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        <title>Kritischer Beitrag zur Theorie des internationalen Handels</title>
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            <forname>Hans</forname>
            <surname>Weigmann</surname>
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        14768
EIGENTUM
DES
INSTITUTS
WELTWIRTSCHAFT
m SEE
BIBLIOTHEK
DB 11768
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        Kritischer Beitrag
Theorie des internationalen
Handels
Dr. H. Weigmann
Mit 7 Kurven im Text
Verlag von Gustav Fischer
1026

Von
        <pb n="5" />
        an a VESTEE dem JE
Volkswirtsc eltwi
wirtschaft /’und Weltwirtschaft

Versuch "der "Begründung "einer Weltwirtschäftslehre

VM
Prof. Dr. Bernhard Harms, Kiel
Mit 2 lithographischen Tafeln
Drittermunveränderter/Neudruck
XV, 495 S.. Lex.-Form 1925 Rmk 22.—, geb. 25.—

Inhalt: Das Problem. — I, Die Weltwirtschaft in der wirtschaftswissen-
schaftlichen Literatur: Einleitung. Die ältere deutsche Literatur. Die Weltwirtschaft
in den Wirtschaftsstufentheorien und juristischen Weltstaatsideen. Neuere Lehrbücher und
Nachschlagewerke. Monographien und Aufsätze. II. Einzelwirtschaft, Volkswirtschaft
und Weltwirtschaft (Wesen und Begriff). — III. Die Weltverkehrsgesellschaft: 1. Das
regelnde Prinzip. 2. Die internationalen Verkehrsmittel, 3. Der internationale Güter-
austausch (England, Deutschland, andere Länder). MTolge- und Wechselwirkungen des
internationalen Güteraustausches. 4. Kapitalanlagen im Ausland und sonstige internationale
Wertübertragungen. 5. Private internationale Organisationen mit wirtschaftlichen Zwecken,
(Verkehrsgewerbe, Kohle, Erze, Metallverarbeitung usw. Steine und Erden usw. Elektri-
zitätsindustrie, Chemische und verwandte Industrien. Textilindustrie. Glas- und Porzellan-
industrie, Papierindustrie. Verschiedene Industrien.) 6. Internationale staatliche Ver-
einbarungen. (Verkehrswesen. Münzwesen, Maße und Gewichte. Handel, Industrie und
Landwirtschaft. Arbeiterschutz. Sanitätswesen. Privatrecht und Zivilprozeß, Strafrecht
und Auslieferungswesen, Wissenschaft. Abschließende Bemerkungen.) — IV. Reine
Sozialwirtschaftslehre, Einzelwirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre und Weltwirt-
schaftslehre. ı. Zur Klassifikation der Wirtschaftswissenschaften. 2. Einzelwirtschafts-
lehre (Erwerbswirtschaftslehre. Konsumtionswirtschafislehre. Öffentliche und private
Gemeinwirtschaftslehre.) 3. Volkswirtschaftslehre und Weltwirtschaftslehre. — Anlagen:
I. Internationale Organisationen. II. Der Zentralausschuß des Vereins internationale Ver-
einigungen. III. Verzeichnis der internationalen Regierungskonferenzen von 1815—1910:
IV. Die Verwaltung. MV. Tabelle und Schiedsvertragsabschlüsse seit der 1. Haager Kon-
ferenz 1899.

Zeitschrift f. Sozialwissenschaft, 1913, S. 146: Dieses Buch geht mit Recht
von dem Gedanken aus, daß ebenso wie viele Einzelerscheinungen des internationalen
Verkehrs, auch die Begriffe der Weltwirtschaft und der Weltwirtschaftslehre selbst heute
Probleme der Wirtschaftswissenschaft sind. Demgemäß ist die Aufgabe des Verfassers,
zu untersuchen: 1. ob die ökonomische Entwicklung auf der Erde in der Gegenwart dahin
führt, daß über die Volkswirtschaften hinaus eine Gesamtwirtschaft entsteht, die man als
Weltwirtschaft bezeichnen kann: 2. ob, wenn diese Frage bejaht wird, eine besondere
Weltwirtschaftslehre am Platze ist, oder ob die bisherige Volkswirtschaftslehre genügt, die
wirtschaftlichen Zusammenhänge zur Darstellung zu bringen, ... Unter den besprochenen
Einschränkungen begrüße ich die Harmssche Untersuchung als eine wohl beachtenswerte
wissenschaftliche Arbeit, deren allgemeiner Weiterverfolgung ein wirklich vorhandenes
wissenschaftliches Bedürfnis zugrunde liegt.

A. Sartorius v. Waltershausen (Straßburg i. E.).

Jahrbücher f. Natiömalökonomie, Bd. 96) 47... In diesem Grundriß
ist gewiß — daß muß anerkannt werden — ein weit eingreifender Versuch gemacht
worden, das gesamte Wirtschaftsleben der Welt in seiner Tatsächlichkeit, seinen Grund-
lagen und seinen Entwicklungstendenzen darzustellen. ... Den Grundton geben geogra-
phische Elemente ab, und zwar sowohl die Anthropo-Geographie im Sinne Ratzels, als
auch die reine physikalische Erdkunde einschließlich der Geologie; in dem Abschnitt über
den Weltverkehr spielen die verkehrsgeographischen Tatsachen eine sehr erhebliche Rolle;
Dazu kommen rein wirtschaftliche Bestandteile, die aber größtenteils dem entnommen sind,
was Harms selbst Volkswirtschaftslehre nennt. Rechtslehre, Technik, Warenkunde, Handels-
betriebslehre, Privatwirtschaftslehre werden ebenfalls herangezogen. K. Wiedenfeld.

A
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        Ayıe ©
Kritischer Beitrag
Theorie des internationalen
Handels
Dr. H. Weigmann
Jena
Verlag von YA Fischer

Von
19092€
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        Alle Rechte vorbehalten
4 MONO
(3 RMQ
|
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        Meinen Eltern
        <pb n="9" />
        <pb n="10" />
        Vorwort.

Die vorliegende Arbeit wurde von mir nur mit einem gewissen
Zögern dem Druck übergeben. Obgleich schon im Herbst 1925
abgeschlossen, ist sie von mir erst in dem Augenblick für druck-
reif erklärt worden, als ich in der Lage war, die sehr weitreichenden
Folgen ihrer Ergebnisse zu übersehen. Erst seitdem ich mit einem
hinreichenden Grade von Wahrscheinlichkeit das Gelingen meiner
statistischen Untersuchungen über die konkrete Erfassung ein-
heitlicher Wirtschaftsgebiete in Aussicht stellen kann, halte ich
mich für berechtigt, diesen „‚Kritischen Beitrag“ zu veröffentlichen.
Er ist das übrigens durchaus selbständige theoretische Mittelstück
zu den voraufgegangenen politisch-wirtschaftlichen Studien über
die Idee der Autarkie und den in der Ausarbeitung begriffenen
zeitraubenden Forschungen über Wesen und Struktur der Wirt-
schaftseinheit. Stellt diese Schrift also vom Standpunkt des letzt-
genannten Erkenntnisinteresses nur eine Vorarbeit dar, so wurde
ich doch andererseits durch den Mangel einer großzügigen Problem-
stellung gegenüber dem leidigen Freihandels- und Schutzzoll-
thema dazu veranlaßt, dieses grundsätzlich anzufassen und neu-
artig zu beleuchten. So ist diese Arbeit entstanden. Ich hoffe,
daß die Veröffentlichung der noch zu überarbeitenden Studien
über die Idee der Autarkie und die in Angriff genommenen Be-
trachtungen zum Begriff der Wirtschaftseinheit nicht allzu lange
auf sich warten lassen wird.

Rostock, im September 1926.

DER VERFASSER.
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        <pb n="12" />
        Inhaltsverzeichnis.
m Se
Vorwort . -
Einleitung: Das Problem . . . a 1—8
I. Kapitel: Die Theorie der internationalen Werte als
heteronomes Prinzip in der klassischen Preis-
theorie . &gt; ‚2. 90—48
8 ı. Das „internationale“ Preisproblem - A932
Geometrischer Exkurs . . . U 33—30
8 2. Das „internationale“ Verteilungsproblem . . 40—48
II. Kapitel: Die Auflösung der Theorie der inter-
nationalen Werte in das System der Nutzen-
theorle . : E . 4909-—72
$ 3. Der Monismus der psychologischen Preis-
erklärung‘... ‚1 52—509
8 4. Modifikationen der Theorie der Verteilung durch
beschränkte Konkurrenz . . „+ 50—65
8 5. Bemerkungen zur „wertunbetonten“ Theorie . 65-—72
III. Kapitel: Über das Problem der „angewandten“ Theorie 73—82

_ite
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        <pb n="14" />
        Einleitung.
Das Problem.

Unter „Theorie des internationalen Handels“ verstehen wir
jenen eigenartigen, logisch selbständig auftretenden Begriffs -
zusammenhang, der erstmalig durch Ricardo in das theoretische
System der Wirtschaftswissenschaften eingebaut wurde und seit-
dem mit sonderbarer Hartnäckigkeit trotz lebhafter theoretischer
und wirtschaftspolitischer Kritik seine Existenz behaupten konnte.
Der hier gelieferte Beitrag berührt ausschließlich diese Existenz-
frage. Die inhaltlichen Ausführungen zum Thema der ‚Theory of
Foreign Trade‘ (Ricardo) bzw. „Theory of International Values‘‘
(J. St. Mill) beschränken sich auf größtenteils bekannte Gedanken-
gänge. Allerdings gilt letzteres nicht ohne weiteres für den Wir-
kungsbereich der deutschsprachlichen Literatur, so daß einzelne
Beweisführungen immerhin neuartig erscheinen mögen. Gemäß
der genannten Problemorientierung der Arbeit ist jedoch die Frage
eines Originalitätsbefundes bezüglich der inhaltlichen Ausgestaltung
relativ belanglos; die gestellte Aufgabe hat mit derartigen Be-
urteilungsmaßstäben keine Verbindung. Der Nachweis ihrer Zweck-
mäßigkeit kann überhaupt infolge des sehr allgemein und umfassend
angesetzten Gesichtspunktes erst relativ spät, eigentlich erst am
Schluß dieser Untersuchungen erbracht werden, und dies nur mit
Einschränkung, insofern der Erkenntniswert der neu gestellten
Perspektive letztlich erst in noch unveröffentlichten Arbeiten des
Verfassers zum Ausdruck kommt.

Kurz formuliert ist die hier angestrebte Lösung der Existenz-
frage der Theorie des internationalen Handels der Versuch einer
Bereinigung der Diskussion über dieses Thema von jeglichen ver-
steckten oder offenen handelspolitischen Gedankengängen. Daß
dieser Prozeß der Bereinigung schließlich dennoch auch zu einer
Nutzanwendung drängt, die allerdings hier am Schluß nur angedeutet
wird, darf nicht Wunder nehmen. Es handelt sich dabei um das
natürliche Bedürfnis Theorie „anzuwenden‘““. Die Problematik
einer derartigen „Anwendung“‘“ ist letzten Endes das Grundthema

Weigmann, Internat. Handel. ‘
        <pb n="15" />
        Ze
der vorliegenden Abhandlung. Eine Verifizierung der bei der Er-
örterung dieses Leitmotivs eingeflochtenen Bemerkungen soll zum
Gegenstand einer selbständigen Arbeit gemacht werden, deren
Erscheinen von dem Gelingen gewisser statistischer Experimente
abhängig ist. —

Abgesehen also von dieser Möglichkeit einer empirischen Aus-
beute des hier erzielten kritischen Ergebnisses, ist das Ziel der folgen-
den Gedankengänge ausschließlich theoretisch. Die Folge dieser
bewußten Begrenzung des Themas ist der logische Zwang zu einer
Vergleichung des theoretischen Erkenntniswertes der Theorie des
internationalen Handels mit bzw. an dem Erkenntnisziel der
herrschenden „Reinen Theorie“. Nehmen wir den Ertrag dieser
Vergleichung hier vorweg, so zeigt sich, daß das imponierende Ge-
bäude der Theorie des internationalen Handels eines erstaunlichen
Ausbaues fähig, mit anderen Worten, daß diese Theorie einer Er-
weiterung ihres Geltungsraumes zugänglich ist, die zuletzt in kon-
sequenter Durchführung des ihr immanenten Erklärungsprinzips
auf ihre Auflösung hinausläuft.

Das Resultat ist also vorwiegend negativ, die Existenzfrage
wird verneint. Damit ist jedoch zugleich ein bedeutsamer positiver
Ausgangspunkt gefunden, der als Basis zu dienen geeignet sein
dürfte für eine a-nationale Betrachtung der weltwirtschaftlichen
Beziehungen i. S. konkurrierender Märkte. Diesbezügliche Hin-
weise finden sich am Schluß dieser Arbeit. Überhaupt spielt die
Problematik des Begriffs der Weltwirtschaft mehr oder weniger
unausgesprochen in der theoretischen Argumentation über inter-
nationalen Handel eine bemerkenswerte Rolle. Wir kommen darauf
gleich zurück.

Vorerst ist es aber an der Zeit, gegenüber den einschränkenden
Hinweisen bezüglich des mehr vorbereitenden Charakters der folgen-
den Ausführungen, auch auf die selbständige Bedeutung derselben
aufmerksam zu machen. Sie wollen durchaus als eigener dogmen-
kritischer Beitrag gewertet werden, wobei allerdings zu berück-
sichtigen ist, daß es sich nicht um eine erschöpfende Darstellung
und Besprechung der einschlägigen Literatur handeln kann oder
soll, da die allgemeine Problemstellung nur eine Erörterung der
grundsätzlichen Äußerungen zum Thema erfordert.

Blicken wir auf die uns zur Verfügung stehende Literatur,
so werden wir anerkennen müssen, daß die bisherige Kritik des zur
Untersuchung stehenden Gegenstandes zeitweise ein relativ hohes
Niveau erreicht, das dem hier vertretenen Standpunkt angenähert
        <pb n="16" />
        A
ist, daß andererseits jedoch auch — und dies gilt insbesondere für
die deutsche Literatur — die kritische Argumentation zur Theorie
des internationalen Handels eine Position inne hat, die der klassi-
schen völlig entspricht, als sei jenes höhere Niveau, das hauptsäch-
lich durch die Engländer erreicht wurde, unbemerkt wieder ab-
geglitten.

Natürlich hat dies seinen besonderen Grund. Vor allem für
Deutschland könnte man gewisse Interessenrichtungen und Geistes-
strömungen zur Erklärung heranziehen. Hier ist jedoch nicht der
Ort, ideengeschichtliche Betrachtungen anzustellen. Es genügt die
Feststellung, daß — ungeachtet dessen, daß es auch in Deutschland
vereinzelte Aufsätze und Arbeiten gibt, welche die Theorie des
internationalen Handels vom theoretischen Standpunkt aus einer
Kritik unterziehen — das handelspolitische Erkenntnisinteresse
gerade in diesem Lande im Vordergrund stand und noch steht —
eine Einstellung, deren unglückseliger Einfluß logisch nicht vor-
handene Gegensätze ungebührlich lange am Leben erhalten hat.
Eine Ausnahme macht Schumpeter!). Bei ihm findet sich der
Ansatz zu der hier aufgeworfenen Problemstellung, allerdings nur
ein kurzer Ansatz, mehr in der Form einer geistvollen Bemerkung,
kaum als bewußt gestellte Aufgabe. Die übrige deutsche Literatur
wird, soweit sie auf theoretische Würdigung Anspruch erhebt, im
Text behandelt.

Dasselbe gilt für die engliche Literatur seit Ricardo und
Mill. Ihre, die inhaltliche Erörterung der Theorie des internatio-
nalen Handels abschließende Leistung ist diejenige Edgeworth’.
Letztere, besonders ihr kritischer Teil, wird darum ausführlich
herangezogen werden.

Wie erwähnt, wird der Begriff der Weltwirtschaft mit der
Theorie des internationalen Handels in Beziehung gebracht; mit
Recht oder mit Unrecht, je nachdem, was man unter Weltwirtschaft
verstanden wissen will. Natürlich scheidet die häufige Verwendung
des Begriffes in der Tagesliteratur bei dem Versuch einer eindeutigen
Klärung dieser Beziehungen aus. Wir haben dann nur die Kontro-
verse Harms-Bonn?®), die weniger durch eine befriedigende Be-

ı) Vgl. Schumpeter, Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen National-
Ökonomie. Leipzig 1908.

2) Vgl. B. Harms, Volkswirtschaft und Weltwirtschaft, Jena 1912 und die von
Moritz Bonn geübte Kritik in „Das Wesen der Weltwirtschaft“, Arch. f. Sozialw.,
36. Bd. — Ders., Eine neue Wissenschaft? Arch. f. Sozialw., 33. Bd. und die ent-
sprechenden Repliken dortselbst.
        <pb n="17" />
        A
weisführung, als durch stillschweigenden Konsens i. S. der Harms-
schen Definition ihren Abschluß gefunden zu haben schien. Neuer-
dings ist dieser Meinungsstreit wiederum belebt worden durch einen
Aufsatz über den klassischen Begriff!) der Weltwirtschaft, in dem
Boehler in neuartiger Formulierung die dogmenkritischen Voraus-
setzungen der Harmsschen Auffassung bemängelt und dadurch die
Theorie nutzbar zu machen glaubt, für den von Harms phäno-
menologisch gewonnenen Begriff der Weltwirtschaft ?). Es handelt
sich dabei um einen kritischen Versuch, der so bezeichnend sein
dürfte für die herrschende Einstellung zur Theorie des internationalen
Handels, daß wir ihn an dieser Stelle als Ansatz benutzen wollen,
um die eigene Problemstellung nunmehr völlig zu entwickeln.

Der Grundgedanke der Boehlerschen Kritik drückt sich in
der Behauptung aus, daß die klassische Theorie des internationalen
Handels als „angewandte Theorie‘ ®) und nicht, wie Harms meine,
als „„Universalökonomie‘‘ aufzufassen sel.

Fraglos ist dieses Argument beachtenswert, wenn es auch
bei näherer Betrachtung nur eine Wendung, keine Lösung des
Problems der methodologischen Qualität der Theorie des inter-
nationalen Handels darstellt. Das Problem ist jedenfalls erstmals
methodologisch gestellt; und das ist sehr wichtig. Was aber ist
unter „angewandter Theorie‘ zu verstehen? Boehler gibt eine
sehr zweideutige Antwort. Es heißt bei ihm, daß die „Existenz-
berechtigung einer selbständigen theoretischen Wissenschaft von
der Weltwirtschaft“ *) nicht von der Hand zu weisen sei, mit der miß-
verständlichen Begründung, daß eine „Heteronomie von Volks-
wirtschaft und Weltwirtschaft‘ ®) bestände, — noch prekärer aus-
gedrückt, daß diese „beiden Beziehungskomplexe von verschiedenen
‚Gesetzmäßigkeiten‘ beherrscht‘) würden. „Angewandte Theorie“
einerseits und Heteronomie bzw. „verschiedene Gesetzmäßigkeiten“,
andererseits werden hier also offenbar gleichbedeutend gebraucht,
d. h. nicht ohne weiteres, man kann auch hier noch doppelsinnig
interpretieren,

Legen wir den Boehlerschen Begriff der Heteronomie so
aus, wie er ihn offenbar verstanden wissen will und wie er ihn selbst
FF 1) Boehler, Der klassische Begriff der Weltwirtschaft, Weltw. Arch., 22. Bd., 1925.

2) Vgl. dazu Kotsching, Weltwirtschaft und Universalökonomie. Weltw. Archiv,
22. Bd., 1925.

3) Vgl. Boehler, a. a. O. S. 12.

4) Vgl. Boehler, a.a. O. S./11.

5) Vgl. Boehler, a. a. O. S. 12.

6) Vgl. Boehler, a. a. O. S. IL.
        <pb n="18" />
        — 5 —

bei näherer Bestimmung dessen, was er unter „angewandter Theorie‘“
meint, definiert, nämlich im Sinne einer gewissen Verschiedenheit
der Auswirkung an sich gleichartiger Gesetzmäßigkeiten der Reinen
Theorie „in einer bestimmten historischen Verumständung‘‘!), so
wäre dem nur die gleich zu untersuchende Frage entgegenzuhalten,
wieso es denn einen Sinn habe, diese bestimmte Anwendung der
Klassiker „Theorie der Weltwirtschaft“ zu nennen.

Faßt man dagegen die von Boehler gebrauchten Bezeich-
nungen „artverschieden‘‘, ‚von verschiedenen wirtschaftlichen
‚Gesetzmäßigkeiten‘ beherrscht‘ im Sinne des Wortlautes auf, so
könnte der Eindruck erweckt werden, als ständen wir hier vor einem
Dualismus in der Thgerie selbst. Daß bei einer solchen Interpretation
kein Spiel mit Worten getrieben wird, zeigt ein Blick auf die Klassiker,
die in der Tat an eine solche Dualität der theoretischen Prinzipien
auf Grund der ihnen unvereinbar erscheinenden Trennung statischer
und dynamischer Betrachtung geglaubt haben.

Es ist deswegen auch keineswegs einwandfrei, die Theorie des
internationalen Handels schlechthin als „angewandte Theorie‘ hin-
zustellen, und zwar nicht nur, weil hier, d. h. bei den Klassikern,
zwei Theorien vorliegen, sondern auch aus der Erwägung heraus,
daß es mit den von Ricardo und seinen Nachfolgern unterstellten
Daten nicht sein Bewenden haben kann.

Aber wie schon angedeutet, wenn auch die Theorie des inter-
nationalen Handels wirklich als „angewandte Theorie‘ gedacht
würde, so ist es noch nicht selbstverständlich, diese Anwendung
„Theorie der Weltwirtschaft‘ zu benennen. Hier liegt offenbar der
Angelpunkt der Problematik, die sich nicht nur bei Boehler offen-
bart, sondern bei allen denjenigen Autoren, die von der theoretischen
Problemstellung in das handelspolitische Fahrwasser gleiten.

Fast ausnahmslos wird nämlich in der neueren Literatur mehr
oder weniger stillschweigend zugegeben, daß die durch die Anwendung
der Reinen Theorie auf eine bestimmte historische Verumständung
sich ergebende Modifikation der letzteren auch innerhalb des Be-
ziehungskomplexes Volkswirtschaft auftrete, ein Umstand, der,
wenn richtig, offenbar dazu berechtigt, jegliche Anwendung der
Reinen Theorie als „Theorie der Weltwirtschaft‘ zu bezeichnen.

An sich steht dem natürlich nichts im Wege. Wie ein Tat-
bestand, bzw. gedanklicher Zusammenhang benannt wird, ist zu-
nächst gleichgültig. Es erübrigt sich, viele Worte darüber zu ver-

1) Vgl. Boehler, aa. 0. Sitz;
        <pb n="19" />
        — VOL —
lieren, daß dennoch jede derartige Wortbezeichnung einen be-
stimmten, wenn auch nur dem Sprachgebrauch entnommenen
Vorstellungsinhalt hat, der auf einen Sinnzusammenhang bezogen
ist. Anders ausgedrückt: Alles kommt darauf an, welchen Erkennt-
niszweck wir verfolgen, ob an ihm gemessen eine bestimmte Termino-
logie einen eindeutigen bzw. überhaupt einen Sinn hat. Es ist nun
offenbar vom Standpunkt der Reinen Theorie völlig belanglos,
welcher Inhalt den terminis Weltwirtschaft und Volkswirtschaft
zu Grunde gelegt wird, spezieller gesagt: ob die bei der Anwendung
der Reinen Theorie auf die Erfahrung sich ergebenden Modifikationen
als materielle Begriffsmerkmale für die historisch-politische Einheit,
die wir Volkswirtschaft zu nennen uns gewöhnt haben, brauchbar
sind, interessiert die Reine Theorie absolut nicht. Wenn anderer-
seits trotzdem diese wiederholt genannten Modifikationen zur
Grundlegung einer besonderen Theorie der Weltwirtschaft benutzt
worden sind, so kann dabei nur ein handelspolitisches Erkenntnis-
ziel Pate gestanden haben. Denn es wäre sinnlos, mit Hilfe einer
willkürlichen Auswahl ganz bestimmter solcher Modifikationen der
Reinen Theorie, einer Theorie der Volkswirtschaft (die stets der
Reinen Theorie gleichgesetzt wird), eine solche der Weltwirtschaft
zu konfrontieren, wenn nicht die Auffassung bestünde, daß diese
speziellen Modifikationen, unter denen die nationale Begrenzung
der Wanderung von Kapital und Arbeit die erste Rolle spielt, die
wichtigsten seien. Den Maßstab für diese Wichtigkeit kann nur das
handelspolitische Interesse abgeben, jener Standpunkt also, der
auf Grundlage einer Seins-Erkenntnis politisch-wirtschaftlicher Be-
ziehungskomplexe regulative Prinzipien entwickelt, die zuerst und
vor allem an den wechselnden Staatszwecken ihre Orientierung
erfahren.

Noch einmal, — wenn wir uns bei der Gegenüberstellung
Theorie der Volkswirtschaft und Theorie der Weltwirtschaft etwas
denken sollen, so besteht, abgesehen von der Annahme einer „echten““
Heteronomie, nur die eine Möglichkeit, daß wir die sogenannte
„Theorie der Weltwirtschaft‘ im Sinne „angewandter Theorie“
überhaupt verstehen mit der reservatio mentalis, daß dann Theorie
der Volkswirtschaft Theorie schlechthin bedeute. Unnötig zu wieder-
holen, daß dann die Namen Volkswirtschaft und Weltwirtschaft
vollständig ihren Sinn verlieren, der nur im Lichte des handels-
politischen Standpunktes greifbare Gestalt annimmt.

Das R6sum6 der bisherigen Überlegungen ist denkbar einfach.
Der theoretische Standpunkt eliminiert die Begriffe Weltwirtschaft
        <pb n="20" />
        — 7 2 —

und Volkswirtschaft. Der handelspolitische Standpunkt dagegen
kann mit einer Theorie, die im Augenblick ihrer Anwendung für viele
historisch-politische Daten gleichzeitig Geltung hat und damit die
begrifflichen Unterschiede zur eindeutigen Kennzeichnung ‚der
politisch-sozialen Gruppen verwischt, wenig anfangen, ztmal-wenn
es sich darum handelt, den für die Handelspolitik wichtigsten volks-
wirtschaftlichen Gesichtspunkt zu entwickeln.

Die Erkenntnis dieser Unterscheidung ist schon mit aller
wünschenswerten Klarheit bei Friedrich List zu finden, nur daß
dieser in einseitiger Opposition gegen die klassische Theorie der
Tauschwerte ausschließlich die von uns als handelspolitischen Stand-
punkt gekennzeichnete Position einnimmt. Das ist bei der damaligen
Geisteshaltung in Deutschland nicht weiter verwunderlich. Es
gehört jedoch zu den Merkwürdigkeiten der nationalökonomischen
Theorie, daß diese bis in die Gegenwart das unheilstiftende Wort
„Volkswirtschaft‘“ zur Benennung ihres Erkenntnisobjektes bei-
behalten hat — dadurch jener Verwirrung von Theorie und Politik
stets von Neuem Nahrung bietend.

Wir fassen noch einmal dieses für die folgende Untersuchung
grundlegende Ergebnis zusammen: Die Existenzberechtigung einer
selbständigen Theorie der Weltwirtschaft oder — wie wir auch im
Sinne der Klassiker sowohl, wie auch offenbar Boehlers sagen
könnten — einer selbständigen Theorie des internationalen Handels
ist nur dann nachweisbar, wenn entweder die Heteronomie Boehlers
tatsächlich eine solche der Prinzipien ist, oder — angenommen
dies sei nicht der Fall — wenn an bestimmten Zweckmäßigkeits-
maßstäben — und dies können nur handelspolitische sein — die
Brauchbarkeit der Hypothese bewiesen wird, daß ein ganz bestimmter,
vom Standpunkt der Theorie aus willkürlich gewählter Fall sonst
allgemein geltender Modifikationen der Reinen Theorie der für die
Gegenwart ausschlaggebende ist.

Daß sowohl das eine wie das andere unmöglich ist, werden
wir im Folgenden zu beweisen haben. Der Fall „‚echter“ Heteronomie
ist nur bei den Klassikern in reiner Form zu finden. Unsere Unter-
suchungen gehen deswegen auch vom System der klassischen
Theorie aus. Die englischen Fortsetzer dieser Theorie schreiten erst
relativ spät über die Heteronomie hinweg zur einheitlichen Erklärung
— mit ausreichender Klarheit eigentlich nur Edgeworth. —

Letzterer sowohl wie alle Vorgänger und Nachfolger bleiben
jedoch den zweiten Beweis schuldig; das ist die Begründung jener
implicite in der Existenz der Theorie des internationalen Handels
        <pb n="21" />
        Ss. o
liegenden Behauptung ihrer Zweckmäßigkeit für die Erklärung der
aus der Erfahrung bekannten Erscheinung zwischenstaatlicher
Wirtschaftsbeziehungen.

Unsere Überlegung ist zu Ende. Unversehens sind wir durch
sie aus der Betrachtung der Boehlerschen Aufassung in die uns
hier interessierende Fragestellung hineingezogen worden. Wir sind
nunmehr in der Lage, diese wie folgt zu formulieren: Welcher Sinn-
gehalt ist der Theorie des internationalen Handels zuzusprechen,
d. h. in bezug auf welche prinzipielle Problemstellung kann von einem
Erkenntniswert dieser Theorie die Rede sein?

Da wir weder in der deutschen noch auch in der englischen
Literatur eine befriedigende Antwort hierauf zu finden vermögen,
treten wir selbst den Weg an, bzw. gehen ihn zu Ende. Und zwar
beginnen wir mit dem theoretischen Gesichtspunkt, trotzdem, wie
schon bemerkt wurde, die Auflösung einer Heteronomie zwischen
Reiner und internationaler Theorie wenigstens andeutungsweise
schon vorgenommen wurde.

Die Aufgabe stellt sich dann folgendermaßen dar:

1. Ist festzustellen, ob eine „echte‘“ Heteronomie innerhalb
der Reinen Theorie selbst vorliegt, durch die eine selb-
ständige zweite Theorie, hieße sie nun international, welt-
wirtschaftlich oder sonstwie, notwendig würde.

&gt;» ist gleichzeitig und anschließend an das zweifellos negative
Ergebnis dieser Fragestellung (mit Ausnahme der Klassiker)
die Frage zu beantworten, welchen Erkenntniszweck eine
angewandte und zwar auf die in der Erfahrung gegebenen
sogenannten „Volkswirtschaften‘ angewandte Theorie (der
„Weltwirtschaft‘“) zu erfüllen geeignet ist.

Die Antwort auf die letzte Frage wird ebenfalls negativ aus-
fallen, so daß damit der Versuch einer Sinngebung in bezug auf die
Theorie des internationalen Handels vor einem Vakuum steht,
das sich erst dann wieder füllen dürfte, wenn die Theorie des so-
genannten ‚internationalen‘ Handels unabhängig von jeglichen
historisch-politisch konzipierten Begriffen, wie Volkswirtschaft und
Weltwirtschaft als angewandte Theorie schlechthin aufgefaßt würde.
Daß mit dieser Behauptung das eigentliche Problem erst beginnt,
wird im letzten Teil dieser Untersuchung zum Ausdruck kommen.
Seine Lösung muß jedoch ein Versprechen bleiben.
        <pb n="22" />
        ı. Kapitel. Die Theorie der internationalen Werte als
heteronomes Prinzip in der klassischen Werttheorie.
8 ı. Das „internationale Preisproblem“.

Wir entledigen uns der unter 1. genannten Aufgabe: fest-
zustellen, ob eine „echte‘“ Heteronomie innerhalb der Reinen Theorie
selbst vorliegt, indem wir den Nachweis erbringen, daß zwar eine
derartige Dualität in der Theorie der Klassiker vorhanden ist, daß
diese jedoch nur dogmenhistorisch bedingt ist durch die klassische
Theorie des „natürlichen“ Preises, mithin nicht notwendig irgend-
einer Artverschiedenheit des Objektes entspringt, die dazu zwänge,
zwei Erklärungsprinzipien, also zwei Theorien aufzustellen.

Schumpeter — unseres Wissens der einzige in der deutschen
Literatur, der dieser bedeutsamen Tatsache historischer Bedingt-
heit einer selbständigen Theorie des internationalen Handels Be-
achtung schenkt — zieht aus ihr fast den gleichen Schluß, den wir
in der Einleitung andeutungsweise vorweg genommen haben. Der
Behauptung Schumpeters: „Nur historisch ist es (nämlich das
„Thema der internationalen Werte‘) von der allgemeinen Preis-
theorie geschieden, weil zuerst für seine Zwecke eine Betrachtungs-
weise ausgearbeitet wurde, die von der damaligen Preistheorie
verschieden war und der modernen näher steht“, schließt sich die
Folgerung an: „Aber heute, wo die Betrachtungsweise auch auf
das allgemeine Problem angwendet wird, gibt es keinen Grund zur
Scheidung mehr — wenigstens vom Standpunkt der Wissen-
schaft 3), 2).

Mit dieser kurzen Zwischenbemerkung, der keine weitere Be-
gründung folgt, hat Schumpeter das Wesentliche gesagt. In der
Tat läßt sich die „Theorie der internationalen Werte‘“3) als ‚Vor:

1) Vgl. Schumpeter, Das Wesen und der Hauptinhalt ..., S. 505.

2) Dieser Satz läßt erkennen, daß Schumpeter vorsichtigerweise unserer zweiten
Frage nach der praktischen Bedeutung der Theorie des internationalen Handels aus dem
Wege geht.

3) Der weitere Begriff „Theorie des internationalen Handels“ umfaßt auch die
Problematik unserer zweiten Frage, so daß für ihn obige Behauptung nicht ohne weite res gilt
        <pb n="23" />
        10

läufer der modernen Werttheorie‘“ 1) auffassen?). Mit der Erledigung
des Kostenprinzips der Klassiker muß auch sie Teil einer einheit-
lichen Theorie bezw. diese Theorie selbst werden.

Treten wir nunmehr den Beweis an:

Zuerst müssen wir uns darüber klar sein: Die klassische
Theorie des internationalen Handels ist eine Preistheorie. Aller-
dings wird das ausdrücklich erst von J. St. Mill®) hervorgehoben
durch seine Gliederung in „Theory of International Trade‘
(XVII. chapt.) und „Theory of International Values‘“ (XVII.
chapt.), während Ricardo“) beides unter dem Thema ‚Theory
of Foreign Trade“ (VIL. chapt.) abhandelt und dabei vorzüglich
die materiellen Voraussetzungen entwickelt, die eine Abweichung
von seiner Theorie des natürlichen Preises bedingen. Das theo-
retische Grundthema ist jedoch schon bei Ricardo, und zwar zuerst
bei ihm angeschnitten; der Rahmen für eine Lösung schon bei ihm
im „Gesetz der komperativen Kosten“ abgesteckt worden. Auch
inhaltlich ist der exemplifizierende Teil durch die Darstellung des
Austausches von Wein und Tuch zwischen England und Portugal
relativ entwickelt und berühmt geworden. Schließlich ist jedoch
die Intensität des Bewußtseins von der prinzipiellen Bedeutung
einer derartigen „Abweichung“ das Entscheidende. Sie fehlt bei
Ricardo im Sinne der Erkenntnis eines prinzipiellen Zwiespaltes
bezüglich der Preiserklärung. Die Beibehaltung der Kostentermino-
logie innerhalb der neuartigen Theorie des internationalen Handels
mag den unmittelbaren Durchblick verhindert haben.

Nicht in demselben ausschließlichen Sinne gilt das eben Ge-
sagte für J. St. Mill. Er ahnt den primären Charakter der neuartigen
Erklärung, wie sie sich in der Theorie der internationalen Werte
darstellt; de facto erhält sie allerdings nur supplementäre Funk-
tionen zugewiesen oder sie erreicht höchstens den Rang eines neben-
geordneten Prinzips. Wir kommen darauf zurück.

Wir ‚stellen vorläufig fest bzw. behaupten an dieser Stelle,
daß die neue Theorie des internationalen Handels innerhalb des
Systems der Klassiker neben der Theorie des „natürlichen“ Preises
Fe 1) Vgl. Schumpeter, a. a. O0. S. 505.

2) Diese Behauptung schließt nicht aus, daß sie auch der „wertfreien“ oder, wie
wir hier sagen wollen, „wertunbetonten“ "Theorie verwandt ist, ja sogar näher als der
subjektiven Wertlehre. Der Grund liegt in der allgemeinen Verwandtschaft aller theo-
retischen Systeme, die, historisch-genetisch verstanden, die Stufen eines einzigen gedank-
lichen Entwicklungsprozesses ‘darstellen.

3) Hier zitiert in der VI. Ed. London 1865.

4) Hier zitiert in der III. Ed. London 1821.
        <pb n="24" />
        — 11 —
auftritt, ein Zustand, der bedingt ist durch diese ‚„,natürliche‘“ oder
Normalpreis-Theorie, deren innere logische Absicht anders geartete
Erklärungen ausschließen muß..

Schreiten wir zur Ausführung, so haben wir vorweg einem mög-
lichen Einwand zu begegnen, der unter Hinweis auf die Marktpreis-
theorie der Klassiker bzw. deren Prinzip von Angebot und Nach-
frage die Unmöglichkeit einer Einordnung widerlegen zu können
glaubte. Solcher Einwand träfe uns offenbar nicht, da jenes Prinzip
von Angebot und Nachfrage in seiner Verwendung als Erklärungs-
prinzip des Marktpreises nur außerhalb des Gleichgewichtszustandes,
also außerhalb des Systems Geltung hat, gleichsam als Ansatz zu
einer Sondertheorie der Dynamik, — während die Theorie der
internationalen Werte Gleichgewichtspreise erklären will, die nicht
um einen noch besonderen statischen Kern oszillieren. Allerdings

— ansich sind die Prinzipien dieselben; ihre Verwendung ist
graduell unterschieden, indem die Marktpreistheorie nur zufällige,
vorübergehende Oszillationen erklärt, während die Theorie der
internationalen Werte entscheidende „Abweichungen“ des Preises
als Dauerzustände berücksichtigt. Die Marktpreistheorie brauchte
also das Normalpreisgefüge nicht zu erschüttern, ihre Beiordnung
zur Theorie des „natürlichen‘ Preises, diese, wenn sie sonst halt-
bar wäre, nicht zu stören.

Die Theorie des natürlichen Preises ist aber nicht haltbar.
Sie verdankt. ihre Entstehung einer unklaren, erst durch Reflexion
bestimmbaren logischen Zielsetzung. Keinesfalls darf sie, wie wir
später begründen werden, als Theorie des Gleichgewichtspreises
im Sinne der neueren Theorie verstanden werden. Ziel ist die
Lösung des logischen Problems des Maßstabes beim Güteraustausch;;
Ergebnis der Begriff des relativen Tauschwertes, der von Ricardo
als eine bestimmte Einheit geleisteter Arbeit fingiert wird. Ri-
cardo hat diese Fiktion zur Hypothese gemacht und
einen kausalen Schluß daraus gezogen. Darin liegt der
und zwar der einzige Fehler der klassischen Theorie.
Amonn drückt einen ähnlichen Gedanken mit den Worten aus,
daß Ricardo den „Erkenntnisgrund‘“ mit dem ‚„Realgrund“ ver-
wechselt habe!), d. h. mit anderen Worten: Ricardo hat den
relativen Tauschwert der Güter in eine reale Beziehung zur auf-

ı) Vgl. Amonn, Ricardo als Begründer der theoretischen Nationalökonomie,
S. 22 u. 28. Jena 1924.
        <pb n="25" />
        A
gewandten Arbeit gesetzt, indem er den Tauschwert der Güter
abhängig sein läßt von der in ihnen enthaltenen Arbeitsmenge.

Dies gilt allerdings nur für die beliebig vermehrbaren Güter,
eine Einschränkung, die an sich schon die Bedeutung dieser Theorie
erheblich herabsetzt. Wie aber, abgesehen hiervon, dieses Ergebnis
nur mit Hilfe nicht nur wirklichkeitsfremder, sondern auch logisch
widerspruchsvoller Konstruktionen erreicht wird, zeigen die kri-
tischen Ausführungen Cassels!) und Amonns®) besonders ein-
drucksvoll. Da wir nicht die Absicht haben, die erledigte Kosten-
theorie der Klassiker noch einmal zu erledigen, ersparen wir uns
eine philologische Textkritik Ricardos und verweisen auf die
genannten Autoren, deren Auffassung wir uns anschließen.

Wichtig ist für uns die Tatsache, daß die Theorie des „„natür-
lichen“ Preises bestimmte materielle Grenzen hat, die eine Folge
sind der logischen Zwangsläufigkeit, die jeder Kostentheorie eigen
ist. Wir wollen damit sagen, daß, wie Cassel es ausdrückt, jede
Produktionskostentheorie „logisch nur dann möglich ist, wenn ein
einziger Produktionsfaktor zu berücksichtigen ist, oder wenn
wenigstens die verschiedenen mitwirkenden Produktionsfaktoren
Preise haben, die im Verhältnis zueinander von vornherein gegeben
und fest sind“). Im Banne dieser logischen Notwendigkeit schaltet,
wie bekannt, Ricardo die Grundrente aus dem Preisproblem ein-
fach aus, während er den Preis für den Aufwand von Kapital dadurch
in die Theorie einbaut, daß er den Aufwand von Kapital und Arbeit
bei jeglicher Produktion in ein proportionales Verhältnis setzt“), °).

ı) Vgl. Cassel, Theoretische Sozialökonomie, 3. Ed. Leipzig 1923. — Ders.
auch: Die Produktionskostentheorie Ricardos. Zeitschrift f. d. ges. Staatsw. 1901.

2) Vgl. Amonn, a. a. O.

3) Vgl. Cassel, Theoretische Sozialökonomie, a.a, O. S. 275.

4) Vgl. besonders Cassel, Die Produktionskostentheorie Ricardos, a. a. O.

5) Vgl. neben Amonn außerdem noch Götz Briefs, Untersuchungen zur klas-
sischen Nationalökonomie. Mit besonderer Berücksichtigung des Problems der Durch-
schnittsprofitrate. Jena 1915. DB. zeigt, daß nur der Lohn bei Ricardo eine konstante
Größe ist (S. 56ff.). Ricardo gehe von dem Grenzboden aus. Hier bestimmten Lohn
und Profit den Preis. Beide ständen in einem derartigen Verhältnis, daß bei abnehmen-
der Produktivität der Profit sinken müsse; denn allein der Lohn sei eine konstante
Größe, Eventuelle Preiserhöhungen von seiten der Unternehmer mit der Absicht einer
Hebung der Profitrate, müßten sich stets auf dem Umwege über die Verteuerung der
Lebenshaltung in höhere Löhne umsetzen und machten dadurch die gehobene Profitrate
wieder illusorisch. Dieses am Grenzboden gewonnene Verhältnis setze sich mittels der
Konkurrenz in allen Arten von Kapitalverwendung durch. Ergebnis sei der Begriff des
„Normalprofits“.

g
        <pb n="26" />
        — 3 —

Eine wenigstens annähernd in der Wirklichkeit existierende
Proportion dieser Art ist also eine der materiellen Voraussetzungen
der Ricardoschen „Hypothese“. Von einer Substitution von
Kapital und Arbeit gegeneinander wird nicht gesprochen, und wenn
auch Kapital als vorgetane Arbeit aufgefaßt wird, so wird zwar die
verschiedene Dauer solcher mittelbaren Arbeit erwähnt, aber nicht
als Hinderungsgrund für die Theorie des natürlichen Preises auf-
gefaßt ?).

Die in der eben genannten schon enthaltene, hier entscheidende
materielle Voraussetzung Ricardos für seine radikale Reduzierung
aller empirischen Differenzierungen von Arbeit (verschiedene Ar-
beitsqualität und -Intensität) und Kapital. (verschiedene Kombi-
nationen von stehendem und umlaufendem Kapital und damit
Verschiedenheit der Dauer, d. i. des Abnutzungsgrades) ist aber
diejenige der freien Konkurrenz, der deus ex machina zur Nivel-
lierung der Tauschwerte.

Nur innerhalb eines Konkurrenzgebietes der Produktions-
faktoren Kapital und Arbeit ist die Theorie des natürlichen Preises
überhaupt möglich. Denn erst durch die freie Konkurrenz werden
Lohnsatz und Profitrate zu durchschnittlichen Größen, gelangen
Kapital und Arbeitsaufwand in ein proportionales Verhältnis, indem
der Arbeitsaufwand durch den „natürlichen“ Lohn — jene kon-
stante Größe, die von Ricardo teils aus der Arbeitsmenge, teils
aber auch aus dem Werte der Arbeit (Lebensunterhalt) erklärt
wird — bezahlt wird.

Noch einmal machen wir hier auf den logischen Fehler Ri-
cardos aufmerksam, den wir oben als eine Verwechselung von
Fiktion und Hypothese bezeichneten. Tatsächlich bleibt in der
Ricardoschen Theorie das Problem der Preisursache, also die
Frage nach dem Realgrund des Preises unberührt. Was Ricardo
als Realgrund irrtümlicherweise ansieht, ist nur Maßstab, und wenn
er in einer anderen Äußerung den Produktionspreis in Lohnsatz
und Profitrate zerlegt und den Lohnsatz wiederum aus den Lebens-
haltungskosten ableitet, dreht er sich im Kreise.

Wie dem auch sei, wir sehen: ohne die Annahme freier Kon-
kurrenz ist die Theorie des natürlichen Preises wenigstens auf keinen
Fall haltbar. Ihre sonstige Möglichkeit angenommen, hat sie selbst
dann nur einen äußerst beschränkten Erklärungswert. Für die
Wirklichkeit ergeben sich, wie Boehler richtig bemerkt, Modi-

1) Vgl. Amonnz a.a. 0. 5.38.
        <pb n="27" />
        —. 14 —
fikationen, die einer verschiedenen Gesetzmäßigkeit gleichkommen‘?),
— ergibt sich, wie wir schon andeuteten und nunmehr gleich des
näheren ausführen werden, eine neue Theorie, die eine völlig andere
Betrachtungsweise einführt, die bisher nur als dynamisches Prinzip
eine sekundäre Rolle gespielt hatte.

In welcher Ausdehnung das zur Theorie des natürlichen
Preises logisch erforderliche geschlossene Konkurrenzgebiet in den
Wirtschaftsraum projiziert wird, ist zunächst gleichgültig. Ri-
cardo?) setzt das Konkurrenzgebiet in den national-staatlichen
Raum und mit ihm die meisten seiner Nachfolger. Daher der ein-
gebürgerte Name einer „internationalen‘‘ Theorie. Aber selbst,
wenn das nicht geschehen wäre, selbst wenn gleich mit dem Begriff
der „non-competing-groups‘““ (Cairnes$)%, den wir später kennen
lernen werden, begonnen wäre, würde so lange die Existenzberech-
tigung einer Sondertheorie des internationalen Handels bzw.
besser: zwischengebildlichen Handels unanfechtbar sein, solange
zwei Erklärungsprinzipien nebeneinander herlaufen.

Das neue Erklärungsprinzip läßt sich also vorläufig dahin
charakterisieren, daß es ohne die Voraussetzung freier Beweglich-
keit der Produktionsfaktoren auskommt oder, positiv ausgedrückt,
daß auch eine Theorie beschränkter Konkurrenz sich dem Prinzip
bzw. dem System dieses Prinzips widerspruchslos einfügt. Noch
einmal: die Theorie des relativen Tauschwertes, auch Äquivalenz-
theorie genannt, zerrinnt uns unter den Händen, wenn wir den Fall
beschränkter Konkurrenz berücksichtigen wollen. Die Reduktion
der Kostenpreise auf. Durchschnittspreise, die Annahme einer Pro-
portionalität in der Kombination von Kapital und Arbeit und schließ-

ı) Wie aus der Einleitung schon hervorgeht, liegt der Fehler Boehlers in der
Identifizierung dieser Modifikationen mit „angewandter Theorie“ schlechthin. Offenbar
braucht eine „Anwendung“ der reinen Theorie nicht eine Heteronomie der Prinzipien
hervorzurufen. Boehler bleibt in der Tat bei den Klassikern stehen, wenn er dieser
Ansicht sein sollte.

2) Wir zitieren hier diese für uns wichtige Stelle bei Ricardo wörtlich: „Ex-
perience, however, shews, that the fancied or real insecurity of capital, when not under
the immediate control of its owner, together with the natural disinclination which every
man has to quit the country of his birth and connexions, and intrust himself with all
his habits fixed, to a strange government and new laws, check the emigration of capital.
These feelings, which I should be sorry to see weakened, induce most men of property
to be satisfied with a low rate of profits in their own country, rather than seek a more
advantageous employment for their wealth in foreign nations.“ Ricardo 3ed, London
1821, S. 143. Daß in bezug auf die empirische Richtigkeit dieser Begründung mancher-
lei auszusetzen ist, dürfte ohne weiteres zu erkennen sein. Wir kommen darauf zurück.

3) Cairnesf; Some Leading Principles of Political Economy. London 1872.
        <pb n="28" />
        — 15 —
lich außerdem die Konstruktion einer Grundrente, die nicht in
den Preis eingeht, sind dann unmöglich.

Ricardo hat trotzdem, d. h. obgleich er sich offenbar der
zahllosen Fälle beschränkter Konkurrenz bewußt gewesen ist, die
Theorie des „natürlichen“ Preises nicht aufgegeben. Es ist nun aller-
dings vorwiegend eine Entscheidung der Zweckmäßigkeit, eine der-
artige, in ihrem Geltungsbereich bedeutend eingeschränkte Theorie
fallen zu lassen oder nicht. Solche Fiktionen haben nur dann Wert,
wenn sie eine hinreichende Zahl von Erscheinungen zu erklären ver-
mögen. Wir werden später sehen, daß die Überlegenheit der neueren
Theorie in bezug auf den Umfang des Geltungsbereiches eine so
große ist, daß damit die Theorie des „natürlichen‘“ Preises ein für
allemal überholt sein dürfte. Dadurch, daß sich die Klassiker dennoch
für ihre Beibehaltung entschieden, mußten sie notwendig zu anderen
Hilfsprinzipien ihre Zuflucht nehmen, um wenigstens die wichtigsten
und auffallendsten Erscheinungen ‚der Erfahrung, die sich ihrer
Theorie nicht einpassen wollten, zu meistern.

Solches Hilfsprinzip sui generis ist die Theorie des inter-
nationalen Handels. Mit ihr betraten die Klassiker den Weg zu einer
konkret-kausalen Erklärung der Preise.

Wie weit sie ihn beschritten haben, werden wir jetzt ausführ-
licher zu untersuchen haben.

Wir sagten schon, daß Ricardo im sogenannten „Gesetz der
kompgrativen Kosten‘ zum ersten Mal die „Abweichungen“ seiner
Ansicht nach speziell der internationalen Tauschvorgänge von der
Äquivalenztheorie formuliert habe. Dieses ‚Gesetz‘ enthält die
Aussage, daß die Preisbildung der international getauschten Güter
sich zwischen den Grenzen der innerhalb jedes der tauschenden
Länder gültigen bzw. potentiellen Tauschwerte dieser Güter be-
wege. Da sich diese Tauschwerte auch sachlich-quantitativ aus-
drücken lassen, können wir auch sagen, daß der Preis zwischen den
potentiellen Arbeitsmengen der beiden Länder liegt oder, an dem
bekannten Beispiel Ricardos ausgedrückt, daß Portugal bzw.
England so lange Tuch bzw. Wein beziehen wird, bis das Tuch
(der Wein) einen Preis erreicht, der dem in Portugal (England)
möglichen inländischen Tauschwert des Tuches (des Weines), d. h.
dem relativen Arbeitsmengenverhältnis zwischen Tuch und Wein
in Portugal (England) gleichkommt.

Innerhalb dieser Grenzen der portugiesischen und englischen
Selbstkosten liegt der Preis, das ist in unserem Beispiel: die Tausch-
        <pb n="29" />
        relation von Wein und Tuch, auf deren Grundlage sich der inter-
nationale Güterumsatz vollzieht. Wo dieser Preis liegt, und wenn
er irgendwo liegt, warum er gerade an diesem Punkte bzw. gerade
in dieser Relation verharrt, hat Ricardo nicht näher untersucht
— höchstens angedeutet und auch dies nur in einer solchen ihm
eigenen Kürze, daß es schwierig sein dürfte, aus den wenigen Be-
merkungen über diese Frage die Anwendung eines neuen Prinzips
herauszuinterpretieren.

Im allgemeinen mißt Ricardo dem Prinzip von Angebot
und Nachfrage, das J. St. Mill als „antecedent law‘1) bei der
Erklärung der internationalen Tauschvorgänge dem Kostengesetz
vorangestellt hat, keine große Bedeutung bei. Es erscheint ihm als
ein „axiom“‘, das „the source of much error‘“?) in der politischen
Ökonomie gewesen ist.

In einer überzeugenden Kritik dieser Auffassung Ricardos
macht Amonn darauf aufmerksam, daß Ricardo unter „Angebot
und Nachfrage einfach die angebotenen und nachgefragten
Mengen“‘?) verstehe, wodurch er — leicht erklärlich — zur Ablehnung
des Gesetzes von Angebot: und Nachfrage als einer Ursache des
Preises bestimmt worden sei. Dasselbe gilt auch für die Betrachtung
über die Nachfrageverhältnisse im auswärtigen Handel.

Allerdings müssen wir hier eine Einschränkung machen, die
als Ansatz zu einer neuen Preistheorie im Sidifhe der Zuerkennung
einer kausalen Bedeutung an die Faktoren Angebot und Nachfrage
aufgefaßt werden könnte. Gelegentlich der Analyse der Nachfrage-
verhältnisse bezüglich des Inlands- und Auslandsmarktes macht
Ricardo folgende Äußerungen“):

Tritt eine Erweiterung des Marktes ein, d. h. wird der Handel
mit einem anderen Lande eröffnet infolge der relativen Billigkeit
eines Produktes, so kann entweder die Nachfrage nach diesem
Produkt dieselbe bleiben wie vorher, wodurch ein Teil des Ein-
kommens der Konsumenten des ausländischen Produktes für andere
inländische Produkte frei wird — mit dem Ergebnis, daß letztere
im Preise steigen und damit das durch Aufgabe der Produktion des

I) Vel. J- St. Mill, a. a. 0.5. 125.

2) Vgl. Ricardo, a.a. 0.5, 461.

3) Vel. Amonn, a. a. 0.5.85.

4) Vgl. Ricardo, a. a. O. S. 133/34. Wir bemerken gleich an dieser Stelle,
daß die folgenden kurzen Andeutungen Ricardos die Abhängigkeit zwischen Nachfrage
und freigesetztem Kapital eindeutiger ausdrücken, als es später bei J. St. Mill der
Fall ist.

16
        <pb n="30" />
        7
jetzt importierten Gutes freigesetzte Kapital!) der rentableren in-
ländischen Verwendung zufließt — oder die Nachfrage nach aus-
ländischen Produkten steigt entsprechend der Verbilligung, während
die Nachfrage nach inländischen Produkten dieselbe bleibt. Das
freigesetzte Kapital wird sich dann im gleichen Umfange denjenigen
Produktionszweigen zuwenden, deren Produkte zur Bezahlung des
Importes dienen.

Der Nachfrage wird also in diesen Fällen eine autonome Be-
wegung zuerkannt; sie kann proportional der Verbilligung steigen,
auf dem alten Stand verharren, und schließlich — das fügen wir
hinzu — über die Verbilligung hinauswachsen. Die Bewegungen
des Angebots bzw. der Produktionsmittel sind Funktionen dieser
Autonomie der Nachfrage.

Wir müssen uns jedoch darüber klar sein, daß es sich hier
nur um eine beiläufige Bemerkung Ricardos handelt, da es ihm
bei seinen Untersuchungen auf ganz andere Dinge ankam. So hat
Gottl Recht, wenn er Ricardo bzw. die Klassiker überhaupt
„Wertanalytiker‘“?) nennt; es wäre falsch, zufällige Bemerkungen
über das komplexe Problem der konkret-kausalen Bedingtheit
der Preise in ihrer systematisch-prinzipiellen Bedeutung zu über-
schätzen.

Immerhin wollen wir diesen dürftigen Ansatz zur Erkenntnis
einer selbständigen Wirkung der Nachfrage im Auge behalten,
Aus ihm ließe sich das gesuchte neue Erklärungsprinzip des Preises
entwickeln, sobald an Stelle der mengenmäßigen Gegenüberstellung
das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Nachfrage und Angebot in
bestimmter Weise zum Prinzip der Untersuchung gemacht würde.

Die rein mengenmäßige Vorstellung der Beziehung von Angebot
und Nachfrage ist auch durch J. St. Mill nicht wesentlich vertieft
worden. Immerhin hat Mill bewußter als Ricardo die Lücke in
der Preistheorie auszufüllen gesucht, die durch die starre Anwendung
des Äquivalenz-Gedankens entstehen mußte. Wir finden deshalb
auch bei ihm bestimmtere Anhaltspunkte für unsere Behauptung,
daß die Theorie der internationalen Werte eine Theorie eigener
Art ist, in der ein neuer Gedanke schlummert, dessen Erkenntnis

1) Eine Kritik dieser „Freisetzung“ siehe bei Marx: Kapital I, S. 403f.f. Marx
fußt hier anläßlich der Erörterung der Freisetzung von Arbeitern durch die Maschine
auf gewissen empirischen Voraussetzungen, die dem hier vertretenen Einwand beschränkter
Konkurrenz auch innerhalb der sogenannten „Volkswirtschaft“ gleichkommen. Logisch
ist natürlich gegen die abstrakte Diktion Ricardos nichts zu sagen.

2) Vgl. v. Gottl-Ottlilienfeld, Die wirtschaftliche Dimension. Jena 1923,55. 37.
Weigmann, Internat. Handel, 2
        <pb n="31" />
        1e0-
eine Position vorbereiten sollte, die später von der Nutzentheorie
tatsächlich eingenommen wurde.

Wir stellen einen Satz Mills an den Anfang, der mit aller
Deutlichkeit die Ausgangsstellung der neuen Betrachtungsweise
kennzeichnet. Mill sagt: „Es kann (daher) als ausgemacht gelten,
daß, wenn zwei Länder miteinander mit zwei Waren Handel treiben,
der Tauschwert dieser Waren im Verhältnis zueinander sich den
Neigungen und Verhältnissen der Verbraucher auf beiden Seiten
anpassen wird, in der Weise, daß die von jedem Land verlangten
Mengen der Gegenstände genau ausreichen werden, einander zu
bezahlen‘“!). Er fügt dann allerdings hinzu: „Wir wissen, daß die
Grenzen, auf die die Schwankungen (der Tauschwerte. D. Verf.)
beschränkt sind, in dem Verhältnis zwischen den Produktions-
kosten in den beiden Ländern gegeben sind‘‘?).

. Hier haben wir deutlich die erwähnte Heteronomie der Preis-
bildung; denn es wird uns in diesen beiden Sätzen das Sonderbare
mitgeteilt, daß einerseits der Preis in bestimmt qualifizierten
Tauschvorgängen von den „Neigungen und Verhältnissen der
Verbraucher“ abhängig ist, während er andererseits bei „normalen“
Tauschvorgängen durch das ‚Verhältnis zwischen den Produktions-
kosten“ gegeben ist. Es wirken hier also zwei Erklärungen gegen-
einander. Die letztgenannte bestimmt die Grenze für die Geltung
der ersteren.

Es ist derselbe Widerspruch, der uns schon in der Markt-
preistheorie der Klassiker begegnete, mit dem Unterschied aller-
dings, daß, wie wir oben schon bemerkten, durch die Marktpreis-
theorie nur vorübergehende Preiserscheinungen erklärt werden,
denen gegenüber sich das Kostenprinzip stets wieder durchsetzt.
Der Widerspruch fällt bei ihr infolgedessen nicht so ins Gewicht
wie bei der Theorie der internationalen Werte. Man könnte mit
den Klassikern der Ansicht sein, daß gerade sie geeignet sei, den
stets wiederkehrenden entscheidenden Einfluß der Kosten erkennen
zu lassen.

1) Vgl. Mill, a. &amp; OS. 129. „It may be considered, therefore, as established,
that when two countries trade together in two commodities, the exchange value of these
commodities relatively to each other will adjust itself to the inclinations and circum-
stances of the consumers on both sides, in such manner that the quantities required by
each country, of the articles which it imports from its neighbour, shall be exactly suf-
ficient to pay for one another.‘ (Deutsch: Ausgabe Waentig.)

2) Ebenda: „We know that the limits within which the variation is confined,
are the ratio between their costs of production in the one country, and the ratio between
their costs of production in the other.“

A Q
        <pb n="32" />
        — AO —

Anders bei der Theorie der internationalen Werte. Die bei
den internationalen Tauschvorgängen bestehende dauernde Span-
nung zwischen Preis und Kosten läßt sich nicht derart fortargumen-
tieren. Das hat Mill eingesehen. Die Folge ist seine Analyse
der Nachfrageerscheinungen. Daß auch er schließlich an der
prinzipiellen Bedeutung der Nachfrage für eine Gesamterklärung
aller Tauschvorgänge vorbeisieht, wollen wir etwas ausführlicher
beweisen.

Wir passen uns zu diesem Zweck der Methode Mills an,
mit deren Hilfe er seine Theorie der internationalen Werte ent-
wickelt.

Mill beginnt mit dem bekannten Beispiel des Austausches
von Tuch und Leinen zwischen England und Deutschland. Die
Situation vor Eröffnung des Tausches sieht wie folgt aus:

England tauscht im eigenen Lande:

Ellen Tuch : Ellen Leinen = 10: 15; Deutschland:

Ellen Tuch : Ellen Leinen = 10: 20°).

Nach Eröffnung des Tausches muß der Preis zwischen den
Relationen 10:15 und ı1o:20 liegen, da bei Eintreten einer
dieser Grenzfälle England bzw. Deutschland zur Eigenproduktion
übergehen würde.

Wo wird er liegen ?

Dies zu untersuchen, stellt sich Mill ausdrücklich zur Auf-
gabe. Er beginnt mit einer Annahme des Preises, da es bei dessen
Schwankungen keinen Unterschied mache, wie wir ihn im Beginn
annehmen?). „Wir wollen daher annehmen“, sagt Mill, „daß
infolge der Wirkung des von Adam Smith sogenannten Feilschens
und Handelns auf dem Markte 10 Ellen Tuch sich in beiden Ländern
gegen 17 Ellen Leinen austauschen lassen®)““, und zwar unter der
Voraussetzung, daß zu diesem Preise die nachgefragte Menge auf
beiden Seiten 1000 Einheiten beträgt. In diesem Falle werden die
nachgefragten Mengen 1000XI0 und 1000X 17 genau ausreichen,
einander zu bezahlen. Angebot und Nachfrage oder gegenseitige
Nachfrage „(reciprocal demand“‘*)) befinden sich im Gleichgewicht 9).

1) Vgl. Mill, a.a.O. II, 18. chapt., $ 2, S. 126/127.

2) Vgl. Mill, a.a.0O. S. 127: „...‘it does not matter what we suppose it to
be when we begin.“

3) Ebenda: „Let us suppose, then, that by the effect of what Adam Smith calls
the higgling of the market, 10 yards of cloth, in both countries, exchange for 17 yards
of linen.“

4) Vel. Mill, a.a. 0. S. 136.

5) Vgl. Mill, a.a.0. S. 126/27.
Ost
        <pb n="33" />
        — 2) —

Indem Mill nunmehr dieses einfach beschreibende Beispiel
variiert, bemüht er sich, die Gründe für die Bestimmung dieser
Gleichgewichtslage aufzudecken. Er läßt zuerst die Voraussetzung
fallen, daß die nachgefragten Mengen der beiden Länder über-
einstimmen!). Fordert England bei dem Preise 10: 17 aus irgend-
welchen?) Gründen nur 800 Ellen Leinen, so wird die Nachfrage
Englands, die wir zugleich als angebotene Menge Deutschlands
aufzufassen haben, nicht ausreichen, um den gleichgebliebenen
Bedarf Deutschlands von 1000 Ellen Tuch zu bezahlen. Die Nach-
frage Englands nach Leinen muß deshalb, will Deutschland seinen
Bedarf nicht wesentlich kürzen, durch eine Preissenkung des Leinens
angeregt werden. Da diese Preissenkung zugleich eine Verteuerung
des Tuches bedeutet, ist zu erwarten, daß die Nachfrage Deutsch-
lands eine gewisse Reduzierung erfährt. Nehmen wir nach Mill
an, daß sich die Preissenkung des Leinens auf der Basis einer Re-
lation von 10: 18 vollzieht, so wird England etwa 900 Ellen Leinen,
Deutschland etwa 900 Ellen Tuch anfordern. Die Gleichung lautet
dann: 900 X 10 = 900 X 189).

Bevor wir uns die Bedeutung dieses Zahlenbeispiels klar
machen, müssen wir uns auf zwei wichtige Voraussetzungen be-
sinnen, von denen Mill hier nur die zweite ausdrücklich erwähnt.
In dem einfachsten Fall zweier Länder, die mit nur zwei Waren
tauschen, macht Mill nämlich die Unterstellung, daß

[. trotz der mit der Eröffnung des Handels sich in jedem der

Länder vollziehenden Konzentration der Produktions-
mittel auf die Herstellung nur einer Ware, die Kosten
bzw. die Leistungen pro Kapital und Arbeitseinheit die
gleichen bleiben“),

2. die Nachfrage nach einer Ware, d. h. die Menge, die Ab-

satz finden kann, „den Preisen entsprechend“ schwankt 5).

1) Vgl. Mill, a.a.O. S. 128.

2) Über diese „irgendwelchen Gründe“ bekommen wir nachher Aufschluß und
zwar dort, wo Mill sich bemüht, die Nachfrage eines Landes in ein Abhängigkeits-
verhältnis zu den durch Aufgabe der Produktion des importierten Gutes freigesetzten
produktiven Kräften zu setzen,

3) Vel. Mill, a.a.0. S. 128.

4) Diese viel angegriffene Annahme behält Mill in allen Beispielen bei. Wir
kommen darauf später zurück,

5) Vgl. Mill, a.a.0. S, 127: „The demand for a commodity, that is, the
quantity of it which can find a purchaser, varies, ... according to the price.

3C
        <pb n="34" />
        — 25 —

Schon die letzte Bemerkung zeigt, daß Mill die Nachfrage
nicht ohne weiteres als abhängige Größe aufgefaßt wissen will,
sie vielmehr nur vorläufig aus methodischen Gründen als Konstante
annimmt. Dies wird bestätigt durch die späteren Beispiele dieser
ersten Reihe, die die $$ 1—35 umfaßt, in denen Mill die Propor-
tionalität von Billigkeit und Nachfrage fallen läßt.

Um so verwunderlicher ist es, daß ihm diese Annahme in
einer zweiten Reihe von Beispielen, die mit dem 8 6 beginnt, offen-
bar zum Verhängnis geworden ist. Betrachtet man die eben ent-
wickelten Beispiele etwas genauer, SO wird es verständlich, daß
bei der dortigen Formulierung des Begriffs Nachfrage als Güter-
menge!) die Frage aufgeworfen werden konnte, wodurch denn
diese Nachfrage bestimmt sei. Besonders durch die Kritik William
Thortons angeregt, die die Möglichkeit verschiedener derartiger
Gleichgewichtspreise, wie wir sie oben kennen gelernt haben, her-
vorhebt, sucht Mill diese Unbestimmtheit des Preisproblems durch
eine Analyse der Gründe für die Höhe der Nachfrage zu beseitigen.
Denn, wie wir aus den bisherigen Annahmen schließen können,
ist es offenbar höchst willkürlich, wenn einfach eine bestimmte Nach-
frage, etwa 1000 Ellen auf beiden Seiten oder 800 bzw. 1000, 8€-
setzt wird. Woher kommen diese Größen, die, jeweils verändert,
einen anderen Gleichgewichtspreis ergeben ? In dem Bestreben,
diese Frage zu beantworten, verfällt Mill auf einen sonderbaren
Ausweg.

Mit Recht bezeichnen die Kritiker Mills diesen Versuch als
„labourious and confusing‘“ ?). Nach ihnen sind die 88 6, 7, 8 des
XVIIL Kapitels, die sich auf ihn beziehen, überflüssig. Da wir
uns jedoch ausdrücklich auf das Problem der Heteronomie fest-
gelegt haben, dürfen wir diese wichtigen Rückfälle in die Kosten-

ı) Vgl. Mill, a.a. O. S. 127: „demand ..., that is, the quantity ... which can
find a’ purchaser.“

2) Vgl. besonders Bastable, Theory of International Trade, 4. Ed., London
1903, S. 29, Anm.: „The attempt made by Mill to amend his theory by introducing
the additional element of the amount of capital set free for the production of exports,
is as he even seems to admit, a failure; for, in the case of two countries and two
commodities, the amount of freed capital, or, as I should prefer to say, ‚productive
power‘ is evidently determined by reciprocal demand, so that nothing is gained by the
labourius and confusing discussion in secs. 6,7, 8 of chapt. XVII.“ Ähnlich Edgeworth,
Theory of International Values, Econ. Journal, Vol. IV, London 1894, S. 609: Mill
habe in diesen 88 6—8 nichts gesagt, was nicht schon in den 88 1—5 (besonders am
Ende von $ 5) enthalten sei, nämlich das, was Cournot mit „reflux of capital and
labour“ bezeichnet habe.
        <pb n="35" />
        220
Gedankengänge nicht unerwähnt lässen. Bevor wir also die erste
Reihe der Beispiele ($8 2—5) weiter verfolgen, gehen wir zur zweiten
Reihe über, die unter denselben oben erwähnten beiden Voraus-
setzungen nur unter Verwendung anderer Zahlen die Abhängigkeit
der Nachfragemengen von dem durch Eröffnung des Tausches frei-
gesetzten Kapital eines Landes (besser: produktiven Kräften)
beweisen soll. Mill drückt dieses Ergebnis so aus: „Das ganze Tuch,
das England mit dem vorher der Leinenerzeugung gewidmeten
Kapital herstellen kann, läßt sich gegen das ganze Leinen aus-
tauschen, das Deutschland mit dem vorher der Tucherzeugung
bestimmten Kapital anfertigen kann‘).
Oder in eine kurze Formel gebracht:
n Tuch wird sich immer gegen 2 m Leinen austauschen?),
Dabei ist

n = der Menge Tuch, „die England mit der Arbeit und dem
Kapital, die aus der Leinen-Industrie herausgenommen
sind, hervorbringt‘“?) ;

m = der Menge Tuch, die „vorher von Deutschland (zu

den deutschen Produktionskosten)‘“ geliefert wurde?).

1) Vgl. Mill, a.a.O. S. 145: „The whole of the cloth which England can make
with the capital previously devoted to linen, will exchange for the whole of the linen
which Germany can make with the capital previously devoted to cloth,“

2) Vgl. die Ähnlichkeit dieser Formel mit derjenigen v. Mangoldts (Grundriß
der Volkswirtschaftslehre , Stuttgart 1863, S. 186), nur daß sich dieser hütet, die frei-
gesetzten Kapitalien als Grund für die Höhe der Nachfrage anzunehmen. Wurden
bisher in zwei Ländern die Waren A und B beide hergestellt, und zwar

für das ı. Land A:B= 1:1,

AB =
und wurden im ersten Lande mB, im zweiten Lande nA bisher verzehrt, so werden
nach Eröffnung des Handels

mA. gegen 2nB

ausgetauscht werden. Lassen wir vorläufig das mit s und t bezeichnete Moment zu-
nehmender Ergiebigkeit außer acht, so kommt es offenbar allein auf „das Verhältnis
zwischen den von jedem Lande bisher verbrauchten Mengen des nun tauschweise zu be-
ziehenden Artikels“ an. Die Begrenzung der Wirksamkeit dieses Faktors auf bestimmte
Größenverhältnisse, wie sie v. Mangoldt im folgenden vornimmt, soll in dieser prin-
zipiellen Untersuchung unberücksichtigt bleiben. Es handelt sich dabei um den Fall der
Tauschbeziehungen eines großen und eines kleinen Landes. Die gegenseitige Nachfrage
weicht hierbei der Preisbestimmung der einseitig wirksamen Nachfrage des großen Landes.
Vgl. ähnlich Nicholson, Principles of Political Economy, Vol. II, London 1897,
S. 302/03, allerdings in geldwirtschaftlicher Formulierung.

3) Vgl. Mill, a.a.0O. S. 145: „... which England can make with the labour
and capital withdrawn from the production of linen,“ „... previously required by
Germany (at the German cost of production).‘“
        <pb n="36" />
        Das englische Angebot bzw. die als Angebot wirkende eng-
lische Nachfrage und die deutsche Nachfrage bzw. das als Nach-
frage wirkende deutsche Angebot werden also den früher im Zu-
stande der Isolierung produzierten und nachgefragten Mengen von
Produkten gleichgesetzt, die in ihrer absoluten Höhe bedingt sind
durch den Ertrag der ihnen gewidmeten produktiven Kräfte.
n und m sind also inländische Produktionsgrößen; sie sind im Sinne
der Klassiker kostenbedingt. Wenn die Relation dieser Größen
im internationalen Handel mit der Formel n=2 m ausgedrückt
wird bzw. in Zahlen: 1000000 Tuch = 1000000 Tuch (= 2000000
Leinen) oder entsprechend dem anderen Beispiel Mills: 1000000
Tuch = 800000 Tuch (= 1600000 Leinen) oder: 1000000 Tuch
=500000 Tuch (= 1000000 Leinen), so bezieht sich dies nur aut
die inländischen Kostenrelationen, die nach der Millschen Vo1-
aussetzung in dieser zweiten Reihe von Beispielen sich wie folgt
verhalten:

England 100 Tuch : 100 Leinen.

Deutschland 100 Tuch: 200 Leinen, also 1:2.

Deutschland wird demnach stets doppelt so viel Leinen her-
stellen, wie es Tuch herstellte, und wenn es vor Eröffnung des
Tausches 1000000 Tuch nachfragte, so wird es nunmehr dasselbe
tun, indem es 2000000 Leinen dafür anbietet. Ob England diese
2000000 Leinen nehmen wird ?

Bleiben wir in den Ziffern des ersten Beispiels von Mill?).
England fragte vor dem Tausch 1000000 Leinen nach; es müßte
nach Eröffnung des Handels dasselbe tun, indem es 1000000 Tuch
dafür anbietet. Auf Grund der Kapitalsituation und der Kosten-
verhältnisse der beiden Länder bietet also das eine Land 1000000
Tuch (England), das zweite 2000000 Leinen (Deutschland), oder
entsprechend den Zahlen des zweiten Beispiels von Mill?), das
eine Land 1000000 Tuch (England), das zweite 1600000 Leinen
(Deutschland) an. Was geschieht mit den überschüssigen Mengen,
da offenbar doch England nur einen Bedarf von 1000000 Leinen
hat bzw. hatte (z. Beispiel), Deutschland nur 800000 Tuch haben
wollte (2. Beispiel), während ihm 1000000 Tuch angeboten wird?
Mill unterstellt, daß sie von der Nachfrage glatt aufgenommen
werden, indem sich diese eben entsprechend der Verbilligung ver-

1) Vgl. die in unserem Exkurs über die geometrische Darstellung dieser Fälle
gegebene Fig. 1.

2) Vgl. Exkurs Fig. 2.

A
        <pb n="37" />
        24 —
mehrt. Würden sie nicht aufgenommen, so lägen die freigesetzten
produktiven Kräfte teilweise brach.

Oder nehmen wir den von Mill in seiner Anmerkung aus-
geführten Fall an, daß n kleiner ist als m, d. h., daß England 1000000
Tuch anbietet, Deutschland aber 1200000 nachfragt!)?). Wird
England, das vorher nur 1000000 Leinen verbrauchte, die größere
Menge Leinen annehmen und wird Deutschland auf die ungedeckte
Nachfrage von 200000 Tuch verzichten? Mill beantwortet diese
Fragen, indem er die Preisrelationen durch die Angebotsmengen
bestimmt sein läßt, also im ersten Beispiel 100:200, im zweiten
100: 160, während die Nachfrage einfach proportional reagiert.
Das hier als dritter Fall aufgeführte Beispiel bietet dagegen noch
einige Schwierigkeiten, da das Verhältnis n:m außerhalb der
Grenzen liegt, die durch die Größen 2000000 und 1000000 Leinen
gesteckt sind. In diesem Falle wird zwar die Relation ebenfalls
100:200 sein, der Umsatz der absoluten Größen wird jedoch
solange kein Gleichgewicht der Nachfrage bringen, bis sich dieses
auf dem Umwege über andere Waren vollzogen hat).

Überlegen wir uns das Ergebnis dieses Teiles der Millschen
Theorie der internationalen Werte, durch den er die Unbestimmt-
heit der Preisbildung im internationalen Handel zu beseitigen ver-
sucht, so müssen wir feststellen, daß mit diesen komplizierten
Gedankengängen für die Erklärung des Preises fast nichts geleistet
ist. Es wird ausschließlich ein Mengenverhältnis durch das andere
erkärt, d.h. die aus der inländischen Mengenbeziehung resultierenden
Angebots- bzw. Nachfragegrößen der jeweiligen Länder werden
einfach einander konfrontiert; das Ergebnis ist der Preis.

Legen wir dazu noch die Bemerkungen Mills im Sinne eines
Kausalverhältnisses aus, derart, daß wir Ertrag und Größe der
freigesetzten produktiven Kräfte das ausländische Mengenverhält-
nis direkt bestimmen lassen, so haben wir eine Verdrehung der oben
erwähnten“) Theorie Ricardos, und zwar jenen Fall der Beziehung
zwischen in- und ausländischer Nachfrage eines Landes, in der er,
wie Mill, Proportionalität von Verbilligung und Nachfrage an-
nimmt.

Wir sehen hier wieder die Wirkung der irrtümlichen Hypo-
these eines Realgrundes des Preises, die wir oben erwähnt haben,

1) Vgl. Mill, a.a. 0. S. 146 Anm.

2) Vgl. Exkurs Fig. 3.

3) Vgl. Mill, a.a.O. S. 146 Anm,

4) Vgl. oben S. 16/17.
        <pb n="38" />
        An DE
während es sich doch nur um die logische Fiktion eines Gleich-
gewichtes handelt, mit der noch gar nichts ausgesagt wird über
die Ursache des Preises.
Bevor wir nunmehr den schon bei Ricardo angedeuteten
Fall einer unmittelbaren Beeinflussung des Preises durch die Nach-
frage in der ersten Reihe der Millschen Beispiele weiter verfolgen,
verweisen wir an dieser Stelle auf den diesem Kapitel angeschlos-
senen Exkurs über die geometrische Veranschaulichung des eben
erörterten, von Mill eingenommenen Standpunktes, wie sie Edge-
worth in seiner Darstellung der Theorie der internationalen Werte
versucht hat. Deutlich können wir an den dortigen Figuren 1—3
die Bewegungen der Nachfrage verfolgen, die nach Mill, wenn
wir ihn einseitig auslegen würden, durch die sachlichen Faktoren
Ertrag und absolute Höhe der aufgewandten Produktionsmittel
bedingt sind. Denn, wie wir noch einmal ausdrücklich bemerken
wollen, ist offenbar der Gedankengang Mills in diesen Beispielen
folgender: In jedem Lande besteht vor Eröffnung des Tausches
ein bestimmtes Gleichgewichtsverhältnis zwischen Angebot und
Nachfrage einer Ware, das auf der Basis des natürlichen Preises
balanziert. Wird durch den internationalen Handel die Produktion
dieser Ware aufgegeben, so richtet sich die Nachfrage zuerst in
derselben Höhe auf das Ausland, und zwar deshalb in derselben
Höhe, weil die freigesetzten Produktionsmittel der nun importierten
Ware in der Produktion einer vom Ausland begehrten anderen
Ware investiert werden, die entsprechend der inländischen Er-
giebigkeit einen Gegenwert liefern kann, der eben die Höhe der
Nachfrage gewährleistet. Wenn nun die Nachfrage einem höheren
Angebot von Seiten des Auslandes begegnet, d. h. wenn das Aus-
land billiger anbietet, — und das wird bis auf die Grenzfälle stets
eintreten — so wird sie dieses Angebot aufnehmen, so lange dabei
die Wiederinvestierung im eigenen Lande unverändert bleibt oder
anders ausgedrückt: die Bewegung der Nachfrage in Reaktion
auf das ausländische Angebot bleibt in den Grenzen der Produktions-
mengen der neuinvestierten Kapitalien, d. h. die Nachfrage z. B.
Englands schwankt zwischen n = m und n==2 m.

Daß dies nicht immer der Fall ist, hat Mill selbst eingesehen.
Abgesehen von dem schon in Fig. 3 des Exkurses gezeigten Fall,
den wir auch im Text erwähnten, wo n kleiner als m gesetzt wurde
(es kann auch größer als 2 m angenommen werden) zeigen die nun
folgenden Beispiele (die in den Fig. 4 und 5 des Exkurses dar-
gestellt sind — allerdings in Anlehnung an die zweite Reihe der
        <pb n="39" />
        Millschen Beispiele), daß die Nachfrage durchaus selbständig
von sich aus Art und Umfang der zu investierenden Kapitalien
bestimmt, mit der einzigen Ausnahme, — die von Mill jedoch nicht
erwähnt wird — daß die Menge der Produkte technisch abhängig
ist von der Leistungsfähigkeit der betreffenden Produktionsmittel-
Kombinationen.

Allerdings — Mill bringt den Fall einer Veränderung der
Produktionskosten, aber nicht in der Beziehung einer Folge steigen-
der Produktion. Diese Untersuchungen Mills über die Wirkung
veränderter Kostenverhältnisse auf den Preis sind besonders inter-
essant, da sie noch einmal das Thema der Kosten berühren, jedoch
mit dem Ergebnis, daß die Wirkung der Kostenveränderung auf
den Preis indirekt von der Gestaltung der Nachfrage abhängig ist.

Wir kommen damit zu den erwähnten Fällen, in denen die
Nachfrage sich nicht umgekehrt proportional zu den Bewegungen
des Preises verhält. Nehmen wir an, Deutschland produziere in-
folge einer ‚mechanical improvement‘“!) mit derselben Menge
Arbeit und Kapital, die vorher 20 Ellen Leinen hervorbrachte,
jetzt 30 Ellen Leinen, während England, wie vorher dasteht, also
10 Ellen Tuch gegen 15 Ellen Leinen tauscht. Wie wird diese Ver-
besserung der deutschen Leinenproduktion auf den internationalen
Preis wirken, der bisher 10:17 betrug?

In Deutschland selbst wird der Preis des Leinens entsprechend
der Verbilligung sinken, und zwar um 1% des früheren Preises,
unter anderem auch gegenüber dem importierten Tuch. 10 Ellen
Tuch würden sich dementsprechend nicht gegen 17 Ellen Leinen
sondern gegen % mal so viel, das ist 25% Ellen Leinen austauschen ?).
Dieses Verhältnis wird aber nicht bestehen bleiben, da die deutsche
Preislage auf die internationale Nachfrage drücken muß. Und zwar
steigt diese entweder

I. im gleichen Verhältnis zur Verbilligung oder

2. im größeren oder

3. im kleineren Verhältnis zur Verbilligung.

Im ersten Fall wird England genau so viel Leinen mehr ver-
langen, als die Verbilligung beträgt, d. h. an Stelle von 17X x Ellen
Leinen 25% Xx Ellen Leinen.

Deutschland wird dieselbe Menge Tuch verlangen wie vorher,

1) Vgl. Mill, a.a.0. S. 137.

2) Vgl. Mill; aa, 0.5. 138/38

”»6
        <pb n="40" />
        da auf seinem Markte 25% Ellen Leinen denselben Wert haben,
wie vorher 17 Ellen Leinen.

Im zweiten Falle!) ?) steigt laut Mill die Nachfrage Englands
von 1000X17 Ellen Leinen vorher auf mehr als 1000 X 25% Ellen
Leinen. England wird dann den Preis des Tuches senken müssen,
um die gewünschte Menge Leinen zu erhalten, z. B. auf 10:21.
Der Ausgleich der korrespondierenden Mengen ist dann hergestellt.

Im dritten Falle®) steigt die Nachfrage Englands in einem
nicht ebenso großen Verhältnis wie die Verbilligung, d. h. England
wird weniger als 1000X25% Ellen Leinen begehren. Das Gleich-
gewicht der Mengen ist dann nur erreichbar, wenn Deutschland
mehr als 25% Ellen Leinen für 10 Ellen Tuch anbietet.

Im vierten Falle*) steigt die Nachfrage sowohl Englands
wie Deutschlands in einem gleichmäßigen, aber abnehmenden
Verhältnis zur Verbilligung (nach Mill beträgt die Abnahme */,0)-
Die Folge ist hier die Reduktion der angebotenen Mengen beider
Länder auf 900000 Tuch für England, das sonst 1000000 hätte
herstellen können, auf 1440000 Leinen für Deutschland, das
1600000 hätte anbieten können.

Dies genügt für unsere Zwecke. Wir sehen deutlich, wie Mill
von seiner „Kapital-Theorie‘““ der Nachfrage abweicht. Er gibt
das am Schluß seiner Untersuchungen auch selbst zu®), indem er
anerkennt, daß schließlich die Menge der freigesetzten Kapitalien
(produktiven Kräfte) von der Nachfrage abhängig sein muß®).
Betrachten wir diese „Kapital-Theorie‘“ genauer, So stellt sich
heraus, daß sie in der Tat nichts anderes besagt, als das Gesetz
der komperativen Kosten schon enthält. Denn, wenn Mill die
Größen n und m nur in den Grenzen n = m und n = 2 m schwanken
Jäßt, so heißt das, daß außerhalb dieser Grenzen die Eigenproduktion
der Länder beginnt. In Zahlen ausgedrückt: Ist 1000000 Tuch-
angebot Englands = 2 Millionen Leinenangebot Deutschlands

(n= m), so kann Deutschland ebensogut zur Eigenproduktion
ı) Vgl. Mill, a. a. O. S. 139.

2) Vgl. hierzu Fig. 4 des Exkurses.

3) Vgl. ebenfalls Mill, a. a. O0, S. 139 und Fig. 4 des Exkurses.

4) Vgl. Mill, S. 149. Diesen Fall bringt Mill in der ersten Reihe seiner Bei-
spiele nicht, er entspricht also ganz der Fig. 5 des Exkurses.

5) Vgl. Exkurs Text zu Fig. 5.

6) Vgl. Mill, S. 150. Bezeichnend ist vor allem der bekannte Satz: „Whatever
proportion of its (des betreffenden Landes) collective income it expends in purchases from
abroad that same proportion of its capital is left wıthout a home market for its productions.*“*

an
        <pb n="41" />
        = am

übergehen; ist 1000000 Tuchangebot Englands = 1000000 Leinen-
angebot Deutschlands (n = 2 m), So kann England ebenso vorteil-
haft selbst produzieren. Innerhalb dieser Grenzen aber verläuft
die Nachfrage in durchaus selbständiger Bewegung und beeinflußt,
wie wir speziell im vierten Falle (vgl. Fig. 5 des Exkurses) gezeigt
haben, die Höhe des Angebotes und der diesem Angebot gewidmeten
produktiven Kräfte.

Bezüglich des von Mill erwähnten Falles einer Veränderung
der Produktionskosten haben wir noch zu bemerken, daß sich dieser
formal in nichts von dem methodischen Schritt unterscheidet, der
bisher durch die Annahme der Eröffnung des internationalen
Handels, d. h. des Eintretens der Verbilligung einer Ware, vor-
genommen wurde. Ob die Spannweite der Kosten 15:20 oder
I5 : 30 angenommen, ob sie mit der Eröffnung des Handels oder
nach dessen Bestehen gesetzt bzw. verändert wird, ist prinzipiell
belanglos. Im letzteren Falle wäre es genau dasselbe, wenn z. BB.
England an Stelle mit Deutschland weiter zu tauschen einen Handel
mit einem anderen Lande eröffnete, dessen Kostenverhältnis noch
günstiger für England liegt‘).

Wir könnten nunmehr unser Urteil über die klassische Theorie
der internationalen Werte zusammenfassen, wenn nicht noch ein
Einwand gegen sie erhoben worden wäre, der gerade das bisher
Erreichte, nämlich die Feststellung einer selbständigen Theorie
mit neuem Prinzip, wieder illusorisch machen könnte, vorausgesetzt,
daß seine Argumente stichhaltig wären.

Anknüpfend an die von Mill benutzte Fiktion zweier Länder,
die nur mit zwei Waren Handel treiben, behauptet Sidgwick, daß
sich das Bild sofort zugunsten des Kostenprinzips verändere, wenn
eine beiden Ländern gemeinsame dritte Ware in das Beispiel ein-
gesetzt würde. In diesem Falle sei der Preis der international ge-
tauschten Ware durch die Kosten der gemeinsamen Ware mit-
bestimmt und es sei, abgesehen von dem Unterschied in den
Transportkosten, der allerdings eine besondere Theorie der Trans-
portkosten rechtfertige, (die Klassiker hätten die Transportkosten
fälschlicherweise aus ihren typischen Beispielen eliminiert) kein
Grund für eine besondere Theorie der internationalen Werte vor-
handen. Der Text dieses Einwandes lautet: „(For) let us take
Mills case of England exchanging cloth for the wine of Spain;

1) Vgl. hierzu unsere Bemerkungen auf S. 41ff., in denen wir auf die Be-
deutung des Momentes der Produktionskostenveränderungen besonders hinweisen.
        <pb n="42" />
        and let us suppose that their is at least one other commodity — say
corn — which is produced both in England and Spain. Accor-
dingly to Mills general theory of value the relative values of cloth
and corn in England must be determined by their comparative
cost of production; and, again, the relative values of wine and corn
in Spain must be determined in the same way. But if we suppose
cost of carriage to be eliminated, their is no reason why the value
either of wine and cloth relatively to corn, and therefore relatively
to each other must be completely determined by the principle of
cost of productions‘“*).

Bastable, der Sidgwick zu widerlegen sucht, bestreitet

die Möglichkeit, daß eine für beide Länder gemeinsame Ware exi-
stieren könne, so lange man die Voraussetzungen Mills anerkenne”).
Würden, wie bei Mill, zwei Waren und zwei Länder mit jeweils
konstanten Kosten angenommen, SO vollziehe sich‘ eine absolute
Aufteilung in der Produktion zwischen den beiden Ländern, da
jedes Land trotz steigender Produktion einen bleibenden Kosten-
vorsprung gegenüber dem anderen Lande behaupte. Im Falle
beweglicher Kosten sei zwar die absolute Aufteilung der Produktion
gestört (Bastable setzt hier offenbar bewegliche Kosten gleich
Kostendifferenzierung innerhalb des Landes, die, wie Schüller®)
meint, eine gleichzeitige Produktion beider Länder bis an die ihnen
gemeinsame Kostengrenze hervorruft), jedoch damit das von Sidg-
wick aufgestellte Kostenprinzip keineswegs gerettet, denn: „de-
mand and cost of production act on each other —.increased demand
raising cost“ (natürlich nur für den Fall des sinkenden Ertrages)
„and increased cost reducing demand“ *).

Einen wichtigen und abschließenden Beitrag zu dem von
Sidgwick aufgeworfenen Einwand liefert Edgeworth, dessen
Behandlung des Themas der internationalen Werte unter der ge-
samten darüber erschienenen Literatur bei weitem die erste Stelle
einnimmt.

Edgeworth erkennt die Möglichkeit einer beiden Ländern
gemeinsamen Produktion einer dritten Ware an, — selbst bei

ı) Vgl. Sidgwick, H., Principles of Political Economy. London 1883, Book IL,
Chapt. 3, $ 2, S. 218.

2) Vgl. Bastable, a. a. O., 2. Edition, Appendix B.

3) Vgl. Schüller, Schutzzoll und Freihandel, Wien-Leipzig 1905.

4) Vgl. Bastable, Appendix B, 5. 178.

z0
        <pb n="43" />
        konstanten Kosten!)?). Die Kritik Sidgwicks hat nach ihm: an
einem ganz anderen Punkte anzusetzen, und zwar bei einer Be-
trachtung der Doppelbedeutung des Wortes „„determine‘“3). Dieses
enthalte entweder den Sinn: „that values varies proportionately
to cost; or that values varies with but not in proportion to cost).
Das letztere, das ist die relative Unabhängigkeit der Bewegungen
von Preisen untereinander, und zwar als F olge beschränkter Kon-
kurrenz, treffe für den internationalen Handel zu; das erstere
dagegen habe offenbar Sigdwick ausdrücken wollen, so daß seine
Auffassung sich nur auf den inneren Markt beziehen könnte.

Eine Ausdehnung der Sidgwickschen Annahme auf den
internationalen Handel ist also abzulehnen. Denn offenbar ist
der Preis der dritten Ware nur durch das Tauschverhältnis der
beiden anderen Waren mitbestimmt.

Wählen wir das Beispiel Bastables®) zur Illustrierung dieser
gegenseitigen Bestimmtheit der Preise, so ist in den Ländern A und
B das Tauschverhältnis der drei Waren vor Eröffnung des Handels:

A I0 x:20 y:1I00 z.
BıioOx:!ISs y: 002.

B wird x und z nach A ausführen und dafür y einführen, da,
— gesetzt den Fall zwischen A und B hätte vor Einführung von
z zu dem Preise 10 x = 16 y Handel bestanden, — A für — sagen
wir — 17 y = 90 z erhalten würde, während es für 17 y im eigenen
Lande nur 85 z erhielte. Das internationale Preisverhältnis wäre
dann 10 x:I17 y:9o z. Natürlich wird eine genauere Erörte-
rung des Falles den jeweiligen Grad der Nachfrage zu berücksich-
tigen haben, besonders wenn es sich um die Feststellung zu handeln
hätte, ob A die gesamte Produktion von z aufgeben würde; es
genügt jedoch für uns die Erkenntnis, daß die Preisrelation

I) Edgeworth bedient sich hier des von v. Mangoldt aufgestellten Beispiels
Vgl. Edgeworth, a.a.0. S. 620 und 632, ebenso v. Mangoldt, a.a.0O. S. 196.
E. sagt: „C (d.i. die dritte Ware) occupies an intermediate position between exports
and imports, as may be verified by remarking that, after the trade has been set up,
neither country can gain by either exporting or importing C.‘“ C. ist mithin die Ware,
die in beiden Ländern „als Maßstab der relativen Produktivität“ (v. Mangoldt, S. 196)
betrachtet werden kann,

2) In der vierten Ausgabe seines Buches gibt Bastable Edgeworth recht, und
zwar nicht nur wie in der zweiten Ausgabe für den Fall zweier verschieden großer
Länder, S. 179 Anm.

3) Vgl. das Wort „determine“ im obigen Text des Zitates von Sidgwick.

4) Vgl. Edgeworth, a. a. 0. S. 620/21.

5) Vgl. Bastable, a.a. O., 4. Ed. 5.26.

20
        <pb n="44" />
        31 =

I0 x:17 y:9o z nicht durch die Kosten bestimmt sein kann
_— wenigstens nicht im Sinne einer proportionalen Bewegung von
Kosten und internationalem Preis. Zwar Jäßt sich die dritte Ware
z — übrigens auch jede andere — als „Maßstab der relativen Pro-
duktivität‘“ (v. Mangoldt) darstellen, indem man sie gleich I
setzt, etwa:

A ze a a eV:

B ı Ze Re Yy-

Man besitzt also zwar einen gemeinsamen Ausdruck für die
an sich verschiedenen Produktivitätsverhältnisse der beiden Länder,
aber damit keineswegs eine Parallelität von Kosten und inter-
nationalem Preis oder sogar eine ursächliche Beziehung zwischen
diesen. Wie dennoch die Kosten in einem bestimmten Sinne den
Preis zu beeinflussen vermögen, haben wir oben schon kurz er-
wähnt!). Edgeworth hat gerade diesen wichtigen Teil der Theorie
der internationalen Werte, nämlich „that the values varies with
but not in proportion to cost“ ausführlich behandelt ?). Wir kommen
später bei Darstellung der Nutzentheorie, soweit es nötig ist, darauf
zurück.

Wir schließen damit unsere Voruntersuchungen über das
Wesen der Theorie der internationalen Werte vorläufig ab. Es
kommt für uns nur darauf an, das Prinzipielle scharf zu unter-
streichen, so daß wir hier auch die verschiedenen Teilprobleme,
z. B. wie Zoll und Transportkosten die Preisbildung variieren, über-
sehen können. Da wir später ausführlicher darauf eingehen müssen,
können wir auch das Beispiel mehrerer Länder, mit dem die wich-
tige Frage der Preisbestimmtheit ihrer Lösung näher geführt wird,
zurückstellen, zumal die Ausführungen Mills nur wenig Ein-
blick in die Bedeutung dieser Annahme vermitteln.

Fassen wir also erstmalig unser bisheriges Ergebnis zusammen.
Unsere Absicht galt dem Nachweis einer Heteronomie in der klassi-
schen Theorie, derzufolge die Theorie des internationalen Handels
bzw. der internationalen Werte eine besondere selbständige Stellung
einnehmen müßte.

Wir stellten fest:

1. Daß infolge der logischen Zwangsläufigkeit des Äqui-
valenzgedankens die klassische Theorie ohne die Voraus-
setzung einer freien Konkurrenz undenkbar sei.

ı) Vgl. oben S. 26.

2) Vgl. Edgeworth, a. a. O. S. 429 ff.
        <pb n="45" />
        — 32 —

2. Daß deshalb eine ‚Anwendung‘ dieser Theorie keine
einfache Modifikation sein könne, wie Boehler richtig
erkennt, aber anscheinend schlechthin verallgemeinert, —
vielmehr nur durch ein neues Prinzip, das in der Markt-
Theorie der Klassiker schon vorgezeichnet ist, erreich-
bar sel.

) Daß dieses neue Prinzip zwar in der Theorie der inter-
nationalen Werte Verwendung finde, daß es jedoch sowohl
von Ricardo, wie von Mill nur unvollkommen dar-
gestellt sei:

a) bei Ricardo im „Gesetz der komperativen Kosten‘
mit den wenigen gegenüber Mill aber klareren Hin-
weisen auf die Funktion der Nachfrage.

b) bei Mill im „Gesetz der gegenseitigen Nachfrage‘,
das abgesehen von der „‚Kapital-Theorie‘““ der Nachfrage,
die Eigenbewegung derselben offensichtlich mitberück-
sichtigt.

4. Daß also die prinzipielle Bedeutung des Nachfrage-Mo-
mentes infolge seiner supplementären Behandlung nicht
entdeckt werden konnte.

Die ungünstigen Folgen dieser Heteronomie für die Über-
sichtlichkeit der klassischen Theorie treten des weiteren stark
hervor, wenn wir nunmehr einen Schritt weitergehen und die bis-
her eingehaltene Grenze, die uns das spezielle Preisproblem auf-
erlegte, fallen lassen. Wir stehen dann vor einer Art Sondertheorie
der internationalen Verteilung, die der internationalen Preis-
theorie entspricht.
        <pb n="46" />
        Geometrischer Exkurs.
Die Millschen Beispiele der Theorie der internationalen
Werte in der Darstellung Edgeworths.
Edgeworth macht in seiner „Theory of International Values‘““
(Economic Journal IV, London 1897, S. 61off.) einen Querschnitt
durch die Beispiele Mills, der auch in unserer Darstellung zum
Ausdruck kommt. Die Trennung in zwei Reihen von Beispielen ent-
sprechend den SS 1-—5 einerseits und den $$ 6—8 andererseits
ist bedingt durch die besondere Betonung des Einflusses der durch
den internationalen Handel freigesetzten produktiven Kräfte
eines Landes in den letztgenannten Paragraphen. Im übrigen
ist die Theorie Mills zu gliedern nach den Variationen der Voraus-
setzungen, die Mill in den beiden eben genannten Reihen gleich-
artig vornimmt. Jeweils die ersten Beispiele der beiden Reihen
enthalten die Voraussetzungen I. konstanter Kosten, 2. umgekehrt
proportionaler Bewegung von Preis und Nachfrage. Die erste von
ihnen bleibt für die ganze Theorie bestehen, die zweite wird in
den späteren Beispielen fallen gelassen. Die geometrischen Figuren
Edgeworths beziehen sich auf die Fälle der umgekehrten Pro-
portionalität der Nachfrage zum Preise (A) und auf die Fälle der
größeren bzw. kleineren Elastizität derselben (B). Fig. 1—3 ent-
sprechen den Fällen, die im! Text! S. 23—24 erörtert werden,
Fig. 4 und 5 denjenigen auf 5. 27.
Voraussetzung A: Die Nachfrage verhält sich umgekehrt
proportional zum Preise.
1. Fall: England: Tuch: Leinen = I00: 100.
Deutschland: Tuch: Leinen — 100: 200.
England bietet 1000000 Ellen Tuch an, Deutschland 2000000
Ellen Leinen. Der Preis stellt sich auf 100:200 (18. Kapitel,
8 7, x. Beispiel).
Projizieren wir diese Beziehungen in ein Koordinatensystem
wie in Fig. 1, deren Abszisse x-Mengen Tuch in Ellen, deren Ordi-
wWeigmann, Internat. Handel. 3
        <pb n="47" />
        321 Ss
nate y-Mengen Leinen ebenfalls in Ellen ausdrückt. Die Beziehung
Tuch/Leinen für England vor Eröffnung des Tausches läßt sich
dann in der Geraden OA darstellen, deren Punkte jeweils Schnitt-
punkte einer Ordinate und einer Abszisse sind, die sich zueinander
wie I:1 verhalten, gemäß der inländischen Tauschrelation von
Tuch: Leinen = 100:100. In dem! speziellen Fall ist hier die
Gerade OQ bzw. der Punkt O der Ausdruck der Beziehung
Tuch: Leinen in Höhe von 1000000 Ellen: 1000000 Ellen,
d. h. der Punkt Q besagt, daß sich in England vor dem inter-
nationalen Tausch 1000000 Ellen Tuch:1000000 Ellen Leinen

| wie OM:MO verhielten. Dasselbe

gilt für die Gerade OB. Hier ver-

hält sich entsprechend den Mill-

schen Zahlenangaben für Deutsch-

land 2000000 Leinen: 1000000 Tuch

wie ON: NP. Die Geraden OP und

OQ kennzeichnen also das Kosten-

verhältnis der beiden Produkteinner-

halb der Länder bei allen denkbaren

ı000000/ Größen zwischen o und 1000000
/ bzw. o und 2000000. Sie lassen sich
jedoch andererseits zugleich als Nach-

frage-Kurven lesen, wenn man z.B.

OO nicht als 1000000 Tuchangebot,

VÖ00 066 sondern als 1000000 Leinennach-
Fig. frage auffaßt. — Wird nun der
Handel zwischen England und

Deutschland eröffnet, so bleiben die angebotenen Mengen OM
= 1000000 Tuch, ON = 2000000 Leinen dieselben, während die
Nachfrage sich den neuen Verhältnissen derart anpaßt, daß sie
im Bilde gesehen als Verlängerung der Ordinate MO in Richtung
m für England, als Verlängerung der Ordinate NP in Richtung n
für Deutschland auftritt. Infolge der festen Angebotsverhältnisse
treffen sich dann die Nachfragekurve Englands (0 Om) und diej enige
Deutschlands (OPn) im Punkte P. Hier in P liegt der Preis
1000000 Tuch: 2000000 Leinen bzw. 100: 200.

Nach den im vorstehenden Text gemachten Bemerkungen
brauchen wir dieser Darstellung wenig mehr hinzuzufügen. Wir
ersehen aus ihr deutlich, daß die gegebenen Angebotsgrößen zwar
ins Gleichgewicht kommen, jedoch darum keineswegs als Preis-
grund aufgefaßt zu werden brauchen, da die Tauschrelation 100: 200.
        <pb n="48" />
        zum mindesten mit demselben Recht von der Nachfrage abhängig
gemacht werden kann. Wir werden diese letztere Behauptung,
abgesehen von unseren Textausführungen, besonders in den Fig 5
und 6 bestätigt finden.
Voraussetzung A.
2. Fall: England: Tuch: Leinen = 100: 100.
Deutschland: Tuch: Leinen = 100 : 200.
England bietet 1000000 Tuch an, Deutschland 1600000
Leinen. Der Preis stellt sich auf 100:160 (18. Kap., $ 7, 2. Beispiel).
Wie in Fig. ı bezeichnen die ,
Geraden OA und OB die Tausch- =
relationen von Tuch: Leinen vor
Eröffnung des internationalen Tau- 1
sches, OA für England, OB für a
Deutschland. In Deutschland ba- 11600000 „3 ;
lanzieren Angebot und Nachfrage
bei dem Preise von 100:200 mit
den Größen 800000 Tuch: 1600000 A
Leinen, d.h. die deutsche Nachfrage .
beträgt vor dem Tausch 800 000 Ellen
Tuch. Nach Eröffnung des inter-
nationalen Tausches wollen beide
Länder ihre Angebotsmengen ab- NM
setzen. Sie können das nur, wenn He
sich die deutsche Nachfrage ähnlich
wie die englische (die an und für sich ja nur 1000000 Leinen
verlangt) ausdehnt. England muß zu diesem Zwecke Tuch billiger
anbieten wie im ersten Falle, und zwar so lange, bis die deutsche
Nachfrage 1000000 Tuch aufnimmt. Bildlich ausgedrückt: die
Nachfragelinien der beiden Länder OQm (England) und OSn
(Deutschland) treffen sich im Punkte P, dem Preise 100: 160.
Hieran läßt sich dieselbe Bemerkung anknüpfen wie im ersten
Fall. Die Nachfragegrößen der Länder lassen sich keineswegs
einfach als Folge der freigesetzten Kapitalien auffassen, da sie sonst
800000 Ellen für Deutschland, 1000000 Ellen für England betragen
müßten und nicht 1000000 Ellen und 1600000 Ellen. Die Geraden
SP und OP sind vielmehr Ausweitungen der Nachfrage selbst,
die offenbar ebensogut anders verlaufen könnten.

35
Ya
        <pb n="49" />
        Voraussetzung A.
3. Fall: England: Tuch: Leinen = 100: 100.
Deutschland: Tuch: Leinen = 100: 200.

(z8. Kapitel, $ 7, Anm. zı.)

Dieser Fall bietet, wie wir schon im Text erwähnten, gewisse
Schwierigkeiten. Die Voraussetzungen bezüglich der inländischen
Relationen sind dieselben. Deutschland fragt dagegen 1200000
Tuch nach, während England nur 1000000 Tuch anbietet. Die

Relation ist nach Eröffnung
des internationalen Handels = 100
| :200 bzw. 1000000:2000000 (P).
N BAD.

$ Den Rest der deutschen Nach-
"2000000 PY frage wird Deutschland selbst be-
friedigen, indem es nicht alle Pro-
duktionsmittel aus der Tuchindustrie
' herauszieht. Mill ist nun der An-
sicht ($ 7, Anın. S. 146), daß dieses
10000007 x Verhältnis nicht bestehen bleiben
7 wird. England wird sich den Vor-
teil aus seiner Überlegenheit nicht
; entgehen lassen. Da es aber nicht
a ME mehr Kapital aus der Leinenproduk-
E Ce Tabace tion herausziehen kann, weil keines
Fig. 3. mehr da ist, wird es andere Waren
aus Deutschland beziehen, in denen
dieses Land einen relativen Vorteil hat. England kann dann die Pro-
duktion solcher Waren ganz oder teilweise aufgeben und das hier-
durch freigesetzte Kapital zur weiteren Tuchproduktion verwenden.
Der Preis läge dann im Punkte S. England würde OT Deutsch-

land TS anbieten (vgl. die gestrichelte Linie).

Edgeworth schließt hieran eine Kritik. Auf die Frage,
warum Deutschland nicht seinen Tuchbedarf selbst decke, da es
durch den Handel doch keinen Gewinn mache, antwortet er: ‚It
would be for the interest of some of the producers in Germany
and some of those in England to change the direction of their pro-
ductive forces and exchange German-made linen for English-made
cloth on any terms intermediate between one of cloth to one of
linen and one of cloth to two of linen. (Wir schalten hier die Be-
merkung ein, daß damit anscheinend eine Voraussetzung gemacht
wird, die der Kostentheorie nicht entspricht, indem nämlich ange-

36
        <pb n="50" />
        nommen wird, daß die Produzenten eines Landes mit verschiedenen
Kosten arbeiten.) This process would go on up to the point at which
England exports 1000000 yards of cloth; in exchange for which the
Germans will be forced by competition to give 2000000 yards of linen
just gaining no advantage by the trade“ S. 611). Den Rest seiner
Produktivkräfte aber werde Deutschland auf die Herstellung der un-
gedeckten Nachfrage von 200000 Ellen Tuch verwenden. Wenn
Mill eine Erhöhung des Angebots von seiten Englands auf dem
Umwege über dritte Waren anführe, so widerrufe er seine Vor-
aussetzungen.
Voraussetzung B: Die Nach-
frage verhält sich nicht umgekehrt E
proportional zum Preise (18. Ka- A sc0000
pitel, $ 8, 1. u. 2. Beispiel).
ı. Fall: Die Nachfrage ver- y 1'897"
hält sich in dem einen Lande
(hier England) umgekehrt propor-
tional dem Preise, in dem anderen
(hier Deutschland) nicht.
Die Zahlen sind die gleichen
wie im Falle A 2. Vor Eröffnung
des Tausches ist die deutsche I.
Nachfrage = 800000 Tuch. Mit Er- Bi *
öffnung des internationalen Han- in. 4:
dels würde sie bei umgekehrter |
Proportionalität, d. h. wenn sie= I wäre, 1000000 Tuch (siehe
Fall A 2) betragen. Ist die Nachfrage dagegen kleiner als 1, so wird
die Nachfragekurve Deutschlands vom Punkte 5 ab eine Bewegung
nach unten machen und die englische Nachfragekurve etwa in P
(1400000 Leinen) schneiden. Ist die Nachfrage größer als 1, so wird
die deutsche Nachfragekurve die englische etwa in PP‘ (1700000
Leinen) schneiden. Es zeigt sich also, daß der Preis hier ausdrück-
lich von der Elastizität der Nachfrage abhängig ist, eine Feststellung,
die, wenn sie auf den Fall einer Elastizität — I angewendet wird
—. und dem steht nichts im Wege — den Einfluß der Nachfrage auch
in den Fällen A 1—3 beweist. Wir schließen den 2. und letzten Fall
sofort an, der uns unsere Annahme erst recht bestätigt.
Voraussetzung B:
2. Fall: Die Nachfrage beider Länder reagiert nicht umgekehrt
proportional auf die Bewegung des Preises. (z8. Kap., $8,3. Beispiel.)
        <pb n="51" />
        — 38 —

Die Zahlen sind wiederum die gleichen wie im Fall A 2. Das
ursprüngliche Angebot beider Länder hätte eigentlich 1000000 Tuch
für England und 1600000 Leinen für Deutschland zu betragen. Da
jedoch die Nachfrage beider Länder auf die durch Eröffnung des
internationalen Handels eintretende Verbilligung im Sinne ab-
nehmender Elastizität reagiert, und zwar beide gleichmäßig stark,
derart, daß, wie Mill es ausdrückt, der Ausfall gegenüber dem Er-
gebnis bei einer Elastizität von rı gleich !/,, ist, werden die
angebotenen Mengen nicht abgesetzt. ' Die Nachfragekurven
treffen sich im Punkt P statt in R; die korrespondierenden

Angebotsmengen sind OT = 900000
Tuch von seiten Englands, TP =
1440000 Leinen von seiten Deutsch-
; lands.

12000000 _ Die Kurvenbewegung verläuft
; hier also vollständig unabhängig
- von den durch die Freisetzung der
NE A Produktionsmittel bedingten An-
{ gebotsmengen. In diesem Beispiel
LK konstatieren wir sogar das um-
f gekehrte Verhältnis, daß nämlich
jene Angebotsmengen und damit
f die ihrer Produktion gewidmeten
| 4 | nn Kapitalien in ihrem Umfange durch

» 0 a die Nachfrage bestimmt werden.
Fig. s. Mill hat denn auch selbst am
Schlusse seines $ 8 seine Kausal-
behauptung im wesentlichen zurückgenommen. Zusammenfassend
sagt er dort: „Die Werte, zu denen ein Land seine Erzeugnisse mit
fremden Ländern austauscht, hängen von zwei Dingen ab: z. von
dem Betrag und der Ausdehnbarkeit seiner Nachfrage nach fremden
Waren, verglichen mit der ausländischen Nachfrage nach seinen,
und 2. von dem Kapital, das aus der heimischen Warenerzeugung
für den eigenen Bedarf herausgenommen werden kann‘“1). „Aber
diese beiden beeinflussenden Umstände können in Wirklichkeit auf
einen einzigen zurückgeführt werden; denn das Kapital, das

1) Vgl. Mill, a.a.O. S. 149: „The values at which a country exchanges its
produce with foreign countries depend on two things: first, on the amount and exten-
sibility of their demand for its commodities, compared with its demand for theirs; and
secondly, on the capital which it has to spare, from the production of domestic com-
modities for its own consumption.‘
        <pb n="52" />
        ein Land aus der Erzeugung der heimischen Waren für
seinen eigenen Gebrauch herausziehen kann, steht in
bestimmtem Verhältnis zu seiner eigenen Nachfrage nach
den Waren des Auslandes: Welchen Teil seines Gesamt-
einkommens es in Käufen {ür ausländische Waren aus-
gibt, derselbe Teil seines Kapitals wird der Produktion
für den heimischen Markt entzogen‘, 2).

Bezüglich des weiteren verweisen wir auf unsere Ausführungen
im obigen Text.

Zu bemerken ist noch, daß Edgewor *+h ausdrücklich die Zu-
fälligkeit des in diesem Beispiel gegebenen Schnittpunktes der
Kurven hervorhebt, ähnlich, wie es Mill getan hat in dem Satz:
„Die Übereinstimmung (die, wie bemerkt werden muß, voraussetzt,
daß die Nachfrage mit der Verbilligung in einem entsprechenden,
wenn auch nicht gleichen Verhältnis zunimmt), könnte natürlich
nur ganz zufällig vorkommen‘). Diese Bemerkung ist für unsere
folgenden Untersuchungen über das Preisproblem der Nutzen-
theorie nicht ohne Bedeutung.

1) Vgl. Mill, aa. 0. S. 150: „But these two influencing circumstances are in
reality reducible to one: for the capital which a country has to spare from the production
of domestic commodities for its own use, is in proportion to its own demand for foreign
commodities : whatever proportion of its collective income it expends in purchases from
abroad, that same proportion of its capital is left without a home market for its productions.“‘“

2) Gesperrt vom Verfasser.

3) Vgl. Mill, a.a.0. S. 149: „This coincidence (which, it is to be observed,
supposes demand to extend cheapness in a corresponding, but not in an equal degree)
evidently could not exist unless by mere accident.“

309
        <pb n="53" />
        $ 2. Das „internationale“ Verteilungsproblem,

Die Sondertheorie der internationalen Verteilung, auf die wir
oben schon hinwiesen, ist keine einfache Modifikation der allgemeinen
klassischen Verteilungslehre in Hinsicht bestimmter „historischer
Verumständung“‘, sondern ihr Aufbau geschieht genau so wie in
der Preistheorie — da sie ja nur ein anderer Aspekt von dieser
ist — mit Hilfe zweier Prinzipien, .derart, daß sich zwei ver-
schieden erklärte Preise in bestimmter Differenz gegenüberstehen,
aus der ein Restbetrag, der Gewinnsaldo des internationalen
Handels, folgt.

Wie wir oben gesehen haben, gibt die Preistheorie des inter-
nationalen Handels mittels des Prinzips der gegenseitigen Nachfrage
in den Grenzen einer gewissen Preisunbestimmtheit Aufschluß über
die zwischen zwei Ländern getauschten Gütermengen; also etwa: daß
bei einem Preise 10 Ellen Tuch : 17 Ellen Leinen England 1000mal
17 Ellen Leinen, Deutschland 1000mal 10 Ellen Tuch hereinnimmt,
sich also die Größen 17 000 Leinen und 10000 Tuch gegeneinander
austauschen.

Die Berechnung des Tauschgewinnes geschieht nun mit Hilfe
der Kosten-,,Hypothese“‘, wie folgt: Für das einzelne Land wird das
im Tausch hereingenommene Produkt von Menge mal Preis z. B.
17000 Ellen Leinen für England mit derjenigen Produktions-
menge Leinen verglichen, die im eigenen Lande hätte hergestellt
werden können. Da diese 15000 Ellen beträgt, ist der Überschuß
von 2000 Ellen, der sich durch Abzug ergibt, der Gewinn Englands.
Die Gewinnberechnung Deutschlands geschieht in ähnlicher Weise,
d. h. nach dem hier benutzten Beispiel Mills: mit der Menge 17000
Ellen Leinen, die Deutschland für 10000 Ellen Tuch hingegeben
hat, wird diejenige Menge Leinen verglichen die es bei eigener Pro-
duktion für dieselbe Menge Tuch hätte ausgeben müssen, das sind
        <pb n="54" />
        — AT =
20000 Ellen Leinen. Der Betrag von 3000 Ellen Leinen, den Deutsch-
land erspart, wird als Gewinn Deutschlands gebucht.

Diese verschiedenen Gewinnberechnungen, die einmal das Er-
gebnis einer Kostenvergleichung derselben Ware, das andere Mal
eine Kostenvergleichung in Einheiten der anderen hinzugebenden
Ware ist — übrigens eine Folge des gleichen Nenners 10 x für beide
Länder!) —, läßt sich durch eine andere Berechnungsmethode, die
Mill erwähnt und die sich Bastable?) zu eigen gemacht hat, ver-
einheitlichen. Produzieren zwei Länder A und B getrennt vonein-
ander, so ergibt — wenn wir von der absoluten Menge der Güter
absehen und für jedes Land zwei Einheiten „productive power“
setzen, die in A 10 x oder 20 y, in B 10 x oder 15 y hervorbringen —
die Addition der Erträge der vier Einheiten beider Länder die
Summe 20 x +35 y, während sich nach Eröffnung des internatio-
nalen Handels, der ja die beiden Produktiveinheiten jedes Landes
auf einen, und zwar den relativ vorteilhaftesten Produktionszweig
konzentriert — die Gesamtsumme auf 20 x +40 y stellt. Der Ge-
winn beträgt also für beide Länder zusammen 5 Y. Je nach der
Lage des international erzielten Preises wird sich dieser Gewinn,
für den wir nunmehr einen einheitlichen Ausdruck in y besitzen,
verschieden auf die Länder verteilen.

Wer die Millsche Theorie der internationalen Werte kennt,
wird schon bemerkt haben, daß diese doppelte Art der Gewinn-
berechnung schon im $ 9 des Millschen 18. Kapitels ausdrücklich
hervorgehoben wird.

Mill konstatiert in diesem für uns wichtigsten Paragraphen,
daß ein Land im doppelten Sinne Waren durch den Handelsverkehr
mit dem Auslande billiger erhalte: „Einmal dem Werte nach, dann
den Kosten nach““?).

Diese bedeutsame Unterscheidung entspricht etwa der oben
dargestellten, d. h. die erste Art der Berechnung stellt fest, bis zu

1) Vgl. Bastables Notiz (a.a. O. S. 144) über Cournot, der durch Ver-
änderung des Nenners nicht nur formal, sondern auch inhaltlich ein anderes Gewinn-
argebnis errechnen will. Siehe Cournot: Theorie des Richesses, p. 345+ Z

2) Vgl. Bastable, a.a.O. S. 25 u. 44- .

3) Vgl. Mill, a.a.O. S. 150: „There are two senses in which a country ob-
tains commodities cheaper by foreign trade; in the sense of Value, and in the sense
of Cost.“
        <pb n="55" />
        — 42  —

welchem Grade die importierte Ware ihrem früheren Preise gegen-
über (d. i. z. B. ihrem früheren Tauschverhältnis zum Tuch) gefallen
ist, so etwa: daß Leinen in England 10/17 anstatt 10/15 Tuch, Tuch
in Deutschland 17/10 anstatt 20/10 Leinen kostet. Die zweite Me-
thode bezieht nicht Tauschwerte auf Tauschwerte, sondern Mengen
auf produktive Aufwände, indem sie den Gewinn mißt an der
Veränderung ‘ der‘ Erfragsgröße der irgendwie gedachten Pro-
duktiveinheit. So stellt z. B. England vor dem Tausch ı5 Ellen
Leinen pro Einheit der produktiven Kraft her, während es nach
Eröfmmung des Handels 17 Ellen Leinen mit demselben Aufwand
bezieht, der jetzt auf dem Umwege über die Tuchproduktion ge-
macht wird.

Bastable wiederholt denselben Gedanken: „From the side
of international value, the general conclusion must be, that the
advantage of foreign trade consists — first, in lowering the value
of imported goods, as compared with those produced at home, or
in limiting the gains of special groups of producers, to the advantage
of the society in general; and, second, in permitting the productive
power of a country to be employed in those commodities for which
it is specially fitted‘®).

Diese Trennung Mills ist für uns deshalb von so weittiagender
Bedeutung, weil Mill im Anschluß an sie zu einer inhaltlich
durchaus richtigen Auffassung über den Einfluß der Kosten auf
die internationale Preisbildung gelangt. Schon Edgeworth weist
darauf hin, daß Mill sich hier seiner Theorie fast vollständig an-
gleiche ?).

Wir wissen zwar, daß nach der klassischen Theorie des ‚,natür-
lichen Preises‘ in dem oben zuerst genannten Vergleiche der Tausch-
werte der inländische Tauschwert der importierten Ware potentiell
und nur durch Vergleichung der Arbeitsmengen konstatierbar ist,
wir erfahren jedoch jetzt von Mill, daß die „Kosten“ der impor-
tierten Ware nicht nur von dieser Arbeitsmenge, sondern ebensosehr
von der Größe der Nachfrage abhängig sind. Mill®) drückt diesen

1) Vgl. Bastable, a.a. O0. S. 45.

2) Vgl. Edgeworth, a. a. O. S. 620/21.

3) Vgl. Mill, a.a.O. S. 152: „What her imports cost to her is a function of
two variables; the quantity of her own commodities which she gives for them, and the
cost of those commodities. Of these, the last alone depends on the efficiency of her
labour: ıhe first depends on the law of international‘ values; that is, on the intensity
and extensibility of the foreign demand for her commodities compared with her demand
for foreign commodities.‘*
        <pb n="56" />
        — 43 —
Gedanken so aus: Was einem Lande die Einfuhr kostet „ist eine
Funktion von zwei veränderlichen Größen, der Menge der eigenen
Waren, die es für sie gibt, und der Kosten dieser Waren. Von diesen
Größen hängt nur die zweite von der Leistungsfähigkeit
seiner Arbeit ab; die erste hängt von dem Gesetz der
internationalen Werte ab, d.h. von dem Grad und der
Ausdehnbarkeit der Nachfrage des Auslandes nach seinen
Waren, verglichen mit seiner Nachfrage nach den Waren
des Auslandes:‘“ (Vom Verfasser gesperrt.)

Mill gibt uns hier die Möglichkeit, über den von ihm gebrauch-
ten Kostenbegriff Klarheit zu gewinnen. Die „Kosten“ sind eine
Funktion von Mernige und Kosten. Erhält England 1000 mal 17 Ellen
Leinen für z000mal 10 Ellen Tuch, so sind die „Kosten“ in Tuch das
Ergebnis der nachgefragten Mengen Tuch und Leinen und der tech-
nischen Ergiebigkeit der Tuchproduktion. Fügten wir hinzu, daß
Ähnliches für die früheren ı1000mal 15 Ellen Leinen gelten müßte,
bezogen, auf die inländische Nachfrage, und nur weil hier Gleich-
gewicht herrscht und der Einfluß der Nachfrage nicht unmittelbar
in die Augen fällt, zur Vereinfachung nur von Kosten gesprochen
wird —, so wäre die Divergenz zwischen klassischer Theorie und
neuerer Theorie keineswegs so einschneidend.

Wir brauchten nur noch die Millsche Zerlegung des Kosten-
begriffs in nachgefragte Menge und technische Ergiebigkeit in die
neuere Terminologie zu übersetzen: etwa in die Begriffe „„Kosten-
nutzen‘ (v. Wieser)*) und „technischer Koeffizient“ (Cassel)?),
um zu erkennen, daß Mill, wenn er hier von Kosten schlechthin
spricht, nur”auf diese letzteren rekurriert ; wir brauchten schließlich
nur mit Schumpeter diesen technischen Koeffizienten, der sich
in der Form der Ertragsgesetze in der Verteilungstheorie un-
gebührlich breit gemacht hat, im Sinne einer Variation der Knapp-
heit aufzufassen ®), um einzusehen, daß der Schritt zur neueren
Theorie nur einer Wendung dieser Feststellungen ins Prinzipielle

gleichkommt.

1) v. Wieser, „Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft‘, G. d. S., 1. Abtlg.,
Tübingen 1914, S. 198.

2) Vgl. Cass el, „Theoretische Sozialökonomie‘“. Erlangen-Leipzig 1923, 5. I 19,

3) Vgl. Schumpeter, „Das Rentenprinzip in der Verteilungslehre‘“. Schmol-
lers Jahrbuch 1907, 2. Heft, S. 162: „Sie“, d. i. die Tatsache des abnehmenden Ertrages
„ist eines der Momente, die auf die vorhandene Menge — daher auf Wert und Preis —
wirken.‘
        <pb n="57" />
        — 44 —

Dies ist natürlich eine Vorwegnahme erst später gereifter Ge-
danken. Sie versetzt uns jedoch in die Lage, die Residualtheorie der
internationalen Verteilung schon hier entsprechend zu würdigen.
Das Residuum dieser Verteilungsvorgänge ist nämlich im Lichte
dieser Interpretation nicht mehr wie bei den Klassikern eingebettet
zwischen technisch bedingten Kostenpreisen des Inlandes und nach-
fragebedingten Produktpreisen des internationalen Tausches, sondern
resultiert aus einer ausschließlich nachfragebedingten Wert- bzw.
Preisspanne, die durch eine ergänzende Erklärung im Sinne einer
monopoloiden Erscheinung im Rahmen der neueren Theorie hin-
reichend begründet ist.

Wir sehen an der Theorie der internationalen Werte, die Ed-
geworth entwickelt, daß diese Interpretation denkbar ist und für
die Fortsetzung und Vollendung dieser Theorie die allein mögliche
sein konnte.

Mill hat selbstverständlich das Grundsätzliche seiner Schluß-
folgerung nicht erkannt. Die oben zitierte Unterscheidung des
Kostenbegriffes ist nur eine letzte Bemerkung nach vielen Irrgängen.
Es ist deshalb auch nicht weiter erstaunlich, daß die Verteilungs-
theorie des internationalen Handels an Unübersichtlichkeit leidet,
wozu vor allem noch das sogenannte inländische Verteilungsproblem
beiträgt. Dieses Problem ist der Zurechnung der modernen Nutzen-
theorie vergleichbar, wenn man die Nation der Klassiker einem
einzigen großen Betriebe gleichsetzt.

Ricardo sowohl wie Mill haben sich wenig über diese Frage
ausgesprochen, während die neuere Theorie, insonderheit Bastable,
sich ausführlicher dazu äußert*).

Die Frage lautet: Wie wird sich dieser Gewinn im Handel auf
die drei Produktionsfaktoren verteilen, oder in einer für die Kon-
stituierung des Residuums günstigeren Formulierung: Wie wird sich
die Preissteigerung des eigenen Exportgutes (denn Tuch ist z. B.
gegenüber Leinen teurer geworden) auf die beteiligten Produktions-
faktoren verteilen. Die Antwort der Klassiker kommt aus dem
Geiste der allgemeinen, von der Ricardoschen Äquivalenztheorie
bedingten, klassischen Verteilungslehre. Tritt der Gewinn in Form

1) Vgl. Bastable, a.a. ©. chap. VI: „The Influence of Foreign Trade on the
Internal Distribution of Wealth‘, S. 97/109.
        <pb n="58" />
        — 5
der Verbilligung der Bodenprodukte auf (bzw. Verteuerung der
Industrieprodukte), so wird die Grundrente fallen, der Nominal-
lohn sinken und der Profit steigen. Die daraus folgende An-
sammlung von Neukapital wird den Profit wiederum herab-
drücken !), so daß zuletzt die Masse der Konsumenten, vor allem
die Arbeiter, aus der Zunahme der Ergiebigkeit der Produktion
Vorteil ziehen.

Es ist klar, daß dieser Fall nur einer unter vielen ist und daß
die radikale Verallgemeinerung der klassischen Verteilungslehre zu-
gunsten der Äquivalenztheorie den komplizierten Prozeß dieser
Verteilung verschleiert. Wir wollen hierauf jedoch vorläufig noch
nicht eingehen, um Wiederholungen zu vermeiden, vielmehr nur
darauf aufmerksam machen, daß diese doppelte Verteilungstheorie
sich auflösen muß, sobald wir im Sinne der oben erwähnten Inter-
pretation Mills das Moment der Kosten auf den technischen Koeffi-
zienten reduzieren und diesen in einen einfachen Mengenausdruck
transponieren. Die Folge wird dann sein, daß die besondere Theorie
der internationalen Verteilung zu einer Modifikation des Knapp-
heitsprinzips herabsinkt, oder in der Ausdrucksweise der Nutzen-
theorie, daß wir es dann nur mit einer Variation der relativen Selten-
heit zu tun haben.

Gegenüber dieser Wegrichtung, die wir einzuschlagen haben,
ist es ein Abgleiten in den ausgetretenen Pfad klassischer Denkweise
— zum mindesten bezüglich der Ausdrucksweise —, wenn Kritiker
der Theorie der internationalen Werte mit der Waffe des Ertrags-
gesetzes das imponierende Gebäude dieser Theorie zu erschüttern
suchen.

Der Angriff hat den Schein des Rechts auf seiner Seite, da
er in der Tat eine gewisse Einseitigkeit der klassischen Voraus-
setzungen bloßstellt, die Ricardo und Mill hätten vermeiden
können. Gemeint ist die oben erwähnte Annahme einer Konstanz
des technischen Koeffizienten. Kellenber ger?), den wir hier zum
Wortführer solcher Kritik machen, polemisiert wie folgt gegen

1) Eine ergänzende Bemerkung unsererseits, die allerdings Ricardo nicht aus-
gesprochen hat.

2) Vgl. Kellenberger, Zur Theorie von Freihandel und Schutzzoll. Welt-
wirtschaftliches Archiv, 7. Bd., 1916.
        <pb n="59" />
        — 40 —-

Ricardo: Nach. K. tritt, wenn wir das Beispiel Ricardos
vom Austausch von Tuch und Wein in Wein und Korn ver-
ändern, mit Eröffnung des Handels ein Gesamtverlust an Pro-
duktion ein, da bei diesen beiden Bodenprodukten das Gesetz des
abnehmenden Ertrages unbestritten Geltung habe. Dies beweist
Kellenberger an einem Beispiel. Vor dem Tausch stelle Portugal
auf eigenem Boden die Größe a (x + y), England ebenfalls a (x +y)
her. Hierbei sei a = dem Gesamtertrage, x +y für Portugal
= 80 Arbeitern für Wein und 9o Arbeitern für Korn, x +y für
England = 120 Arbeitern für Wein und 100 Arbeitern für Korn.
Verwendet Portugal nach Eröffnung des Handels seine 90 .Korn-
arbeiter für den Weinbau, so erhält es nicht 2 x an Ertrag, sondern
nur 1% x, England, wenn es dasselbe mit seinen Weinarbeitern tut,
nicht 2 y, sondern 1% y, da die höchsten Kosten von x für Portugal
und von y für England verschoben werden. So werden z. B. ent-
sprechend dem Gesetz des abnehmenden Bodenertrages die 90 Ar-
beiter, die Portugal zum Weinbau verwendet, nicht x/90 pro Ar-
beiter, sondern etwa x/100 oder weniger, also zusammen 90/100 X
ernten, d. i. für Portugal, wenn das Ergebnis x der ersten 80 Arbeiter
hinzuaddiert wird, 134, x. In ähnlicher Weise wird England nur
1% y ernten, so daß, während beide Länder vorher a (2x +2 y) zu
erzeugen vermochten, diese nunmehr höchstens a (13% x +1% y)
herstellen. Hatte vorher England x +y zur eigenen Konsumtion
verfügbar, ebenso wie Portugal — so verbleiben jetzt England
34 X 4+y und Portugal x + % y. Beide Länder verlieren, da die
Gesamtproduktion abgenommen hat.

Wir haben inhaltlich gegen diese Argumentation nichts ein-
zuwenden; sie betont einen Fall der Veränderung der technischen
Ergiebigkeit, deren es noch mehrere gibt. Wir bringen dagegen
sämtliche Bedenken zur Sprache, die besonders eindringlich von
Schumpeter*!) geäußert sind und die sich auf die Verwendung des
Ertragsgesetzes in der Verteilungslehre überhaupt beziehen. Diese
Bedenken sind grundsätzlicher Art; sie berühren das Problem der
Einheitlichkeit der reinen Theorie und verweisen auf die Zwie-
spältigkeit einer Theorie, die an Stelle rein ökonomischer Begriffe
technische Tatsachen, die nur als außer-ökonomische Daten zu
registrieren sind, zur Preisbestimmung verwendet. Zur Vermeidung
von Wiederholungen weisen wir auch hier nur auf den von Schum-
peter u. a. unternommenen Versuch einer Transponierung dieser

1) Vgl. Schumpeter: Das Rentenprinzip . . ., S. 156ff.
        <pb n="60" />
        — 47 —
und ähnlicher Differenzierungstatsachen in Wertausdrücke oder
Knappheitsbeziehungen hin, der die Vollständigkeit und Einheitlich-
keit der reinen Theorie gewährleistet.

Vom Standpunkt dieser Transponierung messen wir den Tat-
sachen relativer Unbeweglichkeit von Kapital und Arbeit einerseits,
der Verschiedenheit technischer Ergiebigkeit der Produktion anderer-
seits durchaus die gleiche Bedeutung bei, da sie beide nichts anderes
darstellen als Faktoren der Mengenveränderung. Beiläufig sei
übrigens gesagt, daß eine ‚exakte Theorie — ein_Begriff, der die
Konstanz der Daten in gewissen Variationsgrenzen voraussetzt —
selbstverständlich nur das Gesetz des abnehmenden Ertrages gelten
lassen kann, oder etwa im Sinne Schumpeters ausgedrückt, daß
eine Produktionssteigerung zuerst nur sinkende Produktpreise
und steigende Aufwandswerte hervorrufen kann.

Mit diesen letzten Ausführungen, die absichtlich schon stark
von kritischen Bemerkungen aus der Blickrichtung einer anderen
Betrachtungsweise begleitet waren, wollen wir das Kapitel über die
klassische Theorie der internationalen Werte beschließen. Ist es
uns gelungen, an Hand der Darstellung der Heteronomie der Prin-
zipien in der klassischen Theorie die Möglichkeit der historischen
Bedingtheit der Theorie der internationalen Werte genügend hervor-
zuheben, so ist unser Ziel erreicht. Unsere Aufgabe ist nunmehr
einzig und allein darauf abgestellt, diese Möglichkeit der historischen
Bedingtheit zur Gewißheit zu machen, und zwar nicht durch den
Nachweis der logischen Unhaltbarkeit der klassischen Fiktion der
Äquivalenz, sondern nur durch die zweckmäßigere, weil einheit-
lichere Leistung der schon wiederholt angedeuteten neuen Betrach-
tungsweise; denn Fiktionen lassen sich nicht durch Hinweise auf
logische Widersprüche, wohl aber durch Diskreditierung ihrer
heuristischen Leistung abtun. Dies ist es, was wir zu beweisen haben,
daß: die neue Betrachtungsweise vollständiger ist — so vollständig,
daß sie die Theorie der internationalen Werte in das Größenspiel

der reinen Theorie mit hineinreißt, ohne daß diese als besondere
Modifikation aus dem Kreislauf der Mengen wieder auftaucht.
Gerade dieser Nachsatz ist wichtig, weil er neu ist.

Stimmt diese Behauptung, dann ist unser erstes in der
Einleitung gestelltes Problem gelöst; denn nach ihr bleibt uns nur
die Möglichkeit übrig, Theorie schlechthin anzunehmen. Wir
haben dann nur noch die Frage zu stellen, welches Auswahl-
motiv den Anlaß zur Beibehaltung der internationalen Problem-
        <pb n="61" />
        stellung gegeben hat. Wir werden sehen, daß damit unsere
Untersuchung notwendig in ein wirtschaftspolitisches Fahrwasser
gleitet, das ihr eine ganz andere Richtung vorschreibt. Daß dann
vom wirtschaftspolitischen Standpunkt gesehen die bisher von uns
betonte Wichtigkeit theoretischer Unterscheidungen eine nicht
unwesentliche Einbuße erleidet, werden wir, wenn uns dieser plötz-
liche Situationswechsel nicht schon durch Friedrich List vertraut
sein sollte, als letzte Erfahrung aus der Erörterung dieser Probleme
mitnehmen.

a8
        <pb n="62" />
        II. Kapitel. Die Auflösung der Theorie der internatio-
nalen Werte in das System der Nutzentheorie.

Bevor die Hypothese der Nutzenrechnung von Menger,

Jevons und Walras gefunden wurde, haben sich die Nachfolger
Ricardos und Mills fast ausschließlich auf eine Kritik der em-
pirischen Voraussetzungen der Theorie des internationalen Handels
verlegt. Diese Art Kritik lebt bis auf die Gegenwart fort. Ihre be-
achtenswerten Ergebnisse haben ersichtlich dazu beigetragen, den
Erklärungswert der klassischen Kostentheorie zu schmälern, indem
sie allmählich immer engere Kreise zogen um deren Geltungsbereich.

Als empirische Voraussetzung kommt allein die von Ricardo
stammende Annahme in Betracht, daß die „‚mobility of capital and
labour“ sich nur innerhalb der Grenzen eines historisch gegebenen
Landes relativ reibungslos vollziehe, während zwischen diesen Län-
dern oder Nationen vor allem psychische Hemmungen den Aus-
tausch bzw. die Wanderung dieser beiden Produktionsfaktoren ver-
hindere!). Diese Auffassung {findet in der Tat eine gewisse Stütze
durch die zu Ricardos Zeiten und auch noch heute existierenden
Verhältnisse.

Unübertragbar sind natürlich Boden, Klima, Wasserkräfte,
Bodenschätze und geographische Lage. Relativ übertragbar da-
gegen Kapital und Arbeit; Kapital am leichtesten in Wertpapieren,
am schwersten mit seinem Besitzer?). Die Wanderung des Kapitals
mit dem Besitzer ist nun die entscheidende Annahme Ricardos®),
während die Bewegung der Arbeit von ihm nicht erwähnt wird.
Gerade die letztere ist aber derjenige Faktor, der auch heute noch
trotz der Erscheinung der Wanderarbeiter eine gewisse Rolle spielt,
während die Kritik mit Recht eine Kapitalwanderung mit Besitzer
zurückstellt und die Existenz eines „‚cosmopolitan loan fund“ be-

ı) Vgl. oben S. 14.

2) Vgl: Földes: Zur Theorie vom internationalen Handel. Jahrb. f. National-
kon. u: Statistik, II. F., 49. Bd., 1915, 5. 769.

3) Vgl. oben S. 14.

Weigmann, Internat. Handel,
        <pb n="63" />
        tont!). Es bleibt also offenbar nur die Schwerfälligkeit in der Be-
wegung der Menschen selbst als stichhaltiger Grund bestehen, wenn
man nicht, wie es ja allerdings für die Beispiele Ricardos und Mills,
in denen nur der „Naturalaustausch‘‘ (‚„‚barter‘“) berücksichtigt wird,
konsequenterweise angenommen werden müßte, Kapital = Real-
kapital setzt, und damit die einmal vollzogene Investition von Kauf-
kraft in eine individuelle Kombination von Sachgütern und Arbeit
als Gravitationsmoment mit in Rechnung stellt. Im Zeitalter des
„Effektenkapitalismus‘“ sind zwar solche Investitionen nicht schneller
umdisponierbar als früher (die ‚„Verfügungswucht‘“ [Gottl] des
Kapitals dürfte sich nur unbedeutend verstärkt haben), so daß wir
theoretisch, zumal für den Gleichgewichtszustand der reinen Theorie:
die Tatsache der Bindung des Kapitals nicht übersehen dürfen, die
Mobilisierung des Kapitals hat jedoch zur Zeit die Wirkung einer
Antizipation geplanter Umdisponierungen mittels der Lombar-
dierung — ganz abgesehen natürlich von dem schon erwähnten
Geldkapitalfond, der jeweils beliebig verfügbar ist. Gewisse Grenzen
für die Beweglichkeit des Geldkapitals steckt allerdings hier auch das
Risiko, im internationalen Verkehr vor allem das Valutarisiko. Es
ist deshalb auch stets die Erscheinung verschiedener Währungs-
systeme zur Begründung von Übertragungsschwierigkeiten des
Kapitals herangezogen worden. Bei aller Meinungsverschiedenheit
über den Grad der „mobility of capital‘ wird dieser doch allgemein
höher eingeschätzt als derjenige der Arbeit; und zweifellos ist
die Arbeit trotz der Entwicklung des modernen Verkehrs in ihrer
regionalen Beweglichkeit erheblich beschränkt?) ; hinzukommt, daß
außerdem infolge der Qualitätsdifferenzierung der Arbeit innerhalb
der einzelnen Produktionszweige die Übertragung von Arbeit relativ
ausgeschlossen ist, zum mindesten, wenn man gewisse Zeiträume
berücksichtigt. Es sind deshalb auch nicht nur die von Ricardo
angedeutete Heimatliebe, nicht nur die später häufig erwähnten Er-
scheinungen der Sprachverschiedenheit, anderer Sitten und Ge-
wohnheiten, anderer Rechtsinstitutionen usw., die eine Zirkulation

ı) Vgl. Bastable, a.a. O.: „It may with reason be held that, ‚a cosmopolitan
loan fund’ exists which runs everywhere as it is wanted, and as the rate of interest
tempts it“ (S. 9).

2} Gleicher Auffassung ist Edgeworth, a.a. O. S. 35: „capital and perhaps
business power“ könnten als übertragbar anerkannt werden. „But labour cannot be con-
ceived as flowing so freely.“ ‚Anders u. W. nur v. Mises, Ludwig: Vom Ziel der
Handelspolitik, Archiv f. Soz. Wiss., 42. Bd., 1916/17, S. 562.

50
        <pb n="64" />
        —— 51 —
der Arbeit beeinträchtigen, sondern ebenso gut qualitative, häufig
durch soziale Umstände auf lange Zeit hinaus unveränderliche Diffe-
renzierungen der Produktionsverrichtungen* *).

Die Folge dieser von der Kritik in ganz ähnlicher Weise vor-
gebrachten Argumente und Einwände war, daß der von Ricardo
und Mill vollkommen unbefangen gebrauchte Begriff des Landes
bzw. der Nation von umfassenderen Begriffen abgelöst wurde.

Bezeichnungen, wie „nation in the economic sense‘“ („that is,
a group of producers within which labour and capital freely cir-
culate“)%), wie „economic or industrial area‘) oder die formaleren
Bezeichnungen wie „group“ und „society‘“ meistens mit dem Bei-
wort „non competing‘ (so zum erstenmal bei Cairness), sollten
bzw. sollen erkennen lassen, daß die Theorie des internationalen
Handels nicht mehr nur international sei bzw. ist, sondern auf die
Tauschbeziehungen jedes ökonomisch-sozialen Gebildes Anwendung
finden müsse (muß), innerhalb dessen Grenzen der relativ höchste

Grad von Beweglichkeit der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit
herrsche (herrscht) ®).

Wir stehen damit vor einer Theorie der „arrested competition“,
der beschränkten Konkurrenz; „Where competition is arrested,
the group will be to that extent a distinct nation, and will have to
be treated as such‘).

Die Theorie des internationalen Handels bekommt also durch
die hier nur kurz behandelte empirische Kritik einen ganz bedeuten-
den Zuwachs an Geltung, ja wir können, wenn wir sämtliche gradu-
ellen Unterschiede der Beweglichkeit verwerten — und welche

ı) Vgl. Schumpeter, Wesen und Hauptinhalt ..., 5. 349ff.: „Gleich Inseln
sind die einzelnen Gruppen von Arbeitern im weitesten Sinne, die es in der Volkswirt-
schaft gibt, voneinander getrennt und kaum gibt es einen „Verkehr“ zwischen ihnen
(S. 353)-

2) Siehe auch Nicholson, a.a. O. S. 319: „Labour, again, is, as a matter of
fact, specialised and fixed in various industries and the wholesale immediate transference
from one to another, which is the foundation of the pure theory, is in practice more
slow, imperfect, and onerous, than is the transference of capital.“

3) Vgl. Bagehot, Economic studies, p. 240. Zit. bei Bastable, a. a. O. S. 3.

4) Siehe Nicholson, a.a. O0. 5.204.

5) Vgl. Bastable, a.8. 0.8.5. Die Definition dieses Gebildes kann eine
positive und eine negative sein: I. positiv, wenn wir von „The free circulation öf labour
and capital within each group; and 2.“ negativ, wenn wir von „the complete immo-
bility of all the agents of production as regards transfer to other groups“ sprechen.

6) Vgl. Bastable, a.a. O. S. 31/32.
        <pb n="65" />
        —. 52 —
Theorie sollte das nicht tun, wenn sie damit ihr Erkenntnisobjekt
der Erfahrung näher bringt — sogar behaupten, daß diese Theorie
allein brauchbar sei, da es nur „immobility of capital and labour““
gebe, wenigstens für einen bestimmten Zeitpunkt, von dem wir aber
stets auszugehen gezwungen sind. Die Produktionskostentheorie
wäre dann ganz oder zum mindesten fast ganz ausgeschaltet, denn
ihr Prinzip kann, wie wir gesehen haben, nur dort verwandt werden,
wo freie Konkurrenz auch und besonders der Produktionsfaktoren
herrscht. Eigentlich ist hiermit schon der Beweis für den Monismus
der Theorie erbracht. Wir haben das Ergebnis nur noch in die
Theorie zu übersetzen, d. h. die prinzipielle Formulierung des neuen,
in der Theorie des internationalen Handels wirksamen System-
gedankens vorzunehmen und seine Bewältigung sämtlicher Fälle
beschränkter Konkurrenz darzutun.
$ 3. Der Monismus der psychologischen Preiserklärung.

Es ist bekannt, daß die Nutzentheorie das Gesetz von Angebot
und Nachfrage, das vorher nur als unproblematische Mengen-
vergleichung Anwendung gefunden hatte, durch eine psychologische
Analyse des wirtschaftenden Menschen zum alleinigen Preisgrund
erhoben hat. In der hypothetischen Form eines Realgrundes des
Preises wird aus der Mengenvergleichung eine Mengenbeziehung,
die sich darstellen läßt als Funktion zweier Daten, Güterquantum
und Nutzenquantum. Der Tatsache ständiger Diskrepanz dieser
Mengen entspricht der Begriff der relativen Seltenheit, der sich
auf das einzelne Subjekt bezogen, als Wert manifestiert. Wert ist
der gedachte Preis, der „binnengebildliche‘“ Preis Gottls%,-das ist
der Preis, der nur innerhalb des Subjekts selbst existent wird. Von
ihm unterscheidet sich der Marktpreis als infinitesimale Größe, und
zwar als Resultante subjektiver Wertschätzungen (Preise).

Wir wollen uns das Wesen dieser Unterscheidung an einer
Fıgur Edgeworths klarmachen, um von vornherein einen Ausgangs-
punkt für die Kritik dieser subjektiven Position zu gewinnen, die
sich zwar analog auf die Theorie der internationalen Werte anwenden
läßt, die aber — zum mindesten in ihrer dogmenhistorischen Formu-
lierung — bestimmte einseitige Erklärungsansprüche enthält, deren
Ergänzung erst in der „wertunbetonten‘“ Theorie vollzogen wurde.

Von Anbeginn ihrer Existenz ist die Nutzentheorie auf eine
Lücke in ihrer vom Subjekt ausgehenden Preiserklärung gestoßen,

I) Vgl. v. Gottl-Ottlilienfeld, Die wirtschaftliche Dimension. Jena 1923.
        <pb n="66" />
        — 59 A
das berühmte „failure of the equation of exchange“ (Jevons). Sie
entspringt der Tatsache der mangelnden Meßbarkeit der Nachfrage,
der „extensibility of demand“, die besonders auffällig in die Erschei-
nung tritt, wenn nur zwei Parteien, die wir vorläufig im Sinne des
folgenden Beispiels als Individuen annehmen wollen, einander im
Tausch begegnen. Edgeworth*) wählt für die Darstellung dieser
„characteristical evil of indeterminate contract“ die Situation
Robinson-Freitag, in der Robinson Teile des Ertrages der gemein-
samen Arbeit gegen die ausführende Arbeit Freitags tauscht.
Stellen wir uns diesen Tausch geometrisch vor, So wird in dem Ko-
ordinatensystem yOx die Abszisse x die Mengen des Tauschgegen-
standes von Robinson, die Ordinate y die Mengen des Tausch-
gegenstandes von Freitag darstellen. Die Geraden OA, OB ent;
Fig.)
sprechen etwa den Kostenlinien der Figuren 1—5 unseres Exkurses;
nur daß hier die Begründung eine andere ist. In der Terminologie
Edgeworths heißen sie „Indifferenzkurven“, d. s. Kurven, deren
Punkte eine Art neutraler Mengenbeziehung ausdrücken, bei der
das tauschende Individuum sowohl tauschen wie selbst produzieren
kann, da sich Nutzengewinn und Nutzenverlust („Kostennutzen“‘)
die Wage halten. So zeigt etwa die Gerade OA in unserer Figur,
daß jeder Punkt von ihr dem Verhältnis x: y = 3%: ı entspricht,
ein Wertverhältnis, das wir auch als Grenznutzenniveau bezeichnen
können. Während wir also früher die Geraden OA und OB als
Kostenbeziehung, z. B. a Mengen x kosten b Mengen y gelesen haben,
ı) Vgl. Edgeworth, Mathematical Psychics. London 1889, S. 28/9ff.
        <pb n="67" />
        wobei dann by als Ursache von ax aufgefaßt wurde, haben wir nun-
mehr eine psychologische Gleichung vor uns, die besagt, daß ax
= by zwei Vorräte mit gleichem Grenznutzen sind.

Innerhalb des Kurvenfeldes OA OB liegen nun zahlreiche
Kurven nach der Art CC’, die ebensoviele interpersonale Tausch-
relationen zwischen den Tauschobjekten Robinsons und Freitags
enthalten, wie Punkte möglich sind. Das über das Grenznutzen-
niveau OA und OB hinausreichende Begehren der Tauschparteien
verläuft entsprechend dem Gossenschen Sättigungsgesetz in ge-
schwungenen Kurven, die sich gegenseitig in irgendeinem Punkte
des Halbbogens CC‘ bzw. eines anderen ihm entsprechenden Bogens
begegnen. Der in der Figur eingezeichnete Schnittpunkt P ist ein
idealer, d. h. er ist willkürlich an eine Stelle gesetzt, in der sich die
Nutzengewinne der beiden Parteien gleich sind. Es kann natürlich
auch jeder beliebige andere Punkt in Frage kommen, jeweils ent-
sprechend der Begehrungsintensität der Tauschenden.

Wir sehen also, daß die Nutzentheorie den Preis zwischen
Robinson und Freitag nur in gewissen Grenzen anzugeben vermag.
Tatsächlich bestimmt sind nur die beiden Grenznutzen von x und
y für jede Tauschpartei. Wo sich die oberhalb der personalen
Grenznutzenniveaus liegenden Schätzungen der beiden Partner
treffen werden, läßt sich nicht angeben.

Um jedes Mißverständnis zu vermeiden, vergegenwärtigen
wir uns die Schätzungsverhältnisse der Partner noch besonders an
einer nur für die einzelne Person geltenden Figur Jevons’1). Auf
das vorliegende Beispiel übertragen würde der Verlauf der
Schätzungen Robinsons so aussehen:

_—— Lie 7.

1) Vgl. Jevons, Die Theorie der politischen Ökonomie, Ausgabe Waentig,

Jena 1924, S. 93.
        <pb n="68" />
        - Sa
Die Nutzenkurve pqr Sei diejenige des Tauschobjektes, das
Freitag anbietet, die gestrichelte Nutzenkurve p'qr‘ diejenige des
von Robinson angebotenen Gegenstandes. Beide seien auf Robinson
bezogen. Da diese Kurven umgekehrt übereinander gelegt sind, lesen
wir pqgr von links nach rechts, p'qr‘ von rechts nach links. Der
Punkt q entspricht einem der Punkte der Kurven OA bzw. OB der
Edgeworthschen Figur. Die Kurvenstrecken pq und p‘q ver-
deutlichen in ihrem Verhältnis zueinander die Nutzenspannen der
beiden Güter bei jeweils bestimmten Mengen, entsprechen also etwa
den Nutzengewinnspannen OR, OP? (bzw. OF, OP”) in der Figur
Edgeworths. Nehmen wir mit Jevons das Verhältnis der Mengen-
einheiten der beiden Güter gleich 1: I, d.h. = Einheit zu Einheit,
so wird Robinson durch den Empfang der Mengen a‘a den Nutzen ad
gewinnen und den Nutzen a'c verlieren bzw. den reinen Nutzen cd
gewinnen. (Die Nutzengrößen sind hier in Flächen [kumulativer
Gesamtnutzen] ausgedrückt.)

Der Schluß, den wir aus dieser Abschweifung auf die personale
Schätzungsfigur ziehen können, ist der, daß wir zwar die personale
Beziehung der Nutzengrößen für sich eindeutig definieren können,
daß jedoch bei der Gegenüberstellung zweier solcher personaler
Nutzensysteme, selbst wenn wir vergleichbare Einheiten unter-
stellten, der Schnittpunkt der Schätzungen, d. i. der Schnittpunkt
der beiden personalen Kurvenstrecken pq oder nach der Figur
Edgeworth der Kurven R und F ein jeweils nach dem Verlauf
dieser Kurven verschiedener sein muß.

Aber die Unterstellung vergleichbarer Einheiten ist unmöglich,
da z. B. Robinson seine Schätzung des Tauschobjektes von Freitag
an seinen individuellen Nutzeneinheiten seines hinzugebenden Gutes
mißt, wie umgekehrt Freitag das Tauschobjekt Robinsons mit
seinen Nutzeneinheiten vergleicht. Auch diese personalen Einheiten
sind übrigens problematisch, doch wollen wir darauf nicht eingehen.

Edgeworth beschließt denn auch seine Betrachtung über
diesen peinlichen Mangel der Nutzentheorie mit der Bemerkung:
„... the contract locus may still be represented as a sort of line
along which the pleasure forces of the contractors are mutually
antagonistic‘“ *).

Das ist also das Ergebnis: Die antagonistischen Lustgefühle
der beiden Partner werden sich irgendwo begegnen.
1) Edgeworth: Mathem. Psychics., pP. 29.

37
        <pb n="69" />
        .-000020 2 —
Es ist bekannt, wie sich die Nutzentheorie durch das „Gesetz
der Grenzpaare‘“ aus der Verlegenheit hilft. Die Menge der Tausch-
parteien, die große Zahl der personalen Preise oder Wertschätzungen
soll die Situation retten. Ein unendlich kleiner Abstand, der von
der Menge der Marktbesucher abhängig ist, wird schließlich nur noch
den Marktpreis von dem Grenznutzenniveau irgendeines Markt-
besuchers trennen, so daß man mit einem gewissen Recht sagen kann,
daß der Marktpreis bestimmt sei durch das Grenznutzenniveau des
Grenzkäufers, bzw. -verkäufers oder mit anderen Worten: daß der
Marktpreis identisch sei einem Gleichgewicht von direktem Nutzen
und Kostennutzen oder von Grenznutzen und Grenzkosten.

Wie gesagt ist die Voraussetzung dieser Identität die große
Zahl der Tauschpartner. Setzen wir dafür ein anderes Wort, nämlich
freie Konkurrenz, so sehen wir, daß mit der Annahme beschränkter
Konkurrenz sich der unendlich kleine Abstand des Marktpreises
vom Grenznutzenniveau des Grenzpartners vergrößern muß; um
wieviel läßt sich nicht genau angeben, aber offenbar in irgendeinem
Verhältnis, das der Abnahme der Zahl der Marktbesucher entspricht.
Wir können also sagen: je beschränkter die Konkurrenz, um so
unbestimmter der Preis.

Wenn wir dieses Ergebnis der Nutzentheorie nunmehr ver-
gleichen mit unserer Darstellung der Theorie der internationalen
Werte, so müssen wir zugeben, daß das Preisproblem zweier Nationen
mit demjenigen zweier Individuen große Ähnlichkeit hat.

Nehmen wir einmal an, es sei dasselbe Problem und denken
wir uns zu diesem Zwecke vorläufig die Nation als personalen Tausch-
partner oder als Kaufmann, wie man auch gesagt hat.

Wir können dann in der Tat die Beobachtung machen, daß
die Beispiele Mills, in denen er die „extensibility of demand“,
die Elastizität der Nachfrage, berücksichtigt (vgl. Fig. 4, besonders
aber Fig. 5), der Tauschsituation zweier Individuen gleich sind; und
zwar in einem solchen Maße, daß nur die Terminologie besonders in
Hinsicht des Kostenbegriffs verschieden ist. In beiden Fällen bleibt

| das Problem der Preisbestimmtheit ungelöst. Die Feststellungen
in dieser Frage beschränken sich auf den Hinweis der „extensibility“
bzw. Elastizität der Nachfrage.

Fügen wir nun analog zum „Gesetz der Grenzpaare‘‘ den Mill-
schen Beispielen eine größere Anzahl von Nationen hinzu, so würde
auch das internationale Preisproblem im Sinne Mills an Bestimmt-
heit zunehmen. Mill hat auch diesen Gedanken angedeutet, obwohl

Sf
        <pb n="70" />
        Sn

sein Beispiel!) nur auf drei Länder Bezug nimmt. Es ist dies der
Fall eines Käufer -Verkäufer-Monopols, wie wir ihn auch. in der
Grenznutzentheorie finden. Die gleichbleibende Nachfrage Englands
nach Leinen steht einem Angebot zweier Länder gegenüber, derart,
daß der Preis für Leinen einen der vermehrten Nachfrage der beiden
Länder nach. Tuch entsprechenden niedrigeren Stand erreichen muß.
Würden wir die Zahl der konkurrierenden Länder vergrößern, so
würden wir bei dem Stande unserer Voraussetzungen Zu dem Schluß
Bastables kommen: „The competition ofdifferent countries
tends to establish a definite rate of exchange, and any
aberrations from the terms thus settled are rectified
by the play of reciprocal demand“).

Edgeworths Einwand, daß die Analogie zwischen inter-
personaler und internationaler Preisbildung nicht angängig sei, weil
im Falle der Nationen innerhalb dieser eine große Zahl von Tau-
schenden in Frage komme, die den inländischen Preis ebenso wie
den internationalen im Sinne eines Marktpreises endgültig bestimme,
hat jedoch eine gewisse Berechtigung ®).

Wir können nämlich das Bild einer Nation, die einem einzigen
Kaufmann gleicht, nicht aufrecht erhalten. Wir müssen sie vielmehr
jetzt als Markt auffassen und können dann nur in sehr übertragenem
Sinne von einem Grenznutzenniveau des nationalen Marktes sprechen,
eben in dem Sinne, daß wir wie oben, Marktpreis und Grenznutzen
des Grenzkäufers gleichsetzen. Ja — wir müssen Sogar, eingedenk
unserer Bemerkungen über die empirische Kritik der Theorie der
internationalen Werte, die Nation in viele Märkte zerlegen, gemäß
der Tatsache beschränkter Konkurrenz der Produktionsfaktoren

auch innerhalb der Nationen.

Dadurch wird das Bild nur scheinbar komplizierter. In Wahr-
heit ist der Einwand Edgeworths gegen die Analogie gar kein
Einwand. Gerade der zuletzt genannte Hinweis auf die Zerlegbar-
keit der Nation in verschiedene Märkte zeigt uns, daß es sich hier
nur um graduelle Unterschiede handelt‘). Letzten Endes gibt es

ı) Vgl. Mill, a.a. O. S,. 134/5-

2) Vgl. Bastable, a. a. 0.8.42.

3) Vgl. Edgeworth: Theory ..  S. 622, „The usual assumption being made
that there is a large number of competing dealers on each side, the rate of exchange is
to be regarded as determinated in the international market as well as in the home
market.‘“

4) Vgl. Bastable, a. a. 0.S. 13 und 26.

5
        <pb n="71" />
        — 58 —

eben gar keine tauschenden Nationen, sondern nur tauschende
Märkte, deren Umfang durch die Konkurrenz der Produktions-
faktoren gegeben ist und der schließlich für den allerdings unwahr-
scheinlichen "Fall absoluter Unbeweglichkeit der Produktionsfak-
toren auf das Individuum reduziert werden. kann —, ein „Markt“,
der in Anbetracht der Schumpeterschen Definition des Tausches
als „Veränderung der ökonomischen Quantitäten““*) keineswegs als
solcher unmöglich bzw. undenkbar ist. Dieser „Markt“ allein kennt
feste-Preis-(Wert)größen. Jeder andere Markt hat nur annähernd
bestimmbare Preise.

Worauf wir hinaus wollen ist klar. Die sogenannte Theorie
der internationalen Werte ist Preistheorie schlechthin, und zwar
eine Preistheorie, die vor allem durch die Zahl der Tauschparteien
und nicht nur durch die mehr oder weniger unexakten Aussagen
über die Nutzenschätzungen der Individuen die Preisfrage löst.
Damit scheinen wir unserer obigen?) Behauptung über die Geltung
der neuen Betrachtungsweise auch in den Fällen der beschränkten
Konkurrenz selbst zu widersprechen; denn in ähnlicher Weise wie
bei den Klassikern ist anscheinend hier die Preisfrage nur durch die
Voraussetzung der freien Konkurrenz zu beantworten, da Größe der
Zahl der Tauschparteien und Grad der freien Konkurrenz sich
gegenseitig bedingen.

Die Schwierigkeit wird behoben, wenn wir uns darauf besinnen,
daß wir es mit einer Theorie der Nachfrage zu tun haben, deren
Wirkungsbereich sich zuerst und vor allem auf den Markt der fertigen
Produkte erstreckt. Kostennutzen der Parteien ist hier nicht gleich
Produktionskosten, sondern gleich dem Nutzen der entgangenen
nächsten Verwendung. Es ist also möglich, neben einem preis-
bestimmenden Markte fertiger Güter mit freier Konkurrenz eine
Anzahl von jeweils verschieden großen Produktionsmittelmärkten
anzunehmen, zwischen denen keine Konkurrenz besteht, und wir
haben dann dasjenige, was eigentlich mit der Theorie der inter-
nationalen Werte gemeint ist: eine Preistheorie trotz beschränk-
ter Konkurrenz, eine Preistheorie ohne natürlichen Preis. Selbst-
verständlich ist auch dieser letztere denkbar im Sinne eines Gleich-
gewichts von Grenznutzen und Grenzkosten; das Gleichgewicht ist
aber nicht wesentlich, da es zur Erklärung des Preises nicht ge-
braucht wird. Die neue Betrachtungsweise kann also die freie

ı) Vgl. Schumpeter, Wesen und Hauptinhalt ..., S. 50.

2) Vgl. oben S, 14.
        <pb n="72" />
        Konkurrenz der Produktionsfaktoren, die für eine Produktions-
kostentheorie unbedingt nötig ist, entbehren ohne mit ihrem Er-
klärungsprinzip in Konflikt zu geraten.

Daß hieraus ebenfalls eine Residualtheorie folgt, haben wir
oben schon angedeutet. Daß diese aber die Einheit des Systems nicht
stört, wenigstens nicht in dem Sinne, wie wir das bei der hetero-
nomen Theorie der Klassiker feststellen konnten, haben wir noch
zu beweisen. Wir wenden uns deshalb dem sogenannten Ver-
teilungsproblem zu, durch dessen Untersuchung wir das Gesamtbild
unserer Erörterungen abzurunden gedenken.

8 4. Modifikationen der Theorie der Verteilung durch
beschränkte Konkurrenz.

Wir haben nicht die Absicht, die komplizierte und umstrittene

Verteilungslehre der Nutzentheorie ausführlich zu erörtern. Wir
erinnern nur daran, daß sie eine abgeleitete Preistheorie der Produk-
tionsfaktoren ist, die durch das Bindeglied der Zurechnung den
Preis des Produktionsfaktors zu einer Folge des Produktpreises
werden läßt. Das Grenzprodukt der relativ ungünstigsten Produk-
tionsmittelkombination eines Produktionszweiges bzw. bei völlig
freier Konkurrenz: der Produktion eines Konkurrenzgebietes über-
haupt ist der Wertindex für sämtliche produktionellen Dienste.
Im idealen System freier Konkurrenz ist die Grenzproduktivität
der Faktoren jener relativ ungünstigsten Kombination gleich den
Preisen dieser Faktoren — Preise, die ohne Rest im Preise des
Grenzproduktes aufgehen.

Die Modifikationen, die wir hier zu untersuchen haben, be-
stehen darin, daß der Störungsfaktor beschränkte Konkurrenz
der Produktionsfaktoren die ideale Zurechnung verhindert und
dadurch einen Überschuß, eine Art „Rente‘“ entstehen läßt, die
nicht dem produktiven Beitrag eines der drei Hauptfaktoren: Boden,
Arbeit und Kapital entspringt.

Die Rentenbildung ist in der Erfahrung eine so allgemeine
Erscheinung, daß sie als Tauschgewinn schlechthin gelten könnte,
und in der Tat ist der Unterschied zwischen der sogenannten „CON-
sumers and producers rent‘“, wie sie als Gewinn beim Tausch ent-
steht und jener eben genannten Rente bei beschränkter Konkurrenz
nur ein gradueller, etwa entsprechend der obigen Unterscheidung
zwischen dem Markt der fertigen Produkte und demjenigen der
Produktionsfaktoren. Dennoch empfiehlt es sich, die allgemeinen

59
        <pb n="73" />
        — T60..—
Tauschgewinne von dem Rentenfall des Monopols bzw. der be-
schränkten Konkurrenz zu trennen, da es sich um graduelle Dif-
ferenzen handelt, die einer materiellen Verschiedenheit gleich-
kommen.

Diese Differenzen bestehen darin, daß einmal die psychische
Tatsache abnehmenden Nutzens bei dem sukzessiven Verbrauch
von Teilmengen eines Gutes auf einen festen, gegebenen Vorrat
solcher Teilmengen bezogen wird, wodurch: sich eine Rente des
Käufers und Verkäufers bildet, das andere Mal die Produktions-
bedingungen dieses Vorrates in Rechnung gestellt werden, und zwar
in ihrer vollen empirischen Eigenart, d. h. mit allen Hemmungen,
die eine ideale Verwirklichung der Produktion beeinträchtigen.

Unter den hier als bekannt vorausgesetzten Rentenfällen,
die Schumpeter in seiner Studie über das Rentenprinzip erörtert,
ist dieser Fall der Hemmungen der Produktion, und zwar durch
das Monopol und die beschränkte Konkurrenz der Produktions-
faktoren der einzige, auf den der Begriff der Rente mit einer ge-
wissen Berechtigung angewendet werden kann.

Die Produktionsbedingungen sind hierbei derart, daß die
Freiheit in der Kombination von Produktionsfaktoren in Hinsicht
auf die Substitution bis zum Optimum durch das nur partielle
Vorhandensein von Produktionsmittelmengen gestört ist. Die
Störung kann eine so vollständige sein, daß jedes Quantum eines
Produktionsfaktors nur einmal gegeben ist (der Marshallsche
Fall einer ‚, Quasirente‘‘), sie kann aber auch nur relativ vollständig
sein, indem eine regionale, d. i. geographische und qualitative
(infolge der Differenzierung der Arbeitsverrichtungen) Gebunden-
heit der Produktionsmittel eine natürliche oder künstliche Selten-
heit derselben hervorruft.

Die Folge eines solchen nur partiellen Vorkommens der
Produktionsfaktoren ist, daß es eine allgemeine Grenzproduktivität
der einen Konsummarkt beliefernden Produktionszweige bzw.
der sie bildenden Produktionsfaktoren nicht gibt. Möglich sind
nur Grenzproduktivitäten der jeweiligen partiellen Vorräte an
Produktionsmitteln, von denen keine den Produktpreis zu erreichen
braucht.

Dies gilt in ganz besonderem Maße von der Arbeit. Hier
klafft eine Lücke im System, durch die die Interdependenz der
Preise unterbrochen wird!). Im Anschluß an den uns hier be-

1) Vgl. Schumpeter, Das Wesen und der Hauptinhalt ., ., a.a. O. S. 349.
        <pb n="74" />
        „- 61 —

sonders interessierenden Fall der ‚„non-competing-groups“ äußert
sich Schumpeter über die Folgen der mangelnden Beweglichkeit
der Arbeit!): „Die Folgen bestehen darin, daß der Arbeitsmarkt
in Teilmärkte zerfällt, und zwar für jeden von diesen das Produktivi-
tätsgesetz gilt, aber nicht für alle zusammen dieselbe?) Grenz-
produktivität, ein Umstand, der die dem Begriff des sozialen Grenz-
produktes zugrunde liegende Realität schwächt und in der Tatsache
verschieden hoher Lohnsätze für gleich schwierige und gleich un-
angenehme Arbeit zum Ausdruck kommt ?).““

Wir ziehen aus dieser Erkenntnis den Schluß, daß die ideale
Zurechnung versagt; es bildet sich. eine Art „Rente“, die mit einer
Differentialrente nichts gemein hat und auch mit dem Gewinn
einer Nutzenskala nicht vergleichbar ist. Dennoch ist damit das
allgemeine Erklärungsprinzip nicht ausgeschaltet ®). Abgesehen
davon, daß die Preise der Produktionsfaktoren als partielle Preise
vollkommen einheitlich aus dem Nutzenprinzip abgeleitet werden,
ist auch ihre Beziehung zum Produktpreis zwar abgerissen, jedoch
keineswegs in Hinsicht auf das Prinzip unerklärt. Wir brauchen
uns nur zu vergegenwärtigen, daß der Überschuß, der aus der
Spannung von Produktpreis und Produktionsmittelpreisen folgt,
seinerseits ein Seltenheitsergebnis ist, das wir als monopoloiden
Tatbestand begreifen können. Wir rechnen also die Rente der
relativen Knappheit zu. Wer sie empfängt, läßt sich generell nicht
feststellen. Je größer die Seltenheit eines oder aller Produktions-
faktoren bei einer Produktionsmittelkombination, um so mehr
wird von der Rente durch sie absorbiert.

Ähnliches gilt nun auch für das wiederholt erwähnte Ertrags-
gesetz. Fassen wir dieses auf als technische Tatsache, die dem Er-
trage einer Kombination von Produktionsfaktoren bestimmte
Grenzen setzt, die, wenn überschritten, die Produktmenge pro
Einheit der aufgewandten Mittel reduziert, so genügt es, wenn wir
diesen Tatbestand abnehmender Ergiebigkeit, der sowohl inner-
halb des Betriebes, wie zwischen verschiedenen Betrieben Geltung

I) „. .. wobei freilich nicht vergessen werden darf, daß die Folgen dieser Tat-
sache zum Teil durch die Beweglichkeit des Kapitals wieder gut gemacht werden.“
Das Grundprinzip in der Verteilungslehre (S chumpetenr). Arch. f. Soz.-Wiss.,
42. Bd., S. 64.

2) Gesperrt von Schumpeter.
3) Vgl. unten S. 67.

"J
        <pb n="75" />
        AO DU
hat, vor allem in der uns interessierenden letzteren Erscheinungs-
form als relative Seltenheit, die natürlich den Gesamtwert der
Kombination beeinflußt, kennzeichnen. Im allgemeinen dürfte
wohl dieser Seltenheitswert der Kombination als ganzer zugerechnet
werden, so daß er also nicht im Preise des einzelnen Produktions-
faktors zum Ausdruck kommt. In diesem Falle läge dann eben-
falls eine Art „Rente“ vor, die dem diskontinuierlichen Verlauf
der Produktivitätsgrenze der einzelnen Betriebe entsprechen würde.

Wir müssen hier jedoch genau unterscheiden: es gibt viererlei
Möglichkeiten der Produktionskostenveränderungen.

I. Die Nachfrage steigt — die angebotenen Mengen an Pro-
duktionsfaktoren bleiben dieselben.

2. Die Nachfrage steigt — die angebotenen Mengen an Pro-
duktionsfaktoren werden entsprechend vermehrt. Voraussetzung
ist eine Veränderung der Konkurrenzverhältnisse zwischen den
partiellen Märkten derselben.

3. Veränderung der Ergiebigkeit der Kombination als solcher.

ı Veränderung der Ergiebigkeit eines der Faktoren inner-

halb der Kombinationen.

3. und 4. sind technische Tatbestände.

3. entspricht dem eben genannten Rentenfall, 4. wird
die Grenzproduktivität des ergiebiger gewordenen Produktions-
faktors verändern, also dem Faktor selbst zugerechnet werden
müssen.

I. und 2. sind Konkurrenzfälle.

I. entspricht dann unserem Rentenfalle der beschränkten
Konkurrenz, wenn die angebotenen Mengen keine gemeinsame
Grenzproduktivität haben, also in diskontinuierliche Teilmengen
zerfallen. 2. ist der Fall freier Konkurrenz.

Alle vier Fälle aber sind Werterscheinungen, lassen sich
also einheitlich begründen, auch wenn die Interdependenz
zwischen Produktpreis und Kostenpreis mangels einer kon-
tinuierlichen Produktivitätsskala abgerissen sein sollte.

Blicken wir nunmehr auf unsere obigen Feststellungen über
die Analogie zwischen internationalem und interpersonalem Tausch
zurück, so können wir jetzt die dort erwähnte graduelle Unter-
scheidung zwischen diesen beiden Tauschvorgängen noch genauer
definieren.
        <pb n="76" />
        Se

Offenbar ist der internationale Tausch ein Rentenfall der
beschränkten Konkurrenz der Produktionsfaktoren, und zwar
einer unter vielen, während der interpersonale Tausch Nutzen-
gewinne auf Grund einer kontinuierlichen, wenn auch sonst noch
so unbestimmten Skala darstellt. Gradcuell ist der Unterschied
deshalb, weil im zweiten Falle {este Vorräte gegeben sind, die im
ersten Falle nur um eine Stufe zurückdatiert werden auf die Knapp-
heit ihrer Faktoren, d. h. die Knappheit ist nur um einige Grade
ihrem. Ursprung näher gebracht, wobei dann allerdings die hier
entscheidende Tatsache hinzukommt, daß die Vorratsgegebenheit
der Produktionsfaktoren keine einheitliche ist, mithin keine Kon-
tinuität der Nutzung vorhanden sein kann. Darin liegt der materielle
Unterschied, der Schumpeter dazu veranlaßte, diesen beiden
Anwendungen des Rentenprinzips eine nur {formale Ähnlichkeit

zuzusprechen.

Diese scharfe Trennung tritt erst dann deutlich vor unser
Auge, wenn wir den Begriff der Nation endgültig fallen lassen,
uns einen Markt der Produkte vorstellen und dessen Nachfrage
nach Produktionsmitteln als einen auf beliebig viele isolierte Teil-
vorräte gerichteten Gesamtbedarf denken — Teilvorräte, die sich,
wie gesagt, bezüglich ihrer Grenzproduktivität diskontinuierlich
zueinander verhalten.

Die Gegenüberstellung: international — interpersonal tritt
dann vollständig in den Hintergrund. An ihre Stelle tritt das Preis-
problem des Marktes der Produkte mit rentenähnlichen Tausch-
gewinnen, die der Nutzenskala der Tauschpartner entsprechen
einerseits und das prinzipiell gleichgeartete Preisproblem der Pro-
Auktionsfaktoren, das jedoch nur innerhalb der Teilmärkte der
Faktoren lösbar ist, wenn €S infolge beschränkter Konkurrenz
keinen Gesamtmarkt gibt, andererseits. Folge der beschränkten

Konkurrenz und der ähnlich wirkenden diskontinuierlichen Ertrags-
differenzierung ist jener Überschuß, den wir hier allein als Rente
bezeichnen wollen. Auch er ist Wertüberschuß im Sinne der
Nutzentheorie, der einem Versagen der idealen Zurechnung ent-
springt.

Wir haben also, um es noch einmal zu sagen, zwei Arten von
Gewinnen: den von uns sogenannten Tauschgewinn, der mit jedem
Tausch verbunden ist, denn sonst würde eben nicht getauscht
werden, und der auf eine Divergenz der Schätzungen vorhandener
Vorräte hinausläuft; seine Größe ist infolge Kontinuität des

9}
        <pb n="77" />
        — 64 —

Schätzungsverlaufes als kumulativer Reingewinn berechenbar —
und den eigentlichen Rentengewinn, der jener Spanne zwischen Pro-
duktpreisen und Produktionsmittelpreisen gleich ist, die wir auf
beschränkte Konkurrenz zurückführten. Nehmen wir nur be-
schränkte Konkurrenz an, so ist jedes Einkommen Rente bzw.
„Quasirente‘“, setzen wir vollständig freie Konkurrenz, so bleibt
nur der Tauschgewinn.

Wir haben damit unsere Aufgabe gelöst. Die Theorie der
internationalen Werte ist in die Nutzentheorie aufgelöst worden.
Eine Heteronomie ist nicht mehr vorhanden. Die Kostentheorie
der Klassiker ist durch die unifizierende Leistung der Nutzentheorie
derart in den Schatten gestellt, daß sie ohne Bedenken aufgegeben
werden kann. Die neue Betrachtungsweise hat mit ihr eine gewisse
Ähnlichkeit im Falle der freien Konkurrenz. Das hier herrschende
Gleichgewicht interdependenter Größen enthält die Gleichung
Grenznutzen = Grenzkosten. Die Ähnlichkeit verflüchtigt sich,
wenn wir die Modifikationen der Nutzentheorie berücksichtigen.
Diese Modifikationen, die aus der Einführung beschränkter Kon-
kurrenz der Produktionsfaktoren folgen, zeigen den alleinigen
Preisgrund: die Nachfrage. Ausschließlich aus dogmen-historischen
Gründen wurde aus ihnen eine besondere Theorie der internationalen
Werte aufgebaut, in Wahrheit sind sie jedoch nur Interdependenz-
fehler zwischen Produktions- und Konsumgüterpreisen, die dem
allgemeinen Erklärungsprinzip des Preises nicht widersprechen.

Wie wir wissen, hat dieser Interdependenzfehler nicht das
Privileg, nur international zu sein. Er ist stets vorhanden zwischen
den Märkten der Produktionsfaktoren und dem Markt der fertigen
Produkte. Wir folgern daraus, daß die sogenannte Theorie der
internationalen Werte eine Modifikation der allgemeinen Ver-
teilungstheorie bzw., wenn wir die Fiktion freier Konkurrenz auf-
geben, diese Verteilungstheorie selbst ist.

Bevor wir nun darüber urteilen, ob es einen Sinn hat, trotz-
dem den internationalen Interdependenzfehler besonders hervor-
zuheben und ihn zur theoretischen Grundlage der faktischen inter-
nationalen Wirtschaftsbeziehungen zu machen, wollen wir noch
die letzten Ergebnisse der reinen Theorie berücksichtigen, die ohne
den Wertbegriff der Nutzentheorie gefunden wurden. Wir tun
        <pb n="78" />
        O5
dies deshalb, weil die Verwandtschaft der Theorie der internationalen
Werte mit dieser neuesten ‚„„wertunbetonten‘“ Theorie infolge der
Einfachheit der Argumentation der letzteren noch augenfälliger
ist, obgleich unser Interdependenz-Problem hier nur in dem Hin-
weis darauf gestreift wird, daß die ‚„wertunbetonte‘“ Theorie der
Voraussetzung freier Konkurrenz nicht bedürfe*).

$ 5. Bemerkungen zur „wertunbetonten‘“ Theorie.

Es genügt, wenn wir uns wiederum nur die prinzipiellen Unter-
schiede zwischen „wertbetonter‘“ (Nutzentheorie) und „wert-
unbetonter‘“ (etwa das Funktionssystem Cassels) Theorie ins
Gedächtnis rufen. Die sachlichen Abweichungen sind minimal,
wie überhaupt zwischen den Systemen der reinen Theorie die
Differenzen vorwiegend auf logischem Gebiet liegen.

Schon unsere bisherigen Untersuchungen zeigen das. Sie
dienen vor allem erst mal einer gewissen ästhetischen Forderung
der Logik, befriedigen das Bedürfnis nach gedanklicher Einheit.
Diesem Bedürfnis war die Nutzentheorie in größerem Umfange
gerecht geworden als das dualistische System der Klassiker. Zahl-
reiche der Erfahrung angenäherte Erscheinungen des Wirtschafts-
lebens konnten in das Ordnungssystem der vom Nutzenprinzip
beherrschten Theorie einbezogen werden. Die Struktur des Er-
kenntnisobjektes erfuhr dadurch eine gewisse Umschichtung, während
die Resultate im einzelnen fast unverändert blieben. Denn die
Nutzentheorie hat an den Ergebnissen der Millschen
Theorie der internationalen Werte wenig auszusetzen
gehabt. Nur eine für die Resultate fast wirkungslos gebliebene
Wendung einer speziellen Problemstellung ins allgemeine kenn-
zeichnet den Fortschritt der Theorie. Die von uns beobachteten
Modifikationen hielten sich in den Grenzen der durch das neue
Prinzip konstituierten logischen Einheit, — offenbar eine Bestäti-

gung für die universale Geltung des angewandten Nutzenprinzips.

Betrachten wir jedoch nunniher die Leistung der von uns
sogenannten ‚‚wertunbetonten‘““ Theorie, so lehrt uns eine kurze
Besinnung auf ihre logische Qualität, daß diese Universalität des
Nutzenprinzips mit einer Fiktion erkauft ist. Denn es ist unschwer
einzusehen, daß die hypothetische Form dieses Prinzips im Sinne
eines „Allpreisgrundes‘“, d. h. im Sinne einer einzigen realen Ur-

1) Vgl. Cassel, a.a. 0. 5. 108,

Weigmann, Internat. Handel.
        <pb n="79" />
        —_ bt —
sache des Preises zweifelhaft sein muß, da es offensichtlich mehrere,
ja zahlreiche Realgründe des Preises gibt. Auch die Nutzentheorie
steht also an der Grenze des hypothetischen Denkens.

Die zunehmende methodologische Bewußtheit der modernen
sozialökonomischen Theorie hat in diesem Punkte eine klare Schei-
dung veranlaßt, eine vornehmlich logisch bedeutsame Wandlung,
die man als endgültig zu bezeichnen versucht sein könnte*). Ihre
Quintessenz ist der Verzicht auf die Preisursache, d. h. die Kausal-
frage ist bei der Aufstellung des Prinzips ausgeschaltet worden.
An ihre Stelle tritt die Kategorie der Funktion, die das ursächliche
Moment zwar nicht ersetzt, da sie auf einer anderen logischen Ebene
liegt, die es jedoch überflüssig macht; die Position der Ursache
ist nurmehr eine ergänzende, sie liegt gleichsam auf dem Boden
eines über sie gebreiteten funktionellen Zusammenhanges öko-
nomischer Größen. Beliebig viele, teils direkte, teils mehr indirekte
Ursachen wirken zusammen an diesem wechselseitig verknüpften
Gewebe, das sich jeweils von einer faktisch in Frage kommenden
Anstoß-Ursache aus aufrollen läßt. Nur der immanente Ablauf,
die Reaktionen der funktionellen Verbundenheit auf solche kon-
kreten Veranlassungen werden im System der „wertunbetonten““
Theorie berücksichtigt.

Eine Werttheorie im Sinne einer einzigen konkreten Ursache,
hat infolgedessen jeden prinzipiellen Sinn verloren. Gültig wäre
sie nur als beiläufig nähere Erklärung eines der zahlreichen Ur-
sachenkomplexe, die zur Bestimmung des Preises beitragen.

Welchen Einfluß diese logische Umstellung auf unser Problem
der Modifikationen durch beschränkte Konkurrenz ausübt, ist
leicht zu übersehen. Sie ist fast bedeutungslos.

ı) Zu der neuesten Polemik Honeggers (vgl. Honegger, „Die volkswirt-
schaftlichen Gedankenströmungen, Systeme und Theorien der Gegenwart, besonders in
Deutschland.“ Karlsruhe 1925) gegen das Gebäude einer immanenten Wirtschaftstheorie
vom Standpunkt der „kreditfinanziellen‘“ Betrachtungsweise Stellung zu nehmen, ist zur
Zeit noch unmöglich, solange sich Honegger auf die aphoristische Form einer an sich
ernst zu nehmenden Kritik beschränkt. Die weitreichenden „politisch-wirtschaftlichen‘*
Konsequenzen für das dem Verfasser naheliegende Problem der Objektbestimmung zu
prüfen, wird nach Erscheinen der von Honegger angekündigten kreditfinanziellen
Theorie im Rahmen der vom Verfasser geplanten Arbeit über das Problem der an-
gewandten Theorie eine wichtige Aufgabe sein.

Sf
        <pb n="80" />
        — 67 —

Um dies einzusehen, haben wir allerdings etwas nachzuholen
bzw. zu berichtigen. Schon oben bei Erörterung der Verteilungs-
lehre der Nutzentheorie haben wir nämlich die Beobachtung
gemacht, daß das eigentliche Nutzenprinzip, d. i. jene alleinige
Kausalität des subjektiven Wertes, im Falle beschränkter Kon-
kurrenz der Produktionsfaktoren versagte, und zwar infolge der
Störung der Zurechnung. Schon dort behaupteten wir, daß trotz-
dem das Prinzip als solches nicht hinfällig geworden sei und be-
nutzten zum Beweise eine allgemeinere Formulierung desselben
im Sinne der relativen Seltenheit, bzw. wie wir in der Terminologie
Cassels auch sagen können: der Knappheit. Lassen wir also die
Wertfunktionen der tauschenden Subjekte beiseite, verzichten wir
auf jede Form eines, wenn auch nur „methodologischen Individualis-
mus“, so bleibt uns dennoch die Funktion Menge-Nachfrage, aus
der sich das Prinzip der Knappheit ableitet und aus der im Er-
gebnis dasselbe Bild des Zusammenhanges folgt, das wir schon
in der Nutzentheorie vorgefunden haben. Unterstellen wir freie
Konkurrenz, so haben wir die ungestörte Interdependenz aller
für das System relevanten Größen — eine Interdependenz, die
vom Standpunkt der subjektiven Wertlehre so viel bedeutet wie
die durchgängige Wirksamkeit des Wertkalküls. Ist die Inter-
dependenz durch Konkurrenzhemmungen stellenweise unterbrochen,
besonders dort, wo der Zusammenhang der Produktionsmittel-
und Konsummärkte in Frage steht, so wird die Wertrechnung un-
brauchbar %).

Wenn wir, wie gesagt, dennoch behaupteten, daß das Prinzip
der Nutzentheorie dadurch nicht berührt werde, so standen wir
also dort schon auf dem Boden einer Interpretation desselben,
die ihre substantiell-psychologische Form nicht für ein ihr wesent-
liches Merkmal hält, vielmehr allein die Funktion Menge-Nach-

ı) Vgl. Schumpeter, „Edgeworth und die neue Wirtschaftstheorie‘“, Weltw.
Arch., 22. Bd., 2. Heft, 1925, besonders S. 195. Was Edgeworth beweist, „kommt
darauf hinaus, daß die ökonomische Theorie unter heutigen Verhältnissen die Preisfest-
setzung und Einkommensbildung in sehr vielen Fällen nicht mehr aus sich heraus zu
erklären vermag, und der Kausalzusammenhang, der in der Konkurrenzwirtschaft wirklich
von fast naturgesetzlicher Stringenz war, sich mehr und mehr zu lockern und willkür-
lichen Gestaltungen Raum zu bieten tendiert, deren Untersuchung neue Methoden und
neue Gesichtspunkte erfordert.‘
5 +
        <pb n="81" />
        — 82) —

frage, die vergleichende Gegenüberstellung von Quantitäten, deren
Bindeglied der Preis ist, als entscheidendes Kriterium dieser
Theorie ansieht. Daß die „wertunbetonte‘“ Theorie Cassels von
dieser Auslegung nicht weit entfernt ist, braucht wohl kaum noch
gesagt zu werden. Erreicht ist diese Annäherung, die nur scheinbar
willkürlich ist, durch ein Geringes: die Aufgabe der Ur-Sache,
der psychischen Substanz”).

Von diesem Standpunkt, der tatsächlich bestehende, aber
für das Resultat relativ unbedeutende Differenzen der theoretischen
Systeme abzuschwächen sich bemüht, wird es klar, daß die „wert-
unbetonte‘““ Theorie für unser Problem keine nennenswerten Ver-
änderungen Bringt. Noch bestimmter drängt sich uns die schon
festgestellte Tatsache auf, daß die Erscheinung beschränkter Kon-
kurrenz für die moderne Theorie nichts Ungewöhnliches ist. Ja,
sie ist sogar die Regel und muß es auch sein, wenn die Theorie die
seit den Klassikern vor sich gegangenen auffallenden Veränderungen
der Wirklichkeit gerade in diesem Punkte auch nur annäherungs-
weise in ihr System einbeziehen will. Cassel hat denn auch aus-
drücklich erklärt?), daß die bisher in der Theorie übermäßig in
den Vordergrund gerückte Voraussetzung freier Konkurrenz für
ihn bedeutungslos sei, da jeder Preis durch das Element der Knapp-
heit für sich hinreichend bestimmt werde. Die mangelnde Inter-
dependenz der Preise, besonders der fehlende Zusammenhang
zwischen den Preisen der Produktionsfaktoren und denjenigen der

Produkte ist demnach kein Störungsfaktor des Systems.

Bezüglich der „supplementären‘ Preisprinzipien Cassels
sei hier noch beiläufig erwähnt, daß sie im gewissen Sinne das
Knappheitsargument ergänzen sollen. Sie beziehen sich jedoch
weniger auf Kokurrenzerscheinungen, sind vielmehr vornehmlich
Variationen desselben Grundgedankens bei verschiedener technischer
Effizienz. Bei unseren statischen Voraussetzungen ist übrigens
hauptsächlich das „„‚Differentialprinzip‘ erwähnenswert; €$ ist die
Formulierung der uns bekannten Erscheinung, daß sich die Preis-
bildung an der Grenze der Produktion vollzieht, will sagen, daß
die höchsten Kosten die Preisbemessung beeinflussen. Daß letztere

ı) Vgl. auch Schuster, Untersuchungen zur Frage der Möglichkeit einer theo-
retischen Wirtschaftswissenschaft. Arch. f. Sozialw., 49. Bd.

2) Val. Cassel, a, a. 0. Si 108 ff.

6
        <pb n="82" />
        — 60. —

bei gestörter Konkurrenz sich auch oberhalb dieser Kostengrenze
abspielen kann, zeigt uns, daß das Differentialprinzip für Konkurrenz-
probleme uninteressant ist. Immerhin haben auch diese auf Er-
tragsdifferenzen basierenden Supplemente Berührungspunkte mit
unseren Untersuchungen, wie wir oben bei Erörterung der Renten-
erscheinungen ausgeführt haben!). Sie bestehen eben darin, daß das
Differentialmoment sowohl innerhalb wie zwischen den Betrieben
anwendbar ist.

Wenn wir jetzt den gesamten bisherigen Gedankengang
überblicken, so muß es auffallen, daß die Verwandtschaft der
Systeme und ihrer Problematik eine sehr enge ist. Mit dem Ver-
zicht auf das substantielle Kausalproblem?) lösen sich alle Schwierig-
keiten, die die Einheit der Theorie zu gefährden vermögen, mit
ihm schwinden auch die Gründe für eine Theorie der internationalen
Werte, glätten sich alle Unebenheiten im Gesamtbau der Theorie,
die wir als sogenannte Modifikationen bisher besonders hervor-
gehoben haben.

Wir können deshalb unsere erste Frage, die wir in der Ein-
leitung stellten, nunmehr endgültig dahin beantworten, daß es
nur eine Theorie schlechthin gibt, daß also eine Theorie der
internationalen Werte vom theoretischen Standpunkt aus
keine Existenzberechtigung mehr besitzt, und zwar nicht nur
deshalb, weil die Äquivalenztheorie der Klassiker falsch ist, son-
dern weil überhaupt jegliche Kausaltheorie des Preises, die der
Voraussetzung freier Konkurrenz stets bedarf, einen zweckwidrigen
Ausgangspunkt nimmt, der zu theoretischen Dualismen heraus-
fordert.

Im Rahmen der Theorie Cassels sowohl wie der Nutzentheorie
lassen sich die Resultate der oben angeführten empirischen Kritik
als Daten des Systems verwenden. Jeweils entsprechend der kon-
kreten Situation haben wir es mit bestimmten Produktionsmittel-
märkten zu tun, auf denen sich die Preisbildung gemäß der Knapp-
heit vollzieht. Ihre Interdependenz ist mangels freier Konkurrenz
unterbrochen, ein einheitlicher Preis, der für diese Märkte eine

1) Vgl. oben S. 61 ff.

2) Daß wir mit diesem Verzicht keineswegs wieder bei der mengenmäßigen
Gegenüberstellung von Angebot und Nachfrage angelangt sind, dürfte wohl ohne weiteres
anerkannt werden.
        <pb n="83" />
        — 70 U —

Richtschnur geben könnte, besteht nur auf dem Markt der Produkte,
der innerhalb der durch den Transport gesteckten Grenzen einen
über mehrere oder zahlreiche Produktionsmittelmärkte sich aus-
dehnenden Umfang hat. Mehr vermag die Theorie über das Wesen
dieser durch Konsumgüteraustausch verbundenen Märkte nicht
auszusagen. Es ist ihr Schlußwort über das Thema des inter-
regionalen oder, wie wir auch sagen könnten, zwischengebildlichen
Tausches. Wir haben also wieder die Feststellung zu machen,
daß die Theorie der internationalen Werte nur eine allgemeine
Verteilungslehre darstellt, die den Daten gemäß, die wir unter-
stellen, auf bestimmte Märkte der Produktionsfaktoren Bezug
nimmt. Das ganze sogenannte Thema der internationalen Werte
ist demnach untergetaucht in den an sich qualitätslosen theore-
tischen Zusammenhang, und alles kommt nunmehr darauf an,
welche empirischen Voraussetzungen wir dieser funktionellen Ganz-
heit unterschieben.

Edgeworth bzw. Schumpeter formuliert diesen Gedanken,
der die Grenzen der Leistungsfähigkeit der Theorie betrifft, wie
folgt: „Man kann die drei Produktionsfaktoren als drei getrennte
Volkswirtschaften auffassen und dann auf den Verkehr zwischen
denselben direkt die Theorie der internationalen Werte anwenden,
„..‘“ „Die Gruppe der Genußgüter könnte eine vierte solche Volks-
wirtschaft bilden“ !).

Diese sogenannten „Volkswirtschaften‘“ sind natürlich Ge-
bilde einheitlicher Preisgültigkeit, also Märkte. Sie mit ‚Volks-
wirtschaft“ zu bezeichnen, birgt die jeder Theorie bei der Ver-
wendung dieses Begriffes drohende Gefahr in sich, daß das kom-
plizierte, organismenhafte Gebilde, das wir gemeinhin darunter
verstehen, zugunsten einer anschaulichen, aber fragwürdigen Aus-
drucksweise seinen sinnvollen Inhalt verliert, bzw. daß die Theorie
auf Voraussetzungen aufgebaut wird, die die Grenzen ihrer Leistungs-
fähigkeit übersteigen.

Wir haben hiermit eine Problematik angeschnitten, die auf
unsere zweite Frage nach der praktischen Bedeutung der Theorie
der internationalen Werte oder nach dem Sinn einer Theorie des
internationalen Handels hinausläuft. Wir werden uns eingehend
mit ihr zu befassen haben. Vorher ist noch einmal das Ergebnis
zusammenzufassen, das wir in der Formulierung Schumpeters

zitierten.

ı) Vgl. Schumpeter, Das Wesen und der Hauptinhalt ‚.., a. a. O.S. 511.
        <pb n="84" />
        — 71 —

Danach hätten wir vier Märkte, deren Grenzen durch kon-
krete Daten bestimmt, also für die Theorie unzugänglich sind.
Wenn von eıner Anwendung der Theorie der internationalen Werte
auf den Verkehr dieser Märkte gesprochen wird, so ist damit die
Preistheorie schlechthin gemeint. Wir haben also, um es definitiv
auszusprechen, keine Veranlassung als Theoretiker eine gesonderte
Theorie am Leben zu erhalten, die für die theoretische Erkenntnis
nur Wiederholungen ausspricht.

Ob wir vom Standpunkt „angewandter‘““ Theorie dasselbe
sagen können? Die Frage läßt sich nicht so ohne weiteres
beantworten. Wir müssen uns noch einmal besinnen, welchen
Zwecken eine solche „Anwendung“ gedient hat und eventuell
dienen könnte.

Da es kein theoretischer sein kann, wie wir endgültig kon-
statiert haben, käme also nur ein praktischer in Betracht. Unsere
Untersuchung befindet sich also in einem Stadium, in dem unsere
zweite, einleitend gestellte Frage infolge der mit der Beantwortung
der ersten Frage sich von selbst ergebenden negativen Antwort
betreffs eines selbständigen theoretischen Erkenntniszweckes nur
noch auf ein „praktisches‘“ Ziel bezogen werden kann — etwa derart,
daß, vom Standpunkt bewußten Handelns gesehen, eine auf be-
stimınten Daten aufruhende theoretische Erkenntnis regulative
Grundsätze bereitzustellen in der Lage wäre, die einer etwaigen
Wirtschaftspolitik zur Richtschnur dienen könnten.

Wir dürfen nicht verkennen, daß ein positiver Entscheid
sehr nahe liegt, daß das Bestreben, Theorie auch anzuwenden,
gleichsam natürlich ist. Es fragt sich jedoch, worauf diese An-
wendung erfolgen soll, da wir einer graduellen Abstufung von Kon-
kurrenzerscheinungen der Produktionsfaktoren gegenüberstehen,
die eine Auswahl bedingt. Theoretisch ist diese Wahl belanglos,
und außerdem eindeutig, wenn wir konsequent die einmal an-
genommenen und damit unveränderlichen Tatsachenvoraussetzungen
beibehalten. Im Sinne der „angewandten‘‘ Theorie ist jedoch
nicht nur zu entscheiden, ob im Augenblick diese oder jene Kon-
kurrenzhemmung gewichtig genug ist, um sie als solche, d. 1. als
einheitsbildendes Datum anzuerkennen, sondern es ist außerdem
ein Moment zu berücksichtigen, das man gemeinhin durch den
Begriff der „Zeit“ auszudrücken pflegt und durch das die Kon-
kurrenzabstufungen die Schärfe ihrer gegenseitigen Abgrenzung
        <pb n="85" />
        — 72 —
verlieren, — ein Moment, das für die „angewandte“ Theorie in
höchstem Grade bedeutsam ist.

Wenn nun, wie wir im nächsten Abschnitt sehen werden,
auch die neueren Theoretiker noch von einer Theorie des inter-
nationalen Handels sprechen, so liegt offenbar ein begründetes
Motiv vor, die eben erwähnte Auswahl im Sinne einer internationalen
Konkurrenztrennung zu vollziehen. Welches ist dieses Motiv,
und welchen Wert haben die theoretischen Mittel für das diesem
Motiv entsprechende Ziel?
        <pb n="86" />
        IM. Kapitel. Über das Problem der „angewandten“
Theorie.

Unsere vorbereitenden Untersuchungen sind abgeschlossen,
es bleibt, wie gesagt, noch das Hauptproblem zu erörtern — die
einleitend gestellte zweite Frage. Wir treten mit ihr offenbar aus
dem Kreis der intern-wissenschaftlichen Interessen heraus, ver-
ändern den Gesichtspunkt und stehen damit vor völlig neuen Er-
kenntniszielen. Denn die Frage nach der Anwendung der Theorie,
nach den Beziehungen zwischen Theorie und sogenannter Wirk-
lichkeit überschreitet anscheinend das übliche Verifizierungsbedürf-
nis in Richtung wirtschaftspolitischer Absichten. Oder ist diese
Behauptung anfechtbar? Gibt es vielleicht doch so etwas wie eine
sinnvolle Beziehung beider Sphären aufeinander bei nicht-politischer
Zielsetzung ?

Schon wiederholt wurde die Bemerkung gemacht, daß die
Theorie der internationalen Werte mit Vorliebe, ja fast ausnahms-
los auf die de facto zwischen historisch gegebenen Nationalstaaten
bestehenden Wirtschaftsbeziehungen angewendet werde. Trotz man-
cherlei Einwänden, trotz einer Revision des Begriffs Nation sind
schließlich auch die Engländer von diesem Brauch nicht abgewichen
— auch Edgeworth sieht den Fall internationaler Konkurrenz-
hemmung für den wichtigsten an —, eine Auswahl, die von der
Voraussetzung ausgeht, daß jene Nationalstaaten Einheiten sich
deckender Kreise gleichen, die von den Konkurrenzsphären der
Produktionsfaktoren auf der Ebene des Wirtschaftsraumes be-
schrieben werden. Zweifellos ist nun diese Art Voraussetzung
„angewandte‘“ Theorie, darin hat Boehler recht. In ihr drückt
sich ja ein gedanklicher Vorgang aus, den wir oben als Unterstellung
irgendwelcher bestimmter Daten kennzeichneten. Aber — ob
diese Voraussetzung „richtig“ ist, bleibt eine offene Frage —, offen
nicht in Hinsicht ihrer empirischen „Richtigkeit‘“, denn mit Bezug
auf die Wirklichkeit — das ist die gedankliche Ebene der kom-
plexen, unübersehbaren Mannigfaltigkeit — ist jede Auswahl
        <pb n="87" />
        — 74 —

von Daten nur annäherungsweise „richtig“, und daß die Gleich-
setzung des Umfanges der Produktionsmittelmärkte einerseits
und des Gebietes eines Nationalstaates andererseits besonders
„richtig“ sein sollte, dürfen wir in Erinnerung der obigen kritischen
Ausführungen über den Grad der Konkurrenzstörungen mit Recht
bezweifeln — offen ist die Frage dagegen in Anbetracht der Mehr-
deutigkeit des Beurteilungsmaßstabes der „Richtigkeit“ selber.
Könnte es nicht trotz gewisser Abweichungen einen berechtigten
Sinn haben, die erwähnte zwischenstaatliche Anwendung der Theorie
zu bevorzugen, wenn nämlich eine, wenn auch nur annäherungs-
weise Richtigkeit der Voraussetzungen den der Anwendung ge-
setzten Zielen genügt? Gibt es mit anderen Worten nicht noch
einen zweiten Gesichtspunkt der Beurteilung, einen anders ge-
arteten Maßstab der Richtigkeit?

Wir stehen wieder bei jener oben angeschnittenen Frage
nach den wirtschaftspolitischen Motiven einer Anwendung der
Theorie. In der bisherigen Formulierung bietet ihre Beantwortung
gewisse Schwierigkeiten. Motivation und bewußte Setzung eines
Anwendungszieles für die Auswahl der Daten sind nicht dasselbe;
der Begriff der Wirtschaftspolitik ist ebenfalls nicht eindeutig.
Nicht-politisch ist kein Akt der Anwendung, letzten Endes will
jede Anwendung von Theorie — abgesehen von der Absicht der
Verifizierung — auf Intervention, auf Gestaltung, auf Ordnung
im Sinne des theoretisch Richtigen hinaus. Wird Politik solcher-
maßen definiert, d. h. als ein Streben nach Realisierung er-
kannter Grundsätze (einschließlich der Summe der damit verbun-
denen Maßnahmen und Verhaltungsweisen) und wird ein der-
arliges Streben der Anwendung von Theorie als Motiv unter-
geschoben, so ist, wie gesagt, jeder Anwendungsakt politisch quali-
fiziert. Wollen wir demnach eine Differenzierung der Anwendungs-
gründe erreichen — und darauf müssen wir hinaus —, So wird es
vorteilhaft sein, vorläufig erst mal zwischen politischen Motiven
in der eben genannten weitesten Bedeutung und einer inhaltlich
definierbaren politischen Zielsetzung zu unterscheiden. Eine der-
artige Definition läßt sich am besten dadurch finden, daß wir den
Begriff der Politik ausschließlich der Bezeichnung staatlicher
Willensbildung vorbehalten. Der Beurteilungsmaßstab der Rich-
tigkeit ist dann ohne Schwierigkeit aus dem Wesen und den Zwecken
des Staates ableitbar.
        <pb n="88" />
        Hiernach können wir dann sagen: Wird eine Anwendung
theoretischer Begriffe derart frisiert, daß diese unmittelbar auf
politische Tatbestände bezogen werden, so ist dieser Versuch offen-
sichtlich politisch, und zwar in diesem Fall handelspolitisch orien-
tiert. Es liegt die Absicht vor, theoretisch erdachte Gebilde durch
politisch bezogene Datenauswahl auf das staatliche, durchaus
heterogene‘ Wirtschaftsgebiet zu projizieren, um aus der Einsicht
in die Struktur und die Bewegungsgesetze dieser einheitlichen
Vorstellungsgebilde handelspolitisch Nutzen zu ziehen. In welchem
Maße diese Absicht bewußt wird, ist dabei nebensächlich — ent-
scheidend ist der Vorgang der Inversion des Motivs in
die Sphäre des auswahlbedingenden Bezugswertes, wWO-
mit auch die Zielsetzung, von der wir gesprochen haben,
ihre logische Position verändert.

Wollen wir uns nun zu dieser Inversion äußern, so ist zu
prüfen, ob sie fruchtbar sein kann für den hinter ihr lauernden
Zweck. Wir stehen dann inmitten der Diskussion über Freihandel
und Schutzzoll. Dieser unglückliche Gegensatz, der keiner zu sein

brauchte, fristet sein Leben von dem Glauben an die Allmacht
der Theorie, an ihren positiven Dienst für die Handelspolitik.
Dabei sind beide Parteien Gläubige, denn auch der Schutzzöllner
kämpft mit theoretischen Waffen, obgleich seine Position nur mit
politischen Beweismitteln zu rechtfertigen ist. Deutlich wird dies
durch einen Vergleich zwischen dem Sinn der Handelspolitik und
den Grenzen theoretischer Erkenntnis.

Entwickeln wir ihn in aller Kürze!) aus den Wirkungen dieser
Art „angewandter‘‘ Theorie, So zeigt sich nicht nur, daß die Wid-
mung der produktiven Kräfte eines Landes infolge der Annahme
ihrer freien Beweglichkeit als willkürlich veränderbar angesehen
wird, mit der Folge, daß die Schäden bzw. die Unmöglichkeit
einer Umgruppierung auf den relativ günstigsten Produktions-
zweig — dessen Geltung seinerseits mit der Zeit wechselt — nicht
in Rechnung gestellt werden — sondern auch, daß die Bevölkerungs-
kapazität der günstigsten Produktion der Handelspolitik als die
ideale aufgedrängt wird, während doch auch noch andere, ja vor
allem andere Populationsziele für die Handelspolitik maßgebend
sind oder wenigstens bisher gewesen sind.

ı) Eine ausführliche Darstellung erübrigt sich, da es sich hier um hinreichend
bekannte Gedankengänge handelt,

75
        <pb n="89" />
        — 76 —

Der erste Teil unseres Satzes charakterisiert die ökonomischen
Nachteile, jener einseitigen Gleichsetzung politischer und theoretischer
Einheiten. Sie sind durch die ‚„„,Kostendifferenztheorie‘‘ Schüllers
erschöpfend behandelt worden. Die mangelnde Wirklichkeits-
nähe der Datenauswahl bewirkt eine völlige Verkennung der Um-
stände; sie verbirgt die Tatsache, daß einem Lande aus der Eröffnung
des freien Handels häufig mehr Nachteile als Vorteile erwachsen,
indem durch sie zwar ein Produktionszweig und die ihm gewidmeten
produktiven Kräfte zur Entfaltung gelangen, ein anderer oder andere
Produktionszweige dagegen teilweise oder ganz brach gelegt werden
können, so daß die entsprechenden Produktionsmittel infolge
absoluter oder relativer Unübertragbarkeit vollkommen entwertet
bzw. beschäftigungslos daliegen.

Berücksichtigt man einen längeren Zeitraum, so mögen manche
der Übertragungshindernisse fortfallen; die Konzentration der
produktiven Kräfte des Landes in Richtung auf die anfänglich
mit Eröffnung des Handels als optimal erkannten Produktions-
zweige könnte nach Überwindung gewisser Reibungsschäden be-.
werkstelligt werden. Es besteht jedoch keine Gewähr dafür, daß
nicht indessen eine Umgruppierung der internationalen Nach-
frageverhältnisse die Lagerung des Produktionsoptimums wiederum
verschoben hat, derzufolge eine neue Verteilung der Produktions-
mittel nötig wird. Gewiß sind das allgemeine Bewegungserschei-
nungen, überall auftretende Friktionsverluste, die notwendig aus
der labilen: Verfassung des Wirtschaftslebens folgen und letzthin
für jedes Unternehmen gelten — womit übrigens bestätigt wird,
daß die freie Konkurrenz überhaupt nur idealiter existiert —, es ist
jedoch vom Standpunkt der Handelspolitik von der allergrößten
Bedeutung, diese Entwicklungsschäden durch Abbiegung ihrer
extremen Spitzen zu mildern, etwa im Sinne eines der Theorie
widersprechenden, pluralistischen Ausbaues der innerhalb des
Staatsgebietes vorhandenen produktiven Kräfte.

Mit Erörterung der Frage der Bevölkerungskapazität kommen
wir dem Sinn des handelspolitischen Standpunktes noch näher.

Jede staatlich organisierte Nation zeigt erfahrungsgemäß
das Bestreben, die auf ihrem Gebiet wohnende Bevölkerung fest-
zuhalten und darüber hinaus, wenn irgend möglich, neue Bevölkerungs-
teile hinzuzugewinnen oder zum mindesten die vorhandene Zahl
durch ein überlegtes System von Schutz und Förderungsmaßnahmen
zu steigern. Der innere Antrieb zu diesem Verhalten entstammt
dem Machtwillen des Staates, der seinerseits aus dem Quell eines
        <pb n="90" />
        ZEN N DIE
kraftvollen nationalen Lebensgefühls gespeist wi 1 Es liegt im -
Wesen dieses individualisierten Wir-Bewußtsein im Augenblick:
seiner staatlichen Realisierung, die Gesamtheit all ;Lebenssphären-
seiner Träger zu absorbieren, eine Wertgemeinsc ift, darzustellen;
die den Rang einer jeweils besonders qualifiziert ‘und i x She
Eigenart einzig dastehenden Ausdruckseinheit für ‚ebefs-
werte beansprucht. Sie tendiert deshalb zur Autarkie, zu einer
Selbstgenügsamkeit die einer durch Analogieschluß gewonnenen
Persönlichkeitsvorstellung als absoluter Inhalt beigegeben wird.
Jede Auflösung urwüchsig verbundener Gemeinschaft, wie sie
durch die Fluktuationen des Faktors Arbeit im Gefolge der wirt-
schaftlichen Entwicklung verursacht wird, widerstrebt diesem
nach innen auf das Gefüge der Gemeinschaft gerichteten Ab-
geschlossenheitsgefühl, denn sie vermindert die Dauer des Zusammen-
lebens, durch die allein ein Bewußtsein gemeinsamen Schicksals
existent wird, sie zerstört die Reinheit der Rasse und vernichtet
letztlich die für die Bildung des nationalen Typus notwendige Vor-
aussetzung einer Homogenität des psychischen Grundgefühls.
So steht denn auch die Bevölkerungspolitik des Nationalstaates
im Gegensatz zur Idee einer wirtschaftlich richtigen Streuung der
Bevölkerung über den Wirtschaftsraum. Der Sinn der Handels-
politik erschöpft sich in dem vergeblichen Kampf des Staates
gegen die zentrifugalen, die nationale Gemeinschaft lösenden und
darum destruktiven Mächte der wirtschaftlichen Entwicklung.
Drängt die ökonomische Theorie in der uns bekannten national-
staatlichen Anwendung der Handelspolitik eine bestimmte Auf-
nahmefähigkeit an Bevölkerung auf, d. h. siegt der wirtschaftliche

Standpunkt, so ist das gleichbedeutend mit einem Verzicht auf
Handelspolitik, mit einer Selbstaufgabe nationalstaatlichen Lebens
überhaupt. v. Mises?!), einer der wenigen, der sich über diese Zu-
sammenhänge äußert, hält zwar diese Antinomie zwischen Handels-
politik und Theorie für nicht so grundsätzlich, vertritt jedoch in-
soweit dieselbe Auffassung, als er den Sinn der Handelspolitik
als ein Bestreben charakterisiert, die im Gebiete eines Staates
historisch verbundene Bevölkerung zu erhalten. Die Handels-
politik kann nach ihm jedoch bei einer Läuterung der Idee der
Nation ihr Ziel fallen lassen, während wir diese Läuterung so lange
für unmöglich halten, als Staat, Nation und Wertgemeinschaft
ein geschlossenes Ganzes bleiben, das durch die Wucht seines organi-

ı) Vgl. v. Mises, Vom Ziel der Handelspolitik, Arch, f. Soz. Wiss., 42. Bd., 1916.
        <pb n="91" />
        — 78 —
sierten Willens stets befähigt bleibt, seine immanenten Tendenzen
zu verwirklichen.

Unser Vergleich führt also zu der Erkenntnis einer Unverein-
barkeit von Theorie und Handelspolitik. Theorie derart zurecht
zu machen, daß man ihre Daten den politischen Umständen an-
gleicht, ist sinnwidrig, d. h. also: die Freihandelstheorie ist po-
litisch unhaltbar, solange die. Kombination des Nationalstaates
besteht, die Schutzzolltheorie dagegen ist keine Theorie, sondern
ein System national- politischer Maßnahmen. Über die Theorie
des internationalen Handels ist damit das entscheidende Wort
gesprochen. Ihre Lebensfähigkeit hing an dem Faden der handels-
politischen Rechtfertigung. Er ist dadurch zerschnitten worden,
daß wir diese Theorie als „angewandte“ Theorie ablehnen mußten,
weil wir sie als zweckwidrige Hypothese erkannt haben.

Urteilen wir damit über die Leistungsfähigkeit „angewandter“‘
Theorie überhaupt, sprechen wir dadurch, daß wir eine bestimmte
Datenauswahl vom Standpunkt des sie bedingenden Zweckes aus
gesehen für zweckwidrig erklären, jeder Anwendung von Theorie
die Berechtigung ab?

Natürlich wäre das eine Übertreibung. Wir brauchen uns
nur der eingangs dieses Abschnittes gestellten Fragen und Be-
merkungen zu erinnern, um einzusehen, daß ein solcher Schluß
höchst voreilig wäre. Es ist allerdings nicht einfach, die möglichen
Ziele angewandter Theorie in der hier gebotenen Kürze erschöpfend
zu entwickeln. Wir wären genötigt, den gesamten, sehr umstrittenen
methodologischen Problemkomplex zu erörtern, insbesondere das
sogenannte „Zeit‘“-Problem anzuschneiden, um die ständigen Ver-
änderungen aller Daten der Theorie in ihrer Bedeutung für die
Findung eines wissenschaftlich fruchtbringenden Auswahlprinzips
würdigen zu können. Denn offenbar steht die Datenauswahl und
das jenes Prinzip bedingende Erkenntnisziel einerseits in engster
Beziehung zueinander, andererseits kann wiederum nicht die vom
Standpunkt der Wirklichkeit aus als willkürlich erscheinende
Auswahl völlig unabhängig von der Erfahrung vorgenommen
werden, d. h. letztlich ist dem Komplex der zu unterstellenden Daten
jene Einheit identisch, die in Verfolgung des Anwendungszieles
gesucht wird. Ist das letztere so geartet, daß es einer Beurteilung
seines Untersuchungsgegenstandes im Sinne empirischer Richtig-
keit nicht entraten kann, ist es also politisch motiviert in dem oben
        <pb n="92" />
        angegebenen weitesten Sinne, so fragt es sich, welcher Spannungs-
grad der rhythmischen Stufen in der Veränderung der Daten als
entscheidend angesehen werden soll für die Konstituierung des
Erkenntnisobjektes, auf das wir die Theorie bezogen wissen wollen.
Der rhythmische Stufenbau des Datensystems ist vielfältig ge-
gliedert, das Beharrungsvermögen der Strukturelemente außer-
ordentlich differenziert. Und nicht nur das. Die Stufenfolge des
Systems ist keineswegs etwa regelmäßig. Die gegenseitige Bedingt-
heit der verschiedenen Stufenfolgen in der Bewegung der hypo-
stasierten Tatbestände verwirrt die Übersicht einer an sich wohl
denkbaren typischen Folge. Hier kann auch eine isolierte Betrach-
tung der einzelnen Entwicklungs- und Wirkungsreihen höchstens
vorbereitenden Sinn haben; andererseits wird eine Perspektive,
die auf den Zusammenhang gerichtet ist, stets nur dieses Ganze
zur Erscheinung bringen, somit also auf Urteile spezielleren In-
halts verzichten müssen.

Dennoch könnte vielleicht bei diesem schwierigsten aller
Probleme ein Lösungskompromiß gefunden werden, und zwar mit
Hilfe einer wohlweislich beschränkten Zielsetzung. Kurz gesagt
— die ausführliche Begründung kann erst später erbracht werden —:
die bisherige auf den Wert der Nation bezogene Datenauswahl
muß revidiert werden in Richtung einer nur-wirtschaftlichen Be-
ziehung.

Der Erfolg der Revision ist zuerst die Ausschaltung der
theoretisch-politischen Antithese. Die der staatlichen Wirtschafts-
politik immanenten Forderungen werden eliminiert, scheiden also
als Beurteilungsgrundlage für die Richtigkeit bzw. Zweckmäßig-
keit der beabsichtigten Beziehung aus. Nebenbei bemerkt ist damit
nicht von vornherein Verzicht geleistet auf eine politisch-wirt-
schaftliche Ausbeute des späteren Ergebnisses. Es ist eben, wie
schon erwähnt, etwas anderes, ob ich das Motiv zum Erkenntnis-
zweck mache und als Bezugswert verwende, oder ob ich Motiv
und Bezugswert trenne, und letzteren unabhängig von irgendwelchen
Absichten zur Auswahl verwende. Ein weiterer Erfolg ist die bessere
Ordnung des rhythmischen Gefüges der Daten, insofern die ver-
engte Zielsetzung die Bildung eines Erkenntnisobjektes ermöglicht,
dessen Begriffsmerkmale ausschließlich ökonomisch relevante bzw.
ins Ökonomische übersetzte Elemente enthält. Der Wert dieser
Verschiebung ist zwar nur ein heuristischer. Immerhin erreichen
wir durch sie die Meßbarkeit der Datenveränderungen. Der Zeit-
begriff in seiner bisherigen Verschwommenheit wird ins Quan-
        <pb n="93" />
        —.) —

titative aufgelöst. Natürlich ist das nur eine Umgehung der quali-
tativen, irrationalen Tatsachenbewegung, sie läßt sich weder auf-
lösen noch wegleugnen. Sie wird jedoch durch das verschobene
Erkenntnisinteresse gleichsam neutralisiert, eingefangen in ein
Bezugssystem, das sie als fernerliegenden Ursachenkomplex wertet
bzw. nur ihre ökonomische Wirkform zur Kenntnis nimmt, während
vor der Revision die qualitativen Daten die Hauptrolle spielten,
so daß ihre nur geschätzte Rhythmik den Ausschlag gab für die
Abgrenzung des Objektes. Wir wissen, daß es viel kürzere rhyth-
mische Stufen gibt, bedeutsam genug, um aus ihnen die Vorstellung
einer wirtschaftlichen Einheit abzuziehen.

Alles das klingt sehr allgemein und soll an diesem Ort auch
nicht weiter ausgeführt werden. Hinter diesen abschweifenden
Bemerkungen steht der Versuch zum Entwurf einer konkreten
Wirtschaftslehre, die es sich zur Aufgabe macht, in sich rhyth-
misch annähernd homogene Datensysteme zu erfassen und in
ihrer vollen empirischen Eigenart darzustellen. Was das heißt,
was das vor allem für jenen logisch unmöglichen Teil der Wirt-
schaftswissenschaft, den wir „Spezielle“ oder „praktische Volkswirt-
schaftslehre‘“ nennen, bedeutet, läßt die Überlegung erkennen, daß es
mittels dieser Problemstellung gelingt, das politisch-wirtschaftliche
Objekt „Volkswirtschaft“ zu vermeiden. Gewöhnen wir uns daran,
letzteres der national-staatlichen Wirtschaftspolitik als angemessenes
Erkenntnisobjekt zuzuteilen und diese Wirtschaftspolitik als ein
durchaus selbständiges, in sich geordnetes bzw. noch zu ordnendes
Ganzes aufzufassen, so können wir daraus zwar auch das Bedürfnis
nach einer Art konkreten Wirtschaftslehre, also einer konkreten
Volkswirtschaftslehre ableiten, werden aber darauf verzichten
müssen, mehr als eine Stoffsammlung zu erhalten — wie ja auch
derartige, unter der Bezeichnung Wirtschaftsgeographie oder Wirt-
schaftskunde einherlaufende Versuche zeigen.

Unsere konkrete Wirtschaftslehre ist dagegen etwas ganz
anderes. Streng geschieden von der angedeuteten, noch nicht
vorhandenen wirtschaftspolitischen Disziplin, ist sie „angewandte‘‘
Theorie im eigentlichen Sinne, ist sie der exakte Ausdruck für
das seit einiger Zeit beliebte Verfahren der Einteilung des Wirt-
schaftsraumes der Erde in Wirtschaftsgebiete. Wohl bemerkt:
das Moment des Raumes ist für die Bildung des Objektes zwar wich-
tig, aber nicht wesentlich, dieses ist schon vor der Projektion in

SC
        <pb n="94" />
        — SL —
den Raum existent, und zwar als „Marktverdichtungserscheinung“‘.
Darüber jedoch später.

Kehren wir nunmehr zum Thema zurück und fassen das
Gesamtergebnis in einem Schlußwort zusammen, so mag es auf-
fallen, daß sich die Kritik im engeren Sinne in wohlbekannten
Bahnen bewegt. Wir konnten deshalb auch manche Abschnitte
besonders den letzten kürzer fassen, als es für eine vollwertige
Begründung nötig gewesen wäre. Aus der Zuspitzung unserer
Fragestellung auf die Ausschließlichkeit eines Entweder — Oder
folgt jedoch eine neue Einstellung zu den bekannten Einzelresultaten,
die, wie wir glauben möchten, das unbedingte Ende der Theorie
des internationalen Handels bedeutet.

Nebenbei zeigt uns das einleitend erwähnte Beispiel Boehlers,
wie notwendig es ist, auf Grund einer methodologischen Besinnung
diese Alternative zu stellen. Die Theorie des internationalen Handels
ist danach vom Standpunkt der Theorie aus gesehen, Theorie
schlechthin, vom Standpunkt des Anwendungsproblems dagegen
das unglückliche Produkt einer Mischehe von Theorie und Handels-
politik. Lehnen wir diese Ehe ab, dann fällt auch die Behauptung
von einer selbständigen Theorie der Weltwirtschaft im Sinne
Boehlers. Es hat keinen Sinn mehr, von einer solchen im Gegen-
satz zur Theorie der Volkswirtschaft zu sprechen, sobald wir erkannt
haben, daß eine Heteronomie nicht vorhanden ist. Verstehen wir
aber unter Theorie der Weltwirtschaft ‚„angewandte‘“ Theorie,
so ist diese Anwendung einerseits zweckwidrig, andererseits die
Bezeichnung als solche irreführend, da der Harmssche Begriff
der Weltwirtschaft, der sich allgemein eingebürgert hat, völlig
anders gebildet ist und damit auch andere Forschungsprobleme
aufgibt. In richtiger Erkenntnis der Möglichkeiten der Theorie
spricht denn auch Harms nur von einer „Theorie der Produktions-
differenzierung‘“ !), die er noch für neu zu begründen hält — offen-
bar eine auf breiterer weltwirtschaftlicher Grundlage gedachte
Standortstheorie.

Die Bedeutung der „angewandten“ Theorie für den mit dem
Harmsschen Begriff der Weltwirtschaft bezeichneten Aufgaben-
komplex ist also relativ gering, und zwar ganz besonders dann,
wenn wir die angewandte Theorie so verstehen, wie wir sie anzudeuten
versucht haben. Wollen wir für diese durchaus einen bekannten

1) Vgl. Harms, aa. O,, S: 396/97.

Weigmann, Internat. Handel,

Öi
        <pb n="95" />
        — 082 -—

Namen gebrauchen, so könnten wir weit eher Harms’ Begriff der
Universalökonomie verwenden. Allerdings wäre dann zu berück-
sichtigen, daß die Elemente dieser Gesamtwirtschaft der Erde als
bestimmt geartete Marktgebilde verstanden werden, die durch
ihre Unterscheidung nach typischen Strukturen eine sich ergänzende
Gesamteinheit mit wiederum typischen Austauschbeziehungen
bilden. Schließlich ist aber ein solcher zusammenfassender Begriff
überflüssig. Es genügt zu wissen, daß es sich um „angewandte“
Theorie handelt, deren erste Aufgabe in der konkreten Darstellung
theoretisch gefundener Begriffe liegt.
        <pb n="96" />
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Schumpeter, Josef, Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen National-

| Ökonomie, Leipzig 1908.

Ders., Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. München-Leipzig 1912.

Ders., Edgeworth und die neue Wirtschaftstheorie. Weltw. Arch., 22. Bd., 1925.

Ders., Das Rentenprinzip in der Verteilungslehre. Schmollers Jahrb. 1907,

Ders., Das Grundprinzip in der Verteilungslehre. Arch. f. Sozialw., 42. Bd.

Schuster, Ernst, Untersuchungen zur Frage der Möglichkeit einer theoretischen National-
Ökonomie. Arch. f. Sozialw., 49. Bd.

Sidgwick, Henry, The Principles of Political Economy. London 1883.

Vogelstein, Th., Das Ertragsgesetz der Industrie. Arch. f. Sozialw., 34. Bd.

v. Wieser, Fr., Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft, G. d. S., I. Abtlg. Tübingen 1914.
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        FEAT WO us bad FE S CHR EN DM SEN FA

Di irtschaftliche Dimension

ie Wirtschaftliche D
Eine Abrechnung mit der sterbenden Wertlehre
Dr. Friedrich v. Gottl-Ottlilienfeld
0. Prof, der theoretischen Nationalökonomie an der Hamburgischen Universität
XI, 288 5. gr. 89 1923 Rmk 8. —

Inhalt: Einleitung. — 1. Anlauf der Kritik, 2. Vom Tatbestand der Wirtschaft-
lichen Dimension. 3. Vom Werden der Wirtschaftlichen Dimension. 4. Vom Sinn der Wirt-
schaftlichen Dimension. 5. Von den vier Gleichungen des Tausches. 6. Ausklang der Kritik.

Diese Studie schließt sich in logischer Fortentwicklung eng an die früheren Schriften
des Verfassers: „Der Wertgedanke*‘“ (1897) und „Die Herrschaft des Wortes“ (1901) an.
Sie übt Kritik an der Wertlehre und setzt sich kritisch mit der hergebrachten Art, national-
ökonomische Theorie zu treiben, auseinander, Positiv sucht der Verf. die ganze Proble-
matik der bisherigen Wert- und Preislehre auf festere Füße zu stellen, im Sinne einer
„Theorie der Wirtschaftlichen Dimension“.

Der Arbeitgeber. 1926, Nr. 6: Annähernd ein Menschenalter hindurch hat
der Verfasser, durchdrungen von der Unhaltbarkeit der herrschenden nationalökonomischen
Theorien und Theoreme, in seinen Publikationen so gut wie ausschließlich die Kritik in
das Zentrum seiner Arbeit gestellt. Seine „Wirtschaftliche Dimension“ ist nun der Höhe-
punkt solchen Kritizismus,- sie ist es zugleich innerhalb der deutschen Nationalökonomie
überhaupt. Sie ist sozusagen das Analogon zur Vernunftkritik Kants auf dem Boden der
Wirtschaftslehre. Damit wird zugleich der positiv schöpferische Charakter dieser Kritik
ausgesagt, der himmelweit entfernt ist von bloßer Anhäufung von Negationen oder gar von
„„wissenschaftlichem Anarchismus‘‘, wie dies ‚auch schon behauptet worden ist, Wie von
selbst schaut der Leser am Schluß dieser „Abrechnung“ auf das angekündigte „Kommende

Buch‘, das den Titel tragen soll: „Ewige Wirtschaft“, dessen wesentlichen Inhalt er sich
bereits in deutlichen Umrissen vergegenwärtigen kann,

Das Streben von der Gebundenheit am Wort und Knechtschaft durch das Wort
loszukommen ist hier die innerste Tendenz alles Kritizismus, es ist zugleich das Streben
nach sachlicher erfahrungsgemäßer Erfassung der Probleme, die uns in unserem Wirtschafts-
Jeben begegnen. Die „Freiheit vom Wort“ wird zur Freiheit von jeglicher Vorein-
genommenheit, jeglicher Parteieinstellung, ‚dazu „Weltanschauung“ u. dgl. Das „Wort“
erwies sich bislang immer als „der Feind des Denkens“, als der gehorsame Diener des
politischen Willens. Aber „dem Leben gegenüber muß sich die Wissenschaft als das
große geistige Arsenal bewähren, dem der Kampf der Gesinnungen ehrliche Waffen zu
entnehmen vermag, der Richter richtige Maßstäbe, der Führer klaren Überblick und vollen
Aufschluß, der schöpferisch Gestaltende aber Vorbild und Richtschnur“. Wissenschaft
steht zu hoch, um bloß das Megaphon für Gesinnungen zu spielen.‘‘ Lieber gar keine
Wissenschaft, als eine im Nebel der Worte dahintastende oder gar eine, ‚die wie unsere
moderne, positivistische schon selber nicht mehr an mögliche „, Wahrheit“ glaubt, die jegliche
Forschung von vornherein anzweifelt. „Nichts kann erschütternder sein, als diese völlige
Erschütterung alles Glaubens an unerschütterliche Erkenntnis.“

—_- A — — nn —— —— m ———

Alles in allem — ein Buch, das berufen ist, die deutsche Nationalökonomie, die
im Zeichen der „sterbenden Wertlehre“ steht und nirgends einen positiven Ansatz zum
theoretischen Neuaufbau bekundet, nicht nur endgültig von dem Wahnwort des „Wertes“
zu befreien, sondern sie auch wahrhaft aufzurichten, einmal als reine ENSCHEDE SO
dann als nraktische Wegweiserin für die „Wirtschaft als Leben“. Prof, Dr. Dunkmann.

Von
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        KRETA GULS EA VG LEN AS CME FE ME SEN
°
Wirtschaft als Leben
Eine Sammlung erkenntniskritischer Arbeiten
Dr. Friedrich v. Gottl-Ottlilienfeld
©. Prof. der theoretischen Nationalökonomie an der Universität Kiel,
XXXII, 763 8. gr. 8° 1925 Rmk 30.—, geb. 32.50

Inhalt: Begleitwort (26 Seiten). — I. Der Wertgedanke, ein verhülltes
Dogma der Nationalökonomie. Kritische Studien zur Selbstbesinnung des
Forschens im Bereiche der sogenannten Wertlehre (1897). — II. Die Herrschaft des
Wortes, Untersuchungen zur Kritik des nationalökonomischen Denkens (1901). I. Über
die „Grundbegriffe*‘ in der Nationalökonomie. 2, Haushalten und Unternehmen als Formeln
zur Erkenntnis des Alltäglichen. 3. Ausblicke. — Ill. Die Grenzen der Ge-
schichte (1903). — IV. Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung,
1. Umrisse einer Theorie des Individuellen (1906). 2. Der Stoff der Sozialwissenschaft
(1907). 3. Geschichte und Sozialwissenschaft (1909). — V. Freiheit vom Worte.
Über das Verhältnis einer Allwirtschaftslehre zur Soziologie (1923). — VI. Die Wirt-
schaftliche Dimension. Eine Abrechnung mit der sterbenden Wertlehre (1923).
(Hieraus bloß Einleitung und Inhaltsübersicht). — VIL. Vom Wirtschaftsleben
und seiner Theorie (1924). — Sachregister. |

Ihrem Erscheinen nach streuen die hier gesammelten Arbeiten nahezu über drei
Jahrzehnte. Trotzdem greift alles zu einer geschlossenen Einheit ineinander. Überall
folgt der Gedankengang der Losung, die gleich die Erstlingsarbeit in ihrem Titel aus-
gesprochen hat: Selbstbesinnung! Daraus leitet der Verfasser das Recht ab, diese
Arbeiten als „erkenntniskritische‘“ zu bezeichnen. Auf welchem Gebiete hier dem Denken
im Dienst der Erkenntnis zugemutet wird, besinnliche Einkehr zu pflegen, verrät der
Titel der ganzen‘ Sammlung, indem er ein Ergebnis der errungenen Selbstbesonnenheit
im Schlagwort vorwegnimmt: Wirtschaft als Leben! In dieser Wendung zeichnet
sich die Art, wie unsere Wissenschaft ihren Gegenstand auffassen muß, will sie treu zu
ihrer wahren Eigenart stehen.

Wirtschaftsdienst (Hamburg). 1926, Heft 5: Wenn es eine deutsche Haupt-
eigenschaft ist, jedem Tun seine theoretische Begründung vorauszuschicken und lieber noch
bei der Prüfung des. Fundaments der Fundamente zu verweilen, wo andere Nationen,
weniger skrupelhaft und stärker beflügelt, dem Bau ihrer Gedanken leicht in die Höhe zu
wachsen erlauben, so ist von Gottl-Ottlilienfeld der deutscheste Nationalökonom. Seit
mehr als einem Jahrzehnt erwarten die Leser seiner Jugendschriften, die hier einen neuen
Tag, ja den Tag strengen wirtschaftswissenschaftlichen Denkens selber aufdämmern sahen,
mit Spannung, mit Ungeduld, endlich fast mit Unwillen, das Erscheinen der entscheidenden
Werke — bisher vergebens. Vielleicht durch äußere Umstände, vielleicht durch innere
Bedingnisse bestimmt, vielleicht auch durch einen Zug sehr tief liegender geschichtlicher
Notwendigkeit, schien unser Autor siebenundzwanzig Jahre zu zögern, als sollte den schnell-
fertigen. Zeitgenossen ein Beispiel gegeben werden, wie wenig ein echter ‚Denker Eile haben
darf, den Forderungen der Umwelt, den Bedürfnissen des Markts zu entsprechen. Jetzt, da
der Bann gebrochen scheint (das ,,Weltwirtschaftliche Archiv“ beginnt den neuen Jahrgang
mit dem ersten Kapitel des kommenden Buches), vereinigt er in einem äußerlich und innerlich
gleich gewichtigen Bande sämtliche seiner früheren Arbeiten, die sich auf die erkenntnis-
theoretische Grundlegung der Nationalökonomie beziehen und die den Weg freilegen sollten
für die radikale Umwendung und Reinigung dieser Wissenschaft, die wir von ihm erwarten.
Es liegt in der Natur der Sache, daß diese Arbeiten für den Fachmann. bestimmt ‚sind,
Sie werden aber auch von allen denen gelesen werden müssen, die über Wert und Un-
wert, Aufgaben und Ziele, Ergebnisse und Methoden dieser jungen‘ Disziplin urteilen
wollen. Ob man ihnen Punkt für Punkt beipflichte, ob man ihre barock-bewegte Sprache
für den einzig möglichen Ausdruck dieser Gedanken halte oder nicht: sie sind es, die
heute das logische Niveau der Nationalökonomie bestimmen. Prof, Dr, Kurt Singer.

SS UONDRUGKERENANT KÄMPFER GENA:

Von
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        — 67. —
Um dies einzusehen, haben wir allerdings etwas nachzuholen
nn zu berichtigen. Schon oben bei Erörterung der Verteilungs-
der Nutzentheorie haben wir nämlich die Beobachtung
N cht, daß das eigentliche Nutzenprinzip, d. i. jene alleinige
| “ 'alität des subjektiven Wertes, im Falle beschränkter Kon-
0 nz der Produktionsfaktoren versagte, und zwar infolge der
a ng der Zurechnung. Schon dort behaupteten wir, daß trotz-
5 das Prinzip als solches nicht hinfällig geworden sei und be-
8, en zum Beweise eine allgemeinere Formulierung desselben
_ nne der relativen Seltenheit, bzw. wie wir in der Terminologie
® els auch sagen können: der Knappheit. Lassen wir also die
‘unktionen der tauschenden Subjekte beiseite, verzichten wir
Dr ‘de Form eines, wenn auch nur „methodologischen Individualis-
- ‚ so bleibt uns dennoch die Funktion Menge-Nachfrage, aus
ich das Prinzip der Knappheit ableitet und aus der im Er-
; dasselbe Bild des Zusammenhanges folgt, das wir schon
cr Nutzentheorie vorgefunden haben. Unterstellen wir freie
ırrenz, so haben wir die ungestörte Interdependenz aller
as System relevanten Größen — eine Interdependenz, die
Standpunkt der subjektiven Wertlehre so viel bedeutet wie
ırchgängige Wirksamkeit des Wertkalküls. Ist die Inter-
&gt; denz durch Konkurrenzhemmungen stellenweise unterbrochen,
N ders dort, wo der Zusammenhang der Produktionsmittel-
{5 “onsummärkte in Frage steht, so wird die Wertrechnung un-
&lt; ıbar 9).
© Wenn wir, wie gesagt, dennoch behaupteten, daß das Prinzip
| tzentheorie dadurch nicht berührt werde, so standen wir
i lort schon auf dem Boden einer Interpretation desselben,
® ’e substantiell-psychologische Form nicht für ein ihr wesent-
Ye, Merkmal hält, vielmehr allein die Funktion Menge-Nach-
ei a
wo ) Vgl. Schumpeter, „Edgeworth und die neue Wirtschaftstheorie‘‘, Weltw.
Sn 2. Bd., 2. Heft, 1925, besonders S. 195. Was Edgeworth beweist, „kommt
3 änaus, daß die ökonomische Theorie unter heutigen Verhältnissen die Preisfest-
. und Einkommensbildung in sehr vielen Fällen nicht mehr aus sich heraus zu
n vermag, und der Kausalzusammenhang, der in der Konkurrenzwirtschaft wirklich
&gt; naturgesetzlicher Stringenz war, sich mehr und mehr zu lockern und willkür-
;staltungen Raum zu bieten tendiert, deren Untersuchung neue Methoden und
; ;chtspunkte erfordert.‘*

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