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        <title>Das Ende des Laissez-faire</title>
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            <surname>Keynes</surname>
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        DAS E \DF
DES
" AISSEZ-FAIR"
DUNCKER&amp;amp;SHUMBLOT MÜNCHEN
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        JOHN MAYNARD KEYNES
DAS ENDE
DES LAISSEZ-FAIRE
IDEEN ZUR VERBINDUNG VON PRIVAT-UND
 GEMEINWIRTSCHAFT
MÜNCHEN UND LEIPZIG
VERLAG VON DUNCKER &amp;amp; HUMBLOT
1 9 26
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        Alle Rechte vorbehalten
„9
Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel &amp;amp; Co., Altenburg, Thür,
        <pb n="4" />
        Dieser Schrift liegt eine Vorlesung
des Verfassers an der Universität
Berlin am 23. Juni 1926 zugrunde
        <pb n="5" />
        DE Einstellung zu den öffentlichen Angelegenheiten,
 die wir gemeinhin unter den Bezeichnungen
 Individualismus und (aissez-faire zusammenfassen,
 wurzelt in verschiedenen Gedankengängen und
Gefühlsmomenten. Über hundert Jahre lang wurden
wir von unseren Philosophen regiert, die in diesem
einen Punkte wie durch ein Wunder fast sämtlich
einer Meinung waren oder wenigstens zu sein schienen.
Selbst heute tanzen wir noch nach der gleichen Melodie
 — aber ein Wechsel liegt in der Luft. Die
Stimmen, die einst am vernehmlichsten und am deutlichsten
 die politische Menschheit belehrt haben, hören
wir heute nur noch undeutlich. Die Orchesterklänge
und Chorgesänge verhallen, zum mindesten klingen
sie uns wie aus weiter Ferne.
Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts machte
das göttliche Recht der Fürsten den Menschenrechten
und dem Gesellschaftsvertrag Platz, und das göttliche
Recht der Kirche wich dem Prinzip der Toleranz
und der Auffassung, daß die Kirche eine „freiwillige
Vereinigung von Menschen“‘“1) sei, die in „absolut
freier und spontaner Weise“ entsteht. Fünfzig Jahre
später wurde der göttliche Ursprung und die uneingeschränkte
 Herrschaft der Pflicht von Nützlichkeitserwägungen
 verdrängt. Locke und Hume gründeten
auf diese Lehre den Individualismus. Der Gesellschaftsvertrag
 gewährte dem Individuum bestimmte
1) Locke, “A Letter concerning Toleration”.
        <pb n="6" />
        Rechte, und die neue Moral — im Grunde genommen
nur die wissenschaftliche Konsequenz des rationalisierten
 Egoismus — stellte das Individuum in den
Mittelpunkt. „Die einzige Verantwortung, die uns die
Tugend auferlegt,‘ sagt Hume, „ist richtige Berechnung
 und das stete Streben nach dem größten Maß
von Glück‘“2). Diese Ideen stimmten mit den praktischen
 Vorstellungen der Konservativen und Juristen
gut zusammen. Sie waren eine gute Begründung für
die Eigentumsrechte und für das freie Verfügungsrecht
 des besitzenden Individuums über seine Person
und sein Eigentum. Sie gehörten mit zu den Bestandteilen,
 die das achtzehnte Jahrhundert für die geistige
Atmosphäre lieferte, in der wir noch heute leben,
Die eigentliche Absicht, aus der heraus man das Individuum
 so in den Vordergrund gestellt hatte, war die
Entthronung von Monarchie und Kirche; die Wirkung
war — infolge der neuen moralischen Bedeutung,
die man dem Gesellschaftsvertrag beilegte — eine
Festigung des Eigentums und der gesetzlichen Vorschriften.
 Es dauerte jedoch nicht lange, bis die Gesellschaft
 von neuem ihre Ansprüche gegen das Individuum
 geltend machte. Paley und Bentham übernahmen
 den utilitaristischen Hedonismus?) von Hume
2) “An Enquiry concerning the Principles of Morals”,
Kap. 1X.
3) „Ich übergehe‘‘, sagt Archdeacon Paley, „viele der üblichen
Tiraden über die Würde und Fähigkeiten unserer natürlichen
Anlagen, über die Überlegenheit der Seele über den Körper und
unserer geistigen über unsere animalische Natur; über den Wert,
die Feinheit und die Zartheit mancher Befriedigungen im Gegensatz
 zur Niedrigkeit, Roheit und Sinnlichkeit anderer: weil ich
überzeugt bin, daß alle Freuden sich in nichts voneinander unterscheiden
 als in Dauer und Intensität.‘‘ “Principles of Moral and
Political Philosophy”, Bd. I, Kap. 6.
a

3
        <pb n="7" />
        und seinen Vorgängern, erweiterten ihn aber Zzupeiner he
sozialen Nützlichkeitslehre. Rousseau übernahm den ;
Gesellschaftsvertrag von Locke und entwi Elite aus
ihm die Lehre vom Gesamtwillen. Der © Oben de
zog sich überall dank des Nachdrucks, den man neuerdings
 auf die Gleichheit aller Menschen legte. „Locke
suchte in seinem Gesellschaftsvertrag die Lehre von
der natürlichen Gleichheit aller Menschen im Interesse
 der allgemeinen Sicherheit einzuschränken, insofern
 sie sich auch auf die Gleichheit des Besitzes
oder gar der Vorrechte erstreckte. Bei Rousseau ist
die Gleichheit nicht bloß der Ausgangspunkt, sondern
zugleich auch das Ziel selbst 4).“
Paley und Bentham kamen zum gleichen Ergebnis,
aber auf verschiedenen Wegen. Paley brauchte einen
deus ex machina, um nicht rein egoistisch die angenehmen
 Schlußfolgerungen aus seinem Hedonismus
abzuleiten. Er meint: „Tugend heißt der Menschheit
Gutes tun, nach Gottes Gebot und um der ewigen
Glückseligkeit willen“ — und stellt auf diese Weise
die Parität zwischen dem /ch und den Anderen wieder
her. Bentham wurde durch die reine Vernunft zum
gleichen Ergebnis geführt. Es bestehe kein rationaler
Grund, so argumentierte er, das Glück eines Individuums,
 selbst das eigene Glück, der Glückseligkeit
eines anderen Individuums vorzuziehen. Infolgedessen
ist das größte Glück der größten Zahl das einzige
vernunftgemäße Ziel unseres Verhaltens — wobei er
die Nützlichkeitslehre von Hume übernimmt, aber die
zynische Randbemerkung dieses weisen Mannes vergißt:
 „Es ist durchaus nicht wider die Vernunft, wenn
4) Leslie Stephen, “English Thought in 18th Century”, Bd. II,
S. 192.
        <pb n="8" />
        ich lieber die ganze Welt untergehen sehe, als daß
mir ein Haar gekrümmt werde. Es ist auch nicht wider
die Vernunft, wenn ich es vorziehe, mich völlig zugrunde
 zu richten, um einem Indianer oder einer mir
völlig fremden Person die kleinste Unbequemlichkeit
zu ersparen... Vernunft ist und soll nichts anderes
sem als die Sklavin der Leidenschaften, sie kann daher
 kein anderes Amt beanspruchen, als ihnen zu
dienen und zu gehorchen.‘“
Rousseau leitete die Gleichheit vom Naturzustand
ab, Paley vom Willen Gottes und Bentham von einem
mathematischen Gesetz der Gleichwertigkeit. Auf
diese Weise kamen die Begriffe Gleichheit und Altruismus
 in die Staatsphilosophie hinein, und von
Rousseau und Bentham zusammen stammen Demokratie
 und utilitaristischer Sozialismus her.
Dies ist der zweite Gedankengang — entsprungen
aus veralteten Kontroversen und fortgeführt durch
längst aufgeflogene Sophismen —, der heute noch
immer unsere Gedankenwelt durchzieht. Aber den
früheren Gedankengang hat er nicht verdrängt: er hat
sich mit ihm vereinigt. Der Beginn des neunzehnten
Jahrhunderts vollbrachte diese wundersame Einigung.
Sie brachte den konservativen Individualismus von
Locke, Hume, Johnson und Burke in Einklang mit
dem Sozialismus und der demokratischen Gleichheitslehre
 von Rousseau, Paley, Bentham und Godwin®).

5) Godwin ging im laissez-faire so weit, daß er jede Regierung
für ein Übel hielt, worin ihm Bentham weitgehend zustimmte.
Die Lehre von der Gleichheit aller Menschen wird bei ihm zu
einem extremen Individualismus, der an Anarchie grenzt. „Die
uneingeschränkte Freiheit des individuellen Urteils‘, sagt er,

A
        <pb n="9" />
        Nichtsdestoweniger wäre jener Zeit die Harmonisierung
 dieser Gegensätze nicht gelungen, wären nicht
die Nationalökonomen im richtigen Moment auf der
Bildfläche erschienen. Die Idee einer göttlichen prästabilierten
 Harmonie zwischen privatem Vorteil und
allgemeinem Wohl erscheint schon bei Paley, aber
erst die Ökonomen haben ihr eine feste wissenschaftliche
 Grundlage gegeben. Man nehme bloß an, daß
infolge der Wirkung der Naturgesetze die Individuen,
die völlig frei und aufgeklärt ihren persönlichen Interessen
 nachgehen, gleichzeitig auch das Allgemeinwohl
fördern! Unsere philosophischen Schwierigkeiten sind
damit gelöst — wenigstens für den Mann der Praxis,
der seine Arbeit nunmehr darauf konzentrieren kann,
die nötigen Bedingungen der Freiheit zu schaffen. Zu
der philosophischen Lehre, daß der Staat kein Recht
zur Einmischung habe, und zu dem göttlichen Wunder,
daß er es gar nicht nötig habe, sich einzumischen, gesellt
 sich nun der wissenschaftliche Nachweis, daß
seine Einmischung gar nichts nutzt. Das ist der dritte
Gedankengang, den wir noch bei Adam Smith entdecken
 können. Adam Smith war grundsätzlich bereit,
 zuzugeben, daß sich das Allgemeinwohl auf das
„natürliche Streben jedes Individuums, seine eigenen
Lebensverhältnisse zu verbessern“, gründe; aber erst
zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hat sich
diese Theorie voll und bewußt entwickelt. Dem Prinzip
 des laissez-faire war es gelungen, Individualismus
und Sozialismus miteinander zu versöhnen und Humes
„ist ein so unsagbar köstliches Gut, daß ein wirklicher Staatsmann
 eine unüberwindliche Abneigung dagegen empfinden wird,
dieses Gut anzutasten.‘‘ Siehe Leslie Stephen, op. cit. Bd. II,
Su 277.
y

£
x
w
        <pb n="10" />
        Egoismus mit dem größten Glück der größtmöglichen
Anzahl zu vereinen. Der Staatsphilosoph konnte nunmehr
 dem Geschäftsmann das Feld räumen — denn
dieser vermochte das Summum Bonum des Philosophen
 zu erreichen, wenn er lediglich seinen eigenen
Vorteil verfolgte.
Es fehlten aber noch einige Ingredienzien zur
Fertigstellung des Puddings. In erster Linie die Korruption
 und Unfähigkeit der Regierungen des achtzehnten
 Jahrhunderts, die dem neunzehnten Jahrhundert
 noch manche Erbschaft hinterlassen haben.
Der Individualismus der Staatsphilosophen wies in die
Richtung des Zaissez-faire. Die göttliche oder wissenschaftliche
 Harmonie (je nachdem) zwischen Privatinteresse
 und Allgemeinwohl wies ebenfalls in die
Richtung des (aissez-faire. Vor allem aber hat die Unfähigkeit
 der Staatsbeamten den Mann der Praxis sehr
stark zugunsten des (aissez-{aire beeinflußt — ein Gefühl,
 das auch heute noch keineswegs überwunden ist.
Fast alles, was der Staat im achtzehnten Jahrhundert
über seine Mindestobliegenheiten hinaus unternommen
 hat, war oder schien entweder schädlich oder erfolglos.

Hingegen war der materielle Aufschwung der Zeit
von 1750 bis 1850 lediglich individueller Initiative zu
verdanken und’fast gar nicht dem lenkenden Einfluß
der organisierten Gesellschaft. Die aprioristische Beweisführung
 wurde auf diese Weise durch die praktische
 Erfahrung noch verstärkt. Die Philosophen und
die Ökonomen erzählten, daß aus den verschiedensten
tiefliegenden Gründen das unbehinderte Privatunternehmen
 dem Allgemeinwohl am zuträglichsten sei.
Was konnte dem Geschäftsmann besser in den Kram
417)

AV.
        <pb n="11" />
        passen? Konnte ein praktischer Beobachter, der die
fortschrittlichen Segnungen seines Zeitalters vor
Augen sah, leugnen, daß sie auf die Tätigkeit der
„unternehmenden“ Individuen zurückzuführen seien?
Die Lehre, derzufolge den staatlichen Einmischungen
aus göttlichen, natürlichen oder wissenschaftlichen
Gründen möglichst enge Grenzen gezogen und das
Wirtschaftsleben so ungehindert wie möglich der
Tüchtigkeit und dem gesunden Menschenverstand der
einzelnen Bürger überlassen bleiben solle, die von dem
bewundernswerten Motiv, in der Welt voranzukommen,
 geleitet werden, fiel also auf fruchtbaren
Boden.
Um die Zeit, als der Einfluß Paleys und seiner Gesinnungsgenossen
 im Abklingen begriffen war, begannen
 Darwins neue Lehren an den Grundfesten des
Glaubens zu rütteln. Hat es größere Gegensätze gegeben,
 als die alte und die neue Lehre — die Lehre, die
die Welt als das Werk eines göttlichen Uhrmachers
betrachtete, und die andere Lehre, welche alle Dinge
auf Zufall, Chaos und Wirkung der Zeit zurückführte ?
Aber in diesem einen Punkt stützten die neuen Ideen die
alten. Die Ökonomen lehrten, Reichtum, Handel und
Maschinen seien die Folgen des freien Wettbewerbs
— die freie Konkurrenz habe London geschaffen. Die
Darwinisten aber gingen noch einen Schritt weiter —
die freie Konkurrenz hatte den Menschen geschaffen.
Das menschliche Auge erschien nicht mehr als Symbol
 einer göttlichen Vorsehung, die auf wunderbare
Weise alle Dinge zum besten lenkt, sondern als die
vollendetste Schöpfung des Zufalls, der unter den Bedingungen
 des freien Wettbewerbs und des [nissezfaire
 arbeitete. Man konnte das Prinzip vom Über-11
        <pb n="12" />
        leben des Tüchtigsten als die weiteste Verallgemeinerung
 der Ricardoschen Wirtschaftslehre auffassen.
Sozialistische Einmischungen erschienen im Lichte
dieser grandiosen Synthese nicht bloß als unnütz,
sondern sogar als gotteslästerlich, weil sie angeblich
den Fortschritt jenes mächtigen Geschehens verzögerte,
 das uns gleich Aphroditen dem Urschleim
des Meeres entsteigen ließ.
Ich führe daher die merkwürdige Einheitlichkeit
der politischen Alltagsphilosophie des neunzehnten
Jahrhunderts auf den Erfolg zurück, mit dem sie die
verschiedenen einander bekämpfenden Lehren in Übereinstimmung
 brachte und alles Gute in einem Ziel vereinte.
 Hume und Paley, Burke und Rousseau, Godwin
 und Malthus, Cobbett und Huskisson, Bentham
und Coleridge, Darwin und der Bischof von Oxford —
sie alle, so entdeckte man plötzlich, predigten im
Grunde genommen dasselbe: Individualismus und
Inissez-faire. Dies war die Kirche Englands und jene
ihre Apostel; und die ganze Sippschaft der Ökonomisten
 war einzig und allein dazu da, um zu beweisen,
daß die kleinste Abweichung vom Wege der Frömmigkeit
 finanziellen Ruin zur Folge haben müsse.
Diese Gründe und diese ganze Atmosphäre erklären
hinlänglich, warum wir bewußt oder unbewußt — und
die meisten von uns sind sich in unserer degenerierten
Zeit aller dieser Dinge kaum bewußt — eine so starke
Neigung zum (aissez-faire empfinden, und warum jede
staatliche Einmischung in die Regelung der Währungsfragen
 oder der Kapitalanlagen in vielen stolzen
Männerbrüsten auf so leidenschaftliches Mißtrauen
stößt. Wir haben diese Autoren nicht gelesen — wahrscheinlich
 würden wir ihre Beweisführung albern
19

Ga
        <pb n="13" />
        finden, wenn uns ihre Bücher zufällig in die Hände
fielen. Und trotzdem glaube ich nicht, daß wir heute
so dächten, wie wir es tatsächlich tun, wenn Hobbes,
Locke, Hume, Rousseau, Paley, Adam Smith, Bentham
 und Miß Martineau nie gedacht und geschrieben
hätten. Man muß die Geschichte der Meinungen studieren,
 ehe man den eigenen Geist befreien kann. Ich
weiß nicht, was mehr konservativ macht — wenn man
nichts kennt außer der Gegenwart oder nichts außer
der Vergangenheit.
13
        <pb n="14" />
        IL
Ich sagte, daß es die Nationalökonomen waren, die
den Praktikern den wissenschaftlichen Vorwand geliefert
 haben, mit’ dessen Hilfe diese den Widerspruch
zwischen Egoismus und Sozialismus lösen konnten,
der sich aus den Philosophien des achtzehnten Jahrhunderts
 und dem Verfall der Offenbarungsreligionen
ergeben hatte. Der Kürze zuliebe habe ich mich so
ausgedrückt, möchte diese Behauptung aber gleich
näher erläutern. Man hat angenommen, daß die
Ökonomen jene Dinge gesagt hätten. In Wirklichkeit
 finden wir nichts dergleichen in den Schriften der
großen Autoritäten; vielmehr stammen diese Aussprüche
 nur von den Popularisatoren und Verbreitern
jener Lehren her. Die Utilitaristen, die gleichzeitig
Humes Egoismus und Benthams Gleichheit anerkannten,
 mußten daran glauben, wenn sie überhaupt
eine Synthese zustande bringen wollten‘). Die Ausdrucksweise
 der Ökonomen gab sich sehr gut zur
Begründung des /gissez-faire her. Aber die Popularität
 der Lehre ist mehr auf die Staatsphilosophen
jener Zeit zurückzuführen, denen sie zufällig in den
Kram paßte, als auf die Nationalökonomen.
©) Man kann die Ansicht Coleridges gutheißen, wie sie von
Leslie Stephen wiedergegeben wird, nämlich daß „die Utilitaristen
 jedes Zusammengehörigkeitsgefühl zerstört, die Gesellschaft
 zu einem Tummelplatz egoistischer Interessen gemacht,
und gegen alle Ordnung, Patriotismus, Poesie und Religion
gesündigt hätten‘‘;
14
        <pb n="15" />
        Der Grundsatz laissez-nous faire wird gewöhnlich
dem Kaufmann Legendre zugeschrieben, der ihn einst
gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts gegenüber
Colbert geäußert haben soll’). Aber der erste Schriftsteller,
 der ihn benutzt hat, und zwar in deutlicher Verbindung
 mit der Lehre selbst benutzt hat, war zweifellos
der Marquis d’Argenson um das Jahr 1751 herum®).
Der Marquis suchte als Erster leidenschaftlich die wirtschaftlichen
 Vorteile aufzuzeigen, die dem Staate erwachsen,
 wenn er den Handel sich selbst überläßt.
Um besser zu regieren, sagte er, müsse man weniger
regieren®). Die wirkliche Ursache des Niedergangs
unserer Industrie, behauptete er, sei der übertriebene
Schutz, den wir ihr angedeihen ließen 19). «Laissez faire,
telle devrait Etre la devise de toute puissance publique,
depuis que le monde est civilise.» «Detestable principe
que celui de ne vouloir notre grandeur que par l’abaissement
 de nos voisins! Il n’y a que la mechancete
et la malignit&amp;amp; du cceur de satisfaites dans ce principe,
 et l’interet y est oppose. Laissez faire, morbleu!
Laissez faire!!»
7) “Que faut-il faire pour vous aider?” fragte Colbert. “Nous
laisser faire”, antwortete Legendre.
8) Über die Geschichte dieser Redensart siehe Oncken „Die
Maxime des laissez-faire et laissez passer‘‘, dem die meisten
folgenden Zitate entnommen sind. Die Forderungen des Marquis
d’Argenson verhallten ungehört, bis Oncken sie aufgegriffen
hatte, teils weil die bei seinen Lebzeiten veröffentlichten wichtigeren
 Abschnitte nur anonym erschienen waren (Journal
Oeconomique, 1751), teils weil seine Werke bis zum Jahre
1858 nicht vollständig gedruckt waren (wenngleich sie bei seinen
Lebzeiten vermutlich privatim von Hand zu Hand gegangen
sind); vgl. Me&amp;amp;moires et Journal in&amp;amp;dit du Marquis d’ Argenson,
9) “Pour gouverner mieux, il faudrait gouverner moins.”
10) “On ne peut dire autant de nos fabriques: la vraie cause
de leur declin, c’est la protection outree qu’on leur accorde.,”
15
        <pb n="16" />
        In diesen Sätzen finden wir also die wirtschaftliche
Lehre des (aissez-faire mit ihrer glühendsten Verkörperung
 im Freihandel bereits voll ausgeprägt. Der
Ausdruck und die Idee müssen von jener Zeitan in Paris
sehr geläufig. gewesen sein. Es dauerte jedoch lange,
ehe sie sich in der Literatur eingebürgert hatten; und
die Tradition, die sie mit den Physiokraten, speziell
mit de Gournay und Quesnay, in Verbindung bringt,
findet in den Schriften jener Schule wenig Anhalt,
obzwar auch sie natürlich die Übereinstimmung der
allgemeinen und der individuellen Interessen verkündeten.
 Der Ausdruck /aissez-{aire findet sich weder
bei Adam Smith noch bei Ricardo oder Malthus.
Selbst die Idee an sich ist in dogmatischer Form bei
keinem dieser Schriftsteller vorhanden. Adam Smith
war natürlich Freihändler und Gegner vieler im achtzehnten
 Jahrhundert dem Handel auferlegten Beschränkungen.
 Aber seine Haltung gegenüber der
Navigationsakte und den Wuchergesetzen beweist,
daß er nicht dogmatisch war. Selbst die berühmte
Stelle über die „unsichtbare Hand“ spiegelt eher die
Philosophie wieder, die wir an Paleys Namen zu
knüpfen gewohnt sind, als das wirtschaftliche Dogma
des Iaissez-faire. Wie Sidgwick 1!) und Clijfe Leslie gezeigt
 haben, schrieb sich Adam Smiths Eintreten für
das „auf der Hand liegende und einfache System der
natürlichen Freiheit“ mehr von seiner optimistischen
und theistischen Weltanschauung her, wie sie in seiner
“Theory of Moral Sentiments’”” zum Ausdruck kommt,
2) H. Sidgwick, Principles of Political Economy, S. 20.
12) Geschrieben 1793, ein Kapitel veröffentlicht in der Biblioth&amp;amp;que
 Britannique 1798 und das ganze Werk zum erstenmal
 gedruckt in Bowrings Ausgabe seiner Werke 1843.
N

10
        <pb n="17" />
        als von irgendeiner rein wirtschaftlichen Theorie. Der
Ausdruck /aissez-faire kam in England meines Wissens
 in allgemeinen Gebrauch durch eine bekannte
Stelle in Dr. Franklins Werken. Erst in den späteren
Werken Benthams?!3) — der überhaupt kein Nationalökonom
 war — stoßen wir auf die Theorie des /aissezfaire
 in der Form, in der unsere Großväter sie gekannt
haben; bei ihm in den Dienst der utilitaristischen
Philosophie gestellt. In seinem “Manual of Political
Economy” schreibt er zum Beispiel: „Die allgemeine
Regel geht dahin, daß der Staat nichts unternehmen
oder zu unternehmen versuchen solle; das Motto oder
die Losung des Staates sollte in solchen Fällen heißen:
Bleibt ruhig... Diese Forderung von Landwirtschaft,
Handel und Industrie an den Staat ist ebenso bescheiden
 und verständig wie Diogenes’ Bitte an
Alexander: Geh mir aus der Sonne.“
Von dieser Zeit an haben der politische Feldzug
für den Freihandel, der Einfluß der sogenannten
Manchester-Schule und der Benthamschen Utilitaristen,
 die mannigfachen Aussprüche wirtschaftlicher
Autoritäten zweiten Ranges und die lehrhaften Erzählungen
 von Miß Martineau und Mrs. 'Marcet
das laissez-faire im täglichen Denken als die praktische
 Folge der orthodoxen Nationalökonomie verankert
 — nur mit dem großen Unterschied, daß dieselbe
 Schule inzwischen die Malthussche Bevölkerungstheorie
 angenommen hatte und das optimistische
Inissez-faire der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts
 dem pessimistischen (aissez-faire der ersten
13) Bentham benutzt den Ausdruck laissez-nous faire. Works,
S. 440.
2 Keynes, Das Ende des Laissez-Faire. 17
        <pb n="18" />
        Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gewichen
war 14),
In Mrs. Marcets ‘‘Conversations on Political Economy“
 (1817) beharrt Caroline so lange wie möglich
darauf, daß. die Ausgaben der Reichen kontrolliert
werden müßten. Aber auf Seite 418 muß sie die Segel
streichen:
Caroline: „Je mehr ich von diesen Dingen einsehe,
um so mehr werde ich davon überzeugt, daß die Interessen
 der Nationen und die Interessen der Individuen
einander nicht nur nicht zuwiderlaufen, sondern miteinander
 in vollkommenstem Einklang stehen.“
Mrs. B.: „Alle freien und großzügigen Ideen müssen
stets zu ähnlichen Schlußfolgerungen führen und uns
lehren, das Gefühl gegenseitigen Wohlwollens zu
pflegen; daher die Überlegenheit der Wissenschaft
über bloße praktische Kenntnisse.“
Bis zum Jahre 1850 ließen die “Easy Lessons for
the Use of Young People’ des Erzbischofs Whatley
(die von der Gesellschaft zur Förderung Christlichen
Wissens massenhaft verteilt wurden) nicht einmal jene
Zweifel zu, die Mrs. B. Carolinen gelegentlich auszusprechen
 gestattete. Das Büchlein schließt mit der
Behauptung „jede staatliche Einmischung in die
Geldangelegenheiten der Menschen, mag es sich um
Verleihen oder Borgen, um Kaufen oder Verkaufen
14) Vergl. Sidgwick (op. cit. S. 22): Selbst jene National-Ökonomen,
 die im wesentlichen Anhänger der Adam Smithschen
Begrenzung der staatlichen Einmischung waren, setzten diese
Begrenzungen eher widerwillig als triumphierend durch; nicht
weil sie die aus der „natürlichen Freiheit‘‘ entstandene gegenwärtige
 Ordnung bewundert hätten, sondern weil sie überzeugt
waren, daß sie jeder künstlichen Ordnung, die der Staat an ihre
Stelle setzen könnte, immer noch vorzuziehen sei.
412

X)
        <pb n="19" />
        jeder Art handeln, richtet höchst wahrscheinlich mehr
Schaden als Nutzen an“. Die wahre Freiheit besteht
darin, daß „jedermann frei über sein Eigentum, seine
Zeit, seine Kraft und seine Fähigkeiten verfügen kann,
und zwar auf die Art, die ihm richtig dünkt, vorausgesetzt,
 daß er seinen Nachbarn damit nicht schadet‘‘,
Kurzum, das Dogma hatte den Erziehungsapparat
erobert; es war zu einer Fibelweisheit geworden. Die
Staatsphilosophie, welche das siebzehnte und achtzehnte
 Jahrhundert geschmiedet hatte, um Könige und
Kirchenfürsten zu stürzen, hatte sich in Kindermilch
verwandelt und buchstäblich in die Kinderstuben Einzug
 gehalten...
Schließlich erreichen wir in den Werken Bastfiats
den am meisten extravaganten und den überschwenglichen
 Ausdruck der Religion der Nationalökonomen.
In seinen ‘“Harmonies Economiques’’ sagt er: „Ich
möchte die Harmonie der göttlichen Gesetze aufzeigen,
 die die menschliche Gesellschaft beherrschen.
Was diese Gesetze harmonisch macht statt disharmonisch,
 ist das Zusammenwirken aller Grundsätze, aller
Motive, aller Triebfedern und aller Interessen zu einem
großen Endziel. Dieses Ziel ist die unbeschränkte Annäherung
 aller Klassen an ein stets steigendes Niveau;
mit anderen Worten die Gleichstellung aller Individuen
 in einer allgemeinen Emporentwicklung.“
Und wo er; gleich anderen Priestern, sein Credo bekennt,
 so lautet es folgendermaßen: „Ich glaube, daß
Er, der die materielle Weltordnung schuf, auch der
sozialen Weltordnung seine Aufmerksamkeit nicht
vorenthalten hat. Ich glaube, daß Er die freien Kräfte
ebenso kombiniert und in harmonische Bewegung gesetzt
 hat, wie die leblosen Moleküle... Ich glaube,
4)

1%
        <pb n="20" />
        die unbezwingliche soziale Tendenz geht auf die. ständige
 Annäherung der Menschheit an eine gemeinsame
Moral hin, an ein geistiges und körperliches Niveau,
das sich unbegrenzt erhöht und steigert. Ich glaube,
zur allmählichen und friedlichen Entwicklung der
Menschheit ist nichts weiter nötig, als daß man diese
Tendenzen nicht durchkreuzt und ihre freie Bewegung
nicht stört.“
Von der Zeit John Stuart Mills an machte sich bei
allen Nationalökonomen von Bedeutung eine starke
Gegenströmung gegen alle diese Ideen geltend. „Es
gibt wohl keinen englischen Nationalökonomen von
Ruf,“ wie Professor Cannan sich ausdrückte, „der sich
an einem allgemeinen Angriff gegen das Prinzip des
Sozialismus beteiligen würde‘, obgleich, wie er gleich
hinzufügte, „fast jeder Nationalökonom, ob berühmt
oder nicht, immer bereit ist, gerade in den sozialistischen
 Vorschlägen Fehler zu entdecken‘“15), Nationalökonomen
 haben heute keine Beziehung mehr zu
den theologischen oder politischen Philosophien, aus
denen das Dogma der Gesellschaftsharmonie entstanden
 ist, und ihre wissenschaftlichen Forschungen
führen sie nicht mehr zu ähnlichen Schlußfolgerungen.
Cairnes war in seiner Antrittsvorlesung über ‘“Political
 Economy and Laissez-Faire’”, die er 1870 an
der Londoner Universität gehalten hat; vielleicht der
erste orthodoxe Nationalökonom, der einen Angriff
auf das (aissez-faire im allgemeinen unternahm.
„Der Grundsatz des (aissez-faire“, erklärte er, „hat
überhaupt keine wissenschaftliche Grundlage, sondern
15) “Theories of Production and Distribütion”, S. 494-20)
        <pb n="21" />
        ist bestenfalls eine handliche Gewohnheitsregel1®).“
Dieses ist seit fünfzig Jahren der Standpunkt sämtlicher
 führenden Nationalökonomen. Ein höchst wich“
tiger Teil der Arbeit Alfred Marshalls — um nur ein
Beispiel zu nennen — war der Aufzeigung der bedeutsamsten
 Fälle gewidmet, in denen Privatinteresse und
Gesellschaftsinteresse nicht konform gehen. Trotzdem
vermochte sich die vorsichtige und undogmatische
Einstellung der besten Nationalökonomen nicht gegen
die allgemeine Meinung durchzusetzen, daß sie eigentlich
 das individualistische /aissez-faire zu lehren hätten
und de facto auch wirklich lehren.
Die Nationalökonomen wählten sich, wie auch
andere Wissenschaftler, die Hypothese, von der sie
ausgehen, und die sie dem Anfänger darbieten, weil
sie die einfachste ist, nicht weil sie den Tatsachen am
nächsten kommt. Teils aus diesem Grunde, teils auch,
wie ich zugebe, weil sie durch Tradition beeinflußt
sind, begannen sie mit der Annahme eines Zustandes,
bei dem die ideale Verteilung der Produktionsgüter
16) In der gleichen Vorlesung gab Cairnes die „herrschende
Ansicht‘ in folgenden Sätzen sehr richtig wieder: „Die herrschende
 Ansicht geht dahin, die Nationalökonomie habe nachgewiesen,
 daß Reichtum am schnellsten angesammelt und am
gerechtesten verteilt wird, das heißt, daß das Allgemeinwohl
der Menschheit am besten gefördert wird, wenn man die Menschen
 einfach sich selbst überläßt; wenn man also die Menschen
 dem Trieb ihres Egoismus folgen läßt, ohne sie durch
Staat oder öffentliche Meinung zu beschränken, so lange sie sich
der Gewalt und des Betruges enthalten. Das ist die Lehre, die
weit und breit als Zaissez-faire bekannt ist; und folglich wird die
Nationalökonomie, meiner Meinung nach, gewöhnlich als eine
Art wissenschaftlicher Darstellung dieser Lehre angesehen — als
Rechtfertigung der individuellen Unternehmungs- und Vertragsfreiheit
 als der einzig möglichen und genügenden Lösung aller
wirtschaftlichen Probleme.‘*
mM

Zar
        <pb n="22" />
        durch die unabhängige individuelle Tätigkeit nach der
Methode von Versuch und Irrtum geschieht, wobei die
Individuen, die den richtigen Weg einschlagen, im
Wettbewerb über jene Individuen obsiegen, die den
falschen Weg genommen haben. Daraus folgt, daß es
keine Gnade und keinen Schutz für jene geben dürfe,
die ihr Kapital oder ihre Arbeitskraft in die falsche
Richtung steuern. Durch diese Methode kommen die
erfolgreichsten Profitmacher durch einen unbarmherzigen
 Kampf ums Dasein nach oben, einen Kampf,
der mit einer Auslese der Tüchtigsten durch den
Bankrott der minder Tüchtigen endet. Diese Methode
stellt die Kosten des Kampfes selbst nicht in Rechnung,
 sondern hat nur die Vorteile des Endresultates
im Auge, die man für dauernde hält. Ihr zufolge besteht
 das Lebensziel darin, die obersten Blätter von
den Zweigen abzugrasen, und der beste Weg, dieses
Ziel zu erreichen, ist der, wenn man zuläßt, daß die
Giraffen mit den längsten Hälsen die Giraffen mit
kürzeren Hälsen aushungern.
Entsprechend dieser Methode, eine ideale Verteilungsart
 der Produktionsmittel für die verschiedenen
 Zwecke zu erreichen, gibt es eine ähnliche
Voraussetzung über die Art, wie sich eine ideale Verteilung
 der Verbrauchsgüter bewerkstelligen läßt.
Erstens wird jedes Individuum mittels der Methode
von Versuch und Irrtum nach dem Prinzip des
„Grenzwertes“ finden, welche Verbrauchsgüter es
selbst am meisten begehrt; auf diese Weise wird jeder
Konsument nicht nur seinen eigenen Verbrauch am
vorteilhaftesten ordnen, sondern jedes Verbrauchsgut
wird auch den Weg zu dem Verbraucher finden, der
es im Vergleich zu den übrigen am stärksten begehrt,
9
        <pb n="23" />
        weil der betreffende Konsument die anderen überbieten
 wird. Wenn wir also die Giraffen sich selbst
überlassen, so wird 1. die größte Zahl von Blättern
geerntet werden, weil die Giraffen mit den längsten
Hälsen dadurch, daß sie die anderen aushungern,
näher an die Bäume herankommen; 2. jede Giraffe
wird sich an die Blätter heranmachen, die sie in ihrer
Reichweite am schmackhaftesten findet; 3. werden die
Giraffen, bei denen die Nachfrage nach einem bestimmten
 Blatt am größten ist, ihre Hälse auch am
meisten danach ausrecken. Auf diese Weise werden
mehr und saftigere Blätter verschluckt werden, und
jedes einzelne Blatt wird in den Hals wandern, der
sich seinetwillen am meisten angestrengt hat.
Diese Annahme von Verhältnissen, unter denen die
ungehinderte natürliche Auslese einen Fortschritt erzeugt,
 ist nur eine der beiden provisorischen Voraussetzungen,
 die, als buchstäbliche Wahrheit aufgefaßt,
zu den beiden Stützen des (aissez-faire geworden
sind. Die zweite Voraussetzung ist die Wirksamkeit,
und sogar die Notwendigkeit, der Freigabe unbeschränkter
 Möglichkeiten privaten Geldverdienens
als Reizmittel zu höchster Anstrengung. Unter dem
System des laissez-faire wächst der Profit des Individuums,
 das sich durch Tüchtigkeit oder Glück mit
seinen Produktionsmitteln zur richtigen Zeit an der
richtigen Stelle einfindet. Ein System, das dem geschickten
 oder glücklichen Individuum gestattet, die
ganzen Früchte dieser Konjunktur einzuheimsen,
bietet ganz offenbar einen ungeheuren Anreiz zur Ausübung
 der Kunst, zur richtigen Zeit an der richtigen
Stelle zu sein. Auf diese Weise wird einer der mäch-”
tigsten menschlichen Triebe, die Liebe zum Gelde, |
nr
        <pb n="24" />
        zu einer Verteilung der wirtschaftlichen Mittel angeschirrt,
 die auf eine möglichste Steigerung des
Volkswohlstandes abzielt.
Der Parallelismus zwischen dem wirtschaftlichen
Inissez-faire und dem Darwinismus, den ich schon kurz
gestreift habe, erscheint nun, wie Herbert Spencer als
Erster erkannte, als wirklich sehr eng. So wie Darwindie
sexuelle Liebe, die sich durch die sexuelle Zuchtwahl
auswirkt, als Hilfsmittel der Auslese im Kampf ums
Dasein in Anspruch nahm, um die Entwicklung in eine
Richtung zu leiten, die ebenso wünschenswert wie
zweckmäßig ist, so nimmt der Individualist die Liebe
zum Gelde, die sich im Streben nach Profitauswirkt, als
Hilfsmittel der natürlichen Auslese in Anspruch, um
die Produktion jener Güter, die nach ihrem Tauschwert
 gemessen am meisten begehrt sind, in größtmöglichem
 Maßstabe zu bewirken.
Die Schönheit und die Einfachheit dieser Theorie
sind so groß, daß man leicht vergißt, daß sie nicht den
wirklichen Tatsachen entspricht, sondern sich aus
einer der Einfachheit halber angenommenen unvollständigen
 Hypothese ableitet. Abgesehen von anderen
später zu erörternden Einwendungen, stützt sich die
Schlußfolgerung, daß der größte Reichtum durch die
ungehinderte, egoistische Tätigkeit der Individuen erzeugt
 werde, auf. viele unrichtige Voraussetzungen,
nämlich daß die Vorgänge von Produktion und Konsumtion
 nichts Organisches seien, daß eine genügende
Voraussicht der Verhältnisse und Bedürfnisse vorhanden
 sei, sowie die Möglichkeit, sich diese Voraussicht
 zu erwerben. Denn die Nationalökonomen sparen
sich meistens die entstehenden Komplikationen für
ein späteres Stadium ihrer Beweisführung auf. Solche
24
        <pb n="25" />
        Komplikationen entstehen: 1. wenn die Produktionseinheiten
 im Verhältnis zu den Konsumtionseinheiten
ziemlich groß sind, 2. wenn Generalunkosten oder
Nebenunkosten stark hineinspielen, 3. wenn die
inneren Wirtschaftsverhältnisse auf eine Steigerung
der Produktion hinwirken, 4. wenn die für Umstellungen
 erforderliche Zeitspanne sehr lang ist, 5. wenn
Unkenntnis vorherrscht, 6. wenn Monopole und
Trusts die Gleichheit beim freien Vertragsabschluß
aufheben; eine Erklärung dieser Tatsachen sparen
sich die Nationalökonomen, wie gesagt, für ein späteres
Stadium ihrer Argumentation auf. Überdies sind viele
von ihnen, auch wenn sie einsehen, daß die vereinfachte
 Hypothese den Tatsachen nicht genau entspricht,
 der Meinung, sie stelle jedenfalls den „natürlichen“
 und darum idealen Zustand dar. Sie betrachten
die vereinfachte Hypothese als das Gesunde und die
weiteren Komplikationen als Krankheitserscheinungen.

Außer dieser Tatsachenfrage gibt es noch andere
allgemein bekannte Erwägungen, welche ganz richtig
 auch die Kosten und die Art des Daseinskampfes
selbst in Rechnung stellen sowie die Tendenz zur
Verteilung des Reichtums an Stellen, an denen er
nicht am meisten geschätzt wird. Wenn uns das Wohl
der Giraffen am Herzen liegt, so dürfen wir die Leiden
derer mit kürzeren Hälsen, die ausgehungert werden,
nicht übersehen, noch die süßen Blätter, die zu Boden
fallen und während des Kampfes unter den Füßen
zertrampelt werden, noch die Überfütterung der langhalsigen,
 noch den bösen Blick oder die gierige Gefräßigkeit,
 die: sich in den milden Gesichtern der
Herde widerspiegelt. “
25
        <pb n="26" />
        Aber das Prinzip des (/aissez-faire hat noch andere
Verbündete außer den nationalökonomischen Lehrbüchern.
 Man muß zugeben, daß die Schwäche der
gegnerischen Theorien — des Protektionismus einerseits
 und des marxistischen Sozialismus andererseits —
das Prinzip des /aissez-faire bei gründlichen Denkern
und dem verständigen Publikum noch befestigt hat.
Diese Theorien sind beide nicht bloß oder hauptsächlich
 durch ihre Überschneidung der allgemeinen Voraussetzung
 des (aissez-faire charakterisiert, sondern
durch die logischen Trugschlüsse, die ihnen zugrunde
liegen. Beide sind ein Beispiel der Gedankenarmut,
der Unfähigkeit, einen Vorgang zu analysieren und
bis in seine letzten Konsequenzen zu verfolgen. Die
Argumente gegen diese Theorien werden durch das
Prinzip des /aissez-faire verstärkt, aber sie haben es
gar nicht besonders nötig. Von den beiden ist der
Schutzzoll wenigstens einleuchtend, so daß seine Popularität
 nicht weiter wunder nimmt. Aber der marxistische
 Sozialismus wird immer eine crux in der Geschichte
 der Lehrmeinungen bleiben — wie es möglich
sein konnte, daß eine so unlogische und langweilige
Lehre einen so mächtigen und dauernden Einfluß auf
den Geist der Menschen und durch ihn auf den Gang
der Geschichte auszuüben vermochte. Jedenfalls haben
die augenfälligen wissenschaftlichen Mängel beider
Theorien weitgehend zur Hebung des. Ansehens und
der. Autorität des /aissez-faire im neunzehnten Jahrhundert
 beigetragen.
Selbst die größte Abweichung vom individuellen
Zaissez-faire in der Richtung einer zentralen Zusammenfassung
 aller gesellschaftlichen Kräfte — der
letzte Weltkrieg — hat weder die Reformer ermutigt,
DE

A
        <pb n="27" />
        noch veraltete Vorurteile zerstreut. Freilich läßt sich
auf beiden Seiten viel dazu sagen. Die Kriegserfahrung
 bei der Organisation der sozialisierten Produktion
 hat bei vielen eingeweihten Beobachtern den optimistischen
 Wunsch erweckt, diese Organisation auch
im Frieden zu wiederholen.-Der Kriegssozialismus
wirkte unzweifelhaft gütererzeugend, und zwar in
einem viel größeren Maßstabe als wir es je im Frieden
gekannt haben; denn wenn damals die Güter und
Dienste auch nur für augenblickliche und unfruchtbare
Zerstörung bestimmt waren, so bedeuteten sie doch
nichtsdestoweniger Mehrschaffung von Werten. Trotzdem
 war die Vergeudung der Kräfte und die allgemeine
 Verschwendung ebenfalls enorm, gar nicht
davon zu reden, daß die Gleichgültigkeit gegen die
Kosten jeden sparsamen oder vorsorglichen Menschen
abschrekte.
Der Individualismus und das (aissez-faire hätten
sich schließlich trotz ihrer tiefen Verwurzelung in der
politischen und moralischen Philosophie des späten
achtzehnten und des frühen neunzehnten Jahrhunderts
doch nicht ihren dauernden Einfluß auf die Leitung; der
öffentlichen Angelegenheiten bewahren können, wenn
sie sich nicht mit den Bedürfnissen und Wünschen der
Geschäftswelt jener Tage gedeckt hätten. Sie ließen
unseren früheren Helden, den großen Geschäftsleuten,
den größten Spielraum. „Mindestens die Hälfte der
besten Begabungen der westlichen Welt“, pflegte Marshall
 zu sagen, „ist im Geschäftsleben tätig.“ Ein
großer Teil der „mit höherer Phantasie Begabten“
jenes Zeitalters stand im Dienste des „business“,
Auf die Tätigkeit dieser Männer konzentrierten sich
alle unsere Hoffnungen auf Fortschritt. „Diese Art
27
        <pb n="28" />
        Männer“, schrieb Marshall‘?), „leben in einer Welt
selbstgeschaffener, fortgesetzt wechselnder Visionen,
und erblicken immer neue Wege, auf denen sie das
gewünschte Ziel erreichen können; sie sehen die
Schwierigkeiten voraus, die ihnen die Natur auf jedem
einzelnen Wege entgegensetzen wird, und finden
gleichzeitig neue Mittel zu ihrer Überwindung. Diese
Phantasie findet bei dem Volke wenig Anerkennung,
weil es sich nicht für sie schwärmen läßt; ihre Stärke
wird durch einen noch stärkeren Willen gebändigt ; und
ihr höchster Ruhm liegt in der Erreichung großer Ziele
mit so einfachen Mitteln, daß man niemals erfährt
und selbst die Wissenden kaum ahnen, wie ein Dutzend
anderer Möglichkeiten, von denen jede dem flüchtigen
Beobachter ebenso glänzend dünkt wie die vorhergehende,
 zugunsten des einfachsten Mittels beiseite geschoben
 werden. Die Phantasie dieser Männer beschäftigt
 sich wiedieeines Schachmeisters mitder Voraussicht
der Schwierigkeiten, die dem erfolgreichen Ausgang
seiner weitreichenden Pläne entgegengesetzt werden
könnten, und der darum fortwährend glänzende Vorschläge
 ablehnt, weil er schon selbst die Gegenzüge voraussieht.
 Seine Nervenstärke steht im größten Gegensatz
 zu der nervösen Unverantwortlichkeit von Leuten,
die übereilte utopische Pläne schmieden, die man etwa
der kühnen Leichtfertigkeit eines schwachen Spielers
vergleichen könnte, der schnell die schwierigsten
Schachprobleme löst, weil er über die schwarzen
Figuren ebenso disponiert wie über die weißen.“
Dies ist ein ausgezeichnetes Porträt des großen
Industriekapitäns, des Meister-Individualisten, der,
27) “The Social Possibilities of Economie Chivalry”, Economic
Journal (1907); Bd. XVII, S. 9.
78

u
        <pb n="29" />
        wie jeder Künstler, uns dient, indem er sich selbst
dient. Und doch beginnt auch dieses Idol seinen Glanz
zu verlieren. Wir werden immer mehr zweifelhaft, ob
wir an seiner Hand ins Paradies eingehen werden.
Diese vielfachen Bestandteile haben zu unserer heutigen
 Geistesrichtung, zur geistigen Einstellung und zur
Orthodoxie unserer Zeit beigetragen. Die treibende
Kraft vieler ursprünglicher Gründe ist dahin, sie sind
aber, wie gewöhnlich, von der Lebensfähigkeit ihrer
Schlußfolgerungen überdauert worden. Wenn man der
„City“ von London eine gemeinsame Aktion für das Allgemeinwohl
 vorschlagen wollte, so wäre. das ebenso
als wollte man über die „Entstehung der Arten“ mit
einem Bischof von vor sechzig Jahren diskutieren. Die
erste Reaktion ist keine intellektuelle, sondern eine
moralische. Ein orthodoxer Glaube ist in Gefahr,
und je überzeugender die Argumente sind, desto
größer ist die Lästerung. Trotzdem habe ich mich in
die Höhle des schlafenden Ungeheuers gewagt,
jedenfalls habe ich seine Ansprüche und seinen Stammbaum
 verfolgt, um zu beweisen, daß es uns mehr durch
erbliche Vorrechte als durch persönliches Verdienst
beherrscht hat.
"

IC
        <pb n="30" />
        HN.
Wir wollen nunmehr gründlich mit den metaphysischen
 und allgemeinen Prinzipien aufräumen, auf die
man von Zeit zu Zeit das Laissez-faire immer wieder
aufbaut. Es ist nicht wahr, daß jedes Individuum eine
vorgeschriebene „natürliche Freiheit“ seiner wirtschaftlichen
 Tätigkeit besitzt. Es gibt keinen „Vertrag“,
 der denen, die schon besitzen oder die noch
erwerben, ewige Rechte überträgt. Die Welt wird von
oben her nicht so regiert, daß private und allgemeine
Interessen immer zusammenfallen. Sie wird von unten
her nicht so verwaltet, daß diese beiden Interessen in
praxi zusammenfallen. Aus den Prinzipien der Nationalökonomie
 folgt nicht, daß der aufgeklärte Egoismus
 immer zum allgemeinen Besten wirkt. Es ist auch
nicht wahr, daß der Egoismus im allgemeinen immer
aufgeklärt is£; meistenteils sind die Individuen, die
einzeln ihre egoistischen Interessen verfolgen, zu unwissend
 oder zu schwach, um auch nur diese zu erreichen.
 Die Erfahrung lehrt nicht, daß Individuen,
die sich zu einer gesellschaftlichen Gruppe zusammenschließen,
 immer weniger klarsichtig sind, als wenn
sie einzeln handeln.
Wir können das, was Burke „eines der subtilsten
Probleme der Gesetzgebung“ genannt hat, „nämlich
die Bestimmung darüber, was der Staat selbst auf
sich nehmen muß, um die allgemeine Vernunft zu
leiten, und was er unter möglichst geringer Einmischung
 dem Tun des Individuums überlassen
30
        <pb n="31" />
        soll“18), nicht nach abstrakten Theorien entscheiden,
sondern müssen es nach seinem Wert im Einzelnen
durchgehen. Wir müssen unterscheiden zwischen dem,
was Bentham in seiner vergessenen, aber nützlichen
Nomenklatur Agenda und Non-Agenda genannt hat,
aber ohne die Annahme Benthams, daß jede Staatseinmischung
 sowohl „ganz zwecklos“ als „ganz schädlich“
 sei19). Es ist vielleicht die wichtigste Aufgabe
der heutigen Nationalökonomen, von neuem zwischen
den Agenda und den Non-Agenda des Staates zu
unterscheiden; parallel damit geht die Aufgabe der
Politik, im Rahmen der Demokratie Staatsformen
zu finden, welche der Übernahme der Agenda gewachsen
 sind. Ich will an zwei Beispielen erläutern,
was ich meine.
1. Ich glaube, daß die ideale Größe für die Organisations-
 und Kontrolleinheit irgendwo zwischen dem
Individuum und dem modernen Staat liegt. Daher
glaube ich, daß der Fortschritt in der Richtung der
Entwicklung und der Anerkennung halb-autonomer
Körperschaften im Rahmen des Staates liegt; —
Körperschaften, die in ihrem Wirkungskreis nur nach
dem Kriterium des Allgemeinwohls handeln, so wie
sie es auffassen, und aus deren Erwägungen Motive
privaten Vorteils völlig ausscheiden — wobei man
ihnen allerdings in mancher Hinsicht, solange der
menschliche Altruismus nicht gewachsen ist, für ihre
Gruppe, Klasse oder Fakultät gewisse Vorteile belassen
 muß —; Körperschaften, die unter normalen
18) Zitiert nach Mc Culloch in seinen “Principles of Political
Economy”.
19) Benthams “Manual of Political Economy”, veröffentlicht
nach seinem Tode in Bowrings Ausgabe (1843).
2
        <pb n="32" />
        Umständen innerhalb bestimmter Grenzen großenteils
autonom sind, aber letzten Endes der Souveränität der
Demokratie, die sich im Parlament verkörpert, unterstehen.

Ich‘ schlage also gewissermaßen eine Rückkehr zu
den’ mittelalterlichen Formen selbständiger Autonomien
 vor. Aber Körperschaften sind, wenigstens in
England, eine Regierungsform, die niemals aufgehört
hat, wichtig zu sein, und die mit unseren übrigen Einrichtungen
 gut zusammenstimmt. Es ließen sich eine
Menge bereits vorhandener Beispiele für gesonderte
Autonomien anführen, die sich der von mir vorgeschlagenen
 Form annähern oder sie bereits erreicht
haben — die Universitäten, die Bank von England, der
Londoner Hafen, vielleicht sogar die Eisenbahngesellschaften.
 In Deutschland gibt es gewiß analoge Beispiele.

Noch interessanter aber ist die Entwicklung der
Aktiengesellschaften, wenn sie ein gewisses Alter und
eine gewisse Größe erreicht haben, bei der siesichmehr
dem Status einer öffentlichen Korporation annähern
als dem eines individuellen Privatunternehmens. Eine
der wenigst bemerkten und interessantesten Entwicklungen
 der letzten Jahrzehnte ist die Tendenz der
Großunternehmungen, sich selbst zu sozialisieren. In
der Entwicklung eines Großunternehmens kommt ein
Moment — besonders bei großen Eisenbahnunternehmungen
 oder einem großen gemeinnützlichen Unternehmen,
 aber auch bei Großbanken oder großen Versicherungsgesellschaften
 —, in dem die Kapitalbesitzer,
 das heißt die Aktionäre, fast gänzlich von der
Verwaltung losgelöst sind, mit dem Erfolg, daß das
unmittelbare persönliche Interesse der Verwaltung an
99
        <pb n="33" />
        großen Profiten eine sekundäre Bedeutung bekommt.
Sobald dieser Punkt erreicht ist, legt die Verwaltung
größeren Wert auf die allgemeine Stabilität und das
Ansehen der Institution als auf die höchstmöglichen
Gewinne für die Aktionäre. Diese müssen sich mit angemessenen
 Dividenden zufrieden geben; sind die Dividenden
 erst gesichert, so hat die Verwaltung oft
nur noch das unmittelbare Interesse, jede Kritik der
Öffentlichkeit und der Kunden zu vermeiden. Dies gilt
vornehmlich für die Fälle, in denen das Unternehmen
durch seine Größe oder seine halbmonopolistische
Stellung stark exponiert ist, zumal wenn es durch
öffentliche Angriffe leicht: geschädigt werden kann.
Vielleicht das extremste Beispiel dieser Tendenz bietet
eine theoretisch rein in Privatbesitz befindliche Institution,
 nämlich die Bank von England. Man könnte
beinahe sagen, daß der Gouverneur der Bank von
England bei seinen geschäftlichen Entscheidungen an
keine Menschengruppe im ganzen Königreich weniger
denkt als an seine Aktionäre. Ihre Rechte, die über die
Entgegennahme angemessener Dividenden hinausgehen,
 sind fast gleich Null. Das Gleiche gilt bereits
in gewissem Maße auch für viele andere große Unternehmungen.
 Mit der Zeit beginnen sie sich selbst zu
sozialisieren.
Nicht als ob dies ein ganz reiner Gewinn wäre. Dieselben
 Triebkräfte führen zu starkem Festhalten am
alten Konservativismus und tragen zum Verschwinden
des Unternehmungsgeistes bei. Tatsächlich sehen wir
heute schon in diesen Fällen viele der Fehler wie
der Vorzüge des Staatssozialismus. Dennoch halte ich
diese Tendenz für die natürliche Entwicklungsrichtung.
 Der Kampf des Sozialismus gegen den un-3
 Keynes, Das Ende des Laissez-Faire. 373
        <pb n="34" />
        beschränkten Privatprofit erringt im Einzelfall Sieg
auf Sieg. Auf diesem speziellen Gebiet — auf anderen
Gebieten bleibt er auch weiter akut — ist er kein brennendes
 Problem mehr. Es gibt beispielsweise keine
sogenannte wichtige politische Frage, die in Wirklichkeit
 so unwichtig und gleichgiltig für den Wiederaufbau
 des englischen Wirtschaftslebens wäre, wie die
Verstaatlichung der Eisenbahnen.
Allerdings wird man in Zukunft viele große Unternehmungen
 und andere, die viel fixes Kapital gebrauchen,
 halb sozialisieren müssen. Aber in bezug auf
die: Formen dieser Halbsozialisierung müssen wir uns
eine gewisse Elastizität vorbehalten. Wir müssen uns
den natürlichen Zug der Zeit voll zunutze machen und
vermutlich halb autonomen Körperschaften den Vorzug
 geben vor den Organen der Zentralregierung, die
der unmittelbaren Verantwortlichkeit der Minister
unterstehen.
Ich tadle den doktrinären Staatssozialismus nicht
deshalb, weil er die altruistischen Triebe der Menschen
 in den Dienst der Gesellschaft stellen will, oder
weil er sich von dem ([aissez-faire abwendet, oder weil
er dem Menschen die Freiheit nimmt, eine Million zu
verdienen, oder weil er den Mut zu kühnen Experimenten
 aufbringt. Alle diese Dinge kann ich nur gutheißen.
 Ich tadle ihn, weil er die Bedeutung der aktuellen
 Ereignisse verkennt, weil er in Wirklichkeit
nicht viel mehr ist als das verstaubte Überbleibsel
eines Planes, der auf die Lösung der Probleme von
vor fünfzig Jahren zugeschnitten war, und sich auf
einem Mißverständnis dessen aufbaut, was jemand vor
hundert Jahren gesagt hatte. Der Staatssozialismus
des neunzehnten Jahrhunderts nahm seinen Ursprung
34
        <pb n="35" />
        von Bentham, der freien Konkurrenz usw., und ist eine
in mancher Hinsicht klarere, in mancher Hinsicht verworrenere
 Version genau der gleichen Philosophie, die
dem Individualismus des neunzehnten Jahrhunderts zugrunde
 liegt. Beide legten den größten Nachdruck auf
die Freiheit — der eine negativ, um Beschränkungen
der bestehenden Freiheit zu verhindern, der andere
positiv, um natürliche oder erworbene Monopole zu
zerstören. Beide sind verschiedene Reaktionen auf die
gleiche geistige Atmosphäre.
2. Ich komme jetzt zu einem Kriterium der Agenda,
das für die in nächster Zukunft besonders dringlichen
und wünschenswerten Angelegenheiten außerordentlich
 wichtig ist. Wir müssen danach streben, die fechnisch
 sozialen Dienste von den technisch individuellen
Diensten zu trennen. Die wichtigsten Agenda des
Staates betreffen nicht die Tätigkeiten, die bereits von
Privatpersonen geleistet werden, sondern jene Funktionen,
 die über den Wirkungskreis des Individuums
hinausgehen, jene Entscheidungen, die niemand trifft,
wenn der Staat sie nicht trifft. Nicht das ist wichtig
für den Staat, daß er die gleichen Dinge etwas besser
oder etwas schlechter ausführt, die heute bereits von
Einzelpersonen getan werden, sondern daß er die
Dinge tut, die heute überhaupt nicht getan werden.
Es liegt nicht in meiner Absicht, an dieser Stelle
praktische Vorschläge zu entwickeln. Ich beschränke
mich daher auf die Erläuterung meiner Ansicht an
einigen Beispielen, die ich aus den Problemen herausgreife,
 über die ich besonders viel nachgedacht habe.
Viele der größten wirtschaftlichen Übel unserer
Zeit entstehen aus Risiko, Unsicherheit und Unwissenheit.
 Teils dadurch, daß manche durch Glück oder
35
        <pb n="36" />
        Naturanlagen besonders begünstigte Individuen in der
Lage sind, aus der Unsicherheit und Unwissenheit der
anderen Kapital zu schlagen, teils weil das Geschäft
schon aus diesem Grunde häufig ein Lotteriespiel ist,
entstehen die großen Ungleichheiten im Besitz; die
gleichen Faktoren verschulden auch die Arbeitslosigkeit,
 die Enttäuschung gerechtfertigter geschäftlicher
Erwartungen und den Niedergang von Arbeitskraft
und Produktion. Das Heilmittel gegen diese Übel legt
aber außerhalb des individuellen Tätigkeitsbereichs, ja
es kann sogar im Interesse des Individuums liegen, die
Krankheit noch zu verschlimmern. Ich glaube, daß
das Heilmittel zum Teil in der wohlüberlegten Kontrolle
 der Währungs- und Kreditfragen durch eine
zentrale Einrichtung, zum Teil in der Sammlung und
weitesten Bekanntmachung geschäftlicher Statistiken
liegt, einschließlich der vollen Publizität aller wissenswerten
 geschäftlichen Tatsachen, die, wenn nötig, gesetzlich
 erzwungen werden müßte. Durch diese Maßnahmen
 wäre die Gesellschaft in der Lage, durch entsprechende
 Organe die geistige Führung bei inneren
Komplikationen der Privatwirtschaft zu übernehmen,
doch ohne daß private Initiative und privater Unternehmungsgeist
 durch sie angetastet würden. Sollten
sich diese Maßnahmen auch als unzureichend erweisen,
 so werden sie uns zum mindesten doch bessere
Anhaltspunkte dafür geben, welche Schritte wir in Zukunft
 zu unternehmen haben,
Mein zweiter Vorschlag betrifft die Ersparnisse und
die Kapitalanlagen. Ich glaube, daß wir zu einer
gemeinsamen vernünftigen Entscheidung kommen
müssen über den Umfang, in dem das Sparen innerhalb
 einer Gemeinschaft erwünscht ist, und über den
25

44
        <pb n="37" />
        Umfang, in dem diese Ersparnisse im Au land Al! 8
gelegt werden sollen; ferner darüber, ob Kin
Organisation des Anlagemarktes die ErsparMi al
der für die Nation produktivsten Art verteilt.‘ “
glaube, man sollte diese Dinge nicht ganz und gar dem
Zufall der privaten Entscheidung und des privaten
Gewinns überlassen, wie es heutzutage der Fall ist.
Mein dritter Vorschlag betrifft die Bevölkerung. Die
Zeit ist heute schon gekommen, wo jedes Land nationale
 Überlegungen darüber anstellen muß, ob seine
Bevölkerungszahl kleiner oder größer werden oder
stationär bleiben soll. Hat man in dieser Frage eine
Entscheidung getroffen, so muß man. Maßnahmen
ergreifen, sie in die Tat umzusetzen. Später kommt
vielleicht eine Zeit, in der die Gemeinschaft in ihrer
Gesamtheit der angeborenen Qualität ihrer künftigen
Mitglieder die gleiche Aufmerksamkeit zuwenden wird
wie heute ihrer Zahl.
]

4
        <pb n="38" />
        IV.
Diese Gedankengänge zielen auf mögliche Verbesserungen
 der Technik des modernen Kapitalismus
durch das Mittel kollektiver Betätigung ab. Sie widersprechen
 in nichts den meiner Meinung nach wesentlichsten
 Kennzeichen des Kapitalismus, nämlich seiner
Abhängigkeit vom Stimulus der gelderwerbenden und
geldliebenden Instinkte der Individuen als der Haupttriebfeder
 ‚der Wirtschaftsmaschine. Ich kann jetzt,
zum Schlusse meiner Ausführungen, nicht noch auf
andere Gebiete abschweifen. Doch möchte ich Sie
daran erinnern, daß die heftigsten‘ Kämpfe‘ und die
am tiefsten empfundenen Meinungsverschiedenheiten
in den nächsten Jahren nicht um technische Fragen
entbrennen werden, bei‘ denen die Argumente auf
beiden Seiten fast ausschließlich wirtschaftlicher
Natur sind, sondern um Fragen, die wir mangels eines
besseren Ausdrucks als psychologische, oder vielleicht
 gar als moralische, bezeichnen können.
In Europa, mindestens in einigen Teilen von Europa
 — in den Vereinigten Staaten von Amerika verhält
 es sich, glaube ich, anders — hat sich eine ziemlich
 verbreitete latente Reaktion dagegen geltend gemacht,
 die Gesellschaft in dem ausgedehnten Maße,
wie sie es heute tut, auf die Pflege, Unterstützung und
den Schutz der Geldsucht der Einzelnen aufzubauen.
Die Tatsache, daß wir unser Leben nach möglichst geringer
 Berücksichtigung anstatt möglichst starker Berücksichtigung
 des Geldmotivs regeln möchten,
braucht nicht ganz aprioristisch zu sein, sondern kann
sich aus dem Vergleich von Erfahrungen ableiten. Bei
den einzelnen Menschen spielt je nach der Wahl ihres
38
        <pb n="39" />
        Berufs das Geldmotiv eine große oder eine kleine Rolle,
und Historiker können uns von anderen Phasen der
Gesellschaftsorganisation berichten, in denen dieses
Motiv eine viel geringere Rolle gespielt hat als heute.
Die meisten Religionen und Philosophien. verachten,
um es milde auszudrücken, eine Lebensweise, die sich
lediglich von Erwägungen persönlichen Geldgewinns
leiten läßt. Andererseits lehnen die meisten Menschen
heutzutage asketische Ideen ab und sind sich über die
tatsächlichen Vorteile des Reichtums völlig klar: Es
erscheint ihnen überdies ganz selbstverständlich, daß
man ohne das Geldmotiv nicht auskommt, und sie
finden, daß es. — abgesehen von einigen zugestandenen
 Mißbräuchen — seine Aufgabe recht gut erfüllt.
 Folglich beschäftigt sich der Durchschnitts- E
mensch nicht weiter mit dem Problem und hat über
das, was er eigentlich denkt und fühlt, noch über diese
verflixte Materie im Ganzen, irgendeine klare Vorstellung.

. Unklarheit im Denken und Fühlen führt auch zu
Unklarheit der Ausdrucksweise. Viele Leute, die den
Kapitalismus als Lebensgrundlage wirklich ablehnen,
argumentieren so, als lehnten sie ihn nur ab, weil er
unfähig sei, seine eigenen Ziele zu erreichen. Andererseits
 sind viele Anhänger des Kapitalismus häufig
übermäßig konservativ und lehnen jede Reform der
kapitalistischen Technik, die dem Kapitalismus nur
zugute käme, ab, aus lauter Angst, dergleichen könne
der erste Schritt zu einer Los-vom-Kapitalismus-Bewegung
 sein. Immerhin mag eine Zeit kommen, wo
wir uns über die Dinge klarer sein werden als heute,
wo wir darüber reden, ob der Kapitalismus eine gute
oder eine schlechte Technik, und ob er an sich wün-239


A.
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        schenswert oder abzulehnen ist. Ich für mein Teil bin
der Ansicht, daß ein klug geleiteter Kapitalismus
die wirtschaftlichen Aufgaben wahrscheinlich besser
erfüllen wird als irgendein anderes, vorläufig in Sicht
befindliches System, daß man aber gegen den Kapitalismus
 an sich viele Einwände erheben kann. Unser
Problem geht dahin, eine Gesellschaftsorganisation zu
schaffen, die möglichst leistungsfähig ist, ohne dabei
unsere Ideen über eine befriedigende Lebensführung
zu verletzen.
Der nächste Schritt nach vorwärts wird nicht aus
politischer Agitation oder unreifen Experimenten heraus
 erfolgen, sondern aus Überlegung ... Wir müssen
uns endlich verstandesmäßig über unsere Gefühle klar
werden. Heute kann es vorkommen, daß unsere Sympathie
 und unser Verstand auf verschiedenen Seiten
stehen — woraus ein schmerzlicher und lähmender
Geisteszustand hervorgeht. Auf dem Felde der Tat
werden Reformatoren nicht eher Erfolg haben, als
bis sie ein klares und bestimmtes Ziel verfolgen, bei
dem ihr Verstand und ihre Gefühle zusammen gehen.
Mir scheint, daß heutzutage keine einzige Partei auf
der ganzen Welt das richtige Ziel mit den richtigen
Mitteln verfolgt. Materielle Armut gibt den Anstoß zu
Umwälzungen gerade unter Umständen, die dem Experiment.
 wenig Spielraum gewähren. Materieller
Wohlstand lähmt diesen Antrieb gerade unter Umständen,
 unter denen man eine Umgestaltung wagen
dürfte. Europa fehlen die Mittel, und Amerika fehlt
der Wille, den ersten Schritt zu tun... Wir brauchen
neue Überzeugungen, die ganz natürlich aus der ehrlichen
 Prüfung des Verhältnisses unserer Gefühle zu
den Tatsachen der Außenwelt herauswachsen.
40 a
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        DUNCKER &amp;amp; HUMBLOT, MÜNCHEN, Theresienhöhe 3c
Vor kurzem erschien: Vor kurzem erschien:
Festgabe für Lujo Brentano Georg Friedrich Knapp
- ® ® &amp;gt;. ® - ®
Die Wirtschafts- Einführungineinige
° S °
wissenschaft Hauptgebiete der
- ® . ®
nach dem Kriege Nationalökonomie
NE WanIE BA nn 27 Beiträge zur Sozialwissenschaft
en Stand der deutschen und aus- ;
ländischen sozialökonomischen Freis 15.— Mk, Gebunden 18.50Mk.
orschung nach dem Kriege INHALT:
Band I: Wirtschaftspolitische .
.. Ideologien. I, Statistik
Band II: Der Stand der For-.
  Schungen. II. Die Landarbeiter in
Preis der beiden über %0 Seiten
starken Bände 92 Mk, geb. 39Mk. Knechtschaft und Freiheit
Mit BA tE8E en on Prof. „Amonn IN, Grundherrschaft
„. Prof. Clay (Manchester)
Sof Briekmang (Heidelberg mm Mitorem
Tof. e (Pa rof.
(om prof Oppenheimer(krank:. IV. Golätheorie
a.M.), „v.Schulze-' Pnitz
 (Freiburg 1. B.), Prof. Selig V. Lehrer und Freunde
mann (New-York), Prof. Adolf
Weber (München), Prof. v. Wiese „Andere Lehrer unserer Wissen-Sa
 Prof. von Zwiedineck- Schaft hatten wir bewundert,
üdenhorst (München) andere geachtet,andere gescheut
und vielen anderen Dieser allen ‚fewann AnSere
) rfurcht. In all-vermischender
Herausgeber: Z hat er, durchaus unange-M.J.Bonn
 und M, Palyi fochten von „den Mächten des
- a N ages und Jahres, sein als
‚+ « Keine Festschrift zur Feier Furschern, Et nur als Forscher
eines Nationalökonomen kann erfüllt .... als Norm sollten
sich von so tiefem WESEN diese Abhandlungen lebendi
lichen Ernst Ce ein ge bleiben und als Erinnerung, daß
rühmen wie die für Lujo Bren- auch in Wissenschaften nur das
tano.‘“ (Finanzspol. Korrespond.) m höchsten Sinne gilt, was Ge-„+...
 In den gwei stattlichen stalt geworden und also auch
Bänden ist ein Querschnitt durch durch keinen Fortschritt aufgudie
 Wirtschaftswissenschaft ge- heben ist.“
Z0gen, die kein Lehrbuch bieten Pyof, Dr. Kurt Singer im Hamkann...
 ES REM burger Wirtschaftsdienst 1926.
„... ein Werk, in dem das Wesent- z n rn
liche in knapper und klarer Weise ERDE a ETASIEHEgesagt
 ist ea a in biete (Statistik, VE Car a eehlChle,
„... ein über das Zunftinteresse Goilgtheorie)hater Überragendes,
hinausgreifendes, schon durch schlechthin Vollendetes und Bleiseine
 Problemstellung dokumen- bendes geleistet und die Wissentarisch
 hervorragendes Sammel- schaft weitergetrieben.““
werk.“ „Der Querschnitt“ 1926 ; n
" Dr. A. EEE TOD, in der
„Nach der Max Weber-Erinne- &amp;gt; Deutschen Bergwerksgeitung.“
rungsgabe ist die vorliegende
Festschrift die umfassendste, im „Diese Sammlung schwer zu-Reichtum
 der Probleme vielfäl- gänglicher Schriften ist ein gans
Yiasie Sammlung deutscher Ge- Sraßes Geschenk,‘
Iechrtenarbeit, die wir besitzen.“ Finank ho. nn dENa,
„Literar. Handweiser‘“ 1925/26. ebruar 1926.
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        DUNCGKERd&amp;amp; HUMBLOT, MÜNCHEN, Theresienhöhe 3c
VOL R AAN ZEIGE
Im Herbst 1926 erscheint:
WERNER SOMBART
2 Halbbände zu je 500 Seiten
Preis etwa 15.— Mk. pro Band
I. Die treibenden Kräfte des Hochkapitalismus
(Unternehmertum, Staat, Technik).
]I. System der hochkapitalistischen Wirtschaft
a) Aufbau des Hochkapitalismus,
b) Der wirtschaftliche Prozeß im hochkapitalistischen
System,
c) Die nicht- kapitalistischen Wirtschaftssysteme
: (Handwerker, Bauer, Gemeinwirtschaft).
HL Staat, Gesellschaft und Kultur im Zeitalter
des Hochkapitalismus
(Staatenbildung, Recht, gesellschaftliche Umschichtung,
Wirkung auf die Kultur).
Ausblick
Vorbestellungen durch jede Buchhandlung und vom Verlag.
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        DUNCKER&amp;amp; HUMBLOT, MÜNCHEN, Theresienhöhe 30
Yon
JOHN MAYNARD KEYNES
erschienen bei Duncker &amp;amp; Humblot:
Die wirtschaftlichen Folgen
des Friedensvertrages
1920. 1.—30. Tausend. Vergriffen
Revisıon
des Friedensvertrages
1922. 1.—10. Tausend. Gr.-8°. 244 S. 3.— Mk,
Ein Traktat
über Währungsreform
1924. VII, 214 S. 4.50 Mk.
Wenn auch die beiden ersten hier angezeigten
Schriften dank der eigenen Ideen, die Keynes darin
entwickelt, Gott sei Dank zum Teil überholt sind, so
hat der Währungs-Traktat noch heute die aktuellste
Bedeutung und darf immer noch als Fibel der Geldlehre
 bezeichnet werden, in der die „Praktiker“ fleißiger
lesen sollten. Gehören die beiden ersten Bücher von
Keynes über den Friedensvertrag der Zeitgeschichte an,
so gelten von dem „Traktat“ noch die Sätze Bonns zu
dem klassischen ersten Buch: „Es ist eines der seltenen
Bücher, in denen sich der rechnende Verstand eines
geschulten Volkswirts mit der verhaltenen Leidenschaft
eines zielbewußten Reformators vereint. Ein Kritiker hat
es geschrieben, der zum Seher geworden ist; ein Finanzmann
 hat es erdacht, der die Feder eines Künstlers führt.“

Ve
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        DUNCKER &amp;amp; HUMBLOT, MÜNCHEN, Theresienhöhe 3 c
Ende 1924 erschien neu:
Ludwig Mises
Professor der Nationalökonomie an der Universität Wien
Theorie des Geld
und der Umlaufsmittel
Zweite Auflage
Gr. 89%, XII, 420 Seiten. Gm. 9.50, geb. 412.50
Urteile über die erste Auflage (1911):
Prof. Max Weber in seinem nachgelassenen Hauptwerke „Die
Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und
Mächte“: „Die mir im ganzen annehmbarste materielle Geldiheorie ist
die von Mises“,
Prof. J, Schumpeter in seiner Abhandlung „Das Sozialprodukt
 und die Rechenpfennige“: „Ein Buch, dessen Kraft und
Originalität die Kritik wieder einmal über einigen Nebenpunkten übersehen
 hal, ist das von v. Mises.“
Prof. B. M. Anderson in seinem Werke „The Value of Money“:
„In von Mises there seem to me to be very noteworthy clarity and power.
His ‚Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel‘ is an exceptionally excellent
 book. Von Mises has a very wide knowledge of the literature of
the theory of money. He has a keen insight into the difficullies involved.“
Das Werk von Professor Mises ergänzt die klassischen Arbeiten von
Menger und Böhm-Bawerk, von Jevons und Clark in der Richtung auf
die Geld- und Banktheorie und vollendet somit das System der modernen
 subjektivistischen Nationalökonomie. Alle Probleme der Geld- und
Banktheorie werden in ibm in erschöpfender Weise abgehandelt. Dazu
tritt die wirtschaftspolitische Bedeutung des Werkes. -Schon die erste Auflage
 hat, obwohl mehr als zwei Jahre vor Ausbruch des Weltkrieges erschienen,
 alle jene Probleme, die die spätere Inflationsperiode in den
Mittelpunkt gestellt hat, in erschöpfender Weise behandelt. Die neue
Auflage berücksichtigt alle Fortschritte, die die Wissenschaft mittlerweile
gemacht hat, bespricht die durch die Veränderungen der letzten Jahre geschaffene
 neue währungs- und bankpolitische Lage und setzt sich mit den
Vorschlägen auseinander, die von Cassel, Keynes, Irving, Fisher und anderen
zur Wiederherstellung der Orduung im Geld- und Notenbankwesen gemacht
 wurden.
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        H“18), nicht nach abstrakten Theorien entscheiden,
ndern müssen es nach seinem Wert im Einzelnen
ırchgehen. Wir müssen unterscheiden zwischen dem,
&amp;amp; is Bentham in seiner vergessenen, aber nützlichen
T amenklatur Agenda und Non-Agenda genannt hat,
a er ohne die Annahme Benthams, daß jede Staatsımischung
 sowohl „ganz zwecklos“ als „ganz schäd-S
 h“ seil9). Es ist vielleicht die wichtigste Aufgabe
u re heutigen Nationalökonomen, von neuem zwischen
zn n Agenda und den Non-Agenda des Staates zu
a terscheiden; parallel damit geht die Aufgabe der
) ılitik, im Rahmen der Demokratie Staatsformen
finden, welche der Übernahme der Agenda ge-5
 chsen sind. Ich will an zwei Beispielen erläutern,
= * 's ich meine.
t. Ich glaube, daß die ideale Größe für die Organi-*
 ijons- und Kontrolleinheit irgendwo zwischen dem
Jividuum und dem modernen Staat liegt. Daher
iube ich, daß der Fortschritt in der Richtung der
'twicklung und der Anerkennung halb-autonomer
irperschaften im Rahmen des Staates liegt; —
3 rperschaften, die in ihrem Wirkungskreis nur nach
° n Kriterium des. Allgemeinwohls handeln, so wie
&amp;amp; es auffassen, und aus deren Erwägungen Motive
c vaten Vorteils völlig ausscheiden — wobei man
£ ‚en allerdings in mancher Hinsicht, solange der
‘ nschliche Altruismus nicht gewachsen ist, für ihre
i uppe, Klasse oder Fakultät gewisse Vorteile be-|
 sen muß —; Körperschaften, die unter normalen
; 8) Zitiert nach Mc Culloch in seinen “Principles of Political
ınomy”.
. 8 9) Benthams “Manual of Political Economy”, veröffentlicht
w h seinem Tode in Bowrings Ausgabe (1843).
&amp;amp; M
&amp;amp;

*)
an
        <pb n="46" />
        <pb n="47" />
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