1920 die Krüppelfürsorge staatlich geregelt ist. Der Gesetzgeber ging von der richtigen Erkenntnis aus, daß nicht nur der Gesichtspunkt des allgemein menschlichen Gefühls eine durchgreifende Krüppelfürsorge erfordere, sondern auch die rein praktische Erwägung, daß der Staat heute nicht mehr die Mittel hat, Tausende und Abertausende von Er- werbsunfähigen und Erwerbsbeschränkten auf Kosten der Armenver- waltungen zu ernähren. Heute ist es eine allgemein bekannte Tatsache, daß unendlich viele vor dem Krüppeltum bewahrt bleiben können, wenn sie früh genug einer geeigneten Behandlung zugeführt werden. Auch das steht fest, daß viele Krüppel zu tätigen Gliedern der mensch- lichen Gesellschaft erzogen werden können, wenn sie in geeigneten Werkstätten zu einem Berufe herangebildet werden. Während dor orthopädisch gründlich vorgebildete Arzt in geeig- neten Krüppelheimen und Kliniken seine ganze Kraft daransetzt, das Krüppelleiden zu beheben oder wenigstens zu lindern, ist es die wich- tige Aufgabe des Krüppelpädagogen und des Seelsorgers, die vielfach nicht nur körperlich, sondern auch seelisch Kranken mit rechtem Ver- [tändnis zu erziehen und auszubilden. . Veiieviel auf diesem Gebiete in früheren Jahren versäumt worden ist, zeigt die Tatsache, daß es nach einer vor dem Kriege aufgestellten Statistik in Deutschland rund 7000 völlig g e i sti g normale Kinder Jab, die infolge ihres Krüppelleidens keinen Schulunterricht genossen haben. Heute wird die Zahl entsprechend der erheblichen Zunahme des Krüppeltums in Deutschland noch wesentlich größer sein. . Es ist ein vielverbreiteter Irrtum, daß mit der körperlichen Ver- krüppelung auch gleichzeitig beschränkte Bildungsfähigkeit der Krüppel verbunden sei. Die Statistik sagt, daß 88 Prozent aller Krüppel als 9eistig gesund, 10 Prozent sogar als hoch intelligent anzusehen sei, nur êtwa 5 Prozent werden als direkt geistig anormal bezeichnet. Zahl- leiche führende Persönlichkeiten sind aus der Zahl der Krüppel her- vorgegangen, so waren der Fabeldichter Aesop, der Philosoph Men- eelssohn, der Revolutionär Marat, der Maler Adolf Menzel u. a. m. rüppel. Umgekehrt ist durch die vielfach verabsäumte Erziehung der rüppel viel Unheil hervorgerufen worden. Der sich selbst und seiner Not überlassene Krüppel kommt nur zu leicht zur inneren Versschlossen- heit, Verbitterung und zum Hang nach psychopathischem Wesen. Er trägt das Gefühl seines Gebrechens und seiner Benachteiligung vor den Gesunden immer mit sich herum und empfindet dieses als eine bittere Ungerechtigkeit. Was Wunder, daß infolgedessen manche Krüppel einen [arten Hang zum Anormalen, ja selbst zur Kriminalität zeigen. Wer sich ein wenig mit der Geschichte des Verbrechertums befaßt, ist er- ltaunt, wie hoch hier prozentual die Krüppel vertreten sind. Schon diese Q"