Wirtschaft und Reparationspolitik, 137 Weder die Einführung neuer Steuern noch die Durchführung einer inneren Zwangsanleihe versprachen Erleichterung, Deshalb forderte Deutschland bei der Reparationskommission auf Grund des Versailler Vertrages die Nachprüfung der deutschen Leistungsfähigkeit. Schnell wurde ein Sachverständigenausschuß, mit dem Amerikaner P. Morgan an der Spitze, zur Nachprüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit und der Frage einer internationalen Anleihe nach Paris eingeladen, Die Sachverständigen gerieten bald in Kompetenzstreitigkeiten mit der Re- parationskommission und gaben nur ihrer Ansicht darüber Ausdruck, daß bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge Deutschland keine Anleihe gegeben werden könne, Zu einem Urteil über Deutschlands Zahlungs- fähigkeit ließen es die Franzosen nicht kommen. Inzwischen mehrten sich die deutschen Zahlungsschwierigkeiten, so daß am 12, Juli 1922 ein Moratorium verlangt wurde. Poincare benutzte diese Notlage, um seinen Plan eines selbständigen Vorgehens immer unverhüllter anzukündigen. Am 21. Juli 1922 sprach er zum ersten Mal von einer „absichtlichen Verfehlung‘“ Deutschlands, als das Kabinett erklärte, die Ausgleichszahlungen neben den Reparations- zahlungen einstellen zu müssen, Poincare vergrößerte ferner die Wirt- schaftsnot in Deutschland dadurch, daß er die an sich schon schwer drückenden Koks- und Kohlenanforderungen ganz gewaltig steigern ließ, während Deutschland schon seit Monaten Kohlen einführen mußte. Er verstieg sich sogar zu der Anschuldigung, Deutschland treibe „Kata- strophenpolitik”, Was nutzte da Wirths Erklärung: „Erst Brot für das deutsche Volk, dann Reparationen‘“? — Poincare griff wegen der Einstellung der deutschen Ausgleichs- zahlungen zu Retorsionen gegen die Deutschen in Elsaß-Lothringen und verfolgte in London sein „Programm produktiver Kontrollmaßnahmen“, während in England sich die Stimmen über die Unerfüllbarkeit des Londoner Zahlungsplans von 1921 mehrten. Bra dbury begründete damals in der Reparationskommission den englischen Antrag, Deutsch- land eine „Atempause” von fünf Jahren zu gewähren. Belgien sprach von der Notwendigkeit einer Markstabilisierung. Der Dollar, der zu Anfang des Jahres 1922 noch zu 187 Mark zu haben war, hatte Mitte August 1000, Anfang Oktober 2000, Mitte Oktober 3000, am 21. Ok- tober 4000 überschritten und war Anfang November auf 6000 und am 8, November auf 9150 geklettert. In jenen Tagen war auf Veranlassung der Reichsregierung in Berlin die Währungskonferenz der internationalen Sachverständigen zu- sammengetreten, bestehend aus den Fachmännern Brand, Cassel, Dubois, Jenks, Kamenka, Keynes und Vissering. Diese Währungstheoretiker konnten sich zwar nicht alle auf ein und denselben Vorschlag für die