Voraussetzungen auch Ehrlichkeit und reine Wahrheitsliebe zu den not- wendigen Voraussetzungen gehören, braucht nicht erst ge sagt zu werden. So selbstverständlich alle diese Voraussetzungen auch scheinen können, so lehrt doch die tägliche Erfahrung nur zu sehr, daß es nicht ganz überflüssig ist, daran zu erinnern. Allerdings steht es mit der wissenschaftlichen Fachkritik nicht gerade so schlimm, wie Adolf Bar- tels es von manchen belletristischen Berufskritikern für Zeitungen schildert: „Was soll da ein armer Kritiker, der fünfzig Bücher zuge- schickt bekommt — zu Weihnachten sind’s auch vielleicht hundert —, um sie auf zehn Zeilen im Durchschnitt, die Zeile zu 10 Pfennig, zu besprechen, anfangen? Allen Respekt noch, wenn er die besseren (ziemlich rasch unterscheiden kann er ja) wenigstens noch ordentlich liest und in die schlechteren doch einmal hineinblickt! Das Resultat ist dann freilich eine Sammelkritik mit ungefähr hintreffenden Rich- tungs- und Wertbestimmungen bei den tüchtigeren, mit leeren Phrasen bei den untüchtigen Kritikern, wenn nicht Lob und Tadel einfach nach dem Parteistandpunkt verteilt wird“ (Kritiker und Kritikaster [Leipzig 1903] 11). Es wäre verfehlt, die Ausführungen dieser „sehr persön- lichen und durch und durch subjektiven Schrift“ auf das Gebiet der wissenschaftlichen Kritik ohne weiteres übertragen zu wollen. Leider zeigt aber ein Blick in die wissenschaftlichen „Sammelkritiken‘“ mancher Zeitschriften und Jahresberichte nicht selten eine ähnliche mangelhafte Kenntnis der zur Besprechung kommenden Schriften oder auch den einseitigen, alles beherrschenden Parteistandpunkt. Nicht gar so selten wird der Kritiker mit einem „von Sachkenntnis nicht getrübten Blicke“ sich seine Welt betrachten, wie P. Odilo Rottmanner zu sagen pflegte. Und wenn er dann auch noch dem Neid und der MiGgunst und anderen unedlen Regungen zugänglich ist, dann bleibt von den notwendigen Voraussetzungen für den königlichen Dienst der Wahrheit allerdings nicht viel mehr übrig. Es mag nicht ganz unnütz sein, die vier Gruppen hier anzuführen, in welche Bartels die „Kritikaster“ je nach den ihnen fehlenden Eigen- schaften einteilt, ohne daß damit die persönlichen Exemplifikationen dieser Gruppen gebilligt werden sollen: „Man kann die Kritikaster nach den Eigenschaften einteilen, die ihnen fehlen: fehlt die Ehrlichkeit, dann haben wir den Fälscher oder den Wahrheitsfeind (objektiv), der die erhaltenen Eindrücke, manchmal aber auch den Tat- und Wort- bestand aus irgend welchen Motiven verdreht; fehlt die eigentliche kritische Begabung, so bildet. sich das Schimpftalent aus und der Kritiker exzelliert als Schimpfbold. Mangelndes Wissen wird durch Geschwätz verborgen, und wenn der Kritikaster ästhetisch unfähig ist, so verlegt er sich auf den ‚Geist‘ [und wird zum ‚geistreichen Rai- 85