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        <title>Das Ich und der Staat</title>
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            <forname>Paul</forname>
            <surname>Harms</surname>
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        </author>
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            <idno>1689849630</idno>
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        <pb n="1" />
        ~
"
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§
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        f/ F d 4-
        <pb n="3" />
        Paul Harms / Das Jc&lt;&lt; und der Staat
        <pb n="4" />
        Uk t

OU
m...

zum Reichsbürjer
TFRLAG QUELLE &amp; MEYER, LEIPZIG

§ OO J Rs
        <pb n="5" />
        Alle Rechte vorbehalten
Druck von
C. G. Naumann G. m. b. H.
Leipzig
        <pb n="6" />
        Der Cedächtnis
der Blutzergen fär den deutschen Staat
gefallen von französischen
und belgischen Krgeln
im Kampfe des waffenlosen Rechts
gegen die bewaffnete Macht
im Ruhrtkrieg 1928
worin der Deutsche den Cilauber
ar seinen Staat
wiederfand
        <pb n="7" />
        „Revolutionen sind ganz unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend
gerecht und fortwährend wach sind, so daß sie ihnen durch zeitgemäße Ver-
besserungen entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das Not-
wendige von unten her erzwungen wird.

Weil ich nun aber die Revolutionen haßte, so nannte man mich einen
Freund des Bestehenden. Das ist aber ein sehr zweid eutiger Titel,
den ich mir verbitten möchte. Wenn das Bestehende alles vortrefflich, gut
und gerecht wäre, so hätte ich gar nichts dawider. Da aber neben vielem
Guten zugleich viel Schlechtes, Ungerechtes und Unvollkommenes besteht,
so heißt ein Freund des Bestehenden oft nicht viel weniger als ein Freund
des Veralteten und Schlechten.

Die Zeit aber ist in ewigem Fortschreiten begriffen, und die menschlichen
Dinge haben alle funfzig Jahre eine andere Gestalt,
sodaß eine Eimichtung, die im Jahre 1800 eine Vollkommenheit war, schon
im Jahre 1850 vielleicht ein Gebrechen ist.

Und wiederum ist für eine Nation nur das gut, was a us ihrem
eigenen Kern und ihrem eigenen allgemeinen Bedürfnis
hervorgegangen, ohne Nach äffung einer anderen. Denn
was dem einen Volk auf einer gewissen Altersstufe eine wohltätige Nahrung
sein kann, erweist sich vielleicht für ein anderes als Gift. Alle Versuche,
irgend eine ausländische Neuerung einzuführen, wozu das Bedürfnis nicht
im tiefen Kern der eigenen Nation wurzelt, sind daher töricht und alle be-
absichtigten Revolutionen solcher Art ohne Erfolg; d enn sie sind ohne
Gott, der sich von solchen Pfuschereien zurückhält. Jst aber ein wirk-
liches Bedürfnis zu einer großen Reform in einem Volke vorhanden, s o
ist Gott mit ihm und sie gelingt. Er war sichtbar mit Christus
und seinen ersten Anhängern, denn die Erscheinung der neuen Lehre der Liebe
war den Völkern ein Bedürfnis; er war ebenso sichtbar mit Luther, denn
die Reinigung jener durch Pfaffenwesen verunstalteten Lehre war es nicht
weniger. Beide genannten großen Kräfte aber waren nicht Freunde des
Bestehendenz; vielmehr waren beide lebhaft durchdrungen, daß der alte Sauer-
teig ausgekehrt werden müsse, und daß es nicht ferner im Unwahren, Un-
gerechten und Mangelhaften so fortgehen und bleiben könne.“

Goethe zu Eckermann Sonntag, den 4. Januar 1824
        <pb n="8" />
        Das Problem . ....... ..
Ein Jahrzehnt der Auseinandersezung mit dem Staate / Staatsbegriff
und Staatswirklichkeit / Die Krise des Jahres 1923 / Forderungen und
Pflichten / Vom Jch zur Wirklichkeit des Staates

[. Das staatlose Ih...... ............
Warum ,,das‘“ Ich? / Besondere und gemeinsame Merkmale / Dasein in
Raum und Zeit / Räumliche und zeitliche Grenzen des Ichs gegen seine Um-
welt / Hat das Ich Grenzen im Raum? / Hat das Ich Grenzen in der Zeit ?
/ Ist das Ich grenzenlos ? / Lust und Schmerz als Lehrmeister der Grenz-
erkenntnis / Ich und Du / Erziehung des Jchs durch ein Du / Hinein-
wachsen des Ichs in die Raum- und Zeitvorstellung / Das geistige Verkehrs-
mittel vom Ich zum Du / Begrenzte Allgemeinheit der sprachlichen Aus-
drucksform / Die Arbeit der Familie im Dienste der Volksgemeinschaft /
Der Anteil des Staates

I]. Das Ich in staatlicher Erziehung ..................... 11
Selbsterziehung, Familienerziehung, Schulerziehung / Zweck der staatlichen
Schulerziehung / Die Erziehungspolitik des Bismarck-Staates / Die Er-
ziehungspolitik der Weimarer Verfassung / Vernunftgemäße Ziele einer
Reichsschule / Körper und Geist / Das Geheimnis des Sterbens / „Mycho-
physischer Dualismus / Das Bewußtsein der inneren Einheit / Die ,,letten
Fragen‘’ und das Verkehrsmittel der Muttersprache / Die Schule und die
Einheit des Ichs / Oberster Grundsatz der Körperpflege / Christliche Gering-
schätung des Körpers / Renaissance und Reformation / Körperpflege als
sittliche Forderung / Getrennte oder gemeinsame Erziehung? / Geschlechtliche
„„Ausklärung““ / Künftige Mütter und künftige Väter / Die geistige Aus-
bildung / Die Form / Mathematik als Turngerät / Der Unfug der „„Be-
weise‘“ / Beschränkung des Lernstoffes / Die Verkehrsform der Sprache /
Abhängigkeit vom Wort / Das Ich soll die Sprache beherrschen, nicht die
Sprache das Ich / „„Das im Felde zugezogene Leiden“ / Schwerfälligkeit
der Gedankenformung / Tempo des Lebens und Entwicklung der Sprache /
Durchs Aug’ und durchs Ohr / Das Gesetz des Werdens / Die Willkür des
Traumes / Zeitliche Folge und örtliches Zusammenwirken / Jede Wirkung
der Kreuzungspunkt unendlicher Ursachenreihen / Naturwissenschaft und
Technik / Einsicht und Ehrfurcht / Begrenzung der Aufgabe / Die notwen-
dige Reform der Hochschule / Der Jnhalt der Bildung / Geschichte / Als
Selbstzweck oder als Mittel zum Zweck? / Eignes Volkstum und fremdes
Volkstum / Spuren, die schrecken sollten / Gesellschaft, Wirtschaft und
Macht / Reichsgrenzen und Landesgrenzen / Deutscher Staat und Staat der
Deutschen / Die Lebensbedingungen des Deutschtums / Geschichte der völ-
        <pb n="9" />
        Inhalt
kischen Schicksalsgemeinschaft / Der Staat als Willenswesen / Krieg und
Kriegsgeschichte / Die Verflochtenheit der Völkerschicksale / Fremde Spra-
chen / Die englische Weltsprache / Französisch / Das Reich der Sehnsucht /
Kunst als wahrster Ausdruck des Volkstums / Die Kunst der Griechen /
Menschheitsfragen / Die Wissenschaft von den Voraussetzungen aller Wis-
senschaft / Der Fluch des Massenbetriebes / Das Erbübel des Partikularis-
mus / Die Reichsschule als Gegenmittel / Das richtunggebende Ziel /
Volksschule und höhere Schule / Was die Pflicht des Reiches wäre
III. Zwischen Schulpflicht und Bürgerpflicht............... 41
Der alte Staat und das weibliche Ich / Die Erziehung zur Wehrhaftigkeit
/ Die Berechtiqungen / Wehrpflicht als Hemmung des Erwerbstriebes /
Die Peitsche des Siegerkapitalismus / Arbeit als Dasseinszweck / Für den
eigenen Erwerb / Für den fremden Kapitalismus / Und für den Staat /
Das Arbeitspflichtjahr / Wille und Weg / Die Übergangszeit und das neue
Geschlecht / Die „strenge“ Republik / Synthese des Geistes von Weimar mit
dem von Potsdam
] V. Das Ich als Massenteilchen. ... ...... ... ...... 18
Was ist eine Masse? / Anziehung und Abstoßung / Schwerkraft und Ko-
häsion / Zentripetalkraft und Zentrifugalkraft / Der Begriff der Kraft /
Von wannen kommt er dem Ich? / Liebe und Haß / Massen als Rohstoff
des öffentlichen Lebens / Die Notwendigkeit des Hasses / Die Selbstsucht
der Volkspersönlichkeit / Blinde Liebe und blinder Haß / Perversität der
Gefühle / Der Staat als Organ der einen Volksmasse / Organe der Massen
im Staat / Partei und Zeitung
1. Die Zeitung als Denkorgan einer Masse .. .................. ©5
Die Anfänge der Zeitung / Nachrichten- und Klatschblatt / Das Massen-
organ / Zeitung und Leserschaft / Die Anzeige / Abhängigkeit und Unab-
hängigkeit / Der Bezugspreis / „Billig und schlecht“ / Die Nervenkrise des
Zusammenbruchs und ihre Ursachen / Mitschuld der Presse / Unzulänglich-
keit des Außendienstes / Fremde Zeitungsliteratur, aber kein eigenes Urteil
! Außere Politik und inneres Geschäft / Die amtliche Befruchtung / Das
maßgebende Denkorgan / Mehrmaliges Erscheinen / Das Kunstwerk für
einen Tag,/ Firigkeit und Richtigkeit / Uberm Strich und unterm Strich / Die
Zeitung und „„die“ Wahrheit / Der Zwang zur Einseitigkeit / Das Kind
des Tages und sein Standpunkt / Die Form / Das staatsbürgerliche Ich
und seine Kinderfrau / Die Pflicht zur Auseinandersetzung / Wie lese ich
eine Zeitung?
d M e En......
Einheit im Denken und Einheit im Handeln / Staatspersönlichkeit und
Innengliederung / Die Partei als handlungsfähige Masse / Der Begriff

§
        <pb n="10" />
        Inhalt I
Partei nur in der Mehrzahl denkbar / Die Notwendigkeit der
Opposition / „Reichsfeinde‘“ / Ohnmacht der Parteien / Die Auslese der
Führernaturen / Die Entwicklung unter Druck / Politisch-moralische Gegen-
säte / Wechsel der Partei / Gesellschaftliche Absperrung / Parteien als
Sclbstzweck / Und als Mittel zum Zweck / Für das Jch wie für den Staat
/ Bismärckische Methode / Die Schwäche der verbindenden Mittelschichten
/ Die Daseinsberechtigung der Parteien / Mißbrauch der Staatsgewalt /
Engherzigkeit der persönlichen Einstellung / Die Partei und das Ausland /
Die Sünde wider die Natur des Staates / Das gesunde Empfinden des
Engländers / Zufriedenheit und Mißvergnügen als politische Triebkräfte .
Erstarrung / Die unsanfte Lehre der Weltgeschichte / Selbstregierung und
Selbsstverantwortung / Die wirtschaftliche Schichtung und die Parteien /
Aufstieg der Begabten
3. Die Beamtenschaft ..................ÊL.ÛÔÔâÔÔ............
Der alte Staat und die Massenorgane / Führerzucht durch die Beamtenschaft
/ Organ des Staates oder der Machthaber im Staat? / Das Gefühl der
Gottähnlichkeit / Der Beamte und die Selbstregierung / Der Anspruch auf
Versorgung / Das Entweder-Oder / Laß Dir nichts gefallen! / Publikum
und Polizei / Drill oder Erziehung? / Selbstzucht des Ichs / Die Umgangs-
formen der Steuerbeamten / Auch hier Zwang zur Einseitigkeit / Der
„\weltfremde‘/ Richter / Das Buchstabenrecht / Standes- und Berufsgerichte
/ Sinn und Widersinn im Strafrecht / Arbeit als Sühne / Die leidige
Kostenfrage
V. Überstaatliche Bindungen des Ichs ..................... ss
1. Masse ... .;pp5-....5..,6, m m mmctÀXccCcCcccc z::
Das weiße Jch und das farbige Jch / Rassenfremdheit / Die Judenfrage
/ Schwierigkeit der Erörterung / Der Versuch des Kunstwarts / Goldstein
und Lissauer / Avenarius / Die Uneinheitlichkeit der Stellungnahme /
Keine Gefahr für die grundsätzliche Gleichberechtigung / Die drei Schichten
/ Das erste Erlebnis in der deutschen Schicksalsgemeinschaft / Der welt-
bürgerliche Goethe / Ausgangspunkt für die dritte Schicht / Das Problem
der Führung / Wandlungen des jüdischen Ichs / Möglichkeit des Aus-
gleichs / Der deutsche Standpunkt / Notwendigkeit des geistigen Ring-
kampfs / Der Anspruch auf deutsche Führung in deutschen Lebensfragen /
Ein Zug der Schwäche im deutschen Wesen / Die „verfluchte Objektivität
2. Kirche .. .. . .................. r sup s ert nmer site OB
Wie das Ich seinen Gott erlebt / Das Traumerlebnis / Die Erzählung
ters! und die Nachprüfung / Philosophie und Religion / Die Ehrfurcht vor
Ä Ungebundenen / Die Frage nach dem was ist, wenn „„Jch““ nicht mehr
in / Die Antwort des Christentums / Vom Christentum zur Kirche / Kir-
Gersysltraz / Katholizismus und Protestantismus / Erziehung zum Gläu-
igen und Erziehung zur Persönlichkeit / Staatskirchentum und Verhältnis

K
        <pb n="11" />
        X "] Inhalt

zum Staat / Die „„Schwesterkirche‘““ / Protestantische Schwäche und katho-
lische Folgerichtigkeit / Protestantismus und Staatsgedanke / Der Selbst-
mord des Staates / Das Anrecht auf die Jugend / Religionsunterricht unter
eigener Verantwortung der Kirchen / Der „„Widerspruch‘““ / Nicht Zuge-
ständnis, sondern Unterordnung / Der Ausgleich unter staatlichem Zwang
V]. Deutsche Diesseitsreligion................ .me... 114
Auf dem Boden der Tatsachen / Die Zweckbestimmung des Staates / Die
landläufige Ansicht / Das Erlebnis Staat / Das Wesen höherer Ordnung
/ Der Dienst am Staate / Die Todsünde wider den Staat / Der Staat
als Organ der Menschheit / Zu enges oder zu weites Denken / Der Prophet
und sein Vaterland / Das Volkstum als Mittel der Jch-Wirksamkeit /
Die Staatspersönlichkeit zwischen Ich und Menschheit / Weder Staat noch
Ich sind sich Selbstzweck / Die christliche Auffassung / Die christlichen Kir-
chen im und nach dem Kriege / Der Widerspruch / Wie stehen die Massen
dazu ? / Die Leere und das Bedürfnis nach Ausfüllung / Diesseits-Religion
/ Der Glaube an den deutschen Staat / Man hat ihn oder hat ihn nicht /
Die zeitgemäße Nachfolge der Griechen und Römer / Die Grundlage /
Alles sittliche Handeln gerichtet auf den Staat / Das Mittel, für die
Menschheit zu wirken / Der Stoffwechsel im Organismus Staat / Stauung
des Blutumlaufs / Heilwirkungen und Verkrümmungen / Verhütung des
Kampfes Aller gegen Alle / Pflichterfüllung gegen den Staat und Leben
nach dem Tode / Diesseitsreligion und Jenseitsreligion / Engländer, Fran-
zosen und Amerikaner / Die Russen und ihr Staat / Heuchelei und Selbst-
kritik / Die Gefahr, der wir entgangen sind / Der Ruhrkrieg / Die Blut-
zeugen für den deutschen Staat / Der Bekenner Hindenburg

]:
        <pb n="12" />
        Das Problem

D: Jahrzehnt von 1914-1924 ist eine Zeit lebhafter Aus-

einandersetzung des deutschen Ichs mit dem deutschen Staate
gewesen. Von bedingungsloser Hingabe bis zu wütendem Haß haben
die Gefühle des Ichs gegenüber dem Staate so ziemlich die ganze
Stufenleiter durchlaufen. Nur in den Zustand lauwarmer Gleich-
gültigkeit, die vor dem Kriege das satte Ich dem Staat gegenüber
zumeist beherrschte, sind wir noch nicht zurückgesunken. Das Ver-
dienst ist weniger auf unserer Seite, als auf Seiten unserer be-
günstigteren Kriegsgegner, die uns immer noch mit gemischten
Gefühlen der Furcht und der Feindseligkeit im Nacken sitzen und
dafür sorgen, daß das Ich dem Staate viel zu hilfsbedürftig
gegenübersteht, als daß es ihm einfach den Rücken kehren und
ans geliebte Geschäft des Geldverdienens gehen könnte. Wenn
das Schicksal es gut mit uns meint, so kehrt uns jener Zustand
so bald nicht wieder.

Die Gefahr kann gleichwohl noch keineswegs als überwunden
gelten. Dazu gibt es schon wieder zuviel Leute, die nicht recht wissen,
ob sie den Staat überhaupt für eine lebendige Wirklichkeit halten
dürfen, und die es vorziehen würden, in ihm nur einen Hilfs-
begriff grübelnder Staatswissenschaftler oder streitender Politiker
zu erblicken. Im August 1914 war das anders. Damals, als sich
über Nacht eine Welt in Waffen gegen den deutschen Staat auf-
richtete, fühlte jedes deutsche Ich es unmittelbar, daß es ein Stück
seines eigenen Lebens war, das da in Gefahr geriet, zerstört zu
werden. Und noch einmal fühlte jedes deutsche Ich den Boden
unter den Füßen schwanken, als im Herbst 1918 das Gefüge der
deutschen Staatsform ins Wanken kam. Auch damals, als das
Ende nahe zu sein schien, hat ebensowenig jemand an der lebendigen
Wirklichkeit des Staates gezweifelt, der ihn mit in den Abgrund
zu reißen drohte, wie vier Jahre vorher, als jeder bereit war, sein
eigenes Leben für das Leben des bedrohten Staates mit einzusetzen.
Harms, Das Ich und der Staat 1
        <pb n="13" />
        Das Problem
Und noch zu manchem Zeitpunkt der folgenden Jahre, wenn das
Gefüge des Staates auseinanderzukrachen drohte, und der Kampf
aller gegen alle vor der Tür stand, ist in jedem deutschen Ich der
Wille zum Staat erwacht und hat sich dem drohenden Unheil, bisher
mit Erfolg, entgegengestemmt.

Dazwischen loderte hier und da und dort immer wieder die
Unzufriedenheit hell auf mit der neuen Form, die der Staat sich
zu geben bemüht war. Zufrieden war niemand, und nur zu viele
waren immer wieder geneigt, den Staat zu verneinen, nur weil
ihnen seine Form nicht gefiel. Nach der letzten schweren Krise, die
diese Unzufriedenheit mit der unfertigen neuen Staatsform im
Herbst 1923 hervorgerufen hat, schien dann eine gewisse Beruhigung
eintreten zu wollen. Die Auseinandersetzung zwischen dem Ich
und dem Staate, noch weit entfernt davon, beendet zu sein, ver-
zichtete doch auf die Methoden des Faustrechts, auf das Kurz- und
Kleinschlagen dessen, was mißfiel, und lenkte in gesittetere Bahnen
wieder ein. Daß der Staat dem Ich wieder ein Geld, einen Wert-
messec für seine Arbeit bieten konnte, der ihm nicht unter den
Händen zerfloß, hat zur Beruhigung der Gemüter nicht wenig
beigetragen. Alles kommt nun darauf an, ob es gelingt, die Aus-
einandersetzung vor dem Versumpfen zu bewahren, vor dem Ver-
sinken hinter der Jagd nach Erwerb, die vor der gewaltsamen Auf-
rüttelung der Geister im August 1914 unser einziger Daseinszweck
geworden zu sein schien.

So viel ist gewiß: den Staat für sich selbst sorgen zu lassen und
sich derweil selber nach bestem Vermögen die Taschen zu füllen,
kann sich das deutsche Ich heute nicht mehr leisten. Denn der Staat,
dem es auf Gedeih und Verderb verbunden ist, heute wie vor zehn
Jahren, ist nicht mehr die erste Militärmacht der Welt, die sich
eine stattliche Reihe von Irrtümern und Fehlgriffen leisten konnte,
ehe es ihr zum Verderben ausschlug. Der deutsche Staat von heute
sitzt wehrlos wie ein Einsiedlerkrebs im Kreise schwergepanzerter
Nachbarn. Der deutsche Staat von heute ist darauf angewiesen,
daß jedes deutsche Ich ihm bereitwillig zur Verfügung stelle, was
es an Einsicht und Willen für ihn übrig zu haben glaubt. Denn
die Hingabe des deutschen Ichs an den Staat, wie er da auf
deutschem Mutterboden erwachsen ist und schwer um seine neue

i)
        <pb n="14" />
        Das Problem
Lebensform ringt, das ist die einzige Macht, die diesem Staat
noch geblieben ist.

Und immer noch ist das deutsche Ich lebensfähig nur im Schutze
dieses wehrlosen Staates, wie das Herz lebt im Schutze der Rippen
und das Hirn im Schutze der Schädelknochen, die es umgeben.
Auch ein Ich, das vom Staate nichts wisssen will oder ihn gar
verneint, wird unwillig und schilt auf den Staat, wenn er ihm
den Schutz versagt, worauf es Anspruch zu haben meint. Bevor
es aber zu schelten anfängt, sollte es sich fragen: Hast du dem
Staate gegeben, was des Staates ist? Bist du überhaupt fähig,
dem Staate zu geben, worauf er Anspruch hat? Weißt du, was
der Staat von dir zu fordern berechtigt ist, weil, wenn du es ihm
nicht leistest, der Staat auch dir nicht geben kann, was du als
selbstverständlich von ihm erwartest?

Wenn auch noch längst nicht jedes Ich so unbedingt an den
Staat glaubt, um auf diese Fragen mit gutem Gewissen die Ant-
wort geben zu können ~ an sich selbst glaubt doch jedes Ich!
Kein gesundes Ich ~ und hätte es alle philosophischen Systeme
der Gegenwart durchstudiert ~ zweifelt an seinem eigenen Dasein.
Wer also das zurzeit noch recht problematische Verhältnis des Ichs
zum Staat tatsächlich feststellen und neu bestimmen will, wird
gut tun, vom Ich als dem unmittelbar Gegebenen auszugehen ~
in der Hoffnung, von da aus den Weg zu finden zum Staate, wie
er wirklich ist, und nicht zu einem mehr oder minder willkürlichen
Begriff vom Staate.
        <pb n="15" />
        ]. Das staatlose Jch
arum aber „das“ Ich und der Staat und nicht einfach „„Ich“
Miß; der Staat? Weil „Ich““ nur einmal da bin und ,,mein“
Verhältnis zum Staat nur mich angeht und kümmert.

„Das" Ich dagegen ist in unzähligen Exemplaren vorhanden,
und sein Verhältnis zum Staat ist wesentlich für die Möglichkeiten
der Entwicklung, die diesem Staate gegeben sind.

Kein Ich ist einem andern vollkommen gleich. Und doch hat jedes
Ich mit jedem andern Ich wesentliche Merkmale gemeinsam, ohne
die es nicht wäre, was es ist. j

Die unterscheidenden Merkmale müssen bei einer grundsätzlichen
Untersuchung des Verhältnisses des Ichs zum Staat außer Betracht
bleiben, die gemeinsamen Merkmale bestimmen die Natur dieses
Verhältnisses.

Zunächst also: was ist allen Erscheinungsformen des Ichs ge-
meinsam? Im weitesten Sinn und auf den ersten Blick doch wohl
das Dasein in Raum und Zeit. In Raum und Zeit ist auch der
Staat, und es käme zunächst darauf an, die räumlichen und zeit-
lichen Grenzen festzustellen, die das Ich seiner Umwelt, und damit
auch dem Staate gegenüber hat.

Aber — hat das Ich überhaupt Grenzen in Raum und Zeit?
Eine wunderliche Frage! Hier am Tische sitz’ ich. Vor mir steht
ein Teller mit einem Bissen Brot. Kann ein Zweifel daran be-
stehen, daß mein Ich gegen das Brot auf dem Teller räumlich
abgegrenzt ist?

Ich ergreife das Brot mit der Hand, schiebe den Bissen in den
Mund, zerkaue ihn, schluck ihn endlich hinunter. Wo sind die
Grenzen geblieben zwischen meinem Ich und dem Stücke Brot,
das da soeben noch vor mir auf dem Tische lag? Das Brot ist
ein Teil meines Ichs „geworden“’. In welchem Augenblick? Als
ich es mit der Hand ergriff? Ich hätte es ja noch können fallen
lassen! Als sich meine Kinnbacken darüber schlossen? Ich hätte
        <pb n="16" />
        I. Das sstaatlose Ich

es noch einmal aus dem Munde nehmen können! Als meine Zähne
es erstmals entzweischnitten? Ich hätte auch die Teile noch aus-
speien können! Nun denn = als ich die Teile heruntersschluckte?
Ja, das Herunterschlucken hat die Einverleibung in mein Ich
offenbar besiegelt. Aber das Heruntersschlucken ist ein reichlich
verwickelter Vorgang. Und an welcher Stelle dieses Vorgangs liegt
die Grenze, wo Brot und Ich sich vereinigen? Wo ist die Schwelle
eingelassen, die das zerkaute Brot überschreiten muß, um sssein
eigenes, räumlich begrenztes Dasein einzubüßen und in die Körper-
lichkeit meines Ichs einzugehen? Eine befriedigende Antwort auf
diese knifflige Frage kann schwerlich gegeben werden, denn jede
Grenzfestseßung müßte aus reiner Willkür vorgenommen werden,
und Willkür befriedigt auf die Dauer nicht einmal den, der sie übt.

Wenn aber die Grenze, nach deren Überschreitung das Brot ein
Bestandteil meines Ichs wird, innerhalb meines Körpers nicht
bestimmt werden kann, hat sie dann außerhalb meines Körpers ~
jemals bestanden?

Gewiß, als das Brot vor mir auf dem Teller lag, war meine
körperliche Erscheinung von der körperlichen Erscheinung des Brotes
deutlich geschieden. Aber darum handelt es sich ja nicht! Mein
Körper ist noch nicht mein Ich, dazu gehört auch sonst noch
allerlei – so wie die räumliche Erscheinung des Brotes noch nicht
das Brot selbst ist. Ich sah das Brot. Ist alles, was „„Ich“ sehe,
nicht schon ein Bestandteil meines Ichs? Und daß ich das Brot
vor mir auf dem Tische sah, das war das vorläufige Ergebnis
ganzer Reihen von Ursachen und Wirkungen, die in ihrer not-
wendigen Verknüpfung auf diesen Punkt führen mußten. Soweit
„Ich‘! diese Reihen rückwärts verfolgen kann, soweit reicht auch
mein Ich. Wo wäre da eine feste, eindeutig bestimmbare Grenze?

Das Gegenstück: Ich habe mir die Haare schneiden lassen. Ich
sitze inmitten der entschwundenen Pracht meiner Locken, die um
mich verstreut auf dem Boden des Barbierladens herumliegen.
Gehören sie noch zu meinem Ich oder nicht mehr? Von meinem
Körper sind sie getrennt, aber „Ich““ sehe sie noch, „Ich“ kann
sie aufheben und ins Feuer werfen. Und wenn sie verbrannt sind,
und selbst ihr Geruch aufgehört hat, meine Nase zu belästigen
ich weiß doch, es waren „meine“ Haare. Diese grammatische

b
        <pb n="17" />
        I. Das staatlose Ich
Denkform „Es war““ drückt eine Verbindung zwischen mir und
dem, was nicht mehr ist, aus, die nimmer gelöst werden kann.

Mit andern Worten: Grenzen des Ichs im Raum sind für eine
mehr als oberflächliche Betrachtung nicht festzustellen. Jedes Stoff-
teilchen, das dazu bestimmt ist, von irgendwoher durch die feste
Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen in meinen Körper ein-
zutreten, gehört schon zu meinem Ich. Und jedes Stoffteilchen,
von dem ich mir denken muß, daß es einmal mit meinem Körper
verbunden war, bleibt – in der Form des Gewesenseins ~ ein
unlösbarer Bestandteil nicht meines Körpers, wohl aber meines
Ichs.

Und wie steht es um die Grenzen des Ichs in der Zeit? Standes-
amtlich sind sie genau festzustellen, wenigstens im ordnungsliebenden
Deutschland: geboren dann und dann, gestorben dann und dann.
Aber fängt das Ich zeitlich erst mit dem Augenblick der Geburt an?
Ist es nicht vielleicht doch so, wie der spöttisch-\keptische Tiefsinn
eines Wilhelm Busch die Sache darstellt:

Eh’ man auf diese Welt gekommen
Und noch so still vorlieb genommen,

Da hat man noch bei nichts was bei;
Man schwebt herum, ist schuldenfrei,

Hat keine Uhr und keine Eile

Und äußert selten Langeweile.

Allein man nimmt sich nicht in acht,
Und schlupp! Jst man zur Welt gebracht.

In der Tat kann man doch nicht behaupten, das Dasein des Ichs
beginne mit dem Augenblick, wo sein Körper den Körper der Mutter
verlassen hat! Da war es doch vorher schon, auch als mögliche,
körperliche Erscheinung. Und da das Ich als ganzes das Ergebnis
ist der Vereinigung zweier elterlicher Ichs ~ ein Ergebnis, das
vielleicht nur in einem flüchtigen Augenblick zustandeklommt, wo
die elterlichen Ichs ihr Ich-Bewußtsein, das Bewußtsein gesonderten
Daseins, verloren haben ~ so gehören die elterlichen Ichs und
die ganzen Ketten ihrer Vorläufer mit dazu. Nicht anders ist es
mit dem sogenannten Tode des Ichs. Ist Goethe tot? Oder, um
einen zu nennen, dem viele von uns noch in die blauen Augen ge-
schaut haben: ist Bismarck tot? Stehen wir nicht spürbar noch
        <pb n="18" />
        1. Das staatlose Ich
unter der Nachwirkung dessen, was sie „„zu ihren .f ‘at,
getan, geschrieben oder zu tun unterlassen haben Wirkungen aver,
die von einem Ich ausgehen, sind durch kein ittel sci lich; genau -
von ihm abzutrennen, so wie man, durch einen huge etwa,
das Gestern vom Heute abtrennen kann. Und ivas. vom größtes
Ich gilt, gilt auch vom kleinsten. Wer will den Ai nblick: mit- de
Uhr in der Hand festlegen, wo die Wirkungen, die über feiner leib-
lichen Tod hinaus von ihm ausgingen, aufhören spürbar zu sein?

Grenzen des Ichs in Raum und Zeit sind praktische Behelfs-
mittel des alltäglichen Lebens. Auf der unerbittlichen Wahrheits-
suche des kritischen Denkens ist kein Ich imstande, seine eigenen
Grenzen in Raum und Zeit festzulegen.

So wäre das Ich grenzenlos? Doch nicht, vielmehr ist jedes
Ich sich seiner Grenzen nur zu sehr bewußt. Den faustischen Drang
zu fliegen - ohne Maschine, versteht sich — wer hätte ihn zu Zeiten
nicht verspürt? Und warum fliegt „er‘ nicht? Weil er weiß, daß
er es nicht kann. Daß ~ wenn auch nicht unserm Dasein in Raum
und Zeit ~ so doch unserm Vermögen, unserm Wollen sehr be-
stimmte Grenzen gesetzt sind. Von wannen kam dem Ich diese Er-
kenntnis?

Das werdende Ich weiß, auch nachdem es räumlich vom Ich
der Mutter getrennt wurde, noch nichts von Raum und Zeit.
Aber es empfindet den Hunger. Und wird der Hunger nicht gleich
gestillt, so schreit es. Wird ihm dann die Mutterbrust gereicht
oder der Flaschenersat, der mit fortschreitender „Kultur““ mehr
und mehr üblich wird — so saugt es mit sichtbarem Behagen. Es
empfindet Lust, wie es vorher Unlust empfunden hatte, um, mit
dem Zustand erfolgter Sättigung, wieder in die Dämmerung des
Unbewußten zurückzusinken.

Schmerz und Lust sind die beiden großen Lehrmeister, die das
werdende Ich nach und nach, Schritt für Schritt zum Bewußtsein
seiner selbst bringen. Aber kein Schritt wird auf diesem Weg
getan, ohne das Ich gleichzeitig zum Bewußtsein eines Nicht-Ich,
einer Umwelt, eines Du zu bringen.

Das erste Du, das ins dämmernde Bewußtsein des Ichs eintritt,
ist die Pflegerin, die Mutter. Und das Geschrei, wenn sie ausbleibt,
        <pb n="19" />
        1. Das staatlose Ich

und das Lächeln, womit ihr Erscheinen begrüßt wird, erkennen nur
die leidige Tatsache an, daß sie eine Macht ist, die außerhalb der
Grenzen des eigenen Ichs wirkt. Das Ich hat sie nicht in der
Gewalt seines noch unbewußten Willens und macht diese Erfahrung
zu seinem Schmerze so oft, bis ihm der Zustand natürlich geworden
ist. Bis es ihm als selbstverständlich erscheint, daß es nicht allein
da ist, sondern daß außer ihm noch manches andere Ich da ist,
teils beweglich, teils unbeweglich, mit dessen Dasein es sich ab-
finden muß.

In diesem Stadium, wo die Uranfänge der Selbsterkenntnis
dämmern, wird das Ich von denen, die seiner warten, nicht nur
genährt, gewaschen und trocken gelegt und spazieren gefahren,
sondern auch erzogen. Erziehung ist eine stillschweigende Über-
einkunft darüber, daß das Ich als „Ding an sich““ nicht lebens-
fähig ist, sondern daß es zu leben vermag nur als dienendes Glied
eines höheren Organismus. Nur unter dem Druck dieser mehr oder
minder geregelten Erziehung, in Verbindung mit schmerzlichen oder
angenehmen Erfahrungen, die es fortfährt auf eigene Faust zu
machen, gelangt das Ich allmählich zu bestimmteren Raum- und
Zeitvorstellungen.

Kant, der große Entdecker der ,„„Apriorität“” des Raumes, hat
vermutlich nie Gelegenheit gehabt, einen strampelnden Säugling
dabei zu beobachten, wie er seinen eigenen Fuß entdeckt. Er würde
sich sonst der Einsicht kaum haben verschließen können, daß das Ich
ursprünglich nicht einmal eine Anschauung seines eigenen Körpers,
geschweige denn „des Raumes‘ mitbringt.

Auch ein Ich, das sich schon selbständig bewegen kann, muß sich
die Raumanschauung erst mühsam erarbeiten, wie sie sich die
Menschheit vor ihm gleichfalls hat erarbeiten müssen. Das Ich,
das zum erstenmal den strahlenden Vollmond erblickt, wird von
Angstgefühlen ergriffen, wahrscheinlich doch, weil ihm die Erschei-
nung unheimlich nah auf den Leib rückt. Das Ich, dem beim
Spielen der Ball auf den Schrank geflogen ist, schleppt sein Kinder-
stühlchen herbei, um ihn herunterzuholen; daß das Maß, das es
damit seiner eigenen Länge zusetzt, auch nicht entfernt ausreicht,
erfährt es mit Überraschung.

Die ersten dunklen Anfänge einer Zeitvorstellung erwachsen viel-

.
        <pb n="20" />
        I. Das sstaatlose Ich t
leicht im Zusammenhang mit geregelter Nahrungszufuhr ~ und
mit dem Zwang zu geregelter Betätigung des Gegenteils. Sonst
aber lebt das Ich, das schon ausgebreitete Studien im Raum ge-
trieben hat, noch lange zeitlos dahin. Zwischen gestern, heute und
morgen lernt es erst verhältnismäßig spät unterscheiden, und würde
es nie lernen, wenn nicht die Umwelt, in und mit der es lebt, es
dazu nötigte.

Ob eigene. Erfahrung ein Ich, das sich selbst überlassen bliebe,
mit Notwendigkeit zur Anschauung eines dreidimensionalen Raumes,
zur Vorstellung einer, an räumlichen Entfernungen meßbaren Zeit
führen würde wer wills glaubhaft nachweisen?

Tatsache ist, daß das Ich durch Erfahrung und Erziehung in die
Anschauung von Raum und Zeit hineingezogen wird, die die Kultur-
menschheit sich im Lauf ungezählter Jahrtausende erarbeitet hat.
Diese Arbeit, das werdende Ich in Formen hineinzuziehen, die für
das Leben in und mit der Kulturmenschheit unentbehrlich sind, leistet
die Familie.

Der Raum ist innerhalb der Kulturmensschheit die allgemein
gültige Form des Seins, die Zeit die allgemein gültige Form des
Werdens. Außerdem bedarf die Kulturmenschheit noch einer Form
für den Verkehr von Ich zu Ich. Diese Form mit allgemeinster
Gültigkeit, wie die Raum- und Zeitvorsstellung zu entwickeln, ist die
Kulturmensschheit nicht imstande gewesen. Die Allgemeinheit reicht
hier nur bis zur Grenze der Volksgemeinschaft. In ihrem Dienst
übermittelt die Familie dem werdenden Ich das geistige Verkehrs-
mittel der Sprache.

Ob ein Ich auch ohne Erziehung lernen würde, sich in Raum und
Zeit zurechtzufinden, darüber mag man allenfalls streiten; daß kein
Ich ohne Erziehung eine Sprache sprechen lernen würde, darf man
hoffentlich als unbestrittene Tatsache hinstellen.

Das Innenleben des werdenden Ichs, soweit es sich durch Be-
obachtung erschließen läßt, ist von Haus aus gänzlich formlos. Die
Ausdrucksformen, die das wachsende und gedeihende Ich seinem
Innenleben aus Eigenem gibt, sind für die Mitwelt nur teilweise
erfreulich, jedenfalls für einen geregelten Verkehr auf die Dauer
unbrauchbar. Durch den kaum merklichen Zwang unausweichlicher
Gewöhnung wird das Ich genötigt, in die weitreichende Verkehrs-
        <pb n="21" />
        ' I. Das staatlose Jch
form der Sprache hineinzuwachsen, die die Familie spricht.

Durch die Muttersprache ~ die Sprache, die es von der Mutter
gelernt hat ~ wird das Ich zugleich, der Regel nach, für immer
an das Volk gebunden, in das es hineingeboren wurde.

Es ist eine ungeheure Arbeit, die von beiden Seiten, von der er-
ziehenden Familie wie vom lernenden Ich, hier fast spielend geleistet
wird. Namentlich von Seiten des Ichs erreichen die Leistungen
innerhalb des gleichen Zeitraumes schwerlich je wieder die Summe,
wie in der Spanne von der Geburt bis zum Abschluß etwa des
sechsten Lebensjahres.

Der Staat kümmert sich während dieser Zeit um das Ich im
allgemeinen nur insoweit, als er sein Erscheinen in diesem irdischen
Jammertal gewissenhaft zu Protokoll nimmt. Außerdem hält er
darauf, daß es mit Erfolg geimpft werde. Aber diese gutgemeinte
Einflußnahme bezweckt nur, das werdende Ich vor Schaden zu
bewahren, nicht ihm ein dauerndes Gepräge zu geben.

| i
        <pb n="22" />
        11. Das Jch in staatlicher Erziehung

enn das Ich sich weder räumlich noch zeitlich abgrenzen ~
WMrrs auch nicht abschließen + kann, wenn das Ich gefühls-
mäßig das Dasein einer Umwelt erkennen und anerkennen muß,
worüber es keine Macht hat, wovon es aber bis zur Hilflosigkeit
abhängig ist; so darf das Ich sich nicht darüber beschweren, daß zu
seiner Zeit auch ein so unbekanntes Wesen wie der Staat die Hand
nach ihm ausssstreckt.

Das Ich beschwert sich auch kaum, es wundert sich höchstens und
begrüßt den ersten Eingriff des Staates in sein Leben, den Zwang,
zur Schule zu gehen, je nach Anlage und Familienerziehung mit
Freude oder Verdruß.

So wenig das Ich ursprünglich von Raum und Zeit weiß, so
wenig weiß es von Pflichten. Das Ich hat von Haus aus keinerlei
Drang zur Hingabe, es ist ausschließlich beherrscht von Selbstsucht.
Aber das Ich, das allein den Antrieben überlassen bleibt, die ihm
seine Selbstsucht gibt, sein eingeborener Drang, sich, nur sich zu
erhalten und zu steigern, geht zugrunde. Daraus erwächst der
Familie das Naturrecht der Erziehung, das Recht, die Selbstsucht
des Ichs soweit zu verneinen, wie es zum Gedeihen des Ichs not-
wendig ist.

Dasselbe Recht, die natürliche Selbstsucht des Ichs zu verneinen
und in bestimmte Grenzen zurückzudrängen, nimmt der Staat für
sich in Anspruch, wenn er das Ich zwingt, von seiner freien Zeit —
die es bisher zum Spiel verwenden konnte ~ einen angemessenen
Teil ihm zu opfern und in der Schule und mit Arbeiten für die
Schule zu verbringen. Warum spielt das Ich? Weil es im Spiel
vorhandenes Können übt und neues Können hinzugewinnt. Spielen
ist Selbsterziehung. Spielend gibt daher auch die Familienerziehung

ihr Bestes.

“rss nun der Staat der Meinung ist, daß Selbsterziehung und
Familienerziehung nicht genügen, daß vielmehr zu gegebener Zeit
die Schulerziehung hinzuzutreten habe; so muß der Staat damit
        <pb n="23" />
        [; II. Das Jch in staatlicher Erziehung

doch einen bestimmten Zweck verfolgen. Dieser Zweck kann kaum
ein anderer sein als der: das Ich tauglich zu machen für die Auf-
gaben, die es im Staat und für den Staat einmal zu erfüllen haben
wird. Zweck der staatlichen Schulerziehung kann vernünftigerweise
nur sein, jedes einzelne Ich zum möglichst brauchbaren Staats-
bürger heranzubilden.

Wir Deutschen kennen den Staat in der Einzahl, den deutschen
Staat, erst seit dem 18. Januar 1871. Aber der staatliche Groß-
betrieb, der damals für den Umfang Kleindeutschlands eingerichtet
wurde, kümmerte sich um die Schule überhaupt nicht. Er begnügte
sich dabei, daß die ihm angeschlossenen 25 Kleinbetriebe den staat-
lichen Schulzwang hatten. Mit andern Worten: die Bismarckssche
Reichsverfassung überließ die staatsbürgerliche Erziehung des heran-
wachsenden Ichs vertrauensvoll dem Partikularismus, dem deutschen
Erbübel. Und die schwere Niederlage, die der Bismarckssche Staats-
gedanke im Kulturkampf erlitt, traf den Gedanken einer deutschen
Reichsschule, wo er von weltfremden Zeitgenossen etwa noch gepflegt
wurde, tödlich. Zum Geldmachen, zum Wirtschaften, zur „,fried-
lichen“ Eroberung des Weltmarktes, die die Losung des Tages
wurde, war die deutsche Reichsschule allenfalls zu entbehren. Dafür
gab der Partikularismus sein Außerstes an Kraftanstrengung auch
her. Nur die Feuerprobe eines Kampfes auf Tod und Leben durfte
dem Volke, das den Partikularismus jeder Art, den dynastischen,
den wirtschaftlichen, den gesellschaftlichen, den parteipolitischen, liebe-
voll gezüchtet hatte, statt ihn erziehungspolitisch zu überwinden, nicht
zugemutet werden. In der Generalquittung, die uns im November
1918 über unsere politische Unreife ausgestellt wurde, ist auch eine
Sonderquittung über die Abwesenheit jeder weitblickenden, reichs-
deutschen Schulpolitik enthalten. Wenn wir nicht imstande gewesen
sind, in den vier Jahrzehnten freier Entwicklung, die das Welt-
geschehen der Bismarckschen Reichsschöpfung bewilligt hatte, so
etwas wie ein reichsdeutsches Staatsvolk heranzubilden, so hängt
die Abwesenheit jeder Reichsschulpolitik damit aufs engste zusammen.

Es ist die Stärke des politisch denkenden Deutschen sonst nicht,
aus der Vergangenheit zu lernen. Ihm ist vielmehr ein starker
Hang zu dem Aberglauben eigen, daß die Fehler der Vergangenheit
dazu da seien, von jedem der nachkommenden Geschlechter getreulich

§2,
        <pb n="24" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung 18
wiederholt zu werden. Die Weimarer Verfassung dagegen hat hier
den Versuch unternommen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu
lernen. Sie hat die allgemeine Schulpflicht unter ihre Bestimmungen
aufgenommen, hat über ihre Durchführung eine Reihe von Grund-
sätzen aufgestellt und die Zusammenfassung alles Grundsätzlichen in
einem Reichsschulgesetz in Aussicht genommen. Kurzerhand die
Reichsschule zu schaffen, hat auch sie, in weiser Erkenntnis ihrer
eigenen Schwäche, nicht gewagt.

Hat es doch in den sechs Jahren, die seit der Verabschiedung der
Weimarer Verfassung verflossen sind, nicht einmal zur Schaffung
des Reichsschulgesetzes gelangt! Die Folge davon ist, daß der wieder-
erslarkte Partikularismus sich aufs neue der Schule bemächtigt hat
und daß der Staat, der die allgemeine Schulpflicht verfügte, heute
über das Mittel nicht verfügt, den Zweck zu erreichen, den er dabei
vernünftigerweise allein im Auge haben konnte: das Ich zum
brauchbaren Staatsbürger zu erziehen. Die Länder haben Staats-
schulen, der deutsche Staat hat keine. Für die Zukunft des Erbübels
der Deutschen ist besser gesorgt, als für die Zukunft des Reiches,
für die Heilung des Übels ist auf dem Papier einiges, in der Praxis
nichts getan.

Wer gleichwohl an dem Gedanken festhält, daß die Erziehung
des Ichs zum Staatsbürger Sache ,„des‘’ Staates, also des Reiches
wäre, dem bleibt bei sotaner Sachlage nichts übrig, als sich die Frage
vorzulegen: was für Ziele eine Schule sich stecken müßte, die nicht
Preußen, Bayern, Sachsen, sondern künftige Bürger des Deutschen
Reichs erziehen will.

Deutsche Schulen vermittelten ursprünglich nur geistige Bildung,
und noch etwa bis 1890 galt auf den höheren Schulen + die doch
immer das. Vorbild abgeben werden ~ der Turnunterricht als
minderwertig. Welcher Gymnasialdirektor der „guten alten“ Zeit
hätte nicht die zwei wöchentlichen Turnstunden mit Vergnügen
zwischen Griechisch und Latein aufgeteill! Wenn heut eine Gefahr

besteht, so ist es schon eher die entgegengesetzte: daß die körperliche
Ausbildung einseitig überschätzt wird. Kein Streit braucht darüber
zu sein, daß ein Volk, dem die allgemeine Wehrpflicht, seine eigenste
Schöpfung, genommen worden ist, Ersatz dafür in einer gesteigerten
        <pb n="25" />
        " II. Das Jch in staatlicher Erziehung
körperlichen Ausbildung seiner Jugend auch in der Schule zu suchen
hat. Nur darf man nicht vergessen, daß das Ziel unmöglich sein
kann, Preisringer, Preisläufer und Preisboxer auszubilden, sondern
~ soweit davon heute noch die Rede sein kann + harmonische
Menschen.

Weder der Körper noch der Geist allein macht einen ganzen
Menschen aus. Körperliche sowohl wie geistige Leistungen sind
Erscheinungsformen des einen unteilbaren Ichs. Die landläufige
Auffassung geht ja dahin, den Körper als eine Art von Flasche zu
betrachten, in die der Geist hineingefüllt worden. Der Geist, ur-
sprünglich nur spärlich vorhanden, nimmt im Laufe des Lebens zu,
um srchließlich, man weiß nicht recht wohin, zu verduften; übrig
bleibt das leere Flaschengehäuse. Wobei dann die kleine Selbst-
täuschung unterläuft, daß man sich den Geist doch nur als etwas
verdünnt Körperliches, Gasförmiges oder Nebelhaftes vorstellt. Etwa
wie auf dem erbaulichen Bild aus der frommen Helene:

Hier sieht man ihre Trümmer rauchen.
Der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen.

Aber wenn die landläufige Vorstellung recht hat, brauchen wir
keine Wissenschaft. Das Gefühl, daß die landläufige Vorsstellung
unzulänglich ist, ist genau so lebendig wie die Vorstellung selbst.
Der verbreitetste Ausdruck dieser Unzulänglichkeit ist die Furcht vor
dem Tode und vor dem, was nach dem Tode sein wird. Da jedes
Ich sich nicht nur im Selbstbewußtsein, sondern auch als körperliche
Erscheinung erlebt, so fürchtet es, unwillkürlich, dies Erlebnis auch
noch im Tode haben zu müssen. Die meisten Menschen kommen nie
über die beängstigende Wahrnehmung hinweg, daß – wenn der
Geist des Menschen bereits, wie sie sagen „„entwichen““ ist + der
Körper scheinbar unverändert liegen bleibt.

Ist es aber wirklich „der‘“ Körper noch, den sie gekannt haben,
als der Geist ihn ,,beseelte‘‘? Is der tote Körper nicht ganz etwas
anderes, als der lebende war? Liegt die scheinbare Gleichheit, die
uns so viel zu schaffen macht, nicht zumeist in dem Worte Körper,
das wir gewohnheitsmäßig auf beide anwenden, ohne uns der
ungeheuern Verschiedenheit bewußt zu werden?

Wir werden uns der ungeheuern Veränderung, die da vor sich
gegangen ist, immer nur bei ganz wenigen Toten bewußt, bei solchen

] 4
        <pb n="26" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung . 5
nämlich, die uns im Leben außergewöhnlich nahe gestanden haben.
Was ist es, das uns da, beim Anblick eines geliebten Toten, so
gewaltig ergreift, daß wir erschüttert von der „Majestät des Todes““
sprechen? Doch das Bewußtsein, daß ein etwas, dem wir gewohn-
heitsmäßig noch den alten Namen geben, sich so von Grund auf
gewandelt hat, daß es uns fremd, ehrfurchtgebietend fremd geworden
ist. In solch einem Augenblick bildet sich schwerlich jemand ein, mit
der Erklärung, daß da aus dem Körper nur etwas „entwichen“ sei,
dem Rätsel des Todes beikommen zu können.

Ebensowenig dürfen wir uns einbilden, dem Rätsel des Lebens
dadurch beikommen zu können, daß wir es mit dem pomphaften
Zunftwort vom ,,psycho-physischen Dualismus““ verzieren. Gewiß,
unter entsprechendem Aufwand an ähnlichen Worten läßt sich daraus
sogar ein ganzes System bereiten, ein System des Materialismus
oder ein System des Spiritualismus, ein System für oder ein
System gegen die Einheit von Körper und Geist. Aber wieviel Leute
auch immer bereitwillig glauben mögen, es sei wieder etwas „,er-
klärt“ oder „bewiesen““’ worden, wenn einem alten Problem ein
neuer Name gegeben wird, wenn etwa der Olymp der Hellenen durch
einen Olymp von Heiligen, und der Olymp von Heiligen durch einen
Olymp von „,,Energien““ ersetzt wird, oder wenn sich der handfeste
alte Stammes- oder Stadtgott zu einem Ismus, zum Monotheismus
erweitert und der Monotheismus zum Monismus verflüchtigt ~
erklärt und bewiesen ist damit im Grunde nur, „„daß wir nichts
wissen können““.

Das Rätsel des Seins, das Rätsel des Werdens, das Rätsel des
Denkens + wir werden’s nimmer lösen. Wer sein körperliches und
sein geistiges Sein nicht empfindet als Erscheinungsformen des einen
unteilbaren Ichs, dem wird man diese Einheit und Unteilbarkeit mit
keinen Mitteln „beweisen““ können. Mit dem soll man sich aber auch
nicht in eine Unterhaltung über diese Dinge einlassen. Denn diese
Dinge führen an Grenzen heran, die kein Ich überspringt oder auch
nur streift, ohne in Gefahr zu kommen, das Gleichgewicht zu ver-
lieren. Da gibt es schließlich keinen andern Halt mehr, als das
Bewußtsein der innern Einheit. Wer es nicht hat, tut besser, diese
Grenzgebiete zu meiden.

Und auch wer es zu haben glaubt, der sollte sich ihnen nahen nur

1-:
        <pb n="27" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung
an Hand des verläßlichen Verkehrsmittels der Muttersprache. Denn
unzulänglich, wie Worte nun einmal sind, um das flüchtige Ge-
dankengut zu fassen – in den Worten der Muttersprache ist es
immer noch am besten geborgen. Wenn ich sage „ich denke‘’, so sind
die Zweifel, worum es sich handeln könnte, zwischen zwei deutschen
Ichs auf ein Mindestmaß herabgedrückt. Wenn ich dagegen vom
„denkenden Subjekt“ irgend etwas aussage, so ist dem Irrlichtelieren
schon ein Hinterpförtchen geöffnet. Woher es auch kommt, daß die
Philosophie „letter Fragen‘“ so ungern auf den Gebrauch zunft-
mäßiger Fremdwörter verzichtet.
r

Brauchbare, das heißt in sich gefestigte Staatsbürger wird die
Schule nur erziehen können, wenn sie die Einheit des Ichs als ge-
geben hinnimmt und durch ihre Erziehung zu erhalten trachtet. Dann
aber wird sie die körperliche Ausbildung des Ichs ebensowenig ein-
deutig betonen dürfen, wie frühere Zeitalter die geistige Ausbildung
einseitig betonten.

Jede Einseitigkeit wird am ehesten vermieden werden, wenn die
Schule alles, was sie für die körperliche Ausbildung des ihr anver-
trauten Ichs zu tun geneigt ist, unter den Gesichtspunkt der Körper-
pflege bringt. Achte deinen Körper, denn er gehört nicht dir,
sondern der Gemeinschaft, in der du lebst, und für die du
lebst; das ist der oberste Grundsatz, der sich aus diesem Gesichts-
punkt ergibt. Es war der Grundsatz des klassischen Altertums, dessen
Ideal das harmonisch durchgebildete Ich gewesen ist. Es war der
Grundsatz, den das aufsteigende Christentum am schärfsten verneinte,
indem es das ganze irdische Dasein für wertlos erklärte und nur als
Vorbereitung für ein zeitloses Leben nach dem Tode wollte gelten
lassen. Denn das Christentum war Abkehr vom Staate der Gegen-
wart und seiner Herrenmoral, es baute seinen Zukunftsstaat, mit
ewiger Qual und ewiger Seligkeit, jenseits der Schranken dieser
Zeitlichkeit auf.

Damit griff das Urchristentum dem Staate der Gegenwart an die
Wurzeln seines Daseins, und es ist kein Wunder, daß der Staat
jener Gegenwart, das Römerreich, sich das nicht gutwillig wollte
gefallen lassen. Aber das Christentum eroberte sich die rechtlosen
Massen, und über die Massen von unten her den Staat.

1 ß
        <pb n="28" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung 17

Als das Christentum Staatsreligion geworden war, machte es
seinen Ausgleich mit dem weltlichen Staate: theoretisch galt der
Körper des Ichs weiter als minderwertiger Ballast, den abzutöten
verdienstvoll sei; praktisch wurden diesem Ballast oft mehr als die,
für das Staatsleben unerläßlichen Zugeständnisse gemacht. Aber das
siegreiche Christentum, das sich in der Erscheinungsform der Kirche
selbst einen Körper von beträchtlicher Erdenschwere zugelegt hatte,
erhob das ganze Mittelalter hindurch den Anspruch, auch das Leben
des Staates bestimmend zu regeln. Von daher ist das Leben der
abendländischen Völker belastet mit einer theoretischen Gering-
schätzung der Pflege des Körpers, die für breite Schichten heute noch
keineswegs überwunden ist.

Erst die Renaissance brachte die körperliche Erscheinung des Ichs
auch theoretisch, auch grundsätzlich wieder zu Ehren. Die Renaissance
ist Auflehnung der Laienwelt gegen den Anspruch des Kirchen-
regiments, auch das Eigenleben des weltlichen Staates bestimmend
zu regeln. Erst die Renaissance hat den freien Staat wieder entdeckt,
in ihren Anschauungen wurzelt unsere Anschauung vom Staat. Und
wie die Renaissance im harmonisch ausgebildeten Fch wieder den
brauchbarsten Staatsbürger erblickte, so auch die Gegenwart.

In den Schulen, die die Reformation – diese rein religiöse
Gegenbewegung gegen das Kirchenregiment – gegründet hat, spielt
Körperpflege dagegen keine Rolle. Sie kann, als gleichberechtigtes
Bildungsziel für den werdenden Staatsbürger, eine Rolle spielen
überhaupt nur in der reinen Staatsschule. Denn Körperpflege als
sittliche Forderung + darüber muß man sich selbst nur nichts vor-
machen ~ hat mit der für uns maßgebenden Religion, mit dem
Christentum, nichts zu tun, im Gegenteil, sie widerstreitet der grund-
sätzlichen Einstellung des Christentums zum Dasein in der Zeit-
lichkeit.

Wer also, im Ausblick auf eine harmonische Durchbildung des
Ichs, die Körperpflege für ebenso wichtig hält wie die Geistespflege,
der wird schon von hier aus die reine, von keinen außerstaatlichen
Einflüssen abhängige Staatsschule fordern müssen. Auch die reine
Staatsschule wird aber nicht umhin können, gerade hier der Tatsache
Rechnung zu tragen, daß das Ich gemeinhin in zwei Ausgaben vor-
Harms, Das Ich und der Staat 2
        <pb n="29" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung

kommt, einer männlichen und einer weiblichen. Soll man sie auf
der Schulbank trennen oder gemeinsam erziehen? Da die männlichen
und .weiblichen Ichs später im gleichen Staat miteinander aus-
kommen müssen: warum eigentlich nicht? Nachdem doch der Staat
Männer und Frauen grundsätzlich als gleichberechtigt anerkennt! Der
alte Staat, der die allgemeine Wehrpflicht hatte, konnte und mußte
Unterschiede machen. Und da er der Frau nicht die gleichen Pflichten
gegenüber dem Staat auferlegte wie dem Mann, ihr dafür auch
allerlei Rechte vorenthielt, so hatte der Streit darum, ob man
Knaben und Mädchen gemeinsam oder getrennt erziehen solle,
wenigstens einen Sinn. Im Staate dagegen, der die staatsbürger-
lichen Rechte und Pflichten an Frauen und Männer gleichmäßig ver-
teilt, hat dieser Streit jede grundsätzliche Bedeutung verloren. Und
um Grundsätze ~J nicht um Einzelheiten der Ausführung ~ handelt
es sich hier. Grundsätze für die Erziehung künftiger Staatsbürger
aufzustellen, ist Sache der Allgemeinheit; die praktische Durch-
führung ist Sache der Fachleute, und wenn sie, aus Gründen ört-
licher oder zeitlicher Zweckmäßigkeit, die getrennte Erziehung beibe-
halten, so ist das ja immer noch kein Verstoß gegen den Grundsatz,
daß der Staat der Gegenwart, seiner eigenen Natur entsprechend,
die gemeinsame Erziehung nicht wohl verbieten kann.

Gerade bei der körperlichen Ausbildung aber wird zu gegebener
Zeit eine getrennte Behandlung des männlichen und des weiblichen
Ichs vielleicht ~ vielleicht auch nicht, das wird nur die Praxis ent-
scheiden können nicht zu umgehen sein. Man hat seinerzeit leiden-
schaftlich gestritten um die Frage der „sexuellen Aufklärung““ in der
Schule. Diese Frage bekommt ein wesentlich anderes Gesicht, wenn
die körperliche Ausbildung unter den Gesichtspunkt einer Körper-
pflege gestellt wird, deren oberstes Gebot heißt: Mißhandle deinen
Körper nicht, denn er gehört nicht dir! Erfolgreich wird hier
wie überall nur ein Zusammenwirken von Schule und Familie zum
gleichen Ziele hin sein können. In einer Familie, wo natürliche
Dinge natürlich, also weder zimperlich noch roh behandelt werden,
wird das ,,sexuelle‘“ Problem bis zum schulpflichtigen Alter kaum
eine Rolle für das werdende Ich spielen. In der Schule wird alles
darauf ankommen, daß allmählich das Pflichtbewußtsein des Ichs
gegen sich selbst entwickelt wird, bedingt durch die Pflichten, die das

| Q
        <pb n="30" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung ;
Ich gegen die Gemeinschaft, gegen den Staat hat. Und hier wird
sich eine gewisse Scheidung, mit fortschreitender Entwicklung, ver-
mutlich von selbst aufdrängen.

So demokratisch kann ja keine Demokratie ausgebaut werden, daß
das Kindergebären reih'um ginge! Das weibliche Ich wird daher,
ohne daß es mit der Nase auf gynäkologische Einzelheiten gestoßen
zu werden braucht, dem Pflichtziel entgegenzuführen sein, daß es
sich dem Staat als eine künftige Mutter von tauglicher Beschaffen-
heit zu erhalten habe. Und dem männlichen Ich kann es nicht früh
genug und nicht tief genug in die Seele geschrieben werden, daß ein
Schuft ist, wer ansteckendes Krankheitsgift leichtfertig auf unge-
borene Geschlechter vererbt. Gegen Fehlgeburten und Geschlechts-
krankheiten, die beiden Hauptübel, die die Lebenskraft des Volkes
zerfressen, wird alle spätere Aufklärung nichts fruchten, wenn nicht
auf der Schulbank schon im Wesen des werdenden Ichs das Gebot
tief verankert worden: Achte deinen Körper, um deiner selbst willen
und um derer willen, die aus dir und nach dir kommen
sollen!

Daß solch eine körperliche Ausbildung, mit dem Ziel der Körper-
pflege aus Selbstachtung, nicht als einseitiger Drill zu erreichen ist,
liegt auf der Hand. Sie wird ihr Ziel annäherungsweise – und um
mehr als eine Annäherung kann es sich bei so hoch gesteckten Zielen
nicht handeln — nur erreichen können, wenn die körperliche Aus-
bildung begriffen wird als die eine Seite der harmonischen Aus-
bildung des Ichs, die den lebendigen Zusammenhang mit der andern
Seite nie preisgibt.

Die andere Seite, die geistige Ausbildung des Ichs zum denkbar
tauglichsten Staatsbürger, sieht, da Rechte und Pflichten gleich
sind oder doch gleich sein sollen, getrennte Wege für das
männliche und das weibliche Geschlecht erst recht nicht mehr vor
sich. Da die Frau staatsbürgerlich nicht mehr aufs Haus beschränkt
ist, so kann auch der Hausfrauenberuf, obwohl er für die meisten
Frauen praktisch überwiegen wird, die staatliche Erziehung des weib-
lichen Ichs doch nicht unterschiedlich vom männlichen bestimmen.
Wie den praktischen Notwendigkeiten Genüge zu tun ist, bleibt ein
Kapitel für sich.

10
g
        <pb n="31" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung

Eine zweckmäßige geistige Ausbildung muß naturgemäß ein
Doppelziel verfolgen: zweckdienlichste Form mit dem zweckdienlichsten
Inhalt zu füllen. Die Ausbildung wird also für's erste darauf
einzustellen sein, die geistigen Fähigkeiten des Ichs rein formal zur
denkbar höchsten Leistung tauglich zu machen. Das geeignetste Turn-
gerät für diese Übung ist die Mathematik. Und zwar aus dem
einfachen Grunde, weil sie von allen Eigenschaften, die ein Ding
haben kann, nur seine Form .berücksichtigt. Reine Mathematik hat
es nur mit dem Dasein im Raum zu tun, und zwar mit dem Dasein
eines Dinges als eines raumfüllenden Körpers. Stellt man sich
Körper im Raume vor, von vollkommener Gleichheit der Erscheinung,
derart, daß an ihnen keinerlei unterscheidende Merkmale, sei es der
Gestalt, der Farbe, des Gewichts, der stofflichen Beschaffenheit mehr
wahrzunehmen sind, so bleibt dem betrachtenden Ich doch das Be-
wußtsein ihrer Zahl, das Bewußtsein, daß es mehrere seien, auch
wenn sich die bestimmte Zahl nicht auf den ersten Blick feststellen
läßt, Mit Formen im Raum, mit Raumgrößen, und dem, was im
Bewußtsein des Ichs übrig bleibt, wenn Raumgrößen keine Unter-
schiede der Form mehr aufzuweisen haben, mit Zahlen, befaßt sich
die reine Mathematik.

Weil sie es nur mit einer einzigen Eigenschaft der Dinge, mit ihrer
Form im Raume zu tun hat, deshalb herrscht in der reinen Mathe-
matik eine Gesetzmäßigkeit und Folgerichtigkeit der Entwicklung, wie
in keiner andern Wissenschaft. Sowie noch eine zweite Eigenschaft,
die Schwere, hinzutritt und die reine Mathematik auf die Mechanik
der Körper „angewandt“ wird, ist es mit der strengen Eindeutigkeit
und der krisstallenen Durchsichtigkeit vorbei. Nichts ist also so ge-
eignet, den Geist des Ichs zu folgerichtigem Denken anzuhalten, wie
reine Mathematik. Man muß nur = nichts beweisen wollen! Man
muß das lernende Ich nur alles, aus der Betrachtung der reinen
Form, selbst finden lassen! Reine Mathematik soll nicht beweisen,
sondern überzeugen. Und es heißt, das Denken des werdenden Ichs
vergewaltigen, wenn man ihm ,,beweisen““ will, die kürzeste Ent-
fernung zwischen zwei Punkten sei die gerade Linie. Dem natürlichen
Denken — einem Denken also, das beginnt, sich aus der Anschauung
loszulösen, vorerst noch, ohne in die Wortform der Sprache einzu-
gehen — ist allein die hilfreiche Mitteilung gemäß: die kürzeste

2(0)
        <pb n="32" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung 21
Verbindung zwischen zwei Punkten „nennen wir“, nach stillschwei-
gender Übereinkunft, gerade Linie. Zwei Gerade, die sich niemals
schneiden, „nennen wir“ parallele Linien. Wie kann man ,,beweisen'“
wollen, daß im Dreieck die Summe der Winkel stets gleich zwei
Rechten ist? Wer's nicht glaubt, wem die Sache gleichgültig bleibt,
für den ist der schlüssigste „jBeweis““ nicht beweiskräftig. Das Ich
aber, dem man ein lebendiges Interesse für die Frage abgewonnen
hat, indem man es auf die Suche schickt, und dem man's ,,ein-
leuchtend““ gemacht hat, daß es immer als Summe zwei Rechte
finden werde; das wird den Satz, wenn auch gänzlich „unbewiesen!“
festhalten, nicht als mechanisch angelernte Weisheit, sondern als
brauchbaren Besitz fürs Leben.

Wenn Mathematik der Schrecken so vieler Schüler war, so liegt
das vermutlich nur an der Methode, wonach sie gelehrt wurde.
Gegen die Vergewaltigung, ihm etwas ,,beweisen““ zu wollen, was
es vernünftigerweise nur „einsehen“ kann, lehnt sich das Ich un-
willkürlich auf, und es sind nicht die unbrauchbarsten Ichs, bei denen
diese Auflehnung am heftigsten ist. Daß es aber gesunde Ichs
geben sollte, denen die Grundtatsachen der reinen Mathematik nicht
einleuchtend zu machen wären, die also für Mathematik, wie die
Bequemlichkeit sich zu sagen gewöhnt hat, von Haus aus „unbe-
gabt““ seien, ist vermutlich krasser Aberglaube. Die eigentliche Un-
begabtheit hat hier wohl in erster Linie bei der Lehrmethode gelegen,
die das Pferd beim Schwanz aufzäumte und eine Fähigkeit, die erst
entwickelt werden sollte, als gegeben voraussetzte.

Daß Klarheit der Anschauung und Folgerichtigkeit des Denkens
jedem gesunden Ich anerzogen werden können, ist doch die Voraus-
setzung aller Erziehung überhaupt! Wenn der Staat nicht mit gutem
Gewissen damit rechnen dürfte, daß dies möglich ist;z woher wollte
er die Berechtigung nehmen, jedem Ich die schulmäßige Erziehung
zwangsweise aufzuerlegen? An keinem Gegenstand aber wird sich
Klarheit der Anschauung und Folgerichtigkeit des Denkens so sicher
entwickeln lassen, wie an den Grundtatsachen der reinen Mathematik,
die sich nur mit einer einzigen Eigenschaft der Körper, mit ihrer
Form, befassen und daher die Anschauung nicht ablenken und das
Denken nicht verwirren. Nur sollte es, für die Zwecke des Schul-
unterrichts, eben auch bei den Grundtatsachen sein Bewenden

",
        <pb n="33" />
        ] II. Das Jch in staatlicher Erziehung

haben. Der formale Bildungswert der Mathematik, der von keinem
andern Lehrgegenstand übertroffen wird, läßt sich gerade in den
einfachsten Sätzen der Arithmetik und der Geometrie am wirk-
samsten ausmünzen. Und ebendies erhöht nur den Bildungswert
der Mathematik: daß es einer Überlastung mit Lernstoff dabei gar
nicht bedarf, im Gegenteil, daß eine unnötige Verbreiterung des
Lernstoffes der bildenden Wirkung im Weg ist. Unnötig aber ist
hier alles, was nicht jedermann zum Leben gebraucht. Was nuv
ein enger Kreis in seinem besondern Berufsleben verwerten kann,
ist für den Schulunterricht Ballast. Denn ~ das war der Aus-
gangspunkt —~ er soll nicht Mechaniker, Baumeister, Techniker,
Versicherungsbeamte, Astronomen heranbilden, er soll das Ich zum
Staotsbürger erziehen. In seinem Beruf als Staatsbürger aber
gebraucht das Ich weder Logarithmen noch trigonometrische Funk-
tionen.

Ein im feuchten Sande spielendes Kind, das mit einer Hohlform
Kuchen backt, mag wohl eine Vorstellung davon haben, daß diese
Sandkuchen, die es da nebeneinandersetzt, einander gleich sind.
Jedenfalls kann der Satz, daß zwei Größen untereinander gleich
sind, wenn sie einer dritten gleich sind, einem werdenden Ich aus
der Anschauung einleuchtend gemacht werden, bevor es imstande ist,
mit der in Worte gekleideten Tatsache etwas anzufangen. Beim
Bauen mit dem Baukasten, wenn etwa für ein Dach mehrere Trag-
pfeiler aus kleineren Klötzen gleich hoch aufgebaut werden müssen;
beim Nähen von Puppenkleidern, wenn zwei gleichlange Ärmel oder
Hosenbeine geschnitten werden müssen, wird der Satz angewandt,
ohne daß davon die Rede ist. Es geht also auch ohne mathematische
Formulierung, aber es geht auf die Dauer nicht ohne Worte.
Innerhalb der staatlich organisierten Kulturmenschheit ist ein be-
sonderes Verkehrsmittel für den Geistesverkehr vom Ich zum Ich
auf die Dauer nicht zu entbehren, die Sprache. In diese Verkehrs-
form der Sprache wird das Ich schon durch die Familienerziehung
so vollständig hineingezogen, daß es sich nach und nach gewöhnt,
bewußt nur mehr in Worten zu denken. In seinen Ursprüngen aber
war das Denken sicher nicht an Worte gebunden, und auch das
fortgeschrittene Ich vermag immer noch ohne Worte zu denken;

I 9
        <pb n="34" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung
nur wird es, sobald es sich seiner Denktätigkeit: bewußt wird, den
Denkinhalt unwillkürlich in Worte fassen. Ja, das Wort beherrscht
die Denktätigkeit schließlich so sehr, daß ein literarisch gebildetes Ich
sich einer Vorstellung kaum mehr bewußt wird, ohne sogar das
Schriftbild des Wortes vor sich zu sehen, womit die Vorstellung in
der Sprache bezeichnet wird.

Welche Wege die innere Entwicklung des Ichs hier im Einzelnen
einschlägt, kann auf sich beruhen bleiben. Maßgebend ist, daß das
Denken des Ichs mit fortschreitender Entwicklung immer abhängiger
wird von der Sprache. Soll also die Verkehrsform der Sprache
nicht das Denken des Ichs zuletzt völlig beherrschen, so wird das
Ich beizeiten lernen müssen, die Sprache vollkommen zu beherrschen.
Formale Beherrschung der Muttersprache, bis in die letzten Möglich-
keiten des Ausdrucks hinein, die sie bietet, ist für das Ich, das als
dienendes Glied im Staat und mit dem Staate leben soll, eine
Notwendigkeit.

Der formale Bildungswert der Mathematik liegt in der Möglich-
keit, das Ich zur Klarheit und Folgerichtigkeit des Denkens, sozu-
sagen im Verkehr mit sich selbst zu erziehen; der formale Bildungs-
wert der Sprache liegt in der Möglichkeit, es zur Klarheit und
Folgerichtigkeit des Denkens im Verkehr mit andern Ichs zu er-
ziehen. Wie nötgi gerade dem deutschen Ich diese Erziehung isst,
kann und braucht hier nicht ausführlich begründet zu werden. Doch
stehe ein Beispiel, das jedem von uns im Kriege und in den Nach-
kriegsjahren tagtäglich aufgestoßen ist, hier für beliebig viele. In
unzähligen Todesanzeigen, auch aus sogenannten gebildeten Kreisen,
marschierte „das im Felde zugezogene Leiden‘’, oder gar das „im
Felde sich zugezogene Leiden‘“ auf, woran der Gatte, Sohn oder
Bruder gestorben war. Die leichtflüssige Formung „„an einem

Leiden, das er sich im Felde zugezogen hatte, starb ...'" bringt auch
der gebildete Normaldeutsche schriftlich so leicht nicht fertig. Sein
Denken unterliegt da innern Hemmungen, die es ihm auch sonst
in den meisten Lagen schier unmöglich machen, sich einfach, klar
und gemeinverständlich auszudrücken.

Es ist ein Nationalübel. Der Deutsche denkt in Substantiven.
Allenfalls in Adjektiven, die das Substantivum näher erläutern.
Wie die Soldaten, die er nicht mehr hat, läßt er sie immer noch in

03
        <pb n="35" />
        1 II. Das Jch in staatlicher Erziehung
langen, endlosen Reihen aufmarsschieren, bis seine Gedanken über
ihre eigenen Beine stolpern. Daß die Sprache, um Bewegung aus-
zudrücken, eine besondere Wortform, das Verbum, ausgebildet hat,
das hat der Normaldeutsche vergessen, wenn er's je gewußt hat.
Unter dieser Schwerfälligkeit der Formung leidet aber mit Natur-
notwendigkeit das Denken selbst. Wenn das Denken schon an die
Form der Sprache gebunden ist, so muß es da verkümmern, wo die
Form nicht rasch und leicht genug gehandhabt wird, um dem
natürlichen Tempo des Denkens folgen zu können. Einem Volke,
das minder schwerfällig und begriffsstutzig in seinem
Denken gewesen wäre, als das deutsche, hätte die flinke
und gewandte Lügenpropaganda des Landesfeindes im
Kriege nicht halb so zusetzen können, wie sie es uns getan
hat. Und man soll nur nicht überlegen lächeln, wenn auch hieraus
und gerade hieraus die Notwendigkeit abgeleitet wird, den Unter-
richt in der Muttersprache, als einen organischen Bestandteil staat-
licher Erziehung, mit ganz andern Augen anzusehen, als es bisher
auch da üblich war, wo man ein Herz für die Muttersprache hatte.
Entweder, die Masse deutscher Ichs lernt sich geistig fixer drehen
und wenden, als es des Landes bisher der Brauch war, oder das
Tempo des Lebens der Kulturmenschheit, das sich von Jahr zu
Jahr — nicht mehr von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, oder gar erst von
Jahrhundert zu Jahrhundert! ~ merkbar steigert, geht doch noch
über uns hinweg.

Man kann eine Fähigkeit — glücklicherweise! ~ nicht formal
ausbilden, ohne ihrer Betätigung einen Inhalt zu bieten. Man
wird, schon um kostbare Jugendkraft nicht unnütz zu vergeuden, bei
der staatlichen Erziehung streng darauf zu achten haben, zur for-
malen Bildung unentbehrlicher Fähigkeiten nur solchen Stoff zu
verwenden, der für das praktische Leben gleichfalls unentbehrlich ist.
Also bei der Mathematik nur das, was jedermann wissen muß, um
mit dem Tempo des Lebens von heute Schritt halten zu können.
Und bei der Sprache? Kein Ich wird eine Sprache, auch seine
Muttersprache nicht, völlig beherrschen lernen, wenn es nur von
außen her in die Mechanik ihres grammatischen Gefüges eingeführt

D /
        <pb n="36" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung 5
wird. Auch die Sprache ist ein lebendiger Organismus, und Herr
wird ihrer nur, wer sich ihren Geist von innen heraus erobert.

Ein Gewordenes, in ständiger Wandlung Begriffenes kann ich
mir von innen heraus nur erobern, wenn ich in die Vergangenheit
zurückgehe. Wie weit, darüber mag man streiten, aber zurückgehen
muß ich. Wir sprechen schon anders als Gottfried Keller und
Gustav Freytag sprachen. Keller und Freytag sprechen anders als
Kleist und Grillparzer sprachen, Kleist und Grillparzer anders als
Goethe und Schiller. Goethe und Schiller anders als Lessing,
Lessing anders als Luther. Aber auch vor Luther gibt es klassische
Denkmäler deutscher Sprache, einer Sprache, die noch nicht fest
aufs Papier gebannt war und nur durchs Auge einging; einer
Sprache, die den Zeitgenossen noch lebendig ins Ohr klang, mit einer
Melodie, wofür uns das Gehör fast völlig abhanden gekommen ist.
In dieser mittelhochdeutschen Sprache sang Walther von der Vogel-
weide seine Lieder und Sprüche, ward Nibelungenlied und Gudrun
gedichtet. Und dahinter ragt, als ein düsterer und ehrwürdiger
Trümmerblock, das althochdeutsche Hildebrandslied auf, worin uns
vielleicht ein Stück aus uraltem, indogermanischem Erbe künstlerisch
gestaltet erhalten blieb. Daneben steht die gotische Bibelübersetzung
des Wulfila, eine germanische Kulturtat, deren innerer Zusammen-
hang mit der deutschen Kulturtat Luthers einem deutschen Ich, das
in die geistigen Grundlagen seines Staates, seines Volkstums
hineinwachsen soll, nicht vorenthalten bleiben dürfte.

Eine zusammenhängende, wenn auch nur lose zusammenhängende
Kenntnis des Werdens der Muttersprache, das ist die Forderung,
die sich aus der Notwendigkeit, die Muttersprache formal beherrschen
zu lernen, von selbst ergibt. Das Endergebnis aber ist, neben der
formalen Fähigkeit, die Herrschaft über eine Fülle geistigen Gehaltes,
die dem Ich, das ein brauchbarer, ein nützlicher Bürger des deutschen
Staates werden soll, genau so unentbehrlich ist wie die formale
Herrschaft über das geistige Verkehrsmittel der Sprache.

In der reinen Mathematik stehen die Raumgebilde zeitlos neben-
einander, als gegebene Tatsachen, die das Ich hinzunehmen hat,
wie sie sind. Aus diesem ihrem Dasein einleuchtende Folgerungen
zu ziehen, ist die Aufgabe des mathematischen Denkens. Im gei-

Q ;
        <pb n="37" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung.

stigen Verkehrsmittel der Sprache wird dem Ich kein ein für allemal
Gegebenes vorgelegt, sondern ein Gewordenes, das in der Volks-
gemeinschaft lebendig lebt, sich in jedem Augenblick aus sich heraus
erneut und neuen Wandlungen entgegenstrebt. Wie es ward, läßt
sich ein gut Stück nach rückwärts verfolgen. Wir gewinnen dadurch
tiefen Einblick in den Geist unseres Volkstums, Einblick in das all-
gemeine Gesetz dieses Werdens aber gewinnen wir nur sehr kümmer-
lich. Warum die Sprache sich wandelt, und warum gerade so, wie
sie sich gewandelt hat, das ist eine Frage, die sich aus bloßer Neben-
einanderstellung der geschichtlich gegebenen Tatsachen nicht beant-
worten läßt.

Und doch lebt in der Kulturmenschheit die feste Überzeugung, daß
allss Werden sich nach einem bestimmten Gesetz vollziehe, dem-
zufolge, wenn die Ursache gegeben sei, die Wirkung zeitlich folgen
müsse. Dies Gesetz ist der Leitfaden, woran das Ich sich in seiner
Umwelt zurechtzufinden sucht. Das Gesetz des Werdens ~ oder
Gesetz der Kausalität, wie der gebildete Deutsche lieber sagt — gilt
nicht mehr, wenn das Ich sich so weit in sich selbst zurückzieht, wie
es ihm, freilich nur unwillkürlich, möglich ist: wenn das Ich schläft.
Dann wandeln sich im Traume die Erscheinungen ohne zureichenden
Grund. Sonst aber, im Wachen, verlangt das Ich für jede Willens-
regung, die es wahrnimmt, einen zureichenden Grund, und für jede
neue Erscheinung, die in seinen Gesichtskreis tritt, eine wirkende
Ursache. Und spricht doch nie von Ursache und Wirkung, wenn auf
eine Erscheinung die andere so sicher folgt, wie auf den Tag die
Nacht oder auf den Sommer der Winter! Da scheint mit der land-
läufigen Formung des Gesetzes, daß, wenn das eine gegeben sei,
das andere folgen müsse, also auch etwas nicht zu stimmen.

In der Tat handelt es sich beim Gesetz von Ursache und Wirkung
nicht um eine einfache Folge. Ich lege einen Schneeball auf den
warmen Ofen, wo er schmilzt. Ich sage: die Wärme des Ofens ist
die Ursache, daß der Schnee schmolz. Was ist hier die Wirkung?
Eine Wasserpfütze auf dem Ofen. Und die Ursache? Weder der
Schneeball allein, noch die Ofenwärme allein, sondern das örtliche
Zusammenkommen von beiden. Wie aber geschah das? Ich mußte
zu dem Ende hinausgehen in den Garten und eine Hand voll Schnee
greifen und zusammendrücken, und vorher mußte der Schnee ge-

2 (
        <pb n="38" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung F:
fallen sein, und damit Schnee fallen konnte ~ ja das möge die
Meteorologie sagen, was da alles vorhergehen mußte. Und den
Ofen mußte das Mädchen heizen, indem es Papier hineinlegte und
Holz und darauf Briketts, und dann ein brennendes Streichholz
daranhielt. Wie die Kohle in den Handlungsbereich des Mädchens
kam, und wie das Holz und das Papier und das Streichholz, das
ist je wieder eine lange Geschichte für sich, die sich mannigfach ver-
zweigt und, wenn sie gewissenhaft zu Ende geführt werden soll,
einfach nicht auszudenken ist.

Man sieht schon an diesem einen Beispiel: keine Wirkung ist die
einfache Folge einer einfachen Ursache. In jeder Wirkung macht sich
vielmehr der Kreuzungspunkt mehrerer unendlicher Reihen von ur-
sächlichen Erscheinungen bemerkbar. Und da die Umwelt eines Ichs,
allgemeiner Überzeugung nach, nun einmal aus lauter Wirkungen ~
aus lauter Ergebnissen gesetzmäßigen Werdens + besteht, erscheint
es als unumgänglich notwendig, dem werdenden Ich die formalen
Mittel mit auf den Weg zu geben, sich in den Irrgängen des un-
endlichen Werdens seiner Umwelt einigermaßen zurechtzufinden.

Naturwissenschaft im weitesten Umfang nennen wir das Bestreben
des Ichs, seine Umwelt an Hand des Gesetzes von Ursache und
Wirkung als ein Gewordenes zu begreifen. Nutzbringend angewandte
Naturwissenschaft nennen wir Technik. Diese Technik durchdringt
das Leben jedes Ichs in solchem Umfange, daß, im naturwissen-
schaftlichen Unterricht, der sachliche Bildungsinhalt den formalen
Bildungswert nur zu leicht unterdrücken wird. Unsere Kinder
unterhalten sich miteinander durch den Fernsprecher in einem Alter,
wo wir Älteren noch keine Ahnung davon hatten, daß es so etwas
einmal geben würde. Paulinchen mit dem Feuerzeug ist eine
gänzlich veraltete Struwelpeter-Geschichte. Erstens haben wir Sicher-
heitsstreichhölzer, die sich nur an ,,präparierter Reibfläche‘“ ent-
zünden, und zweitens läuft Paulinchen, wenn’s dunkel wird, zum
Schalter und ,,knipst“" sich das Licht an. Nicht nur in der Stadt,
sondern in weitem Umfang auch schon auf dem Lande.

Alle „Errungenschaften‘““ der Technik aber sind Ergebnisse einer
Erfindertätigkeit, einer Sucher- und Findertätigkeit, die sich, ge-
leitet vom felsenfesten Glauben an das Gesetz von Ursache und
Wirkung, in bisher unbekannte Gebiete der Umwelt vorgetasstet hat.

t);
        <pb n="39" />
        . TI. Das Jch in staatlicher Erziehung

Zur harmonischen Ausbildung eines Ichs gehört, daß es Bescheid
darum wisse, wie eine Erfindung nicht gemacht wird: indem man
wie Hjalmar Ekdal träumend auf dem Sofa liegt; daß es eine
Ahnung davon habe, welch ungeheure Summe von Geistesarbeit in
unentbehrlichen Gegenständen des täglichen Gebrauches steckt, wie
einer Taschenuhr oder einer Schreibfeder; daß es sich eine Vor-
stellung davon machen könne, was Dampf und Elektrizität für
unser Leben bedeuten, und wie sie zu dieser Bedeutung gekommen
sind; und daß es nicht im Zweifel darüber sei, ob der Mond im
Osten oder im Westen aufgeht.

Zur harmonischen Ausbildung gehört aber auch, daß das Ich sich
seiner Umwelt gegenüber nicht überhebe, indem es ssich einbildet,
schon so viel zu wissen, daß der Tag nicht allzu fern mehr sei, wo
es alles wissen werde; daß es die Wunder aus altehrwürdigen Über-
lieferungen nicht hochmütig wegspotte oder rationalistisch erkläre
und achtlos vorübergehe an den unerklärlichen Wundern des All-
tags, wie Wasser überm Feuer sich in Dampf verwandelt oder in
der Winterkälte in festes Eis, wie in regelmäßigem Wechsel von
Blühen, Verwelken und Wiederaufblühen die Jahreszeiten einander
folgen, wie zu Zeiten über das Stückwerk der Menschenhand Mächte
elementarer Zerstörung hereinbrechen, denen kein Menschengeist ge-
wachsen ist. Das harmonische Ich soll seine Umwelt verstehen und
meistern lernen, und zugleich doch nie die Ehrfurcht verlieren vor
dem, was sich seinem Verständnis und seiner Meisterschaft entzieht,
und wovon es selbst nur ein abhängiger Teil ist.

Dies Ziel wird im schulpflichtigen Alter nur zu erreichen sein,
wenn der Unterricht sich nach Möglichkeit auf die praktische Seite
der Naturwissenschaft, auf praktische Erklärung der Erscheinungen
beschränkt, und die theoretische Seite der Hochschule überläßt. Es
genügt, wenn der Schulunterricht das Ich befähigt, zu natur-
wissenschaftlich-technischen Problemen, die ihm im Leben auf Schritt
und Tritt begegnen werden, die Stellung einzunehmen, die dem
Stande der Menschheitskultur entspricht, statt ihnen hilflos oder
unwillig den Rücken zu kehren. Es kann aber nicht Aufgabe
eines, auf Erziehung zum Staatsbürger eingestellten
Unterrichts sein, dem Hochschulunterricht vorbereitende
Arbeit abzunehmen. Wenn der Hochschulunterricht unserer Tage

DK
        <pb n="40" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung s
noch viel zu sehr darauf eingestellt ist, daß die Schule ihm den
lästigsten Teil der vorbereitenden Arbeit besorge, so ist das kein
Grund dafür, daß es immer so bleiben müsse. Und wenn die Schule
der Zukunft, die deutsche Reichsschule, nicht möglich ist ohne Reform
der Hochschule, so wird auch dies Kräutlein Rührmichnichtan zu
seiner Zeit wohl daran glauben müssen. Ewig können wir den
romantischen Ballast, der in der Verfassung und der Arbeitsweise
unserer Hochschulen steckt, ohnedies nicht mitschleppen.

Diese Erkenntnis kann nur vertieft werden, wenn man, von der
Form zum Inhalt fortschreitend, auch hier an dem Ziele festhält:
das Ich zum tüchtigen Staatsbürger zu erziehen. Das Ziel wird
schwerlich je zu erreichen sein, wenn nicht mit dem Grundsatz ge-
brochen wird, daß die Hochschule den künftigen Lehrer erst einmal
zum Gelehrten zu erziehen habe. Wie dann aus dem Gelehrten ein
Lehrer wird, das — bleibt mehr oder minder dem Zufall anheim-
gestelle. Umwege, die über den Zufall führen, können wir uns
aber kaum noch leisten, wenn wir noch einigermaßen zur rechten
Zeit ein Staatsvolk unter Staatsvölkern werden wollen.

Grundsätzlich kann jedenfalls nur daran festgehalten werden, daß
das Ziel dafür maßgeblich ist, welche Forderungen an die staatliche
Erziehung des Ichs zu stellen sind. Und wenn die formale Aus-
bildung aller Fähigkeiten des Ichs den künftigen Staatsbürger nicht
aus den Augen verlieren darf, so muß die Erfüllung der Form mit
angemessenem Inhalt erst recht auf dies eine Ziel eingestellt sein.
Was also tut einem Ich, dessen formales Können zweckmäßig ent-
wickelt worden, zu wissen not, damit es dies Können, nach Maßgabe
seiner besondern Eignung, in den Dienst des Staates stelle? Oder
— um nicht nur eine obere, sondern auch eine untere Grenze abzu-
stecken — damit es sich dem Staate bei all den Dienstleistungen nicht
versage, die der Staat von ihm verlangen kann?

Offenbar gibt es, um dahin zu gelangen, keinen andern und auch
keinen bessern Weg, als daß die staatliche Schulerziehung dem Ich
ein möglichst vollkommenes Verständnis für das Wesen und das
Werden des Staates beibringe, wovon das Ich ein dienendes Glied
werden soll. Mit voller Hingabe werde ich meine Fähigkeiten immer
nur einer Sache widmen können, die mir im Kern ihres Wesens

90
        <pb n="41" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung
vertraut ist. Und im Kern ihres Wesens kenne ich eine Sache nur,
wenn ich weiß, wie sie das geworden ist, was sie heute ist. Wenn
ich also auch, soweit das menschlicher Einsicht gegeben ist, eine Vor-
stellung davon habe, wohin der Gang der weiteren Entwicklung ge-
richtet ist.

Geschichte des eigenen Volkes und seines Staates, das wird also
der wesentliche Inhalt des staatlichen Unterrichts sein müssen. Aber
eine Geschichte, die den deutschen Staat und sein Volk, so wie sie
heute sind, zunächst einmal als das dem Ich Gegebene anerkennt
und sie in der Sonderart ihres Seins zu verstehen trachtet. Und
keine Geschichte, die, in mehr oder minder grauer Dämmerung, bei
Ägyptern und Babyloniern, bei Griechen und Römern anfängt, und
die dann, in ein bereits fertiges System der Kulturmenschheit, mit
einer höflichen Entschuldigung gewissermaßen, auch das eigene Volk
eintreten läßt. Nein, das eigene Volkstum nur kann die gesicherte
Grundlage abgeben, von der ausgehend das werdende Ich sich in
der Geschichte zurechtfinden mag, ohne Gefahr, sich selbst zu ver-
lieren. Natürlich kann ich die Geschichte des eigenen Volkes nicht
verstehen lernen, ohne mich auch mit der Geschichte anderer Völker
zu beschäftigen. Aber es macht, für die Charakterbildung des Ichs,
einen großen Unterschied, ob ihm die Beschäftigung mit der Ge-
schichte fremder Völker als Selbstzweck aufgenötigt wird, oder ob
sie ihm nur ein Mittel zum Zweck bleibt, Wesen und Werden des
eigenen Volkes vollkommen verstehen zu lernen.

Muß das aber nicht zur Einseitigkeit, zur Selbstüberschätzung,
zum Größenwahn, zum Nationalismus und Chauvinismus führen?
Nein, es muß durchaus nicht. Ob es dahin führt, hängt ganz von
der Methode ab, wie der Unterricht betrieben wird. Ist es die
Methode, die vom eigenen Volkstum als der gegebenen Grundlage
ausgeht und in fremdes Volkstum nur so weit einzudringen ver-
sucht, als es zum Verständnis des eigenen Volkstum nötig ist, so
wird sie das Ich vor nationalistischer Selbstüberhebung sicher be-
wahren. Sicherer vermutlich als eine Methode, die es sich zur Auf-
gabe gesetzt hat, fremdes Volkstum um seiner selbst willen zu ver-
stehen. Denn diese Methode verfolgt ein phantastisches Ziel, das
das Ich zwar entwurzeln, ihm nimmermehr aber Ersatz für den
Mutterboden geben kann, worin es gewachsen ist. Die Erlebnisse des

3()
        <pb n="42" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung 31.
letzten Jahrzehnts sollten gerade uns Deutsche doch von dem Irr-
wahn kuriert haben, als könnten Völker einander überhaupt „ver-
stehen“’. Jedes Volk versteht einigermaßen nur sich selbst, sucht
daher auch beim andern immer nur die Beweggründe, die es selbst
in ähnlicher Lage als für sich maßgebend empfinden würde. Das
Verständnis des Ichs aber reicht jeweils nur in wenigen Fällen bis
an die Grenzen des eigenen Volkstums, geschweige denn darüber
hinaus. Was darüber hinauszuführen scheint, ist in der Regel Ein-
bildung oder Mißvergnügen. Die Fälle, wo ein Ich wirklich in
fremdes Volkstum eingedrungen, gar darin aufgegangen ist, sind
zu zählen und werden ~ wie etwa der Fall Lafkadio Hearn ~ als
Merkwürdigkeit mit Recht sehr eigen gewertet. Zum Aufgehen in
fremdem Volkstum braucht es der Regel nach mehrerer aufeinander
folgender Geschlechter.

Wenn dem so ist, wenn das Durchschnitts-Ich mit seiner Fähigkeit
zum Verstehenlernen knapp bis an die Grenzen des eigenen Volks-
tums reicht, dann kann es doch keinen größeren Wahnsinn geben,
als einen Geschichtsunterricht, der dem werdenden Ich den Boden
des eigenen Volkstums, als des allein Gegebenen, unter den Füßen
wegzieht und ihm statt dessen allerlei fremdes Volkstum der Reihe
nach unterzuschieben versucht. So aber ist der Geschichtsunterricht
des Geschlechtes gewesen, das vor und im Weltkrieg auf den
führenden Stellen gestanden und ~ entsprechend bestanden hat.
Dies Führergesschlecht, das überwiegend noch in den siebziger und
achtziger Jahren auf der Schulbank gesessen hat, ist in chaldäischem
und persischem, in griechischem und römischem Volkstum heimisch
gewesen, ehe es den festen Boden reichsdeutschen Volkstums unter
den Füßen hatte. Und die Spuren dieser Methode sollten dermaßen
schrecken, daß wir uns gar nicht weit genug von ihr entfernen
könnten.

Es hat eine deutsche Gesellschaft gegeben, ehe es eine deutsche
Wirtschaft gab. Und es hat eine deutsche Wirtschaft gegeben, ehe
ein Deutsches Reich da war. Wirtschaftskörper und Machtkörper
des Deutschen Reiches fallen seit 1871 zusammen. Aber der deutsche
Gesellschaftskörper, die gesellige Einheit derer, die deutsch sprechen
und sich als Deutsche fühlen, ist auch heute noch wesentlich um-
        <pb n="43" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung
fangreicher als der Macht- und Wirtschaftskörper. Infolgedessen
ziehen durch den Körper der deutschen Gesellschaft nicht nur die
wagerechten Scheidewände der verschiedenen Wirtschaftsschichten,
sondern auch die senkrechten Scheidewände der Reichsgrenzen, und
innerhalb der Reichsgrenzen, der Landesgrenzen.

Muß das so sein? Das gewiß nicht, es gibt Staaten und Völker
genug, wo es anders ist. Der Idealzustand wäre vielleicht da, wo
Gesellschaftskörper, Wirtschaftskörper und Machtkörper einander
decken. Jedenfalls ist es kein Vorzug, wenn der Gesellschaftskörper
größer ist als der staatliche Machtkörper, das heißt, wenn beträcht-
liche Teile der Volksgemeinschaft nicht im eigenen Staat, sondern
in fremden Gemeinschaften hausen. Das aber ist die deutsche Eigen-
art, und sie verstehen zu lernen, zu begreifen, wie es so gekommen
ist, und warum es so gekommen ist, daß es heute einen deutschen
Staat, aber noch keinen Staat der Deutschen gibt, und daß es
innerhalb des deutschen Staates noch allerhand deutsche Staaten
gibt — das ist das Wichtigste, was ein werdendes deutsches Staats-
bürger-Ich zu lernen hat. Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen
und machtpolitischen Lebensbedingungen des Deutschtums, wie sie
heute sind, und wie sie so geworden sind, müssen jedem Ich ver-
traut werden, wenn es in den Stand gesetzt werden soll, dem Staate
zu geben, was des Staates ist.

Also Geschichte der Vergangenheit, nicht um der Vergangenheit
willen, sondern um der Zukunft willen. Daher Geschichte der völ-
kischen Schicksalsgemeinschaft, und nicht Geschichte der Fürsten und
ihrer kriegerischen Heldentaten. Aber doch keine Unterschätzung ge-
rade der Kriegsgeschichte! Es ist kein Zufall, daß die Erinnerung
an kriegerische Gewaltanstrengungen so fest im Gedächtnis der Völker
haftet. Der Volksstaat, der das Ziel staatlicher Entwicklung zu
sein scheint, und den so viele Völker schon verwirklicht haben, nur
die Deutschen noch nicht, ist ein reines Willenswesen. Triebhafter
Wille eines Organismus, der über dem Einzel-Ich steht und es in
der millionenfachen Form seines Daseins zusammenhält, ist das,
was den Staat im Innersten bewegt. Im Krieg, im Volkskrieg
aller Zeiten, und mehr denn je im Volkskrieg der Gegenwart, ist
dieser Wille aufs äußerste gespannt. Im Kriege besteht ein Volk
die wahre Kraftprobe dessen, was es zu leisten fähig ist. Daher

9
        <pb n="44" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung :
haftet das Gedächtnis gesunder Völker mit Liebe an den kriege-
rischen Höchstleistungen, die sie vollbracht haben, allen Greueln zum
Trotz, die als Begleiterscheinungen davon unzertrennlich sind. Und
daher ist Verständnis für Zweck und Wesen des Krieges notwendig
für jedes Ich, das dem Staat einmal bedingungslos, und nicht nur
unier Vorbehalt eines Mindestmaßes eigenen Wohlbefindens, dienen
soll und will.

Wer von der gegebenen Plattform des eigenen Volkstums aus
in die Vergangenheit eindringt, um sich das Verständnis dafür zu
erarbeiten, wie dies Volkstum geworden ist, der erkennt rasch, wie
kein Volk für sich da ist, sondern wie die Schicksale der Völker
einander wechselseitig bedingen. Heute, wo der Verkehr in einem
Maße verdichtet und beschleunigt worden ist, das sich die
Menschen vor hundert Jahren noch nicht vorstellen konnten, mehr
denn je. Aber zu keiner Zeit, die wir einigermaßen noch durch-
forschen können, ist das, was wir mensschliche Gesittung, Kultur
im weitesten Verstande nennen, das Ergebnis der Arbeit eines
Volkes gewesen. Es war und ist das Ergebnis des Miteinander-
und Gegeneinanderarbeitens von Völkern gewesen, die durch ihre
Lebensbedingungen auf freundnachbarliche oder feindliche Ausein-
andersetzung angewiesen waren. Der Weg zur gegenwärtigen Kultur,
ohne die kein Ich, das in sie hineingeboren worden, sich sein Leben
vorstellen kann, führt über Blumenwiesen und durch Blutströme,
über lichte Höhen und durch schaurige Abgründe, und er ist gesäumt
mit den Leichensteinen der Völker, die an seinem Rande liegen
blieben. Zur jeweils erreichbaren Höhe geht es für das einzelne
Ich nur mit dem eigenen Volke, schon weil sich das Ich der Mensch-
heit nur durch das Medium eines Volkstums verständlich machen
kann. Es ist nicht wahrscheinlich, daß das anders werden wird,
selbst wenn alle Welt Esperanto lernt.

Um der Verflochtenheit der Völkerschicksale willen wäre es wün-
schenswert, daß ein deutsches Ich nicht nur die deutsche Sprache,
sondern auch die Sprache aller der Völker beherrschte, die uns
Deutschen benachbart sind. Man darf zweifeln, ob ein Ich überhaupt
imstande ist, außer seiner Muttersprache mehr als eine Fremdsprache
wirklich beherrschen zu lernen. Und wenn auch volle Beherrschung
Harms, Das Ich und der Staat Z

2 -
        <pb n="45" />
        _ II. Das Jch in staatlicher Erziehung

der fremden Sprache nicht das Ziel des Schulunterrichts sein kann,
so wird hier doch der Grundsatz maßgeblich sein müssen, daß die
leidliche und für den praktischen Gebrauch ausreichende Beherrschung
einer fremden Sprache mehr wert ist, als das unsichere Herum-
stümpern an zweien oder dreien. Wem das Erlernen einer Fremd-
sprache kein Luxusvergnügen, sondern eine erzieherische Notwendigkeit
ist, dem kann die Wahl der Fremdsprache, die für uns Deutsche in
erster Linie in Betracht kommt, kaum lange Qual machen. Es ist
für den deutschen Staat nicht nur wünschenswert, sondern einfach
notwendig, daß eine möglichst breite Schicht durchgebildeter, also
zur Führung berufener Staatsbürger der englischen Weltsprache
mächtig sei. Warum? Eben weil Englisch die Weltsprache ist.
Fedes weitere Wort zur Begründung wäre verloren.

Gewichtige Gründe sprechen aber auch dafür, die Kenntnis des
Französischen in den Oberschichten der deutschen Bildung nicht er-
löschen zu lassen. Die Franzosen sind das Nachbarvolk, das es
seinem eigenen Gedeihen schuldig zu sein glaubt, das Deutschtum
niederzuhalten und seinen Zusammenschluß in einem einheitlichen
Volksstaat mit allen Mitteln der Diplomatie und der Gewalt zu
verhindern. So wenig deutsche Geschichte von englisch-angelsächsischer
Geschichte zu trennen ist ~ noch vor hundert Jahren war ein kern-
deutsches Land wie Hannover im Besitz der englischen Krone! ~
so wenig ist deutsche Geschichte von französischer Geschichte zu '
trennen. Und bei der besondern Art, wie das Franzosentum sich
zuin Deutschtum immer wieder einstellt, könnte es für das Deutsch-
tum geradezu lebensgefährlich werden, wenn wir Deutschen auf-
hören wollten, uns mit französischem Volkstum und französsischer
Geistesverfassung immer von neuem so vertraut zu machen, wie es
uns möglich ist. Dafür ist es unentbehrlich, daß ein nicht zu knapp
bemessenes Mindestmaß von Vertrautheit mit der französischen
Sprache im deutschen Volke stets vorhanden sei.

Wie weit, aus ähnlichen Gründen, in Grenzbezirken auch andere
Fremdsprachen in den Unterricht aufzunehmen wären, ist eine Frage
reiner Zweckmäßigkeit. Wie denn, schon um Überbürdung zu ver-
meiden, der Unterricht in fremden Sprachen rein unter den Ge-
sichtspunkt praktischer Zweckmäßigkeit gestellt werden sollte. Das
wird die Berufenen unter den Lehrern nicht abhalten, auch aus

34
        <pb n="46" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung )
diesen Lehrstoffen herauszuholen, was unter solchen Umständen an
formalen und sachlichen Bildungswerten noch irgend herauszuholen
ist.

Jedes Volk erbaut sich, wenn es eine gewisse Höhe der Gesittung
erreicht hat, über der Welt harter Tatsachen, worin es seinen Kampf
ums Dasein auszufechten hat, das Reich seiner Sehnsucht, das
Reich der Kunst, worin es die Dinge sieht, nicht wie sie sind,
sondern wie es möchte, daß sie wären. In seiner Kunst also
offenbart jedes Volkstum die geheimsten Tiefen seines Wesens, in
seiner Kunst ist es wahr gegen sich selbst ~ und damit unwillkürlich
auch wahr gegen die andern.

Kein Ich wird je zum Verständnis des eigenen Volkstums ge-
langen, ohne von irgendeiner Seite her ins Reich der Kunst seines
Volkes eingedrungen zu sein. Und kein Weg führt rascher zum
Versiändnis fremden Volkstums, als der Weg über die Kunst eines
Volkes. Der versteht ein Volk noch. nicht, der nur um seine Kunst
Bescheid weiß; aber wer von der Kunst eines Volkes nichts weiß,
darf sich nicht rühmen, dies Volk in seiner Eigenart zu kennen.

Kunstgeschichte also ~ nicht im Sinne eines trockenen Wissens
um das, was war und ist, sondern im Sinne eines lebendigen
Verständnisses für das Leben und Werden der Kunst – gehört als
gleichwertiges und vollwertiges Unterrichtsfach neben die politische
Geschichte. Und das um so notwendiger, je rascher das Ich sich, im
praktischen Leben, auf den reinen Erwerb einzustellen und jeden Zu-
sammenhang mit dem Reiche der Sehnsucht zu verlieren pflegt.
Wenn die Kunst im Leben der Gegenwart eine immer kümmerlichere
Rolle spielt, so ist daran vielleicht weniger das Tempo und die
Einseitigkeit dieses Lebens schuld, als der leidige Mangel, daß die
Schule den Menschen der Gegenwart kein engeres Verhältnis zur
Kunst übermittelt hat.

Die Wortkunst wird Lehrgegenstand schon durch den Sprach-
unterricht. Aber es ist, für einen wirklich fruchtbaren Unterricht,
notwendig, daß das Gefühl für den innern Zusammenhang zwischen
Wortkunst, bildender Kunst und Tonkunst geweckt und gewahrt
werde. Begriffen werden kann dieser Zusammenhang nur, wenn
die Kunst begriffen wird als reinster und unverfälschter Ausdruck

q
ZT
        <pb n="47" />
        IL. Das Jch in staatlicher Erziehung
des Volkstums. Wozu freilich gehört, daß die Einwirkungen fremden
Volkstums, durch seine ihm eigentümliche Kunst, nicht verschwiegen
werden.

Man sagt wohl, die Kunst sei international. Das ist Unsinn.
Jede echte Kunst ist unmittelbare Lebensäußerung eines in sich be-
ruhenden Volkstums. Da es aber die Kunst nicht mit den harten
Tatsachen der Politik oder der Wirtschaft, sondern mit freien
Schöpfungen der Phantasie zu tun hat, so steht ein Volk den
künstlerischen Erzeugnissen eines andern Volkes durchweg vorurteils-
freier gegenüber als allen seinen andern Lebensäußerungen. Und
die Möglichkeit der Einwirkung eines Volkstums auf ein anderes
ist nirgends größer, als auf dem Gebiete der Kunst. Am wenigsten
gehemmt ist die Einwirkung da, wo sie unabhängig vom völkischen
Verkehrsmittel der Sprache ist, und am meisten internationalen
Charakter hat daher die Kunst, die allein durchs Ohr aufgenommen
wird, die reine Musik.

Geschichtlich gesehen bekundet sich die Möglichkeit stärkerer Ein-
wirkung, über die hemmenden Schranken des Volkstums hinweg,
in der tiefen Abhängigkeit neuerer Kunstäußerungen von denen der
Vergangenheit, ohne Unterschied der Volkszugehörigkeit. Die Kunst
aller lebenden Kulturvölker ist in weitestem Umfang abhängig von
der Kunst der Griechen. Hier ist daher der Ort, wo für die Bildung
eines deutschen Ichs das nutzbar gemacht werden muß, was man
einmal, als klassische oder humanistische Bildung, für allein men-
schenwürdig hielt. Die unvergänglichen Werte, die das Hellenentum
der Menschheit hinterlassen hat ~ im Rahmen einer umfassenden
Kunstbetrachtung sind sie, so gut es sich an Hand von Übersetzungen
und Abbildungen schicken will, dem deutschen Ich zugänglich zu
machen.

Wohl wär’s schön, wenn wir die deutschen Jungen, soweit sie
dafür begabt sind, auch gleich in die Schönheiten der griechischen
Sprache einführen könnten. Aber es wäre noch manches schön, was
der Unterricht sich wird versagen müssen, wenn er das Bildungsziel
erreichen will, das dem Hellenen mit Recht als allein menschen-
würdiz vorschwebte: ein in sich ausgeglichenes Ich, das den Auf-
gaben, die das Leben in der Volks- und Staatsgemeinschaft seiner
Zeit ihm stellt, gewachsen ist.

36
        <pb n="48" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung '

In jedem Kulturvolk lebt das Bewußtsein, nicht nur Pflichten
gegen die eigene Volkspersönlichkeit, sondern durch die eigene Volks-
persönlichkeit auch gegen die Menschheit zu haben. Die Gesittung
jedes Volkes drängt zur Auseinandersetzung mit Fragen, deren
Lösung von der Sonderart des staatlichen Gemeinschaftslebens
unabhängig ist. Es sind die Fragen des Woher und Wohin. Von
wannen kommen wir und wohin fahren wir? Die Fragen nach dem
Sinn des Lebens, nach dem Zusammenhang allen Seins. Die
Fragen nach dem Verhältnis des Daseins in endlicher Zeit zur zeit-
losen Ewigkeit. Was bin Ich, im Verhältnis zum Nicht-JIch? Was
ist die Welt, die Summe alles Seins? Diese Fragen, deren Be-
antwortung oder Abgrenzung dem Ich seine besondere Anschauung
von der Welt gibt, lassen den Menschengeist nimmer ruhen, unab-
hängig davon, welcher Staatsgemeinschaft er als dienendes Glied
eingefügt ist.

Selbstverständlich ist die Art, sich zu diesen Fragen der Welt-
anschauung zu stellen, mitbestimmt durch die Zugehörigkeit des Ichs
zu seiner besonderen Staatsgemeinschaft. Der Franzose beantwortet
die Fragen anders als der Engländer, der Engländer anders als
der Deutsche, der Deutsche anders als der Russe. Daß jedoch die
Fragen überhaupt gestellt werden, ist das Kennzeichen eines Dranges
über die Grenzen des Volkstums hinaus, ins Gebiet des reinen
Mensschentums. Die Bildung des Ichs zum tauglichen Mitglied
der eigenen Staatsgemeinsschaft wird gekrönt erst durch ein ge-
schichtliches Wissen um die Art, wie das eigene Volkstum um die
Fragen der Weltanschauung gerungen hat, und wie das Ringen
fremden Volkstums um die gleichen Fragen darauf eingewirkt hat.
Auch hier ist es das Hellenentum, das für alle abendländischen
Völker geistige Vorarbeit geleistet hat, die bis auf den heutigen Tag
nachwirkt. Ein geistiges Band zieht sich von der Philosophie der
Griechen durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart, und hält
die Völker, die der Widerstreit ihrer staatlichen Lebensbedingungen
oft tödlich miteinander verfeindet, unlösbar gebunden zur Gemein-
schaft der Kulturmenschheit. Eines besonderen „Völkerbundes“ be-
darf es da wahrlich nicht, der treibt höchstens auseinander, was das
Ringen um letzte und höchste Ziele reinen Menschentums ganz von
selbst zusammenbindet.

Z”
        <pb n="49" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung

Die Rolle, die die Philosophie, die Wissenschaft von den Voraus-
setzungen aller Wissenschaft, im deutschen Schulbetrieb bisher ge-
spielt hat, ist einfach zum Erbarmen. Eine einzige kümmerliche
Stunde auf der Oberstufe haben die Richtlinien des preußischen
Kultusministeriums für dies Lehrfach vorgesehen, nach dem der
Hunger des lernenden Ichs auf dieser Stufe durchschnittlich stärker
sein wird als nach jedem andern! Aber freilich, unser ganzen
Schulbetrieb, mit seinem Bestreben, den Lehrstoff hübsch ordentlich
in getrennten Schubfächern unterzubringen, wie der Apotheker die
trockenen Kräuter, damit jedes für sich bei Bedarf „ggreifbar‘“ da-
liege ~ was hat der mit Philosophie zu tun, mit der Königin der
Wissenschaften, die das Getrennte zusammenfassen sollte zur Ein-
heit der Weltanschauung? Und bänglicher noch als bei anderer
Gelegenheit erhebt sich hier die Frage: wo ist das Lehrermaterial,
das Philosophie im Stile der Alten als „Weltweisheit“’ abhandeln
könnte? Wo soll es herkommen, heute, wo jeder Ordinarius für
Philosophie sich wieder verpflichtet fühlt, die Welt vor allen Dingen
mit einem „System'“ zu beglücken? Weltweisheit, die dem Ich
etwas mitgibt, was vorhalten soll für's Leben, wird nicht unter
der Glühbirne am Schreibtisch erzeugt und träuft nicht von Ka-
thedern herab,. vor denen sorgenvolle Eramenskandidaten des Nach-
schreibens sich befleißigen, als diktiert ihnen ,der heilig Geist““.

U

Das ist der Fluch, der über unserm Schulbetrieb hängt: er muß
bürokratisiert werden, um auf Massenbetrieb eingestellt werden zu
können. Wenn aber das Mindestmaß von Freiheit hineinkommen
soll, ohne das kein Ich zum tauglichen, das ist zum selbständig
denkenden und selbständig handelnden Staatsbürger erzogen werden
kann, dann muß wenigstens das Ziel entsprechend hoch gesteckt und
das Höchstmaß der Anforderungen ermittelt werden, das diesem
Ziel entspricht. Dafür, daß das Ziel nicht erreicht, das Höchstmaß
nicht erfüllt wird, wird die Praxis schon sorgen. Wie aber soll auch
nur die Richtung auf das wünschenswerte Ziel innegehalten werden,
wenn man sich scheut, es mit aller Schärfe und voller Klarheit auf-
zuzeigen?

Das Erbübel deutschen Volkstums ist der Partikularismus, ist
die Neigung, sich in der großen deutschen Welt kleine Welten zu

Z3§
        <pb n="50" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung .
machen und diese kleinen Welten dann wichtiger zu nehmen, als das
große Ganze. Der Staat der Deutschen wird sich nicht durchsetzen,
wenn er nicht den Mut hat, dem werdenden deutschen Ich den Hang
zu diesem Erbübel schon auf der Schulbank auszutreiben, wenn also
das Deutsche Reich nicht den Mut hat, kraft seiner Hoheit über das
Eigenbrötlertum der Länder, die deutsche Reichsschule zu fordern,
die Schule, die eingestellt ist auf das klare und eindeutige Ziel:
deutsche Reichsbürger zu erziehen. Auseinander treibt die werdenden
Ichs schon wieder das Leben, aber es ist ein selbstmörderischer
Wahnsinn von seiten des Reiches, das den fürchterlichsten Kampf
um Sein oder Nicht-Sein knapp überstanden hat, dem Partikularis-
mus zu gestatten, mit dem Auseinandertreiben, wie in der „„guten
alten“’ Zeit, schon wieder auf der Schulbank anzufangen.

Der Bildungsgang, der hier, aus den Anforderungen des ein-
heitlichen Staatsbürgerzieles heraus, skizziert worden, taugt in seiner
Ganzheit natürlich nicht für jedes deutsche Ich. Es genügt schon,
daß das Höchstmaß von Bildung, das die staatliche Erziehung dem
Ich überhaupt geben kann, die Richtung bestimme für den gesamten
Schulbetrieb. Es ist auch gar nicht einzusehen, weshalb Volksschul-
unterricht und höherer Schulunterricht in ein und derselben Volks-
gemeinschaft nicht eingestellt sein sollten auf ein und dasselbe Ziel.
Wie weit die einzelnen Schularten das Ich dem einen Ziel entgegen-
führen sollen, wieviel von den unterschiedlichen Bildungsstoffen sie
in Arbeit nehmen können, ob die allgemeinen Schulen an bestimmte
Fächer, wie Fremdsprachen und Philosophie, überhaupt noch heran-
führen sollen oder ob diese ganz dem engeren Kreis der Auslesse-
schulen vorbehalten bleiben müssen - das sind Fragen der Aus-
führung, über die man nicht zu streiten braucht, so lange das ein-
heitliche Bildungsziel noch gar nicht anerkannt ist.

Die Weimarer Verfassung hat vor der Bismarckschen Verfassung
den großen Vorzug, daß sie die Notwendigkeit anerkannt hat, die
Verfügung über die eigene Zukunft, über das deutsche Ich, das auf
der Schulbank heranwächst, dem Reiche vorzubehalten. Das Reich
kann Ziel und Richtung für den Schulunterricht bestimmen. Das
Reich wird sich, als Voraussetzung für den Staat aller Deutschen,
nur behaupten und durchsetzen, wenn es sich getraut, die Zukunft
des Reiches für sich zu fordern, indem es allen Schulen die Ver-

QC
        <pb n="51" />
        II. Das Jch in staatlicher Erziehung

pflichtung auferlegt, das deutsche Ich nach einheitlichen Grundsätzen
zum deutschen Reichsbürger zu erziehen. Setzt sich das Reich in
dieser Grundfrage deutscher Zukunft nicht durch, dann wird das
deutsche Ich der Zukunft - darüber dürfen wir beruhigt sein —
dem Partikularismus und dem Mammonismus in noch viel ärgerem
Maße verfallen, als es ihnen in den letzten Jahren des Kaiserreiches
mehr und mehr verfallen war.

410
        <pb n="52" />
        III. Zwischen Schulpflicht und Bürgerpflicht
U! deutsche Staat der Vorkriegszeit war ausgesprochen männ-

lichen Charakters. Er räumte der Frau weniger Einfluß auf
die Gestaltung der öffentlichen Dinge ein, als dem Manne, küm-
merte sich dafür aber auch um das weibliche Ich, nachdem es aus
der Schulzucht entlassen war, entsprechend weniger.

Das weibliche Ich ließ der alte Staat seiner Wege gehen, in der
getrösteten Annahme, diese Wege würden es so oder so in die
Familie, seiner natürlichen Bestimmung entgegenführen. Und er
konnte recht unwirsch werden, wenn das weibliche Ich, auf irgend-
einem Gebiete, Gleichberechtigung mit dem Manne begehrte. Manch
bewährte Stütze der alten Ordnung sah doch schon so etwas wie die
Götterdämmerung hereinbrechen, als ein akademischer Hörsaal nach
dem andern sich den Frauen öffnete, und es soll auch heute noch
Leuchten der Wissenschaft und der Vaterlandsliebe geben, die im
Innersten empört sind, wenn eine deutsche Frau den gleichen Bil-
dungsdrang verspürt wie ein deutscher Mann. Ja, in einer Zeit,
wo wir uns so nach und nach an den weiblichen Rechtsanwalt und
den weiblichen Pastor gewöhnen, besteht immer noch ein leises
Vorurteil gegen den weiblichen Arzt, merkwürdigerweise am stärksten
in Frauenkreisen. Aber das mag damit zusammenhängen, daß die
Frau mit ihren feinsten und stärksten Künsten, gegen die auch der
kluge Arzt männlichen Geschlechts bis zu einem gewissen Grade
wehrlos bleibt, dem weiblichen Arzt gegenüber versagen muß.

Während sich also der alte Staat um das sschulentlassene weibliche
Ich nicht groß mehr kümmerte, holte er sich das männliche Ich,
das auf der Grenze zwischen Jünglingsalter und Mannesalter stand,
zur bedeutsamsten Dienstleistung heran, die er von ihm zu fordern
hatte. Er nötigte es, die Kunst der Vaterlandsverteidigung zu üben,
an deren äußerstem Ende doch immer die Möglichkeit stand, dem
Staate das eigene Leben zum Opfer bringen zu müssen. Dies, die
Erziehung zur Wehrhaftigkeit, nicht die Erziehung in der Schule,
war die Gelegenheit, wobei der alte Staat sich das Ich + das Ich
        <pb n="53" />
        .- III. Zwischen Schulpflicht und Bürgerpflicht

in seiner männlichen Erscheinungsform + am festesten und dauer-
haftesten verband. Wie stark diese Bindung war, dafür haben die
vier Jahre des Weltkrieges ein unvergängliches Zeugnis abgelegt.
Denn was uns immer wieder mit neuem Staunen erfüllen sollte,
das ist nicht die Tatsache, daß wir den Krieg gegen eine vielfache
Übermacht schließlich verloren haben, sondern die andere Tatsache,
daß die deutschen Heere den Widerstand mehr als vier Jahre lang
durchhalten und den Feind von den Landesgrenzen fernhalten konn-
ten. Daß wir den Krieg verloren haben, schmälert nicht den
deutschen Waffenruhm, nur wie wir ihn schließlich verloren haben,
das allerdings ist für uns, gemessen an dem Widerstand der vier
Jahre, beschämend.

Und das „,,wie‘“’ hängt doch sehr eng zusammen mit dem Um-
stande, daß der alte Staat, in seinem Selbstbewußtsein, die Bindung
des Ichs durch die allgemeine Wehrpflicht für vollkommen aus-
reichend hielt und daß er, in vier Jahrzehnten seines Bestehens,
nichts unternommen hat, die Schule dem Partikularismus zu
nehmen und auch sie umzuformen zu einer Pflegstätte der Bindung
des Ichs an das Reich. Denn während der vier Jahre, die das
deutsche Feldheer in Feindesland stand, blieb in der Heimat nur der
Teil der staatsbürgerlichen Erziehung wirksam, der auf dem Er-
lebnis der Schulbank beruhte, und der wirkte nicht bindend im
Sinne des einen und unteilbaren Reiches, sondern trennend im
Sinne des dynastischen, des wirtschaftlichen, des gesellschaftlichen
Partikularismus. Den senkrechten und wagerechten Scheidewänden,
die diese verschiedenen Arten des Partikularismus durch das deutsche
Volk gelegt haben, war ja die Vielgestaltigkeit der deutschen Schule
nur zu willig angepaßt! Die Schule erzog das Ich nicht zum
Reichsbürger, sondern, je nachdem, zum Preußen, Bayern, Sachsen.
Und ehe die Schule das werdende Ich mit den Pflichten gegen den
einen Staat der Deutschen vertraut gemacht hatte, lehrte sie es
die Vorrechte kennen, die mit der Zugehörigkeit zu bestimmten
wirtschaftlich-geselligen Kreisen verknüpft sind. Gab es doch einmal
eine Zeit, wo das Wesen der Schule bestimmt zu sein schien durch
die „Berechtigungen“", die sie verlieh! Wie diese „Berechtigungen“
auch in der, auf die Schule folgenden Erziehung zur Wehrhaftigkeit
ihre Rolle spielten, ist wohl noch nicht vergessen.

1.2
        <pb n="54" />
        III. Zwischen Schulpflicht und Bürgerpflicht

Das deutsche Ich männlichen Geschlechts noch fernerhin durch
die allgemeine Wehrpflicht zum Reichsbürger zu erziehen, ist uns
durch das Versailler Diktat verboten. Die ganze Schwere der Ver-
antwortung für die reichsbürgerliche Erziehung fällt damit der
Schule zu. Es fragt sich aber doch, ob wir uns die Rolle, die die
allgemeine Wehrpflicht in der Erziehung zum Staatsbürger bisher
gespielt hat, einfach wollen streichen lassen, ohne auf Ersatz zu
sehen. Und diese Frage erhebt sich um so dringlicher, als das Reich
bisher ja noch nichts, rein gar nichts unternommen hat, um die
Erziehung des Ichs in der Schule so zu gestalten, daß die das Er-
gebnis der militärischen Erziehung, die Bindung an den Reichs-
gedanken, einigermaßen ersetzen könnte.

Es würde zu weit führen, hier zu untersuchen, was es auch
volkswirtschaftlich bedeutet hat, daß der alte Staat 6800 000 der
kräftigsten Händepaare dem freien Arbeitsmarkt entzog und zu
„nproduktiver“ Arbeit ~ nämlich zur Verteidigung von Ehre und
Freiheit der Staatspersönlichkeit ~ nötigte. Das eine wird man
aber ohne lange Untersuchung sagen dürfen; der Wegfall dieser
Ausschaltung ist gleichbedeutend mit dem Wegfall einer Hemmung,
die dem nackten Erwerbstrieb angelegt war. Wobei nicht übersehen
werden darf, daß für die Landesverteidigung nicht nur die Hände-
paare des stehenden Heeres arbeiteten, sondern auch die Händepaare
des gewaltigen Heeres derer, die in der Rüstungsindustrie tätig
waren. Die Riesensumme an Arbeit, die im alten Staate für die
Landesverteidigung aufgespart wurde, wird im Staat von heute,
bis auf einen geringen Rest, in den freien Wettbewerb geworfen.

Die Gefahr, die darin liegt, ward aber erst ins Ungeheuerliche
gesteigert durch die Unterwerfung unter das Versailler Diktat, die
gleich einer Unterwerfung unter den Siegerkapitalismus zu setzen
war. Denn der Siegerkapitalismus hat, in einem Anfall jenes
Cäsarenwahnes, wie er dem hemmungslosen Kapitalismus nur zu
leicht kommt, versucht, aus Deutschland eine Wirtschaftskolonie zu
machen, will sagen, die deutsche Arbeit zu seinen Gunsten auszu-
beuten. Um dem deutschen Volke die Möglichkeit jeden Widerstandes
dagegen zu nehmen, hat er es mit Lasten bepackt, die niemals ab-
getragen werden können, und wovon er jederzeit soviel glaubt ein-
fordern zu können, wie es ihm für seine. Zwecke zuträglich erscheint.

4.J
        <pb n="55" />
        III. Zwischen Schulpflicht und Bürgerpflicht
Das ganze System ist zwar bereits reichlich brüchig, es bleibt aber
die Angst vor dem deutschen Wettbewerb und daher das Bestreben,
die gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit ~ die eine Folge des Verbotes
ist, für die Landesverteidigung zu arbeiten ~ durch hohe Lasten zu
binden; ein Bestreben, das vorläufig seinen letzten Ausdruck erhalten
hat in dem Ausbeutungssystem des Dawes-Planes.

Ob wir nun unter der Willkürherrschaft des Cäsarenwahnsinnes
von Versailles stehen oder unter der vernunftgemäßer durchdachten
Herrschaft des Dawes-Planes; immer fühlen wir die Peitsche zu
höchst gesteigerter Erwerbstätigkeit über uns. Wir aber waren schon
vor dem Krieg auf dem besten Wege, ein reines Volk von Er-
werbern, von Händlern und Krämern zu werden, und von allen
Arten des Partikularismus, die unsern völkischen Willen zum
Widerstande zernagten, hat der Wirtschaftspartikularismus, hat die
Selbstsucht und die Raffgier der verschiedenen Erwerbsschichten zum
Untergang des alten Reiches vielleicht das meiste beigetragen. Wollen
wir uns dem Taumel des Mammonismus, der unter Wilhelm II.
wahrlich schon eine unleidliche Höhe erreicht hatte, jetzt völlig
hemmungslos überlassen? Zur Freude aller derer, die die Sorge,
das deutsche Volkstum könnte sich von den Schlägen des Zusammen-
bruches von 1918 je wieder erholen, nicht schlafen läßt?

Und wenn wir es einmal nicht mehr wollen sollten ~ einstweilen
sind wir mit dem Siegerkapitalismus ja der Meinung, daß hem-
mungsloser Erwerb die einzige Lebensaufgabe des Volkes der Deut-
schen sei ~ was könnten wir tun, um dem schulentlassenen Ich
Hemmungen anzulegen, die geeignet wären, im Sinn jener alten,
militärischen Bindung an den Reichsgedanken zu wirken? Dem Ich
die Pflicht der Hingabe an etwas Höheres als den nackten Erwerb
für Lebenszeit in die Seele zu graben?

Wenn schon das Arbeiten um zu erwerben auf absehbare Zeit
hinaus der einzige Daseinszweck des Volkes der Deutschen werden
soll, dann kann das werdende Ich vor der Ausartung des Erwerh-
triebes nur bewahrt werden, indem es gezwungen wird, eine an-
gemessene Zeit zu arbeiten, nicht um für sich zu erwerben, sondern
um dem Staat mit seiner Arbeit zu dienen. Allgemeine Arbeitspflicht
wäre ein Ersatz, der ethisch das zu leisten vermöchte, was die all-
gemeine Dienstpflicht dem alten Staate geleistet hat. Ja, mehr als

LI
        <pb n="56" />
        III. Zwischen Schulpflicht und Bürgerpflicht s
das! Denn allgemeine Arbeitspflicht braucht sich nicht wie allge-
meine Dienstpflicht auf das männliche Ich zu beschränken. Es ist
schon möglich, ja wahrscheinlich, daß die Einführung einer allge-
meinen Arbeitspflicht für Männer uns außenpolitische Schwierig-
keiten machen würde. Und weil wir doch nun einmal kein freies
Volk mehr sind, das die Bedürfnisse körperlicher und seelischer
Volksgesundheit ohne Rücksicht auf das Ausland regeln könnte, so
möchte es sich sogar empfehlen, mit der Einführung eines weiblichen
Arbeitspflichtjahres für den Staat anzufangen. Dagegen aus dem
Versailler Diktat begründete Einwendungen herzuleiten, wird immer-
hin schwieriger sein, als gegen ein männliches Arbeitspflichtjahr.
Daß der neue Staat, im Gegensatz zum alten, dadurch einen vor-
wiegend weiblichen Charakter bekommen würde, braucht schwerlich
befürchtet zu werden. Die künftigen Mütter, die ein Jahr ihrer
Jugend, ohne Unterschied des Standes und des Besitzes der Eltern,
im Dienst des Reichsgedankens gearbeitet hätten, die würden deutsche
Jungen der Zukunft schon zu Männern erziehen, darüber dürften
wir unbesorgt sein. Und das männliche Arbeitspflichtjahr würde bei
einem so erzogenen Geschlechte ganz von selbst sich einstellen.

Jeder Banllehrling, jeder angehende Börsenspekulant wird uns
im Handumdrehen zahlenmäßig nachweisen, daß ein Arbeitsdienstjahr
für das Deutsche Reich „finanziell untragbar““ sei. Aber es fragt
sich doch, ob uns im Dunstkreise von Bank und Börse überhaupt
der Wille heranwachsen kann, der den neuen Staat der Deutschen
gestalten muß, falls dieser Staat der Mühe, sich um seine Zukunft
zu sorgen, wert sein soll. Das zurzeit maßgebliche Geschlecht
darüber dürfen die Interessenten des Versailler Diktates beruhigt
sein ~ schafft uns die allgemeine Arbeitspflicht so wenig, wie es
uns die Reichsschule schafft, aus dem einfachen Grunde, weil es
gar nicht den Willen dazu hat. Der Wille — darüber dürfen
auf der andern Seite wir, die Leidtragenden des Versailler Diktats,
beruhigt sein ~ bahnt sich für das, was er im Dienste der Volks-
gemeinschaft erstreben muß, auch schon den Weg. Aber dieser
Wille selbst kann erst heranwachsen mit dem neuen Geschlecht, dessen
Nerven nicht zermürbt worden sind in der seelischen Anspannung
der vier Kriegsjahre, weil ihm der Krieg ein Jugenderlebnis und
kein Alterserlebnis war; und er wird mit ihm heranwachsen, sofern

el.?
        <pb n="57" />
        “ II. Zwischen Schulpflicht und Bürgerpflicht

seine Moral nicht heillos zerfressen worden ist in der großen Nerven-
krise der vier Nachkriegsjahre 191901922. Die Nachwehen der
Nervenkrise zu überwinden, ist die Aufgabe der Übergangszeit, die
recht und schlecht verbrauchen muß, was in den ersten Jahrzehnten
des neuen Reiches geboren ward. Aber erst wenn von denen, die
1914 als Kriegsfreiwillige hinauszogen und die der mörderische
Krieg übriggelassen hat, die ersten auf den Ministersesseln angelangt
sind, worauf sich heute noch Nutznießer der Revolution oder Ver-
nunft-Republikaner mehr oder minder behaglich dehnen; dann erst
wird der neue Staat offenbaren können und offenbaren müssen, wes
Geistes Kind er ist.

„„Es wird eine große Freiheitsbewegung kommen. Geschrei nach
Republik. Eigentlich wäre auch mein Geschmack Republik, aber eine
recht strenge, der zuchtlosen Willkür eine Schraube, daß ihr das
Blut aus den Nägeln spritzte, und die gibt's nicht mehr.““ So klagte
schon Vischers Auch Einer von der Zeit vor 1848. Daß die Neu-
gründung vom November 1918 nicht als die ,strenge‘“ Republik
gemeint war, die vom ehernen Pflichtbegriff ihre Staatsordnung
herleitet, haben wir inzwischen erfahren. Was hat die Republik,
die sozial sein wollte und mit der Unterwerfung unter den Sieger-
kapitalismus anfing, die sich in den Schatten der Weimarer Geistes-
titanen flüchtete, um offen ihre Abkehr vom Geiste von Potsdam
zu bekunden ohne den doch kein Staat der Deutschen geworden
wäre — was hat diese arme Republik ihren Bürgern zu bieten, das
ihnen die neue Staatsform lieb und wert machen könnte? Lieb und
wert kann die neue Staatsform erst einem Geschlechte werden, das
sie nicht als Notbehelf hingenommen, sondern das sie sich er-
arbeitet hat. Und das Ergebnis dieser Arbeit wird die Synthese
des Geistes von Weimar mit dem Geiste von Potsdam sein ~ oder
es wird vergänglich sein, wie es das Werk vom 18. Januar 1871
war.

Nicht auf fremdem Boden, auf deutscher Heimaterde muß der
Staat der Deutschen neu gegründet werden, wenn er dem Volk
eine Behausung werden soll, für die es sich selbst einsetzt bis zum
letzten Blutstropfen. Das kann nur ein Haus sein, worin das
Deutschtum der Lessing und Kant, der Goethe und Schiller die
gleiche Achtung und den gleichen Rang genießt wie das Deutschtum

+
        <pb n="58" />
        II. Zwischen Schulpflicht und Bürgerpflicht 47
der Friedrich und Scharnhorst, der Stein und Bismarck. Und wenn
der Staat, dem dies Haus gehört, seine Bürger nicht mehr durch
die allgemeine Wehrpflicht an sich binden kann, so möge er getrost
sie durch allgemeine Arbeitspflicht an sich binden. Das Jahr, das
Reich und Arm, Gelehrt und Ungelehrt, Mann und Weib einmal
gemeinsam für den Staat haben arbeiten müssen, könnte über
manche Fährlichkeit hinweghelfen, die in der ungehemmten Entwick-
lung zur Wirtschaftskolonie des Weltkapitalismus sonst schlummert.
        <pb n="59" />
        V]. Das Jch als Massenteilchen

S elten oder nie tritt das Ich zum Staat als Einzelwesen in

Beziehung, das vom Staat um sseiner Persönlichkeit willen
gesucht würde oder Ansprüche an den Staat im Namen seiner
Persönlichkeit stellte. Das steuerpflichtige und wahlmündige Ich
pflegt dem Staat fast nur noch als Masse gegenüberzutreten.
Massen der Steuerzahler, Massen der Wähler, Massen der Zeitungs-
leser, Massen der Kopfarbeiter, Massen der Handarbeiter, Massen
der Arbeitslosen ~ damit hat der Staat von heute andauernd zu
tun. Und selbst die Besitzenden ballen sich, in Trusts und Konzernen,
heute schon zu Massen zusammen.

Was ist eine Masse und wie kommt sie zustande? Masse ist eine
Summe gleichgearteter Teilchen, die nicht träg und willenlos neben-
einanderliegen, sondern die dem Versuch, sie zu trennen, tatkräftigen
Widerstand entgegensetzen. Wer eine geschlossene Masse zu trennen
versucht, wer einen Keil in einen Holzklotz treibt, der spürt, daß
zwischen den Fasern des Holzes Kräfte der Anziehung wirksam sind,
die den trennenden Keil abzuwehren sich bemühen. Kräfte der An-
ziehung spüren wir überall, um uns, in uns. Die Hand, die von
ununterbrochener Arbeit „müde“" geworden ist, verlangt nach einer
Unterlage, darauf sie ausruhen könne. Der ganze Mensch, der
stundenlang in Bewegung war, verlangt danach; es zieht ihn, wie
die müde Hand, unerträglich „nach unten‘’. Der Stein, unter dem
ich die Unterlage wegschiebe, fällt, bis eine neue Unterlage ihn auf-
hält. Was die Masse des Steines nach unten „zieht“, ist, allge-
meiner Annahme zufolge, die Masse der Erde, die wir bewohnen.

Eine einfache Überlegung sagt mir, daß ~ wenn die Masse der
Erde den Stein anzieht ~ die Masse des Steines wohl auch die
Erde anziehen werde. Nur überwiegt die Masse der Erde dermaßen
die Masse des Steins, daß für die sinnliche Wahrnehmung nur
einseitig die Bewegung des Steines zur Erde hin vorhanden ist.
Tatsächlich läßt sich durch wissenschaftliche Versuche feststellen, daß
nicht nur von der Erde, sondern von jeder ,. schweren‘’ Masse eine
        <pb n="60" />
        IV. Das Jch als Masssenteilchen )
Anziehung auf andere Massen ausgeübt wird. Seit Newton nennt
man das, was die Massen zueinander „zieht“, die Schwerkraft;
das heißt, wenn der Deutsche seine Bildung fühlt, spricht er lieber
von „Gravitation“. Was die Teile ein und derselben Masse zu-
sammenhält, und was neben der „Schwere‘““ der Gesamtmasse
neben ihrer Neigung, der Erde so nahe wie möglich zu kommen ~
besteht, das nennt man —~ nun eben, die zusammenhaltende, die
Kohäsionskraft.

Eine weitere Überlegung sagt nun aber, daß es in der Körperwelt
unmöglich nur Kräfte der Anziehung geben könne. Denn sonst
müßten alle Massen längst aufeinander zugestürzt sein und sich zu
einer einzigen formlosen Riesenmasse zusammengeballt haben. In
dem Widerstand, den die Fasern des Holzes dem eindringenden Keil
entgegensetzen, offenbart sich eine Kraft der Abstoßung. Was sich
zueinander hingezogen fühlt und sich nicht trennen lassen will, sucht
das Trennende gemeinsam wegzudrücken. Und wer seinen Willen
durchsetzt, der trennende Keil oder das zähe Holz, ist von vornherein
nicht immer ausgemacht.

Auch die Bewegung der Erde um die Sonne glaubt die Wissen-
schaft nur erklären zu können, indem sie zwei Kräfte als wirksam
annimmt, eine Kraft der Anziehung und eine Kraft der Abstoßung.
Die Wissenschaft tut so, „als ob‘“ in der Sonne die ,,Zentripetal-
kraft’ säße, die die Erde nahe und immer näher heranholen möchte
ans liebeglühende Herz des ,,Zentralkörpers‘’; und sie tut weiter so,
„als ob‘ in der eigenwillig-sprööden Erde eine ,,Zentrifugalkraft“"
wirksam wäre, die sie hinaustreiben möchte, von der Sonne weg,
immer weiter weg, in den unendlichen Raum. Und sie tut drittens
so, „als ob‘“ durch das Zusammenwirken dieser beiden Kräfte eine
Ellipse zustande käme, in der die Erde sich sittig und zuverlässig um
die Allmutter Sonne bewegen soll. Während durch die Bewegung
der Erde um die Sonne, oder vielmehr das Schwingen von Erde
und Sonne, nebst dem ganzen System der übrigen Planeten mit
ihren Monden und den Kometen und Sternschnuppen um einen
gemeinsamen „Schwerpunkt‘’, doch niemals ein so einfach-vernünf-
tiges Gebilde wie eine Ellipse zustande kommen kann, da ja die
Sonne samt ihrem ganzen System auch als in Bewegung um
irgendeinen kosmischen Mittelpunkt angenommen werden muß.
Harms3, Das Ich und der Staat

4.1
        <pb n="61" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen

Doch darüber, wie der Schnörkel aussehen mag, den die Erde
während einer gemessenen Zeitspanne im Raume beschreibt, mögen
die Astronomen sich den Kopf zerbrechen. Auch andere Köpfe als
die der Astronomen und Physiker aber geht die Frage an: woher
nimmt das menschliche Ich die Ermächtigung zu jenem „„Als ob“,
das die Grundlage seiner stolzesten Wissenschaft ist? Von wannen
kommt dem Ich die Einsicht, daß in der Erde eine Kraft „itzen'“
müsse, die den Stein anzieht, und in der Sonne eine, die die Erde
anzieht? Und daß den einzelnen Fasern des Holzes eine Kraft
innewohnen müsse, die den eintretenden Keil abwehren, abstoßen
möchte? Kein Ich hat eine der zahllosen ,„„Kräfte‘‘, womit die
Wissenschaft arbeitet, als müßte es nur so sein, je unmittelbar
wahrgenommen, wie er etwa die Tatsache wahrnimmt, daß der
Stein zur Erde fällt. Wie also kommt das Ich dazu, als Ursache
ungezählter „Fälle), die es wahrgenommen hat, eine „Kraft“ zu
setzen, von der es nichts weiter kennt als die Wirkungen – wenn
nämlich die angenommene Kraft tatsächlich die wahrgenommenen
Wirkungen ausgeübt hat?

Die Ermächtigung dazu kann das Ich nirgendwo andersher
schöpfen, als aus innerer Erfahrung, aus der Beobachtung seines
eigenen Seelenlebens. Das Ich ist sich mitunter einer Kraft bewußt,
die anzieht, und mitunter einer, die abstößt, und mitunter auch
beider Kräfte zugleich. Kraft ist nichts anderes als die Lebens-
äußerung eines ungebrochenen Willens. Wenn ich etwas ,,haben
möchte‘, wenn ich etwas „gut leiden mag‘“, wenn ich ein anderes
Ich „liebe“, so weiß ich unmittelbar um das Vorhandensein einer
Krafr in mir, die den begehrten Gegenstand anziehen möchte, manch-
mal auch tatsächlich anzieht, und ebenso oft widerwillig verzichten
muß, weil die Umsetzung des Willens in die Tat „„über die Kraft!“
geht. Wenn ich etwas „„nicht ausstehen kann““, wenn ich es „ver-
abscheue"“, wenn ich es „hasse“, so fühle ich den Willen, und, je
nachdem, die Kraft in mir, es von mir abzustoßen, die Entfernung
zwischen mir und dem Gegenstand meines Hasses zu vergrößern.
Das muß nicht immer räumliche Entfernung sein. Die größte
Entfernung, die ich zwischen mich und ein anderes Ich legen kann,
ist die, daß ich es töte. Und wenn der Körper des Getöteten auch
unmittelbar zu meinen Füßen liegt, sein „Ich““ ist für mich fortan

5()
        <pb n="62" />
        1V. Das Jch als Massenteilchen 51
unerreichbar, keine Macht der Welt kann es mir zurückbringen. Ein
Gefühl, das schon mehr als ein Ich, das seinem unbändigen Hasse
hatte die Zügel schießen lassen, hinterher zur Selbstvernichtung
getrieben hat.

So ist der Haß ein Mysterium, und nicht minder ist die Liebe
eins. Denn wie aus der Vereinigung zweier liebender Ichs, wenn
ihnen das Bewußtsein, gesonderte Wesen zu sein, für Sekunden
schwindet – wenn ihre Seelen ,,ineinanderfließen“’, wie es in der
Dichtersprache heißt –~ wie daraus ein neues Ich entsteht, das
wird keine Wissenschaft je ergründen. Gleichwohl sind Liebe und
Haß die einzigen Kräfte, die wir aus unmittelbarer Erfahrung
kennen, und auf Grund dieser Erfahrung formen wir die zahllosen
Hilfsbegriffe von mechanischen, chemischen, magnetischen, elektrischen
Kräften der Anziehung und Abstoßung, worauf wir dann unser
jeweiliges wissenschaftliches System aufbauen. Die alten Griechen
wußten das schon und blieben dabei im großen und ganzen bescheiden
den Wundern des Seins und Werdens gegenüber ~ „„Alles, was
ich weiß, ist, daß ich nichts weiß“ — wir Neueren bilden uns oft
wunders was ein, wenn wir einen neuen Hilfsbegriff mit einem
neuen, anspruchsvollen Namen verzieren, und es muß uns, im
zweiten Jahrhundert nach Kant, von Zeit zu Zeit immer wieder
gesagt werden, daß wir damit dem Wesen der Dinge um keinen
Fingerbreit näher kommen.

Liebe und Haß sind denn auch die einzigen, uns aus unmittelbarer
Erfahrung bekannten Kräfte, die im Staate zur Massenbildung
führen. Liebe und Haß natürlich nicht nur in der schärfsten Aus-
prägung, die man mit der, hier wie stets unzulänglichen Wort-
bezeichnung verbinden kann, sondern in ihren mannigfachen Ab-
stufungen, deren untersten Graden man etwa durch die abgedämpften
Ausdrücke Zuneigung und Abneigung gerecht wird. Ichs, deren
Wille in bezug auf irgendeine Angelegenheit des öffentlichen Lebens
gleichgerichtet ist, die annähernd das Gleiche wollen oder nicht
wollen, üben, je nach der Wichtigkeit der Sache, eine schwächere
oder stärkere Anziehungskraft aufeinander aus. Von andern Ichs
dagegen, deren Wille anders oder entgegen gerichtet ist, fühlen die
gleichgerichteten Ichs sich mehr oder minder heftig abgestoßen. Die
        <pb n="63" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen
gleichgerichteten Ichs bilden also, in bezug auf die sie bewegenden
öffentlichen Angelegenheiten, eine Masse von größerer oder geringerer
Festigkeit des Zusammenhalts. Die andersgerichteten Ichs bilden,
bei hinreichender innerer Übereinstimmung, gleichfalls eine Masse.
Massen sind der Rohstoff, womit das öffentliche Leben arbeitet.

Zwischen den Massen walten, wie zwischen den Masssenteilchen,
die Kräfte der Anziehung und Abstoßung. Wo Massen einander in
Liebe zugetan sind – was man in der Politik so Liebe nennt
kommt es gelegentlich zum Ineinanderfließen. Wo sie in Haß
gegeneinander stehen, kommt es rasch genug zu Blutvergießen und
Totschlag, wenn der Staat nicht mehr imstande ist, die Massen-
temperamente mit starkem Arme zu zügeln. Jedenfalls: Liebe muß
sein und Haß muß sein, damit durch Anziehung und Abstoßung
Bewegung in das öffentliche Leben kommt. Liebe allein würde die
unterschiedlichen Massen zum gestaltlos trägen Klumpen zusammen-
ballen, womit jede fremde Kraft machen könnte, was ihr beliebt.
Und Haß allein würde den Massenrohstoff des öffentlichen Lebens
zur Anarchie des Chaos auseinandertreiben.

Aus der Erziehung des Ichs zum Staatsbürger den Haß, als
bewegende Kraft, ausschalten zu wollen, wäre also eine Dummheit
oder – ein Verbrechen. Die Kräfte der Abstoßung, des Hasses,
auf das richtige Ziel zu lenken und ihnen, je nach dem Ziel, die
angemessene Abstufung zu geben ~ womit die entsprechende Ein-
stellung der Kräfte der Anziehung und ihre zweckmäßige Abstufung
in der Regel von selbst eintritt ~ das ist die Kunst. Liebe, die
stärkste Kraft der Anziehung, kann nur auf das eigene Volkstum
und seine Ausstrahlungen gerichtet sein; Haß, die stärkste Kraft
der Abstoßung, sollte nur fremdem Volkstum und seinen Vertretern
gelten können. Mit der, aus der Natur der Sache gegebenen Aus-
nahme, daß das Ich den Verräter am eigenen Volkstum noch wilder
zu hassen berechtigt ist, als den fremden Feind und Zerstörer des
eigenen Volkstums.

Von Liebe zwischen verschiedenen Völkern zu reden und darauf
überstaatliche Organisationen aufbauen zu wollen, ist barer Unsinn.
Völkerpersönlichkeiten folgen den Urtrieben der Selbsterhaltung und
des Wachsenwollens. Gesunde Völkerpersönlichkeiten „lieben“! nie-
mand als sich selbst, behaupten aber manchmal, aus Politik, die

5 2
        <pb n="64" />
        1V. Das Jch als Massenteilchen )
Völker zu lieben, die sie verspeisen oder als gehorsame Diener ihrer
eignen Interessen an sich fesseln möchten. Wohl fühlt sich ein
gesundes Volk nur in dem Bewußtsein, keiner Liebe zu bedürfen
und jedem Hasse gewachsen zu sein. Nur von uns Deutschen hat
ein so erfahrener und weit gereister Menschen- und Völkerkenner
wie Max Eyth schon vor einem halben Jahrhundert behauptet, so
recht wohl sei uns eigentlich nur, wenn uns jemand die Haut über
die Ohren ziehe. Wer die letzten Jahre des Krieges und die ersten
Jahre nach dem Kriege als unbefangener Beobachter miterlebt hat,
fand die alte Erfahrung manchmal wundersam bestätigt.

Wir, denen man am 28. Juni 1919 das Versailler Diktat, diese
Bibel des Völkerhasses, zur Unterschrift vorgelegt hat, indem man
uns, für den Fall der Weigerung, mit dem Hungertode bedrohte,
wir sind ausgemachte Narren oder Feiglinge, wenn wir die Augen
gewaltsam der Tatsache verschließen, daß der Haß eine reichlich so
wirksame, bewegende Kraft des Weltgeschehens ist, wie die Liebe.
Dieser Tatsache Rechnung tragen, in der Jugenderziehung sowohl
wie in der Selbsterziehung des Staatsbürgers, heißt noch nicht,
einem berechtigten Haß täglich und stündlich in unmäßigen Worten
Luft machen. Heißt auch nicht, die Zusammenarbeit mit andern
Völkern, zu Zwecken des Friedens und der Wohlfahrt aller, blind-
wütig ablehnen. Haß ist ein Gefühl, das in all seinen Abstufungen
der Zügelung durch die Vernunft noch viel mehr bedarf als die Liebe,
weil die Schäden, die ein zügelloser Haß anrichtet, schwerer gut zu
machen sind, als was blinde Liebe versehen hat.

Pervers aber ist der Zustand, daß millionenstarke Massen inner-
halb eines Volkes ihre phantastische Liebe fremden Völkern und
ihrem eingebildeten Volkstum zuwenden, während sie die ganze
Kraft des Hasses, deren sie fähig sind, gegen Angehörige des eigenen
Volkes richten. An dieser Perversität, die er in vier Jahrzehnten
ungestört hat heranwachsen lassen, wo er sie nicht gar selbst ge-
züchtet hat, ist der monarchische Staat der Deutschen zugrunde ge-
gangen. Der neue Staat, wenn er es besser haben will, hat allen
Anlaß, mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und unter Aufwand des
feinsten Taktgefühles darüber zu wachen, daß Liebe und Haß schon
im werdenden Ich die richtigen Ziele finden und sich, dem Ziel ent-
sprechend, angemessen abstufen. Von Lumpen, die sich in fremdes

R|
        <pb n="65" />
        t IV. Das Jch als Masssenteilchen

Volkstum leidenschaftlich zu verlieben imstande sind, während sie
das eigene verachten, oder Eunuchen, denen mit der Fähigkeit
leidenschaftlich zu lieben auch die Fähigkeit zum Hassen abhanden
gekommen ist, darf der Staat sich dabei freilich nicht beraten lassen.

Die Festigkeit und Widerstandsfähigkeit des Volksstaates beruht
darauf, in wie hohem Grade die Gesamtheit der Ichs im Staate
sich, jedem fremden Staat gegenüber, als Masse zu fühlen imstande
ist. Wenn man sagt, ein Volk erhob sich „wie ein Mann““ ~ wie
es das preußische 1813 tat oder das deutsche 1914 — so bedeutet
das, daß die Massenbildung bis an die Grenzen des Staatswesens
vollklommen durchgeführt war: die Kräfte der Anziehung und der
Abstoßung sind in all den Millionen des Volkes, auf Zeit wenigstens,
gleichgerichtet. Damit ist solch eine unhandliche Riesenmasse noch
nicht handlungsfähig. Damit sie handlungsfähig werde und vor
allem, damit sie handlungsfähig bleibe, bedarf sie eines Organs,
das für seine besondern Zwecke ausgebildet ist und in seine besondern
Zwecke hineinwachsen muß. Dies Organ, das die Gesamtmasse eines
Volkes handlungsfähig macht und handlungsfähig erhält, ist eben
der Staat, den dies Volk sich geschaffen hat.

Die kleineren Massen, die innerhalb des Staatsganzen miteinander
und gegeneinander arbeiten und den Rohstoff des öffentlichen Lebens
abgeben, bedürfen, um handlungsfähig zu werden und zu bleiben,
gleichfalls besonderer Organe. Es ist ein Unterschied, ob eine Masse
sich zu einem vorübergehenden Zweck zusammenfindet ~ etwa um
einem mißliebigen Stadtvater die Fenster einzuwerfen ~ und dann
auseinanderläuft, oder ob sie sich dauernd in bezug auf die öffent-
lichen Angelegenheiten von einem bestimmten Willen beseelt fühlt.
Eine Masse, die fühlt, daß sie für die Dauer zusammengehört,
schafft sich, um handlungsfähig zu werden und zu bleiben, ihr
eigenes Organ, indem sie zur Partei wird. Eine Partei aber kann
ihre Massen nicht zusammenhalten, ohne daß sie den Willen, der
sie beseelt, täglich von neuem zum Bewußtsein seiner selbst bringt.
Dazu bedarf die Masse eines besonderen Denkorgans, das ihr
entweder die Partei oder sonst ein Unternehmer schaffen mußt: der
Zeitung.

Zeitungen und Parteien sind, im Staate der Gegenwart, die

N 4
        <pb n="66" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen "%
lebenswichtigen Organe, durch die das Massenteilchen Ich in Ver-
kehr mit dem Staat, als mit der organisierten Gesamtmasse des
Volkes tritt; während der Staat, von seiner Seite her, besondere
Organe für den Verkehr mit dem Massenteilchen Ich ausgebildet
hat in seiner Beamtenschaft.

1. Die Zeitung als Denkorgan einer Masse

Die Zeitung war nicht immer, was sie heut ist. Jeder lebendige
Organismus nimmt sich eben die Organe, deren er zur Weiter-
entwicklung seiner selbst bedarf, wo er sie am nächsten haben kann.
So soll ja auch, wie uns von der Wissenschaft glaubwürdig versichert
wird, der menschliche Fuß, in der Menschheit vergnüglicheren
Jugendtagen, einmal zum Greifen eingerichtet gewesen sein; erst
nachdem das Gehen für den homo sapiens ein dringlicheres Be-
dürfnis geworden war, als das Herumklettern auf Bäumen, hat
sich die Hinterhand dem Bedürfnis angepaßt.

Die Zeitung diente, in ihren bescheidenen Anfängen, dem privaten
Wirtschaftsinteresse großer Handelshäuser, über das, was in der
Welt vorging, so rasch wie möglich unterrichtet zu werden. Dies
Bedürfnis, „das Neuste“’ nicht zu spät zu erfahren, verallgemeinerte
sich un: so mehr, je mehr die Menschheit in den Städten zusammen-
rückte. Durch die Buchdruckerkunst war das Gedankengut, sei es
Nachricht, sei es Urteil, in einem Maße verkehrsfähig geworden,
daß bald jedes bürgerlich reife Ich seinen Anteil daran verlangen
durfte. Diesem Bedürfnis nach Anteil an der Gesamtsumme ver-
fügbarer Neuigkeiten und verfügbaren Klatsches konnte erst die
gedruckte Zeitung einigermaßen genügen. Zugleich kamen die ge-
druckten Zeitungen dem Bedürfnis Einzelner entgegen, die der
Allgemeinheit etwas mitzuteilen oder anzubieten hatten; die Anzeige
drang, anfangs im allerbescheidensten Ausmaß, in die Zeitung ein.
Erst seit 1848 etwa dient die Zeitung der planmäßigen Verbreitung
politischen Gedankenguts. Das Massenorgan, das sie heut ist,
konnte die Zeitung erst werden, als die Industrie sich ihrer Her-
stellung bemächtigt hatte, also etwa seit 1878. Erst seitdem war
die Zeitung imstande, massenbildend zu wirken, erst seitdem erliegt
sie selbst der umbildenden Rückwirkung durch die Masse, für die sie
da ist.

IF;
        <pb n="67" />
        IV. Das Jch als Masssenteilchen

Kein wahlmündiges und steuerpflichtiges Ich vermag heute die
Zeitung auf die Dauer mehr zu entbehren. Könnte man eine
Statistik darüber aufmachen, wieviel Menschen in Deutschland seit
ihrer Schulzeit den Faust nicht mehr gelesen haben, dagegen täglich
die Zeitung lesen, und wieviele keine Zeitung lesen, dagegen jährlich
einmal den Faust aufschlagen + die Zahlen würden mit erdrückender
Wucht in die Wagschale der Zeitung fallen. Aber worin das Wesen
der Zeitung eigentlich zu suchen ist und was als notwendig dazu
gehört, darüber herrscht auch unter leidenschaftlichen Zeitungslesern
eine betrübliche Unklarheit. Welches zeitunglesende Ich wäre bei-
spielsweise so vermessen, sich selbst als unentbehrlichen Bestandteil
mit dazu zu rechnen? Und doch ist es offenbar so: nur um des
zeitunglesenden Ichs willen ist die Zeitung da. Sie ist die Nähr-
mutter, die ihm zubereitet, was es an geistiger Nahrung aufzu-
nehmen, neben Arbeit und Vergnügen noch imstand ist. Sie
denkt ihm die Gedanken vor, die es sich über öffentliche Angelegen-
heiten glaubt machen zu müssen. Sie liefert ihm den Stoff, den
es braucht, um bei öffentlichen Erörterungen mitreden zu können.
Sie sagt ihm, wen es zu wählen, auf welches Pferd es zu setzen,
was es von der neuesten Operette zu halten hat. Kurz, sie leistet
die ganze Geistesarbeit, die das Ich, wenn es nicht Massenteilchen
wäre, mühsam selbst zu leisten hätte. Indem sie also die lesenden
Masssenteilchen Ich zur locker gefügten, aber doch bis zu einem
gewissen Grad einheitlich gerichteten Masse einer Zeitungleserschaft
zusammenhält, erfüllt die Zeitung ihren Daseinszweck. Mit Recht
„ebt‘“ daher die Zeitung von dieser ihrer Leserschaft. Und solange
sie von nichts anderem lebt, gilt sie mit Recht als „unabhängiges
Organ“.

Einen Teil ihres Unterhalls ~ und in der Regel nicht den
kleinsten ~ zieht die Zeitung daraus, daß sie größere oder kleinere
Parzellen ihres verfügbaren Raumes gewissermaßen vermietet, und
zwar an „,,Interessenten“’, die der Leserschaft etwas mitzuteilen
haben. Dafür, daß dieser Raum, einmal oder öfter, gemäß den
Wünschen des Interessenten bedruckt werde, erhebt die Zeitung eine
bestimmte Gebühr, die Anzeigengebühr. Natürlich ergeben sich aus
der einfachen Tatsache, daß die Zeitung die Einnahmen aus An-
zeigen nicht entbehren kann, gewisse Abhängigkeiten, die sich aber

" Ö
        <pb n="68" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen t '
in ganz anderer Weise geltend machen, als das große Publikum
sich die Sache in der Regel vorstellt. Es ist wirklich nicht so, daß
jemand, der der Zeitung eine große Anzeige bringt, nun mit der
Faust auf den Tisch schlagen und verlangen könnte, daß dazu noch
das und das ihm selbst, dem Auftraggeber, Wohlgefällige geschrieben
iverde. Oder daß jemand, durch die plumpe Drohung, seine An-
zeigenaufträge in Zukunft anderweitig vergeben zu wollen, einen
Wechsel in der Haltung der Zeitung bewirken könnte. Vernünftig
geleitete Zeitungen pflegen Versuchen gegenüber, sie zu boykottieren,
selbst wenn sie in „organisierter“ Form auftreten, stets den längeren
Atem zu haben.

Ebensowenig aber wird gerade die vernünftig geleitete Zeitung
sich den Rücksichten verschließen können, die das Bedürfnis erzeugt,
sich ihren Kreis von Auftraggebern zu erhalten und ihn tunlichst zu
erweitern. Das schafft Abhängigkeiten, die man gar nicht zu leugnen
braucht, weil sie so selbstverständlich sind, wie die Abhängigkeit jedes
geschäftlichen Unternehmens von den Lebensbedingungen, unter denen
es arbeitet, und weil sie nicht beseitigt werden können, ohne die
Jeitung in andere Abhängigkeiten zu bringen, die mit den Pflichten
gegen ihre Leserschaft weit weniger zu vereinigen wären. Das Maß
von Unabhängigkeit, das die deutsche Zeitung hat ~ und dessen sie
sich leider nicht immer im wünschenswerten Umfang bewußt ist ~
beruht auf den Einnahmen aus dem freien Anzeigengeschäft. Das
darf nicht übersehen, wer an der Ausdehnung mancher ,„Anzeigen-
Plantagen‘“ Ärgernis nimmt — wobei auf der andern Seite ruhig
zuzugeben ist, daß von den Einnahmen aus solchen „Plantagen‘“ nur
in sehr seltenen Fällen restlos der Gebrauch gemacht wird, der im
Interesse der Zeitung am wünschenswertesten wäre.

Aber es darf dabei auch nicht außer acht gelassen werden, wie
wenig das zeitunglesende Ich in Deutschland geneigt ist, für seine
Zeitung einen Preis aufzuwenden, der ihrer Unentbehrlichkeit für
das Ich auch nur einigermaßen entspricht. Eine der wenigen guten
Nachwirkungen der Inflation ist es, hier Wandel geschaffen und
das Publikum an halbwegs angemessene Bezugspreise für die
Zeitung gewöhnt zu haben. Ob der Wandel von Dauer ist, bleibt
abzuwarten und wird sehr wesentlich mitbestimmt werden davon,

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        <pb n="69" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen
wieweit die Zeitungsverleger Verständnis dafür haben, daß vermehrte
Einnahmen auch vermehrte Pflichten mit sich bringen.

Jedenfalls muß gesagt werden, daß die weit überwiegende Menge
der deutschen Zeitungen bis zum Kriege nach dem Grundsatz „billig
und schlecht‘“ hergestellt wurde, und daß die Nachwirkung dieses
Grundsatzes längst noch nicht überwunden ist. Das harte Urteil
„billig und sschlecht‘“ hat bekanntlich ein sachversständiger Beurteiler
über die Erzeugnisse der deutschen Ausfuhr-Industrie gefällt, bevor
sie sich, etwa von 1878 an, den Bedürfnissen des Weltmarktes an-
zupassen begann. Daß diese Anpassung unerläßlich sei, hat der aus-
ländische Wettbewerb der Industrie beigebracht. Zeitungen aber
unterliegen keinem Wettbewerb vom Ausland her. Sie hinderte
nichts, im bequemen Schlendrian des „,,billig und schlecht‘" fortzu-
wursteln ~ bis der Krieg uns auch für die Unterlassungssünden auf
diesem Gebiet die Quittung überreicht hat.

Die militärische Niederlage Deutschlands im Weltkrieg hat sich
zu einer jahrelangen Nervenkrise des ganzen Volkes ausgewirkt, die
ohne Beispiel ist in der neueren Geschichte. Diese Nervenkrise ist,
wie jede Wirkung, der Kreuzungspunkt ganzer Reihen von Ursachen.
Eine Auffassung, die die deutsche Presse in einer dieser Ursachen-
reihen nicht glaubt suchen zu brauchen, ist einfach lächerlich. Wie
kann das Denkorgan, das die Einstellung des Massenteilchens Ich
zum Staate vermittelt, in Ordnung gewesen sein, wenn der Staat
über Nacht zusammenstürzte wie ein baufälliges Haus ?

Die deutsche Presse hat es freilich an Selbsstlob, auch in bezug auf
den Krieg, nicht fehlen lassen. Selbstkritik wär eher am Platze
gewesen. Die deutsche Presse bescheinigt sich in diesem Zusammen-
hange selbst mit Vorliebe, daß sie „gut unterrichtet” und daß sie
„micht käuflich“ gewesen sei. Es ist wahr, die Presse deutscher
Zunge verwendet auf „Auslandsnachrichten“’ mehr Raum als die
Presse irgendeines andern Volkstums. Aber war sie deshalb ,,besser
unterrichtet"? Am Ergebnis gemessen, könnte man doch nur sagen,
der gesamte Auslandsdienst der deutschen Presse sei keinen Schuß
Pulver wert gewesen. War doch das deutsche Volk, bei Ausbruch
des Krieges, über die Einstellung der Welt zu den deutschen Dingen
einfach fassungslos! Was sich da draußen, in der Welt rings um

§§
        <pb n="70" />
        IV. Das Jch als Masssenteilchen
uns her, vorbereitet hatte, davon hatte das zeitunglesende Ich in
Deutschland, trotz ungezählter Telegramme ,zvon unserm Spezial-
Korrespondenten“ keine Ahnung, und das Märchen von dem Kaiser,
um den uns das Ausland angeblich beneiden sollte, ist von Millionen
Deutschen bis unmittelbar vor dem Krieg ehrlich geglaubt worden.

Woran hat diese Unzulänglichkeit gelegen? Einmal daran, daß die
deutsche Zeitung den Auslandsdienst nicht als einen Teil der aus-
wärtigen Reichspolitik, sondern als einen Teil des innern Geschäfts
behandelte. Was „,,die Konkurrenz““ brachte, mußte man auch
bringen. Und womöglich noch ein bißchen mehr. Da die Sache aber
„jbillig““ sein sollte, so wurde sie „schlecht“. Dem schlecht bezahlten
und abgehetzten Auslandsvertreter einer deutschen Zeitung blieb
nichts anderes übrig, als den ganzen Tag über die Nase in den
fremden Zeitungen zu haben, um seinen heimischen Auftraggeber
zufriedenzustellen; denn sonst kamen die Anfragen: warum haben
wir das nicht?, warum haben wir jenes nicht? „„Die Konkurrenz“
hat es docht ~ So bestand der Auslandsdienst der deutschen
Zeitung zu gut 90 0/0 aus fremder Zeitungsliteratur! Eigenes poli-
tisches Urteil ~ wo hätte es herkommen sollen?

Zu beobachten, was um ihn her vorging, hatte der vielgeplagte
deutsche Auslandsvertreter keine Zeit. Sich in die fremde Welt um
ihn herum einzuleben und auf diese Weise mit den Absichten und
Meinungen des fremden Volkes vertraut zu werden, fehlte ihm das
Geld. Und dann: es hätte ja auch gar keinen Zweck gehabt! Wie
man im deutschen Auswärtigen Amt nur hören wollte, was zu den
eigenen vorgefaßten Meinungen stimmte, so wollten die deutschen
Zeitungen nur haben, was in ihre „Richtung“ paßte. Man war
entweder „greichstreu“’ oder man war „,Reichsfeind‘s. Nach diesem
Schema ~ es gab natürlich auch noch allerlei Zwischenstufen ~
wurde die auswärtige Politik zurechtgeknetet. Entweder man glaubte
daran, daß wir „herrlichen Tagen entgegengeführt‘“ würden, und
dann stellte man die Auslandsvertretung in den Dienst dieses
Glaubens; oder man machte alles, was von Reichs wegen geschah,
grundspottschlecht, und dann mußte auch der Auslandsdienst der
Zeitung bei diesem Geschäft mithelfen.

Der Auslandsdienst der deutschen Zeitung konnte „,billig und
schlecht“ sein, weil er nicht dem Bedürfnis einer einheitlichen

50
        <pb n="71" />
        ' IV. Das JIch als Masssenteilchen

Reichspolitik, sondern weil er nur dem Bedürfnis des heimischen
Partei- und Klüngelwesens zu dienen hatte. Als buntschillernder
Reklameaushang, zur Bekämpfung geschäftlicher „Konkurrenz“’, tat
er seine Dienste. Als es aber keine Parteien mehr gab, als ein von
der Umwelt abgeschlossenes Reich um sein Dasein zu kämpfen ge-
zwungen war, da offenbarte sich die unzulängliche Art, wie die
„wohlunterrichtete‘“ deutsche Presse ihre Leser über das Ausland
„auf dem Laufenden“’ erhalten hatte, in geradezu erschütternder
Weise.

Keine Zeitung angelsächsischer oder romanischer Zunge macht aus
der Rubrik „Ausland““ soviel Wesens, wie es die deutsche Zeitung
zu tun von altersher immer noch gewöhnt ist. Aber im Unter-
bewußtsein der angelsächsischen oder romanischen Zeitung schlummert
die Überzeugung, daß das, was sie ihren Lesern unter der Rubrik
„Ausland““ vorsetzt, ein Stück von der auswärtigen Politik des
heimischen Staates ist. Und was für gewöhnlich im Unterbewußtsein
schlummern mag, tritt im Bedarfsfalle sehr fühlbar an die Ober-
fläche. Das gibt der angelsächsischen und romanischen Zeitung, bei
räumlich viel beschränkterem Auslandteil, innerlich eine starke Über-
legenheit über die deutsche Zeitung.

m

Und weil dem so ist, deshalb hat die deutsche Politik auch so wenig
davon, daß die deutsche Presse „nicht käuflich“ ist. Für Geld
käuflich ~ gewiß nicht. Und doch kaufte sich einst der Reichskanzler
Bülow, mit Hilfe seines getreuen Hammann, die ganze bürgerliche
deutsche Presse für seine Blockpolitik, ohne daß es ihn einen Pfennig
gekostet hätte! Nur das Berliner Tageblatt entzog sich ~ damals
~ der amtlichen Befruchtung und gedieh dabei prächtig. Als
einziges Blatt bürgerlicher Opposition konnte es die Zahl seiner
Bezieher rasch verdoppeln und verdreifachen.

Alle übrigen bürgerlichen Zeitungen aber waren befangen in der
Angstvorsstellung, ohne die ,,halbamtliche Nachricht“ der ,„Kon-
kurrenz““ nicht gewachsen zu sein. Bei dieser subalternen Schwäche
packte Bülow die deutsche Presse. Er gab an ,,gutgesinnte““ Blätter
bereitwillig „Informationen“ ~ oder was man in deutscher Gut-
gläubigkeit dafür hielt ~ aber er gab sie nie an eine Zeitung allein,
sondern, nach feststehender Rangabstufung, mindestens an zwei

()
        <pb n="72" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen ..
zugleich. Keine sollte sich überheben und sich für unentbehrlich
halten. Das System arbeitete glänzend! Am Gängelband stetiger
Besorgnis, „die Konkurrenz““ könnte mehr erfahren als Jie selbst,
wurde jede einzelne Zeitung in der Furcht des Herrn erhalten.

Das Ergebnis war, daß es zeitweise kein unabhängiges Denkorgan
für die Massen mehr gab. Denn was nicht auf Regierungspolitil!
eingeschworen war, war auf Opposition eingeschworen. Das zeitung-
lesende Ich konnte sich die Mühe, zu den Angelegenheiten des
Staates „Stellung zu nehmen“’, ersparen, denn die Stellung war
a priori gegeben. Wohin das führt, haben wir erlebt, als der Staat
zusammenbrach und jeder neue Tag uns den Kampf aller gegen alle
zu bringen drohte.

Wenn die deutsche Zeitung anders werden soll, als sie ist, wenn
sie den Aufgaben, die sie im Staatsleben zu erfüllen hat, besser
gerecht werden soll als bisher, so muß der Anstoß dazu vom
Massenteilchen Ich kommen. Zu dem Ende braucht das Massen-
teilchen Ich keine „Reformbewegung“ einzuleiten, es braucht keinen
Verein zu gründen zur „Hebung des Niveaus des deutschen Zei-
tungswesens“", und es braucht erst recht nicht den Apparat der staat-
lichen Gesetzgebung zu bemühen. Es braucht nur zu „,gzwollen“", und
es kann sicher sein, daß ein selbstbewußter, beharrlicher, schöpferischer
Wille der Leserschaft auf die Zeitung in umbildender Weise rückwirkt.

Denn die Zeitung ist zwar „„Denkorgan““ ihrer Leserschaft +
wobei es sich natürlich nicht um wissensschaftliches Denken wie das
eines Plato oder Kant handelt, sondern um das, was man in der
Umgangssprache des Alltags unter Denken versteht ~ aber dieses
Denkorgan denkt so wenig für sich allein, wie das Gehirn des
einzelnen Menschen ,,denkt‘’. Denken tut immer nur das Ich,
ohne sich eines besonderen Organs, das dazu nötig wäre, bewußt
zu werden. Ich weiß von meinem eigenen Gehirn gar nichts, und
von einem Gehirn, das mir gegenständlich geworden ist, das etwa
auf dem Tisch des Anatomen vor mir bloßgelegt wird, werde ich
schwerlich behaupten wollen, daß es denke. Dagegen weiß ich sehr
genau, daß meine Fähigkeit zu folgerichtigem Denken empfindlich
gemindert werden kann, wenn mir etwa ein Zahn weh tut. Das

I.
        <pb n="73" />
        ' IV. Das Jch als Massenteilchen

Denken ist eben nur eine bestimmte Lebensäußerung des Gesamt-
organismus, jede Schwankung im Befinden lebenswichtiger Teile
dieses Organismus wird für das Denken von Bedeutung.

So denkt auch die Zeitung nicht unabhängig von der Masse, deren
Denkorgan sie ist. In ihr denkt vielmehr der Gesamtorganismus,
den sie zur Einheit zusammenhält und leitet, wie das Gehirn den
menschlichen Körper, und der wieder eingelagert ist in den größeren
Organismus der Staatsgemeinsschaft. Der Gesamtorganismus der
Zeitung umfaßt aber, als lebenswichtigen Teil, auch die Leserschaft,
die Masse der zeitunglessenden Massenteilchen Ich. Und es gehört
mit zu den unerklärlichen Kennzeichen des Organismus Zeitung,
daß die Leute, die die Zeitung berufsmäßig „machen““, Stimmungs-
umschläge und Willenssströmungen, die in der Masse der Leserschaft
auftreten, spüren, auch dann spüren, wenn das gewöhnliche Stim-
mungsbarometer, die Zahl der Bezieher, noch keinerlei Änderung
anzeigt. Sie spüren es vermöge jenes eigentümlichen Taktgefühls,
das erst den Zeitungsgmann von Gottes Gnaden macht, und das,
wo von Haus aus keine Anlage dazu vorhanden ist, nicht angelernt
und anerzogen werden kann. „Journalist wird man nicht, Journalist
ist man“’, hat ein alter Praktikus des Berufes gesagt.

Das zeitunglesende Ich kann also darüber beruhigt sein, daß sein
Wille ~ wofern es eben stetiger Wille und nicht nur ein flüchtiges
Möchte-Gern ist ~ sich der Zeitung schon mitteilt, selbst wenn es
nicht gleich grobe Briefe an die Schriftleitung schreibt oder mit
Abbestellung droht. Das Wie ist, gleich jeder Willensübertragung,
eine reichlich mystische Angelegenheit, aber ~ es ist. Wenn Willens-
übertragung nicht auch ohne ausgesprochene Willensäußerung mög-
lich wäre ~ warum würde ein Ich dem andern ausweichen, das
ihm auf der Straße gerade entgegenkommt? Natürlich darf das
Ich nicht erwarten, daß jede Laune, die es in bezug auf seine Zeitung
ankommt, sich dort schon andern Tages in Gestalt grundlegender
Änderungen bemerkbar mache. Überhaupt kann der Willensdruck
der Massenteilchen Ich einen besssernden Einfluß auf die Zeitung
nur dann ausüben, erstens, wenn das einzelne Ich ungefähr eine
Vorstellung davon hat, was die Zeitung leisten soll und kann, und
zweitens, wenn es demgemäß von seiner Zeitung nichts fordert,
was sie ihrem Wesen entsprechend gar nicht leisten kann. Ob es

g 2
        <pb n="74" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen
in der Masse von ~ sagen wir 500000 lesenden Ichs einer großen
deutschen Zeitung wohl ein Dutzend gibt, die diesen beiden Be-
dingungen zu genügen vermögen? Wer die Verhältnisse kennt, wird.
mit einem sehr entschiedenen Nein antworten.

Das Denkorgan Zeitung erfüllt seinen Dasseinszweck, indem es
aus seiner Leserschaft Masse bildet, indem es den auf das Ganze
~ auf das Gemeinschaftsleben der im Staate vereinigten Volks-
gemeinschaft –~ gerichteten Willen des Massenteilchens Ich zum
mehr oder minder klaren Bewußtsein seiner selbst erhebt. Wie
macht die Zeitung das? Indem sie, an jedem Tage von neuem,
den Stand der Dinge von gestern dem Ich in einer Form unter-
breitet, die es in den Stand setzt, sich zu den Fragen des staatlichen
und völkischen Gemeinschaftslebens, gemäß seiner persönlichen An-
lage, einzustellen. Die persönliche Anlage des Ichs bestimmt die
Wahl der Zeitung, die das Ich liest. Die Zeitung übernimmt es
dann, dem Ich die Dinge so vorzustellen und zuzurichten, daß die
persönliche Stellungnahme des Ichs damit fast unmittelbar gegeben
ist. Je vollkommener die Zeitung dies für alle Massenteilchen ihrer
Leserschaft zu leisten vermag, um so fester ist das Band, womit sie
die Masse zur Einheit zusammenbindet.

Vollkommen wird eine Zeitung dies nur leisten können, wenn
jede Nummer ein kleines Kunstwerk in sich ist, abgestellt auf die
einheitliche Wirkung, die sie zu tun bestimmt ist. Es gibt englische,
es gibt französische Zeitungen, deren einzelne Nummern nicht eben
selten den Eindruck künstlerischer Geschlossenheit und Durcharbeitung
hervorrufen. Gibt es deutsche Zeitungen, denen man ein Gleiches
nachrühmen kann? Und wie viele?

Die deutsche Zeitung, sobald sie eine gewisse Blüte und Bedeutung
erlangt hat, fühlt den Drang in sich, mindestens zweimal täglich
zu erscheinen. Es hängt ursprünglich mit dem Grundsatz „billig
und schlecht“ zusammen; man will dem Leser möglichst viel für
sein Geld bieten. Morgens eine Zeitung und abends nochmals eine
Zeitung. Damit in der Seele des zeitunglesenden Ichs nur kein
Raum frei bleibe, wo ,die Konkurrenz““ eindringen könnte! In
Ländern nichtdeutscher Zunge macht der Verlag, der eine Morgen-
zeitung herausgibt, für die Leute, die auch abends eine Zeitung
haben möchten, ein besonderes Abendblatt. In Deutschland zerreißt

6Z
        <pb n="75" />
        IV. Das Jch als Masssenteilchen

der Verlag seine Tageszeitung in zwei Teile, wovon der efne
morgens, der andere abends verabreicht wird. Es hat schon seinen
Grund: der deutsche Leser kauft sich seine Zeitung nur ausnahms-
weise auf der Straße, er ist an , festen Bezug‘“ gewöhnt. Und ehe
er sich zum regelrechten Bezug einer zweiten Tageszeitung entschließt,
eher ~ verspielt er den doppelten Betrag täglich im Skat. Aber +
er nötigt die Zeitung damit zu Maßnahmen, die ihr und ihm nicht
gut bekommen.

Die Zeitung ist ihrem Wesen nach das Kind des Tages. Die
gegebene Zeit zu ihrer Herstellung ist der späte Abend und die Nacht,
wenn andere Leute ruhen. Wem's nicht paßt, so zu arbeiten, der
muß nicht unter die Zeitungsleute gehen. Wenn der Tag einiger-
maßen abgeschlossen hinter uns liegt, dann soll der gesamte Stoff,
den er uns zugetragen hat, vom Denkorgan der Zeitung gesichtet,
durchgearbeitet und in gefälliger Form zusammengestellt werden,
auf daß der Morgen das Kunstwerk für einen Tag fertig vorfinde.

Das ist das Ideal, das die Wirklichkeit niemals ganz erreichen
wird – Ideale sind nicht dazu da, erreicht zu werden, sondern dazu,
einem nimmer müden Streben die Richtung zu weisen ~ dem die
gute Zeitung aber doch so nah wie möglich kommen soll. Das
Nahekommen aber macht sich die Zeitung unmöglich, die den Stoff
eines Tages nicht als Ganzes, sondern stückweise verarbeitet. Von
künstlerischer Durcharbeitung und Geschlossenheit kann keine Rede
mehr sein, wenn die Zeitung für ihre Abendausgabe halbfertige
Arbeit liefern und für die Fortsetzung aufs Morgenblatt vertrösten
muß. Kann kein Faden zu Ende gesponnen, muß er abgerissen und
nach sechs oder zwölf Stunden neu angeknüpft werden, so darf man
kein Webermeisterstück erwarten.

Die schlimmste Rückwirkung des mehrmaligen Erscheinens einer
Tageszeitung aber ist vielleicht die auf den Geisteszustand ihrer
Schriftleitung. Wer beim Abschluß eines Abendblattes schon an das
Morgenblatt, wer zwischen zwölf und zwei Uhr nachts schon daran
denken muß, daß morgen früh die Arbeit für's neue Abendblatt
losgeht, der kommt innerlich überhaupt nicht zur Ruhe. Die Ge-
hetztheit, die der Zeitungsarbeit nun einmal anhaftet, hat im
deutschen Zeitungsbetrieb, namentlich der Millionenstadt Berlin, eine
Höhe erreicht, die der überlegenen Urteilsbildung durchaus abträglich

ß A.
        <pb n="76" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen )
ist. Die Richtigkeit wird unbedenklich hinter den, gewiß nicht zu
entbehrenden Grundsatz der Fixigkeit zurückgestellt, und von einem
ruhigen Überblick über die Summe der Geschehnisse, die der Tag
uns zuträgt, ist schließlich keine Rede mehr. Wir alle haben's +
im Krieg und nach dem Kriege ~ oft genug schaudernd miterlebt.
Und wieviel Zeitungen gibt's im lieben Deutschland denn überhaupt,
die über den Apparat verfügen, den ein mehr als einmaliges Er-
scheinen von rechts wegen erfordert? Man kann sie an den Fingern
einer Hand herzählen, aber man braucht keineswegs die ganze Hand
dazu. Mehr als ein halbes Hundert aber glauben, es den wenigen,
die sich's leisten können, mit unzulänglichen Mitteln nachtun zu
müssen.

Die deutsche Zeitung schleppt aber noch eine andere, süße Ge-
wohnheit des Daseins mit, die zwar bequem für die äußere Zer-
gliederung des Stoffes sein mag, der innerlichen Einheit und Zu-
sammenfassung aber hemmend im Wege steht. Das ist der dicke
schwarze Strich, der sich durch das .Denkorgan und folglich auch
durch das Denken des zeitunglesenden Ichs zieht. Nördlich von
diesem Strich begeben sich die politischen, südlich die ,feuilletonisti-
schen‘“ Angelegenheiten. Und ist zwischen beiden eine Kluft befestigt,
worüber es in normalen Zeiten kein Hinwegkommen gibt. Tote
Fürsten, Feldherren und Staatsmänner werden im ,,politischen Teil“
begraben, tote Künstler, Professoren und Tänzerinnen ,,im Feuille-
ton‘). Den 100. Geburtstag Bismarcks feiert man überm Strich,
den 100. Geburtstag Richard Wagners unterm Strich. Beide Ver-
treter des Deutschtums im ausklingenden 19. Jahrhundert haben
dem deutschen Namen die Welt erobert – aber im Denken des
zeitunglesenden Normaldeutschen gehören sie verschiedenen Welten an.
Sollen beide Welten einmal zusammenkommen, so muß schon die
Welt ringsum in Flammen stehn oder das Haus des deutschen
Volkes krachend zusammenstürzen. Und wenn sie bei solch ,fest-
lichen“’ Gelegenheiten zusammenkommen, gibt's sicher zum allge-
meinen Unglück ~— ein besonderes.

Wie soll das deutsche Ich seine Kultur, sein Deutschtum als eine
Einheit empfinden, wenn sie ihm von seinem Denkorgan stets nur
in Stücken vorgesetzt wird, wenn sein Denkorgan Grenzen zieht und
erhält, die fallen müssen, soll das deutsche Volk je ein einheitlich
Harms , Das Ich und der Staat ß

f
        <pb n="77" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen

empfindendes, einheitlich wollendes Staatsvolk werden, wie es
Engländer und Franzosen seit Jahrhunderten sind? Man kann ein-
wenden, es handle sich hier um Äußerlichkeiten. Gewiß, aber
Äußerlichkeiten, die nicht stimmen, deuten allemal auf Unstimmig-
keiten der innern Beschaffenheit hin. Und vor allem: man muß
das Vorhandensein solch unstimmiger Äußerlichkeiten doch erst ein-
mal erkennen, ehe man Forderungen stellen kann. Ein Volk aber
wird nimmer ein Ganzes werden, wenn es gar nicht weiß, daß es
von seinen Denkorganen mehr Ganzheit und Einheit fordern könnte,
als sie ihm durchweg bieten.

Wenn die Zeitung in ihrer einzelnen Erscheinungsform, der
,„„Nummer“", nach Möglichkeit eine künstlerisch geschlossene und ge-
rundete Einheit darstellen soll, so ist es unbillig, etwas von ihr zu
verlangen, was zornige Kritiker nur zu oft von ihr verlangen: daß
sie die Wahrheit zu sagen habe, und nichts als die Wahrheit! Wobei
sie allerdings die alte Pilatusfrage offen zu lassen pflegen, was
denn ,,die‘’ Wahrheit eigentlich sei?

Was sie meinen, ist wohl dies: die Zeitung solle streng sachlich ~
zu deutsch „jobjektis‘’ berichten, die Dinge darstellen, ,wie sie
sind’, und das Urteil darüber gefälligst dem Leser überlassen.

Die Dinge so darstellen, das kann kein Mensch, aber die Zeitung
kann es noch weniger als der einzelne Mensch. Kein Mensch kann
die Dinge darstellen, wie sie sind, sondern immer nur, wie sie ihm
erscheinen. Aber der einzelne Mensch kann um die Dinge herum-
gehen, kann sie von vorn betrachten und von hinten betrachten,
kann ihrer Lichtseite gerecht zu werden suchen und ihrer Schatten-
seite, kurz, er kann auf erfreuliche wie unerfreuliche Erscheinungen
dieses Erdendaseins den menschlichen Grundsatz anwenden: alles
verstehen heißt alles verzeihen.

Das kann die Zeitung nicht. Oder vielmehr, sie kann es nur in
Ausnahmefällen, in der Regel kann sie die Dinge nur von einer
Seite betrachten, weil sie sie unter festem Gesichtspunkt betrachten
muß. Um die Dinge herumgehen, wie der leidenschaftslose Forscher
es tun muß, kann die Zeitung jedenfalls nicht. Denn dabei könnte
die Masse der Leserschaft sehr bald nicht mit und würde auseinander-
laufen. Die Aufgabe, Denkorgan einer Masse zu sein, fordert Ein-

( (z
        <pb n="78" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen , ê
seitigkeit der Betrachtung. Wer aber nur unter bestimmtem Ge-
sichtspunkt betrachtet, der kann sich nicht nur aufs Berichten ver-
legen, der muß notgedrungen im Berichte schon urteilen. Nur
dadurch, daß die Zeitung dem lesenden Ich die Dinge stets unter
bestimmtem Gesichtspunkt zeigt und ihm, ohne daß es viel davon
merkt, zugleich das Urteil über die Dinge mitgibt, kann die Zeitung
die Masse ihrer Leser dauernd zusammenhalten. Wollte eine Zeitung
sich darauf einlassen, „auch dem gegnerischen Standpunkt gerecht
zu werden“", wollte sie danach trachten, sich das Lob zu verdienen,
das den ,,objektiven“’ Geschichtsschreiber aufs höchste ehrt, sie
könnte ihren Laden ebensogut gleich zumachen.

Vorurteilsfreiheit, Leidenschaftslosigkeit, Unparteilichkeit von einer
Zeitung zu verlangen, heißt ihr Wesen verkennen. Nicht das soll
man ihr zum Vorwurf machen, daß sie einen bestimmten Stand-
punkt der Betrachtung einseitig festhält; sondern einen berechtigten
Vorwurf wird man gegen sie erst dann erheben können, wenn sie
bald den, bald jenen Standpunkt einnimmt, oder wenn sie überhaupt
keinen festen Standpunkt erkennen läßt. Womit ja noch nicht gesagt
ist, daß jeder recht hätte, der von seinem einseitigen Standpunkt
aus einer Zeitung , schwankenden Charakter‘ vorwirft. Im stetigen
Fluß von Werden und Vergehen kann die Zeitung nicht unbesehen
heute loben, was sie gestern gelobt hat, und morgen schelten, was
sie heute gescholten hat. Der Zwang, die Einstellung zu den Dingen
von Tag zu Tag einer erneuten Nachprüfung zu unterziehen, gehört
auch mit zum Wesen der Zeitung, dafür ist sie das Kind des Tages.

Wie aber kann, bei stetigem Fluß der Dinge um sie her, und bei
der Notwendigkeit, sich zu diesen fließenden Dingen immer von
neuem einzustellen, die Zeitung einen festen Gesichtspunkt überhaupt
gewinnen und innehalten? Sie kann das nur durch die Art ihrer
Einstellung zum Staatsganzen, zur staatlich organisierten Volks-
gemeinschaft. Solange diese ihre grundlegende Einstellung klar
erkennbar ist, wird man ihr alles Mögliche vorwerfen können, nur
nicht Charakterlosigkeit. Daß eine Zeitung der andern von Zeit zu
Zeit die Berechtigung dieser ihrer grundlegenden Einstellung be-
streitet, tut nichts zur Sache. Das ist lediglich ein Element des
Kampfes, der der Vater aller Dinge ist; ein Element, das trotz
abstoßendster Formen, worin es in Deutschland meist auftritt ~

fs

Q"
        <pb n="79" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen
läuternd wirkt, indem es alle Beteiligten zwingt, die Berechtigung
ihres Standpunktes auch im stillen Kämmerlein für sich sselbst von
Zeit zu Zeit nachzuprüfen.

Daß es im Meinungskampf der Zeitungen untereinander im
lieben Deutschland noch recht urwüchsig zugeht, ist bedauerlich und
hängt mit der politischen Unreife des ganzen Volkes organisch zu-
sammen. Allmähliche Besserung ist durchaus wünschenswert. Aber
man soll von Zeitungen auch nicht zu viel verlangen! Man soll
von der Zeitung, die das Kind des Tages ist, nicht verlangen, daß
sie rede wie ein Buch, das für die sogenannte Unsterblichkeit be-
stimmt ist. Daß sie eine durchgebildete Form zeige, ist aufs innigste
zu wünschen und sollte, gerade um des deutschen Erbübels der
Formlosigkeit willen, so allgemein und so nachdrücklich wie nur
möglich verlangt werden. Von der Zeitung aber die geglättete Form-
kultur höchster Geistesbildung zu fordern, wäre unbillig. Höchste
Bildung ist keine wildwachsende Pflanze, und je größer die Massen
sind, zu denen eine Zeitung zu reden hat, um so „„gemeinverständ-
licher‘“ wird ihre Form sein müssen. Wollte man die dreißig Höchst-
gebildeten aus ganz Deutschland zur Schriftleitung einer Muster-
zeitung zusammentrommeln —~ es würde dieser Zeitung sehr bald
an Lesern fehlen, wenn sie sie je in nennenswerter Zahl gehabt hätte.
In der Masse überwiegt eben nicht die Bildung, sondern die Halb-
bildung, weshalb an der leidigen Tatsache nie ganz vorbeizukommen
sein wird, daß die stärkste Anwartschaft auf Erfolg immer die
Zeitung hat, die zielbewußt von Halbgebildeten für Halbgebildete
gemacht wird. Man muß schon zufrieden sein, wenn es in der er-
folgreichen Zeitung nicht an maßgeblichen Kräften fehlt, die über
dem Drang in die Breite den Drang in die Tiefe nicht ganz verlieren.

Was das Massenteilchen Ich heute, außerhalb seines Geschäfts
und seines Vergnügens, an Anregung zu geistiger Tätigkeit be-
kommt, stammt überwiegend aus der Zeitung. Die Zeitung über-
mittelt dem Ich den Stoff und die Anweisung, wie es sich zur
äußern und zur innern Politik, zur Wirtschaft und zur Kirche, zur
Kunst und zur Wissenschaft, zu den „kommunalen““ und zu den
„kosmischen‘“ Angelegenheiten einstellen soll. Was auf der Erde

6§
        <pb n="80" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen

und im Weltenraum vorgeht ~ die Zeitung trägt es dem Ich zu
und gibt ihm, meist unaufdringlich, auch gleich den Tipp dazu, was
es davon zu halten habe. Die Tatsache, die die Zeitung „aus zu-
verlässiger Quelle“ meldet, wird in ihrer ersten Form fast nie
„„richtig““ sein, sie wird einer oder mehrerer ,JRichtigstellungen““ be-
dürfen; die einmalige Anweisung, was von dieser Tatsache zu halten
sei, wird eine schärfere kritische Nachprüfung nicht immer, man
kann auch hier vielleicht sagen, fast nie vertragen. Es- bedarf meist
einer ganzen Reihe solcher Anweisungen, wovon jede folgende die
vorhergehende zurechtrückt, ehe so etwas wie ein Standpunkt heraus-
kommt. Diese beklagenswerten Mängel, die dem Denkorgan Zeitung
anhaften, ändern aber nichts daran, daß die weitaus überwiegende
Menge des Denkstoffes, die dem Ich zugeführt wird, nebst der
Anleitung dazu, wie dieser Denkstoff weiter zu verarbeiten sei, heut
aus der Zeitung stammt. Vom Eintritt ins bürgerliche Leben bis
zum Grabe kommt das Ich von der Hand dieser Kinderfrau für
Menschenseelen nicht wieder los, und noch über das tote Ich hat
die Zeitung das letzte Wort.

Der Mensch aber gehört nicht zur zoologischen Gattung der
Wiederkäuer. Deshalb ist es ein unwürdiger Zustand, wenn das
Zoon politikon die Zeitung in sich hineinschlingt, wie das Massen-
futter, das Leute, die sich zum Essen nicht die Zeit nehmen, sich in
einer Garküche einverleiben. Liefert die tägliche Zeitung schon so
ziemlich die einzige Geistesnahrung, die das Durchschnitts-Ich außer-
beruflich zu sich nimmt, so sollte das Ich sich zum Kauen und Ver-
dauen dieser Nahrung wenigstens die unbedingt nötige Zeit lassen.
Soll die Zeitung, schlecht und recht, wie sie nun einmal ist, ihre
Aufgabe als Denkorgan für eine Masse ungefähr gleichgerichteter
Massenteilchen Ich angemessen erfüllen, so gehört dazu, daß das
Ich sich mit seiner Zeitung auseinandersetze. Die Zeitung will nicht,
zwischen Butterbrot und Kaffeetasse, oder auf hastiger Fahrt zur
Arbeitsstätte verschlungen sein, sie will gelesen werden, kritisch ge-
lesen werden. Eben weil ja die Zeitung Denkorgan einer mehr oder
minder großen Masse geworden ist, deshalb ist der Zustand so un-
leidlich, daß das einzelne lesende Ich zur Zeitung von heute noch
ebenso unkritisch steht, wie in den behaglicheren Tagen, da es weder
Eisenbahn noch Telegraph gab.

69
        <pb n="81" />
        — IV. Das Jch. als Massenteilchen

Das zeitunglesende Ich nimmt das, was die Zeitung sagt, auch
heute noch wörtlich ~ oder es schimpft auf die Zeitung, weil sie
nicht genau das noch einmal gesagt hat, was es sich ohnedies schon
gedacht hatte. Das zeitunglesende Ich hat vor der Allwissenheit und
der Allgegenwart der Zeitung eine geradezu abergläubissche Furcht
und ist doch stets geneigt, den Verfasser eines Artikels, der seiner
vorgefaßten Meinung nicht entspricht oder liebe Gewohnheiten zu
erschüttern droht, einen „böswilligen Ignoranten““ zu schelten. Was
sich „gebildete‘“ Deutsche, will sagen mit dem ganzen Dünkel einer
oft nur eingebildeten Bildung ausgerüstete Deutsche an Zuschriften
an ihre Zeitung leisten, davon wird jeder, der zum Bau gehört, ein
Lied singen können, das für die deutsche Bildung sehr wenig
schmeichelhaft klingt.

Der erfahrene Zeitungsmann grollt dem zeitunglesenden Ich
darüber weiter nicht. Er weiß, daß das Zeitunglesen gelernt sein
will ~ und wo soll es das lesende Ich gelernt haben? Durch Selbst-
erziehung? O ja, das geht, und es ist der schlechteste Weg wahr-
haftig nicht. Aber er erfordert mehr Zeit und im Anfang auch mehr
Geld, als der Durchschnittsdeutsche auf die Zeitung zu verwenden
gewöhnt ist. Denn wer ins Wesen der Zeitung eindringen will, darf
sich nicht von vornherein auf eine und dieselbe Zeitung festlegen.
Und davon abgesehen: die Gabe, sich selbst zu erziehen, darf nicht
als so weit verbreitet vorausgesetzt werden, wie die Gabe, lesen und
schreiben zu lernen.

Lesen und Schreiben lernt das Ich in der Schule. Warum lernt
es da nicht auch die wichtige Unterabteilung der Lesekunst, die die
Überschrift trägt: Wie lese ich eine Zeitung? Im Mittelalter war
das verbindende Mittel zwischen dem Ich und der Bildung der Zeit
die lateinische Sprache; es war sselbstverständlich, daß, wer an der
Bildung der Zeit teilhaben wollte, Latein lernen mußte. Heut ist
das verbindende Mittel zwischen dem Ich und der Bildung der Zeit,
für die Mehrzahl der Menschen, die Zeitung geworden. Sollte es
nicht auch selbsstverständlich sein, daß sie das Zeitunglesen ~ lernen
müssen?

Ansätze dazu gibt es, sicher aber spielt das Massen-Denkorgan,
das die Zeitung im Laufe der Entwicklung eines halben Jahr-
hunderts geworden ist, in der staatlichen Erziehung des Ichs durch

((
        <pb n="82" />
        1V. Das Jch als Massenteilchen !
die Schule noch längst nicht die Rolle, die es da spielen sollte. Nur
wenn jedes Ich, mit andern für das Leben unentbehrlichen Dingen,
auch lernt, wie es eine Zeitung zu lesen habe, wird es dem Aber-
glauben entsagen, als müßte die Zeitung just so sein, wie sie ihm
in die Hand gedrückt wird ~ wird es andererseits von der Zeitung,
nichts verlangen, was sie ihrem Wesen, ihrer Aufgabe im Leben
der Volksgemeinsschaft nach gar nicht leisten kann.

2. Die Partei

Die Summe der Massenteilchen, die sich um eine Zeitung zur
Masse ihrer Leserschaft zusammenballen, ist zwar notdürftig gleich-
gerichtet im Denken und Wollen, aber sie ist darum, als Masse,
noch nicht handlungsfähig. Um den Anforderungen des öffentlichen
Lebens gegenüber handlungsfähig zu werden und zu bleiben, schließen
sich die Massenteilchen noch enger als in der Leserschaft ein und
derselben Zeitung zusammen in der Partei. In der Partei und
durch die Partei stellt das Ich dem Staate seine persönliche Er-
fahrung und seinen politischen Willen zur Verfügung. Es ist im
Staate von heute nicht damit getan, daß das Ich seinen Beitrag zu
den Unkosten der Staatsverwaltung in Gestalt von Steuern ent-
richtet, der Staat fordert von jedem Ich auch noch einen Beitrag
zu den geistigen Unkosten seiner Leitung und Verwaltung, und
dieser Beitrag wird durch Zwischenorgane, eben die Parteien, ein-
kassiert.

Die Gesamtsumme der im Staate vereinigten Massenteilchen
vermag durch den Staat nur nach außen hin handelnd aufzutreten,
als Staatspersönlichkeit. Damit die Masse auch nach innen mit-
bestimmend einwirken könne, muß sie gegliedert sein. Nach außen
hin steht die Gesamtmasse als Staatsperssönlichkeit andern Staats-
persönlichkeiten gegenüber, mit denen sie in Verkehr, freundschaftlich
oder feindlich, in Gedanken- und Güteraustausch oder in den Aus-
tausch von Zerstörungsmitteln, treten kann. Nach innen sollte ein feind-
seliger Austausch von Zerstörungsmitteln nicht in Betracht kommen.
Den Warenaustausch vermittelt die private Wirtschaft ~ wie sie
selbst behauptet, dann am besten, wenn der Staat sich möglichst
wenig darum kümmert. Bleibt der Gedankenaustausch zum all-

T 1
        <pb n="83" />
        IV. Das Jch als Masssenteilchen
gemeinen Besten. Für ihn ist die Gesamtmasse der Bevölkerung
zu unhandlich, ein leidlich geregelter und für die Gesamtheit nutz-
bringender Gedankenaustausch kann hier nur in Gang kommen,
wenn sich zwischen Staat und Massenteilchen Ich die Massenorgane
der Parteien einschieben. Diese stehen einander gleichfalls wie
Persönlichkeiten gegenüber, und wenn auch Tätlichkeiten im inner-
staatlichen Verkehr ausgeschlossen sein sollten, so ist damit das
Handeln ja noch nicht ausgeschlossen. Parteien handeln, indem sie
soviel Masssenteilchen Ich, als sie mit sich fortzureißen. vermögen,
zu einheitlichen Willenskundgebungen befähigen. Diese Willens-
kundgebungen gipfeln in der Regel in der Abgabe eines Stimm-
zettels, bei der von der Staatsverfassung vorgesehenen Gelegenheit.

Aus diesem Daseinzweck der Partei geht unmittelbar hervor, daß
der Begriff Partei ~ wie übrigens der Begriff Zeitung auch ~
nur in der Mehrzahl denkbar ist. Diese Tatsache nicht nur praktisch,
sonder! auch theoretisch anzuerkennen, wird dem deutschen Ich,
unpolitisch wie es von Natur ist, ungemein schwer. Es findet sich
notgedrungen damit ab, daß es eine Mehrzahl von Parteien gibt,
aber es vermag sich nur schwer an den Gedanken zu gewöhnen, daß
die Einrichtung der Partei auch nur in der Mehrzahl daseinsberechtigt
ist. Es sieht nur zu gern die Aufgabe der Partei immer noch darin,
die Gesamtheit des Staates „mit ihrem Geiste zu erfüllen‘). Daß
das niemals die Aufgabe einer Partei sein kann, und daß jede Partei
nur solange daseinsberechtigt und lebensfähig ist, als ihr mindestens
eine andere Partei gegenübersteht, die sie bekämpft und die ent-
gegengesetzte Ziele verfolgt – das will dem deutschen Ich ohne
weiteres nicht einleuchten.

Die Folge davon ist, daß die parteipolitische Gegensätzlichkeit sich
zu gesellschaftlicher Gegensätzlichkeit steigert, die die Arbeit in der
politischen Kinderstube Deutschland nicht gerade angenehmer macht.

Beides hat seinen Ursprung in den eigentümlichen Verhältnissen,
unter denen der Staat der Deutschen ins Leben trat und ausgebaut
wurde. Der Schöpfer dieses Staates der Deutschen war, seiner
Natur und seinem Entwicklungsgang nach, außerstande, parteipoli-
tische Widerstände einfach als Staatsnotwendigkeiten hinzunehmen.
Er sah in den Parteien nicht lebensnotwendige Organe der inner-
staatlichen Entwicklung, sondern feindliche Mächte, die niederzu-

72
        <pb n="84" />
        1V. Das Jch als Massenteilchen D;
werfen seien, wie er der Reihe nach Dänemark, Österreich, Frank-
reich niedergeworfen hatte. So hatten der Fortschritt, das Zentrum
und die Sozialdemokratie der Reihe nach das Vergnügen, feierlich
zum „Reichsfeind““ gestempelt zu werden. An der Partei, für die
die wirtschaftliche Entwicklung vom Agrarstaat zum Industriestaat
eine unwiderstehliche Werbekraft entfaltete, blieb der Charakter der
Reichsfeindlichkeit am längsten haften, und gerade sie hat infolge-
dessen den widersinnigen Anspruch, nach und nach den ganzen Staat
auszufüllen, „„die Macht erobern“ zu wollen, am hartnäckigsten
gepflegt. Dieser Anspruch war das Rauschgift, womit sie ihre An-
hänger über ihre tatsächliche Ohnmacht hinwegtäuschte.

Die Ohnmacht war aber bei allen Parteien größer, als einer
freien und gesunden Entwicklung dieser unentbehrlichen Organe des
innern Staatslebens zuträglich war. Schließlich soll die Partei doch
nicht nur die Erfahrung und den Willen des Durchschnitts-Ich für
das Staatsleben nutzbar machen, sondern sie hat vor allem die Auf-
gabe, über den Durchschnitt hinausragende Begabungen an die Ober-
fläche zu bringen. Die Partei soll der Auslese von Führernaturen
nutzbar sein, das ist, für eine gesunde Fortentwicklung des Staats-
organismus, vielleicht noch wichtiger als die Vermittlung einer
Einflußnahme des Durchschnitts-Jchs auf das Staatsleben. Bei
Erfüllung dieser Aufgabe aber stieß unter Bismarck jede Partei auf
Hemmungen, die in der Person des Reichsgründers lagen. Für
selbständige Führernaturen war neben dieser überlebensgroßen Per-
sönlichkeit kein Platzz die sich dazu entwickeln wollten, wurden durch
die Verfassung selbst gehemmt, denn was der Staat an tüchtigen
Handwerkern der Verwaltung brauchte, wurde tunlichst in der
Beamtenschaft gezüchtet. Die parteipolitische Laufbahn war, auch
bei den „,staatserhaltenden““ Parteien, eher ein Hindernis für eine
aussichtsreiche Laufbahn in der Staatsverwaltung.

Die Entwicklung der deutschen Parteien hat sich also unter einem
Drucke vollzogen, den man in England, in Frankreich, in Italien
und in kleineren Staaten längst überwunden hatte. Entwicklung in
gedrückten Verhältnissen aber ist überall dem Aberglauben förderlich.
Und so befestigte sich in Deutschland mehr und mehr — |tatt sich

(Ä
        <pb n="85" />
        74 IV. Das Jch als Massenteilchen
mit der Zeit zu verlieren ~ eine Auffassung, die politische Gegen-
sätze mit ethischen Gegensätzen gleichsetzte. Zugehörigkeit zur eigenen
Partei war gleichbedeutend mit gut, Zugehörigkeit zur Gegenpartei
war gleichbedeutend mit böse. Der Staat bestärkte, in kurzsichtiger
Bequemlichkeit, die Masse der wahlmündigen Ichs in der Auf-
fassung, daß es vor Gott und Menschen angenehm mache, re-
gierungsfromm zu wählen, und daß es von einer verwerflichen, um
nicht zu. sagen verbrecherischen, Gemütsanlage zeuge, seine Stimme
den Gegnern einer hohen Regierung zuzuwenden. Und die Oppo-
sition, die den Staat der Gegenwart grundsätzlich ablehnte und ihm
das Idealbild eines Staates der bessern Zukunft entgegensetzte,
bestärkte die Masse in der gleichen Auffassung, nur mit umgekehrtem
Vorzeichen. Für den ,,ziel- und klassenbewußten‘““ Sozialdemokraten
galt es als unehrenhaft, einem Zugehörigen „„der einen reaktionären
Masse‘‘ seine Stimme zu geben, ja nur mit ihm gesellig zu ver-
kehren. Die Parteizugehörigkeit färbte auf alle gesellschaftlichen
Beziehungen ab, und es wird dem deutschen Parteiwesen außer-
ordentlich schwer, aus dieser Sackgasse wieder herauszufinden.
Ein Führer, der zeitlebens nichts anderes zu tun hat, als die
Fahne irgendeines Programms hochzuhalten, verliert schließlich jedes
Augenmaß für die Bedeutung von Programmen überhaupt. Ein
„Parteiveteran“’, der die räumlichen Unterschiede politischer Ein-
stellungen – ob mehr rechts oder mehr links —~ mit ethischen
Wertunterschieden von gut und böse zu verwechseln sich gewöhnt
hat, kann es natürlich nicht fassen, wie jemand die Parteizugehörig-
keit wechseln kann! Dem Übergang von einer Partei zur andern
in England ein Vorgang, worüber sich niemand aufregt — haftet
in Deutschland immer noch der Geruch des Unerhörten an. In
England entwickelte sich der radikale Disraeli zum Reformator des
Torytums. Der konservativ gerichtete Gladstone ward Führer der
Liberalen. Joe Chamberlain, ursprünglich ein Heißsporn der Linken,
endete auf der Rechten. Lloyd George, linksliberal bis zum Sozialis-
mus in seinen Anfängen, entwickelte sich zum Vertrauensmann der
Diehards, und von da rückwärts zum Führer der noch übrig ge-
bliebenen Liberalen; wenn er nur außenpolitisch nicht so arge Dumm-
heiten gemacht hätte, der Übergang von einer Richtung zur andern
hätte ihm in England nicht im geringsten geschadet.
        <pb n="86" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen . ;

Das englische Massenteilchen Ich stellt sich zu politischen Führer-
naturen ein nach Maßgabe der Antwort auf die Fragen: Was will
der Mann? was kann der Mann? Das deutsche Massenteilchen Ich
fragt in erster Linie immer noch: Ist der Mann auch verkehrsfähig ?
Und zwar hat der Begriff der Verkehrsfähigkeit zu Zeiten in den
Unterschichten der Gesellschaft eine noch viel schlimmere Rolle ge-
spielt als auf den Höhen des preußisch-deutschen Kastenstaates. Hätte
die Unterkaste, die der Sozialdemokratie, sich nicht so übertrieben
gesinnungstüchtig abgesperrt, sie hätte den Aufgaben, die mit der
Umwälzung von 191819 an sie herantraten, doch vielleicht etwas
weniger hilflos gegenüber gestanden!

Die Sackgasse, wo hinein das deutsche Parteileben sich verrannt
hat, heißt Selbstzweck. Die Parteien sind sich Selbstzweck geworden.
Während sie doch, wenn sie Organe sind, die den Verkehr zwischen
dem Ich und dem Staatsganzen zu vermitteln haben ~ die es dem
Ich ermöglichen, seinen rechtmäßigen Einfluß auf den Staat aus-
zuüben und die dem Organismus des Staates frisches Blut, aus
den Unterschichten nach oben hin, zuzuführen haben ~ nur Mittel
zum Zweck sein können. Sowohl für das Ich wie für den Staat.
Das Ich, das auf den Staat einwirken will, sei's in der bescheidenen
Rolle von „„Stimmvuieh“/, sei's als Führer, braucht die Partei; und
der Staat, der den Kreislauf des Blutes in seinem Organismus
lebendig erhalten will, braucht sie auch. Beide, das Ich sowohl wie
der Staat, tun also ebenso unrecht, wenn sie die Parteien als
Nationalheiligtümer behandeln, wie wenn sie im Zorn zu ihrer
Vernichtung aufrufen. Beide sollen sich ihrer bedienen, so gut sie
können, sollen mit ihrer Hilfe das Beste zu erreichen suchen, was
sich von ihrem jeweiligen Standpunkt und für ihre beiderseitigen
Zwecke erreichen läßt, und sich im übrigen vertrauensvoll darauf
verlassen, daß unzweckmäßige Organe von der fortschreitenden Ent-
wicklung umgebildet oder abgestoßen werden.

Auf dem deutschen Staatsleben lastet immer noch, als ein übles
Erbteil großer Vergangenheit, die Methode Bismarcks, der mit den
Parteien umging wie mit fremden Mächten. Der Meister der
Diplomatie spielte sie gegeneinander aus, wie es seinen augenblick-

75
        <pb n="87" />
        . IV. Das Jch als Masssenteilchen

lichen Zwecken dienlich war, unbekümmert darum, ob das auch zum
höhern Zweck des Staatsganzen stimmte, das weiter leben will,
auch über die stärkste Einzelpersönlichkeit hinaus. Das ,,Zer-
schmettern““ war nicht erst Wilhelms II. Erfindung, Bismarck hat
es gegen so ziemlich alle Parteien durchprobiert, mit vollem Erfolg
doch nur gegenüber den Parteien der liberalen Mittelschicht. Und
ob damit dem Staatsganzen ein Dienst erwiesen worden, darf man,
belehrt durch die Erfahrungen der Nachkriegsjahre, bezweifeln.

Im Veorkriegs-Deutschland hatten die Landwirtschaft, die in-
dustrielle Oberschicht, die industrielle Unterschicht und die romanisch-
katholischen Volksteile festgefügte Organe zur Einwirkung auf das
Staatsleben; nur die Massen des protestantisch-liberalen Mittel-
standes, die den Kitt zwischen Landwirtschaft und Industrie, zwischen
oben und unten hätten abgeben müssen, entbehrten der geschlossenen
Vertretung. Sollte es nicht damit ursächlich zusammenhängen, daß
der Staat, nach dem Verlust des Krieges, so hilflos auseinander-
brach ?

Völker, die berufen sind, sich selbst zu regieren ~ und die es
nicht lernen, kommen unfehlbar unter die Räder des Weltgeschehens
D bedürfen der Partei, als eines Zwisschenorgans, um die politische
Kraft des Massenteilchens Ich für den Staatsorganismus nutzbar
zu machen. Das Massenteilchen Ich, das durch die Partei politisch
wirkt, darf aber nicht vergessen, daß jede Partei nur solange daseins-
berechtigt ist, als sie eine Gegenpartei bedingt und durch sie bedingt
wird, daß es daher dem Staatszweck zuwiderläuft und das Staats-
leben unnötig vergiftet, wenn eine Partei der andern das Recht aufs
Dasein mit moralischen Gründen zu bestreiten trachtet. Das steht
etwa auf der gleichen Höhe wie die Neigung mancher Leute, jeden
Gynäkologen oder Sexualpathologen kurzerhand für „„ein Schwein““
zu erklären. Parteien sind an sich weder gut noch böse, sie sind da,
als Ausdruck der in einer größeren oder kleineren Masse von Massen-
teilchen vorhandenen Willensrichtung. In dieser Form sind sie im
Staate daseinsberechtigt, solange ihr Streben auf Förderung des
Staates und nicht auf seine Zerstörung gerichtet ist.

Es ist das gute Recht des Staates, sich gegen Parteien, die ihn

76
        <pb n="88" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen T
nicht nur theoretisch verneinen, sondern die ihm praktisch ans Leben
wollen, zur Wehr zu setzen, solange er die Macht dazu hat. Aber
der Staat mißbraucht seine Macht, wenn er sie dazu benutt,
Parteien gewaltsam zu unterdrücken, nicht weil sie eine Gefahr für
den Staat, sondern nur, weil sie eine Unbequemlichkeit für die
augenblicklichen Machthaber und ihre Politik sind. Solch ein Miß-
brauch pflegt sich, wie der deutsche Staat zu seinem Schaden er-
fahren hat, früher oder später schwer zu rächen. Den Luxus,
Parteien, die Millionen von Anhängern umfassen, und denen die
wirtschaftliche Entwicklung immer neue Anhänger zutreibt, als
„Reichsfeinde““ zu behandeln, wird sich der machtlose Staat der
Deutschen von heute nicht mehr leisten können.

Aber auch das Ich wird sich zur Partei anders einstellen müssen,
als es im Vorkriegsstaat des Landes der Brauch war. Es wird sich
daran gewöhnen müssen, in der Partei ein Mittel zur politischen
Betätigung zu sehen, dessen sich jedes unbescholtene Ich nach freier
Wahl und eigenem Geschmack bedienen darf, ohne davon gesell-
schaftliche Nachteile befürchten zu müssen. Die Anschauung, daß
Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei das eine deutsche Ich für
ein anderes deutsches Ich „verkehrsunfähig‘“ mache, wird aus dem
öffentlichen Leben verschwinden müssen, wenn das deutsche Volk
mit Völkern, die dies Vorurteil bereits hinter sich gebracht haben,
gleichen Schritt halten will. Je mehr persönliche Freundschaften
sich vom Massenteilchen Ich der einen Partei zum Massenteilchen
Ich der Gegenpartei hinüberspinnen, umso angenehmer wird es sein,
im öffentlichen Leben Deutschlands mitzutun. Und von einem Zu-
stand, wovon sich bekennen ließe, „es ist eine Lust zu leben“, sind
wir einstweilen leider noch weit entfernt.

Anziehung und Abstoßung, Liebe und Haß sind die Kräfte, die
zwischen den organisierten Massen der Parteien wirksam sind und
das Getriebe des innern Staatslebens im Gang halten. Wenn aber
die abstoßende Kraft zwischen zwei Parteien oder zwei Parteigruppen
eines und desselben Staatsvolkes größer wird, als das gesunde
Mißtrauen, das zwischen heimischer Partei und fremdem Volkstum
immer bestehen sollte, dann ist das ein Anzeichen dafür, daß die
Seele jenes Staatsvolkes aus dem Gleichgewicht geraten ist. So
lange deutsche Parteien, welcher Richtung sie auch angehören mögen,

F §
        <pb n="89" />
        ] IV. Das Jch als Massenteilchen

zum Ausland ein größeres Maß von Vertrauen bekunden, als sie
Angehörigen des eigenen Volkstum entgegenbringen, so lange kann
das deutsche Volk nicht als gesund gelten, so lange ist die Gefahr
einer Zerstörung der Reichseinheit von innen heraus nicht über-
wunden.

Wer seine Hoffnung darauf setzt, den innerpolitischen Gegner mit
Hilfe des Auslandes zu überwinden, begeht die schwerste Sünde
wider die Natur, die im Staatsleben der Völker denkbar ist. Daß
ihm die Empfindung für diese Sünde wider die Natur des Staates
in Fleisch und Blut übergegangen ist, so daß er sich ihrer kaum
mehr bewußt zu werden braucht, das hat dem Engländer seine
Überlegenheit über alle andern Staatsvölker gegeben. Ob wir
Deutsche es jemals so weit bringen werden – ?

Abschaffen also lassen sich die Parteien nicht. Vorübergehend
konnte, in der politischen Kinderstube Deutschland, eine Partei frei-
lich auch einen starken Erfolg erringen mit dem Programm der Ab-
schaffung des Parteiwesens ~ oder Parteiunwesens, wenn man
lieber will. Aber noch im selben Jahre brachte eine wiederholte Auf-
lösung des Reichstags dieser „antiparlamentarischen““ Partei schwere
Rückschläge und Erschütterungen, ein Beweis dafür, daß es mit der
bloßen Verneinung dessen, was viele zeitweise als. Ärgernis emp-
finden, nicht getan ist. In einem Zeitabschnitt, der die Aufgabe hat,
sich aus einer Staatsform in die andere einzuleben, gibt es in jedem
Lager eine Menge von Leuten, die an politischer Verärgerung leiden.
Die einen ärgern sich über das Neue, die andern ärgern sich darüber,
daß das Neue sich nicht mühelos durchsetzt und, wenn es sich durch-
gesetzt hat, die goldenen Zeiten nicht heraufführt, die sie sich davon
glaubten versprechen zu dürfen. Für gerissene Parteitaktiker ist es
nicht schwer, aus diesen Empfindungen eines weitverbreiteten Miß-
behagens den Wind zurechtzubrauen, der die Segel des Parteischiffes
lustig schwellt, bis es in den Hafen der Regierungsfähigkeit ein-
gelaufen ist. Dann freilich, wenn es gilt, sich von draufgängerischer
Opposition zu verantwortlicher Mitarbeit umzustellen, erlebt auch
die erfolgreichste Partei wieder kummervolle Tage, über denen sich
Wolken neuen Mißbehagens ansammeln.

7 &amp;
        <pb n="90" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen 73

Dies Auf und Ab des Stimmungsbarometers gehört nun einmal
mit dazu. Zufriedenheit ist eine Quelle erhaltender Kräfte im
Staatsleben, die ergiebigste Quelle für die vorwärtstreibenden Kräfte
aber ist das Mißvergnügen. Beide Kraftquellen sind für die Gesund-
erhaltung des Staatslebens unentbehrlich. Im monarchischen Vor-
kriegsstaat war die Zufriedenheit, das satte Behagen am rasch sich
mehrenden Erwerb und an der stetigen Hebung der Lebenshaltung
ganzer Volksschichten, zu einseitig stark geworden. Die Parteien
waren erstarrt zu Interessen-Vertretungen der verschiedenen Wirt-
schaftsschichten, die um Sondervorteile auf Tod und Leben mit-
einander rauften, den Blick für die schicksalhaften Ziele und Ge-
fahren der Volksgemeinschaft aber verloren hatten. Aus dieser
Erstarrung mußten wir einmal heraus, wenn wir als Staatsvolk
noch eine Zukunft haben sollten, und die Weltgeschichte liebt dra-
stische Mittel, um untauglichen Organen klar zu machen, was sie
gutwillig nicht einsehen wollen. Unsanft, wie die Weltgeschichte
unsere Parteien und die zugehörigen Massenteilchen durcheinander
gerüttelt hat, ist es begreiflich genug, daß man ssich allerseits noch
nicht wieder zurechtfinden kann. Aber daraus, daß die Zeit des
Überganges für manche Partei und manches Ich unbehaglich im
höchsten Grad ist, darf noch nicht geschlossen werden, die Ent-
wicklung sei auf falschen Wegen.

Gesund wird die Entwicklung sein, wenn sie sich vollzieht im
Sinne der veränderten Lage und Aufgabe des deutschen Staats-
volkes, das will sagen, wenn sie dazu mithilft, das Volk immer
mehr darüber aufzuklären: daß es hinfort nicht mehr aus einer
Wolke mystischen Gottesgnadentums Erleuchtung über seine Zukunft
erhoffen darf, sondern daß es in seiner eigenen Brust seines Schick-
sals Sterne suchen muß. Selbstregierung ist unlösbar verknüpft
mit Selbstverantwortung. Reibungen und Erschütterungen wird es
beim Hineinwachsen in diesen neuen Zustand immer geben. Ge-
fährlich könnten sie nur dann werden, wenn die durcheinander ge-
rüttelten Parteien sich zu Interessen-Vertretungen großer Wirt-
schaftsschichten rückbilden sollten; denn auf die Dauer läßt sich,
zumal im entwaffneten Staat, eine Wirtschaftsschicht von der andern
nicht regieren. Und auch die Möglichkeit des Wechsels schafft hier
keine gesunde Abhilfe. Wenn das einzige Ziel der Parteien ist, zur
        <pb n="91" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen
Macht zu gelangen, um „,,die Konjunktur ausnützen“’ zu können, so
werden sie von notwendigen Organen des staatlichen Innenlebens
rasch entarten zu Hilfsmitteln wirtschaftlicher Schiebertätigkeit.

Die meiste Aussicht, in die Aufgaben der neuen Staatsordnung
organisch hineinzuwachsen, wird die Partei haben, deren Massen-
teilchen, entsprechend dem Aufbau des Volkskörpers, auf die ein-
zelnen Wirtschafts- und Berufsschichten verteilt sind: nach oben zu
weniger, nach unten zu immer mehr. Das ergibt eine breite, auch
in schweren Stürmen tragfähige Unterlage für die Partei und bietet
gesunde Bedingungen für den „Aufstieg der Begabten“"’, dem jede
Partei um des Staatsganzen willen zu dienen hat.

3. Die Beamtenschaft

Wenn eine Staatsverfassung, so wie es die Bismarck’sche tat,
die natürliche Entwicklung des Parteiwesens unter Druck hält, so
fördert sie damit unwillkürlich die treibhausartige Entwicklung jenes
andern Organs, das dem Staate, von seiner Seite her, für den
Verkehr mit dem Massenteilchen Ich zu dienen hat: der Be-
amtenschaft.

Der alte Staat legte keinen zu großen Wert auf den Verkehr,
den Zeitung und Partei mit ihm zu pflegen allzeit bereit waren. Er
ließ diese Organe für Massendenken und Massenhandeln allenfalls
gelten als notwendige Übel; sie auf dem Wege, den die Entwicklung
der Zeit ihnen wies, auch noch zu fördern, lehnte er aber ganz ent-
schieden ab. Und die Führerbegabungen, die durch den Parteibetrieb
aus der Masse emporgehoben wurden, betrachtete er eher mit Miß-
trauen und zog es vor, was er an derartigen Begabungen unbedingt
brauchte, durch sein eigenstes Organ, die Beamtenschaft, heran-
zuzüchten.

Und da die Staatsgewalt in den Händen bestimmter Schichten
war, die sich ablehnend oder geradezu feindlich gegen andere
Schichten einstellten, so konnte es nicht ausbleiben, daß der Beamte
sich immer mehr als Organ der Machthaber im Staat und
immer weniger als Organ der Volksgemeinschaft im Staate
fühlte. Je ausschließlicher aber die Machthaber sich des Organs der
Beamtenschaft bedienten und je unbeholfener und ablehnender sie

8()
        <pb n="92" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen

den Massenorganen der Zeitung und Partei gegenüberstanden, um so
unentbehrlicher wurde ihnen der Beamte. Die Folge davon war,
daß der Beamtenschaft immer mehr das Bewußtsein abhanden kam,
ein Organ des Staates zu sein, und daß sie sich immer mehr in
die Vorstellung hineinlebte, der Staat sei um ihretwillen da, nicht
sie um des Staates willen. Daß ein nichtbeamteter Mensch von ihm
etwas zu wollen wage, wurde von dem oder jenem Beamten schon
als Beleidigung empfunden. Namentlich die „untern Organe“
behandelten das Massenteilchen Ich, mit dem sie zu tun be-
kamen, praktisch nach dieser Auffassung, während die ,,oberen
Götter“ für das durchschnittliche Massenteilchen einfach unerreich-
bar und unsichtbar waren. Beliebt hat dies Verfahren bei den
Massen weder die Beamtenschaft noch ihren Auftraggeber, den
Staat, gemacht, die Einstellung zu ihnen schwankte durchweg zwi-
schen mißliebig und verhaßt.

Unter der neuen Staatsform, die dem Volke die Verpflichtung
auferlegt, sich selbst zu regieren, ist die alte Auffassung vom Staats-
beamtentum unhaltbar geworden. In einem Staate, dessen Volk
sich selbst regiert, geht es nicht an, daß der Beamte sich einbildet,
der Staat sei um seinetwillen da und das Massenteilchen, mit dem
er zu tun bekommt, sei als eine Art von Hörigem zu behandeln.
Und wenn die Macht im Staate, je nach den Mehrheitsverhältnissen
der Volksvertretung, von einer Partei oder Parteigruppe zur andern
hinüberwechseln kann, so geht es auch nicht mehr an, daß der Be-
amte sich als das Organ der Machthaber im Staate betrachte ~
wenn er nicht Gefahr laufen will, in ihren Sturz mit verwickelt
zu werden.

Der Staatsbeamte hat, von der alten Zeit in die neue, den An-
spruch mit hinübergenommen, daß der Staat, dem er seine Dienste
widmet, ihn auf Lebenszeit anstelle, ihn für die Zeit seiner Arbeits-
unfähigkeit unterhalte und nach seinem Tode für seine Witwe und
seine unmündigen Kinder sorge. Dieser Anspruch ist nur aufrecht
zu erhalten, wenn der Beamte sich, unbeschadet seiner persönlichen
Anschauungen und ohne Rücksicht auf die Partei, die er am liebsten
an der Macht sähe, als dienendes Glied des Staatsganzen fühlt.
Eine Beamtenschaft, die das nicht will und nicht kann, die also
die Freiheit haben will, ihr Schicksal an das bestimmter Macht-
Harm. Das Ich und der Staat _

81
        <pb n="93" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen
haber oder Anwärter auf die Macht zu knüpfen, wird auf den An-
spruch auf Versorgung für das eigene Alter und für die Hinter-
bliebenen verzichten müssen. Eben weil sie immer darauf gefaßt
sein müßte, mit den Machthabern aus dem Amt zu scheiden und
weil kein Staat die Versorgung dieser ständig wechselnden Beamten-
schaft tragen könnte.

Es gibt hier also nur ein Entweder~Oder. Der Charakter eines
Staatsbeamten ist unvereinbar mit dem Vorbehalt, als solcher nur
den Interessen einer bestimmten Partei oder Parteigruppe dienen zu
wollen. Andererseits ist es,. nach den Erfahrungen, die andere par-
lamentarisch regierte Länder bereits hinter sich haben, auch nicht
erwünscht, den fest überlieferten Charakter des Staatsbeamtentums
aufzulösen dadurch, daß man den Anspruch auf Versorgung aufhöbe.
In der Richtung einer gesunden Entwicklung liegt eine Wandlung
nur in dem Sinne, daß der Beamte sich immer ausschließlicher
als Organ des Staates und immer weniger als Organ der zeit-
weiligen Machthaber des Staates fühlen lerne.

Wozu das Massenteilchen Ich freilich auch das Seinige bei-
zutragen hat. Im Staate, dessen Volk sich selbst zu regieren hat,
ist es staatsbürgerliche Pflicht des Massenteilchens Ich, sich nichts
gefallen zu lassen. Für byzantienernde Unterwürfigkeit sollte kein
Raum. sein im parlamentarisch-demokratisschen Staate, und dem
überheblichen Gefühl der Gottähnlichkeit, das manche Organe des
neuen Staates noch nicht los zu werden vermögen, sollte von den
Massenorganen der Zeitung und der Partei rücksichtslos ein Dämp-
fer aufgesetzt werden. Denn erst, wenn man sich allerseits der
neuen Staatsform angepaßt hat und dadurch ein Zustand leidlichen
inneren Gleichgewichts erreicht ist, wird der Staat, trotz seiner
Wehrlosigkeit, nach außen hin einigermaßen als gesichert gelten
können. Über einen Staat herzufallen, den das in ihm wohnende
Staatsvolk mit ganzer Seele will, scheut sich doch auch der mili-
tärisch Überlegenez nur wenn der Landesfeind auf Spaltung im
Innern glaubt rechnen zu dürfen, hält er den Krieg für einen
militärischen Spaziergang, wie es Poincaré, Iswolsky und Grey
im Juli 1914 getan haben.

§2
        <pb n="94" />
        IV. Das Jch als Masssenteilchen .

Wenn der Zustand inneren Gleichgewichts erreicht ist, dann wird
das Ich im Beamten nicht den Feind, sondern den Helfer bei der
Erfüllung seiner staatsbürgerlichen Pflichten erblicken. Feindselig
stand im alten Staate das Publikum, die Masse der Ichs, vor-
nehmlich zu dem Teil der Beamtenschaft, dem die Aufrechterhaltung
der öffentlichen Ordnung oblag, zur Polizei. Und nicht ohne Grund.
Aber auch nicht ohne eigene Schuld. Wer in den Jahrzehnten vor
dem Weltkriege das Verhalten des Publikums in schweizerischen
od.r englischen Weltstädten zu beobachten Gelegenheit hatte, dem
ist nichts so sehr aufgefallen, wie die fortgeschrittene Selbstzucht,
sowohl der Massenteilchen wie der Massen, wenn sie sich in der
Öffentlichkeit bewegten; das deutsche Publikum war demgegenüber
gedrillt, aber nicht erzogen. Die Überlegenheit des englischen Pu-
blikums ist schon dem alten Moltke aufgefallen. Im Jahre 1857
schreibt er von einem Besuch in Manchester, wo er dem Einzug
der Königin beiwohnte: „„Die Menge hielt sich selbst im Zaum. Die
ist in der Kultur so weit fortgeschritten, daß sie begreift, daß die
Ordnung ihr selbst nutzt. Man sieht, das Volk ist seit Jahrhunderten
gewohnt, sich selbst zu regieren. Damit soll nicht gesagt sein, daß
dies ohne Unterstützung der Polizei geschah... aber keine Polizei
vermag solche Massen zu steuern, wenn sie es nicht selbst tun.““
Es verdient erwähnt zu werden, daß in der Lenkung großer Mas-
sen die Sozialdemokratie schon im alten Staate Mustergültiges
geleistet hat, da wo ihr die Polizei freie Hand ließ. Aber doch eben,
mittels eines Ordnungsdienstes. Was dem deutschen Ich zu lernen
nötig wäre, ist die Fähigkeit, sich auch da, wo es in Massen auf-
tritt, so zu bewegen, daß eins die Bewegungsfreiheit des andern
möglichst wenig beeinträchtigt. Wer, nach Beendigung einer Schau,
der er beigewohnt hat, schnurgerade auf dem kürzesten Wege nach
Hause zu gelangen begehrt, ist für die Selbstregierung entschieden
noch nicht reif. Und wer Einrichtungen, die im öffentlichen Interesse
getroffen sind, nur achtet, weil ein danebenstehendes Schild ihn
mit Geldstrafen oder „im Nicht-Beitreibungs-Falle‘’ mit Haft nicht
unter so und so viel Tagen bedräut, der wird immer geneigt sein,
sich mit dem Beamten herumzuschimpfen, der ihn pflichtgemäß
auf eine Übertretung aufmerksam macht. Daß das Aufmerksam-

J
.:
        <pb n="95" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen
Machen am zweckmäßigsten in der Form des Anschnauzens ge-
schähe, ist ein Aberglaube, den sich die andere Seite, die beamtete,
abzugewöhnen hat, soweit es noch nicht geschehen ist.

Am schwersten wird ein erträgliches Verhältnis zwischen dem
Massenteilchen Jch und den beamteten Organen des Staates da
zu pflegen sein, wo der Beamte dem Massenteilchen im Namen des
Staates ~ Geld abzufordern hat. Das Steuerzahlen ist in keinem
Land ein Vergnügen, am allerwenigsten aber in einem, das einen
verlorenen Krieg zu bezahlen hat. Nun vollends, wenn die Kriegs-
schuld von größenwahnsinnigen „Siegern“ so hoch getürmt worden
ist, daß sie, buchstäblich genommen, überhaupt nicht abgetragen
werden kann! Der Staat handelt weise, wenn er zu Steuerbeamten
nur Leute zuläßt, die ein besonderes Examen in gewinnenden Um-
gangsformen abgelegt haben.

Freilich, die Klage über „„Weltfremdheit““ der beamteten Organe
des Staates wird sobald nicht verstummen, wenn sie es je tun wird.
Die Gefahr, daß das Beamtentum zur lebensunkundigen, zur
lebensfeindlichen Bürokratie erstarre, lauerte im alten Staate hinter
der Auffassung, der gemäß der Beamte sich als Organ der Macht-
haber im Staate fühlte und auf dem Wege sich selbst in ein ge-
wisses Herrentum gegenüber dem unbeamteten Massenteilchen Ich
hineinsteigerte. Die Gefahr ist aber mit der, vorerst einmal theore-
tischen Überwindung des „,„Obrigkeitsstaates‘“ noch nicht beseitigt.
Sie wird auch dann noch nicht als beseitigt gelten können, wenn das
durchschnittliche Massenteilchen Ich den Obrigkeitsstaat auch prak-
tisch in sich überwunden hat und fest entschlossen ist, seine Pflich-
ten dem Staate gegenüber freudig zu erfüllen, sich dafür aber auch
von den Organen des Staates nichts mehr gefallen zu lassen. Die
Gefahr liegt im Tempo und in der Vielgestaltigkeit des Lebens
von heute, das auch der Staat nur durch weitestgehende Arbeits-
teilung bewältigen kann. Arbeitsteilung aber macht einseitig, und
der Staat muß seine Organe zur Einseitigkeit zwingen, wenn er
will, daß sie ihm leisten, was er von ihnen verlangen muß. Das
Staatsbeamtentum wird also immer der Gefahr ausgesetzt bleiben,
durch einseitige Berufausbildung in eine weltfremde Erstarrung
hineingetrieben zu werden, der nur dadurch einigermaßen entgegen-

§Z4
        <pb n="96" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen ;
gewirkt werden kann, daß die Selbstverwaltung dem Staat ab-
nimmt, was sie ihm irgend noch abnehmen kann. Wenn die Länder
sich auf Selbstverwaltung, auf möglichst unbürokratische Selbst-
verwaltung beschränken wollen, so hätten sie auch im durchgeführten
Einheitsstaat ihre wohlgesicherte Daseinsberechtigung.

Auf keinem der Gebiete, die der Staat durch seine Organe zu Nutz
und Frommen des Massenteilchens Ich bewirtschaften läßt, macht
sich die bürokratische Weltfremdheit so peinlich bemerkbar, wie
auf dem der Rechtspflege. Willkürliche Durchbrechungen der Staats-
ordnung nicht zu dulden, dem einzelnen Ich den Schutz des allge-
mein anerkannten Rechts zu verbürgen, ist eine der vornehmsten
Aufgaben des Staates. Wenn die Art, wie die Rechtspflege im
Staate der Gegenwart geleistet wird, genau besehen ein einziges
großes Armutszeugnis ist, das dieser Staat ssich selbst ausstellt, so
ist das nicht die Schuld des rechtsprechenden Beamtentums. Das
Recht selbst befindet sich in einem Zustand der Erstarrung, derart,
daß es vom Volke nicht mehr gesucht, sondern nur noch ertragen
wird.

Was das Volk sucht, ist die Erlösung vom drückenden Zwang
eines unverstandenen Buchstabenrechts. Wer sein Recht vor den
ordentlichen Gerichten suchen geht, ist sich, wenn er in diesen Dingen
Erfahrung hat, bewußt, in eine Lotterie zu setzen. Und hat er keine
Erfahrung, so wird er sie für teures Geld erwerben. Jm Ver-
trauen auf ,.sein gutes Recht‘ geht der Gewitzigte heute nur mehr
vor ein Gericht von Standes- oder Berufsgenossen. Gewerbegerichte
und Kaufmannsgerichte haben den Weg gewiesen, worauf wir uns
vom Zwang eines erstarrten Buchstabenrechts frei machen können,
das das Leben in Fesseln schlägt, statt es von Fesseln zu lösen.

Das Volk, das berufen ist, sich selbst zu regieren, wird sich zu
dem Ende wohl auch ein neues, lebendiges Recht schaffen müssen.
Aber es wird zu diesem Recht sicher nicht gelangen auf dem be-
liebten Wege über die „„Reform““ durch eine „Kommission“ am
grünen Tisch. Nur das Leben kann lebendiges neues Recht schaffen,

85
        <pb n="97" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen
das von einer Zeit, die zur Gesetzgebung berufen ist, auch einmal
in handliche Paragraphen gefaßt werden kann. Durchdringen aber
wird ein neues Rechtsbewußtsein im Volke vermutlich nur auf dem
Wege, daß soviel Rechtsfälle wie nur möglich der Aburteilung durch
das formale Buchstabenrecht entzogen und der lebendigen Rechts-
sprechung von Gerichten zugewiesen werden, worin Standesgenossen
über Standesgenossen, Berufsgenossen über Berufsgenossen urteilen.

Außerhalb des Rahmens einer Untersuchung, die sich mit dem
Verhältnis des Ichs zu dem von ihm gewollten ~ nach stillschwei-
gender Voraussetzung gewollten ~ Staate befaßt, liegt eigentlich
die Strafrechtspflege. Denn die hat es mit Ichs zu tun, die den
Staat nicht wollen, die ihn grundsätzlich oder doch für bestimmte
Fälle ablehnen. Aber auch das den Staat wollende Ich hat ein
Interesse daran, daß auf dem Gebiete der Strafrechtspflege der
Sinn und nicht der Widersinn herrsche. Widersinn aber ist es,
wenn Geldstrafen „nach dem Buchstaben des Gesetzes““ abgemessen
werden müssen, ohne Rücksicht darauf, ob Geld für den zu Bestra-
fenden eine Rolle spielt oder nicht. Widersinn ist es, wenn Freiheits-
strafen verhängt werden müssen, ohne Rücksicht darauf, ob die Frei-
heit für den zu Strafenden ein Gut ist oder ein Übel.

Wäre die Pflicht des Ichs, dem Staat ein Arbeitsjahr zu leisten,
erst allgemein anerkannt, so ließe sich von hier aus vielleicht ein
Weg finden, um uns vom Widersinn in der Strafrechtspflege zu
erlösen. Ein Ich, das sich gegen die Forderungen des Staates ver-
gangen hat, sollte ~ sofern es keine geborene Verbrechernatur und
also hoffnungslos ist —~ die Möglichkeit haben, seine Schuld dem
Staate gegenüber abzuarbeiten, tunlichst ohne entehrenden Zwang.
Eine Schuld durch ehrliche Arbeit sühnen zu lassen, hat jedenfalls
einen bessern Sinn, als den Schuldigen eine längere oder kürzere
Frist hindurch auf Staatskosten zu füttern, dabei aber an Leib
und Seele mehr oder minder zu schädigen – immer vorausgesetzt,
daß an ihm noch etwas zu schädigen war.

Ein sehr ernstes Wort wird, bei der Durchführung eines gesunden
Systems der Strafrechtspflege freilich immer die Kostenfrage mit-
zusprechen haben. Theoretisch mag man sich für weitgehende Reform
erwärmen — praktisch wird es nicht angängig sein, vom Staate

86
        <pb n="98" />
        IV. Das Jch als Massenteilchen § d
zu verlangen, daß er für ein Ich, das ihn grundsätzlich verneint,
mehr aufwende als für das, das ihn bejaht. Mag man von der
Möglichkeit, Stiefkinder der Gesellschaft im Wege der Strafrechts-
pflege zurückzugewinnen, noch so sehr überzeugt sein ~ der Staat
ist doch in erster Linie für die Gesunden und nicht für die Kranken
da. Und der Satz, wonach mehr Freude sei über einen Sünder, der
Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte, gilt nur im Himmel,
nicht aber auf dieser mittelmäßigen Erde.

n
:§.
        <pb n="99" />
        V. Uberstaatliche Bindungen des Jchs
1. Rasse

CV edes Ich wird in „,,seinen““ Staat hineingeboren. In die völ-
tische Schicksalsgemeinschaft, der es – von verschwindenden
Ausnahmen abgesehen ~ für die Zeit seines Erdendaseins verbunden
bleibt. Jedes Ich fühlt sich aber, das eine stärker, das andere
schwächer, noch einer weiteren Gemeinschaft verbunden, die über
die Grenzen des eigenen Volkes hinausreicht.

Dies Gefühl macht sich um so weniger geltend, je ausschließ-
licher sich das Leben des Ichs im Kreise der Volksgenossen ab-
spielt. Wo immer aber ein weißes Ich einem farbigen gegenüber-
tritt, da wird es sich der Zugehörigkeit zu einer weiten Gemein-
schaft bewußt, die zahlreiche Völker zum lockeren, doch auch nicht weg-
zuleugnenden Gefüge der weißen Rasse zusammenfaßt. Das weiße
Ich deutschen Stammes hat ein vielleicht unklares, dennoch sicheres
Gefühl dafür, daß es mit Skandinaviern, Engländern und Ameri-
kanern, mit Spaniern, Italienern und Russen immer noch eher
in Lebensgemeinschaft treten könnte, als mit Negern oder Papuas.
Aber auch gegenüber dem hochgebildeten Hindu, Chinesen oder Ja-
paner, die nicht eigentlich unter den Begriff der ,„„Farbigen““ fallen,
besteht ein stärkeres Gefühl des Fremdseins, als gegenüber dem
Ausländer kaukasischer Rasse.

Man kann den Rassenbegriff also vielleicht so bestimmen: eine
Gemeinschaft von Völkern, die ihre Wesensfremdheit gegenüber
andern Völkern fühlt, innerhalb deren die einzelnen Völker einander
aber immer noch wesensfremd gegenüberstehen. Ob man, wie es
der Sprachgebrauch bei Bedarf tut, innerhalb der kaukasischen
Völkergemeinschaft noch von germanischer und romanischer „„Rasse‘“
reden soll, kann dahingestellt bleiben. Denn dem Ich als deutschem
Staatsbürger tritt das Rassenproblem in der Regel nur entgegen
in der besonderen Form der Judenfrage.

Die sachliche Erörterung dieser Frage leidet unter der Schwierig-
keit, daß von der einen Seite zwar Stoff in Hülle und Fülle zu-
        <pb n="100" />
        V. Überstaatliche Bindungen des Jchs Ñ
getragen wird, daß auf der anderen, der jüdischen Seite aber die
Neigung vorherrscht, jedes deutsche Ich, das das Bestehen einer
Judenfrage nicht schlankweg leugnet, des Antisemitismus anzuklagen
und damit von vornherein für parteiisch befangen zu erklären. Tat-
sächlich empfindet doch jedes deutsche Ich das jüdische Ich ungefähr
im gleichen Sinn als anders geartet, als „rassefremd“", wie etwa
das türkische oder das arabische Ich, und zweifelt daher nicht daran,
daß es dem jüdischen Ich mit dem deutschen ebenso gehe. Wert-
urteile brauchen mit dieser Empfindung nicht notwendig verbunden
zu sein, aber die Empfindung leugnen zu wollen, nur weil man
kein Werturteil damit verbindet, wäre kurzsichtig. Geklärt kann
der Stand der Dinge nur werden, wenn beide Parteien sich vor-
urteilsfrei und unbefangen aussprechen.

Solch eine Aussprache herbeizuführen, hat Ferdinand Avenarius
in seinem Kunstwart vor Jahren einmal versucht. Was damals an
Dokumenten zutage gefördert wurde, liefert auch heute noch wert-
volle Beiträge zu einer sachlichen Erörterung der Judenfrage. Ave-
narius veröffentlichte im ersten Märzheft des Jahrganges 1912
einen Aufsatz „Deutsch-jüdischer Parnaß““, den ein jüdischer Schrift-
steller namens Moritz Goldstein ihm eingesandt hatte und den so
leicht keine andere Zeitschrift oder gar Zeitung unverändert ab-
gedruckt hätte.

Der Kern von Goldsteins Ausführungen steckte in dem Satze:
„„Wir Juden verwalten den geistigen Besitz eines Volkes, das uns
die Berechtigung und die Fähigkeit dazu abspricht“’. Er erläuterte
die Behauptung näher dahin: „„Niemand bezweifelt im Ernst die
Macht, die die Juden in der Presse besitzen. Namentlich die Kritik
ist, wenigstens in den Hauptstädten und ihren einflußreichsten
Zeitungen, geradezu im Begriff, jüdisches Monopol zu werden.
Ebenso bekannt ist das Vorherrschen des jüdischen Elementes im
Theater: fast sämtliche Berliner Theaterdirektoren sind Juden, ein
großer, vielleicht der größte Teil der Schauspieler desgleichen, und
daß ohne jüdisches Publikum ein Theater- und Konzertleben in
Deutschland so gut wie unmöglich wäre, wird immer wieder ge-
rühmt oder beklagt. Eine ganz neue Erscheinung ist, daß auch die
deutsche Literaturwissenschaft im Begriff scheint, in jüdische Hände
überzugehen, und es ist, je nach dem Standpunkt komisch oder

Ka
        <pb n="101" />
        . V. Überstaatliche Bindungen des Jchs

tragisch, die Mitglieder der germanischen’ Seminare unserer Univer-
sitäten zu überblicken. (Ich selbst habe dazu gehört.) Wie viele
Juden es endlich unter den „deutschen Dichtern’ gibt, weiß so manch
ein Hüter deutscher Kunst zu seinem Zorn.“

Wos für einen Zweck Goldstein mit seinem Alarmruf verfolgte,
trat nicht eindeutig klar hervor. Er wollte wohl die deutschen Juden
dazu aufstacheln, sich zusammenzuschließen und es sich nicht länger
gefallen zu lassen, daß ihnen die Berechtigung bestritten werde,
„„den geistigen Besitz des deutschen Volkes zu verwalten““. Sein
Angriff richtete sich in erster Linie keineswegs gegen die Antisemiten,
sondern gegen die deutschen Juden, die nichts merkten von der
Rolle, „die wir im deutschen Kulturleben spielen“", die ängstlich
darüber wachten, „daß auch die andern nichts merkten“’, und die
gezwungen werden sollten, ,;sich als Juden zu bekennen oder sich
taufen zu lassen“’. Hinter dem, was Goldstein mit ungewohnter
Offenheit aussprach, schlummerte vermutlich der Hintergedanke:
eine feindselige Abschließung, ein Sichzurückziehen der Juden aus der
deutschen „Kultur““ können die Deutschen gar nicht aushalten. Wie
das ein anderer, der Wiener Literat Hugo Bettauer — der in der
Folge von einem völkischen Fanatiker erschossen wurde ~ in einem
Roman ,,Die Stadt ohne Juden“’ (Wien 1924) noch offener als
Goldstein ausgesprochen hat. Der Roman geht aus von einer ange-
nommenen, verfassungsmäßigen Austreibung der Juden aus Öster-
reich und schildert die Rückwirkung dieser Maßregel auf Wien, die
in der völligen „„Verdorfung““ dieser „einst so blühenden Stadt'‘ be-
stehen soll. Man sieht: für Bettauer ist „auf dem Dorfe““ leben,
die Großstadt entbehren sollen, der sschrecklichste der Schrecken. Für
Goldstein wie Bettauer ist das, was sie ,die deutsche Kultur““
nennen, nichts anderes als die großstädtische Oberflächenkultur,
und dafür, wie schmerzlich sich die am deutschesten empfindenden
Deutschen von dieser Kultur wegsehnen, fehlt ihnen offenbar jedes
Verständnis.

Von den Erwiderungen, die jüdischerseits auf die Ausführungen
Goldsteins eingingen, dient der Sache am besten die von Ernst
Lissauer, im ersten Aprilheft des Kunstwarts von 1912. Daraus
seien folgende Sätze hervorgehoben:

„„Die Juden sind in einem Zwischenzustand. Die Befreiung der

J 0
        <pb n="102" />
        V. Überstaatliche Bindungen des Ichs
Juden ist nicht hundert Jahre alt, sondern sie hat vor hundert
Jahren begonnen und ist heute noch nicht vollendet. Diese hundert
Jahre aber sind eine außerordentlich kurze Zeit.“

„Das im eigentlichen Sinn Jüdische ist zusammengedrängt in
einigen wenigen Berufen: Statt daß die Juden verteilt wären, sind
sie zusammengefaßt an bestimmten engen Stellen, und dadurch be-
lasten und belästigen sie selbstverständlich den Gesamtorganismus.“

„Der Haß gegen die Juden beruht auf der Hypertrophie ihrer
wirtschaftlichen Eigenschaften; der ist keine bloße Empfindung,
sondern hat seine klaren Gründe.“

„„Mit alldem soll nicht die Abneigung zahlloser Deutscher gegen
die Juden bestritten werden. Sie besteht und ist historisch durchaus
erklärlich. Wir Juden brauchen Zeit; wir erwarten die demokratische
Epoche, in der die Juden nicht in der Opposition und Kritik stehen,
sondern sich mehr verteilen, vielfältig wirken und gemach ihre
Einseitigkeit ableben können.““

Lissauer stellte der Goldsteinschen Forderung an die deutschen
Juden, in Deutschland „„eine palästinensische Enklave‘“ zu bilden, die
andere entgegen: „„Nur zweierlei ist möglich, entweder auswandern,
oder deutsch werden““). Und er entscheidet sich vorbehaltlos fürs
Deutschwerden. Aber eben doch: fürs ,„„Werden!“’ Darin liegt die
Anerkennung, daß man in hundert Jahren nicht so in eine bis
dahin fremde, wenn nicht feindliche Volksgemeinschaft hineinwach-
sen kann, um mit Erfolg den Anspruch zu erheben, ihren Kultur-
besitz „zu verwalten“’ oder in ihrer Kultur die Führung zu über-
nehmen.

Die Einstellung eines rein deutsch empfindenden Ichs zu der
Stellungnahme der unterschiedlichen jüdischen Ichs gab Avenarius
in einem ausgezeichneten Aufsatze des zweiten Augustheftes 1912.
Auch er klagt darin mit Recht über die jüdische Überempfindlichkeit

die „Andersdenkende ohne weiteres als mittelalterliche Menschen
zu entwerten sucht‘’ und jeden, der das Bestehen einer Judenfrage
auch nur zugibt, schlankweg zum Antisemiten stempelt. Das hat
Avenarius nicht abgehalten, auszusprechen, was ist:

„Denken unsere jüdischen Mitbürger nun: und mögt ihr Nicht-
juden meinen, es seien unsrer zuviel an unsere Kulturarbeiter-Posten
gekommen, so hättet ihr doch keinen Grund, mit der Art der Aus-

0 1
        <pb n="103" />
        ; V. Überstaatliche Bindungen des Jchs

übung unserer Kulturverwaltung unzufrieden zu sein ~ so be-
urteilen sie diese Verwalterschaft eben aus ihrem Volksgefühl und
Volksdenken heraus. Zwar gaben wir schon zu, daß der Jude für
viele Gebiete ganz sicher ebenso gut oder besser als im Durchschnitt
der nichtjüdische Deutsche befähigt ist, meistens zum Beispiel dort,
wo die von Sombart hervorgehobene ,„„Gescheitheit“” den Ausschlag
gibt. Ich für meinen Teil glaube, daß unsere Antisemiten die Ge-
biete, auf denen nichtjüdischer und jüdischer Geist kollidieren müssen,
viel größer annehmen als sie sind. In Handel und Industrie, bei
der wissenschaftlichen Tatsachenermittlung und praktischen Tat-
sachenbenützung (z. B. durch Arzt, Chemiker, Ingenieur) sowie auf
weiten Feldern des praktischen Lebens können sie und wir nicht
nur neben-, sondern auch mitsammen in Frieden und Nutzen ar-
beiten und einander helfen. Vielleicht ist es letzten Endes nur eine
Organissationsfrage, ob wir das auch auf den Gebieten können, wo
Unwägbarkeiten der Phantasie und des Gefühls mitwirken, die sich
je nach der Volksart nicht nur verschieden färben, sondern gestalten.
Aber diese Gebiete scheinen mir wieder von jenen unterschätzt, die
hier fundamentale Unterschiede im Wesen beider Völker überhaupt
bestreiten. Die Verschiedenheiten können sich vom scheinbar Kleinsten
bis zum Größten zeigen, von der Geste des Schauspielers, dem
Pinselstrich des Malers, dem Tremolo des Musikers, dem Tonfall
des Redners bis zur Weltanschauung, welche die Lebensführung be-
stimmt. Und sie zeigen sich in allen Künsten und in aller Kritik
der Juden für feinfühlige Nichtjuden als Fremdheiten. Ist es uns
andern zu verdenken, wenn wir hier von der „„Verwaltung““
unseres „,,geistigen Besitzes‘“ durch jüdischen Geist ein Eindringen
fremden und also für unsere Kulturpflege unechten Volkfühlens
befürchten? Wir tun das manchmal sogar da, wo die betreffenden
jüdischen Verwalter der besten Absicht und des besten Glaubens sein
mögen, gerade dem nationalen Fühlen ihres Wirtvolkes zu dienen.
Denn es wird nicht allzu häufig sein, daß sie das können. Beruht
doch der außerordentliche Wert des Judentums in der Kultur ge-
rade auf ihrem Anregen durch Fremdes, in ihrem Wirken als
„Sauerteig“"). Gott bewahr uns davor, auf den Kultursauerteig ver-
zichten zu wollen. Aber mehr Sauerteig als Brotteig, das geht nicht.
Nicht nur neben, sondern vor dem Fremden muß das uns

) 2
        <pb n="104" />
        V. Überstaatliche Bindungen des Jchs
Heimische, das uns Volksmäßige, das in unsern Tiefen Ursprüngliche
stark gehalten werden, sonst kommt heraus, was in Japan heraus-
kommt, wenn man nicht bloß all das Europäische in die Zivilisation
herüberholt, sondern auch die Kultur, die Kunst europäisieren will.
Wie kann der Eine fremden Stammes und fremder Geschichte für
die hundert Anderen zum Pfleger ihrer Eigenwerte berufen sein?"

Sowohl auf Grund des Stoffes, den damals der Kunstwart zu-
tage gefördert hat, wie auf Grund der Erfahrungen, die jedes Ich
täglich zu machen in der Lage ist, ergibt sich zunächst die eine
grundlegende Tatsache: die Stellung zur Judenfrage ist nicht ein-
heitlich, weder auf deutscher Seite – es wäre das größte Wunder
der Geschichte, wenn sie es hier wärel ~ noch auf jüdischer Seite.
Auf deutscher Seite durchläuft die Stellungnahme von ausge-
sprochener Vorliebe über gedankenlose Gleichgültigkeit bis zum
schroff ablehnenden Rassenhaß alle Abstufungen. Wesentlicher als
die Abstufungen und die Liebenswürdigkeiten, womit sie einander
nach biederer deutscher Vätersitte zu bedenken pflegen, ist aber der
nicht wegzuleugnende Begleitumstand: daß in den reichlich hundert
Jahren, seit die Juden nicht nur neben der deutschen Volksgemein-
schaft, sondern in und mit der deutschen Volksgemeinschaft leben,
niemals ein ernsthafter Versuch gemacht worden ist oder auch nur
vorübergehend Aussicht auf Erfolg gehabt hätte, den jüdischen
Staatsbürgern die grundsätzliche Gleichberechtigung mit den deut-
schen wieder zu entziehen. Wohl hat es nicht an Parteien oder
Richtungen gefehlt, und fehlt es auch heute nicht, die diese Ent-
ziehung fordern, aber eine wirkliche Gefahr für die grundsätzliche
Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger sind sie bisher noch
in keinem Augenblick gewesen. Das sollte, bei Erörterung der
Frage, auch von jüdischer Seite nicht übersehen oder geflissentlich
in den Hintergrund geschoben werden.

Die Stellungnahme der Gegenseite läßt + unbeschadet des Um-
standes, daß das Bestehen einer Judenfrage von den meisten Juden
aus taktischen Gründen bestritten wird drei Schichten erkennen.
Es gibt Juden, die in jeder Beziehung Juden bleiben und nicht
deutsch werden wollen. Es gibt Juden, die den Rassenunterschied
zwischen Juden und Deutschen dadurch überwinden wollen, daß sie

( 3
        <pb n="105" />
        !: V. Überstaatliche Bindungen des Jchs

so völlig wie möglich im Deutschtum aufgehen. Und es gibt drittens
Juden, die den Rassenunterschied dadurch überwinden wollen, daß
sie umbildend auf das Deutschtum einzuwirken und es ihrem
Rassenempfinden nach Möglichkeit anzupassen versuchen.

Nur dieser dritten Schicht gegenüber besteht eigentlich noch eine
Judenfrage. Denn sowohl dem jüdischen Ich gegentiber, das Nichts-
als-Jude sein und bleiben will, wie dem jüdischen Ich gegenüber,
das deutsch werden möchte, soweit es das noch nicht ist, sollte die
Stellungnahme des deutschen Ichs keiner Frage mehr bedürfen.
Dem jüdischen Ich gegenüber, das es ablehnt, deutsch zu sein oder
zu werden, wird das deutsche Ich das Recht bestreiten, über Fragen
der völkischen Schicksalsgemeinschaft überhaupt mitzureden. Dem
jüdischen Ich gegenüber, das ohne Vorbehalt deutsch sein und
werden will, wird es jede praktische Beschränkung der grundsätz-
lichen Gleichberechtigung ablehnen. Bleibt nur noch die Frage: wie
stellt das deutsche Ich sich zu dem jüdischen Ich, das zwar auf die
volle Gleichberechtigung Anspruch macht, aber unter dem Vorbehalt,
sie in erster Linie dazu auszunutzen, das Deutschtum für seine
Zwecke und sein Empfinden umzumodeln?

Eine Vorfrage: von wannen kommt dieser dritten Schicht ~ zu
der die geistig regsamsten und anspruchsvollsten Juden gehören, die
nämlich, denen das Geldmachen allein nicht Genüge tut – von
wannen kommt ihnen die Meinung, man könne das Deutschtum
mit der Zeit so umkneten, daß es dem Judentum die Anpassung er-
spare, dieweil es sich selbst angepaßt habe? Vielleicht aus der Zeit,
da die deutschen Juden in die deutsche Volksgemeinschaft eintraten.
Das erste, schicksalhafte Erlebnis, das sie in und mit der Volksge-
meinschaft hatten, war der Befreiungskampf gegen die napoleonische
Zwingherrschaft. War aber auch die große Enttäuschung, die hinter-
her kam: und nicht die Juden allein hatten die Empfindung, für
die Zwingherrschaft des gestürzten Napoleons, der immerhin von
unten gekommen und durch die Schule der Revolution gegangen
war, die Zwingherrschaft des ungekrönten Königs von Mitteleuropa,
Metternichs eingetauscht zu haben, der wieder von oben, vom
ancien régime herkam. Die Juden aber, die alle die Zeit des
Ghettos noch in lebendiger Erinnerung hatten, waren gegen ent-

) .2
        <pb n="106" />
        V. Überstaatliche Bindungen des Jchs
täuschende Rückschläge empfindlicher als die deutschen Volksge-
nossen.

Damals erhob sich vor ihnen, den Neulingen im deutschen Ge-
meinschaftsleben, in ehrfurchtgebietender Größe und Würde die
Gestalt des alten, des weltbürgerlichen Goethe. Der junge Goethe
hatte dem Judentum gegenübergestanden mit den Gefühlen des
18. Jahrhunderts, also hochmütig ablehnend. Jetzt stand er fast
schon wie ein Fremdling im eigenen Volk: er verstand das neue Ge-
schlecht nicht, und das neue Geschlecht verstand ihn nicht. Dem eige-
nen Sohn hatte er das völkische Rückgrat gebrochen, indem er ihn
verhinderte, mit den Weimarer Freiwilligen ins Feld zu ziehen und
vielleicht etwas zu erleben, was seinem künftigen Erdendasein
Haltung und Gehalt hätte geben können; oder aber, wenn er fiele,
den glänzendsten Namen deutscher Zunge zum Pfande zu setzen
für Freiheit und Zukunft des eigenen Volkes. Besser, als sich zu
Tode zu saufen, wäre das immerhin gewesen.

Aber der Herr Geheimbde Rat von Goethe hatte für den Sol-
datenstand zeitlebens nur die Empfindungen des 18. Jahrhunderts.
Für die „Revolution von oben““, die hohe Militärs mit einem Trop-
fen Abenteurerblut in den Adern, die die York, Scharnhorst,
Blücher, Gneisenau und andere im Winter und Frühjahr 1813
machten und durch die sie dem Schwächling auf dem Hohenzollern-
thron die Krone erhielten, hatte er wenig oder gar kein Verständnis.
Zwischen ihm und dem werdenden Staatsvolk der Deutschen, das
sich erstmals zu fühlen begann, tat sich eine Kluft auf, die sich lange
Zeit nicht schließen wollte. Er selbst flüchtete damals und in den
Folgejahren vor den Händeln dieser Welt gern in die böhmischen
Bäder. Dort ließ er sich denn auch die Verhimmelung und Ver-
hätschelung durch reiche und gebildete Jüdinnen nicht ungern ge-
fallen, die dann seine ersten Prophetinnen wurden.

Dadurch kamen die Juden der geistig führenden Oberschicht zu
Goethe in ein besonderes Verhältnis. Sie, die im 18. Jahrhundert
noch außerhalb der deutschen Volksgemeinschaft gelebt hatten, traten
dem alten Goethe unbefangener gegenüber als seine deutschen
Landsleute. Wie die Juden aus der Enge des Ghettos in die Weite
der deutschen Volksgemeinschaft vorgeschritten waren, so war Goethe
vor ihnen aus der Enge der bürgerlichen Schicht zur freieren Höhe

O 5
        <pb n="107" />
        V. Überstaatliche Bindungen des Jchs

der adlig-höfischen Gesellschaft emporgestiegen. Den Rückweg in
die Schichten, wo die ewigen Quellen des Volkstums sprudeln, fand
er nicht mehr, und so rettete er sich in die wolkenhohen Hallen eines
literarisch-künstlerischen Weltbürgertums. Dort begegnete er sich mit
den Juden, die Stammverwandte in allen Völkern hatten und
denen ein weitherziges Weltbürgertum, als Pflaster auf die große
Enttäuschung, deshalb mehr zusagen mußte, als das unklar-leiden-
schaftliche Ringen eines zerrissenen Volkstums um seinen Staat.

Mit dem weltbürgerlichen Goethe die deutsche Geschichte anzu-
fangen, diese Neigung ist den Juden seitdem geblieben ~ ähnlich
wie die Sozialdemokraten die Neigung nicht überwinden können, die
Weltgeschichte mit Karl Marx anfangen zu lassen ~ ja, in der
geistig führenden Schicht hat sich diese Neigung mit den Jahren
immer mehr vertieft. Und das unbewußte Streben geht dahin, auch
die Deutschen dahin zu führen, daß sie im weltbürgerlichen Goethe
das wertvollste Erzeugnis ihrer Kultur sehen. Von diesem gemein-
samen Richtpunkt aus würde sich dann die gemeinsame „,,Welt-
anschauung‘“ für Juden und Deutsche unschwer gewinnen lassen.

Gerade das aber ist es, was das deutsche Ich nicht mitmachen
kann, das sich im Deutschtum tiefer verwachsen und verwurzelt
fühlt, als der weltbürgerliche Goethe zurückreicht. Oder sollen wir
glauben, daß 18 oder 17 Jahrhunderte einer an stolzen Hoffnungen
und schweren Enttäuschungen überreichen Geschichte, die jenseits
des Eintritts der Juden in die deutsche Volksgemeinschaft liegen,
für das deutsche Ich von heute bedeutungslos seien? Es dies glauben
zu machen, ist das unbewußte Streben des jüdischen Ichs, das sich
berufen fühlt, „den geistigen Besitz des deutschen Volkes zu ver-
walten“. Das gute Recht des deutschen Ichs aber, das den Zusam-
menhang mit der ganzen reichen Vergangenheit des Deutschtums,
auch über den Weltbürger Goethe zurück in sich lebendig fühlt
das gute Recht dieses deutschen Ichs ist es, sich gegen das Streben
jüdischer Ichs, in Sachen des Deutschtums die Führung an sich zu
reißen, zur Wehr zu setzen. Mit denselben geistigen Waffen, mit
denen allein derartige Kämpfe nutzbringend ausgetragen werden
können.

Worum es bei diesem Teilstück des Führer-Problems geht, mag

0 6
        <pb n="108" />
        V. Überstaatliche Bindungen des Jchs t
an einem Beispiel klar werden, das den Ausführungen des Moritz
Goldstein entnommen ist. Da heißt es, nicht ohne einen grollenden
Unterton: „„Wir mögen nun Max Reinhardt heißen und die Bühne
zu ungeahntem Aufschwung beflügeln oder als Hugo von Hoff-
mannsthal einen neuen poetischen Stil an Stelle der verbrauchten
Schillerschen Bildersprache setzen oder als Max Liebermann die
deutsche Malerei führen: wir mögen das deutsch nennen, die andern
nennen es jüdisch. .. und wenn sie schon die Leistungen ~ mit Vor-
behalt — anerkennen müssen, sie wünschen, wir leisteten weniger“".
Die Stelle ist lehrreich, weil uns ein Abstand von einem Dutzend
Jahren den Unterschied zwischen deutscher und jüdischer Führerein-
schätzung noch deutlicher erkennen läßt, als es bei Verkündung dieser
Ansichten möglich war. Was das jüdische Ich von Moritz Gold-
stein hier als wesentlich für die deutsche Kultur empfindet – das
deutsche Ich empfindet es höchstens als etwas, was für die deutsche
Kultur einmal eine zweite Rolle gespielt hat. Was heißt das, ,,die
deutsche Bühne zu ungeahntem Aufschwung beflügeln?‘“ Was ist
heute von dieser ganzen ,„Beflügelung“", die zu ihrer Zeit auch von
deutschen Ichs rechtschaffen überschätzt worden ist, geblieben? Und
Liebermann — „,,führt‘““ der wirklich die „moderne‘“ Malerei? Oder
hat er sie, vor einem Dutzend Jahren, etwa ,,geführt‘‘? Man kann
auch als Deutscher Liebermann sehr hoch schätzen, namentlich als
Techniker des malerischen Schauens, aber wenn von Führung die
Rede ist, so denkt das deutsche Ich an Männer wie Feuerbach, Böcklin,
Menzel, Thoma weit eher als an Liebermann, und zwar nicht von
wegen ihres „germanischen Gemüts“’, wie Goldstein anzunehmen
geneigt ist – von „Gemüt“! hatten die ersten drei nicht eben viel
 sondern nur auf Grund eines völkischen Gemeingefühls, das
nicht in einem, sondern in vielen Jahrhunderten erwachsen ist und
das das jüdische Ich in voller Echtheit noch gar nicht haben kann.
Darum hat das deutsche Ich auch gar nicht das Gefühl, Hoffmanns-
thal habe einen „neuen poetischen Stil“’ an Stelle der ,verbrauch-
ten““ Schillerschen Bildersprache gesetzt. Die Sprache Schillers ist
gewiß nicht mehr die unsere, auch in der Dichtkunst nicht mehr. Aber
verbraucht ist sie für uns Deutsche darum keineswegs. Sie hat
für uns ihren unermeßlichen Wert darin, daß sie höchstgesteigerte
Ausdrucksmöglichkeit einer Zeit war, der wir, als der klassischen
Harms, Das Ich und der Staat 7

)"
        <pb n="109" />
        V. Überstaatliche Bindungen des Jchs
Periode unserer neuhochdeutschen Literatur, mit Gefühlen der Ehr-
furcht und der Dankbarkeit gegenüberstehen. Diese Gefühle kann ihr
das deutsche Judentum, das zu jener Zeit noch gar nicht ins Ge-
meinschaftsleben der deutschen Volksgemeinschaft eingetreien war,
gleich ursprünglich und gefühlsmäßig sicher nicht entgegenbringen.

Daß die geistig führende Schicht des Judentums in diesen und
andern Fragen der Führung dem Deutschtum ihre Ansichten auf-
zudrängen versucht, bewußt oder unbewußt, ist sehr natürlich. Daß
ein deutsches Ich, das seines Deutschtums sich bewußt ist, diese An-
sichten ablehnt, und nicht nur ablehnt, sondern auch abwehrt, ist
das gute Recht des Deutschtums. Dieser geistige Kampf ist zenau
so notwendig wie der Kampf zwischen sozialer und kapitalistischer,
zwischen liberaler und konservativer, zwischen staatsbürgerlicher
und weltbürgerlicher Grundansschauung. Ein Interesse daran, die
Notwendigkeit dieses Kampfes zu verneinen, hat selbstverständlich
nur die jüdische Schicht, die in diesem Kampfe die Führung hat;
denn würde die Notwendigkeit allgemein verneint, so hätte sie den
Kampf auf der ganzen Linie gewonnen. Dieser Gefahr glauben die
ausgesprochenen Antisemiten nur dadurch begegnen zu können, daß
sie eine Unterscheidung ablehnen und im Judentum nur die eine ge-
meingefährliche Masse sehen, wie die Sozialdemokratie lange Zeit
im Bürgertum ,,die eine reaktionäre Masse‘ sah.

Wer die Dinge ohne Brille und Scheuklappen ansieht, kann sich
aber der Erkenntnis nicht wohl verschließen, daß auch das jüdische
Ich zeitlichen Wandlungen unterliegt und räumliche Verschiedenheit
aufweist. Der romantisch-deutschtümelnde Heine der zwanziger Jahre
war ein anderer als der bissige Satiriker der dreißiger und vier-
ziger Jahre. Und wer am Dichter des Wintermärchens und anderer
Ausfälle vom Standpunkt der Gegenwart aus das ,,vorsschrifts-
mäßige“" völkische Ärgernis nimmt, der soll doch auch nicht ver-
gessen, welch sschamlosser Niedertracht eine greisenhafte Behörde
wie der Deutsche Bundestag gegen das „„Junge Deutschland“’ von
damals fähig war. Einem ganzen Geschlechte junger Schriftsteller
nicht nur die vorhandenen, sondern auch die künftigen. Werke zu
verbieten, heißt ihm die geistige Lebensluft abschnüren und es wirt-

( K
        <pb n="110" />
        V. Überstaatliche Bindungen des Jchs

schaftlich ruinieren. Wer mir aber an die Kehle greift, dem schlag ich
den Schädel ein, wenn ich kann. Das stumme Dulden ist nicht
jedermanns Sache — eigentlich ist's doch nur etwas für kapital-
kräftige Leute ~ und wer nicht heuchlerisch mit zweierlei Maß
messen mag, darf ruhig zugeben, daß sehr viel Notwehr gerade in
jenen Erzeugnissen der Heineschen Muse steckt, die wir heute nur
schwer mehr ertragen können.

Wie der ältere Heine vom jungen, so unterscheidet sich das
jüdische Geschlecht, das unter Wilhelm Ik. das große Wort führte,
sehr merklich. von dem, das zur Zeit der Reichsgründung die Füh-
rung hatte, Lasker und Bamberger waren von anderem Schlag als
Maximilian Harden und Rosa Luxemburg. Sehr merklich unter-
scheiden sich auch, für den unbefangenen Blick, die alteingesessenen
jüdischen Familien des Westens und Südens von denen, die über
Polen und Breslau und Wien von der großen Saugpumpe Berlin
ins Land gezogen wurden. Zwischen den beiden großen Massen-Denk-
organen, die das deutsche Judentum ins Leben gerufen hat, zwischen
Frankfurter Zeitung und Berliner Tageblatt ist die Scheidelinie
immer noch klar zu erkennen.

Auf je höherer Kulturstufe die deutschen Juden standen, um so
peinlicher ist es ihnen gewesen, daß die ahnungslose Regierung
der „„Volksbeauftragten““ einen ganzen Heuschreckenschwarm bil-
dungsloser Ostjuden ungehindert ins Deutsche Reich einschwärmen
ließ. Gesagt haben sie nichts, aber was sie gedacht haben, darüber
wird der nicht im Zweifel sein, der sich je mit einem von ihnen
unter vier Augen über diese Frage unterhalten hat.

Wenn es aber Tatsache ist, daß das jüdische Ich örtlich beding-
ten Unterschieden und zeitlichen Wandlungen unterliegt, dann ist
es unberechtigt, das Judentum in Bausch und Bogen als eine
Gefahr für das Deutschtum abzulehnen. Wenn auch das jüdische
Ich erfahrungsgemäß mit unter den Satz fällt „Tempora mu-
tantur et nos mutamur in illis“ — die Zeitverhältnisse wandeln
sich und wir uns mit ihnen ~ dann ist die Annahme durchaus zu-
lässig, die heute noch bestehende Rassenfremdheit zwischen dem
deutschen Ich und dem jüdischen Ich werde in absehbarer Zeit
nicht schwerer mehr empfunden werden, als etwa die Volks-

99
        <pb n="111" />
        Ñ V. Überstaatliche Bindungen des Jchs
fremdheit zwischen Kolonie-Franzosen und Alteingesessenen im Ber-
lin Wilhelms I. noch empfunden wurde.

Das deutsche Ich, das sich bewußt ist, aus zwei Jahrtausenden
einer geschichtlich feststellbaren deutschen Entwicklung herausgewach-
sen zu sein, kann es aber selbstverständlich nicht zugeben, daß unser
gesamter geistiger Besitz „von Juden verwaltet“ werde. i

Das deutsche Ich, das den Zusammenhang mit seiner ganzen
Vergangenheit noch lebendig fühlt, kann es nicht zugeben, daß der
für uns wertvolle deutsche Kulturbesitz erst vom Weltbürger Goethe,
allenfalls von Lessings Nathan an gerechnet werde.

Das deutsche Ich, das das Recht auf unser Volkstum auch unter
der Fremdherrschaft des Versailler Diktats und des Dawes-Planes
verficht, kann es nicht zugeben, daß die deutsche Politik eingestellt
werde auf die internationalen Beziehungen und Bedürfnisse, die
dem Judentum aus seiner eigenen Vergangenheit heraus natürlich
sind, natürlich sein müssen.

Das deutsche Ich muß fordern, daß in allen Stücken, die die
Erhaltung und Geltendmachung deutschen Volkstums und seiner
Rechte betreffen, der deutsche Standpunkt maßgebend sei und nicht
der Standpunkt des jüdischen Ichs jener dritten Schicht, die zwar
noch nicht Verwalter des deutschen Kulturbesitzes ist, es aber
zweifellos werden möchte. Diese Forderung kann nur ausgetragen
werden in einem geistigen Ringkampf, der die Lösung der Juden-
frage, so oder so, bringen muß. Diesen notwendigen Kampf mit
geistigen Mitteln als etwas hinzustellen, was nicht sein dürfte, was
denen, die ihn wollen, zur Schande gereichte, ist nichts weiter als
der beliebteste, weil billigste Trick, der von der Gegenseite in diesem
Kampf angewandt wird.

Wir Juden brauchen Zeit! — sagt Lissauer. Nun wohl, solange
die jüdische Überempfindlichkeit glaubt, jedes deutsche Ich, das von
der Notwendigkeit dieses Kampfes durchdrungen ist, des Antisemitis-
mus anklagen zu müssen, ist die Zeit noch nicht erfüllet, ist das
Noch-Vorhandensein einer Judenfrage erwiesen. Hier ist das un-
trügliche Kriterium, das anzeigt, wie weit die Lösung der Frage
fortgeschritten ist, oder wie weit sie sich von ihrem Ziele wieder
entfernt hat.

1.00
        <pb n="112" />
        V. Überstaatliche Bindungen des Jchs 101

Der Überempfindlichkeit des Judentums steht die Überängstlich-
keit eines Deutschtums gegenüber, das da fürchtet, sich mit rein
geistigen Mitteln gegen das Judentum nicht behaupten zu können.
Dazu wäre weiter nichts zu sagen, als dies: an einem Deutschtum,
das es sich nicht mehr zutraut, im Kampfe mit rein geistigen Mit-
teln oben zu bleiben, wäre fürwahr nicht viel mehr gelegen. Das
dürfte ruhig zum Teufel gehen, schon weil ihm dann auch schwer-
lich mehr die Kraft zuzutrauen wäre, sich + waffenlos wie es ist
D gegen die Unterdrückung durch ein feindliches Ausland zu be-
haupten.

Der Meinung kann man sein, ohne die Schwäche zu verkennen,
die gerade dem Deutschtum gegenüber jener dritten jüdischen Schicht
anhaftet, deren Streben es ist, die Verwaltung des deutschen Kultur-
besitzes in die Hand zu bekommen. Aus dieser dritten Schicht
stammen jene Literaten, die es versuchten, uns einen Böcklin, einen
Richard Wagner zu verekeln, kaum daß diese Meister in den Olymp
der allgemein Anerkannten eingegangen waren. Was den jüdischen
Ichs, die ihnen die Meisterschaft glaubten bestreiten zu können,
fehlte, war die Ehrfurcht, womit jedes gesunde Volk zu den
Größten aufschaut, die sein Volkstum hervorgebracht hat. Ehrfurcht
ist die Grundlage jedes Ahnenkults, und bedauern sollte man
eigentlich die, deren überkritische Zerstörungswut es ihnen unmöglich
macht, diese Ehrfurcht eines Volkes, in dem und mit dem sie leben,
wenigstens nachempfindend zu teilen.

Aber es kann doch kein Zufall sein, daß sich diese überkritische
Zerstörungswut, die im Wesen des jüdischen Ichs schlummert, nicht
leicht gegen die Heroen des englischen oder des französischen Ahnen-
kults richtet. Sie weiß, daß sie da auf Widerstände stieße, die
herauszufordern sich nicht empfiehlt. Sie weiß aber auch, daß ein
Wesenszug gerade des deutschen Durchschnitts-Fchs jene Weich-
heit ist, die es gegenüber kritischen Angriffen auf das, was für ein
selbstbewußtes Volk außerhalb der Kritik stehen sollte, selten oder
nie das richtige Wort der Abwehr finden läßt. Da fühlt das deutsche
Ich sich gehemmt durch jene ,,verfluchte Objektivität“, die sich nie
recht getraut zu erklären: hier mach ich nicht mehr mit, weil ich
ein Deutscher bin. Wenn es uns nicht gelingt, uns diese ,„„Ob-

V
        <pb n="113" />
        |L. V. Überstaatliche Bindungen des Jchs
jektivität““ noch rechtzeitig abzugewöhnen, ist allerdings kaum Aus-
sicht, daß die Judenfrage jemals bei uns verschwinden werde.

Denn daß es eine Judenfrage gibt, ist nicht etwa ein Zeichen
völkischer Stärke, sondern völkischer Schwäche. Für ein Volk, das
die letzten Zweifel an seiner Daseinsberechtigung und an seiner
Daseinsaufgabe überwunden hat, spielt eine Frage dieser Art keine
Rolle mehr. Sollten wir's dahin auch noch bringen, so erlebt also
die Welt vielleicht noch den deutschen Gambetta, oder gar den
deutschen Disraeli!

2. Kirche

Für jedes Ich kommt einmal der Punkt, wo alle irdischen Bin-
dungen, des Seins im Raum, des Werdens in der Zeit, des Wir-
kens in Familie, Gesellschaft, Staat, Rasse versinken vor dem Ge-
fühl: allein zu sein mit dem Allwesen, das an keinerlei einengende
Formen des Seins, des Werdens, des Wirkens gebunden ist, weil
es die Summe alles Seins, Werdens, Wirkens umfaßt.

Dieser Punkt muß nicht notwendig der Schlußpunkt, dies Er-
lebnis muß nicht das letzte Erlebnis sein. Aber es ist immer ein
Erlebnis, das das Ich nicht in Gemeinschaft mit andern, das es
vielmehr für sich ganz allein hat. Seinen Gott erlebt jeder nur in
der Stille ~ unbeschadet der Fähigkeit, andern von diesem Erleb-
nis mitzuteilen, die allerdings nicht jedem Ich gegeben ward.

So erlebt das Ich auch sich selbst – im Traum – ganz allein.
Nachprüfen läßt sich das Traumerlebnis nicht, so wie sich etwa nach-
prüfen läßt, was ein Ich in der Schlacht oder auf Reisen erlebt
hat, wo es das Erlebnis mit andern Ichs teilte. Nur kritiklose
Leichtfertigkeit, wie sie neuerdings Mode geworden ist, kann daher
die Erzählung eines Traumerlebnisses gleichwerten dem Traumer-
lebnis selbst. Wenn ein Reisender aus dunklem Erdteil zurückkehrt
und berichtet, was er da gefunden hat, so kann ein anderer hin-
gehen und nachsehen, ob es stimmt. Ins Traumland des einen
Ichs kann kein anderes Ich reisen, um nachzusehen, ob das Erlebnis
sich auch so abgespielt hat, wie das erste Ich es behauptet. Nur mit
allergrößter kritischer Vorsicht ist also zu verwerten, was ein Ich
über das erzählt, was es geträumt haben will.

M 9
        <pb n="114" />
        V. Überstaatliche Bindungen des Jchs 123

Nur mit allergrößter kritischer Vorsicht ist zu verwerten, was
ein Ich über die Art und Weise erzählt, wie es seinen Gott erlebt
haben will. Und um so mehr Vorsicht ist am Platze, je freigebiger
das Ich mit seinen Erzählungen ist.

Als feststehend darf nur die Tatsache gelten, daß jedes Ich sich
selbst im Traum erlebt. Und als ebenso feststehend dürfen wir die
Tatsache gelten lassen, daß jedes Ich, früher oder später, öfter
oder nur einmal im Leben, „,.seinen Gott erlebt’, das heißt, das
Alleinsein mit dem ungebundenen und unbegrenzten Allwesen fühlt,
von dem es ein Teil ist.

Einigen wenigen hilft über diese kritischen Punkte im Leben,
einschließlich des Schlußpunktes, Philosophie hinweg. Die Masse
aber, in deren Unterbewußtsein eine Ahnung des jedem Ich bevor-
stehenden Erlebnisses schlummert, kann mit Philosophie nicht viel
anfangen. Sie braucht, um den Gedanken an das ertragen zu kön-
nen, was noch sein wird, wenn das Ich nicht mehr ist, Massen-
philosophie, Religion.

Religion ist für das Massenteilchen Ich, was Philosophie für
das einsam denkende Ich ist. Der Glaube, daß jede Wirkung ihre
Ursache habe, drückt philosophisch ungefähr das Gleiche aus, was
der Satz „Ohne Gottes Willen fällt kein Sperling vom Dache““
religiös ausdrückt.

Philosophie und Religion, beide haben ihre Wurzeln in der Ehrfurcht
vor dem, was nicht an die Formen persönlichen Daseins gebunden,
darum mehr als Persönlichkeit ist. Was das gebundene Ich nicht be-
greifen, wohl aber ahnend verehren kann. Allgegenwärtig, ewig,
allmächtig — es sind stammelnde Bezeugungen der Ehrfurcht vor
einem Wesen, das den allgemeinen Beschränkungen menschlichen
Daseins nicht unterworfen ist.

Daß das Allwesen noch sein werde, wenn das Ich nicht mehr ist,
bezweifelt das Ich nicht. Die bange Frage ist nur: was werde „„Jch““
dann sein? Mit dieser Frage meldet sich das religiöse Massenbedürf-
nis, und die mehr oder minder befriedigende Antwort darauf gibt
der Totenkult, den keine Religion entbehren kann und worin sie sich
auf ihre Weise mit dem „„Leben nach dem Tod““ auseinandersetzt.

Das junge Christentum hat sich „„die Welt“‘, will sagen die Welt

1.955
        <pb n="115" />
        194 V. Überstaatliche Bindungen des Jchs

des Römerreiches erobert, indem es den Totenkult zur Hauptsache
machte und frischweg behauptete: das Leben auf dieser Erde habe
seinen beschränkten Wert nur als Vorbereitung auf das Leben im
Jenseits, das sich ~ vorausgesetzt, daß das abgeschiedene Ich
hienieden einen christlichen Lebenswandel geführt habe – in den
Formen persönlichen Daseins unbegrenzt weiter spinnen werde, nur
frei von jeglichem Gefühl der Unlust, nämlich im Zustand „,„ewiger
Seligkeit““ — ein Begriff, wovon der tätige Mensch von heute die
Vorstellung unendlicher Langeweile nur schwer zu trennen vermag.
Wie unerträglich müssen die Zustände im alternden Römerreich für
das Massenteilchen Ich schließlich geworden sein, wenn ihre bloße
Verneinung eine so ungeheure Werbekraft hatte!

Das siegreiche Christentum, das die Massen des Römerreiches
gewonnen hatte, mußte die „Wiederkunft Christi““ und das „Reich
Gottes“’, das ursprünglich als „nahe bevorstehend““ gedacht war, auf
unbestimmte Zeit vertagen und sich in dieser staatlich organisierten
Erdenwelt einrichten. Es ward zur Kirche, zum Staat im Staate ~
oder über den Staaten.

Die Organisation zur Kirche war noch nicht einheitlich durchge-
führt, als das Römerreich zusammenbrachz; mit ihm spaltete sich
auch die Kirche in eine westliche und eine östliche Hälfte, in eine
römisch-katholische und eine griechisch-katholische.

Die römisch-katholische Kirche beherrschte das staatlich organisierte
Leben Westeuropas, bis + auf deutschem Boden ~ abermals eine
Spaltung erfolgte und das Christentum durchzog, wohin auch immer
es sich in der Folge ausbreitete.

Seitdem also hat die christliche Weltreligion drei große Lebens-
formen: die griechisch-katholische, die römisch-katholische und die
evangelisch-protestantische, wovon für das Deutschtum jedoch nur
die beiden letzten in Betracht kommen.

Die römisch-katholische Lebensform der christlichen Religion ist
einheitlich organisiert, die protestantische freiheitlich-vielgestaltig; es
gibt nur eine römische Kirche, aber es gibt eine Menge protestan-
tischer Kirchen. Die römisch-katholische Lebensform knüpft eine be-
friedigende Antwort auf die bange Frage „„Was wird aus mir nach
meinem Tod?“ an die Bedingung, daß das Ich der Kirche in
Glaubenssachen blind gehorche; die protestantische Lebensform macht

):
ME
        <pb n="116" />
        V. Überstaatliche Bindungen des Jchs 1z3
eine befriedigende Antwort abhängig vom persönlichen Verhalten des
Ichs. Um den Preis des Gehorsams nimmt die römisch-katholische
Kirche dem Ich die ganze Verantwortung ab, während der Prote-
stantismus dem Ich die ganze Verantwortung aufbürdet.

Das Ziel der römisch-katholischen Lebensform ist die Erziehung
des Ichs zum Gläubigen, das Ziel der protestantischen die Erziehung
des Ichs zur Persönlichkeit.

Daraus folgt ohne weiteres die bessere Eignung der protestanti-
schen Kultur als Nährboden für Führernaturen wie Kant und
Lessing, Schiller und Fichte, Stein und Bismarck, den Großen
Friedrich nicht zu vergessen; folgt aber auch die Überlegenheit der
römischen Kirche als Organisation, ihre Macht über die Massen
ist naturgemäß stärker als die des Protestantismus. Und ein Ge-
fühl mangelnden Selbstvertrauens hat den kirchlichen Protesstantis-
mus, gerade auf deutschem Boden, vielfach auf die Wege des
Staatskirchentums getrieben. Gleichwohl stehen die Abhängigkeiten,
wozu das Staatskirchentum notwendig führt, in unlösbarem Wider-
spruch zur „„Freiheit eines Christenmenschen““, zur persönlichen
Verantwortlichkeit des Ichs vor seinem Gott, die die Grundlage
des Protestantismus ist.

Im Verhältnis zum Staate drückt sich das so aus: die römische
Kirche, die mit dem Staate verhandelt, tritt ihm als Fordernde ge-
genüber, die protestantische, die das gleiche tut, als Schutzbedürftige.

Jedes Zugeständnis, das der Staat beiden religiösen Lebensformen
äußerlich gleichartig macht, wirkt demgemäß auf jede von beiden
anders. Und da doch die Angehörigen der Kirche zugleich Bürger
des Staates sind, so kann auch die Rückwirkung solcher Zugeständ-
nisse auf den Staat nicht die gleiche sein.

Die römische Kirche kann, ihrer Natur nach, keine protestantische
Kirche je als gleichberechtigt, als „Schwessterkirche‘““ anerkennen.
Sogar dem Zentrumsführer Windthorst ist es schlecht bekommen,
als er sich, in einer Rede im Abgeordnetenhause, einmal den Aus-
druck „„Schwessterkirche““ hatte entschlüpfen lassen. Die römische
Kirche muß eben allzeit den Anspruch erheben, ,,die“ christliche
Kirche zu sein ~ oder, nach Überwindung vorübergehender Erfolge
der Ketzerei, wieder zu werden. Jedes Zugeständnis also, das der
Staat in seinem Machtbereiche beiden religiösen Lebensformen gleich-

1 0f
        <pb n="117" />
        4t V. Überstaatliche Bindungen des Jchs

mäßig macht, erkennt stillschweigend diesen Anspruch, der die
Wesensart der römischen Kirche ausmacht, als berechtigt an und
nimmt schon dadurch Partei gegen den Protestantismus. Diese
ungewollte Parteinahme könnte nur vermieden werden, wenn der
Staat sein Zugeständnis davon abhängig machte, daß die römische
Kirche ihren Anspruch auf Alleingeltung aufgäbe. Wem aber wäre
damit gedient? Dem kirchlichen Frieden sicher nicht. Daß anderer-
seits der Protestantismus immer noch Rückfällen ins Staats-
kirchentum unterliegt und die gleichen Zugeständnisse aus Schwäche
begehrt, die der Katholizismus im Gefühl stärkster Folgerichtigkeit
fordert ~ das ändert nichts an der Sachlage.

Auf der letzten Generalversammlung des evangelischen Bundes
in Königsberg ist der Notschrei laut geworden: „„Der Bekenntnis-
schule ist in den viel umstrittenen Paragraphen des bayrischen Kon-
kordats eine Form gegeben worden, daß man sie geradezu eine
Kirchenschule nennen möchte“. Wer aber hat am lautesten nach der
Bekenntnisschule gerufen und ruft noch am lautesten danach?
Protestantische Kreise, die zur „„Freiheit eines Christenmenschen““
offenbar so wenig Vertrauen haben, daß sie die Krücke des Staats-
kirchentums nicht glauben entbehren zu können und diese Krücke auf
dem Umweg über die Bekenntnisschule zurückholen möchten.

Die römische Kirche, die den Anspruch erhebt, für jedes Ich der
alleinige Mittler zwischen Zeit und Ewigkeit zu sein, handelt nur
folgerichtig, wenn sie die konfessionelle Bekenntnisschule fordert.
Wenn sie schon die ganze Entwicklung des Ichs, von der Wiege
bis zur Bahre, als Vorbereitung auf das jenseitige Leben maßgeblich
bestimmen will, so kann sie sich ein so wesentliches Zwischenglied
wie die Schulerziehung gutwillig nie aus der Hand nehmen lassen.

Anders der Protestantismus. Er macht die Auseinandersetzung
zwischen Zeit und Ewigkeit zu einer Angelegenheit, die jedes Ich
unter seiner persönlichen Verantwortung selbst durchzukämpfen hat.
Er kann sich also, aus dem Machtbereiche des Staates von heute,
sehr wohl auf den Standpunkt zurückziehen, den das Christentum in
seinen glücklicheren Anfängen einnahm: Mein Reich ist nicht von
dieser Welt. Er kann die Erziehung des Ichs mit gutem Gewissen
dem Staat überlassen, wofern der Staat ihm nur die Freiheit

q06
        <pb n="118" />
        V. Überstaatliche Bindungen des Ichs 1.0?
läßt, den religiösen Teil dieser Erziehung für feinf Anhänger selbst
zu besorgen. [ &amp; gihliolnsk

s e.. das! Der Protestantismus darf, wen er folgerichtig
bleiben und nicht in Widerspruch zu seinem “rsek Ga dsatz von
der Freiheit eines Christenmenschen geraten will, Lk Gtubsbün
Recht nicht bestreiten, die staatsbürgerliche Erziehung des Ichs mit
niemand teilen zu wollen. Während der Katholizismus diese Tei-
lung fordern muß, mit dem Vorbehalt, dadurch den allein maß-
geblichen Einfluß auf die Erziehung des Ichs zurückzuerobern.

Und der Staat? Der Staat, der sich die Bekenntnisschule auf-
zwingen läßt, begeht Selbstmord, begeht zum mindesten ein Ver-
brechen gegen die Zukunft des Volkes. Hat nicht auch der Hohen-
zollern-Staat Selbstmord begangen, indem er den Einfluß, den
er durch die reine Staatsschule auf die Erziehung der Deutschen
zum Staatsvolk hätte ausüben können, an die Kirchen abtrat,
soweit er ihn nicht schon dem dynastischen Partikularismus über-
lassen hatte?

Doch mag der Streit um Mißgriffe der Vergangenheit auf sich
beruhen bleiben. Wie die Dinge im Deutschland von heure nun ein-
mal liegen, fördert immer noch die Zersplitterung, wer den religi-
ösen Lebensformen Rechte auf die bürgerliche Entwicklung des
Massenteilchens Ich einräumt, die allein der Staat auszuüben be-
fugt ist, sobald er den entschlossenen Willen dazu hat. Ob er ihn
hat, ob er ihn in absehbarer Zeit haben wird, wer kann's wissen?
Wissen aber können wir dies: im machtlosen Staate bedeutet
Willensschwäche gerade auf diesem Gebiet eine viel, viel größere
Gefahr, als sie es schon im waffenmächtigen deutschen Kaiser-
reich gewesen war.

Für ein Staatsvolk, das die Aufgabe hat, sich selbst zu regieren,
dabei aber das Unglück, durch religiöse Lebensformen von starker
Gegensätzlichkeit gespalten zu sein, kann die Stellungnahme zur
Religion nur in vollkommener Unparteilichkeit bestehen. Der Staat,
der jede religiöse Lebensform dulden will und muß, kann und
darf das Eindringen des konfessionellen Geistes in seine eigenssten
        <pb n="119" />
        ] V. Überstaatliche Bindungen des Jchs

Einrichtungen nicht dulden. Er kann es am wenigsten dulden
in den Einrichtungen, die der staatsbürgerlichen Erziehung des
Massenteilchens Ich dienen, in seinen Schulen. Denn auf ihnen
beruht die Zukunft seiner selbst, die Zukunft des Staates.

Der Staat kann andererseits das Bedürfnis der geschichtlich ge-
wachsenen und gewordenen religiösen Lebensformen, um ihren Nach-
wuchs besorgt zu sein, nicht achtlos beiseite schieben, solange Mil-
lionen seiner Bürger dies Bedürfnis als berechtigt anerkennen. Nur
befriedigen kann der Staat dies Bedürfnis von sich aus nicht mehr!

Der alte Preußenstaat beispielsweise konnte von sich aus noch
Religionsunterricht erteilen lassen, denn er hatte eine Landeskirche
und einen summus episcopus. Der konfessionslose Freistaat Preu-
ßen aber würdigt sich selbst herab, wenn er „„auf Bestellung“
evangelischen, katholischen oder jüdischen Religionsunterricht er-
teilen läßt oder irgendwelche Bürgschaft dafür übernimmt, daß
dieser Unterricht angemessen erteilt werde. Die die konfessionelle
Schule fordern, aber „,,ohne geistliche Schulaufsicht‘’, sind sich
schwerlich klar darüber, was für eine Rolle sie dem konfessionslosen
Staate damit zumuten.

Wie denn sind die beiden Bedürfnisse, der Selbsterhaltungstrieb
des Staates und der Selbsterhaltungstrieb der Kirchen, praktisch
überhaupt noch miteinander zu vereinigen? In Deutschland zur-
zeit nur so, daß der Staat aus eigener Machtvollkommenheit seinen
Machtbereich gegen den der Kirchen abgrenzt. Daß also die
Schule aufgebaut wird als reine Staatsschule, als
Reichsschule; daß aber innerhalb des Lehrplanes dieser
Schule angemessener Raum gelassen wird für einen Re-
ligionsunterricht, den die Religionsgemeinschaften – so-
fern es die Eltern der Schüler wünschen ~ unter eigener Ver-
antwortung zu erteilen haben. Der Staat hat nur darüber zu
wachen, daß in den zugewiesenen Stunden in Religion unterrichtet
wird und in nichts anderem; wie die einzelnen Religionsgemeinschaf-
ten den Unterricht erteilen, das sollte den Staat nicht kümmern.

Man wird einwenden: bei sotanem Verfahren könnte es gar leicht
geschehen, daß der staatlich geleitete Teil des Schulunterrichtes in
Widerspruch geriete zum konfessionell geleiteten Teile des Unter-
richts. Aber ist der Widerspruch denn in der Bekenntnis-

1 08
        <pb n="120" />
        V. Überstaatliche Bindungen des Ichs

schule etwa beseitigt ? Kann denn der Staat von heute es über-
haupt noch dulden, daß der gesamte Unterricht so erteilt werde, wie
es dem Bedürfnis einer Religionsgemeinschaft entspricht? Lehnen
nicht gerade deshalb sogar Anhänger der „,,Bekenntnisschule‘“ die
geistliche Schulaufsicht ab? Endlich: Ist es überhaupt Aufgabe
der Schule, Widersprüche zu überkleistern, die im Leben
der Volksgemeinschaft nun einmal vorhanden sind und
die das einzelne Ich sein ganzes Leben hindurch begleiten
werden, es mag ihm lieb sein oder leid ?

Die Frage ist längst nicht mehr, wie man die tatsächlich vor-
handenen Widersprüche im Schulunterricht verkleistert und ver-
schleiert; die Frage kann nur mehr sein, ob man die tatsächlich vor-
handenen Widersprüche noch dadurch vertiefen und verschärfen soll,
daß man die Schule als Ganzes konfessionell abstempelt. Wer diese
Frage entschlossen verneint, der beantwortet sie zugleich mit der
Forderung, den Unterricht, troß der vorhandenen Widersprüche,
so zu gestalten, daß vor allem der Staat den größtmöglichen
Nutzen davon habe. Also nicht Zugeständnisse des Staates an die
Kirchen, sondern Unterordnung des kirchlichen Bedürfnisses unter
das staatliche.

Damit müssen sich die Religionsgemeinschaften, sofern ihnen auch
in der Schule angemessener Raum zur Betätigung verbleibt, ab-
finden können, denn der Staat hat sich auf dieser mangelhaften
Erde durchzusetzen, die der Widersprüche voll und übervoll ist. Die
Religionsgemeinschaften dagegen arbeiten für jene Welt, worin sich
alle Widersprüche schließlich auch ohne unser Zutun lösen.

Im Kriege konnte man’s erleben, wie dicht hinter der Front
Soldaten den mit einfachsten Mitteln, aber sichtlich mit Liebe ge-
schmückten Raum zeigten, worin gemeinschaftlicher Gottesdienst
abgehalten wurde, wie sie mit mühsam verhaltener Erregung davon
erzählten, wie schön das gewesen sei ~ ,,da stand der katholische,
da stand der evangelische Priester“. Wer das nicht nur hat er-
zählen hören, wem die Erzählung auf fremdem, umstrittenem Boden
zum Erlebnis ward, der weiß, wie tief im deutschen Volke die
Sehnsucht nach konfessionellem Frieden, nach kirchlichem Ausgleich
brennt. Der weiß aber auch, wie schandbar sich die am deutschen

109
        <pb n="121" />
        11” V. Überstaatliche Bindungen des Jchs
Velk versündigen, die sich aus feiger Bequemlichkeit noch immer
scheuen, den Kirchen den Ausgleich aufzuzwingen.

Ja, aufzuzwingen! Denn anders als durch Zwang, ausgeübt von
einem Stärkeren, geht es nicht. Und dieser Stärkere kann nur
der Staat sein.

Er allein kann den Konfessionen das Kampffeld vernünftig be-
schränken, indem er  statt ihnen, wie bisher, Zugeständnisse zu
machen ~ ihrem Ringen um die Jugend Grenzen setzt und diese
Grenzen bewacht. Indem er erklärt: die Jugend gehört mir!
Die Jugend gehört in die Staatsschule, über die das Reich die Auf-
sicht führt - und niemand sonst. Im Rahmen dieser staatlichen
Reichsschule ist Raum auch für die Einführung der Jugend in die
religiöse Lebensform, der die Eltern sie zuzuweisen wünschen, bis
sie alt und reif genug geworden sind, um über sich selbst zu
entscheiden.

Diese Einführung aber ist nicht Sache des Staates – der kon-
fessionslose Staat gibt keinen Religionsunterricht. Diese Einführung
ist Sache der Kirche, und wie der Staat nicht duldet, daß die
Kirche sich in den weltlichen Teil des Unterrichts einmische, so
wird er selbst sich jeglicher Einmischung in den religiösen Unter-
richt enthalten.

Das ist der Weg, wie in Deutschland, dem Mutterlande der
Kirchenspaltung, allen Teilen am besten gedient werden kann, und
nicht zuletzt dem religiösen Bedürfnis. Diesem ~ und darüber hin-
aus dem gegenseitigen Sichverstehen des protestantischen und des
katholischen Volksteils.

Man kann doch auch der Meinung sein: erst wenn die Kirchen
aller Verpflichtungen, sich an den politischen Machtkämpfen zu be-
teiligen, ledig seien; erst dann würden sie die lebendigen Kräfte, die
noch in ihnen schlummern, wieder voll entfalten können. Und in
dem freien Wettbewerb auf den reinen Höhen durchgeistigten Men-
schentums müßte sich das erstrebenswerte Verhältnis von Schwe-
sterkirchen ~ wenn überhaupt! + noch am chesten herausbilden
können.

()
        <pb n="122" />
        VI. Deutsche Diesseits-Religion

D überstaatlichen Bindungen des Ichs + überstaatlich, weil

sie über die Grenzen des staatlich organisierten Volkstums
hinausgreikfen - beruhen auf gefühlsmäßiger Überlieferung aus
Zeiten, die eine staatliche Gebundenheit des Ichs, wie sie der Ge-
genwart eigen ist, noch nicht kannten. Das Rassenbewußtsein ruht
auf dem dunklen Untergrunde des Glaubens an eine gemeinsame
Abstammung, der kirchliche Zusammenhalt setzt den Glauben an
eine gemeinsame Bestimmung, jenseits dieser Zeitlichkeit, voraus.
Zwischen beiden, auf dem harten Untergrunde gegebener Tatsachen,
ist der Staat gewachsen, wie wir ihn heute kennen und, je nach
unserer Einstellung, lieben oder hassen. Der Staat, der sich – wenn
er selbst leben und seine Bestimmung erfüllen will ~ das Recht
nicht nehmen lassen kann, das Verhältnis des Ichs zu den älteren
Bindungen von Rasse und Kirche grenzregelnd zu überwachen oder
auch neu zu ordnen.

Was aber ist die Bestimmung des Staates? Eine Untersuchung,
die das Verhältnis des Ichs zum Staate klarstellen wollte, konnte
füglich nur vom Ich ausgehen, als dem jedem Ich ursprünglich
Gegebenen. Für das Ich hat sich im Laufe dieser Untersuehung,
immer fester umschrieben, die Zweckbestimmung ergeben, ein dienen-
des Glied des Staates zu sein.

Wenn das die Zweckbestimmung des Ichs ist ~ soweit das Ich
selbst sie erkennen kann was ist dann die Zweckbestimmung des
Staates? Was bedeutet der Staat für das Ich?

Die landläufigen Ansichten darüber gehen immer noch weit
auseinander. Gemeinhin verbindet jeder mit dem Worte Staat
einen besonderen Sinn, und zwar auch je nach den Umständen, unter
denen es gebraucht wird, einen besonderen Sinn. Das ist durchaus
berechtigt, denn kein Wort hat einen Sinn, der ihm unbedingt zu-
käme, sondern der Sinn, der mit dem Wort verbunden wird, ist
stets abhängig von den besonderen Umständen, unter denen es
gebraucht wird.
        <pb n="123" />
        1!! VI. Deutsche Diesseitsreligion

Hier aber handelt es sich um den denkbar allgemeinsten Gebrauch
des Wortes, um den Begriff vom Staat ~ und das, was ihn im
alltäglichen Leben ersetzt.

Da ist „„der Staat“ dem einen immer noch die milchende Kuh,
die ihn mit Butter –~ und anderen guten Dingen — versorgen
sollte. Dem andern ist er „der Racker“, der ihm das Geld aus der
Tasche zieht und doch nie genug bekommen kann. Dem ist er eine
etwas nebelhafte Macht, die die verdammte Pflicht und Schuldigkeit
hätte, dafür zu sorgen, daß das Ich seinen Geschäften ungehindert
und ungestört nachgehen kann, die sich dem Ich im übrigen aber
so wenig bemerkbar machen sollte wie möglich. Jenem ist er eine
Art von Versicherungsanstalt auf Gegenseitigkeit, die den durch
Geburt und Besitz oder „„die ökonomische Bewegung““ dazu berechtig-
ten und vorbestimmten Klassen die Herrschaft über die anderen er-
halten sollte. Nicht wenigen ist er die Quelle alles Übels, solange
sie keine Macht über ihn haben, und das tauglichste Mittel, sich
das Leben angenehm zu machen, sobald ihnen die Macht im Staate
zugefallen ist.

Wem aber der Staat mehr ist als eine Vorstellung des Ichs,
wer ihn je als leibhaftige Wirklichkeit über dem Ich erlebt hat
und wer das nicht hat, mit dem verlohnt es sich kaum, über das
Wesen des Staates zu reden - der wird nur von einer Begriffsbe-
bestimmung befriedigt sein, die das Wesen des Staates unabhängig
davon macht, ob er dem Ich angenehm oder zuwider, nützlich oder
schädlich, heilig oder verächtlich ist.

Der Staat in diesem Sinn ist keine Behörde oder ein Ratten-
könig von Behörden. Er ist kein Etwas, das im Gegensatz stünde zur
Gesamtheit der im Staate lebenden Bürger. Er ist aber auch nicht
die Gesamtheit dieser Bürger selbst. Durch die bloße Summierung
oder Aneinanderreihung von Massenteilchen Ich kommt noch kein
Staat zustande. Der Staat ist vielmehr das, was die Summe aller
seiner Massenteilchen Ich zur lebendigen Einheit zusammenbindet,
er ist nichts anderes als die Lebensform der völkischen Schicksals-
gemeinschaft, das Wesen höherer Ordnung, wozu das Individuum
Mensch sich im Laufe der Jahrtausende entwickelt hat. Lebensform
~ lebendige Form, nicht starre Schablone, nicht vertrocknete Hülle
aus Paragraphenschnitzwerk, mit Aktenstaub überdeckt, ist der Staat.

io
        <pb n="124" />
        VI. Deutsche Diesseitsreligion ] j

Dieser lebendigen Form, in die es unlösbar hineingewachsen ist
~ es mag ihm lieb oder leid sein ~ dient das Ich nicht nur,
indem es sich auf irgendeinem staatlichen oder politischen Posten
betätigt; es dient ihm, indem es den Platz, worauf es innerhalb
der völkischen Schicksalsgemeinschaft gestellt ist, pflichtgemäß, das
heißt nach bestem Können und Wissen, ausfüllt. Eine Mutter, die
ihre Kinder zu tüchtigen Menschen erzieht, dient dem Staate viel-
leicht besser als der Parteiführer, der das unklare Wollen von
Millionen dazu mißbraucht, sich selbst auf einem Ministersessel
zu erhalten. Ein Künstler, der die geheime Sehnsucht der Besten ge-
staltet oder zum Klingen bringt, gibt dem Staate vielleicht mehr,
als der Händler, der ihm Millionen an fremden Luxuswerten zu-
führt. Ein Techniker, der ein weiteres Stück ungebändigter Natur
der Herrschaft des Menschengeistes unterwirft, fördert den Staat
vielleicht weiter, als ein Volksredner, der ein Leben lang unermüdlich
gegen die „Sünden der Reaktion““ oder gegen die ,„Begehrlichkeit
der Massen‘“ donnert.

Um dem Staat auf die zweckmäßigste Weise zu dienen, braucht
das Ich also keineswegs an der Staatsleitung oder der Staatsver-
waltung unmittelbar teilzunehmen. Es braucht auch nicht ständig
vom Staat oder über den Staat und seine Angelegenheiten zu
reden. Nur wenn der Staat ruft, muß es ihm seinen Willen und
seine Erfahrung, seinen Besitz und, wenn es sein muß, sein Leben
zur Verfügung stellen. G’schaftelhuberei verlangt der Staat von
niemand, unmittelbaren und ständigen Dienst nur von wenigen ~
Todsünde wider den Staat aber ist das Gefühl, das sich in den
letzten Jahren der Bismarckzeit auszubreiten begann, und das unter
Wilhelm II. weite und breite Schichten gerade der Höchstgebildeten
im Staate beherrschte: das Gefühl der Gleichgültigkeit, der Ver-
drossenheit, der Überheblichkeit gegenüber dem Staate.

Ich bin der Staat! In mir ist der Staat! Das ist das Gefühl,
aus dem heraus allein das Ich die richtige Einstellung zum
Staate findet, der ihm die Lebensform der völkischen Schicksals-
gemeinschaft ist.

Und die Zweckbestimmung dieses Lebewesens höherer Ordnung,
das die Gattung Mensch erzeugt hat? Soweit das menschliche Ich
Harms, Das Ich und der Staat I

1 5
e
        <pb n="125" />
        114 VI. Deutsche Diesseitsreligion

sie zu erkennen vermag, scheint es diese zu sein: dem Masssenteilchen
Ich die Möglichkeit zu geben, wie allein es ~ heut und unter den
gegebenen Umständen ~ für die Menschheit wirken kann.

Das deutsche Ich, wenn es politisch denkt, pflegt entweder zu
eng oder zu weit zu denken. Sein Denken endet entweder an den
Grenzzäunen der Partei + oder es schweift bis ans Ende der Welt.
Der Deutsche, der sich politisch betätigt, hält entweder „„die Fahne
irgendeines Programms hoch“ oder er fühlt sich verpflichtet, ,die
Menschheit“ irgendwie zu beglücken. Schlicht und einfach etwas zu
tun, nur um dem Staate der Deutschen zu dienen, um ihm gegen-
über eine selbstverständliche Pflicht zu erfüllen, das verursacht
manchen Deutschen geradezu ein körperliches Unbehagen.

Und doch ist dem Ich, so wie die Welt und die Menschheit in
ihr sich entwickelt haben, gar keine Möglichkeit gegeben, für die
Menschheit anders zu wirken als durch das Mittel seines Volkes
und der Lebensform, die dies Volk sich geschaffen hat. Der Apostel
Paulus, der die Eroberung eines ansehnlichen Weltausschnittes durch
das Christentum siegreich eingeleitet hat, konnte zu zahlreichen Völ-
kern reden, nicht nur, weil das Verkehrsgriechisch, das ihm ge-
läufig war, um das ganze östliche Mittelmeer herum und bis tief
in seinen westlichen Teil hinein verstanden wurdez sondern mehr
noch, weil die Lebensform des Römerreiches für all diese Völker
gleiche oder verwandte politische, wirtschaftliche und gesellige Lebens-
bedingungen geschaffen hatte. Und was für ein bescheidener Bruch-
teil der Menschheit war es schließlich doch, der sich auf diese Weise
erfassen ließ!

Wer die englische Sprache beherrscht, müßte heut in ganz
anderm Umfang „,, für die Menschheit‘““ wirken können, wenn ~
die Einwirkung nur von der Persönlichkeit des wirkenden Ichs und
der Möglichkeit, verstanden zu werden, abhinge. Aber auch die eng-
lisch sprechende Welt ist durchzogen von Scheidewänden, an denen
nicht selten die ganze Wirkungsmöglichkeit abprallt ~ wofern nicht
hinter der einwirkenden Ich-Persönlichkeit eine volle, gleichgestimmte,
staatliche Volks-Persönlichkeit steht. Auch Lloyd George hätte durch
seine große Propaganda-Reise den Stimmungsumschwung in Ame-
rika nicht so erfolgreich vorwärtstreiben können, wenn der Stim-
mungsumschwung in Großbritannien nicht vorangegangen wäre.
        <pb n="126" />
        VI. Deutsche Diesseitsreligion 115

Ein Sprichwort behauptet, der Prophet gelte nichts in seinem
Vaterland, und gewiß hat kein Volk so wie die Deutschen immer
noch die Neigung, seine Propheten in Politik, Wissenschaft, Kunst
verhungern zu lassen ~ vielleicht um ihnen Gelegenheit zu geben,
ihre Leistungsfähigkeit durch die stärkste Kraftprobe zu erweisen.
Aber gilt der Prophet, der in seinem Vaterlande nichts gilt, darum
mehr in andern Ländern? Doch nur sehr ausnahmsweise. Auch der
Apostel Paulus war vielen Juden geradezu verhaßt; andererseits
aber: wäre der Erfolg seiner Mission denkbar, wenn er nicht ge-
tragen worden wäre von dem über das ganze Römerreich ver-
streuten Volke der Juden-Christen?

So viel abschreckende Beispiele man auch für den Satz mag
aufstellen können, wonach der Prophet nichts gilt in seinem Vater-
lande; viel mehr Beispiele wird man finden für den andern Satz:
daß noch keiner „„die Welt““ erobert hat, der sich nicht vorher sein
Volk erobert hätte.

Wir Deutschen haben die leidige Gewohnheit, von „Weltruf“ zu
sprechen, wo es sich um eine oft nur vorübergehende Berühmt-
heit innerhalb der deutschen Grenzen handelt. Immerhin, wir Deut-
schen — die wir von unsern vereinigten Feinden feierlich als
Hunnen und Barbaren abgestempelt worden ~ haben ein paar
Namen aufzuweisen, die aus der Geschichte der Menschheit nicht
fortzudenken sind. Beispielsweise die Namen: Luther – Goethe ~
Richard Wagner. Luther war ein Glied der römischen Weltkirche und
hätte sich auch dort, losgelöst von allem Volkstum, vielleicht erfolg-
reich betätigen zu können. Für die Menschheit wird sein Wirken
aber gerade dadurch bedeutungsvoll, daß er für sein Volk und durch
sein Volk wirkte, daß er eine Volkspersönlichkeit mit der Gewalt
seiner Ich-Persönlichkeit ergriffen und aufgerüttelt hat. Goethe hat
den Grund zu seiner Weltberühmtheit gelegt mit dem Werther,
also mit einem Werke, das auch seine Deutschen zutiefst gepackt
hatte und das aus einer Zeit stammt, wo er selbst von Weltbürger-
lichkeit noch weit entfernt war. Richard Wagner hat den Versuch
gemacht, die Welt von Paris aus zu erobern ~ und ist gescheitert.
Sein Siegeszug beginnt erst mit dem Augenblick, wo er sein eigenes
Volk für sich gewonnen hatte.

Es ist nicht die geistige Verkehrsform der Sprache allein, die

C %

V
        <pb n="127" />
        17 : VI. Deutsche Diesseitsreligion

das wirkende Ich in sein Volkstum bannt. Der bildende Künstler,
der nur fürs sehende Auge, der Tonkünstler, der nur fürs lau-
schende Ohr schafft, sie sind, um sich mitzuteilen, nicht an das
Verkehrsmittel der Sprache gebunden. Gleichwohl bedürfen sie des
Widerhalls im eigenen Volk, um so stark zu werden, daß sie auch
über die Grenzen des eigenen Volkstums hinaus zu wirken ver-
mögen. Das Volkstum ist also das Mittel, wodurch allein das Ich
über die Grenzen seines Volkes hinaus für die Menschheit wirken
kann. Und seit alles Volkstum mehr und mehr in die Lebensform
der eigenen Staatlichkeit hineingewachsen ist, ist das Mittel eben
diese Lebensform, der Staat geworden. Die Zeiten, wo das schaf-
fende Ich sich noch verhältnismäßig leicht und erfolgreich aus dem
eigenen Volkstum lösen und in ein fremdes verpflanzen ließ, die
Zeiten, wo italienische Baumeister in der ganzen Welt, wo van
Dyck, Händel, Herschel in England, wo Meyerbeer und Offenbach
in Paris zu Weltruhm kommen konnten, liegen einstweilen und für
absehbare Zeit geschlossen hinter uns.

Den Staat, die Lebensform des eigenen Volkes zu überspringen,
um gleich für „„die Menschheit“ zu wirken, wird heute so leicht
keinem Ich mehr möglich sein. Und dem Durchschnitts-Jch schon
gar nicht. Das Ich, das nicht in der staatlichen Lebensform des
eigenen Volkes aufgehen mag, das nicht entschlosssen durch die
staatliche Lebensform des eigenen Volkes für die Menschheit zu
wirken versucht, das dazu allerlei überstaatlichen Hokuspokus nicht
glaubt entbehren zu können, ist für die Menschheit, wie für das
eigene Volk, verloren.

Selbstverständlich wird es in aller Zukunft auch Beziehungen
der Staaten untereinander geben müssen, die in Gottesnamen auch
nach Art von Vereinsstatuten auf weite Sicht geregelt sein mögen.
Aber eben: geregelt durch die Staatspersönlichkeit und nicht über
den Kopf der Staatspersönlichkeit hinweg, und geregelt so, daß sie
die Kraft der Staatspersönlichkeit erhöhen, nicht aber sie zum
bloßen Schatten ihrer selbst hinabdrücken.

Denn so weit ist die Menschheit heute noch nicht durchorganisiert
— und wird sie vermutlich nie durchorganisiert sein ~ daß sie,
als Zwischenglied zwischen sich und dem Ich, des völkischen Organs

1 6
        <pb n="128" />
        VI. Deutsche Diesseitsreligion 117
einer staatlichen Lebensform entbehren könnte. Zu stark doch ist
sie andererseits schon durchorganisiert, als daß noch irgendein Ich,
um für die Menschheit zu wirken, dies Zwischenglied beiseite-
schieben könnte.

\Ist der Staat das Organ, wodurch das Ich für die Menschheit
wirkt und die Menschheit das Ich für ihre Zwecke ausnutzt; so ist
kein Staat sich Selbstzweck. Was allen denen zur Beruhigung dienen
mag, die unglücklich werden, wenn sie sich restlos einem Staate
der Deutschen hingeben sollen!

Noch weniger aber ist das Ich dann sich Selbstzweck. Sondern
Zweck des Ichs ist, durch das Organ des Staates für die Menschheit
zu wirken.

Indem das Ich seine eigene Persönlichkeit, als dienendes Glied
im lebendigen Organismus Staat, zur denkbar höchsten Vollkom-
menheit entwickelt, trägt es das Seine dazu bei, auch die Staats-
persönlichkeit zur denkbar höchsten Vollkommenheit emporzutreiben.
Mehr kann kein Ich für die Menschheit tun.

Ein Ich, das dies, nach Maßgabe der ihm verliehenen Gaben
und auf dem Platze, darauf es gestellt ward, leistet, hat aber auch
genug getan. Die bange Frage: „„Was wird aus mir nach meinem
Tode?““ braucht dies Ich nicht zu bekümmern.

Denn wenn das Ich sich nicht Selbstzweck ist, wenn es der
Lebenszweck des Ichs ist, dem Organismus höherer Ordnung Staat
nach Maßgabe der ihm verliehenen Kräfte zu dienen, so hat es
seinen Sinn erfüllt, wenn es die Summe dieser Kräfte in einem
Leben für den Staat, für die völkische Schicksalsgemeinschaft auf-
gezehrt hat. Das Ich, das solch ein Leben vollster Pflichterfüllung
hinter sich hat, darf beruhigt heimkehren in den Mutterschoß des
raum- und zeitlosen Allwesens, woraus es hervorgegangen ist.

Nach der christlichen Auffassung ist sich das Ich in seinem dies-
seitigen Leben allerdings Selbstzweck, insofern, als es, streng ge-
nommen, ja nur der Vorbereitung auf sein eigenes jenseitiges
Dasein zu leben hat. Niemand kann aber doch im Ernst bestreiten
wollen, daß das Christentum sich, in der ganzen Strenge und Rein-
heit seiner Lehre und seiner Forderungen, dem Leben von heute
gegenüber nicht mehr durchzusetzen vermag. Zu frisch stehen doch
        <pb n="129" />
        1 VI. Deutsche Diesseitsreligion

gerade wir Deutschen noch unter dem Eindruck, wie sehr die christ-
lichen Kirchen im Krieg und in den bösen Jahren nach dem Kriege,
gemessen an den Forderungen ursprünglichen Christentums, ver-
sagt haben. Wohl mögen sich einzelne Vertreter des Christentums
gerade in dieser schlimmen Zeit besonders bewährt haben. Von den
Kirchen aber, als den heute noch maßgeblichen Lebensformen des
Christentums, kann man das beim besten Willen nicht behaupten.

Geschrieben steht nun einmal: Du Follst nicht töten. Kann ein
gläubiger Christ sich Christus vorstellen, wie er für den Erfolg der
Waffen eines Volkes über die eines andern betet? Und kann eine
Haltung, worin ein gläubiger Christ sich Christus nimmermehr
vorstellen kann, noch christlich genannt werden? Aber welche christ-
liche Kirche hätte gegen das Massentöten Widerspruch erhoben?
Welche hätte es ihren Dienern strikte verboten, für den Erfolg des
Massentötens zu beten? Zugegeben: sie alle konnten nicht anders.
Aber in der größeren oder geringeren Bereitwilligkeit, womit sie
sich ins Unvermeidliche fügten, liegt doch das Eingeständnis: daß
Forderungen des Christentums, die alle christlichen Kirchen ver-
treten, für das menschliche Ich von heute nicht mehr höchste und
letzte Forderungen sind. Daß es ein Etwas gibt, was dem Ich
h öher steht als selbst sein Christentum.

Zwar hat die Leitung der römisch-katholischen Kirche während
des Krieges einmal den dankenswerten Versuch gemacht, im Sinne
reinen Christentums einzugreifen und den Frieden zu vermitteln.
Als der Versuch aber gescheitert war, hat sie sich schweigend be-
schieden. Und als dann das himmelschreiende Unrecht geschah, als
die Kriegsgewinner den Verlierern gegenüber offenkundigen und
kaum bemäntelten Wortbruch verübten und Mitteleuropa unter den
Zwang eines Friedensdiktates stellten, das in niederträchtig-heuch-
lerischer Form die Sklaverei wieder ins Leben der Gegenwart ein-
zuführen versuchte ~ da hat die Kirche diesem vergiftenden Trei-
ben gelassen zugeschaut und keine Spur des echt christlichen Dranges
zu erkennen gegeben, das Recht zu schützen und dem Unrecht zu
wehren, auch auf die Gefahr hin, es mit den aufgeregten Kriegs-
gewinnern, zumal im Stammland des Kirchenregiments, zu ver-
schütten.

Die Haltung der Kirche mag in hohem Maße weltklug gewesen

1 8
        <pb n="130" />
        VI. Deutsche Diesseitsreligion . J
sein, und eine Kirchenzucht, die es vermocht hat, sogar die deutschen
Katholiken dazu zu bringen, daß sie die Zurückhaltung der Kirche
schweigend als berechtigt anerkannten, verdient gewiß Bewunderung.
Nur — daß die Haltung der Kirche christlich gewesen sei, christlich
im Sinn des Rabbi von Nazareth, der die selig pries, die bereit
wären, um der Gerechtigkeit willen Verfolgung zu erleiden ~
das wird einem einfachen Gemüte schwer klarzumachen sein.

Und die deutschen protestantischen Kirchen ~ für sie spielte die
Frage „was werden wir essen, was werden wir trinken““ in den
schlimmsten Jahren nach dem Kriege eine so wichtige Rolle, daß sie
gar nicht dazu kamen, ihren Angehörigen das zu sein, was sie
ihnen nach altchristlicher Meinung gerade damals hätten sein müsssen.

Mit diesen Feststellungen soll weder gegen die römisch-katholische
noch gegen die protestantischen Kirchen ein Vorwurf oder gar eine
Anklage erhoben werden. Es soll nur noch einmal ausgesprochen
werden, was war und was jedes deutsche Ich, das es bewußt mit-
erlebt hat, dabei hat empfinden müssen.

Wohl kann man sagen: seit es Kirchen gebe, sei es nie anders
gewesen. Immer habe zwischen der reinen christlichen Lehre und
der Haltung der Kirchen im Weltgetriebe ein Widerspruch geklafft.
Das wird schon so sein. Aber nicht darauf kommt es an, wie lange
der Widerspruch schon da war, sondern darauf, wie die Massen sich
zu dem Widerspruch einstellen. Ob die Kirche ihnen soviel gibt,
daß sie den Widerspruch ertragen können; oder ob der klaffende
Widerspruch durch das, was die Kirche den Massen gibt und ist,
nicht mehr ausgefüllt werden kann. So autoritätsgläubig sind die
Massen doch schon längst nicht mehr, daß sie geneigt wären, sich
mit jedem Widerspruch abzufinden, nur weil ihnen gesagt wird:
dies muß so sein, denn es war schon immer so. Und was die katho-
lische Kirche ihren Massen vielleicht noch zumuten kann &gt; die
protestantische kann und darf es ihnen nicht zumuten.

Q Es ist nun einmal so, und es ist an der Zeit, der Tatsache ohne
Selbstbetrug ins Auge zu schauen: daß die Jenseits-Religion des
Christentums den Menschen von heute nicht mehr so voll aus-
zufüllen vermag, wie sie Millionen noch zur Zeit Luthers und erst
recht in den ersten Jahrhunderten ausgefüllt hat. Wie viele von
denen, die sich einer christlichen Kirche zurechnen und als bewußt

i 18
        <pb n="131" />
        t : VI. Deutsche Diesseitsreligion

empfindende und denkende Menschen über die furchtbare Zeit des
Krieges und des Krieges nach dem Kriege hinweggekommen sind,
können denn ehrlich von sich behaupten, daß sie das dem Christen-
tum,. und nun gar dem Kirchen-Christentum verdankten?

Die Jenseits-Religion hinterläßt im tätigen Menschen von heut
eine Leere, die nach Ausfüllung hungert. Diese Ausfüllung hat dem
Geschlechte, das 1914 auf die weltgeschichtliche Wage gelegt wurde,
gefehlt, den Hunger nach Ausfüllung der Leere hat es sich nicht
recht einzugestehen gewagt ~ und war sehr erstaunt und fassungs-
los, als es nach vier Jahren für zu leicht befunden wurde.

Daß die Leere im religiösen Bedürfnis des deutschen Ichs aus-
gefüllt werde, das ist die wichtigste Aufgabe, die uns der verlorene
Krieg und der sseelische Zusammenbruch nach dem Kriege hinter-
lassen haben. Sie kann nur ausgefüllt werden durch eine gesunde
Diesseits-Religion, die nicht den Ehrgeiz zu haben braucht, das
Christentum abzuschaffen und durch etwas Besseres zu ersetzen,
die keiner christlichen Kirche zu nahe treten will; die dagegen den
bestimmten Anspruch erhebt, dem deutschen Ich ~ ungehemmt und
ungehindert durch die Aussicht auf Belohnung oder Strafe im
Jenseits ~ für sein Dasein auf dieser unvollklommenen Erde
wieder Halt und Richtung zu geben.

Haben wir uns aus den Wirrnissen des Krieges und des Zu-
sammenbruchs zurechtfinden müssen ohne die Hilfe der Kirchen,
so ist es unser gutes Recht, unsern Weg als werdendes Staats-
volk auch weiter zu suchen, ohne uns von irgendeiner Kirche drein-
reden zu lassen. Denn die gesunde Diesseits-Religion kann sich nur
gründen auf den unersschütterlichen Glauben an den deutschen Staat.
Man hat ihn oder man hat ihn nicht. Man kann ihn geschichtlich
begründen und aus der Fülle dessen, was wir freudvoll und leidvoll
erfahren haben, vertiefen ~ dem, der ihn nicht hat, kann ihn
keine Überredung geben. Mit dem deutschen Ich, das im Krieg
und in den Notjahren nach dem Kriege nicht unmittelbar erfahren
hat, wie unlösbar sein Schicksal mit dem des Staates verbunden
ist, lohnt es sich nicht, über diese Dinge zu reden. Die den Glauben
an ihren Staat aber haben, die dürfen das Recht für sich fordern,
ihn frei zu bekennen und für ihn zu werben unter denen, die die

20)
        <pb n="132" />
        VI. Deutsche Diesseitsreligion 1 1
Sehnsucht nach Ausfüllung der Leere empfinden, wie sie sselbst sie
empfunden haben.

Und nicht nur das, jeder Glaube, wenn er nur echt und ehrlich
ist, hat das Recht, Achtung zu fordern auch von denen, die ihn
nicht teilen. Auch die deutsche Diesseits-Religion, der Glaube an
den deutschen Staat, hat das Recht, Achtung für sich zu fordern
und, wenn er kann, diese Achtung zu erzwingen, wo sie ihm
versagt wird.

So haben die Griechen und die Römer an ihren Staat geglaubt,
die uns — während die staatliche Erziehung im Zeichen des humani-
stischen Gymnasiums stand ~ als unerreichte Vorbilder gerühmt
wurden. Wär’ es nicht an der Zeit, mit ihrer Nachfolge endlich
ernst zu machen?

Der grundlegende Satz des Glaubens an den deutschen Staat ist
der, daß er das deutsche Ich als Selbstzweck, oder gar als Mittel
für außerdeutsche oder gar feindliche Zwecke verneint.

Indem er das Ich als Selbstzweck verneint, erhebt er es auf
die feste Grundlage gemeinverbindlicher Sittlichkeit. Das sittliche
Handeln beginnt da, wo das Ich nicht mehr um sseiner selbst
willen, sondern um einer Sache willen so handelt, wie es handeln
zu müssen glaubt. Diese Sache, worauf alles Handeln des Ichs,
bewußt oder unbewußt, bezogen sein soll, ist der Staat, die
Lebensform der deutsschvölkischen Schicksalsgemeinschaft. Nicht der
Staat, als mehr oder minder allgemeiner Begriff, sondern der
lebendige und gegenwärtige Staat, der Organismus, der dem deut-
schen Ich gegeben ward als Mittel, um dadurch für die Menschheit
zu wirken. So und nicht anders vermögen wir Menschen der Gegen-
wart Kants kategorischen Imperativ zu verstehen.

Der notwendige „„Stoffwechsel‘“ im Organismus Staat vollzieht
sich derart, daß immer neue Massen von Ichs aus dem Zeitlosen
in seine Zeitlichkeit eintreten ~ während andere Massen aus seiner
Zeitlichkeit ausscheiden, in die Ewigkeit, ins Jenseits oder wie die
stammelnden Bezeichnungen alle heißen, womit das lebende Ich in
Demut seine Unkenntnis des großen Rätsels bezeugt, dem es
entgegenlebt.

Diese stetige Selbsterneuerung, durch den Eintritt neuer Massen-

19
        <pb n="133" />
        ! VI. Deutsche Diesseitsreligion

teilchen Ich, erzeugt den Drang der Unterschichten nach oben und,
innerhalb der Schichten, den Drang der Tüchtigen an die Spitze,
zur Führung.

Der Durchtrieb ganzer Schichten von Ichs durch den Staat,
der Auftrieb einzelner Ichs in den Schichten erhält den Organismus
frisch und lebendig. Hemmungen erzeugt äußerer Druck, wie er
vom Versailler Diktat und vom Dawes-Plan ausgeht. Hem-
mungen erzeugt auch der Druck einer Schicht auf die untern, wie
er durch das preußische Klassenwahlrecht künstlich erhalten wurde.
Solche Hemmungen können, indem sie den Blutumlauf im Staats-
organismus stauen, wohltätige Kräfte des Widerstandes wecken und
dadurch heilsam wirken; freilich auch, wenn sie zu lange anhalten,
Verkümmerungen und Verkrümmungen bewirken. Auf solch sata-
nische Wirkung war das Versailler Diktat ursprünglich berechnet.
Gesund ist ein Staatskörper jedenfalls erst dann wieder, wenn
Durchtrieb und Auftrieb in ihm frei vorwärts drängen können.

Auf daß dieser innere Vorwärtsdrang nicht zum Kampf aller
gegen alle ausarte, bemächtigt sich der Staat des werdenden Ichs,
erst durch das Organ der Familie, um es in die allgemeinen Da-
seinsformen der Menschheit einführen zu lassen, dann durch das
Organ der Schule, um es zu erziehen für das Leben im Organismus
Staat, der das Leben des Ichs erst für die Menschheit nutzbar
macht. Das scheidende Ich entläßt der Staat, mit einem Segens-
wunsch oder Fluch, je nach der Meinung derer, die zurückbleiben,
und nicht ohne daß diese Meinung oft raschem Wechsel unterworfen
wäre.

Für den Weg aber, den das Ich, in mehr oder minder ausgepräg-
tem Selbstbewußtsein, jedenfalls unter eigener Verantwortung, inner-
halb des Staates zurücklegt, bietet die Diesseits-Religion ihm einen
festen, sittlichen Halt. Sie fordert von ihm, daß es seine Kräfte und
Fähigkeiten ausbilde zur erreichbar höchsten Höhe der Ich-Persön-
lichkeit im Dienste des Staates; so wie sie vom Staate fordert,
daß er die Volks-Perssönlichkeit zur erreichbar höchsten Höhe der
Vollkommenheit zu verwirklichen strebe, im Dienste der Menschheit.

Ein deutsches Ich, das diese sittliche Pflicht gegentiber der
Lebensform der völkischen Schicksalsgemeinschaft sein irdisches Leben
hindurch redlich erfüllt hat, sollte der Lösung des Rätsels, was sein

1292
        <pb n="134" />
        VI. Deutsche Diesseitsreligion .»
wird, wenn „Ich““ nicht mehr bin, ruhig entgegensehen können.
Die unbekannte Macht, die es ins Leben hineingestellt hat, und die
ihm die Aufgabe zuwies, als ein dienendes Glied im Organismus
des deutschen Staates für die Zwecke der Menschheit zu wirken,
wird wissen, was sie damit beabsichtigt hat. Und das Ich, das
seinem Staat ein Menschenleben lang pflichttreu gedient hat, darf
die Überzeugung mit ins Grab nehmen: in meinem Staate leb’
ich weiter.

Wem dieser Glaube an den Zweck des eigenen Daseins nicht ge-
nügt — nun, der mag sich von einer der christlichen oder von
welcher Kirche sonst weiterführen lassen, wenn er kann. Wohl ge-
merkt: in Freiheit kann, ohne die Nachhilfe staatlichen Drucks oder
staatlicher „Zugeständnisse“. Der Staat, der in mir ist, von dem
Ich ein mitverantwortlicher Teil bin, hat kein Recht, mir irgend-
eine Jenseits-Religion oder gar ihre kirchliche Lebensform aufzu-
nötigen oder auch nur anzubieten. Der Staat ist konfessionslos,
ihm fehlt die sittliche Berechtigung, Religionsunterricht zu erteilen
oder unter seiner Aufsicht erteilen zu lassen.

Der Glaube an den Staat, als Grundlage des sittlichen Ver-
haltens und der ganzen Einstellung des Massenteilchens Ich, ist auch
in neuerer Zeit keineswegs ohne Beispiel. Andere Völker haben seine
Forderungen längst erfüllt ~ nur wir Deutschen sind damit im
Rückstand. Andere Völker leben dieser Forderung so selbstverständlich
nach, daß sie es nicht nötig haben, überhaupt noch davon zu reden
~ und daß sie es als unangenehm empfinden, wenn wir Deutschen,
um den schwersten Mängeln unseres staatlichen Daseins abzuhelfen,
leider nur zu deutlich davon reden müssen.

Wir brauchen nicht so weit zu gehen, wie der Engländer, der
zutiefst davon überzeugt ist, daß die Absichten der göttlichen Vor-
sehung und von „His Majesty's Government” stets in höchst
erfreulicher Weise miteinander übereinstimmen. Wir empfinden es
mit Recht als überhebliche Scheinheiligkeit, wenn der Engländer
in allem, was dem britischen Reiche wohl bekommen soll, „„den
Finger Gottes““ zu erblicken geneigt ist. Wir haben uns mit Recht
empört über die gewissenlosen Methoden britischer Greuelpropa-
ganda, die uns der Gotteslästerung anklagte, weil wir – die Be-

123
        <pb n="135" />
        .. VI. Deutsche Diesseitsreligion

rechtigung der britischen Vorherrschaft auf allen Meeren anzu-
zweifeln gewagt hatten. Und wir stellen mit Befriedigung fest, daß
der englische Gottähnlichkeits-Dünkel seit dem Ausgange des Welt-
krieges an Selbstsicherheit doch einiges eingebüßt zu haben scheint.
Gleichwohl sollten wir uns hüten, zu verkennen, daß das Bewußt-
sein, das „auserwählte Volk“’ der Neuzeit zu sein, der britischen
Politik eine gefühlsmäßige Sicherheit gegeben hat, um die wir das
britische Volk beneiden dürfen – am besten allerdings, ohne dem
Gefüh! des Neides einen so ungeschickten Ausdruck zu geben, wie es
in Deutschland wiederholt und in der Regel zur Unzeit geschehen ist.

Ist der Engländer zufrieden im Bewußtsein, dem „auserwählten
Volk““ anzugehören, so begreift der Franzose nicht, wie es Menschen
geben kann, die nicht beglückt sein würden, unter der Herrschaft des
auserwählten Volkes – als welches er natürlich das französische
betrachtet – zu stehen. Keinem Volke vielleicht ist der Glaube an
den eigenen Staat bereits so zur täglichen Gewohnheit des Daseins
geworden, wie den Franzosen. Das „L’Etat c'est moi” der abso-
luten Herrschaft des ancien régime ist durch die Revolution und
die napoleonische Gloire jedem Franzosen in Fleisch und Blut über-
gegangen, und das Bewußtsein, daß es für ein menschliches Ich
nichts Beglückenderes geben könne, als Franzose zu sein, hat da-
durch, daß die größten Mächte der alten und der neuen Welt sich
ängstlich darum bemühten, Frankreich vor dem Erliegen vor der
überlegenen deutschen Kriegskunst zu bewahren, natürlich neue
Nahrung erhalten. Es steigert sich nicht selten zu Formen, die von
krankhaftem Größenwahn nicht allzu weit mehr entfernt sind, und
wird wirksam gedämpft nur durch die betrübliche Erkenntnis. daß
die Welt die Wertschätzung, die sie dem französischen „Geiste“ so
bereitwillig entgegenbringt, nicht ohne weiteres auch auf die Wer-
tung des französischen Franken zu übertragen geneigt ist.

Von jeder inneren wie äußeren Hemmung frei ist der Glaube des
Amerikaners an seinen Staat. Seit die Vereinigten Staaten dem
von vierjährigem Kampf gegen mehrfache Übermacht erschöpften,
halbverhungerten, aus tausend Wunden blutenden deutschen Kämp-
fer den Knock-out gaben, zweifelt der Amerikaner nicht mehr, daß
er kann, was er will, und daß, was Amerika tut, schlicht und
einfach „der Wille Gottes““ ist.

DA.
        <pb n="136" />
        VI. Deutsche Diesseitsreligion „

Und der Russe? Dessen Staatsform unter den Stößen und
Schlägen des schwerwunden deutschen Kämpfers doch auch zu-
ssammengebrochen ist? Der Russe treibt heute, unter dem Deck-
mantel eines volksbeglückenden Kommunismus, national-russische
Politik mit solcher Zuversicht und solchem Selbstvertrauen, daß der
weiland Zarismus ihn darum beneiden könnte! Und auch der Teil
der russischen Gesellschaft, der dem Sowjet-Kommunismus innerlich
ablehnend gegenübersteht, fügt sich, nicht nur aus Ohnmacht,
o nein, zum nicht geringen Teil bereits aus freiem Entschluß, seit
er gesehen hat, daß den Sowjet-Diktatoren die Selbstbehauptung
der staatlichen Lebensform Rußlands gelungen ist.

Von all diesen Völkern und einigen andern mehr + es sei nur
der Türken und der Japaner gedacht ~ können wir Deutschen
lernen, ohne in einen Überschwang zu verfallen, der unserer Neigung
zu bohrender Selbstkritik doch nicht lange standhalten würde.

Wir können die Verquickung von staatspolitischer Diesseits-
Religion und metaphysischer Jenseits-Religion, wie sie namentlich
auf angelsächsischem Boden so üppig gedeiht, im Vaterlande Kants
nicht gebrauchen. Wir haben am Größenwahn einer Weltsendung
französischen oder panslavistischen Stils noch genug und über-
genug. seit Wilhelm II. mit der Züchtung dieses Wahns so kläglich
gescheitert ist.

Uns liegt die Heuchelei nicht, uns bar jeder Selbstkritik als
„uwuserwähltes Volk““ aufzuspielen, uns bei jedem politischen Ge-
schäft so zu haben, als hätten wir dem Herrgott beim Mischen der
Karten über die Schulter gesehen.

Wir brauchen klare Erkenntnis für das, was wir sollen, und feste
Grenzen für das, was wir wollen. Durch den Staat der Deutschen
sollen wir für die Menschheit wirken, und weil wir das sollen,
deshalb müssen wir den Staat der Deutschen wollen, mit allen
Kräften unserer Seele. Das ist die einfache und doch unserer Ver-
gangenheit und unserer Naturanlage nach für uns so ungeheuer
schwere Aufgabe, vor die wir gestellt sind!

Weit, himmelweit sind wir noch von dem Ziel entfernt, daß uns
das, was wir, der Grundforderung einer deutschen Diesseits-Religion
gemäß, wollen sollten, so selbstverständlich wäre, wie es das dem

1 25
        <pb n="137" />
        1. VI. Deutsche Diesseitsreligion

Engländer und Amerikaner, dem Russen und dem Franzosen ist.
Deshalb nur keine Angst, daß eine deutsche Diesseits-Religion richtig
verstanden „höhere Werte“ gefährden könnte! Sind wir doch kaum
der Gefahr entronnen, uns als ein Volk von Gesinnungslumpen
an das trügerisch verschwommene Ziel einer allgemeinen Völker-
versöhnung und Völkerbeglückung zu verlieren.

Die Gefahr + heute wird man offen darüber reden können
hat einmal ernstlich bestanden. Hätten die „Sieger“’ uns, nach ver-
lorenem Kriege, hart bis zum äußersten, aber anständig und ehren-
haft behandelt, hätten sie uns nur Wort gehalten und uns, nach
der Selbstentmannung durch Auflösung des heimkehrenden Front-
heeres, gleichwohl die Bedingungen gehalten, für die die amerika-
nische Regierung in der Lansing-Note vom 5. November 1918 ihr
Wort verpfändet hatte ~ es hätte verwüstend auf das staatliche
Selbstbewußtsein der Deutschen von damals wirken müssen. Nach
den Erfahrungen, die wir inzwischen zu alten neu haben hinzu-
sammeln können, müssen wir schon bekennen: der Normal-Deutsche
von 1918—1919 hätte sich für ein bißchen anständige Behandlung
und ein bißchen Ehrlichkeit ihm gegenüber, schwer erschüttert, wie
er in seinem Glauben an den alten Staat war, dem Weltbürgertum
und der völkischen Gesinnungslosigkeit hemmungslos in die Arme
geworfen. Und die Parteien, die auf Internationalismus und Pazi-
fismus, auf Völkerverbrüderung und Völkerbund eingestellt waren,
hätten eine Übermacht erlangt, die so leicht nicht mehr zu brechen
gewesen wäre.

Es scheint, daß es im Plane der geheimnisvollen Macht, die
das Weltgeschehen lenkt und umtreibt, doch wohl nicht gelegen hat,
die deutsche Volkspersönlichkeit vorzeitig so entarten und verkommen
zu lassen. Deshalb hetzte sie dem rat- und hilflosen deutschen Michel
einen Teil jener Kraft auf den Hals, die stets das Böse will und
stets das Gute schafft. Die Kurzsichtigen, die ein Volk von 60
Millionen durch das Versailler Diktat dauernd glaubten versklaven
zu können, die haben das deutsche Ich + das, ach, so bereit gewesen
wäre, sich ins Weltbürgertum zu flüchten und zu verflüchtigen ~ in
seinen Staat zurückgepeitsscht.

Und als der Größenwahn der ,„Sieger“’, im Januar 1923, die
Schranken des eigenen Diktats niedertrat und schwer gepanzert ins

. 26
        <pb n="138" />
        VI. Deutsche Diesseitsreligion 127
wehrlose Deutschland einbrach, da hat das deutsche Ich sich zu
seinem Staat zurückgefunden. Da wehte noch einmal ein Nachhall
des Sturmes vom August 1914 durch die deutschen Lande, und
kann solch ein Sturmeswehen auch nicht von Dauer sein ~ es trägt
in manches Ich doch erst den Samen der Staatsgesinnung, der da
aufgeht und Frucht trägt, je nach der Güte des Bodens, worauf er
fiel. Die Blutzeugen, die dann ihr Leben gelassen haben im Kampfe
des waffenlosen Rechts gegen die bewaffnete Willkür, die sind doch
auch gefallen, wie die ersten Toten des Weltkrieges, im guten Glau-
ben an den deutschen Staat — und haben uns eine Verpflichtung
hinterlassen, wie sie die Blutzeugen der ersten Christengemeinden den
Überlebenden zu ihrer Zeit hinterließen!

Nicht jedes deutsche Ich kann sich zu jeder Stunde in langen und
harten Arbeitstagen dessen bewußt sein, was ihm der Glaube an den
deutschen Staat bedeutet. Das tut auch nicht not. Es tut nicht
einmal not, daß jedes deutsche Ich diesen Glauben teile. Religionen
sind am stärksten, solange sie bedrängt und in der Minderheit sind.
Und auch die Diesseits-Religion vom Glauben an den Staat der
Deutschen wird ihre beste Zeit wohl haben, solange sie um allge-
meine Anerkennung noch zu ringen hat.

Entscheidend ist doch, daß sie da ist und ihre Bekenner hat.
Entscheidend ist doch vielleicht, daß - noch bevor feindlicher Haß
und Größenwahn das deutsche Ich in seinen Staat zurückpeitschte
~ auf dem verantwortlichen Posten der Mann stand, der den
Mut hatte, im allgemeinen Zusammenbruch aller Autoritäten seinen
Glauben zu bekennen an den deutschen Staat. Hindenburg, der
seinem Staate schon mit Blut und Leben gedient hatte, ehe es ein
deutsches Kaiserreich gab, er blieb, als der deutsche Kaiser über die
Grenze entwichen war, auf seinem Posten und bekundete dadurch,
unbeirrt durch das Versagen der zeitlich bedingten Staatsform,
seinen Glauben an die notwendige Lebensform der deutschen Schick-
salsgemeinschaft, an den Staat selbst.

Was dies Beispiel für unser Schicksal zu bedeuten hat, das der
erste Mann des abgekämpften Frontheeres damals gab, das werden
spätere Zeiten vorurteilsfreier zu beurteilen vermögen, als die von
Parteisucht zerrissene Gegenwart. Daß inzwischen der neue Staat
        <pb n="139" />
        1‘ VI. Deutsche Diesseitsreligion

diesem starken Bekenner deutscher Diesseits-Religion noch das
höchste Amt anvertrauen konnte, das er zu vergeben hat, das mag
jedes deutsche Ich, das gleich ihm an den Staat der Deutschen
als an sein höchstes Gut auf Erden glaubt, mit frischer Zuversicht
erfüllen. Und Hindenburg ist —~ zur Beruhigung aller Kirchen-
gläubigen sei es gesagt — doch auch ein guter Christ!

I8
        <pb n="140" />
        VERLAG VON QUELLE &amp; ME Y ER IN LEIPZIG
Dr. PAUL HARMS
Vier Jahrzehnte Reichspolitik
1878 + 1918
Ursachen des Niederbruches und Vorbedingungen
des Aufstieges
225 Seiten. In Leinenband M. 4.80
„Wir glauben nicht fehl zu gehen, wenn wir sagen, daß noch in keinem
Buche, das wir gelesen haben, die tiefen, sittlichen Ursachen des Zu-
sammenbruches und die notwendigen Vorbedingungen zu einem Wieder-
aufstieg, namentlich in sittlicher Hinsicht, so tief erfaßt und mit so
glühender Begeisterung dargestellt wurden, wie in diesem Buche. Was
Harms schildert, ist nicht Politik im gewohnten Sinne, es ist eine politische
Ethik, die uns Deutschen, die wir auf dem Gebiete der Politik schon
so unendlich viel gesündigt haben, für alle Zeit ein Wegweiser und
Berater sein soll.“ Der Eckart.
Unter den Auserwählten
Eine Erzählung von Parlamentariern und Journalisten
aus der Kaiserzeit
370 Seiten. In Leinenband M. 5.60
„Der politische Schriftsteler Harms gibt hier mit der leidenschaftlichen
Sachlichkeit, die ihn auf seinem Spezialgebiet auszeichnet, und mit jenem
Einfühlungsvermögen in seelische Vorgänge, die einen auch an literarisch-
künstlerischen Dingen ernsthaft interessierten Kopf verraten, eine über
das bloße hHistorische hinausgreifende Darstelung der Tragödie des
liberalen deutschen Bürgertums, das in der Zeit der Bülow'schen Block-
politik den großen Augenblick versäumte, sich innerpolitisch zur Geltung zu
bringen. In diesem Buch kommen außer den politisch interessierten auch
die Leser auf ihre Kosten, die in einer Erzählung ein abseits vom Alltags-
geschehen verlaufendes Menschenschicksal suchen." deipziger Neueste Nachrichten.

vy
        <pb n="141" />
        VERLAG VON QUELLE &amp; MEYER IN LEIPZIG
Geheimrat Professor Dr. E. BRANDENBURG
Die Reichsgründung
2. verbesserte Auflage. 2 Bände zusammen 917 Seiten.
In Halbleinenband M. 14.9
„Das Brandenburgsche Werk ist für alle guten Deutschen bestimmt, denen
es am Herzen liegt, ihr geeintes Vaterland richtig zu verstehen. Natür-
lich leuchtet die wissenschaftliche Arbeit immer durch. Schritt für Schritt
fühlt man die feste Hand des streng und rücksichtslos urteilen-
den Historikers, dem die Wahrheit das einzige Gesetz ist und der
sich um der Wahrheit willen auch nicht scheut, hie und da eine vielen
liebgewordene aber unhaltbare Vorstellung von Personen oder Dingen
zu beseitigen. Man suchte nach einer Führung durch den Überreichtum
des angesammelten geistigen Stoffes. Gerade die gedrängte und auf
das Wesentliche abgestellte Schreibweise hat uns, um ein Beispiel
herauszugreifen, den Verlauf der preußischen Union bis zu ihrem
Niederbruch in Olmütz so klar gemacht, wie wir es sonst nirgends er-
fuhren." Leipziger Tageblatt
Untersuchungen und Aktenstücke
zur Geschichte der Reichsgründung
738 Seiten. Gebunden M. 16.~

„Das ist auch der Gesamteindruck, den man beim Lesen von Branden-
burgs Werk hat, einem Werk, zu dessen Vollendung Verfasser, Verlag
und die deutsche Geschichtsforschung zu hb eg lückw ünsch en sind. Möge
es, zumal in der jetzigen Zeit, in der es um den Bestand des Reiches geht,
recht viel gelesen werden, damit erkannt werde, wie dornig der Pfad
war, den das deutsche Volk gehen mußte, bis ihm sein größter Staats-
mann die Einigung brachte, damit aber auch eingesehen werde, daß
dieses sein Werk erhalten bleiben muß mit allen seinen Eigenarten.“

Literarisches Zentralblatt
„Das Verdienst Brandenburgs in dem vorliegenden umfangreichen Buch,
dessen Brauchbarkeit durch ein ausgezeichnet gearbeitetes Register nur
noch gesteigert wird, besteht ebensosehr in dem Herbeischaffen des ver-
streuten und weitschichtigen Materials wie in der ruhigen und über-
legenen Detailkritik, die ihre Schlüsse und Folgerungen stets nur aus
umfassender Kenntnis und Beherrschung des Stoffes zieht.“

Sächsische Staatszeitung
        <pb n="142" />
        V ER LAG V ON QUELLE &amp; ME Y ER IN LEIPZIG
Protessor Dr. W. SCHÜSSLER
Bismarck
186 Seiten. In Leinenband M. 6.

„Nicht eine neue Bismarckbiographie schlechthin, sondern gewissermaßen
ein neues Bild, gezeichnet auf den dunklen Hintergrund unserer Zeit
des Zusammenbruchs und der ersten tastenden Wiederaufbauversuche.
Schüßlers Darstellung steht weniger im unmittelbaren Bann des Bismarck-
schen Werkes, dafür tritt um so gewaltiger die schöpferische Persönlich-
keit selbst hervor. Das ist das Eindrucksvolle dieses Buches: die Gestalt
des Reichsgründers wächst mit der Entfernung, in die er uns durch Krieg
und Zusammenbruch gerückt ist.“ Politische Wochenschrift.
Bismarcks Sturz
3. verbesserte Auflage. 332 Seiten. Gebunden M. 7.+
„Das Bedürfnis Hach einer zusammenfassenden Verwertung und kritischen
Sichtung des reichen Materials drängte sich auf. Dieser Aufgabe hat
sich Schüßler unterzogen, indem er gleichzeitig aus dem Wiener Archiv
noch neue wichtige Ergänzungen beisteuerte und eine in hohem Maße
anzuerkennende Leistung lieferte. Jeder wird zugeben, daß hier
eine sachlich und fesselnd geschriebene Untersuchung vorliegt, die offen-
kundig nach allseitig gerechtem Abwägen bestrebt ist und dadurch wesent-
lich zur Klärung und Förderung des Problems beiträgt." dDeutsche Revue.
Österreich
und das deutsche Schicksal
223 Seiten. In Leinenband M. 5.60
„Schüßler hat ein vorzügliches und gerade deswegen erschütterndes
Buch herausgegeben. Mit staunenswerter Aufgeschlossenheit und Vor-
urteilslosigkeit wird das bunte Gewirr der ehemaligen Habsburger-
Monarchie belichtet und ihr letzter großer Kampf und Krampf nachge-
zeichnet: in starken, einprägsamen, aber sparsamen, knappen Linien.
Mit unerbittlicher logischer Strenge ein ungeheures Schicksal, spannend
wie ein Roman, und voll psnchologischer Meisterschaft. In präch-
tiger Anschaulichkeit treten die beiden Haupthelden einander gegenüber:
Erzherzog Franz Ferdinand und Graf Stefan Tisza.“ Vossische Zeitung.
        <pb n="143" />
        VERLAG VON Q UELLE &amp; MEYER IN LEIPZIG
Männer und Zeiten
Essans zur neueren Geschichte
Von Geheimrat Professor Dr. ERICH MARCKS
16.0-19. Tausend. Zwei Bände. Insgesamt 879 Seiten.
In Halbleinenband M. 16.09. In Halbfranzband M. 20.9
„Der erste Eindruck, den man beim Durchblättern dieser vornehm aus-
gestatteten Bücher empfängt, ist der einer ungeheueren Vielseitig-
keit. Da finden wir unter den dargestellten Persönlichkeiten Philipp !].
und Albrecht von Roon, Gaspard von Colignn und Wilhelm I., den
jüngeren Pitt und Heinrich von Treitschke, Theodor Mommsen und vor
allem in zahlreichen Ausssätzen Otto von Bismarck; da erscheinen vor
unseren Augen das Königtum der großen Hohenzollern und das Jahr 1848,
die Universität Heidelberg und das geschichtlich gewordene England, das
Zeitalter der Religionskriege und das deutsch-öskerreichische Bündnis; da
steht die streng-wissenschaftliche Studie über die Ermordung Franz von
Guises neben dem entzückenden Feuilleton, das uns an die Stätten der
Hugenottenkriege führt; da erhebt sich das erzene Bild des welthisto-
rischen Bismarck unmittelbar neben dem von allem Reiz persönlicher Erinne-
rung belebten, gewaltigen und doch freundlichen Porträt des Gutsherrn
von Friedrichsruh, da erklingt neben der ruhigen historischen Würdigung
des Reichsgründers die erschütternde Klage über den Tod des größten
Deutschen. Persönliches. steht neben Sachlichem, aber auch das Persönliche
führt zur Sache, und im Sachlichen spürt man die reiche, lebenatmende
Natur einer starken Persönlichkeit. Man möchte meinen, die
Ernte eines ganzen Lebens sei in diesen beiden Bänden eingebracht."

Südd. Monatshefte
Weltpolitik
vor, in und nach dem Kriege
Von Gouverneur Dr. H. SCHNER.
470 Seiten. In Halbleinenband M. 9.9
„In seinem neuen Buche zeigt der Verfasser, dessen Name unlöslich mit
der Geschichte der deutschen Kolonien verküpft ist, sich als Politiker, als
ein Mann, der die Zusammenhänge der politischen Geschichte und des
politischen Geschehens klar erkannt hat und seine Ansichten rückhaltlos
offenbart. Schnee ist aber kein einreißender Kritiker. Er will auch auf-
bauen und neue Wege in die Zukunft weisen. Hier finden sich Richtweise
und Fingerzeige, die der weitestgehenden Beachtung wert erscheinen."
Berliner Tageblatt
        <pb n="144" />
        206SO0 / 8 1 GOdûZ
        <pb n="145" />
        VI. Deutsche Diesseitsreligion '
; icht nach Ausfüllung der Leere empfinden, wie sie selbst sie
. 1den haben.
§ nicht nur das, jeder Glaube, wenn er nur echt und ehrlich
B . kt das Recht, Achtung zu fordern auch von denen, die ihn
' S eilen. Auch die deutsche Diesseits-Religion, der Glaube an
utschen Staat, hat das Recht, Achtung für sich zu fordern
venn er kann, diese Achtung zu erzwingen, wo sie ihm
'n q1 wird.
haben die Griechen und die Römer an ihren Staat geglaubt,
s — während die staatliche Erziehung im Zeichen des humani-
| Gymnasiums stand – als unerreichte Vorbilder gerühmt
t. Wär’ es nicht an der Zeit, mit ihrer Nachfolge endlich
u machen?
grundlegende Satz des Glaubens an den deutschen Staat ist
aß er das deutsche Ich als Selbstzweck, oder gar als Mittel
ißerdeutsche oder gar feindliche Zwecke verneint.
em er das Ich als Selbstzweck verneint, erhebt er es auf
ite Grundlage gemeinverbindlicher Sittlichkeit. Das sittliche
In beginnt da, wo das Ich nicht mehr um seiner selbst
sondern um einer Sache willen so handelt, wie es handeln
issen glaubt. Diese Sache, worauf alles Handeln des Ichs,
t oder unbewußt, bezogen sein soll, ist der Staat, die
form der deutschvölkischen Schicksalsgemeinschaft. Nicht der
. y. als mehr oder minder allgemeiner Begriff, sondern der
ige und gegenwärtige Staat, der Organismus, der dem deut-
Ich gegeben ward als Mittel, um dadurch für die Menschheit
ken. So und nicht anders vermögen wir Menschen der Gegen-
Kants kategorischen Imperativ zu verstehen.
! notwendige „„Stoffwechsel‘“ im Organismus Staat vollzieht
erart, daß immer neue Massen von Ichs aus ‘dem Zeitlosen
ie Zeitlichkeit eintreten ~ während andere Massen aus seiner
! Ahkeit ausscheiden, in die Ewigkeit, ins Jenseits oder wie die
telnden Bezeichnungen alle heißen, womit das lebende Ich in
t "seine Unkenntnis des großen Rätsels bezeugt, dem es
enlebt.
se stetige Selbsterneuerung, durch den Eintritt neuer Massen-

121
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