IV. Das Jch als Massenteilchen .. zugleich. Keine sollte sich überheben und sich für unentbehrlich halten. Das System arbeitete glänzend! Am Gängelband stetiger Besorgnis, „die Konkurrenz““ könnte mehr erfahren als Jie selbst, wurde jede einzelne Zeitung in der Furcht des Herrn erhalten. Das Ergebnis war, daß es zeitweise kein unabhängiges Denkorgan für die Massen mehr gab. Denn was nicht auf Regierungspolitil! eingeschworen war, war auf Opposition eingeschworen. Das zeitung- lesende Ich konnte sich die Mühe, zu den Angelegenheiten des Staates „Stellung zu nehmen“’, ersparen, denn die Stellung war a priori gegeben. Wohin das führt, haben wir erlebt, als der Staat zusammenbrach und jeder neue Tag uns den Kampf aller gegen alle zu bringen drohte. Wenn die deutsche Zeitung anders werden soll, als sie ist, wenn sie den Aufgaben, die sie im Staatsleben zu erfüllen hat, besser gerecht werden soll als bisher, so muß der Anstoß dazu vom Massenteilchen Ich kommen. Zu dem Ende braucht das Massen- teilchen Ich keine „Reformbewegung“ einzuleiten, es braucht keinen Verein zu gründen zur „Hebung des Niveaus des deutschen Zei- tungswesens“", und es braucht erst recht nicht den Apparat der staat- lichen Gesetzgebung zu bemühen. Es braucht nur zu „,gzwollen“", und es kann sicher sein, daß ein selbstbewußter, beharrlicher, schöpferischer Wille der Leserschaft auf die Zeitung in umbildender Weise rückwirkt. Denn die Zeitung ist zwar „„Denkorgan““ ihrer Leserschaft + wobei es sich natürlich nicht um wissensschaftliches Denken wie das eines Plato oder Kant handelt, sondern um das, was man in der Umgangssprache des Alltags unter Denken versteht ~ aber dieses Denkorgan denkt so wenig für sich allein, wie das Gehirn des einzelnen Menschen ,,denkt‘’. Denken tut immer nur das Ich, ohne sich eines besonderen Organs, das dazu nötig wäre, bewußt zu werden. Ich weiß von meinem eigenen Gehirn gar nichts, und von einem Gehirn, das mir gegenständlich geworden ist, das etwa auf dem Tisch des Anatomen vor mir bloßgelegt wird, werde ich schwerlich behaupten wollen, daß es denke. Dagegen weiß ich sehr genau, daß meine Fähigkeit zu folgerichtigem Denken empfindlich gemindert werden kann, wenn mir etwa ein Zahn weh tut. Das I.