II. Das Jch in staatlicher Erziehung fangreicher als der Macht- und Wirtschaftskörper. Infolgedessen ziehen durch den Körper der deutschen Gesellschaft nicht nur die wagerechten Scheidewände der verschiedenen Wirtschaftsschichten, sondern auch die senkrechten Scheidewände der Reichsgrenzen, und innerhalb der Reichsgrenzen, der Landesgrenzen. Muß das so sein? Das gewiß nicht, es gibt Staaten und Völker genug, wo es anders ist. Der Idealzustand wäre vielleicht da, wo Gesellschaftskörper, Wirtschaftskörper und Machtkörper einander decken. Jedenfalls ist es kein Vorzug, wenn der Gesellschaftskörper größer ist als der staatliche Machtkörper, das heißt, wenn beträchtliche Teile der Volksgemeinschaft nicht im eigenen Staat, sondern in fremden Gemeinschaften hausen. Das aber ist die deutsche Eigenart, und sie verstehen zu lernen, zu begreifen, wie es so gekommen ist, und warum es so gekommen ist, daß es heute einen deutschen Staat, aber noch keinen Staat der Deutschen gibt, und daß es innerhalb des deutschen Staates noch allerhand deutsche Staaten gibt — das ist das Wichtigste, was ein werdendes deutsches Staatsbürger-Ich zu lernen hat. Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und machtpolitischen Lebensbedingungen des Deutschtums, wie sie heute sind, und wie sie so geworden sind, müssen jedem Ich vertraut werden, wenn es in den Stand gesetzt werden soll, dem Staate zu geben, was des Staates ist. Also Geschichte der Vergangenheit, nicht um der Vergangenheit willen, sondern um der Zukunft willen. Daher Geschichte der völkischen Schicksalsgemeinschaft, und nicht Geschichte der Fürsten und ihrer kriegerischen Heldentaten. Aber doch keine Unterschätzung gerade der Kriegsgeschichte! Es ist kein Zufall, daß die Erinnerung an kriegerische Gewaltanstrengungen so fest im Gedächtnis der Völker haftet. Der Volksstaat, der das Ziel staatlicher Entwicklung zu sein scheint, und den so viele Völker schon verwirklicht haben, nur die Deutschen noch nicht, ist ein reines Willenswesen. Triebhafter Wille eines Organismus, der über dem Einzel-Ich steht und es in der millionenfachen Form seines Daseins zusammenhält, ist das, was den Staat im Innersten bewegt. Im Krieg, im Volkskrieg aller Zeiten, und mehr denn je im Volkskrieg der Gegenwart, ist dieser Wille aufs äußerste gespannt. Im Kriege besteht ein Volk die wahre Kraftprobe dessen, was es zu leisten fähig ist. Daher 9