Die wirtschaftliche Bewegung, 19 daß eben diese nationale Arbeit einen einheitlichen Komplex darstellt, in dem jedes Glied berufen ist, der Gesamtheit zu dienen. Die gewerb- liche Tätigkeit kann niemals damit zufrieden sein, ein partielles Bedürfnis der Menschheit, etwa den schnellen Nachrichtendienst oder die bessere Wohnungs- und Bekleidungsmöglichkeit, zu befriedigen (wie sehr auch dieser Teil ihrer Arbeit der Gesamtkultur zugute kommen mag), sondern sie muß noch an Höheres denken: sie muß die Mittel zur Verfügung stellen, welche die Nation braucht, um ihr ganzes Kulturniveau hinaufzuschrauben! Wenn ein Fabrikant eir.en Theater- neubau stiftet, für die Anlage von Museen sorgt, Stipendien bereit- stellt, durch welche junge Forscher, Dichter und Künstler unterstützt werden, wenn er Expeditionen ausrüstet, um nicht nur die gegenwärtige (was er aus reinem Nützlichkeitsinteresse tun könnte) Kultur, sondern eine um Jahrtausende zurückliegende Kultur zu erforschen, so befindet er sich gerade auf dem rechten Wege. Scheinbar zwar betreibt er recht unnütze Dinge, aber diese Abwendung vom Utilitarismus kommt nicht nur der Sittlichkeit, der idealen Strebsamkeit seines Volkes zugute, sondern durch geheimnisvolle, uns oft unbegreifliche Fäden sind diese Dinge mit dem rein praktischen Leben verbunden. Wie oft ist eine chemische Entdeckung gemacht worden, bei der sich selbst die Fachleute kopfschüttelnd fragten, wie man nur über eine so ausgefallene Sache arbeiten könne. Aber plötzlich belohnte sich auch hier die aufgewandte Arbeit; man erhielt einen Körper, der für den Gebrauch des Tages (Saccharin) oder in der Medizin eine gewaltige Bedeutung gewann. Wer hätte bei den ersten Untersuchungen über die Wellenbewegungen des Äthers oder über die X-Strahlen daran gedacht, daß einmal das Rundfunkverfahren oder die Röntgentechnik eine so einschneidende Wichtigkeit erlangen würden! Was aber die Kunst anlangt, so muß man sich an die Bedeutung erinnern, die der Frage eines nationalen Stilbewußtseins zukommt. Das Gewerbe braucht kein ausgesprochenes Kunstgewerbe zu sein. In jedem Fabrik- neubau, in der Art der Reklame, in der ganzen Aufmachung des Betriebes macht sich die Einwirkung bemerkbar, die von der Kunst ausgeht. Wir leben gegenwärtig in einem Zeitalter der Gärung, Der Expressionismus ringt um die höchste Ausdrucksform seines auf das Innerlichste gerichteten Strebens. Es ist wohl ein weiter Weg von der Komposition einer modernen Symphonie bis zu der Schöpfung eines Tuchfabrikanten, der seine jüngste Musterkollektion zusammen- stellt, Wenn aber der Fabrikant den Geist der Zeit und seine eigene Aufgabe richtig versteht, so wird ihm plötzlich die Erkenntnis auf- leuchten, daß die Arbeit jenes Komponisten und seine eigene Arbeit auf den gleichen Ton gestimmt sein und dem gleichen Endzweck DE