] II. Das Jch in staatlicher Erziehung haben. Der formale Bildungswert der Mathematik, der von keinem andern Lehrgegenstand übertroffen wird, läßt sich gerade in den einfachsten Sätzen der Arithmetik und der Geometrie am wirk- samsten ausmünzen. Und ebendies erhöht nur den Bildungswert der Mathematik: daß es einer Überlastung mit Lernstoff dabei gar nicht bedarf, im Gegenteil, daß eine unnötige Verbreiterung des Lernstoffes der bildenden Wirkung im Weg ist. Unnötig aber ist hier alles, was nicht jedermann zum Leben gebraucht. Was nuv ein enger Kreis in seinem besondern Berufsleben verwerten kann, ist für den Schulunterricht Ballast. Denn ~ das war der Aus- gangspunkt —~ er soll nicht Mechaniker, Baumeister, Techniker, Versicherungsbeamte, Astronomen heranbilden, er soll das Ich zum Staotsbürger erziehen. In seinem Beruf als Staatsbürger aber gebraucht das Ich weder Logarithmen noch trigonometrische Funk- tionen. Ein im feuchten Sande spielendes Kind, das mit einer Hohlform Kuchen backt, mag wohl eine Vorstellung davon haben, daß diese Sandkuchen, die es da nebeneinandersetzt, einander gleich sind. Jedenfalls kann der Satz, daß zwei Größen untereinander gleich sind, wenn sie einer dritten gleich sind, einem werdenden Ich aus der Anschauung einleuchtend gemacht werden, bevor es imstande ist, mit der in Worte gekleideten Tatsache etwas anzufangen. Beim Bauen mit dem Baukasten, wenn etwa für ein Dach mehrere Trag- pfeiler aus kleineren Klötzen gleich hoch aufgebaut werden müssen; beim Nähen von Puppenkleidern, wenn zwei gleichlange Ärmel oder Hosenbeine geschnitten werden müssen, wird der Satz angewandt, ohne daß davon die Rede ist. Es geht also auch ohne mathematische Formulierung, aber es geht auf die Dauer nicht ohne Worte. Innerhalb der staatlich organisierten Kulturmenschheit ist ein be- sonderes Verkehrsmittel für den Geistesverkehr vom Ich zum Ich auf die Dauer nicht zu entbehren, die Sprache. In diese Verkehrs- form der Sprache wird das Ich schon durch die Familienerziehung so vollständig hineingezogen, daß es sich nach und nach gewöhnt, bewußt nur mehr in Worten zu denken. In seinen Ursprüngen aber war das Denken sicher nicht an Worte gebunden, und auch das fortgeschrittene Ich vermag immer noch ohne Worte zu denken; I 9