1. Das staatlose Ich und das Lächeln, womit ihr Erscheinen begrüßt wird, erkennen nur die leidige Tatsache an, daß sie eine Macht ist, die außerhalb der Grenzen des eigenen Ichs wirkt. Das Ich hat sie nicht in der Gewalt seines noch unbewußten Willens und macht diese Erfahrung zu seinem Schmerze so oft, bis ihm der Zustand natürlich geworden ist. Bis es ihm als selbstverständlich erscheint, daß es nicht allein da ist, sondern daß außer ihm noch manches andere Ich da ist, teils beweglich, teils unbeweglich, mit dessen Dasein es sich ab- finden muß. In diesem Stadium, wo die Uranfänge der Selbsterkenntnis dämmern, wird das Ich von denen, die seiner warten, nicht nur genährt, gewaschen und trocken gelegt und spazieren gefahren, sondern auch erzogen. Erziehung ist eine stillschweigende Über- einkunft darüber, daß das Ich als „Ding an sich““ nicht lebens- fähig ist, sondern daß es zu leben vermag nur als dienendes Glied eines höheren Organismus. Nur unter dem Druck dieser mehr oder minder geregelten Erziehung, in Verbindung mit schmerzlichen oder angenehmen Erfahrungen, die es fortfährt auf eigene Faust zu machen, gelangt das Ich allmählich zu bestimmteren Raum- und Zeitvorstellungen. Kant, der große Entdecker der ,„„Apriorität“” des Raumes, hat vermutlich nie Gelegenheit gehabt, einen strampelnden Säugling dabei zu beobachten, wie er seinen eigenen Fuß entdeckt. Er würde sich sonst der Einsicht kaum haben verschließen können, daß das Ich ursprünglich nicht einmal eine Anschauung seines eigenen Körpers, geschweige denn „des Raumes‘ mitbringt. Auch ein Ich, das sich schon selbständig bewegen kann, muß sich die Raumanschauung erst mühsam erarbeiten, wie sie sich die Menschheit vor ihm gleichfalls hat erarbeiten müssen. Das Ich, das zum erstenmal den strahlenden Vollmond erblickt, wird von Angstgefühlen ergriffen, wahrscheinlich doch, weil ihm die Erschei- nung unheimlich nah auf den Leib rückt. Das Ich, dem beim Spielen der Ball auf den Schrank geflogen ist, schleppt sein Kinder- stühlchen herbei, um ihn herunterzuholen; daß das Maß, das es damit seiner eigenen Länge zusetzt, auch nicht entfernt ausreicht, erfährt es mit Überraschung. Die ersten dunklen Anfänge einer Zeitvorstellung erwachsen viel- .