j1 Dr. Felix Kuh: werden gebaut, volkreiche Städte erheben sich, schaffendes Leben blüht überall auf, wo der zielbewußte Geist des Kaufmanns die in der Natur vorhandenen Kräfte hervorlockt und ausnutzt! All diese Beobachtungen waren gemacht, als um die Mitte des vorigen Jahrhunderts jene Theorie entstand, die man mit dem Namen der materialistischen oder ökonomischen Geschichtsauffassung zu bezeichnen pflegt und als deren Urheber gemeinhin Karl Marx genannt wird, Mit kurzen Worten gesagt bedeutet diese Theorie, daß alle geschichtlichen Prozesse durch materielle, technische und ökonomische Umwandlungen bestimmt sind. Hiernach gebührte also der Wirtschaft unbedingt der erste Rang unter den Ursachen, die über- haupt die geschichtliche Entwicklung hervorrufen. Man ist sich heute in der Wissenschaft vollkommen einig darüber, daß Karl Marx weit über das Ziel hinausgeschossen hat; die materialistische Geschichts- auffassung ist eine gewaltige Übertreibung! Die wichtigsten Antriebe für alle Veränderungen, die wir zusammenfassend als Weltgeschichte zu bezeichnen pflegen, sind zweifellos auf religiösem, nationalem, wissenschaftlichem Gebiet, kurzum, im Reiche der Idee zu suchen. Indessen ist es ebenso gewiß, daß gleich an zweiter Stelle die wirt- schaftlichen Ereignisse stehen, die Wirkungen, die der Kaufmann, der Entdecker, der Fabrikant hervorgebracht haben, Es muß zugestanden werden, daß jene Geschichtstheorie äußerst befruchtend auf die ganze Geschichtsschreibung gewirkt hat. Früher war uns die Geschichte nur eine Aufeinanderfolge von Kriegen, Revolutionen, Staatsaktionen. Heute wissen wir, was Kulturgeschichte ist. Die Werke von Lamprecht, Breysig und anderen haben uns gezeigt, daß neben den politischen Prozessen ein starker Strom wirtschaftlichen Ge- schehens durch die Geschichte hindurchflutet, ein Strom, der oft durch die Politik in neue Bahnen gedrängt worden ist, der aber tatsächlich auch häufig genug dazu beigetragen hat, den politischen Werdegang maßgebend zu bestimmen. Es ist eine reizvolle Aufgabe, die Einwirkungen zu studieren, die im Laufe der bisherigen Geschichte der Kaufmann auf den ganzen historischen Prozeß ausgeübt hat. In steter Wechselwirkung haben Politik und Wirtschaft das Schicksal der Menschheit bestimmt, und der alte Streit, ob dem einen oder dem anderen Element der Vorrang gebührt, hat noch bis in unsere Tage fortgedauert. Ja, gerade heute erleben wir es wieder, daß in zahllosen Reden und Schriften darüber diskutiert wird, ob der erste Platz der Wirtschaft oder der Politik gehört. Wir glauben sagen zu dürfen, daß die Wurzel der Uneinigkeit in der falschen Fragestellung liegt; nicht darum kann es sich handeln, ob Wirtschaft oder Politik bei wichtigen nationalen