Die Wirtschaft und die soziale Frage. 59 der Betriebsdirektoren, sie kennten den Arbeiter. Wer soll ihn denn kennen, wenn nicht sie, die in täglichem Umgange mit den Arbeitern stehen? Aber die räumliche Nähe verbürgt wahrlich nicht die geistige Nähe, Dieser Irrtum beruht auf einer schweren Verkennung des ge- samten geistigen Lebens, der Geistigkeit überhaupt, die in hohem Grade unabhängig ist von der Nähe oder Ferne in Zeit und Raum. In den- selben Fehler verfallen naturgemäß auch die Arbeiter. Sie bilden sich ein, den Unternehmer bis ins innerste Herz zu kennen, sie glauben das Wesen des Unternehmertums liege vor ihnen offen wie ein auf- geschlagenes Buch, sie kommen gar nicht auf den Gedanken, der Unter- nehmer könne noch etwas anderes sein als die Seite zeigt, die ihnen zu Gesichte kommt, die sie allein wahrnehmen können. Und darum ist so wenig Hoffnung vorhanden, daß beide großen Wirtschaftsgruppen aus sich heraus einander wiederfinden und Frieden schließen werden. Zu tief sind die Mißverständnisse eingewurzelt, als daß sie auch beim besten Willen sich gegenseitig unbefangen beurteilen und nach so langer Zwietracht wieder verstehen könnten. Es wird der Ver- mittlung bedürfen, Zum Zweck dieser Vermittlung, die sich jedem als notwendig aufdrängt, greift man zunächst, was natürlich ist, zu den Verwaltungsbeamten, Aber gerade unser Beamtentum hat doch bei aller technischen Tüchtigkeit und Treue in der Berufspflicht gerade psychologisch so schmerzlich versagt, Unser leitendes Beamtentum hat sowohl in Fragen der Außenpolitik wie der Innenpolitik, bei der Be- handlung der fremden und des eigenen Volkes furchtbar enttäuscht. Aber auch der Gelehrte, der Volkswirt, der Nationalökonom wird diese hohe Aufgabe der Vermittlung kaum erfüllen können. Denn diese Auf- gabe erfordert nicht nur die Einsicht in die zuständlichen Gesetze und in die Bedingungen des Wirtschaftslebens. Gerade die Anwendung die- ser Erkenntnis ist es, die hier im Spiele steht. Nicht psychologisches Wissen allein, psychologische Kunst, psychologische Fein kunst nur kann die namenlos schwierige Aufgabe der Lösung näher führen, Die folgenden Ausführungen sollen einen bescheidenen Beitrag für die gestellte Aufgabe, die so dringlich ist, die so gebieterisch auf Lösung drängt, bedeuten. Der Sozialismus ist gescheitert. Und nun stehen wir vor einem vollkommenen Dunkel, wie denn künftig die wirtschaftliche Organi- sation beschaffen sein soll. Viele zwar glauben, daß alles beim alten bleiben müsse, daß die wirtschaftliche Organisation, wie sie sich in den Jahrzehnten vor dem Kriege ausgebildet hat und auch trotz der revolutionären Stürme noch heute besteht, unverändert bleiben müsse. Sie sei unabänderlich, weil sie in unumstößlichen Naturgesetzen ver-