Ut I. Das kurze Leben einer viel genannten Theorie. allem auch wird ihm der Glaube an einen mehr oder weniger der Individualitäten entbehrenden Urzustand aller Völker Gegenstand des Argwohns sein. Die echte Systematik aber wird diejenige sein, die sich das Rüstzeug und die Erfahrungen der Gesschichtswissenschaft angeeignet hat. Die vorstehenden Erörterungen habe ich „Das kurze Leben einer viel genannten Theorie“ überschrieben. Damit wollte ich die Vergänglichkeit so mancher vorzugsweise auf dem Wege der Vergleichung gewonnenen Theorien andeuten. Geradezu dramatisch haben sich uns anscheinend glänzender Aufstieg und rascher Fall jener Theorie dargestellt. Gewiß gibt es auch in anderen Verhältnissen oft kurzlebige Lehrsätße, einen schnellen Kreislauf der Ansichten. Aber es scheint mir, daß bei den Theorien, die hauptsächlich auf die Verwertung von Analogien gestützt sind, der Fall besonders jäh, der Gegensat zwischen dem Anspruch auf absolute Geltung und der Art der Begründung besonders grell zu sein pflegt. Nachtrag. Ich notiere hier noch einige Äußerungen, die sich sachlich und namentlich methodisch mit den obigen Darlegungen berühren. Vortrefflich ist die Schrift von Alex. A. Tschupro w, Die Feldgemeinschaft (1902); vgl. meine Besprechung in der Hist. Vierteljahrschrift 1904, S. 61 (daselbst weitere Literatur über die Zadruga usw.). Ganz in unserm Sinn: R. v. Pöhlmann, Gesch. des antiken Kommunismus und Sozialismus II, S. 445 ff.; derselbe, Aus Altertum und Gegenwart, 2. Aufl. S. 349; Pesch, Grundlegung der Nationalökonomie, 2.Aufl. S. 194 ff.; Ratzel, H. Z. 93, S. 39, Die Frage der vergleichenden Methode in der Rechts- und Wirtschaftsgeschichte wurde schon auf dem Nürnberger Historikertag (1898) erörtert. Ich machte damals bereits den Gesichtspunkt geltend, daß die Grundlage aller historischen Forschung die philologische Interpretationsei (Z. f. Kulturgesch. 1898, S.453). Gothein stellte folgende These auf: „Die vergleichende Methode in der Rechts- und Wirtschaftsgesschichte ist eine notwendige Ergänzung der quellentritischen Methode, führt aber zu Irrtümern, sobald man ihr allein oder vorwiegend vertraut.“ Z. f. Kulturgesch. 1898, S. 452. Vgl. auch Gothein, Jahrbücher f. Nationalökonomie 78, S. 8109 ff. Ungefähr in meinem Sinn sind die trefflichen Bemerkungen von Tröltsch über die vergleichende Methode in der H.Z. 116, S. 44 gehalten. 24