Begriff und Aufgabe : betreten wir das Gebiet der eigentlichen rezensieren- den Kritik. 92. Je nach dem Masstab, der an die zu beurteilende Größe gelegt wird, kann diese rezensierende Kritik wieder verschiedener Art sein: wissenschaftliche, mora- lische, ästhetische Kritik. Ein anderes Urteil wird man fällen, wenn man vorzüglich und an erster Stelle die ethischen Gesetze des sittlich Guten im Auge hat und mit dieser Norm ein Werk vergleicht; ein anderes, wenn man, ohne diese sittliche Norm ganz zu vernachlässigen, an erster Stelle die ästhetischen Gesetze des künstlerisch Schönen als vornehmsten Maßstab anlegen will. Beide Rücksichten werden in einem gewissen Grade auch bei der wissenschaftlichen Kritik im engeren Sinne in Betracht kommen; denn das Wahre, Gute und Schöne mit seinen unwandelbaren Gesetzen muß bei jeder Beurteilung die entscheidende Norm bilden. Jede wissenschaftliche Unter- suchung hat aber in erster Linie die Erforschung und Feststellung, die Begründung und Erläuterung der Wahr- heit zum Gegenstande. Deshalb muß auch das Urteil über den Wert eines Werkes aus dem Gebiete der Wissenschaft, wie die wissenschaftliche Kritik es abzugeben hat, zuvörderst auf den Wahrheitsgehalt desselben Rücksicht nehmen und jene Gesetze als entscheidende Norm festhalten, welche für die Erforschung und Feststellung, die Begründung und Er- läuterung der Wahrheit innerhalb der vom Autor gesetzten Grenzen Geltung haben. 3. Die Aufgabe der wissenschaftlichen Kritik, wie wir sie hier im Auge kaben, besteht also darin, daß man ein Werk aus dem Gebiete der Wissenschaft mit den Gesetzen und Anforderungen vergleicht, die für eine solche Untersuchung nach allgemeinem Urteil Geltung haben, und die Überein- stimmung oder Nicht-Übereinstimmung mit dieser Norm feststellt. 4. Näherhin gehört zu dieser Aufgabe der Kritik, daß sie durch ihr Urteil die Bedeutung eines Werkes für die Förderung der Erkenntnis des behandelten Gegenstandes Fonck, Wissenschaftliches Arbeiten. 8, Aufl, 81 6