II. Das Jch in staatlicher Erziehung ) diesen Lehrstoffen herauszuholen, was unter solchen Umständen an formalen und sachlichen Bildungswerten noch irgend herauszuholen ist. Jedes Volk erbaut sich, wenn es eine gewisse Höhe der Gesittung erreicht hat, über der Welt harter Tatsachen, worin es seinen Kampf ums Dasein auszufechten hat, das Reich seiner Sehnsucht, das Reich der Kunst, worin es die Dinge sieht, nicht wie sie sind, sondern wie es möchte, daß sie wären. In seiner Kunst also offenbart jedes Volkstum die geheimsten Tiefen seines Wesens, in seiner Kunst ist es wahr gegen sich selbst ~ und damit unwillkürlich auch wahr gegen die andern. Kein Ich wird je zum Verständnis des eigenen Volkstums ge- langen, ohne von irgendeiner Seite her ins Reich der Kunst seines Volkes eingedrungen zu sein. Und kein Weg führt rascher zum Versiändnis fremden Volkstums, als der Weg über die Kunst eines Volkes. Der versteht ein Volk noch. nicht, der nur um seine Kunst Bescheid weiß; aber wer von der Kunst eines Volkes nichts weiß, darf sich nicht rühmen, dies Volk in seiner Eigenart zu kennen. Kunstgeschichte also ~ nicht im Sinne eines trockenen Wissens um das, was war und ist, sondern im Sinne eines lebendigen Verständnisses für das Leben und Werden der Kunst – gehört als gleichwertiges und vollwertiges Unterrichtsfach neben die politische Geschichte. Und das um so notwendiger, je rascher das Ich sich, im praktischen Leben, auf den reinen Erwerb einzustellen und jeden Zu- sammenhang mit dem Reiche der Sehnsucht zu verlieren pflegt. Wenn die Kunst im Leben der Gegenwart eine immer kümmerlichere Rolle spielt, so ist daran vielleicht weniger das Tempo und die Einseitigkeit dieses Lebens schuld, als der leidige Mangel, daß die Schule den Menschen der Gegenwart kein engeres Verhältnis zur Kunst übermittelt hat. Die Wortkunst wird Lehrgegenstand schon durch den Sprach- unterricht. Aber es ist, für einen wirklich fruchtbaren Unterricht, notwendig, daß das Gefühl für den innern Zusammenhang zwischen Wortkunst, bildender Kunst und Tonkunst geweckt und gewahrt werde. Begriffen werden kann dieser Zusammenhang nur, wenn die Kunst begriffen wird als reinster und unverfälschter Ausdruck q ZT