II. Das Jch in staatlicher Erziehung 21 Verbindung zwischen zwei Punkten „nennen wir“, nach stillschwei- gender Übereinkunft, gerade Linie. Zwei Gerade, die sich niemals schneiden, „nennen wir“ parallele Linien. Wie kann man ,,beweisen'“ wollen, daß im Dreieck die Summe der Winkel stets gleich zwei Rechten ist? Wer's nicht glaubt, wem die Sache gleichgültig bleibt, für den ist der schlüssigste „jBeweis““ nicht beweiskräftig. Das Ich aber, dem man ein lebendiges Interesse für die Frage abgewonnen hat, indem man es auf die Suche schickt, und dem man's ,,ein- leuchtend““ gemacht hat, daß es immer als Summe zwei Rechte finden werde; das wird den Satz, wenn auch gänzlich „unbewiesen!“ festhalten, nicht als mechanisch angelernte Weisheit, sondern als brauchbaren Besitz fürs Leben. Wenn Mathematik der Schrecken so vieler Schüler war, so liegt das vermutlich nur an der Methode, wonach sie gelehrt wurde. Gegen die Vergewaltigung, ihm etwas ,,beweisen““ zu wollen, was es vernünftigerweise nur „einsehen“ kann, lehnt sich das Ich un- willkürlich auf, und es sind nicht die unbrauchbarsten Ichs, bei denen diese Auflehnung am heftigsten ist. Daß es aber gesunde Ichs geben sollte, denen die Grundtatsachen der reinen Mathematik nicht einleuchtend zu machen wären, die also für Mathematik, wie die Bequemlichkeit sich zu sagen gewöhnt hat, von Haus aus „unbe- gabt““ seien, ist vermutlich krasser Aberglaube. Die eigentliche Un- begabtheit hat hier wohl in erster Linie bei der Lehrmethode gelegen, die das Pferd beim Schwanz aufzäumte und eine Fähigkeit, die erst entwickelt werden sollte, als gegeben voraussetzte. Daß Klarheit der Anschauung und Folgerichtigkeit des Denkens jedem gesunden Ich anerzogen werden können, ist doch die Voraus- setzung aller Erziehung überhaupt! Wenn der Staat nicht mit gutem Gewissen damit rechnen dürfte, daß dies möglich ist;z woher wollte er die Berechtigung nehmen, jedem Ich die schulmäßige Erziehung zwangsweise aufzuerlegen? An keinem Gegenstand aber wird sich Klarheit der Anschauung und Folgerichtigkeit des Denkens so sicher entwickeln lassen, wie an den Grundtatsachen der reinen Mathematik, die sich nur mit einer einzigen Eigenschaft der Körper, mit ihrer Form, befassen und daher die Anschauung nicht ablenken und das Denken nicht verwirren. Nur sollte es, für die Zwecke des Schul- unterrichts, eben auch bei den Grundtatsachen sein Bewenden ",