Die Wirtschaft und die soziale Frage, 61 Es ist eine Eigentümlichkeit des Menschen, daß der Mensch innerlich mit seiner Umgebung verwächst, und zwar mit jeder Um- gebung, in der er ständig tätig ist. Der Mensch steht seiner Umgebung niemals nur mit der kalten Berechnung des Nutzens gegenüber, wie er sie auswertet zu seinen Zwecken, Der Mensch ist niemals ausschließ- lich Intellekt, sondern zugleich auch Gefühlswesen, das seine Empfin- dungen an die Stätte seines Lebens und Wirkens hingibt, Er verwächst mit seiner Umgebung zu einer seelischen Einheit, er umklammert sie mit warmen Gefühlen, er lernt sie lieben. Darauf beruht das starke Heimatsgefühl der Menschen. Und auch in die rauhesten Verhältnisse lernt sich der Mensch schicken, wenn sie ihm zur dauernden Gewohn- heit und Bedingung des Lebens geworden sind. Die armseligen Fischer, die mühsam genug dem unwirtlichen Element ihre kärgliche Nahrung abringen, die Gebirgs-, Wüsten- und Steppenbewohner, sie alle lieben ihre angeborene Heimat mit all ihrer Herbheit, sie wollen nicht davon lassen, Und verpflanzt man sie, so sind sie an ewiger Sehnsucht krank. Der Mensch findet sich in alles hinein, findet sich mit allem ab, wenn es seine dauernde Lebensart ist, Diese Macht der Gewohnheit, der gefühlswarmen Verknüpfung mit dem Gegebenen geht so weit, daß der Mensch sogar zuletzt sein Unglück liebt. Wer irgendein großes, schweres Leid erfahren hat, will von diesem Leide nicht befreit werden, will es nicht vergessen. Er umkreist es ständig mit seinen Gedanken und Gefühlen, Deshalb greifen häufig unberufene Seelsorger fehl, wenn sie den Unglücklichen ihr Leid ausreden, vergessen machen wollen, wenn sie sie trösten wollen mit dem, was ihnen das Leben sonst noch Lebenswertes und Liebenswertes bietet — die übliche Art, nach der die meisten Seelsorger verfahren. Das nehmen die Unglücklichen tief übel, das verbittert sie, Der Seelsorger muß den Unglücklichen ihr Leid gelten lassen, muß es ihnen aber in einer höheren oder tieferen Ordnung der Dinge, in einer göttlichen Wahrheit und Weisheit ver- ankert zeigen, daß sich ihnen ihr Leid verklärt, als notwendig und zu- letzt auch als heilsam erweist. Und selbst im alltäglichen Leben kann man diesen seltsamen Zug der Menschennatur zum Gegebenen, das Vertraute und Gewohnte zu lieben, trefflich beobachten, wo diese Eigenschaft oft genug lächerliche Formen anzunehmen pflegt. Wer beispielsweise daran gewöhnt ist, sich täglich so recht von Herzen und rechtschaffen zu ärgern, kann mit der Zeit ohne diesen täglichen Ärger gar nicht mehr auskommen, dieser ist ihm zu einer trauten Gewohn- heit, zur zweiten Natur geworden, Deshalb ist es eine unerhört schwächliche Sentimentalität gewesen, den Arbeitern ihre Lage durch Mitleid und Bedauern zu verleiden, ihnen ihre Lage und Arbeitsweise als ganz unerträglich hinzustellen.: Gewiß,