Arbeitermassen in der Richtung zum Sozialismus voll-
zieht. Die so viel gehaßte Diktatur des Proletariats ist in Wirklich-
keit eine wahre Arbeiterdemokratie, die sich sehr wohltuend von den
sogenannten Demokratien der Westländer abhebt. Die Arbeiter,
Bauern, Ingenieure, Techniker, Lehrer und Wissenschaftler stehen in
ihrer überwältigenden Mehrheit hinter dem Sowjetsystem und der
jetzigen Regierung, Darum kann es auch gar nicht anders sein.
Nun, die Arbeiter besitzen wirklich den starren Achtstundentag
(wöchentlich 46 Stunden) und die Jugendlichen und der Arbeiter der
gesundheitsschädlichen Betriebe arbeiten nur sechs Stunden täglich.
Wo in der Welt kann eine Arbeiterklasse das gleiche aufweisen?‘
(„Trud” vom 28, August 1925.)

Wir könnten noch viele andere Aeußerungen der Arbeitervertreter
anführen, die beweisen, daß sich die Arbeiterschaft nicht so sehr für
die Form als für die soziale Struktur des Staates interessiert. Alle
Delegationen kommen zum Schluß, daß die tatsächliche Demokratie
nur in der Sowjetunion existiert, daß die parlamentarische Demokratie
nur ein Mittel zur Unterdrückung der Selbstbetätigung und der Inter-
essen der Arbeitermassen darstellt.

Triti man an die Demokratie vom rein formalen Standpunkte
heran, so hat die internationale Sozialdemokratie natürlich recht.
Formell hat der englische Bürger mehr persönliche Rechte als der
Sowjetbürger. Betrachtet man jedoch, was sich hinter der formalen.
Freiheit verbirgt, so wird jeder Arbeiter auch ohne längeres zeit-
raubendes Studium der Verhältnisse in der USSR., sich leicht davon
überzeugen können, daß die Arbeiterklasse in Sowjetrußland freier
lebt als in jedem anderen Lande, Da uns die Demokratie als solche
und die Rechte der Bourgeoisie nicht interessieren, d. h. unser
Interesse ausschließlich auf die Arbeiterklasse konzentriert ist, so stellt
der Staat und die Gesellschaft, die jedem Werktätigen die Möglichkeit
geben, seine Fähigkeiten zu entwickeln, die die schöpferische Energie
der Massen weckt, die rückständigsten, unterdrückten Bevölkerungs-
schichten zur bewußten Beteiligung am öffentlichen Leben heranzieht,
die unverfälschte, ungefärbte, nicht formale, sondern {atsächliche
Arbeiterdemokratie dar. In diesem Sinne sind die Schlußfolgerungen
der Delegationen recht bemerkenswert, Aus dem Beispiele der USSR.
beginnen sie zwischen der falschen parlamentarischen und der wahren
pröletarischen Demokratie zu unterscheiden.

18
        <pb n="21" />
        Die formalen Freiheiten

Seit 8 Jahren schlägt die bürgerliche und sozialdemokratische
Presse Lärm über die Beseitigung der Presse- und Versammlungs-
freiheit (für die Bourgeoisie) in der USSR. Presse- und Versamm-
lungsfreiheit, persönliche Rechte usw. sind Begriffe und Parolen, die
auf dem Papier, in den Verfassungen sehr schön aussehen! Die Dele-
gationen verglichen natürlich unsere Rechtsverhältnisse mit der bürger-
lichen Demokratie. Die Arbeiter wissen, was die Pressefreiheit in
Deutschland, England, Frankreich und Amerika bedeutet. Die Zeitungs-
trusts überschwemmen mit ihren Millionenauflagen das ganze Land,
dringen in die entferntesten Winkel, trüben das Klassenbewußtsein
der Arbeiter, infizieren sie, indem sie die Vorzüge des bürgerlichen
Systems preisen und die „schädlichen, dekonstruktiven‘“ bolsche-
wistischen Ideen an den Pranger nageln. Der Arbeiter weiß, welche
Rolle die bürgerlichen Zeitungen während der Streiks und proletarischen
Aktionen spielen. Kommen nun ihre Vertreter nach der USSR. und
sehen, daß hier keine bürgerliche Zeitung existiert, daß der Bourgeoisie
alle Druckereien genommen sind, daß die Zeitungen ausschließlich
das Interesse der Arbeiterklasse vertreten, dann bedauern sie, daß in
ihrer Heimat die „Pressefreiheit‘” besteht. Sie ziehen unsere „Un-
freiheit‘ ihrer „Freiheit‘“ vor.

Dasselbe gilt von der Versammlungsfreiheit. In Amerika existiert
sie offiziell aber nicht für alle. Auch bei uns besteht sie nicht für
alle. Wir machen daraus keinen Hehl, wir treten an die Dinge aus-
schließlich vom Klassenstandpunkt heran, kennen keine abstrakten
Wahrheiten, keine abstrakten Losungen! Alles ist bei uns vom Klassen-
geist erfüllt. Wir haben die Versammlungs- und Pressefreiheit für die
Werktätigen, die Freiheit des Wortes für die Arbeiter und Bauern.
Mögen bürgerliche Federfuchser Krokodilstränen über die persönlichen
Rechte vergießen, die Arbeiter werden sich dadurch nicht irreführen
lassen, sind sie doch genau darüber unterrichtet, daß in den demo-
kratischen Ländern ihre Klassenbrüder zu Tausenden hinter Gefängnis-
mauern schmachten, daß der ganze Apparat des bürgerlichen Staates
(Polizei, Justiz usw.) nur das eine Ziel kennt: die persönlichen Rechte
der Bourgeoisie zu schützen und sie dem Proletarier zu rauben.

In welchem Lande dürfen die Arbeiter in den Betriebs- oder
Fabrikräumen Versammlungen abhalten? In der USSR. Wo fürchtet
sich die Bourgeoisie gegen die Arbeiter ein Wort zu sagen? In
Deutschland, Frankreich, England oder in den Vereinigten Staaten?
Keineswegs. In der USSR. Die Delegationen, die in unserem Lande
auf diese einfachen Tatsachen stoßen, reagieren darauf aber nicht so
wie es die Gegner der Revolution wünschen. Die Verhältnisse in
Sowjetrußland, die man ihnen vor ihrer Reise in den düstersten Farben
schilderte, erscheinen ihnen bei näherer Betrachtung gar nicht so
fürchterlich. Die deutsche Arbeiterdelegation beantwortete z. B. das
im Organ der deutschen Sozialdemokratie, dem „Vorwärts‘, von den
Menschewisten veröffentlichte Schreiben einer „Gruppe von Arbeitern
79
&gt;”
        <pb n="22" />
        der Putilowwerke‘, in der über das Fehlen von Freiheiten, darunter

auch der Pressefreiheit in der Sowjetunion geklagt wird, wie folgt:
| „Die sogenannte „Gruppe Arbeiter der Putilow-Werke‘“ schreibt
im „Vorwärts": „Im Verlauf einiger Jahre wird unser Geist, unsere
Seele von der gewissenlosen offiziösen Presse der Sowjetgewalthaber
vergiftet, Wir ersticken in der Atmosphäre dieser Presse,‘ Wir haben
gesehen, daß fast jeder Arbeiter diese Presse kauft und liest und
nirgends Protest erhoben wird, Die Delegation hat sich ferner davon
überzeugt, daß die Putilow-Arbeiter an denselben Zeitungen mit-
arbeiten, die übrigens auch Aufsätze bringen, in denen die vorhandenen
Mängel kritisiert werden ,,. Demnach kann kein Rede davon sein,
daß die Putilow-Arbeiter nicht eine tatsächliche Arbeiterpresse be-
sitzen,”

Bei ihrer Abreise sagen die Arbeiterdelegierten häufig: „Ihr habt
gut daran getan, die bürgerlichen Zeitungen zu vernichten. Es ist sehr
gut, daß Ihr die Weißgardisten niedergezwungen habt und der
Bourgeoisie nicht gestattet, aufzumucken, Man müßte ihnen
noch fester die Kehle zuschnüren, damit sie nicht Schaden anrichtet,
wie sie es in unserem Lande tut.‘ Daß die Arbeiter an die aufgezeigten
Probleme nicht formell, sondern vom praktischen Standpunkte heran-
treten, zeugt von ihrem gesunden Klasseninstinkt und Verstand.

&gt; Der deutsche Sozialdemokrat Overhagen brachte treffend die all-
gemeine Stimmung zum Ausdruck, indem er in einer seiner Reden
sagte:

„Wir wissen wohl, daß bei Euch keine absolute Freiheit besteht,
daß nur das arbeitende Volk volle Freiheit genießt, aber wir ver-
stehen, daß eine Freiheit Für die Bourgeoisie den Selbstmord für die
Revolution bedeuten würde.‘ („Trud‘ vom 30, Juli 1925.)

Vandervelde und Otto Bauer haben noch kürzlich versucht, der
USSR. Bedingungen zu diktieren: „Wir werden Euch anerkennen,
wenn Ihr das und das einführt.‘ Die USSR, braucht ihre Aner-
kennung nicht. Die USSR. wird nicht gestatten, daß man ihr Be-
dingungen stellt, die es der Bourgeoisie ermöglichen, ihr politisches
Spiel auf unserem Territorium wieder aufzunehmen. Damit wurde
1917 ein Ende gemacht und so wird es bleiben,

Einiges über die Diktatur

„Ihr reist ins Land der Diktatur, des Terrors — hütet Euch!“ Mit
diesen Worten wurde jede, sich nach Rußland begebende Delegation
begleitet, Die sozialdemokratische und bürgerliche Presse spricht gern
und häufig von der Diktatur im „allgemeinen“, wir dagegen reden nur
über die Klassendiktatur. Der Versuch, die Dinge so darzustellen, als
ob nur in der USSR, eine Diktatur existiert, ist insofern ein Versuch
mit untauglichen Mitteln, als der Klassenstandpunkt, das eigentliche
Wesen des Sowjetstaates, unberücksichtigt bleibt. Die Arbeitervertret:r
beschäftigt selbstverständlich am meisten die Frage: Wie verhält es sich
mit der fürchterlichen Sowjetdiktatur in Wirklichkeit?

Nach ihrem Aufenthalt im Kaukasus schrieb uns die deutsche
Delegation zum Abschied:

20
        <pb n="23" />
        „In den letzten Tagen haben wir die Erholungsheime und diz
Sanatorien besucht, in denen die Arbeiter ihre erschütterte Gesund-
heit wieder herstellen ... Wir betonen nochmals, daß Ihr sehr viel
getan habt, was der Nachahmung wert ist, In Deutschland bestehen
Sanatorien und Kurorte nur für die Bourgeoisie. Das ist der wesent-
liche Unterschied zwischen Eurem proletarischen Lande und der
Demokratie im Westen, gleichzeitig wird dadurch die Lüge widerlegt,
daß es bei Euch keine Demokratie gibt, daß bei Euch eine Diktatur
über das Proletariat ausgeübt wird, Wir sind überzeugt, daß sich die
deutschen Arbeiter nach unserer Schilderung der Diktatur des Prole-
tariats, wie sie in Euren Erholungsheimen und Sanatorien zum Aus-
druck kommt, begeistert für Euer Regierungssystem aussprechen
werden.‘ („Trud'” vom 12, August 1925.)

Das ist aber nicht nur die Meinung derjenigen, die im Kaukasus
waren. „Wir sind überzeugt‘, sagte der Sozialdemokrat Lehnert in
Nischninowgorod,

„daß die sogenannte westliche Demokratie die Unterdrückung und die
Degeneration der Arbeiterklasse bedeutet. Wir haben uns davon
überzeugt, daß die Diktatur des Proletariats ein neues Leben, den
Achtstundentag in allen Fabriken und die sechsstündige Arbeitszeit
in den gesundheitschädlichen Betrieben bedeutet. Wir haben er-
fahren, daß in Rußland alle Arbeiter einen vierzehntägigen Urlaub
und in den gesundheitschädlichen Betrieben einen Monat Urlaub er-
halten, Daher wird es unsere Aufgabe sein, nach unserer Rückkehr
den deutschen Arbeitern zu sagen: Folgt dem russischen Beispiele!“
{„Trud' vom 13. August 1925.)

So denken und sprechen aber nicht nur die Deutschen. Der Vor-
sitzende der norwegischen Delegation Madsen, erklärte:

„Wo auch immer sich unsere Delegation in der USSR. aufhielt,
überall sah sie ein emsiges Arbeiten, eine bewußte Arbeitsfreude.
Unsere Delegation ist einmütig zu der Ueberzeugung gelangt, daß die
norwegische Arbeiterklasse den Weg beschreiten muß, der zur Auf-
richtung der Diktatur des Proletariats führt.“ (Aus einer Rede in
Tiflis. „Prawda‘ vom 3, November 1925.)

Demnach schätzen die nach Sowjetrußland kommenden Arbeiter-
delegierten die Diktatur nicht als solche, sondern nach ihren Resul-
taten. Sie sehen, daß die Sowjetdiktatur die Macht der werktätigen
Massen verkörpert und jeden gegen die Interessen der Arbeiterklasse
gerichteten praktischen und wirtschaftlichen Widerstand unterdrückt.
Das ist der soziale Sinn der Diktatur, deren Charakter und Methoden
sich je nach dem Grade des Widerstandes der unterdrückten Klasse
ändern. Der Terror ist natürlich sehr wenig demokratisch. Deutsch-
land ist aber eine bürgerliche Republik. Nun sind dort mit Hilfe
der Sozialdemokraten tausende Arbeiter ermordet und erschossen
worden. Weshalb? Um die bürgerlichen gesellschaftlichen Beziehungen
zu schützen und zu festigen. Die Sowjetregierung hat auch Tausende
erschossen, aber ausschließlich Gegenrevolutionäre, Gegner der Werk-
tätigen. Einen Terror „als solchen“ gibt es nicht. Der Terror ist ent-
weder gegen die Arbeiterklasse oder gegen die Bourgeoisie gerichtet.
Der Terror Mussolinis, Primo de Riveras, der Terror in Jugoslawien,

2]
        <pb n="24" />
        Rumänien, Griechenland, Polen usw. ist gegen die Arbeiterklasse ge-
richtet, Darüber schweigt aber die Sozialdemokratie, sie redet nur
über den Sowjetterror, der die Unterdrückung und die endgültige Ver-
nichtung der Klassen und Gruppen zur Aufgabe hatte, die es wagten,

der Macht der werktätigen Massen Widerstand entgegenzusetzen.
Jeder Arbeiter mit gesundem Menschenverstand muß zugeben,
daß die Revolution nur dann siegen kann, wenn sie rücksichtslos gegen
ihre Feinde vorgeht, daß sie unterliegen muß, wenn sie mit der Konter-
revolution zart umgeht. Die Notwendigkeit der Diktatur wird daher
in der einen oder anderen Form von allen Delegationen nach der USSR.
mit wenigen Ausnahmen anerkannt, Ein dänischer Delegierter beklagte
sich darüber, daß es in der Sowjetunion keine politische Freiheit gibt.
Für die einen ist sie da, für die anderen nicht. Für ihn ist die poli-
tische Freiheit eine Freiheit für alle Bevölkerungsschichten. Bei uns
gibt es das nicht und wird es bis zur Vollendung des sozialistischen
Aufbaues nicht geben. Jeder Arbeiter muß ferner den Uebergangs-
charakter der Diktatur und des Terrors erkennen. Mit seinem Klassen-
instinkt fühlt er, daß ohne Diktatur und Terror ein Sieg über die
Gegner der Revolution unmöglich gewesen wäre. Da für ihn der Sieg
das wichtigste ist, ist auch der sozialdemokratische Arbeiter bereit, mi‘
seiner Bourgeoisie „russisch”” zu reden. Das bringt der mehrfach
zitierte Sozialdemokrat Overhagen zum Ausdruck, indem er ausführt:
„Eins haben wir in Rußland gelernt, daß nicht durch den Par-
lamentarismus, durch Hoffnungen auf Konzessionen der Bourgeoisie
die Lage der Arbeiterklasse gebessert werden kann, Unsere Aufgabz
ist es, den deutschen Arbeitern zu sagen, daß ihr Weg der gleiche
ist, den die russischen Arbeiter gegangen sind, der Weg der Diktatur

des Proletariats.“ („Trud‘ vom 9, August 1925.)
Die „sozialistischen“ Parteien

Woran sich viele Arbeiterdelegierten, besonders die sozialdemo-
kratischen, stoßen, das ist die Unterdrückung der anderen politischen
Richtungen (der Menschewisten, Sozialrevolutionäre, Anarchisten) und
die Internierung ihrer Mitglieder, Arbeiter, die noch nicht praktische
Erfahrungen gesammelt, haben, glauben, daß Revolution gleichbe-
deutend ist mit zügelloser Freiheit, mit „Friede auf Erden und den
Menschen ein Wohlgefallen‘, daß die Revolution alle alten Beschrän-
kungen beseitigt, jeder nunmehr das Recht hat, zu tun und zu lassen,
was er will, Nun werden aber „sozialistische‘ Parteien verfolgt und
ihre Vertreter sogar ins Gefängnis gesteckt! Das ist schwer zu be-
greifen, Und dennoch haben viele Delegierte eingesehen, daß das
Interesse der Revolution höchstes Gesetz ist. Sozialdemokraten, Sozial-
revolutionäre, Anarchisten, das sind scheinbar Bezeichnungen; die den
sozialistischen Charakter der Gruppierungen beweisen. Die sozia-
listische Regierung verfolgt jedoch die sozialistischen Parteien, „Men-
schen sozialistischer Ueberzeugung‘, wie die Gegner der Sowjetmacht
im sozialdemokratischen Lager sagen. Es handelt sich natürlich hier
nicht um Abstufungen in der Ueberzeugung, sondern darum, daß die

DD
        <pb n="25" />
        Revolution in ihrem Existenzkampte nicht nur die Bourgeoisie, sondern
auch die sogenannten sozialistischen Gruppen gegen sich hatte, die sich
mit den Feinden der Diktatur der Arbeiter zu einer Einheitsfront zu-
sammenschlossen. Im besonderen beklagte die sozialdemokratische
Presse das „unglückliche‘, unter dem „Militärstiefel der Roten Armee"
stöhnende Georgien. Die Menschewisten hatten dort das „Paradies“
errichtet, in das nun die Bolschewisten eindrangen, um alles umzu-
kehren. Die Wohltäter des georgischen Volkes befinden sich im Exil,
in Georgien selbst machen sich die „Unterdrücker‘” breit usw. Jede
Delegatiom erachtet es daher für ihre Pflicht, sich an Ort und Stelle
von der Lage in Georgien zu überzeugen. Das Ergebnis ihrer Unter-
suchungen war jedoch für die ausländischen und russischen Mensche-
wisten unerwartet. Die tschechoslowakische Arbeiterdelegation sagte
in ihrem Aufruf an die „Arbeiter und Bauern Georgiens, Armeniens und
Aserbeidshans:

„Euer junges sozialistisches Land hat noch viele Feinde ,.. Zu
diesen Feinden rechnen wir auch die Reste der Sozialdemokraten, der
Nationaldemokraten und der SR. ,.. Sie sind nicht der rechte
Flügel der Arbeiterbewegung, sondern der linke Flügel der Bour-
geoisie, was ihre früheren Gesinnungsgenossen aus den Reihen der
Arbeiterschaft richtig erkannt haben, die zum marxistischen Wege
zurückgekehrt sind ,,. Für die internationale Arbeiterbewegung
sind diese Leute gestorben. Sie waren für das georgische Proletariat
viel gefährlicher als der Kapitalismus, und das georgische Proletariat
war im Recht, als es sie auf dem Wege zum Sozialismus beseitigte.”
(„Trud‘“ vom 7, November 1925.)

So schreiben tschechoslowakische Arbeiter, Mitglieder einer Inter-
nationale, der auch die russischen Menschewisten angehören. Nicht
minder scharf war die Antwort der deutschen sozialdemokratischen
Delegation, bei der sich das Büro der Menschewisten schriftlich über
die Sowjetregierung und die Unterdrückung der sozialistischen Par-
teien in der USSR. beklagten. Der Vorsitzende der deutschen Dele-
gation, der Sozialdemokrat Freiberger, antwortete: „Keine Regierung
darf konterrevolutionäre Aktionen zulassen, sie muß sie bekämpfen”.
(„Trud‘“ vom 28. Juli 1925.) Die gemeinsame Antwort der sozialdemo-
kratischen Delegationsmitglieder ließ an Klarheit nichts zu wünschen
übrig. Im Auftrage sämtlicher sozialdemokratischen Delegierten
sandten Mehle, Freiberger, Baer und Benewitz folgenden Brief an die
Menschewisten:

Eine Zusammenkunft mit Menschewiki, welche sich in Tiflis
möglich machte, brachte eine Aussprache, die keinen Glauben an
demokratische Möglichkeiten offenbarte. Man ist dort nicht mehr der
Meinung, daß die Arbeiterschaft durch Demokratie etwas erreichen
könnte; auch die Bauern, Deutsche wie Grusinen, sprachen ihr Miß-
fallen ‚über die demokratische Herrschaft aus; das jetzt herrschende
System wird von ihnen mit Begeisterung aufgenommen,

Deutschland liefert auch ein lebendiges Beispiel. Die November-
errungenschaften sind durch die Demokratie abgebaut worden, nur
die Bourgeoisie und nicht die Arbeiterschaft hat gewonnen. In Ruß-
land hat die Arbeiterschaftt die Macht in den Händen.

DZ
        <pb n="26" />
        „,. Aus allem, was wir aus Euerm Schreiben gefunden haben,.
konnten wir nur dialektische Methoden erkennen, die Euch und der
Klasse, die Ihr zu vertreten angebt, nichts nützen. Stellt Eure Ar-
beitskrait dem russischen Proletariat zur Verfügung, reihet Euch ein
in die gemeinsame Arbeiterfront, dann wird Euch die Geschichte des:
Sozialismus dankbar sein.

Diese Antworten treffen ins Schwarze. Sie sind es, die die
Arbeiterdelegationen und ihre Berichte der internationalen Sozialdemo-.
kratie so sehr verhaßt machen. Die sozialdemokratischen Arbeiter
haben nach ihrem Aufenthalte in der USSR. die Notwendigkeit des,
Kampfes der kommunistischen Revolution gegen alle sogenannten sozia-
listischen Parteien eingesehen und in zahlreichen Dokumenten zum
Ausdruck gebracht, im besonderen die Deutschen und die Tschecho-
slowaken, die den wahren Wert ihrer Sozialdemokratie erkannt haben.
Aber auch die Arbeiter der anderen Länder, die aus der Praxis wissen,
was die Sozialdemokratie darstellt, mußten die Notwendigkeit von
Zwangsmaßnahmen gegen die Sozialdemokraten im Interesse der Revo-.
lution anerkennen. Wir vertreten nicht den Standpunkt, daß die Inter-
nierung unserer Gegner in Gefängnissen ein idealer Zustand ist. Das
ist eine vorübergehende durch bestimmte praktische Erwägungen her--
vorgerufene Erscheinung, Mit fortschreitender Festigung der sozia-
listischen Wirtschaft und Ueberwindung des von der internationalen
Bourgeoisie ausgeübten Druckes wird die Diktatur des Proletariats ge-
lockert werden, was sich zweifellos auch auf die Lage der verschiedenen
sogenannten sozialistischen Gruppierungen auswirken wird. Sie werden
unschädlich werden und als solche von der Sowjetregierung unbehelligt
bleiben.

Sozialismus oder Kapitalismus

Was für eine Wirtschaft baut die Arbeiterklasse der USSR.? Eine
sozialistische sagen wir. Die internationale Sozialdemokratie bestreitet
dies, Sie sagt, der Sozialismus in Rußland hat Bankerott gemacht,
Rußland steigt nur in dem Maße auf, als es dem Privatkapital die
Hände löst. Sozialismus oder Kapitalismus? Das ist das jeden Dele--
gierten interessierende Problem. In dem Aufrufe der tschechoslowaki-
schen Delegation heißt es:

„Das Wirtschaftsleben in der Sowjetunion entwickelt sich in auf-.
steigender Linie, gleichzeitig wächst auch der Wohlstand der Werk-
tätigen, Die Sowjetwirtschaft ist noch nicht eine vollkommen sozia-
listische Wirtschaft, obgleich viele Branchen sich in bedeutendem
Maße sozialistischen Formen genähert haben, Als Ganzes betrachtet
ist die Sowjetwirtschaft eine Uebergangsstute zur reinen sozialistischen
Planwirtschaft,” („Trud‘ vom 7. November 1925.)

„Die von Euch in kurzer Zeit erreichten Erfolge zwingen nicht nur‘
die deutsche Delegation, sondern auch alle Arbeiter Deutschlands,
Euch mit Achtung zu begegnen. Mit besonderer Genugtuung haben
wir das Verhältnis zwischen der Sowjetregierung ‚und den Intel-
lektuellen, den Technikern und Ingenieuren, Lehrern usw, fest-.

24
        <pb n="27" />
        gestellt, .,. Daß die sozialistischen Formen des Aufbaues gerade
dem technischen Fortschritte breite Möglichkeiten eröffnen, erkennen
sowohl die Führer der Gewerkschaftsbewegung als auch das tech-
nische Personal. Das ist die Erklärung für den den Erfolg Eurer Auf-
bauarbeiten gewährleistenden Arbeitseifer,'” (Aus einer Ansprache
an die Uraler Arbeiter, „Trud' vom 14, August 1925.)

„Trotz der Schwierigkeiten, auf die die Russen stoßen, ist jeder
— angefangen vom obersten Verwaltungsbeamten bis zum Jung-
arbeiter — bemüht, nach Kräften an der Erfüllung der Losung bei-
zutragen: Wir arbeiten in unseren Gruben zum Wohle der Gesell-
schaft und zu unserem eigenen Wohle, nicht für den Privatunter-
nehmer,” (Ber. der engl. Del.)

„Das Arbeiter- und Bauernrußland stellt das Gegenteil der kapita-
listischen Länder dar, die sich im Abstieg befinden.” (Schwedische
Delegation, „Trud‘ vom 22, Juni 1925,)

„Wir verbergen nicht, daß Euch noch sehr viel zu tun bevor-
steht ,. ., daß Ihr noch eine große Arbeit auf kulturellem Gebiete
leisten müßt, wir erkennen aber an, daß Ihr alles Menschenmögliche
getan habt, um die Prinzipien von Marx und Engels in die Tat umzu-
setzen. Wir wünschen Euch Glück zu dem begonnenen sozialistischen
Aufbau!“ (Aus dem Aufrufe der deutschen Delegation an die Ar-
beiter und Bauern Georgiens, ‚„Trud‘” vom 14, August 1925.)

Wir könnten noch viele andere Zitate bringen, die zeigen, in
welcher Richtung der Gedanke der Delegierten arbeitet. Sie treten an
die Probleme nicht vom abstrakten, sondern vom praktischen Stand-
punkt heran. Ihre Erklärungen sind das Produkt der verallgemeinerten
Erfahrung, was bei den einzelnen Delegierten deutlich in folgendem
zum Ausdruck kommt: „Ich wünsche dasselbe in Deutschland zu
sehen.‘” (Lehnert, Sozialdemokrat.) ‚Hier haben wir uns davon über-
zeugt, daß die sozialistische Gesellschaftsordnung durchaus möglich ist
und daß sie: von den Arbeitern Sowjetrußlands geschaffen wird.‘
(Freiberger, Sozialdemokrat.) „Ihr habt durch die Tat bewiesen, daß
das Proletariat eine sozialistische Wirtschaft aufbauen kann.‘ (Eschen-
horn, Sozialdemokrat) usw. Woran sehen sie den sozialistischen Cha-
rakter unserer Betriebe? Daran, daß sie der Arbeiterklasse gehören,
daß die Klasse der privaten Großunternehmer nicht mehr existiert, daß
die Erzeugnisse der Großindustrie gesellschaftliches Eigentum sind.

Die Delegationen wurden natürlich auch der privatkapitalistischen
Beziehungen gewahr, die noch in unserem Lande bestehen: Freier
Handel, zahlreiche Kleinunternehmungen und Wirtschaften in den
Städten bzw. Dörfern. Wichtig ist jedoch, daß sich die Arbeiter sehr
rasch klar wurden, wo sich das Schwergewicht befindet. Sie bemerkten,
wie gesagt, sofort die kapitalistischen Momente, interessierten sich aber
hauptsächlich dafür, ob in unserer Wirtschaft Elemente des Sozialismus
vorhanden sind, wie die Arbeiterklasse der Sowjetunion ihre Rolle in
der Produktion auffaßt. In unseren Hüttenwerken, Textilfabriken,
Bergwerken und Erdölfeldern usw. überzeugten sich die anfänglich
sehr skeptischen sozialdemokratischen Arbeiter, daß wir tatsächlich am
Sozialismus zimmern. Sie vertuschen nicht die schwachen Seiten

25
        <pb n="28" />
        unseres Wirtschaftslebens, die Reste der kapitalistischen Beziehungen,
erkennen aber, welche Elemente, d. h. kapitalistische oder sozialistische,
ın unserer Industrie überwiegen und sprechen das offen aus. Das ist es
jedoch, worüber wir uns mit der internationalen Sozialdemokratie
streiten, mit ihr die Klinge kreuzen. Der Kampf gegen die Sowjet-
union, gegen die Bolschewisten, wird doch gerade unter der Losung
geführt: „Die Bolschewisten zerstören alles, bauen nichts auf. Der
Sozialismus in einem rückständigen Lande ist kleinbürgerliche Utopie”.
Nun aber sind Mitglieder der sozialdemokratischen Partei und kom-
promißlerischer Gewerkschaften gezwungen, anzuerkennen, daß in der
USSR. tatsächlich die sozialistische Wirtschaft aufgebaut wird. Sie ist
nicht mehr eine leere Theorie, der Sozialismus „im Jahre 3000‘, der
Zukunftsstaat, der von der Sozialdemokratie um so farbenreicher ge-
schildert wird, je weniger sie für den Sieg des Sozialismus tun. Der
Arbeiterstaat existiert. Er leistet eine gewiß noch nicht vollkommene
aber praktische Arbeit zur Verwirklichung des sozialistischen Ideals.
Daher antworteten einige der Delegierten auf die diesbezügliche Frage:
das Wirtschaftssystem in der USSR. befindet sich im Uebergangs-
stadium, andere: das Wirtschaftssystem der USSR. ist sozialistisch.
Die nationale Frage

An diesem Problem haben sich nicht nur die bürgerlichen Parteien
aller Schattierungen die Köpfe eingerannt, sondern auch die Sozial-
demokraten. Wir erinnern an die Lösung der nationalen Frage durch
die sozialdemokratischen Regierungen. Die Unterdrückung der natio-
nalen Minderheiten ist in allen bürgerlichen Staaten die höchste Weis-
heit. Der Kampf der Nationalitäten ist eine ständige Erscheinung der
modernen kapitalistischen Gesellschaft, In allen kapitalistischen Län-
dern, die Kolonien besitzen, gehört die nationale Frage zu den schwie-
rigsten Problemen. Wie steht es nun damit in der Sowjetunion? Nach
bürgerlicher Auffassung ist der nationale Kampf besonders in Zeiten
sozialer und politischer Umwälzungen unvermeidlich. Die Revolution,
die die Massen in Bewegung setzte, das alte zaristische Rußland im
vollen Sinne des Wortes Kopf stellte, mußte neben dem Kampf der
Klassen auch die nationalen Auseinandersetzungen zuspitzen. Daher
interessierte man sich allgemein, wie die Revolution dieses Problem
lösen wird, Je radikaler die Revolution ist, um so weniger Anlaß ist
für den nationalen Kampf vorhanden. Nehmen wir als Beispiel das
„unabhängige‘. Georgien unter der Herrschaft der Menschewisten und
im Bunde mit den anderen Sowjetrepubliken. Das menschewistische
Georgien besetzte einen Teil Armeniens und führte Krieg, um sich
seinen Raub zu sichern. In der Sowjetrepublik kennt man jedoch keine
bewaffneten Zusammenstöße wegen einzelner Gebiete, ja nicht einmal
ernste politische Konflikte, weil gleichzeitig mit dem sozialen auch das
nationale Problem gelöst wurde, indem man allen von der zaristischen
Regierung unterdrückten Nationalitäten die Möglichkeit gab, ihre
Kräfte und Fähigkeiten frei zu entfalten, sich ihre eigene Kultur zu

26
        <pb n="29" />
        schaffen usw. In der Sowjetunion gibt es keine Klasse, die an der
nationalen Unterdrückung interessiert wäre. Daher fand man in der
USSR. sehr bald die für alle annehmbaren Formen der nationalen
Wechselbeziehungen. Die Union umfaßt eine Reihe selbständiger auto-
nomer Republiken, die vereint werden durch den einmütigen Willen
und Wunsch, den Sozialismus aufzubauen. Alle Streitfragen werden mit
friedlichen Mitteln erledigt, nur selten gelangen sie an die oberen In-
stanzen. Während in der kapitalistischen Welt der nationalistische
Haß Orgien feiert, befindet sich die Sowjetunion in der Epoche eines
friedlichen Nebeneinanderlebens der Nationalitäten und einer natio-
nalen Wiedergeburt. Ist nicht schon Sese Tatsache geeignet, die Auf-
merksamkeit auf die Oktoberrevolution zu lenken? Sie blieb auch von
keiner Delegation unbeachtet. Die Delegierten, die nach dem Kau-
kasus reisten (und sie haben fast alle den Kaukasus besucht) über-
zeugten sich von der friedlichen Zusammenarbeit der zahlreichen kau-
kasischen Volksstämme unter der Sowjetmacht.

Im besonderen lenkte die tschechoslowakische Arbeiterdelegation
ihre Aufmerksamkeit auf die nationale Frage. In der Tschecho-
slowakei will der nationale Kampf nicht verebben, obwohl das alte
Oesterreich nicht mehr besteht und die Tschechoslowakei eine demo-
kratische Republik ist. In ihrem Aufrufe heißt es:

„Wir sind zu der Ueberzeugung gelangt, daß das georgische Volk,
ebenso wie alle die Sowjetunion bevölkernden Nationalitäten die
vollste Selbständigkeit in jeder Hinsicht genießen, und daß die Natio-
nalitätenfrage in einer Weise gelöst ist, wie es nur in einem sozialisti-
schen Staat möglich ist, Von irgendeiner Bedrängung der nationalen
Minderheiten ist keine Spur, vielmehr trägt das russische Volk, das
volkswirtschaftlich, kulturell und zahlenmäßig stärker ist, zur all-
seitigen materiellen und kulturellen Entwicklung der unter der zaristi-
schen Herrschaft unterdrückten und zurückgebliebenen nationalen
Minderheiten bei und hilft ihnen, gleichwertige Mitarbeiter in der Sache
des Aufbaues der neuen sozialistischen Welt zu werden. Die tenden-
ziösen Informationen der bürgerlichen Presse über angebliche Be-
drängung der nationalen Minderheiten und über angeblichen Terror
eines Häufleins Kommunisten über die erdrückende Mehrheit der Be-
völkerung, sind boshafte Verleumdungen zum Zweck der Vorbereitung
einer bewaffneten Intervention gegen die Sowjetunion zur Eroberung
ihrer Naturschätze.”” (Aus dem Aufrufe an die Arbeiter und Bauern
Georgiens, Aserbeidshans und Armeniens.)

In ihrer gemeinsamen Erklärung bestätigen die tschechoslowaki-
schen Delegierten diesen Standpunkt wie folgt:

„Die Lösung des Nationalitätenproblems in der Sowjetunion kann
als Muster für die ganze Welt betrachtet werden; jede Völkerschaft
genießt Autonomie und die volle Möglichkeit allseitiger, selbständiger
Entwicklung. Von nationaler Unterdrückung ist keine Rede, in den
Aemtern und Schulen wird die Sprache der örtlichen Bevölkerung
angewandt, Die großrussische Sprache ist außerhalb der RSFSR. nur
im Verkehr zwischen den Bundesrepubliken allgemein gebräuchlich.
Die Sowjetregierung unterstützt nach Kräften die kulturelle Ent-
wicklung der einzelnen Nationalitäten, was schon daraus hervorgeht,

27
        <pb n="30" />
        daß in der Sowjetunion Zeitungen, Zeitschriften und Bücher in dem
verschiedensten Sprachen erscheinen.“

In demselben Sinne äußern sich auch die. deutschen Arbeiter, In
ihrem Aufrufe an die Arbeiter in Baku heißt es:

„Der Bund der Republiken, den heute der riesige Sowjetstaat
darstellt, ist die einzige Staatsform, die die Freiheiten der nationalen
Minderheiten gewährleistet,”

Mit einem Wort, alle Arbeiterdelegationen stellten {fest und
sprachen es offen aus, daß das friedliche Zusammenleben der Natio-
nalitäten und das Gedeihen der nationalen Kultur in der USSR. das
Ergebnis des Sowjetsystems und der geschilderten Lösung des Natio-
nalitätenproblems ist, daß nur das Proletariat, die an der nationalen
Unterdrückung desinteressierte, an der Zusammenarbeit aller Nationali-
täten interessierte Klasse, die nationale F rage entwirren kann.

Die Sowjetgewerkschaften

Die Arbeiterdelegationen konstatieren ferner, daß unsere Gewerk-
schaften hinter den alten Organisationen in Europa nicht zurückstehen,
sie in vielen Beziehungen sogar überflügelt haben. Das war zweifellos
eine Entdeckung, denn in den acht Jahren unserer Revolution haben
die Führer der kompromißlerischen Gewerkschaftsbewegung immer
wieder den Nachweis zu führen versucht, daß in der Sowjetunion tat-
sächliche Gewerkschaften nicht bestehen, daß sie amtliche Stellen,
bureaukratische Organe sind, von dem Rate der Volkskommissare, der
KI., der KPSU. gegängelt werden usw. In den Augen dieser „Kron-
zeugen” bestand die größte „Sünde‘ der Sowjetgewerkschaften in ihren
nahen Beziehungen zur kommunistischen Partei und darin, daß sie die
Sowjetregierung unterstützten und unterstützen, Bemerkenswert ist,
daß sich hierbei gerade diejenigen reformistischen Gewerkschaftsführer
nicht genug tun konnten, die sehr wohl wissen, welche enge Verbindung
zwischen sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften bestehen.
Heuchelei ist und: bleibt die Beschuldigung der russischen Gewerk-

schaften der Unterstützung des Sowjetsystems. Wir haben dies nie ver-
heimlicht und erklären nochmals: Wir unterstützen die Sowjetregierung,
weil sie unsere Regierung ist. Der Vorwurf wird uns von Sozialdemo-
kraten gemacht, die in allen Ländern an bürgerlichen Regierungen aktiv
teilnehmen oder bürgerliche Regierungen unterstützen. Scheinbar über-
legen sie wie folgt: „Eine bürgerliche Regierung darf man unterstützen,
eine kommunistische jedoch nicht.‘ Der Zweck ihrer verleumderischen
Angriffe war so offensichtlich, daß sie bei den breiten Massen auf
Protest stoßen mußten, die in der Hetze gegen die Sowjetgewerk-
schaften eine Fortsetzung der Hetzkampagne der Bourgeoisie und So-
zialdemokraten gegen die Oktoberrevolution sahen.
Wir räumen wieder das Wort den Delegierten selbst ein. In ihrem
Aufruf sagen die tschechoslowakischen Arbeitervertreter:
„+. Die russischen Gewerkschaften unterscheiden sich wesent-
lich von den gewerkschaftlichen Arbeiterorganisationen in den ande-
ren Ländern, Sie sind nicht nur Organe zum Schutz der Arbeiter-

28
        <pb n="31" />
        interessen und zur Hebung des Lebensniveaus der Arbeiterschait,
sondern sie sind ausschlaggebende Teilnehmer am staatswirtschaft-
lichen und sozialpolitischen Leben, an der Gesetzgebung, an der
geistigen und körperlichen Erziehung der Arbeiterjugend, Mit Hilfe
der Gewerkschaften werden Arbeiterklubs eingerichtet, die den
Mittelpunkt des Arbeiterlebens bilden, Die Gewerkschaften sorgen
dafür, daß jeder Arbeiter sich mit den politischen, wirtschaftlichen,
wissenschaftlichen und kulturellen Problemen bekannt macht, Be-
sondere Aufmerksamkeit wird der Jugend gewidmet, Die Gewerk-
schaften in Rußland legen sich Rechenschaft ab über die Bedeutung
der heranwachsenden Generation und bieten alles auf, um die
Arbeiterjugend im sozialistischen Geiste zu erziehen, Dank der
Unterstützung der gewerkschaftlichen Organisationen sind die Be-
triebsräte wirkliche entscheidende Faktoren in den Betrieben, ihre
Befugnisse sind weitaus größer als in allen übrigen Ländern, Gemein-
sam mit den roten Direktoren sorgen die Betriebsräte für eine richtige
Wirtschaftsleitung und für die Respektierung allgemeiner volkswirt-
schaftlicher Interessen, Die Betriebsrätewahlen vollziehen sich voll-
kommen frei, unter Teilnahme aller Arbeiter, Der Betriebsrat ver-
antwortet sich für jede Handlung vor der Arbeiterschaft, Demnach
bilden die Betriebsräte eine breite Basis der Gewerkschaften, mit
denen sie im engen Kontakt arbeiten.‘ („Trud' vom 7, Oktober 1925.)

„Wir haben festgestellt, daß der Gewerkschaftsaufbau in den
Sowjetrepubliken auf logisch durchdachten und gerechten Grund-
sätzen beruht. Die Masse der Mitglieder entscheidet über ihr eigenes
Schicksal, sie selbst gibt dem Gewerkschaftsaufbau die Richtung und
sie selbst löst alle Fragen der Gewerkschaftsbewegung,‘ (Fran-
zösisch-belgische Delegation, „Trud' vom 19, Juli 1925.)

„Die Arbeit der russischen Gewerkschaften ist für die Arbeiter-
klasse von gänzlich unschätzbarem Werte. Die Gewerkschaften
arbeiten mit den Grundsätzen einer weitgehenden Demokratie, sie
sind äußerst volkstümlich, sie besitzen große Autorität und großen
Einfluß in allem, was das Leben in den Sowjetrepubliken angeht, . .
Die schwedische Delegation hält es für ihre Pflicht, nach ihrer Rück-
kehr nicht nur die schwedischen Arbeiter über die gegenwärtige Lage
der Sowjetunion aufzuklären, sondern sich auch dem Standpunkte an-
zuschließen, der durch die englischen und russischen Gewerkschaften
hinsichtlich der nationalen und internationalen Gewerkschaftseinheit
als des einzigen Mittels zur Beseitigung der kapitalistischen Offen-
sive zum Ausdruck gebracht wurde. (‚„‚Trud‘ vom 24, Juli 1925.)

Genau so entschieden äußerte sich die norwegische Delegation:

„Die Gewerkschaften genießen. in der Sowjetunion größere
Autorität in der Arbeitermasse und in ihren Beziehungen zur Staats-
macht als in irgendeinem Lande, Sie nehmen aktiv und unmittelbar
an dem Aufbau der Arbeiter- und Bauernrepublik teil, Die Gewerk-
schaften arbeiten energisch und planmäßig an der Hebung der Lebens-
haltung der Arbeiterklasse.“ (‚„Trud‘ vom 22, November 1925.)

Am ausführlichsten ist der Bericht der englischen Delegation, der
alle Seiten des Staats- und öffentlichen Lebens der USSR. umfaßt,
eingehend die Lage der Arbeiterklasse und die Rolle der Sowjet-
gewerkschaften schildert. Wir entnehmen ihm folgende Stelle:

„Die Delegierten empfingen einen tiefen Eindruck von der

29
        <pb n="32" />
        Stellung und der Tätigkeit der Gewerkschaften unter dem Sowjet--
system, Infolge ihrer weitgehenden Entlastung von ihrer Haupt-
funktion in anderen Ländern, dem Schutz der Arbeiter gegen Aus-
beutung durch die Reichen, der Verhinderung. der Ausnutzung des
Dienstes der Arbeiter zum Wohle des privaten Profits, können die
Gewerkschaften hier sich der Aufgabe widmen, die Arbeiter zu
Staatsbürgern und Herrschern zu erziehen.‘ (Off, Ber, Seite 181.)

Das sind die Aeußerungen der verschiedenen Delegationen, die
dem Leser in Sowjetrußland ganz natürlich erscheinen werden, denn
sie sagen, was tatsächlich ist. Was uns aber als selbstverständlich
erscheint, ist für diejenigen, denen man die Sowjetgewerkschaften
bisher in den düstersten Farben geschildert hat, eine Offenbarung.
Wie gesagt, vor kurzem noch, 1917 bis 1921, leugneten die Führer
der kompromißlerischen Organisationen das Bestehen von Gewerk-
schaften in der Sowjetunion, erkannten sie später unter Vorbehalt an,
beschimpften sie aber die ganze Zeit vorbehaltlos, weil sie „ein Be-
standteil der staatlichen Drosselungsapparates‘‘ sind. Daneben be-
richteten die Mitglieder der Zweiten und der Amsterdamer Inter-
nationale auch noch andere ähnliche, für die Sozialdemokraten „un-
geheuerliche” Tatsachen. Die Delegierten hatten also eine ganz wirre
Vorstellung von den Sowjetgewerkschaften. Der. Charakter, der
Umfang, die Struktur, die Befugnisse, die Arbeitsmethoden der Sowjet-
gewerkschaftsbewegung war für sie etwas Neues, Unerwartetes.

Sie fanden in der USSR. eine kolossale, nach dem Industrie-
prinzip aufgebaute, von einem einheitlichen Willen geleitete Organi-
sation, eine fieberhaft an der Hebung des kulturellen Niveaus ihrer
Mitglieder arbeitende, sich an dem Staats- und Wirtschaftsleben be-
teiligende Organisation. Wie war doch das alles so ganz anders, als
es die sozialdemokratischen Zeitungen geschildert hatten! Sie sahen
die Träume der Gewerkschaften der kapitalistischen Länder ver-
wirklicht. Deshalb ist es ganz natürlich, daß die diesbezüglichen Er-
klärungen der Delegationen einen eindeutigen begeisterten Charakter
tragen. In der Sowjetunion bestehen mächtige, eine außerordentliche
Rolle im Staate spielende gewerkschaftliche Organisationen. Das ist
die Schlußfolgerung, zu der alle Delegierten kommen, wobei sie noch
die Errungenschaften der Verbände in Sowjetrußland auf allen Ge--
bieten betonen,

Die Lage des Proletariats in der USSR.

In den bürgerlichen und sozialdemokratischen Zeitungen und Zeit-
schriften bildet die wirtschaftliche Lage der Arbeiter in Sowjetrußland
das ständige Thema, Politiker, Nationalökonomen, Diplomaten, Führer
sozialdemokratischer Parteien und kompromißlerischer Gewerkschaften
erachten es immer wieder für ihre Pflicht, der Arbeiterklasse ihres
Landes nachzuweisen, daß die kommunistische Revolution zur Ver-
elendung führt. Der Bürgerkrieg, der Hunger und das Elend in den
Jahren 1919 und 1920 sind die unerschöpfliche Quelle der konter-
revolutionären Propaganda. Im Zusammenhang mit dem wirtschaft.

30
        <pb n="33" />
        lichen Wachstum der USSR. und des immer schärfer zutage tretender
schleichenden Uebels im Wirtschaftsleben der kapitalistischen Länder
wurde es jedoch immer schwieriger, das internationale Proletariat mit
den „Leiden der russischen Revolution‘* zu schrecken. Sogar die
weißgardistischen Lieferanten „authentischen‘” Materials sind nicht mehr
imstande, die Tatsache zu widerlegen, daß der Wohlstand der Werk-
tätigen in der USSR. zunimmt. Neuerdings hat man sich jedoch eine
neue „Theorie‘ ausgedacht: Die Sowjetwirtschaft und das Lebens-
niveau der Massen bessert sich gegen den Willen der Bolschewisten
und der Gewerkschaften der Sowjetunion. Aber keiner der „Theo-
retiker‘ hat bisher klar und eindeutig erklären können, was eigentlich
dies „gegen den Willen‘ bedeutet. Nebenbei gesagt, interessieren sich
die Arbeiter sehr wenig für die sozialdemokratischen Analysen, für
sie ist es von Wichtigkeit, daß sich die wirtschaftliche Lage bessert.
und wer daran „schuld‘ ist, das wissen sie sehr gut.

Nach soviel Jahren systematischer Lügennachrichten der bürger-
lichen und kompromißlerischen Presse hat das objektive Zeugnis der
Delegationen nach der USSR. einen besonderen Wert,

Wir beginnen mit dem Berichte der englischen Delegation:

„Mitglieder unserer Delegation, die mit der Delegation von 1920
in Rußland waren, machten uns Mitteilungen, die den grellen Kon-
trast erkennen ließen zwischen der jetzigen Lage dieser Menschen auf
den Stationen und den Verhältnissen zur Zeit ihres vorigen Besuches.‘
(Off, Ber, Seite XVIII,)

„Während ich nicht behaupten kann, daß mich die allgemeinen
Verhältnisse in den Bergwerken befriedigt haben, sind ‚dennoch unter
dem System des Staatseigentums Reformen durchgeführt worden, für
die wir in Großbritannien jahrelang agitieren und die wir noch nicht
durchgesetzt haben.‘ (Off, Ber, S. 228.)

Kategorischer ist die Erklärung der deutschen Arbeiter, deren
wirtschaftliche Lage bedeutend schlechter ist als die der englischen:

„Der russische Durchschnittsarbeiter lebt schon heute nicht
schlechter als der deutsche. Ihm steht zweifellos eine größere Menge
von Lebensmitteln zur Verfügung, Dagegen ist er in bezug auf Woh-
nung und Kleidung dem deutschen Arbeiter gegenüber noch zurück,
Er braucht keine Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen, da dieselben
vom Betrieb getragen werden, Er kann in den großen Schlössern und
Villen seinen Erholungsurlaub verbringen, Die Regierung sorgt für
einen vorbildlichen Arbeiterinnen- und Wöchnerinnenschutz. Die
Kinder erfreuen sich einer besonderen liebevollen Fürsorge und Er-
ziehung im sozialistischen Geist, Der Arbeiter bezahlt erst bei einem
Einkommen von 75 Rubel Steuern, Die Bauern haben das Land der
Großagrarier erhalten. Die Regierung bringt durch den Bau eines
großen Netzes von elektrischen Stationen neue Kultur auf das
Dorf, Kunst und Wissenschaft sind in den Dienst des Proletariats
gestellt, Der russische Arbeiter hat in den letzten Jahren einen un-
geheuren kulturellen Aufschwung genommen, seine politische Schulung
ist gleichfalls sehr‘ hoch, In der Industrie, die gegenüber der deut-
schen infolge der zaristischen Erbschaft zum Teil noch rückständig
und technisch unentwickelt ist, macht sich eine starke Aufwärts-

27
        <pb n="34" />
        entwicklung bemerkbar. Das wichtigste und entscheidendste für die
Lage des russischen Arbeiters ist, daß sich sein Lebensstandard ‚in
den letzten zwei Jahren, wenn auch langsam, doch ununterbrochen
gebessert hat, und daß die Aussichten für die nächste Zukunft außer-
ordentlich günstig zu nennen sind,“ (Aus der Deklaration der deut-
schen Arbeiter-Delegation.)

Die tschechoslowakischen Arbeiter schreiben folgendes:

„Die Sozialversicherung befindet sich auf musterhafter Höhe, die
Krankenunterstützung entspricht unbedingt dem Durchschnittslohn,
Die Invaliden werden mit einer lebenslänglichen Pension in Höhe ihres
früheren Arbeitslohnes versorgt. Auch die anderen Formen der
Sozialversicherung sind durchaus befriedigend, Besondere Fürsorge
genießt die Arbeiterin während der Schwangerschaft und Stillzeit.
Der Arbeiter hat nichts für Sozialversicherung zu zahlen, Die Ab-
gaben hierfür werden vom Staat bzw. von den privaten Betrieben
getragen, Der Achtstundentag wird restlos gewahrt. Bei Arbeit in
gesundheitsschädlichen Betrieben ist, wie für die Jugendlichen, der
Sechsstundentag festgesetzt, Lehrlinge haben nur vier Stunden Arbeit,
während die übrigen vier Stunden bei anständigem Arbeitslohn der
Spezialausbildung gewidmet sind, Diese Ausbildung erfolgt unent-
geltlich. Der Arbeiter wird besteuert, nur wenn er mehr als 75 Rubel
monatlich verdient, - Die Lage der Arbeiter ist in einigen Industrie-
betrieben durchaus befriedigend. Der Durchschnittslohn, insbesondere
der qualifizierten Arbeiter, ist höher als der Durchschnittslohn eines
tschechoslowakischen Arbeiters, Einige Nahrungsmittel sind billiger
als bei uns, während verschiedene Bedarfsartikel teurer sind, so z, B.
Kleidungsstücke und Schuhwerk, Infolge des raschen Tempos des
Wirtschaftsaufschwunges ist eine weitere Besserung in der Lebens-
haltung des russischen Arbeiters zu erwarten, während in den übrigen
Ländern die Lebenshaltung sinkt, (Aus der Erklärung der tschecho-
slowakischen Arbeiter-Delegation.)

Zum Schluß zitieren wir noch eine Stelle aus der Zuschrift einer
englischen Arbeiterin über den Mutter- und Säuglingsschutz in
der USSR::

„Ihre Tätigkeit auf dem Gebiete des Säuglings- und Mutter-
schutzes ist bewunderungswürdig, Auch in England gibt es ver-
schiedene Arten der Versicherung, sie legen sich aber alle mit ihrer
ganzen Last auf die Schultern der Arbeiter, Die Hilfe, die die Sowjet-
gesetzgebung den schwangeren Frauen zuteil werden läßt, indem sie
sie für 4 Monate von der Arbeit befreit, ist eine derartige Ausnahme-
erscheinung, hat uns so sehr überrascht, daß wir ihre Bedeutung nicht
mit einmal erfassen konnten,‘ (Mrs, Aspinall, Mitglied der englischen
Delegation, „Trud‘ vom 22, Mai 1925,)

Wir sehen also, daß die Arbeiterdelegationen die Lage des Sowjet-
proletariats nicht nur nach der Höhe des Lohnes beurteilen, sondern
alle sozialen Errungenschaften der Oktoberevolution (Erleichterungen
und Verbilligung kommunaler Einrichtungen, wie Gas, Wasser,
Elektrizität, Sozialversicherung usw.) berücksichtigen. Andererseits
konnten die Delegationen nicht umhin, festzustellen, daß der Lohn,
wenn auch nur allmählich, so doch ständig steigt. Daraus schluß-
folgern sie ganz. richtig, daß die Lebenshaltung der Arbeiterklasse

32
        <pb n="35" />
        sich auch künftig bessern wird, Charakteristisch ist, daß sogar die
Delegierten, die nach ihrer Rückkehr wieder unter den Einfluß der
sozialdemokratischen Politik gerieten, genötigt waren, zuzugeben, daß
die Lage in der USSR. weit besser ist, als wie sie sie sich vorgestellt
hatten, so Gustav Schüler-Weitmar, dessen Aufsatz im Organ des DMV,
wir folgende Stelle entnehmen:

„Leider konnten wir den Unterschied in der Lebenshaltung der
deutschen und russischen Arbeiter nicht feststellen, Feststellen konnten
wir nur, daß die Arbeiter bei ihren Verdiensten wohl leben, sich aber
nichts anschaffen können,"

Wie man „wohl leben‘ kann, ohne sich etwas anschaffen zu
können, wird wohl das Geheimnis der sozialdemokratischen Ueber-
legung bleiben! Sodann heißt es:

„Die Wohnungsmiete richtet sich nach dem Lohn, Je höher der

Lohn, um so höher die Miete.”

Daran läßt sich scheinbar nichts aussetzen. Der Verfasser ist aber
noch nicht zufrieden, denn irgendein Meister, den er besucht hat und
der 400 Mark monatlich verdient, zahlt für seine Wohnung 110 Mark.
Ferner teilt derselbe Schüler mit, daß die Arbeitszeit überall 8 Stunden
beträgt, für Schwerarbeiter weniger, guteingerichtete Erholungsheime
bestehen, die Sozialversicherung auf breiter Grundlage aufgebaut ist,
daß die Sowjetregierung auf dem Gebiete der Bildung sehr viel getan
hat usw., besinnt sich aber mit einmal, daß eine solche Information
den Führern seiner Sozialdemokratischen Partei eventuell mißfallen
wird und beginnt zu phantasieren:

„Die Freizügigkeit der Arbeiter ist nahezu aufgehoben. Kein
Arbeiter kann und darf nach seinem Belieben die Arbeit niederlegen
und sich eine neue Arbeitsgelegenheit suchen, Er muß einen langen
Antrag stellen, der aber regelmäßig abgelehnt wird ... Ich weiß, daß
durch Aufnahme und Verpflegung einige meiner Mitdelegierten sehr
beeinflußt worden sind, Was sonst noch blieb, wurde von gerissenen
Dolmetschern ins Gegenteil umgekehrt.”

Nachdem Schüler-Weitmar seiner Pflicht als Sozialdemokrat Genüge
getan hat (wir halten es nicht für notwendig, seine Lügen zu wider-
legen, denn „jedem, der niest, kann man nicht Gesundheit wünschen“),
schließt er wie folgt:

„Eins steht aber fest, die russische Regierung versucht mit aller
Kraft, etwas Besseres zu schaffen. Und dazu sind die russischen
Kommunisten andere Kerle als die deutschen Maulaufreißer, die sich
Kommunisten nennen.” .

Hier tritt deutlich der Zwiespalt im sozialdemokratischen Arbeiter
zutage, Von ihm gilt das Wort des Richters: „Zwei Seelen kämpfen
in meiner Brust.” Die eine zieht ihn zur Sowjetunion und zum
sozialistischen Aufbau, die andere zur sozialdemokratischen Theorie
und Praxis. Sein Schwanken ist kennzeichnend, es zeigt, wie der wirt-
schaftliche Aufschwung der USSR. und die Besserung der Lebenshaltung
der werktätigen Massen den mißtrauischsten und uns gegenüber
politisch feindselig eingestellten Männern Bekenntnisse entlockt, die
die Erklärungen der internationalen Sozialdemokratie über die Oktober-
revolution im vollen Sinne des Wortes umstoßen.

3 Warum reisen Arbeiter-Delegationen nach Sowijetrußland?
37
        <pb n="36" />
        Die Einheitsfront und
die Einheit der internationalen Arbeiterbewegung

Die Fühlungnahme mit der Gewerkschaftsbewegung in der Sowjet-
union mußte notgedrungen das Interesse der Delegierten für die Auf-
richtung der Einheitsfront und die Einheit der internationalen Ge-
werkschaftsbewegung stärken, Jeder Arbeiter ist über den Kampf
unterrichtet, der seit Jahren in der Frage der Gewerkschaftseinheit
geführt wird. Daher stellten sich alle Delegationen die Frage: Warum
wollen unsere Gewerkschaftsführer nichts von einer engen Verbindung
mit den Sowjetgewerkschaften wissen? Wie läßt sich ihre feindselige
Einstellung den russischen Verbänden gegenüber erklären? Wie kann
die tatsächliche Einheit der Gewerkschaftsorganisationen der ganzen
Welt hergestellt werden?

Einmal mit diesen Gedanken beschäftigt, mußten sie erkennen,
daß das feindselige Verhalten der sozialdemokratischen und Amster-
damer Führer auf den „nichteuropäischen‘ Charakter unserer Gewerk-
schaften zurückzuführen ist, d. h. daß sie nicht kompromißlerische,
sondern revolutionäre Organisationen sind. Das ist es, weshalb man
mit ihnen den Kontakt nicht aufnehmen und festigen will, weshalb
alle Verhandlungen über die Einheit abgelehnt werden und die Amster-
damer Internationale nichts von ‚der Schaffung einer einheitlichen
Internationale der Gewerkschaften hören will, Aber gerade deshalb
betonen alle Delegationen die Bedeutung und Notwendigkeit der Ein-
heitsiront mit den Sowjetgewerkschaften und der Einheit der Welt-
gewerkschaftsbewegung. Sie sagen, gegen die Offensive des Kapitals,
gegen die Kriegs- und faschistische Gefahr kann nur durch Aufrichtung
der Einheitsfront und Wiederherstellung der internationalen Gewerk-
schaftseinheit angekämpift werden,

„Die Delegation hat erkannt‘, schreiben die tschechoslowakischen
Arbeiter, „daß durch die Verbreitung von Lügenmeldungen über die
Sowjetunion die internationale Arbeiterschaft systematisch irregeführt
wurde, wir werden der tschechoslowakischen Arbeiterschaft nun die
Wahrheit über Eure Lebensverhältnisse berichten und unsere ganze
Kraft einsetzen für die Schaffung der Gewerkschaftseinheit, da dies
für das Proletariat die einzige Möglichkeit ist, sich gegen die Offen-
sive des Kapitals zu schützen, Wir hoffen, daß die hergestellten
brüderlichen Beziehungen dauernd bleiben und uns helfen werden, den
Kapitalismus zu besiegen und den sozialistischen Gedanken zu ver-
wirklichen.‘ („Trud” vom 7, November 1925.)

„Die Voraussetzung eines Erfolges in der Frage der Abwehr der
Kriegsgefahr ist zweifellos die internationale Gewerkschaftseinheit.
Diese Einheit zu schaffen, ist keineswegs eine Unmöglichkeit, wenn
bei allen maßgebenden Instanzen der gute ehrliche Wille vorhanden
ist, Soweit es an uns als deutsche Arbeiterdelegation liegt, werden
wir unseren ganzen Einfluß und unsere ganze Kraft einsetzen, diesem
näher zu kommen und es schließlich erreichen.“ (‚„Trud” vom
28, August 1925,)

„Der Kampf der Bourgeoisie gegen die Sowjetunion bildet nur
einen Teil ihres Kampfes gegen die Arbeiterklasse in allen Ländern

234
        <pb n="37" />
        Um ihm wirksam entgegen zu treten, ist eine internationale gegen-
seitige Unterstützung der Arbeiter ganz anderer Art notwendig als
bisher, Die Gewerkschaftseinheit muß national und international
durchgeführt werden, denn sie ist die Voraussetzung des Sieges des
Weltproletariats,‘ (Zuschrift der schwedischen Delegation, „Trud”
vom 22, Juli 1925.)

„Bei den Arbeitern der Sowjetunion und innerhalb ihrer Ge-
werkschaftsorganisationen ist ein starkes Streben nach Wiederher-
stellung der internationalen Gewerkschaftseinheit zu beobachten, In
den Betrieben und in den zahlreichen Arbeiterversammlungen, denen
wir beiwohnten, kam dies klar zum Ausdruck, Die Arbeit des Zentral-
rates der Gewerkschaften der USSR., die durch das Englisch-
Russische Einheitskomitee durchgeführt wird, begegnet bedeutenden
Hindernissen. Die Delegation erklärt, daß diese Hindernisse als eine
Schande und ein Schade für das gesamte Weltproletariat betrachtet
werden müssen, Die gesamte norwegische Arbeiterklasse unterstüizt
die Einheitsbemühungen des Englisch-Russischen Einheitskomitees,
Die internationale Gewerkschaftseinheit tut not, um mit vereinigten
Kräften die kapitalistischen Angriffe abzuwehren, und um die Ar-
beiterklasse der kapitalistischen Länder zur Eroberung der Staats-
macht auf Grundlage der wirtschaftlichen und sozialen Befreiung, wie
sie durch die Arbeiter und Bauern der Sowjetunion erreicht wurde,
zu veranlassen.” (Erklärung der norwegischen Delegation. ‚„Trud“
vom 22, November 1925.)

Aus allen Erklärungen ist ersichtlich, daß die Arbeiter, die sich
in der USSR. aufgehalten haben, den aufrichtigen Wunsch haben, die
Einheit der internationalen Gewerkschaftsbewegung herzustellen, Wie
dies praktisch geschehen kann, darauf geben sie uns keine Antwort,
weil sie zum Teil noch daran glauben, daß die Amsterdamer Inter-
nationale die einzige Weltorganisation der Gewerkschaften ist, weil
sie nur wenig über die Gewerkschaftsbewegung außerhalb Europas
wissen und eine nur dunkle Vorstellung von der RGI. haben. Das
Englisch-Russische Einheitskomitee ist für sie ein Beispiel der Einheit;
mit welchen Methoden und Mitteln jedoch dieses Komitee und über-
haupt alle Anhänger der Einheit die Schaffung einer einheitlichen
Internationale erreichen werden, darüber ist sich die Mehrheit im un-
klaren, obwohl es auf der Hand liegt, daß eine solche Internationale
nur durch Zusammenschluß der RGI. und Amsterdams unter Heran-
ziehung aller augenblicklich noch außerhalb der beiden Internationalen
stehenden gewerkschaftlichen Organisationen geschaffen werden kann.
Dessenungeachtet ist der Wille zur Einheit bei sämtlichen Delegationen
so stark, daß letzten Endes die richtigen Wege und Methoden zur
Aufrichtung einer einheitlichen, die Gewerkschaften aller Länder, Erd-
teile und Rassen umfassenden Internationale gefunden werden müssen.

Kultur und Proletariat

Ist die Revolution in der USSR. nur eine wirtschaftliche und
politische oder erstreckt sie sich auch auf das Gebiet der Kultur? In
der USSR. hat sich auch dort eine Umwälzung vollzogen. Heute ist
        <pb n="38" />
        das Proletariat der Kulturträger. Die Arbeiter und Bauern lernen
fieberhaft, Arbeit und Wissenschaft haben sich vereint. Dadurch ist
erst der Weg freigelegt für den wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg
des ganzen Landes.

Dem offiziellen Bericht der englischen Delegation entnehmen wir
folgende Stelle:

„Den Arbeitern und Arbeiterinnen wird ohne Rücksicht auf ihren
Beruf jede Gelegenheit und Anregung gegeben, die beste Bildung auf
allen Gebieten der Kunst, Industrie, Wissenschaft oder Literatur zu
erlangen, für die sie Begabung in sich fühlen, Die Resultate, die die
Delegation in allen von ihr besuchten Bezirken feststellte, waren ohne
Zweifel erstaunlich, besonders wenn man in Betracht zieht, daß das
ganze System noch nicht einmal volle drei Jahre in Kraft ist. Viele
dieser Arbeiter hatten keinerlei Absicht, die Fabrik zu verlassen, in
der sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet hatten oder ihr Leben in
irgendeiner Weise zu ändern, Aber die Schulung, die sie in den
Gewerkschaftsschulen und anderen Institutionen erhielten, vermittelte
ihnen eine ganz neue Weltanschauung und machte ihre freien Stunden
zu einem Vergnügen, Andere erhielten auf diesem Wege die Möglich-
keit, eine unbefriedigende, alltäglich gewordene Arbeit aufzugeben,
und sich einem Berufe zu widmen, für den sie Talent und Neigung
empfanden, Ein Bauer oder ein Arbeiter kann durch eigene Energie mit
der Hilfe, die ihm das System bietet, in seinem Berufe aufsteigen oder
eine andere Beschäftigung wählen, Die Anklage gegen unsere Zivili-
sation wegen der vergeudeten schlummernden Talente, die wegen der
fehlenden Möglichkeit, sich Geltung zu verschaffen, oder wegen fehlen-
der Geldmittel sich nicht ausbilden können, scheint unter den Ar-
beitern sehr selten zu werden,‘ (Offizieller Bericht der englischen
Gewerkschaftsdelegation nach Rußland, deutsche Ausgabe, Seite 148.}

„Wir haben uns davon überzeugt, daß die Erziehungsmethoden,
die die Sowjetregierung in ihren neuen Schulen eingeführt hat, dazu
bestimmt sind, die Welt zu erneuern, Nach unserer Rückkehr werden
wir alles aufbieten, um die lügnerischen, haltlosen Gerüchte über die
Sowjetunion zu zerstreuen,' (Vaugheim, „Trud‘ vom 18. August 1925,)

„Im Auslande sagt man, daß das kulturelle Leben der Sowjet-
union im 17, Jahrhundert steckt, Wir sehen aber, daß es im Vergleich
mit anderen Staaten das 21, Jahrhundert durchlebt, Wenn wir die
technisch zurückgebliebene Sowjetunion mit den reichen Bourgeoisie-
ländern vergleichen, so müssen wir unsere Verwunderung über die
kulturellen Errungenschaften der Sowjetunion ausdrücken, West-
europa ist ein totes Museum, die Sowjetunion ist eine lebendige Quelle
der Kultur, (Specht, Lehrer, „Trud‘ vom 19, August 1925.)

„Der Unterschied zwischen dem alten und neuen Rußland ist un-
geheuer, Besonders fällt dies auf in der Kindererziehung, Ihr Russen
habt alle Schwierigkeiten überwunden, die uns noch bevorstehen, ...
Als Pädagoge frage ich: Wie wird bei Euch in der Schule ein Aus-
gleich geschaffen zwischen den alten und neuen sozialen Formen
des Lebens, welches ist die politische VUeberzeugung Eurer Pädagogen,
welchen Platz nehmen die Lehrer in Eurem proletarischen Staate ein?”
(Liroi, Thüringen, „Trud” vom 14, August 1925,)

„Der Eindruck ist überwältigend, Trotz der noch nicht gefestigten
materiellen Lage des Landes werden die Museen {für Kunstschätze

2326
        <pb n="39" />
        ausgebaut, Das zeugt von der ungeheuren Aufmerksamkeit, mit der
die USSR, die Kulturschätze behandelt,’ (Otto Klippel, Dozent an
der Handelshochschule in Nürnberg, ‚„Trud' vom 13. August 1925.)

„Die neue Generation der USSR, ist der Stolz und die Zierde des
Landes, Die pädagogischen Erziehungsprinzipien der USSR. müssen
zum Eigentum der gesamten werktätigen Kulturmenschheit werden.”
(Freiberger, „Trud'‘ vom 26, Juli 1925,)

„Mit besonderem Interesse erfüllten uns die kulturellen Er-
rungenschaften des neuen Rußlands, Wir haben die Einrichtungen
für Mutter- und Kinderschutz, sowie die Kleinkinderheime besucht
und dort vieles, der Nachahmung wertes, gefunden. (Erklärung einer
Gruppe ausländischer Bildungsarbeiter, „Trud“ vom 30. Sep-
tember 1925.)

„In den Klassenstaaten Westeuropas sind die Intellektuellen, ins-
besondere die Lehrer Diener des Kapitals; im proletarischen Ruß-
land sind sie kraft ihrer starken gewerkschaftlichen Organisation Mit-
arbeiter am wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau. Dort wird das
proletarische Kind durch Zwangsmaßnahmen in seiner Entwicklung
gehemmt; hier werden alle Fähigkeiten des Kindes frei entfaltet, Die
Schule des kapitalistischen Staates ist ein Werkzeug zur Unter-
drückung und geistigen Knebelung des Proletariats; die Schule Sowjet-
rußlands ist in engster Zusammenarbeit mit den Jugend- und Kinder-
organisationen ein Mittel zur Erziehung und Befreiung der werk-
tätigen Klasse geworden,‘ (Erklärung der Lehrerdelegation. „Trud”
vom 3, September 1925.)

Das sind die Aussagen der Arbeiter, Lehrer und Wissenschaftler
verschiedener politischer Richtungen. Und wie hat man bisher über
den ‚Vandalismus‘ der Bolschewisten gezetert, was hat man ihnen
nicht alles unterschoben: Plünderung und Brandschatzung der Kirchen,
Museen, Bibliotheken usw.! Nun zeigt sich, daß in Rußland niemand
daran denkt, Bibliotheken niederzubrennen, im Gegenteil, es werden
neue organisiert. Auch Museen werden nicht durch Feuer vernichtet.
Man schafft neue dadurch, daß man bürgerlichen Sammlern und Lieb-
habern Kunstschätze enteignet und sie zum Volkseigentum erklärt.
Möglich, daß dies für den einen oder anderen Sammler schmerzlich
ist, für die werktätigen Massen ist das von Vorteil.

Eins ergibt sich mit aller Deutlichkeit aus den Erklärungen der
ausländischen Delegierten: Der wahre Kulturträger der Menschheit
ist nur das Proletariat. Selbst diejenigen sozialdemokratischen
Arbeiter, die nach ihrer Rückkehr sich gegen die Diktatur aussprachen
und die Menschewisten in Schutz nahmen, mußten anerkennen, daß wir
auf dem Gebiete der Volksaufklärung, auf dem Gebiete des kulturellen
Aufstiegs Ungeheures geleistet haben. Wir wissen natürlich besser
als die Delegierten und jeder andere, welche ungeheuren Massen in
Rußland heute zu neuem, bewußten Leben erwacht sind. Wir wissen,
welch ungeheure Kulturarbeit in der Sowjetunion getan wird. Die
Feststellungen der Delegationen sind, wenn auch einfache, so doch so
überzeugende Tatsachen, daß sie den Arbeitern mehr sagen dürften
über unsere Revolution, als die unzähligen ihr gewidmeten Schriften
und Aufsätze.

7
        <pb n="40" />
        Das Geleit der Delegierten in der USSR. und ihr
Empfang in der Heimat

Alle Delegierten bekamen zu spüren, was es heißt, gegen den
bürgerlich-sozialdemokratischen Strom zu schwimmen. Es gibt über-
haupt keine Verleumdung, die nicht über die Delegationen in die Welt
hinausgeschrien wurde. Der Kampf gegen sie begann lange vor ihrer
Abreise. Faßten Arbeiter den Beschluß, eine Delegation nach der
USSR. zu senden, so konnten die Urheber dieses Gedankens auf un-
zählige Scherereien gefaßt sein. Der Kampf gegen die Delegationen ent-
wickelte sich in folgender Richtung: 1. die bürgerliche Presse versuchte
von den Delegationen das alleinige Veröffentlichungsrecht überlassen
zu erhalten, um eine freie Veröffentlichung ihrer Eindrücke zu ver-
hindern; 2. Ausschlußandrohung der reaktionären Verbände und sozial-
demokratischen Parteien gegen die Teilnehmer an der Rußlandreise*);
3. Beschuldigung der Delegation in ihrer Gesamtheit und einzelner Mit-
glieder der Bestechung.

Als die Drohungen nichts halfen, die Delegationen sich nicht ein-
schüchtern ließen und abreisten, setzte eine unerhörte Hetzkampagne
gegen sie ein. Dazu kamen Entlassungen ihrer Wähler und syste-
matische Entstellung der Tätigkeit der Delegationen. Als erste wurde
die Delegation der britischen Trade Unions unter Feuer genommen.

*) William Green, Vorsitzender des *Amerikanischen Gewerkschafts-
bundes, äußerte sich z, B. wie folgt:

„Wie mir bekannt, sind die Landesverbände und Ortsgruppen in Amerika
aufgefordert worden, zur Bildung eines Fonds beizutragen, der von einer
Kommission organisiert wird, deren Mitglieder sich als Vertreter der Ar-
beiter ausgeben und eine Reise nach Rußland nach dem Muster der eng-
lischen kommunistischen Kommission (!) vorbereiten, die in Rußland weilte,
um später der Welt zu verkünden, daß die Sowjetregierung eine Volks-
vertretung ist,

Die Agitation wird von Kommunisten und mit ihnen sympathisierenden
Elementen geführt.

Gleichzeitig verbreiten die Vertreter der russischen Regierung, die mit
amerikanischen Bankiers Zechgelage veranstalten, ihre Irrlehren in der
Hauptstadt unseres Landes.

Die AFL, hat auf ihrem letzten Kongresse in Atlantic City vom 15, bis
zum 16, Oktober 1925 einstimmig die kommunistische Philosophie und die
russische Diktatur verurteilt,

Der Plan, eine Delegation nach Rußland zu senden; liegt weder im
Interesse der Lohnarbeiter der Vereinigten Staaten, noch des amerikanischen
Volkes in seiner Gesamtheit, Er dient den Interessen weniger Kommunisten,
die bestrebt sind, ihre Macht in Rußland aufrecht zu erhalten und ihren
Einfluß auf die anderen Nationen der Welt auszudehnen, Eine derartige
Kommission vertritt nicht- die Arbeiterbewegung und wird auch nicht von
der AFL, anerkannt werden, Sie wird organisiert im Interesse der Kom-
munisten und widerspricht den Interessen der amerikanischen Arbeiter-
bewegung.

Keine loyale Gewerkschaft wird daher diesen Plan unterstützen oder
Fördern. Unter keinen Umständen dürfen für diese unwürdige Sache Geld-
opfer gebracht werden.“

38
        <pb n="41" />
        Es hat keinen Zweck, die schmutzigen Lügen der bürgerlichen Presse,
die ja nur dazu existiert, um die Arbeiter zu verleumden, hier wieder-
zugeben, als ob die Delegierten persönlich an der Reise nach Rußland
interessiert gewesen wären. Bemerkenswerter ist die Rolle der sozial-
demokratischen Zeitungen im Kampfe gegen die Delegationen und ihre
Versuche, eine Berichterstattung an die Wähler zu verhindern. Sogar
die Zweite und die Amsterdamer Internationale mischten sich ein, indem
sie nicht nur in ihren offiziellen Publikationen, sondern auch in ihren
Sitzungen gegen die englische Delegation und den von ihr veröffent-
lichten Bericht Stellung nahmen. So stand die Frage der britischen
Delegation auf der Tagesordnung der gemeinsamen Vorstandssitzung
der Zweiten und Amsterdamer Internationale im Februar 1925. Die
Creme des internationalen Kompromißlertums, die Mertens, Vander-
velde, Jouhaux, Wels und Oudeegest, stürmten in geschlossener Froni
gegen die Engländer an, weil sie sich anerkennend über die Sowjet-
gewerkschaften, die Einheit der internationalen Gewerkschaftsbewegung
und die USSR., geäußert hatten. Der Sekretär der Zweiten Internationale,
Friedrich Adler, brachte eine Broschüre heraus, in der er den Bericht
der britischen Delegation ein „unehrliches Buch‘ nannte. Die gesamte
sogenannte öffentliche Meinung wurde gegen die englischen Delegierten,
gegen die Ketzer mobilisiert, die es gewagt hatten, die Wahrheit über
die Sowjetunion zu sagen.

Nicht anders lagen die Dinge in Deutschland, der Tschecho-
slowakei, Frankreich usw. Zahlreiche Arbeiter wurden aus der SPD.
ausgeschlossen, weil auch sie das Verbrechen begangen hatten, die
Wahrheit über Sowjetrußland zu berichten. Ja, wenn sie nach ihrer
Rückkehr aus der USSR, den gleichen Unsinn berichtet hätten, wie
der bürgerliche ‚Journalist Henry Berault oder ähnliche hysterische
Aufsätze veröffentlicht hätten, wie die Dozentin für Sexualfragen Emma
Goldmann, dann wäre jeder Delegierte von der Bourgeoisie und Sozial-
demokratie mit offenen Armen empfangen worden. Daß sie aber die
Dinge so schilderten, als ob die Werktätigen in der USSR. noch immer
leben, keine Reue zeigen und keine Sehnsucht empfinden weder nach
der Bourgeoisie noch nach den Menschewisten, das konnte kein recht-
gläubiger Sozialdemokrat ertragen. „Die öffentliche Meinung“ in
Europa und Amerika benötigte ganz bestimmte Nachrichten über
Sowjetrußland - Wer das nicht berücksichtigt, setzt sich den Angriffen
der Feinde der USSR., der Kapitalsdiener, aus. Gegen die zurück-
gekehrten Delegierten bildete sich eine Einheitsfront aus Polizei-
behörden, Unternehmern, der gelben Presse und der Zweiten und
Amsterdamer Internationale, wobei die „Alliierten“ gemeinsam und
einzeln versuchten, das eine oder andere Mitglied für sich zu gewinnen
und gegen die Mehrheit auszuspielen. In einigen Fällen gelang es
auch unseren Gegnern, irgendeinen „Augenzeugen‘“ auf ihre Seite zu
ziehen, Die Tatsache ihrer geradezu rührenden Einmütigkeit in der
Verfolgung der Delegationen erhöhte aber nur das Interesse der Massen
‚an den Delegationen. Das kann kein Sozialdemokrat leugnen. Wohl

39
        <pb n="42" />
        das charakteristischste Zeichen der wachsenden Sympathie der Arbeiter
für die USSR. ist der erbitterte Kampf der Weltreaktion und des inter-
nationalen Kompromißlertums gegen die Versuche der Arbeiter-
delegationen, die Wahrheit über Sowjetrußland zu erzählen, dessen
Kurs an der Weltbörse sehr niedrig steht, was jedoch dem Sowjet-
proletariat und seinem Staate nur zur Ehre gereicht.
Der Kampf um die Wahrheit über die USSR.

Nach ihrer Rückkehr waren die Delegationen in vielen Ländern
vor die Wahl gestellt: entweder zu schweigen oder ohne Rücksicht auf
die Verfolgungen und Einschüchterungsversuche, den Massen über das
von ihnen Gesehene zu berichten. Die überwiegende Mehrheit der
Delegierten scheute vor der Drohung nicht zurück, sondern nahm den
Kampf für die Wahrheit über die USSR auf, den Kampf um das Recht
auf Gewerkschafts- und Betriebsversammlungen referieren zu dürfen, den
Kampf um Preßberichte, um das Recht, die USSR. nicht zu verleumden!
Da, wie gesagt, die zurückgekehrten Delegationen im Mittelpunkte der
Aufmerksamkeit der Massen standen, mußte jeder Teilnehmer über
seine Eindrücke referieren. Die Zahl der abgehaltenen Versammlungen
und ihrer Teilnehmer ist sehr schwer festzustellen. In Deutschland
allein wurden 1500 Versammlungen und Meetings veranstaltet. Be-
rücksichtigt man, daß in den letzten 1% Jahren rund 500 Delegierte
die USSR. besucht haben, so geht man wohl nicht fehl in der Annahme,
daß Millionen Arbeiter unmittelbar von ihren Vertretern Nachrichten
über das ferne und doch so nahe Sowjetrußland erhielten. Es muß
schon gesagt werden: Der Kampf der Arbeiterdelegationen für das
Recht, die Wahrheit zu berichten, gehört zu den lebendigsten Seiten
der Geschichte der Arbeiterbewegung der letzten Jahre. Vergegen-
wärtigen wir uns die geistige Verfassung eines Arbeiters, der zwei Jahr-
zehnte in der sozialdemokratischen Bewegung steht. Er interessiert
sich für die Vorgänge in der USSR. Mit seinem proletarischen Auge
sieht er viele Mängel, er sieht aber gleichzeitig auch, wie überall neues
Leben sproßt, wie sich die sozialistische Wirtschaft entwickelt. Er
vergleicht, was seine Partei, die im November 1918 die Macht in
Deutschland erhielt, aus Deutschland gemacht hat, und was die Bolsche-
wisten nach der Revolution im Jahre 1917 aus dem alten Rußland
gemacht haben. Die Sozialdemokraten mögen sich noch so sehr
wehren, niemand von ihnen kann der Tatsache widersprechen, daß die
Bolschewisten nach 1917 die Macht nicht mehr aus den Händen ge-
lassen haben, die Sozialdemokratie dagegen sie der Bourgeoisie über-
tragen hat. Derselbe Arbeiter sieht, wer der Eigentümer der Fabriken
und Unternehmungen in der USSR. und in seiner Heimat ist. Erinnert
er sich noch der zynischen Offensive des Kapitals, des faschistischen
Bandenunwesens, so kommen ihm noch mehr bittere Gedanken und
Vergleiche. Er kehrt zurück, mit der Absicht, seine Klassenbrüder
über das Gesehene zu unterrichten und erfährt, daß er inzwischen ent-

40
        <pb n="43" />
        lassen ist, daß die bürgerlichen Zeitungen ihn beschimpfen und daß
zudem noch die Partei ihn maßregelt und das Blatt, das er vielleicht
15 Jahre bezieht, ihn als. Schwachkopf oder Halunken bezeichnet.,
Warum fragt er sich? — Wegen der Wahrheit über die USSR. — muß
er sich antworten. Auifs tiefste erregt begibt er sich nun erst recht
zu den Massen, um ihnen nicht nur die Wahrheit über die USSR.,;
sondern auch über die Sozialdemokratie zu erzählen. So machen die
Sozialdemokraten aus jedem Arbeiter einen Kämpfer für die Wahrheit
über die USSR., für die Einheitsfront der Arbeiter mit dem Sowjet-
proletariat. Wer aber für die Einheitsfront mit dem Proletariat in
Sowjetrußland ist, der ist auch für die Einheit der internationalen Ge-
werkschaftsbewegung. So entstanden aus den Delegationen die
Gruppen der Freunde der Einheit, In den Gewerkschaften Belgiens
bildete sich nach Rückkehr der Verbandsdelegierten, der Bekleidungs-
arbeiter Libaers und Cornet, ein linker Flügel, der die Zeitung „L'Unite”
herausgibt und deren Einfluß ständig wächst. Die deutsche Dele-
gation nach der USSR, gibt ebenfalls eine Zeitung „Die Einheit” heraus.
Mit ähnlichen Gedanken tragen sich die übrigen Delegationen. Sie
alle wollen im Interesse der Annäherung zwischen dem Sowjet-
proletariat und dem Proletariat in ihrem Lande praktische Arbeit
leisten. Das ist aber nur möglich durch hartnäckigen Kampf für die
Einheitsfront und die Einheit der internationalen Gewerkschafts-
bewegung. So werden die sozialdemokratischen Massen durch den
Kampf für die Wahrheit in der USSR. in die Bahn gedrängt, die schon
lange von der KI. und der RGI. als einzig richtige erkannt ist, in die
Bahn der Einheit der nationalen und internationalen Gewerkschafts-
bewegung.
Schluss

Das erhöhte Interesse der Arbeitermassen aller Länder an der
USSR., der Strom der Arbeiterdelegationen stellen in der inter-
nationalen Arbeiterbewegung neue ungewöhnliche Erscheinungen dar.
Es liegt kein Grund vor anzunehmen, daß dieser Strom versiegen wird,
im Gegenteil, wir stehen im Anfang eines neuen Ansteigens der Flut.
Daran können die Maßregelungen und Verfolgungen der Delegierten
seitens der Unternehmer und Sozialdemokratie nichts ändern. Sie
erreichen nur, daß jede Reise nach der USSR. zu einem politischen
Ereignis wird. Ein merkwürdiges Land ist doch die USSR. Selbst
Reisende machen dort Politik! Wer kümmert sich darum, daß Per-
sonen oder Gruppen nach Italien usw. reisen. Sie besuchen fremde
Länder, studieren dort das soziale Leben und die Sitten, tragen in ihre
Notizbüchlein Bemerkungen ein und kehren dann in aller Ruhe nach
Hause zurück, Während aber die Angehörigen der besitzenden Klasse
unbehelligt aus einem Lande in das andere reisen, gerät die ganze
Welt in Aufregung, sobald sich ein gewöhnlicher Proletarier nach der
USSR. begibt. Die Spalten der Zeitungen und Zeitschriften füllen sich
mit Nachrichten über dies unerhörte Ereignis. Der Reise der Arbeiter
nach der USSR, wird mehr Aufmerksamkeit gewidmet als den Reisen

a}
        <pb n="44" />
        des Prinzen von Wales und der anderen gekrönten Diener des Kapitals.
Ist nicht die Welt tatsächlich aus den Fugen geraten. . , .

Die Welle der Delegationen wird steigen mit dem wirtschaftlichen
Wachstum der USSR. und dem zunehmenden Wohlstand ihrer breiten
Massen. Je mehr Delegationen nach Rußland kommen, um so fester
werden die Klassenbande zwischen den Arbeitern in Sowjetrußland
und aller Länder, Rassen und Erdteile geknüpft. Jetzt schon be-
schränkt sich der Andrang nach der USSR. nicht mehr auf Europa,
in Japan, den Vereinigten Staaten, Kanada usw. beraten die Massen
über die Entsendung von Delegationen. Besonders groß ist das
Interesse der unterdrückten Völker des Ostens an der russischen Revo-
lution. Doch stößt dort die Bildung einer Arbeiterdelegation auf außer-
ordentliche Schwierigkeiten.

Sehr interessant sind die Reiseeindrücke des polnischen Sejm-
abgeordneten Metla, der gemeinsam mit anderen polnischen Parla-
mentariern nach Rußland kam. Im Gespräche mit dem Korre-
s$pondenten der „Bjelorusskaja Niwa‘ sagte er: „Im besonderen hat
mich die allgemeine Beteiligung am Aufbau überrascht. Alle, mit
denen ‚ich mich unterhielt, bezeichneten dies als eine sie persönlich
angehende Sache, erklärten, daß von dem Erfolg der neuen Ordnung
ihr eigenes Schicksal abhängt. „Wir bauen‘ sagte mir ein Ingenieur
in irgendeinem Betriebe. „Wir zimmern an einem neuen Leben‘ sagen
die Volksschullehrer, „Wir‘“ sagen die Bauern, indem sie die neuen
Argrargesetze erläutern. Ueberall fühlt man, daß der einzelne fest
überzeugt ist, daß er durch seine Beteiligung an dem Aufbau des
Staates für sein persönliches Wohlergehen sorgt.”

Rußland ist nicht Amerika, wo nur die Dollarkönige Rockefeller,
Ford und Morgan von sich sagen können: „Wir“. Hier sind die Herren
die Arbeiter und Bauern, die nicht Für die Kapitalisten und Großgrund-
besitzer, sondern Für die werktätigen Massen die Hände rühren. Das
ist die Erklärung für das Neue, das den polnischen Abgeordneten so
sehr in Erstaunen setzte,

„Haltet Fest, was Ihr errungen habt‘, sagten zwei deutsche Dele-
gierte bei ihrer Abreise aus der Ukraine, Seid überzeugt, Genossen,
keine Macht der Erde wird die werktätigen Massen der USSR. zwingen
können, von dem Wege abzuweichen, den ihr die siegreiche Oktober-
revolution vorgezeichnet hat.

a2
        <pb n="45" />
        z— =
Der vorläufige offizielle Bericht der Delegation
des englischen Gewerkschaftskongresses nach Sowjetrussland.

Bis zur Veröffentlichung des vollständigen Berichts der Delegation
geben wir folgende kurze Uebersicht über unsere allgemeinen Feststellungen:

1. Die sozialen, industriellen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Ruß-
land haben sich ungeheuer gehoben seit dem Besuch der britischen Dele-
gation im Jahre 1920, Mitglieder beider Delegationen und Sachverständigen,
die früher mehrere Jahre in Rußland lebten, sind sich einig über die unge-
heuer schnelle Entwicklung des wirtschaftlichen Wiederaufbaues,

2. Die Stabilisierung der Finanzen Rußlands ist fester als erwartet
wurde. Das Gleichgewicht des Budgets ist fast wiederhergestellt, Die
Produktivität ist im Vergleich zum Vorkriegsstand in einem Grade wieder-
hergestellt, dessen Vergleich mit dem sonstigen Europa sehr zugunsten
Rußlands ausfällt,

3. Die industriellen Unternehmungen haben sich rasch entwickelt, be-
sonders die für elektrische Kraftanlagen und elektrische Artikel, Das hohe
Niveau. der organisatorischen und verwaltungstechnischen Fähigkeiten wie
der Enthusiasmus der Arbeiter unter dem neuen System des Staatseigen-
tums haben tiefen Eindruck auf die Delegation gemacht,

4, Die Wohnungsverhältnisse der Arbeiter bessern sich rasch, Neue
Häuserbaupläne sehen die Errichtung von Musterhäusern vor. Der Bau
dieser Musterhäuser, die besser sind als die, die von der britischen Regierung
für England vorgesehen sind, wird energisch gefördert.

5, Alle Anstrengungen werden gemacht, um das Analphabetentum zu
beseitigen, Viele Gelegenheiten zur Erziehung werden geschaffen, die von
der Regierung und den Gewerkschaftsorganisationen reichlich unterstützt
und energisch gefördert werden.

6, Die Arbeiterklubs, die Alters- und Ferienheime werden ebenfalls
in den Dienst der Erziehung der Analphabeten sowie für Kinder als auch
für Erwachsene gestellt. Der Teil der Arbeiterklasse, der diese Möglich-
keiten nicht benutzt, nimmt rasch ab,

7. Die Verwaltungsbehörden des Sowjetstaates sind wirkungsvoll kon-
trolliert und gut organisiert, besonders die, denen die Mitglieder der Dele-
gation spezielle Aufmerksamkeit widmeten, die staatlichen Anstalten für
Kranken- und* Erwerbslosenversicherung und ärztliche Fürsorge für die
Arbeiter und ihre Angehörigen,

ar
        <pb n="46" />
        8, Die religiösen Anstalten haben volle Freiheit in der Ausübung ihres
Gottesdienstes, Die Mitglieder der Delegation besuchten Kirchen und
Moscheen während des Gottesdienstes, Aber die Kirche hat ihre beherr-
schende Stellung verloren und wird völlig erhalten von freiwilligen Bei-
trägen, Religiöser Unterricht wird weder in Schulen noch in anderen Er-
ziehungsanstalten gegeben,

9. Alle Anstrengungen werden gemacht, um das moralische Leben Ruß-
lands zu heben, Prostitution, Glücksspiele und andere Laster werden schnell
beseitigt durch Erziehungsmaßnahmen und strenge Gesetzgebung des Staates,
= 10, Durch die Schaffung von Arbeiterklubs, Altersheimen, Stätten für
Sport und Körperkultur sichern die Gewerkschaften ihren Mitgliedern die
von ihnen erreichten Errungenschaften, Die Grundlage dafür bietet die
Steigerung der Reallöhne, die von den russischen Arbeitern sehr anerkannt
wird,

Auf viele. andere wichtige Veränderungen werden wir noch in unserem
ausführlichen Bericht zurückkommen, der damit den Beweis liefern wird,
daß die Gewerkschaften und die Arbeiterbewegung durchaus gerechtfertigt
sind in ihrem Verlangen auf politische und wirtschaftliche Anerkennung
Rußlands,

‚Der Bericht wird auch beweisen, daß Millionen neuen Kapitals gut und
sicher angelegt werden können bei der Entwicklung der ungeheuren wirt-
schaftlichen Möglichkeiten Rußlands, Er wird vollständig das Verlangen
der britischen Arbeiterbewegung rechtfertigen, daß Rußland unter der Räte-
herrschaft jetzt die materiellen und moralischen Verhältnisse seiner Be-
völkerung soweit gehoben hat, um ihm einen dauernden Platz unter den
europäischen Nationen zu sichern.

Sekretär: Fred Bramley. Vorsitzender: A. A. Purcell.

18, XIT, 1924,

Die englische Frauendelegation über Russland”).

Das Hauptziel unserer Reise nach Rußland war das Studium der Lebens-
verhältnisse der Frauen und Kinder, Gleichzeitig widmeten wir jedoch
auch den allgemeinen Verhältnissen große Aufmerksamkeit.

Während unseres fast zehnwöchentlichen Aufenthalts in der USSR.
sammelten wir eine Unmenge sehr interessanten Materials, das augenblick-
lich für den offiziellen Bericht, der in 4 bis 5 Wochen erscheinen soll,
gesichtet und bearbeitet wird**), Wir halten es aber für zweckmäßig, vor
seinem Erscheinen eine vorläufige Erklärung über unsere allgemeinen Ein-
drücke zu veröffentlichen,

Nach Untersuchung der Lage in einer ganzen Reihe Fabriken in ver-
schiedenen Teilen der Sowjetrepubliken und persönlichen Unterredungen
mit Arbeitern verschiedener Kategorien aller Industriezweige, sowie mit
Bauern und Landarbeitern (einige dieser Unterredungen werden in unserem
Bericht enthalten sein), können wir, ohne zu schwanken, erklären, daß die
Sowjetregierung nicht nur von der riesigen Mehrheit der Arbeiter und

*) „Daily Herald“ vom 8, Juli 1925. Gekürzt. Uebersetzt aus dem
Russischen,

**) Dieser Bericht ist inzwischen auch in deutscher Sprache erschienen:
Die Frau im neuen Rußland. Münster Verlags: Wien,

ad
        <pb n="47" />
        Bauern in jeder Hinsicht unterstützt, sondern auch von ihnen als ihre
eigene Regierung betrachtet wird,

Gewiß, Rußland befindet sich unter einer Diktatur, jedoch unter der
Diktatur der Arbeiter und Bauern, Die KPR., ist sicherlich ein leitender
Faktor, die Macht liegt aber in den Händen der Arbeiter und Bauern, die
sie durch ihre gewählten Sowjets ausüben,

Die Frau in der Industrie.

Die Frauenarbeit wird zach Möglichkeit in allen Industriezweigen ge-
fördert. Man unterstützt die Frauen in jeder Weise, um ihnen den Aut-
stieg in die Gruppe der hochqualifizierten Arbeiter zu ermöglichen, Für
gleiche Arbeit erhalten sie gleiche Löhne wie die Männer, In den Fach-
schulen für Lehrlinge herrscht zwischen den Jungarbeitern und -Arbeite-
rinnen bestes Einvernehmen.

Die Tätigkeit der Frau in der Industrie wird auch noch dadurch er-
leichtert, daß in den meisten Fabriken Kinderkrippen und Gärten bestehen,
in denen die Mütter ihre Kinder während der Arbeitszeit unbesorgt zurück-
lassen können, Die Kinder werden beaufsichtigt und in den meisten Fällen
unentgeltlich gespeist,

Jede Arbeiterin erhält vor und nach der Entbindung einen bezahlten
zweimonatlichen Urlaub, Ferner erhalten Wöchnerinnen Unterstützung in
bar oder Naturalien (gewöhnlich letzteres) zur Pflege der Kinder usw..
sowie unentgeltliche medizinische Hilfe, Weibliche Büroangestellte und
Kopfarbeiterinnen bekommen gewöhnlich 6 Wochen Urlaub vor und nach
der Entbindung.

Betriebsküchen, Speiseanstalten usw.

Ein charakteristisches Merkmal des Betriebslebens sind die Speise-
räume der Betriebe, in der sowohl die Kinder als auch die Arbeiter selbst
ihr Mittag einnehmen, Die Einrichtung von Speiseräumen resp. Betriebs-
küchen wird durch die Sowjetregierung und die Gewerkschaften als Mittel
zur Befreiung der Frau von den häuslichen Pflichten gefördert, Außerdem
bestehen noch städtische und genossenschaftliche Speiseanstalten, die eben-
falls das Ziel verfolgen, der Arbeiterin die häusliche Bürde zu erleichtern

Die meisten Fabriken besitzen noch Klubs, die eine wichtige Rolle auf
dem Gebiete der Hebung des Kulturniveaus der Arbeiter spielen und ihnen
Abendunterhaltungen bieten, Um den Frauen die Möglichkeit zu geben,
sich an den Bildungszirkeln und Gewerkschaftssitzungen zu beteiligen, sind
besondere Zimmer zur Verfügung gestellt, in denen die Kinder unter Auf-
sicht eines geschulten Pflegepersonals zurückgelassen werden,

Abgesehen von den vielen religiösen und nationalen Feiertagen hat jeder
Arbeiter gesetzlichen Anspruch auf mindestens 14 Tage bezahlten Urlaub,
in den gesunheitsschädlichen und gefährlichen Betrieben auf 4 Wochen.

In dem Rußland der Gegenwart sind die Erholungsheime, in denen
die Arbeiter ihren Urlaub verbringen können, eine interessante soziale Er-
scheinung. Die Erholungsheime sind größtenteils in früheren Schlössern
und Villen der russischen Großfürsten, des Adels und der Bourgeoisie
untergebracht,

Die Kurorte in der Krim, im Kaukasus usw., die früher den Arbeitern
verschlossen waren, sind jetzt mit Bauern und Arbeitern überfüllt. Reise
und Aufenthalt in den Erholungsheimen ist unentgeltlich, obwohl der Ar-
beiter außerdem noch seinen vollen Lohn erhält.

a5
        <pb n="48" />
        Sanatorien.

In Sowjetrußland gibt es zahlreiche Sanatorien und Kurorte {für
Tuberkulose, Nerven-, Herz- und andere Krankheiten, Wir haben viele
Fälle festgestellt, in denen Arbeiter in den Sanatorien und Kurorten wegen
allgemeiner Ueberanstrengung Aufnahme gefunden hatten, Der Aufenthalt
in den Sanatorien dauert gewöhnlich 6 Wochen, wird jedoch in notwendigen
Fällen verlängert. Während der Kur erhalten die Arbeiter ihren vollen
Lohn und unentgeltliche Verpflegung und ärztliche Hälfe,

.. Einige von den Fabriken, die wir besuchten, waren sehr gut eingerichtet,
in den anderen waren die Anlagen veraltet, in den meisten ist man aber
bestrebt, Verbesserungen, wie Ventilatoren und überhaupt alle notwendigen
hygienischen Vorrichtungen einzuführen, um die Gesundheit der Arbeiter
zu schützen,

In vielen Bezirken werden neue, moderne Häuser für Arbeiter und
Bauern gebaut, die im sozialen Leben des Volkes geradezu eine Umwälzung
bedeuten, Gartenstädte nach amerikanischem und englischem Muster
werden aus dem Reingewinn der Industrie gebaut,

Der Wiederaufbauprozeß.

‚Die Sowjetregierung steht nicht nur vor ungeheuren Aufgaben bezüglich
des Wiederaufbaues und der Erweiterung der Industrie und Landwirtschaft,
sondern. auch auf dem Gebiete des Wohnungsbaues, der Volksbildung, des
Gesundheitsschutzes und im besonderen der Bewässerung, Das bisher Er-
reichte beweist aber, daß sich Sowjetrußland auch ohne Hilfe von außen auf
dem Wege zum Wiederaufbau befindet, trotzdem dieser Prozeß zwangs-
läufig nur langsam fortschreitet und von vorübergehenden Entbehrungen be-
gleitet ist,

Würde aber Sowjetrußland die notwendigen Kredite erhalten, so könnten
die großen in England untergebrachten Lieferungsaufträge auf Maschinen
und Fabrikeinrichtungen unseren Arbeitern Beschäftigung verschaffen und
im Interesse des russischen Volkes ausgenutzt werden, Sie würden für die-
jenigen, die die Kredite einräumen, ohne großes Risiko Gewinn bringen.

Die Dankbarkeit den englischen Arbeitern gegenüber.

Zum Schluß möchten wir noch erwähnen, daß die Arbeiter und Ar-
beiterinnen in allen von uns besuchten Teilen der Sowjetunion ihre Genug-
tuung über die moralische und praktische Unterstützung des Kampfes der
USSR. gegen die Blockade und Intervention durch die englische Arbeiter-
klasse zum Ausdruck brachten, Sie schätzen die brüderlichen Beziehungen
zwischen den russischen und englischen Arbeitern im besonderen als ersten
Schritt zur Schaffung der internationalen Einheit der Arbeiterklasse.

M. Qaile. A. Bridge. A. Loughlin. L. A. Aspinall.

Deklaration der französisch-belgischen Delegation *).

„Die französisch-belgische Delegation hat ihre Nachforschungen beendet.
Sie hat einige Republiken der Sowjetunion besucht, Es wurde ihr überall
ein brüderlicher Empfang bereitet, sie wurde überall mit Begeisterung auf-
genommen,

*) Aus, Trud” Nr, 158 vom 14, Juli 1925, Etwas gekürzt wiedergegeben.
— „Trud” (= Die Arbeit), Offizielles Organ des Zentralrates der Gewerk--
schaften der Sowjetunion, (Tageszeitung.)

46
        <pb n="49" />
        Die französisch-belgische Delegation kann hier nicht die Namen aller
jener Funktionäre aufzählen, die bemüht waren, unsere Reise lehrreich zu
gestalten: es gibt ihrer sehr viele, Ihnen allen sprechen wir unsere wärmste
Sympathie und unseren aufrichtigen Dank aus, Die Genossen, die beauftragt
wurden, uns als Uebersetzer zu dienen oder uns von Stadt zu Stadt zu be-
gleiten, haben unsere Mission mit einer Ergebenheit, Aufrichtigkeit und
wahren Kameradschaftlichkeit unterstützt, die wir nie vergessen werden,

Die Funktionäre und Mitglieder der Gewerkschaften der großen Sowjet-
republiken werden begreifen, daß wir in einer kurzen Uebersicht nur allge-
meine Eindrücke und Schlußfolgerungen darstellen können, die noch nicht
als endgültig zu betrachten sind, Wir wollen jedoch, daß unsere Ansichten
über gewisse Fragen bekanntwerden,

Wir haben festgestellt, daß der Gewerkschaftsaufbau in den Sowjet-
republiken auf logisch-durchdachten und gerechten Grundsätzen beruht. Die
Masse der Gewerkschaftsmitglieder entscheidet über ihr eigenes Schicksal,
sie selbst gibt dem Gewerkschaftsaufbau die Richtung und sie selbst löst
alle Fragen der Gewerkschaftsbewegung,

Verschiedene Gewerkschaftsorganisationen, die wir besucht haben,
wenden Arbeitsmethoden an, die unserer Ansicht nach in der Mehrzahl der
Organisationen unserer Länder sehr wünschenswert wären, Ueberall herrscht
Ordnung: jede Auskunft, die gewünscht wird, kann sofort erteilt werden,
dank der guten Methode der Klassifizierung aller Teile des Apparats und
dank jener Pünktlichkeit, mit der die Funktionäre und Angestellten ihre
Obliegenheiten erfüllen.

Die Wandtafeln, die graphischen Darstellungen, die Diagramme, die
Statistiken, verschiedene Broschüren stellen Dokumente dar, die den
weniger erfahrenen Besuchern auch dann als gute Behelfe dienen können,
wenn sie Eure Sprache nicht beherrschen, Sie sind zugleich Stützpunkte,
auf Grund deren wir die Solidität Eurer Gewerkschaftsorganisationen be-
stätigen und ohne Zweifel, ohne Ueberlegung erklären können, daß die
gewerkschaftliche Entwicklung Eurer Verbände in der Zukunft systematisch
vorwärtsschreiten wird,

Wir wünschen aufs wärmste, daß die Hebung des moralischen Niveaus
der Werktätigen Euch sobald als möglich in die Lage bringe, die hie und da
sichtbare Ungleichheit (Erbschaft des alten Regimes), deren Last Ihr noch
immer tragen müßt, zu beseitigen, Wir sind vollständig davon überzeugt,
daß Eure Bemühungen Euch zu diesem Ziele führen werden, und daß Ihr
auch hier den Sieg davontragen werdet,

In verschiedenen Betrieben, die wir besuchten, konnten wir feststellen
daß Ihr oft bei rückständiger Produktionstechnik maximale Resultate erzielt.

Obwohl Ihr durch die ungenügende Entwicklung des Eisenbahnnetzes
an Händen und Füßen gebunden seid, obwohl Ihr Opfer der Gewalttätigkeit
des Weltkapitals seid, habt Ihr ein Wunder vollbracht und Eure nationale
Industrie siegreich wieder aufgebaut trotz des Partisanen- und Bürgerkrieges
und trotz der Blockade.

Wir haben den Eindruck, daß Ihr Eure Bemühungen zum größten Teil
der Industrialisierung der Landwirtschaft widmen müßt, die Euch ermößg-
lichen wird, Mittel zu schaffen zur Sicherung größter industrieller Errungen-
schaften.

na
LA
        <pb n="50" />
        Eure Arbeiter, Eure Ingenieure, Eure Techniker haben große Verdienste
vor der Revolution, und das Proletariat aller Länder empfindet ihnen gegen-
über das Gefühl größter Dankbarkeit,

Wie sollten wir nach‘ der Besichtigung Eurer gewerkschaftlichen und
sozialen Einrichtungen, die die Zierde der Sowjetrevolution darstellen, wie
auch nach der Besichtigung verschiedener industrieller und wirtschaftlicher
Zentren nicht noch entschlossener für die Gewerkschaftseinheit in der
ganzen Welt kämpfen?!

Das ist die wichtigste Frage für uns, Wir wollen nicht mehr die Ver-
antwortung mit jenen teilen, die das große Verbrechen der Spaltungspolitik
verüben. Fehler gab es auf beiden Seiten, Es wurden große psychologische
Fehler gemacht. Es werden noch größere Fehler begangen werden, wenn
der Haß gegen den Imperialismus nicht die brüderliche Einheit aller Pro-
letarier wiederherstellt, Die Zwistigkeiten,  Kränkungen, die alltäglichen
Beleidigungen müssen aufhören. Das erfordert die Einheit der Arbeiter-
Front. Der Kapitalismus unterstützt vielleicht diesen Zustand, da er ihm
Vorteile bringt.

Wir glauben, daß die ungeheure Wichtigkeit dieser Sache in erster Linie
jene Genossen einsehen müssen, die das kapitalistische Regime gestürzt
haben. Wir hoffen deshalb, daß man uns verstehen wird,

Die Einheit erfordert eine langwierige Organisationsarbeit, große An.
strengungen, da der Bürgerkrieg auch auf diesem Gebiet gewütet hat, dies-
mal aber zwischen den Brüdern der gleichen Klasse. Es muß jedoch trotzdem
versucht werden, einander zu verstehen und gemeinsame Schritte zu unter-
nehmen, um sie zu verwirklichen, Das ist möglich, Man muß erreichen,
daß alle Werktätigen dem Einflusse und der Unterdrückung des Kapitalismus
entrissen werden, man muß die ganze Erniedrigung der Einrichtung des Ver-
kaufes der Arbeitskraft zum Verschwinden bringen, Wir müssen einander
die Hände reichen und ein Minimalprogramm finden, wir müssen das gemein-
same Ziel erreichen: die Weltrevolution, das Verschwinden des Kapitalismus,
den Triumph der allmächtigen Arbeit,

Morgen werden wir alle an dieser schönen und idealen Sache arbeiten.
Morgen werden wir in unseren Ländern zu Aposteln der aufrichtigen und
endgültigen Einheit werden,

Russische Genossen! Helft uns mit allen Euren Kräften, von ganzem
Herzen, im Geiste der größten Geduld und Gerechtigkeit. Und wehe den-
jenigen, die dann den Weg zur Einheit zu versperren versuchen werden.
Wer immer sie auch sein und wo immer sie sich auch befinden mögen. Die
Geschichte der Arbeiterklasse wird sie gänzlich verurteilen, nachdem wir
sie mit einer einzigen Bewegung hinwegfegen werden.

Es lebe Arbeiterrußland!

Es lebe die allmächtige Arbeit!

Es lebe die Befreiung des Weltproletariats durch Aufhebung der Lohn-
arbeit und Vernichtung des Kapitalismus!

Moskau, 10. Juli 1925,

Die Französisch-belgische Arbeiterdelegation:
E. Cazonet, J. Cenis, Campion, Lievens, W. Peters, J. Eggerinck,
Verkest, Lecrenier, Roger, Ciboulet, Hom.

48
        <pb n="51" />
        Erklärung der schwedischen Arbeiterdelegation *)
Genossen!

Die schwedische Arbeiterdelegation, die aus Vertretern aller politischen
Richtungen der schwedischen Arbeiterbewegung besteht — hundert Mit-
glieder der Delegation wurden von verschiedenen Gewerkschaftsorgani-
sationen gewählt — wünscht vor ihrer Abreise, Euch ihre herzlichste Dank-
barkeit für den vorzüglichen Empfang, den Ihr uns bereitet habt, zum Aus-
druck zu bringen,

Jene kurzen Tage, die wir im ersten Arbeiter- und Bauernstaat ver-
bracht haben, werden wir nie vergessen, Wir kamen’ zu Euch, nicht als
Richter, nicht, um in kleinlicher Weise mit argwöhnischen Blicken kleine
Fehler zu suchen, wir kamen, getrieben von brennendem Interesse, um die
Lage in der Sowjetunion möglichst genau zu studieren, um den Kampf der
russischen Arbeiter und Bauern persönlich aus der Nähe zu sehen, Unsere
diesbezüglichen Bestrebungen wurden von Euch in der entgegenkommendsten
Weise unterstützt. Ueberall hatten wir freien, ungehinderten Zutritt, überall
erhielten wir die gewünschten Auskünfte. Unsere Beobachtungen zusammen-
fassend, stellen wir fest:

1. Die russischen Arbeiter haben nicht nur die Expropriateure expro-
priiert, sondern auch die unbegrenzte Möglichkeit bewiesen, ihr eigenes Land
im Interesse des Arbeitervolkes zu verwalten, Seitdem die konterrevolutio-
nären Banden, die das Weltkapital unterstützte, zerschlagen wurden und der
innere Aufbau begonnen werden konnte, hat sich die wirtschaftliche Lage
stabilisiert, und die Volkswirtschaft schreitet ununterbrochen vorwärts,
Diese Entwicklung ist am besten an der gegenwärtigen Lage der Arbeiter be-
merkbar. Außer dem ununterbrochenen und merklich raschen Steigen des
Arbeitslohnes übertrifft auch der kulturelle und sozialistische Aufbau jede
Erwartung. Natürlich bedeutet das nicht, daß Ihr schon am Ziele seid,
Natürlich bleibt noch .viel zu arbeiten übrig, Die Arbeiter und Bauern der
Sowjetunion stehen vor der großen Aufgabe: den ersten sozialistischen
Staat der Welt aufzubauen. Obwohl wir genau wissen, mit welchen
Schwierigkeiten dies für die Sowjetunion verbunden ist, die von einem ganzen
Netz kapitalistischer Staaten umgeben ist, und die schwere Erbschaft der
Vergangenheit auf den Schultern der Arbeiter lastet, sind wir dennoch über-
zeugt davon, daß Ihr Euer großes Ziel erreichen werdet,

2. Die Sowjetunion ist das Zentrum der revolutionären Kräfte der
ganzen Welt, Die Bourgeoisie weiß das. Deshalb ist sie angesichts der stets
wachsenden Macht des Arbeiter- und Bauernstaates mit allen Mitteln be-
strebt, auf das Wirtschaftsleben der Sowjetunion einzuwirken,

Die neue Interventionspolitik ist ein Glied in der Kette dieser Be-
strebungen der Bourgeoisie, Es ist unbedingte Pflicht der Arbeiterklasse
der ganzen Welt, alle verbrecherischen Versuche der Kapitalisten auf-
merksam zu verfolgen. Der geringste Versuch der imperialistischen Länder,
sich in die Angelegenheiten der Sowjetunion einzumischen, muß mit allen
Mitteln verhindert werden, Die schwedische Arbeiterdelegation wird ihre
diesbezügliche Mission erfüllen und die Lage vor der schwedischen Ar-
beiterklasse beleuchten, Die Stellungnahme des internationalen Proletariats
muß nicht nur in den Worten „Hände weg von Sowjetrußland‘, sondern auch
in einer aktiven Unterstützung der russischen Arbeiter zum Ausdruck
kommen.

*) „Trud” Nr, 167 vom 24, Juli 1925,

4 Warum reisen Arbeiter-Delegationen nach Sowjetrußland?
a0
        <pb n="52" />
        3, Die Arbeit der russischen Gewerkschaften ist für die Arbeiterklasse
von gänzlich unschätzbarem Werte. Die Gewerkschaften arbeiten mit den
Grundsätzen einer weitgehenden Demokratie, sie sind äußerst volkstümlich,
sie besitzen große Autorität und großen Einfluß in allem, was das Leben
in den Sowjetrepubliken angeht, Aus all dem ist ersichtlich, daß die ge-
werkschaitlich organisierten Arbeiter überall eine ebenso einflußreiche
Stellung ihrer Gewerkschaften anstreben müssen.

4. Die schwedische Delegation hält es für ihre Pflicht, nach ihrer Heim-
kehr nicht nur die schwedische Arbeiterschaft über die gegenwärtige Lage
der Sowjetunion aufzuklären, sondern sich auch dem Standpunkte anzu-
schließen, der durch die englischen und russischen Gewerkschaften hin-
sichtlich der nationalen und internationalen Gewerkschaftseinheit, als des
einzigen Mittels zur Beseitigung der kapitalistischen Offensive, zum Aus-
druck gebracht wurde.

Moskau, 23, Juli 1925.

Im Namen der schwedischen Delegation:
Kilbom (Kommunist), Gustav Larsen (Sozialdemokrat),

Karl Erikson (Sozialdemokrat), Sten (Sozialdemokrat).
Antwort der deutschen Arbeiterdelegation auf das Schreiben
der Menschewiki.

Werte Genossen!

Den Empfang Eures geehrten Schreibens bestätigend, teilen wir Euch
mit, daß wir mit einer farbigen Brille nach Rußland gekommen sind, Wir
haben uns alle Mühe gegeben, ja, wir haben uns förmlich dazu gedrängt,
in alle möglichen Dinge Einblick zu nehmen; niemand hat uns gehindert,
ohne jede Vorbereitung hat man uns bereitwilligst die Tore geöffnet und
wir haben vieles gesehen, nur etwas haben wir nicht gesehen, das seid Ihr.
Ihr schreibt uns im Namen aller Parteiorganisationen; wir fanden sie nicht.
Habt Ihr kein Vertrauen zu uns, Euren verbundenen Genossen? Und da,
wo wir Euch suchten und auch fanden, da hattet Ihr aufgehört, zu bestehen,
Wir versuchten aber ‚dennoch, Eure Anregungen und Hinweisungen zu
prüfen; wir müssen aber ehrlich sagen, wir fanden nirgends eine Bestätigung
Eurer Angaben. Auf unserer weiten Reise fanden wir keinen einzigen
Menschen unter den vielen Hunderttausenden, der Eure Ansichten vertrat.
Ueberall, auch in den Gefängnissen, hatten wir freie Bahn, Wir trafen
Menschewiki, wir trafen Sozialrevolutionäre, aber keiner konnte außer Frei-
heitsberaubung über Unerträglichkeiten Klagen vorbringen, Im Gegenteil
erfreuten sie sich einer großen Bewegungsfreiheit, Mit ziemlicher Spannung
traten wir die Reise-nach Tiflis an, Wir hörten von Quälereien und
Schikanen, welchen die dortigen Genossen ausgesetzt wären, Wie war es
aber! Wir lassen die Genossen selbst reden:

Genosse Andronikaschwili erklärte, die Behandlung sei eine gute, man
könnte gegen niemand klagen. Die verhängten Strafen seien gerecht, man
wolle Frieden‘ mit der Union, ein weiterer Kampf sei zwecklos. Das Ge-
fängnis war wirklich, wenn man deutsche Getängnisse in den Vergleich zieht,
gemütlich.

Genossen, wollt Ihr Euch daran erinnern, was Eure Genossen in Sibirien,
in der Peter-Pauls-Festuns und in der Schlüsselburg erduldeten,

50
        <pb n="53" />
        Eine Zusammenkunft mit Menschewiki, welche sich in Tiflis möglich
machte, brachte eine Aussprache, die keinen Glauben an demokratische Mög-
lichkeiten offenbarte. Man ist dort nicht mehr der Meinung, daß die Ar-
beiterschaft durch Demokratie etwas erreichen könnte. Auch die Bauern,
Deutsche wie Grusinen, sprachen ihr Mißfallen über die demokratische Herr-
schaft aus; das jetzt herrschende System wird von ihnen mit Begeisterung
angenommen,

Deutschland liefert auch ein lebendiges Beispiel, Die November-Er-
rungenschaften sind durch die Demokratie abgebaut worden, nur die Bour-
geoisie und nicht die Arbeiterschaft hat gewonnen, In Rußland hat die
Arbeiterschaft die Macht in den Händen. Wir geben zu, daß manches nicht
soczialistisch ist, aber die Bahn ist gelegt und wenn alle Kräfte, welche es
ernst meinen mit der Arbeiterklasse, daran bauen, so ist die Entfernung vom
sozialistischen Staat nicht mehr weit. Mit den Mitteln aber, wie Ihr gedenkt,
die Sache zu ändern, dienet Ihr nicht Euch, sondern der kapitalistischen
Gemeinschaft,

Gewiß gibt es in den westeuropäischen Staaten augenblicklich keine
andere Möglichkeit, als die demokratischen Methoden zu unterstützen, aber
auch für diese kann es kein anderes Ziel geben, als die sozialistische Ge-
meinschaft. Der Kampf zwischen den Arbeiterparteien in diesen Ländern
ist ein Unglück für die Arbeiterklasse und festigt nur das Bollwerk der
bürgerlichen Partei, Wir billigen auch als Sozialisten die dortige kommu-
nistische Taktik nicht, aber auch dort muß die gemeinsame Bahn für die
ökonomische Umbildung der Gesellschaft gefunden werden,

Aus allem, was wir aus Eurem Schreiben gefunden haben, konnten wir
nur dialektische Methoden erkennen, die Euch und der Klasse, die Ihr zu
vertreten angebt, nichts nützen, Stellt Eure Arbeitskraft dem russischen
Proletariat zur Verfügung, reiht Euch ein in die gemeinsame Arbeiterfront,
dann wird Euch die Geschichte des Sozialismus dankbar sein,

Moskau, den 20, August 1925,

Mit sozialistischem Gruß
Die sozialdemokratischen Mitglieder der ersten deutschen Arbeiterdelegation,
gez. Hermann Mehle, Xaver Freiberger. Bennewitz,
Deklaration der deutschen Arbeiterdelegation.
An die Arbeiter und Bauern Sowjetrußlands*).

Ehe wir den Boden des ersten proletarischen Staates der Geschichte
verlassen, sprechen wir Euch für den brüderlichen Empfang und die uns
gewährte Gastfreundschaft den herzlichsten Dank aus, Wir fühlen uns
verpflichtet, Euch kurz zu schildern, welche Eindrücke wir während unseres
Aufenthaltes in Sowjetrußland gewannen und welche Schlußfolgerungen wir
daraus ziehen,

Genossen! Wir haben Rußland sechs Wochen lang in seinen wichtigsten
industriellen und landwirtschaftlichen Gebieten durchreist und dabei das
Ziel unserer Reise selbst bestimmt, Es gab nichts, worüber uns nicht bereit-
willigst Auskunft erteilt worden wäre, Die Auffassung, die bei unserer
Abfahrt in Deutschland verbreitet wurde, als würde der Delegation nur
das für die russische Regierung wünschenswerte gezeigt werden, hat sich
als völlig irrig erwiesen, Einige der Delegierten waren der russischen

*) „Trud' vom 28, August 1925.

517
        <pb n="54" />
        Sprache mächtig, außerdem haben wir mit vielen Deutschen persönliche
Aussprache gehabt, Ein großer Teil der Delegation stand Sowjetrußland
skeptisch gegenüber, Zu tief saß das Gift der Lüge, welches in Deutsch-
land durch die antibolschewistische Presse verbreitet wurde,

Die entscheidende und für die deutsche Arbeiterklasse wichtigste Frage
war die: Ist Sowjetrußland wirklich ein Staat, in welchem die Prinzipien
von Marx und Engels in die Tat umgesetzt sind; hat die Arbeiterklasse
wirklich die Macht in den Händen oder übt eine kleine Clique eine Diktatur
über ein Millionenvolk aus?

Die Delegation ist nach sehr gründlichem, oft 16stündigem Studium am
Tage, trotz der verschiedenen Parteizugehörigkeit der einzelnen Delegierten,
zu der einmütigen Auffassung gekommen, daß die deutsche Arbeiterklasse
von Rußland ein absolut falsches Bild hat, daß sich Rußland tatsächlich
auf dem Wege befindet, das Ziel unserer Altväter des Sozialismus zu ver-
wirklichen, daß die Arbeiterklasse wirklich die Macht in den Händen hat
und daß sie politisch die *reieste Arbeiterklasse der ganzen Welt ist, und
daß sich der Wirtschaftsaufbau unter Anteilnahme breiter Arbeitermassen
in der Richtung zum Sozialismus vollzieht. Die so viel gehaßte Diktatur
des Proletariats ist in Wirklichkeit eine wahre Arbeiterdemokratie, die sich
sehr wohltuend von den sogenannten Demokratien der Westländer abhebt.

Die Arbeiter, Bauern, Ingenieure, Techniker, Lehrer und Wissenschaftler
stehen in ihrer überwältigenden Mehrheit hinter dem Sowjetsystem und der
jetzigen Regierung. Darum kann es auch gar nicht anders sein, Nun, die
Arbeiter besitzen wirklich. den starren Achtstundentag (wöchentlich
46 Stunden) und die Jugendlichen und die Arbeiter der gesundheitschäd-
lichen Betriebe arbeiten nur sechs Stunden täglich, Wo in der Welt kann
eine Arbeiterklasse das gleiche aufweisen?

Die Betriebsräte haben großen Einfluß auf alle die Arbeiterschaft be-
rührenden Fragen, Gemeinsam mit den roten Direktoren arbeiten sie am
sozialistischen Aufbau der Wirtschaft, Der russische Durchschnittsarbeiter
lebt schon heute nicht schlechter als der deutsche. Ihm steht zweifelsohne
eine größere Menge von Lebensmitteln zur Verfügung, Dagegen ist er in
bezug auf Wohnung und Kleidung dem deutschen Arbeiter gegenüber noch
zurück, Er braucht keine Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen, da die-
selben vom Betrieb getragen werden, Er kann in den großen Schlössern
und Villen seinen Erholungsurlaub verbringen, Die Regierung sorgt {für
einen vorbildlichen Arbeiterinnen- und Wöchnerinnenschutz, Die Kinder
erfreuen sich einer besonderen liebevollen Fürsorge und Erziehung im
sozialistischen Geist, Der Arbeiter bezahlt erst bei einem Einkommen von
75 Rubel Steuern. Die Bauern haben das Land der Großgrundbesitzer
erhalten, Die Regierung bringt durch den Bau eines großen Netzes von
elektrischen Stationen neue Kultur auf das Dorf, Kunst und Wissenschaft
sind in den Dienst des Proletariats gestellt, Der russische Arbeiter hat in
den letzten Jahren einen ungeheuren kulturellen Aufschwung genommen,
seine politische Schulung ist gleichfalls sehr hoch, In der Industrie, die
gegenüber der deutschen infolge der zaristischen Erbschaft zum Teil noch
rückständig und technisch unentwickelt ist, macht sich eine starke Auf-
wärtsentwicklung bemerkbar.

Das wichtigste und entscheidenste für die Lage des russischen Arbeiters
ist, daß sich sein Lebensstandard in den letzten zwei Jahren, wenn auch
langsam, so doch ununterbochen gebessert hat und daß die Aussichten für
die nächste Zukunft überaus günstige zlı nennen sind,

57
        <pb n="55" />
        Rußland ist ein Land, welches ein Sechstel der ganzen Erdoberfläche
bedeckt, Es reicht von den Gefilden des ewigen Eises bis zu den Palmen-
wäldern am Schwarzen Meer, Es besitzt große wirtschaftliche Entwick-
lungsmöglichkeiten, dazu benötigt es Zehntausende von qualifizierten Fach-
arbeitern, Riesengroß ist der Bedarf an Maschinen aller Art für Schwer-
und Leichtindustrie. Gewaltige Mengen von Maschinen werden für die im
Bau begriffenen elektrischen Stationen benötigt. Riesige Reichtümer liegen
noch unerschlossen in der Erde. Die Landwirtschaft hat auf Jahre hinaus
einen enormen Bedarf an landwirtschaftlichen Maschinen und Ackergeräten.
Sie produziert schon heute einen großen Ueberschuß an Getreide. Die
deutschen Junker schnüren den deutschen Arbeitern den Hungerriemen
immer enger, Was liegt für den deutschen Arbeiter näher, als ein Aus-
tausch der landwirtschaftlichen Produkte Rußlands und der hochindustriellen
Erzeugnisse Deutschlands, und ein enges politisches und wirtschaftliches
Bündnis zwischen der deutschen und der russischen Arbeiterklasse. Ein
solcher Zustand würde für beide von großem Vorteil sein. Dieser Block
könnte der ganzen kapitalistischen Welt trotzen.

Es ist selbstverständlich, daß in demselben Maße, wie Rußland wirt-
schaftlich erstarkt und die Sympathie der Arbeiter für Rußland wächst,
auch der Haß der gesamten kapitalistischen Welt gegen den ersten Arbeiter-
staat sich steigert. Die Hoffnung der Kapitalisten auf einen Wirtschafts-
zusammenbruch Rußlands ist in Anbetracht der harten Tatsachen auf den
Nullpunkt gesunken, Um so mehr nimmt der Gedanke, Rußland durch eine
militärische Intervention niederzuschlagen, in den letzten Monaten bei den
verschiedenen imperialistischen Mächtegruppen neue konkrete Gestalt an.

Kann die deutsche Arbeiterklasse vor diesen Dingen die Augen ver-
schließen? Wir glauben nicht, Mit dem Schicksal Sowjetrußlands ist das
Schicksal der Arbeiterklasse der ganzen Welt verbunden. Wir halten es
deswegen für unsere heiligste Pflicht, die in Rußland gewonnenen Eindrücke,
die großen sozialen und politischen Errungenschaften der russischen Ar-
beiter den Arbeitern der ganzen Welt vor Augen zu führen und sie zu
mobilisieren, damit sie schon den Versuch, die Arbeiter in ein neues Völker-
morden hineinzuhetzen, im Keime ersticken, Wir sind der festen Ueber-
zeugung, daß eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen erfolgreichen
Abwehrkampf gegen die drohende Kriegsgefahr die Herstellung einer ein-
heitlichen Gewerkschaftsinternationale ist. Wir konnten uns davon über-
zeugen, daß die russische Arbeiterklasse nichts sehnlicher wünscht als eine
enge gewerkschaftliche Einheitsfront mit den Arbeitern der westlichen
Länder. Wir zweifeln nicht daran, daß der Gedanke der gewerkschaftlichen
Einheit auch in den Herzen der deutschen Arbeiter tiefe Wurzeln schlagen
wird, zumal die deutschen Arbeiter in den Jahren nach der Revolution ein
ungeheures Lehrgeld bezahlen mußten. Die Methoden der Arbeitsgemein-
schaft, der Zusammenarbeit mit dem Unternehmertum, haben die Arbeiter-
front zersplittert und die Reaktion in Deutschland erstarken lassen. Die
Wirtschaftskämpfe der deutschen Arbeiter sind in den letzten Jahren zum
großen Teil verlorengegangen, Der deutsche Arbeiter verdient nur 50 Proz,
des Lohnes eines englischen, Er muß für die Kapitalisten aller Länder die
Kriegsschulden aufbringen.

Was liegt für den deutschen Arbeiter näher, als der einheitlichen Welt-
offensive der Unternehmer eine einheitliche Front der Arbeiter entgegen-
zustellen, Die Arbeiter können von den Unternehmern viel lernen, Mögen
die Unternehmer im gegenseitigen Konkurrenzkampf noch so heftige Gegner

5.3
        <pb n="56" />
        sein, sie sind sich einig in dem Augenblick, wo es gegen die Arbeiterklasse
geht, Es muß deshalb heiligste Pflicht eines jeden klassenbewußten Ar-
beiters sein, der Zersplitterung der Arbeiterbewegung entgegenzuwirken und
für eine Verschmelzung der beiden Gewerkschaftsinternationalen zu
kämpfen. Die russische Arbeiterklasse hat der deutschen ein Vorbild ge-
geben, wie stark die Arbeiterklasse ist, wenn sie einig ist. Aber nicht nur
aus wirtschaftlichen Gründen ist der Zusammenschluß der Arbeiter eine
Notwendigkeit. Die kapitalistische Wirtschaftsform, in der ein verhältnis-
mäßig kleiner Teil den Mehrwert der Arbeit als Parasiten genießt, ist ge-
schichtlich dem Untergang geweiht. Aber keineswegs wird der Kapitalismus
ohne weiteres seine Privilegien preisgeben, Er wird irgend einmal ver-
suchen, denjenigen Staat, in welchem das Parasitentum beseitigt, in diesem
Falle das proletarische Rußland, als seinem größten Gegner, wie auch die
größte Gefahr für seinen weiteren Bestand, mit Gewalt in das kapitalistische
System wieder einzufügen. Der Kapitalismus ist sich klar darüber, daß mit
dem weiteren wirtschaftlichen Erstarken Sowjetrußlands auf der Grundlage
des sozialistischen Aufbaues, die Hoffnung und Sehnsucht und der damit
verbundene Wille der Proletarier aller Länder, das gleiche zu erreichen
immer stärker und dadurch die Unterwerfung immer aussichtsloser wird.
Deshalb ist die Kriegsgefahr gegen Sowjetrußland keine Utopie, sondern in
unmittelbare Nähe gerückt. Wir fühlen uns als deutsche Arbeiterdelegation
verpflichtet, die Proletarier aller Länder auf diese Tatsache hinzuweisen,
Die Voraussetzung eines Erfolges in der Frage der Abwehr dieser Kriegs-
gefahr ist zweifellos die internationale Gewerkschaftseinheit, Diese Einheit
zu schaffen, ist keineswegs eine Unmöglichkeit, wenn bei allen maßgebenden
Instanzen der gute ehrliche Wille vorhanden ist, Soweit es an uns als
deutsche Arbeiterdelegation liegt. werden wir unseren ganzen Einfluß und
unsere ganze Kraft einsetzen, diesem Ziele näherzukommen und schließ-
lich zu erreichen,

Zum Schluß rufen wir Euch zu:

Es lebe Sowjetrußland!
Es lebe die Einheitliche Gewerkschaifts-Internationale!
Es lebe die soziale Revolution!
Auf Wiedersehen!
Erste deutsche Arbeiterdelegation.
Il. A; Xaver Freiberger. Hans Beck. Thomas Staudt.
Deklaration, abgegeben von der Delegation
der Lehrer-Internationale *).

Am Ende unserer Studienreise, die wir als Delegation der Internationale
des Travailleurs de l’Enseignement auf Einladung der russischen Bildungs-
arbeiter durch die Sowjetunion unternommen haben, drängt es uns, allen
zu danken, die uns diese Reise ermöglicht und uns die Einrichtungen des
ersten Arbeiter- und Bauernstaates der Welt, besonders seinen wirtschaft-
lichen, politischen und kulturellen Aufbau, gezeigt haben,

*) Die Delegation der Lehrer-Internationale übergab unter Führung
des Genossen Clement vor ihrer Abreise aus der Sowjetunion am 17, Sep-
tember 1925 dem Zentralkomitee des Verbandes der Bildungsarbeiter die
hier abgedruckte Deklaration, Am 25, September schlossen sich unter
Führung des Genossen Porto die noch verbliebenen Mitglieder der Dele-
gation dieser Deklaration an,

54
        <pb n="57" />
        Wir betonen ausdrücklich, daß uns alles gezeigt wurde, was wir zu sehen
wünschten,

Bei unserer Fahrt durch die USSR. studierten wir zahlreiche Einrich-
tungen, die der Erziehung der jungen Generation für den heutigen Sowjet-
staat und die künftige Gesellschaft dienen. Von den Schutzmaßnahmen {für
die werdende Mutter bis zur Universität und den Bildungseinrichtungen für
die Erwachsenen, von den Kinderkrippen bis zu den Erholungsheimen und
Sanatorien für erholungsbedürftige und kranke Arbeiter, Wir sahen Schulen
aller Art, Kinderkolonien, Jugendheime, Arbeiter- und Frauenklubs, Wir
lernten die Bildungsarbeit in der Roten Armee und die Maßnahmen zur Be-
kämpfung des Analphabetismus kennen. Wir besuchten Museen, Kinos,
Bibliotheken, Fabriken und Kurorte, die ganz der Erholung der Arbeiter
dienen. Durch Vorträge bei Gewerkschaften und Behörden, besonders bei
den Bildungsabteilungen der verschiedenen Sowjetstaaten, wurden wir über
Organisation, Aufbau und Programm des Erziehungswesens unterrichtet,
Durch Aussprachen mit führenden Pädagogen erhielten wir Einblick in die
Gedanken der russischen Pädagogik.

Mit besonderem Interesse erfüllte uns die proletarische Jugend-
bewegung und die großzügige Organisierung der Kommunistischen Jugend
und Pioniere,

All das Gesehene hat uns mit größter Bewunderung erfüllt, Wohl
fanden wir auch Mängel, aber sie beruhen nicht auf dem System oder auf
der Unfähigkeit der jungen Sowjetrepublik, sondern sie sind darauf zurück-
zuführen, daß die Sowjetunion noch arm und die Zeit des wirklichen Auf-
baues nur kurz ist. Wir sind aufs äußerste überrascht von der Fülle und
dem Umfang des bereits Erreichten,

Nirgends in der Welt besitzt der Arbeiter und Bauer so weitgehende
politische Rechte und wirtschaftliche Freiheiten wie in Sowjetrußland,
Nirgends existieren so vollkommene Fürsorgemaßnahmen für Mutter und
Kind wie hier, Nirgends bestehen so zahlreiche Bildungsmöglichkeiten für
die werktätige Klasse, Kein kapitalistischer Staat gewährt der Frau die
tatsächliche Gleichberechtigung mit dem Manne, die in Sowjetrußland ver-
wirklicht ist. In allen kapitalistischen Ländern werden die nationalen
Minderheiten unterdrückt; in Rußland, dem Lande der Arbeiter und Bauern.
ist durch die Befreiung aller Nationalitäten die Entwicklung ihrer kulturellen
Eigenart gewährleistet. In den Klassenstaaten Westeuropas sind die
Intellektuellen, insbesondere die Lehrer, Diener des Kapitals; im prole-
tarischen Rußland sind sie kraft ihrer starken gewerkschaftlichen Organi-
sation Mitarbeiter am wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau, Dort wird
das proletarische Kind durch Zwangsmaßnahmen in seiner Entwicklung
gehemmt; hier werden alle Fähigkeiten des Kindes frei entfaltet, Die
Schule des kapitalistischen Staates ist ein Werkzeug zur Unterdrückung
und geistigen Knebelung des Proletariats; die Schule Sowjetrußlands ist in
engster Zusammenarbeit mit Jugend- und Kinderorganisationen ein Mittel
zur Erziehung und Befreiung der werktätigen Klasse geworden,

Wir sind zu der Ueberzeugung gekommen, daß alle diese Errungen-
schaften nur unter dem Sowjetregime verwirklicht werden konnten, |
Befreiung der Arbeiter und Bauern,

Befreiung der Frau,

Befreiung des Kindes und der Schule,

Befreiung der unterdrückten Nationen,
das sind die sichtbarsten Erfolse der Sowjetherrschafft.

55
        <pb n="58" />
        Die Diktatur des Proletariats ist nicht, wie ihre böswilligen Feinde
behaupten, die Gewaltherrschaft einer kleinen Minderheit über und gegen
die Masse der Arbeiter und Bauern, sondern die Bestimmung des eigenen
Geschickes durch die breiten Arbeiter- und Bauernschichten selbst,

Wenn wir in das alte Europa zurückkehren, werden wir als unsere
größte Aufgabe betrachten, dem Lügenfeldzug gegen Sowjetrußland mit
allen Mitteln entgegenzuwirken und die Wahrheit über das proletarische
Rußland zu verbreiten,

Das westeuropäische Proletariat wird die Errungenschaften der russi-
schen Klassengenossen nur erobern in engstem Zusammenschluß der Hand-
und Kopfarbeiter aller Länder.

Es lebe die Einheitsfront der Werktätigen aller Länder!

Es lebe die Einheit der Bildungsarbeiter der Welt!

Moskau, den 17. September 1925,

Elly Janisch (Berlin). Albin Tenner (Weimar).

H. Clement (Luxemburg). M. Van de Mortel (Belgien).

Clement (Luxemburg). J. Boyer (Frankreich).

Jeley (Frankreich), Otto Klippel (Erlangen).

Karl Ellrich (Thüringen). Blutte (Frankreich).

Frangcon (Frankreich). Cesar Porto (Portugal),

Karl Rössger (Gotha), Wulans (Frankreich).

Aufruf der tschechoslowakischen Arbeiterdelegation
an die Arbeiter und Bauern der Sowjetunion ”).

Genossen! Wir kamen hierher zu dem Zweck, den ersten proletarischen
Staat in der Welt kennenzulernen und uns zu überzeugen, unter welchen Be-
dingungen in diesem Staat die Arbeiterklasse lebt.

Dank der brüderlichen Unterstützung Eurer Organisationen konnten
wir im Laufe von sechs Wochen einen erschöpfenden Einblick in die ver-
schiedensten Gebiete Eures sozialen, wirtschaftlichen und Kulturlebens tun
und verschiedene Teile Eures Riesenreiches kennenlernen, Wir konnten
alles sehen, was wir wollten, konnten jeden sprechen, der uns interessierte,
und begegneten dabei keinerlei Hindernissen. Wir danken für den herz-
lichen Empfang und die Gastfreundschaft.

Die Sowjetunion ist ein Staat, in dem die Arbeiterklasse im Bunde mit
der Bauernschaft regiert. Infolge des revolutionären Umsturzes sind im
sozialen und wirtschaftlichen Leben Rußlands gewaltige Aenderungen vor-
gegangen. Während in den bürgerlichen Staaten das Finanz- und Indu-
striekapital ein entscheidender Faktor ist, behaupten in der Sowjetunion
die Sowjets eine dominierende wirtschaftliche Stellung und durch die
Sowjets die Arbeiterklasse, in deren Händen die gesamte Großindustrie,
der Verkehr, die Banken und der Außenhandel liegen, Für das Privat-
kapital bleibt nur der Handel und die Kleinproduktion übrig, wobei die
Sowjetmacht den Privathandel durch Unterstützung des Genossenschafts-
wesens verdrängt,

Die Bemühungen der Sowjetmacht sind vor allem auf den Wiederaufbau
und die Vervollkommnung der Industrie und der übrigen Wirtschaft ge-
richtet. Auf diesem Wege begegnet die Sowjetmacht großen Hindernissen,

*) „Trud” Nr. 205 vom 7, November 1925,

56
        <pb n="59" />
        namentlich infolge Vorherrschens landwirtschaftlicher Zurückgebliebenheit
und vom Kapitalismus überlieferter Industrie, die durch den imperialisti-
schen und den Bürgerkrieg zerrüttet wurde,‘ Die russischen Arbeiter ver-
stehen diese Hindernisse und arbeiten aufopferungsvoll am Wiederaufbau
der Volkswirtschaft, Alte Betriebe werden konzentriert und modernisiert,
gleichzeitig werden neue geschaffen, Ein großzügiges Elektrifizierungs-
programm wird verwirklicht. Die gesamte Volkswirtschaft wird durch den
Staat einheitlich planmäßig geleitet.

Während noch in den Jahren 1920/21 ein Wirtschaftszerfall zu ver-
zeichnen war, brachten die letzten vier Jahre einen gewaltigen Fortschritt,
der zum Unterschied von Hochkonjunkturen unter dem Kapitalismus gleich-
zeitig eine wirkliche Besserung in der Lage der Arbeiterschaft, eine Er-
höhung der Arbeitslöhne sowie Schaffung von Arbeitersanatorien, Kinder-
krippen, Klubs usw. brachte. In den kapitalistischen Ländern geschieht der
Wirtschaftsaufbau auf Kosten der Arbeiterschaft, ihrer Löhne und ihrer
sozialpolitischen Errungenschaften, Maßgebende genaue Daten zeigen, daß
im Jahre 1926 300000 Arbeiter in den Sowjetbetrieben neu eingestellt
werden sollen. Somit sinkt die Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenfürsorge
ist unvergleichlich höher gestellt als in kapitalistischen Ländern.

Die Sowjetwirtschaft ist noch nicht eine vollkommen sozialistische Wirt-
schaft, obgleich viele Branchen sich in bedeutendem Maße sozialistischen
Formen genähert haben, Als ganzes betrachtet ist die Sowjetwirtschaft eine
Uebergangsstufe zur reinen sozialistischen Planwirtschaft. Wenn die inter-
nationale Arbeiterschaft sich ihrer Pflichten gegenüber der Sowjetunion
bewußt sein, eine bewaffnete Intervention gegen die Sowjetunion nicht zu-
lassen wird, wenn ein Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen
der Sowjetunion und den übrigen Sowjetstaaten bestehen wird, so wird die
Verwirklichung der sozialistischen Wirtschaft beschleunigt.

Schon jetzt ist das russische Proletariat klassenbewußt genug, um eine
Wiederkehr kapitalistischer Wirtschaftsformen nicht zuzulassen. Die
russischen Gewerkschaftsorganisationen sind nicht nur Organe zum Schutz
der Arbeiterinteressen und zur Hebung des Lebensniveaus der Arbeiter-
schaft, sondern sie sind ausschlaggebende Teilnehmer am staatswirtschaft-
lichen und sozialpolitischen Leben, an der Gesetzgebung, an der geistigen
und körperlichen Erziehung der Arbeiterjugend. Die Betriebsräte sind
wirkliche entscheidende Faktoren in den Betrieben, ihre Befugnisse sind
weitaus größer als in allen übrigen Ländern, Gemeinsam mit den roten
Direktoren sorgen die Betriebsräte für eine richtige Wirtschaftsleitung und
für die Respektierung allgemeiner volkswirtschaftlicher Interessen. Die
Betriebsratswahlen vollziehen sich vollkommen frei, unter Teilnahme aller
Arbeiter, Der Betriebsrat verantwortet sich über jede Handlung vor der
Arbeiterschaft,

Die Sozialversicherung befindet sich auf musterhafter Höhe, die;
Krankenunterstützung entspricht unbedingt dem Durchschnittslohn. Die
Invaliden werden mit einer lebenslänglichen Pension in Höhe ihres früheren
Arbeitslohnes versorgt, Auch die anderen Formen der Sozialversicherung
sind durchaus befriedigend. Der Mutterschaftsschutz für Arbeiterinnen,
insbesondere die Entlohnung Schwangerer, sind in einer in der kapitalisti-
schen Welt unbekannten fortschrittlichen Weise geregelt. Der Arbeiter hat
nichts für Sozialversicherung zu zahlen. Die Abgaben hierfür werden vom
Staat bzw. von den privaten Betrieben getragen, Der Achtstundentag wird
restlos gewahrt. Bei Arbeit in gesundheitsschädlichen Betrieben ist, wie
für die Jugendlichen, der Sechsstundentag festgesetzt, Betriebsschüler

57
        <pb n="60" />
        haben nur vier Stunden Arbeit, während die übrigen vier Stunden bei an-
ständigem Arbeitslohn der Spezialausbildung gewidmet sind, Diese Aus-,
bildung erfolgt unentgeltlich. Der Arbeiter wird besteuert, nur wenn er
über 75 Rubel monatlich verdient.

Die Lage der Arbeiter ist in einigen Industriebetrieben durchaus be-
iriedigend, Der Durchschnittslohn, insbesondere der qualifizierten Arbeiter,
ist höher als der Durchschnittslohn eines tschechosloiwakischen Arbeiters.
Einige Lebensmittelprodukte sind billiger als bei uns, während verschiedene
Bedarfsartikel teurer sind. Infolge des raschen Tempos des Wirtschafts-
aufschwunges ist eine weitere Besserung in der Lebenshaltung des russischen
Arbeiters zu erwarten, während in den übrigen Ländern die Lebenshaltung
sinkt,

Die Sowjetregierung verwirklicht das Riesenwerk der Aufklärung unter
den unter dem Zarismus ungebildet gebliebenen Volksmassen; sie hat große
Errungenschaften in der Bekämpfung des Analphabetentums zu verzeichnen.
Abgesehen von dem weitverzweigten, auf dem neuen Arbeitsprinzip beruhen-
den Schulsystem, verwirklicht die Sowjetregierung durch Gewerkschafts-
und Parteiorganisationen, durch zahlreiche Arbeiterklubs, Zirkel und Biblio-
theken eine große Kulturarbeit,

Die Abbüßung von Gefängnisstrafen hat nichts mit dem bürgerlichen
Gefängnisregime gemein: Die Häftlinge haben Arbeitsmöglichkeit, die
Arbeit wird nach den gewerkschaftlichen Tarifsätzen entlohnt, die Bauern
bekommen einen zwei- bis dreimonatlichen Urlaub für Landarbeiten, die
bedingte Verurteilung und vorzeitige Haftentlassung werden sehr geübt,

Die Lösung des Nationalitätenproblems in der Sowjetunion kann als
Muster für die ganze Welt betrachtet werden: Jede Völkerschaft genießt
Autonomie und die volle Möglichkeit allseitiger selbständiger wirtschaft-
licher und kultureller Entwicklung, die Verfassung der Sowjetunion garan-
tiert jeder Nationalität das Recht und die Möglichkeit, aus der Union aus-
zuscheiden, Von nationaler Unterdrückung ist keine Rede, in den Aemtern,
in den Schulen und vor den Gerichten wird die Sprache der örtlichen Be-
völkerung angewandt,

Die Delegation hat erkannt, daß durch die Verbreitung von Lügen-
meldungen über die Sowjetunion die internationale Arbeiterschaft syste-
matisch irregeführt wurde. Wir werden der tschechoslowakischen Arbeiter-
schaft nur die Wahrheit über Eure Lebensverhältnisse melden und unsere
ganzen Kräfte einsetzen für die Schafung der Gewerkschaftseinheit. Wir
hoffen, daß die hergestellten brüderlichen Beziehungen dauernd bleiben
und uns helfen werden, den Kapitalismus zu besiegen und den sozialistischen
Gedanken zu verwirklichen,

Gezeichnet: Klement Bogumil, Vorsitzender; Wilhelm Bachmann, W. Brett-
schneider, Emil Dörfler, Edwin Neuhauser, Florian Schenk, Emil Wunderlich,
Josef Tatirek, W. Minartschik, R. Doleschalow, Joroslaw Krasl, Kolski
Josef — Sekretär der Delegation —, F. Stepanek, Josef Hawriger, Janos
Ztibor, Boguslaw Kasper, Musil, Weinfurter, L. Neslar, Anton Waschinowski,
Watzlaw Kopetzki, Emil Laske.
Aufruf der tschechoslowakischen Arbeiterdelegation
an die Werktätigen Sowjet-Transkaukasiens.

Wir haben Eure Länder besucht, um nachzuprüfen, inwieweit die Be-
hauptungen der internationalen bürgerlichen Presse und ihrer Gehilfen über
ein angebliches Terrorregiment‘ in Georgien und über angebliche Miß-

58
        <pb n="61" />
        handlungen antisowjetistischer Elemente in den Gefängnissen. usw. zutreffen.
Wir halten es für unsere proletarische Pflicht, die Ergebnisse unseres Auf-
enthaltes in den transkaukasischen Sowjetrepubliken öffentlich zusammen-
zufassen und unsere Stellungnahme gegenüber diesen Pressebehauptungen
festzulegen,

Wir hatten durch nichts beschränkte Bewegungstreiheit, besuchten Fa-
briken, Werkstätten, Klubs, Schulen, Dörfer und Arbeiterversammlungen
und unterhielten uns mit Arbeitern, Bauern, Gewerkschaftlern und Re-
gierungsmitgliedern, hatten fagelange Gespräche mit den verurteilten
Führern des antisowjetistischen Aufstandes im Jahre 1924, mit Sozialdemo-
kraten, Nationaldemokraten und Sozialrevolutionären und hatten lange
Diskussionen mit ehemaligen Mitgliedern der Menschewistenpartei, die nun-
mehr mit der Sowjetmacht zusammenarbeiten,

Ueberall überzeugten wir uns davon, daß die Arbeiter- und Bauern-
schaft Sowjet-Transkaukasiens die schwer errungene Freiheit fest in ihren
Händen hält, Die Regierungen aller dieser nationalen Republiken bestehen
aus Arbeitern und Bauern der betreffenden Nationalität, die ebenfalls sämt-
liche politische Institutionen leiten und Direktoren der Fabriken sowie
Leiter der wirtschaftlichen Institutionen usw, sind, Jeder Arbeiter fühlt
sich als Besitzer des Betriebes, in dem er arbeitet, und ist deshalb in jeder
Weise bestrebt, die Produktion wie den gesamten volkswirtschaftlichen
Stand des Landes zu heben,

Wir sind zu der Ueberzeugung gelangt, daß das georgische Volk ebenso
wie alle die Sowjetunion bevölkernden Nationalitäten die vollste Selbständig-
keit in jeder Hinsicht genießen, und daß die Nationalitätenfrage in einer
Weise gelöst ist, wie es nur in einem sozialistischen Staate möglich ist.
Von irgendeiner Bedrängung der nationalen Minderheiten ist keine Spur,
vielmehr trägt das russische Volk, das volkswirtschaftlich, kulturell und
zahlenmäßig stärker ist, zur allseitigen materiellen und kulturellen Ent-
wicklung der unter der zaristischen Herrschaft unterdrückten und zurück-
gebliebenen nationalen Minderheiten bei und hilft ihnen, gleichwertige Mit-
arbeiter in der Sache des Aufbaues der neuen sozialistischen Welt zu
werden,

Die tendenziösen Informationen der bürgerlichen Presse über angebliche
Bedrängung der nationalen Minderheiten und über angeblichen Terror eines
Häufleins Kommunisten über die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung
sind boshafte Verleumdungen zum Zwecke der Vorbereitung einer be-
waffneten Intervention gegen die Sowjetunion zur Eroberung ihrer Natur-
schätze. Die Kommunistische Partei genießt das unbeschränkte Vertrauen
der Massen und verwirklicht die Politik der Volksmehrheit, das heißt, der
Arbeiterschatt und der Bauernschaftt.

Auf sozialem Gebiet hat das transkaukasische Proletariat solche Er-
rungenschaften, von dem es unter bürgerlichem und menschewistischem
Regime nicht einmal träumen konnte. Auf wirtschaftlichem Gebiete haben
wir eine fieberhaft intensive Tätigkeit beobachtet, die nicht nur zur Er-
reichung des Vorkriegsstandes der Volkswirtschaft geführt hat, sondern auch
auf die Errichtung neuer Fabriken und elektrischer Kraftanlagen gerichtet
ist, die mit den besten Werken moderner europäischer Technik konkurrieren
können, Mit der Entwicklung der Industrie verbessern sich auch die Lebens-
bedingungen der Arbeiterschaft, steigt der Arbeitslohn. Besonders ge-
waltigen Umfang hat der Bau von Arbeitersiedlungen und der Ausbau von
Kulturinstitutionen angenommen, Intellektuelle, Gelehrte haben die weitest-
gehende Möglichkeit zur Anwendung ihrer Kenntnisse,

59
        <pb n="62" />
        Die Sowjetunion bedeutet eine gewaltigen Schritt vorwärts und wird
in nächster Zeit Wegweiser für alle unterdrückten Völker der Welt werden,
Euer junges sozialistisches Land hat noch viele Feinde, vor allem aus-
ländische Kapitalisten und die unter ihrem Einfluß stehenden politischen
Parteien. Zu diesen Feinden zählen wir auch die Reste der Sozialdemo-
kraten, der Nationaldemokraten und der SR. usw., die (16 Mann) im Tiflisser
Gefängnis ihre Strafe abbüßen, Es muß gesagt werden, daß das Geftäng-
nisregime in Tiflis im Vergleich zum tschechoslowakischen eher an ein
Sanatorium als an ein Getlängnis erinnert.

Wir Sozialisten erklären, daß wir nichts mit diesen Leuten gemeim
haben können und daß sie uns ebenso Fernstehen wie die Kapitalisten, da
sie nicht der rechte Flügel der Arbeiterbewegung, sondern der linke Flügel
der Bourgeoisie sind, was ihre früheren Gesinnungsgenossen aus den Reihen
der Arbeiterschaft richtig erkannt haben, die zum marxistischen Weg zurück-
gekehrt sind und sich entschieden von allen im Auslande befindlichen
Feinden der Sowjetunion losgesagt haben, Für uns sozialistische Arbeiter
war derjenige Augenblick unserer achtstündigen Unterhaltung mit den in-
haftierten Führern des bewaffneten Aufstandes gegen die Sowjetmacht aus-
schlaggebend, als ihr Führer, der Fürst Andronikaschwili, dem Führer der
nationaldemokratischen irüheren Fabrik- und Gutsbesitzerpartei, Kawa-
schischwili, sagte, er möge in seinem Namen und im Namen der Menschewiki
die Unterhaltung mit uns über die Verhältnisse unter dem menschewisti-
schen Regime in Georgien fortsetzen,

Für die internationale Arbeiterbewegung sind diese Leute gestorben.
Sie waren für das georgische Proletariat viel gefährlicher als der Kapita-
lismus, und das georgische Proletariat war im Recht, als es sie auf dem
Wege zum Sozialismus beseitigte,

Das freie Transkaukasien geht mit festen Schritten vorwärts, Die
Intrigen der internationalen Bourgeoisie zerschellen an dem festen Bund
der Arbeiter und Bauern. Wir schätzen besonders hoch Eure mächtigen
Gewerkschaftsverbände, die ein entscheidender Faktor im Wirtschaftsleben
Eures Staates und die beste Schule für den Sozialismus sind, Wir sehen,
daß Ihr Euch als Mitglieder der großen internationalen Proletarierfamilie
betrachtet und daß Ihr deshalb stets die Notwendigkeit der Vereinigung aller
Gewerkschaftsorganisationen in einem mächtigen Weltverband betont, der
als Waffe des Kampfes gegen das internationale Kapital die Voraussetzung
des Sieges werden sollte. Es lebe die Sowjetunion als erstes sozialistisches
Land der Welt!

Moskau, 4, November 1925,

Gezeichnet: Tatirek, Kaspar, Dörfler, Bachmann, Minartschik, Bodowa,
Kopetzki, Waschinowski, Krasl, Pezlar, Laske, Wunderlich.
Erklärung der norwegischen Arbeiterdelegation”)

An die Arbeiter und Bauern der Sowjetunion.

Die norwegische Arbeiterdelegation, bestehend aus 13 Vertretern aller
politischen Richtungen der norwegischen Arbeiterbewegung und gewählt aut
Grund eines Beschlusses des Norwegischen Gewerkschaftskongresses drückt
für die brüderliche Gastfreundschaft ihren herzlichen Dank aus, Wir be-
suchten viele Städte, Gebiete, zahlreiche Industriebetriebe, Arbeiterklubs,

*) „Trud” Nr. 267 vom 22. November 1925.

50
        <pb n="63" />
        Schulen, Krankenhäuser und Sanatorien und hatten zahlreiche Unterredun-
gen mit Gewerkschaftsfunktionären. Diese sowie die Sowjetbehörden kamen
uns als Freunde und Klassengenossen entgegen und gewährten uns die un-
eingeschränkte Möglichkeit, alle gewünschten Betriebe und Institutionen
zu besuchen sowie beliebige Aufklärungen über die Verhältnisse und den
Aufbau der Organisationen zu erhalten.

Die norwegische Arbeiterdelegation zieht folgende Schlüsse aus dem
Besuch in der Sowjetunion:

Erstens arbeiten alle Organe der Sowjetmacht gemeinsam mit den Ge-
werkschaften und den politischen und genossenschaftlichen Organisationen
der Arbeiterklasse energisch an der Wiederherstellung der wirtschaftlichen
Macht, die infolge des Weltkrieges und der großen Revolution Einbuße
erlitt. Diese Wiederaufbauarbeit in Landwirtschaft, Verkehr und Handel
entwickelt sich rasch. Wir konnten feststellen, daß die Arbeiter in sämt-
lichen Betrieben, denen wir begegneten, ausnahmslos an dem Aufbau der
Industrie lebhaft interessiert sind und alle Kräfte diesem Werke widmen,
‘Im Zusammenhang damit hebt sich das Lebensniveau der Arbeiterschaft,

Zweitens verwirklichten die russische Arbeiterklasse und die Bauern-
schaft die gewaltige Aufgabe der Eroberung der Macht von der Bourgeoisie.
Es gelang ihnen, diese Macht zu behaupten und alle Feinde des Sowjet-
systems niederzuwerfen,

Wir stellten ebenfalls fest, daß die letzte Aufgabe, der Aufbau der
sozialistischen Gesellschaft, ihrer Lösung näherrückt, Diese Arbeit wurde
erst begonnen, aber schon jetzt werden die Produktion, der Handel, die
Finanzen, «die Ein- und Ausfuhr planmäßig geführt, und überall besteht
der Wille zur Schaffung der Ordnung und Sicherheit im wirtschaftlichen
und sozialen Leben, was viel verspricht. Während in den kapitalistischen
Ländern das Finanz- und Industriekapital die gesamte Macht in seinen
Händen hat und in Politik und Wirtschaft herrscht, sind in der Sowjetunion
die Arbeiter und Bauern am Ruder des Staates und vollbringen das Helden-
werk der Verbesserung der Lage der Arbeiterklasse. Wir beobachteten die
Riesenarbeit der Hebung der Arbeitsproduktivität. Neue Maschinen werden
installiert, neue Fabriken gebaut, die Elektrifizierung des Landes schreitet
rasch fort, und es liegt im Interesse der Arbeiterklasse der ganzen Welt,
daß diese Arbeit ohne Störung und Einmischung seitens der kapitalistischen
Mächte gedeihen möge.

Jeder Angriff auf die Sowjetmacht ist ein Angriff auf die Arbeiter-
klasse und muß mit allen Mitteln abgewehrt werden,

Drittens stellt die Delegation die zwei wichtigsten Ergebnisse der sieg-
reichen Revolution fest: Das Wachstum der Arbeiter- und Bauerngenossen-
schaftsbewegung und der Gewerkschaften der Arbeiter. Letztere umfassen
bereits absolut und relativ eine größere Arbeiteranzahl als die Gewerk-
schaften irgendeines anderen Landes.

Die Gewerkschaften genießen in der Sowjetunion größere Autorität in
der Arbeitermasse und in ihren Beziehungen zur Staatsmächt als in irgend-
einem Lande, Sie nehmen aktiv und unmittelbar an dem Aufbau der Ar-
beiter- und Bauernrepublik teil. Die Gewerkschaften arbeiten energisch
und planmäßig an der Hebung der Lebenshaltung der Arbeiterklasse, Die
Delegation ist tief davon überzeugt, daß sich die wirtschaftliche und sozial-
politische Linie der Tätigkeit der Gewerkschaften mit den Interessen des
werktätigen Volkes in voller Uebereinstimmung befindet, Der aus einem
kapitalistischen Lande eintreffende Arbeiter weiß die Bemühungen zur

Gi
        <pb n="64" />
        Besserung der Wohnungsverhältnisse, zum Ausbau des Mutterschafts- und
Säuglingsschutzes, der Arbeitersanatorien, des Arbeitslosen- und Invaliden-
schutzes, ebenso wie die Riesenarbeit der Arbeiterklubs und auf dem Gebiete
der Körperkultur gebührend zu würdigen. Auf sozialem und kulturellem
Gebiete vollbringen die Gewerkschaften eine Riesenarbeit, die für die Ge-
werkschatten aller Länder mustergültig sein kann.

Viertens stellt die Delegation fest, daß bei den Arbeitern der Sowjet-
union und innerhalb ihrer Gewerkschaftsorganisationen ein starkes Streben
nach Wiederherstellung der internationalen Gewerkschaftseinheit zu beob-
achten ist. In den Fabriken und in den zahlreichen Arbeiterversammlungen,
denen wir beiwohnten, kam dies klar zum Ausdruck, Von 23 Gewerk-
schaftsverbänden der Sowjetunion ist nur der Verband der Lebensmittel-
industrie einer entsprechenden internationalen Vereinigung angeschlossen,
während den übrigen Gewerkschaften der Sowjetunion der Weg zu ihren
Internationalen versperrt ist,

Die Arbeit des Zentralrates der Gewerkschaften in der USSR.,, die im
Englisch-Russischen Einheitskomitee durchgeführt wird, begegnet bedeuten-.
den Hindernissen, Die Delegation erklärt, daß diese Hindernisse als eine
Schande und ein Schade für das gesamte Weltproletariat betrachtet werden
müssen. Die gesamte norwegische Arbeiterklasse unterstützt die Einheits-
bemühungen des Englisch-Russischen Einheitskomitees. Die internationale
Gewerkschaftseinheit tut not, um mit vereinigten Kräften die kapitalistischen
Angriffe abzuwehren und um der Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder
zur Eroberung der Staatsmacht auf Grundlage der wirtschaftlichen und
sozialen Befreiung, wie sie durch die Arbeiterschaft und Bauernschaft der
Sowjetunion erreicht wurde, zu verhelfen.

Fünftens wird die norwegische Arbeiterdelegation einen vollständigen
Bericht über ihre Eindrücke und Betrachtungen über die Sowjetunion aus-
arbeiten, in der gesamten norwegischen Arbeiterpresse veröffentlichen und
den Gewerkschaftsorganisationen der anderen Länder zuschicken, Auf
diesem Wege hoffen wir, die brüderliche Verbindung zwischen den Gewerk-
schaftsorganisationen in diesen Ländern zu stärken und zu ihrem Anschluß
an das Englisch-Russische Einheitskomitee und zur Schaffung der Einheit
der internationalen _Gewerkschafttsbewegung beizutragen,

Erklärung der dänischen Gewerkschaftsdelegation *).

In dem Augenblicke, da die Delegation, die aus Vertretern dänischer
Gewerkschaften besteht, die Sowjetunion zu verlassen im Begriffe ist, fühlen
sich alle ihre Teilnehmer verpflichtet, sowohl dem Zentralgewerkschaftsrate
der Sowjetunion als auch allen örtlichen Organen den herzlichsten Dank
für den warmen Empfang und die kameradschaftliche Gastfreundschaft aus-
zusprechen, die der Delegation überall zuteil wurden, wo sie sich befand,
angefangen von der finnischen Grenze bis hinunter nach Baku und Tiflis.

Die Delegation spricht, den zentralen und örtlichen Staatsbehörden ihren
Dank für die Bereitschaft aus, mit der sie der Delegation die Möglichkeit
zum Bekanntwerden mit allen unter ihrer Führung befindlichen Unter-
nehmungen gewährten, Dank dieser Bereitwilligkeit waren wir imstande,
jene Kenntnis und jene Eindrücke zu gewinnen, die für die Einschätzung
der Lage der Sowjetunion von außerordentlicher Bedeutung sind.

Die Delegation hatte die Möglichkeit, sich mit eigenen Augen in einer
ganzen Reihe von Unternehmungen, sowohl in den großen als auch in den

*) „Trud'” vom 29, November 1925,

62
        <pb n="65" />
        kleinen Zentren, sowohl über der Erde wie unter der Erde, davon zu über-
zeugen und den unbedingten Eindruck zu empfangen, daß die Industrie
sowohl in technischer Beziehung als auch in bezug auf die Produktion einen
schnellen Aufschwung nimmt. Dieser Aufschwung wird in Verbindung mit
der intensiven Arbeit, die von allen geleistet wird, dazu führen, daß dieses
ungeheure Reich in der kürzesten Frist auf eine gewaltige Höhe gebracht
werden kann, und jene Wunden geheilt werden können, die durch dea
Krieg, die Revolution und den Hunger geschlagen wurden,

Die Delegation schätzt jene Aufbauarbeit, die sowohl in der Industrie
als auch in der Landwirtschaft betrieben wird, voll ein und ist von den
Bemühungen begeistert, die beim Durchführen der Verbesserungen auf dem
Gebiete der Wohnverhältnisse und in der Arbeit des kulturellen Auf-
schwunges zutage treten, der durch Aufklärungsarbeit. unter den Erwach-
senen und durch Einführung der allgemeinen Schulpflicht tür Kinder
erzielt wird,

Was einen besonders starken Eindruck auf die Delegation gemacht hat,
ist die soziale Fürsorge, mit der wir uns bekanntgemacht haben und die
darin zum Ausdruck kommt, daß bei den Industrieunternehmungen Speise-
hallen, Erholungsheime, Sanatorien tür Genesende eröffnet sind. Diese An-
stalten sowie die in der Sowjetunion bestehenden besonderen Normen der
Sozialversicherung machen es den im Dienste der gesamten Gesellschaft
stehenden Arbeitern möglich, ihre Kinder zu erziehen, die notwendige Muße
zu erhalten und, was das Wichtigste ist, bei Krankheiten die notwendige
Pflege und die hygienischen Vorkehrungen zu genießen,

Die Delegation, die all dies im Vergleiche mit der gesellschaftlichen
und kulturellen Lage der russischen Arbeiter unter dem Zarismus und bei
der Herrschaft des Privatkapitals betrachtet, kann jenen Prozeß, der bereits
durchschritten ist und der sich in der gleichen Richtung auch in der Zukunft
fortsetzen muß, um die Lebenshaltung der Arbeiter zu erhöhen, voll und
ganz einschätzen. Wir geben unserer Hochachtung vor dem Heldentum der
Arbeiter Ausdruck, die da litten und kämpften, um die jetzt vorhandenen
Ergebnisse zu erzielen und um die Möglichkeit zu besitzen, bei einer Fort-
dauer der friedlichen Entwicklung die russischen Arbeiter in wirtschaft-
licher und kultureller Beziehung in die erste Reihe der Arbeiter der ge-
samten Welt zu stellen. Davon zeugen die ständig wachsende Produktion
im Zusammenhange mit der Verbesserung der Lebenshaltung, die die jetzige
Lage der Arbeiter der Sowjetunion kennzeichnet,

Die Delegation wünscht den russischen Genossen die Fortdauer der
ruhigen Entwicklung ihrer schöpferischen Arbeit und gibt ihrem ernsten
Willen Ausdruck, nach Maßgabe ihrer Kräfte es zu fördern, daß die Ar-
beiterklasse der Sowjetunion und der ganzen Welt sich in den Reihen der
sewerkschaftlichen Einheitstront zum Kampfe gegen die imperialistischen
Machthaber und gegen das internationale Kapital zusammenfinde,

Es lebe die Einheitstront des internationalen Proletariats!

Die dänische Arbeiterdelegation:
A. Adamsen, Vorsitzender der Delegation (Sozialdemokrat), V. Rasmudsen
(Komm,), W. Snium (parteilos), Neuhardt (parteilos), Steinholm (Sozial-
demokrat), M. Ensen, (Sozialdem.) Kawelin (Sozialdem.), Jacobsen (Sozial-
demokrat), Buks (Sozialdem.), E. Schulz (Komm.), I. Onore (Komm,),
Lorenzsen (parteilos), Christian Brun (Sozialdem.), Danhort (Sozialdem.),
Richard Ensen (Komm.,), O0. Ensen (Sozialdem.), Jürgensen (Sozialdem.).
Nilsen (Sozialdem.).

63
        <pb n="66" />
        Erklärung der österreichischen Arbeiterdelegation,
An die Arbeiter und Bauern der Sowjetunion!

Die österreichische Arbeiterdelegation verläßt nunmehr nach neun-
wöchentlichem Aufenthalt in der Sowjetunion am heutigen Tage wieder die
Grenzen des ersten Arbeiter- und Bauernstaates der Welt und tritt die
Rückreise nach Oesterreich an, }

Die österreichische Arbeiterdelegation hat während dieser neun Wochen
die wichtigsten Industrie- und Wirtschaftsgebiete durchreist und die ver-
schiedenen Ziele der Reise selbst festgelegt, In allen Fragen wurde uns
von den führenden Instanzen, mit denen wir in Verbindung traten, bereit-
willigste Auskunft erteilt, Unsere Untersuchungen konnten wir in allen
uns interessierenden Fragen frei und ungehindert anstellen, wobei uns von
den Vertretern der Gewerkschaften, der Regierungs- und Wirtschaftisorgane
jede von uns geforderte Unterstützung in entgegenkommendster Weise ge-
währt wurde, Man zeigte uns nicht nur das Schöne, das Gute, sondern auch
das Schlechte, das naturgemäß in der kurzen Zeit der Sowjetherrschaft noch
nicht beseitigt werden konnte, Ueberall konnten wir ungehindert mit den
Arbeitern in Fühlung treten und uns in direktem Gespräch mit ihnen über
ihre Lage informieren, Dies wurde uns besonders noch erleichtert durch den
Umstand, daß einige Mitglieder der Delegation in auskömmlicher Weise die
russische Sprache beherrschten und daß wir in fast allen Betrieben’ deutsch-
sprechende Arbeiter, auch ehemalige Oesterreicher, angetroffen haben. Mit
dieser Feststellung hat sich die vor unserer Abreise in Oesterreich ver-
breitete Auffassung, wonach uns in Rußland nur das Gute und Schöne, nicht
aber auch, das Schlechte gezeigt werde, und daß wir mangels der Sprach-
kenntnisse mit den Arbeitern werden nicht in Fühlung treten können, als
falsch erwiesen, Für eine objektive Ueberprüfung der vorgefundenen Ver-
hältnisse bürgt ferner der Umstand, daß bis zur Ankunft in Rußland bloß
jene Vorstellung über die Sowjetunion bei der Mehrheit der Delegation
vorherrschte, die ihr durch die österreichische, bolschewikifeindliche Presse
beigebracht wurde,

Eine der wichtigsten Fragen für die Delegation war folgende; Ist in der
Sowjetunion wirklich die Arbeiterklasse an der Macht; ist die Sowjetunion
tatsächlich ein Staat, in dem der Sozialismus verwirklicht wird, oder aber
ist es so, wie der Großteil der österreichischen antibolschewistischen Presse
schreibt, daß hier nur eine kleine Gruppe bolschewistischer Terroristen
herrscht, welche eine grausame Diktatur über die großen Massen der
russischen Arbeiter und Bauern ausüben und jede oppositionelle Regung
gewaltsam unterdrücken?

Gründliches Studium der Verhältnisse, nicht nur die Tatsache, daß an
den höchsten und verantwortungsvollsten Regierungs- und Verwaltungs-
stellen einfache, in der Revolution vielfach erprobte und zuverlässige Ar-
beiter stehen, eingehende Gespräche mit Tausenden von Arbeitern in Hun-
derten von Versammlungen und ‘in. allen besichtigten Betrieben haben die
Delegation zu der einmüfigen Auffassung gebracht, daß alle Macht in der
Sowjetunion tatsächlich in den Händen der Arbeiter liegt, daß die-Arbeiter-
klasse Rußlands ‚politisch die Freieste Arbeiterklasse in der ganzen Welt
ist, daß sich Sowjetrußlands wirtschaftlicher Aufbau unter aktivster Anteil-
nahme großer Massen von Arbeitern und Bauern in der Richtung zum
Sozialismus vollzieht.

Obwohl die von der zaristischen Herrschaft übernommene Industrie zu
einem Teil technisch rückständig ist, obwohl noch althergebrachte Uebel-

64
        <pb n="67" />
        stände in der Landwirtschaft herrschen, ist überall eine starke Aufwärts-
bewegung festzustellen. Durch den Aus- und Neubau von Fabriken, durch
die großzügige Elektrifizierung in Stadt und Land, durch die ständige
Besserung der Lage der Arbeiterschaft, durch die Verteilung des einstigen
Großgrundbesitzes an die landarmen Bauern, durch das Zuweisen von Ge-
räten und Krediten an die Landwirte, wird der industrielle und landwirt-
schaftliche Aufschwung in ein schnelles Tempo gebracht. Die ungeheuren
Bodenschätze, der große Bedarf an Maschinen in der Industrie und Land-
wirtschaft, und die Durchführung der Elektrifizierungspläne sichern der
Sowjetunion eine überaus günstige Entwicklung,

Die im Auslande so viel verleumdete und gehaßte Diktatur des Prole-
tariats in Rußland ist in Wahrheit eine Arbeiterdemokratie, in der sich die
Arbeiter sehr wohl fühlen, Die Arbeiter, Bauern, Techniker, Wissenschaftler
und andere intellektuelle Stände stehen in ihrer übergroßen Mehrheit hinter
dem Sowjetsystem und der Sowjetregierung.

Die Gewerkschaften machen ihren Einfluß auf alle gesetzgeberischen
Fragen, welche die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lage. der Arbeiter
betreffen, geltend und sorgen für die Wahrung der Rechte und der Interessen
ihrer Mitglieder, Trotzdem der Eintritt in die gewerkschaftliche Organi-
sation ein freiwilliger ist und nirgends ein Zwang ausgeübt wird, ist der
Prozentsatz der gewerkschaftlich Organisierten ein sehr hoher, was darauf
schließen läßt, daß die Arbeiter mit der Tätigkeit dieser Organisationen
vollauf zufrieden sind, Die Behauptungen im Auslande, daß die russischen
Gewerkschaften dem direkten Einfluß und der Machtsphäre der kommu-
nistischen Partei unterliegen, werden durch die Tatsache widerlegt, daß die
Kommunisten, in allen Gewerkschaftsverbänden bloß eine Minderheit dar-
stellen, Ebenso unwahr ist die Behauptung, daß es in Rußland kein Streik-
recht und kein Freies Wahlrecht gibt. Beide Behauptungen kann die Dele-
gation auf Grund von genauen Nachforschungen vollkommen widerlegen.

‘ Die Betriebsräte haben ebenfalls einen großen Einfluß auf alle die Ar-
beiterschaft berührenden Fragen, Im Verein mit den Roten Direktoren
arbeiten sie an der Verbesserung der Betriebe, an der Steigerung der Pro-
duktion und am Aufbau der sozialistischen Wirtschaft, Daneben wirken die
Betriebsräte im Verein mit den Gewerkschaften auch in anerkennenswerter
Weise an der Hebung des kulturellen Niveaus der Arbeiterschaft. In dieser
Hinsicht verdienen die in den Betrieben eingerichteten Lehrlings- und Fach-
schulen, sowie die verschiedenen Zirkel und Abendschulen zur Liquidierung
des Analphabetentums besondere Beachtung. Die Roten Direktoren und
die Betriebsräte führen die Betriebe mustergültig und liefern immer neue
Beweise, daß die Arbeiterklasse die Fähigkeit besitzt, ihre Betriebe selbst
zu verwalten und zu führen. Die wirtschaftliche Lage der russischen Ar-
beiter verbessert sich zusehends. In vielen Berufszweigen wurden die Vor-
kriegslöhne schon erreicht, zum Teil auch überschritten. Bei den übrigen
Arbeitern, wo dies noch nicht der Fall, besteht begründete Hoffnung, daß
in allernächster Zukunft ebenfalls der Vorkriegslohn erreicht wird.

Auf sozialem Gebiete genießt der russische Arbeiter Rechte, wie sie
keine andere Arbeiterklasse der Welt ihr eigen nennt. So wird z. B. die
Sozialversicherung vom Betriebe getragen, der Arbeiter kann seinen Urlaub
in den Villen und Schlössern der verjagten Bourgeoisie verbringen, er be-
kommt bei Krankheit seinen vollen Lohn, kann, wenn er krank ist, sich in
einem Sanatorium ausheilen, wo er, neben dem vollen Lohn für die ganze
Dauer der Krankheit, noch freie Verpflegung erhält,

5 Warum reisen Arbeiter-Delegationen nach Sowjetrußland?
65
        <pb n="68" />
        (Im Zusammenhang ‚muß auch besonders ‘ verzeichnet werden die
riesige Bautätigkeit auf dem Gebiete des Wohnhäuserbaues für Arbeiter,
welche die Delegation überall beobachten konnte.)

Die Frauen genießen in Sowjetrußland einen vorbildlichen Ar-
beiterinnen- und Wöchnerinnenschutz, die Kinder der Arbeiterfrauen und
namentlich auch die heimatlosen Kinder finden in den Kinderkrippen und
Kinderheimen liebevolle Pflege und werden dort zu nützlichen Gliedern
der sozialistischen Gesellschaft erzogen, .

Durch die Reform der Volksschulbildung, den Bau von neuen Volks-
schulen, Arbeiter- und landwirtschaftlichen Hochschulen in Dörfern und
Städten hat die kulturelle Entwicklung der arbeitenden Klasse in den letzten
Jahren einen ungeheuren Fortschritt zu verzeichnen,

Die nationale Frage ist in Rußland glänzend gelöst. Die Selbständig-
keit, die Freiheit und die ungehinderte national-kulturelle und soziale Ent-
wicklung ist jeder nationalen Minderheit im höchsten Grade gewährleistet.
Wir haben dies ganz besonders in Georgien und den daran anschließenden
ehzmals unterdrückten und jetzt selbständigen Republiken Armenien und
Aserbeidschan feststellen können, Georgien, der Ausgangspunkt für alle
im Auslande über Sowjetrußland verbreiteten Verleumdungen, hat sich
gerade unter der Sowjetherrschaft günstig entwickelt und erst durch diese
seine volle nationale Selbständigkeit erhalten. Auch die im Auslande ver-
breitete Behauptung, daß georgische Menschewiki schuldlos, bloß wegen
der Zugehörigkeit zur menschewistischen Partei im Gefängnis sitzen, ent-
spricht ebenfalls nicht den Tatsachen, Die Delegation, die in dieser Rich-
tung Untersuchungen anstellte, erfuhr aus dem Munde der ehemaligen
menschewistischen Führer selbst, daß sie als Organisatoren und Führer des
konterrevolutionären Aufstandes von 1924 jetzt büßten,/ Die Delegation
möchte hier mit besonderem Nachdruck erklären, daß sie aus den Ge-
sprächen mit diesen menschewistischen Führern den Eindruck gewann, daß
sie es mit Leuten zu tun hat, die sich dem Wesen des Sozialismus ent-
fremdet, den Zusammenhang mit der jetzigen Ideologie der Arbeiter ver-
loren haben und in ihrer Denkweise stark nationalistische Tendenzen
offenbaren,

‚Trotz aller von außen kommenden Verleumdungen und Anfeindungen ist
das Sowjetsystem heute in den breiten Massen der Arbeiter und Bauern
so fest verankert, daß die volle Gewähr gegeben ist, daß die Sowjetunion
auch weiterhin von Erfolg zu Erfolg schreiten wird. Die großen Errungen-
schaften auf allen Gebieten des sozialistischen Aufbaues in Sowjetrußland

haben naturgemäß zur Folge, daß die Sympathien auch der Arbeiter anderer
Länder ständig wachsen und erstarken, Aber gleichzeitig steigert sich auch

der Haß der gesamten kapitalistischen Welt gegen den ersten Arbeiter- und

Bauernstaat. Die Kapitalisten sehen sich in ihren Hoffnungen auf einen

wirtschaftlichen Zusammenbruch durch die Wirklichkeit schwer enttäuscht,

daraus erklären sich die Rüstungen und die Bestrebungen der imperialisti-
schen Mächtegruppen, durch militärische Interventionen  Sowjetrußland
niederzuschlagen,

Sowjetrußland gegen die interventionistischen Gelüste der Kapitalisten-
Mächtegruppen zu verteidigen, ist eine der Hauptaufgaben der Roten Armee,
Es ist aber vollständig falsch, wenn man im Auslande davon spricht, daß die
Rote Armee. Sowjetrußlands imperialistische Ziele verfolge. Das tiefe Be-
wußtsein der Zugehörigkeit zur arbeitenden Klasse, das stark entwickelte
Solidaritätssefühl mit dem . internationalen Proletariat, der ausgeprägte

66
        <pb n="69" />
        sozialistische Klassencharakter, dies alles zusammen, mit Sorgfalt gelehrt
und in der Armee gezüchtet, die Ausbildung der Rotarmisten zu qualifi-
zierten Kräften für die friedliche Entwicklung der Industrie und Land-
wirtschaft, endlich die Friedensliebe der Sowjetregierung selbst, strafen alle
jene im Auslande verbreiteten Gerüchte Lügen, die von einem roten Impe-
rialismus der. Sowjetregierung sprechen,

Freilich, die Rotarmisten genießen neben der Ausbildung für ihre fried-
liche Betätigung nach Beendigung der Militärdienstpflicht noch vorzügliche
Ausbildung in der Kriegstechnik, Die imperialistischen Mächte würden im
Falle eines Krieges gegen Sowjetrußland wahrscheinlich dieselben Ent-
täuschungen erleben, die sie in ihren Hoffnungen auf den wirtschaftlichen
Zusammenbruch der Sowjetunion zu verzeichnen haben,

Aber die Arbeiterklasse in den anderen Ländern darf und wird ihre
russischen Brüder im Kampfe gegen den Weltkapitalismus nicht allein stehen
lassen. Zu eng ist das Schicksal des Proletariats der ganzen Welt mit dem
‚Schicksal Sowjetrußlands verbunden. Wenn immer wieder versucht wird,
gegen Rußland zu hetzen und einen neuen Völkerkrieg zur Niederwerfung
Sowjetrußlands zu provozieren, so ist es heiligste Pflicht der internationalen
Arbeiterklasse, gegen diese Versuche den einheitlichen Abwehrkampf zu
organisieren. Die Voraussetzungen zu einem erfolgreichen Abwehrkampf
liegen in der Bildung einer einheitlichen, kampftüchtigen Gewerkschafts-
internationale, Daß in der russischen Arbeiterklasse der sehnliche Wunsch
und der aufrichtige Wille, diese notwendige Einheit zu bilden, vorhanden
ist, davon konnte sich die Delegation gründlich überzeugen,

In der Stunde unserer Abreise aus dem Lande der befreiten Arbeiter-
klasse verpflichten wir uns feierlich, für die Herstellung einer internationalen
Einheitsfront des Proletariats unentwegt zu kämpfen,

Die Arbeiterklasse des Auslandes hat gefehlt, als sie an dem revolu-
tionären Proletariat der Sowjetunion zweifelte. Nach unserer Rückkehr
nach Oesterreich werden wir den österreichischen Proletariern helfen, den
Glauben an ihre Sowjetbrüder zu gewinnen,

Es lebe die Arbeiterschaft und die Bauern der Sowjetunion!

Es lebe die Union der sozialistischen Sowjetrepubliken!

Es lebe die Einheitsfront des internationalen Proletariats!

Minsk, 1, April 1926,
Die österreichischen Arbeiterdelegierten:

Honner.  Pizl Josef. Fiala Friedrich. Burian Johann. Aigner.
Julius Farkas. Rudolf Zika. Adolf Rassinger, Stachl. Troost
Marie. Ferd. Larres. Markl. A. Meyer.

Aufruf der Internationalen
Jungarbeiterdelegationen an das Jungproletariat aller Länder

Die unterzeichneten vier Arbeiterjugenddelegationen, die von tausenden
jungen Arbeitern aus den Betrieben und vom Lande nach Sowjetrußland
gesandt wurden, haben mit großem Interesse und Sorgfalt die Sowjetunion
bereist, Wir wenden uns nun an Euch, um Euch allen das zu erzählen, was
wir gesehen haben, und um zugleich an Euch einen dringenden Ruf zu richten.
\ Wir kamen aus Ländern, in denen die Arbeiterklasse und insbesondere
die Jugend furchtbar ausgebeutet ist, den Ländern, in denen die Diktatur
der Bourgeoisie herrscht, in denen der weiße Terror gegen die Proletarier
5+
67
        <pb n="70" />
        angewendet wird, die es wagen, sich gegen ihre Ausbeuter zu erheben, und
wir haben in Rußland ein wirkliches proletarisches Regime gefunden, das
die Diktatur des Proletariats genannt wird.

‚Die Angriffe der bürgerlichen und einiger sozialdemokratischer Führer
gegen die Sowjetunion, in der praktisch die proletarische Diktatur vor-
handen ist, haben sich bei unserem Besuche als unwahr erwiesen. Die große
Teilnahme der Werktätigen an der Führung der Staatsgeschäfte (Hunderte
von Arbeitern und Bauern sind aktive Mitglieder verschiedener staatlicher
Institutionen, Räte usw.) und an der Hebung der Produktion des prole-
tarischen Staates (Produktionsberatungen) sind ein Beweis dafür, daß
in Rußland nicht die Diktatur über das Proletariat, sondern die Diktatur
des Proletariats besteht.

Der erste proletarische Staat erschien uns als eine unüberwindliche
Macht, weil er gebaut ist auf die breiten Massen der Arbeiter und Bauern,
die sich der großen Aufgabe, die sie erfüllen, bewußt sind,

Diese ungeheure Mitwirkung der Werktätigen in den Betrieben, von
denen die Mehrheit technisch noch ziemlich zurück ist und durch den
Bürgerkieg viel gelitten hat, hat zweifellos dazu beigetragen, daß die Wirt-
schaft der Sowjetunion, trotz vielen Schwierigkeiten, schon 78,6 Prozent
des Vorkriegszustandes erreicht und gegenwärtig sich zu einer sozialistischen
Planwirtschaft zu entwickeln begonnen hat, /

Während der Epoche der Neuen ökonomischen Politik, die nur als eine
Uebergangsperiode im bäuerlichen und rückständigen Lande zum Aufbau
des Sozialismus notwendig ist, geht auf dem wirtschaftlichen Gebiete der
Kampf der neuen sozialistischen gegen die alten kapitalistischen Formen vor
sich, Die Tatsache, daß in den Händen des Staates bereits 97 Prozent des
Transports, 89 Prozent der Industrie und 73,7 Prozent des Handels liegen,
beweist deutlich, daß die Entwicklung langsam, aber weiterhin zum Sozialis-
mus führen wird, .

Dieses Erwachen des Proletariats und die immer vorwärtsschreitende
Entwicklung des ersten proletarischen Staates haben viele Gegner ge-
schaffen. Daher ist es verständlich, daß in der Sowjetunion alle diejenigen,
die von innen her die Sowjetmacht bekämpfen wollen, streng bestraft wurden.

Sowjetrußland ist der Bannerträger der Weltrevolution, der das inter-
nationale Proletariat in der breiten Einheitsbewegung zum unermüdlichen
Kampf gegen die Imperialisten aller Länder aufruft,

Arbeiter!

Während Ihr in den Fabriken der Kapitalisten noch ständig ausgebeutet
werdet, haben die Arbeiter der Sowjetunion alle Vorteile des Sieges der
Revolution errungen: Der Achtstundentag, Sechs- und Siebenstundentag bei
gsesundheitsschädlichen Arbeiten, ist streng durchgeführt. Zwei- und mehr-
wöchiger Urlaub, der von einem gewissen Prozentsatz der Arbeiter unent-
geltlich in den Erholungsheimen verbracht wird. /

Unentgeltliche ärztliche Hilfe. Nach längerer Krankheit haben die Ar-
beiter die Möglichkeit, eine Stärkung ihrer Gesundheit durch mehrwöchigen
Aufenthalt in den Erholungsheimen kostenlos zu erreichen,

Ungekürzte Lohnzahlung während der Krankheit. Arbeitsunfälle
werden vom Staat bezahlt, der eine Pension zahlt, die dem Lohn entspricht.

Zur kulturellen Erziehung der Arbeiter werden Summen aus dem Ge-
winn der Produktion freigestellt, ebenso für den Bau von Arbeiterhäusern.

Die Gewerkschaften, die 90 Prozent der Arbeitermassen umfassen, sehen
ihre Hauptaufgabe in der Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Trotzdem

68
        <pb n="71" />
        kann die 'wirtschaftliche Lage des Proletariats nicht so gut sein, wie sie
und der Staat es wollen, aber der Arbeiter ist an der Produktion interessiert
und weiß, daß die Hebung der Sowjetherrschaft die Verbesserung seiner
Arbeitsbedingungen hervorruft,

Junge Arbeiter und Arbeiterinnen!

= Ihr, die Ihr in den kapitalistischen Ländern die größte Profitquelle
seid, Ihr, die Ihr alle von jung auf, lange Arbeitstage für einen Schundlohn
stöhnt unter den Flüchen und manchmal unter Schlägen, Euch wollen wir
sagen, wie die jungen russischen Proletarier arbeiten,

Sie arbeiten im Alter von 14 bis 16 Jahren (erst nach ärztlicher Unter-

suchung) vier Stunden, im Alter von 16 bis zu 18 Jahren sechs Stunden und
haben jährlich vier Wochen bezahlten Urlaub.
Die Lehrlingsschule, die eine Quelle gut qualifizierter und politisch ge-
schulter Arbeiter ist, bildet die Jugendlichen systematisch zu bewußten
Mitarbeitern an dem sozialistischen Aufbau des Sowjetstaates heran. Die
Durchführung der Jugendschutzgesetze wird durch die Jugend überwacht,
Alle werktätigen Jugendlichen haben vom vollendeten 18, Lebensjahre das
Wahlrecht.

Mit Stolz müßte das internationale Proletariat auf die mächtige ziel-
bewußte Arbeit des Russischen Kommunistischen Jugendverbandes blicken.
Er vereinigt eine große junge Schar von Kämpfern, die mit großer Ver-
antwortung am Aufbau des proletarischen Staates teilnehmen. Insgesamt
sind im Kommunistischen Jugendverbande der Sowjetunion eineinhalb
Millionen Jugendlicher organisiert, Der Verband selbst hat viele Kräfte
für die wirtschaftliche Entwicklung der Sowjetunion bereitgestellt und auch
die Forderungen der Jugendlichen durchgeführt,

Die Sowjetmacht gibt den Arbeitenden volle Möglichkeit zur wissen-
schaftlichen und politischen Ausbildung. Tausende von Klubs, alle Zirkel,
Kurse und Arbeitertakultäten beweisen uns, wie stark die Arbeiter und die
Bauern an diesem kulturellen Aufstieg der Sowjetunion teilnehmen.

Die volle wirtschaftliche Gleichberechtigung der Frauen hat dazu bei-
getragen, daß die Frau auch am politischen und kulturellen Leben intensiv
teilnimmt, Der Zustrom des weibliches Geschlechtes zu den Bildungs-
anstalten zeugt davon, in welchem Ausmaß die Frauen am Aufbau des
Staates mitarbeiten wollen. Zur Befreiung der Frau von der häuslichen
Belastung haben die vielen Kinderheime, Kinderkrippen, Gemeinschafts-
küchen, Gemeinschafttswäschereien usw. beigetragen. Je zwei Monate vor
und nach der Entbindung ist die Frau bei Beibehaltung des Lohnes und Aus-
zahlung besonderer Unterstützung von der Arbeit befreit.

Die Nationalitätenfrage ist in der Sowjetunion von den Bolschewiki
weit entschiedener und besser als von den Menschewiki gelöst worden und
den Nationen zur Wahrung ihrer Rechte freies Feld gelassen worden.

Die Landaufteilung ist zur Zufriedenheit der breiten Bauernmassen
durchgeführt, Das Verhältnis der Bauernmassen zum Staat ist gut. Bei
Besichtigung auf den Dörfern sprachen sich die Bauern mit großer Be-
friedigung über die Elektrifizierung, die Einrichtung von Genossenschaften
und über das neue kulturelle Leben aus, Die Elektrifizierung des Dorfes
wird vom Staate trotz großer finanzieller Schwierigkeiten durchgeführt,

Unter großer Aufmerksamkeit des Staates, der Partei und des Kommu-
nistischen Jugendverbandes wird die neue Generation der Kinder der Werk-
tätigen im kollektivistischen und sozialistischen Sinne erzogen. Die mäch-

69
        <pb n="72" />
        tige Pionierbewegung umfaßt gegenwärtig eineinhalb Millionen proletarischer
Kinder,

Ein wichtiger Faktor für die Sowjetunion ist die Rote. Armee und
Flotte, die nur aus Arbeitern und Bauern besteht. Sie hat die hohe Auf-
gabe, den proletarischen Staat mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln
zu verteidigen. Aber auch in der Armee und Flotte wird eine große poli-
tische Aufklärungsarbeit geleistet und der Kommunistische Jugendverband
hat daher seine besten Kräfte hineingeschickt. Die Rotarmisten führen die
Verantwortung und sind jeden Tag bereit, Rußland zu verteidigen und die
Weltrevolution zu unterstützen,

Aus allen oben angeführten Gründen rufen die vier Jungarbeiter-
delegationen das Jungarbeiterproletariat der ganzen Welt auf, eine ge-
schlossene Front zu bilden und den ersten proletarischen Staat zu unter-
stützen. Die Sowjetmacht ist die stärkste Festung der ganzen inter-
nationalen Arbeiterbewegung. Nur dann ist das proletarische Rußland ge-
festigt, wenn die Arbeiterklasse der ganzen Welt den Kapitalismus als ihren
Todfeind erkennt und mit ihm auf Leben und Tod kämpit,

Es lebe die Einheitstront der werktätigen Jugend der ganzen Welt.

Es lebe das russische Proletariat, der Vorläufer und Fackelträger der
Weltrevolution!

Die deutsche Jungarbeiterdelegation.
Die Französische Jungarbeiterdelegation.
Die tschechische Jungarbeiterdelegation.

Die belgische Jungarbeiterdelegation.

70
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        <pb n="74" />
        <pb n="75" />
        Neuere Erscheinungen:
VIKTOR WARSOW:
Sieben Sage, die Japan erschütterten
Mit einem Vorwort von A. Losowsky.
Bericht über die Erlebnisse der Gewerkschaftsdelegation der USSR,
in Japan,

56 Seiten auf bestem holzfireiem Papier mit drei Bildbeilagen,
Preis 7,50 M., Organisationsausgabe*) 0,80 M.
Arbeiterbewegung und Nevolfution
in China
Mit Beiträgen von Karl Radek, Leo Heller, M. Galkowitsch,

T. Mandaljan, S. Mstis!awski, Sen Katayama usw,

160 Seiten. Preis 7,20 M., Organisationsausgabe*) 0,70 M.

A LOSOWSRY:
Fommunisten und Semverkschaften
Referat und Schlußwort in der VI, Tagung des Erweiterten Exekutiv-
Komitees der Kommunistischen Internationale, — Im Anhang: Thesen
über: Die nächsten Aufgaben der Kommunisten in der Gewerkschafts-
bewegung,

132 Seiten, Preis 7,20 M., Organisationsausgabe*) 0,60 M.
Der Verband der Fostangestelften
in der Somjetunion
24 Seiten Text und 16 Seiten Bildbeilagen auf Kunstdruckpapier.
Preis /,— M., Organisationsausgabe*) 0,50 M.

Der Metallarbeiterverband
der Mnion der Sozialistischen
Sowjetrepubliken
Seine Geschichte, Aufgaben und Tätigkeit,

64 Seiten, Preis /, —M., Organisationsausgabe*) 0,50 M.

*) Die Organisationsausgabe ist nur zu beziehen durch die Buch-
handlungen der VIVA,
Führer-Verlag, Berlin NW6, Charitestr. 7
        <pb n="76" />
        Mark
Ziperowitsch: Was lehrt die Erfahrung? . .. .‚ . 0,25 (0,15)
A. Losowsky: Das Aktionsprogramm. der RGI. (Zweite
Auflage) |... 7 WE Wa En a 1,00. (0,50)
A. Losowsky: Zwei Internationalen . . . .. . .'.-. 0,20 (0,10)
Produktionskontrolle und Betriebsräte . . . .. ./. 0,20 (0,10)
A. Andrejew: ‚Die russischen. Gewerkschaften in den
Jahren. 1921/22 _.;, :.,, A 0.25.(0,15)
A. Losowsky: Frankreich und die französische Arbeiter-
'bewegung_in der Gegenwart ‚1,20 (0,75)
Z. Leder: Sind die Amsterdamer Gelbe? ... .‘. . 1,20 (0,75)
Leo Heller: Gewerkschaftliche Bewegung in den Kolonien
und Halbkolonien des Ostens ...... . . . 0,25 (0,15)
Die Organisationsfirage auf dem 2, Kongreß der RGI. . . 0,50 (0,30)
Die RGI, und die KI, (2. Kongreß der RGI.). ..... . 0,50 (0,30)
Heckert/Pawlick: Die Einheitsfront, die Spaltungstätig-
keit‘ der Amsterdamer .'.', Ua, , . 50,40 (0,25)
J, Resnikoff: Die Lage des russischen Arbeiters.. ‚-.'. 0,25 (0,15)
G. Atschkanoft: Kampf und Sieg der russischen See- und
Binnenschiffer era N 1,00 (0,60)
Z. Leder: Der Achtstundentag — Sozialreform oder soziale
Revolution? 0 A a 1,00 (0:60)
A. Losowsky: Der große Stratege des Klassenkrieges . . 0,40 (0,25)
M, Rubinstein: Die Konzentration des Kapitals (Zweite
Auflage) 2 EEE HRS N A 2,000(0:80)
A. Losowsky: Lenin und die Gewerkschaftsbewegung . . 0,40 (0,20)
A. Losowsky: Die internationale Gewerkschaftsbewegung
vor/und nach dem‘ ‚Krieges . 1.1. AA 2277105
Aluf: Gewerkschaften und Lage der Arbeiterklasse in der
Sowjetunion in den Jahren 1921-—1925 . . . . . , 1,— (0,50)
A. Losowsky: Fünf Jahre Rote Gewerkschaftsinter-
nationale A N nn, WE)
Arbeiterbewegung und Revolution in China ,‚„. . . . 1,50 (0,70)
A. ‚.Losowsky: Der Kongreß der englischen Gewerkschaften
in: Scarborough . . 7, En 0,80: (0,40)
A. Losowsky:, Paris, Breslau, Scarborough . .., . ,‚ . 0,80 (0,40)
A. Losowsky: Nationale und Internationale Gewerk-
„Aeschaftseinheit 1... 5%. U. 4 A N o,805(0,40)
V. Waksow: Sieben Tage, die Japan erschütterten (in
Halbleinen gebunden M, 2,50) . . . .”""", , . 1,50 (0;80)
Die Gewerkschaftsarbeit auf dem 14, Parteitag der KPSU.,
(Referat und ‚Schlußwort von M.. P. Tomsky,
Diskussion) ee en na A 200/60)
A. Losowsky: Kommunisten und ‘Gewerkschaften ‚ ‚ . 1.20 (0,60)
M. Selikman und Georg Schumann: Weltarbeitslosigkeit 1,20 (0,60)
A. Losowsky: Warum reisen Arbeiterdelegationen nach
Sowjetrußland?i 7. . A „A = 120 (0.601
Der Verband der Postangestellten in der Sowjetunion . 1.— (0,50)
Die‘ eingeklammerten Preise gelten nur für die Organisationsausgabe,
die nur zu beziehen ist durch die Buchhandlungen der VIVA,

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen oder direkt durch die
Auslieferungsstelle:
Führer-Verlag, Berlin NW6, Charitesitr. £.
Druck: Georg Eichler, Berlin SO 16, Schmidstr. 24/25
        <pb n="77" />
        Wir betonen ausdrücklich, daß uns alles gezeigt wurde, was wir zu sehen 4
wünschten,
Bei unserer Fahrt durch die USSR., studierten wir zahlreiche Einrich-
tungen, die der Erziehung der jungen Generation für den heutigen Sowjet-
staat und die künftige Gesellschaft dienen. Von den Schutzmaßnahmen für
die werdende Mutter bis zur Universität und den Bildungseinrichtungen für
die Erwachsenen, von den Kinderkrippen bis zu den Erholungsheimen und 3
Sanatorien für erholungsbedürftige und kranke Arbeiter. Wir sahen Schulen
aller Art, Kinderkolonien, Jugendheime, Arbeiter- und Frauenklubs, Wir
lernten die Bildungsarbeit in der Roten Armee und die Maßnahmen zur Be-
kämpfung des Analphabetismus kennen. Wir besuchten Museen, Kinos, ;
Bibliotheken, Fabriken und Kurorte, die ganz der Erholung der Arbeiter
dienen. Durch Vorträge bei Gewerkschaften und Behörden, besonders bei
den Bildungsabteilungen der verschiedenen Sowjetstaaten, wurden wir über
Organisation, Aufbau und Programm des Erziehungswesens unterrichtet,
Durch Aussprachen mit führenden Pädagogen erhielten wir Einblick in die
Gedanken der russischen Pädagogik.
Mit besonderem Interesse erfüllte uns die proletarische Jugend-
bewegung und die großzügige Organisierung der Kommunistischen Jugend
und Pioniere,
All das Gesehene hat uns mit größter Bewunderung erfüllt, Wohl
fanden wir auch Mängel, aber sie beruhen nicht auf dem System oder auf
der Unfähigkeit der jungen Sowjetrepublik, sondern sie sind darauf zurück-
zuführen, daß die‘ Sowjetunion noch arm und die Zeit des wirklichen Auf-
baues nur kurz ist. Wir sind aufs äußerste überrascht von der Fülle und
dem Umfang des bereits Erreichten,
Nirgends in der Welt besitzt der Arbeiter und Bauer so weitgehende
politische Rechte und wirtschaftliche Freiheiten wie in Sowjetrußland,
Nirgends existieren so vollkommene Fürsorgemaßnahmen für Mutter und
Kind wie hier, Nirgends bestehen so zahlreiche Bildungsmöglichkeiten für
die werktätige Klasse, Kein kapitalistischer Staat gewährt der Frau die
tatsächliche Gleichberechtigung mit dem Manne, die in Sowjetrußland ver-
wirklicht ist. In allen kapitalistischen Ländern werden die nationalen
Minderheiten unterdrückt; in Rußland, dem Lande der Arbeiter und Bauern.
ist durch die Befreiung aller Nationalitäten die Entwicklung ihrer kulturellen
Eigenart gewährleistet. In den Klassenstaaten Westeuropas sind die
Intellektuellen, insbesondere die Lehrer, Diener des Kapitals; im prole-
tarischen Rußland sind sie kraft ihrer starken gewerkschaftlichen Organi-
sation Mitarbeiter am wirtschaftlichen und kulturellen. Aufbau, Dort wird
das proletarische Kind durch Zwangsmaßnahmen in seiner Entwicklung
gehemmt; hier werden alle Fähigkeiten des Kindes frei entfaltet, Die
Schule des kapitalistischen Staates ist ein Werkzeug zur Unterdrückung 19)
und geistigen Knebelung des Proletariats; die Schule Sowjetrußlands ist in .
engster Zusammenarbeit mit Jugend- und Kinderorganisationen ein Mittel m.
zur Erziehung und Befreiung der werktätigen Klasse geworden,
Wir sind zu der Ueberzeugung gekommen, daß alle diese Errungen-
schaften nur unter dem Sowjetregime verwirklicht werden konnten, |
Befreiung der Arbeiter und Bauern,
Befreiung der Frau,
Befreiung des Kindes und der Schule,
Befreiung der unterdrückten Nationen,
das sind die sichtbarsten Erfolse der Sowjetherrschaft.

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