Disputation SE) diese Zeremonie getrost zum alten Plunder in die Rumpel- kammer werfen. Die seminaristische Übung der Disputation hat aber mit solch hohlem Scheinwesen nichts zu tun. A. Als den ersten besonderen Vorteil dieser Übung wird man die Bildung klarer Begriffe bezeichnen dürfen. „Unterscheiden, was in der Vorstellung zu unter- scheiden ist“, bemerkt Franz Hettinger mit vollem Recht, „bildet die Grundvoraussetzung der wissenschaftlichen Darstellung. Woher kommen denn überhaupt soviele Irr- tümer, wenn nicht aus unbestimmten, vieldeutigen, allge- meinen Aussprüchen, nicht scharf und genau gebildeten Begriffen, verschiedenartigen nur zufällig und äußerlich zu- einander gehörenden Ideen, an sich ganz fremdartigen Gedanken, die nur durch Ideenassoziation, nicht begrifflich und logisch verbunden sind? Gerade das nun leistet die Disputation; sie nötigt uns, jeden Begriff genau zu prüfen, wie der Baumeister jeden Stein, den er für sein Werk verwenden will. Geschieht dies nicht, dann mag die schrift- liche und noch mehr die mündliche Darstellung durch den Schmuck und Glanz der Rede, den Reichtum der Bilder, die Neuheit der Gedanken den Leser und Hörer bestechen, aber einen wissenschaftlichen Wert hat sie nicht“). Diese klare und scharfe Bestimmung. der Begriffe galt den alten Didaktikern als eine so wesentliche Leistung der Disputation, daß sie selbst den Namen derselben von dieser Aufgabe ableiteten. „Mit Recht hat jemand [nämlich Juan Luis Vives] behauptet, weil die Wahrheit unter dem dichten Schleier verborgen und gewissermaßen unter der Rinde versteckt liege, habe die Disputation daher ihren Namen erhalten, daß sie bei der Untersuchung der Wahrheit das Falsche, Zweideutige und Unsichere zunächst entferne und so zum Kern, zur Wahrheit selbst gelange, ähnlich wie man Weinreben, Nüsse, Eisen und Gold durch Entfernung alles unützen Beiwerkes säubere“?). ') Fr. Hettinger, Timotheus (*Freiburg 1897) 188. ?) Ant. Possevino, Die Ausbildung des Geistes, Kap. 31, in: Biblio- thek der kath. Pädagogik 11, 455. z =