Eigenschaften 7 9. Zur Wahrheit der einzelnen Behauptungen und Urteile muß sodann die Gerechtigkeit der ganzen Kritik hinzukommen. Denn es kann alles richtig und wahr sein, was ein Kritiker sagt, und doch kann er höchst ungerecht kritisieren. Es wäre der Fall, wenn er in einseitiger Weise entweder nur das Gute hervorheben wollte, um zu loben, oder nur das Fehlerhafte, um zu tadeln. Die Gerechtigkeit fordert, daß er Lob und Tadel so verteile, wie es dem wirklichen Werte des Ganzen entspricht. Sie fordert auch, daß er das rechte Maß im Loben und Tadeln einhalte und einem jedem das zuerkenne, was ihm rechtmäßig gebührt. Sie verlangt ferner, daß er den rechten Maßstab bei der Beurteilung eines Werkes anwende, die Grenzen beachte, die der Verfasser sich gesteckt hat, und den Charakter sowie den Zweck seiner Arbeit berücksichtige. Man fehlt daher nicht bloß gegen die Wahrheit, sondern auch gegen die Gerechtigkeit, wenn eine Kritik durch persönliche Rück- sichten und Vorurteile und nicht durch den objektiven Wert der zu be- sprechenden Schrift bestimmt wird. Leider lassen manche Kritiker in diesem Punkte gar viel zu wünschen übrig. Bei Autoren aus ihrem Kreise bewegen sie sich fast nur zwischen den beiden Polen der Dankbarkeit und der Bewunderung. Wo es sich dagegen nicht um einen aus ihrer Sippe handelt, wird meisterhaft grau in grau gemalt, Wenn sie dann noch ihrer Kritik die Würze des „Esprit“ und der Ironie und des Sarkasmus beizumischen wissen und mit spöttischen Bemerkungen die fehlenden objektiven Gründe ersetzen, werden sie für gewöhnlich die Lacher auf ihrer Seite haben, trotzdem sie weder ein wahres noch ein gerechtes Urteil abgeben... Nur eine Art von Kritik ist noch ungerechter: das vornehme Ignorieren und verächtliche Totschweigen. Vom Standpunkt der Gerechtigkeit aus erscheint im Gebiet der Wissenschaft auch die sogenannte „impressionistische“ oder Stimmungs- kritik, die sich ganz von dem ersten Eindrucke eines Werkes leiten Jäßt, durchaus unberechtigt und verwerflich, trotzdem man sie im Zeitalter der Moderne als die einzig wünschenswerte für das Gebiet der Kunstkritik hingestellt hat. Der erste Eindruck ist viel zu sehr vom eigenen Temperament und seiner augenblicklichen Stimmung und anderseits von äußerlichen und oft kleinlichen Nebensachen abhängig und wird viel zuviel von der Phantasie und den Sinnen beeinflußt, als daß er den erforderlichen Maßstab für ein wahres und gerechtes Urteil bilden könnte. Jede Kritik, und vor allem jede wissenschaftliche 2